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Kein Kunststück

Kein Kunststück

Ein kurzes Stück von Bernd Thümmel

Reindorf arbeitet nachts in einer kleinen Fabrik an der Pforte. Er hat den Eindruck sein Leben ziehe an ihm vorbei. Die Chance daran an Stellschrauben etwas zu verändern versucht er zu nutzen.

1. Szene

Das Bühnenbild:

Das Mobiliar des Arbeitsplatzes: Braune, halbhohe Schränke mit Ablageflächen auf denen je eine Reihe von sauber beschrifteten Ordnern steht. Auf einer der Ablagen liegt Reindorfs schwarze Dienststechuhr mit schwarzem Ledertragegurt. Hinter Reindorfs Schreibtisch, an der einzigen Wand, denn alle anderen Wände bestehen aus den hohen Fenstern, hängt eine Uhr.

Rechts neben Reindorfs Arbeitsplatz steht auf der Bühne ein Rednerpult mit einem dicken Buch in der Größe A 4. Es ist der Platz des Notators.

Die Schauspieler:

Reindorf ist erst Mitte zwanzig Jahre jung. Er trägt die Dienstbekleidung einer Bewachungsfirma bei der er im Jahre 1987 beschäftigt ist. Graue Hose mit Bügelfalte dazu ein hellblaues Hemd. Reindorf sitzt an einem großen Schreibtisch mit grüner Schreibauflage. Rings um Reindorfs Schreibtisch, seinem Arbeitsplatz, befinden sich hohe Fenster. Reindorf arbeitet in der Pforte einer Fabrik. Auf dem Schreibtisch finden sich mehrere Telefone, ein für heutige Begriffe alter Computermonitor, eine Tastatur. Mit Hilfe des Computers vermittelt Reindorf ankommende Telefonate.

Der Vorhang öffnet sich.

Reindorf sitzt an seinem großen Schreibtisch. Er stützt die Ellenbogen auf der breiten Schreibtischplatte auf. Reindorf wartet, bereit den Telefonhörer abzuheben. Gelangweilt blickt er aus einem riesigen Fenster hinaus auf die Straße, die direkt vor der gläsernen Fabrikpforte liegt. Durch die hohen Fenster scheint helles Sonnenlicht herein.

Heute ist ein heller Freitagnachmittag. An der Wand, hinter Reindorf, hängt ein großer Kalender. Der heutige sommerliche Freitag ist rot markiert. Eine Uhr neben dem Kalender zeigt vierzehn Uhr dreißig.

Leise surrend beginnen die Telefone vor Reindorf zu läuten. Reindorf hebt einen Hörer ab. Er begrüßt einen Anrufer. Das tut er mit dezenter, weicher, beinahe singender Stimme:

„Firma Blattschneider guten Tag. (Pause) Guten Tag Herr Doktor Flemming! (Pause) Selbstverständlich, das tue ich gerne!“

Reindorf betätigt, während er spricht, Tasten auf der Tastatur. Seine Augen sind starr in den leuchtenden Monitor auf dem Schreibtisch gerichtet. Reindorf behält den Hörer am Ohr. Freundlich spricht er in die Muschel:

„Es tut mir Leid Herr Doktor Flemming, aber Herr Direktor Felbig spricht gerade, möchten Sie kurz warten?“

Reindorf nickt und lächelt.

„Aber gerne Herr Doktor.“

Reindorf legt auf und hebt den Hörer des nächsten Telefons ab. Wieder begrüßt Reindorf einen Anrufer:

„Firma Blattschneider, guten Tag.“

Reindorf tippt auf der Tastatur, blickt in den Monitor.

„Einen Augenblick bitte, ich verbinde Sie mit Frau Krähenbring.“

Reindorf beugt sich näher an den hellen Monitor heran, um besser darin lesen zu können.

„Ich sehe gerade, dass die Leitung belegt ist. Möchten Sie es später noch einmal versuchen, oder wollen Sie warten?“

Während Reindorf weiter einen Hörer nach dem anderen abhebt, in gleichbleibendem singenden Ton die Anrufer begrüßt, dabei aber nicht mehr zu hören ist, betritt ein Herr die Bühne, der mit dunklem Anzug und Krawatte bekleidet ist. Der Notator tritt an das Pult am rechten Bühnenrand. Dort setzt er seine Brille auf und öffnet das dicke Buch, das bereits auf dem Pult liegt. Gezielt blättert er eine bestimmte Seite auf. Von dieser nimmt er kurz Notiz. Er wirft einen strengen Blick hinüber zu Reindorf, der weiterhin telefoniert.

Reindorf, dessen Telefongespräche wieder in den Vordergrund treten, spricht in die Muschel des weißen Telefonhöhrers:

„Aber selbstverständlich Frau Blattschneider. Sie können gerne heute Abend um 22 Uhr den Wagen ihres Gatten abholen. Ich erwarte Sie, um Ihnen die Schlüssel auszuhändigen.“ Reindorf schweigt kurz, blickt dabei angestrengt in den Computermonitor, und spricht erneut in den Hörer:

„Nein Frau Blattschneider. Ihr Mann hat den Wagen, vor der Abreise heute Morgen, hier neben der Pforte, auf dem Parkplatz abgestellt. Nein heute gibt es keinen Schichtwechsel mehr. Ich arbeite freitags durchgehend von vierzehn Uhr bis samstagmorgens um acht. Ich erwarte Sie also um 22 Uhr. (Pause) Gerne Frau Blattschneider!“

Reindorf legt auf. Sofort greift er zum nächsten Hörer, um ein weiteres Gespräch anzunehmen. Unhörbar begrüßt er den Anrufer.

Jetzt spricht der Notator zum Publikum. Er liest laut und deutlich aus seinem dicken Buch vor:

„Heute ist wieder ein langer Freitag, an dem Reindorf diese Arbeit macht. Den Job verrichtet er schon seit Monaten. Vor Minuten, um vierzehn Uhr, hat er den Dienst in der Pforte der Brotfabrik angetreten. Vor Monaten hat Reindorf sein Studium der Pädagogik abgeschlossen. Mit dem Job überbrückt er die Zeit zwischen Studium und staatsbürgerlicher Pflicht, dem Dienst in der…“

Reindorf unterbricht den Notator. Er spricht in den Hörer:

„Firma Blattschneider, guten Tag. Bitte warten Sie einen kurzen Augenblick.“

Reindorf betätigt eine Taste auf der Computertastatur, mit der er den Anrufer auf eine Warteschleife legt. Den Telefonhörer behält er in der Hand. So wendet er sich an den Notator:

„Sie wissen doch, dass ich nie bei der Armee gewesen bin! Ich habe doch ein Jahr später den Dienst an der Waffe verweigert. Drei anstrengende Gerichtsverhandlungen vor einem Tribunal hat mich das 1988 gekostet.“

Der Notator antwortet:

„Sicher Herr Reindorf. Ich weiß wohl am besten, was Sie alles getan und unterlassen haben.“

Der Notator tippt auf das geöffnete Buch auf dem Pult:

„Aber wir sind gerade im Jahr 1987. Vielleicht überlegen Sie sich das mit der Armee ja noch anders?“

Der Notator durchblättert einige Seiten des großen Buches auf dem Pult. Er hebt das Buch an, um es kurz dem Publikum zu zeigen. Dazu nickt er und spricht zu Reindorf:

„Alles wichtige und manches weniger wichtige ist in diesem Buch vermerkt. Dazu gehört auch, dass Sie den Dienst mit der Waffe verweigert haben. Entschuldigen Sie also, wenn meine Bemerkung Sie provoziert hat. Wenn Sie das verändern möchten, jetzt haben Sie die Gelegenheit! Sie können beginnen, wo Sie wollen.“

Der Notator hält kurz inne. Er deutet mit einem Bleistift, mit dem er die von Reindorf gewünschten Änderungen im Buch aufnehmen wird, auf die Glastüre hinter Reindorf:

„Ich glaube da ist jemand, der etwas von Ihnen will Herr Reindorf. Und ich glaube, Sie sollten die Telefone weiter abheben, sonst bekommen Sie vielleicht Ärger.“

Alle Telefone in der Pforte läuten. Hinter der Glastür der Pforte steht ein Mann in grauem Anzug. Reindorf dreht sich mit seinem Schreibtischstuhl zur Glastür. Er sieht den Mann und springt sofort vom Stuhl auf, öffnet die Tür. Reindorf, etwas zu laut:

„Herr Direktor Felbig! Es tut mir wirklich Leid, dass ich Herrn Doktor Flemming nicht zu Ihnen durch schalten konnte.“

Der Herr im Anzug hält Reindorf einen Schlüssel vor die Nase und sagt:

„Schon gut, schon gut, kein Thema, Herr Reindorf! Bitte sagen Sie Flemming, dass er mich bis sechzehn Uhr auf dem Autotelefon erreicht.“

Reindorf hängt den Schlüssel in den Schlüsselkasten an der Wand, neben dem Kalender. Der Herr im Anzug spricht zu Reindorf, der ihm wegen des Schlüssels kurz den Rücken zuwendet. Dessen Ton wirkt dabei ein wenig herablassend:

„Ich wundere mich jeden Abend, wenn ich Sie hier sitzen sehe. Sie sind doch noch so jung! Sie könnten bei uns im Verkauf arbeiten. Junge, dynamische Leute brauchen wir. Als Verkaufsfahrer könnten Sie viel Geld machen. Das wäre eine viel anspruchsvollere Arbeit als der muffige Pfortenjob hier! Ich verstehe echt nicht, warum Sie in diesem Glaskasten sitzen und Ihre Zeit vergeuden! Bei mir würden Sie viel Geld verdienen und hätten neben einem sicheren Fixum sogar die Chance, wenn Sie entsprechende Steigerungen der Verkaufszahlen liefern, auch noch dicke zusätzliche Provisionen einzufahren!“

Reindorf:

„Ich glaube nicht, dass es für mich in Frage kommt, als Verkaufsfahrer zu arbeiten. Aber vielen Dank, ich werde mir das vielleicht mal überlegen.“

Darauf Direktor Felbig:

„Das antworten Sie mir doch jedes mal Herr Reindorf! Unentschlossenheit ist der Feind jedes Erfolgs. Mit Ihrer Haltung werden Sie noch Ihr ganzes Leben hier in dieser Vitrine veröden! Nur klare Entschlossenheit bringt in unserer Branche den großen Erfolg. Sehen Sie sich da draußen auf dem Parkplatz mal die Wagen an!“

Felbig deutet durch die breite Fensterfront hinaus auf den Firmenparkplatz.

„Mir gehört der schwarze A113 da hinten. Der ist erst eine Woche lang auf dem Markt. Meinen schönen Wagen kann ich mir doch nur leisten, weil ich weiß, was ich will und entschlossen meinen Willen durchsetze. Die Fähigkeit zu Entschlossenheit! Das ist das Erfolgskonzept unserer Firma. Reindorf, ich rate Ihnen dringend, denken Sie nicht zu lange nach! Nur Entscheidungsfähigkeit und Entschlussfreude gewinnt in unserem Business. Hier in der Pforte haben Leute wie Sie doch nichts verloren! Überlegen Sie es sich schnell und bitte kommen Sie erst in mein Büro, wenn Sie fest entschlossen sind, unsere Ware zu verkaufen! Jeder Tag, den Sie hier vergeuden, spricht gegen Sie und gegen Ihre Fähigkeit, die richtigen Entscheidungen zu treffen!“

Felbig winkt Reindorf zum Abschied mit dem Wagenschlüssel durch die langsam zufallende Glastür. Er verschwindet, einen schwarzen Aktenkoffer schwenkend, dynamischen Schritts hinaus auf den Parkplatz, um dort mit offener, fliegender Anzugjacke über den Parkplatz zu seinen A113 zu hetzen.

Reindorf setzt sich zurück an den Schreibtisch. Er hebt eines der leise summenden Telefone ab:

„Firma Blattschneider, guten Tag. Der ist gerade raus. Selbstverständlich Frau von Schleenberger, ich werde Ihre Nachricht an Herrn Direktor Felbig leiten. Gleich am Montagmorgen wird sie das erste sein, was Herr Direktor Felbig auf seinem Tisch findet.“

Den Telefonhörer hält Reindorf jetzt einige Zentimeter von seinem Ohr entfernt. Reindorf dreht seinen Schreibtischstuhl zum Notator. Aus dem Hörer piepst die laute Stimme einer Frau:

„Herr Reindorf, Herr Reindorf, ist es denn wirklich sicher, dass Herr Direktor Felbig das Haus bereits verlassen hat? Er arbeitet doch sonst immer bis spät Abends! Herr Reindorf, sind Sie noch dran?“

Reindorf fragt den Notator:

„Können wir hier kurz stoppen?“

Der Notator:

„Aber natürlich Herr Reindorf. Sie können sich aussuchen, wie es läuft. Sie haben sich ja auch ausgesucht, dass wir in dieser Szene beginnen. Ich weiß zwar nicht warum wir ausgerechnet hier anfangen, aber wie gesagt: Sie können das bestimmen.“

Reindorf:

„Ich habe hier begonnen, weil ich wissen wollte, wie ich mich damals bei dieser Arbeit gefühlt habe.“

Der Notator wirf Reindorf einen fragenden Blick hinüber:

„Und? Wie fühlen Sie sich Herr Reindorf?“

Reindorf:

„Es könnte besser sein. Ich habe Magenkrämpfe und ich fühle mich matt, als hätte ich Nächte lang nicht geschlafen. Ich dachte es wäre mir damals viel besser gegangen. Schließlich war ich erst Mitte zwanzig.“

Der Notator blättert im Buch einige Seiten zurück. Er überfliegt eine Seite und wendet sich wieder Reindorf zu:

„Sie haben im Februar mit dem Job angefangen. Jetzt ist es bereits Sommer geworden. Also arbeiten Sie schon monatelang in der Nachtschicht der Fabrik als Pförtner. Kein Wunder, dass Sie sich müde fühlen. Vielleicht hängen Müdigkeit und Magenschmerzen mit der Nachtarbeit zusammen?“

Reindorf erhebt sich behäbig vom Schreibtisch. Er geht langsam an eines der Fenster, öffnet es und blickt hinaus. Reindorf ist jung, bewegt sich aber wie ein alter Mann, der von Rückenschmerzen und vielen anderen Schmerzen geplagt ist. Reindorfs Gesicht wirkt matt und fahl, er sieht bleich, beinahe krank aus. Reindorf vor dem geöffneten Fenster:

„Es ist schön die warme Sommerluft zu atmen. Ich fühle mich aber gerädert und ziemlich übernächtigt. Habe ich mich damals wirklich monatelang so gefühlt?“

Der Notator blättert im Buch einige Seiten nach vorne und antwortet:

„Jedenfalls haben Sie beinahe ein Jahr lang diese Nachtarbeit erledigt. Wie Sie sich dabei gefühlt haben, steht nicht in Ihrer Biografie.“

Reindorf atmet tief durch. Dessen angestrengtes tiefes Atmen wirkt, als seien es für längere Zeit die letzten Atemzüge von frischer Frühlingsluft, die er sich gönnen darf. Reindorf schließt das Fenster. Er geht zurück an den Schreibtisch. Tief schnaufend lässt er sich auf dem Stuhl nieder, stützt die Ellenbogen auf den Schreibtisch, legt den Kopf schwer in beide Hände und blickt hilflos auf die vor seinem Pförtnerfenster liegende Straße in das Publikum. Er spricht leise und langsam, dabei wirkt er, als spreche er zu sich selbst:

„Jetzt weiß ich, wie es mir damals gegangen war. (Pause) Müde und matt hatte ich mich gefühlt. (Pause) So hatte ich mich nicht nur wegen der Nachtarbeit gefühlt. Es war damals mein Lebensgefühl im Allgemeinen gewesen.“ (Pause)

Er starrt auf die vor ihm liegende Straße und sagt nichts mehr. Die Telefone auf dem Tisch klingeln leise vor sich hin. Reindorf scheint das nicht zu interessieren.

Der Notator unterbricht das Schweigen:

„Sollen wir weitermachen Herr Reindorf? Sie wirken ein wenig depressiv. Das kann aber nicht der Sinn dieser Übung hier sein. Sie wollten etwas verändern! Passen Sie auf, dass Sie sich nicht darin erschöpfen, die Stimmungen ihrer späten Jugend noch einmal zu erleben. So verändern Sie sicherlich nichts an ihrer Biografie.“

Reindorf hebt jetzt den Kopf aus seinen Händen. Er blickt nachdenklich ins Publikum. Plötzlich erhebt er sich, als sei er in Eile. Er läuft unruhig in dem hellen Pfortenraum auf und ab. Er rauft sich die Schläfen, kratzt sich am Kopf. Dann setzt er sich wieder, springt aber sofort wieder auf.

Der Notator fragt:

„Über was denken Sie nach Herr Reindorf? Was beunruhigt Sie plötzlich so?“

Reindorf tritt an das Rednerpult, dicht an den Notator heran. Obwohl er vor dem Notator steht, schreit Reindorf laut:

„Sie haben gut Reden! Über was ich nachdenke?“

Und jetzt noch lauter:

„Diesen Irrsinn, den Sie hier mit mir veranstalten! Darüber denke ich nach, ist doch klar!“

Der Notator weicht vor Reindorf zurück. Mit dessen Aufschreien war nicht zu rechnen. Er fasst sich aber sofort und spricht in korrektem, amtlichem Ton zu Reindorf:

„Herr Reindorf, bitte erinnern Sie sich, dass Sie es sind, der beabsichtigt etwas zu ändern. Wir können sofort abbrechen und beenden. Das steht ihnen jederzeit frei.“

Reindorf lässt sich in den Schreibtischstuhl fallen. Matt hängen dessen Arme herunter. Nachdenklich fährt er sich über die Stirn. Leise antwortet er dem Notator:

„Sie haben Recht. Ich will das. Entschuldigen Sie meinen kurzen Ausbruch. Können wir noch mal anfangen?“

Der Notator:

„Jederzeit Herr Reindorf. Sie bestimmen was mit Ihrer Biografie geschieht. Es ist Ihr Wunsch an Ihrer Biografie und damit Ihrem Leben etwas zu verändern. Wo Sie damit beginnen, ist Ihre Sache.“

Der Notator klappt das Buch zu. Er lässt es geschlossen auf dem Rednerpult liegen und entfernt sich auf gleichem Weg, über den er zuvor die Bühne betrat. Während er geht fragt er Reindorf:

„Neubeginn dieser Szene? Gleicher Ort, gleiche Zeit Herr Reindorf?“

Reindorf sitzt immer noch schlaff im Schreibtischstuhl, den er jetzt in Richtung des langsam gehenden Notators dreht. Laut ruft der dem Notator, der bereits hinter einem Vorhang verschwunden ist, nach:

„Nein! Beginnen wir etwas früher. Bitte ein Jahr früher!“

Reindorf rauft sich nachdenklich die Haare. Er lehnt sich im Stuhl zurück, blickt an die Decke. Nochmal ruft er dem Notator nach:

„Vielleicht beginnen wir damals! Es war das Jahr in dem ich noch die Uni besucht hatte und in der Wohngemeinschaft gelebt habe. Können wir da beginnen?“

Der Notator tritt hinter dem Vorhang hervor auf die Bühne. Er bleibt am Vorhang stehen. Von dort antwortet er zu Reindorf gewandt:

„Aber selbstverständlich Herr Reindorf. Sie sind der Herr hier. Beginnen wir ein Jahr früher.“

Notator und Reindorf verlassen die Bühne.

Der Vorhang fällt.

2. Szene

Reindorf ist ein Jahr jünger.

Das Bühnenbild:

Reindorf, bekleidet mit einer verwaschenen Jeans und einem verwaschenen T-Shirt, im Eingangsraum eines alten Hauses, eigentlich einer Villa. Es ist die „Eingangshalle“ der Wohngemeinschaft in der Reindorf lebt. Auf dem Boden liegt ein roter Teppich. Ein weißes Treppengeländer führt hinauf in das Obergeschoss. Drei weiße Türen gehen von dem Eingangsraum weg. Sie führen in ein Wohnzimmer, eine Küche und das Zimmer einer Bewohnerin der Wohngemeinschaft.

Reindorf steht im Eingangsraum vor einem halbhohen, alten Schrank. Darauf steht ein graues Telefon mit Wählscheibe. Reindorf blättert in einem gelben Telefonbuch. Das Pult des Notators steht rechts auf der Bühne, auf ihm liegt das dicke Buch.

Die Schauspieler:

Der Notator. Reindorf, Michaela, eine achtzehn Jahre alte Mitbewohnerin. Zwei junge Mitbewohner und eine weitere Mitbewohnerin, die nur kurz erscheinen.

Der Vorhang öffnet sich.

Reindorf blättert im Telefonbuch. Der Notator betritt die Bühne und geht zum Pult. Dort kramt er umständlich sein Brillenetui aus der Innentasche seines Jackett. Er setzt die Brille auf und steckt das Etui wieder in die Innentasche. Er schlägt das Buch auf und liest vor:

„Seit eineinhalb Jahren leben Sie in dieser Wohngemeinschaft. Das Haus, es ist eigentlich eine alte Villa, gehört den Eltern von zwei ihrer Mitbewohner. Die beiden sind alte Freunde von Ihnen. Sie hatten sie vor Jahren kennengelernt. Damals waren Sie noch ein Kind und Sie lebten nicht in dieser Stadt. Als die Eltern ihrer Freunde aus der Villa ausgezogen waren, erhielten Sie das Angebot dort einzuziehen. Die angebotenen Konditionen waren sehr gut, deshalb hatten Sie sofort zugesagt. Es war ganz klar, dass Sie annehmen, denn Sie hatten nicht genug Geld, um die üblichen Mieten in dieser Stadt zu bezahlen. Sie lebten von einem staatlichen Darlehen für ihre Studienausbildung und von Gelegenheitsjobs.“

Der Notator nimmt die Brille von der Nase, behält sie jedoch in der Hand. Er schaut zu Reindorf hinüber.

Reindorf hat, bereits während der Notator vorlas, wiederholt eine bestimmte Nummer auf dem Wählscheibentelefon gewählt. Weil die Nummer belegt war, begann er ständig von neuem zu wählen. Endlich erreicht er den gewünschten Gesprächspartner:

„Hallo Christian! Gut, dass ich Dich noch erwische. Ihr seid also noch nicht von Sylvia losgefahren? Gut! Du, es tut mir Leid, wir müssen das heutige Musiktreffen ausfallen lassen, ihr braucht gar nicht hierher zu fahren, denn ich werde jetzt doch mit aufs Wochenende nach Österreich fahren.“

Während Reindorf schweigt um dem Gesprächspartner am Telefon zuzuhören, dabei nervös am noch aufgeschlagenen Telefonbuch herum fummelt, setzt der Notator die Brille auf und liest:

„Sie sagen gerade ihrem besten Freund Christian das wöchentliche Musiktreffen ab, unter dem Vorwand, dass Sie mit den Mitbewohnern ihrer Wohngemeinschaft das Wochenende in Österreich verbringen werden. Tatsächlich aber sind Sie unentschlossen, ob Sie das wirklich tun wollen. Denn Michaela, eine Mitbewohnerin in die Sie sich verliebt haben, beabsichtigt dieses Wochenende allein in der Wohngemeinschaft zu verbringen.“

Der Notator nimmt die Brille ab, behält sie in der Hand und blickt hinüber zu Reindorf.

Reindorf spricht in die Hörmuschel:

„Tut mir echt Leid Christian! Normalerweise sage ich nicht so kurzfristig ab. Aber jetzt geht es halt nicht anders! Sorry! Treffen wir uns am nächsten Wochenende wieder?“ (Kurze Sprechpause)

Reindorf in den Hörer:

„Ja Du hast recht Christian. Bis nächstes Wochenende. Tschüßchen!“

Reindorf legt den Hörer auf die Gabel. Mit einem lauten Knall klappt er das dicke Telefonbuch zu.

Jetzt öffnet sich die rechte Zimmertüre. In ihr erscheint Michaela. Sie trägt ein helles Sommerkleid. Sie kommt einige Schritte auf Reindorf zu, bleibt ein paar Meter vor ihm stehen. Sie sieht aus, als ob sie geweint hätte. Mit gedämpfter Stimme sagt sie:

„Du lässt Dein Musiktreffen ausfallen?“

Reindorf:

„Ja. Hab ich mir kurzfristig überlegt. Hab keine Lust heute auf den Lärm.“

Michaela:

„Meinetwegen hast Du aber nicht abgesagt?“

Reindorf:

„Ne, ne, vielleicht fahr ich ja doch mit nach Österreich.“

Michaela nickt.

Reindorf:

„Wie geht es Deiner Mutter?“

„Sie ist jetzt in dieser Privatklinik in der Nähe vom Englischen Garten. Der Entzug hat sie ganz schön mitgenommen.“

„Wann hast Du mit ihr gesprochen?“

„Heute morgen. Hat sich ganz schlecht angehört.“

Reindorf, der bis jetzt verkrampft am Telefon stand, geht zwei winzige Schritte auf Michaela zu. Reindorf bleibt aber auf Distanz stehen, wühlt mit beiden Händen in den Hosentaschen nach einem Taschentuch, findet keines, nimmt die Hände wieder aus den Taschen. Hilflos, weil er nicht weiß, wo er jetzt seine Hände hin tun soll, lässt er sie kurz neben den Hosentaschen baumeln, steckt sie dann aber wieder in die Hosentaschen.

Reindorf:

„Hat Dein Vater die Scheidungsvereinbarung schon mit Deiner Mutter besprechen können?“

Michaela, mit weinender Stimme:

„Ich glaube nicht, dass er das noch tun wird. Das wird er einfach seinem Anwalt überlassen.“

Reindorf greift in die Hinterntasche seiner verwaschenen Jeans. Von dort zieht er knisternd ein Päckchen Taschentücher heraus. Jetzt tritt er dicht an Michaela heran und reicht ihr ein frisches Tuch. Michaela nimmt es und wischt sich die Augen trocken. Reindorf hat die beiden Hände schon wieder in seinen Hosentaschen. Beide stehen sich nahe gegenüber.

Michaela mit weinerlicher Stimme:

„Der Anwalt wird die Scheidungsvereinbarung wahrscheinlich kommentarlos in die Klinik schicken. Es ist schon Wahnsinn, dass ich jetzt erst begreife, dass meine Mutter diese Ehe wahrscheinlich nur mit Alkohol so lange ertragen hat.“

Wieder wischt sie sich die Augen. Michaela zu Reindorf:

„Das schlimmste ist, dass sich meine Eltern wohl meinetwegen nicht schon vor Jahren getrennt haben. Sie haben gewartet, bis ich erwachsen genug bin, und bis ich ausziehe. Jetzt, wo ich hier wohne, ist es so weit. Die Ehe bricht zusammen, Mama bricht zusammen, und das alles nur wegen dem beschissenen Alkohol!“

Michaela schluchzt und weint dicht vor Reindorf. Der greift erneut in seine Hinterntasche und reicht erneut ein Taschentuch. Wieder steckt er beide Hände in die Hosentaschen. Trotz der geringen Entfernung zu Michaela, keinerlei Anzeichen für eine Annäherung von Reindorf.

Reindorf:

„Nein, Michaela, ich glaube so solltest Du das nicht sehen. Du kannst nicht schuld daran sein, dass Deine Eltern bis vor wenigen Wochen in deren gescheiterter Ehe zusammen gelebt haben.“

Michaela:

„Ich weiß, aber es ist trotzdem alles so schlimm. Für mich bricht eine Welt zusammen. Meine Kindheit bei meinen Eltern hat es nur gegeben, weil Mama Alkoholikerin geworden ist, um das alles auszuhalten!“

„Ich kann mir vorstellen, wie schlimm das für Dich ist.“

„Ich habe nie gemerkt, dass Mama so viel Alkohol trinkt. Ich komme mir vor, als wäre ich die langen Jahre bei meinen Eltern richtig dumm gewesen. Nichts habe ich begriffen…“

Reindorf unterbricht Michaela:

„Soll ich morgen mitkommen in die Klinik? Ich könnte Dich und die Kleidung für Deine Mutter in meinem Auto dort hinbringen.“

Michaela:

„Und Österreich? Wolltest Du nicht mit den anderen…“

Jetzt wird Michaela von einer laut quietschenden Tür unterbrochen. Es ist die Eingangstüre. Von dort treten zwei junge Männer und eine junge Frau auf die Bühne. Sofort tritt Reindorf einige Meter von Michaela zurück an den Telefonschrank. Auch Michaela entfernt sich, bleibt jedoch im Türrahmen ihrer Zimmertüre stehen.

Die drei Mitbewohner laufen schnell und laut durch den Eingangsraum. Einer öffnet die Tür zum Wohnzimmer, die Mitbewohnerin läuft trampelnd die Treppe hinauf, der andere betritt die Küche.

Es herrschen Hektik und Abreisestimmung. Die drei Mitbewohner suchen gepackte Taschen und Jacken zusammen. Ein Mitbewohner bleibt mit einer Reisetasche bei Reindorf stehen, während die anderen beiden, Taschen und Jacken, an Reindorf vorbei, hinaus ins Freie tragen, um sie im Wagen zu verstauen. Die beiden rufen sich gegenseitig zu:

„Sollen wir das Radio auch mit nehmen?“

„Nee lass mal lieber, in dem Ferienhaus gibt es ne gute Stereoanlage!“

„Wie wäre es mit dem Volleyball und einem Volleyballnetz? Das Zeug liegt im Keller. Wäre doch super das mitzunehmen. Oder sollen wir einfach nur die Tischtennisschläger einpacken?“

„Alles zu viel!“

„Wir haben draußen in der Garage doch Federball, das nehmen wir auf jeden Fall noch mit!“

„Hast Du den Autoschlüssel?“

„Nee, der steckt, aber vielleicht sollten wir den Ersatzschlüssel noch mitnehmen?“

O.k., ich hab ihn!“

„Wir müssen noch bei der Bank vorbeifahren, brauchen noch bares fürs Tanken.“

Der Mitbewohner, nahe bei Reindorf fragt:

„Na, hast Du noch mal überlegt?“

Reindorf:

„Ja, ich fahr nicht mit. Ich werde mich hier irgendwie vergnügen.“

Der Mitbewohner:

„Schade, aber o.k., macht es mal gut ihr zwei!“

Die drei verschwinden durch die laut quietschende Tür nach draußen. Im Eingangsraum herrscht wieder Ruhe. Reindorf steht am Telefonschrank, Michaela in der Tür ihres Zimmers.

Michaela tritt jetzt zu Reindorf an den Telefonschrank heran. Sie umarmt ihn nicht, sondern sie streichelt ihn nur leicht über die Schulter:

„Danke, dass Du mir morgen in der Klinik helfen willst. Ich bin froh, dass wir uns trotzdem so gut miteinander verstehen. Ich möchte morgen in der Klinik nicht allein sein. Du brauchst aber nicht mit rein zu kommen, sondern Du kannst draußen auf mich warten, während ich mit meiner Mama rede …“

Reindorf dreht sich von Michaela weg. Er wendet sich an den Notator:

„Was meint sie damit, dass wir uns „trotzdem so gut verstehen“?“

Der Notator setzt die Brille auf, blättert einige Seiten im Buch zurück, überfliegt dort ein Blatt:

„Sie haben sich vor vielen Monaten in Michaela verliebt. Das wird aber mehr und mehr zu einer unglücklichen Liebe, denn Michaela hatte ihnen in einer Aussprache vor wenigen Tagen erklärt, dass sie nicht in Sie verliebt ist. Trotzdem vertraut sie sich ihnen oft an. Beispielsweise die Geschichte mit den Eltern, der Scheidung, der Alkoholerkrankung der Mutter. In der Wohngemeinschaft spricht sie über diese Dinge nur mit Ihnen. Außer Ihnen hat sie dafür offenbar keine Vertrauten. Weil Michaela ihnen erklärt hat, dass sie nicht in Sie verliebt ist, verhalten Sie sich absolut korrekt. Sie respektieren deren klare Erklärung. Deshalb bleiben Sie auf Distanz zu dem Mädchen, obwohl Sie sehr in sie verliebt sind. Ihre Liebe zu ihr bleibt noch viele Jahre lang bestehen. Weil sie weiterhin ohne Gegenliebe bleibt, bleibt es bei einer unglücklichen Liebe. Erst nach Jahren lösen Sie sich von ihr.“

Reindorf kommt jetzt ans Rednerpult heran. Er will einen Blick in das dicke Buch werfen, doch der Notator wehrt ab. Reindorf tritt zwei Schritte zurück.

„Was wollen Sie wissen Herr Reindorf?“

„Wie viele Jahre war ich in diese Frau verliebt, obwohl sie mir gesagt hatte, dass sie mich nicht liebt?“

Der Notator blättert im Buch ein gutes Stück nach vorne:

„Das waren mindestens vier, vielleicht fünf Jahre.“

„Obwohl Michaela mir damals erklärt hatte, dass sie mich nicht liebte, war ich so lange Zeit deren Vertrauter?“

Der Notator:

„So steht es in ihrer Biografie Herr Reindorf. In den schwierigen und schmerzenden Monaten der Ehescheidung der Eltern des Mädchens, aber auch in belastenden Situationen späterer Jahre, und auch bei erheblichen Veränderungen in deren Leben, waren Sie für Michaela ein enger Vertrauter, vielleicht der einzige. Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn das gehört nicht zu Ihrer Biografie.“

Reindorf sieht den Notator nachdenklich an.

Der Notator fährt fort:

„Zum Beispiel einige Jahre nach diesem Abend im Vorraum ihrer Wohngemeinschaft.“

Der Notator schlägt eine Seite im Buch auf und liest:

„Im Briefkasten Ihrer Wohnung finden Sie Jahre später, Sie leben nicht mehr in der Wohngemeinschaft, einen Brief von Michaela. Er enthält eine Kunstpostkarte mit folgendem Text: …“

Reindorf unterbricht:

„Ja, ja, ich weiß diese Postkarte von Michaela! Ich fand sie in meinem Briefkasten an dem Tag, als ich abends dieses schöne Fest in meiner Wohnung zusammen mit meinem Mitbewohner und Freund Peter veranstaltet hatte!“

Der Notator lässt sich jetzt nicht von Reindorf unterbrechen, sondern fährt fort:

„Genau! Die Kunstpostkarte mit der Nachricht, dass sie schwanger ist. Michaela schreibt Ihnen, dass es ihr besonders wichtig sei, dass Sie der erste sind, der von der Schwangerschaft erfährt. Sie schreibt, dass ihre frühe Schwangerschaft natürlich nicht ganz beabsichtigt war, denn immerhin befinde sie sich noch mitten im Studium, doch es sei nun mal geschehen und inzwischen freue sie sich sehr auf das Kind. Richtig glücklich sei sie bei der Vorstellung…“

Schnell tritt Reindorf mehrere Schritte an den Notator heran und fragt:
„Können wir das verändern?“

Der Notator:

„Sie wollen doch nicht ändern, dass Michaela Ihnen schreibt, dass sie glücklich ist! Das können Sie gar nicht ändern! Deren Glück hat mit Ihrer Biografie gar nichts zu tun, Herr Reindorf!“

„Nein, nein, ich meine die Szene in der wir gerade sind! Der Abend im Vorraum in der Wohngemeinschaft.“

Der Notator:

„Ach so, das wollen Sie ändern! Natürlich Herr Reindorf, das ist Ihre Biografie. Wollen Sie diesen Abend noch einmal haben?“

Der Notator blättert im Buch Seite für Seite zurück.

Reindorf:

„Ja bitte. Wiederholen wir die Szene.“

Reindorf geht zum Telefon im Eingangsraum der Wohngemeinschaft und fummelt am Telefonbuch herum. Der Notator verlässt die Bühne, Michaela verschwindet hinter ihrer Zimmertür.

Die Szene beginnt von neuem.

Reindorf blättert im Telefonbuch. Der Notator betritt die Bühne und geht zum Pult. Dort kramt er umständlich sein Brillenetui aus der Tasche des Jackett. Er setzt sie auf, steckt das Etui wieder in die Tasche, schlägt das Buch auf und liest vor:

„Seit eineinhalb Jahren leben Sie in dieser Wohngemeinschaft. Das Haus, es ist eigentlich eine alte Villa, gehört den Eltern von zwei…“

Reindorf, der eine Telefonnummer wählt, unterbricht den Notator, er ruft ihm zu:

„Das hatten wir doch schon! Können wir das nicht überspringen?“

Der Notator:

„Selbstverständlich Herr Reindorf, ich glaube, Sie haben nun ihren Freund erreicht.“

Er deutet zum Telefonhörer, den Reindorf neben das Telefon gelegt hat.

Reindorf nimmt den Hörer:

„Hallo Christian! Gut, dass ich Dich noch erwische. Ihr seid also noch nicht von Sylvia losgefahren. Wir müssen das heutige Musiktreffen ausfallen lassen, ihr braucht gar nicht hierher zu fahren, denn ich werde doch mit aufs Wochenende nach Österreich fahren.“

Während Reindorf jetzt schweigt und dem Gesprächspartner am Telefon zuhört, dabei nervös am noch aufgeschlagenen Telefonbuch herum fummelt, setzt der Notator die Brille auf und liest:

„Sie sagen gerade ihrem besten Freund Christian das wöchentliche Musiktreffen ab, unter dem Vorwand, dass Sie mit den Mitbewohnern ihrer Wohngemeinschaft das Wochenende in Österreich verbringen wollen. Tatsächlich aber sind Sie unentschlossen ob Sie das wirklich tun wollen. Denn Michaela, eine Mitbewohnerin in die Sie sich verliebt haben, wird dieses Wochenende allein in der Wohngemeinschaft verbringen.“

Der Notator nimmt die Brille ab, behält sie in der Hand, und blickt hinüber zu Reindorf:

„Möchten Sie das verändern, Herr Reindorf?“

Reindorf winkt dem Notator, dass der Ruhe geben soll, schüttelt dabei den Kopf, er spricht in die Hörmuschel:

„Tut mir echt Leid Christian, dass ich Dir so kurzfristig absage, aber wir treffen uns ja am nächsten Wochenende wieder.“

(Kurze Sprechpause.)

„Ja Du hast recht! Bis nächstes Wochenende. Tschüßchen.“

Reindorf legt den Hörer auf die Gabel. Mit lauten Knall klappt er das dicke Telefonbuch zu.

Jetzt öffnet sich die rechte Zimmertüre. In ihr erscheint Michaela, in hellem Sommerkleid. Sie kommt einige Schritte auf Reindorf zu, bleibt jedoch wenige Meter vor ihm stehen:

„Du lässt Dein Musiktreffen heute ausfallen?“

„Ja, ich will am liebsten die Zeit nutzen, um mit Dir etwas mehr zu reden. Ich glaube, dass es Dir zur Zeit besonders schlecht geht, stimmt das?“

Michaela nickt verlegen, antwortet aber nicht.

„Wie geht es Deiner Mutter?“

„Sie ist in dieser Privatklinik in der Nähe vom Englischen Garten. Der Entzug hat sie glaube ich ganz schön mitgenommen.“

Wann hast Du mit ihr gesprochen?“

„Heute morgen. Hat sich ganz schlecht angehört.“

Reindorf geht drei kurze Schritte auf Michaela zu. Dicht vor ihr, zieht er ein Päckchen Taschentücher aus der hinteren Tasche seiner Hose und reicht Michaela ein Tuch:

„Du hast heute schon wieder viel geweint?“

Michaela, in weinendem Ton:

„Ja, wegen der Scheidung und wegen meiner Mama in der Klinik.“

„Ich glaube das ist echt schwer für Dich.“

Michaela mit weinerlicher Stimme:

„Der Anwalt wird Mama die Scheidungsvereinbarung wahrscheinlich kommentarlos in die Klinik schicken. Es ist schon Wahnsinn, dass ich jetzt erst begreife, dass meine Mutter die Ehe wahrscheinlich nur mit Alkohol so lange ertragen hat.“

Michaela wischt mit dem Tuch die Augen. Jetzt umarmt Reindorf sie. Michaela legt ihren Kopf auf dessen Schulter und weint weiter. Reindorf streicht ihr durch die Haare.

Reindorf leise:

„Nein, Michaela, ich glaube so solltest Du das nicht sehen. Du kannst nicht schuld daran sein, dass Deine Eltern bis vor wenigen Wochen in deren gescheiterter Ehe zusammen gelebt haben.“

Michaela:

„Ich weiß, aber es ist trotzdem alles so schlimm. Für mich bricht eine Welt zusammen. Meine Kindheit bei meinen Eltern hat es nur gegeben, weil Mama Alkoholikerin geworden ist, um das auszuhalten.“

„Ich kann mir vorstellen, wie schlimm es für Dich ist.“

„Ich habe nie gemerkt, dass Mama so viel Alkohol trinkt. Ich komme mir vor als wäre ich die langen Jahre bei meinen Eltern richtig dumm gewesen. Nichts habe ich begriffen…“

Reindorf unterbricht Michaela:

„Ich könnte Dich morgen begleiten in die Klinik. Ich werde Dich und die Kleidung für Deine Mutter in meinem Auto dort hinbringen. O.k.?“

Michaela:

„Ja, o.k.“

Jetzt hört man die laut quietschende Eingangstüre. Es treten zwei junge Männer und eine junge Frau ein. Reindorf umarmt Michaela erneut. Nach wenigen Sekunden löst er die Umarmung, während die Mitbewohner an den beiden vorbei laufen, um gepackte Taschen für die Reise nach Österreich zu holen, verschwindet Michaela in ihr Zimmer.

Reindorf zum Notator:

„Können wir hier die Szene beenden? Den Rest kennen wir ja schon, ich werde nicht mit den Mitbewohnern auf das Wochenende nach Österreich fahren.“

Der Notator nickt und setzt mit dem Satz an:

„Gerne Herr Reindorf, es ist ihre Biografie, wir können hier abbrechen und…“

In diesem Augenblick erscheint Michaela in deren Zimmertür, während die Mitbewohner immer noch Taschen tragend auf und ab laufen. Sie sagt zu Reindorf:

„Danke, dass Du mir morgen in der Klinik helfen willst. Ich bin froh, dass wir uns so gut miteinander verstehen. Ich möchte morgen in der Klinik nicht allein sein. Ich freue mich, wenn Du mit kommst, dann können wir ja zu zweit mit meiner Mama reden.“

Reindorf nickt Michaela zu:

„Ja, das ist gut! Gerne komme ich mit.“

Reindorf wendet sich zum Notator, beide nicken sich gegenseitig zu.

Die Szene ist beendet.

Der Vorhang schließt sich.

3. Szene

Das Bühnenbild:

Ein spärlich möbliertes Zimmer in einer runter gekommenen Altbauwohnung mit Dachschrägen. An den schlecht gestrichenen Wänden hängen Postkarten und Fotografien, beinahe wie in einem Fotoalbum oder wie eine real gestaltete Fototapete. Ein altes Sofa steht hinten im Zimmer nahe einem geöffneten Fenster. Dort sitzen Gäste mit Gläsern in Händen. Andere sitzen auf dem Boden, einige auf Holzstühlen, weitere Gäste stehen mit Bierflaschen in der Hand im Zimmer herum oder lehnen an den Wänden. Das Zimmer ist von Zigarettenqualm verraucht.

Leise Musik, Sprechen und Lachen der Gäste, man hört das Klirren von anstoßenden Flaschen und Gläsern.

Die Schauspieler:

Der Notator, er steht rechts neben der Bühne am Pult. Reindorf, bekleidet mit einer schwarzen Hose und hellem Hemd, er hat die Bühne noch nicht betreten. Michaela trägt ein sehr weites Kleid. Sie sitzt auf einem Stuhl nahe dem Sofa, neben ihr steht ein freier Stuhl. Helen, eine hübsche Fünfundzwanzigjährige, sitzt hinten im Zimmer auf dem Sofa. Peter, der Mitbewohner von Reindorf, ein stämmiger Typ mit Wuschelkopf, trägt ein herunter hängendes, zu weites T-Shirt und eine verwaschene Jeans. Mit Bierflasche in der Hand, lehnt er an der Wand.

Der Vorhang öffnet sich

Der Notator betritt die Bühne, er geht zu seinem Pult, während die Gäste bereits im Zimmer auf der Bühne sind und man die Geräuschkulisse hört. Reindorf fehlt noch.

Der Notator setzt die Brille auf und liest aus dem Buch auf dem Pult vor:

„Sie bewohnen seit drei Jahren eine sanierungsbedürftige Altbauwohnung. Die Zeit von Schule und Uni ist vorbei. Die Wohnung ist ein Überbleibsel aus dieser Zeit. Sie bewohnen die runter gekommene Studentenbude nicht nur deshalb weiter, weil Sie nach wie vor kein Geld haben, um sich eine ordentliche Wohnung in der Stadt zu mieten, sondern Sie haben einen gewissen Hang, an längst vergangenem so lange wie möglich festzuhalten. Seit zwei Monaten haben Sie einen neuen Mitbewohner: Mit Peter verstehen Sie sich so gut, dass Sie heute Abend gemeinsame Freunde eingeladen haben, um Peters Einzug zu feiern.“

Reindorf betritt die Bühne, in der Linken eine Bierflasche, in der Rechten eine qualmende Zigarette. Er bleibt stehen und blickt sich im Zimmer um. Er geht langsam zum Sofa, wo er sich neben Helen nieder lassen möchte. Dort aber sitzt bereits ein Gast. Michaela sitzt auf einem Stuhl in der Nähe des Sofas. Neben ihr steht ein freier Stuhl. Reindorf bewegt sich langsam weiter Richtung Helen. Er versucht neben ihr auf dem Sofa Platz zu nehmen, indem er das Sofa von hinten umrundet. Dort versucht er irgendwie auf der Rückenlehne zu sitzen, um mit Helen ins Gespräch zu kommen.

Der Notator am Pult spielt nervös mit seiner Brille, beobachtet den Vorgang, setzt die Brille auf, blättert im Buch einige Seiten zurück, überfliegt eine Seite, nimmt die Brille wieder ab, ruft fragend zu Reindorf:

„Aber was tun Sie denn da, Herr Reindorf?“

Reindorf, hinter dem Sofa zwischen Helen und einem anderen Gast auf der Lehne sitzend, blickt überrascht zum Notator:

„Wieso? Ich will mich zu Helen setzen. Ich will mit ihr reden. Ich war den ganzen Abend neben ihr auf dem Sofa gesessen! Was will der Kerl von Helen?“

Reindorf deutet auf den Gast neben Helen.

„Aber Herr Reindorf! Das hatten Sie doch geändert!“

Der Notator setzt die Brille nochmal auf. Er sieht im Buch nach. Er tippt mit dem Zeigefinger auf die aufgeschlagene Seite, nimmt die Brille wieder ab, blickt zu Reindorf hinüber:

„Sie haben vor Jahren dieses Wochenende allein mit Michaela in ihrer damaligen Wohngemeinschaft verbracht. Sie waren nicht nach Österreich mitgefahren.Sie hatten deshalb sogar ihrem besten Freund Christian das wöchentliche Musiktreffen abgesagt. Haben Sie das schon vergessen?“

Reindorf kommt hinter dem Sofa vor, tritt zum Notator ans Pult.

Der Notator blättert im Buch, überfliegt einige Seiten, nimmt die Brille ab, sieht Reindorf an:

„Sie hatten mit Michaela an dem Wochenende in ihrer Wohngemeinschaft sehr lange und vertraulich gesprochen. Sie hatten sie in der Krise mit deren vom Alkohol kranken Mutter, und wegen der Scheidung der Eltern, intensiv gestützt. Sie haben Michaela an dem Wochenende geliebt, denn Sie hatte Ihr Vertrauen angenommen und sie war sehr schwach. Sie glaubte sogar daran, sich in Sie zu verlieben. Das hatten Sie geändert, Herr Reindorf.“

Reindorf steht verdutzt neben dem Notator. Er wirft kurz einen Blick zu Michaela und dem freien Stuhl.

Der Notator:

„Der freie Stuhl neben Michaela ist Ihrer Herr Reindorf! Das hatten Sie geändert. Sie sitzen heutige Abend nicht das ganze Fest über neben Helen. Sie beginnen heute keine Beziehung zu Helen, Herr Reindorf. Sie haben die Liebe von Michaela gewonnen.“

Reindorf nickt, wirkt niedergeschlagen. Langsam entfernt er sich vom Pult. Die Geräuschkulisse des Festes kehrt zurück. Reindorf geht auf Michaela zu. Er setzt sich auf den freien Stuhl. Er küsst sie auf die Wange.

„Hat es geklappt, mit dem neuen Job?“

„Ach so der Job? Ja, ja, das wird klappen.“

Reindorf schaut hinüber zu Helen auf das Sofa. Angeregt unterhält sie sich mit dem Gast. Sie lacht, trinkt und raucht Zigaretten. Beide stoßen mit Bierflaschen an und sehen dabei ganz vergnügt aus.

„Was hast Du denn ausgemacht? Wann kannst Du voraussichtlich anfangen?“

„Am Montag. Am Montagmorgen um sechs wird es losgehen. Ich bin gespannt auf die Fahrerei mit dem Verkaufslastwagen und darauf, ob ich mich wirklich zu einem Verkäufertypen entwickle. Mit den Nachtschichten als Pförtner wird es erst mal vorbei sein. Mehr Kohle wird es garantiert geben. Das Brot aus meinem LKW werde ich schon irgendwie verkaufen.“

„Da bin ich ja froh! Wir brauchen das Geld für die Wohnung und unser Kind. Brot brauchen die Menschen immer. Du kannst bestimmt neben Deiner festen Verkaufstour noch Geld machen, indem Du mehr verkaufst.“

„Dieser Felbig, mein Vorgesetzter, hat mir erklärt, dass satte Provisionen zum Fixum winken, wenn ich den Kunden zusätzlich Ware auf schwatze.“

„Super, dass Du endlich den Nachtschichtjob an der Pforte losgeworden bist. Ich bin mir sicher, wenn das Baby da ist, werden die Nächte anstrengend werden.Ich werde Dich brauchen.“

Reindorf springt jetzt vom Stuhl auf, er eilt zum Pult des Notators:

„Deshalb habe ich heute Nachmittag keine Post von Michaela, mit dieser Kunstpostkarte aus meinem Briefkasten geholt?“

Der Notator:

„Das hatten Sie vor Jahren in der Wohngemeinschaft geändert, Herr Reindorf, so wie Sie es wollten. Michaela brauchte ihnen die Postkarte nicht zu schicken. Sie waren es, der als erster von deren Schwangerschaft erfahren hat, denn Sie sind der Vater des Kindes, da braucht es keine Kunstpostkarte.“

Reindorf entfernt sich vom Pult. Er trinkt einen Schluck aus der Bierflasche, die er in Händen hält. Auf halbem Weg zu Michaela kommt Peter auf Reindorf zu. Peter lehnte die ganze Zeit über mit Gästen auf der anderen Seite des Zimmers an der Wand, und hatte sich dort unhörbar unterhalten. Er klopft Reindorf freundschaftlich auf die Schulter. Reindorf dreht sich langsam zu Peter, erschrickt beim Anblick seines Mitbewohners ein wenig. Peter zu Reindorf:

„Na, alles klar? Oder brennt bei dir gerade irgendetwas an?“

„Nein Peter, ich hab meine Eisen alle im Feuer. Es ist alles geregelt, bei mir brennt nichts an.“

„Und Michaela? Haste schon mit ihr gesprochen?“

Reindorf ist unsicher, kratzt sich am Kopf, scheint nicht zu wissen, wovon Peter spricht. Der Notator beobachtet das, drückt sich schnell die Brille auf die Nase und blättert im Buch. Peter nimmt die Unsicherheit von Reindorf wahr und hakt deshalb nach:

„Na, die Trennung meine ich! Haste schon was mit ihr besprochen?“

„Achso! Ne, ne! Ich hab mir das noch mal überlegt! Ich glaube nicht, dass es jetzt der richtige Zeitpunkt ist, für so ein Gespräch.“

„Echt nicht? Da hast Du Dir aber nicht das leichteste aus gesucht!“

Peter klopft Reindorf erneut auf die Schulter. Beide lachen sich gegenseitig an. Sie stoßen mit ihren Bierflaschen an. Man hört wieder die Geräuschkulisse des Festes. Reindorf geht zu Michaela, lässt sich langsam neben ihr nieder. Er küsst sie auf die Wange.

Der Vorhang fällt.

4. Szene

Das Bühnenbild:

Ein kleines Zimmer mit Dachschrägen. Ein mit Papieren übersähter Schreibtisch am Fenster. Daneben ein nicht gemachtes Bett. An der Wand ein Regal mit Stereoanlage. Ein Ölofen, eine große Zimmerpflanze, die zu groß ist für den winzigen Raum.

Die Schauspieler:

Reindorf, diesmal nicht mit Hemd, sondern mit einfachem Pullover, ohne Kragen und Jeans bekleidet. Reindorfs Freund Peter, der Wuschelkopf, trägt einen grünen, alten Rollkragenpullover und eine schwarze Jeans.

Der Vorhang öffnet sich

Peter und Reindorf sitzen Zigaretten rauchend und Bier trinkend vor Peters Schreibtisch, auf dem beide hin und wieder ihre Flaschen abstellen. Peter erhebt sich vom Stuhl, geht zur Stereoanlage, legt eine CD von Frank Zappa ein. Peter setzt sich wieder neben Reindorf auf den Stuhl vor den Schreibtisch. Beide unterhalten sich so leise miteinander, dass man zunächst nur die Musik von Zappa hört, sie rauchen und stoßen hin und wieder mit ihren Bierflaschen an.

Der Notator betritt die Bühne, geht zu seinem Pult, setzt die Brille auf, blättert im Buch und beginnt zu lesen. Die Musik wird dabei leiser:

„Herr Reindorf, Sie besuchen an diesem Abend Ihren Freund Peter, mit dem Sie inzwischen seit über drei Jahren nicht mehr zusammen wohnen. Die gemeinsame Studentenbude mit Peter mussten Sie aufgeben, weil der Hausbesitzer das Gebäude endgültig sanieren ließen. Sie wohnen schon lange in einer Wohnung in der Innenstadt. Ihr Freund Peter bewohnt ein Studentenzimmer am Stadtrand. Während Peter wesentlich jünger ist als Sie, er ist gerade sechsundzwanzig und studiert noch, er ist Student der Rechtswissenschaften, sind Sie bereits seit einigen Jahren voll berufstätig.“

Der Notator nimmt die Brille ab, blickt hinüber in das Studentenzimmer von Reindorfs Freund Peter. Leise hört man die Musik von Zappa.

Peter:

„Dieser Musiker war einfach ein Genie. Es ist unglaublich, was dieser Mensch zusammengebracht hat, obwohl er gleichzeitig so ein Chaot war!“

Reindorf lachend:

„Ja, das stimmt, das Chaos schlägt sich in vielen von dessen Schallplatten nieder und trotzdem ist seine Musik optimal arrangiert und musikalisch perfekt! Auch wenn sie nicht jedermanns Geschmack ist.“

Peter steht vom Stuhl auf. Er holt aus einem Regal zielsicher eine bestimmte CD. Damit setzt er sich zurück neben Reindorf.

„Diese Scheibe hier gehört zu dessen besten Werken, soweit man das bei diesem Musiker überhaupt sagen kann, weil einfach alles von dem sehr gut ist. Hier drauf aber, das muss ich sagen, findet sich das absolute Chaos, und doch ist die Platte musikalisch perfekt. Soll ich mal einlegen?“

Reindorf winkt ab:

„Nein, nein, ich kenne die Scheibe, Du hattest sie doch oft in unserer Wohngemeinschaft gespielt, damals.“

Peter mit träumerischem Gesichtsausdruck:

„Klar, damals im Westend in der Innenstadt, das waren noch Zeiten. Keine weiten Wege in die nächste Kneipe, mit der U-Bahn nicht weit zur Uni und eine Party nach der anderen. Das war toll. Dagegen hänge ich jetzt hier schon ziemlich in der Pampa herum. Ohne Auto wäre ich hier draußen echt aufgeschmissen.“

Reindorf:

„Wie läuft es denn so im Studium?“

„Naja, nichts läuft mehr. Ich zittere und warte auf die Prüfungsergebnisse.“

Reindorf:

„Echt, Du weißt immer noch nichts? Ist doch schon Wochen her, seitdem Du die Prüfungen geschrieben hast.“

„Jetzt dauert es auch nicht mehr sehr lange. Zehn Tage noch, bis Anfang Januar, dann gibt es den Brief vom Prüfungsamt.“

Reindorf:

„Unmöglich aufgebaut dieses Studium! Zuerst haste jahrelang keine einzige Prüfung, dann kommt alles auf einmal und dann dauert es fast ein halbes Jahr, bis Du weißt, ob Du jahrelang umsonst studiert hast, weil sie Dich durch fallen lassen. Dann stehst Du ohne Ausbildung da.“

Peter:

„Ja richtig! Unheimlich übel das Ende dieses Studienganges. Riesiger Druck staut sich da an. An einem Tag, wenn der Postbote den Prüfungsumschlag in Deinen Briefkasten steckt, zerplatzt der Druck in einer riesigen Explosion in Dir.“

Reindorf:

„Da will ich aber mal das beste für Dich hoffen. Und vergiss nicht: Das Leben geht auch nach so einer Prüfung weiter, auch wenn die den Bach herunter geht.“

Peter:

„Mag sein, mag sein, aber Wahnsinn wäre das schon, nach so vielen Jahren der Paukerei und Schufterei.“

Reindorf steht jetzt von seinem Stuhl auf, er tritt zum Notator ans Pult. Peter blickt ihm verdutzt hinterher:

„Wo gehst Du denn hin? Willst Du frische Luft schnappen? Soll ich mal das Fenster öffnen? Ich glaube hier im Zimmer steht sehr viel Zigarettenrauch.“

Peter steht auf, öffnet das Fenster, wirbelt mit den Armen durch die Luft um den Zigarettenqualm nach draußen zu treiben.

Reindorf zu Peter:

„Nein, nein, ich muss nicht an die frische Luft. Komme gleich wieder.“

Reindorf zum Notator:

„Können wir kurz stoppen?“

Der Notator:

„Natürlich Herr Reindorf, wie Sie wünschen.“

Reindorf rauft sich die Haare, kratz sich hinterm Ohr, läuft am Bühnenrand unruhig auf und ab. Er verschränkt die Arme, nimmt sie wieder auseinander, lässt sie kurz herunter baumeln, steckt die Hände in die Hosentaschen. Nachdenklich steht er am Bühnenrand. Er wirkt zappelig, seine Hände zittern.

„Was beunruhigt Sie so sehr Herr Reindorf? Warum sind Sie so nervös?“

Reindorf antwortet nicht. Stattdessen zündet er sich, dabei mit dem Feuerzeug fuchtelnd, eine Zigarette an, die er aus einer Schachtel vom Schreibtisch seines Freundes Peter nimmt. Paffend läuft er auf und ab, dabei schüttelt er nachdenklich den Kopf. Leicht gebückt, kopfschüttelnd und qualmend tritt er wieder an das Pult des Notators:

„Sie wissen doch genau, warum ich so unruhig bin!“

Hastig zieht er an der Zigarette und bläst dem Notator den Rauch ins Gesicht. Der hält sich deshalb schützend die Hand vor das Gesicht, versucht der Qualmfahne zu entkommen, wedelt mit der Hand den Qualm beiseite.

Reindorf:

„Das ist doch wirklich Wahnsinn, was wir hier treiben!“

Der Notator hustet jetzt, wegen Reindorfs nervösem Gequalme. Laut und scharf fragt er Reindorf:

„Wollen Sie hier lieber beenden Herr Reindorf?“

Reindorf sieht den Notator ernst von der Seite an. Wieder kratz er sich nervös am Kopf, wendet sich ab, läuft am Bühnenrand qualmend hin und her. Dabei blickt er immer wieder zum Notator hinüber.

Der Notator, jetzt in klarem, beinahe amtlich korrektem Ton:

„Es steht ihnen frei hier abzubrechen, Herr Reindorf. Es war Ihr Wunsch, Ihre Biografie zu verändern. Aus welchem Grund auch immer diese Idee in Ihrem Kopf entstanden ist, Herr Reindorf. Ich kenne den Grund nicht. Aber klar ist: Sie sind für Ihre Biografie verantwortlich. Sie können Ihre Biografie verändern. Was hier geschieht, haben Sie gewünscht! Sie können jeder Zeit damit aufhören.“

Reindorf drückt nervös die Zigarette in einen Aschenbecher auf dem Schreibtisch seines Freundes Peter. Jetzt dreht er sich wieder zum Notator und ruft mit scharfer, entschlossener Stimme:

„Nein! Lassen Sie uns fortfahren!“

Der Notator:

„Wie Sie wünschen, Herr Reindorf. Aber bitte beachten Sie, dass Sie nur Ihre Biografie verändern können. Sie können nicht die Biografie von anderen ändern, auch nicht diejenige Ihrer Freunde. Das sehen Sie an Ihrer ehemaligen Freundin Michaela, die Sie trotz des gemeinsamen Kindes verlassen hat. Sie hatten es geschafft, dass Michaela eine Zeit lang in Sie verliebt war, nun ist Sie mit einem anderen Mann glücklich. Bitte Herr Reindorf, bedenken Sie auch, dass…“

Reindorf der sich wieder auf dem Stuhl neben Peter niedergelassen hat, unterbricht jetzt den Notator:

„Ich weiß, ich weiß, ich weiß! Bitte lassen Sie uns nun fortfahren.“

Der Notator:

„Gleicher Tag, gleiche Zeit, gleicher Ort, gleiche Situation bei Ihrem Freund Peter? Oder wollen Sie an einer anderen Stelle weiter machen, Herr Reindorf? Ich möchte Sie nicht beeinflussen, aber vielleicht sollten Sie diese Stelle überspringen und stattdessen…“

Reindorf unterbricht den Notator:

„Nein, nein ich bin entschlossen hier weiter zu machen!“

Der Notator:

„Bitte!“

Reindorf fragt Peter:

„Wie geht es Dir denn mit Deiner Freundin im Moment?“

Peter sieht jetzt seinen Freund Reindorf mit deutlich genervtem Gesichtsausdruck an.

Reindorf:

„Oha! Entschuldigung. Mit der Frage hab ich wohl einen völligen Fehlgriff gelandet!“

Peter:

„Nee, nee, lass mal. Du hast voll ins Schwarze getroffen. Es läuft halt alles daneben mit dieser Frau. Aber das dürftest Du ja ganz gut kennen, von Deiner Michaela! Ihr habt ja sogar ein Kind miteinander, selbst das ist keine Garantie für eine glückliche Beziehung.“

Reindorf trifft die Antwort unerwartet. Langsam steht er auf, zieht eine neue Zigarette aus der Schachtel auf dem Schreibtisch, zündet sie an und schließt das geöffnete Fenster. Er antwortet:

„Du hast recht. Einfach war die Trennung für uns beide wirklich nicht. Verdammt viel Wäsche wurde da gewaschen und vieles kaputt gemacht. Unglaublich vieles.“

Reindorf blickt nachdenklich durch das geschlossene Fensterglas ins dunkle. Auf der Glasscheibe sieht er nur sich selbst:

„Vieles woran ich geglaubt hatte, wurde von uns beiden innerhalb weniger Wochen zertrümmert.“

Peter:

„Ich glaube, Du kannst Dir vorstellen wie es mir mit Bettina und Regina geht. Ich fühle mich hin und her gerissen zwischen zwei Extremen. Ich kann mich nicht zwei teilen. Ich weiß bald wirklich nicht mehr, was ich tun soll. Ich glaube irgendwann kracht es einfach und alles um mich herum explodiert.“

Reindorf:

„Was meinst Du denn damit?“

Der Notator ruft vom Rednerpult:

„Das ist neu!“ Er notiert etwas mit einem Bleistift im Buch.

Peter antwortet noch nicht, sondern steht auf. Nachdenklich läuft er einige Schritte im Zimmer hin und her. Er bleibt an der Stereoanlage stehen, schaltet sie aus, lässt die CD herausfahren und packt sie zurück in deren Hülle.

„Ach nichts besonderes. Ich weiß einfach noch nicht, was demnächst passiert. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass etwas geschehen wird. Da staut sich so viel an in mir. Ich muss etwas ändern, denn so kann es nicht weitergehen.“

Reindorf kratz sich nachdenklich am Kopf, antwortet aber nicht.

Peter hat eine andere CD in der Hand, hält sie Reindorf kurz unter die Augen und fragt: „Willst Du die hier hören?“

Reindorf nickt:

„Ja, warum nicht?“

Peter schaltet die Stereoanlage wieder an, legt die CD ein.

Es ertönt der Titel „Mama“ von Frank Zappa.

Der Vorhang fällt, die Musik läuft leise weiter, solange der Vorhang geschlossen ist.

5. Szene

Das Bühnenbild:

Ein ordentlich gedeckter Kaffeetisch in der solide geführten Wohnung einer Pfarrerin.

Die Schauspieler:

An dem Kaffeetisch treffen sich Reindorf, dessen Musikfreund Christian, Bettina, die Freundin von Peter, eine Pfarrerin und Martin (wie Reindorf ein Freund von Peter).

Der Vorhang öffnet sich.

Der Notator betritt die Bühne, geht zum Rednerpult, setzt die Brille auf und liest aus dem Buch vor:

„Niemand von Ihnen hatte geahnt, dass Peter so etwas tun würde. Sie, Herr Reindorf und Ihre Freunde, haben Peter nicht so eingeschätzt. Peter war einer Ihrer wenigen nahen Freunde. Deshalb gehört Peters Suizid untrennbar zu einem Teil Ihrer Biografie, aber, und das ist wichtig Herr Reindorf: Peters früher Tod ist nicht Ihre Biografie.“

Es läutet. Die Pfarrerin betritt die Bühne, geht zur Tür und öffnet.

Alle Besucher stehen vor der Tür, sie treten nacheinander ein. Zuerst Bettina, gefolgt von Reindorf, Christian und Martin. Alle tragen schwere Wintermäntel, die sie an der Garderobe aufhängen. Die Pfarrerin weist den Besuchern Plätze am Kaffeetisch zu.

„Bitte bedienen Sie sich. Kaffee oder Tee?“

Sie weist auf die beiden Kannen auf dem Tisch. Die Besucher danken und greifen zu.

„Es freut mich sehr, dass wir uns so kurzfristig zu diesem Termin finden konnten. Mit Peters Eltern habe ich gestern einen Text vorbereitet. Den Ablauf der Beisetzung haben wir gemeinsam festgelegt.“

Bettina schnupft in ein Taschentuch, sie wischt sich die verweinten Augen.

„Peters Eltern wünschen sich, dass Sie, die engsten Vertrauten und Freunde von deren einzigem Sohn, den Text, den ich am Grab sprechen werde, mit Ihren Erfahrungen und Kenntnissen von deren Sohn ergänzen. Weil ich Sie alle kaum kenne, schlage ich vor, dass jeder von Ihnen…“

Christian, der Musikfreund von Reindorf, setzt die Kaffeetasse ab, fällt der Pfarrerin ins Wort:

„Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er wirklich tot ist. Erst seit gestern, als ich seinen leblosen Körper gesehen habe, in dem kalten Nebenraum der Aussegnungshalle, ist mir klar, dass er es tatsächlich getan hat.“

Christian sieht die Pfarrerin an und sagt:

„Aber entschuldigen Sie, ich habe Sie unterbrochen.“

„Bitte sprechen Sie ruhig weiter. Sind Sie ein Studienfreund von Peter?“

Jetzt meldet sich Martin:

„Nein, nein, äh, das bin ich.“

Martin sieht Christian an und sagt:

„Wie war das eigentlich am Abend vor der Nacht als Peter gestorben ist, ich meine, als er sich, ja, als er sich das Leben genommen hat? Seid ihr beide da nicht wegen irgendeiner Aktion mit einer Tante von einem Fernsehsender verabredet gewesen?“

Auf die Frage antwortet Reindorf:

„Ja stimmt, wir haben deshalb den ganzen Abend lang auf Peter gewartet. Wir hatten einen Termin mit dieser Filmtante von einem privaten Kanal, wie heißt der noch gleich…“

Reindorf schaut seinen Musikfreund Christian fragend an, doch dem fällt der Name auch nicht ein. Christian spricht weiter:

„Äh, keine Ahnung, ist ja auch wurscht. Ich hatte das Treffen mit dieser Kamerafrau organisiert. Ich hatte sogar einen Schlager zusammen mit einer Bekannten komponiert. Der Kanal war auf uns bei irgendeinem Auftritt aufmerksam geworden. Die wollten an diesem Abend ein kurzes Video filmen.“

Reindorf fragt die Frau Pfarrerin:

„Darf ich hier rauchen?“

Die Pfarrerin weist auf einen Aschenbecher auf dem Kaffeetisch:

„Bitte sehr.“

Reindorf hat bereits eine Zigarette zwischen den Lippen, die er jetzt entzündet:

„Ich hatte vorgeschlagen, als Kulisse für dieses Video eine verschneite Wiese zu nehmen, nur etwa einen Kilometer von Peters Studentenbude entfernt. Peter wollte uns beim Vorbereiten der Kulisse, einem Feuer im Schnee, helfen. Aber er kam nicht. Ich dachte er kam nicht, weil er diese Musik hasste.“

Christian:

„Stimmt genau, der ist nicht gekommen, aber das hatte ich fast befürchtet, denn ich hatte ihn am Vormittag angerufen, weil ich mit ihm besprechen wollte, ob er Getränke im Auto mitbringen kann. Aber ich habe Peter nicht erreicht. Stattdessen meldete sich dessen Anrufbeantworter mit einem total blöden Spruch. In diesem Moment war mir eingefallen, dass er wahrscheinlich seine Prüfungsergebnisse bekommen hatte. Der Anrufbeantworter war das Signal für mich, dass er es nicht geschafft hatte. Ich glaube, deshalb wollte er an dem Tag von niemandem irgendetwas hören.“

Bettina:

„Der Spruch auf dem Anrufbeantworter war so dumm, dass ich richtig wütend geworden war. Ich wollte mit Peter über dessen Prüfungsergebnisse sprechen, aber er hat den ganzen Tag das Telefon nicht abgenommen, stattdessen hörte ich drei, vier Mal dessen wütendes: „leckt mich alle“ vom Anrufbeantworter.“

Martin:

„Das hab ich mir auch ein paar mal angehört, denn ich wollte Peter erreichen, weil er mir das Auto geliehen hatte. Der Spruch hat sich hasserfüllt und aggressiv angehört.“

Reindorf:

„Ich habe Peter an dem Tag nicht angerufen. Nach der Filmerei mit der Fernsehtante auf der Schneewiese waren Christian und ich mit meinem Auto zu Peters Wohnung gefahren.“

Bettina fragt jetzt ein wenig aufgeregt:

„Echt? Davon wusste ich bis jetzt gar nichts. Was war da los? Habt ihr bei Peter geläutet?“

Reindorf steht jetzt auf. Er beginnt im Zimmer hin und her zu laufen, greift sich an den Kopf, kratzt sich, wirkt beunruhigt:

„Das ist es ja gerade, worüber ich mir schon seit Tagen Gedanken mache. Vielleicht war er ja zu Hause und wir hätten mit ihm noch einmal sprechen können. Aber das Licht in der Wohnung und in Peters Zimmer war aus, auch sein Auto stand nicht vor der Tür. Das Haus lag im Dunkeln.“

Christian:

„Wenn Peters Auto nicht vor der Tür stand, dann war das in der Regel ein untrügliches Zeichen dafür, dass er unterwegs war.“

Martin:

„Ihr zwei konntet nicht wissen, dass er mir den Wagen am Tag zuvor geliehen hatte.“

Reindorf, der sich jetzt wieder an seinen Platz sitzt und nervös die Zigarette in den Aschenbecher auf dem Tisch ausdrückt:

„Stimmt genau. Wenn wir das gewusst hätten, ich glaube wir wären mit Sicherheit aus meinem Wagen ausgestiegen und wir hätten bei Peter geläutet. Aber wir sind nicht einmal aus dem Wagen gestiegen, um zu läuten, denn wir waren vollkommen durchgefrohren, wegen der dämlichen Videofilmerei auf der verschneiten Wiese. Ich glaube es hatte um die minus zehn Grad an dem Abend und ich war froh, dass es im Auto endlich einigermaßen warm geworden war.“

Bettina:

„Diese scheiß Kälte. In anderen Wintern wäre der Suizid so gar nicht möglich gewesen. Nur in eiskalten Nächten, wie in diesem scheiß Winter, kann sich ein Mensch überhaupt erfrieren lassen.“

Eine kurze Pause.

Bettina:

„Vielleicht war es doch ein Unfall? Peter hat sehr viel Alkohol im Blut gehabt. Vielleicht war er auf dem Weg zu der verschneiten Wiese, wo ihr dieses Video gemacht habt? Vielleicht war er gestolpert oder dumm gestürzt und war nicht wieder hochgekommen? Vielleicht war er deshalb im Schnee erfroren?“

Reindorf steht vom Kaffeetisch auf. Er raucht. Diesmal aber nicht nervös. Er geht zum Fenster, das er öffnet.

„Das wäre vielleicht eine Erklärung. Die Befunde haben einen extrem hohen Blutalkoholwert bei Peter ergeben. Kurz vor dessen Tod hat er sehr viel Alkohol getrunken.“

Martin:

„Er starb erst in der Nacht nachdem ihr dieses Video auf der Schneewiese gemacht hattet. Ich glaube nicht, dass er den Tag verwechselt hatte, außerdem kannte er die Wiese, wo ihr euch treffen wolltet. Die Stelle, wo sein erfrorener Körper, am nächsten Morgen, von einem Spaziergänger, gefunden wurde, lag aber in eine völlig andere Richtung.“

Bettina:

„Wahrscheinlich habt ihr recht. Ich sollte nicht weiter versuchen nach Erklärungen zu suchen, wo es nichts zu erklären gibt. Peter hat diese Art zu sterben gewählt, keiner von uns hatte geahnt, dass er ein Mensch war, der so etwas tun würde.“

Reindorf, der jetzt wieder aufsteht und unruhig im Zimmer herumläuft:

„Vielleicht leben wir alle einfach falsch? Wie kann es sein, dass Peters Freunde nicht mitbekommen haben, was er tat? Vielleicht leben wir alle irgendwie aneinander vorbei?Wir alle haben zu viel Stress. Die Hektik ist zu viel. Da bleibt keine Zeit um zu spüren, was mit dem anderen los ist. Vielleicht ist das der Grund, warum keiner von uns mitbekommen hat, was Peter plante. Irgendwie muss er den Tod doch geplant haben? Oder war es eine Kurzschlusshandlung?“

Keiner der Besucher am Tisch antwortet auf die Frage. Reindorf schließt das Fenster.

Jetzt spricht Reindorf die Pfarrerin an:

„Aber Frau Pfarrerin, Sie wollten wissen, wie wir alle Peter gekannt haben, was wir von ihm zu sagen wissen. Vielleicht sollten wir zu dieser Frage zurückkehren?“

Die Pfarrerin:

„Bitte sprechen Sie ruhig weiter und bitte, bedienen Sie sich.“ Die Pfarrerin weist erneut auf Tee und Kaffee auf dem Tisch.

Der Vorhang fällt.

6. Szene

Das Bühnenbild:

Am hinteren Bühnenrand: Ein großer Schreibtisch hinter dem Reindorf in einem großen Chefsessel sitzt. Auf dem Tisch ein Telefon, Zeitungen ein Laptop.

Die Schauspieler:

Reindorf ist solide gekleidet. Er trägt einen korrekt sitzenden Anzug und eine passende Krawatte. Eine stark geschminkte und heraus geputzte Sekretärin. Eine junge Sekretärin in einem Sommerkleid.

Der Vorhang öffnet sich

Reindorf sitzt hinter dem Schreibtisch, liest Zeitung, raucht eine dicke Zigarre. Er liegt im Chefsessel, die Füße auf dem Tisch.

Der Notator betritt die Bühne, geht zum Pult, setzt die Brille auf, blättert eine bestimmte Seite auf und liest vor:

„Sie haben es geschafft Herr Reindorf. Nach fünfzehn Jahren Arbeit als Verkaufsfahrer für die Firma Blattschneider sind Sie vor sechs Jahren in die Chefetage aufgestiegen. Ihr abgeschlossenes Pädagogikstudium haben Sie völlig vergessen. Sie hatten diesen Verkäuferjob angenommen. Das hatten Sie in Ihrer Biografie geändert, weil Sie mit Michaela und Ihrem gemeinsamen Kind zusammenleben wollten. Deshalb waren Sie damals der Meinung gewesen, dass Sie viel Geld verdienen sollten. Seit Jahren verdienen Sie sehr viel Geld. Sie lebten aber nur knapp ein halbes Jahr mit Michaela und Ihrem gemeinsamen Kind zusammen.“

Ein Telefon auf Reindorfs Schreibtisch läutet. Reindorf gibt die liegende Haltung im Chefsessel auf, nimmt die Füße vom Tisch, klappt die Zeitung zu und hebt den Hörer ab. Er spricht in freundlichem Ton:

„Selbstverständlich Herr Direktor Felbig, die Tischvorlagen für die elf Uhr Sitzung hat mir Fräulein Krähenbring schon rein gebracht, ich werde Sie beauftragen Ihnen eine Kopie nach oben zu bringen.“

Reindorf legt den Hörer auf. Auf seinem Telefon drückt er eine Taste. Aus dem Lautsprecher des Telefons hört man die Stimme einer Frau:

„Ja bitte Herr Reindorf, Sie wünschen?“

Reindorf in korrektem aber befehlendem Ton:

„Frau Krähenbring, bitte bringen Sie dem Direktor eine Kopie unserer Tischvorlage für die Elfer hoch!“

Aus dem Telefon:

„Jawohl Herr Reindorf, wird umgehend erledigt.“

Reindorf lehnt sich im Sessel zurück, studiert die Zeitung auf dem Tisch.

Wieder läutet Reindorfs Telefon. Diesmal lehnt er sich zeitungsknisternd nach vorne, schaut auf das Telefon, erkennt auf dem Display, wer dran ist und reißt den Hörer von der Gabel:

„Was ist den schon wieder Frau Krähenbring? Sie wissen doch, dass ich vor der Elfer nicht gestört werden will!“

Reindorf hört in den Hörer, der nicht mehr auf laut gestellt ist, liest dabei weiter Zeitung und pafft an der Zigarre.

„Diese gekündigte junge Chefsekretärin aus der Lohnbuchhaltung? Die hat noch was zu besprechen? Aber warum denn unbedingt mit mir? (Pause) Warum denn das? Mit der Kündigung ist doch alles klar! Um die Frau kann sich doch Huber kümmern!“

Reindorf will auflegen, aber:

„Ach so, nur noch ne Unterschrift? Huber ist krank? Na gut, bringen Sie die Unterlagen rein und schicken Sie die Sekretärin fünf Minuten später hinterher, ich kann auf keinen Fall zu spät zur Elfer mit dem Direktor kommen!“

Reindorf knallt den Hörer auf die Gabel, legt die Zeitung zusammen und verstaut sie in einer Schublade. Auf dem Schreibtisch öffnet er einen Aktendeckel und greift zu einem Federhalter. An der Tür klopft es.

Reindorf:

„Kommen Sie herein Frau Krähenbring!“

Sie bring Reindorf eine dünne Akte mit Unterlagen. Während sie an dessen Schreibtisch heran kommt meint Reindorf:

„Na, Sie sehen heute ja wieder besonders fesch aus Frau Krähenbring. Gehen Sie noch auf einen Ball ?“

„Das nicht gerade, aber in der Verkaufsabteilung gibt es um sechzehn Uhr einen kleinen Empfang. Sie wissen schon, wir haben doch mit dem Verkauf der neuen Serie die Zehnmillionen-Mauer durchbrochen.“

Reindorf:

„Ach klar, stimmt, der ehrgeizige Oberndorfer! Der Mann ist wirklich ein Verkaufsgenie! Der bringt es noch sehr weit, da bin ich mir sicher!“

Frau Krähenbring entfernt sich, während Reindorf die Zeitung aus der Schublade herauszieht. Diesmal legt er sie auf den Schreibtisch über die dünne Akte, welche die Sekretärin dort hin gelegt hatte. Reindorf sucht mit dem Zeigefinger eine bestimmte Stelle in der Zeitung. Er findet die Stelle, beugt sich dicht darüber, um besser lesen zu können, und sagt zu sich selbst:

„Unglaublich der Höhenflug dieser Aktie! Da hab ich jetzt schon wieder einige Tausender mitgenommen. Das kann eigentlich nicht mehr lange gut gehen.“

Jetzt nimmt er sich die dünne Akte vor. Er lehnt sich im Stuhl zurück, nimmt die Zigarre aus dem Aschenbecher, pafft daran und beginnt die Akte zu überfliegen. Plötzlich hält er inne. In der Akte hat er etwas entdeckt. Eilig drückt er seine qualmende Zigarre in den Aschenbecher. Reindorf erhebt sich mit geöffneter Akte vom Schreibtisch. Er überzeugt sich nochmal vom Inhalt der Seite, die er da aufgeschlagen hat. Jetzt läuft er zum Pult des Notators. Mit dem Zeigefinger deutet er auf eine Passage in der Akte und fragt:

„Aber was soll das hier? Das gibt es doch gar nicht!“

Der Notator ist überrascht, weil er so plötzlich von Reindorf in das Geschehen hineingezogen wird. Er tastet nach der Brille in der Jackettasche, setzt sie auf und wirft einen Blick in die Akte, die Reindorf ihm unter die Nase hält:

„Ich weiß nicht was Sie haben Herr Reindorf? Ich sehe hier nur den Lebenslauf einer jungen Dame. Es ist der Lebenslauf einer Sekretärin mit hervorragenden Abschlussleistungen, einer mehrsprachigen Qualifikation an einer internationalen Sekretärinnen-Schule und internationaler Sekretariatserfahrung. Eine hochqualifizierte Fachkraft.“

Der Notator deutet mit Händen, Schultern und Gesichtsausdruck, dass er die Aufregung Reindorfs nicht versteht. Reindorf tritt noch dichter an den Notator heran, der ihm die Akte bereits zurück gereicht hat. Reindorf hält dem Notator die Akte erneut unter die Brille:

„Aber sehen Sie denn nicht, der Geburtsname und der Vorname dieser Sekretärin, deren Geburtsdatum, der Geburtsort.“

Der Notator hält nun die Akte dicht unter die Brillengläser und liest. Jetzt gibt er Reindorf die Akte und blättert im Buch auf dem Pult sehr weit zurück. Dort überfliegt er einige Seiten. Reindorf, der immer noch am Pult steht, sieht den Notator erwartungsvoll an. Der Notator, dem die Nähe zu Reindorf, so dicht am Pult, offensichtlich zu eng wird, entfernt sich jetzt vom Pult. Er läuft einige Meter am Bühnenrand auf und ab. Weil Reindorf ihm aber hinterher läuft, kehrt er sofort wieder zum Pult zurück. Von dort spricht er Notator mit gewohntem, korrektem Ton:

„Auch das hatten Sie in Ihrer Biografie verändert Herr Reindorf. Sie haben mit Michaela eine Tochter gezeugt. Deshalb ist es heute, zwanzig Jahre später, nicht irgendeine Sekretärin, die Sie und Ihr Chef aus der Firma feuern.“

Der Notator schaut ins Buch und liest vor:

„Nach der Trennung, kurz nach der Geburt der gemeinsamen Tochter, war Michaela in eine weit entfernte Stadt gezogen. Sie wollte zurück in ihre Heimatstadt, denn dort lebte inzwischen deren Mutter. Die hatte einen Entzug gemacht und war geheilt. Michaelas Mutter fand in der Erziehung der Enkelin eine schöne Aufgabe, die ihr die Kraft gab, dem Alkohol nicht wieder zu verfallen. So konnte Michaela eine hochkarätige Ausbildung absolvieren, den deren Mutter unterstützte sie mit der Tochter. Später heiratete sie einen Kanadier, den sie in ihrer Heimatstadt kennenlernte. Die Familie lebte zwei Jahre in Kanada, bevor sie, inzwischen mit zwei Kindern, wegen des Berufs von deren Mann, zurück nach Deutschland und in die Stadt kam. „

Der Notator blättert in dem dicken Buch viele Seiten nach vorne. Er liest weiter:

„Sie Herr Reindorf, haben sich nie besonders für Ihre Tochter interessiert. Nie haben Sie sich um Kontakt bemüht. In deren Familie wuchs Ihre Tochter in besten Verhältnissen auf, um eine internationale Sprachenschule zu absolvieren und sich bestens als Chefsekretärin zu qualifizieren.“

Reindorf:

„Ja, ich weiß ich erinnere mich, ich musste mich in der Firma eine steile Treppe hinauf arbeiten. Ab und an kamen Kunstpostkarten, aber ich konnte mich nicht darum kümmern.“

Der Notator:

„Seit zwei Monaten arbeitet ihre Tochter in der Firma. Es ist deren erste Anstellung und immer noch haben Sie keinen Kontakt zu ihr. Herr Reindorf, vielleicht sollten Sie…“

Es klopft an der Tür des Büros.

Reindorf läuft mit der schmalen Akte zurück an den Schreibtisch. Er setzt sich in den Chefsessel und ruft:

„Ja bitte herein!“

Eine junge, zwanzigjährige Frau in einem Sommerkleid tritt ein. Die Ähnlichkeit dieser Frau mit der jungen Michaela aus Reindorfs Wohngemeinschaftszeit ist verblüffend. Reindorf springt sofort aus dem Sessel auf, kommt der jungen Frau entgegen und reicht ihr die Hand. Reindorf mit sicherer Stimme:

„Ich bitte Sie, setzen Sie sich.“

Reindorf bietet der Frau einen Stuhl vor seinem Schreibtisch an.

Reindorf fragt:

„Was bitte kann ich für Sie tun?“

Die Frau antwortet:

„Herr Reindorf, ich habe lange mit mir gerungen, das müssen Sie mir glauben, aber ich habe es mir wirklich nicht leicht gemacht, Sie heute aufzusuchen.“

Reindorf ist ein wenig verlegen:

„Aber bitte, kommen Sie doch zur Sache.“

Die junge Frau:

„Ich möchte Sie nicht um Rücknahme der Kündigung bitten, denn ich weiß, das alles ist entschieden.“

Reindorf lehnt sich im Stuhl zurück und nickt.

Die junge Frau:

„Ich weiß, dass ich in der Probezeit bin und Sie daher berechtigt waren, keine Gründe für Ihre Kündigung zu nennen. Trotzdem möchte ich Sie um eine Erklärung bitten, denn ich stehe in meinem Beruf noch am Anfang und ich möchte gerne aus der Erfahrung in Ihrer Firma lernen. Das kann ich aber nur, wenn ich etwas über die Gründe erfahre, denn ich möchte mich bemühen an meinem nächsten Arbeitsplatz nicht die gleichen Fehler wieder zu machen.“

Reindorf nimmt die dünne Akte vom Schreibtisch, blättert darin, sucht vergeblich nach irgendetwas, legt die Akte zurück und spricht zu der jungen Frau:

„Ihr Ansinnen verstehe ich sehr gut, doch es tut mir wirklich Leid. Wir haben eine Betriebsvereinbarung, an die ich mich unbedingt gebunden sehe. Sie verbietet mir, Ihnen nähere Auskünfte zu geben. Ich kann Ihnen nur so viel sagen: Es liegt keinesfalls in Ihrer Qualifikation. Daher bitte ich Sie, sich durch diese Erfahrung nicht entmutigen zu lassen. Ich möchte Sie sogar ermutigen, sich auf entsprechende Positionen Ihres Fachs intensiv zu bewerben und ich bin sicher, dass der Ausrutscher in unserem Betrieb…“

Reindorf unterbricht seine Rede, denn die junge Frau vor dessen Schreibtisch, hat sich von Reindorf abgewandt und weint leise. Reindorf steht auf und legt seine Hand auf die Schulter der jungen Frau. Die wehrt ihn sofort ab, springt vom Stuhl auf, ergreift ihre Jacke und eilt zur Tür. Mit weinerlicher Stimme ruft sie:

„Ach lassen Sie das doch! Nichts als Heuchelei ist das! Tun Sie doch nicht so, als hätten Sie nichts mit der Sache zu tun. Warum machen Sie das mit, was in ihrer Firma geschieht? Warum mischen Sie sich nicht ein? Wenn Sie schon ahnen oder gar wissen, dass meine Kündigung unberechtigt ist, dann tun Sie doch etwas!“

Die Frau verlässt Reindorfs Büro.

Reindorf tritt an das Pult heran:

„Können wir das rückgängig machen?“

„Was Herr Reindorf?“

„Alles.“

Der Notator blättert im Buch zurück. Er verweilt auf einer Seite:

„Sie haben Ihre Biografie verändert, Herr Reindorf. Damit sind neue Tatsachen entstanden, zum Beispiel Ihre gemeinsame Tochter mit Michaela. Michaela geht es mit dem Kanadier und ihren vier Kindern sehr gut. Sie möchte daran nichts ändern. Wenn Sie damals nicht das Wochenende mit ihr verbracht hätten, hätte sie den Kanadier nie kennen gelernt, denn sie war nur wegen der Erziehung der gemeinsamen Tochter zurück in ihre Heimatstadt gezogen, um dort die Hilfe ihrer Mutter in Anspruch zu nehmen. Michaela ist glücklich mit ihrem Mann und ihrer Familie, dazu gehört auch ihre Tochter. Das Glück von Michaela ist aber nicht Ihre Biografie, Herr Reindorf. Das können Sie nicht ändern.“

Reindorf fällt in seinen Stuhl. Sekundenlang sitzt er schweigend. Das Telefon läutet. Reindorf hebt ab:

„Ja, Frau Krähenbring, die elf Uhr Sitzung! Vielen Dank!“ Reindorf legt den Hörer auf, erhebt sich, ergreift eine Akte und verlässt sein Büro.

Der Vorhang fällt für immer.

Zweifel

Zweifel – Erzählung von Bernd Thümmel

Bernado kehrt im Alter von 10 Jahren im Jahr 1974 seinem Kinderheim am Obersalzberg den Rücken. Doch sein neues Zuhause bei seinem Vater ist herausfordernd und verlangt schließlich eine Entscheidung.

I. Durch das Dorf

1. Früh morgens

Es ist feucht draußen. Der Gartenweg ist dunkel, die Steinplatten glänzen. Grüne Blätter von einem Rosenstrauch glitzern nass. Ein Tropfen geht zu Boden. Meine Hand liegt auf dem schmiedeeisernen Türgriff. Ich drücke ihn hinunter. Langsam, kein Geräusch dabei. Ich spüre die Kälte an meiner Handfläche. Die Gartentür ist nicht verschlossen. Mir genügt ein schmaler Spalt. Ich bin dünn und klein. Jetzt stehe ich auf dem schmalen Bürgersteig. Von hier ziehe ich das Gartentürchen langsam zu. Ein Topfen rollt von einem Rosenstrauchblatt. Meine Augen lösen sich von dem Blatt. Ich sehe nicht, wie der Tropfen zu Boden geht.

Der große Rosenstrauch am Gartenzaun, der kurze Steinplattenweg, das Unkraut rechts und links davon, die Tulpen im Garten meiner Stiefmutter, das alte Bauernhaus meines Vaters, die schiefen Fenster, die braunen Fensterläden, der bröckelnde Putz an der schrägen Hauswand, das alte Schindeldach auf dem Haus, die niedrige Haustür, die graue Blechmülltonne. Vielleicht sehe ich das alles nie wieder.

Es ist früher Morgen. Weil er heute so früh für mich beginnt, ist alles anders. Ich höre keine Geräusche von Autos, von Motorrädern, von Mofas, von Traktoren. Ich höre keine Kuhglocken, nicht die Glöckchen einer Schafherde, nicht den Schäferhund, nicht die gackernden Hühner oder den krähenden Hahn vom Bauernhof neben unserem Haus. Alle Geräusche, die ich vor unserem Haus kenne, fehlen heute Morgen. Ich stehe nur wenige Sekunden auf dem feuchten Bürgersteig vor dem Gartentürchen. Ich höre die feuchten Blätter am Rosenstrauch. Sie rascheln im schwachen Wind.

Das erste Ziel ist jetzt erreicht. Ich stehe auf dem Gehsteig vor unserem Haus. Die schwere Haustür und das Gartentürchen sind überwunden. Mein Herz pocht schnell, die Schnürsenkel in meinen Schuhen sind offen, meine dünne Strickjacke liegt auf meinem rechten Arm.

Vor wenigen Minuten habe ich unser Zimmer verlassen. Meine beiden Brüder Christian und Matthias schlafen auch jetzt noch fest. Leise war ich zur Zimmertür getapst. Die Dielen knarrten, die Zimmertür hatte laut gequietscht. Matthias stöhnte tief und drehte sich um. Christian rührte sich nicht. Im finsteren Korridor war es kalt. Vorsichtig tapste ich weiter über die knarrenden Dielen vorbei an Küche und Esszimmer.

Dieser Morgen hatte in meinen Gedanken schon sehr oft stattgefunden. Vor Monaten hatte ich, in meinem erst zehn Jahre alten Kopf, begonnen drei Bilder von diesem heutigen Morgen zu malen.

Viele schlaflose Abende in meinem Bett neben Matthias und Christian dachte ich, dass der Vater mich windelweich prügeln wird, wenn ich es am heutigen Tag nicht schaffe. In unserem dunklen, kalten Kinderzimmer war ich in den vergangenen Monaten oft bis weit über die Mitternacht hinaus wach gelegen. Unter meiner dicken Bettdecke hatte ich gedacht, dass mein Plan sehr genau durchdacht und der Zeitpunkt gut sein muss, damit er heute gelingen kann. Stundenlang hatte ich viele Nächte mit meiner Angst davor gekämpft, dass der Vater schlagen wird, wie noch nie, wenn mein Plan Fehler hat und heute nicht gelingt. Deshalb mussten meine Bilder in meinem Kopf von diesem Morgen sehr genau und vor allem fertig werden. Ich hatte entschieden, so lange an den Bildern in meinem Kopf zu malen, bis jeder Pinselstrich seinen Platz gefunden hat. In meinem Kopf durfte kein Pinselstrich sein, wo er nicht hingehört.

Nachts in meinem warmen Bett waren nach vielen Monaten schließlich diese drei Bilder vom heutigen Morgen entstanden. Das erste Bild zeigt mich heute früh morgens in unserem Haus. Auf dem zweiten Bild nehme ich in der morgendlichen Kälte den Weg durch unseren kleinen Garten. Das dritte Bild zeigt mich auf dem Bürgersteig vor unserem Garten. Genau so, wie ich das monatelang in meinem Kopf gemalt hatte, geschah alles vor wenigen Minuten.

Das erste Bild:

Der dunkle Korridor von unserem Kinderzimmer ins kalte Treppenhaus liegt schon hinter mir. Ich öffne die Toilettentür. Langsam ziehe ich sie auf, denn nur so quietscht sie nicht. Unter meinem rechten Arm klemmen meine Kleider. Unsere Toilette ist schmal, lang, dunkel und kalt. Die Tür ziehe ich hinter mir zu. Die Holzbretter unter dem grauen Linoleumboden knarren. Sieben Schritte sind es bis zur Plumskloschüssel. Meine Kleidung lege ich auf den geschlossenen Klodeckel. Vor der Schüssel ziehe ich meinen Schlafanzug aus. Ich lasse ihn auf den Boden fallen. Unterwäsche, Socken, T-Shirt und Hose ziehe ich an. Die Strickjacke nehme ich als letzte vom Deckel. Sie behalte ich im rechten Arm. Ich pinkle in die Schüssel. Aus der Sickergrube stinkt es fürchterlich. Ich spüle nicht. Ich bücke mich, schließe dabei den Klodeckel, nehme mit der linken Hand den Schlafanzug und lege ihn über meinen rechten Arm auf meine Strickjacke. So gehe ich von der Toilette zurück ins Treppenhaus.

Der Moment zwischen der Klotür und der Treppe hinunter, ist der gefährlichste. Meine Augen fixieren deshalb eine Tür. Es ist die Zimmertür von Vater und Stiefmutter. Sie darf jetzt nicht aufgehen. Keiner der beiden muss jetzt auf die Toilette. Beide schlafen noch, wie meine beiden Brüder. Alle Hausbewohner, auch Paul, der Sohn der Stiefmutter, oben im zweiten Stock, schlafen fest. Jede Treppenstufe knarrt. Den Knauf von Vaters Schlafzimmertür behalte ich so lange im Blick, wie es geht. Er bewegt sich nicht. Die Tür bleibt geschlossen. Ich erreiche den unteren Treppenabsatz. Vaters Zimmertür sehe ich von hier nicht mehr. Alles geht jetzt sehr schnell und geräuschlos. Ich bücke mich und schlüpfe hastig in meine Schuhe. Von oben höre ich nichts. Vaters Zimmertür bleibt geschlossen. Meine Schuhbänder lasse ich offen. Ich ziehe an dem dunklen Haustürgriff. Der Schlüssel klemmt, das macht nichts. Ich kenne das seit bald einem Jahr. Solange wohnen wir in dem alten Haus. Ich drehe am Schlüssel und ziehe die Haustür auf.

Das zweite fertige Bild in meinem Kopf:

Kalte Morgenluft strömt mir entgegen. Draußen ziehe ich einmal kräftig am Haustürgriff. Das Schloss schnappt ein. Rechts neben der Haustür steht die Mülltonne. Der graue Blechdeckel quietscht leise. Ich schiebe etwas Müll beiseite. Meinen Schlafanzug lege ich hinein. Den Müll schiebe ich darüber. Das ist mein Versteck für den Schlafanzug. Wenn ich heute vom Vater erwischt werde, muss ich versuchen den Schlafanzug unbemerkt aus der Tonne zurückzuholen.

Das dritte und letzte Bild vom heutigen Morgen in meinem Kopf:

Noch stehe ich in meinem dritten Bild. Den glitschigen Gartenweg tapste ich vor Minuten behutsam und sehr schnell entlang. Dabei war ich nicht ausgerutscht. Jetzt stehe ich endlich draußen vor unserem alten Haus, auf dem feuchten Gehsteig und werfe einen gehetzten, flüchtigen Blick durch den Vorgarten hinüber auf das alte Gemäuer, meinem zu Hause.

Hoffentlich wird niemand meinen Schlafanzug in der Mülltonne frühzeitig finden. Wenn alles klappt, wird er wahrscheinlich nie wieder auftauchen. Er wird am Mittwoch von den Müllmännern abgeholt werden. Die werden wie immer die Mülltonne in ihren Wagen kippen. Keiner der Müllmänner wird wissen was er da in den Müllwagen kippt und zusammen mit dem anderen Müll auf die Müllkippe fährt. Kein Mensch wird sich für meinen Schlafanzug in der Tonne interessieren. Der Schlafanzug wird irgendwo auf einer Müllkippe liegen, unter Plastiktüten mit Haushaltsabfall, zwischen leeren Blechdosen. Langsam wird er in Mitten des Müllberges vermodern. Vielleicht habe ich heute die letzte Nacht im Haus von Stiefmutter und Vater in diesem Schlafanzug gezittert. Vielleicht werde ich nie wieder in diesem Schlafanzug im Bett liegen und Angst haben, weil ich den heutigen Tag in meinem Kopf male und plane. Niemand wird sich für die Geschichte dieses Schlafanzuges auf einer Müllhalde interessieren. Niemand weiß, warum ich ihn heute im Morgengrauen in unserer Tonne vergrub. Hoffentlich hat der Schlafanzug, obwohl er noch nicht alt und ausgeleiert ist, heute für immer ausgedient. Vielleicht werde ich ihn nie wieder anziehen.

Auf den drei Bildern in meinem Kopf fehlt etwas. Es ist mein leichtes Zittern, mein Schwitzen, mein immer stärker werdendes Zittern und die Kälte die ich dabei spüre. Jetzt vor dem Gartentürchen ist es wieder da. Es ist das, was ich auch unter meiner Bettdecke immer gespürt hatte. Es ist meine Angst davor, das in meinem Kopf lange Gemalte, das sorgfältig Geplante, das monatelang Gedachte heute endlich zu tun.

Seitdem ich im Haus bei Stiefmutter und Vater wohne, besuche ich die Dorfschule. Sie liegt oben im Dorf, nicht weit vom kleinen Dorfplatz. Mein Lehrer hatte einmal einen Satz aus einem Buch vorgelesen, an den ich immer wieder denken muss. Auch jetzt in den Sekunden auf dem Bürgersteig vor unserem Gartenzaun am feuchten Rosenstrauch, fällt mir dieser Satz wieder ein: „Angst ist ein schlechter Ratgeber.“

In meinem Kopf auf meinen drei klaren Bildern von diesem Morgen fehlt meine Angst. Ich kann sie im Kopf nicht malen, denn sie ist unsichtbar. Sie ist so unsichtbar, dass ich sie auf den drei Bildern in meinem Kopf nicht erkennen kann. Aber sie ist stets da. Sie treibt mich heute schon vor Sonnenaufgang aus meinem warmen Bett, aus unserem Kinderzimmer, aus unserem Haus, durch unser sauberes schwäbisches Gärtchen. Sie treibt mich auf den besenreinen Gehsteig. Sie wird mich heute vielleicht noch den ganzen Tag lang weiter treiben.

Ich glaube nicht, dass meine Angst mein Ratgeber ist. Sie treibt mich an, aber sie berät mich nicht. Ich bin zehn Jahre alt und mich berät mein Kopf. Mein Kopf ist nicht nur voll mit Angst, er ist auch voll mit meinem Denken.

Sehr lange habe ich darüber nachgedacht, was geschehen ist. Mein langes Nachdenken bringt mich heute Morgen vor dieses Gartentürchen. Ich muss es heute tun, weil ich so lange darüber nachgedacht habe und zu dem Ergebnis gekommen bin, dass ich es nicht mehr aushalte. Meine Angst treibt mich dabei an, sie begleitet mich hier her, sie wird mich heute weiter begleiten, aber ich glaube, sie berät mich nicht mehr.

Mein Denken in meinem Kopf verhindert, dass meine Angst mich berät oder gar darüber entscheidet, was ich heute tue. Weil ich so lange über den heutigen Tag nachgedacht habe, hat mein Denken die Angst schließlich besiegt. Nur weil das so gewesen war, gibt es auch Bilder, die ich vor dem heutigen Morgen in meinem Kopf niemals gemalt hatte. Hätte ich sie gemalt, stünde ich jetzt nicht auf dem feuchten Gehsteig vor unserem alten Haus. Jetzt aber, wo ich die ersten Schritte bereits gewagt habe, baut sich in meinem Kopf plötzlich eines dieser Bilder auf. Dieses Bild sieht so aus:

Der Vater liegt neben der Stiefmutter im Bett. Draußen dämmert es. Es ist Samstag, die Familie kann heute ausschlafen. Der Vater muss nicht früh raus. Heute braucht er nicht in seinem weißen Käfer im Morgengrauen zur Arbeit in die Fabrik zu fahren. Trotzdem wacht er genau so früh auf, wie an jedem normalen Arbeitstag. Im seinem Bett dreht er sich um. Er öffnet die schläfrigen Augen und sieht, dass es noch nicht ganz hell geworden ist. Sekundenlang glaubt er, dass er heute zur Arbeit müsse. Deshalb schreckt er auf, denn der Wecker hat nicht geläutet. Jetzt fällt ihm die gestrige Fußballübertragung im Fernsehen wieder ein. Die deutsche Mannschaft ist Fußballweltmeister geworden, ein toller Sieg! Das denkt er jetzt, genauso wie er es gestern Abend schon gedacht hatte. Nun weiß er auch wieder, dass heute Samstag ist. Also kann er im Bett liegen bleiben. Er dreht sich noch mal um. Neben sich im Bett sieht er die Stiefmutter. Sie schläft noch tief. Der Vater schließt die Augen, denn er möchte weiter schlafen. Das Wiedereinschlafen klappt aber nicht. Jetzt spürt er, dass er dringend auf die Toilette muss. Wegen ihrem guten Fußballspiel von gestern Abend, war die deutsche Mannschaft Fußballweltmeister dieses Jahres 1974 geworden. Deshalb liegt ein langer Fernsehabend mit vielen Getränken hinter dem Vater. Das viele Getrunkene will jetzt wieder raus. Die Bettkante knarrt unter seinem großen Gewicht. Der Vater schlüpft in die braunen Pantoffeln. Die Dielen im Schlafzimmer knarren. Über den grauen Steinboden geht er durch das kalte Badezimmer. Schnell erreicht er die Badezimmertür. Sie führt ins Treppenhaus. Quietschend öffnet er sie. Da bleibt der Vater überrascht stehen, denn jetzt sieht er mich. Ich komme gerade aus der Toilette.

Eindeutig, dass ich mich auf der Flucht befinde! In voller Bekleidung sieht mich der Vater. Mein Schlafanzug liegt über der Strickjacke auf meinem rechten Arm. Eindeutig, dass ich das Haus noch vor Sonnenaufgang verlassen möchte. Auch ich sehe den Vater. Ängstlich erstarre ich auf der Treppe. Ich zittere zuerst wenig, dann wird mir sehr heiß, dann zittere ich kräftig, dann wird mir kalt. Schlafanzug und Strickjacke fallen auf die Treppenstufen. Der Vater ist sofort hellwach. Er schreit mich an: „Das gibt’s doch nicht! Was machst du denn hier? Wohin willst du, du freches Bürschchen?“

Ich bleibe, wie so oft in solchen Momenten, bewegungslos zitternd und schweigend stehen. Wie erstarrt stehe ich auf den ersten Treppenstufen vor dem Vater. Ich kann dem Vater keine Antwort geben. Ich glaube, der Vater erwartet gar keine Antwort auf seine laute Frage. Wütend und aufgebracht ist er. Sein Gesicht ist sehr faltig, und jetzt sehe ich, dass es ganz rot von seiner Wut auf mich geworden ist. So stürzt der Vater über die laut knarrenden, alten Dielen im kalten Treppenhaus auf mich zu. Dabei brüllt er zornig: „Die Faxen treibe ich dir jetzt endgültig aus Bürschchen!“

Ich spüre Vaters kalte, feste Hand an meiner Schulter. Sie wirft meinen Rücken gegen die schiefe Treppenhauswand. Ich falle auf die Stufen. Der Vater zieht mich, an meinen Schultern und meinem T-Shirt, über die Treppe zu sich hinauf. Verschwommen erkenne ich jetzt auch die Stiefmutter in der Badezimmertür. Ihr Blick ist hasserfüllt. Es ist der Blick, den ich seit einem Jahr täglich erlebe. Sie hilft dem Vater. Gemeinsam schleifen sie mich ins Wohnzimmer. Jetzt erkenne ich die niedrige, durchhängende Wohnzimmerdecke. Der Putz hat tausend Sprünge. Ich stolpere über die Türschwelle und falle zu Boden. An meinem T-Shirt und meiner Hose ziehen beide mich hoch. Die Stiefmutter schreit: „Du Bürschle brauchscht des einfach jeden Tag! Mir wern’s dir schon noch zoign!“

Der Vater verschwindet für kurze Sekunden. Ich liege auf dem Holzstuhl. Der Vater kommt zurück. Ich spüre seinen scharfen Gürtel. Jeder Schlag zwingt mich zu einem lauten Schrei. Meine Tränen tropfen auf den grauen Teppichboden.

Dieses Bild in meinem Kopf ist hier zu Ende. Ausgerechnet jetzt malt mein Gehirn so ein Bild! Gerade jetzt, in den Sekunden, die ich auf dem nassen Asphalt vor unserem Haus in der morgendlichen Kälte stehe. Dieses Bild kann ich nicht gebrauchen. Warum ist es trotzdem in meinem Kopf? Soll meine Angst jetzt schon zurückkehren? Will sie mich in letzter Sekunde abhalten, das lange Geplante heute endlich zu tun?

2. Der Vorabend

Gestern Abend durfte mein älterer Bruder Christian noch etwas länger fernsehen. Weil das Fußballweltmeisterschaftsspiel gezeigt wurde, waren Stiefmutter und Vater guter Dinge. Meinen jüngeren Bruder Matthias und mich schickten Stiefmutter und Vater wie immer zur täglich gleichen Uhrzeit ins Bett. Wir standen vom Sofa vor dem laufenden Fernsehgerät im Wohnzimmer auf und gingen gemeinsam in unser Schlafzimmer. Dort zog ich meine Kleider sehr langsam aus. Ich legte sie betont ordentlich auf den Stuhl neben meinem Bett. Matthias verließ zuerst das Schlafzimmer. So plante ich das. Ich war einen kurzen Augenblick allein. So konnte ich die Maßnahmen für den heutigen Morgen treffen.

Frisch gewaschene Kleider nahm ich aus unserem Kleiderschrank. Ich versteckte sie unter meinem großen Kopfkissen. Dann verließ auch ich das Zimmer und ging zu Christian in den kalten Waschraum. Christian und Matthias hatten nichts von meinen Vorbereitungen bemerkt.

In der Nacht war ich nur sehr kurz eingeschlafen. Immer wieder wachte ich auf. In einer Art Halbschlaf döste ich vor mich hin. Ich spürte immer wieder meine Angst vor dem kommenden Tag. Deshalb malte ich wieder und wieder die drei Bilder des heutigen Morgens in meinem Kopf. Ich zitterte, schwitzte und fror. Den Plan, das Haus zu verlassen ohne dass es jemand bemerkt, spielte ich immer wieder von neuem durch. Ich fragte nach Fehlern in meiner Vorbereitung und fand keine. Ich überlegte, ob mein Weglaufen durch irgendeine Unbedachtheit zu früh bemerkt werden könnte. Mir fiel nichts ein.

Spät nachts hörte ich Christian. Er öffnete die Zimmertüre und knipste das Licht an. Er setzte sich auf sein Bett, zog seine Schuhe und seine Kleidung aus. Die legte er auf seinen Stuhl neben dem Bett. Seinen Schlafanzug zog er unter dem Kopfkissen hervor. Er zog ihn an, ging zur Zimmertür, öffnete sie und ging zur Toilette.

Durch die kurz geöffnete Zimmertür hörte ich die Stimmen der Stiefmutter und des Vaters. Was sie miteinander besprachen verstand ich aber nicht. Minuten später kam Christian wieder zurück. Die Stimmen der Stiefmutter und des Vaters in der Küche hörte ich nicht mehr. Christian knipste das Licht aus und verkroch sich unter seiner Bettdecke.

Matthias hatte schon lange geschlafen, er atmete schon tief bevor Christian gekommen war. Ich tat so, als schliefe auch ich. Zwei Mal hatte ich lautes Jubelgeschrei aus dem Wohnzimmer gehört. Die Deutschen hatten zwei Tore geschossen. Das Fußballspiel bescherte der Familie einen ruhigen Abend. Deshalb hatte es gestern Abend keine Zwischenfälle gegeben. Der Vater und die Stiefmutter schlugen gestern Abend nicht zu.

Nachdem Christian sich in sein Bett gelegt hatte, wurde es im Haus leise. Die ganze Nacht lang hörte ich nichts, außer den lauten Glocken der Dorfkirche. Bei jedem Glockenschlag zählte ich mit. So wusste ich, wie spät es war. Langsam wurde es in meinem Bett wärmer. Mein Zittern wurde trotzdem nicht weniger.

Irgendwann in der Nacht, als ich noch mal alles genau durchgedacht hatte, war ich mir sehr sicher geworden. Ein wenig Angst spürte ich trotzdem noch. Alles stand deutlich vor meinen Augen. Ich war mir über mein heutiges Fortgehen sicher geworden. Das war nicht mehr nur in meinem Kopf gemalt und geplant. Sondern das Geplante stand klar als eine wichtige Tat vor mir. Es war die nächste Aufgabe für mich. Die Tat stand vor meinen Augen, wie eine Aufgabe, die für den heutigen Tag selbstverständlich zu meinem Leben gehört. Mein Plan war zu etwas geworden, das unbedingt sein muss. Den Fluchtplan heute endlich zu verwirklichen, fühlte ich mich gegen Ende der vergangenen Nacht gezwungen. Die heutige Flucht schien mir genauso notwendig, wie ich täglich trinken und essen muss.

Zitternd wegen meiner Angst sagte ich schließlich zu mir: Du bist derjenige, der hier fortgehen muss. Gehst du nicht, wird alles bleiben wie es ist, und wie es ist, ist es schlecht.

Ich glaube, wegen diesem Satz überwand ich endlich die letzten Bedenken die wegen meiner Angst noch da waren. Der Satz meines Lehrers fiel mir auch vergangene Nacht wieder ein. In meinem Kopf antwortete ich meinem Lehrer: „Vielleicht war meine Angst bisher mein Ratgeber. Sie darf es nicht weiter bleiben! Seit Monaten schon bleibe ich nur deshalb hier, weil ich Angst davor habe, wie schlimm es wäre, wenn der Vater und die Stiefmutter mich beim Weglaufen erwischen würden. Heute Nacht überwinde ich diese Angst! Von ihr will ich mich nicht weiter leiten lassen.“

Schon in den vergangenen Wochen war meine Angst immer weniger hervorgebrochen. In meinem Kopf entstand mehr und mehr Platz für meinen Plan. Die Angst nahm einen immer kleineren Platz ein. Mehr und mehr entstand das Gefühl den Plan zwingend ausführen zu müssen. Es gab keinen anderen Weg oder eine andere Aufgabe mehr, für den heutigen Tag. Über die Umsetzung meines Plans dachte ich nicht weiter nach, als in diesen drei Bildern für den heutigen Morgen. Sie zu Denken kostete mich meine ganze Kraft.

Letzte Nacht gab es keinen Gedanken an die mögliche Endgültigkeit dieses Schrittes. Was danach kommen wird, hatte keinen Platz mehr in meinen Kopf. Gelingen oder Scheitern spielte ich in der vergangenen Nacht nicht durch.

Auch jetzt in den kurzen Sekunden auf dem Bürgersteig können mir die vielfältigen Möglichkeiten, die so ein Denkspiel in meinem Kopf offengelegt hätte, nicht einfallen. Hier draußen in diesen Sekunden in der frischen kalten Morgenluft vor unserem Haus kann ich nicht wissen, dass der heutige Tag nicht nur irgendein Fluchttag ist. Heute ist der Tag an dem ich meine Zukunft entscheide. Zu diesem Gedanken bin ich heute noch nicht fähig, weil ich noch viel zu klein bin, so etwas zu denken.

Meine zehn Jahre alten Füße haben mich gerade aus unserem alten kleinen Haus getragen. Sie werden mich gleich durch unser Bauerndorf tragen. Mein Kopf, mein Denken, das in mir steckt, wollte lange schon nicht mehr hier bleiben. Meine Angst war der Ratgeber, der nur noch meinen Körper in diesem Haus, in dieser Familie hielt. Mein Denken war schon lange weit weg von diesem Ort, von diesen Menschen, von dieser Familie. Lange ließ meine Angst die Umsetzung meines Denkens nicht zu. Das Denken hat jetzt das Übergewicht gewonnen. Meine Angst soll ab jetzt unter meinem Denken bleiben.

Ich glaube, vergangene Nacht war ich irgendwann doch noch eingeschlafen. Denn die Nacht war überraschend schnell vorbei. Durch das Zimmerfenster hatte ich den Nachthimmel beobachtet. Es war hell draußen, eine klare Vollmondnacht. Bereits in der Dunkelheit aufzustehen, um das Haus zu verlassen, hatte ich mich aber nicht getraut. Es war völlig klar, dass ich zu warten hatte bis der Morgen kam.

Morgens hörte ich Geräusche aus dem Stall des Bauernhofes neben unserem Haus. Der Bauer hat viele Milchkühe. Wir holen regelmäßig unsere Milch bei ihm. Noch bevor der Bauer heute Morgen in seinen Stall gehen würde, wollte ich bereits die Dorfstraße hinauf gerannt sein.

Die Kirchturmuhr hatte fünf Mal hintereinander geschlagen. Leise kroch ich unter meiner Bettdecke hervor. Ich richtete sie ein wenig auf. Ich wollte, dass sie so aussieht, als läge ich noch darunter. Unter dem Kopfkissen zog ich die frische Hose hervor. Vom Stuhl nahm ich T-Shirt, Unterhose und Socken. Mein Bett sah ich mir genau an. Es sah aus, als läge ich noch unter der dicken Decke. Ich verließ das Kinderzimmer.

3. Die ersten Schritte

Jetzt laufe ich los. Die schmutzige, steile Dorfstraße marschiere ich eilig hinauf. Die dünne Strickjacke ziehe ich im Laufen über. Immer noch fehlen alle Geräusche, die ich in diesem Dorf auf dieser steilen Dorfstraße täglich auf meinem Weg zur Schule beinahe ein Jahr lang gehört hatte.

Es herrscht Ruhe. Ich kenne den Geruch in der kalten Luft. Er kann zu dieser frühen Stunde nicht fehlen, so wie die Geräusche. Es ist der Geruch des Bauerndorfes. Das sind die vielen Kuhfladen auf der Dorfstraße, es ist die nasse Erde, die Treckerspuren vor mir, es sind die Misthaufen hinter den Bauernhäusern an der Dorfstraße. Es ist der Schweinestall unseres Nachbarbauern aus dem in einer Stunde die Schweine grunzen werden. Diesen Gestank sauge ich jetzt auf. Ich atme tief. Die Straße ist sehr steil. Hinauf brauche ich viel Luft.

Der Gestank des Dorfes ist mir sehr vertraut. Wenigstens etwas, das mir in diesen Sekunden vertraut ist. Aber der Mief beruhigt mich nicht. Ich höre meine stapfenden Schritte auf der Dorfstraße. Sie sind groß. Ich mache sie so groß wie ich nur kann. Ich renne aber nicht. Wenn ich renne, merke ich nicht was um mich herum geschieht. Ich möchte nichts Wichtiges übersehen oder überhören und ich möchte meine Kräfte sparen. Wenn ich renne, brauche ich viel Kraft aber ich habe einen weiten Weg vor mir.

Ich glaube, wenn ich jetzt losrennen würde, könnte ich wegen meiner offenen Schuhbänder in den feuchten Schmutz auf die steile Dorfstraße stürzen. Vielleicht falle ich jemandem auf! Einem Menschen der an der Dorfstraße wohnt und jetzt gerade aus dem Toilettenfenster blickt? Es ist sehr früh am Morgen, es ist noch nicht einmal richtig Tag. Ich laufe allein, mitten auf der leeren Dorfstraße. Ich gehe hier ohne meinen Bruder entlang, denn ich gehe heute nicht zur Schule.

Dass ich so früh im Dorf unterwegs bin, heute am Samstag, wo keine Schule ist! Das ist auffällig. Ich muss nicht noch mehr auffallen, indem ich renne. Ich glaube, um diese Uhrzeit schnell zu rennen auf der Dorfstraße, sieht verdächtig nach Flucht aus dem Dorf aus.

Wenige Meter auf der Dorfstraße liegen jetzt hinter mir. Mir ist schon ganz heiß. Wegen der Jacke, die ich anhabe? Nein, ich glaube es ist mein Denken, dass mich schwitzen lässt.

Es ist wegen dem Mann am Toilettenfenster, der mir gerade einfällt. Ich sehe keinen Mann an irgendeinem Toilettenfenster, denn meine ganze Aufmerksamkeit liegt bei meinen offenen Schuhbändern. Die Möglichkeit, dass mich im Dorf jemand sieht, um diese Uhrzeit, darf es nicht geben. Der Gedanke daran lässt mich schwitzen. Es ist im Grunde gleich, ob ich nun schnell laufe oder renne, beides ist sehr auffällig.

Jetzt darf niemand am Toilettenfenster Richtung Dorfstraße stehen und auf die Straße blicken. Im Dorf darf jetzt, neben mir, kein anderer Mensch unterwegs sein. Das Dorf ist sehr klein, ich kenne nur diese eine Straße, deshalb laufe ich auf ihr. Würde sich ein Bauer jetzt aus seinem Haus machen, muss er mir begegnen. Alle Dorfbewohner kennen mich. Jeder hier weiß, wer ich bin, und jeder weiß, wo ich wohne. Wenn ich jetzt von einem Bauern gesehen werde, ist das mehr als verdächtig.

Ich spüre mein Blut in meinen Adern. Es pulsiert sehr schnell. Ich kenne das aus dem Turnunterricht. Nach dem Laufen sollen wir uns an den Puls fassen und die Schläge zählen. Die Hitze wird fast unerträglich.

„Verdächtig!“

Dieses Wort reicht gar nicht!

Ich spüre das, weil mein Puls rast, obwohl ich noch nicht einmal hundert Meter auf der Straße hinter mir habe. Ein Bauer, jetzt am Klofenster oder auf der Dorfstraße, ich glaube, das wäre das sichere Ende meiner Flucht.

Jeder Bauer der mich jetzt hier laufen sieht, muss sich überlegen, warum er mich so früh laufen sieht. Ich denke an so einen Bauern an der Dorfstraße. Vor dem Toilettenfenster steht er und pinkelt in die Kloschüssel. Das kleine Klofenster ist offen. Verschlafen blickt er kurz hinaus auf die Dorfstraße. Da sieht der Bauer mich, wie ich hier auf der Dorfstraße laufe. Genau in diesem Augenblick eile ich vor seinem Toilettenfenster vorbei.

Sofort denkt der Bauer, dass ich um diese Tageszeit auf der Dorfstraße überhaupt nichts zu suchen habe. Hastig beendet er sein Pinkeln, denn er hat nur eine Idee im Kopf:

Das Telefon!

Der Bauer verlässt schnell die Toilette. Er spült nicht. Er hat nur noch das Telefon im Kopf. Seine Schlafanzughose zieht der Bauer im Laufen hoch. Die Klotür vergisst er zu schließen, auch die Wohnzimmertür lässt er offen stehen. Dort eilt er an das Telefon. Die Telefonnummer findet er sofort, denn im Dorf kennt jeder jeden.

Das Telefon im Wohnzimmer des Vaters klingelt laut und schrill. Es weckt jeden Bewohner im Haus. Heute Morgen muss es sehr lange läuten, denn Vater und Stiefmutter sind noch sehr müde, wegen des langen Fußballabends gestern. Der Bauer wartet. Den Telefonhörer hält er an sein Ohr, das Gerät in der anderen Hand, versucht er soweit zu gehen, wie es die Telefonschnur zulässt. Das reicht gerade bis zur Küchentür. Von dort kann er durch das Küchenfenster jetzt die Dorfstraße sehen. Ich laufe dort aber nicht mehr.

Ich bin schon vorbei an seinem Haus. Jetzt lässt der Bauer das Läuten sein, er hängt wieder ein. Er stellt das Telefon zurück in sein Wohnzimmer. Vielleicht denkt er, dass er nur geträumt hat von mir, dem laufenden Knaben auf der dreckigen Dorfstraße.

Der Bauer ist müde, wie alle Menschen an diesem Morgen im Dorf. Alle haben gestern Abend lange den Sieg der deutschen Fußballer gefeiert. Der Bauer geht zurück ins Schlafzimmer, er legt sich wieder in sein Bett.

Ein klingelndes Telefon. Ein aufgeregter Bauer in der Leitung, der den Vater auf den eilig marschierenden Sohn auf der Dorfstraße hinweist. Das wäre ein schlimmes Ende. Es wäre sehr traurig. Es wäre eine Katastrophe für mich. Warum denke ich jetzt genau daran?

Es ist ganz schlecht, daran zu denken, und trotzdem tue ich es. Und ich denke noch weiter: Der Bauer liegt wieder in seinem Bett. Er kann aber nicht mehr einschlafen, obwohl er nicht aufs Klo muss, denn da war er ja gerade erst gewesen. Was er vor Sekunden gesehen hatte, war vielleicht doch kein Traum. Wenn der Bauer das denkt! Jetzt fällt mir Vaters scharfer Ledergürtel ein. Da spüre ich sie wieder: Meine Angst vor schmerzenden Schlägen, vor der Wut des Vaters. Sie scheucht mich eilig durch das kleine Dorf. Noch nie zuvor war ich so schnell im Dorf unterwegs.

Meine Schuhbänder öffnen sich immer weiter. Ihre Enden klackern gegen die Schuhe. Sie machen: Zack, zack, zack, zack. Sie wollen gebunden werden. Die Schuhe lockern sich mehr und mehr. Das Binden geht jetzt noch nicht. Die Schuhe müssen noch warten. Sie müssen mich noch weiter fort tragen, bevor ich sie binden kann. Das Binden könnte mich zu viel Zeit kosten. Mich jetzt zu bücken, wo ich erst etwa das halbe Dorf durchquert habe, und die Bänder zu binden, das könnte zu früh sein. Gerade in dieser Situation, in diesen Sekunden, könnte mich ein Bauernblick entdecken.

Ein kleines, zehnjähriges Bürschchen mitten auf der Dorfstraße und das am Samstag, morgens um fünf Uhr! Gebückt bindet sich das Bürschchen die Schuhe. Nervös fummelt es an den Bändern herum, bleibt nicht still gebückt stehen, sondern macht noch im Binden und Bücken weitere Schritte die Dorfstraße hinauf. Wie komisch das aussieht! Schuhbinden, Bücken und Laufen gleichzeitig. Jetzt stürzt das Bürschchen fast! Was soll das? Warum so eilig? Warum steht der nicht in Ruhe auf einen Stein gestützt und bindet seine Schuhbänder? Warum Rennen, Binden und fast zu Boden stürzen? Der hechelt und ringt ja nach Luft! Der kann ja kaum noch atmen, so aufgeregt ist der! Wer ist denn das überhaupt? Was macht das Bürschchen so früh draußen auf der Straße? „Hee, was machst Du da? Wo willst’n hin? Hee, kenn ich dich nicht, bist du nicht ein Sohn vom alten …!“ Jetzt klopft mein Herz ganz schnell, ich platze fast vor Hitze, mein Gang wird von Schritt zu Schritt noch schneller.

4. Dorfladen, Dorfplatz und Schulhaus

Links sehe ich jetzt den kleinen Dorfladen. Die braunen Fensterläden sind verschlossen. Die alte Frau Maier liegt in ihrem Bett über dem Laden und schläft. Vielleicht träumt sie von kleinen Dieben vor ihrem Laden. Dort sehe ich den Kaugummiautomaten. Er hängt neben der Eingangstür und er ist immer noch kaputt. Die Schublade steht offen.

Mein Bruder Christian und ich hatten das vor einigen Tagen angerichtet. Mit nur einem fünfzig Pfennigstück hatten wir das geschafft. Statt nur einem Päckchen, angelten wir zwei Päckchen aus dem Automaten. Das erste Päckchen nahm Christian heraus, nachdem ich die fünfzig Pfennig eingeworfen hatte. Er hatte die leere Schublade ganz langsam zugeschoben und sie auf halber Stellung festgehalten. Ich hatte mit meinen dünnen, langen Fingern hineingepult und die nächste Packung langsam herausgezogen. Matthias hatte am Rand der Dorfstraße Schmiere gestanden. Die Schublade lässt sich nicht wieder verschließen. Sie steht immer noch offen.

Jetzt, wo ich an Frau Maiers Laden und dem kaputten Automaten vorbeilaufe, denke ich: Warum kein Bauernblick aus einem Klofenster, während wir uns im Dorf am einzigen Kaugummiautomaten vor Frau Maiers Laden zu schaffen gemacht hatten? Gibt es Bauern, hier im kleinen Dorf, die so etwas sehen und sich trotzdem nicht dafür interessieren? Eigentlich dürfte es in diesem winzigen Dorf kaum möglich sein, dass uns am Kaugummiautomaten niemand beobachtet hatte. Denn oft habe ich das Gefühl, dass im Dorf jeder Mensch genau weiß, was die Nachbarn tun, vor allem glaube ich, dass die Erwachsenen im Dorf genau wissen, was wir Kinder den Tag lang tun. Doch vielleicht täusche ich mich. Vielleicht kommt es doch häufiger vor, als ich es glaube, dass in diesem Dorf kein Bauer irgendetwas sieht und hört!

Unsere lauten Schreie durch die dünnen, zugigen Fenster im Kinderzimmer fallen mir da ein. Weil der Vater abends ungestört seinen Gürtel benutzt, könnte es sein, dass ich mich mit meiner Vorstellung von diesem Dorf täusche. Niemals hatte ein Nachbarbauer an unserer Haustüre geläutet und nachgefragt, woher das Knallen dieses scharfen Lederriemens stammt und warum dazu dieses kreischende Kindergeschrei ertönt.

Vielleicht war es genauso auch mit diesem Kaugummiautomaten gewesen. Ein Bauer dieses kleinen Dorfes, der mich und meinen Bruder nachmittags am Automaten hantieren sieht, interessiert sich vielleicht nicht dafür. Ein Bauer, der Kinder laut schreien und weinen hört, interessiert sich für diese Geräusche aus unserem Haus vielleicht so wenig, wie für das Blöken der Schafe auf der Weide. Interessiert meine schnelle Flucht durch das Dorf? Vielleicht denkt kein einziger Bauer in diesem Dorf über uns Kinder am Kaugummiautomaten, oder über unsere Schmerzensschreie aus dem alten Bauernhaus, oder über einen flüchtenden Zehnjährigen um fünf Uhr morgens auf der Dorfstraße nach.

Ich weiß nicht, ob das so ist. Wenn es so ist, dann könnte ich jetzt, wo ich schon vorbei bin am einzigen Laden im Dorf, langsamer werden. Könnte ich mir mehr Zeit lassen? Vielleicht könnte ich gemütlich pfeifend die Dorfstraße hinaufschlendern. Ich könnte so tun, als wäre es normal, dass ich jetzt hier laufe. Wenn ich langsamer ginge, müsste ich nicht so sehr auf die vielen Kuhfladen und die rutschigen Treckerspuren auf der Dorfstraße aufpassen. Ich könnte auch die Häuser am Wegrand noch einmal genau betrachten.

Eigentlich bin ich ja nur ein winziges zehnjähriges Bürschchen, das zu Hause nicht mehr bleiben mag! Dass ich nicht mehr mag, ist für alle Bauern in diesem Dorf doch völlig uninteressant. Dass ich jetzt auf der Flucht bin, ist deshalb vielleicht gar kein Grund für meine Eile, denn sie interessiert niemanden.

Warum also meine innere und äußere Unruhe? Warum dieses schnelle, beinahe panische Herumhüpfen zwischen den matschigen Kuhfladen die steile Dorfstraße hinauf? Warum dieses hektische Ausweichen vor dem feuchten, glitschigen Dreck, der braunen Erde, den vielen Pferdeäpfeln auf der Dorfstraße?

Der Weg hinauf zum Dorfplatz wäre viel einfacher zu laufen, er wäre nicht so anstrengend, wenn ich langsamer ginge, wenn ich mir mehr Zeit ließe. Das geht nicht, ich kann es nicht! So denke ich. Ich muss schnell weg hier. Ich kann mir jetzt nicht erklären, warum ich das nicht kann. Vielleicht fällt mir später eine Erklärung ein. Jetzt, in diesen aufregenden Sekunden durch dieses Dorf, denke ich zwar kurz daran, dass meine Flucht eigentlich normal sein könnte, aber ich denke gleichzeitig auch an das andere.

Ich denke, dass dies, was ich hier um fünf Uhr morgens gerade tue, vielleicht notwendig und deshalb vielleicht für mich normal sein könnte, doch eines ist es sicherlich nicht für die Menschen in diesem Dorf: Mein Laufen hier und jetzt ist nicht alltäglich. Alltäglich in diesem winzigen, nach Stallmist stinkenden Dorf ist vielleicht das Schmerzensgeschrei von uns Kindern, das die Dorfbewohner täglich aus unserm Haus hören. Ich glaube, das ist in diesem Dorf ein Stück Alltag und damit Normalität für alle Dorfbewohner, weil es ebenso regelmäßig zu hören ist, wie das Zwölfuhrschlagen der kleinen Dorfkirche neben unserem Haus. Ich kann jetzt nicht gelassen sein. Das, was ich gerade tue, gehört nicht zum Alltag in diesem Dorf. Deshalb muss ich mich sehr beeilen.

Jetzt erkenne ich schon das große braune Haus. Es ist die Dorfkneipe. Die einzige Gaststätte im Ort. An ihr laufe ich hastig vorbei. Hastig? Ich merke, dass ich jetzt richtig renne. Meine offenen Schuhe fühlen sich an wie große Schlappen. Ich könnte sie verlieren. Deshalb werde ich wieder langsamer.

Es ist der winzige Dorfplatz vor der Kneipe. Wegen ihm bin ich so schnell geworden. Meine Augen tränen wegen der Anstrengung auf der steilen Straße. Mir war gerade, als sitze dort ein Mann auf der Bank am Platz. Deshalb denke ich sofort: Oh nein, auf dem Dorfplatz sitzt ein Betrunkener! Vielleicht hatte der es gestern Abend nicht bis nach Hause geschafft. Nach dem Fußballspiel hatte er als letzter betrunkener Gast die Dorfkneipe verlassen. Die Treppenstufen vor der Kneipe war er hinunter gestürzt. Mit schweren Kopfschmerzen hatte er sich auf der Bank am Dorfplatz wieder hochgerafft. Vielleicht ist es der Bauer vom letzten Bauernhof am Ende des Dorfes. Weil er den weitesten Weg nach Hause hat, hatte er sich, schwer betrunken wie er war, auf die Bank gesetzt. Nur fünf Minuten, so hatte der Mann gedacht, sollten es werden. Wenn er seine Kräfte wieder gesammelt hätte, wollte er weitergehen. Sofort war er trotz der kalten und mondhellen Nacht eingeschlafen. Er war zur Seite weggekippt und blieb die Nacht über auf der Bank am Dorfplatz liegen.

Kein Mensch liegt da auf der Bank am Dorfplatz! Es ist ein voller Kartoffelsack, der dort liegt. Weil ich das zu erkennen glaube, schnaufe ich tief durch. Ich wische mit meinem Jackenärmel über meine verschwitzte Stirn und meine Augen. Jetzt sehe ich noch weniger, doch ich bin froh, als ich ein wenig verschwommen erkenne, dass tatsächlich niemand auf der Bank beim Dorfplatz sitzt.

Warum setze ich mich nicht einfach hin? Warum nicht einfach gemütlich dasitzen und auf die alte Dorfstraße schauen? Vielleicht wird das mein letzter Blick vom Dorfplatz aus die Dorfstraße hinunter. Warum nicht jetzt, um kurz nach fünf Uhr morgens auf der Flucht, so tun als sei ich nur Tourist in meinem kleinen Dorf?

Ich weiß, was ein Tourist ist. Es ist jemand, der in einen Ort kommt, dort nur kurz bleibt und wieder verschwindet. Ich kenne das. Ich habe Jahre lang in einem gebirgigen Touristenort in Oberbayern gelebt. War ich nur für kurze Zeit hier im Dorf? Seit fast einem Jahr bin ich hier. Viel zu lang für einen Touristen und sicherlich zu kurz um es „mein Dorf“ zu nennen. Nein, ich bin kein Tourist in diesem Dorf. Ein Tourist kommt freiwillig, er bleibt freiwillig und er geht freiwillig wieder nach Hause.

Kam ich freiwillig in dieses Dorf? Ich erwartete Anderes hier, Schöneres. Ich erwartete meine Familie. Ich erwartete sie nicht im Originalzustand aber immerhin, was ich erwartete, war ein gehöriges Stück von ihr. Die Familie eben. Etwas das ich lange nicht gehabt hatte, etwas das ich in diesem Dorf bei meinem Vater und der Stiefmutter zu finden glaubte. Darauf hatte ich mich gefreut, als ich gekommen war. Somit ist es eindeutig: Ich war freiwillig gekommen, denn ich hatte geglaubt, hier etwas Schönes und Wichtiges für mich zu finden. Aber schon nach kurzer Zeit hatte ich gespürt, dass es mit der Freiwilligkeit, hier zu bleiben, immer schwieriger wurde. Mehr und mehr hatte ich mich zu bleiben gezwungen gefühlt. Mehr und mehr spürte ich auch meine Angst. Langsam hatte sie sich zum Grund entwickelt, der mich noch hier im Dorf bei der Familie gehalten hatte. Meine Angst hatte mich lange Zeit gezwungen, in diesem Dorf zu bleiben.

Heute gehe ich. Ich gehe freiwillig. Ich will heute gehen. Diese Freiwilligkeit ist anders, als meine Freiwilligkeit, mit der ich, vor etwa einem Jahr, zu Vater und Stiefmutter gekommen war. Ich meine, es ist eine sehr klare Freiwilligkeit. Denn im zurückliegenden Jahr habe ich Vater und Stiefmutter kennen gelernt. Nur deshalb entscheide ich mich heute für diese Flucht. Für mein Kommen, vor einem Jahr, hatte ich mich entschieden, ohne beide richtig zu kennen.

Tourist bin ich also sicherlich nicht. Vielleicht bin ich Sucher. Ich hatte hier nach einer Heimat und nach meiner Familie gesucht. Die Suche beende ich heute. War ich erfolglos? Ich fand meine Familie, aber sie wurde mir keine Heimat, sie war ganz anders, als ich es erwartet hatte. Sie war unerträglich.

Meine Schritte werden jetzt langsamer. Ich komme an der alten Dorfschule vorbei. Sehe ich sie heute das letzte Mal? Dann war gestern der letzte Tag, an dem ich sie besucht hatte. Vor der Mauer rings um die Schule bleibe ich stehen. Der steile Anstieg der Dorfstraße liegt jetzt hinter mir. Die Dorfstraße ist hier flach. Ich schaue über die Mauer. Dort sehe ich den gepflasterten Schulhof, in dessen Mitte das graue, hohe Schulhaus steht.

Warum stehe ich jetzt hier und schaue? Vor Minuten war ich noch beinahe panisch am Dorfplatz vorbei gerannt.

Meine Schule ist das größte Haus im Dorf. Es hat drei Stockwerke. Ganz oben, unter dem spitzen Dach ist ein Speicher. Allerlei Gerümpel liegt da herum. Mit meinem Lehrer war ich einmal dort gewesen. Verstaubte, riesige Landkarten hatten Matthias und ich vom Speicher hinunter getragen. Der Lehrer hatte sie im Klassenzimmer an die Wand gehängt. Er hatte uns genau erklärt, wo auf der Landkarte Deutschland liegt und wo wir in Deutschland unser winziges Dorf finden. Leider hatte mich das an dem Tag nicht besonders interessiert.

Erst heute vor dem alten Dorfschulhaus spüre ich, dass ich die Dorfschule gerne besucht hatte. Nicht nur deshalb, weil dort weder Vater noch Stiefmutter waren, sondern auch, weil der Lehrer damals erklärt hatte, wo wir hier in Deutschland leben. Wenn mich das an diesem Vormittag auch nicht interessiert hatte, so weiß ich deshalb doch, dass man auf der Landkarte auch den Ort finden kann, in dem ich lange Zeit gelebt hatte, bevor ich zu Vater und Stiefmutter hierher nach Baden Württemberg gekommen war. Ich glaube, diesen Ort, dieses Dorf hier werde ich mir noch lange merken. Wichtig ist der Ort, weil es der Platz ist, an dem ich dieses Jahr beim Vater gelebt hatte. Ich glaube einen Ort, in dem man lebte, wie ich hier bis heute beim Vater gelebt habe, so einen Ort vergisst man nie.

Weil hier im Dorf meine Familie war, weil ich bei meiner Familie gewesen war, zusammen mit meinen Geschwistern, weil wir hier alle zusammen gelebt hatten, wird der Ort wichtig bleiben für mich. Das spüre ich jetzt schon, wo ich nicht einmal eine Viertelstunde aus dem Haus des Vaters bin.

Schon jetzt ist in meinem Kopf das, was in diesem Ort gewesen war, zu etwas geworden, das vergangen ist. Schon jetzt beginnt die Erinnerung. Schon jetzt ist das Vergangenheit, worin ich noch vor einer halben Stunde mit Haut und Haaren gesteckt hatte. Warum spüre ich das jetzt schon? Habe ich hier etwas zu verlieren? Bin ich gerade dabei, hier in diesem Ort etwas Wichtiges zu früh aufzugeben? Ist es etwas, das ich nicht schon jetzt, heute, der Vergangenheit geben möchte? Was ist das, was mich jetzt so wehmütig macht?

Ich glaube es ist die Trauer um meine Familie, die ich in diesem Ort nicht finden konnte und die ich heute der Vergangenheit übergebe. Jetzt, in diesen Sekunden schon, spüre ich Trauer wegen der ich hier minutenlang am Dorfschulhaus stehen bleibe. Jetzt schon beginnt der schmerzliche Abschied, wo ich das Dorf meiner Suche noch nicht einmal ganz verlassen habe.

Ich spüre Schmerzen, obwohl der Vater nicht seinen Gürtel auf meinem Rücken und Hintern spielen lässt. Mein Schmerz kommt von innen. Er steigt langsam in mir auf. Es wird schmerzhafter, je länger ich hier stehe und denke, wie ich denke. Weil ich mein Denken nicht abschalten kann, spüre ich immer mehr Abschiedsschmerz. Es ist meine Trauer über das nicht Gefundene in diesem Ort. Jetzt werden meine Augen nass und ich erkenne mein Schulhaus nur noch schwer. Das alte Dorfschulhaus verschwimmt. An einem dünnen Baumstamm neben der Schulhofmauer, halte ich mich fest, denn ich glaube, ich könnte jetzt umkippen. Mein Herz rast, ich atme tief. Möchte ich doch noch länger hier bleiben?

Nein!

Ich kann jetzt nicht so weiter denken, ich muss aufhören mit dieser frühen Traurigkeit. Sie kommt zu früh, viel zu früh. Jetzt und heute ist der Vater noch sehr dicht hinter mir her. Ich bin noch lange nicht weit genug weg. Ich kann geschnappt und zurückgebracht werden. Mein Leben beim Vater in diesem Dorf ist heute noch nicht meine Vergangenheit. Was in diesem Dorf gestern für mich gewesen war, ist immer noch heute. So muss ich denken! Ich darf lange noch nicht wehmütig träumen. Ich darf lange noch nicht Schmerzen zulassen, wegen meiner Vergangenheit und Familie in diesem Dorf. Es ist noch nicht vergangen. Meine heutige Flucht muss erst noch gelingen.

Es ist gefährlich und sehr leichtsinnig von mir, so lange vor meinem Schulhaus zu stehen. Meine Gedanken und Gefühle vor der Dorfschule hätten mich vielleicht vor einer halben Stunde, in meinem warmen Bett liegen lassen. Vielleicht hätte ich so meinen Fluchtplan ins Wanken gebracht. Hätte ich schon vor eine halben Stunde im Haus des Vaters gespürt und gedacht, was ich jetzt hier vor dem Schulhof spüre und denke, vielleicht wäre dann der nicht umkehrbare Gedanke an meine heutige Flucht zusammengebrochen. Bestimmt wäre ich im warmen Bett im Haus des Vaters liegen geblieben.

Vielleicht hätte ich über diese Minuten, diese Schritte, vorbei am Laden von Frau Maier, dem Dorfplatz, der Dorfkneipe, der Dorfschule, viel genauer nachzudenken gehabt. Vielleicht habe ich noch nicht genug nachgedacht! Vielleicht bin ich doch noch zu klein, um so einen Schritt zu tun. Wie lange muss ein Kind nachdenken, um zu tun was ich heute tue? Wie viele Stunden, Tage, Wochen, Monate müssen es sein? Vielleicht wären Jahre nötig.

Ein ganzes Jahr bin ich beim Vater. Reicht das? Ich weiß es nicht. Vielleicht denke ich zu kurz, zu wenig, zu wenig genau. Warum glaube ich, schon nach einem Jahr, ich hätte genug darüber nachgedacht?

Wahrscheinlich ist alles völlig normal beim Vater und bei der Stiefmutter. Und überhaupt, wie ist das mit den Stiefmüttern? Warum werden sie immer schlecht gemacht, im Märchen wie in Wahrheit? Ich glaube, dass ich Stiefmütter nicht schlecht machen will. Ich glaube ich kann das gar nicht. Ich bin zu klein, um so etwas zu tun. Aber ich weiß, dass diese meine Stiefmutter wirklich schlecht ist. Ich habe das ein Jahr lang erlebt und täglich gespürt.

Obwohl ich nur diese eine, meine schlechte Stiefmutter kenne, denke ich, dass Stiefmütter in Wahrheit gute Mütter sind. Wahrscheinlich gibt es gar keine schlechten Mütter. Denn richtige Mütter und Stiefmütter wollen ihren Kindern Mütter oder Stiefmütter sein, schon deshalb tun sie sicherlich nicht absichtlich Böses.

Bei uns zu Hause ist das, glaube ich, etwas anderes. Ich glaube, dass die Stiefmutter uns gar keine Mutter sein will. Ich glaube sie will nicht mit uns zusammenleben. Deshalb ist sie so, wie sie ist. Sie ist unerträglich. Sie hasst uns. Im Haus des Vaters spüre ich den Hass der Stiefmutter täglich. Nur wer mich hasst, kann mich ansehen wie diese Stiefmutter. Es kann nur Hass sein, der diese Stiefmutter dazu brachte, auf mir herumzutrampeln, wie sie es täglich getan hatte.

Ich glaube das. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es nicht vielleicht normal ist. Vielleicht ist es einfach das normale Leben, das ich noch zu wenig kenne. Vielleicht muss es so sein, wie es hier ist, wenn man ein Kind ist. Vielleicht ist es normal so, wie ich es im Haus des Vaters täglich erlebe. Das alles ist vielleicht nicht so schlimm, wie ich es finde. Die schmerzlichen Schläge, das Schreien, das Weinen, es gehört täglich dazu, zu meinem Kinderleben.

Ich will es aber anders! Aber was soll das? Was du willst, ist nicht das Leben! Warum willst du das anders? Warum läufst du heute davon? Das geht nicht Freundchen! Hiergeblieben Kleiner! Jetzt habe ich wieder im Ohr, wie die Stiefmutter schreit:

„Du warts’t jetzt in dei’m Zimmer bis Abends dei Vadder kummt! Der wird’s da scho zoing!“

Das ist mein Kinderleben. Es ist nicht schlimm! Es gibt viel Schlimmeres! Was willst du denn? Dir geht es doch nicht schlecht! Millionen Kindern geht es viel schlechter! Die Welt ist riesig, das hatte ich auf den Landkarten in der Dorfschule gesehen. Da muss es unzählige Kinder geben, denen es viel dreckiger geht als mir.

Was jammerst du also so? Warum morgens um Fünf auf die Dorfstraße? Warum Flucht, wo es noch viel, viel Grauenvolleres gibt als diese Stiefmutter und mein Leben beim Vater?

Nein!

Das alles mag stimmen, aber daran zu denken darf jetzt nicht sein! Es darf nicht länger so bleiben, dass ich jeden Tag, den ich bei Vater und Stiefmutter lebe, daran denke und arbeite, an einem Tag wie heute zu fliehen. Dieser Tag ist nach einem Jahr gekommen. Der Tag ist heute. Ich darf nicht denken, dass ich doch noch bleiben sollte. Das hätte keinen Sinn, denn ich würde, wenn ich bliebe nur wieder ständig an die Flucht denken. Der Tag ist wirklich heute! So muss ich denken! Der Tag heute ist gut, es ist der beste Tag für meine Flucht. So denke ich ab jetzt!

5. Unser Versteck

Von der Dorfschule laufe ich jetzt schnell weiter. Aber schon nach wenigen Schritten bleibe ich wieder stehen. Ich sehe hinüber zu unserem Versteck. Es liegt hinter dem alten Gemäuer. Es ist eine alte Scheune. Sie liegt zwischen dem stillgelegten Freibad und dem Schulhaus. Vielleicht werde ich mich nie mehr dort oben auf dem morschen Dachboden, zwischen einem Haufen alter Bretter und vergessenen Strohballen verstecken. Langsam gehe ich weiter, fast normal gehe ich, gemächlich. Doch ich kann nicht munter pfeifen. Ich mache hier keinen Spaziergang. Ich sehe über die Backsteinmauer zur verlassenen Scheune. Gerne würde ich mich da oben hineinlegen und noch etwas schlafen. Nach der kurzen Anstrengung die Dorfstraße hinauf, bin ich jetzt sehr müde.

Die Scheune ist ein Platz den ich vermissen werde. Um die Scheune hatten wir Geschwister viel gespielt. Vor der Scheune hatten wir uns nachmittags oft mit anderen Kindern aus dem Dorf getroffen. Oben in der Scheune hatten wir uns vor der lärmenden Stiefmutter versteckt, wenn wir es mussten. Das mussten wir oft. Unser Versteck in der Scheune hatten wir vor der Stiefmutter geheim gehalten. Weil sie das Versteck nicht gekannt hatte, fühlten wir uns dort vor ihr sicher. Da hatten wir unsere gestohlenen Kaugummis gelagert, weil sie Zuhause zu schnell entdeckt worden wären.

Zuhause gibt es keinen Platz, den die Stiefmutter oder der Vater nicht regelmäßig durchstöbern. Misstrauisch durchsucht die Stiefmutter alle Schränke im Kinderzimmer, sie sucht unter unseren Matratzen. Was sie dort sucht, weiß ich nicht. Ihr traut keines meiner Geschwister, auch ich misstraue ihr. Deshalb ist es viel zu gefährlich Kaugummis in den Hosentaschen zu lassen. Die Stiefmutter würde sie sicherlich finden. Sie würde uns nicht einmal fragen, ob sie gestohlen sind. Stattdessen schlägt sie sofort zu. Wir bekommen kein Taschengeld, deshalb können wir nichts kaufen und deshalb ist klar, dass Kaugummis in unseren Hosentaschen gestohlen sein müssen.

Oben in der hohen Scheune hatte ich mit Christian zusammen meine ersten Zigaretten geraucht. Auch die waren gestohlen. Wo Christian sie gestohlen hatte, weiß ich nicht. Wenn wir nachmittags geraucht hatten, durfte die Stiefmutter davon niemals erfahren. Für uns hätte das eine unvorstellbare Katastrophe bedeutet. Trotzdem waren wir oft in unserem Versteck gewesen um dort zu rauchen. Wegen des Geruchs in unseren Mündern hatten wir auch die gestohlenen Kaugummis gebraucht.

Von der Scheune aus hatten wir beinahe jeden Nachmittag unser Schulhaus genau beobachtet. Dabei rauchten wir die Zigaretten. Unser Blick war täglich von da oben hinüber gewandert, über die große Wiese und den Schulhof, bis hinein in die helle Turnhalle. Dort übte nachmittags eine Kindertheatergruppe. Ich hatte keine Lust mitzuspielen. Die Nachmittage verbrachte ich lieber in der Scheune. Ich brauchte die paar wenigen Stunden. Ich brauchte die kurze Zeit und die Ruhe um unbeobachtet von der Stiefmutter zu sein.

Von der Scheune aus hatten wir auch die Bibelgruppe oft beobachtet. Nachmittags um drei Uhr hatte sie sich immer getroffen. Singende Kinder im Stuhlkreis waren in einem großen, hellen Klassenzimmer mit hohen Fenstern versammelt. Zwei Gruppenleiter hatten mit ihnen gesungen und gespielt. Nur einmal hatten Matthias und ich dort mitgesungen, es war in den ersten Wochen nachdem wir in das Dorf gezogen waren.

Wir hatten die Stiefmutter erst zwei Monate zuvor kennen gelernt und wir hatten ihr noch ein wenig vertraut. Deshalb hatten wir abends einfach von der spielenden Kindergruppe erzählt. Wir waren begeistert gewesen von den Kindern, die wir im Stuhlkreis kennen gelernt hatten. Die Gruppenleiter, das Spielen und das Singen im Kreis hatte uns Spaß gemacht.

Ich glaube, die Stiefmutter und der Vater hatten das nicht recht verstanden. Warum sonst hätten wir nicht mehr hingehen dürfen, wo es uns so gut gefallen hatte, wo wir Spaß hatten, wo wir Kinder aus unserem neuen Dorf kennen gelernt hatten? Das kann nicht der Grund gewesen sein, warum uns die Stiefmutter diese Gruppe einfach verboten hatte. Die Stiefmutter hatte keinen Grund genannt, auch der Vater nicht. Warum wir nicht wieder dort hin gehen durften, verstehe ich heute immer noch nicht. Zuhause hatten wir nie mehr über diese Gruppe gesprochen.

Ich fand das nicht so schlimm, denn ich hatte ja unser Versteck in der Scheune gefunden. Ich gewöhnte mich schnell an diesen Platz. Oft hatte ich mich dort auch alleine aufgehalten, wenn Christian im Konfirmandenunterricht war. In der Scheune hatte ich Zeit zu beobachten, was rund um die Dorfschule geschah.

Das Wichtigere aber war, dass ich in ihr die Ruhe gefunden hatte, um nachzudenken. Im Versteck in der Scheune hatte ich zum ersten Mal gespürt, dass ich die Aufgabe hatte, über mein Kinderleben nachzudenken. Ich hatte da oben zwischen den alten Strohballen die Ruhe gefunden, Gedanken zuzulassen, die im Laufe der Monate von selbst gekommen waren. Die sagten mir, dass etwas geschehen müsse. Dort oben zwischen den Strohballen hatte ich begonnen, den Fluchtplan des heutigen Tages zu schmieden.

Der Gedanke an die heutige Flucht war nicht sofort da gewesen. Der Gedanke war sehr langsam entstanden, er entwickelte sich über viele Tage, Wochen, Monate.

Wie war der Nachmittag in der alten Scheune gewesen, woran hatte ich an diesem Nachmittag gedacht, damit der Fluchtplan im meinem Kopf langsam in Gang kommen konnte? Wie kam die Idee langsam in meinen Kopf hinein, dass ich heute das Haus von Vater und Stiefmutter verlassen würde?

An diesem Nachmittag sitze ich oben in der Scheune auf einem alten Holzbrett, das rechts und links auf zwei Strohballen lagert. Ich sitze angelehnt an einer Bretterwand. Es ist November. In der Scheune ist es eisig kalt. Ich friere noch nicht, denn ich sitze noch nicht lange dort. Unten sehe ich das alte Schwimmbecken. Obwohl es so eisig kalt ist, denke ich daran, wie schön es wäre, in dieser Scheune zu wohnen.

Das alte Freibad vor der Scheune ist zugefroren. Ich könnte, wenn ich hier wohnte, jeden Tag darauf Schlittschuhlaufen. Wenn ich Schlittschuhe hätte, wäre das die Gelegenheit, um das Eislaufen so gut zu lernen, wie es die Kinder in meiner alten Schule beherrscht hatten. Ich könnte jeden Tag so lange üben, wie ich dazu Lust hätte. Es würden keine Kinder am Rand stehen, die sich lustig machten, wenn ich mal stürzte. Es wäre eine tolle Sache, denn hier könnte ich das Schlittschuhlaufen so gut lernen, dass ich in dem Eisstadion, in dem oberbayerischen Gebirgsort, wo meine alte Schule liegt, wieder auftauchen könnte. Dann könnte ich sogar in der Eishockeymannschaft mitspielen. Die übliche Show, die wir in dem Gebirgsort auf dem Eisplatz wegen der Mädchen abgezogen hatten, könnte ich mir hier, vor meiner Scheune, sparen weil ja keine Mädchen da wären. Hier könnte ich in Ruhe so lange das Eislaufen üben, bis ich so gut Eislaufen kann, dass ich den Mädchen überhaupt nichts mehr vorzumachen brauchte. Die würden schon von selbst sehen, dass ich auch so ein toller Schlittschuhläufer geworden bin, wie die anderen Kinder in meiner alten Schulklasse.

Ich glaube, so hatte es begonnen, mit meinen Gedanken in der Scheune. Jeden Tag war etwas mehr dazugekommen. Mein Denken entfernte sich so mit jedem Tag ein Stück mehr von diesem Dorf.

Vater und Stiefmutter erlauben mir nicht, Schlittschuh zu laufen. Das gibt es bei denen nicht. Das Geld dafür fehlt. Schlittschuhe kosten zu viel. Jeden Tag arbeitet der Vater zwar lange in der Fabrik, aber ich glaube, trotz seiner schweren Fabrikarbeit, verdient er fast nichts. Es reicht gerade für Essen, Trinken, Kleidung und unser altes Haus. Ich glaube, wir vier Kinder sind zu teuer für das wenige Geld, das der Vater in der Fabrik verdient. Die Stiefmutter hat kein Geld. Sie verdient nichts. Sie ist jeden Tag zu Hause.

6. Aus dem Dorf

Ich löse meinen Blick von der alten Scheune. Ich tue es ungern, aber es muss sein. Ich muss weiter fort von hier. Meine Schritte höre ich. Sie werden schneller. Die Schuhe sind immer noch nicht gebunden. Ich höre die offenen Schuhbänder, sie klackern wieder.

Rechts kommt jetzt schon die Raiffeisensparkasse. Gegenüber liegt das Haus, in dem Peter wohnt. Peter ist ein Spielkamerad. Seine Eltern sind Bauern. Sie stellen eigenen Apfelsaft her, den sie uns anbieten, wenn wir Peter besuchen. Rund um die Scheune und im Garten von Peter hatten wir oft getobt, wir spielten Fangen und Verstecken. Viele Nachmittage hatten wir bei Peter verbracht. Zu seinem Geburtstag hatte er von seinen Eltern ein richtiges Indianerzelt geschenkt bekommen. Beim Cowboy-und-Indianerspiel hatten wir viel Spaß mit Peter.

Für uns ist Peter ein toller Spielkamerad. Er hat Spielsachen, von denen wir nur träumen. Seine Eltern freuen sich, wenn meine Geschwister und ich zu Besuch kommen. Die Stiefmutter und der Vater wissen davon nichts. Zu Hause erzählen wir fast nichts mehr. Sicherlich würden sie uns unseren Freund Peter verbieten, genauso wie die Bibelgruppe.

Ich glaube, Peter geht es gut. Sein Vater arbeitet auch sehr viel und sehr lange, jeden Tag. Aber er schreit nicht so viel und schlägt nicht so wie meiner. Ich glaube, er spricht viel mit Peter. Einmal hatte ich sie miteinander reden hören. Das Wetter war sehr schlecht und Peters Vater war deshalb schon früh von der Feldarbeit nach Hause gekommen. Peters Vater hatte gesagt: „Hallo Peter! War’s schön heute in der Schule?“ Ich hatte meine Jacke übergezogen und war schon durch die Haustür hinaus, als ich Peters Vater noch fragen hörte: „Wie wär’s, wenn wir nachher eine Runde Karten spielen?“ Peter hatte gelacht und etwas geantwortet, das ich nicht mehr verstand, weil die Haustür bereits zugefallen war.

Solche Worte spricht mein Vater abends nicht. Er spricht mit der Stiefmutter. Sie erzählt ihm alles. Sie erzählt dem Vater, was wir Geschwister tagsüber wieder alles schlecht gemacht hatten. Sie erzählt dem Vater abends immer so schlechte Sachen von uns, dass der Vater mit einem oder zweien von uns ins Kinderzimmer geht, dort seinen Gürtel aus der Hose löst und auf uns einschlägt.

Endlich verlasse ich jetzt unser Dorf. Die Glocke der Dorfkirche schlägt einmal. Es ist also Viertel nach fünf Uhr. Die Dorfstraße verläuft nun in einem weiten Bogen nach links. Sie führt leicht bergab und stößt in Sichtweite auf die breite Landstraße. Die führt auf einen kleinen Hügel und durch einen Wald. Da muss ich so schnell wie möglich hin, denn dort kann ich die Landstraße wieder verlassen. Es gibt einen schmalen Waldweg, der nach rechts abgeht. Auf ihm sind Autos verboten, der Vater darf dort mit seinem Käfer nicht fahren.

Auf der Landstraße kann jederzeit ein Auto vorbeikommen. Wenn mich da ein Autofahrer sieht um diese Uhrzeit, ich glaube, das könnte sehr gefährlich für mich werden. Ich glaube, ein Erwachsener hinter einem Lenkrad, um diese frühe Tageszeit auf der Landstraße, würde wegen mir anhalten. Es müsste nicht einmal der Vater sein. Ein Zehnjähriger hat um diese Zeit nichts auf der Landstraße zu suchen, zumindest nicht allein, wie ich es bin. Das könnte das Ende sein.

Weil ich weiß, dass ich etwas tue, das Erwachsene deshalb aufmerksam macht, weil es verboten ist, fange ich schon wieder an zu zittern. Deshalb renne ich jetzt. Jetzt ist es mir egal, denn die Häuser des Dorfes liegen hinter mir. Bauernhäuser durch deren Fenster ich vielleicht beobachtet werde, sehe ich jetzt nicht mehr. Links und rechts sehe ich Wiesen, Bäume und Felder. Meine Schuhbänder schlagen ganz wild gegen meine Hose und die Schuhe. Ich achte jetzt sehr darauf, denn ich will nicht stolpern.

Das Ortsendeschild liegt hinter mir. Es muss hinter mir liegen, ich muss es wegen meiner offenen Schuhbänder übersehen haben. Jetzt ist es vorbei mit meinem Dorf. Vielleicht komme ich nicht wieder zurück. Vielleicht sehe ich unser altes Bauernhaus mit den schiefen Wänden nie wieder. Das ist unvorstellbar.

II. Unterwegs zur Stadt

1. Am Waldrand

In meinem Kopf erscheint jetzt ein Bild. Ich erkenne mich in unserem alten Haus. In unserem Schlafzimmer ist es eiskalt. Es gibt dort keine Heizung. An den schiefen, grauen Wänden sehe ich die vielen Risse. Der Putz an der Decke ist brüchig. Ich werde den knarrenden Holzboden in dem Zimmer nie vergessen. Ich erkenne ihn ganz dicht vor meinen Augen. Ich sehe Tausende kleiner Risse in dem abgewetzten braunen Holz. Ich sehe kleine Staubfusseln, Haare und winzige Körnchen, die sich in den winzigen Ritzen des Holzbodens festkrallen. Mein Kopf hängt nur Zentimeter über diesem Boden. Bei jedem Schlag hebe ich ihn leicht an und sehe dann die gleichen Haare, die gleichen, feinen Körnchen, die gleichen Fussel auf dem rissigen Boden. Nach drei schnellen Schlägen sehe ich die Härchen, Staubkörnchen und Fussel kurz kleiner werden, dann werden sie sofort wieder größer. Jetzt, nach dem fünften heftigen Schlag, verschwimmen sie. Bei jedem Schlag hebe ich weiterhin den Kopf, aber ich erkenne jetzt kein einziges Haar oder Körnchen mehr. Ich sehe nur noch etwas Verschwommenes, etwas Braunes. Es ist der Zimmerfußboden.

Jetzt darf ich wieder aufstehen von dem Stuhl, auf dem ich liege. Tränen spüre ich in meinem Gesicht, sie laufen über meine Backen, erreichen meine Lippen. Sie schmecken salzig. Ich erkenne die Umrisse des Vaters vor mir. Er hat den Gürtel schon wieder in seiner Hose. Er zieht ihn und die Hose noch einmal zurecht. Sein Gesicht kann ich nicht erkennen, denn meinen Kopf lasse ich herunter hängen. Jetzt dreht sich der Vater um. Ich sehe seine dunkelbraune Cordhose, in der sein brauner Ledergürtel steckt. Er geht zur Tür, hinaus auf den Korridor.

Jetzt sehe das Zimmer, den braunen Boden, den grünen Stuhl, das weiße, dicke Bettzeug auf unseren drei Betten. Sie stehen nebeneinander aufgereiht. Ich glaube, es ist nicht möglich, das zu vergessen.

Ich muss ganz schnell da oben am Waldrand sein. Ich renne auf dieser gefährlichen Landstraße. Ich höre kein Motorengeräusch. Kein Auto nähert sich. Plötzlich höre ich ein lautes Geräusch! Es ist kein lauter Motor. Es kommt aus dem Wald. Es ist ein lautes Schreien. Regungslos stehe ich am Straßenrand. Ich denke nichts. Ich denke nicht daran, schnell weiter zu laufen. Ich denke nicht an den Vater und die Stiefmutter, vor denen ich fliehe. Sekundenlang kann ich gar nicht denken. Erschrocken stehe ich am Straßenrand. Ich kenne dieses laute Geräusch nicht. Es war laut und heftig, es kam aus dem nahen Wald. Da ist es schon wieder! Laut, es ist ein Schreien aus dem Wald. Ich höre sogar ein Echo. Ich darf hier nicht stehen! Jetzt gehe ich langsam wieder los. Mein Erschrecken löst sich auf. Jetzt kommt schnelles Herzklopfen, Zittern und Schwitzen. Ich kann wieder denken, deshalb kann ich jetzt wieder laufen. Schneller und schneller werde ich. Es muss mir egal sein, welches Geräusch da aus dem Wald kommt. Ich darf mich von meiner Angst, weil ich das nicht kenne, nicht aufhalten lassen. Ich muss weg von dieser gefährlichen Straße, weil jederzeit ein Wagen hier fahren kann. Mein Denken ist wieder da, das hilft mir dabei, noch etwas schneller zu werden. Wieder höre ich die Schreie aus dem Wald. Aber jetzt laufe ich weiter. Ich erschrecke nicht mehr. Ein Wildschwein muss es sein! Jawohl! Das ist es, das ist die Erklärung. Das Wildschwein hat mit mir nichts zu tun, es will nichts von mir, es will mir nichts Böses. Ich darf hier auf der Straße schnell weiterrennen. Das Wildschwein im Wald meint nicht mich mit seinen lauten Schreien. Es soll mich nicht von meinem Weg abbringen. Gut, dass mir einfällt, dass es ein Wildschwein ist, das da schreit.

Endlich erreiche ich den Waldweg. Aus dem Wald steigt Nebel auf. Das Wetter ist heute sehr klar. Noch ist es kühl, aber ich glaube, wenn ich hinter dem Wald wieder herauskomme, muss die Sonne schon zu sehen sein und dann wird es wärmer werden.

Meine Schuhe sind jetzt sehr weit geöffnet. Sie halten nicht mehr fest an meinen Füßen, sie hängen wie Schlappen an ihnen. Ich könnte schneller laufen, wenn sie gebunden wären. Aber ich will es noch nicht riskieren. Lieber noch nicht, lieber erst, wenn ich auf dem Waldweg ein Stück vorwärts gekommen bin. Die Landstraße ist immer noch sehr gefährlich, ein Autofahrer könnte mich von ihr aus noch sehen.

Mir ist sehr warm, obwohl die Luft kühl ist. Ich schwitze. Soll ich die Jacke wieder ausziehen? Nein, lieber nicht! Das mache ich auch erst, wenn ich von der Straße weit genug weg bin.

Das erste Ziel habe ich jetzt erreicht. Auf diesem Waldweg bin ich schon sicher. Kann ich mich hier schon sicher fühlen? Ist er wirklich bereits ein erstes Ziel? Was ist eigentlich mein Ziel? Was wünsche ich mir überhaupt? Ist es ein schönes Kinderleben? Ich glaube nein. Ich glaube, ich möchte nur einen erträglichen Platz für mein Leben finden. Ein erträgliches Kinderleben würde mir reichen. So wie ich es mir in der Scheune ausgemalt hatte. Das könnte mein Wunsch sein.

In der Scheune hatte ich mir einen Rahmen ausgemalt, in dem ich in Ruhe gelassen werde. Ein Rahmen ohne Angst davor, dass ein Erwachsener wie die Stiefmutter kommt. Ohne Angst vor dem Vater, der es uns wieder zeigen soll. Ohne meine ständige Angst und ohne das Schlagen, so wäre es erträglich, Kind zu sein. Das würde mir schon reichen, das wäre schön. Ein schönes Kinderleben. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Vielleicht suche ich das Gegenteil, von meiner jetzigen Welt. Nein. Nicht das Gegenteil, ich glaube ich suche einfach nur einen anderen Teil meiner jetzigen Welt.

Meine jetzige Welt ist eine Welt mit einem Kleinen, in einem kleinen Dorf, bei Stiefmutter und Vater. Die Stiefmutter und der Vater denken, dass ich, der Kleine nur diese winzige Welt, in der sie mich halten, brauche. Sie reicht mir, denken sie. Sie fragen sich: Was soll ein Kleiner schon brauchen? Es ist doch nur ein Kleiner, der nichts anderes kennt als die kleine Welt in seinem Dorf. Und jetzt, wo er noch so klein ist, braucht er auch nichts Anderes.

Aber die Stiefmutter und der Vater wissen nicht, dass er kleine Träume hat. Er träumt in seinem Versteck in der alten Scheune, er träumt morgens auf dem Schulweg, während des Unterrichts, beim Mittagessen, am Tisch der Stiefmutter, auf dem Weg zum Zigarettenkaufen für die Stiefmutter. Der Kleine träumt auf dem Bürgersteig vor dem alten Haus, den er jeden Samstagvormittag mit dem Reisigbesen sauber fegt. Er träumt beim Kehren auf dem braunen Holzfußboden im Kinderzimmer, und manchmal träumt er sogar, während der Vater mit seinem braunen Ledergürtel zu einem kräftigen Schlag ausholt.

Lange Zeit kann sich der Kleine den Inhalt seiner vielen Träume nicht erklären. Er weiß nach den Träumen immer nur, dass er von einem anderen Leben geträumt hatte. Wie dieses Leben ist, das er da träumt, weiß er aber nicht. Er weiß nicht, ob er das, wovon er da träumt, in sein Denken einbeziehen darf. Eines Tages, der Kleine sitz oben in seinem Versteck in der kalten Scheune, merkt er, dass er immer bevor er mit dem Träumen beginnt, an etwas denkt, das bei Stiefmutter und Vater ganz schrecklich ist. Seit diesem Tag geht sein denken immer weiter hinein in die Träume. Eines Tages wird ihm so, in seiner Scheune klar, dass es nichts nützt, nur zu träumen. Tage später träumt der Kleine tagsüber nicht mehr. Anstatt zu träumen, denkt er. Er denkt über sein Leben bei der Stiefmutter nach. Er träumt nur noch nachts in seinem Bett, aber auch dort wird sein Träumen immer weniger. Bald träumt er auch nachts nicht mehr. Bald kann er kaum mehr schlafen, weder tags noch nachts, weil er so viel denkt. Zu sehr beschäftigt ihn sein Denken über sein Leben bei Stiefmutter und Vater.

Der Kleine hat aber kein klares Ziel vor Augen. Er weiß nur, dass etwas anders werden muss. Der Grund ist, dass es bei Stiefmutter und Vater so ist, wie es ist.

Eines Tages geschieht mit dem Kleinen etwas. Es ist der heutige Tag. Der Kleine macht sich auf den Weg. Er tut das, obwohl er überhaupt nicht genau weiß wohin ihn sein Weg führen wird. Der Kleine betritt einen unbekannten Weg, der ihn vielleicht in eine andere Welt führen wird. Er möchte zu einem Platz kommen, an dem es für ihn anders ist, als bei der Stiefmutter und dem Vater. Der Kleine tut heute etwas, das sich Stiefmutter und Vater nicht vorstellen können.

In meinem Kopf sehe ich jetzt noch ein anderes Bild von mir: Ich bin nicht mehr der Kleine. Ich stehe auf dem Gehsteig gegenüber unserem alten Haus. Nein, das bin ja gar nicht ich. Ich sehe doch ganz anders aus! Doch, ich glaube, ich bin es. Aber ich bin nicht mehr der, der ich heute bin. Ich bin nicht mehr der Kleine. Ich bin jemand anderer. Ich bin groß und erwachsen. In diesem Bild bin ich unser erwachsener Nachbar auf der anderen Straßenseite. Ich blicke hinüber, über die kleine Dorfstraße mit den schmutzigen Treckerspuren. Es ist Samstag und meinen Gehsteig habe ich heute Vormittag sauber gekehrt. Auf der Dorfstraße sieht also alles normal aus. Trotzdem bleibe ich kurz stehen, auf dem gekehrten Bürgersteig, denn ich habe gerade laute Schreie von Kindern gehört. Sie kamen aus dem Haus gegenüber. Von dort habe ich schon oft diese lauten Kinderschreie gehört, täglich. Ich höre Weinen, Röcheln, dann Schluchzen, dann wieder lautes Schreien. Ich gehe weiter auf dem gefegten Bürgersteig. Nach links will ich, die Dorfstraße hinauf. Ich will in die Dorfkneipe. Ich will zu meinem Stammtisch, dort will ich ein Bier trinken. Die Kinderschreie höre ich jetzt nicht mehr, zu weit bin ich schon von dem Haus entfernt. Ich habe mir diese Schreie nicht eingebildet. Sie gehören zu meinem Alltag in meinem Dorf. Sie gehören dazu, wie das Schlagen der Kirchturmuhr. Trotzdem kommt es manchmal vor, dass ich wegen dieser Schreie auf dem Bürgersteig stehen bleibe. Dann frage ich mich kurz: warum wegen etwas Alltäglichem auf dem Bürgersteig stehen bleiben? Dann gehe ich weiter und denke: Es gibt einen Grund für diese Schreie, und weil es diesen Grund gibt, habe ich keinen Grund auf dem Bürgersteig wegen der Schreie stehen zu bleiben. Böse Kinder! Freche Kinder! Genau das ist es! Es sind freche Kinder, die ich da täglich schreien höre. Zucht und Ordnung braucht mein Land, braucht mein Dorf! Genauso denke ich. Deshalb ist alles in Ordnung in meinem Dorf. Deshalb höre ich jeden Tag diese Kinderschreie. Ich betrete meine Kneipe und setze mich an den Tresen. Das Fernsehen sendet heute die Fußballweltmeisterschaft. Ich bestelle beim Wirt ein Bier und blicke gebannt auf den Fernsehbildschirm über dem Tresen. Hoffentlich wird die deutsche Mannschaft Fußballweltmeister. Daran denke ich, darüber rede ich in meiner Kneipe, das ist Thema in meinem Dorf.

2. Auf dem Schotterweg

Lautes Knirschen. Es ist ein schmaler Schotterweg auf dem ich jetzt gehe. Meine Schuhe, immer noch nicht gebunden, schleifen wie Schlappen über diesen hellen Schotter. Jetzt ist es Zeit, die Schuhe zu binden. Ich bleibe stehen. Ich bücke mich. Ich höre auf meinen tiefen Atem. Ich atme schnell, fast hastig. Meine Luftzüge sind lang und tief. Sie sind unregelmäßig. Jetzt werden sie schnell und kurz.

Ich spüre den Schweiß auf meinen Armen. Er läuft an ihnen hinunter. Es ist viel Schweiß. Er läuft bis zu meinen Händen hinunter, mit denen ich die Schuhbänder zusammenbinde. Meine feuchten Hände fummeln hastig, nervös an den braunen Schuhbändern herum. Es will mir nicht gelingen, den rechten Schuh zu binden. Jetzt wird es ein Knoten. Ich drehe mich um, ich sehe nach hinten. Da sehe ich den menschenleeren Schotterweg. Es verfolgt mich niemand. Also setze ich mich auf den hellen Schotter. Der Knoten muss wieder weg. Es muss eine feste Schleife werden. Ich sitze, schaue noch mal auf den zurückliegenden Weg. Der bleibt menschenleer. Ich pule den Knoten auf. Alles ist feucht von meinem Schweiß. Endlich löst sich das feuchte Schuhband. Ich zittere und schwitze. Ich muss mich zusammennehmen. Ich versuche es, und konzentriere mich auf meine Hände. Jetzt werden die Hände etwas ruhiger. Sie zittern schwächer. Jetzt erinnere ich mich daran, wie ich vor Jahren, als ich noch ganz klein war, das Schuhbinden gelernt hatte. Genauso, wie ich es damals im oberbayerischen Gebirgsort, mit fünf Jahren, gelernt hatte, will ich es jetzt versuchen. Ganz langsam wickle ich das Schuhband um meine dünnen, nervösen Finger. Genauso wie damals schnüre ich das Schuhband jetzt ganz langsam zusammen. Ich erinnere mich daran, was mir eine Erzieherin damals gesagt hatte, nachdem sie mir das Schuhbinden beigebracht hatte: „Nur keine Eile beim Schuhbinden. Mach die Schlaufe ganz langsam. Du kommst schon rechtzeitig hinaus zum Spielen. Du kannst gleich losrennen, nach draußen auf den Hof. Aber jetzt musst du noch ruhig sitzen und eine ordentliche, feste Schleife machen, sonst löst sich die Schleife gleich wieder und du kannst draußen nicht lange herumspringen, weil du deinen Schuh verlierst. Dann musst du mit der Schlaufe wieder neu anfangen. Oder es wird ein Knoten!“

Die Erzieherin im oberbayerischen Gebirgsort hatte Recht. Schuhbinden funktioniert nicht, wenn man dabei zappelig von einem Bein aufs andere springt oder zittert, wie ich es jetzt tue. Es funktioniert auch nicht, wenn man mit verschwitzten Händen aufgeregt an den Bändern fummelt und sich ständig umblickt ob ein Mensch sich nähert. Deshalb schaue ich jetzt genau auf das Schuhband. Meine Hände zittern kaum. Endlich schaffe ich es. Die beiden Schleifen sind gebunden.

Ich marschiere weiter. Jetzt höre ich die Vögel zwitschern. Vielleicht stehen sie gerade auf. Die Steinchen unter den Schuhen knirschen laut. Meine Schuhe schleifen nicht mehr. Wieder werde ich schneller und schneller. Ich bin ja noch nicht sehr weit weg von zu Hause. Es sind höchstens zwanzig Minuten, seit ich das alte Haus verlassen habe.

Ich kenne den schmalen Schotterweg nicht. Hier bin ich noch nie gegangen. Nur den Anfang dieses Weges in der Kurve an der Landstraße im Wald kenne ich. Ich hatte ihn schon oft gesehen, vom Autofenster aus. Oft waren wir Geschwister Samstagvormittags auf der Landstraße mit dem Vater im weißen Käfer unterwegs gewesen in die Stadt. Wir hatten Einkäufe für die Familie zu erledigen. Dieser Schotterweg hatte lange schon zu meinem geplanten Fluchtweg gehört.

Ich schaue jetzt noch mal zurück. Kein Mensch folgt mir. Die bekannte Landstraße liegt schon weit zurück. Die bekannten Wege sind nun vorbei. Mein schon viele Monate alter Fluchtplan beginnt jetzt, hier auf diesem Schotterweg, mit dem unbekannten Teil. Bis hier kenne ich die Landschaft genau. Jetzt kommen unbekannte Wiesen, Felder, Bäume, Sträucher, Wege. Jetzt tauche ich ein in das Unbekannte. Der Weg ist mir fremd.

Ich muss hier gehen. Auf der bekannten Landstraße ist es zu gefährlich. Ich kenne die Richtung zur Stadt. Ich glaube, wenn ich immer in diese Richtung gehe, muss die Stadt irgendwann vor mir auftauchen.

Als ich das erste Mal von Zuhause weggelaufen war, lief ich nicht allein wie heute. Matthias war mitgekommen. Nach der Schule waren wir nicht nach Hause gegangen. Es hatte Zeugnisse gegeben und unsere Noten waren sehr schlecht gewesen. Deshalb hatten wir viel Angst vor der Stiefmutter, an die ich vormittags in der Schule die ganze Zeit gedacht hatte. Ich hatte sie in meinem Kopf, ich sah sie, wie sie zu Hause auf uns und unsere schlechten Schulzeugnisse wartete. Auch an den Vater hatte ich vormittags ängstlich gedacht. Ich hatte ihn in meinem Kopf, ich sah, wie ihm abends die Stiefmutter unsere schlechten Zeugnisse zeigte. Ich hatte Angst vor Stiefmutters festen Ohrfeigen und vor ihrem Schreien: „Jetzt wirds dir dei Vadder scho zoing!“ In der Schulpause hatte ich mich mit Matthias auf der Toilette kurz abgesprochen. Wegen unserer Angst hatten wir entschieden, dass wir nach der Schule abhauen werden. Wir waren, genauso wie ich es gerade hinter mir habe, die Dorfstraße entlang bis zur breiten Landstraße gelaufen. Auf der waren wir geblieben, weil wir wussten, dass sie in die Stadt führt. Wir waren nicht in diesen Schotterweg abgebogen, denn wir hatten Angst davor, uns zu verlaufen. Damals hatten wir nicht gewagt zu tun, was ich heute tue. Einen unbekannten Weg zu betreten. So etwas zu tun hatten wir nicht in unseren Kinderköpfen.

Am Rand der Landstraße waren wir ungefähr zwei Stunden lang unterwegs gewesen. Immer wieder hatten sich vorbeifahrende Autofahrer nach uns umgesehen. Ich glaube wir fielen ihnen auf, weil wir unsere Schulranzen auf unseren Rücken getragen hatten. Zwei kleine Buben mit Schulranzen, nachmittags alleine auf der Landstraße, unterwegs Richtung Stadt! Ich hatte zwar die Blicke der unbekannten Käferfahrer hinter ihren Windschutzscheiben gesehen, trotzdem hatte ich nicht daran gedacht, dass auch der Vater dabei sein könnte. Ich hatte mich um die Männer in den Autos einfach nicht gekümmert. Ich hatte immer nach vorne geschaut, Richtung Stadt. Dabei hatte ich an die schlechten Schulnoten auf meinem Zeugnis in meinem hellbraunen Schulranzen auf meinem Rücken gedacht. Mein Bruder war seit zwei Stunden dicht hinter mir am Straßenrand gelaufen.

Plötzlich hatte auf der anderen Straßenseite ein weißer Käfer gehalten. Er war aus der Stadt gekommen. Ich erkannte sofort, wer da hinter dem Steuer saß.

Heute noch sehe ich den Vater vor mir, wie er am Straßenrand auf uns zukommt: Sein Gesicht ist verzerrt. Ich sehe viele Falten. Es ist Wut, die ich in seinem Gesicht erkenne. Der Vater knallt die Käfertüre kraftvoll zu. Er bleibt noch dicht am Käfer stehen, wegen dem Verkehr auf der Straße. Er dreht seinen schwarzhaarigen Kopf nach rechts und links um und sieht, dass noch ein Auto kommt. Er lässt das Auto vorbei und rennt, kaum dass es vorüber ist, über die Straße. Schnell kommt er auf mich zu. Seine gekämmten schwarzen Haare fliegen im Laufschritt auf und ab. Sein Schritt ist schnell und schwer. Er trägt wieder eine dunkelbraune Cordhose. Seine breiten Hosenbeine schlagen heftig gegeneinander. Seine großen, schwarzen Schuhe sehe ich jetzt. Seine Füße sind leicht nach außen gekehrt. So trampelt der Vater am Straßenrand schnell auf mich zu. Dicht vor mir bleibt er stehen. Der Vater ist riesengroß. Sein Faltiges Gesicht ist rot vor Wut.

Ich stehe erstarrt vor dem Vater. Keine Bewegung, kein Wort. Ich zittere und mir ist heiß. Mein Erschrecken vor dem Vater hört nicht auf. Ich kann nicht denken. Ich sehe den Vater am Straßenrand dicht vor mir. Jetzt reißt er seinen Mund weit auf. Er schreit mich an, aber ich höre nicht, was er sagt. In seinem Gesicht sehe ich seinen Zorn und seine Wut. Jetzt kommt er noch näher. Blitzschnell hebt er die große, rechte Hand. Ich bleibe immer noch wie erstarrt. Keine Bewegung. Ich bin versteinert. Vaters Hand trifft mein Ohr. Heftig kommt ein zweiter Schlag. Wieder trifft er mein Ohr. Jetzt kippe ich zur Seite. Ich gehe langsam zu Boden. Erst jetzt spüre ich den Schmerz. Mein Ohr ist ganz heiß. Jetzt höre ich ein Pfeifen. Ich falle nicht zu Boden. Ich stürze nicht in den Straßengraben. Vaters fester Griff hält mich am Handgelenk.

Meinen Bruder und mich zerrt der Vater über die Landstraße in seinen Wagen. Auf der Fahrt zurück ins Dorf zitterten wir auf der Rücksitzbank. Wir sprechen nichts. Der Vater spricht nicht mit uns. Die Situation ist eindeutig. Darüber wird nicht gesprochen.

Die Stiefmutter steht in der offenen Haustür. Sie trägt einen grünen Kittel. Der flattert ein wenig im leichten Wind. Der Vater zerrt uns, vorbei am Gartentürchen, über den kurzen Gartenweg zur Stiefmutter. Das Gesicht der Stiefmutter ist verzerrt. Ich sehe Wut und ihren Hass auf uns Kinder. Die Stiefmutter tritt einige Schritte zurück ins Haus. Auf dem dunklen Steinboden im Hauseingang sehe ich an ihren Füßen ihre braunen Pantoffeln. Ich sehe ihre dicken, nackten Beine die unter ihrem grünen Kittel hervorschauen. Sie tritt noch ein kleines Stück zurück damit der Vater die Haustür schließen kann. Sie bleibt vor unseren Kleiderhaken und Schuhen im dunklen Eingang stehen. Der Vater schiebt uns weiter durch die Haustür. Ich höre die Haustür. Sie fällt ins Schloss. Jetzt ist es ganz dunkel im Hauseingang. Die Stiefmutter tritt dicht an mich heran. Zwei Schläge ihrer kleinen, dicken Hand treffen mein Gesicht. Sie treffen meine Backen, meinen Mund, meine Nase, meine Augen. Im dunklen Hauseingang erkenne ich jetzt die Stiefmutter kaum mehr. Ich verstehe nicht, was sie so laut und wütend kreischt.

Die Stiefmutter ist an diesem Nachmittag sehr wütend. Sie zerrt uns die Holztreppe hinauf. Der Vater folgt ihr. Sie schleift uns vorbei an Esszimmer und Küche. Sie schiebt uns in unser kaltes Kinderzimmer. Jetzt sehe ich den Vater in der Kinderzimmertür. Stiefmutter und Vater schreien gleichzeitig ihre Wut auf uns Kinder heraus. Ich verstehe kein einziges Wort. Der Vater hält seinen Gürtel in der Hand.

An diesem Nachmittag war die Strafe doppelt hart gewesen. Es gab zwei Gründe. Wichtiger als unsere schlechten Schulzeugnisse war unser gemeinsamer Versuch, von zu Hause wegzulaufen. Die ersten Gürtelschläge gab es wegen dem Weglaufen, die letzten Schläge wegen unserer schlechten Zeugnisse.

Der Schotterweg geht jetzt über in einen schmalen Feldweg. Rechts und links vom Weg sind Felder. Ich glaube, es sind Maisfelder. Wie ich es mir dachte, ist nun die Sonne tatsächlich da. Ich trage meine Strickjacke auf meiner Schulter. Ich gehe langsam, beinahe gemächlich. Ich atme nicht mehr so hastig, eigentlich atme ich wie immer. Der Weg führt leicht bergab. Er führt in Richtung der Stadt.

Rechts und links sehe ich jetzt grüne Wiesen mit bunten Blumen. Auf der rechten Seite erkenne ich einen kleinen See. Da stehen einige Autos. Graue und schwarze Limousinen und einige graue und weiße Käfer stehen am See. Also fahren Autos auf diesem Feldweg! Sofort gehe ich schneller.

Ich sehe zwei Männer am See. Sie halten Angeln in der Hand. Sie sind weit weg, sie können mich keinesfalls Laufen hören. Sie sehen nicht, dass ich gerade vorbeilaufe, denn ich sehe ihre Rücken.

Ich komme an einem Schild am Wegrand vorbei. Auf dem Schild sehe ich einen durchgestrichenen Angler. Hier ist das Angeln also verboten. Ich sollte mir die Autonummern aufschreiben und das der Polizei in der Stadt melden.

Die Männer, die hier angeln, tun etwas Verbotenes! Unglaublich. Sie tun es, obwohl das Schild da steht und obwohl sie bestimmt Strafe bezahlen müssten, wenn die Polizei käme. Ist es nicht zu gefährlich, etwas zu tun, was die Polizei verbietet? Was ist gefährlicher: zu tun, was die Polizei verbietet, oder zu tun, was der Vater verbietet?

In der Stadt kann ich gar nicht zur Polizei gehen. Heute Morgen bin ich vom Vater weggelaufen. Die Polizei wird mich zurückbringen, wenn sie mich findet.

An den Anglern bin ich nun vorbei. Sie haben mich nicht gesehen. Sie könnten mich jetzt von hinten sehen. Vielleicht sehen sie mich. Ich drehe mich nicht um. Ich will nicht wissen, ob sie mich sehen. Auch sie könnten mich zurückbringen. Sie könnten mich fragen, warum ich hier so früh am Morgen laufe. Bestimmt wären sie gegenüber der Polizei und gegenüber dem Vater im Recht, wenn sie mich zurück brächten. Polizei und Vater würde es nicht interessieren, wenn ich sagte: „Die Angler haben doch auch etwas Verbotenes getan. Ich habe es gesehen! Sie haben geangelt, obwohl am See das Verbotsschild steht!“ Ich glaube, das würde keinen interessieren. Ich wäre viel interessanter. Ich glaube, was ich heute tue, ist noch viel mehr verboten, als an diesem See zu angeln.

Mein Feldweg führt weiter bergab. Vor mir ist die Sonne gerade aufgegangen. Ich bin sehr müde. Wie spät ist es? Die Kirchturmuhr höre ich hier nicht mehr. Wie lange bin ich jetzt schon unterwegs? Ich hätte auf die Uhren in den Autos der Angler schauen können. Das fällt mir jetzt erst ein. Das ist gut so. Es wäre zu gefährlich gewesen. Ob es sechs Uhr ist? Ich glaube nicht, dass es schon später ist.

Ich werde noch etwas weiter gehen. Später will ich mich hinsetzen und mich ausruhen. Am besten gehe ich noch so lange, bis die Wiesen um mich herum trocken sind.

3. Mark verschwindet

Mein großer Bruder Mark war jeden Morgen sehr früh mit seinem Mofa in die Stadt gefahren. Es gibt nur einen öffentlichen Bus, der von der Stadt in unser Dorf und zurück fährt. Der Bus kommt aber nur dreimal am Tag. Er fährt nicht früh genug in die Stadt. Weil Mark sehr früh in seiner Arbeit sein musste, hatte dieser Bus für ihn keinen Nutzen. So war er täglich, auch bei eisiger Kälte im Winter, morgens um halb sechs, auf sein dunkelblaues Mofa gestiegen. Im Winter fuhr er immer besonders aufmerksam, wegen der glatten, eisigen, verschneiten Straßen. Einmal hatte ihn morgens, bei Finsternis und windiger Kälte, ein Lastwagen von einer schmalen Straße in den Graben gedrängt. Mark hatte Glück gehabt. Er blieb unverletzt. Sein verbogenes Mofa hatte er tagelang vor dem alten Haus, in der eisigen Kälte repariert.

Mark macht eine Lehre als Maurer. Da verdient er Geld. Ich glaube in der Lehre verdient man noch nicht viel. Mark musste an den Vater, weil er schon Geld verdiente, Miete für sein Zimmer im zweiten Stock bezahlen. Mark hatte von dem Wenigen, das er verdient, etwas Geld gespart. Er freute sich, weil es ihm gelungen war, etwas Geld zurückzulegen. In einem großen Möbelhaus hatte er von diesem Geld Möbel für sein beinahe leeres Zimmer gekauft. Die Möbel hatte er sich ausgesucht, weil sie ihm gefallen. Nachdem er sie in sein Zimmer hinaufgetragen hatte, lud er uns Geschwister gleich ein, damit wir seine neuen Möbel mit ihm ausprobierten und feierten. Er hatte zwei Sessel und ein Sofa gekauft.

Ich finde auch, dass es schöne Möbel sind. Sie sind durchsichtig, aus Plastik. Mark hatte sie bereits aufgeblasen und wir ließen uns, an diesem Samstagnachmittag, gemütlich in ihnen nieder. Marks aufgeblasene Möbel könnte man in einem Schwimmbad mit ins Wasser nehmen. Aber man darf keine spitzen Gegenstände auf sie legen. Das hatte Mark gleich erklärt, denn, wenn Löcher hineinkämen, würde die Luft entweichen und die Möbel würden zusammensacken wie eine kaputte Luftmatratze.

An diesem Samstagnachmittag waren wir vier Geschwister bequem auf Marks neuen Möbeln unterm Dach in seinem Zimmer gesessen. Aus Marks Gläsern hatten wir Saft getrunken, den Mark auch von seinem Geld gekauft hatte. So feierten wir seine neue Zimmereinrichtung. Ich war auf einem durchsichtigen Plastiksessel gesessen und wippte auf und ab. Mark und Matthias hatten zu zweit im Sofa Platz genommen, Christian saß in dem anderen Sessel. Wir lachten, redeten miteinander und freuten uns.

Kurz nachdem wir in dieses alte Haus gezogen waren, hatte sich Mark auch dieses Mofa gekauft. Ich glaube das Fahren macht ihm viel Spaß. Aber deshalb hatte er das Mofa nicht gekauft. Er brauchte es, um täglich zu seiner Lehrstelle zu fahren. Der Vater fährt jeden Morgen erst eine Stunde später mit dem Käfer zur Arbeit in die Fabrik am Rande der Stadt. Weil Mark nicht soviel Geld hatte, um das Mofa zu bezahlen, steuerten die Stiefmutter und der Vater die Hälfte der Kosten dazu bei. Seitdem er das Mofa hat, hatte Mark monatlich einen kleinen Betrag an die Stiefmutter und den Vater zurückbezahlt.

Nach diesem Nachmittag, an dem wir die neuen Möbel gefeiert hatten, stritten die Stiefmutter, der Vater und Mark heftig miteinander. Es ging um Geld. Sie wollten mehr Geld von ihm. Der Vater hatte ihn im Treppenhaus angeschrieen: „Die Faxen wer i dir scho no austreim! Wer neue Möbl kofen koon, der koon a sei Mofa schneller zahle!“ Auch die Stiefmutter hatte ihn deshalb angeschrieen. Sie glaubten, Mark würde zuviel Geld ausgeben, anstatt ihnen mehr davon zu geben. Der Vater brüllte laut und tief, die Stiefmutter laut und hoch. An diesem Nachmittag waren sie sehr aufgebracht und wütend gewesen wegen Mark.

Ich glaube, weil die Stiefmutter und der Vater Mark nicht danach gefragt hatten, woher er das Geld für die Möbel genommen hatte, konnten sie nicht wissen, dass Mark sich das Geld monatelang von seinem wenigen Lehrlingsgeld abgespart hatte. Die Stiefmutter hatte die neuen Möbel in Marks Zimmer gesehen und wurde sofort wütend. Sie hatte mit Mark gar nicht darüber gesprochen, von welchem Geld er die Möbel gekauft hatte. Stattdessen sprach sie abends mit dem Vater darüber.

Ich glaube beide hatten kein Geld mehr. Der Vater verdient wenig. Vielleicht hatten sie geglaubt, Mark habe mehr Geld, das er nicht hergeben wollte. Es könnte sein, dass sie kein Geld mehr hatten, um Lebensmittel einzukaufen. Es könnte auch sein, dass der Vater das Benzin für den Käfer nicht mehr bezahlen konnte. Ich weiß es nicht. Ich verstehe davon nichts. Ich weiß nur, dass es wenig Geld gibt, denn wir bekommen kein Taschengeld zu Hause.

Aber Mark hatte auch kein Geld mehr, das er ihnen hätte geben können. Die neuen Möbel hatten sein Erspartes gekostet. Mehr hatte er nicht. Das hatte Mark dem Vater an diesem Nachmittag, als beide ihn so anbrüllten, gesagt. Mark hatte keine Chance. Anstatt ruhiger zu werden, war der Vater noch wütender geworden. Er tobte und schrie, er war sehr wütend. Dann hatte er zugeschlagen. Er schlug Mark ins Gesicht. Ich hatte nie miterlebt, dass der Vater auch Mark schlägt. Immer hatte ich geglaubt, der Vater traue sich nicht, auch meinen großen Bruder Mark zu schlagen.

Mark hatte nicht geheult, so wie wir jüngeren Geschwister es immer taten. Seine Schmerzen hatte er dem Vater und der Stiefmutter nicht gezeigt. Er war noch eine Sekunde vor dem Vater wie erstarrt stehen geblieben. Nichts weiter geschah. Alle hatten geschwiegen. Das wütende Geschrei war vorbei. Es waren keine Worte mehr gekommen, weder vom Vater noch von Mark. Auch die Stiefmutter, sie stand neben dem Vater, hatte nicht mehr geschrieen. Dann hatte sich Mark abgewandt. Er lief die Treppe hinauf und verschwand in seinem Zimmer. Dort hatte er seine kleine Tasche vom Schrank genommen, einige Kleidungsstücke hineingestopft, und eine halbe Stunde später war er leise durch das Treppenhaus geschlichen. Er verließ das alte Haus und war in der dunklen Nacht verschwunden. Seit diesem Abend, vor zwei Wochen, habe ich Mark nicht wieder gesehen.

Die Eltern hatten es erst am nächsten Morgen bemerkt. Der Vater saß, wie jeden Morgen, mit seiner Zeitung am Frühstückstisch. Ich glaube, er dachte, Mark sei schon mit dem Mofa zur Arbeit gefahren. Der Vater ging hinunter vor die Haustür und stieg in seinen Käfer. Er fuhr um die Hausecke. Dort sah er das blaue Mofa von Mark. Er stellte den Motor ab, stieg aus dem Wagen und rannte hinauf in den zweiten Stock. Mark lag nicht in seinem Bett. Sein Zimmer war verlassen. Jetzt war das Geschrei groß. Matthias und ich putzten gerade unsere Zähne. Ich hörte, wie der Vater nach der Stiefmutter rief. Beide wussten sofort, dass Mark abgehauen war. Mit Marks Verschwinden hatten sie nicht gerechnet. Ich hörte die Stiefmutter. Sie brüllte: „Na warte, dich kriegen wir schon Bürschchen!“

Wir beeilten uns mit dem Anziehen und Frühstücken, denn wir wollten schnell aus dem Haus, in die Schule. Bevor wir das Haus verließen, drohte uns die Stiefmutter. Sie befahl uns, niemandem in der Schule davon zu erzählen. Ich verstand nicht, was sie damit meinte. Wir erzählten nie etwas in der Schule von zu Hause.

Ich vermisse Mark sehr. Ich hatte mich immer gefreut, wenn er abends nach Hause kam. Seit Marks Verschwinden hatte ich noch viel mehr Angst vor Stiefmutter und Vater. Mark ist unser großer Bruder. Matthias, Christian und mich hatte er immer beschützt. Oben in Marks Zimmer hatten wir uns gut aufgehoben und sicher gefühlt. Wir hatten da oben keine Angst, vom Vater oder der Stiefmutter geprügelt zu werden. Es gab nie Prügel, wenn Mark am Wochenende oder abends zu Hause war. Deshalb war ich immer froh wenn er abends von der Arbeit kam.

Leider war der Vater oft früher gekommen als Mark. Er sah sich die vielen Fehler in unseren Schulheften an. Dann scheuchte er uns ins Kinderzimmer. Dann nahm er seinen Gürtel und verprügelte uns. Wenn Mark zu Hause war, verprügelte er uns nie. Deshalb hatte ich gedacht, dass der Vater uns nicht schlagen kann, wenn Mark da ist, weil er genau weiß, dass Mark dazwischen gehen würde. Dass der Vater sich traute, auch auf Mark einzuschlagen, hatte mich sehr überrascht.

Mark hatte nichts davon gemerkt, dass der Vater und die Stiefmutter uns soviel schlugen. Wir hatten ihm niemals davon erzählt, denn Stiefmutter und Vater hatten es strengstens verboten. Weil wir soviel Angst vor beiden hatten, sprachen wir Geschwister untereinander niemals darüber, wie es uns in diesem Haus ging. Ich hatte immer genau gespürt, was ich mit Mark, mit Matthias und mit Christian besprechen durfte und was nicht. Weil Mark soviel arbeiten musste und so früh das Haus verließ, weil er abends später kam als der Vater, konnte er nie sehen, was in diesem Haus geschah. Mark hatte uns am Wochenende oft gefragt, wie es uns geht. Nie erzählten wir, dass es schlecht geht. Unsere Angst, zu sagen, was Stiefmutter und Vater verboten hatten, saß zu tief.

Mark musste von Zuhause abhauen. Auch er hatte unter Stiefmutter und Vater zu leiden. Sie zwangen ihn, diese Lehre zu machen. Diese Lehre wollte er nicht. Er könnte anderes lernen. Er könnte in einem Büro arbeiten. Aber sie hatten ihn gezwungen, sie sagten, dass man mehr Geld verdiene als Maurer. Vor allem in der Lehre verdiene man schon mehr als in anderen Berufen. Das hatte Mark verstanden. Aber trotzdem wollte er das nicht lernen, er wollte etwas, für das er sich wirklich interessiert. Mark hat viele Interessen, deshalb hatte er viele andere Ideen gehabt. Aber die Stiefmutter und der Vater interessierten sich nicht dafür. Sie zwangen ihn zu dieser Lehre.

Ich verstehe Mark, ich wäre auch weggelaufen. Was ist gegen den großen Vater sonst möglich? Die letzte Chance ist das Weglaufen. Ich weiß es, deshalb laufe ich heute weg. Ich glaube fast, ein ruhiges Gespräch, mit Stiefmutter und Vater, ist nicht möglich. Es gibt keine Worte zwischen uns Kindern und ihnen, ohne dass sie anfangen uns anzuschreien.

4. Ausruhen am Wegrand

Jetzt komme ich auf eine schmale Teerstraße. Ein kleiner geteerter Feldweg. Auf den Wiesen neben dem Weg liegen große Strohballen. Wie weit ist es noch bis zur Stadt? Ich bin schon weit gelaufen. Ich laufe und pfeife ein wenig dabei. Obwohl ich vor dem Vater flüchte, kann ich jetzt sogar munter pfeifen! Vorher im Dorf konnte ich das noch nicht. Jetzt kann ich es, weil der Vater schon etwas weiter entfernt ist. Trotzdem fühle ich mich nicht wie ein „Wandergeselle“. Von solchen Menschen hatte der Dorfschullehrer manchmal aus Büchern vorgelesen. Die wanderten munter pfeifend von einem Dorf zum anderen, dort blieben sie einige Wochen, um zu arbeiten, dann wanderten sie weiter. Ich bin kein munterer Wandergeselle. Ich bin auf der Flucht.

Ich habe Hunger. Ich kann es eine Weile ohne Essen aushalten. Vor mir sehe ich jetzt Wald. Der Weg macht eine Biegung, dort sehe ich eine Bank. Auf die setze ich mich, um etwas auszuruhen. Bald werde ich die große Stadt erreichen. In der Stadt muss ich sehr vorsichtig sein. Ich glaube, sie werden mich suchen. Der Vater wird jetzt auch schon unterwegs sein in die Stadt. Dort muss ich besonders wachsam sein, denn an jeder Ecke kann er stehen und auf mich warten.

Das Wetter ist heute sehr klar. Der Himmel ist tiefblau, ich sehe keine einzige Wolke. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich liege auf der Bank am Wegrand. Ich spüre meine Müdigkeit, sie drückt mich auf die Holzbretter. Ich muss kurz hier ausruhen. Ich spüre meine Füße schon ein bisschen. Vergangene Nacht war ich lange wach gelegen, das zehrt jetzt an meinen Kräften. Ich fühle mich schwach. Ich werde immer schwächer, ich glaube, gleich schlafe ich ein. Ich döse auf der harten Holzbank, wie nachmittags, oben zwischen den Strohballen, im Versteck in der alten Scheune. Ich glaube, der Vater kann die Bank hier nicht finden, ich bin schon viel zu weit gelaufen. Wenn jemand vorbeikommt und mich anspricht, mich fragt warum ich hier liege, sage ich, dass ich hier auf einen Freund warte und dabei eingeschlafen bin. Oder soll ich lieber sagen, dass ich unterwegs nach Hause bin, nicht weit von hier wohne und nur kurz ein wenig hier ausruhe? Nein, wenn jemand kommt und mich anspricht, dann tue ich so, als spreche ich eine andere Sprache. Ich tue so, als spreche ich nicht Deutsch, sondern vielleicht Englisch, davon haben wir schon wenige Worte vom Dorfschullehrer gelernt. Ich tue so, als verstehe ich nicht. Dann kann ich ja schnell den Weg hier hinunter laufen und dabei so tun, als wohne ich da unten.

Oder sollte ich mich vielleicht besser auf die Wiese hinter die Holzbank legen? Wie falle ich einem Spaziergänger auf diesem Feldweg weniger auf? Ach nein, ich bleibe einfach auf der Bank, ich glaube da falle ich nicht besonders auf. Auf einer Bank kann man sitzen oder liegen. Ich lege mich einfach drauf, wenn jemand kommt, fällt mir schon irgendetwas ein, das ich erklären kann. Die Bank ist sehr hart. Ich liege auf ihr, obwohl ein Brett durchgebrochen ist, das macht nichts. Ich brauche kein Kopfkissen. Ich nehme meine Hände als Kopfkissen, das geht schon. Es ist jetzt sehr warm von der Sonne. Vielleicht ist es jetzt schon neun Uhr. Dann sind alle zu Hause schon aufgestanden.

Gestern hatten wir einen sehr ruhigen Tag zu Hause. Es war eigentlich kein schlimmer Tag. Der Vater und die Stiefmutter hatten nicht herumgeschrieen und sie schlugen uns nicht. Deshalb war es eigentlich ein richtig schöner Tag. Solche Tage sind selten. Für mich war es der richtige Tag, um unauffällig den heutigen Tag vorzubereiten. Niemand hatte meine Vorbereitungen im Kinderzimmer bemerkt. Ich glaube, das lag nicht nur an meiner Sorgfalt, es hatte auch mit der Stimmung dieses Tages zu tun.

Der Tag war sehr ruhig. Am Abend gab es keinen Streit. Der Vater kam früh von der Arbeit nach Hause weil gestern Freitag war. Unsere Schulhefte waren in Ordnung. Es standen keine Noten drin. Wir hatten keine Hausaufgabe auf, deshalb waren keine Fehler drin, deshalb gab es keine Prügel. Die Stiefmutter hatte nichts, um es dem Vater zu erzählen. Es gab nichts, was Grund gewesen wäre, uns anzuschreien und zu prügeln. Es war alles ruhig in der Familie.

Zum Abendessen gab es Spiegelei und Kartoffeln. Christian, Matthias und ich waren vor dem Abendessen in der Küche gesessen, dort wuschen wir die Kartoffeln. Die Stiefmutter stand am Spülbecken und trocknete Geschirr. Sie redete nicht mit uns. Zu Hause wird sehr wenig gesprochen. Wir Kinder haben mit den Erwachsenen nichts zu reden. Wir haben auf Fragen zu antworten. Wenn die Stiefmutter oder der Vater etwas wissen wollen, sind wir sogar gezwungen zu antworten. Wenn sie nichts von uns wissen wollen, müssen wir schweigen. So hatten wir das bei ihnen gelernt.

Beim Kartoffelschälen machten wir drei Geschwister kleine Späßchen miteinander. Wir spielten ein Spielchen. Wir ließen die geschälten Kartoffeln so in den Topf mit Wasser platschen, dass immer einer von uns nassgespritzt wurde. Jeder versuchte, die jeweils winzigste Kartoffel aus dem Wassertopf zu fischen. Zum Schluss blieben natürlich die fetten übrig. Auch von ihnen versuchte jeder, die kleinste zu nehmen. Weil man manchmal glaubte, eine kleinere Kartoffel im Topf zu sehen, ließ man seine Kartoffel wieder in den Topf platschen. Das spritzte dem anderen ins Gesicht. Es war ein Wettkampf. Sieger war, wer die kleinsten Kartoffeln rausgefischt hatte und am wenigsten schälen musste. Die Stiefmutter beachtete unser Spiel nicht. Immer wieder schaute sie durchs Küchenfenster auf den Hof hinter das Haus. Sie erwartete den Vater.

Schließlich war es soweit. Laut und deutlich hörte ich den Käfermotor. Jetzt überlegte ich, wie schlimm es gleich werden würde, wenn der Vater die Küche betritt. Ich fing aber nur leicht an zu zittern, denn mir fiel nichts ein, was die Stiefmutter zu berichten hätte. Wie an jedem Abend parkte der Vater den Käfer hinter dem Haus. Weil wir wussten, dass er gleich die kurze Treppe hinter dem Haus heraufsteigen und durch den Hintereingang in die Küche kommen wird, beendeten wir sofort unser Kartoffelspiel und wurden ganz still. Noch mal dachte ich nach, was die Stiefmutter ihm erzählen könnte. Mir fiel nichts ein, womit sie ihn dazu bringen könnte, uns zu verprügeln. Ich hörte die stapfenden, lauten Schritte des Vaters auf der Holztreppe. Die Küchentür knarrte, wie jeden Abend, wenn der Vater durch sie das Haus betritt. Der Vater brachte eine Pappkiste mit. Er hatte Getränke eingekauft für den Fußballabend. Tatsächlich hatte ich mich nicht getäuscht. Die Stiefmutter schwieg. Sie erzählte ihm nichts von uns. Sie drängte ihn nicht, dass er unsere Schulhefte ansieht, weil es nichts in ihnen zu sehen gab.

Manchmal hatte sie ihn abends auch aufgefordert, in unsere Hefte zu sehen, wenn keine Noten drin standen und wir keine Hausaufgaben auf hatten. An unseren Heften gab es immer etwas auszusetzen. Es gab immer Fehler, es gab immer meine krakelige Kinderschrift, die noch mal geschrieben werden musste und auch nach zehnmaligem Wiederholen nicht schön genug war. Nicht so gestern Abend. Die Stiefmutter sagte zum Vater nichts. Wir hatten großes Glück. Der Abend war sehr ruhig. Niemand ahnte, dass ich die Ruhe nutzte und damit mein Plan zur Flucht begann.

Warum lief ich heute Morgen weg, wo es doch gestern Abend so ruhig zu Hause war? Ich glaube, das war meine Taktik. In einem Abenteuerheft hatte ich einmal davon gelesen. Der Gegner soll den Feind angreifen, wenn alles ruhig ist. Am besten ist es dann, wenn der Feind sogar noch von irgendetwas anderem abgelenkt ist. Dann rechnet der Feind am wenigsten damit, dass etwas passiert. Ähnliches hatte ich gestern Abend im Wohnzimmer, während im Fernseher das Fußballspiel lief, gedacht. Einen so ruhigen Tag wie gestern könnte es Monate lang nicht mehr geben. Ich nutzte die Ruhe.

Ich kann nicht schlafen obwohl ich sehr müde bin. Von der harten Holzbank stehe ich wieder auf. Kein Mensch kommt auf dem Feldweg. Langsam gehe ich weiter. Ich lege mich später noch mal irgendwo hin. Auf dem Weg sehe ich einen Käfer. „Maikäfer flieg! Flieg schon du Maikäfer!“ Er klettert an meinem Zeigefinger nach oben und schon fliegt er tatsächlich davon. Der Feldweg führt bergab. Gleich gehe ich in einen Nadelwald hinein.

Zur Stadt kann es nicht mehr weit sein. Die Richtung stimmt. Die Straße, die wir mit dem Vater zum Einkaufen in die Stadt gefahren waren, führt kurz vor der Stadt einen steilen Berg hinunter. Der Weg, den ich hier laufe, führt schon lange leicht bergab.

Ich beiße auf meinen Fingernägeln herum. Wenn der Vater meine abgebissenen Fingernägel sieht, geht es mir schlecht. Ich darf nicht auf den Nägeln herumkauen und sie abreißen. Deshalb höre ich jetzt mit dem Kauen auf.

Vorne kommt eine Straße. Ich höre die Autos. Auf der Straße ist viel Verkehr. Weil heute Samstag ist, fahren heute viele Leute in die Stadt zum Einkaufen. Einkaufen ist sehr teuer. Der Vater hatte deshalb immer gesagt, dass wir sparen müssen. Wir kaufen in einem Großmarkt in der Stadt ein, weil das billiger ist.

Im Laden, im Dorf, bei Frau Maier kaufen wir keine Lebensmittel. Wir Kinder waren aber trotzdem oft im Laden. Wir hatten kein Geld für uns, sondern wir kauften Zigaretten für die Stiefmutter. Dabei stahlen wir Stifte und Radiergummis für die Schule. Manchmal war ein Stift in der Schule einfach verloren gegangen. Plötzlich war er verschwunden. Ich wusste nie, wo meine Stifte blieben. Hätte ich das zu Hause erzählt, hätte die Stiefmutter sofort zugeschlagen. Um neue Stifte und Radiergummis zu besorgen, mussten wir warten, bis wir wieder Zigaretten im Dorfladen holen sollten. Matthias und ich gingen in den Laden. Einer kaufte Zigaretten, und der andere nahm die Stifte aus dem Regal. Das Regal steht weit hinten in Frau Maiers Laden. Das Stehlen bei Frau Maier ist sehr einfach. Frau Maier hatte nie etwas bemerkt. Das glaube ich zumindest, bis heute. Jetzt allerdings, wo ich darüber nachdenke, frage ich mich, ob sie das vielleicht gar nicht bemerken wollte? Hatte sie gewusst, dass wir zu Hause kein Geld dafür bekamen? Vielleicht wusste sie das. Ihr Laden ist sehr klein. Frau Meier ist größer als wir. Von oben könnte sie unser Stehlen gesehen haben. Vielleicht wollte sie uns so helfen. Gab es Hilfe für uns Kinder in unserem Dorf? Davon hatte ich nie etwas bemerkt. Vielleicht hatte Frau Maier uns so geholfen. Vielleicht hatte sie uns nie wegen unserem Stehlen in ihrem Laden angesprochen, weil sie schon lange gewusst hatte, dass es uns zu Hause so schlecht geht, dass wir nicht einmal Geld für Stifte und Papier für die Schule bekamen. Ich glaube Frau Maier muss das gesehen haben.

Was Frau Maier nicht gewusst hatte: Wir hätten das Geld von der Stiefmutter vielleicht bekommen, aber wir hatten zuviel Angst davor, sie nach Geld für Stifte und Papier für die Schule zu fragen.

5. Wiesen, Felder und Hitze

Schnell laufe ich jetzt über die befahrene Straße. Der Feldweg geht auf der anderen Seite weiter. Ich renne ein Stück bis ich die Straße nicht mehr sehe und sie nur noch leise höre. Es ist die Landstraße in die Stadt. Meine Jacke trage ich unterm Arm, mir ist heiß. Ein Schwimmbad wäre jetzt schön. Seitdem wir bei der Stiefmutter und dem Vater wohnen, waren wir nie zum Baden gegangen. Auch das ist zu teuer.

Früher waren wir oft im Schwimmbad gewesen. Jeden Samstagvormittag waren wir ins Hallenbad, und im Sommer fast jedes Wochenende, ins Freibad gegangen. Das war toll. Obwohl es immer ein weiter Fußmarsch bis zum Freibad gewesen war. Das hatte mir nicht besonders gefallen. Aber dafür gab es als Belohnung dann ja das Freibad. Meist hatten wir den ganzen Tag dort verbracht. Wir vier Geschwister und alle anderen Kinder aus dem Kinderheim waren immer mit viel Spaß dabei gewesen. Das Freibad lag im Tal, in dem Oberbayerischen Gebirgsort, wo ich gewohnt hatte, bevor ich zur Stiefmutter und dem Vater gekommen war. Im Freibad tobten, schwammen und spielten wir. Es gab einen Kinderspielplatz und Tischtennisplatten.

Ich kann sehr gut schwimmen ich habe schon den „Freischwimmer“ und den „Fahrtenschwimmer“ gemacht. In einigen Jahren könnte ich sogar den „Rettungsschwimmer“ machen. Im Kinderheim wäre das sicher möglich. Hier beim Vater aber, geht das nicht. Wir sind ja nie im Schwimmbad. Im Kinderheim wohnen Kinder, die Mitglied im Schwimmverein sind. Da könnte auch ich mitmachen.

Mir ist nun endgültig zu heiß. Vielleicht weil ich gerade ans Schwimmbad denke. Ich bleibe stehen. Ich wische mit der Strickjacke über meine verschwitzte Stirn. Vor mir flimmert die Hitze über dem Feldweg. Es bläst kein Lüftchen. Weit und breit sehe ich keinen Baum am Wegrand, in dessen Schatten ich ein wenig ausruhen könnte.

Wieder mal ins Freibad gehen, das wär’s! Vor Jahren hatten wir in den Schulferien die Oma besucht. An einem heißen Tag gingen wir hier in der nahen Stadt in das Freibad. Wir vier Geschwister waren alleine unterwegs. Ohne Eltern, ohne Betreuer, ohne Erzieher. Vom Haus der Oma hatten wir sehr weit zu laufen, bis zum Freibad in der Stadt. Trotzdem war es ein toller Nachmittag. An dem Tag war es sicherlich genauso heiß gewesen, wie heute. Im Freibad schwammen wir und wir spielten Tischtennis. Es war fast genauso, wie im Freibad im Kinderheim. Nur das Wasser war nicht so schön. Es gab nur ein einziges Schwimmbecken. In dem war Chlorwasser. Nach dem Schwimmen brannten die Augen.

Im bayerischen Gebirgsort bei meinem Kinderheim, gibt es ein besonderes Freibad. Es gibt ein Becken mit Naturwasser. Das Wasser ist zwar sehr kalt, aber nach dem Schwimmen brennen deshalb die Augen nicht. Dort in dem Naturwasserbecken hatte es sogar Fische gegeben. Leider hatte ich vor denen oft Angst. Einmal berührte mich beim Schwimmen ein winziger Fisch. Ganz schnell schwamm ich zum Beckenrand und kletterte aus dem Wasser. Die winzigen Fische kannte ich, denn ich hatte sie schon oft durch meine Taucherbrille beobachtet. Trotzdem hatte ich Angst, mit ihnen in Berührung zu kommen. Das hatte ich den anderen Kindern im Kinderheim natürlich niemals erzählt. Stattdessen hatte ich damit angegeben, ein mutiger Fischjäger zu sein. Im Freibad hatten wir im Sommer jedes Wochenende Fischjagd gespielt. Wir taten so, als wären wir mit Harpunen und Messern bewaffnet. So sprangen wir ins Naturschwimmbecken. Wir jagten Haie. Auf unserem Rückweg, hinauf in unser Kinderheim, prahlten wir gegenseitig damit, wie viele hundert Haie jeder von uns im Freibad gefangen hatte.

Die Stadt kommt jetzt näher. Ich kann sie schon hören, es ist ein Rauschen aus der Ferne. Jetzt führt der Feldweg leicht bergan. Ich erreiche eine kleine Anhöhe. Um mich herum sehe ich abgemähte Wiesen. In einiger Entfernung erkenne ich einen Bauern auf seinem Traktor. Er fährt mit einer Heuwendemaschine über die gemähte Wiese.

Ich glaube, das ist ein guter Job. So einen Traktor zu fahren macht sicherlich viel Spaß. Das Heu braucht der Bauer bestimmt als Futter für seine Pferde im Winter. So kenne ich das aus dem Kinderheim im Gebirgsort. Vielleicht hat dieser Bauer hier, den ich gerade vor mir auf seinem tuckernden Traktor sehe, auch so ein Pony, wie es der Heimleiter in dem Schuppen neben unserem Kinderheim gehalten hatte.

Im Kinderheim war ich nur ein einziges Mal auf dem Pony gesessen. Auf dem Rücken des Ponys hielt ich mich nicht einmal eine Minute. Es war der Pfingstsonntag im vergangenen Jahr gewesen. Der Sonntag war warm und trocken, ein erster richtiger Frühlingstag. Wegen des schönen Wetters hatte das ganze Kinderheim einen Pfingstausflug hinunter ins Tal gemacht. Das Pony war dabei. Wir waren auf schmalen Feldwegen hinunter in den Ort gewandert. Auf der anderen Seite des Tals stiegen wir auf einen kleinen Berg hinauf. Unterwegs durfte immer ein Kind auf dem Pony sitzen. Ich war nicht der einzige gewesen, der sofort herunterfiel. Das Pony hatte keinen Sattel um sich daran festzuhalten. Es lag nur eine dicke Decke auf dem Rücken des Tieres. Ich versuchte mich an seiner Mähne und dem Halfter festzuhalten. Dabei versuchte ich, dem Pferd nicht weh zu tun. Mit einem kräftigen Sprung hatte ich mich auf den runden Rücken des Ponys hinaufgeschwungen. Auf dem Rücken des Pferdes versuchte ich, nach der Mähne zu greifen und Halt zu finden. Doch mein Schwung war zu heftig gewesen, so dass ich sofort auf der anderen Seite hinunter stürzte.

Auch in der Nähe unseres Dorfes gibt es einen Bauern, der ein Pony hat. Dessen Hof hatte ich manchmal zusammen mit Matthias besucht. Das Tier hatten wir auf der Koppel beobachtet. Es war mir viel kleiner vorgekommen, als das Pony vom Pfingstsonntag im Kinderheim. Vielleicht bin ich im vergangenen Jahr so viel gewachsen. Den Bauern in der Nähe unseres Dorfes hatten wir nie gefragt, ob wir auf seinem Pony einmal reiten dürften. Seit ich am Pfingstsonntag von dem Pony gestürzt war, hatte ich keine Lust mehr, auf Pferden zu reiten.

Jetzt fährt der Bauer mit seiner Heuwendemaschine ganz dicht an mir vorbei. Ich rieche das frische Heu. Es ist der Geruch, der mich an mein Kinderheim im Gebirgsort erinnert. Im Sommer hatten wir regelmäßig das trocknende Gras auf der steilen Wiese hinter dem Haus gewendet. Wenn das Heu oft genug gewendet war, wenn es grau und trocken geworden war, hatten wir es mit riesigen hölzernen Rechen zu großen Haufen zusammengeschoben. Weil das Kinderheim mitten im Gebirge liegt, ist die große Wiese hinter dem Haus sehr steil. Ein Traktor, wie ich ihn hier neben dem Feldweg gerade sehe, könnte dort gar nicht fahren. Er würde die Wiese hinunterstürzen. Deshalb hatten wir Kinder das Heu per Hand zu wenden und hinunter in den Ponyschuppen zu schaffen. Mit Hilfe von großen grauen Decken zogen wir das Heu vom steilen Hügel. Es war jeden Sommer sehr viel Heu. Genug für das kleine Pony, den Winter über zu fressen zu haben. Mit einer Heuwendemaschine, wie sie der Bauer hier über die Wiese zieht, hätten wir uns viele Tage an Arbeit gespart.

Manchmal mussten wir am Wochenende auf das Freibad verzichten. Wenn Regen gemeldet war und das Heu auf der Wiese schon schön trocken war, dann durfte kein Tag verloren gehen, um es in den Schuppen zu schaffen. Tagelanger Regen, den es in dem Gebirgsort oft gegeben hatte, hätte die Heuernte auf der Wiese vermodern lassen.

Das Heumachen auf der Wiese hinter dem Kinderheim, war ein Geschufte, auf das bald kein Kind mehr rechte Lust hatte. Ich erinnere mich, dass wir oft herumgemeckert hatten, wenn das Freibad wieder mal wegen des Heumachens ausfiel. Aber weil es zur Belohnung nach einem heißen Tag auf der Heuwiese immer eine kühle Flasche Limonade vom Heimleiter gegeben hatte, waren stets alle Kinder fleißig beim Heuwenden dabei.

6. Sicht auf die Stadt

Jetzt sehe ich die Stadt vor mir. Ich stehe auf einem Hügel. In welche Richtung geht es von dieser Stadt in den kleinen Ort zur Oma? In der Stadt muss ich eine bestimmte Straßenkreuzung suchen, von der es zur Oma geht. Auf dieser Kreuzung steht ein Schild mit dem Namen des Ortes, in dem die Oma wohnt.

Die Oma ist gar nicht meine richtige Oma. Aber das macht mir nichts aus. Sie hatte sich jahrelang, damals als wir noch im Kinderheim lebten, um meine Geschwister und mich gekümmert. In den Schulferien hatten wir sie oft besucht, und häufig hatte sie davon gesprochen, dass wir das Kinderheim vielleicht eines Tages wieder verlassen dürfen. Die Oma glaubte, dass wir ein viel schöneres Leben hätten, wenn wir hier beim Vater wohnten. Sie hatte auch daran gedacht, dass wir sie vom Vater aus viel öfter besuchen könnten, als von dem weit entfernten Kinderheim.

Weil sie glaubte, dass wir es beim Vater besser hätten und auch der Vater uns schon lange aus dem Kinderheim holen wollte, hatte sie ihn jahrelang dabei unterstützt. Ich glaube, die Oma hätte das nicht getan, wenn sie damals geahnt hätte, dass der Vater zu uns Kindern so ist, wie er ist. Die Oma konnte das unmöglich ahnen, denn wir hatten ja im Kinderheim und nicht beim Vater gelebt. Wenn wir zu Besuch gekommen waren, wohnten wir bei ihr und nicht beim Vater, weil dessen Wohnung zu klein gewesen war.

Im Haus von Oma ist viel Platz für Kinder und es ist wirklich schön. Bei ihr wohnen viele Kinder. Sie hat einen großen Garten, in dem ein alter Wohnwagen steht. Im Garten spielen die Kinder Versteckspiele und Fangen. Bei ihr ist immer was los. Auch Opa ist sehr nett. Beide mögen mich und meine Geschwister sehr gern. Oma und Opa hatten sich sehr gefreut, als wir endlich zu unserem Vater ziehen durften und nicht mehr im Kinderheim leben mussten.

Letztes Jahr, am Tag als uns der Vater aus dem Kinderheim abgeholt hatte, fuhren wir im weißen Käfer mit dem Vater zuerst zur Oma. Danach waren wir in das Haus der Stiefmutter und des Vaters gefahren. Seit diesem Tag hatte ich die Oma nie wieder gesehen.

Im Ort unterhalb des Hauses, in dem die Oma wohnt, hatten wir Anfang letzten Jahres einige Wochen mit der Stiefmutter und dem Vater in einer kleinen Wohnung gewohnt. Es war die Wohnung des Vaters. Er hatte sie jahrelang allein bewohnt, als wir Kinder noch im Kinderheim lebten. Diese Wohnung war zu klein für die Familie, deshalb hatte der Vater das alte Haus im Dorf gemietet.

Obwohl wir im Ort nur kurz gewohnt hatten, erinnere ich mich noch gut an die kleine Wohnung und an die Umgebung. Unweit der kleinen Wohnung liegt der Fußballplatz. Da hatten wir Geschwister täglich gespielt. Da hatten wir schnell andere Kinder kennen gelernt. Und es gibt da, gleich um die Ecke, eine kleine Eisdiele.

Jetzt, wo ich daran denke fällt mir ein, dass wir im vergangenen Jahr, als wir kurz in dem Ort beim Vater und der Stiefmutter lebten, noch Taschengeld bekommen hatten. Von diesem Geld hatte ich manchmal Eis in der Eisdiele gekauft. Aus den roten Automaten, von denen es in dem Ort beinahe an jeder Ecke einen gibt, kaufte ich von meinem Taschengeld Kaugummis. Ich glaube, damals hatten die Stiefmutter und der Vater noch nicht solch große Geldsorgen, wie später im Dorf.

Auch meine alte Schule liegt ganz in der Nähe der kleinen Wohnung. Zu Fuß hatte ich sie in wenigen Minuten erreicht. In diesem Ort gibt es auch ein Hallenbad, es liegt gleich neben der Schule. Im Sportunterricht hatten wir es oft besucht. Klassenkameraden und Lehrer hatten es ganz toll gefunden, dass ich so gut schwimmen kann. Das hatte ich gar nicht gekannt. Für mich ist es normal, gut schwimmen zu können. Im Kinderheim hatten alle Kinder gut schwimmen gelernt, denn wir waren sehr oft im Schwimmbad gewesen. Mein gutes Schwimmen war im Kinderheim nichts Besonderes.

Um zur Oma zu gelangen, muss ich diesen Ort finden. Er liegt einige Kilometer von der Stadt entfernt. Ich muss diesen Ort durchqueren. Zur Oma geht es einen steilen Berg hinter dem Ort hinauf.

7. Hinunter zur Stadt

Der Feldweg endet in einem schmalen Trampelpfad. Ihn steige ich jetzt hinunter. Er führt auf die Stadt zu. Da unten sehe ich einen großen, langgezogenen Hügel. Es ist hoch aufgeschütteter Schotter. Dahinter erkenne ich eine Baustelle für eine neue Eisenbahnanlage. Ich sehe nagelneue Gleise. Es fahren noch keine Züge auf diesen Gleisen. Heute ist Samstag, deshalb ist auf der Baustelle alles ruhig.

Ich muss diese Gleise überqueren. Hinter ihnen beginnt die Stadt. Ich glaube, dass es schwer wird, die Straße zur Oma zu finden. Die Stadt sieht unübersichtlich aus. Vom Trampelpfad aus sehe ich viele Straßen.

Jetzt erreiche ich das Ende des Trampelpfades. Ich stehe vor dem langen Schotterhügel. Ich steige langsam hinauf. Oben setze ich mich auf die Steine. Ich suche ein Plätzchen, von dem aus ich nicht gesehen werde. Ich muss noch eine Zeitlang warten, bis ich in die Stadt hineinlaufe. Bestimmt ist der Vater dort unterwegs und sucht mich.

Von dem Schotterhügel aus kann ich alles sehr gut sehen. Ich glaube hier wird mich so schnell niemand entdecken. Auf der ruhigen Baustelle stehen Kräne und Maschinen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise sehe ich eine Neubausiedlung. Die Straße ist noch nicht geteert. Ich sehe Staubwolken von fahrenden Autos.

Da drüben wohnen Familien. Ich sehe sie in ihren Gärten. Ich höre einen Rasenmäher. Heute arbeiten die meisten Familien in ihren Gärten. Heute werden die Gehsteige sauber gekehrt.

So ist es samstags bei der Stiefmutter und dem Vater. In unserem Garten im Dorf gibt es immer viel Arbeit. Kurz nachdem wir eingezogen waren, war der Garten noch verwildert. Gebüsch und Wiese wucherten über den Zaun. Das Gras stand meterhoch. Das Haus muss längere Zeit unbewohnt gewesen sein, deshalb blieb auch der Garten lange unbearbeitet.

Ich hatte nichts dagegen, dass es im Garten so wild aussah. Darüber regten wir Geschwister uns niemals auf. Die Stiefmutter hatte sich sehr darüber aufgeregt. Anfangs hatte ihr der Garten überhaupt nicht gefallen. Er war ihr viel zu verwildert und unordentlich. Deshalb hatte sie uns täglich hinunter geschickt, um Unkraut zu jäten. Später, nachdem wir das Gröbste beseitigt hatten, schickte sie uns nur noch am Wochenende in den Garten.

Das Unkraut hatte sie damals sehr geärgert. Es wucherte überall hervor. Es ärgerte sie, dass es auch zwischen ihren Tulpen und Geranien wucherte. Aber besonders hatte sie sich immer darüber aufgeregt, dass es auch zwischen den Steinplatten des Gartenweges wucherte. Schlimm für die Stiefmutter war auch das Unkraut, das unter der Treppenstufe vor der Haustür hervorsprießte.

Das alles musste säuberlich weggerissen werden. Die Stiefmutter hatte dieses Unkraut immer ganz schlecht gefunden. Es gehört nicht in ihr Bild, ihres Gartens, vor dessen Gartentürchen ein sauber gefegter Gehsteig liegt. Die Stiefmutter hatte dieses unordentliche Unkraut, diesen Schmutz im Bild unseres friedlichen Hauses mit seinem gefegten Gehsteig und dem sauberen Gartenweg nicht ertragen. Sie hatte uns gesagt, alles Unkraut müsse vernichtet werden, alles im Garten müsse sauber und ordentlich aussehen. Unkraut sehe unordentlich aus.

Unkraut im Garten und Schmutz auf dem Gehsteig hatten für die Stiefmutter etwas Anrüchiges. Ich glaube der Stiefmutter war es vor allem wichtig gewesen, dass unsere Nachbarn und die Dorfbewohner einen sauberen Garten vor unserem Haus sahen. Vielleicht musste der Garten wegen der Nachbarn sauber sein.

Manchmal hatte sie uns Kindern vorgeworfen, dass wir „nicht ganz sauber“ wären. Was sie damit meinte, hatte ich nie verstanden. Doch jetzt fällt mir ein, dass es vielleicht auch mit dem Garten zu tun hatte. Der saubere Garten sollte die Nachbarn und Dorfbewohner beruhigen. Niemand sollte denken, in unserer Familie sei etwas „nicht ganz sauber“ oder nicht in Ordnung. Ich glaube, die Stiefmutter hatte wirklich gedacht, das Unkraut wäre anrüchig. Vielleicht machte es ihr sogar Angst, weil es in ihren Augen so unordentlich ausgesehen hatte. Vielleicht wollte die Stiefmutter alles Unkraut weggerissen haben, weil sie Angst davor hatte, die Nachbarn könnten wegen eines ungepflegten Gartens auf uns aufmerksam werden. Vielleicht hatte sie Angst, dass dann die Nachbarn auf Vorgänge in unserem Haus aufmerksam werden. Die Nachbarn hätten vielleicht Rückschlüsse vom Garten vor unserem Haus auf mögliche Zustände in unserem Haus gezogen. Vielleicht hatte die Stiefmutter das mit dem penibel ordentlichen Garten, zu vermeiden gesucht.

Ob nun mit diesem sauberen Garten oder nicht, es fallen mir keine Anhaltspunkte dafür ein, dass bei uns zu Hause nicht alles so ist, wie es den normalen bürgerlichen Bedingungen irgendeiner anderen Familie dieses Dorfes entspricht. Tatsächlich glaube ich, dass es von den Nachbarn völlig falsch wäre, einem Irrglauben wegen unseres nicht ganz unkrautfreien Gartens zu verfallen. Nichts ist bei der Stiefmutter und dem Vater in unserem Haus „nicht sauber“. In unserem Haus ist alles sauber, weil alles von uns Geschwistern so gepflegt und gemacht wird, wie es die Stiefmutter befiehlt.

Jedem Befehl von ihr leisten wir Gehorsam. Zu Hause sind wir nicht aufmüpfig, wir sind nicht frech, wir sind nicht schmutzig und wir tun nichts, wenn es nicht befohlen wird. Wir unterbrechen Erwachsene nicht, wenn sie sprechen. Wir Kinder sprechen nur dann, wenn wir gefragt werden. Wir leben so, wie es die Erziehung von Stiefmutter und Vater fordert. Wir versuchen, uns genau so zu verhalten, wie sie es verlangen. Ich glaube, wir geben unser Bestes. Wir strengen uns an, den Forderungen von Stiefmutter und Vater gerecht zu werden. Wir sind absolut unterwürfig und folgsam.

Manchmal schaffen wir nicht alles, was verlangt wird. Zum Beispiel lernen wir das Schreiben in der Schule nicht so schnell und so gut, wie das in Deutschland vielleicht sein muss. Ein Grund für den Vater und die Stiefmutter, uns zu schlagen. Zu Hause tun wir alles, was Erwachsene verlangen. Zumindest versuchen wir es immer. Ich glaube, deshalb sind wir eine richtig gute normale Familie.

Es wäre wirklich ein Irrweg der Nachbarn, anderes zu denken. Was bei uns zu Hause los ist, ist alles völlig normal. Nichts widerspricht der Tradition der Nachbarsfamilien, des Dorfes oder dieses Landes.

Ich glaube, wir werden erzogen, wie die Stiefmutter und der Vater selbst erzogen wurden. Für uns gibt es keinerlei „Extrawürste“. Die Zügel werden aber auch nicht extrem fest angezogen. Die Zügel werden von der Stiefmutter und dem Vater in normaler, vielleicht „dorfüblicher“ Manier von Zucht und Ordnung gehalten. Ich glaube, es gibt keine außergewöhnlichen Abweichungen in unserem alten Haus im Dorf. Was zu Hause gilt, gilt ja auch in der Schule. Auch der Lehrer in der Dorfschule schlägt manchmal zu. Es ist nichts Besonderes. Wahrscheinlich ist das Schlagen des Vaters und der Stiefmutter völlig normal.

Das Unkraut im Garten und der Schmutz auf der Straße vor unserem Haus werden regelmäßig von uns restlos beseitigt. Die Nachbarn und das Dorf werden niemals auf unsere Familie aufmerksam werden. Meine Familie ist normal und unauffällig, wie jede andere Familie im Dorf. So gesehen, ist überhaupt kein Grund dafür erkennbar, warum ich jetzt hier auf diesem Schotterhügel sitze. Vielleicht gibt es keine vernünftige Begründung dafür, dass ich jetzt vor der Bahnbaustelle stehe und hinüber auf die große Stadt blicke. Ich glaube, das kann mit Vernunft nicht begründet werden. Vielleicht sehe ich das so, weil ich finde, dass, was täglich zu Hause geschieht, auch nicht vernünftig zu begründen ist.

Kein Nachbar im Dorf, vielleicht kein Mensch in diesem Land, der durch das kleine Dorf spaziert, könnte einen vernünftigen Grund für meinen heutigen Marsch zur Oma erkennen.

Trotzdem bin ich heute auf der Flucht.

8. Pfeifenrauch

Als wir im vergangenen Jahr eingezogen waren, standen im Haus noch mehrere alte Möbel. Der Vormieter hatte sie zurückgelassen. Einige von ihnen ließ der Vater stehen, andere transportierte er ab und warf sie auf den Müll. Ins Wohnzimmer stellte er die Möbel aus seiner alten, kleinen Wohnung und einige neu gekaufte Möbel.

Das Haus ist schon sehr alt. Die Wände sind schief, die Decken hängen durch, sie sind rissig, hier und da bröckelt der Putz. Es ist ein altes Bauernhaus. Ich glaube, früher hatte es eine Bauernfamilie bewohnt. Das Haus ist viel geräumiger als die kleine Wohnung des Vaters. Es hat sechs Zimmer und eine große Küche. Die Räume werden mit Holzöfen beheizt. In manchen Zimmern gibt es keinen Ofen. So in unserem Kinderzimmer. Im Winter ist es dort eiskalt. Deshalb haben wir sehr dicke Bettdecken. Wenn wir uns abends schlafen legen, kriecht jeder von uns Geschwistern so schnell wie möglich unter seine Bettdecke, um warm zu werden.

Es wäre möglich mehr Öfen im Haus aufzustellen, damit es im Winter nicht so kalt ist. Aber auch das kostet viel Geld. Und dafür fehlt dem Vater das Geld. So sitzen wir im Winter gerne in der Küche und schälen Kartoffeln oder wir spülen Geschirr, denn es ist der wärmste Raum im Haus.

Als wir hergezogen waren, hatten wir im Dorf kein einziges Kind gekannt. Kinder, die wir im Ort, wo Vaters kleine Wohnung liegt, kennen gelernt hatten, konnten uns im Dorf nicht besuchen. Das Dorf ist zu weit entfernt. Es fahren zu wenig öffentliche Busse. So hatten wir anfangs keine Freunde. Die Dorfkinder lernten wir in der Dorfschulklasse kennen.

In der Dorfschule gibt es nur zwei Klassen. Mein Lehrer, Herr Götz, ist ein sehr strenger Lehrer. Ich glaube, er ist schon sehr alt. Er schickt mich manchmal aus dem Klassenzimmer. Er bestraft mich oft. Manche Unterrichtsstunde muss ich still in der Ecke neben dem Waschbecken stehen. Es gibt immer unterschiedliche Gründe für die Strafen. Ein Mal fehlen die Stifte in meinem Federmäppchen. Ein anderes Mal ist es mein Zuspätkommen am Morgen. Oft habe ich meine Hausaufgabe wieder nicht vollständig erledigt. Meistens ist es meine unvollständige Hausaufgabe. An ihr fehlt immer etwas. Nachmittags sitze ich zu Hause am Küchentisch. Die Stiefmutter will wissen, was ich für Hausaufgaben habe. Weil ich Angst habe, erzähle ich ihr nicht, dass Herr Götz noch viel mehr zu Schreiben aufgegeben hat.

Nachdem die Schulglocke läutet, gehe ich kurz auf die Schultoilette. Dort ziehe ich mein Hausaufgabenheft aus dem Schulranzen. Die richtigen Seitennummern, die ich vormittags im Unterricht eingetragen hatte, radiere ich wieder aus und ersetze sie. Ich bin sehr schlecht im Schreiben. Meine Hände zittern zu stark. Weil ich für das Abschreiben von nur einer Seite aus dem Schulbuch, schon mindestens zwei Stunden nachmittags neben der schreienden Stiefmutter am Küchentisch sitzen muss, kann ich unmöglich die fünf oder sechs Seiten erledigen, die mein Lehrer Götz als Hausaufgabe aufgibt.

In der alten Dorfschule bekomme ich Ohrfeigen, wie von der Stiefmutter, wenn ich etwas tue, das den Lehrer Götz besonders aufregt. Meistens reicht schon die fehlende Hausaufgabe. Jeden Morgen betrete ich das große Klassenzimmer. In der Türschwelle weiß ich schon, dass es wieder eine Strafe von Herrn Götz für mich gibt. Als Hausaufgabe habe ich zu wenige Seiten aus dem Lesebuch abgeschrieben.

Einmal hatte ich etwas besonders Schlimmes getan. Morgens kam ich wie jeden Tag in mein Klassenzimmer. Ich stank fürchterlich. Herr Götz war schon hinter seinem Pult gestanden. Im dicken Lesebuch blätterte er. Er suchte die Seite, auf der er tags zuvor mit dem Lesen aufgehört hatte. Ich trat über die Türschwelle und lief schnell an ihm vorbei. Ich wollte nach hinten laufen zu meinem Platz. Im Vorbeigehen am Lehrerpult schnappte Herr Götz mich an meiner Jacke. Er zog mich dicht an sich heran. Er schnüffelte an mir herum. Ich hörte seine dumpfe, tiefe Stimme: „Kerle, das glaubscht doch selber nedde! Du Bürschle haschd doch ned ebbas graucht heut morge, scho vor da Schul? Oder nach was schtinkscht ’n du sonscht?“

Regungslos, wie sonst vor dem Vater, stand ich vor dem Lehrer. Das war der Moment, in dem der Lehrer heftig zuschlug. Den Vormittag lang hatte ich in der Ecke beim Waschbecken zu stehen.

Tatsächlich hatte ich mir an diesem Morgen etwas Unglaubliches geleistet. Als ich das Dorfschulhaus betrat, war mir schlecht. Ich ging zur Toilette, wo ich mich übergab. An diesem Morgen war die Stiefmutter mit dem Vater zusammen im weißen Käfer in die Stadt gefahren. Bevor ich mit Matthias das alte Haus Richtung Dorfschule verließ, nahm ich eine von Vaters Pfeifen vom Schrank. Ich stopfte die Pfeife, so wie ich es beim Vater oft beobachtet hatte. Bis zum Rand füllte ich sie mit Tabak und drücke den Tabak mit seinem silbernen Pfeifenstopfer fest. Ich rauchte sie auf unserer Toilette zu Hause.

Wir haben zwei Toiletten, eine ist im Haus und die zweite ist auf der Rückseite des Hauses, hinter der Küche. Dort kann man ein großes Fenster nach draußen öffnen. Nur Matthias und ich waren noch im Haus. Bei geöffnetem Fenster saß ich auf der Toilette und paffte vor mich hin. Heute, wo ich mich an diesen Morgen erinnere, wundere ich mich: Warum traute ich mich so etwas? Hatte ich an diesem Morgen keine Angst? Vaters Pfeife rauchen! Unglaublich! Trotzdem war es ein Spaß! Jetzt muss ich ein bisschen schmunzeln, über mich an diesem Morgen. Wie unglaublich dumm ich da war!

Schon nach den ersten Schritten auf der Dorfstraße Richtung Schule wurde mir sehr schlecht. Auch nachdem ich mich auf der Schultoilette übergeben hatte, wurde es nicht besser.

Zu Hause am Mittag war mir immer noch schlecht. Die Stiefmutter wusste schon, was los war. Der Lehrer hatte bereits angerufen. So ist es im Dorf. Es gibt keine Geheimnisse. Deshalb hatten wir in der Schule nie etwas von zu Hause erzählt. Es war niemals sicher, wen der Lehrer anruft. Es war niemals sicher, wann er anruft. Stets bestand die Gefahr, dass er die Stiefmutter bereits angerufen hatte. Auch an diesem Tag hatte sich diese Gefahr bestätigt.

Natürlich hatte der Lehrer auch bemerkt, dass ich in meinem Hausaufgabenheft oft herumradierte. Hin und wieder rief er deshalb die Stiefmutter an. Sie kontrollierte dann mein Hausaufgabenheft und prügelte die ausradierte Hausaufgabe aus mir heraus. So hatte ich nachmittags immer weniger Zeit. Die freie Zeit im Versteck, in der alten Scheune wurde immer weniger. Die Hausaufgabenzeit mit der plärrenden Stiefmutter wurde immer länger.

Zum Glück konnte sie an diesem Tag nicht wissen, dass ich Vaters Pfeife geraucht hatte. Ich hatte das in der Schule nicht dem Lehrer gesagt, so konnte der es ihr am Telefon auch nicht sagen.

Mittags empfing mich die Stiefmutter unten an der Haustür. Sie schlug so zu, wie ich es kannte. Sie schrie so, wie sie es beinahe täglich tat. Wegen ihrem hohen Geschrei verstand ich sie kaum. Es war klar, was sie wissen wollte. Ich hörte sie kreischen: „Wo hascht du die Zigaredden geklaud? Des Klaun und Lügn wer i dir no austreim!“

Auf dem Weg von der Schule hatte ich mit Matthias ausgemacht, dass er mich nicht verrät. Es war klar, dass die Stiefmutter versuchen würde, auch aus ihm etwas herauszuprügeln. Tatsächlich schlug sie bereits unten an der Haustür auch auf ihn heftig ein. Mit Matthias hatte ich ausgemacht, dass ich morgens auf dem Schulweg ein paar Zigaretten gefunden hatte, sie wären einfach vor mir auf der Straße gelegen.

Die Stiefmutter hatte uns die Treppe hinaufgezerrt. Im Korridor zum Esszimmer schlug sie weiter auf mich ein. Jetzt behauptete ich, dass ich die Zigaretten auf der Straße gefunden hätte. Das glaubte sie nicht. Es war der Anlass mich ins Kinderzimmer zu zerren und noch heftiger auf mich einzuschlagen. Sie plärrte: „Lügen und au no frech sein! Des werma dir scho no austreim! Dei Vadder wirds da heut abend scho zoign!“ Ich stand vor ihr, heulte und ich sagte, es sei nicht gelogen. Ich wiederholte, ich hätte eine Schachtel gefunden, in der noch zwei Zigaretten gewesen seien. Wo ich das Feuer her gehabt hätte, wollte sie wissen. Daran hatte ich nicht gedacht! Weil ich darauf nichts sagte, schlug sie noch heftiger auf mich ein. Sie wiederholte, dass sie sich nicht belügen lasse und dass der Vater es abends schon zeigen werde. Wieder schrie sie mich wegen des Feuers an. Jetzt antwortete ich. Ich sei schnell zurück nach Hause gelaufen. Ich hätte mir die erste Zigarette mit Vaters Feuerzeug angezündet. Das war eine Unverschämtheit! Vaters Feuerzeug zu benutzen! Sie schlug weiter zu. Ich konnte nicht mehr reden. Obwohl ich nichts mehr tun konnte, kreischte und schlug sie weiter.

Bei solchen Auseinandersetzungen hatte es zu Hause keinen frühzeitigen Abbruch gegeben, bevor nicht das Ziel erreicht war. Die Stiefmutter kreischte weiter, obwohl ich nicht mehr konnte. Sie schlug weiter auf mich ein, sie schrie weiter. Ich soll sie nicht anlügen, ich soll endlich sagen, woher ich die Zigaretten und das Feuer hätte. Ich konnte mich nur wiederholen, denn es wäre eine Katastrophe geworden, wenn ich zugegeben hätte, dass ich Vaters Pfeife geraucht hatte. Es sei die Wahrheit, die Zigaretten hätte ich gefunden, das Feuer sei von Vaters Schrank gewesen.

Obwohl Matthias unschuldig war, wurden wir beide bestraft. Das hatte die Stiefmutter, seitdem ich sie kenne, immer so gemacht. Ihr ist es wichtig, dass wir Geschwister alle Angst vor ihr haben. So will sie erreichen, dass wir uns gegenseitig verraten. An diesem Nachmittag hatte sie das nicht erreicht. Matthias verriet mich nicht. Er hielt sich an unsere Absprache, obwohl die Stiefmutter auch ihn heftig verprügelte. Das Haus durften wir an diesem Nachmittag nicht verlassen. Wir schrieben den ganzen Nachmittag über in unsere Hefte. Wir saßen neben der keifenden Stiefmutter am Küchentisch. So warteten wir, bis abends der Vater kam. Wir hatten genau gewusst, was dann auf uns zukam.

Zu Hause gibt es kein Entrinnen. Vater und Stiefmutter entkommt keiner von uns. Wir finden keine Ruhe vor den beiden. Im Laufe der Zeit wird es immer schlimmer. Denn mit der Zeit sammelt sich immer mehr an, was das Leben zu Hause unerträglich macht.

Ich war sehr froh, dass Matthias nichts von der Pfeife auf der Toilette erzählt hatte. Ich glaube, es wäre wirklich eine unbeschreibliche Katastrophe geworden, wenn das herausgekommen wäre, denn der Vater war abends sehr wütend gewesen. Ich hatte die Pfeife sauber geputzt in das Regal zurückgelegt. Als der Vater abends nach Hause gekommen war, erzählte ihm die Stiefmutter sofort alles. Der Vater fragte nicht lange weiter nach. Er verstand sofort, dass ich etwas sehr Schlimmes getan hatte und vor allem, dass ich die Stiefmutter belogen hatte.

Für den Vater ist Ehrlichkeit das Allerwichtigste in diesem Leben. Ich glaube, es ist für ihn unerträglich, zu wissen, dass seine Kinder lügen. Ich glaube, der Vater denkt, dass deshalb, weil wir manchmal lügen, aus uns Kindern, wenn wir erwachsen sind, schlimme Verbrecher werden. Mit seinem Prügeln will er erreichen, dass wir aufhören zu lügen. Mit seinen Schlägen erreicht er das niemals. Der Vater versteht nicht, dass ich lüge, weil ich Angst habe. Ich lüge nicht, weil ich andere bestehlen will oder gar Verbrecher werden will. Sondern ich lüge, weil mir nichts anderes einfällt, um mich vor dem Vater und der Stiefmutter zu schützen. Er versteht nicht, dass ich manchmal sogar lüge, weil ich fürchte, von ihm totgeschlagen zu werden. Wenn ich nicht die Wahrheit sage, wenn ich nicht verrate, dass ich morgens seine Pfeife geraucht habe, dann schlägt er nicht so fest zu. Nur dann wird er mich nicht totschlagen. Ich werde kein Verbrecher werden, weil ich lüge. Der Vater versteht das nicht.

Der Vater hatte abends zuerst mit der Hand auf uns eingeschlagen, dann zog er uns in unser Schlafzimmer. Der Gürtel aus der Hose lag schon in seiner Hand. Ich war als erster dran, denn ich hatte die Sache ja ausgefressen. Wie immer musste ich mich über den Stuhl legen. Der Vater schlug zu.

Der Vater schrie, er werde so lange schlagen, bis wir uns das Lügen abgewöhnten. Das Lügen hätten wir im Kinderheim gelernt. Bei ihm gäbe es so etwas aber nicht. Er werde uns zu ehrlichen Kindern erziehen.

Wir hatten ohrenbetäubend laut geschrieen an diesem Abend, denn die Schläge waren besonders kräftig. Mein großer Bruder Mark war noch nicht zu Hause gewesen. Den ganzen Nachmittag hatte ich gehofft, dass er vor dem Vater kommt. Er konnte nicht vor dem Vater zu Hause sein. Seine Arbeit hatte immer länger gedauert als die des Vaters, und mit dem Mofa konnte er nicht so schnell nach Hause fahren, wie der Vater mit dem Käfer.

9. Christians Geburtstag

Immer noch sitze ich oben auf dem Schotterhügel vor der Bahnbaustelle. Die Stadt sehe und höre ich vor mir. Eine Kirchturmuhr schlägt elf Mal. Ich bleibe hier, bis es Mittag wird. Dann werden die Geschäfte schließen und dann wird auch der Vater seine Suche nach mir in der Stadt aufgeben. Der Vater könnte auch bei geschlossenen Geschäften in der Stadt nach mir suchen. Also bleibe ich nicht wegen der Geschäfte bis zum Mittag hier sitzen. Ich bleibe hier, weil ich noch eine Zeit ausruhen muss.

Der heutige Tag ist mein dritter Fluchtversuch. Ich hoffe, dass das Sprichwort: „Alle guten Dinge sind drei“, heute für mich wahr wird und mein heutiger dritter Versuch klappen wird. Als ich das zweite Mal von zu Hause fortgelaufen war, war Matthias wieder mit dabei. Wieder waren wir nach der Schule nicht nach Hause gegangen. Aber wir hatten aus dem ersten missglückten Fluchtversuch gelernt und blieben nicht auf der Landstraße. Direkt unterhalb unseres Dorfes gibt es einen breiten Forstweg, den Matthias kannte. In einem kilometerweiten Bogen führt der Weg an der Stadt vorbei. Stundenlang waren wir auf diesem Weg unterwegs gewesen. Meine Zweifel wurden immer größer. Ich fragte Matthias immer öfter, ob er noch glaube, dass der Forstweg zu dem Ort führt, oberhalb dem die Oma wohnt. Ich hatte Angst, dass wir uns verlaufen. Matthias blieb zuversichtlich. Er hatte mich immer wieder beschwichtigt. Tatsächlich behielt er Recht. Nach vielen Stunden, als die Abenddämmerung schon eingesetzt hatte, endete der Forstweg an einer schmalen geteerten Straße.

Die schmale Straße führte einen steilen Abhang hinunter in ein kleines Tal. Von oben erkannten wir, dass unten tatsächlich der richtige Ort lag. Es war der Ort, in dem wir vergangenes Jahr die ersten Wochen beim Vater in seiner engen Wohnung gewohnt hatten. Auf der anderen Seite des Tals erkannten wir den Berg, auf dem das Haus von Oma liegt.

Unsere Freude war riesig. Die vielen Stunden auf dem Forstweg durch den Wald hatten sich gelohnt! Wir hatten uns nicht verlaufen. Schnell liefen wir die Teerstraße hinunter in den Ort. Als wir unten ankamen, war es bereits finster.

Ein kalter, aber sonniger Januartag lag hinter uns. Nach dem Sonnenuntergang wurde es eisig kalt. Es war der Geburtstag von meinem Bruder Christian. Doch das war mir erst am Ende dieses langen Tages eingefallen.

Unten im Ort wurden wir von einem Erwachsenen angesprochen. Er fragte, ob wir uns verlaufen hätten. Ich glaube, er sprach uns an, weil wir unsere Schulranzen mit uns trugen und es doch schon Abend geworden war. Wir antworteten brav. Wir erklärten, dass wir länger Schule gehabt hätten und wir behaupteten, dass wir gleich um die nächste Ecke wohnten. Der Erwachsene war mit unserer Antwort zufrieden und ging weiter. Auch wir gingen weiter.

Erst einige Minuten später bemerkten wir, dass es mit unserer Ankunft im Ort stockdunkel geworden war. Ich wusste, dass die schmale Straße hinauf zur Oma nachts unbeleuchtet ist. Das fiel mir wieder ein, als ich die Dunkelheit in dem Ort sah. Ich glaube, weil mir das eingefallen war, verlor ich plötzlich den Mut. Ich hatte Angst, weiterzugehen wegen der finsteren Straße hinauf zur Oma. Wir waren sehr abgekämpft und müde von dem langen Fußmarsch. Wir hatten Hunger, und es war eisig kalt und dunkel. Der ganze Mut, den wir oben am Hang noch gespürt hatten, weil wir richtig gelaufen waren, war plötzlich verschwunden.

In der Nähe kannten wir einen Kaugummiautomaten. Wegen unseres Hungers dachten wir darüber nach, ob wir hingehen sollten, um ihn aufzubrechen. Weil das sehr dumm und auffällig gewesen wäre, ließen wir es. Mit den Kaugummis hätten wir unseren Hunger nicht vernünftig stillen können. Der Automat hängt an einer Hausecke, direkt an der Hauptstraße. Hätten wir ihn geknackt, wären sicher alle Kaugummis auf die Straße gerollt.

Unser Mut war gewichen. Wegen unseres Hungers und der Kälte kamen uns solch dumme Dinge in den Sinn. Aber wir waren noch gescheit genug, so etwas Blödes nicht zu tun. Weil wir nicht wussten, was wir tun sollten, drückten wir uns auf dem Hof hinter irgendeinem Haus herum.

Dort dachten wir beide laut darüber nach, unsere Flucht aufzugeben. Aber keiner von uns traute sich, vorne an der Haustür des fremden Hauses zu läuten. So liefen wir eine Zeitlang verzweifelt in der Kälte hinter dem Haus auf und ab. Bereits nach wenigen Minuten entdeckte uns jemand. Eine Frau öffnete ein Fenster im ersten Stock. Von oben rief sie hinunter: „Was macht ihr denn da unten?“ Ich rief hinauf: „Nichts. Wir schauen hier nur ein bisschen herum.“ Es war eine sehr dumme Antwort, doch mir war nichts anderes eingefallen. Außerdem wollte ich, dass die Frau zu uns herunterkommt. Ich wollte, dass sie uns in ihre warme Wohnung holt. Ich glaube, Matthias wollte das auch. Er sagte nichts, sondern er nickte der Frau da oben nur freundlich zu. Die Frau rief hinunter: „Was gibt’s hier denn zu Schauen? Habt ihr da eure Schulranzen auf den Rücken?“ Wir beide nickten freundlich hinauf zu der Frau. Die Frau fragte: „Wo kommt ihr denn her, um diese Zeit, wo wohnt ihr denn?“ Ich rief laut hinauf: „Wir haben uns verlaufen, nach der Schule!“ Jetzt lehnte sich die Frau etwas weiter aus ihrem Fenster. Ungläubig rief sie zu uns hinunter in den dunklen Hof: „So lange habt ihr euch verlaufen? Das gibt’s ja gar nicht! Wo wohnt ihr denn?“ Jetzt war mir endgültig klar geworden, dass die Flucht an diesem kalten Tag mit Matthias gescheitert war. Wir scheiterten an der Kälte, an der Dunkelheit und an unserem Hunger. Ich dachte daran, dass wir von der Frau sicherlich etwas zu essen bekommen, wenn sie uns in ihre warme Wohnung hinauf holte, vielleicht würde sie uns sogar zur Oma bringen. Aus dem Hof rief ich zu ihr hinauf: „Wir wohnen in Zweiflingen! Wir sind in den Wald gelaufen und haben nicht wieder nach Hause gefunden!“ Die Frau hatte immer noch nicht verstanden, dass sie etwas für uns tun muss. Sie rief: „Ja in Zweiflingen! Das ist ja ein schönes Stück weit weg! Das gibt’s doch gar nicht!“ Die Frau lehnte sich noch weiter hinaus. Weil sie immer noch nicht sagte, dass wir zu ihr hinauf kommen sollten, rief ich: „Doch! In Zweiflingen wohnen wir! Und jetzt ist uns saukalt!“ Jetzt wusste die Frau über uns bescheid. Sie rief hinunter in den Hof: „Wartet da unten, ich komme runter!“ Sie Schloss ihr Fenster. Das Licht hinter dem Fenster ging aus. Nur Sekunden später erschien sie im Hof. Sie trug einen dicken Mantel. Sie sagte: „So, ich bringe euch jetzt zu einer Polizeistation!“

Mich hatte eine Polizeistation sehr interessiert, weil ich noch nie auf einer gewesen war, trotzdem antwortete ich der fremden Frau: „Wir wollen aber lieber zur Oma! Die wohnt nicht weit, da oben am Berg!“ Das interessierte die Frau nicht. Sie nahm uns beide an der Hand. Sie brachte uns über die Hauptstraße zur Polizei. Dort bekamen wir zu essen und zu trinken. Bei einem Polizisten warteten Matthias und ich in einem beheizten Zimmer. Die Polizeistation war uninteressant. Ich sah nur diesen einen Polizisten und dieses eine, langweilige Zimmer.

Nach einiger Zeit kamen zwei Leute, eine Frau und ein Mann. Wir kannten sie nicht. Sie fragten uns, warum wir von zu Hause abgehauen waren. Wir erzählten ihnen, dass wir zu Hause immer Angst hätten.

Schließlich brachten uns die Frau und der Mann in einem gelben VW-Passat zurück ins Dorf. Sie parkten ihren Wagen neben Vaters weißem Käfer. Sie gingen mit uns ins Haus. Sie verschwanden mit der Stiefmutter und dem Vater im Wohnzimmer. Dort sprachen sie eine Zeitlang miteinander. Mark war noch nicht zu Hause gewesen, aber Christian saß in der Küche.

Christian saß am Küchentisch. Er begrüßte Matthias und mich nicht. Stattdessen zog er ein Gesicht, wie ich es an ihm kenne, wenn er sehr wütend und sauer auf mich ist. Er war sehr beleidigt und er hatte einen guten Grund. Der Tag war sein Geburtstag.

Heute darf ich auf keinen Fall auf eine Polizeistation gebracht werden. Auch heute würde ich sicherlich ins Dorf zurückgebracht werden. Ich muss es diesmal unbedingt schaffen. Die Oma wird mir bestimmt helfen. Sie hatte uns früher schon so viel geholfen. Vielleicht kann ich bei ihr wohnen. Bei ihr wohnen ja noch mehr Kinder. Ich muss heute die Oma unbedingt erreichen, anders geht es heute auf keinen Fall.

Der Geburtstag war überhaupt nicht schön für Christian. Wegen des Ärgers, den Matthias und ich angerichtet hatten, tobte die Stiefmutter den ganzen Nachmittag durch das Haus. Der Vater hatte uns den ganzen Tag mit dem Auto gesucht. Christian bekam kein Geburtstagsgeschenk. Matthias und ich hatten seinen Geburtstag versaut.

Hätten die Stiefmutter und der Vater meinem Bruder Christian an diesem Geburtstag etwas geschenkt, wenn Matthias und ich nicht fortgelaufen wären? Christian muss es gehofft haben. Ich glaube, er hoffte auf ein winziges Geschenk. Vielleicht hatte er auf etwas Geld gehofft. Vielleicht hatte er an zwei Mark gedacht. Nein, das ist sehr unwahrscheinlich. Christian weiß, dass die Stiefmutter und der Vater kaum Geld haben. Vielleicht hatte er auf eine Tafel Schokolade gehofft, wie wir sie zu Weihnachten bekommen hatten.

Jeder von uns bekam zu Weihnachten eine große Tafel. Mich hatte das sehr überrascht, denn ich hatte nichts erwartet. An Geburtstagen gibt es zu Hause nie etwas Besonderes. Es gibt keinen Kuchen, keine Kerze und keine Geschenke. Deshalb hatte ich auch für den Weihnachtsabend nichts erwartet. Das einzige: Ich hatte auf einen ruhigen Abend gehofft, sonst nichts. Dass es eine Tafel Schokolade für jeden gab, freute mich deshalb sehr. Wir legten die Schokolade in unsere Kleiderschränke, ins kühle Kinderzimmer. Wir teilten sie uns gut ein, sie reichte wochenlang.

Jetzt fällt mir ein warum Christian am Abend seines Geburtstages so sauer gewesen war und Matthias und mich in der Küche mit so einem grimmigen Blick empfangen hatte. Ich stelle mir das so vor: Christian hatte an diesem Tag kein Geburtstagsgeschenk erwartet. Nein, ich glaube es ging ihm genauso, wie es mir an Weihnachten gegangen war. Er hatte nur auf etwas Ruhe an diesem Tag gehofft. Er hatte gehofft, dass die Stiefmutter und der Vater ihn an diesem Tag in Ruhe ließen, sonst nichts. Christian besucht schon die Hauptschule in der Stadt. Morgens fährt er mit dem Bus um kurz nach sieben Uhr dort hin. Nachmittags kommt er spät nach Hause. Immer hat er lange Unterricht. Er versucht, so spät wie nur möglich nach Hause zu kommen. Ich glaube, an seinem Geburtstag war er nachmittags schon früher unterwegs nach Hause gewesen. Weil er Geburtstag hatte, brauchte er sicherlich nicht in den Konfirmandenunterricht zu gehen. Auf dem Heimweg von der Bushaltestelle dachte er über den vor ihm liegenden Nachmittag nach. Vielleicht dachte er: Heute wird es ein ruhiger Nachmittag für mich werden. Denn heute habe ich ja Geburtstag. Die Stiefmutter wird heute nicht um sich schlagen, denn sie weiß: Ich habe Geburtstag. Das ist schön, darauf freue ich mich. Ich werde mich mit diesem kleinen Comicheftchen, das mir ein Klassenkamerad geliehen hat, ins Wohnzimmer neben den warmen Holzofen setzen. Ich werde den Nachmittag im Sessel sitzen und in Ruhe dieses Comicheftchen lesen können. Die Stiefmutter wird mich in Ruhe lassen, denn sie weiß, dass ich heute Geburtstag habe. Sie wird mich nicht ankeifen, sie wird mir nicht meine Schulhefte um die Ohren schlagen, sie wird mir nicht ins Gesicht schlagen. Es wird ein anderer Nachmittag sein als sonst. Deshalb komme ich schon so früh nach Hause. Die Stiefmutter wird mich in Ruhe sitzen und lesen lassen. Ich freue mich auf meinen ruhigen Geburtstagsnachmittag.

Jetzt stelle ich mir Christian vor, wie er an diesem Tag vor unserer Haustür steht. Seine Hand liegt schon am Griff, er möchte sie gerade aufdrücken. Plötzlich wird sie von innen aufgerissen. Da steht die Stiefmutter vor ihm. Sie trägt ihre dunkelbraunen Filzpantoffeln und den grünen Haushaltskittel. Sie begrüßt ihn nicht. Ihr Gesicht sieht nicht freundlich aus. Sie lächelt das Geburtstagskind nicht an. Ihr Gesicht sieht gehässig aus. Ihr Gesicht trägt tausend Falten. Doch es sind keine Sorgenfalten. Es sind Falten, in denen Christian den Hass dieser Frau sieht. Sie macht sich keine Sorgen um uns Kinder, sondern sie hasst uns. In der Haustür keift die Stiefmutter Christian an: „Hascht du deine zwee Brider gsähä? Die sin net hoim kumme, von da Schul!“

Eine Antwort von Christian erwartet sie nicht. Die Stiefmutter zerrt Christian, wie einen der etwas sehr Schlimmes angestellt hatte, am Jackenkragen ins Haus. Sie plärrt das Geburtstagskind auf der Treppe an: „Du hascht denen beschtimmt an Tip gäbä! Von aloi kumme die doch nede uf die Idee nochamal abzuhaua!“

Ich glaube, so könnte es gewesen sein an Christians Geburtstag. Christian hatte nichts erwartet. An seinem Geburtstag hatte er nur auf Ruhe gehofft.

10. Die Zeit ist abgelaufen

Mein Bruder Mark ist jetzt in einem strengen Erziehungsheim. Das hatten der Vater und die Stiefmutter in den letzten Wochen beinahe täglich erzählt. Auch wir kommen in ein Erziehungsheim, wenn wir noch mal abhauen, so hatten sie gedroht. Wir sollten uns nicht einbilden, dass wir wieder zurück in das normale Heim in den Gebirgsort kommen. Das sei für uns für immer gestorben. Wenn wir noch mal zu Hause abhauen, dann ginge es uns genauso dreckig wie unserem großen Bruder. Der hätte jetzt nichts mehr zu lachen. Der wäre jetzt für sein ganzes Leben „erledigt“. Der komme aus dem Erziehungsheim nie wieder heraus. Da werde ihm beigebracht, dass er gegenüber Erwachsenen nicht so frech zu sein habe, wie er es zu Hause gewesen sei.

Ich finde nicht, dass Mark zu Hause frech zu Stiefmutter und Vater gewesen war. Er war viel zu wenig zu Hause, um frech zu sein. Vielleicht hatte er zu wenig Geld hergegeben, vielleicht hatte er in seiner Maurerlehre nicht ordentlich gearbeitet, vielleicht war er manchmal zu spät zur Arbeit gekommen, aber frech? Das hatte ich nie beobachtet.

Ich hatte ihn meist am Wochenende gesehen. Da war er zu Hause und er war immer freundlich zu Stiefmutter und Vater gewesen. Er arbeitete wie wir im Haus, in der Küche, im Garten und er kehrte auf dem Gehsteig. Mit uns spielte er. Er hatte immer Ideen für interessante Spiele im Freien oder im Haus. Wenn Mark zu Hause war, blieb alles ruhig. Die Stiefmutter schrie nicht, der Vater schlug nicht. Mark war nicht frech zu Erwachsenen. Er war für uns, seine jüngeren Geschwister, der große Bruder. Wenn er im Haus war, hatten wir kaum Angst. Vielleicht war es das gewesen, was die Stiefmutter und der Vater meinten. Vielleicht meinten sie, dass Mark frech gewesen sei, weil er uns oft geholfen hatte, indem er einfach da gewesen war. Wegen ihm hatten sich die Stiefmutter und der Vater nicht getraut, hemmungslos auf uns einzuschlagen. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie ihn in dieses Erziehungsheim geschickt hatten.

Seit Mark weg gegangen war, war es zu Hause noch schlimmer geworden. Seit diesem Zeitpunkt hatten der Vater und die Stiefmutter uns jederzeit geschlagen, auch am Wochenende. Die Stiefmutter schlug mich auch am Samstag, wenn ich im Haus geputzt hatte, oder sie schlug auf mich ein, nachdem ich auf der Straße vor der Türe gekehrt hatte. Hatte ich das nicht ordentlich genug gemacht, und wie es ordentlich war, das bestimmte stets die Stiefmutter, dann gab es ihre Ohrfeigen, es gab Schläge und Tritte von ihr. Seit Mark weg gegangen war, hatte uns die Stiefmutter permanent beobachtet. Ich hatte das Gefühl, dass sie alles sah, was ich tat. Vor allem am Wochenende war sie stets dicht in meiner Nähe.

Oben im zweiten Stock, gegenüber dem leeren Zimmer von Mark, wohnt ihr Sohn Paul. Paul ist oft unterwegs. Ich weiß nicht wohin. Er fährt abends mit seinem Wagen, einem gelben Opel weg und kommt erst am nächsten Tag gegen Mittag wieder. Auch das Zimmer von Paul kehren wir am Samstagvormittag.

Es war am vergangenen Wochenende gewesen. Ich hatte oben im Zimmer von Paul gefegt. Die Stiefmutter hatte mich vom Treppenabsatz an Pauls Zimmertüre genau beobachtet. Unter dem Tisch hatte ich schlecht gekehrt. Die Stiefmutter sah dort Haare und Staub. Nachdem ich alles auf die Schaufel gekehrt hatte, sprang die Stiefmutter plötzlich ins Zimmer, sie griff unter den Tisch, hob dort etwas auf und hielt es mir vors Gesicht. Sie schrie: „Was isch das? Du hascht doch grad erscht da unde gekehrd, oder?“ Ich stand vor ihr mit meinem Besen. Ich sagte nichts. Sie schlug mir ins Gesicht. Ich nahm den Besen, schob ihn unter den Tisch und kehrte noch mal alles hervor. Den Dreck schob ich auf die Kehrschaufel und kippte ihn in Pauls Abfalleimer. Sie beobachtete mich genau.

Wäre Mark nicht weg gewesen, hätte sie nie am Samstagvormittag zugeschlagen. Am liebsten hätte ich ihr den Besenstil ins Gesicht geschlagen. Das ging nicht, dann hätte sie oder der Vater mich totgeschlagen. Also bemühte ich mich, alles so gut und richtig zu tun, wie ich es konnte. Es hatte ihr auch nicht gepasst, wie ich den Dreck in Pauls Mülleimer kippte. Ich zitterte, und es fiel etwas Sand daneben auf den gekehrten Fußboden. Sofort schlug sie mir von hinten auf den Kopf.

Ich hatte keine Chance mehr. Das wurde vergangenes Wochenende klar. Seit Mark gegangen war, gab es keinerlei Schutz mehr vor dieser Frau. Es gab keine Ruhepause mehr. Ich konnte machen, was ich wollte, alles war falsch gewesen. Alles was ich tat, war so schlecht gewesen, dass die Stiefmutter zuschlagen konnte, wann und wie sie wollte.

Meine Zeit im Haus von Stiefmutter und Vater war abgelaufen, nachdem Mark gegangen war. Es hätte nur eine Möglichkeit gegeben: zurückschlagen. Das allerdings wäre mein Ende gewesen.

11. Es geht uns gut

Jetzt sehe ich einen Mopedfahrer. Langsam kommt er näher. Er sieht mich nicht. Vielleicht sollte ich weiter gehen. Vielleicht sollte ich nicht bis Mittag auf dem Schotterhügel warten. Vielleicht sieht mich ja doch irgendjemand. Vielleicht taucht plötzlich der Vater im weißen Käfer auf. Ich stehe auf und gehe langsam weiter. Vielleicht steht drüben in der Neubausiedlung jemand hinter einem Vorhang und beobachtet mich schon die ganze Zeit. Das kann ich nicht wissen. Vielleicht ist die Polizei schon unterwegs wegen mir. Vielleicht fragt sich drüben, hinter der Bahnbaustelle, in irgendeinem Neubau ein Mensch hinter einem Storevorhang: „Was macht der kleine Bursche da oben auf dem Schotterhügel so lange? Warum sitzt der da? Warum glotzt der so lange runter auf die Baustelle, wo dort doch nichts los ist?“

Ich klettere den Abhang hinunter. Ich gehe am Schotterhügel entlang. Den Mopedfahrer höre ich. Jetzt sehe ich ihn. Er kommt mir entgegen. Falle ich ihm auf? Hoffentlich nicht. Ich grüße ihn, wenn er vorbeifährt. Der Mopedfahrer soll glauben, dass ich hinter den Gleisen in einem der Neubauten wohne. Ich latsche hier nur ein bisschen herum. Jetzt ist er schon ganz nah. Ob er stehen bleibt und fragt was ich hier mache? Was soll ich antworten? Ich sage, ich gehe hier spazieren. Nein, das ist zu einfach. Warum sollte ich hier spazieren gehen? Jetzt wird der Mopedfahrer langsamer. Sein Motor knattert. Jetzt sieht er mich an. Ich nicke und schaue freundlich. Auch er nickt. Ich sehe sein Gesicht nicht. Er trägt einen schwarzen Sturzhelm. Er fährt dicht an mir vorbei, ohne etwas zu fragen.

Ich klettere wieder den Hügel hinauf. Drüben steige ich hinunter. Schnell springe ich über die Gleise. Es kommt kein Zug. Die Gleise sind noch nicht in Betrieb. Bahngleise darf man nicht überqueren. Aber ich bin ja auf der Flucht. Hier kann kein Zug kommen. Ich erreiche einen schmalen Weg in der Wiese. Langsam schlendere ich auf dem Weg. Ich tue so, als wohne ich in diesen Neubauten. Ich habe keine Eile. Ich komme von der Bahnbaustelle. Die finde ich interessant, denn ich bin ein zehnjähriger Bub. Zehnjährige Buben interessieren sich für riesige Baumaschinen, wie sie dort stehen. Ich erreiche die ersten neuen Häuser. Auf dem gefegten Bürgersteig sehe ich niemanden. Ein Besen lehnt an einem Gartentor. Der Samstagvormittag ist jetzt vorbei. Der Bürgersteig ist gekehrt. Die Straße flimmert in der Sonne. Ich höre das Klappern von Geschirr. Familien sitzen beim Mittagessen. Kein Kind spielt auf der Straße.

Ich spüre meinen Magen. Er ist leer. Gerne würde ich jetzt etwas essen, aber ich habe nichts. Ich halte es leicht einen Tag ohne Essen aus. Ich hatte heute Morgen nicht daran gedacht, dass ich Hunger bekommen würde. Jetzt rieche ich gekochtes Mittagessen. Es riecht aus den geöffneten Fenstern. Ich habe Hunger.

Viel zu gefährlich wäre es gewesen, heute Morgen in die Küche zu gehen. In der Küche gibt es den Brotkasten. Es steht links auf dem Küchenbuffet. Aus der Küche hätte ich etwas zu Essen holen können. Mein Plan hatte die Küche aber nicht vorgesehen. In der Küche schläft Rati unser Dackel. Sicherlich wäre er aufgewacht. Er hätte Lärm gemacht. Das konnte ich nicht riskieren. Ich komme leicht einen Tag ohne Essen aus.

Vom Lehrer in der Schule hatte ich einmal von Kindern gehört, die in Afrika hungern müssen. Dort müssen die Kinder immer ohne Essen auskommen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das geht. Weil ich zu Hause zu essen und zu trinken habe, geht es mir gut. Der Vater hatte das oft gesagt. Er hatte gesagt, dass es uns sogar viel zu gut geht.

Als der Vater so alt war, wie ich es heute bin, hatte er bestimmt schon schwer arbeiten müssen. Damals muss Krieg gewesen sein. Mark hatte es einmal erzählt. Im Krieg gibt es für Kinder nichts zu essen, hatte er gesagt. Es ist so wie für die Kinder in Afrika. Kinder müssen im Krieg arbeiten. Sie müssen den Erwachsenen beim Schießen helfen.

Ich glaube der Vater hatte damals sehr hart arbeiten müssen, um zu Essen zu bekommen. Heute müssen wir unser Essen nicht mit harter Arbeit verdienen. Wir bekommen es vom Vater. Uns geht’s wirklich viel besser, als es unserem Vater ging, als er ein Kind gewesen war. Mark hatte einmal erzählt, dass er froh ist, dass wir unser Essen nicht selber verdienen müssen. Mark trägt seinen Teil schon bei, mit seinem wenigen Lehrlingsgeld. Aber wir Geschwister sind wirklich noch zu klein. Vieles ist seit dem Krieg viel besser geworden, hatte Mark gesagt.

Ich kann mir nicht vorstellen wie grauenvoll der Krieg für die Menschen vor allem für die Kinder und den Vater gewesen war. Oft hatte es gar nichts zu essen gegeben. Es war kalt, alles war zerstört. Mark hatte das in der Schule gehört. An einem Samstagnachmittag hatte er davon erzählt: „Unser Vater war damals so klein wie wir heute. Er hat um sein Leben gekämpft. Nach dem Krieg waren alle glücklich, dass sie das Grauen überlebt haben. In den sechziger Jahren haben viele ihre Familien gegründet. Die vom Krieg zerschossenen Häuser und Straßen waren fast alle repariert. Das Leben wurde wieder viel besser, als es vorher im Krieg gewesen war. Uns geht es heute viel besser als den Kindern und dem Vater im Krieg!“

Das hatte Mark auf einem Samstagsspaziergang erzählt. Trotzdem hatte er es beim Vater nicht mehr ausgehalten. Trotzdem ließ er sich vom Vater ins Erziehungsheim stecken. Obwohl Mark weiß, dass es Kindern im Krieg viel dreckiger geht als uns hier in Deutschland, sitzt er jetzt im Erziehungsheim. Aus der Schule weiß Mark auch, dass es überall auf der Welt Krieg gibt, auch heute. Mark hatte an dem Nachmittag erzählt, dass es Millionen Kinder gibt, denen es sehr schlecht geht. Ich glaube, das stimmt. Mark hatte es in der Schule gehört. Man sagt so etwas nicht zum Spaß. Mark war, obwohl es anderen in dieser Welt viel schlechter geht als ihm, trotzdem von zu Hause weggelaufen. Mark hat entschieden, dass er beim Vater genug ausgehalten hatte.

Habe ich genügend ausgehalten? Wie schlecht geht es mir beim Vater? Bin ich zu empfindlich? Halte ich vielleicht zu wenig aus? Wahrscheinlich bin ich verweichlicht! Vielleicht bin ich verweichlicht, weil ich nie Krieg erlebt habe, wie es der Vater während seiner Kindheit erlebt hatte! Vielleicht brauche ich auch so schreckliche Kindheitserlebnisse im Krieg, wie sie der Vater damals erlebt hatte, damit ich mein Leben beim Vater gut finde. Ich weiß nicht, wie schlimm der Hunger, die zerstörten Häuser, Dörfer, Städte, die vielen ermordeten Menschen im Krieg sind. Das alles muss für den Vater und alle Menschen im Krieg sehr schlimm gewesen sein. Es muss so fürchterlich schlimm gewesen sein, dass ich mir das heute gar nicht vorstellen kann. Vielleicht kann ich den Wert meines Lebens beim Vater nicht schätzen, weil ich noch nie so etwas Grausames erlebt habe. Der Vater hatte das alles erlebt. Sehr schlecht war es dem Vater im Krieg gegangen. Beinahe wäre er gestorben, wie Millionen andere. Ich glaube, mein großer Bruder Mark hat Recht. Weil es dem Vater so schlecht ergangen war, will er, dass es uns viel besser geht. Der Vater hat das erreicht. Uns geht es viel besser. Unser Kinderleben heute ist viel besser, als das Kinderleben das der Vater während des Krieges erlebt hatte. Da bin ich mir ganz sicher. Weil ich mir ein wenig vorstellen kann, wie schrecklich das Kinderleben des Vaters während des grauenvollen Krieges gewesen sein muss, brauche ich keinen Krieg. Mir reicht die schreckliche Vorstellung. Ich glaube, kein Mensch braucht Krieg. Ich glaube, auch der Vater hätte die schrecklichen Erlebnisse des Krieges nicht gebraucht, um für sich zu entscheiden, dass es seinen Kindern gut, besser als ihm während seiner Kindheit gehen soll.

Ich bin froh, dass es uns so gut geht. Ich bin sehr froh, dass ich das Essen vom Vater geschenkt bekomme. Ich wüsste nicht, wo ich das sonst herbekommen könnte. Ich habe kein Geld, um es zu kaufen. Trotzdem habe ich Angst vor dem Vater.

12. Ursprünglich war es anders

Damals als der Vater uns im Gebirgsort im Kinderheim besuchte, hatte ich noch keine Angst vor ihm. Da hatte ich ihn sogar lieb. Ich hatte mich immer gefreut, wenn er uns besuchte. Wir hatten sehr selten Besuch. Er war der Einzige, der regelmäßig kam. Die Tage mit dem Vater waren damals sehr schön gewesen.

Der Vater konnte immer nur kurz zu Besuch bei uns bleiben. Häufig hatte er mit uns Ausflüge in die nahen Berge unternommen. Wir wanderten mit dem Vater durch die Natur und meist hatte er uns zum Mittagessen eingeladen. Damals hatte er immer davon erzählt, dass er uns zu sich nach Hause holen werde. Das freute mich sehr, denn ich war gern mit ihm zusammen. Der Vater sagte, sobald er eine Frau gefunden habe, würde er uns holen.

Im Kinderheim hatte ich oft davon geträumt, wie schön es werden würde, wenn der Vater uns nach Hause holte. Ich hatte mir ein friedliches Zusammenleben erhofft. Ich hatte geglaubt, es würde so schön werden, wie an den Tagen als der Vater uns besuchte. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass es gut werden würde.

Schließlich hatte der Vater diese Frau gefunden. Ich weiß nicht wie er sie kennen gelernt hatte. Der Vater erzählte nichts darüber. In unser Kinderheim hatte er die Frau nie mitgebracht. Vielleicht hatte er schon geahnt, dass sie mit uns, und wir mit ihr, nicht zurechtkommen würden. Vielleicht hatte der Vater befürchtet, wir Kinder könnten uns weigern, mit zu ihm nach Hause zu kommen, wenn wir diese Frau schon vorher kennen gelernt hätten. Ich weiß es nicht.

Ich hatte die Stiefmutter noch nicht gekannt, als der Vater uns zu sich holte. Der Vater hatte sie geheiratet. Ich glaube, weil die Stiefmutter nicht arbeitet, durften wir zu ihr und zum Vater ziehen. Sie hat Zeit, den Haushalt zu führen, sie hat Zeit, sich um uns zu kümmern. Vielleicht ist genau dieses unser Verhängnis?

Vielleicht wäre es besser, wenn sie arbeiten würde und der Vater zu Hause bliebe. Vielleicht hätte es der Vater nachmittags zu Hause anders mit uns versucht, als diese Stiefmutter. Weil ich, als wir letztes Jahr zum Vater zogen, noch keine Angst gehabt hatte, wäre das vielleicht gut gegangen. Der Vater hätte sich um uns gekümmert, während die Stiefmutter in ihrer Arbeitsstelle gewesen wäre. So hätte der Vater mehr Zeit gehabt zu sehen, was mit uns los ist. Er hätte sich nicht jeden Abend alles von der Stiefmutter sagen lassen müssen.

Weil die Stiefmutter abends eh schon immer sauer auf uns war, wurde der Vater auch jeden Abend gleich wütend. Das wäre anders gewesen, wenn der Vater tagsüber genau gesehen hätte, welche Schwierigkeiten wir aus der Schule mitbrachten. Der Vater hätte den Nachmittag zu Hause gestaltet. Der Vater hätte gesehen, dass wir uns anstrengten. Er hätte gemerkt, dass wir uns bemühten, soweit wir es konnten. Vielleicht hätte er geahnt, dass wir in der Schule und zu Hause nicht absichtlich alles falsch gemacht hatten. Vielleicht hätte er sogar irgendwann verstanden, dass wir die Stiefmutter und ihn nicht ständig ärgern wollten.

Der Vater hätte gesehen, dass wir vieles lernen wollten. Er hätte gemerkt, dass auch wir uns das Leben bei ihm anders gedacht hatten, als es schließlich geworden war. Vielleicht wäre dem Vater schnell klar geworden, dass wir uns dieses Leben alle schöner vorgestellt hatten. Wenn der Vater nachmittags zu Hause gewesen wäre, hätten wir es vielleicht mit ihm zusammen verändert.

Den Vater hatten wir alle schon lange Zeit gekannt. Wir wussten also, wie er es haben wollte mit uns. Bei seinen Besuchen im Kinderheim hatte er das oft genug erzählt. Auch er wusste, dass wir uns bei ihm ein schönes Leben vorgestellt hatten.

Ich glaube der Vater hat zu wenig Zeit, und Ruhe um zu sehen und um zu verstehen, wie es zu Hause ist. Er hat keine Ruhe, um zu erkennen, warum es zu Hause ist, wie es ist. Er hat zuwenig Zeit, um nachzudenken wie wir es zu Hause anders machen könnten. Vielleicht hat der Vater schon aufgegeben. Vielleicht glaubt er gar nicht mehr daran, dass es zu Hause so sein könnte, wie er es ursprünglich gewünscht hatte. Oder hat er vielleicht schon vergessen, wie er es sich ursprünglich wünschte?

Da ist die Stiefmutter. Warum kreischt sie so oft herum? Warum schlägt sie uns? Warum sagt sie das, was sie mit uns spricht, immer so gehässig? Warum schreit sie jeden Tag das gleiche: „Na ward Bürschle! Dei Vadder wirds da heut Abend scho zoing!“ Warum will sie, dass der Vater abends seinen Gürtel benutzt? Ich kann ihr nicht mehr zuhören. Zwischen ihr und mir ist es aus. Wenn sie spricht, spüre ich, dass sie mich am liebsten zum Fenster hinaus werfen würde.

Warum lebt sie mit uns zusammen? Was hatte sie sich ursprünglich gewünscht? Vielleicht hatte sie sich ursprünglich auf uns gefreut, obwohl sie uns noch nicht gekannt hatte. Sicherlich hatte sie sich alles auch ganz anders vorgestellt. Oder hatte sie von vornherein geplant, uns jeden Tag zu beschimpfen, anzuschreien und zu schlagen? Ich glaube nicht, dass sie das ganz freiwillig tut. Sie will es nicht. Das glaube ich. Vielleicht kann sie einfach nicht anders. Ich glaube jetzt, seitdem Mark fort ist von zu Hause, weiß auch sie, dass es vorbei ist, dass es nicht so weiter geht.

Den Hass zwischen ihr und mir hatte ich von Beginn an gespürt. Als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, merkte ich sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist. Obwohl sie nicht sofort gemein und gehässig zu mir gewesen war. Ich traf sie das erste Mal im Haus bei der Oma. Es war der Tag gewesen, als der Vater uns vom Kinderheim abgeholt hatte. Ich glaube, an dem Tag hatte sie nur so getan, als wäre sie nett. Heute glaube ich, dass sie uns im Haus der Oma an diesem Nachmittag etwas vorgespielt hatte. Sie hatte uns angelacht, sie hatte getan, als freute sie sich auf uns. Auch mit der Oma und dem Opa sprach sie ganz freundlich. Aber ich hatte gespürt, dass an ihrem Lachen und an ihrem freundlichen Grüßen und Reden irgendwas nicht stimmte. Ihr Lachen und Reden war sehr seltsam, sehr eigenartig. Es hatte etwas nicht zusammengepasst, doch ich kann heute noch nicht sagen, was das genau gewesen war, ich spürte das einfach. Schon von diesem ersten Tag an war mir die Stiefmutter unangenehm. Ich glaube schon von dieser ersten Begegnung an hatte der Hass zwischen uns begonnen, der sich im vergangenen Jahr ins Unermessliche steigerte.

Vielleicht war das mein Fehler gewesen, vielleicht hätte ich mich an diesem ersten Nachmittag gegenüber der Stiefmutter anders verhalten müssen, vielleicht hätte ich damals irgendwie verhindern können, dass dieser Hass zwischen uns entsteht. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hatte die Stiefmutter von diesem ersten Tag an schon gemerkt, dass ich sie nicht mag. Vielleicht war es schon dieser eine kurze Kennenslerntag bei der Oma gewesen, an dem die Stiefmutter sich entschieden hatte, mich zu hassen und mich zu schlagen.

13. Ordnung und Sauberkeit

Der Vater hatte sich schnell verändert. Er sprach nicht mehr genauso mit uns wie zuvor, als wir noch im Kinderheim gelebt hatten. Ich hatte das Gefühl, dass er sich nicht mehr so stark für uns interessierte. Und: Er war nicht mehr so nett zu uns.

Er sprach die ganze Zeit mit der Stiefmutter. Mit uns unterhielt er sich nur selten. Wenn er uns ansprach, hörte ich plötzlich einen neuen Ton in seiner Stimme. In seiner Stimme hörte ich nicht mehr, dass er von mir etwas hören-, etwas wissen wollte. Wenn ich den Vater reden hörte hatte ich das Gefühl, dass es ihn nicht mehr interessierte, wie es mir geht. Er sprach so, als erwarte er überhaupt keine Antwort von mir. Es war als wisse er eh genau, was mit mir los ist. Der Vater fragte seine Kinder nicht, sondern er befahl. Er sagte nur noch, was wir tun dürfen und was nicht. Das meiste durften wir nicht. Den gleichen Ton hörte ich von der Stiefmutter. Allerdings hörte ich diesen Ton von ihr viel öfter, denn der Vater war ja jeden Tag bei der Arbeit gewesen.

Wir Geschwister waren einiges gewohnt gewesen aus dem Kinderheim, in dem wir zuvor gelebt hatten. Die Nähe allerdings zu zwei Menschen, wie dem Vater und dieser Stiefmutter, denen wir zu Hause nicht entkamen, war uns neu. Wir hatten keine Chance, der Stiefmutter aus dem Weg zu gehen. Abends konnten wir auch dem Vater nicht aus dem Weg gehen.

Ich hatte das mit den Befehlen schon aus dem Kinderheim gekannt. Dort gab es viele Befehle und eine klare Ordnung. Das hatte mir nie etwas ausgemacht, oft fand ich das sogar gut, denn ich wusste genau, was verboten war.

Bei Stiefmutter und Vater war es anders. Sie befahlen und trotzdem war nicht zu verstehen, was genau verboten war und warum es verboten war. Trotz ihrer vielen Befehle verstand ich nicht, was sie eigentlich meinten. Eines hatte ich irgendwann gemerkt: Alles, was ich tat, war schlecht und falsch. In den vergangenen zwei Wochen, seit Mark fort ist, hatte ich gespürt: Es ist egal, was ich tue, denn alles, was ich tue, ist falsch.

Die Stiefmutter befiehlt. Ich tue, was sie befiehlt. Egal wie es mir gelingt, es ist immer etwas falsch, an dem was ich tue. Deshalb schlägt die Stiefmutter. Vor ihrem Schlagen gibt es kein Entrinnen. Abends erzählt sie dem Vater irgendetwas. Dann gibt es kein Entrinnen vor dem Schlagen des Vaters.

Braucht die Stiefmutter uns, damit sie schlagen kann? Braucht sie uns, damit sie sich ärgern kann? Braucht sie uns, weil wir vieles falsch machen, weil wir vieles nicht gut können, weil wir alles nicht so gut können, wie wir es sollten? Vielleicht braucht sie uns, damit sie tagsüber beschäftigt ist. Braucht sie uns als etwas, worüber sie sich aufregen kann? Ich weiß es nicht.

Die Stiefmutter spricht nie etwas Vernünftiges mit uns. Glaubt sie, dass wir dumm sind? Seit wir bei ihr und dem Vater wohnen, hat sie sich noch nicht mit uns unterhalten. Das einzige, was sie getan hatte, war, uns zu schimpfen und herumzuschreien. Für die Stiefmutter gehen wir Zigaretten kaufen. Für sie jäten wir das Unkraut aus dem Garten. Für sie fegen wir den Bürgersteig. Die Stiefmutter will Ordnung und Sauberkeit. Die Stiefmutter kontrolliert alles. Ist sie unzufrieden, kreischt sie und schlägt. Sie ist immer unzufrieden.

Einen Menschen wie die Stiefmutter hatte ich vorher nicht gekannt. Sie sagt nie, dass sie etwas gut findet. Ich glaube, etwas das sie gut findet, gibt es bei ihr nicht. Die hohe Stimme der Stiefmutter klingt schrecklich. Ich zucke sofort zusammen, wenn sie ertönt. Schlägt ihre Hand auf mein Ohr, höre ich ein Pfeifen. Manchmal höre ich das Pfeifen schon, bevor die Stiefmutter zuschlägt.

Ich weiß nicht, warum die Stiefmutter noch nie mit uns gesprochen hat. Ich weiß auch nicht, warum der Vater nicht mehr mit uns spricht.

III. Durch die Stadt

1. Suche nach dem gelben Schild

Ich bin mitten in der Stadt. Es ist meine Geburtsstadt. Trotzdem kenne ich mich nicht aus. Es ist laut und es stinkt. Viele Autos fahren auf einer breiten Straße an mir vorbei. Ich bin an einer Kreuzung angelangt. Ich weiß nicht, welche Richtung ich einschlagen soll. Ich gehe nach rechts. Ich suche eine Straße hinaus aus der Stadt in den Ort zur Oma.

Ich laufe auf dem Gehsteig an Wohnhäusern mit kleinen Vorgärten vorbei. Aus offenen Fenstern höre ich das Klappern von Geschirr. Ich rieche Abgase von Autos und Geruch von Mittagessen. Schon wieder kommt eine große Kreuzung. Diesmal gehe ich geradeaus. Jetzt rieche ich das Mittagessen nicht mehr. Rechts und links am Straßenrand sind keine Wohnhäuser mehr. Dort sind jetzt Geschäfte, die bereits geschlossen haben. Ich glaube, in den Stockwerken darüber sind Büros, denn alle Fenster sind geschlossen.

Ich biege nach rechts ab in eine gepflasterte Straße. Kein Auto fährt hier. Jetzt kommen einige Fußgänger entgegen. Den heutigen langen Vormittag war ich ganz allein gewesen. Kein Mensch ging nahe an mir vorbei oder kam mir entgegen. Deshalb frage ich mich nun, ob ich einem der Fußgänger auffalle. Wird mich einer fragen, wer ich bin, wo ich hin will? Ich werde schneller. Ich gehe an vielen Fußgängern vorbei. Sie alle kennen mich nicht, sie grüßen mich deshalb nicht, sie wollen auch nicht wissen, wer ich bin, sie wollen nicht wissen, woher ich komme und wohin ich heute gehe.

Ich verlasse die Fußgängerzone. An der nächsten Kreuzung gehe ich wieder gerade aus. Ich erreiche eine Bushaltestelle. Dort warten einige Menschen. Ob ich mit dem Bus zur Oma fahren könnte? Ich habe kein Geld. Deshalb kann ich mit dem Bus nicht fahren, auch wenn er zur Oma fährt. Ich gehe weiter.

Metzgereien, Schuhgeschäfte, ein Fernsehgeschäft, eine Bäckerei, alle haben schon geschlossen. Es ist kein langer Samstag heute. Die Straße wird nun breiter. Lärm und Gestank nehmen wieder zu. In jedem weißen Käfer, der an mir vorbeifährt, könnte der Vater sitzen. Deshalb drehe ich mich nicht nach den Autos um. Ich glaube, der Vater erkennt mich sofort. Ich gehe ganz nah bei den Häusern und Geschäften. Ich blicke in die Schaufenster. Wenn der weiße Käfer mit dem Vater auf der Straße vorbeifährt, sieht der Vater nur meinen Rücken. Vielleicht fährt er zu schnell an mir vorbei. Er bemerkt nicht, dass ich vor dem Kaufhausschaufenster stehe und mir die Auslagen ansehe.

An jeder Kreuzung gehe ich geradeaus. Ich gehe langsam. Ich renne nicht so verrückt schnell durch diese Stadt, wie heute Morgen durch das Dorf. Es hätte keinen Sinn, schnell zu laufen. Ich fiele nur unnötig auf. Ich tue so, als bummle ich ein wenig durch die Straßen. Ich bin auf meinem Weg nach Hause zum Mittagessen.

Die Fußgänger beachten mich nicht. Das kenne ich nicht. Hier kennt mich keiner, das ist in der Stadt anders als zu Hause. Im Dorf kennt mich jeder. Da weiß jeder, wo ich herkomme und wo ich hin gehe. Im Dorf fragt mich jeder, was ich will, wenn er es noch nicht weiß. Ich war noch nie allein unterwegs in einer Stadt.

Ich sehe mir die großen Straßenschilder an. Auf einem Schild muss der Name des Ortes stehen in dem die Oma wohnt. Durch das Fenster in Vaters Käfer hatte ich es schon Mal gesehen. Wir waren zum Einkaufen in die Stadt gefahren. Ich hatte schon lange geplant wegzulaufen und ich dachte daran, durch die Stadt zu gehen. Ich hatte mir überlegt, dass der Vater sicherlich nicht vermuten werde, dass ich diesen Weg wähle. Mein dritter Fluchtversuch soll mich heute auf keinen Weg führen, den ich schon einmal versucht hatte. Heute Vormittag sollte es nicht der breite Forstweg sein und auch nicht die Landstraße. Ich hatte schon lange entschieden, dass mein Weg mich heute durch diese Stadt führen wird. Deshalb hatte ich damals aufmerksam verfolgt, welche Strecke der Vater zum Einkaufen mit dem Käfer durch die Stadt gefahren war. Die Geschäfte und Schaufenster in der Nähe der Kreuzung mit dem richtigen Schild, das ich jetzt suche, hatte ich versucht, mir genau einzuprägen. Die Häuser und Mauern an der Straße hatte ich mir genau angesehen. Ich war mir damals sicher gewesen, dass ich den Weg zu dem Schild an der Kreuzung heute suchen werde. Heute bin ich hier und suche. Bis jetzt erkenne ich kein Geschäft und kein Haus wieder.

Vielleicht weiß die Oma schon, dass ich heute weggelaufen bin. Vielleicht hat sie der Vater schon angerufen. Vielleicht hat er schon gefragt, ob ich bei ihr angekommen bin. Christian hatte erzählt, dass der Vater immer die Oma anrief, wenn wir weggelaufen waren. Der Vater brüllte die Oma am Telefon an. Er drohte mit der Polizei, die er bei ihr vorbei schicken wollte, wenn wir bei ihr wären und sie ihn zu belügen versuche. Ich glaube nicht, dass die Polizei bei der Oma vorbei gekommen wäre und uns dort abgeholt hätte. Ich glaube, die Oma hätte im Jugendamt angerufen. Sie hätte erklärt, warum die Polizei uns nicht zum Vater bringen soll.

Vielleicht könnte die Oma dafür sorgen, dass ich bei ihr wohnen kann. Bei ihr wohnen schon viele Kinder. Vielleicht zu viele. Sie hat keinen Platz mehr im Haus. In allen Zimmern wohnen schon Kinder. Die Oma hilft mir trotzdem. Der Polizei würde sie mich bestimmt nicht freiwillig übergeben.

Weit entfernt erkenne ich jetzt wieder ein großes, gelbes Schild. Vielleicht steht da endlich der richtige Name. Ich komme schnell näher. Es stehen viele Namen auf dem gelben Schild. Aber der richtige ist wieder nicht dabei. Ich gehe geradeaus weiter.

Viele Männer fahren heutzutage einen weißen Käfer, genauso wie der Vater. In Vaters Käfer sitze ich gerne direkt hinter dem Vater. Von da sehe ich gut zum Fenster hinaus, und ich kann mich an der Lehne aufstützen. In der Mitte sitze ich nicht so gerne. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit dem Vater. Es ist sehr lange her. Es war ein Ausflug. So etwas haben wir lange nicht mehr gemacht. Am Wochenende waren wir unterwegs zu Bekannten vom Vater. Nach langer Fahrt steuerte der Vater den Käfer auf einen Parkplatz. Meine Geschwister, die Stiefmutter, der Vater und ich, wir alle gingen auf die Toilette. Dann fuhren wir weiter.

Der Vater hatte die Fahrertür des Käfers nicht richtig zugeschlagen. Das erkannte ich sofort, denn wie immer saß ich hinter ihm. Die Tür war nur einen kleinen Spalt weit offen. Sie bewegte sich in den Kurven hin und her. Unten, durch den Türspalt sah ich in den Kurven die graue Straße. Die ganze Fahrt über beschäftigte mich die offene Tür. Ich dachte darüber nach, ob ich dem Vater sagen sollte, dass seine Türe offen ist. Ich hatte darüber nachgedacht, was geschehen würde, wenn die Tür plötzlich in einer scharfen Kurve aufspringt. Ich fragte mich: Stürzt der Vater dann hinaus auf die Straße, wird er gegen einen Baum geschleudert? Ich wäre schuld daran, weil ich die ganze Zeit lang gesehen hatte, dass die Türe nicht richtig geschlossen war. Ich hätte Schuld weil, ich nichts gesagt hatte. Die anderen würden mich fragen, ob ich nichts gesehen hätte. Sie würden sagen: „Du musst doch von deinem Sitzplatz etwas gesehen haben! Warum hast du nichts gesagt? Der Vater wäre noch am Leben, wenn du etwas gesagt hättest! Er hätte während der Fahrt nur kurz die Türe geöffnet und sie fest zugeschlagen. Dann wäre gar nichts passiert! Es wäre alles in Ordnung. Aber du hast einfach nichts gesagt. Du hast ihn weiterfahren lassen. Du hast so getan, als wäre nichts, als sei alles völlig normal. Nur du hättest ihm helfen können. Kein anderer wusste, dass die Türe aufgehen könnte. Du warst der einzige, der es schnell sagen hätte können und der Vater wäre noch am Leben, du bist Schuld daran!“

Dem Vater hatte ich während der Fahrt nicht gesagt, dass seine Türe nicht richtig verschlossen war. In den Kurven hätte sie aufspringen können. Es kamen sehr viele Kurven. Wir waren noch lange unterwegs. Die Türe war nicht aufgesprungen. Niemand hatte bemerkt, dass die Türe nicht richtig geschlossen war. Am Fahrtziel stiegen wir alle aus dem Auto aus, auch der Vater.

2. Vor einer Gärtnerei

Ich stehe vor einer kleinen Gärtnerei. Im Gewächshaus wird gearbeitet, obwohl heute Samstag ist. Frauen und Männer gießen und graben. Mit einem Gartenschlauch spritzen sie herum. Ich stehe auf dem Bürgersteig und schaue durch das Glas.

Die Gartenarbeiterinnen erinnern mich an unseren Garten im Dorf. Kurz nach unserem Einzug in das alte Haus hatte der Vater das meterhohe Gras mit einer Sense weggeschnitten. Im Garten waren neben dem hohen Gras bunte Blumen gewachsen. Der Garten war eine einzige bunte Blumenwiese gewesen. Das vom Vater abgeschnittene Gras warfen wir auf einen Haufen hinter dem Haus. Im Laufe der Zeit hatte die Stiefmutter im Garten neue Blumen eingepflanzt. Sie pflanzte Tulpen, Rosen und Geranien. Mir wäre ein Beet mit Schnittlauch, Tomaten und Petersilie recht gewesen. Auch die hohe, bunte Blumenwiese hätte mir gut gefallen. Alles Unkraut hätte ruhig weiter wachsen können. Anfangs hatte unser Garten ausgesehen, wie ich mir Gärten in Märchen vorstelle.

In unserem Garten hatten wir nie gespielt. Es kam überhaupt nicht in Frage, dort zu spielen. Der Garten war kein guter Platz für meine Geschwister und mich. Wir hatten in ihm gearbeitet, aber wir spielten dort nicht. Ich glaube, wir hätten dort auch dann nicht gespielt, wenn die Wiese schön hoch gewachsen wäre. Der Garten lag zu nah bei der Stiefmutter. Wir hatten stets darauf geachtet, beim Spielen im Freien möglichst weit weg von der Stiefmutter zu sein. Wir gingen in den Wald oder zur alten Scheune hinter der Schule. Wenn wir weit weg waren vom Haus, vom Garten, von der Stiefmutter, dann waren wir sehr froh, denn dann hatte ich das Gefühl, mich ein wenig frei bewegen zu können.

Ist das nun alles vorbei? Oder werde ich wieder, nachmittags im Dorf einen Platz zum Spielen suchen? Vielleicht werde ich nie wieder ins Dorf zurückkommen, so wie mein großer Bruder Mark. Ich bin ganz sicher, dass Mark nie mehr beim Vater wohnen wird. Mark lebt im Erziehungsheim und dort wird er für immer bleiben, das hatten der Vater und die Stiefmutter in den vergangenen Wochen oft genug gesagt.

Ins Erziehungsheim will ich nicht. Der Vater hatte oft gedroht, dass wir, wenn wir auch von zu Hause abhauen, so wie Mark, genauso wie es mit ihm geschehen ist, ins Erziehungsheim gesteckt werden. Heute ist es so weit. Ich bin abgehauen. Ich will aber nicht ins Erziehungsheim gesteckt werden. Ich will bei der Oma wohnen! Doch was mache ich, wenn das nicht geht? Was will ich, wenn bei der Oma kein Platz mehr für mich ist? Will ich zurück zur Stiefmutter und dem Vater? Oder gehe ich dann ins Erziehungsheim?

Vom Erziehungsheim hatte ich früher im Kinderheim schon gehört. Genauso wie es in den letzten Wochen der Vater getan hatte, hatte auch der Heimleiter damit gedroht. Manche Kinder aus seinem Kinderheim schickte der Heimleiter ins Erziehungsheim. Diese Kinder waren von heute auf morgen plötzlich verschwunden. In einem Erziehungsheim muss es sehr schlimm sein. Die Regeln die es dort gibt, müssen noch viel genauer und strenger sein, als in einem normalen Kinderheim. Ich hatte den Heimleiter so verstanden, dass dort die Kinder besonders viel geschlagen werden, wenn sie gegen die Regeln verstoßen. Sie dürfen das Heim nicht verlassen. Die Kinder dürfen nachmittags nicht mit anderen Kindern aus dem Ort spielen. Ich glaube, es gibt dort auch keinen Wald, in dem man Hütten bauen darf. Sicherlich gibt es auch keine Scheunen in denen man unbeobachtet Zigaretten rauchen kann. Man wird im Erziehungsheim streng überwacht und Tag und Nacht genau kontrolliert.

Ich glaube, wenn das so ist, will ich nicht ins Erziehungsheim. Zurück zur Stiefmutter gehe ich auch nicht. Also muss ich bei der Oma bleiben. Etwas andres fällt mir jetzt nicht ein. Was soll es sonst noch für mich geben? Es gibt nur die Oma, bei der ich leben kann.

Der Vater hatte gedroht, dass Mark im Erziehungsheim schon lernen werde, nicht mehr frech zu Erwachsenen zu sein. Dort werde er sich schon abgewöhnen, Erwachsene zu belügen. Wenn Mark das nicht lerne, dann komme er später ins Gefängnis. Das Gleiche werde auch mir blühen, wenn ich noch einmal davonliefe.

Wird Mark später in ein Gefängnis gesteckt? Vielleicht. Weil er sich nichts gefallen lässt und keine Angst vor den Erwachsenen hat? Der Vater und die Stiefmutter hatten gesagt, dass er sich im Erziehungsheim abgewöhnen werde, Erwachsene zu ärgern und sein Geld zum Fenster hinaus zu werfen.

Ich hatte das nicht verstanden. Ich habe nie beobachtet, dass Mark zu Stiefmutter und Vater frech gewesen war. Mir war auch nicht aufgefallen, dass Mark sein Geld zum Fenster hinausgeworfen hatte. Mark verdient sehr wenig Geld. Für seine Möbel hatte er deshalb sehr lange gespart. Er hatte die Hälfte für das Mofa auf einen Schlag an den Händler bezahlt, er zahlte monatlich seinen Anteil für die Miete und er zahlte seine Schulden bei Stiefmutter und Vater für die andere Hälfte des Mofas zurück. Was sollte er da noch zum Fenster hinauswerfen?

Das Mofa haben der Vater und die Stiefmutter bereits an den Händler zurückverkauft. Nur zwei Tage, nachdem Mark verschwunden war, schickten sie Christian, nachmittags nach der Schule, mit dem Mofa in die Stadt. Der Vater hatte sich von der Arbeit frei genommen und war mit dem Käfer hinter Christian her gefahren. Christian war niemals zuvor mit einem Mofa gefahren. Deshalb war er an diesem Tag begeistert, er strahlte, weil er endlich einmal Mofafahren durfte. Das Mofa hatte der Händler gerne zurück genommen. Jetzt steht es in seinem Schaufenster irgendwo hier in dieser Stadt. Christian hatte abends in unserem Schlafzimmer erzählt, dass der Vater einige Geldscheine dafür bekommen hatte. Die Hälfte von diesen Geldscheinen müsste Mark zurückbekommen. Ich weiß nicht, ob der Vater und die Stiefmutter ihm das in sein Erziehungsheim schicken werden.

Abends in unserem Schlafzimmer hatte Christian erzählt, dass das Mofa sehr gut gefahren war. Der Händler habe gesagt, dass er ein so gut repariertes und gewartetes Mofa sehr gerne zurückkaufe. Mark repariert alles gut. Schon früher im Kinderheim hatte Mark elektrische Geräte repariert. Alle Heimbewohner hatten ihm regelmäßig kaputte Radios und Kassettenrekorder zur Reparatur gebracht. In seinem Zimmer hatte Mark die Geräte zerlegt und oft stundenlang geduldig nach Fehlern gesucht. Meist war es ihm gelungen, die Defekte zu finden und die Geräte wieder in Gang zu bringen. Die Heimkinder hatten sich darüber immer gefreut. Mark war im Kinderheim ein zuverlässiger Ansprechpartner für alle technischen und mechanischen Probleme gewesen. Manchmal hatte er sogar Geräte von Erziehern repariert.

In seinem Zimmer im Kinderheim hatte Mark eine alte Musiktruhe. Der Vater hatte sie bei einem seiner Besuche für Mark mitgebracht. Von seinem Taschengeld hatte Mark Schallplatten gekauft. Marks Musik hatte mir gut gefallen. Auch dem Heimleiter hatte sie gefallen. Sie hatte ihm so gut gefallen, dass er sich einmal alle Schallplatten von Mark geliehen hatte, um sie auf Kassetten aufzunehmen.

Ich stehe immer noch auf dem Gehsteig vor der Gärtnerei. Die Arbeiterinnen tragen grüne Kittel. Sie räumen Pflanzentröge vom Gehsteig hinter den Zaun, sie tragen Gartenwerkzeug ins Gewächshaus, sie rollen Gartenschläuche zusammen. Sie räumen auf, damit morgen der Sonntag kommen kann. Ich denke jetzt nicht mehr an unseren Garten im Dorf.

Ich denke wieder an Marks Zimmer im Kinderheim, das nie aufgeräumt gewesen war. Im Zimmer stand alles voll mit zerlegten elektrischen Geräten. Sie hatten unter dem Bett gelegen, sie stapelten sich auf dem Schrank bis zur Decke, sie überwucherten den Tisch, und die vielen Kabel und Platinen versperrten den Blick aus Marks Zimmerfenster, weil die Stapel auch auf der Fensterbank höher und höher wuchsen. Alle im Heim hatten Mark gern, denn meist schaffte er es, auch das älteste Gerät wieder in Gang zu bringen.

Einer im Heim hatte Mark nicht besonders gern gehabt. Es war der Heimleiter. Von ihm hatte Mark nie etwas zur Reparatur angenommen. Nur einmal hatte Mark diesem Mann seine Schallplatten geliehen. Vielleicht hatte sich Mark dazu gezwungen gefühlt. Zwischen ihm und Mark war oft Streit gewesen. Ich glaube, das hatte darin seinen Grund, dass der Heimleiter oft diejenigen Mädchen im Arm hatte, mit denen Mark befreundet gewesen war oder es gern sein wollte. Ich glaube, deshalb hatte Mark dem Heimleiter nur einmal den Gefallen getan, seine Schallplatten herzuleihen. Mit den Mädchen, die Mark gern hatte, war der Heimleiter häufig nachmittags im Auto davongefahren und erst abends wieder zurückgekommen. Mark konnte nichts dagegen tun, denn die Mädchen hatten sich stets darüber gefreut, mit diesen Ausflügen im Wagen des Heimleiters etwas Besonderes zu haben. Oft durften diese Mädchen im Nebenhaus, in der Wohnung beim Heimleiter, in dessen Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen. Manchmal waren sie mit dem Heimleiter in eine Kneipe unterwegs oder sie wurden von ihm zum Eisessen im Ort eingeladen. Für den Heimleiter waren die Mädchen etwas Besonderes gewesen. Ich glaube, nachdem Mark das festgestellt hatte, war er immer wütender auf den Heimleiter geworden.

Auch in diesem Kinderheim in Oberbayern wurden wir Kinder oft geschlagen. Dieser Heimleiter und sein Buchhalter, der war sein Stellvertreter, hatten oft auf uns Kinder eingeschlagen. Aber mit denen konnte man reden. Mark konnte das. Oft hatte Mark die beiden einfach darauf angesprochen, wenn sie auf Kinder einschlugen. Einmal hatte ich sogar beobachtet, wie er sich dazwischen warf. Der Heimleiter schlug im Speisesaal auf einen kleinen Buben ein. Mark kam gerade zur Tür herein. Er sah den prügelnden Mann und stürzte sich dazwischen. Ich glaube Mark hatte sich damals deshalb oft so verhalten, weil er wissen wollte, warum der Heimleiter zugeschlagen hatte. Oft hatte Mark lange mit diesem Mann gesprochen. Manchmal hatte ich solche Gespräche beobachtet. Dabei war mir mehrmals aufgefallen, dass der Heimleiter im Gesicht rot wurde. Ich glaube, Mark hatte diesem Mann oft etwas gesagt, dass ihn ärgerlich machte. Eines Tages war es zwischen beiden so ärgerlich geworden, dass der Heimleiter sich nicht mehr beherrschen konnte. Während Mark den Mann wieder zur Rede gestellt hatte, hatte dieser Mark mit der Faust aufs Auge geschlagen. Ich glaube, deshalb und weil der Heimleiter so oft mit den Mädchen verschwunden war, konnte Mark den Heimleiter nicht mehr leiden.

Der Heimleiter hatte damals versucht, Mark in ein Erziehungsheim zu schieben. Aber es gelang ihm nicht, weil eines Tages der Vater gekommen war und sagte, dass wir bald zu ihm nach Hause gehen würden.

Mark wollte gerne Elektriker werden. Weil er alles reparieren kann, wäre das ein guter Beruf für ihn. Er wäre sicher ein guter Elektriker. Er kann sogar einen Fernseher wieder in Gang bringen. Der Vater hatte nicht gewollt, dass Mark Elektriker wird. Als Elektriker bekomme man zu wenig Geld, das hatte der Vater immer gesagt. Er hatte gesagt, dass man in der Lehre als Elektriker fast nichts verdient. Deshalb hatte der Vater für Mark eine Lehrstelle als Maurer besorgt. Mark solle unbedingt Maurer lernen, weil er als Maurer viel Geld verdienen könne und gut davon leben könne. Auf dem Bau verdiene Mark schon in der Lehre viel. Der Vater hatte behauptet, so verdiene er viel mehr, als wenn er Elektriker lerne. Wenn der Vater zu Hause so etwas gesagt hatte, dann hatte es stets gestimmt. Gegen die Worte des Vaters hatte es keinen Widerspruch gegeben, denn der Vater und die Stiefmutter dulden keinen Widerspruch. Mark hatte nicht widersprochen, denn er hatte schnell verstanden, dass Widerspruch zu Hause zu Streit führt. Mark wollte keinen Streit mit dem Vater, ich glaube, er hatte den Worten des Vaters getraut. Mark hatte den Worten des Vaters vertraut, der gesagt hatte, dass der Verdienst bei einer Lehre sehr wichtig ist. Also lernt Mark jetzt Maurer. Es ist sehr gut, dass Mark das Reparieren von Radios und Kassettenrekordern trotzdem nicht verlernt hat. Ich finde es schade, dass er nicht Elektriker wird.

3. Der richtige Weg

Ich höre Schlüssel klimpern. Die Gärtnerei wird jetzt zugesperrt. Ich gehe langsam weiter. Ich spüre meine Füße. Sie schmerzen nicht, aber sie kommen mir schwer vor. Wieder kommt eine Kreuzung mit großen Schildern. Wieder finde ich den richtigen Namen nicht.

Auf der Kreuzung blicke ich jetzt genau um mich. Sie kommt mir bekannt vor! Ich glaube, ich war schon einmal hier. Vielleicht habe ich diese Kreuzung schon mal durch das Käferfenster gesehen.

Ich gehe nach rechts. Kenne ich die Häuser in der Straße? Kenne ich die Geschäfte, die Gärten? Habe ich die Straße schon gesehen? Ich erinnere mich nicht. Ich spüre meinen Magen, er meldet sich, er hat Hunger. Ein Brötchen wäre jetzt gut. Aber ich halte es auch ohne aus. Eine lange Kurve. Eine Bushaltestelle. Meine Füße werden schwerer. Die Sitzbank ist leer. Die Fahrer in ihren Käfern, hinter ihren Windschutzscheiben, können mich jetzt gut sehen. Warum sitze ich hier? Der Vater könnte vorbei fahren.

Ich sitze und denke nichts mehr … Nichts denken ist schwer. Nicht an die Stiefmutter denken, nicht an den Vater, nicht an Mark im Erziehungsheim. Einfach sitzen und nicht denken, obwohl der Vater vorbei fahren könnte. Ich sitze hier, das Gewicht meiner Füße spüre ich jetzt nicht mehr. Ich könnte also weiter laufen. Trotzdem sitze ich immer noch hier. Weiße Käfer fahren ständig vorbei. Nichts zu denken ist schwer. Ich glaube, ich kann nicht nicht denken. An irgendetwas muss ich denken. Ich denke daran, was ich gerade tue. Heute laufe ich davon, obwohl ich weiß, dass es verboten ist. Ich laufe davon, obwohl es sein kann, dass zu Hause alles normal ist. Vielleicht ist es zu Hause genauso, wie in vielen anderen Familien. Heute laufe ich davon, obwohl es ungewiss ist, ob ich bei der Oma bleiben darf. Heute laufe ich davon, obwohl ich nicht ins Erziehungsheim gehen will. Alles was ich heute tue, ist schlimm, denn es ist verboten. Die Stiefmutter und der Vater haben verboten wegzulaufen. Ich muss das tun, was die Erwachsenen sagen. Erwachsene wissen, was gut ist und was schlecht ist. Ich bin noch zu klein, um das zu wissen.

Wer ruft denn da? Wem gehört die laute Stimme? Ich kenne sie nicht. Es ist die Stimme eines Erwachsenen. Durch die offene Bustür schreit der Fahrer: „Einsteige! Ned träume!“ Sofort winke ich mit der Hand. Ich zeige in die andere Richtung. Ich stehe auf und laufe schnell los. Ich höre das Zischen der Bustür. Jetzt gibt der Fahrer Gas. Es qualmt grau aus dem Auspuff.

Ich drehe mich wieder in die richtige Richtung um. Den Bus sehe ich nicht mehr. Schnell laufe ich an der Bushaltestelle vorbei. Ich glaube, ich bin wahnsinnig. Was ich hier tue, ist Irrsinn. Ich tue nur Dinge, die schlimm sind. Ich laufe von zu Hause weg. Ich will zur Oma, obwohl ich genau weiß, dass sie keinen Platz mehr in ihrem Haus hat. Ich sitze hier, mitten in der großen Stadt, am Straßenrand an einer Bushaltestelle. Der Vater kann hier jederzeit anhalten. Ich glaube, ich bin verrückt geworden! Nichts von all dem ist erlaubt, alles ist verboten. Der Vater wird mich deshalb bestrafen.

Trotzdem laufe ich schnell diese langgezogene Kurve entlang. Jetzt erhebt sich neben dem Bürgersteig aus dem Boden in dieser langen Kurve eine dunkle, graue Mauer. Was treibt mich voran? Warum laufe ich so schnell, obwohl es mir ganz klar vom Vater verboten worden war, von zu Hause abzuhauen? Jetzt renne ich! Weil es verboten ist, weil es bestraft werden kann, deshalb renne ich. Im Grunde ist es vollkommen klar, dass ich renne. Ein Mensch, der denkt wie ich, ein Mensch der sich entscheidet, zu tun, was ich heute tue, ein Mensch, der heute tatsächlich tut, was ich lange überlegt und schließlich entschieden habe, dieser Mensch muss rennen!

Was ist das für eine hohe, graue Mauer neben dem Bürgersteig? Ja, sie kommt mir bekannt vor! Ich muss sie früher schon gesehen haben. Waren wir an ihr mit dem Vater im Käfer vorbeigerauscht? Ich glaube das könnte auf einer Einkaufsfahrt mit dem Vater in dieser Stadt gewesen sein. Ja, ich bin sicher, diese Mauer habe ich schon gesehen. Auf den Einkaufsfahrten in den Großmarkt hatte ich sie durch das Wagenfenster schon mehrmals gesehen. Ich renne, so schnell ich kann. Die Straße ist sehr breit. Viele Autos rasen vorbei. Endlich ist die Kurve zu Ende. Eine verkehrsreiche Kreuzung führt in vier Richtungen. Ich schwitze beinahe so stark wie heute Morgen im Dorf. Auch meinen schnellen Puls spüre ich wieder. Mit meiner Strickjacke wische ich wieder über meine verschwitzte Stirn. Auch meine Augen wische ich trocken. Aber nun kann ich gar nichts mehr erkennen. Weil ich zu fest auf meinen Augen herumgewischt habe, sehe ich die vielbefahrene Kreuzung und das große gelbe Schild kaum mehr. Alles sieht verschwommen aus. Ich bleibe stehen. Ich atme tief und schnell. Das gelbe Schild wird langsam klarer. Die Worte sind weiterhin unscharf, aber nun kann ich sie entziffern. Den ersten, zweiten und dritten Ort kenne ich nicht. Den vierten Ort kenne ich. Es ist unser Dorf. Wieso steht da der Name unseres kleinen Dorfes? Den fünften Ort kenne ich auch nicht. Der sechste Ort? Er ist richtig! Da ist der richtige Name, und der Pfeil zeigt nach links. Ich habe alles richtig gemacht! Endlich bin ich wieder auf dem richtigen Weg. Ich biege also nach links ab. Ich erkenne die Straße sofort. Es stimmt alles. Das ist der Weg in den Ort zur Oma. Ich habe mich nicht verlaufen, ich muss keinen Fußgänger nach dem Weg fragen.

Schweiß läuft durch mein Gesicht. Tropfen fallen herunter. Ich wische sie mit der Jacke weg. Ich sehe nur noch vereinzelte Häuser am Straßenrand. Jetzt kommen die ersten Bäume. Die Autos rasen schnell vorbei. Es sind viele Käfer dabei. Das Ortsendeschild kann ich vor mir erkennen. Die Stadt liegt also gleich hinter mir. Ich blicke jetzt auf die breite Straße mit den vielen rasenden Autos. Ich sehe mehrere Gesichter hinter den Windschutzscheiben in weißen Käfern. Zum Glück kenne ich keines. Ich sehe nach vorne und nach hinten. Die Straße ist jetzt kurz frei, deshalb renne ich sofort los. Ich überquere die Straße, sie hat vier Spuren. Der schwarze Teer sieht neu aus, genauso wie heute Morgen der Teer auf unserer Landstraße beim Dorf. Ich will keine Gesichter mehr hinter den Windschutzscheiben in weißen Käfern sehen, deshalb schaue ich jetzt nicht mehr auf die Straße.

Ein Schuhband öffnet sich. Schon wieder diese blöden Schuhbänder! Ich binde das Band nicht sofort. Oder kann ich es wagen? Mit dem Rücken zur Straße. Warum nicht? Ich kann schneller gehen wenn das Band wieder verschlossen ist. Wenn ich es gleich tue, geht das Binden schneller, weil das Schuhband noch nicht ganz aus der Öse herausgerutscht ist. Ich bücke mich. Schweiß tropft schon wieder herunter. Das Binden klappt dieses Mal besser. Ich renne weiter. Mit der Jacke wische ich über mein Gesicht.

Endlich passiere ich das Ortsendeschild mit dem Balken. Da kommt auch schon der erste Busch zwischen der Landstraße und dem Gehweg! Ich setzte mich in den Schatten hinter den Busch. Ich mache mich sehr klein. Kein Autofahrer kann mich sehen.

Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne. Endlich ist überall Schatten. Deshalb ist keine weitere Zeit hinter dem kleinen Busch zu verlieren. Jetzt kann ich weiterlaufen. Schweiß läuft an meinen verschwitzten Armen hinunter. Die Hitze ist unerträglich, deshalb freue ich mich über die Wolken. Das Land ist flach, nur kleine Büsche stehen zwischen Straße und Gehweg. Schattenspendende Bäume fehlen völlig. Deshalb bin ich froh, dass die Sonne jetzt hinter einer riesigen Wolke ist. Mein Blick reicht über das flache Land nach vorne bis hinüber zum Anfang des nächsten Ortes. Dieser Ort ist mein nächstes Ziel. Ich schätze, es sind höchstens zwei Kilometer. Es geht geradeaus über diese flache Ebene. Vielleicht geht es sogar leicht bergab, denn mein Schritt kommt mir jetzt sehr schnell und locker vor. Der Ort vor mir ist mein nächstes Ziel, denn hinter diesem Ort liegt der Berg, auf dem die Oma wohnt. Wie viele Kilometer bin ich heute schon gelaufen? Zehn? Oder zwölf? Ich glaube, in meinem Leben bin ich noch nie so weit an nur einem Tag gelaufen. Ich muss die Oma fragen, wie weit es von unserem Dorf bis zu ihr ist.

IV. Durch den Ort hinauf

1. Paul

Ich spüre leichten, kühlenden Gegenwind. Die dicke Wolke zieht schnell vorbei. Schon kommt die Sonne wieder hervor. Ich habe das Gefühl, mein Kopf glüht von der Hitze. Ich laufe rhythmisch, meine Schuhe sind gut gebunden. Der Fußweg verläuft in unmittelbarer Nähe neben der Landstraße, die Stadt und Ort verbindet. Ich komme schnell vorwärts, der Ort rückt näher.

Von der lauten Landstraße hinter den kleinen Büschen höre ich dieses typische Motorengeräusch. Aber nicht jedes Auto ist ein Käfer. Hin und wieder höre ich auch die Motoren von Mercedes oder Opel vorbeidonnern. Die Mehrheit der Wagen jedoch hat ein sehr schrilles Motorengeräusch, es sind Käfer.

Auch Opa fährt einen schönen, grauen Käfer. An ihn denke ich jetzt. Vielleicht ist er heute unterwegs? Wenn der Vater die Oma angerufen hat, ist er bestimmt unterwegs. Vielleicht hat die Oma ihn losgeschickt, um nach mir zu suchen. Vielleicht ist ein Gesicht hinter der Windschutzscheibe eines grauen Käfers, das Gesicht von Opa. Aber auf der Landstraße fahren auch viele weiße Käfer.

Ich atme schnell und tief. Der Ort ist gleich erreicht. Meine Schuhe an den Füßen fühle ich. Es kommt mir vor, als wären meine Schuhe mit meinen Füßen verschweißt. Sie sind schwer. Bei jedem schwungvollen Schritt werfe ich den schweren Fuß in seinem angeschweißten Schuh vor mich. So entsteht mein Laufrhythmus. Ich habe das Gefühl, als ziehe mich das unendlich schwere Gewicht meiner Füße hin zu dem nahen Ort.

Von der Landstraße dicht neben meinem Fußweg höre ich jetzt wieder besonders laut diese schrillen Käfermotoren. Die Geschwindigkeit der Fahrzeuge auf der Landstraße ist sehr hoch. Sie zischen an mir vorbei und von ihrem Fahrtwind wackeln die Zweige der Büsche. Jeder der herannahenden und an mir vorbei donnernden Käfermotoren klingt laut, monoton und schrill. Keiner dieser Käfermotoren hört in dem Augenblick auf mit diesem hohen, schrillen Drehgeräusch des Motors, in dem der Fahrer mich auf dem Gehsteig neben der Landstraße erkennt. Kein Käferfahrer auf der Landstraße nimmt den Fuß vom Gaspedal. Zum Glück! Denn wenn das hohe, schrille Motorengeräusch nachlassen würde und überginge in ein etwas tieferes, beinahe dumpfes Geräusch, dann könnte es der Vater sein, der neben mir auf der Landstraße seinen Fuß vom Gaspedal nimmt. Aber kein Käfermotor wird dumpfer und leiser. Kein Käfer hält auf der Landstraße neben mir. Der Ort rückt näher. Ich erkenne das gelbe Ortsschild.

Paul ist der Sohn der Stiefmutter. Warum fällt mir der jetzt ein? Ich kann nichts dagegen tun. Jetzt falle ich aus meinem Laufrhythmus. Mein Schritt wird schneller. Ich bin beunruhigt. Ich laufe unrhythmisch, auch mein Atem ist ungleichmäßig. Warum? Der Sohn der Stiefmutter hat auch ein Auto. Es ist kein Käfer. Er hat einen gelben Opel Kadett. Ihn hatte ich völlig vergessen. Nicht nur der Vater, auch Paul könnte heute hinter mir her sein. Ich mag ihn nicht. Als wir ins Dorf gezogen waren, war Paul plötzlich da. Es war, als hatte er dieses Zimmer im zweiten Stock schon immer bewohnt. Paul war immer irgendwie da, aber trotzdem gehört er nicht zur Familie. Vielleicht weil er schon älter ist als meine Geschwister und ich. Paul ist erwachsen.

Manchmal war Paul mit uns Geschwistern spazieren gegangen. Er hatte das nicht gern getan. Am Sonntagnachmittag, bei Regenwetter, hatte er uns oft mitgenommen, damit wir aus dem Haus waren. Die Stiefmutter hatte das von Paul verlangt. Pauls Spaziergang hatte immer in seine Stammkneipe, in einem Nachbardorf geführt. Sonntags trifft Paul dort seine Freunde aus einem Fußballklub. In der Kneipe trinkt er Bier. Wir Geschwister waren stets am Nebentisch gesessen. Wir hatten nie etwas getrunken, denn wir hatten kein Taschengeld. Wir hatten uns immer leise miteinander unterhalten und wir hatten uns die Männer in der Kneipe angesehen, wie sie an der Theke lehnten und um die verrauchten Tische saßen, Bier tranken und Zigaretten rauchten.

Paul raucht sehr viel. In seiner Jacke, die er sonntags neben sich auf die Holzbank, seinem Stammplatz in der Kneipe legt, hat er mehrere offene Zigarettenpackungen. Jedes Mal, wenn Paul uns mitgenommen hatte, haben wir uns mehrere Zigaretten von ihm stibitzt. Am Montagnachmittag hatten wir sie in unserer Scheune geraucht. Paul hatte nie etwas davon bemerkt. Paul hatte zu viele Schachteln in seiner Jacke. Paul trinkt sonntags in seiner Stammkneipe drei Bier. Danach steht er auf, zieht die Jacke an, winkt seinen Freunden am Stammtisch kurz zu und verlässt die Kneipe. Wir waren viele verregnete Sonntage hinter Paul hergewatschelt, damit wir aus dem Haus und irgendwie beschäftigt waren. Die Spaziergänge mit dem Sohn der Stiefmutter waren immer sehr langweilig gewesen. Dabei hatte Paul sich nie unfreundlich verhalten. Trotzdem mag ich ihn nicht.

Paul hilft uns nie, wenn es Prügel gibt. Er tut, als wüsste er davon nichts. Aber er weiß davon. Von seiner Arbeit ist er täglich schon viel früher zu Hause, als mein großer Bruder Mark. Paul kommt schon vor dem Vater nach Hause. Er geht hinauf in sein Zimmer. Man sieht ihn den ganzen Abend lang nicht. Wenn wir ins Bett gehen, gegen halb acht Uhr, verlässt er das Haus. Er fährt irgendwo hin. Paul interessiert es nicht, wie es uns geht. Wahrscheinlich mag ich ihn deshalb nicht. Paul tut, was die Stiefmutter sagt. Wenn sie ihn Sonntagnachmittags mit uns zum Spazieren gehen schickt, tut er es. Wenn sie ihn heute Morgen losgeschickt hat, mich zu suchen, tut er es sicherlich auch.

Gestern Abend war Paul im Nachbardorf im Sportheim gewesen. Dort hatte er sich zusammen mit seinen Fußballfreunden das Fußballspiel angesehen. In der vergangenen Nacht habe ich Pauls Auto nicht gehört. Heute Morgen, als ich vor unser Haus getreten war, habe ich seinen gelben Opel nicht auf der Straße gesehen. Das fällt mir jetzt erst ein! Paul muss die Nacht bei seinen Fußballfreunden verbracht haben. Er hätte also heute Morgen, zu sehr früher Stunde, übernächtigt die Dorfstraße herunterfahren können. Er hätte auch auf der Landstraße fahren können, auf der ich das Dorf verlassen hatte. An Paul habe ich bis jetzt nicht gedacht.

Endlich das gelbe Ortsschild! Vielleicht ist Paul noch gar nicht zu Hause. Vielleicht hat er bei einem Fußballfreund geschlafen. Vielleicht sitzt er jetzt schon wieder im Nachbardorf in der Kneipe bei seinen Fußballfreunden und feiert den Sieg der Deutschen Fußballmannschaft. Dann weiß er noch gar nicht, dass ich weggelaufen bin. Wenn Paul heute mehr als drei Bier trinkt, weil es was zu feiern gibt, dann kommt er sicherlich erst nachmittags heim. Vielleicht lohnt es sich nicht mehr, dass er losfährt, vielleicht bin ich dann schon bei der Oma.

2. Wohin gehören?

Ich habe mein nächstes Ziel erreicht. Im Ort komme ich jetzt an der Sporthalle und dem Fußballplatz vorbei. Dort hatten wir Geschwister damals, als wir in der kleinen Wohnung vom Vater wohnten, beinahe jeden Nachmittag gespielt. Wir hatten nicht nur Fußball gespielt, sondern wir spielten dort alles, was uns gerade einfiel. Im Herbst ließen wir auf der Wiese neben dem Platz unsere Drachen steigen.

Auf dem Fußballplatz hatte ich das Fahrradfahren gelernt. Michael, der ganz in der Nähe wohnt, hatte jeden Nachmittag mit uns gespielt. Er hat ein schönes, rotes Fahrrad. Er zeigte mir, wie man fährt. Ich war ein paar Mal gestürzt. Das hatte Michael gefallen. Aber bald hatte ich es gelernt. Bei schönem Wetter war ich jeden Nachmittag mit Michaels Fahrrad auf der schwarzen Bahn um den Fußballplatz unterwegs gewesen.

Mit einem Fahrrad ist man viel schneller als zu Fuß. Das Fahren geht sehr einfach. Den weiten Weg, den ich heute gelaufen bin, hätte ich mit dem Fahrrad viel schneller geschafft. Zu Hause haben wir auch ein Fahrrad. Aber es ist sehr alt und sehr groß. Ein Riesenfahrrad, schwarz mit Rücktrittbremse, ohne Gangschaltung. Vorne hat es eine Bremse mit dickem Bremsklotz, der während des Bremsens von oben auf den Reifen drückt. Unser altes Fahrrad ist für mich viel zu groß. Wenn ich drauf sitze, erreichen meine Füße die Straße nicht mehr. Aber trotzdem kann ich schon damit fahren. Beim Stehenbleiben muss ich das Fahrrad langsam zur Seite fallen lassen.

Einmal war ich mit dem Fahrrad im Dorf unterwegs. Das Radfahren habe ich nicht verlernt. Auf der Dorfstraße war ich gestürzt und hatte mich am Knie aufgeschürft. Das lag aber an dem zu großen Fahrrad. Ich war bereits stehen geblieben. Beim Abspringen war ich gefallen. Für ein kleineres Fahrrad, auf das wir besser draufpassen, reicht zu Hause das Geld nicht.

Jetzt habe ich einige Minuten gar nicht mehr an den Vater gedacht. Der Fußweg und die Straße im Ort machen eine langgezogene Kurve. In dieser Kurve liegt die alte, kleine Wohnung des Vaters. Jetzt werde ich wieder schneller. Es ist möglich, dass mich hier im Ort noch jemand von früher kennt. Gleich komme ich am Haus mit Vaters früherer Wohnung vorbei. Davor erkenne ich schon die Eisdiele. Sie ist geöffnet. Klar, bei der Hitze! Sie ist voll. Menschen sitzen auf den Stühlen an runden Tischen draußen auf dem Gehsteig. Ich laufe ganz schnell, aber ich renne nicht. Ich höre die Menschen, sie unterhalten sich und sie lachen. Ich rieche das Eis. Erdbeere, Schokolade und Zitrone. Mein Lieblingseis ist Schokolade. Ich schaue niemanden an. Ich laufe schnell vorbei.

Vaters alte Wohnung liegt nun hinter mir. Der weiße Käfer vom Vater steht nicht vor der Tür. Früher stand er immer neben dem Gehsteig vor dem Haus. Der neue Mieter ist nicht Zuhause oder er hat kein Auto. Jetzt werde ich noch schneller.

Die erste Querstraße biege ich gleich rechts ein. Ich muss runter von dieser Hauptstraße. Hier im Ort kenne ich mich aus. Die Hauptstraße wäre die kürzeste Strecke zur Oma, doch weil zu viele Autos und Menschen auf ihr unterwegs sind, ist sie zu gefährlich. Ich gehe einen Umweg über die Nebenstraßen.

Jetzt habe ich schon eine schmale Nebenstraße Richtung Schwimmbad erreicht. Das Schwimmbad liegt auf einer kleinen Anhöhe. Am Wegrand setze ich mich unter einen Baum in den Schatten. In der Sonne, auf dieser Nebenstraße ist die Hitze beinahe unerträglich. Endlich kann ich mich etwas ausruhen. Niemand weiß, wo ich jetzt bin. Ich denke wieder an das Verbotene, das ich gerade tue. Ein ruhiger Tag heute. Ich glaube, es ist noch nie so ruhig gewesen. Niemand will etwas von mir. Heute hat mich nur der Busfahrer in der Stadt etwas gefragt. Er wollte wissen ob ich mitkomme. Niemand sonst wollte etwas von mir. Niemand fragt heute, ob ich das Zimmer schon gefegt habe, ob ich im Wohnzimmer schon Staub gewischt habe, ob meine Schuhe schon geputzt sind, ob ich die Hausaufgaben fertig habe, ob ich schon im Garten Unkraut gejätet habe. Niemand befiehlt heute: Geh Zigaretten holen, putz das Klo, schäle Kartoffeln, fege den Bürgersteig, fege in Pauls Zimmer, aber ordentlich! Niemand droht heute: Sonst kracht’s! Dein Vater wird’s dir heute Abend zeigen! Das machst du jetzt noch mal, sonst setzt’s was!

Heute bin ich hingegangen, wohin ich gehen wollte. Heute habe ich es endlich gemacht! Aber ich habe Angst. Es ist verboten. So einen Tag habe ich noch nicht erlebt. Um mich herum ist alles ruhig. Diese Ruhe habe ich, weil ich heute das Verbotene tue. Die Stiefmutter und den Vater sehe ich heute nicht. Meine Geschwister sehe ich nicht. Ich bin hier und muss gleich weiter gehen. Ich muss in Bewegung bleiben. Ich muss weiterkommen, obwohl ich gar nicht genau weiß, wo ich hin soll. Hoffentlich ist das nicht das Leben. Hoffentlich weiß ich bald wieder, wohin ich gehen soll, wo ich bleiben soll. Ein bisschen bleibe ich noch sitzen, unter dem schattigen Baum. Ein paar Grashalme nehme ich noch in die Hand, bevor ich aufstehe. Es war noch nie so ruhig.

Gleich in der Nähe ist meine alte Schule. Kurz vor Unterrichtsschluss mussten wir damals jeden Tag fünf Minuten lang „stillsitzen“. Das hatte zum Schulunterricht gehört. „Ihr seid alle so zappelig und nervös“, hatte die Lehrerin gesagt. Deshalb sollten wir jeden Tag das Stillsitzen üben. Jetzt sitze ich hier, unter dem Baum. Ich sitze ganz still, ich zapple nicht. Die Lehrerin würde sich freuen, wenn sie das sehen könnte. Ich freue mich, dass ich jetzt so still sitzen kann. Aber die Fingernägel! Die sind alle abgebissen. Schon den ganzen Tag kaue ich auf den Nägeln herum. Das wollte ich nicht. Jetzt sind sie alle weg. Abgerissen. Wenn der Vater das sieht! Nein, nein der sieht das nicht mehr! Dem zeige ich die Hände nie mehr! Alles, was ich heute getan habe, ist verboten.

Ich stehe auf. Es geht eine Steigung hinauf Richtung Hallenbad. Jetzt denke ich an die alte Wohnung. Der Vater hatte mich dort, gleich am ersten Tag, das erste Mal geschimpft. Es war wegen der abgebissenen Fingernägel. Die lange Autofahrt, vom Kinderheim bis zur Oma, hatte ich auf den Nägeln herumgekaut. Genauso wie heute hatte ich das gar nicht bemerkt. Erst als der Vater mich deswegen angebrüllt hatte, sah ich, dass die Nägel alle weg waren.

3. Schreiben

Die alte Wohnung war sehr klein gewesen. Es ging eine schmale, steile Treppe hinauf zur Wohnungstüre. Links das kleine Bad und rechts die Küche. Sie hatte keine Türe. In der Küche stand ein Küchentisch mit einer Eckbank.

Matthias und ich hatten nachmittags täglich viel Zeit am Küchentisch verbracht. Christian war nachmittags nie zu Hause. Er hatte immer gesagt, er hätte Unterricht. Nur an einem Nachmittag pro Woche ging er nicht zur Schule, da hatte er Konfirmandenunterricht. Mark war jeden Tag bei der Arbeit gewesen.

Am Küchentisch hatten wir nachmittags die Hausaufgaben gemacht. Während wir in unsere Hefte schrieben, lief die Stiefmutter in der Wohnung herum. Sie kam am Esstisch vorbei. Sie nahm unsere Hefte. Sie sah, was falsch war. Sie sagte uns, was falsch war. Falsch war das, was ihr an unserer Kinderschrift nicht gefiel. Meist war alles falsch. Ich kann nicht schön schreiben. Meine Hand zittert beim Schreiben, neben der Stiefmutter. Ich schaffe keinen geraden Strich.

Damals hatte die Lehrerin alles, was ich aus dem Buch abschreiben musste, mit einem Rotstift markiert. Jeden Tag hatten Matthias und ich viel zu schreiben. Die Stiefmutter nahm unsere Hefte und radierte alles wieder aus. Unsere Linien und Stiche waren krumm und schief. Was ich schrieb, sah ganz anders aus, als das, was im Buch stand. Manchmal riss die Stiefmutter eine ganze Seite aus meinem Schreibheft. Ich musste alles noch einmal schreiben.

Weil meine Linien und Buchstaben jeden Nachmittag zittrig gewesen waren, war die Stiefmutter sehr böse geworden. Sie brüllte mich an. Sie behauptete, ich würde mir keine Mühe geben. Sie sagte, sie werde mir das schon austreiben. Sie hatte täglich alles noch mal ausradiert. Sie knallte das Heft auf den Tisch. Dann hob sie es wieder auf und schlug es Matthias und mir ins Gesicht. Dann kreischte sie laut. So begann die Stiefmutter zuzuschlagen.

Matthias war jeden Tag noch viel länger am Esstisch bei den Hausaufgaben gesessen als ich. Obwohl er viel besser und schneller lesen kann, braucht er beim Schreiben bei der Stiefmutter viel mehr Zeit als ich. Er kann nicht mit der rechten Hand schreiben. Er schreibt schon immer mit der linken Hand. Ich glaube, das hatte er in der Schule damals im Kinderheim so gelernt. Im Kinderheim hatte das nachmittags bei den Hausaufgaben nie jemanden gestört. Matthias schreibt alles genauso, wie die anderen Kinder. Nur nicht mit der rechten, sondern mit der linken Hand. In der Schule stört das nicht. Für die Lehrerin hier im Ort war das kein Problem, auch den Lehrer in der Dorfschule stört es nicht. Die Stiefmutter und den Vater stört es. Sie glauben das wäre nicht normal. Sie glauben, Matthias müsse lernen, mit der rechten Hand zu schreiben. Ich weiß nicht, warum sie das glauben. Vielleicht glauben sie, dass die Ordnung gestört ist, wenn man mit der Linken schreibt. Welche Ordnung das ist, das weiß ich nicht. Es ist ungewöhnlich, mit der linken Hand zu schreiben! Jeder Mensch muss mit der rechten Hand schreiben! Ich glaube so denken sie. Ganz einfach.

Das klappt nie. Matthias kann das nicht lernen. Er hatte die vielen Jahre im Kinderheim immer mit der linken Hand geschrieben. Deshalb hatte er in der alten Wohnung, hier im Ort, jeden Nachmittag noch viel länger gebraucht als ich. Wenn die Stiefmutter mich spät nachmittags aus dem Haus gehen ließ, durfte Matthias lange noch nicht gehen. Oft musste er, bis abends der Vater von der Arbeit Heim kam, am Esstisch sitzen und alles immer wieder neu mit der rechten Hand schreiben.

Der Vater hatte sich jeden Abend zuerst das Heft von Matthias angesehen. Jeden Tag war das, was Matthias geschrieben hatte, schlecht. Der Vater verprügelte ihn deshalb im Badezimmer. Manchmal verprügelte er auch mich. Abends musste Matthias wieder am Küchentisch sitzen und alles noch mal schreiben.

Oft war ich wegen der vielen Fehler von Matthias verschont geblieben. Ich glaube, weil der Vater ihn jeden Abend im Badezimmer verprügelt hatte, vergaß mich der Vater manchmal. Und weil ich mit der rechten Hand schreibe, hatten die Stiefmutter und der Vater nicht so viel Grund, sich über meine Schreibhefte zu ärgern.

4. Verrat

Wir Geschwister sind zu Hause ständig auf der Flucht. Wir verstecken uns vor Stiefmutter und Vater. Wir weichen ihnen aus, wo immer es möglich ist. Wir fliehen vor dem Kreischen und Schlagen der Stiefmutter und vor dem Gürtel des Vaters.

Obwohl wir zu Hause eng aufeinander sitzen, ist jeder von uns vier Brüdern einsam für sich selbst. Auch wir Geschwister müssen voreinander fliehen. Es gibt kein Vertrauen mehr unter uns. Es ist nicht mehr wie früher im Kinderheim. Jeder hat Angst davor, dass der Bruder dem Vater und der Stiefmutter etwas erzählt, das zu Schlägen führt. Weil der Vater und die Stiefmutter versuchen, diese Dinge aus uns herauszuprügeln, ist es besser mit den Geschwistern nicht mehr zu reden. Unter uns Geschwistern gibt es permanente Angst vor Verrat.

Damals im Dorf, als ich morgens die Pfeife vom Vater geraucht hatte, wurde ich nicht von Matthias verraten. Er hatte den brutalen Schlägen von Stiefmutter und Vater damals Stand gehalten. Ich glaube, heute wäre das unmöglich. Schon zu lange drangsalieren uns die beiden.

Seit einem Jahr arbeiten beide daran, uns unter Kontrolle zu bringen. Die Stiefmutter befiehlt unsere tägliche Zeit, unseren Tagesablauf. Sie weiß, dass wir wegen der ständigen Angst vor ihr, wegen ihrer Worte abends, wenn der Vater nach Hause kommt, kaum mehr miteinander reden. Sie will, dass wir Schweigen lernen. Sie will, dass unsere Angst vor Verrat so groß wird, dass wir uns durch Schweigen voreinander schützen. Was der Bruder nicht weiß, kann er unter den Schlägen der Stiefmutter nicht verraten. Aber wenn wir nicht miteinander reden, können wir uns auch nicht gegenseitig unterstützen und schützen. Das will die Stiefmutter. Zu Hause sind wir nicht mehr lustig. Wir sind ängstlich. Wir zittern vor Angst. Unsere Blicke sind ernst. Wir lachen nicht mehr. Wir haben keinen Grund zur Freude. Wir haben nichts zu lachen. Vielleicht sind wir gar keine Kinder mehr.

Hier in diesem Ort hatte damals vor einem Jahr alles angefangen. Wir hatten noch nicht verstanden, wie Vater und Stiefmutter sich das neue Zusammenleben mit uns vorstellten. Wir hatten noch nicht geahnt, dass die Stiefmutter es sich mit Schreien, Schlagen und Hass vorstellte, und dass der Vater es mit seinem scharfen Gürtel plante.

Die ersten Schläge hatten mich deshalb schockiert. Ich hatte das noch nicht gekannt. Im Kinderheim gab es auch Schläge, aber andere und aus anderen Gründen. Dort hatte ich fast immer gewusst, wann und warum geschlagen wurde. Die Gründe für das Schlagen waren bei Stiefmutter und Vater völlig neu. Bis heute weiß ich nie genau, welche Gründe für das Schlagen am Abend da sind. Den ganzen Tag lang denke ich darüber nach, welche Gründe die Stiefmutter dem Vater abends liefern kann, damit er wieder prügelt.

Hier im Ort hatte ich das noch nicht verstanden. Ich glaube, es war weil ich so schockiert gewesen war. Jeden Tag hatte ich Angst. Ich hatte mich noch nicht an die Angst gewöhnt, deshalb konnte ich nicht vernünftig darüber nachdenken. Erst später, nachdem wir in das Dorf gezogen waren, begann ich darüber nachzudenken. Hier in diesem Ort war ich jeden Tag froh gewesen, dass ich besser in mein Schulheft schreiben konnte als Matthias und dass ich deshalb manchmal verschont blieb. Matthias wurde von Stiefmutter und Vater nicht verschont.

Heute, auf meiner Flucht durch diesen Ort, verstehe ich ganz genau, was damals geschehen war. Es ist die Ruhe, wegen der ich heute so klar denken kann. Die Stiefmutter hatte dafür gesorgt, dass wir Geschwister voreinander sehr viel Angst entwickelten. Weil sie begonnen hatte, nachmittags Informationen über den Bruder aus uns herauszuprügeln, zerstörte sie den Zusammenhalt unter uns Geschwistern. Im Kinderheim hatten wir Geschwister viel miteinander geredet, wir hielten zusammen und wir hatten uns dort deshalb sicher gefühlt. Als wir hier im Ort angekommen waren, in den ersten Wochen, war das noch so gewesen.

Niemandem von den Geschwistern habe ich von meiner heutigen Flucht erzählt. Ich bin sicher, die Stiefmutter hätte es nachmittags aus Matthias herausgeprügelt. Die Stiefmutter hätte gemerkt, dass er etwas weiß. Sie hätte ihn so lange geschlagen, bis er mich verraten hätte.

Jetzt erst fällt mir ein, dass die Geschwister sicherlich heute Morgen von Stiefmutter und Vater geschlagen wurden. Weil die Geschwister von meinem Fluchtplan nichts gewusst hatten, ließen sie mich gehen.

Ich hatte den Brüdern also absichtlich nichts erzählt. Sie hätten es melden müssen. Hätten sie es nicht gemeldet, hätten es Stiefmutter und Vater herausgeprügelt. So ist es zu Hause. Das haben uns Vater und Stiefmutter innerhalb eines Jahres beigebracht.

Heute denken Vater und Stiefmutter, die Brüder hätten mich nicht gemeldet, obwohl sie von meinem Fluchtplan wussten. Sie hätten mich heute Morgen gehen lassen, um Vater und Stiefmutter zu schaden. Die Folgen sind klar. Gestern Abend schon hätte ich wissen können, dass die Geschwister heute deshalb geschlagen werden. Hätte ich meinen Plan den Brüdern mitgeteilt, hätten sie mich an der Flucht gehindert. Das hätten sie getan, weil klar ist, dass sie heute dafür verprügelt werden. Deshalb ist mir das nicht schon gestern Abend eingefallen. Ich wäre niemals von zu Hause weggekommen.

5. Vaterrolle

Wegzulaufen ist vielleicht feige. Ich kann nicht geschlagen werden. Die Stiefmutter und der Vater sind nicht hier. Sie wissen nicht, wo ich bin. Ich habe die Geschwister alleine mit der Stiefmutter und dem Vater zurückgelassen. Ich konnte nichts anderes tun, ich musste alleine gehen. Seit Mark geflohen war, wurde es noch schlimmer zu Hause. Täglich wurde es schlechter. Es gab immer mehr Schläge. Ich konnte das nicht länger ertragen.

Was ist das für ein Fluchtplan, der mich heute zur Oma treibt? Konnte ich es bis hier her nur schaffen, weil ich eiskalt plante? Bis jetzt habe ich nur an mich selbst gedacht. Ich dachte nur daran, dass ich weg will. Ich dachte nicht an meine Geschwister. Ich sitze hier in Ruhe. Sie wurden heute Morgen schon geschlagen, wegen meiner Flucht.

Ich bin froh, dass ich jetzt nicht von der Stiefmutter oder dem Vater geschlagen werden kann. Es ist beinahe so, wie bei den Hausaufgaben am Esstisch. Es sind andere da, die geschlagen werden. Ich werde verschont.

Ist das feige? Ich liefere meine Brüder der Stiefmutter und dem Vater aus. Sie werden jetzt nur deshalb geschlagen, weil ich gegangen bin. Wäre ich heute Morgen nicht abgehauen, hätten sie heute vielleicht einen ruhigen Samstag. Wegen mir haben sie jetzt sicherlich keine Ruhe. Ich sitze hier in der Sonne und habe Ruhe. Ich freue mich, weil ich so einen schönen, ruhigen Tag erlebe.

Ich sitze hier in Ruhe, obwohl ich genau weiß, dass andere dafür leiden müssen. Ist das eiskalt? Matthias und Christian sind schließlich meine Brüder! Gut, wir streiten uns manchmal, das ist normal. Aber schlimm ist, dass wir nicht mehr zusammenhalten, wenn es Prügel gibt. Die Stiefmutter und der Vater haben das geschafft. Ich weiß, warum ich beide so hasse. Es geht nicht anders.

Was ist in dem Jahr mit dem Vater passiert? Ich hatte ihn, damals im Kinderheim, doch anders gekannt. Plötzlich schlägt er uns. Damals hatte er gesagt, dass er uns aus dem Kinderheim herausholen möchte, weil er in einer richtigen, schönen Familie mit uns leben möchte. Warum hatte er das gesagt, und warum tut er das heute nicht?

Ich weiß nicht, ob der Vater plötzlich von selbst so schlecht zu uns sein wollte. Einmal, es war damals im Kinderheim, hatte ich einen kleinen Jungen verprügelt, der viel jünger war als ich. Eigentlich wollte ich ihn gar nicht verprügeln! Im Gegenteil ich hatte ihn sogar sehr gern. Er hatte von meinem Radio die Antenne abgebrochen. Sicherlich tat er es versehentlich. Ich war sehr wütend auf ihn. Die anderen Kinder im Zimmer rieten mir: „Lass dir das von dem frechen Kerl bloß nicht gefallen!“ Ich wusste, dass der Junge sonst immer ganz nett gewesen war. Ich hatte mich prima mit ihm verstanden. Er hatte noch nie etwas von meinen Sachen kaputt gemacht. Trotzdem schlug ich ihm ins Gesicht. Ich schlug zweimal zu, so fest ich konnte, weil ich ziemlich schwach bin. Der Kleine fiel um. Er blutete aus der Nase. Ich sah, dass ich ihn umgehauen hatte. Er fing zu heulen an. Das hatte mir gleich sehr Leid getan. In diesem Moment wusste ich genau, dass ich das so nicht wollte. Trotzdem hatte ich es getan. Heute glaube ich, ich hatte es getan, weil die anderen Kinder gesagt hatten, ich sollte mir das von dem frechen Kerl nicht gefallen lassen. Nach meinen Schlägen stand ich da. Ich hätte den Jungen gerne vom Fußboden aufgehoben. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass es mir Leid tut und dass ich das nicht wollte. Ich hätte mir auch von ihm ins Gesicht schlagen lassen, damit das, was ich getan hatte, wieder gut wird. Das ging nicht. Ich stand da und konnte nichts tun. Am liebsten hätte ich mich wieder mit dem Jungen vertragen. Er hätte von mir etwas geschenkt haben können. Er hätte sich etwas aussuchen dürfen. Ich hätte ihm sogar mein Radio geschenkt, damit wir wieder Freunde sind. Aber es ging nicht. Ich musste die Rolle weiterspielen. Ich musste das tun, wovon ich wusste, dass es schlecht war. Ich hatte etwas getan, das ich überhaupt nicht tun wollte.

Vielleicht geht es dem Vater heute, mit uns Kindern genauso. Warum sonst tut ein Mensch etwas, das er gar nicht will? Der Vater hatte es früher immer sehr gut mit uns gemeint. Seit wir zusammen leben, ist plötzlich alles anders geworden.

Der Vater kann mit uns nicht mehr reden wie früher, bevor er uns so geschlagen hatte. Es geht ihm wie mir, als ich den Jungen geschlagen hatte. Er muss das tun, wegen seiner Rolle.

Vielleicht hatte das alles begonnen, wegen des wenigen Geldes, das er verdient. Vielleicht wegen seiner anstrengenden Arbeit in der Fabrik. Den ganzen Tag lang schwer arbeiten, wenig Geld verdienen und dann abends die schreiende Stiefmutter und unsere schlechten Schulhefte! Nachdem der Vater deshalb das erstemal zugeschlagen hatte, kam er hinein in diese Rolle. Weil er begonnen hatte zu schlagen, konnte er nicht mehr versprechen, was er früher versprochen hatte. Er konnte überhaupt nicht mehr so mit uns reden, wie er es früher getan hatte. Wegen dieser Rolle konnte er nur noch herumschreien, wie die Stiefmutter. Vielleicht hatte der Vater wirklich geplant, anders mit uns zu reden, aber es geht nicht mehr.

Was soll ich jetzt machen? Soll ich wieder aufstehen und weitergehen, zur Oma? Oder soll ich jemanden auf der Straße nach Geld fragen, damit ich zu Hause anrufen kann und dem Vater das alles erklären kann, wie ich es sehe?

Es wäre schön, wenn ich dem Vater das alles einfach erklären könnte. Ich könnte ihm sagen, wie ich darüber denke. Er sagt mir dann, was er darüber denkt. Und er sagt auch, was an meinem Denken nicht stimmt. Es wäre toll, wenn das gehen würde, ohne dass der Vater wieder schlägt. Vielleicht stimmt das, was ich denke ja gar nicht. Vielleicht habe ich gar nicht Recht. Das macht aber gar nichts aus. Wir könnten ja darüber sprechen. Wir könnten so lange darüber reden, bis wir uns auf etwas einigen. Wir können auch in der Nacht noch weiter reden, ich werde nicht so schnell müde. Ich kann die Nacht lang aufbleiben und reden. Wenn der Vater mir alles genau erklärt, dann glaube ich es ihm sicher auch. Es muss ja nicht so sein, wie ich es mir denke. Der Vater denkt ja auch. Ich könnte mit dem Vater reden, wenn er Lust hätte.

Soll ich den Vater einfach anrufen? Was würde er am Telefon zu mir sagen? Will er mit mir darüber sprechen? Würde er die Stiefmutter zu Hause lassen und mit mir reden, ohne zu schlagen?

Ich traue mich nicht, den Vater anzurufen. Ich bin viel zu feige. Bestimmt würde die Stiefmutter mitkommen. Der Vater würde mich verprügeln, weil ich heute fortgelaufen bin. Auch wenn er am Telefon antwortet, dass er ohne die Stiefmutter kommt, ich könnte ihm das nicht glauben. Ich kann dem Vater nicht vertrauen. Er hat zuviel geschlagen. Ich würde ihm gerne glauben, aber es ist vorbei. Ich schaffe es nicht. Wegen meiner Angst vor dem Vater geht das nicht.

6. Am Kaugummiautomat

Ich stehe auf. Der Himmel ist nicht mehr blau, er ist bewölkt. Ich laufe die Nebenstraße weiter hinauf. Das Hallenschwimmbad ist geöffnet. Durch die Glasscheibe sehe ich viele Schwimmer im Becken. Den Bademeister erkenne ich wieder. Langsam läuft er am Beckenrand auf und ab.

Ich gehe einige Schritte weiter zu meiner alten Schule. Mein altes Klassenzimmer liegt im Erdgeschoss. Weil heute Samstag ist, ist kein Unterricht. Das Schuljahr ist bald vorbei. Ob meine alte Klasse dann eine andere Lehrerin bekommt?

Meine Lehrerin war sehr nett. Sie war freundlicher als der Lehrer in der Dorfschule. Obwohl sie immer viel zu Schreiben aufgegeben hatte. In der Ecke stehen oder Ohrfeigen gab es bei ihr nicht. Wenn wir ihr zu laut gewesen waren, schickte sie trotzdem keinen vor die Türe hinaus. Manchmal spielte die Lehrerin auf der Gitarre. Sie sang Lieder mit uns. Sie kannte viele Lieder. Einige von den Liedern kannte ich sehr gut. Die hatten wir früher im Kinderheim oft gesungen.

Das „Stillsitzen“ jeden Tag nach der letzten Stunde war nicht schlimm. Manchmal war es gar kein richtiges „Stillsitzen“, weil einige aus der Klasse trotzdem laut waren. Wir durften deshalb trotzdem nach Hause gehen. Niemand musste länger bleiben und in der Ecke stehen.

Jetzt laufe ich um mein altes Schulhaus herum. Ich gehe dicht an ein Fenster heran. Ich werfe einen Blick in mein altes Klassenzimmer. Die Bänke stehen noch genauso da, wie früher. Alle Stühle stehen auf den Tischen. Sicherlich besetzt meinen Platz jetzt ein anderes Kind. Ich war in der vorletzten Reihe gesessen. Das Klassenzimmer sieht unverändert aus. Auf der grünen Tafel steht etwas geschrieben. Ich stehe zu weit weg, ich kann’s nicht lesen. An der Wand hängen Bilder aus dem Malunterricht. Meine Bilder hatte ich damals in der Schule vergessen. Aber an der Wand kann ich sie jetzt nicht mehr finden. Wahrscheinlich wurden sie inzwischen weggeworfen.

Ich gehe weiter. Das Tor am Schulhof ist verschlossen. Der Schulhof wäre eine Abkürzung. Die Nebenstraße führt leicht bergab. Sie führt durch eine kleine Unterführung. Im Moment habe ich keine Angst. Ich fürchte nicht, dass der Vater um die nächste Straßenecke kommen könnte. Ich fühle mich sicher. Ich kenne die Straßen.

Bevor die Stiefmutter den Vater geheiratet hatte, war sie mit einem anderen Mann verheiratet gewesen. Der Mann war verstorben. Ich weiß das deshalb, weil die Stiefmutter, wegen des Todes ihres Mannes Geld geerbt hatte. Eines Tages waren beide, Stiefmutter und Vater, mit einem Stapel Geldscheinen nach Hause in die kleine Wohnung gekommen. Ich glaube, es war viel Geld gewesen. Kurz vor unserem Umzug in das Dorf, kauften sie davon neue Möbel. Nachdem wir in das Dorf gezogen waren, war das Geld bereits ausgegeben. Stiefmutter und Vater mussten sparen.

Im Dorf hatte es kein Taschengeld mehr für uns gegeben. Mein letztes Eis und mein letztes Comicheftchen hatte ich mir damals hier im Ort gekauft. Seit dem Umzug hatte ich nur noch einmal Geld. Es waren die fünfzig Pfennige gewesen, die wir in den Kaugummiautomaten vor Frau Maiers Laden gesteckt hatten. Das Fünfzigpfennigstück hatte ich auf der Dorfstraße gefunden.

Geld ist sehr wichtig. Heute habe ich kein Geld dabei. Obwohl es gut wäre, wenn ich etwas hätte. Jetzt würde ich mir etwas zu Essen kaufen. Wer kein Geld hat, kann auch nichts essen.

Früher, im Kinderheim, hatte es jeden Samstag zwei Mark fünfzig Taschengeld gegeben. Davon durfte ich kaufen, was ich wollte. Wir liefen Samstagvormittags im Gebirgsort herum und kauften von unserem Taschengeld ein. Vor der Taschengeldausgabe waren wir immer im Hallenbad gewesen. Weil ich nach dem Schwimmen großen Hunger hatte, kaufte ich mir oft nicht nur Süßigkeiten sondern auch Brot, Wurst oder Käse. Im Kinderheim gab es jeden Samstag nur eine Suppe zum Mittagessen.

Wenn ich jetzt zwei Mark fünfzig hätte, würde ich mir auch ein Brot kaufen. Jetzt laufe ich wieder schneller, bei der Oma gibt es bestimmt etwas Gutes zu Essen. Sicherlich weiß der Vater, dass ich versuche zur Oma zu laufen. Wo sollte ich sonst hin gehen? Ich kenne niemand anderen, zu dem ich flüchten könnte. Die Oma hat uns Kinder sehr gern, das hatte ich damals gemerkt, als wir sie besucht hatten. Ich glaube, sie mag alle Kinder gerne, sonst würden nicht so viele bei ihr wohnen. Sie sorgt gut für die Kinder, die bei ihr leben. Vor der Oma und dem Opa habe ich keine Angst. Sie werden mich nicht schlagen. Deshalb möchte ich ja auch zu ihnen gehen.

Der Oma werde ich erzählen, was zu Hause passiert. Sie wird mich nicht wieder zurückschicken. Sie soll beim Jugendamt anrufen und fragen, ob ich bei ihr wohnen kann. Sie soll den Leuten im Jugendamt sagen, dass ich nicht wieder zur Stiefmutter und dem Vater zurück möchte. Sie soll sagen, dass ich sonst wieder weglaufen werde, weil die Stiefmutter und der Vater mich sicherlich wieder verprügeln werden. Sie soll erzählen, dass ich dort nicht mehr leben kann.

Die Oma wird das verstehen, sie wird mit dem Jugendamt telefonieren. Sie hätte Matthias und mir sicher auch beim letzten Mal geholfen, wenn wir es bis zu ihr geschafft hätten. Die Oma ist die einzige, die helfen kann. Die Oma weiß, dass ich unterwegs zu ihr bin. Wahrscheinlich hofft sie, dass ich bald komme. Vielleicht macht sie sich Sorgen, dass mir unterwegs etwas passiert. Deshalb beeile ich mich jetzt, dann braucht sie sich nicht so lange Sorgen zu machen.

Ich bin jetzt am Ortsrand, in einer Neubausiedlung. Die Häuser sind noch nicht verputzt, sie sind erst seit kurzer Zeit bewohnt, einige stehen noch leer. Damals hatte es in dieser Straße nur ein einziges, altes Haus gegeben. An dem Haus hing ein kleiner Kaugummiautomat. An einem sonnigen Tag waren wir Geschwister hier vorbeigekommen. Wir waren auf dem Weg zum Abenteuerspielplatz. Wir blieben an dem Kaugummiautomaten stehen. Wir hatten kein Geld dabei. Christian tat so, als hätte er ein zehn Pfennigstück. Das zehn Pfennigstück, das er nicht hatte, warf er in den Schlitz. Er drehte am Hebel. Plötzlich öffnete sich der silberne Deckel, unten am Automaten. Ein roter Kaugummi rollte heraus. Er plumpste auf die Straße und verschwand sofort im Gully am Straßenrand. Christian hatte seine Hand nicht unter den Automaten gehalten. Weder er, noch wir, rechneten damit, dass ein Kaugummi herausrollt. Er versuchte das Spielchen ein zweites Mal. Diesmal hielt er seine Hand unter den Auswurf. Er tat nicht mehr so, als werfe er Geld ein, sondern, er drehte sofort. Wieder kam ein Kaugummi heraus, ein blauer. Da war unsere Freude groß! Christian drehte weiter. Viele bunte Kaugummis rollten aus dem Silberschlitz.

Rund um das alte Haus befanden sich damals viele Baustellen. Die Bauarbeiter hatten uns nicht beachtet. Die Kneipe in dem alten Haus hatte geschlossen. Kein Wagen parkte vor der Tür. Auch die Straße war menschenleer gewesen. Also drehte Christian weiter am Hebel. Abwechselnd hielten wir unsere Jackentaschen auf. Die Kaugummis rollten direkt hinein. Auch die Hosentaschen stopften wir voll. Nachdem wir den Automaten zur Hälfte geleert hatten, gingen wir weiter Richtung Spielplatz.

So viele Kaugummis an einem Tag, hatte ich noch nie gegessen. Am Abend tat mir der Mund weh. Auf dem Rückweg vom Spielplatz, drehten wir nicht mehr am Hebel. Die Kneipenbesitzer waren eingetroffen. Ein Mann stand am Automaten und montierte mit einem Schraubenzieher daran herum. Mit argwöhnischem Blick verfolgte er uns vier Geschwister. Wir waren auf der anderen Straßenseite vorbeigelaufen.

Weil wir die vielen Kaugummis natürlich nicht mit nach Hause bringen konnten, hatten wir uns frühzeitig auf den Heimweg gemacht. Wir waren genau den Weg zurückgelaufen, den ich gerade hinter mir habe. Wir liefen vorbei an der Schule, dem Hallenbad bis hinunter zum Sportplatz. Dort gruben wir, neben einem Baum, ein kleines Loch. Jeder legte seine Kaugummis hinein. Am Wasserhahn, beim Sportplatz, spülten wir unsere Münder. Die Stiefmutter durfte nicht riechen, dass wir etwas gegessen hatten. Tatsächlich hatte sie abends nichts bemerkt.

Nachts regnete es. Erst Tage später gingen wir zum Kaugummiversteck. Das Loch gruben wir wieder auf. Der Regen hatte sie alle kaputt gemacht. Über unsere Dummheit hatten wir uns geärgert. Trotzdem war der Tag als wir hier in der Straße den Kaugummiautomaten halb geleert hatten ein großer Glückstag gewesen, vor allem weil die Stiefmutter das am Abend nicht gemerkt hatte. Bei unserem nächsten Spaziergang zum Spielplatz war der Automat abmontiert. Heute ist das ganze Haus verschwunden.

7. Regen im Wald

Auf einem Trampelpfad laufe ich eine steile Wiese hinauf. Den Pfad kenne ich nicht. Er führt hinauf, auf den Berg zur Oma. Die Richtung stimmt. Die Bergstraße ist in der Nähe. Ich sehe sie nicht, aber ich höre sie. Auf der Wiese stehen viele Apfelbäume. Ich reiße mir einen Apfel herunter, er ist winzig und grün. Ich beiße hinein. Schmeckt sauer, der Apfel ist nicht reif. Nein, er ist zu sauer. Ich werfe ihn weg. Pech gehabt, doch nichts zu Essen. Hoffentlich bekomme ich bald etwas zu essen. Es ist nicht mehr weit bis zur Oma. Ich freue mich schon darauf, bei ihr anzukommen.

Der Trampelpfad führt von der Straße weg. Er führt in einen Wald hinein. Ich bleibe auf dem Pfad, auch wenn es ein Umweg bis zur Oma ist. Oben halte ich mich nach links, dann finde ich sicherlich wieder aus dem Wald heraus.

Im Wald höre ich viele Geräusche. Es knackt und raschelt. Gezwitscher von Vögeln, die ich nicht kenne, ein Piepsen. Viele Tiere sind unterwegs und machen Lärm. Meine Schritte im Laub, am Boden sind sehr laut. Von oben aus den Laubbäumen höre ich Geräusche. Die Blätter rauschen, und es hört sich an als fielen ständig Tropfen auf das Walddach. Der Pfad hört jetzt auf. Er verliert sich zwischen den Laubbäumen. Trotzdem gehe ich weiter. Ich brauche keinen Weg. Ich halte mich nach links. Ich werde schon wieder aus dem Wald herausfinden. Ich bleibe stehen und sehe mich um. Niemand folgt mir. Ich höre auf die vielen Geräusche. In der Nacht wäre das hier im Wald nichts für mich. Ich hätte Angst und würde mich wahrscheinlich verlaufen.

Jetzt höre ich genau hin. Ich höre mehr als den Wald. Das Rauschen aus der Ferne ist der Lärm des Ortes. Noch vor Minuten war ich da unten gewesen und hatte nicht gemerkt, welchen Lärm der Ort macht. So laut können nur die Autos sein die im Ort herum fahren. Jetzt höre ich es genau. Es sind Automotoren, aus denen sich dieses Rauschen bildet.

Ich erinnere mich an den Wald beim Kinderheim. Das Kinderheim liegt oben auf einem hohen Berg. Rund um das Haus gibt es steile Wiesen und Wälder. Unten im Tal liegt der Gebirgsort. Bei schönem Wetter war ich jeden Nachmittag die steile Wiese hinter dem Haus hinaufgelaufen. Von dort oben am Waldrand hatte ich einen sehr guten Blick auf das Tal und den Ort. Ich hatte den Ort aber nur dann gehört, wenn ich allein da oben am Waldrand stand. Meist war ich da oben nicht allein gewesen. Es waren immer viele Kinder mit dabei. Nachmittags, nachdem wir die Hausaufgaben erledigt hatten, spielten wir zusammen im Wald. Nur zwei oder drei Mal stand ich ganz allein da oben. Der Wald ist auch dort sehr leise. Von der Ferne hatte ich immer das Geschrei der anderen Kinder gehört. Sie spielten Cowboy und Indianer.

Ich gehe weiter. Jetzt trifft mich ein Tropfen. Es regnet. Die ersten Tropfen fallen durch das Walddach.

Ich bin sicher, dass die Menschen in den Freibädern jetzt eilig ihre Klamotten zusammenpacken. Sie suchen nach einem Plätzchen um sich unterzustellen. Die Menschen springen von den Liegewiesen auf. Ihre Handtücher rollen sie eilig zusammen und verstauen sie in ihren Badetaschen. Ein Ansturm auf den überdachten Kiosk findet statt, weil man dort vor dem Regen geschützt ist. Der Verkäufer erlebt das große Geschäft des Tages. Im Eingang des Freibades drängen sich Kinder und Erwachsene unter dem großen Vordach. Auch unter den Bäumen auf den Liegewiesen drängen sich die Menschen zusammen. Jeder Badegast möchte den Tropfen von oben entkommen. Mit den ersten Regentropfen entsteht jetzt dieses hektische Treiben. Schon seit Stunden hatten sich die Wolken am Himmel zusammengebraut. Mit Regen war also rechnen. Kaum ein Badegast hatte sich darum gekümmert. Viele ahnten zwar, dass es losgehen könnte, aber trotzdem hofften die meisten darauf, dass der Regen ausbleiben werde. Viele der Menschen im Freibad versuchten nicht daran zu denken. Man sprach nicht über den herannahenden Sturm. Man hoffte darauf, dass die Sonne wieder durchkommt. Man hoffte, dass sie es schafft, die Wolken zu vertreiben. Obwohl sich immer dickere Regenwolken am Himmel versammelt hatten, obwohl es dunkler und dunkler geworden war, obwohl sich eindeutig ein Gewitter zusammengebraut hatte, blieben viele Menschen im Schwimmbad. Am Himmel hatte es nicht den geringsten Anhaltspunkt gegeben, der ihre Hoffnung auf erneuten Sonnenschein begründet hätte. Trotzdem blieben die meisten Badegäste. Sie wollten sehen und spüren, dass wirklich Tropfen fallen. Sie hofften bis zum Schluss. Der Himmel war pechschwarz geworden. Die Menschen blieben auf ihren Badetüchern sitzen. Manch einer sprang noch einmal munter ins Wasser und schwamm im Becken seine Bahnen. Die Schwimmer im Wasser hätten die ersten zwei, drei Tropfen, die die Wasseroberfläche erreichten, sofort als Regentropfen erkennen können. Das taten sie nicht. Stattdessen redeten sie sich ein, es seien Spritzer, die sie selbst und andere Schwimmer verursachten. Weil die Gewittertropfen jetzt richtig dick sind und heftig auf dem Wasser aufschlagen, geben die Schwimmer schließlich auf. Überall auf der Wasseroberfläche sieht man diese runden Kräusel. Unzählbar viele Tropfen schlagen auf. Heftiger Wind peitscht über das Schwimmbecken. Endlich verlassen die Schwimmer das Becken. Es gießt in Strömen. Der Wind reißt Sonnenschirme um. Grüne Blätter fetzt er von den Bäumen. Schnell wird es kühl. Man zieht sich eine trockene Jacke über.

Nur einige wenige Badegäste hatten mit dem Regen gerechnet. Sie hatten nicht darauf gehofft, dass das Wetter hält. Im Radio hatten sie den Wetterbericht gehört. Deshalb wussten sie, dass das Wetter nachmittags umschlägt. Deshalb hatten sie schon vor Stunden das Bad verlassen.

Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob man sich einen schönen Nachmittag mit Spaß im Schwimmbad erhofft hatte. Die Wetterlage ist eindeutig schlecht. Im Schwimmbecken kann man jetzt vom Blitz getroffen werden. Wichtig ist, so schnell wie möglich ins Trockene zu gelangen. Die ursprüngliche Vorstellung von einem schönen Tag im Wasser sollte man jetzt schnell vergessen, denn es wäre Unsinn, weiter von einem sonnigen Tag zu träumen. Es ist höchste Zeit, diesen Traum aufzugeben, denn niemand hat jetzt noch Zeit zu verlieren, um sich selbst und die Kleidung ins Trockene zu retten.

Es ist sehr schade, dass es für meine Geschwister und mich keine Vorhersage, ähnlich einem Wetterbericht für dieses vergangene Jahr beim Vater gegeben hatte. Ich hätte gewusst, wie schlecht dieses Jahr werden wird und ich hätte mir nichts erhofft.

8. Auf dem Berg

Das Dach der Laubbäume im Wald schützt mich vor den Regentropfen. Der Regen nimmt zu. Das Walddach lärmt. Ich halte mich seit einiger Zeit nach links. Ich laufe sehr schnell, so schnell es geht. Ich höre meine Schritte auf dem Laub nicht, der Regen übertönt jetzt alles. Jetzt bin ich nicht mehr der Lauteste im Wald.

Es wird heller. Ich erreiche das Ende des Waldes. Es geht nicht mehr bergauf. Ich bin oben. Es ist der Berg der Oma, den ich nun endlich erreiche! Jetzt treffen mich die ersten, dicken Regentropfen. Die Strickjacke wird mir nicht lange Schutz vor dem Wasser bieten. Der Weg zur Oma ist aber nicht mehr lang. Vielleicht erreiche ich sie, bevor der Regen meine Jacke durchdringt.

Die Oma spricht sehr viel. Sie unterhält sich mit den vielen Kindern und Erwachsenen, die in ihrem Haus leben. Sie redet viel mit dem Opa. Sie fragt, ob es gut geht. Die Menschen im Haus sprechen über ihre Arbeit, über die Schule, über den Garten, über das Wetter und über vieles Andere. Sie sitzen in der Küche am Küchentisch und reden.

Sie überlegen, was der Opa von seiner Einkaufsfahrt in den Ort mitbringen soll. Sie besprechen, was die Oma zum Mittagessen kochen wird. Die Oma kocht immer gutes Essen. Ich freue mich schon darauf, weil ich jetzt richtig Hunger habe. Früher, als wir die Oma mit dem Vater besucht hatten, sprach die Oma auch mit dem Vater sehr viel. Sie hatte dem Vater geholfen uns Kinder aus dem Kinderheim herauszuholen. Sie wollte, dass wir nicht im Kinderheim leben, sondern wir sollten in der Familie leben. Das hatte sie einmal gesagt, aber damals hatte sie noch nicht gewusst, wie der Vater mit uns zusammenleben wird. Der Vater und die Oma hatten sich früher gut miteinander verstanden. Das ist vorbei. Heute verstehen sie sich nicht mehr gut. Ich glaube, das liegt daran, dass die Oma weiß, wie die Stiefmutter und der Vater zu Hause mit uns umgehen. Ich glaube, deshalb haben wir die Oma so lange nicht besucht. Der Vater weiß, dass die Oma immer fragt, wie es geht. Der Vater will nicht, dass wir der Oma von zu Hause erzählen.

Gleich komme ich bei der Oma an. Ich werde alles erzählen. Mir ist es jetzt egal, ob der Vater das will oder nicht. Ich kann sowieso nicht mehr zu ihm zurück.

Große Regentropfen klatschen auf die schwarze Straße und auf die parkenden Autos am Waldrand. Meine Strickjacke tropft. Meine Haare sind nass. Wassertropfen laufen durch mein Gesicht. Das Wasser läuft wie ein kleiner Bach die Bergstraße hinunter. Kein Mensch läuft auf der Straße. Kein Auto fährt vorbei. Ich gehe über die Straße. Ich sehe kein Vordach, unter das ich mich stellen kann. Es gibt keine überdachte Bushaltestelle, keinen Hauseingang. Im Wald kann ich nicht bleiben. Der Regen ist zu stark für das dünne Blätterdach. Also laufe ich schnell die Straße hinunter. Ich erreiche die Kreuzung, an der die Bergstraße und die Straße, in der die Oma wohnt, zusammentreffen. Von beiden Straßen läuft viel Regenwasser zusammen. Es fließt die steile Bergstraße hinunter. Dem Treiben des Wassers auf der Straße würde ich gerne weiter zusehen. Aber ich habe keine Zeit.

Ich überquere die nasse Straße. Auf dem Gehsteig laufe ich schnell zum Haus der Oma. Der Vater sitzt immer noch im Käfer. Er sucht mich nicht hier oben auf dem Berg. Er fährt noch unten im Ort herum.

Wie wird mich die Oma begrüßen? Was sagen die anderen Kinder und Erwachsenen im Haus, wenn ich gleich zur Tür hereinkomme? Kann ich bei der Oma bleiben? Wird sie dem Jugendamt alles erklären und sagen, dass ich nicht wieder beim Vater wohnen kann? Kann ich heute Nacht gleich bei der Oma bleiben? Das alles weiß ich nicht. Nur eines ist ganz sicher: bestimmt werde ich gleich etwas zu essen bekommen, denn ich habe großen Hunger.

Ich erreiche die Straße, in der die Oma wohnt. Ich bin gut bei der Oma gelandet, endlich hat es geklappt. Der dritte Versuch die Oma zu erreichen, ist nicht gescheitert. Darüber bin ich sehr froh. Es hätte unterwegs etwas schief gehen können. Der Vater hätte mich finden können. Andere Leute auf der Straße hätten mich zur Polizei bringen können. Aber es ist nichts passiert, ich habe es heute geschafft. Jetzt bin ich sehr erleichtert. Der Vater braucht nicht mehr nach mir zu suchen. Ich bin bei der Oma. Er kann mich jetzt nicht mehr finden. Ich werde sehen, wie es bei der Oma mit mir weiter geht.

V. Ins Gebirge

1. Es ist zu spät

Der Tacho zeigt Einhundertzwanzig. Die Tachonadel zittert. Manchmal bewegt sie sich über, manchmal fällt sie etwas unter die Einhundertzwanzig. Am Lenkrad sitzt ein Mann. Er trägt eine hellbraune Lederjacke. Auf dem Kopf hat er kaum mehr Haare. Er hat noch keine richtige Glatze, hinten wachsen noch Haare. Oben und vorne sind sie alle schon weg. Es ist Herr Neumann. Neben ihm sitzt Frau Michaels. Ihre Haare sind blond und gelockt. Sie fallen bis zur Schulter herab. Sie trägt eine große, braune Brille. Sie ist mit einer roten Jacke bekleidet und trägt eine weiße Bluse. Schon ein paar Mal hat sie in den kleinen Spiegel gesehen, der unter der Sonnenblende angebracht ist.

Ich sitze hinter Frau Michaels. Von hier kann ich Herrn Neumann besser sehen als sie. In Vaters Käfer war ich immer hinter dem Fahrersitz gesessen. Hier im Wagen, sitzt dort jetzt mein Bruder Matthias. Heute Morgen, um halb neun Uhr sind wir in der Stadt abgefahren. Die Uhr neben dem Tacho zeigt jetzt Viertel vor Elf.

Mit Opa war ich heute Morgen in seinem grauen Käfer zum Jugendamt in die Stadt gefahren. Im Jugendamt, es ist ein altes Haus, warteten oben im ersten Stock alle auf uns: Matthias, Herr Neumann und Frau Michaels. Ich hatte Matthias seit zwei Wochen nicht gesehen. Trotzdem haben wir uns heute Morgen nicht besonders begrüßt. Er sagte: „Hallo“. Ich sagte auch „Hallo“. Das war’s. Matthias hatte keine gute Laune heute Morgen, das merkte ich sofort. Ich glaube, es war ihm in den vergangenen zwei Wochen nicht gut gegangen. Vielleicht hatte er deswegen so schlechte Laune. Vielleicht hatte er keine Lust, auf die lange Autofahrt.

Herr Neumann und Frau Michaels begrüßten den Opa und mich freundlich. Im Büro standen zwei kleine Koffer. Es sind unsere Koffer, sie liegen jetzt hier im Kofferraum. Herr Neumann nahm beide Koffer und wir alle gingen hinunter zum Auto. Er lud die Koffer in den Wagen, einen gelben VW-Passat. Ich verabschiedete mich von Opa, dabei hatte ich einige Tränen in den Augen. Ich weiß nicht, wann ich ihn wieder sehen kann. Auch Herr Neumann, Frau Michaels und Matthias verabschiedeten sich. Wir stiegen in den Wagen, die Fahrt ging los. Opa stand auf dem Parkplatz und winkte uns hinterher.

Das Wetter ist nicht schön heute, es ist bewölkt draußen. Heute Morgen, als wir oben vor dem Haus der Oma losgefahren waren, sah ich aus dem Ort kleine Nebelbänke aufsteigen. Ich erkannte noch nicht, wie das Wetter heute wird. Es hätte auch die Sonne herauskommen können. Jetzt auf der Autobahn sieht draußen alles grau aus, aber es regnet nicht.

Heute Morgen war ich sehr früh aufgestanden. Bevor die Kinder in die Schule fuhren, verabschiedete ich mich von ihnen. Heute ist Montag, ein ganz normaler Schultag. Nachdem alle Kinder mit ihren Schultaschen das Haus verlassen hatten, saßen die Oma, der Opa und ich noch in der Küche. Es blieb noch ein bisschen Zeit, bevor wir ins Auto steigen und fahren mussten. Die Oma sagte, ich könne sie bald besuchen, das hätte sie bereits mit den Leuten vom Jugendamt besprochen. Matthias und ich könnten in den Schulferien zu Besuch kommen. Das Jugendamt würde die Zugfahrkarten bezahlen. Trotzdem war meine Stimmung schlecht geblieben. Heute Morgen hatte ich ständig daran gedacht, dass es wahrscheinlich für lange Zeit, das letzte Frühstück in Omas Küche ist.

Vor der Haustür hatten wir uns voneinander verabschiedet. Ich wäre gerne geblieben. Ich wollte bei der Oma leben, wie die anderen Kinder in ihrem Haus. Aber das geht nicht. Die Oma schrieb mir noch ihre Telefonnummer mit Vorwahl auf, damit ich einmal anrufen kann. Opa und ich stiegen in den grauen Käfer. Opa fuhr los, Oma stand vor der Türe und winkte, ich winkte zurück.

Während der Fahrt dachte ich, dass es für lange Zeit die letzte Fahrt mit Opa in seinem grauen Käfer hinunter in den Ort ist. Deshalb sah ich mir im Ort alles noch mal genau an. Den Laden, in dem Opa täglich einkauft, den Kaugummiautomaten an der Hauptstraße, den Matthias und ich auf einer Flucht einmal aufbrechen wollten, die Eisdiele, wo wir unser letztes Taschengeld umgesetzt hatten, und das Haus mit Vaters alter Wohnung, wo wir vor einem Jahr gewohnt hatten. Ich möchte nicht so schnell vergessen, wie es im Ort aussieht. Wenn ich zurückkomme, in einigen Jahren, oder wenn ich zu Besuch komme, möchte ich den Ort noch gut kennen.

In den vergangenen zwei Wochen war ich mit Opa fast jeden Tag in den Ort gefahren. Ich war immer mit dabei, wenn er zum Einkaufen, in den kleinen Lebensmittelladen am Ortseingang, fuhr. Alle Angestellten dort kennen Opa. Sie sind sehr nett. Jeden Vormittag begrüßten sie mich und Opa freundlich. Die meisten Dinge, die Opa kaufen wollte, hatten sie bereits für ihn hergerichtet. Als ich das erste Mal mitgekommen war, fragte die Verkäuferin gleich, wer ich sei.

Bei jedem Einkauf unterhielt sich Opa mit den Leuten im Laden. Ich hörte interessiert zu. Jeden Tag gab es Neuigkeiten aus dem Ort. Opa betrat das Geschäft, und sofort begann die Verkäuferin zu erzählen. Mal ging es um den Fußballverein, dann um den Bürgermeister, den Angelverein oder den Kegelklub. Opa interessiert alles. Die Leute im Laden wissen das, ich glaube deshalb erzählen sie ihm jeden Tag so viel.

Wieder Zuhause bei der Oma hatte Opa jeden Tag ausführlich von dem berichtet, was die Leute im Laden erzählt hatten. Oma interessierte sich sehr dafür. Opa brachte aus dem Laden täglich eine Zeitung mit. In der lasen alle Hausbewohner im Laufe des Tages.

In den zwei Wochen bei Oma und Opa war ich nicht in die Schule gegangen. Oma sagte es hätte keinen Sinn, für so kurze Zeit, wieder hier im Ort, in meine alte Schule zu gehen. Ich hatte also in den letzten zwei Wochen Ferien, obwohl keine Schulferien gewesen waren. Deshalb war ich jeden Vormittag mit Opa unterwegs. Alle anderen Kinder aus dem Haus saßen in der Schule.

Zunächst hatte niemand gewusst, wie lange ich bei Oma und Opa bleiben kann. Zwei Mal war ich mit Opa im Jugendamt. Dort wurde ich nach dem Vater gefragt und, warum ich abgehauen war. Ich erzählte alles, genauso wie ich es der Oma erzählt hatte. Im Jugendamt hatten sie gesagt, dass sie mich nicht zum Vater zurückschicken werden. Darüber war ich sehr froh. Sie sagten aber auch, dass ich nicht bei Oma bleiben kann, wie ich das wollte. Es sei zu gefährlich, wenn ich dort bliebe. Der Vater wohnt zu nah. Wir könnten uns auf der Straße im Ort treffen oder er könnte mich von der Schule abholen.

Sie hatten mich gefragt, ob ich in das Kinderheim zurückgehen will, aus dem uns der Vater herausgeholt hatte. Weil ich alle Kinder aus dem Kinderheim kenne und weil ich genau weiß, wo es ist und wie es dort aussieht, bejahte ich die Frage. Dann hatten sie gesagt, dass Matthias auch mitkommen würde, dass aber Christian und Mark nicht dabei sein werden, weil die schon zu alt sind. Ich hatte gehofft, dass wir im Kinderheim endlich wieder alle zusammen sein könnten. Aber das geht nicht mehr. Es ist zu spät. Mark und Christian sind zu alt. Also sitzen jetzt nur wir beide, Matthias und ich, im Auto.

2. Rückweg

Im Auto ist es sehr leise, wir sprechen nichts. Ich denke darüber nach, wie es im Kinderheim werden wird, ohne Mark und Christian. Ich denke an die Kinder, die ich dort alle noch kenne. Ich denke an den Wald und den großen Berg, hinter dem Haus, auf dem wir im Sommer Heu wendeten und im Winter Schlitten fuhren.

Mit den Schlitten spielten wir wilde Verfolgungsjagden. Es gab zwei Gruppen, die Cowboys und die Indianer. Beide verfolgten sich gegenseitig. Die Schlitten waren unsere Pferde, auf ihnen jagten wir den steilen Berg hinunter. Unten stand eine kleine Bretterbude, sie war die Ranch der Cowboys. Immer wieder hatten die Indianer die Ranch überfallen. Einer in den beiden Gruppen spielte den Anführer. Er war der Sheriff bei den Cowboys und der Häuptling bei den Indianern. Gemeinsam saßen die Gruppen um ihren Anführer, sie dachten sich einen Schlachtplan aus. Die Cowboys überlegten, wie sie das Indianerlager, oben im Wald bei dem großen Felsen, überfallen könnten. Die Indianer saßen auf ihrem großen Felsen und überlegten, wie sie die Cowboys unten in ihrer Ranch überfallen könnten.

Einmal hatten wir auf dem riesigen Dachboden im Kinderheim ein Paar uralte, braune, hölzerne Skibretter gefunden. Der Anführer der Cowboys durfte mit ihnen den Berg hinunter fahren. Unten hatten wir eine Sprungschanze gebaut. Mark war der Anführer gewesen. Er stürzte schwer. Er verstauchte sich beim Sprung ein Fußgelenk. Zum Glück war sein Bein nicht gebrochen.

Mark oder Christian waren damals oft die Anführer der beiden Mannschaften gewesen. Sie hatten sich immer neue Pläne ausgedacht, wie die Gegner überlistet werden könnten. Manchmal hörten die Kämpfe und Streitereien des Spieles nach dem Spiel nicht auf. Eine gespielte Schlägerei, nach einer Verfolgungsjagd durch den Wald und über die Wiese den Berg hinunter wurde plötzlich, weil ein Anführer nicht verlieren wollte, zu einem ernsthaften Streit. Niemand wollte gerne der Verlierer sein. Mehrmals hatten sich Christian und Mark heftig gestritten. Sie hatten gemeinsam ein Zimmer bewohnt, dort flogen dann die Fetzen.

Nach einiger Zeit, wenn sie sich wieder vertragen hatten, saßen sie weit oben im Wald, abseits der Wege der vielen Heimkinder. In einer Erdmulde zwischen hohen Laubbäumen und kleinen Tannen hatten sie ihr Versteck. Näherte ich mich der Mulde, sah ich dort leichte Rauchwolken vom Boden aufsteigen. Sie saßen in der Mulde und rauchten Zigaretten. Sie hörten jedes Geräusch, der sich nähernden Kinder. Mark machte drei Mal schnell hintereinander das Geräusch des Uhus. Wenn ich darauf nicht sofort drei Mal wie eine Amsel pfiff, war klar, dass sich ein fremdes Kind oder ein fremder Erwachsener näherte.

Oft hatte es im Kinderheim Streitereien gegeben. Mark und Christian waren immer da. Sie halfen uns aus den Schwierigkeiten heraus. Sie mischten sich ein, wenn sie glaubten, dass wir ungerecht behandelt wurden. Wie wird das jetzt werden, wo sie nicht mehr mit dabei sind? Ich bin sicher, dass es viel besser wäre, wenn sie mit dabei wären. Es geht aber nicht, weil Mark seine Lehre weitermachen muss, und weil Christian bald mit der Schule fertig ist und dann auch arbeiten wird.

3. Keine Zeit zu verlieren

Oma hatte erzählt, dass es nicht stimmt, dass Mark in einem Erziehungsheim wohnt. Die Wahrheit ist, dass er in einem offenen Heim für Jugendliche lebt. Dort bewohnt er sein eigenes Zimmer, für das er einem Schlüssel hat. Am vergangenen Wochenende hatten wir ihn besucht. Er erzählte, dass es ihm sehr gut geht. In seinem Heim ist es viel besser, als es vorher beim Vater gewesen war. Er geht immer noch in die Lehre. In dem Heim kann er seine Zeit frei einteilen. Er ist alt genug, um selbst zu entscheiden, wann er kommt und wann er geht. Er kann jetzt machen, was er will. Er ist für sich selbst verantwortlich. Für sein Zimmer bezahlt er auch dort eine Miete. Die ist klar festgelegt. Er gibt sie an einem vereinbarten Tag im Büro ab. So kann er sich sein Geld einteilen und dafür sorgen, dass es bis zum Monatsende reicht. Niemand taucht überraschend auf und verlangt mehr Geld von ihm. Niemand brüllt ihn an, wenn er das nicht geben kann. Niemand gibt ihm dann eine Ohrfeige.

Mark hatte gesagt, das Mofa könne der Vater behalten. Es hätte ihn vom Vater abhängig gemacht. Der Vater hätte das geliehene Geld zurückverlangt, wann es ihm passte. Es hätte keine feste Regel gegeben, wann er zahlen sollte. Deshalb sei es besser ohne Mofa. Er gehe lieber zu Fuß.

Ich hatte öfter daran gedacht, dass es sein könnte, dass uns die Stiefmutter und der Vater belogen hatten, dass das Erziehungsheim eine Erfindung von ihnen war. Oma erklärte, dass sie das sicher getan hätten, um uns Angst zu machen. So wollten sie verhindern, dass auch wir von zu Hause abhauen.

Weil ich schon genügend Angst hatte, machte mir ihre Geschichte über Mark im Erziehungsheim nicht mehr viel aus. Ich war weggelaufen, nachdem Mark gegangen war. Meinen Fluchtplan, über den ich so lange nachgedacht hatte, verwirklichte ich an diesem Tag, auch deshalb, weil mir Mark fehlte. Wegen ihm hatte ich stets Hoffnung gehabt, dass der Vater irgendwann aufhört zu schlagen. Wenn Mark zu Hause gewesen war, hatte ich keine Angst. Ich hatte gedacht: Solange Mark da ist, gibt es die Chance, dass wir Geschwister eines Tages wieder zusammenhalten werden. Eines Tages werden wir vielleicht sogar mit dem Vater reden können. Vielleicht werden wir die Stiefmutter rauswerfen, wenn sie nicht anders mit uns leben will. Mit uns kann man nicht so leben, wie sie es tut. Wir brauchen ihr Kreischen nicht jeden Tag und Vaters Schlagen brauchen wir auch nicht. Wir wollen normal mit ihr und Vater reden. Eines Tages wird das gelingen. Mark wird dabei helfen. Solange er da ist, besteht Hoffnung.

Ich hatte das gedacht, weil der Vater Mark nie geschlagen hatte. Ich hatte geglaubt, der Vater hätte gegenüber Mark ein schlechtes Gewissen, wegen seines Schlagens. Irgendetwas hatte den Vater vom Schlagen abgehalten, wenn Mark da war. Vielleicht hatte er gespürt, dass das Schlagen nicht gut ist. Vielleicht hatte er das gespürt, weil Mark früher bei den Besuchen des Vaters im Kinderheim mit dem Vater viel gesprochen hatte. Der Vater musste schon damals gemerkt haben, dass er mit Mark vernünftig sprechen kann. Also hatte der Vater schon lange gewusst, dass Mark vernünftig denken kann. Vielleicht hatte der Vater nicht zugeschlagen, wenn Mark zu Hause war, weil er spürte, dass Mark schon viel erwachsener ist, als wir es sind. Ohne dass Mark darüber sprach, hatte er dem Vater vielleicht gesagt, dass Erwachsene, wie der Vater und die Stiefmutter, eigentlich nicht schlagen sollten, weil das nicht nur weh tut, sondern für immer kaputt macht.

Ich glaube, das hatte dem Vater ein schlechtes Gewissen gemacht. Wegen Mark hatte er zu Hause gespürt, dass Erwachsene eigentlich reden sollten, anstatt zu schlagen. Weil das der Vater nach einem Jahr noch nicht verstanden hatte, hielt Mark es zu Hause nicht mehr aus. Er hatte die Hoffnung so lange nicht aufgegeben, bis der Vater an dem Nachmittag wegen des Geldes auch auf ihn eingeschlagen hatte. Da gab er es auf und ging fort.

Marks Weggehen war für mich das Zeichen gewesen, dass der Vater sich nicht ändern will oder kann. Das Schlagen hätte nicht aufgehört. Es war das Zeichen, dass auch die Stiefmutter nichts verstanden hatte und wahrscheinlich nie verstehen wird. Es war das Zeichen, dass alles bleiben wird, wie es sich eingespielt hatte. Es war das Zeichen, dass sich zu Hause nichts verbessern wird. Zu Hause war deshalb keine weitere Zeit mehr zu verlieren.

4. Mark und Christian

Die Tachonadel steht jetzt bei Achtzig. Draußen sehe ich eine Baustelle, der Verkehr läuft nur auf einer Spur. Wir fahren an dampfenden Teermaschinen vorbei. Ich sehe Bauarbeiter in gelben Jacken mit Schaufeln in der Hand.

Auch Mark ist gerade beim Arbeiten. Er steht auf einer Baustelle, irgendwo in einer Stadt oder in einem Dorf. Ich stelle ihn mir oben auf einem neuen Hochhaus vor. Ich sehe ihn auf einem hohen Baugerüst. In seiner Hand hält er eine Maurerkelle. Mit ihr fährt er in den dreckigen, schwarzen Eimer. Er klatscht den nassen, grauen Putz an die Wand. Mit der Spachtel streicht er darüber. Die Wand muss glatt werden. Er klettert das Gerüst hinunter. Seine blaue Arbeitshose ist verspritzt mit grauem Mörtel. Unten hebt er einen schweren Betonsack von einem Stapel auf einer Palette. Er schleppt ihn auf dem Rücken zur Betonmischmaschine. Dort wirft er ihn zu Boden. Er reißt ihn auf. Das graue Pulver schaufelt er in die Maschine. Diese Arbeit macht Mark heute schon seit sieben Uhr.

Leider arbeitet er nicht in einer Reparaturwerkstatt für elektrische Geräte. Er studiert keinen Schaltplan für Fernsehgeräte oder Radios, so wie er es früher in seinem Zimmer im Kinderheim stundenlang getan hatte. Er hat keinen Lötkolben in der Hand, um defekte Bauteile von einer Platine zu lösen und durch neue zu ersetzen. Er hantiert nicht mit einem Messgerät und fahndet nach einem Fehler, den er in einem Kassettenrecorder vermutet. Ich glaube, ihm fehlt die Kraft und der Mut, nach allem, was beim Vater gewesen war, sich einfach eine Ausbildungsstelle in diesem Bereich zu suchen.

Der Vater hatte gelogen. Mark war nicht ins Erziehungsheim gekommen. Vielleicht hatte der Vater auch vorher schon oft gelogen. Vielleicht hätte Mark auch bei einer Lehrstelle im Elektronikbereich genügend Geld verdient, um seine Miete und das Mofa bezahlen zu können.

Hoffentlich hat Mark gleich eine Mittagspause. Nein, das ist noch zu früh, es ist erst halb zwölf Uhr.

Die Tachonadel zeigt jetzt wieder Einhundertzwanzig. Die Autobahnbaustelle ist vorüber. Draußen fällt Nieselregen. Herr Neumann schaltet den Scheibenwischer ein. In den Gischtwolken, draußen vor der Windschutzscheibe, sehe ich ein Meer aus roten Rückleuchten von den Autos, die uns überholen. Die Autobahn ist voll. Auch auf der Gegenfahrbahn ist viel Verkehr. Tausende Lampen fliegen zurück in die Richtung, aus der wir kommen. Die Lichter spiegeln sich im Regen. Sie spielen in den dichten Gischtwolken, welche die Autos aufwerfen. Sie tanzen und reflektieren auf der glänzenden Fahrbahn.

Jetzt stelle ich mir Christian vor. Er sitzt gerade in der Schule. Vielleicht sitzt er auf seinem Stuhl, hinten in der letzten Reihe und hört dem Lehrer zu. Vielleicht passt er heute genau auf, weil er wissen möchte, was in der nächsten Probe abgefragt wird. Oder er ist heute Vormittag noch sehr müde, weil er gestern sehr spät ins Bett gegangen ist. Dann sitzt er jetzt in der Schulbank und versucht, nicht einzuschlafen. Um ein Uhr mittags hat er Unterrichtsschluss. Er kann nach Hause fahren in sein Heim. Er bewohnt ein Zimmer, in demselben Heim wie Mark.

Er war einige Tage nachdem ich zur Oma geflohen war, auch vor dem Vater aus dem Dorf geflüchtet. Christian lief zum Jugendamt in der Stadt, dort hatte er sich nach Mark und mir erkundigt. Weil Christian nur noch ein Schuljahr vor sich hat, hatte das Jugendamt ihn in dasselbe Heim geschickt wie Mark.

Ob er sich selbst sein Mittagessen kocht? Oder gibt es für alle Jugendlichen ein Mittagessen in seinem Heim? Ich weiß es nicht. Vielleicht sitzt Christian jetzt gar nicht in der Schule. Vielleicht war er heute Morgen noch zu müde gewesen und blieb einfach in seinem Bett liegen. In der Schule wird er dem Lehrer Morgen sagen, dass er heute krank gewesen sei. Ob er so etwas machen kann, in seinem neuen Heim?

5. Schule im Gebirgsort

Kennen mich die Kinder in meiner alten Schulklasse, im Bayerischen Gebirgsort, noch? Sicherlich kennen sie mich noch, denn ich bin ja erst seit einem Jahr weg, vom Kinderheim auf dem Berg. An einige Kinder in meiner Schulklasse erinnere ich mich gut.

Manfred, neben dem ich saß, hatte aus seinen Filzstiften Spuckröhrchen gebaut. Damit ärgerte er die Lehrerin und die Mitschüler. Richard hatte jeden Tag viele Pausenbrote dabei. Die nahm er morgens aus seinem Schulranzen und steckte sie unter seine Schulbank. Schon nach wenigen Minuten, in der ersten Unterrichtsstunde, raschelte er an seinen Brottüten unter der Bank herum. Wenn die Lehrerin nicht zu ihm hinsah, hatte er sich immer ein Stückchen vom Pausenbrot in den Mund gestopft. Markus hatte jeden Tag Geld dabei. In der Pause stand er in der langen Schlange, unten in der Pausenhalle am Kiosk. Dort kaufte er sich jeden Tag so viele Lakritzeschnecken, wie er für sein Geld nur bekommen konnte. Alle Kinder aus der Schulklasse, die gerne Lakritze aßen, auch ich, waren dann um Markus herumgestanden und bettelten ihn nach einer Lakritzeschnecke an.

Ich glaube, die erkennen mich sicher gleich wieder. Hoffentlich haben sie eine nette Lehrerin. Oder haben sie inzwischen einen Lehrer? Vielleicht haben sie einen strengen Lehrer, so wie Herrn Götz in unserer Dorfschule?

Im vergangenen Schuljahr hatten wir im Gebirgsort eine alte Lehrerin. Sie hatte schon seit vielen Jahren an der Schule unterrichtet. Ich glaube, unsere Klasse war eine sehr freche Klasse gewesen. Manchmal hatte die Lehrerin Kinder aus der Klasse zum Direktor geschickt. Das ist ein sehr strenger Mann. Einmal kam es vor, dass die Lehrerin das Klassenzimmer verlassen hatte und nicht wieder zurückkam. Sie war einige Tage krank und wir bekamen einen strengen Lehrer als Vertretung. Montags nach einer Woche war die Lehrerin wieder da.

Manfred verteilte wieder seine Spuckröhrchen an andere Kinder in der Klasse. Das hatte er sich nicht getraut, als der strenge Lehrer als Vertretung da gewesen war. Bei dem hatte sich niemand getraut, mit dem Röhrchen ein Stück Papier an die Tafel zu spucken. Bei der Lehrerin sollte nun alles von neuem losgehen. Aber plötzlich brüllte sie Manfred an. Sie verbot ihm, weiter seine Spuckröhrchen zu bauen. Wir Kinder waren überrascht, dass sie genau wusste, dass Manfred es gewesen war, der die Röhrchen gebastelt hatte. Lange Zeit hatte ich geglaubt, sie ahne nicht, wer der Hauptübeltäter war. Die Lehrerin war strenger geworden. Manchmal warf sie Manfred aus dem Klassenzimmer. Trotzdem war sie lange nicht so schlimm gewesen, wie mein strenger Lehrer an der Dorfschule es war.

In den Pausen hatte ich mich jeden Tag im Schulhof mit den Geschwistern Christian, Mark und Matthias getroffen. Jetzt werden Christian und Mark fehlen. In der Schule wird es deshalb nicht mehr so wie früher sein.

6. Ruhe

Wir fahren auf eine Autobahnraststätte. Wir gehen in die Raststätte, um etwas zu Mittag zu essen. Herr Neumann hat einen großen schwarzen Geldbeutel. Er bezahlt alles. Das Essen ist sehr gut. Matthias und ich essen Schnitzel. Es ist unser Lieblingsessen. Wir verlassen das Rasthaus. Draußen regnet es stark. Schnell laufen wir zum Wagen. Herr Neumann sagt, dass wir noch ungefähr drei Stunden fahren werden, bis wir im Kinderheim ankommen. Herr Neumann fährt los. Er steuert den Wagen wieder auf die regennasse Autobahn. Schnell zeigt der Tacho wieder Einhundertzwanzig an. Matthias hat jetzt bessere Laune. Sein Blick ist nicht mehr so grimmig, wie er es morgens im Jugendamt und den Vormittag lang im Auto war.

Jetzt stelle ich mir den Vater vor. Im Moment arbeitet er in der Maschinenfabrik. Die Mittagspause ist gerade vorüber. Der Vater steht wieder an der großen, lärmenden Maschine. Von einem Stapel auf einer Palette, neben der Maschine, nimmt er eine dünne Blechplatte. Er schiebt sie unter die Presse. Dann drückt er auf den grünen Knopf. Von oben senkt sich der schwere Arm der Presse herab. Es entsteht ein lautes Zischgeräusch. Durch Pressluftkraft verformt sich das Blech zu einem Teil für eine neue Maschine. Die schwere Presse fährt wieder hinauf. Der Vater drückt den roten Knopf, um die Presse zu sichern. Jetzt zieht er das geformte Blech aus der Maschine. Er hebt es hoch und lässt es auf einen Stapel, bereits fertiger Bleche, fallen. Er nimmt das nächste Blech vom Stapel und schiebt es erneut unter die Presse. Diese Arbeit macht der Vater jeden Tag, ab Viertel nach sieben Uhr morgens. Schon seit über zehn Jahren ist der Vater in der Maschinenfabrik beschäftigt.

Heute Abend wird der Vater wie jeden Tag um halb sechs Uhr, die Fabrik verlassen. Im weißen Käfer fährt er von der Stadt zurück ins Dorf. Den Käfer parkt er hinter dem alten Haus, wie jeden Abend. Außer der Stiefmutter und ihrem Sohn Paul, ist niemand zu Hause. Die Kinder sind alle nicht mehr da. Der Vater wird die Tür hinter dem Haus laut quietschend öffnen, er wird langsam die Holztreppe heraufsteigen.

Das werde ich nicht hören. Ich werde heute nicht am Küchentisch sitzen und bei jedem schweren Schritt des Vaters mehr und mehr Angst davor spüren, dass er gleich vor mir steht.

Am Ende der Holztreppe angelangt, wird der Vater die Küchentür öffnen. Rati unser Dackel wird ihm schwanzwedelnd entgegenspringen. Nur die Stiefmutter sitzt am Küchentisch. Vielleicht sitzt heute Abend auch Paul neben ihr in der Küche. Jetzt, wo wir Kinder weg sind, kommt Paul vielleicht zum Abendessen aus seinem Zimmer herunter.

Seine schwarze Arbeitstasche mit der Brotzeitdose stellt der Vater auf die Anrichte in der Küche. Die Stiefmutter wartet schon mit dem Abendessen. Sie wird dem Vater heute nichts von uns Kindern erzählen. Sie muss über etwas anderes reden. Sie kann nichts von den Kindern sagen, denn sie sind nicht mehr zu Hause.

Heute Abend muss der Vater nicht mehr in unsere schlechten Schulhefte sehen. Heute Abend wird er froh sein, dass er sich nicht darüber ärgern muss. Der Vater wird keine schlechten Noten mehr in unseren Heften sehen müssen. Er wird kein schlechtes Schulzeugnis mehr ansehen müssen. Weil das alles nicht mehr geschieht, braucht sich der Vater über seine Kinder nie mehr zu ärgern. Er kann sich jetzt ein ruhiges Leben machen. Er kann sich heute Abend, nach seiner schweren Arbeit, an den Tisch setzen und in Ruhe essen. Dabei kann er in aller Ruhe in seiner Zeitung lesen, oder er kann das Radio einschalten und zuhören. Heute Abend muss er nicht hören, welche schlimmen Dinge die Stiefmutter von seinen Kindern berichtet. Er kann sich in seinem Stuhl zurücklehnen und eine Bierflasche trinken. Er braucht nicht mehr seinen Gürtel aus der Hose zu lösen und seine Kinder ins Schlafzimmer zu treiben.

Die Stiefmutter wird uns nicht mehr in den Dorfladen zum Zigarettenkaufen schicken. Frau Maier im Dorfladen braucht uns nicht mehr zu helfen. Sie muss nicht mehr so tun, als bemerkte sie nicht, dass wir ihre Stifte und Radiergummis stehlen. Der strenge Dorfschullehrer braucht nicht mehr zu schimpfen. Ich werde nicht mehr ohne Stifte oder Radiergummi in sein Klassenzimmer kommen. Nie mehr werde ich morgens in die Dorfschule kommen und nach der Tabakspfeife vom Vater stinken. Die Dorfschule werde ich nie mehr betreten.

Jetzt, am Nachmittag, muss die Stiefmutter nicht mehr neben dem Küchentisch stehen und zusehen, wie wir Kinder in unsere Schulhefte schmieren. Sie sieht nicht mehr wie wir, statt einer geraden, sauberen Linie, eine zittrige Kurve ins Schulheft malen. Meine Schulhefte liegen nicht in dem kleinen Koffer im Kofferraum. Sie liegen noch zu Hause bei der Stiefmutter. Aber sie braucht sie nicht mehr anzusehen. Das ist jetzt nicht mehr wichtig. Die Hefte sind voll mit meiner krakeligen Kinderschrift. Die kann sie jetzt in den Küchenofen stecken.

Die Stiefmutter kann jetzt etwas anderes machen. Sie braucht sich nicht mehr über unser Geschmiere in unseren Schulheften zu ärgern. Heute Abend muss sie dem Vater nicht mehr die schlimmen Dinge berichten, über die sie sich tagsüber ärgern musste. Wir sind weg. Die Stiefmutter hat jetzt keinen Grund mehr, sich zu ärgern. Sie hat jetzt Ruhe. Vielleicht ist es jetzt so geworden, wie sie es sich gewünscht hatte. Vielleicht kann sie jetzt die Ruhe in dem alten Haus genießen.

Sie muss uns nicht mehr schimpfen, wenn die Treppe nicht sauber geputzt oder das Zimmer nicht ordentlich gefegt ist. Sie muss sich nicht darüber aufregen, dass die Kinder wieder alles falsch und schlecht gemacht haben. Im Haus ist es jetzt ruhig und friedlich. Es herrscht nicht mehr dieses schlimme Durcheinander, welches wir in das Haus der Stiefmutter und des Vaters gebracht hatten. Ich glaube, ab jetzt wird dort alles schön ordentlich und sauber sein.

Auch im Dorf ist es jetzt ruhiger. Auf der Straße, vor unserem Haus hört man kein lautes Kindergeschrei. Unser Versteck in der Scheune bleibt nun leer. Wir sitzen nicht mehr mit gestohlenen Kaugummis und Zigaretten da oben.

Wird das Unkraut in unserem Garten wieder wuchern? Wird der Gehsteig verschmutzen? Dann werden die Nachbarn auf der anderen Straßenseite denken, dass in unserem Haus etwas „nicht ganz sauber“ ist. Ich glaube, deshalb wird das nicht geschehen. Die Stiefmutter und der Vater werden ihr Unkraut jäten. Sie werden ihren Bürgersteig fegen.

7. Für immer

Der Tacho zeigt genau einhundert an. Herr Neumann fährt nicht mehr so schnell, weil es sehr stark regnet. Die Sicht ist sehr schlecht. Der Scheibenwischer jagt über die Windschutzscheibe, trotzdem sehe ich nur wenig. Die Wischblätter hauen ständig hin und her. Der Wagen fährt jetzt noch langsamer, nur noch achtzig. Die Autobahn ist weiß vom aufklatschenden Regen. Hinter jedem Wagen entsteht eine dichte, weiße Gischtwolke. Manchmal sehe ich draußen, vor der Windschutzscheibe, gar nichts mehr. Herr Neumann überholt jetzt nicht mehr, er fährt lieber vorsichtig. Er sagt es ist besser, wenn wir etwas langsamer fahren und gut ankommen, als schnell zu sein und deshalb vielleicht einen Unfall zu bauen. Ich finde es gut, wenn er nicht so schnell fährt. Ich sitze gerne im Auto und sehe zum Fenster hinaus. Ich finde es gut, wenn wir nicht so schnell ankommen.

Die letzte weite Reise mit dem Vater war die Fahrt in seinem Käfer vor fast einem Jahr gewesen. Er hatte uns aus dem Kinderheim abgeholt. Im Käfer war es sehr eng. Wir saßen zu dritt hinten auf der Bank. Mark saß vorne, neben dem Vater. Der Vater fuhr sehr schnell. Manchmal hatte er große Autos wie Mercedes oder Opel überholt. Wir zählten jeden Wagen, an dem er vorbeifuhr.

Der Vater war schon am Vorabend gekommen. Er übernachtete in der Pension, gegenüber der Bushaltestelle Station Erika. An diesem letzten Abend in unserem Kinderheim, hatte uns der Vater zum Abendessen in eine Gaststätte eingeladen. Der Vater sagte, er müsse mit uns feiern, dass er es endlich geschafft hatte, uns aus dem Heim herauszuholen.

An diesem Abend hatte ich zum ersten Mal von der Stiefmutter gehört. Der Vater erzählte, dass sie sehr nett wäre. Ich hatte nicht verstanden, was der Vater damit meinte. Ich verstand nicht, dass wir mit einer Stiefmutter zusammen wohnen würden. Mark und Christian hatten das verstanden. Sie fragten den Vater über die Frau aus. Sie wollten wissen, wo sie herkommt, wie sie heißt und wo er sie kennen gelernt hatte. Ich weiß nicht, was der Vater auf diese Fragen geantwortet hatte.

Am nächsten Tag holte uns der Vater morgens ab. Wir freuten uns, endlich wegzukommen. Ich hatte gedacht, dass ich das Kinderheim nie wieder sehe. Wir verabschiedeten uns von den anderen Kindern. Die beneideten uns, weil wir raus kamen. In der Schule verabschiedete ich mich von niemandem. Obwohl ich wusste, dass wir wegkommen. Aber mir war das nicht so wichtig. Mit den Kindern in der Schule hatte ich nur in der Schule zu tun und nicht in der Freizeit. Ich ging nicht so gerne in die Schule. Dort hatte es genügend Kinder gegeben, die mich geärgert hatten.

Unsere Abfahrt vom Kinderheim war etwas Besonderes. Es kam selten vor, dass Kinder von den Eltern „für immer“ abgeholt worden waren. Viele Kinder standen deshalb draußen um den weißen Käfer herum und verabschiedeten sich von uns. Der Vater fuhr langsam los, wir sahen zurück und winkten.

8. Platz es auszuhalten

Heute kommen wir wieder zurück. Damals hatten wir uns gefreut, endlich weg zu kommen. Heute freue ich mich, dass wir wieder hingebracht werden. Im Kinderheim gibt es vieles, das mir nicht besonders gefällt, aber ich weiß, dass es dort viel schöner ist, als bei der Stiefmutter und dem Vater.

Ich kenne das Kinderheim gut. Ich hatte schon viele Jahre dort verbracht. Es gibt sehr strenge Regeln. Der Heimleiter ist sehr streng, das ist nicht schlimm. Schlimm ist, dass er manchmal sehr unberechenbar ist. Er hat einen Stellvertreter, der ist Buchhalter. Das ist nicht schlimm. Schlimm an ihm ist, dass er der Stellvertreter des Heimleiters ist, weil er brutal ist, und noch unberechenbarer als der Heimleiter. Ich kenne das, weil ich es jahrelang erlebt habe. Weil ich weiß, was mit diesen beiden Männern, in dem Kinderheim auf mich zukommt, will ich dort wieder hin. Weil ich das kenne, kann ich damit klarkommen. Trotzdem muss ich vorsichtig sein. Auch im Kinderheim wird man von diesen Männern verprügelt. Aber dort kann ich mich auch gut verstecken. Ich kann ihnen besser aus dem Weg gehen als der Stiefmutter und dem Vater. Und manchmal helfen ältere Kinder.

Es gibt den nahen Wald, in dem wir nachmittags spielen. Es gibt immer die Möglichkeit zu flüchten, wenn die Gefahr besteht, geschlagen zu werden. Im Kinderheim gibt es Kinder, die abhauen. Manche versuchen mit der Bahn zu den Eltern zu flüchten. Sie werden unterwegs im Zug, ohne Fahrkarte, geschnappt. Ich würde nie aus diesem Kinderheim abhauen. Ich weiß gar nicht, wohin ich abhauen sollte. Wo sollte es noch besser sein, als in diesem Kinderheim? Ich kenne dieses Kinderheim, ich kenne die Stiefmutter und den Vater und ich kenne die Oma. Wo ich wohnen will, bei der Oma, kann ich nicht wohnen, weil der Vater zu nah ist. Also bleibt nur dieses Kinderheim.

Weil ich mich im Kinderheim auskenne, weil ich dem unberechenbaren Leiter und dem Buchhalter aus dem Weg gehen kann, weil ich meistens weiß, wann und wohin ich verschwinden muss, ist es der Platz, an dem ich es schon einmal ausgehalten hatte. Ich glaube, ich werde es wieder dort aushalten. Das Kinderheim ist der Platz, der mir am Morgen meiner Flucht aus dem Dorf nicht eingefallen war. Jetzt hier im Auto auf dem Weg zurück dorthin, weiß ich, dass es der Platz sein muss, den ich am Morgen meiner Flucht in meinen Gedanken meinte. Es ist der Ort an dem es erträglich ist.

Im Kinderheim geht es gut, solange ich mich mit den Erwachsenen nicht anlege. Wenn ich ihnen zustimme und ihnen aus dem Weg gehe, was im Dorf bei Vater und Stiefmutter beinahe unmöglich gewesen war, dann geht es gut. Im Kinderheim gibt es keine Prügel wegen Fehlern im Schulheft und schlechten Noten im Zeugnis. Deshalb wird man geschimpft, aber man wird nicht verprügelt.

Es ist wichtig in der Schule nicht sitzen zu bleiben. So lange man nicht sitzen bleibt, fällt man dem Heimleiter nicht auf. Damals waren einige Heimkinder in der Schule öfter sitzen geblieben. Manche von ihnen kamen deshalb auf eine Sonderschule. Diesen Kindern war es im Kinderheim besonders schlecht ergangen. Ihre Schulhefte hatte sich der Heimleiter jeden Nachmittag genau angesehen. In der Hausaufgabenstunde mussten sie lange sitzen und in ihre Hefte schreiben. Zu diesen Kindern hatte der Heimleiter immer gesagt: „Ihr seid hier die dümmsten Idioten!“ Alle anderen Kinder machten das dem Heimleiter nach. In diesem Kinderheim ist es deshalb so, dass ich in der Schule nicht sitzen bleiben darf, weil ich sonst auf die Sonderschule komme und vom Heimleiter, dem Buchhalter und allen anderen Kindern immer „der Idiot“ genannt werde.

Nur wenige Kinder waren wirklich gut in der Schule gewesen. Weil sie nicht die Volksschule, sondern die Realschule oder das Gymnasium besuchten, nannte sie der Heimleiter die „schlauen Knöpfe“. Auch ihre Schulhefte sah sich der Heimleiter nachmittags genau an. Ist man in der Schule, so wie ich es bin, nicht zu schlecht und nicht sehr gut, dann bleibt man im Kinderheim unauffällig und wird in Ruhe gelassen. Besonders wichtig ist es, dass man im Kinderheim nicht herummeckert, dass man sich nicht ärgert, über Heimleiter und Buchhalter. Sonst werden beide sehr böse und schlagen um sich.

Der Heimleiter spielt gerne Theater vor den Kindern. Er will uns zeigen, dass er der große Leiter ist. Wenn der Heimleiter nicht da ist, macht das der Stellvertreter. Freitagabends nach dem Abendessen, stehen sie im Speisesaal vor den Heimkindern und verteilen die Hausarbeit für die nächste Woche. Daraus machen beide eine lange Show. Zu jeder Aufgabe die ein Kind bekommt, sprechen Heimleiter oder Buchhalter kleine Kommentare. Einzelne Kinder nennen sie in ihren Kommentaren „Idioten“, „Pisser“, oder „unseren Dorftrottel“.

Viele Kinder werden von den beiden Männern nicht mit ihren Vornamen angesprochen, sondern mit dem Wort das ihnen gerade zu dem jeweiligen Kind einfällt. So versuchen sie uns zu ärgern. Wenn man sich darauf einlässt und sich darüber wirklich ärgert, hat man schon verloren. Das können die beiden am wenigsten ertragen: Kinder die ihnen vorhalten, wie sie sind. Kinder, die sich offen über die beiden ärgern oder beschweren.

Am schlimmsten sind Kinder, die sich einmischen und kleine Kinder beschützen wollen. Solche Kinder schlagen sie. Deshalb hatten sie Mark damals öfter geschlagen. Ich hatte mich nicht mehr geärgert oder aufgeregt, über diese beiden Männer. Ich hatte versucht, einfach nicht mehr hin zu hören, wenn sie auch mich mit schlimmen Worten beschimpften. Das werde ich jetzt wieder genauso versuchen, denn ich bin gut damit klargekommen.

Besonders schlecht geht es den Kindern, die nachts ins Bett machten. Sie werden vom Heimleiter und dem Buchhalter „die Pisser“ genannt. Alle Kinder machen auch das nach. Bald nennt jedes Kind einen Bettnässer nicht mehr bei seinem Namen, son­dern „Pisser“. Der Heimleiter hatte damals besondere Betteinlagen besorgt. Sobald diese Einlagen nass geworden waren, ging ein lauter Heulton los. Der Heimleiter hatte zu den Kindern, die mit Bettnässern in einem Zimmer schliefen, gesagt: „Die verdammten Pisser erziehen wir trocken zu werden! Wenn nachts die Sirene heult, dann jagt sie aufs Klo!“ Kein Kind im Zimmer eines Bettnässers konnte nachts durchschlafen. Mitten in der Nacht gingen die Heulsirenen los. Deshalb hatten die Kinder den Bettnässern jeden Abend angedroht, sie heftig zu verprügeln, wenn nachts das Sirenengeheule wieder losginge. Manche Bettnässer schalteten deshalb abends die Sirene ab. Schnell hatte der Heimleiter das gemerkt. Persönlich erschien er deshalb abends, um zu überprüfen, ob die Sirenen eingeschaltet waren.

Ich glaube, diesem Heimleiter und dem Buchhalter macht es Spaß, Kinder zu ärgern. Meistens hatten beide gelacht, wenn sie die Bettnässer „Pisser“ schimpften. Solche Kinder hatten keine Ruhe vor den beiden Männern. Unter den anderen Heimkindern hatten sie keine Freunde. Wenn irgendetwas Schlimmes geschehen war, wenn etwas gestohlen wurde, waren „die Pisser“ und „die Idioten“ die ersten, bei denen gesucht wurde.

Mir geht es in diesem Kinderheim nur dann gut, wenn ich unauffällig bleibe. Damals hatte der Heimleiter für mich noch keinen Spitznamen gefunden. An mir gab es nichts Auffälliges, womit er mich ärgern konnte. So soll es auch jetzt wieder sein. Es ist deshalb gut, dass ich wieder in das gleiche Heim zurückkomme. Auch wenn ich den Heimleiter und seinen brutalen Stellvertreter nicht mag. Aber ich weiß, wie sie sind und ich weiß, wie ich mich zu verhalten habe, damit ich von ihnen in Ruhe gelassen werde. Etwas Besseres kann ich mir nicht vorstellen.

Wenn ein Schlag des Heimleiters mich doch einmal erwischt, muss ich sofort die Arme auf die Ohren reißen, sonst schmerzt und pfeift es im Ohr. Es ist das gleiche Pfeifen wie nach den Schlägen der Stiefmutter. Im Heim werde ich mich nicht ärgern lassen. Ich werde mich nicht aufregen. Ich werde nicht aufmüpfig sein. Mir wird es wurscht sein, wie mich der Heimleiter und sein Stellvertreter nennen und behandeln werden. Ich werde tun, was sie verlangen. Ich werde vor allem still sein. Wenn ich mich doch mal ärgern muss, werde ich den Ärger nicht zeigen. Wenn ich schreien will, gehe ich hinauf in den Wald. Im Heim kann ich den Schlägen aus dem Weg gehen. Ich kenne die Regeln, und es gibt viele Plätze, wo ich mich im Notfall verstecken kann.

9. Ein kleines Stück Freiheit

Herr Neumann sagt, dass wir in ungefähr zwei Stunden ankommen werden. Die ganze Zeit über unterhielten sich Frau Michaels und Herr Neumann leise miteinander. Wir stoppen noch mal auf einem Parkplatz und gehen auf die Toilette. Frau Michaels fährt jetzt weiter. Der Regen ist schwächer geworden, es nieselt nur noch. Das Wetter passt zu dieser Reise. Die Stimmung im Auto ist gedämpft. Mit Matthias habe ich noch nicht gesprochen, auch er scheint nachzudenken.

Die Mittagspause von Mark ist jetzt vorbei, es ist schon zwei Uhr. Er steht wieder auf dem Gerüst und klatscht mit der Maurerkelle Mörtel an die Wand. Bis zum Feierabend dauert es noch drei Stunden. Dann werden wir schon im Kinderheim angekommen sein. Dann werde ich die Kinder wiedersehen, die auch Mark von früher noch kennen. Ich könnte in das Zimmer gehen, in dem Christian und Mark früher geschlafen hatten. Die Heimkinder werden mich fragen, warum Mark und Christian nicht mit dabei sind. Sie wollen wissen, warum wir ohne sie zurückkommen. Ich werde sagen, dass sie schon zu alt sind, um noch im Kinderheim zu wohnen. Ich werde ihnen einen schönen Gruß von Mark und Christian bestellen.

Wann werde ich meine beiden Brüder, Mark und Christian wieder sehen? Werden wir mal wieder zusammen ein Spiel spielen, so wie wir es am Anfang getan hatten, in der alten Wohnung beim Vater? Wir hatten einige Spiele. Wir spielten sie auf dem Tisch im Schlafzimmer. Der Samstagnachmittag war ein guter Tag zum Spielen gewesen. Es gab keine Hausaufgaben. Wenn das Wetter gut war, gingen wir hinaus auf den Sportplatz. Bei Regenwetter spielten wir in unserem Zimmer. Wir spielten Bingo, Malefiz, Mensch ärgere Dich nicht, Monopoly oder ein Kartenspiel. Oft hatten wir uns nach solchen Spielen gestritten, weil keiner von uns verlieren wollte. Manchmal flog das ganze Spiel durch unser Zimmer. Wer verloren hatte, ärgerte sich sehr. Wer gewonnen hatte, triumphierte. Auch darüber ärgerten sich die Verlierer.

Die Stiefmutter und der Vater wollten Samstagnachmittags immer Ruhe in der kleinen Wohnung haben. Das fiel uns natürlich dann besonders schwer, wenn sich der Verlierer eines Spieles so sehr ärgerte, dass er das ganze Spiel durch das Zimmer warf. Wahrscheinlich werde ich die Brüder Mark und Christian nicht so schnell wiedersehen. Das ist sehr schade, obwohl wir uns beim Spielen oft gestritten hatten.

Im Kinderheim wird es anders sein als früher. Wir werden nur noch zu zweit sein. Im Zimmer von Mark und Christian wohnen andere Kinder, vielleicht neue Kinder, die ich nicht kenne und die mich nicht kennen. Wir werden uns nicht mehr im Zimmer von Mark und Christian treffen, um uns miteinander zu unterhalten. Wir beide werden nun allein im Heim sein. Wir müssen sehen, dass wir neue Freunde finden, mit denen wir sprechen können.

Am schönsten hatte ich damals den Wald beim Kinderheim gefunden. Vielleicht wird es jetzt auch wieder so. Im Wald hatten wir uns versteckt. Wir bauten Baumhütten und kleine Lager. Bei schönem Wetter spielten wir jeden Nachmittag dort. Mit Werkzeugen bewaffnet, marschierten wir den Hügel hinauf in den Wald. Wir suchten uns geeignete Plätze für die Baumhütten. Meist spielten wir immer an denselben Stellen im Wald. Am Waldrand gibt es eine Mulde, in der sich ein großer Felsbrocken befindet. Damals war das unser Treffpunkt gewesen. Von diesem Punkt schwärmten wir aus und machten Verfolgungsjagden durch das Gelände. Mit Messern ritzten wir unsere Namen in den großen Baum neben dem Felsbrocken. Die Bäume in unserem Wald hatten viel auszuhalten. Wir schlugen große Nägel in sie, um die Bretter für die Baumhütten zu befestigen.

Eines Tages hatten wir nicht weit von unserem Treffpunkt beim Felsen drei Baumhütten ganz eng aneinander gebaut. Dort hatten regelmäßig Zusammenkünfte stattgefunden. Mark und Christian schafften Lebensmittel aus der Speisekammer dort hin. In diesen Baumhütten hatten wir unser zweites zu Hause.

Heimleiter und Buchhalter kümmerte sich nicht um das, was wir im Wald gemacht hatten. Deshalb war der Wald das Schönste gewesen. Für die Erzieher war die große Buche auf der ersten Anhöhe hinter dem Haus, die letzte Station, bis zu der sie uns Kindern in den Wald folgten. Ab dieser Buche hatten wir uns stets frei bewegt.

Am Wochenende hatten die Erzieher manchmal unterhalb der Buche mit uns Kindern ein Lagerfeuer gemacht. Das hatte mir immer gut gefallen. Die älteren Kinder durften beim Feuer übernachten. Ich durfte das damals leider noch nicht. Vielleicht kann ich ja jetzt, wo ich etwas älter und größer geworden bin, auch am Lagerfeuer im Freien übernachten.

10. Christian

Christians Schule ist jetzt vorbei. Darüber ist er bestimmt froh, denn er geht nicht gerne in die Schule. Was macht Christian heute Nachmittag? Vielleicht besucht er die Oma. Vielleicht fährt Christian hinauf zur Oma, vielleicht ist er zum Mittagessen bei ihr eingeladen. Er könnte von der Stadt aus mit dem Bus fahren. Er muss den weiten Weg nicht zu Fuß gehen. Im seinem Heim bekommt er Taschengeld, davon kann er den Bus bezahlen.

Christian hatte bei der Stiefmutter und dem Vater nie etwas geschenkt bekommen. Wir alle bekamen nichts von ihnen, aber mit Christian hatten sie es besonders schlecht gemeint. Am Anfang, in der kleinen Wohnung, gab es noch manchmal Taschengeld. Aber für Christian hatten sie nie etwas übrig. Ich weiß nicht, warum sie ihn so behandelten.

An Weihnachten hatten die Stiefmutter und der Vater uns alle überrascht. Sie schenkten Christian einen großen Karton. Der war in buntem Geschenkpapier eingewickelt. Wir alle saßen gespannt auf dem Sofa und sahen Christian dabei zu, wie er freudig sein riesiges Geschenk auspackte. In dem Karton war noch mal ein Karton, der auch in Geschenkpapier eingewickelt gewesen war. Darin kam wieder ein Karton. Ich glaube, es waren insgesamt fünf Kartons, die Christian auspackte. Übrig blieb eine kleine Schuhkiste. Wir hatten alle gespannt auf diese Schuhkiste geschaut. Christian öffnete sie langsam.

In ihr lag ein altes, verkohltes Holzbrett. Die Stiefmutter hatte es im Holzkohlenkeller aufgegabelt. Sie und der Vater hatten Christian damit geärgert. Besonders lustig konnten wir das alle nicht finden. Ich hatte nicht gewusst, was das sein sollte, was sie damit bezweckten.

Geburtstage und Weihnachten waren bei Stiefmutter und Vater die leidigsten Tage. Wir hatten gewusst, dass es besondere Tage waren, dass aber nichts Gutes von ihnen zu erwarten war.

11. Guter Alltag

Herr Neumann sagt, dass es jetzt noch hundert Kilometer sind, bis zum Kinderheim. Draußen regnet es nicht mehr. Frau Michaels sagt, dass es schade ist, dass wir heute wegen der Wolken die Berge nicht sehen können. Bei schönem Wetter könnte man sie jetzt von hier aus schon sehen.

Das Kinderheim liegt auf einem Berg. Eine sehr steile Straße führt hinauf. Ich kenne jede Kurve dieser Straße. Früher war ich auf dem Hof im Kinderheim mit einem Kettcar herumgekurvt. Jede Kurve dieser steilen Straße stellte ich mir dabei genau vor.

Der Heimleiter hatte einen kleinen, roten Fiatbus. In diesem Bus waren wir oft die steile Straße zum Kinderheim hinaufgefahren. Auf einer dieser Fahrten öffnete sich in einer scharfen Kurve plötzlich die Türe. Ein Kind, das sich dort angelehnt hatte, fiel heraus. Der Heimleiter blieb stehen. Das Kind war auf die Wiese am Waldrand neben die Straße gestürzt. Es war zum Glück nichts passiert, nur einige Schrammen hatte es abbekommen. Die Straße hat viele scharfe Kurven. Fährt man sie schnell hinauf, muss man sich im Wagen festhalten, damit man nicht hin und her geworfen wird.

Mit dem Kopf schlage ich leicht gegen die Scheibe des Autos. Ich öffne meine Augen. Matthias sitzt noch neben mir. Frau Michaels und Herr Neumann sitzen auch noch vorne. Aber wir fahren nicht mehr auf der Autobahn. Draußen regnet es stark. Es ist eine kurvenreiche Straße. Wir fahren steil bergauf. Es geht in eine scharfe Linkskurve, dann geht es geradeaus. Die Straße ist sehr steil. Schnell kommt eine scharfe Rechtskurve. Jetzt weiß ich, wo wir sind. Ich kenne die Strecke. Ich war hier früher sehr oft zu Fuß unterwegs gewesen. Manchmal war ich sie im gelben Schulbus oder im roten Fiatbus des Heimleiters mitgefahren. Wir fahren auf der steilen Bergstraße, hinauf zum Kinderheim. Mir bleibt nur noch eine kurze Minute, um über das vergangene Jahr- und darüber nachzudenken, wie es jetzt weitergehen wird. Auf der Autobahn war ich eingeschlafen. Ich hatte nicht gesehen wie wir von ihr herunter fuhren.

Gleich sind wir umringt von Kindern, die ich noch von früher kenne. Sie begrüßen uns, wenn wir auf dem Hof aus dem Wagen steigen. An einem Tisch mit anderen Heimkindern sitzen wir beim Abendbrot. Viele Kinder sitzen, verteilt an vielen Tischen im Speisesaal. In der Mitte des Speisesaals steht ein Tisch, an dem sitzen der Heimleiter, der Buchhalter und unbekannte Erziehe. Der Raum ist hell und kahl. Die Wände sind weiß. An der Decke hängen grelle, helle, viereckige Neonlampen. Im Speisesaal ist es laut. Viele Kinder unterhalten sich. Meinen Bruder und mich fragen die Kinder wie es uns geht.

Der Heimleiter begrüßt uns freundlich. Zum Abendessen stellt er uns einen extra Begrüßungsnachtisch hin. Wir dürfen zwei Quarkspeisen essen. Der Heimleiter ist heute sehr freundlich zu uns. Ab Morgen werde ich wieder versuchen ihm und dem Buchhalter aus dem Weg zu gehen. Ab Morgen wende ich mein Wissen über die Heimregeln wieder an. Ich versuche mich möglichst unauffällig zu verhalten. Vielleicht wird es beinahe so sein, als wäre ich nicht weg gewesen.

Morgen beginnt der Alltag in unserem Kinderheim. Wir schlafen in einem Zimmer mit fünf, sechs anderen Kindern. Nachts weckt uns die Heulsirene eines Bettnässers. Ich kann nicht mehr einschlafen. Ich muss an die Stiefmutter und den Vater in unserem Dorf denken. Ich denke an die Geschwister, die nicht mehr hier sein können. Ich denke an die Oma und den Opa. Nachts nehme ich mir vor, mit meinem ersten Taschengeld bei Oma und Opa anzurufen.

Um sechs Uhr morgens reißt der Buchhalter die Zimmertür auf. Er brüllt: „Aufstehen, ihr Penner!“ Dem Bettnässer reißt er die Bettdecke aus dem Stockbett. Er sieht, dass es nass ist. Er brüllt: „Aufstehen, du alter Pisser!“

Mit verschlafenen Augen stehe ich barfuss im Waschraum. Neben mir und hinter mir stehen viele andere Kinder. Wir putzten uns die Zähne. Danach gehen wir über den Hof. Dort liegt sauber gerechter Kies unter der riesigen Eiche. Wir gehen in das andere Haus. Es ist das Haupthaus des Kinderheims. Hinter der weißen Milchglastür neben der steilen schwarzen Kellertreppe, ist der helle Speisesaal. Wir sitzen auf unseren Plätzen am Frühstückstisch. Ich weiß nicht, ob es die gleichen Plätze sein werden wie vor einem Jahr, als wir Geschwister noch alle zusammen hier waren.

Nach dem Frühstück fegen wir unser Zimmer. Wir machen unsere Betten und dann putzen wir irgendwo herum. Ich weiß noch nicht wo, denn ich weiß noch nicht, welchen Haushaltsdienst der Heimleiter mir in dieser Woche gibt. Vielleicht putze ich das Klo, vielleicht die Waschbecken, vielleicht fege ich den Flur oder das Treppenhaus.

Um sieben Uhr morgens gehe ich hinunter in den Keller, unterhalb des großen Speisesaals. In dem niedrigen, neonbeleuchteten Kellerraum hängen an vielen Haken unsere Jacken und Schultaschen. Vielleicht hängt meine Jacke am gleichen Platz, wie vor einem Jahr. Ich ziehe sie und auch meine geputzten Schuhe an. Meine Schuhe sind ordentlich mit brauner Schuhcreme geputzt, weil ich sie, genauso wie ich es früher jeden Nachmittag um fünf Uhr getan hatte, zusammen mit allen Heimkindern in diesem Keller täglich putzen werde. Der Heimleiter achtet genau darauf, dass alle Kinder täglich pünktlich beim Schuhputzen im Keller sind.

Mit meinen sauberen Schuhen und meiner gelben Regenjacke bekleidet und mit meiner Schultasche auf dem Rücken, laufe ich um Viertel nach Sieben Uhr, zusammen mit den vielen anderen Kindern zur Station Erika, unserer Bushaltestelle. Auf dem Weg dorthin höre ich genau zu, was die großen Kinder miteinander sprechen. Ich will hören, ob sie wieder vom Krieg sprechen, von dem sie im Fernsehen gehört und gesehen haben. Ich will ihnen genau zuhören, weil ich wieder wissen will, wie gut es uns Kindern im Kinderheim geht. Um das richtig spüren zu können, will ich genau wissen, wie schlecht es den vielen Kinder im Krieg auf der ganzen Welt geht.

An der Station Erika warte ich mit den vielen Heimkindern auf unseren gelben Schulbus. Der Bus rollt die schwarze Straße hinunter. Die großen Kinder steigen zuerst ein. Ich und andere, kleinere warten geduldig. Wir sind froh, dass noch nicht Winter ist, weil wir deshalb nicht, kurz bevor der Bus kommt, von den größeren Buben in den eisigen Schnee geworfen und eingerieben werden.

In der Schule kenne ich mich noch gut aus. Morgen früh holt uns der Direktor am Schulbus vor dem Schulhaus ab. Er begrüßt meinen Bruder und mich freundlich. Er bringt uns in unterschiedliche Klassenzimmer. Ich komme wieder in meine alte Schulklasse. Der Direktor steht mit mir vor der Klasse. Dem neuen Lehrer und den Kindern sagt er, dass ich nun wieder da bin. Der neue Lehrer schüttelt mir die Hand. Der Platz neben Manfred ist frei. Ich setze mich wie vor einem Jahr wieder neben ihn. Manfred fragt mich, wo ich so lange gewesen bin. Er bastelt keine Spuckröhrchen mehr. In der Pause erzählt er, dass der neue Lehrer sehr gescheit und sehr streng ist. Weil der Lehrer unbedingt will, dass wir viel von ihm lernen, so erklärt Manfred, hat er mit den Spuckröhrchen endgültig aufgehört. In der Pause treffe ich mich mit Matthias. Ich rede mit ihm darüber, wie es ihm geht.

Mittags fahre ich zusammen mit vielen Kindern in dem gelben Schulbus wieder hinauf in unser Heim. Dort essen wir aus den weißen, zerkratzten Plastiktellern unser Mittagessen.

Jeden Samstag gibt es Cornflakes in Milch zum Frühstück. Weil das etwas Besonderes ist, freuen wir uns schon die ganze Woche darauf. Jeden Samstagvormittag gehen wir hinunter ins Tal. Wir besuchen das Hallenbad. Nach dem Schwimmen bekommen wir das Taschengeld vom Buchhalter ausbezahlt. Im Gebirgsort kaufe ich mir etwas zu essen, weil es Samstagmittag nur Suppe gibt. Vielleicht kaufe ich ein Comicheftchen.

Jetzt, solange noch Sommer ist, gehen wir am Wochenende wieder ins Freibad. Im Naturwasserbecken spielen wir Fischjagd. Ich habe immer noch Angst, dass mich unter Wasser ein winziger Fisch streift. Jeden Nachmittag zwischen der Hausaufgabenzeit und dem Schuhputzen rennen und toben wir oberhalb des Hauses im Wald herum. Wir bauen Baumhütten und spielen Cowboy und Indianer. Auf dem steilen Hügel ist das Gras schon zum zweiten Mal in diesem Sommer abgemäht. Am Samstagnachmittag wenden wir das Heu. Vom Heimleiter bekommt jeder als Belohnung für das Heuwenden eine Limoflasche. Ich streichle das Pony im Stall. Ich setze mich nicht mehr drauf.

Nach dem Mittagessen schreibe ich meine Hausaufgaben in meine Schulhefte. Niemand gibt meinem Bruder oder mir eine Ohrfeige. Beim Schreiben zittern wir noch eine Zeit lang. Die Linien bleiben noch krakelig, wie sie das beim Vater gewesen waren. Irgendwann hört das Zittern auf. Die Linien sind dann fast gerade. Dann schreibe ich lange Aufsätze in der Schule. Dafür bekomme ich manchmal sogar gute Noten. Vor allem beim Hausaufgabenmachen denke ich immer wieder an das Gekreische der Stiefmutter und an den abends schlagenden Vater.

Draußen erkenne ich jetzt alles. An der Station Erika, wo wir täglich auf den Schulbus warten, steuert Herr Neumann den Wagen von der Bergstraße nach rechts ab. Auf der Nebenstraße überqueren wir über eine Brücke die Rodelbahn. Auf dieser Rodelbahn waren wir vier Brüder vor mehr als einem Jahr das letzte Mal gemeinsam hinunter in den Ort gelaufen. Jetzt steuert Herr Neumann den Wagen an der kleinen Pension vorbei, in der Vater übernachtet hatte, als er uns vor einem Jahr im Heim abgeholt hatte.

Es sieht alles unverändert aus. Nur die Straße ist neu geteert. Nach der grauen Mauer, die den Berg davon abhält auf die Straße zu stürzen, biegt Herr Neumann links ab. Jetzt erkenne ich oben die beiden Häuser und zwischen ihnen die riesige, alte Eiche auf dem Hof. Unser Kinderheim. Herr Neumann steuert um die letzte Rechtskurve. Durch das Wagenfenster schaue ich hinunter ins Tal. Dort hängen viele Wolken. Es wird gerade dunkel. Der Regen ist sehr stark, so wie ich das früher an diesem Berg oft erlebt hatte. Die Zeit meines Nachdenkens ist vorbei. Meine Flucht ist hier beendet. Jetzt kommt mir die Zeit in dem kleinen Dorf sehr kurz vor. Meine beiden Geschwister Mark und Christian sind nicht mit uns gekommen.

VI. Später

Den brutalen Buchhalter, genauso wie den Heimleiter ertrage ich in dem Kinderheim auf dem Berg jahrelang. Nicht immer schaffe ich es, das Gefühl zu leben, mit beiden nichts zu tun zu haben. Das liegt daran, dass es mir doch nicht so gut gelingen mag, wie ich es mir vorgenommen hatte, beiden aus dem Weg zu gehen.

Manchmal kann ich meine Wut wegen der gewalttätigen Art dieser beiden Männer, wie sie uns Heimkindern oft gegenübertreten, nicht für mich behalten. Mehrmals erwischt mich vor allem der Buchhalter dabei, wie ich andern Kindern aufgebracht und wütend erzähle, was ich von dem Zuschlagen der beiden Männer halte. Deshalb schlagen mich Buchhalter und Heimleiter hin und wieder grün und blau.

Nach Jahren verlasse ich das Kinderheim mit dem brutalen Buchhalter und dem unberechenbaren Heimleiter. Mark hatte recht gehabt. Der Heimleiter ist ein brutaler Mensch. Was Mark lange befürchtet hatte, hat der Mann tatsächlich getan. Kurz bevor ich das Kinderheim verlasse, wird der Heimleiter von der Polizei abgeholt. In einem Gerichtsverfahren wird er zu mehrjähriger Haft verurteilt. Seine Verurteilung hängt mit den jungen Heimbewohnerinnen zusammen, hinter denen der Heimleiter oft her gewesen war. Wegen ihnen hatte sich Mark damals mit dem Mann angelegt. Deswegen hätte der Heimleiter Mark beinahe in ein Erziehungsheim geschoben.

Nach Jahren, ich wohne lange schon nicht mehr in dem Heim, zieht der Buchhalter mit seinem Kinderheim um. Das Haus wird verkleinert. Der Buchhalter leitet es weiter, bis zu seiner Berentung. Niemand beklagt sich bei dem Mann darüber, dass er damals Kinder verprügelt hatte. Keiner fragt ihn eines Tages, warum er die Heimkinder damals so unter Druck gesetzt hatte und warum er unkontrolliert auf sie eingeschlagen hatte. Auch ich stelle dem Mann diese Fragen nicht.

Mark muss noch lange schwer arbeiten. Er ruiniert sich den Rücken. Er verrichtet unterschiedliche Arbeiten. Er ist Fahrer, Verkäufer, Postbote, Rolladenbauer, Koch, Hausmeister, Büroangestellter, Automechaniker, Bühnenarbeiter und vieles mehr. Nirgends hält er es lange aus. Oft ist es nicht die Arbeit, die ihn nicht lange hält. Es sind die Menschen, seine Vorgesetzten.

Mark lernt, dass das Leben davon abhängt, welchen Beruf man gelernt hat. Er lernt, dass es nicht interessiert, was man davor getan hatte. Er lernt auch, dass es nicht interessiert, warum man nicht den Beruf lernen konnte, für den man sich interessiert hätte. Die Vorgesetzten in seinen tausenden Jobs interessiert es nicht, welche Fähigkeiten ein Mensch wie Mark hat. Dafür dass er sich als Kind engagiert hatte, dass er sich für uns eingesetzt hatte, dass er Kinder, die bedroht wurden zu schützen versucht hatte, erntet er niemals Dank.

Ich glaube, damals im Kinderheim und beim Vater hatte Mark sich menschlich verhalten, sonst nichts. Das interessiert in seiner Arbeitswelt niemanden. In seinem Beruf nützt ihm das nicht. Mark hatte damals versucht den Vater vom Schlagen abzubringen, und er hatte versucht den Heimleiter und seinen brutalen Stellvertreter zu überzeugen nicht mehr zuzuschlagen. Der brutale Buchhalter aber blieb brutal. Der Heimleiter war ins Gefängnis gekommen. Der brutale Buchhalter war Heimleiter geworden.

Hätte Mark mehr Angst haben müssen, so wie ich? Vielleicht ist der Satz falsch, den der Lehrer in der Dorfschule, damals aus dem Buch vorgelesen hatte:

„Angst ist ein schlechter Ratgeber.“

Ich glaube, Mark hatte damals wenig Angst. Er hatte sich von seiner Angst nicht beraten oder gar leiten lassen, so wie ich es oft getan hatte. Vielleicht hatte sich Mark deshalb, weil er sich so wenig von seiner Angst beraten ließ, so oft in den Weg gestellt. Vielleicht hatte er deshalb so viel Platz für die Idee im Kopf gehabt, dass der Heimleiter, der Buchhalter und der Vater menschlicher sein müssten. Weil in seinem Kopf nur wenig Angst gewesen war, hatte er Platz für die Utopie gehabt, dass diese Erwachsenen nicht schlagen dürften. So könnte es damals gewesen sein.

Christian, der nie etwas geschenkt bekommen hatte, kommt über sehr viele Jahre mit einem Job in einer Fabrik durchs Leben. Im Beruf hat er ein viel größeres Durchhaltevermögen als Mark. Vielleicht hat er das größte von uns allen. Keiner von uns hat schon so lange an einem Platz gearbeitet, wie er. In einem Ort in der Nähe des alten Dorfes findet er eine Heimat. Dort findet er viele Freunde. Es gelingt ihm viele der Demütigungen, die er bei Stiefmutter und Vater erlebt hatte, zu vergessen. Hoffentlich wird ihm der Alkohol den er dazu benötigt, nicht eines Tages zum Verhängnis.

Matthias besucht eine höhere Schule. Matthias ist ein sehr gescheiter Mensch. Er besucht unterschiedlichste, sehr hohe Schulen. Er lernt sehr viele Sprachen. Er arbeitet mit sehr vielen Menschen zusammen, die ihn sehr schätzen. Das wichtigste: Er lernt wieder zu lachen! Vor allem Matthias entwickelt sich, wie es der Vater niemals zugelassen hätte.

Auch ich kann eine höhere Schule besuchen. Ich bin nicht so gescheit geworden wie Matthias. Ich steige keine so hohe Leiter hinauf. Aber es geht mir gut. Es geht mir viel besser, als es beim Vater je möglich gewesen wäre.

Dass ich es damals endlich geschafft hatte, meine Angst zu überwinden und den Vater im Dorf für immer zu verlassen, bereue ich nicht. Im Gegenteil. Am liebsten wäre es mir gewesen, wenn ich das Dorf niemals kennen gelernt hätte.

Das traurigste an der Geschichte ist, dass die schönste Zeit mit den Geschwistern vorbei gegangen war, ohne dass ich das damals gemerkt hatte. Es war die Zeit gewesen, bevor uns der Vater aus dem Kinderheim geholt und zu sich gebracht hatte.

Mit Christian und Mark haben Matthias und ich heute nicht mehr viel zu tun. Das Jahr beim Vater hatte uns auseinander gerissen. Wir besuchen uns nur selten gegenseitig, denn wir leben völlig anders.

Die Stiefmutter und der Vater ziehen um. Das alte Haus im Dorf ist für sie zu groß. Sie wohnen in dem Ort wo der Vater damals die kleine Wohnung hatte. Dort haben sie einen ordentlichen Vorgarten, genauso wie damals im Dorf. Er ist frei von Unkraut. Abends lässt der Vater die Rollos herunter und morgens zieht er sie wieder hoch. Der Gartenweg ist gefegt.

Der Vater parkt den Wagen abends in der Garage neben dem Haus. Die Stiefmutter wartet in der Küche mit dem Essen auf ihn. Die Küche ist kleiner als im Haus im Dorf. Aber sie reicht für zwei Personen. Ich glaube, der Vater hat mehr Geld als damals. Von Mark muss er kein Geld mehr verlangen. Schließlich geht der Vater in Rente. Er genießt den Lebensabend mit der Stiefmutter.

Mark lebt heute in einer Stadt, einige hundert Kilometer entfernt von mir. Sie liegt nicht weit entfernt vom Ort, in dem der Vater wohnt. Trotzdem besucht er den Vater so wenig wie ich. Es gibt keinen Grund.

Heute Nachmittag hatte der Vater zu mir gesagt, dass er es verstehe, dass Mark und ich ihn länger als zwanzig Jahre nicht besucht hatten. Wir hatten ihn nie besucht. Heute Nachmittag war es das erste Mal, und es kann sein, dass wir ihn nie wieder besuchen werden. Es war meine Idee gewesen, den Vater aufzusuchen.

Ich sitze mit Mark in seiner winzigen Küche am Küchentisch. Wir sprechen über den heutigen Besuch beim Vater. Wir hatten uns nicht frühzeitig angemeldet. Ich hatte vorgeschlagen, den Vater einfach anzurufen. Mark rief an, der Vater war zu Hause und wenig später fuhren wir schon los.

Der Vater wohnt in einem Einfamilienhaus, ganz in der Nähe der Straße, wo wir Geschwister damals den Kaugummiautomaten auf dem Weg zum Spielplatz halb leer geplündert hatten. Es waren seine Gürtelschläge von damals, die der Vater gemeint hatte. Wegen ihnen verstehe er, dass wir den Kontakt zu ihm nicht aufgenommen hatten. Ich weiß das, ohne dass wir heute Nachmittag mit ihm darüber gesprochen hatten.

Weil ich bis heute nicht weiß wie der Vater wirklich ist, hatte ich die Idee, ihn zu besuchen. Jetzt am Abend, wo wir zurück sind und in der Küche bei Mark sitzen, weiß ich es immer noch nicht.

Der Vater sagte, dass er froh sei, alles zu haben, was er brauche. Er und die Stiefmutter leben nicht in Armut. Sie könnten sich sogar etwas leisten. Über das was damals gewesen war, wollte der Vater heute Nachmittag nicht reden. Wahrscheinlich war die Überraschung unseres Besuches für ihn zu groß. Als wir gingen fragte er uns nicht, ob wir wieder kommen wollten. Vielleicht möchte er, dass wir ihn mit dieser Geschichte in Ruhe lassen.

Von Matthias und Christian hatten wir dem Vater schöne Grüße bestellt.

Der Vater hatte gefragt was Matthias arbeitet. Ich erzählte, dass er eine ganz große Karriere gemacht hatte. Da spürte ich, dass der Vater nicht verstand, was ich gesagt hatte. Dass ich erklärt hatte, dass ausgerechnet Matthias eine ganz große Karriere gemacht hatte, schien sein Vorstellungsvermögen zu übersteigen. Es schien nicht in seine Welt zu passen. Ich merkte das an seinen wenigen Fragen. Der Vater hatte nur genickt, aber er fragte nicht genauer nach.

Ich glaube, er wollte nicht hören, dass gerade Matthias die größte und steilste Karriere von uns Geschwistern gemacht hatte.

Der Vater filmte Mark und mich mit einer Videokamera ab. Er wollte sich nicht weiter mit uns unterhalten.

Ich glaube, die Filmaufnahme braucht er, weil er nicht weiß, ob er uns noch einmal wiedersehen wird.

Die Oma und der Opa waren gestorben, ohne dass ich davon gehört hatte. Vom Kinderheim aus hatte ich sie noch ein paar Mal besucht. Es war immer schön bei ihnen gewesen. Irgendwann waren die Kontakte aber eingeschlafen. Erst Jahre später, als ich das Kinderheim verlassen hatte, hatte ich sie noch mal besucht.

Wir waren am Küchentisch gesessen, genauso wie damals an dem Morgen, bevor Opa mich ins Jugendamt gebracht hatte. Wir hatten darüber gesprochen, wie gut es damals gewesen war, dass Matthias und ich zurück in das Kinderheim gehen durften.

Das Gespräch war nicht mehr so, wie es früher bei Oma am Küchentisch gewesen war. Wir alle waren zehn Jahre älter geworden. Wir hatten vereinbart, uns öfter wieder zu sehen.

Leider war es nie mehr dazu gekommen. Es wäre an mir gelegen, bei ihnen vorbeizukommen, denn beide waren damals schon sehr alt und wenig mobil. Opa war zuerst gestorben, einige Jahre später starb auch Oma.

Geburtstag – Erzählung von Bernd Thümmel

Geburtstag – Erzählung  von Bernd Thümmel

Bernado streift ein letztes Mal durch Berchtesgaden bevor er nach Traunstein umzieht. Er lässt Stationen des Ortes und Erlebnisse an sich vorbei ziehen. Erinnerungen und Begründungen dafür dass er Berchtesgaden, den Ort seiner Kindheit verlässt, ziehen an seinem inneren Auge vorbei.

1. Das neue Zimmer

Nachmittags war ich neben meiner Mutter auf dem ledernen Beifahrersitz von deren großer Limousine gesessen. Obwohl ich ein großer Jugendlicher war, kam ich mir im Ledersitz des luxuriösen Fahrzeuges klein vor. Die Mutter steuerte den schweren Wagen vorsichtig die steile Straße hinunter. Sie bremste, nachdem die Reifen ratternd die Bahngleise überwunden hatten. Sekunden später kam die steil abfallende Kurve. Vor Jahren war ich mit meinem Fahrrad über sie hinausgetragen worden.

Die Mutter hatte das Lenkrad stets sicher im Griff ihrer großen Hände. So auch während unserer letzten gemeinsamen Autofahrt. Sie fuhr schwungvoll aber nicht hastig. Sie fuhr zügig, raste aber nicht. Geübt überblickte sie bei jeder Bergfahrt die steilen Kurven, reduzierte die Geschwindigkeit, bevor ein schwerer Lastwagen in der Kurve zu nahe an ihren Wagen herankam.

Für die Mutter ist Sicherheit sehr wichtig. Das gilt nicht nur für das Autofahren. So wie es an dem Nachmittag darum ging, sicherzustellen, dass ich ab heute ein neues Zimmer habe, in dem ich wohnen kann, war es ihr in den zurückliegenden Jahren immer darum gegangen, dass ich in sicheren und geordneten Verhältnissen lebte.

Das Haus mit meinem neuen Zimmer liegt auf einer kleinen Anhöhe direkt an einer viel befahrenen Bahnlinie. Frau Stößer ist meine neue Vermieterin. Sie ist eine sonnengebräunte, wohlgenährte Dame, trägt ausladendes, dauergewelltes, rotbraunes Haar, dazu eine große, getönte Brille. Sie begrüßte meine Mutter und mich an dem sonnigen Nachmittag in bayerischem Dialekt. Ich kenne den Ton sehr gut, denn seit vielen Jahren lebe ich in Bayern.

Den Dialekt habe ich von den Klassenkameraden in Berchtesgaden bestens zu verstehen gelernt. Meine Zeit auf der Grundschule, der Hauptschule, der Realschule und nun auch in Traunstein, auf der Fachoberschule, war und bin ich mit diesem Dialekt konfrontiert. Ich selbst bin davon nicht verschont geblieben. Ich spreche den Dialekt nicht wirklich, sondern ich versuche mich an das Hochdeutsche zu halten. Treffe ich Leute, die nicht aus Bayern stammen, muss ich mir aber sagen lassen, dass ich mir einen arroganten Tonfall angewöhnt hätte. Das sei der Ton, den man aus dem Fernsehen von Franz Josef Strauß und Gerold Tandler kenne. Es schwinge eine verachtende Note mit. Seitdem ich das weiß, achte ich auf meine Aussprache.

Mit den beiden Herren möchte ich nicht gerne verglichen werden. Solche kenne ich aus der Schule. Es sind diejenigen, die Bayern nicht nur deshalb lieben, weil das Land schön und die Umwelt rein ist, sondern weil sie überzeugt sind, dass in dieses Land nur Menschen gehören, die es auch verdient habe. Fremde, wie ich, die aus einem anderen Bundesland stammen, oder gar Ausländer, gehören nicht dazu und werden entsprechend ablehnend behandelt.

In Berchtesgaden habe ich den Dialekt so gut zu verstehen gelernt, dass er mir heute geläufig in den Ohren klingt, wie das Hochdeutsche. Ich war sehr froh, dass mein Deutschlehrer in der Realschule großen Wert darauf gelegt hatte, dass Bayerisch nicht die deutsche Amtssprache ist. Auch er stammte nicht aus Bayern. Wahrscheinlich deshalb hatte er sich gegenüber manchem Schüler das Ziel gesetzt, ihn nicht aus seinem jahrelangen Unterricht zu entlassen, ohne dem eine gehörige Portion Hochdeutsch bei gebracht zu haben. Dafür eigneten sich deutsche Gedichte und das Vorlesen von Klassikern. Der Deutschlehrer fand sichtliche Freude daran, den arroganten Tonfall des Josef Hintermaier in unbeholfenes Hochdeutsch mit bayerischem Akzent zu verwandeln. Dass er im Schulbus der „hinterfotziger Saupreiß“ war, weil er „a Zuagroaster Dampfpauderer“ war, sagte dem Lehrer natürlich keiner. Dafür fehlte der „Schneid“ und das wäre der Arroganz dann doch zu viel gewesen.

Weil ich mit dem Hochdeutschen keinerlei Probleme habe, war ich gegenüber den bayerischen Klassenkameraden zumindest im Deutschunterricht oft im Vorteil. Wegen meiner klaren Aussprache hatte ich wenig Mühe. Deren Beschimpfungen im Schulbus galten auch mir, denn ich war der einzige, der fremd war.

Die bayerischen Klassenkameraden mussten sich bemühen, den Dialekt soweit zu mäßigen, dass der Deutschlehrer sie nicht bei jedem zweiten Satz um Wiederholung bat. Meine Probleme lagen eher in der Schriftform des Deutschen. Orthographie und Interpunktion waren Gründe, derentwegen ich nachmittags mit der Mutter am Esstisch saß. Sie übte mit mir das Diktatschreiben.

Auch in vielen anderen Schulfächern, wie Englisch und Mathematik bemühte sich die Mutter jahrelang jeden Nachmittag um mich. Bevor ich auf die Realschule wechseln konnte, war ich ein sehr schlechter Schüler. Grund- und Hauptschule waren nutzlos an mir vorüber gezogen. Erst als die Mutter in mein Leben trat, fanden Schule und Lehrinhalte einen Weg in meinen Kopf. Ich begriff Schule als Ort des Lernens erst, nachdem ich die siebte Klasse auf der Realschule wiederholen musste.

Weil ich zuvor nie sitzen geblieben war, war die Mutter überzeugt, dass ich in der Schule weit mehr zuwege bringen könnte. Deshalb begann sie, die Zeit am Nachmittag für mich zu verwenden. Meinetwegen hatte sie ihre Arbeit im Geschäft aufgegeben. Sie wollte helfen einen Weg zu finden meine Schulleistungen zu verbessern. Tatsächlich hatte ich begonnen, in meinem Gehirn Platz frei zu räumen für die Schule. Die Mutter hatte mit mir unendlich scheinende Geduld. Deren Geduld habe ich es zu verdanken, dass ich in der Schule zu lernen gelernt habe.

Wie mag es dazu gekommen sein, dass ein auffälliger Mensch, mit so einer breiten, ausladenden Frisur, eine solch piepsige, laute und schrille Stimme hat? Frau Stößer ist in meinen Augen allein schon wegen deren Frisur eine sehr auffällige Person. Da ist es doch nicht nötig, eine schrille, laute Stimme zu haben. Wäre sie klein und zierlich, das wäre etwas andres. Wäre sie nicht so eine stämmige Person, hätte sie nicht so eine riesige Mähne über dem breiten Gesicht, dann fände ich deren Gekreische verständlich, denn sie müsste versuchen, sich mit ihrer Stimme bemerkbar zu machen. Mit der Frisur und der getönten Riesenbrille, ist Frau Stößer nicht übersehbar. Das waren die Gedanken in meinem Kopf. Frau Stößer rief von deren Haustüre:

„Ja grüßt Sie Gott! Sie zwoa san bestimmt wega dem Zimmer da!“

Umständlich versuchte sie schlüsselklimpernd das mehrere Meter hohe, schmiedeeiserne Tor zu öffnen. Das liegt zwischen einer breiten Doppelgarage und einem mächtigen Gartenzaun. Ich war versucht, meine Hilfe anzubieten. Dachte an klemmende Schlösser, die ich alle schon geöffnet hatte. Es gab immer einen Kniff. Einmal musste der Schlüssel leicht nach oben, unten oder zur Seite gedrückt werden, oder eine klemmende Stelle musste durch sanften Drück in eine Richtung überwunden werden. In diesem Moment donnerte auf den Gleisen hinter uns ein Schnellzug, aus Salzburg kommend in Richtung München vorbei. Der Lärm war so ohrenbetäubend, dass Frau Stößer ihre begrüßenden Worte abbrach. Der Schnellzug und dessen dröhnender Lärm waren für mich vom ersten Tag an keine Belästigung.

Das war ein Augenblick der Erinnerung. Die Frau und der Lärm weckten ein Bild in mir. Mein Vater hatte die Stiefmutter vor Jahren geheiratet. Sie war breit und ausladend gebaut. Sie trug einen grünen, im Wind wehenden Haushaltskittel und sie war eine kreischende Person. In der Tasche ihres grünen Haushaltskittels klimperte ein dicker Schlüsselbund. Mein Vater hatte mit der Heirat die Hoffnung verknüpft, dass er mit den Kindern wieder in einer Wohnung oder einem Haus zusammenleben konnte. Aber die Stiefmutter hatte sich als unbeherrscht, jähzornig, giftig kreischend, auf die Kinder einschlagend entpuppt.

Der Vater konnte dem nichts entgegenstellen. Die Armut zwang ihn, täglich von frühem Morgen bis in den Abend hinein zur Arbeit zu gehen. Von der kreischenden Stiefmutter hörte er abends deren Beschwerden über die Kinder. Das waren stets die gleichen. Schlechte Schulleistungen, miserable Hefteinträge, saumäßige Schrift der Kinder, viele Fehler in den Schulheften. Später begann auch der Vater, angespornt von der Stiefmutter, abends auf die Kinder einzuschlagen. Kinder müssten regelmäßig geschlagen werden, denn sonst würde nichts aus ihnen. Es entstand ein Kreislauf in dem sich die Gewalt er kreischenden Frau, die Anforderung in der Schule und meine Leistungsunfähigkeit immer schneller um mich herum drehten. An Lernen für die Schule oder für das Leben konnte ich nicht denken.

Frau Stößer führte uns durch eine schwere, dunkelbraune Eichentür in ihr Haus. Neben der Haustüre stieg sie schwerfällig eine steile Steintreppe hinauf in den ersten Stock. Oben ist es heller als im Hauseingang. Die Dachschrägen sind mit hellem Holz verkleidet.

Sie lotste uns in mein neues Zimmer. Meine Mutter lächelte sehr zufrieden.Ich zeigte mich auch äußerst zufrieden. Wie meine Mutter lächelte und nickte ich, um Frau Stößer meine Zufriedenheit zu zeigen. Gesagt habe ich aber nichts. Das überließ ich der Mutter. Beide, die Mutter und Frau Stößer gingen durch das kleine Zimmer, während ich in der Tür stehen blieb. Die Mutter erklärte Frau Stößer, dass ich wegen dem Besuch der Fachoberschule nach Traunstein ziehen würde. Die Schule sei der Grund, sagte sie, und sie erklärte Frau Stößer, wo ich am besten meinen Schreibtisch, den Schrank und das Bett hinstelle.

Eine knappe Stunde zuvor, während der Fahrt im Wagen neben der Mutter, war mir klar geworden, dass ich mich mit dem Zimmer sehr zufrieden geben würde. Ich hatte mir in meinem Kopf vergegenwärtigt, dass ich dieses Zimmer, sollte die Vermieterin Frau Stößer es mir tatsächlich geben wollen, auf jeden Fall nehmen würde. Für mich war schon während der Autofahrt zu Frau Stößer klar geworden, dass dieses Zimmer, egal wie es aussehen mochte, von mir dankbar angenommen würde, weil es wohl das letzte Angebot sein sollte, das ich von der Mutter zu erwarten hatte.

Im Wagen, im großen Ledersitz neben der routiniert fahrenden Mutter war für mich zweifellos und vollkommen klar geworden, dass ich diese letzte Bemühung der Mutter, welche sie für mich unternahm, dieses kleine Zimmer neben der Bahnlinie im Haus von Frau Stößer zu organisieren, ihren arbeitsreichen Nachmittag ein letztes Mal für mich zu verwenden, um mit mir zusammen Frau Stößer einen Besuch abzustatten, dass diese Leistung der Mutter von mir dankbar angenommen werden muss. Deshalb hatte ich beschlossen, egal was Frau Stößer für ein Angebot an diesem Nachmittag machen würde, dieses dankbar anzunehmen. Im Sitz neben der Mutter hatte ich mich daran erinnert, dass ich es mir nicht leisten kann, eine Anspruchshaltung gegenüber den Leistungen der Eltern an den Tag zu legen. In den zurück liegenden Jahren war klar geworden, dass ich dafür dankbar zu sein habe, dass die Eltern mich in ihrem Hause aufgenommen hatten. Ich erinnerte mich daran, dass ich diese notwendige-, weil von den Eltern erwartete Dankbarkeit erst mühsam erlernen musste.

Nachdem ich im Alter von dreizehn Jahren in den Haushalt der Mutter und des Vaters gekommen war, musste ich vollkommen neu eingekleidet werden. Meine Bekleidung bestand aus heruntergekommenen, abgetragenen Kleiderspenden und sie war mir zu klein. Ich glaube das war der erste Nachmittag, den sie für mich frei genommen hatte. Die Mutter war mit mir einen Nachmittag lang in Bekleidungsgeschäften im Ort unterwegs gewesen. Dort hatte ich viele verschiedene Kleidungsstücke anprobiert. Die Läden verließen wir, nachdem für mich eine komplett neue Garderobe erstanden worden war. An diesem ersten Nachmittag, den die Mutter mit mir verbracht hatte, war mit mir etwas Seltsames geschehen. Im Laden hatte ich das eine oder andere Kleidungsstück, das ein Verkäufer hervorgezogen hatte, ablehnend beäugt. Ich konnte mir nicht vorstellen in solch auffällig farbenprächtigen neuen Klamotten in die Schule zu gehen. Ich war es nicht gewohnt gewesen, zusammen mit einer Frau, die erst Wochen zuvor meine neue Mutter geworden war, neue Kleidung einzukaufen. Ich war gebrauchte, abgewetzte Kleidung gewohnt, die in Säcken angeliefert wurde, aus denen ich mir etwas herausziehen durfte. Die Situation in den Läden war für mich fremd und verunsichernd.

Dass die Mutter von mir anstatt Unsicherheit oder gar Ablehnung der neuen Kleidung klare Zeichen oder Worte meiner Dankbarkeit erwartet hatte, konnte ich an diesem Nachmittag noch nicht ahnen. Dankbarkeit zu zeigen, zu äußern, dass mir die Kleidung gefällt, zu sagen, was meine Lieblingsfarbe ist, mich zu freuen darüber, dass ich endlich eine nagelneue Jeans bekomme und die neuen Schuhe gleich dazu, das war mir bis zu diesem Tag schlicht unbekannt. Ich spürte an diesem ersten Nachmittag mit der Mutter, dass mein Verhalten in den Läden für die Mutter enttäuschend gewesen war. Anstatt mich richtig zu freuen und bei ihr zu bedanken, hatte ich den Angeboten von Verkäufern und Mutter, den Empfehlungen für bestimmte Kleidung nur zugestimmt. Ich hatte der Erwartung zu danken nicht entsprochen. Ich hatte mich von Beginn an als undankbar erwiesen.

Vielleicht hatte schon an diesem ersten Einkaufsnachmittag mit der Mutter in den Bekleidungsgeschäften im Gebirgsort die Enttäuschung der Mutter begonnen. Vielleicht war bereits an diesem ersten Nachmittag ein kleiner Grundstein für das gelegt worden, was sich über die dann folgenden Jahre kontinuierlich zwischen die Eltern und mich gefressen hatte. Über die Jahre hatte das schließlich ein Ausmaß, eine Dimension erreicht, die zwischen den Eltern und mir eindeutig klar gemacht hatte, dass die Beziehung zwischen uns am heutigen Tag enden muss.

Im großen Ledersessel im Wagen neben der Mutter spürte ich an dem Nachmittag auf dem Weg zu Frau Stößer die tiefe Kluft, die zwischen den Eltern und mir von Beginn an durch mein enttäuschendes, verletzendes und undankbares Verhalten aufgerissen worden war. Ich hatte die Mutter von Anfang an enttäuscht. Ich hatte sie verletzt, weil ich nicht in der Lage gewesen war, die Erwartung der Eltern rechtzeitig zu erkennen. Ich hatte nicht rechtzeitig erkannt, dass ich verpflichtet gewesen wäre, für alles was die Eltern mir entgegengebracht hatten, regelmäßig und eindeutig meine Dankbarkeit zu zeigen. Ich glaube, es wäre für die Beziehung zwischen den Eltern und mir sehr wichtig gewesen. Es wäre außerordentlich wichtig gewesen, viel mehr dankbare Zurückhaltung zu zeigen. Das habe ich erst heute verstanden.

Frau Stößer freute sich über unsere zufriedenen Minen und die Worte der Mutter. Sie hatte gelächelt und gesagt: „Des is wirklich a wunderschöns Studentenzimmer geh? Nicht zu klein und nicht zu groß!“ Mit diesen Worten führte sie uns in einen Raum neben dem Zimmer. Es ist ein Badezimmer mit Toilette, Dusche und einem Waschbecken. Im Badezimmer hatte Frau Stößer erklärt, dass sie mit ihrem Mann unten wohne, wo sie noch ein weiteres Badezimmer habe. Deshalb würde dieses Bad zunächst nur mir zur Verfügung stehen, solange sie nicht ein weiteres Zimmer im Obergeschoss, das noch leer stünde, vermietet hätte. Dann waren wir ihr in einen weiteren Raum gefolgt. In diesem großen hellen Raum, seine großen Fenster weisen hinunter Richtung Tal und Stadtkern, findet sich eine kleine einfache Küchenzeile. Die Küche darf ich benutzen, wenn ich dafür Sorge, dass sie sauber bleibt. An einem Tag in der Woche, dem Dienstag, darf ich die Küche nicht benutzen. Dienstags lädt Frau Stößer in diesen großen Raum eine Gruppe von Damen ein. An einem großen Tisch in der Mitte des Raumes basteln die Damen mit Frau Stößer für Wohltätigkeitsbazare und den jährlichen Weihnachtsmarkt.

Weil Frau Stößer an diesem Nachmittag sofort festgestellt hatte, dass die Mutter und ich begeistert waren von ihrem Mietangebot, hatte sie uns auf ihre Terrasse in ihren Garten eingeladen. Dort servierte sie aus einem kleinen goldumrandeten Kännchen und ebensolchen Tässchen Tee. Vom Garten hat man einen herrlichen Blick über die Dächer der Stadt auf einen breiten Fluss, der die Stadt durchfließt. Im Hintergrund sieht man die hohen Berge. Zwischen denen liegt der Gebirgsort; in dem ich bis zum heutigen Tag wohne. Frau Stößer hatte bereits den Mietvertrag vorbereitet. Er hält fest, dass ich das Zimmer miete und Bad mit Küche „zweckgemäß“ mitbenutzen darf. Weil Frau Stößer an diesem Nachmittag sofort Vertrauen in mich und meine Mutter geschöpft hatte, und weil die Mutter und ich deutlich gezeigt hatten, dass dieses Zimmer für mich genau richtig ist, hatte Frau Stößer sofort den Vertrag angeboten. Ohne weitere Bedenkzeit unterschrieben wir alle drei.

Im Vertrag ist das heutige Datum als mein Einzugstag festgehalten.

2. Busfahrt in die nächste Kreisstadt

Neben mir schwitzt eine alte Frau. Seit der Abfahrt des Busses am Bahnhofsvorplatz hat sie mich keines Blickes gewürdigt. Weil ich mich neben die alte Frau gesetzt habe, musste sie zwei randvolle Einkaufstüten auf den Schoß nehmen. Vielleicht ist das der Grund für deren unbewegten Blick nach vorne. Ist es eine Erklärung dafür, dass sie auf meine höfliche Begrüßung kaum reagiert hat? Ich hatte „Grüß Gott“ gesagt und dabei freundlich gelächelt. Ich hatte die Frau genötigt, die Einkaufstüten vom freien Sitzplatz auf den Schoß zu zerren. Ich ließ mich neben ihr nieder, sagte leise „vielen Dank“.

Der Busbahnhof liegt gute zwanzig Minuten zurück. Der Bus hat sich seit Fahrtantritt bereits ein bisschen geleert. Meinen Sitzplatz habe ich noch nicht gewechselt. Die alte Dame muss weiter die beiden Einkaufstüten auf ihrem Schoß behalten. Ich habe das Gefühl, es könnte unhöflich sein, jetzt aufzustehen, um einen der freien Sitzplätze in den vorderen Reihen einzunehmen.

Ein schwüler, heißer Sommertag. Ich sitze in einer der hinteren Sitzreihen. in dem immer noch gut besetzten gelben Bus der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe. Die Route führt mich durch den Ort über die Landstraße, durch mehrere grüne Täler, durch kleine Orte zur Kreisstadt. Bis dorthin sind es etwa zwanzig Kilometer.

Es könnte sein, dass die Frau ihren Blick so unbeweglich nach vorne richtet, weil ihr von der schnellen Fahrt auf der kurvenreichen Straße durch die gebirgige Landschaft inzwischen schlecht geworden ist.

Ich habe schon oft davon gehört, dass es bei Busfahrten hilfreich ist, den Blick nach vorne durch die Windschutzscheibe auf die Straße zu richten. Sehr hilfreich soll das vor allem dann sein, wenn die Fahrt ein flaues Gefühl in der Magengegend auslöst. Sollte der alten Frau neben mir tatsächlich ein wenig schlecht geworden sein, wegen des schwungvollen Lenkens des Busfahrers und wegen der Geschwindigkeit, die der Mann seinem monströsen Fahrzeug zumutet? Ich glaube dann könnte die Frau Abhilfe schaffen, indem sie ihren Sitzplatz wechselt, um einen der freien Sitzplätze weiter vorne zu erreichen.

Ich habe gehört, dass es bei einem so schwungvollen Fahrstil, wie ihn der Fahrer des gelben Busses pflegt, für die Fahrgäste hilfreich wäre, so weit als möglich vorne zu sitzen, weil dort das Gefährt weniger stark schaukelt. Vielleicht kann die Frau es gar nicht schaffen einen anderen Platz aufzusuchen. Ist ihr bereits so schlecht geworden, dass sie, wegen der Schaukelei nicht aufstehen kann? Dann bleibt ihr nur, den Blick starr auf die Fahrbahn nach vorne zu richten.

Ich frage sie nicht, ob sie sich auch so unwohl fühlt, wie ich, ob ihr wegen des Schaukelns vielleicht schlecht geworden ist. Starr schaue ich über die vielen Sitzreihen hinweg über die Köpfe der Fahrgäste. Ich blicke durch die riesige Windschutzscheibe hinaus auf die Fahrbahn.

Der Busfahrer benutzt die Motorbremse. Er schaltet einen Gang nach dem anderen hinunter. Die kurvige Straße fällt steil hinab. Sie ist zweispurig aber trotzdem eng. Auf der Gegenfahrbahn kommen Autos, große Lastwagen und Busse. Das nötigt den Busfahrer immer kräftig zu bremsen. In den engen Kurven sieht es aus, als seien nur Zentimeter zwischen Nahverkehrsbus und entgegenkommenden Lastwagen. Der harte Aufprall, den ich jeden Augenblick befürchte, bleibt aus.

Sekundenlang habe ich die Augen geschlossen. Ich öffne meine zwanghaft zusammen gepressten Augen. Vorne erkenne ich den Busfahrer. Er wirkt wie ein sportlicher Reiter, der jede steile Kurve mit diesem Monster von Bus bezwingt. In jede Kurve neigt sich der Mann, beide Hände am großen Lenkrad des Monsters festgekrallt. Mich erinnert das ein bisschen an einen Rodeoreiter. Der Fahrer sieht aus wie einer, der am Knauf des Sattels eines unbezwingbar wilden Pferdes festhält. Dabei scheint es fast egal zu sein, wohin dieses riesige Ross seinen Reiter zu schleudern versucht. Trotz der wilden Schaukelei schafft es der reitende Steuermann, sich heldenhaft in jede Kurve zu neigen, die das Monstrum vorzugeben scheint. Der Fahrer gibt die Kontrolle über Richtung und Geschwindigkeit nicht aus der Hand. Das Ungetüm schlägt nicht irgendeine beliebige Richtung ein.

Die Fahrgäste, drücken sich ängstlich in die braunen Kunstlederrückenlehnen. Hier im Bus reitet niemand wie auf einem Rodeopferd! Der Busfahrer kennt jede Reaktion, die dieses Riesenviech von sich gibt, während er es die Gebirgsstraße entlang treibt.

In den vergangenen Monaten war ich diese Strecke mehrfach mit einem Auto hinauf und hinunter gefahren. Ich war neben der Vorbereitung auf meine Abschlussprüfungen in der Schule, damit befasst gewesen, das Autofahren im praktischen, wie im theoretischen zu erlernen. Der Fahrlehrer hatte mich während der kurvenreichen Fahrt auf der Strecke die der Busfahrer gerade hinunter steuert, stets darauf aufmerksam gemacht, dass die Straße breit ist und sicher genug befestigt sei. Deshalb, so belehrte mich der Fahrlehrer, solle ich die Straße nicht im Schneckentempo befahren. „Sie dürfen ruhig die Bremsen des Autos ein wenig schonen“. Das waren mehrmals die Worte des Fahrlehrers gewesen, wenn ich die Anhöhe erreicht hatte.

Die Anhöhe liegt kurz vor den Bahngleisen über die der gelbe Nahverkehrsbus vor Minuten ungebremst gedonnert war. Unmittelbar nach diesen Gleisen führt die Straße in eine steile, stark abfallende Kurve. Vor dieser Kurve hatte ich in den Fahrstunden stets sofort das Bremspedal betätigt. Immer wenn ich diese Kurve sehe, denke ich daran, dass die Leitplanke das Fahrzeug keinesfalls davon abhalten würde die Böschung dahinter hinab zu stürzen. Ich kenne den steilen Abhang hinter der Leitplanke. Über scharfe Felsbrocken führt er etwa dreißig Meter hinunter in den Wald.

Einmal vor Jahren war ich auf meinem Fahrrad aus dieser Kurve getragen worden. Ich hatte versucht die Kurve ungebremst, wie dieser Busfahrer es eben getan hat, zu passieren. Deshalb war ich über die Leitplanke geflogen. Mein Fahrrad war zunächst scheppernd von der Leitplanke abgebremst worden, es flog schließlich hinter mir her. Ich war mit der Schulter auf einen großen Felsen gestürzt, einige Meter über die scharfen Kanten abgerutscht, und fand schließlich an einem kleinen Nadelbaum Halt. Ich hatte Glück im Unglück gehabt, denn ich hatte bei diesem Unfall nur grobe Schürfwunden davongetragen. Mein Fahrrad war vom Fels wie ein Gummiball abgeprallt und sauste in einem weiten Bogen über meinen Kopf und die kleine Tanne, an der ich mich festgekrallt hatte, hinweg.

An diesen Sturz dachte ich jetzt wieder, weil wir gerade die Kurve passiert haben. Deshalb habe ich im Sitz neben der unbekannten alten Frau, kurz bevor der Fahrer diese Kurve nahm, meine Augen wieder krampfhaft zugedrückt. Der Busfahrer hat diese Kurve ebenso routiniert und sicher bezwungen, wie alle anderen auf dieser mir gut bekannten kurvigen Bergstraße.

Seitdem mein Fahrlehrer festgestellt hatte, dass mich mein Sicherheitsbedürfnis vor dieser Kurve stets zu bremsen und zu vielleicht tatsächlich übertrieben langsamer Fahrt zwingt, war er mit mir in beinahe jeder Fahrstunde diese Strecke entlang gefahren. Jedes Mal vor dieser Kurve kehrt sofort meine Erinnerung an meinen Sturz vom Fahrrad wieder. Ich glaube der Fahrlehrer hat die Vorstellung, dass er seinen Schülern Ängste vor bestimmten Strecken nimmt, indem er sie möglichst oft auf diesen bestimmten Strecken fahren lässt. Wahrscheinlich glaubt er, dass seine Schüler durch viel Übung am besten lernen, solche gefährlichen Strecken sicher zu durchfahren. Bei mir wirkt das nicht. Ich glaube sogar, das Gegenteil ist der Fall. Das habe ich vor Minuten festgestellt. Kurz bevor der Busfahrer in diese Kurve gefahren war habe ich reflexartig meinen rechten Fuß angehoben. Vergeblich hatte ich versucht auf dem Boden vor mir ein Bremspedal zu betätigen, dabei hatte ich meine Augen kurz vor der Kurve ängstlich zugedrückt.

Nachdem wir vor Sekunden diese Kurve passiert haben, spüre ich jetzt in meinem Magen ein flaues Gefühl. Deshalb richte ich meinen Blick starr nach vorne und schaue durch die Windschutzscheibe. Mit beiden Armen stütze ich mich auf dem Sitz vor mir ab.

Draußen fliegen grüne Laub- und Nadelbäume vorbei. Die Straße schlängelt sich steiler und steiler hinunter. In den Kurven fliegen entgegenkommende Reisebusse und Lastwagen dicht an den Seitenscheiben des Nahverkehrsbusses vorbei. Ich spüre plötzlich ein Gefühl, wie ich es kenne, wenn ich mich auf einem Volksfest in ein Karussell setze. Weil ich das kenne, habe ich mich seit vielen Jahren nicht mehr in ein Karussell gesetzt, denn einmal war mir in einem Karussell so schlecht geworden, dass ich mich noch vor Fahrtende übergeben musste.

Jetzt höre ich ein lautes und sehr hohes Quietschen der Bremsen. Eine weitere scharfe Kurve steht bevor. Die Motorbremse reicht nicht aus. Ein Doppeldeckerreisebus kommt schwungvoll in der steil ansteigenden Kurve entgegen. Ich kenne diese Straße gut. Ich bin schon oft hier gefahren. Die Straße, so hatte der Fahrlehrer immer gesagt, ist breit genug. Zum ersten Mal erlebe ich es jetzt, dass sie nicht breit genug ist. Ich wünschte, der Fahrlehrer säße neben mir. Stattdessen sitz dort diese alte unbekannte Frau. Heute könnte ich mein Abbremsen vor der scharfen Kurve nach der Anhöhe gut begründen. Heute könnte ich seine Hinweise auf die Straßenbreite und seine Anspielungen auf mein überflüssiges Gebremse sehr gut begründet abschmettern. Dem Fahrlehrer würde heute buchstäblich Hören und Sehen vergehen, denn zum ersten Mal müsste er einsehen, dass die Straße eben nicht breit genug ist. Kommt der Bus endlich zum Stehen? Das Gequietsche ist ohrenbetäubend. Ich stemme mich gegen den Vordersitz. Ein Ruck geht durch den Bus. Ich glaube jetzt steht er. Das Geschaukle hat aufgehört. Das Gequietsche von den Bremsen ist vorbei. Ich höre nur noch das Rattern des Dieselmotors. Ich öffne meine Augen. Jetzt höre und sehe ich die Fahrgäste im Bus wieder. Ich glaube, sekundenlang hatten alle Mitfahrenden genauso wie ich die Augen geschlossen und den Atem angehalten. Ich glaube allen Menschen im Bus war sekundenlang klar geworden, dass der Bus jetzt entweder stehen bleibt, oder dass es kracht. Ich stehe nicht auf, wie viele andere Fahrgäste es jetzt neugierig tun. Ich bin nervös, aufgeregt und beunruhigt, wie alle anderen Fahrgäste. Trotzdem bleibe ich ruhig sitzen, genauso wie die alte schweigende Dame neben mir. Das tun wir, weil uns beiden sehr schlecht geworden ist. Ich lasse meinen Kopf weiterhin auf meinen Armen auf dem Vordersitz liegen und versuche an etwas anderes als diese Busfahrt zu denken. Mit Gewalt versuche ich mein Denken an einen anderen Ort zu entführen. Doch es mag mir nicht recht gelingen, denn ich bin zu aufgeregt. Ich schaffe es nicht, an etwas anderes zu denken als an das, was in diesen Minuten um mich herum geschieht. Ich nehme die Aufregung der Fahrgäste um mich herum wahr und ich nehme wahr, dass mir speiübel geworden ist.

Beinahe alle anderen Fahrgäste um mich herum erheben sich neugierig von ihren Sitzen. Sie blicken nach links durch die Fensterreihen hinaus. Auch die alte Frau neben mir will das jetzt tun. Sie will sehen, dass zwischen den beiden riesigen Vehikeln nur noch wenige Zentimeter Abstand sind. Ich glaube alle Fahrgäste im Bus, abgesehen von mir, der damit kämpft, sich von dem flauen Gefühl in seinem Magen und der Übelkeit abzulenken, wollen sehen, dass es nur wegen weniger Zentimeter die zwischen dem Lastwagen und dem Nahverkehrsbus geblieben sind, vor Sekunden nicht gekracht hat. Ich glaube die wenigen Zentimeter zwischen den Fahrzeugen haben wir dem scharfen und deshalb lauten Bremsen unseres Busfahrers zu verdanken. Ich will das nicht sehen, weil sich jetzt in mir alles zu drehen beginnt.

Die alte Frau will ihren Sitzplatz verlassen. Ich glaube, sie will jetzt endlich hinüber auf die linke Fensterseite, um sich, wie die anderen Fahrgäste, von dem minimalen Abstand zwischen beiden Fahrzeugen zu überzeugen. Deshalb knistert sie unruhig mit ihren Plastiktüten herum. Darauf reagiere ich noch nicht, denn ich habe das Gefühl als säße ich in einem immer schneller werdenden Karussell. Jetzt macht sie Anstalten aufzustehen. Ich bleibe trotzdem sitzen, weil ich spüre, dass ich im Sitz meines Karussells jetzt gleich den höchsten Punkt der Flugbahn erreichen werde.

„Is erna need guat?“ Das höre ich jetzt. Die Stimme der Frau klingt gebrechlich. Jetzt sieht sie mich von der Seite an. Ich vermeide ihr ins Gesicht zu blicken, denn ich weiß, dass ich käsebleich bin. Endlich spüre ich, dass das Karussell langsamer wird. Es muss diese einfache bayerische Frage der Frau sein, die mich jetzt anderes denken lässt. „Is erna need guat?“ Wie soll ich so eine Frage beantworten? In welcher Mundart soll ich darauf antworten? Soll ich zu erkennen geben, dass ich die Mundart dieser Frau kenne aber nicht beherrsche? Für wen hält sie mich, wenn ich nicht in dieser Mundart antworte? Für einen Touristen? Ich bin kein Tourist, wie die meisten anderen Fahrgäste. Ich bin aber auch kein Einheimischer, wie diese alte Frau, die sich gerade auf ihre Art um mein Wohlergehen erkundigt. Wer bin ich eigentlich in diesem Bus, in dieser gebirgigen Landschaft, auf dieser kurvenreichen Strecke zur nächsten Stadt? Wer bin ich in meinem Gebirgsort, den ich „meinen Gebirgsort“ nenne? Bin ich hier Zu Hause? Soll ich versuchen mich als einen „Einheimischen“ erkennen zu geben? Das könnte mir sehr leicht misslingen. Ich glaube, die alte Frau wird mich sofort als Fremdling in ihrer Heimat identifizieren. Ich fürchte es würde lächerlich wirken, wenn ich versuchte der alten Frau eine Antwort in ihrer Heimatsprache zu geben, die ich über viele Jahre meines Lebens in meinem Gebirgsort bestens kennen gelernt habe. Ich weiß nicht, wie ich mit der alten Frau reden soll. Geschweige denn, dass mir einfällt, welche Antwort ich der alten Frau auf ihre Ansprache hin geben könnte.

Weil in meinem Kopf jetzt diese vielen Gedanken wild herumgewirbelt werden, hat das Karussell schnell an Geschwindigkeit verloren. Mein Karussellsitz nähert sich langsam dem Boden. Deshalb schaffe ich es endlich, mich sehr langsam und vorsichtig von meinem Sitzplatz im Bus zu erheben. Jetzt lächle ich die alte Frau an. Ich antworte: „Nein, mir geht es gut. Vielen Dank. Aber ich glaub, ich werde mich jetzt weiter vorne hinsetzen.“

Langsam und vorsichtig arbeite ich mich durch die neugierig stehenden und hinaus schauenden Fahrgäste den Mittelgang entlang. Der Busfahrer hat inzwischen den Rückwärtsgang eingelegt. Er lässt den Motor aufheulen. Ruckartig bewegt sich der Bus einige Meter rückwärts die steile Bergstraße hinauf. Ich lasse mich in einem freien Sitz, nur wenige Reihen vom Fahrer entfernt nieder.

Auf dem Sitzplatz am Fenster neben mir sitzt ein Mann. Der Mann trägt bayerische Lederhosen. Weil sich jetzt das Karussell in mir wieder zu drehen beginnt, begrüße ich den Mann nur flüchtig. Sofort lasse ich mich neben ihm in gleicher Haltung wie zuvor neben der alten Dame nieder. Durch meine Ellenbogen auf dem Vordersitz, auf die ich meinen Kopf lege, sehe ich unten, nahe dem Fußboden den Bund der braunen Lederhose des Mannes neben mir. Ich sehe auch die grauen Wollsocken, und die schwarzen Haferlschuhe, die der Mann trägt. Ich denke, der Mann neben mir ist ein richtiger Bayer. Mein Karussell gewinnt langsam wieder an Fahrt.

Langsam rollt der Nahverkehrsbus an dem immer noch stehenden Doppeldeckerbus vorbei. Schnell erreicht der Fahrer das gleiche Tempo wie zuvor. Als sei nichts geschehen steuert er jetzt seinen Bus schwungvoll durch die nächste steil abfallende Kurve. Meine Karussellfahrt wird deshalb wieder sehr schnell.

Mir ist schlecht. Weil das so ist, versuche ich jetzt wieder an etwas anderes zu denken, als an diese Busfahrt auf der ich mich gerade befinde. Das ist meine Technik in solchen Situationen. Mit ihr versuche ich dem Problem Herr zu werden. Wenn mir richtig schlecht ist, wie jetzt, dann reicht es nicht aus, dass ich mich im Bus weit nach vorne setze und zum Fenster hinaus auf die Straße starre. Ich habe schon häufig erlebt, dass es gerade dann, wenn ich nach vorne hinausschaue, noch schlimmer wird.

Also versuche ich zunächst über den bayerischen Mann in Lederhosen neben mir nachzudenken. Ich kann ihn nicht genauer betrachten, denn würde ich jetzt aufblicken, müsste ich unweigerlich zum Fenster hinaussehen. Würde ich jetzt die draußen vorbeifliegende Landschaft sehen, könnte etwas passieren. Das Karussell, das in mir sehr schnelle Fahrt erreicht hat, würde noch schneller werden und das könnte eine Katastrophe auslösen. Ich müsste dem Busfahrer sehr schnell klar machen, dass er sein Fahrzeug stoppen muss, um mich sofort aussteigen zu lassen. Also denke ich an den bayerischen Mann neben mir und blicke dabei nicht zu ihm auf, um ihn genauer zu betrachten. Stattdessen sehe ich unten seine saubere Lederhose und seine glänzenden Haferlschuhe in denen seine grauen Wollsocken stecken.

Wahrscheinlich hat auch der bayerische Mann neben mir in der Kreisstadt einige Formalitäten zu erledigen, so denke ich jetzt. Vielleicht hat er dort einen besonders wichtigen Amtsgang vor sich. Möglicherweise steuert er, genauso wie ich, das Landratsamt an. Sicherlich, so denke ich, hat der bayerische Mann neben mir dort wichtigeres zu erledigen als ich. Sicherlich, so stelle ich es mir nun vor, um mich von meinem flauen Gefühl in meinem Magen abzulenken, sicherlich geht es bei den Geschäften denen der Mann in gepflegter Lederhose und glänzenden Haferlschuhen heute Vormittag nachgeht um viel Geld. Ich bin ganz sicher: Der bayerische Mann neben mir hat in der Kreisstadt etwas zu erledigen, dass mich gar nichts angeht. Es ist etwas, das mich nicht zu interessieren braucht, denn diesen Mann kenne ich nicht. Ich denke nur darüber nach, weil ich verhindern möchte, dass mir noch schlechter wird. Weil ich jetzt spüre, dass mein Ablenkungsversuch zu gelingen scheint, denn das Karussell in mir ist langsamer geworden, mein schummriges Gefühl aus der Magengegend ist abgeklungen, wage ich nun einen Blick nach vorne durch die Windschutzscheibe.

Endlich hat der Bus das Tal nahe der Kreisstadt erreicht. Die Kurven liegen hinter uns. Die Straße führt bei leichtem Gefälle in gerader Richtung vorbei an Feldern, Weiden, Gehöften, Landgasthöfen, Pensionen und Hotels. Am Straßenrand fliegen grüne Wiesen vorbei. Auf ihnen weiden Kühe. Rechts und links der immer flacher werdenden, schmalen Ebene erheben sich dicht bewaldete Berge. Je höher das Auge deren Gipfel erreicht, desto kahler werden die Wälder, um schließlich ganz zu verschwinden. Dort oben ragen schroffe, kahle Felswände in den Himmel empor: Dort oben entsteht bei den Menschen, die solche Wände erklimmen ein berauschendes Gefühl von schwindelerregender Höhe. Es ist das Gefühl, welches in einfachem Glück mündet, wenn man nach stundenlangem, schweißtreibendem Anstieg die kahlen Gipfel erreicht und dort nur noch das einsame Pfeifen des Windes und das penetrante Geplärre der Dohlen hört. Mancher Gipfel ist so hoch, dass selbst jetzt im Hochsommer weiße Schneeflecken auf ihnen zu erkennen sind.

Seit langer Zeit, so denke ich jetzt, ist diese Landschaft meine Heimat. Es ist sehr einfach das zu denken. Ich denke jetzt sekundenlang einfach so und fertig! Das ist doch ganz unkompliziert! Ich denke einfach und unkompliziert! Das hier, was du hier um dich herum siehst, ist deine Heimat! Das ist eine klare und einfache Sache! Es ist einfach das zu denken. Warum komplizieren, was sehr sehr einfach ist? Jetzt könnte ich Schluss machen mit dieser Geschichte, denn jetzt denke ich endlich mal ganz einfach. Wenn ich weiter so denken könnte, dann könnte ich jetzt mit dieser Geschichte aufhören: Ich lebe hier in meiner schönen gebirgigen Heimat, in der es mir gut geht! Tolle Sache, Basta, Schluss, Ende, Aus. Ich hasse Heimatromane. Weil es mir in meiner Heimat bestens geht, kann ich jetzt also Schluss machen, mit diesem Bericht. Das wär’s! Weil’s mir gut geht, und ich Heimatromane hasse, brauche ich nicht weiter zu berichten, denn unter solchen Umständen könnte nur ein billiger Heimatroman herauskommen!

Die Heimat findet sich hier. Sie liegt rund um die Strecke in die Kreisstadt, genauso wie rund um den Gebirgsort in dem der Bus vor einer halben Stunde losgefahren war. Unten im Tal erweckt die Landschaft in mir stets das Gegenteil derjenigen Gefühle, die ich auf den Gipfeln schon sehr oft erlebt habe. Unten im Tal habe ich das Gefühl zwischen den hohen Bergen eingekeilt zu sein und von der Enge zerquetscht zu werden. Unten im Tal habe ich die vielen Jahre, die ich dort bis heute verbracht habe stets den eingeschränkten Blick geliebt und gleichzeitig gehasst, der durch diese steilen Berge begrenzt wird. Unten im Tal fehlt das, was oben zur Freiheit oder gar zum Glück gehört: Die Weite. Vielleicht, so habe ich schon oft gedacht, muss ich unten im Tal mit dem Gefühl der Enge und Beschränktheit für das bezahlen, was ich oben am Gipfel genießen kann, den Blick und die Ruhe einer schier unendlich scheinenden Weite. Was davon ist mein wirkliches Leben? Das frage ich mich seit Jahren. Ist es die Weite, die sich von den Gipfeln öffnet oder ist es die Eingeschränktheit, die das enge Tal zwischen diesen Bergen vermittelt?

Jetzt lege ich meinen Kopf nicht mehr auf meine Arme auf den Vordersitz. Mein Blick bleibt vorne auf der Straße. In einiger Entfernung erkenne ich bereits die Ampel, sie steht kurz vor dem gelben Ortsschild. Ich kann nicht sagen, warum es mir jetzt wieder besser geht. Vielleicht liegt es daran, dass die kurvenreiche Fahrtstrecke zu Ende ist. Vielleicht hat es mit meiner Ablenkungstechnik in meinem Kopf zu tun. Ich weiß es nicht.

3. Amtsgang in der Kreisstadt

In der Kreisstadt gibt es direkt vor dem Landratsamt eine Bushaltestelle. Ich betätige den Signalknopf und erhebe mich, um dem Busfahrer frühzeitig zu zeigen, dass ich aussteigen möchte. Ich bin überrascht, dass ich der einzige Fahrgast bin, der beim Landratsamt aussteigt. Wenigstens von dem Bayern auf dem Sitzplatz neben mir habe ich geglaubt, dass auch der dieses Ziel hat.

Im Landratsamt kenne ich mich nicht aus. Noch nie hatte ich hier ein Geschäft zu erledigen. Bislang waren alle amtlichen Dinge, die ich zu erledigen hatte, im Rathaus meines Gebirgsdorfes ohne weiteres abzuwickeln gewesen. Das hört sich beinahe so an, als hätte ich häufig irgendwelche Dinge auf der Gemeinde zu erledigen. Das Gegenteil ist der Fall. Bislang führte mich mein Weg erst zwei Mal in die Gemeindeverwaltung des Gebirgsdorfes. Einmal hatte ich meinen Kinderausweis gegen einen Personalausweis eingetauscht, das zweite Mal, es war erst vor drei Wochen gewesen, hatte ich einen Reisepass abzuholen. Den Reisepass hatte ich beantragt, weil ich in vierzehn Tagen, während der kommenden Sommerferien, mit Freunden aus der Jugendgruppe, die ich im Gebirgsort regelmäßig besuche, eine Rucksackreise nach Griechenland unternehmen möchte.

Mein heutiger Amtsgang liegt nicht in der Zuständigkeit der Gemeindeverwaltung des Gebirgsortes. Weil ich mich im Landratsamt nicht auskenne, suche ich auf einem schwarzen Brett nach der Zimmernummer auf dem ich mich einzufinden habe. Breite Steintreppen führen durch die Stockwerke des alten Gebäudes. Schwungvoll laufe ich hinauf. Während ich jeweils zwei der niedrigen Stufen auf einmal nehme, denke ich daran, dass mir, seit ich den Nahverkehrsbus verlassen habe nicht mehr schlecht ist. Ich fühle mich wieder fit. An die Rückfahrt möchte ich jetzt noch nicht denken. Doch weil ich genau das jetzt tue, schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich wahrscheinlich spätestens bei der Rückfahrt in den Gebirgsort wieder mit meiner Übelkeit wegen dem Fahrstil eines Busfahrers zu tun bekommen werde.

Im zweiten Obergeschoss finde ich die Zimmernummer nach der ich suche. Ich öffne eine schwere Holztüre. Ich betrete einen hellen Raum mit großen, geöffneten Fenstern durch die ein heißer Luftzug herein zieht. Ich schließe hinter mir die Türe und bleibe an einem Tresen aus hellbraunem Holz stehen.

An einem Schreibtisch hinter dem Tresen sitzt mitten in dem Amtszimmer ein Mann mittleren Alters. Er blättert in einem Karteikasten. Offensichtlich sucht er nach einer bestimmten Karte. Ein anderer Mann sitzt an einem Schreibtisch vor einem der geöffneten Fenster. Er wirkt älter als der Mann in der Mitte, denn er trägt einen schwarzen Vollbart. Er tippt auf einer Schreibmaschine. Offenbar ist es ein Formular, das er zu bearbeiten hat, denn er tippt stets nur kurz und verstellt dann das eingelegte Papier um die Stelle zu suchen, ab der er weiter zu tippen hat.

Von mir haben die beiden Herren bisher noch nicht Notiz genommen. Weil beide weiterhin ihrer Tätigkeit nachgehen, bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt bemerkt haben, dass ich das Amtszimmer betreten habe. Weil keiner der beiden von mir Notiz nimmt, blicke ich mich weiter um. Auf dem Holztresen vor mir liegen grüne Schreibunterlagen. In einer Auslage neben dem Tresen sehe ich einige Formulare. Ich gehe an die Auslage und überprüfe, ob ein Formular dabei ist, dass ich vielleicht auszufüllen habe. Weil ich nichts Passendes für mein Anliegen finde, gehe ich zurück an den Tresen. Jetzt sehe ich in der Ecke auf dem Tresen einen an einer Halterung baumelnden Kugelschreiber. Daneben meine ich eine kleine Glocke zu erkennen, wie man sie an Hotelrezeptionen manchmal findet. Jetzt frage ich mich, ob die beiden Männer erwarten, dass ich diese Glocke kurz betätige. Weil ich glaube, dass dies der Fall sein könnte, nähere ich mich sehr langsam dieser Glocke.

Kurz vor ihr bleibe ich stehen, denn ich denke plötzlich, ich sollte sie lieber doch nicht betätigen. Weil ich der einzige Bürger bin, der jetzt in diesem Amtszimmer etwas erledigen möchte, glaube ich nicht dass dieses Gebimmel notwendig ist. Außerdem habe ich bei meinen wenigen Amtsgängen auf die Gemeindeverwaltung im Rathaus meines Gebirgsdorfes gelernt, dass man als Bürger sich während solcher Geschäfte in Geduld und Zurückhaltung zu üben hat. Bei meinem ersten Amtsgang, ich war gerade sechzehn Jahre alt geworden und war deshalb verpflichtet, den Kinderausweis gegen den Personalausweis einzutauschen, hatte ich eine sehr unschöne Szene in einem Büro, das diesem Amtszimmer in dem ich gerade warte sehr ähnlich sah, erlebt. Damals hatte sich ein junger Mann, der vor mir gewartet hatte, den Unmut eines Bediensteten zugezogen, weil er nervös auf dem Tresen der Amtsstube mit seinen Fingern herumgeklopft hatte. Ein Bediensteter, der ähnlich dem Bärtigen in diesem Amtszimmer auf einer Schreibmaschine tippte, hatte damals sein Getippe wegen des nervös Wartenden eingestellt, war flink hinter seinem Schreibtisch hervorgesprungen, und hatte sich vor dem nervösen jungen Mann aufgebaut. Dies tat er nicht, um ihn nach seinem Wunsch zu fragen, sondern der Bedienstete erklärte, dass wenn nicht sofort das nervöse Geklopfe aufhöre, garantiert niemand der geschäftig schreibenden und anderweitig arbeitenden Kollegen mit ihrer jeweiligen aktuell zu bearbeitenden Aufgabe fertig werden könne. Das erklärte der Mitarbeiter in bayerischer Direktheit und Deutlichkeit. Der junge, nervöse Mann vor mir schrak sichtbar zusammen. Die zuvor nervös klopfende Hand krallte er jetzt in die Tischkante der Theke vor ihm. Verängstigt nickte er der Amtsperson respektvoll schweigend zu. Ich hatte schnell verstanden, dass ruhiges und verständiges Warten in einer Amtsstube sozusagen das A und O ist, wenn Mann nicht riskieren will, nicht bedient zu werden. Der Bedienstete konnte so in Ruhe seine Aufgabe beenden, bevor er die Zeit fand, den jungen Mann und danach mich zu bedienen. An diese Begebenheit erinnere ich mich jetzt. Deshalb interessiere ich mich nicht mehr für die Glocke auf dem Tresen vor mir. Ich habe Zeit. Ich habe Respekt, vor der Arbeit der in dieser Amtsstube Tätigen. Der Bärtige und der andere Mann sollen ihre Arbeit in Ruhe und gebotener Sorgfalt erledigen. Ich will die beiden nicht durch Gebimmel aus dem Rhythmus ihrer alltäglichen Geschäftigkeit bringen. Ich weiß nicht, warum diese kleine Glocke auf dem Tresen steht und ich will es auch nicht wissen.

Noch ein Grund fällt mir ein, das Gebimmel zu unterlassen. Auch das könnte die damalige Wut des geschäftigen Bediensteten in der Gemeinde des Gebirgsortes begründen. Der Bedienstete war ein alter, gestandener Bayer. Ähnlich wirkt heute der Bärtige hinter seiner Schreibmaschine auf mich. Vermutlich arbeiten diese Menschen schon seit zwanzig oder gar dreißig Jahren in diesen Amtsstuben. Wenn ein junger Mann, so wie ich es heute tue, in das Büro kommt und sich nervös klopfend oder bimmelnd an den Tresen stellt, dann könnte das eine Provokation für einen alt gedienten Bediensteten sein. Nervöses Geklopfe oder Gebimmel in solch einer Situation wäre quasi eine provokative Dreingabe für die schwer und konzentriert arbeitenden Amtspersonen. Es würde ein Fass zum Überlaufen bringen: Selbst noch nie im Leben was gearbeitet haben, aber im Amt einen Ausweis abholen wollen! Die Dienste anderer auf der Gemeinde im Rathaus in Anspruch nehmen wollen! Unglaublich diese jungen Rotzlöffel heutzutage! Allein die Situation, in der ich mich gerade befinde, mein Warten im Amtszimmer, mein Alter, das könnte bereits ausreichen, einen altgedienten Menschen ärgerlich zu stimmen. Früher hat‘s das nicht gegeben! Und dann auch noch nervös herumklopfen und bimmeln! Wo gibt’s denn so was? Früher hat ein normaler junger Mensch zunächst etwas Vernünftiges gelernt und gearbeitet, bevor er in eine Amtsstube gekommen ist, um eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen!

So denke ich und stehe aufgeregt und nervös vor dem Tresen. Aber ich rühre mich nicht. Weder klopfe ich nervös auf dem Tresen, noch benutze ich die Klingel, die vielleicht dafür vorgesehen ist. Ich bemühe mich meine Aufregung und Nervosität zu unterdrücken. Innerlich spreche ich zu mir selbst um mir Mut zu machen: Du bist hier, weil Du das, was Du heute hier zu erledigen hast heute unbedingt erledigen musst. Das Papier, das Du hoffst hier im Amt zu erhalten, brauchst Du unbedingt heute. Heute musst du wichtiges erledigen! Du kannst das aber nur schaffen, wenn Du dieses mühsam erworbene Papier von einem der beiden Bediensteten heute bekommst! Also, ganz Ruhig vor diesem Tresen stehen bleiben, schweigen und warten bis Du dran kommst. Irgendwann wird es soweit sein. Nur Geduld und keine nervösen Bewegungen oder gar Herumklopfereien auf diesem hohen Tresen!

Wahrscheinlich, so drängt sich jetzt ein Gedanke in meinem Kopf nach vorne, werden die beiden Bediensteten glauben, wenn sie gleich von mir hören, was ich hier in ihrem Büro will, dass ich dieses Papier zu meinem Vergnügen heute hier abholen möchte. Sicherlich, so wird es jetzt ganz klar in meinem Kopf, würden die beiden Bediensteten niemals glauben, dass ich heute etwas sehr wichtiges zu tun habe. Beide Amtspersonen, das sehe ich jetzt deutlich in meinem Kopf vor mir, haben nicht einen winzigen Funken Ahnung davon, welch für mich wichtige Aufgabe ich heute zu erledigen habe, die mich nun in dieses Amtszimmer geführt hat. Ich bin fast sicher, die beiden werden denken, dass mich Vergnügen oder gar Langeweile heute hier her führen um dieses Papier ab zu holen.

Endlich hört das Getippe auf der Schreibmaschine auf. Der bärtige Mann erhebt sich behäbig und schwerfällig aus seinem Schreibtischstuhl. Er kommt gemächlich zu mir an den Tresen heran. In der Hand hält er ein Formular, das er gerade mit kräftigem Ruck aus der Maschine gezogen hat. „Was brauchens denn?“ So höre ich jetzt seine tiefe Stimme. Der Mann fragt, ohne mich anzublicken. Er fragt beiläufig, eigentlich beinahe uninteressiert. Es ist berufliche Routine, die in seinen Worten durchschlägt. Es ist sein Alltag, voller Langeweile in dieser miefigen Amtsstube, den ich in den Worten zu erkennen glaube. Ein Alltag, der mir bisher weitgehend unbekannt ist. Es ist Gleichgültigkeit, gegenüber denjenigen, die er täglich hier zu bedienen hat, die ich in seinem Tonfall zu hören glaube. Während er so fragt, zieht er unter dem Tresen einen Ordner hervor. Den legt er auf den Tresen. Langsam öffnet er den Deckel. Knisternd blättert er sich durch mehrere Seiten von dünnem Durchschlagpapier. Irgendwo in dem Ordner findet er einen Platz, der dem Formular zugedacht zu seien scheint, dort heftet er das Formular ab. Schlagartig verschwindet der Ordner wieder unter dem Tresen. Der Mann blickt nun zu mir herab. Jetzt erst, wo der Mann erstmals Blickkontakt zu mir herstellt, spüre ich den tiefen, sonoren Klang seiner Stimme. Kurz glaube ich, der Tresen vor mir wackle und vibriere leicht. Der Schall, der mir sekundenlang in den Ohren nachklingt fliegt zum offenen Fenster hinaus.

Seit Minuten halte ich meinen Ausweis in den zittrigen Fingern. Ich lege ihn auf die grüne Unterlage auf den Tresen. „Ich möchte meinen Führerschein abholen.“ Ich höre plötzlich etwas dumpfes in meiner Stimme. Ich weiß, dass meine Stimme piepsig klingt. Ohne zu zögern schnappt sich der Mann meinen Ausweis. Mit ihm verschwindet er kurz hinter einem hohen Regal in der linken Hälfte des Zimmers.

Selbstverständlich ignoriert der vollbärtige Mann, dass heute mein Geburtstag ist. Ich hatte die Führerscheinprüfung vor mehreren Wochen abgelegt. Weil ich erst heute volljährig werde, war mein Führerschein so lange im Landratsamt geblieben. Erst heute darf er mir ausgehändigt werden. Ich unterschreibe auf einem Formular, das der Vollbärtige mir hinschiebt. Danach unterschreibe ich auf dem grauen Führerschein, den er mir ebenfalls über den Tresen zuschiebt.

Lange habe ich meine Unterschrift geübt. Trotzdem gelingt es nicht, sie auf dem Führerschein so hinzukriegen, wie ich es wünsche. Ich bin aufgeregt und habe verschwitzte Finger. Ich weiß, dass ich die Unterschrift nicht korrigieren kann. Meine Aufregung und Unsicherheit reicht so weit, dass ich, während ich meinen Namen schreibe, fürchte mich zu verschreiben. Zum Glück denke ich genau dieses in dem Moment des Unterschreibens. Deshalb konzentriere ich mich genau darauf meinen Namen richtig zu schreiben. Ich bin erleichtert, als ich merke, dass mir das gelingt.

Ich lächle den Vollbärtigen an und stecke den Führerschein und meinen Ausweis in meinen Geldbeutel. Ich piepse ein paar wenige Worte: „Vielen Dank. Aufwidersehen.“ Ich verlasse schnell das Amtszimmer. Vor der Tür spüre ich Erleichterung, wie nach der Führerscheinprüfung. Mein Amtsgang ist beendet.

Mehr habe ich in der Kreisstadt nicht zu erledigen. Meinen Führerschein habe ich abgeholt, deshalb bin ich auf dem Rückweg zur Bushaltestelle. Trotzdem denke ich immer noch nicht an die Rückfahrt. Ich denke daran, dass es großes Glück ist, dass ich heute den Führerschein in meinen Geldbeutel stecken kann. Die Sitzbank an der Bushaltestelle ist von zwei Frauen mit Einkaufstaschen und einem Mann, der eine Plastiktüte auf dem Schoß hat, besetzt. Deshalb warte ich stehend auf den Bus.

Es waren nicht die kurvenreichen Fahrten im Fahrschulauto über die steilen Bergstraßen, oder das Einparken des Wagens in der Kreisstadt gewesen, wegen denen ich die Führerscheinprüfung nur mit viel Glück bestanden hatte. Es waren meine großen Konzentrationsprobleme gewesen, die ich an dem Tag gehabt hatte, als ich morgens um Viertel nach acht Uhr in dem Prüfungsraum über dem Fragebogen zu den Verkehrsregeln gesessen war. Ich war sehr nervös und aufgeregt gewesen an diesem Tag. Es war der Morgen des Tages gewesen, an dem ich nachmittags in den etwas weiter entfernten, angrenzenden Landkreis fahren sollte. Dort sollte ich in der großen Kreisstadt ein Zimmer besichtigen.

Dass ich am Prüfungstag dieses Zimmer besichtigen würde, hatte ich schon lange vor der Prüfung gewusst. Die Mutter hatte den Termin schon Wochen zuvor organisiert und sie hatte mir lange schon gesagt, wann es so weit sein würde. Dass dieser Tag trotz dieser frühzeitigen Ankündigung aufregend werden würde, und dass die Aufregung morgens während der Prüfung besonders groß sein würde, hatte ich nicht erwartet. Ich hatte gedacht, dass ich sowohl auf die Prüfung am morgen als auch auf die Zimmerbesichtigung am Nachmittag sehr gut vorbereitet sei, weil mir genügend Zeit für diese Vorbereitungen gegeben war.

So hatte ich wochenlang Zeit mich in meinem Kopf auf die Fahrt am Nachmittag nach der Führerscheinprüfung in die große Kreisstadt in den angrenzenden Landkreis vorzubereiten. Wochenlang hatte ich immer wieder darüber nachgedacht, was an diesem Nachmittag auf mich zukommen würde und wie es danach weitergehen würde. Ich hatte mir ausgemalt wie ich mich in der unbekannten Stadt zu Rechtfinden würde. Ich hatte mir lange ausgemalt wie das Haus aussehen würde. Ich hatte ein Bild in meinem Kopf entwickelt, wie das neue Zimmer aussehen würde. So hatte ich versucht mich auf diesen Tag vorzubereiten. Ich hatte gehofft, wenn ich bereits vor diesem Tag möglichst oft und intensiv darüber nachdenke, wäre ich während der Führerscheinprüfung am Morgen nicht in der Gefahr, daran denken zu müssen was am Nachmittag auf mich zukommen würde. Meine Hoffnung war nicht in Erfüllung gegangen. Weil dieser Tag mit dem Tag der Führerscheinprüfung zusammen gefallen war, hatte ich gleich nach dem Aufwachen am frühen Morgen an den nahenden Nachmittag und meine Fahrt in die große Kreisstadt gedacht. In meinem Kopf war die Führerscheinprüfung deshalb ein bisschen in den Hintergrund gerückt. Sie war zu einer Nebensache geworden. Wegen meiner geringen Konzentration, wegen meiner Aufregung erzielte ich ein sehr schlechtes Prüfungsergebnis. Hätte ich in dieser Prüfung nur einen Fehler mehr gemacht, so erklärte mir der Fahrlehrer mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, dann hätte ich mir die kurvenreiche Prüfungsfahrt im Anschluss an die theoretische Prüfung sparen können. Ich wäre nämlich nicht zugelassen worden. Stattdessen hätte ich mich zur nächsten Prüfung anmelden können. Stattdessen hätte ich noch mehrere Pflichtstunden im Fahrschulauto nehmen müssen. Stattdessen wäre ich sicherlich noch mehrfach mit dem Fahrlehrer auf der kurvigen Strecke Richtung kleine Kreisstadt unterwegs gewesen um meine Ängste vor der Anhöhe und den folgenden Kurven abzubauen. Ich musste die Prüfung nicht wiederholen. Ich hatte Glück. Heute steckt mein Führerschein in meinem Geldbeutel.

Vor dem Landratsamt fährt jetzt der Nahverkehrsbus vor. Beim Busfahrer löse ich eine Fahrkarte für die Strecke zurück bis zum Bahnhof in meinen Gebirgsort. Diesmal setze ich mich gleich vorne in die zweite Sitzreihe.

Nachmittags, während der Fahrt im Wagen mit meiner Mutter war ich sehr nervös und gespannt gewesen. Meine Anspannung hatte seit der Prüfung am Vormittag nicht nachgelassen. In meinem Kopf hatte ich erneut versucht mir vorzustellen, wie das neue Zimmer wohl aussehen würde. Meine Mutter konnte meine Fragen im Wagen nicht beantworten. Auch sie hatte das Zimmer noch nicht gesehen. Sie kannte weder das Haus, noch die Vermieterin. Selbst die große Kreisstadt kannte die Mutter kaum, weil ihr Weg sie dort eigentlich nie hingeführt hatte, weil sie alle Erledigungen stets in der kleinen Kreisstadt ausführen konnte. Ich glaube die Mutter hatte das Zimmer über eine Zeitungsanzeige gefunden.

Während der Fahrt hatte ich mir deshalb das Zimmer wieder und wieder ausgemalt. In meinem Kopf war es ein winziges, leeres Zimmer mit Waschbecken und einem Fenster hinaus ins Grüne. Meine Vorstellung war sehr einfallslos. Ich glaube, das hatte daran gelegen, dass ich seit Jahren so ein Zimmer bewohne. Natürlich ist mein Zimmer nicht leer, sondern es ist mit Möbeln der Eltern ausgestattet. Ich hatte mir einfach ein kleines, leeres, etwas finsteres Zimmer vorgestellt, dass meinem Zimmer sehr ähnlich ist. Mein Zimmer ist etwa zweieinhalbe Meter breit und dreieinhalbe Meter tief. Das Fenster weist hinaus Richtung Waldrand.

Mein neues Zimmer in der großen Kreisstadt erwies sich an dem Nachmittag als ein winziges Stück größer, als ich es mir in meinem Kopf ausgemalt hatte. Tatsächlich hat es ein Waschbecken und ein Fenster, das etwa genauso groß ist, wie mein Fenster am Waldrand. Vor diesem Fenster liegt jedoch kein Wald, sondern dort verläuft in etwa dreißig Meter Entfernung eine vielbefahrene Bahnlinie. Auf dieser fahren rund um die Uhr viele Züge nach Österreich, Italien, Griechenland und in viele andere Länder.

Heute Nachmittag werde ich dieses neue Zimmer in der großen Kreisstadt beziehen. Daran denke ich jetzt, während der Busfahrer kräftig Gas gibt. Das Ortsendeschild der kleinen Kreisstadt hat der Bus schon passiert. Der Busfahrer holt jetzt Schwung, solange die Straße noch nicht steil ansteigt. Am Ende der langen Geraden steuert er das Vehikel schwungvoll in die erste Rechtskurve. Der Motor dröhnt sofort deutlich lauter, denn diese Kurve ist der Beginn einer merklichen Steigung. Die Steigung hält über viele Kurven an. Steil führt die Strecke hinauf, bis oben auf dem Berg Bahngleise an einer Bahnschranke über die Straße führen. Weil ich auf der Rückfahrt nicht wieder das Selbe erleben will, wie auf der Hinfahrt, versuche ich jetzt nicht an diese Fahrt zu denken. Ich denke auch nicht daran, dass ich ab heute meinen Führerschein in meinem Geldbeutel habe und deshalb selbst Autofahren darf.

Ich denke an mein altes Zimmer, das ich heute den letzen Tag bewohne und ich denke an mein neues Zimmer, dass ich heute den ersten Tag beziehe. Genau genommen werde ich in der kommenden Nacht voraussichtlich die erste Nacht dort schlafen. Ganz genau genommen ist mit dem heutigen Tag, meinem Geburtstag, die Zeit bei meinen Eltern beendet. Ich bin nicht sicher, ob ich das einfach so denken sollte oder gar sagen kann. Vielleicht sollte ich besser denken und zu mir sagen, dass die Zeit bei meinen Eltern mit dem heutigen Tag abgelaufen ist. Oder ist das einfach das Gleiche? Abgelaufen oder beendet. Vielleicht ist es Haarspalterei darüber nachzudenken welcher dieser Begriffe besser für das passt, was heute zwischen den Eltern und mir geschieht. Genau genommen, so formuliere ich das jetzt in meinem Kopf, doch da höre ich plötzlich wieder die laut quietschenden Bremsen des Nahverkehrsbusses, an dessen schnelle Fahrt ich eigentlich gar nicht denken möchte, der mich jetzt aber zwingt meine Gedanken an den heutigen Tag zwischen den Eltern und mir in meinem Kopf in eine Ecke zu verfrachten, weil der Busfahrer zu einem scharfen Bremsmanöver gezwungen ist, und das, obwohl die Strecke steil bergauf führt. Der Gedanke bleibt nicht in seiner Ecke, in die ich ihn wegen des riskanten Fahrstils dieses Busfahrers in meinen Kopf gezwängt habe. Sondern der Gedanke springt unvermittelt wieder aus seiner Ecke hervor. Genau genommen, so hört mein Denken nicht auf, obwohl ich jetzt einen großen Lastwagen in der engen Kurve entgegenkommen sehe, genau genommen habe ich ab dem heutigen Tag bei meinen Eltern nichts mehr zu suchen! Sicherlich sind auch dies die falschen Worte, für das, was ich meine. Aber sie gehen mir jetzt durch den Kopf. So formuliere und denke ich und bleibe dabei ruhig auf meinem Sitzplatz sitzen. Heute ist es endgültig vorbei mit meinem Leben bei meinen Eltern. Diesen Gedanken spuckt mein Kopf jetzt schnell heraus, bevor ich im Bus meine ganze Aufmerksamkeit auf das Geschehen um mich herum richte. Allein dieser Gedanke wäre genug Grund, von meinem Sitzplatz aufzuspringen und einen wütenden Tanz oder einen kleinen Trauermarsch aufzuführen. Aber das tue ich nicht, weil ich diesen Gedanken schon seit langer Zeit kenne. Deshalb schaffe ich es mittlerweile gut, meine Gefühle bei diesen Gedanken in mein inneres hinein zu stopfen, quasi selbst aufzufressen und jegliche äußerlich sichtbare Reaktion zu vermeiden.

Der Bus steht in einer scharfen Kurve. Die Motoren von Bus und Lastwagen höre ich laut dröhnen. Der Lastwagen vor uns steht aber noch nicht. Schrilles Quietschen der Bremsen des Lastwagens durchdringt die heiße Luft. Das Führerhaus des Lastwagens kommt endlich, nur Zentimeter vor der Fahrerkabine des Nahverkehrsbusses, zum Stehen. Die Lastwagenbremsen verstummen. Ein zischendes Geräusch der Druckluftbremse ertönt.

Um mich herum spüre ich die aufgeregte Spannung der Fahrgäste. Viele waren von ihren Plätzen aufgestanden. Mancheiner lässt sich nun wieder in seinen Sitz zurückfallen. Ich glaube, genau jetzt fangen diejenigen Fahrgäste, die genauso wie ich es getan habe, für Sekunden die Luft angehalten hatten wieder zu atmen an. Sie drücken sich in ihre Rückenlehnen und versuchen so die Anspannung abzulegen. Ich gehöre diesmal nicht zu denjenigen, denen richtig schlecht geworden ist. Ich habe sogar das Gefühl, als sei ich ganz ruhig, beinahe entspannt geblieben. In mir spüre ich eine seltsame Entspannung, als ließe mich das Geschehen im Bus beinahe unberührt. Vielleicht hat das mit meinen Gedanken zu tun, die mir gerade durch den Kopf gegangen waren. Ich glaube, meine Technik, die ich gerade ohne es zu planen angewandt hatte, ist tatsächlich wirkungsvoll. Wegen des Geschehens auf der Straße ist mir weder schlecht geworden, noch bin ich aufgeregt, wie die anderen Fahrgäste.

Auch der Busfahrer scheint nicht besonders angespannt zu sein. Ruhig greift er zum langen Schaltknüppel und legt einen anderen Gang ein. Routiniert findet er den Gang, den er sucht. Diesmal ist es ein schwerer Lastwagen, wegen dem er sein Gefährt langsam zurückrollen lässt. So macht er dem von oben entgegenkommenden, tonnenschweren Brummer Platz. Die Anspannung im Bus ist nun restlos verflogen. Die Menschen um mich herum beginnen jetzt, sich über die Situation aufzuregen. Die Aufregung unter den Fahrgästen ist größer als auf der Herfahrt. Ich höre Stimmen von norddeutschen Touristen. „Um Gottes Willen, das war knapp! Unglaublich mit welchem Tempo die hier entlang donnern! Das gibt’s doch nicht, wie die hier fahren! Da hat ein Engel eingegriffen! Wenn das mal immer so gut geht!“

Die Touristen erwarten in dieser gebirgigen Landschaft Erholung und keine abenteuerlichen Linienbusfahrten. Ich glaube die Aufregung der Touristen ist berechtigt. Der große, schwer beladene Lastwagen hatte in der zurückliegenden Kurve ein sehr geräuschvolles Bremsmanöver gemacht. Ein Bremsversagen auf dieser sehr steilen Straße wäre sicherlich katastrophal, für einige Mitfahrende vermutlich tödlich gewesen. Weil ich, wegen dieser neuer Gedanken in meinem Kopf langsam wieder ein flaues Gefühl aus meiner Magengegend spüre, beende ich dieses Denken. Der Busfahrer steuert den Bus weiter auf seine Weise den steilen Berg hinauf.

Ich kann jetzt noch nicht wissen, wie es sich zwischen den Eltern und mir weiterentwickeln wird. Tatsache ist, dass ich heute Nachmittag meinen spärlichen Besitz von meinen Eltern abholen soll, um damit mein neues Zimmer in der großen Kreisstadt zu beziehen. Klar ist auch, dass mir ab heute mein altes Zimmer bei den Eltern, das ich jahrelang bewohnt hatte, nicht weiter zur Verfügung steht. Dieses Zimmer verlasse ich heute für immer.

Darüber, dass mein heutiger Geburtstag ein Schuss-Strich ist, sind wir uns einig. Seit Wochen, Monaten, eigentlich seit mehr als einem Jahr hatten wir uns darauf geeinigt, dass heute zwischen uns Schluss ist. Das Leben bei meinen Eltern endet mit dem heutigen Tag. Darauf haben wir uns einvernehmlich verständigt. Über diese Frage hatten wir uns nicht gestritten. Die Frage, ab welchem Tag Schluss sein soll, hatte ich klar beantwortet und meine Eltern hatten das seit langer Zeit ebenso klar gesehen.

Weil zwischen uns schon lange Zeit klar geworden war, dass heute dieser Tag kommt, hatte meine Mutter sich sehr bemüht, dieses neue Zimmer in der großen Kreisstadt für mich aufzutreiben. Ich glaube, sie hatte sich sehr dafür verantwortlich gefühlt, dieses Zimmer aufzutreiben. Ich glaube, es war ihr sehr wichtig gewesen, sicher zu stellen, dass ich auch ab heute noch ein Dach über dem Kopf habe. Ich glaube das hatte sie getan, weil sie befürchtet hatte, dass sie sonst ihr Gewissen plagen würde. Ich glaube, dass sie mit ihrem Einsatz für mein neues Zimmer der Verantwortung für mich, die ihr immer sehr ernst gewesen war, ein letztes Mal gerecht werden wollte.

Während der Autofahrt neben meiner Mutter, an dem Tag meiner beinahe verpatzten Führerscheinprüfung, hatte ich meiner Mutter dafür gedankt, dass sie diese letzte Verantwortung für mich übernommen hatte. Ich hatte ihr während dieser Fahrt gesagt, dass ich darüber sehr froh bin, dass sie dieses neue Zimmer für mich organisiert hat.

Ich glaube, ich hätte einige Schwierigkeiten damit gehabt dieses Zimmer zu finden, denn ich hatte mich in den zurückliegenden Wochen auf meine Abschlussprüfungen in der Schule vorzubereiten. Nein, ehrlich gesagt, so drängt es mir mein Kopf nun auf, ich glaube, das ist nicht Grund genug! Das ist eine zu einfache Begründung! In den Augen meiner Mutter ist das ganz sicher eine viel zu einfache Begründung. Mein Kopf sagt mir, dass ich so einfach nicht denken, nicht so einfach begründen darf, dass es schwerwiegendere Gründe dafür geben muss, dass ich nicht in der Lage war, mir mein neues Zimmer eigenständig zu suchen. Während der Bus schon wieder in einer scharfen Kurve liegt, und mein Magen das Gefühl von Übelkeit erzeugt, weil sich das Vehikel bedenklich aus der Kurve neigt, dabei knarrt wie ein alter klappriger Stuhl unter der Last eines gewichtigen Menschen, und ich fürchte, der Bus könnte die Leitplanke streifen oder gar darüber hinaus getragen werden, denke ich trotzt der mir jetzt endgültig wahnsinnig scheinenden Raserei dieses Busfahrers, dass ich noch mal von Vorn beginnen muss das zu begründen.

Ich bin der Mutter dankbar, dass sie dieses Zimmer organisiert hat, weil ich sicher bin, dass ich niemals ein Zimmer gefunden hätte. Künftig werde ich von sehr wenig Geld leben. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich noch nicht selbst. Geld werde ich, solange ich weiter eine Schule besuche, von der Sozialkasse erhalten. Das Geld reicht meiner Meinung nach aus um davon Lebensmittel und Kleidung zu kaufen und um die Miete zu bezahlen. Es reicht bestimmt aus um einigermaßen über die Runden zu kommen. Doch ich glaube, mit meiner Ansicht, dass dieses Geld für meinen Lebensalltag reicht, brauchte ich mich nicht für ein Zimmer zur Untermiete zu bewerben. Ich glaube, jetzt, wo der Busfahrer die letzte Steigung vor den Bahngleisen nimmt, habe ich einen passablen Grund gefunden. Deshalb habe ich meiner Mutter während der Autofahrt in die große Kreisstadt für ihren Einsatz um dieses Zimmer gedankt: Meine geringen Geldmittel hätten jeden Vermieter misstrauisch gemacht. Ich glaube mir hätte niemand ein Zimmer vermietet.

Die Mutter verfügt über genügend Geld, das sieht jeder Vermieter schon an der Kleidung, die sie trägt und dem Wagen, den sie fährt. Niemand weiß, dass ich künftig nicht auf die Geldmittel der Mutter zugreifen kann, wenn ein Engpass eintritt. Die Vermieterin hat sich nicht dafür interessiert, was heute zwischen den Eltern und mir geschieht. Sicherlich hat das Vertrauen in die Geldmittel der Eltern dazu geführt, dass die Vermieterin mir den Vertrag für das Zimmer gegeben hatte. Deshalb bin ich froh, dass meine Mutter diese letzte Verantwortung für mich übernommen hat.

4. Am Busbahnhof

Nach kurvenreichem Geschaukel in den Gebirgsort zurückgekehrt, warte ich nun verschwitzt und geduldig am Busbahnhof auf einen anderen Bus. Mit dem möchte ich auf einen der umliegenden Berge fahren. Dort oben wohnt Martina, eine Bekannte von mir. Mit ihr hatte ich vereinbart, dass sie mir heute ihren kleinen grünen Wagen leiht. Ein kleiner, leicht verbeulter Peugeot. Mit ihm möchte ich meinen bescheidenen Umzug in die große Kreisstadt machen.

Den Berg kenne ich sehr gut. Täglich war ich in den vergangenen vier Jahren auf diesen Berg hinauf gefahren um die Schule zu besuchen. Die Schule liegt in einer wunderbaren Aussichtslage. Von dort überblickt man die Bergketten rings um das Tal. Oft hatte ich in den zurückliegenden Jahren morgens durch die Fenster des Schulbusses die Sonne hinter den Berggipfeln aufgehen sehen. An vielen Tagen lag morgens das Tal unter einer Wolkendecke, die der Schulbus auf der steil ansteigenden Bergstraße durchquerte und unter sich zurückgelassen hatte. Oben am Berg angekommen wurde die Schulbusfahrt deshalb oft zu einer wunderbaren Aussichtsfahrt. Der Schulbus hatte über den Wolken im Tal noch mehrere Kilometer bis zur Schule auf der weit oben liegenden Höhenstraße zurückzulegen. So konnte ich an vielen Tagen in der Morgensonne hell erleuchtete Gipfel sehen, während unten im Tal eine dichte Wolken- und Nebelwand hing. An manchen Tagen haben sich Wolken und Nebel im Tal nicht aufgelöst, so dass ich die Sonne nur in der Schule sehen konnte.

Morgens, bevor ich meinen Weg zum Bahnhof und dem Schulbus angetreten hatte, spielte sich für mich täglich ein nahezu unveränderter Ablauf ab. Zu Hause war ich an den Werktagen täglich der erste gewesen, der sich an den Frühstückstisch gesetzt hatte. Ich war stets pünktlich aufgestanden, denn täglich war klar gewesen, dass der Schulbus auf diesen Berg, pünktlich um sieben Uhr auf dem Parkplatz hinter dem Bahnhof abfahren würde. Am Frühstückstisch saß ich zu der frühen Morgenstunde stets allein.

Das Geschenk in dieser herrlichen Naturlandschaft aufwachsen zu dürfen, und bei diesen Eltern leben zu dürfen, habe ich im Grunde nie richtig verstanden. Vielleicht habe ich mich mit diesem Geschenk zu wenig beschäftigt, vielleicht hätte ich, um es verstehen und annehmen zu können, viel stärker auf die Eltern zugehen müssen, vielleicht hätte ich mich viel mehr anstrengen müssen, um ein harmonisches Zusammenleben mit den Eltern zu erreichen. Die Harmonie und Schönheit eines Berggipfels kann man nur spüren, wenn man nach einem langen Aufstieg, der viel Schweiß und Mühe kostet, den Gipfel erreicht. Vielleicht habe ich mir in den zurückliegenden Jahren bei den Eltern zu wenig Mühe gegeben, um an den Gipfel heran zu gelangen.

An Schultagen hatte ich mir früh morgens in der kleinen Küche neben dem Esszimmer einen Becher Milch warm gemacht. Ich hatte das Radio auf dem Fensterbrett im Esszimmer eingeschaltet und mich auf meinen Platz gesetzt. Aufmerksam hatte ich morgens dem Radiosprecher zugehört. Täglich sagte der: „Guten morgen verehrte Hörerinnen und Hörer, es ist viertel nach Sechs.“ Der Ablauf, in meiner Einsamkeit am Frühstückstisch war fast täglich der gleiche. Nachdem der Radiosprecher „viertel nach Sechs“ gesagt hatte, setzte ich mich an den Tisch und blickte müde durch das Fenster. Dort draußen hatte ich, je nach Wetterlage und Tageslicht, beinahe täglich den Berg gesehen, den ich morgens um sieben Uhr mit dem Schulbus hinaufgefahren war. Nach dem ersten Musikstück aus dem Radio hörte ich das leichte Rauschen aus dem kleinen heißen Milchtopf lauter und lauter werden. Der Radiosprecher kündigte das nächste Musikstück an. Das war beinahe jeden Morgen der Augenblick in dem ich meine Augen vom Ausblick aus dem Esszimmerfenster löste, zum Küchenherd ging, den Topf mit der heißen Milch von der Platte nahm und einen Becher Kaba bereitete. Oft war das Gedudle aus dem Radio sehr langweilig gewesen. Der Radioempfang in diesem engen Tal ist sehr eingeschränkt. Es gibt nur zwei Sender, die ohne Rauschen zu empfangen sind. Deshalb schaltete ich das Radio, bevor ich begann mein Marmeladenbrot zu schmieren, ab. Obwohl mich die Musik aus diesem Radiosender jeden morgen gelangweilt hatte, unterließ ich es nie das Radio morgens kurz einzuschalten. Ich wollte hören wie spät es ist, um sicher zu gehen, dass meine Uhr stimmte und ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben, aus diesem Radio morgens einmal etwas schwungvollere Musik zu hören. Diese Hoffnung hatte sich niemals erfüllt, jahrelang waren um diese Stunde morgens die immer gleichen, seichten Melodien zu hören.

Den dampfenden Becher Kaba in der Hand ließ ich mich auf meinem Platz nieder und begann mir das Marmeladenbrot zu schmieren. Durch die dünnen, dampfenden Schwaden aus dem Kababecher blickte ich während des Brotstreichens jeden Morgen aus dem Fenster. Ich hatte mich an diese Ruhe am Morgen über die Jahre gewöhnt.

Meist hatte ich nicht ganz die Hälfte des Marmeladenbrotes gegessen und etwa die Hälfte des Kabas getrunken, als ich die Türe des Elternschlafzimmers und die Badezimmertür hörte. Für mich war dieses Geräusch das Signal, mein Brot schneller zu kauen und den Kaba schneller zu trinken, denn die Eltern waren täglich genauso wie ich sehr pünktlich aufgestanden. Ab diesem Zeitpunkt begann ich täglich, meine Bewegungen zu beschleunigen. Ich kippte den Rest Kaba in mich hinein, erhob mich noch am Brot kauend vom Tisch, nahm Teller, Messer und Becher und räumte alles in der Küche in die Spülmaschine. Das Radio schaltete ich dann für Sekunden noch einmal ein, und tatsächlich ertönte jetzt auf dem Sender der Gongschlag, mit dem die Halbsiebenuhrnachrichten angekündigt wurden. Noch einmal überprüfte ich meine Armbanduhr, die stets richtig ging, und schaltete das Radio wieder aus. Das hatte ich immer getan, obwohl ich wusste, dass der Vater es später, wenn er zu frühstücken beginnen würde, wieder einschalten würde. Zuhause waren Geräte wie Radio oder Fernsehgerät niemals im Dauerbetrieb eingeschaltet. Das morgendliche Radiohören während des Frühstückens gab es nur während der Werktage. An Wochenenden, wenn in der Familie gemeinsam gefrühstückt worden war, blieb das Radio immer ausgeschaltet.

Über dem Waschbecken in meinem Zimmer putzte ich meine Zähne, danach verließ ich mit meiner Schultasche mein Zimmer. Das war beinahe täglich der Zeitpunkt, an dem die Eltern bereits voll bekleidet aus dem Bad gekommen waren. Wir begrüßten uns mit einem sehr knappen „guten Morgen“. Nach diesem kurzen Gruß war ich täglich schnell die Treppe hinuntergelaufen, um unten Schuhe und Jacke anzuziehen und das Haus Richtung Bahnhof zu verlassen.

Der Ablauf am Morgen hatte sich über die Jahre eingespielt. Jetzt, wo ich am Busbahnhof sitze und warte, fällt mir jedoch ein, dass dieser Ablauf nicht immer so gewesen war. Anfangs, vor fünf Jahren, als ich gerade ganz neu bei den Eltern eingezogen war, hatte ich unten im Ort die Hauptschule besucht. Damals war ich täglich später aufgestanden, denn ich musste nicht bereits um sieben Uhr am Bahnhof sein. Die Eltern waren auch damals, wegen ihres sehr gut gehenden Geschäftes, das sie im Gebirgsort betreiben, täglich zur gleichen Zeit aufgestanden. Vor fünf Jahren muss es demnach zunächst so gewesen sein, dass wir drei, Mutter, Vater und ich zeitgleich gefrühstückt hatten. Seltsam, dass ich mich an den Ablauf dieser gemeinsamen Frühstücke und Morgende heute kaum mehr erinnere.

Damals, als ich die Hauptschule im Ort besuchte, hatte mich mein Schulweg täglich bergab durch den Wald hinter dem Haus der Eltern geführt. Nachdem ich den Wald hinter mir gelassen hatte, durchquerte ich den Ort, um die Schule zu erreichen, sie liegt ganz unten an alten stillgelegten Bahngleisen. Jetzt erinnere ich mich wieder gut an meinen alten Schulweg und daran, wie es mir morgens gegangen war, als ich diesen Weg täglich zu laufen hatte. Ich hatte diesen Weg immer sehr genossen. Auf dem Schulweg hatte ich die Ruhe des Waldes und ich war allein unterwegs. So konnte ich in aller Ruhe mein Tempo gehen. Auf dem Schulweg bereitete ich mich innerlich auf den Schulvormittag vor.

In der Hauptschule im Ort war es mir nicht gut gegangen. Über den Wechsel auf die neue Schule oben auf dem Berg war ich damals froh gewesen, auch wenn mich mein neuer Schulweg anstatt durch die Ruhe der Waldes und des morgens noch verschlafenen Ortes, in einen lärmenden Schulbus führte. In meiner alten Schule unten im Ort hatte ich häufig Ärger mit Mitschülern gehabt, denn nachdem ich bei meinen Eltern eingezogen war, war es mit mir in schulischer Hinsicht sehr schnell steil bergauf gegangen. Über viele Jahre war ich in der Schule im Ort einer der schlechtesten Schüler in meiner Klasse gewesen. Meinen Eltern, vor allem meiner Mutter, habe ich es zu verdanken, dass ich innerhalb eines Schuljahres so gut geworden war, dass ich auf die Schule auf dem Berg wechseln konnte.

Schon immer hatten mich die Mitschüler in der alten Schule unten im Ort gehänselt. Der Grund war über viele Jahre mein damaliges Zuhause gewesen, das ich gehabt hatte, bevor ich bei den Eltern eingezogen war. Ich glaube, weil es für viele Kinder und Jugendliche damals in dieser Schule sehr befremdend gewesen war, dass ich und einige andere Mitschüler nicht „ganz normal“ bei ihren Eltern gelebt hatten, waren Kinder wie ich, häufiger als andere Kinder, zu Zielscheiben von Anfeindungen und zu einer Art Abladestelle für den Ärger von Mitschülern und manchmal auch deren Hass geworden.

Hass und Ablehnung hatte ich von einigen Mitschülern auch weiterhin gespürt, nachdem ich bei den Eltern eingezogen war. Der Grund, dass deren Hass und Ablehnung trotz dieses veränderten Umstandes kein Ende gefunden hatte, war mir lange Zeit nicht klar geworden. Nachdem ich bei den Eltern eingezogen war, hatte ich gehofft, dass ich mit den Klassenkameraden besser zu Recht kommen würde. Ich hatte geglaubt, dass ich von nun an besser zu den Mitschülern gehören würde, weil ich genauso wie sie mit Eltern zusammenleben würde. Während der ersten Monate bei den Eltern hatte ich diese Hoffnung langsam aufgegeben. Die Sache schien nicht so einfach zu sein. Die Erwartung, dass ich plötzlich für die Mitschüler ein normaler Mensch sei, weil auch ich Eltern gefunden hatte, war falsch. Anfeindungen, Ausgrenzungen und Hänseleien der Mitschüler wurden fortgesetzt, wie zuvor. Der Hass, den ich von einigen Mitschülern gespürt hatte wurde sogar noch stärker. Ich glaube, das hatte mit meinen schlagartig verbesserten Schulnoten zu tun.

In der Schule im Ort war ich ein gehasster und gehetzter Außenseiter, weil ich im Gegensatz zu den Klassenkameraden viele Jahre lang ohne Eltern gelebt hatte. Ich blieb weiterhin ein Außenseiter, weil sich meine Schulleistungen wegen der Förderung nach dem Einzug bei den Eltern schnell verbessert hatten. Ich war in den Augen vieler Mitschüler zu einem Streber geworden. Vor allen Dingen hatte ich das Problem einfach anders als sie zu sein. Das reichte. Es reichte, dass mein Leben bei Eltern stattfand, die nicht meine wirklichen Eltern sind. Weil ich einmal anders gewesen war, hatte ich keine Chance mehr dieses anders sein los zu werden. Alles was sich bei mir änderte, wie etwa der Einzug bei meinen neuen Eltern, blieb in den Augen der Mitschüler offenbar trotzdem oder gerade deshalb anders. Das reichte für tägliche Hänseleien. Die Mitschüler hatten mich über Jahre zum Außenseiter, zum Schuldigen für Diebstähle, zum gehassten Fremden gemacht. Ich war schuldig, weil ich anders gelebt hatte, weil ich keine Familie hatte. Nachdem die neuen Eltern für mich gefunden worden waren, nachdem ich bei ihnen eingezogen war, konnten die Mitschüler ihren zuvor entwickelten Hass nicht mehr ablegen. Ich lernte, dass einer wie ich, der einmal Ablehnung auf sich gezogen hatte, weiterhin Ablehnung erfährt, auch wenn die Umstände, die den Hass begründet hatten, längst nicht mehr bestehen.

Einmal war ich auf dem Heimweg nach der Schule durch den Ort hinauf zum Wald, von einer Gruppe von Mitschülern abgefangen worden. Sie hatten mich überrascht, als ich gerade am Waldrand angekommen war. Von dort hatten sie mich in das nahegelegene Haus eines Mitschülers gezerrt, dessen Eltern den ganzen Tag lang in einer Werkstatt in der Nähe gearbeitet hatten. In einem kleinen Zimmer fesselten sie mich an einen Stuhl. Sie bespuckten und beschimpften mich. Mehrfach traten sie mich in den Bauch und gegen die Beine. Zunächst weinte ich nicht, ich schrie oder wimmerte nicht. Ich zeigte nicht, dass ich Angst hatte. Sondern ich saß stumm und versuchte das alles über mich ergehen zu lassen, ohne dabei eine Mine zu verziehen. Ich glaube, weil ich nicht so reagiert hatte, wie die Mitschüler es erwartet hatten, wurden sie mehr und mehr böse. Einer, der mich besonders gehasst hatte, den auch ich deshalb besonders wenig leiden konnte, kam nun auf eine neue Idee. Der Knabe erhitzte einen Feuerhaken, den er aus dem Kachelofen im Wohnzimmer der Wohnung geholt hatte. Er legte den Hacken auf eine Kochplatte auf den Elektroherd in der Küche. Mit dem heißen Haken fuchtelte er vor meinen Augen herum. Dabei brüllte er mich an, bespuckte mich erneut und drohte mir den Haken auf die Backe und in die Augen zu drücken. Erst in diesem Augenblick hatte ich richtig Angst bekommen. Erst als ich diesen heißen Feuerhaken vor mir gesehen hatte, begann ich zu weinen und zu winseln. Ich versprach alles zu tun, was sie wollen, wenn nur der Feuerhaken wieder wegkäme. Ich glaube das war es gewesen, was sie von mir sehen und hören wollten. Ich glaube die Mitschüler wollten wissen, sie wollte spüren, dass sie mich in dieser Situation beherrschten, dass sie Macht über mich hatten, dass ich ihnen hilflos ausgeliefert war. Ich glaube, sie hatten einen Menschen wie mich gebraucht, an dem sie ausprobieren konnten, ob es möglich ist, einen Menschen soweit zu bringen, dass er alles täte, was sie verlangten. So weit hatten sie mich an diesem Nachmittag schließlich gebracht. Mehr hatten die Mitschüler an diesem Tag nicht ausprobieren wollen. Das war wohl mein Glück in diesem Unglück gewesen. Sie banden mich, nachdem sie meine Angst deutlich spürten wieder los. Bevor wie mich vor die Tür warfen drohten sie damit, mir „die Fresse zu polieren“, wenn ich zu Hause davon erzählte. Ich versicherte heulend, das ganz bestimmt nicht zu tun. So ließen sie mich durch den Wald nach Hause laufen.

Zu Hause hatte ich an dem Nachmittag der Mutter von dem Vorfall erzählt, obwohl ich mir auf meinem Nachhauseweg durch den Wald vorgenommen hatte, das Erlebnis zu verschweigen. Wegen der Drohungen mit dem Feuerhaken war ich jedoch sehr verstört zu Hause angekommen. Ich hatte richtig Angst. Noch auf dem Heimweg plagte mich die Frage, wie es künftig mit diesen Mitschülern weitergehen würde. Ich hatte gespürt, dass die Drohung mit dem Feuerhaken der erste Schritt zu weiteren noch schlimmeren Drohungen und Taten sein könnte. Mittags zu Hause hatte die Mutter sofort gemerkt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Deshalb war sie, nachdem ich in meinem Zimmer begonnen hatte, wie an jedem Nachmittag meine Schularbeiten zu erledigen, zu mir gekommen. Sofort erkannte sie, dass ich zwar über den Hausaufgaben brütete, aber nicht in der Lage war, mich auf sie zu konzentrieren. Deshalb setzte sie sich mit mir auf mein Bett, dort hatte sie versucht mit mir über das, was vorgefallen war zu sprechen.

Wenn der Mutter an meinem Verhalten etwas Ungewöhnliches auffiel, hatte sie sich stets sehr bemüht herauszufinden was mir zugestoßen war. Sie war stets sehr bereitwillig gewesen auf mich einzugehen und ich glaube, es war immer ihre Absicht gewesen, mich zu trösten, wenn Trost notwendig war. Mir waren solche zweifellos gut gemeinten Absichten der Mutter, sich um mich zu kümmern, stets sehr unangenehm gewesen. Die Jahre bei den Eltern hatte ich immer versucht, diese Art Hilfe abzuweisen. Ich glaube, das hatte ich immer getan, weil ich mir niemals sicher gewesen war, ob solche Angebote der Hilfe von Erwachsenen wirklich ernst gemeint waren. Ich hatte nicht gewusst, dass Trost und Hilfe von Erwachsenen in solchen Situationen einem Kind und Jugendlichen wie mir vielleicht tatsächlich helfen könnten. Ablehnung und Hass die mir jahrelang in der alten Schule im Ort entgegenschlugen, fanden wenige Wochen nach diesem Ereignis schließlich deshalb sein Ende, weil ich die Schule wegen meiner besseren Leistungen verlassen durfte.

Am Busbahnhof fährt endlich der orangefarbige Nahverkehrsbus vor. Etwa ein Dutzend Menschen steigen aus. Einige von ihnen kenne ich. Es sind ehemalige Mitschüler aus der Schule auf dem Berg. Ich grüße sie lächelnd, nicke ihnen zurückhaltend zu. Die Mitschüler wohnen auf der Strecke hinauf zur Schule. Ich weiß an welchen Bushaltestellen wer von den Bekannten täglich in den Schulbus zusteigt. Von der täglichen Fahrt im Schulbus auf diesen hohen Berg kenne ich die Häuser am Straßenrand, in denen die Mitschüler wohnen.

Der Nahverkehrsbus ist jetzt leer. Die ersten Touristen, die offensichtlich mitfahren wollen um heute auf diesem Berg Wanderungen durch die Wälder zu unternehmen, haben den Fahrpreis beim Busfahrer schon entrichtet und nehmen Platz. Der Bus wird nicht voll werden. Zwischen fünfzehn und zwanzig Menschen steigen ein, die meisten mit Wanderstöcken und Bergschuhen ausgerüstet. Auch ich steige jetzt zu. Ich krame etwas umständlich zwei Mark und achtzig Pfennige aus meiner Hosentasche und gebe sie dem Fahrer. Dafür erhalte ich von dem ein weißes Zettelchen auf dem der Fahrpreis gedruckt ist. Das Zettelchen stopfe ich in meine Hosentasche. Ich setze mich in die zweite Sitzreihe hinter dem Fahrer in einen der dunkelbraunen Kunstledersitze am Fenster. Den Motor hat der Fahrer noch nicht angeworfen, denn der Bus fährt fahrplanmäßig erst in fünf Minuten ab. Der Busfahrer steigt aus, wohl weil momentan kein weiterer Fahrgast zusteigen will. Er verschwindet durch die hohen Flügeltüren in die Halle des Busbahnhofes.

In den vergangenen Jahren hatte ich mich gegenüber gutgemeinten Angeboten der Mutter oft sehr abweisend verhalten. Weil ich Hilfe oder Trost nicht annehmen wollte, weil ich immer versucht hatte alle Probleme mit mir selbst zu lösen, weil ich nicht dazu bereit gewesen war mich auf die Hilfe der Mutter einzulassen, – ich glaube auch deshalb hatte ich auf Dauer in der Familie eine schlechte Stimmung erzeugt. Zwischen mir und der Mutter und auch dem Vater war deshalb ein gewisses Misstrauen entstanden. Ich glaube, weil die Eltern für mich Verantwortung übernommen hatten, waren sie gewissermaßen verpflichtet gewesen, gerade dann herauszufinden was mit mir los gewesen war, wenn sie an meinem Verhalten ungewöhnliches beobachtet hatten. Aber gerade diese Situationen waren es gewesen, in denen ich mich vor den Eltern besonders gerne zurückgezogen hatte. Wenn ich zu Hause für Ärger gesorgt hatte oder wenn ich Probleme mitgebracht hatte, dann wollte ich diese Dinge nicht mit den Eltern besprechen. Vielleicht war dieses Verhalten von mir der Auslöser, dass zwischen den Eltern und mir ein Kreislauf in Gang gekommen war, der es verhindert hatte, dass zwischen uns Vertrauen entstehen konnte. Weil ich in den Jahren in der Familie mein Verhalten nicht geändert hatte, war ich erheblich daran beteiligt gewesen, dass dieser Kreislauf nicht unterbrochen werden konnte.

Nicht weil ich zu große Angst wegen der Androhung der Mitschüler gehabt hatte, wollte ich zu Hause nichts genaueres von dem Vorfall erzählen, sondern, die Wahrheit ist wohl, dass ich der Mutter nichts davon erzählen wollte, weil ich das Gefühl hatte, dass zwischen uns nicht das notwendige Vertrauen da gewesen war. Ich war in meinem Zimmer neben ihr gesessen und druckste herum. Schließlich hatte ich ihr die Geschichte doch erzählt. Aber ich erzählte sie etwas anders. Ich erzählte, dass ich auf dem Nachhauseweg bei einem Mitschüler gewesen sei, wir dort mit einigen andern ein bisschen getobt hätten und ich schließlich den Ellenbogen von einem in den Magen bekommen hätte. Deshalb hätte ich noch Schmerzen, die mich von den Hausaufgaben abhielten aber das würde schon wieder werden.

Der Mutter hatte meine Erklärung nicht gereicht. Ich glaube auf die Mutter hatte ich einen sehr verstörten Eindruck gemacht. Deshalb hatte sie weiter gebohrt und weiter nachgefragt. Schließlich hatte sie mich so weit gebracht, dass ich von den Fesseln erzählte, welche die Mitschüler mir angelegt hatten. Weil ich mich im Laufe des Gespräches beruhigt hatte, erzählte ich ihr, dass dies nur ein Spiel gewesen sei, und die Sache für mich erledigt wäre. Die Mitschüler seien schließlich weiterhin meine Freunde. Nachdem ich nicht geweint hatte, mich beruhigt hatte und alles erzählt hatte, gab sich die Mutter schließlich zufrieden. Sie bohrte nicht weiter. Ich war froh darüber gewesen, nicht auch noch über meine Ängste wegen dem Feuerhaken und meiner Befürchtungen möglicher weiterer Angriffe der Mitschüler mit der Mutter gesprochen zu haben.

Der Gebirgsort ist klein, die Eltern sind wegen ihrem Laden im Ort sehr bekannt. Vielleicht hatte sich auch deshalb nie richtiges Vertrauen zwischen uns entwickelt. Ich war nie sicher gewesen, was von den Dingen, die ich zu Hause erzählte, tagsüber im Geschäft oder abends am Telefon der Eltern wieder auftauchte. Mein Kontakt zu den Eltern wurde schlechter. Es entstand Misstrauen. Ich erzählte immer weniger und ich fühlte mich zunehmend beobachtet. Die Jahre hindurch spürte ich mehr und mehr, dass meine Schritte durch den Ort, mein Verhalten auf der Straße, in den Lebensmittelläden oder in der Schule oft von Augen verfolgt worden waren, die intensive Kontakte zu den Eltern pflegten. Deshalb hatte ich immer versucht mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Vertrauen in die Eltern war dabei nicht entstanden.

Oft spürte eine Angst davor, dass in dem kleinen Ort schnell die Runde machen würde, was für die Eltern nicht gedacht war. Deshalb war mein Verhalten überall stets sehr kontrolliert gewesen. Ich war kein spontanes und ein wenig emotionales Kind. Ich glaube das verstärkte das Misstrauen in der Familie. Ich misstraute der Mutter. Ich hatte Furcht, dass sie Dinge, die ich ihr vertraulich berichtete tagsüber im Geschäft im Ort weitererzählt. Natürlich nicht in böser Absicht, sondern aus Fürsorge, oder um mit den Eltern von Mitschülern bestimmte Dinge aufzuklären. Deshalb war ich keinesfalls sicher gewesen, ob der Vorfall mit den Klassenkameraden über meine Mutter deren Eltern erreicht hätte. Das hätte für mich noch mehr Angst vor den Klassenkameraden bedeutet. Deshalb bemühte ich mich, den Vorfall so gut es ging zu verharmlosen. Irgendwo und irgendwann müssen Unsicherheit und Misstrauen gegenüber der Mutter in mir entstanden sein. Ich weiß nicht wie und wo das angefangen hatte. Heute weiß ich zumindest, dass es eine schlechte Grundlage für den Aufbau von Vertrauen zwischen uns gewesen war. Die Jahre bei den Eltern in diesem Ort war ich stets darauf bedacht gewesen, nirgendwo unangenehm aufzufallen. Tatsächlich, so fällt es mir heute an meinem letzten Geburtstag in diesem Ort ein, war es mir in den zurückliegenden fünf Jahren gelungen, keinerlei Fehlverhalten an den Tag zu legen, dass dazu geführt hätte, dass die Eltern wegen mir bei irgend jemandem hier im Ort in Misskredit geraten wären. Mein Fehlverhalten hatte sich stets zu Hause bei den Eltern abgespielt. Außerhalb des Elternhauses hatte niemand Anlass gesehen, sich über mich zu beschweren.

Der Busfahrer kommt jetzt wieder. Er tritt aus der großen Schwingtüre der Bahnhofshalle. Beschwingt laufend setzt er sich eine dunkle Sonnenbrille auf. Er besteigt den Linienbus und lässt sich auf seinem Fahrersitz nieder. Zwei ältere Damen mit Wanderstöcken, die Minuten zuvor an der Bushaltestelle eingetroffen waren, steigen zu. Zweimal klingelt der Geldautomat des Busfahrers. Er reißt zwei winzige Zettelchen ab, die der Automat ausspuckt. Die Fahrscheine überreicht er den beiden Damen. Eine der beiden Damen hält dem Fahrer einen Geldschein hin. Daraufhin zückt der Fahrer eine schwarze Geldtasche, die er durchsucht. Weil er nicht findet, wonach er sucht, zieht nun auch die zweite Dame ihre Geldbörse heraus. Sie überprüft, ob sie ausreichend Kleingeld findet. Weil das nicht der Fall ist, erhebt sich der Fahrer. Er zwängt sich an den beiden Damen vorbei, verlässt den Wagen und schlendert, seine schwarze Geldtasche am Handgelenk, zurück in die Bahnhofshalle. Ich finde er tut dies betont langsam, denn die fahrplanmäßige Abfahrtszeit ist nun erreicht. Auf mich macht das den Eindruck einer gewissen Verärgerung des Fahrers. Ich glaube, er ist ein wenig sauer, weil diese beiden Damen so knapp vor Abfahrt erscheinen und kein passendes Kleingeld haben. Der Fahrer scheint sich für seine Mühe einen großen Geldschein in der Halle wechseln zu müssen, mit einer verspäteten Abfahrt bedanken zu wollen. Minutenlang ist von dem Busfahrer nichts zu sehen.

5. Busfahrt auf den Berg

Das Haus der Eltern liegt auf halber Höhe eines kleinen Berges. Das Haus hatte ich täglich um zehn Minuten vor sieben Uhr morgens verlassen. Im Eilschritt lief ich zunächst auf einem schmalen Trampelpfad hinunter durch ein kurzes Waldstück hinter dem Haus. Dann ging es auf der Pflasterstraße weiter bis zu einer abkürzenden Schotterpiste, die hinunter zu den Bahngleisen ins Tal führt. Eine alte Holzbrücke quert die Bahngleise. Laut trampelnd und tief atmend war ich täglich morgens über die dicken Holzbohlen gerannt. Meist war die Zeit sehr knapp gewesen, meine Eile war deshalb immer berechtigt. Am Ende der Holzbrücke geht es durch ein riesiges altes Gemäuer über mehrere Windungen führt eine große, finstere Steintreppe hinunter. In diesem Gemäuer war es stets kühl und es stank fürchterlich nach Urin. Am Ende dieser finsteren, kalten Treppe erreicht man den Bahnhofsvorplatz. Auf dem Parkplatz hinter dem Bahnhof erwartete mich täglich der überfüllte Schulbus.

Pünktlich um eine Minute vor sieben Uhr war ich beinahe jeden Morgen auf dem Parkplatz hinter dem Busbahnhof in den vollbesetzten Schulbus gestiegen. Vier Jahre lang hatte ich die Schule auf dem Berg besucht. Nicht ein einziges Mal habe ich die Abfahrt des Busses versäumt.

Nachdem ich in den Bus eingestiegen war, hatte ich jeden Morgen aus den Lautsprechern über den Sitzreihen des Reisebusses die ausklingende Erkennungsmelodie einer Radiosendung des bayerischen Rundfunks gehört. Meine Schultasche in den Händen arbeitete ich mich durch den vollen Mittelgang des Busses. Täglich presste ich die Schultasche dicht an meinen Körper und zwängte mich zwischen den vielen Schülern hindurch, die den Mittelgang verstopften. Meist fand ich im hinteren Teil des Vehikels einen Stehplatz. Die vorderen Stehplätze waren bei den Mitschülern beliebt, weil der Bus dort weniger schaukelte. Der Fahrer warf täglich genau dann den Motor an, wenn die Erkennungsmelodie aus dem Radio beendet war. Dann ertönte ein viermaliges Piepsen gefolgt von einem Gongschlag aus dem Radio. Den Gongschlag hörte ich verzerrt. In dieser Sekunde betätigte der Busfahrer den Zündschlüssel. Deshalb fehlte dem Radio eine Sekunde lang der Strom. Der Nachrichtensprecher sagte, dass es nun sieben Uhr ist, dann nannte er das Datum und den Wochentag und gab bekannt, dass nun Nachrichten folgen. Der Busfahrer lenkte den Bus vom Parkplatz auf die breite Straße, die parallel zu einem breiten Fluss verläuft und das Tal wie ein Strich aus Teer durchzieht. Jetzt war es soweit, die Schultasche auf den Fußboden des Mittelganges hinunter gleiten zu lassen. Während der rasanten Fahrt vom Parkplatz auf die breite Straße und der dann sofort folgenden Beschleunigung war es wichtig, beide Hände an der Gepäckablage über den Sitzplätzen zu haben, denn mehrere Ampeln auf der Straße durch das Tal passierte der Fahrer täglich bei Gelb. Hin und wieder entschloss er sich abrupt zu bremsen. Dann war ein sicherer Halt an der Gepäckablage unbedingt notwendig. Der Busfahrer war jeden Morgen schwungvoll durch das langgestreckte Tal gefahren. Er benutzte das leichte Gefälle an der Abfahrt des Parkplatzes als Beschleunigungsstrecke. So erreichte er täglich auf der Hauptstraße zwischen den Bahngleisen und dem breiten Gebirgsfluss ein beträchtliches Fahrttempo. Nach Möglichkeit versuchte ich mich an einem der Sitze anzulehnen. Das war nicht immer möglich gewesen, denn der Bus war häufig so überfüllt, dass die beliebten Stehplätze auf denen man sich anlehnen konnte, bereits besetzt waren. Noch während der fünfminütigen Radionachrichten bog der Bus in die steile Bergstraße nach rechts ab. Auf einer kurzen Brücke über welche die Straße den eiskalten Gebirgsfluss quert, legte der Busfahrer einen tieferen Gang ein. Von dieser Brücke aus musste der Motor richtig arbeiten. Tosend ging es eine sehr steile, kurvige Bergstraße hinauf. Gleich nach der Brücke ging es in eine enge Kurve, ihr folgte ein sehr steiles gerades Stück. Der Busfahrer schaltete noch einen Gang herunter um die Steigung zu bezwingen.

Der Linienbusfahrer kommt nun endlich mit dem Wechselgeld aus der Bahnhofshalle. Sein mürrischer Blick verrät Ärger. Die verspätete Abfahrt hat für andere Fahrgäste Vorteile. Ein älterer Herr und eine ältere Dame haben sich neben den beiden auf das Wechselgeld Wartenden eingefunden. Die Nachzügler haben Glück, denn sie müssen nicht auf den nächsten Bus warten, der erst in zwei Stunden fährt. Die Nachzügler halten das Fahrtgeld passend bereit. Schnell nimmt der grimmig dreinblickende Fahrer denen ihr Geld ab. Noch bevor die älteren Herrschaften ihren Platz erreicht haben, heult auch schon der Motor auf. Und, als gäbe es jetzt keine Sekunde Zeit mehr zu verlieren, rauscht der Bus in steilem Winkel aus seiner Parklücke heraus. Der Fahrer gibt kräftig Gas. Er brummt auf die rote Ampel an der Ausfahrt des Bahnhofs zu. Weil die rote Ampel nicht grün werden will, steigt er kräftig in die Eisen. Das quietscht schrill, laut und hoch, so dass ich ein Pfeifen höre. Jetzt finden die älteren Herrschaften gezwungener Maßen Platz. Sie lassen sich auf die nächstgelegenen Sitzbank fallen. Der Mann, der seine Begleiterin am Oberarm gepackt hat um sie zu sich auf die dunkelbraune Doppelsitzbank zu ziehen, ich glaube um sie so vor einem Sturz zu bewahren, ruft in Richtung des Fahrers: “Muss denn das sein?“ Mehr Aufbegehren gegen dieses unnötige Anfahren höre ich nicht. Der Fahrer reagiert darauf nicht. Vielleicht hält er sein unbeherrschtes Anfahren für berechtigt. Vielleicht beschweren sich die alte Dame und der Herr nicht stärker über den beinahe erlittenen Sturz, weil sie dankbar sind, überhaupt mit diesem Bus fahren zu dürfen.

Ich hätte froh und dankbar sein sollen, bei den Eltern leben zu dürfen. Anstatt meinen Dank dafür zu zeigen habe ich dort so gelebt, wie ich bin. Ich habe mich misstrauisch, manchmal sogar unzufrieden gezeigt. Wo Dankbarkeit angebracht gewesen wäre zeigte ich nichts in diese Richtung. Ich habe mir herausgenommen was mir nicht zusteht. Genauso wie diese älteren Herrschaften froh sein können überhaupt noch mit diesem Bus mitfahren zu können, hätte ich froh und dankbar sein können, überhaupt eine Familie gefunden zu haben. Diese Gedanken kommen mir jetzt. Die heutige viel zu späte Einsicht ist vielleicht Grund genug dafür, dass ich ab heute nichts mehr bei den Eltern zu suchen habe. Die Chance des Findens, die Zeit des Suchens, die einmalige Gelegenheit, die mir bei den Eltern geboten wurde ist heute abgelaufen. Fünf Jahre hatten sie mir Zeit gegeben und ihre Angebote unterbreitet. Ich hatte nicht begonnen anzunehmen, was sie mir geboten hatten. Ich hätte gar nicht suchen müssen, sondern ich hätte nur das Angebot annehmen müssen. Warum konnte ich nicht annehmen, was mir jahrelang geduldig, freundlich, gut gemeint angeboten wurde?

Die heutige Fahrt im Linienbus empfinde ich trotz des launischen Busfahrers viel angenehmer, als es jede Busfahrt im Schulbus auf den Berg in den vergangenen Jahren gewesen war. Grund ist der Sitzplatz auf dem ich jetzt die kurvige Bergstraße sitzend hinaufgefahren werde und die Ruhe, die unter den Fahrgästen herrscht.

Im Schulbus hatte immer Lärm geherrscht. Es waren bayerische Stimmen von Schülern aus allen Jahrgangsstufen die während der Busfahrt an meine Ohren drängten. Ein wildes Durcheinander von lauten Gesprächsfetzen, Fragen nach nicht erledigten Hausaufgaben, Berichte über die Höhepunkte des gestrigen Abendprogramms im Fernsehen, Zankereien und dazu die seicht vor sich hin dudelnde Unterhaltungsmusik eines bayerischen Radiosenders. Müde stand ich täglich im Mittelgang zwischen den Sitzen. Meine Hände krallten sich an der Gepäckablage fest. So erwartete ich täglich das Ende der Busfahrt. Das rückte in dem Augenblick näher, wenn ich den blauen Himmel und unten im Tal die Wolkenmassen sehen konnte. Dann konnte die Fahrt nicht mehr lange dauern, denn dann hatte der Bus den Anstieg auf den Berg geschafft und die Höhenlage erreicht auf der die Schule auf dem Berg liegt.

Weil ich in der Schulklasse unten im Ort oft die Zielscheibe für Fußtritte, Faustschläge, Stolperfüße oder Spucke gewesen war, war ich sehr froh darüber gewesen, dass ich es wegen meiner besseren Leistungen geschafft hatte, die Schule auf dem Berg zu besuchen. Die Schüler der Bergschule kamen aus unterschiedlichen Orten der Umgebung. In meiner Klasse der Bergschule hatte ich glücklicher Weise niemanden getroffen, den ich von der Schule unten im Ort bereits kannte. In vielerlei Hinsicht war diese Schule deshalb für mich eine neue Chance gewesen. Sie war nicht nur die Chance einen höheren Abschluss zu erreichen, sondern auch Hass und Abneigung der Mitschüler gab es dort nicht mehr, weil die ganze Klasse aus neuen Schülern zusammengewürfelt worden war, die sich alle zuvor nicht gekannt hatten. Die neue Schule war für mich deshalb Chance und Herausforderung. Ich hatte es schon nach einem Jahr bei meinen neuen Eltern geschafft, die Aufnahmeprüfung in die neue Schule zu bestehen. Trotzdem war keineswegs sicher, dass ich auch die neue Schule bestehen würde. Erst die Mutter hatte durch ihre Hilfe und Unterstützung dafür gesorgt, dass mir das Bestehen dieser Schule möglich wurde. Unermüdlich hatte die Mutter sich jeden Nachmittag mit mir darangesetzt, meine Hausarbeiten zu kontrollieren und diejenigen Dinge mit mir zu lernen, die ich in den vergangenen langen Schuljahren versäumt hatte. Sie hatte mir beigebracht für die Schule zu lernen. Erst durch sie hatten mich die Botschaften erreicht, die von den Lehrern seit Jahren erfolglos an mich herangetragen worden waren. „Wer etwas erreichen will muss lernen und Lernen will gelernt sein.“ Das war die Einstellung der Mutter.

Beinahe täglich war mir, wegen der Busfahrt in die Schule schlecht geworden. Ich hatte versucht meine mulmigen Gefühle, dieses flaue Gefühl in der Magengegend zu kontrollieren. Das war wegen dem Geschaukel im Bus sehr schwer. In der Anfangszeit in der neuen Schule war es fast täglich vorgekommen, dass ich beim Betreten des Schulhauses sauer aufstoßen musste und mich auf der Toilette übergeben musste. Aber ich lernte schnell mich von diesen widrigen Umständen nach der kurvenreichen Busfahrt nicht zu lange behindern zu lassen.

Weil ich in der Schule, wegen der täglichen Unterstützung der Mutter schnell meinen Weg gefunden hatte, gewann ich mehr und mehr an Sicherheit. Deshalb begannen sich Veränderungen einzustellen, die ich niemals erwartet hatte. Den Unterrichtsstoff hatte ich meist sehr schnell verstanden. Deshalb war ich im Unterrichtsgeschehen für die Lehrer zu einem Ansprechpartner in der Klasse geworden. Auch für die Mitschüler entwickelte ich mich zu einem Ansprechpartner, der während der Busfahrt und in den Schulpausen zu bestimmten Dingen befragt wurde. Mein erlerntes Wissen war zunehmend gefragt. So war es gekommen, dass sich Kontakte zu Gleichaltrigen ganz anders entwickelten als zuvor. In der Schule entwickelte ich mich zu einem aufmerksamen, guten aber kritischen Schüler. Ich glaube, die Mitschüler und viele Lehrer hatten das schnell gemerkt. Deshalb entstand das Gefühl, dass die mich ernst nehmen. Außerhalb des Elternhauses fühlte ich mich ernst genommen.

Weil die Eltern mich als unterstützungsbedürftigen Knaben aufgenommen hatten, der extrem schlechte Schulzeugnisse vorzuweisen hatte, war es ihnen sehr schwer gefallen, die Veränderungen, die sie an mir ausgelöst hatten auch wahrzunehmen. Ich glaube, weil es für die Eltern so schwer gewesen war, meine Veränderungen anzunehmen, hatte zu Hause der harte Kampf zwischen ihnen und mir begonnen. Es war der normale Kampf um die Ablösung von meinem neuen Zuhause gewesen. Dass es sich um einen normalen Kampf handelte und, dass dieser nicht ungewöhnlich war, konnten weder ich noch die neuen Eltern denken und wissen. Ich glaube, weil dieser Kampf für alle beteiligten in der Familie damals neu und unbekannt war, weil keiner darauf eingestellt war und weil keiner von uns diesen Kampf aufgrund eigener Erfahrung bereits gekannt hatte, war er im Laufe der Zeit beinahe zu einer Existenzbedrohung für die Eltern, vor allem für die Mutter geworden.

Ich konnte damals nicht so denken wie jetzt, auch die Eltern konnten das nicht. Auch heute, an meinem letzten Geburtstag bei den Eltern kann ich noch nicht wirklich so denken und die Eltern können das auch noch nicht.

Zu kurz ist die Zeit bei den Eltern vorbei, es sind erst Stunden. Heute beginnt eine neue Zeit. Heute beginnt die Zeit, in der die Zeit bei den Eltern vorbei ist. Diese Zeit wird täglich mehr. Wahrscheinlich braucht es Jahre, um das was gestern gewesen war, anders, klarer weil mit größerem Abstand von den nahe zurückliegenden Geschehnissen und deshalb vielleicht deutlicher sehen zu können. Vielleicht braucht diese heute beginnende neue Zeit noch sehr viele Gedanken in meinem Kopf um zu lichten, was ich heute nicht wirklich erkennen oder gar schon richtig deutlich und klar sehen kann. Es sind die Verletzungen, die ich den Eltern vor allem der Mutter mit meiner Art, die sie häufig „unverschämt“ genannt hatte, zugefügt habe. Es war meine Art, wie ich diesen Kampf geführt habe. Verletzend für die Mutter, niederschmetternd für den Vater. Meine Art diesen Kampf zu führen hat mich dot hin geführt, wo ich heute bin. Die Art, meine Art war falsch. Bei den Eltern war es der normale Kampf, den zu führen jeder Mensch einmal in seinem Leben als Aufgabe vor sich hat, wenn er, wie ich endlich Eltern gefunden hat oder wenn er seine Eltern aufgrund glücklicher Umstände nicht verloren hat und deshalb bei ihnen aufwächst. Meine Chance das zu erkennen beginnt heute, sie braucht Zeit.

Mein größtes Lebensglück war es gewesen, diese neuen Eltern zu finden. Bei ihnen war es mir möglich geworden Familie zu erleben. Wie schwer es ist, als Familie zusammen zu leben hatte ich zuvor nicht geahnt, auch die neuen Eltern hatten das nicht gewusst, da bin ich sicher. Um mich zu entwickeln, musste ich die neuen Eltern, die endlich für mich gefunden waren, sehr schnell wieder loslassen, denn ich war bereits so alt gewesen, dass es notwendig für mein Leben war, mich nicht zu stark an die neuen Eltern zu binden. Ich musste bei den neuen Eltern zu mir selbst finden. Ich musste lernen zu lernen. Ich konnte erkennen, dass ich bereits wusste, was richtig und was falsch ist, was gut und was böse ist, das mussten die neuen Eltern mir nicht mehr beibringen.

Zum Glück, so kann ich das heute schon sagen, gab es viele Dinge, die ich nicht erst bei den neuen Eltern lernen musste. Denn es wäre unmöglich gewesen, neben den vielen grundlegenden Dingen, den vielen Wissenslücken in der Schule, die es bei mir zu schließen gab, auch noch das alltägliche menschlich sein lernen zu müssen. Ich hatte bereits ein ausgeprägtes Denken über wichtige Fragen in meinem Kopf in das Haus zu den neuen Eltern mitgebracht. Schon vor den neuen Eltern hatte ich gelernt, im Alltäglichen zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu unterscheiden, den Besitz anderer zu respektieren, die Lehrer in der Schule ernst zu nehmen und zu respektieren, Erwachsenen gegenüber respektvoll zu sein und deren Anweisungen zu befolgen. Trotzdem hatte ich eine eigene Meinung entwickelt. Diese war meist nicht die gleiche, wie die Meinung, die ich von Erwachsenen zu hören bekam. Insbesondere die Meinung der Eltern hatte ich sehr selten geteilt. Trotzdem hatte ich immer Respekt gegenüber Erwachsenen. Aber es reichte mir nicht aus, Respekt zu haben, ich gebe zu, dass mir das nicht gereicht hatte. Ich wollte, dass auch meine Meinung ernst genommen wird. Ich wollte provozieren und gleichzeitig ernst genommen werden und mit Erwachsenen diskutieren und von ihnen lernen. All das konnte bei den Eltern nicht so gut funktionieren, wie es gegenüber den Lehrern in der neuen Schule auf dem Berg funktioniert hatte. Die neuen Eltern waren anders, sie waren meine neue Familie.

Hier könnte eines der hauptsächlichen Probleme zwischen den Eltern und mir entstanden sein. Es war nicht die konträre Meinung, die ich meist den Eltern gegenüber eingenommen hatte, sondern, vielleicht war das Hauptproblem, dass die Eltern nicht wahrgenommen hatten, dass ich mich grundsätzlich „in die richtige Richtung“ entwickelte. Die Eltern nahmen meine Entwicklung nur einseitig wahr, sie hatten meine vielen Versäumnisse in der Schule gesehen und begannen zu retten, was noch zu retten möglich war. Dass ich aber eindeutig nicht in der Gefahr war, mich zu einem Lügner, einem Dieb, oder einem gewalttätigen Menschen zu entwickeln, ich glaube, das erkannten die Eltern nicht. Im Verhalten der Eltern mir gegenüber erkannte ich stets eine gehörige Portion Misstrauen. Deshalb fühlte ich mich von den Eltern auf Schritt und Tritt in dem winzigen Ort und der Umgebung verfolgt. Stets wollten die Eltern wissen, wohin ich gerade unterwegs war, mit wem ich mich wo verabredete. Die Eltern hatten ein großes Interesse an Kontrolle, denn sie ahnten nicht, dass ich grundsätzlich ein vernünftiger Mensch war, der niemals solchen Mist bauen würde, dass den Eltern oder andern Menschen ernsthaft Schaden entstehen würde. Die Eltern waren in Sorge um mich und um sich selbst. Der alltäglich Kampf um die Ablösung aus der Obhut der Eltern hatte bereits eingesetzt, als die Eltern noch sehr besorgt um meine Entwicklung gewesen waren und keines Wegs überzeugt waren, dass ich begonnen hatte einen guten Weg einzuschlagen. Ich glaube, bis heute haben sie nicht wahrgenommen, dass ich einen einigermaßen vernünftigen Weg einschlagen werde. Ich lebte in einer Familie, ich lebte bis heute in ihrer Familie.

An den Nachmittagen mit der Mutter hatte ich mehr und mehr Widerwillen gespürt, gemeinsam mit ihr am Tisch zu sitzen und meine Hausaufgaben kontrollieren zu lassen. Auch das Abfragen von Vokabeln, die Übungen in Mathematik und Stenografie, das alles hatte mir wegen der Kontrolle und Unterstützung der Mutter bald gereicht. Ich war davon überzeugt, dass ich das alles nun selbst schaffen würde. Aber es war nicht einfach gewesen, das mit der Mutter zu besprechen. Weil die Mutter immer nachmittags dabei gewesen war und mit mir für die Schule gelernt hatte, war ich sicher, dass dieser normale Alltag nicht zu unterbrechen ist. Ich hatte nicht daran gedacht, die Mutter darauf anzusprechen, der Alltag war zu stark eingespielt gewesen, deshalb hatte ich mir das nicht zugetraut. Weil ich hilflos gewesen war, dieses Problem anzusprechen, war ich mit der Zeit wütend darüber geworden. Deshalb hatte ich irgendwann diese Unterstützung der Mutter als lästige Einmischung in meine Angelegenheiten empfunden.

An einem Nachmittag hatte mich der vereinbarte Termin mit der Mutter besonders geärgert. Deshalb hatte ich mir überlegt, einfach nicht da zu sein um mit ihr für die Schule zu lernen. Das Haus konnte ich nicht verlassen, denn sicherlich wäre mir die Mutter im Treppenhaus begegnet, oder sie hätte die Haustüre gehört und hätte mir dann vom Balkon aus zugerufen. Deshalb war ich in meinem Zimmer unters Bett gekrochen. Unter dem Bett hatte ich mich auf den Boden gepresst. Dort hatte ich gebannt auf meine Armbanduhr geschaut. Um drei Uhr hätte ich mich mit meinen Unterlagen im Wohnzimmer bei der Mutter einzufinden gehabt. Es war bereits einige Minuten nach drei Uhr gewesen. Um fünf Minuten nach drei hatte die Mutter mein Zimmer betreten. Ich presste mich auf den Fußboden unter meinem Bett und versuchte möglichst leise zu atmen. Im Zimmer war es absolut still gewesen. Die Mutter hatte die Tür hinter sich geschlossen und setzte sich an meinen Stuhl vor meinen Schreibtisch. Dort begann sie nicht meine offen daliegenden Hefte zu kontrollieren, sondern sie schrieb einen Brief an mich. Zehn Minuten später hatte sie das Zimmer wortlos wieder verlassen.

Ich glaube, die Mutter spürte schon lange, dass ich einen Widerwillen gegen die tägliche gemeinsame Lernzeit entwickelt hatte. Die Lernnachmittage waren immer unangenehmer geworden. Ich glaube nicht, dass ich während dieser täglichen Zusammenkünfte einen besonders glücklichen Eindruck gemacht hatte. Meine Ablehnung musste die Mutter lange schon gespürt haben. Mein unentschuldigtes Fernbleiben an diesem Nachmittag nannte sie in ihrem Brief „Undankbarkeit“ und „Unverschämtheit“. Die Mutter hatte geschrieben, dass sie sich von meinem Fernbleiben sehr verletzt fühlt. Von mir erwartet sie keine Dankbarkeit aber Aufrichtigkeit. Sie hat in ihrem Geschäft gemeinsam mit dem Vater sehr viel zu arbeiten, das wüsste ich doch. Deshalb ist es unverschämt, dass ich die teure Zeit die sie sich für mich nimmt einfach abschmettere, und ohne einen Ton zu sagen fernbleibe. Deshalb so schrieb sie, ist die Konsequenz von nun an, dass sie sich um meine schulischen Dinge nicht weiter kümmern werde.

Der Brief der Mutter hatte mich sehr getroffen. Ich hatte mich als undankbarer Ausbeuter ihrer teuren Zeit gefühlt. Aus dem Brief schloss ich, dass ich, derjenige der vom Geld der Mutter und des Vaters lebt, sich von ihnen unterstützen und helfen lässt, von ihnen Kleidung und Essen bekommt und sich materiell ausstatten lässt, die Unverfrorenheit besitze, die teure Zeit der Mutter zu vergeuden. Solches Verhalten, so verstand ich den Brief der Mutter, ist nicht zu entschuldigen. Deshalb hatte ich an dem Nachmittag ein sehr schlechtes Gewissen gehabt. Trotzdem war es mir nicht möglich gewesen, mit der Mutter darüber zu sprechen. Mit ihrem Brief in der Jackentasche hatte ich mich aus dem Haus geschlichen, um ihn im Wald noch einmal in Ruhe zu lesen. Abends hatte ich mich kaum getraut, mich an den Abendbrottisch zu setzen.

Seit diesem Vorfall hatte die Mutter ihre Unterstützung für die Schule komplett eingestellt. Ich hatte erreicht, was ich wollte. Allerdings war das nur auf Kosten unserer Beziehung und meines Gewissens möglich geworden. Ich war nicht in der Lage gewesen, die Mutter auf ihren Brief und auf mein Verhalten an dem Nachmittag anzusprechen. Über diesen Nachmittag wurde in der Familie nicht gesprochen. Ich glaube, die Mutter hatte gedacht, dass sie ihren Teil mit ihrem Brief erledigt hatte. Ich glaube sie dachte, dass es an mir wäre, mit ihr über die Sache ins Gespräch zu kommen. Ich sah mich nicht in der Lage, die Mutter selbständig auf ihren Brief anzusprechen. Ihr Vorwurf gegen mich, dass ich sie mein Fernbleiben so sehr enttäuscht hatte, hat mich so hart getroffen, dass ich nicht den Mut fand die Mutter darauf anzusprechen. Der Brief der Mutter war so formuliert gewesen, dass er es notwendig gemacht hätte, dass ich zunächst meine Schuld in vollem Umfang gegenüber den Eltern einräume. Es wäre erforderlich gewesen, dass ich erst einmal eingestehe, mit welch niederträchtiger Haltung ich in der Familie das von den Eltern entgegengebrachte Angebot der Hilfe und Unterstützung missbraucht und abgewehrt habe. Die Mutter hatte mit ihrem Brief eine hohe Barriere zwischen uns aufgebaut, die von mir nur durch das vollständige Eingeständnis meiner Schuld zu durchbrechen gewesen wäre. Ich hatte das Vertrauen der Mutter verletzt, so hatte sie geschrieben. Es war nicht darum gegangen zunächst einmal genau zu klären, welches Vertrauen die Mutter mir eigentlich entgegengebracht hatte, was sie damit exakt meint. Das hätte die Mutter als ironische Haarspalterei verstanden. Damit hätte ich der Frechheit nicht genug, noch eins drauf gesetzt.

Der Brief der Mutter hatte eine derartige Kraft, dass zweifellos klar war, dass es sich eindeutig um ihr Vertrauen gehandelt hatte, das ich gedankenlos verspielt hatte. Ich hatte einen Anschlag auf die Mutter verübt, das hatte die Mutter mit ihrem Brief klargestellt. Hätte ich es gewagt, die Frage nach dem Verständnis der Mutter von deren Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte aufzuwerfen, anstatt zuerst ein vollständiges Schuldeingeständnis gegenüber der Mutter abzulegen, wäre dieses ein weiterer provokanter Angriff gegen die Mutter und die Familie gewesen. So gesehen war es unmöglich, die Mutter darauf anzusprechen, ohne weiteres Porzellan zu zerschlagen. Ich glaube, es war dieser Nachmittag gewesen, der die endgültige Eiszeit zwischen mir und den Eltern eingeleitet hatte. Weil ich die Leistung der Mutter mich in der Schule zu unterstützen nicht weiter annehmen wollte, und weil ich mich nicht getraut hatte mit der Mutter wegen dieses Nachmittags ins Gespräch zu kommen, war ein Stein ins Rollen geraten, der dazu führte, dass sich der Kontakt zwischen den Eltern und mir verschlechterte.

Langsam tuckert der Linienbus die steile Bergstraße hinauf. Obwohl er im Vergleich zu meinem früheren Schulbus beinahe leer ist, erreicht er trotz dröhnendem Motor nicht annähernd dessen Geschwindigkeit. Viele Fahrgäste sind inzwischen ausgestiegen. Noch einige steile Kurven stehen bevor, bis der Bus die Wendeschleife und Endhaltestelle erreicht. Von dort besteht die Möglichkeit in einen kleineren Bus umzusteigen, der die Straße bis kurz vor dem Berggipfel hinauffährt. Ich steige an der Wendeschleife aus. Jetzt habe ich noch etwa zwei Kilometer zu Fuß vor mir. Die meisten Touristen bezwingen die steile Bergstraße bis zur Wendeschleife in Reisebussen die von Touristikunternehmen gechartert wurden. Weil Hochsaison ist, steht der Busparkplatz hinter der Wendeschleife voll von Reisebussen. Rings um die Wendeschleife herrscht buntes touristisches Treiben. Massen von wartenden Touristen, die mit Kleinbussen bis nahe an den Gipfel heranfahren wollen, belagern die winzigen Buden rings um die Wendeschleife. Hier decken sie sich mit Ansteckern, Aufklebern, Wanderstöcken, bayerischen Hüten und allen nur erdenklichen Souveniren ein.

Ich arbeite mich durch die Menschentrauben, die sich vor den Ramschbuden stauen. Ich höre das Klicken von Fotoapparaten und das Surren von kleinen Filmkameras. Hin und wieder weiche ich einem zu weit abgewinkelten Wanderstock aus. Unten im Ort war es mir vor Jahren einmal passiert, dass mich so ein Tourist mit seinem ausgestreckten Wanderstock beinahe von meinem Fahrrad gestoßen hätte. In den Sommermonaten sind die Gehsteige von begeisterten Besuchern der Gegend völlig überfüllt. Hin und wieder geschieht es, dass einer mit seinem Wanderstock unvermutet vom Gehsteig auf die Straße ausschert. Ich hatte großes Glück, denn der Autofahrer hinter mir hatte das gesehen und sofort gebremst, so dass ich mit dem Fahrrad auf die Fahrbahn ausweichen konnte. Diese Menschen nennen die Ortsbewohner „Watzmannstecher“. Sobald sie den Watzmann am blauen Himmel erkennen reißen sie unvermittelt ihren Wanderstock in die Höhe, stürzen auf die Straße und stechen mit ihrem Stock auf den weit entfernten Berg ein. Dazu brüllen sie begeistert „des isser, des isser!“

6. Auf dem Berg

Im Ort und auf den umliegenden Bergen war ich stets sehr viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Das Fahrrad hatten mir die Eltern gleich zu meinem ersten Geburtstag, nachdem ich zu ihnen gekommen war, geschenkt. Es war ein rotes Herrenfahrrad, Felgengröße 28 mit einer Dreigangschaltung. Nie zuvor hatte ich so ein gutes Fahrrad besessen. Von diesem tollen Geburtstagsgeschenk war ich restlos begeistert. Ich nutzte das Fahrrad beinahe täglich und bei jedem Wetter. Ich pflegte das Fahrrad besser als mich selbst. Ich wienerte oft daran herum und reparierte jeden Schaden sofort. Die Dreigangschaltung an dem Fahrrad war für mich ein großer Luxus. Mit ihr bezwang ich beinahe jede Steigung. Nahezu alle Bergstraßen der näheren Umgebung hatte ich mit dem Rad in den vergangenen Jahren mindestens einmal bezwungen. Auch zur Buswendeschleife auf den Berg hinauf zur Schule war ich oft gefahren.

Den Waldweg, den ich jetzt in Richtung meiner ehemaligen Schule entlang laufe, war ich schon oft mit dem Fahrrad gefahren. Bei meinen Fahrradtouren durch die Umgebung hatte ich mir meist wenig befahrene Nebenstrecken gesucht. Die Eltern fanden es gut, dass ich nachmittags nach den Hausaufgaben und an Wochenenden viel mit dem Fahrrad in der Umgebung unterwegs war. Ich glaube, sie dachten dabei vor allem daran, dass ein junger Mensch wie ich sich sportlich betätigen sollte, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen.

Als ich eines Tages allerdings den Wunsch hatte, in den Ferien alleine eine Fahrradtour hinüber in das nahegelegene Nachbarland zu machen und im Zelt auf einem Zeltplatz zu übernachten, waren die Eltern nicht mehr so begeistert gewesen. Ich war damals sechzehn Jahre alt geworden und meiner Meinung nach, vernünftig genug, um für eine Woche auf Fahrradtour zu gehen. Von meinem Taschengeld hatte ich Landkarten besorgt, zum Geburtstag hatte ich Fahrradtaschen von den Eltern geschenkt bekommen.

Die Mutter hatte gesagt, dass ich einen Brief an meinen Vormund, dessen Adresse sie mir gab, schreiben sollte. Wenn der meinem Vorhaben zustimmen würde, hätte ich kein Problem. Dann könnte ich gerne in den Ferien mit dem Fahrrad losfahren. Den Vormund, der sich weit vom Gebirgsort entfernt aufgehalten hatte, kannte ich von seltenen Besuchen in früheren Jahren. Auf meinen Brief antwortete der prompt. Er wollte wissen, ob ich einen Fahrradführerschein hätte und ob ich die Verkehrsregeln vernünftig einhalten würde. Den Fahrradschein hatte ich vor Jahren in der Schule erworben. In meinem Antwortbrief schrieb ich selbstbewusst über langjährige Fahrradpraxis zu verfügen. Das und die Kopie meines Fahrradführerscheins hatten den Vormund überzeugt. Er stimmte zu. So war ich während der Ferien mit meinem Fahrrad und meinem winzigen Zelt, das ich von den Eltern zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, im nahen Nachbarland unterwegs. Den Eltern hatte ich während dieser Ferienunternehmung keinerlei Ärger gemacht. Die Tour war vollkommen reibungslos ohne Vorkommnisse verlaufen. Während der Ferien war ich aufgeräumt gewesen. Ich denke jetzt, während ich den Waldweg am Berghang entlang laufe, dass ich damals eigentlich gezeigt hatte, dass die Eltern sich auf mich verlassen können und ich keinen Mist bauen würde, wenn sie mich laufen ließen.

Die Eltern hatten mich damals durch ihr Verhalten unterstützt. Nachdem der Vormund zugestimmt hatte und damit quasi die Verantwortung für mein Vorhaben übernommen hatte, beschenkten mich die Eltern am Geburtstag mit Fahrradzubehör und Zelt. Ich glaube für die Eltern war der formelle Akt, dass die Verantwortung beim Vormund und nicht bei ihnen lag sehr wichtig. Durch diese Regelung entfiel jeglicher Streit. Die Frage, ob es angemessen war, als Sechzehnjähriger eine selbständige Radtour zu machen wurde zuhause nicht weiter diskutiert oder angezweifelt. Weil der Vormund zugestimmt hatte durfte ich fahren. Ich glaube nicht, dass die Eltern sich durch diese Entscheidung des Vormunds bevormundet fühlten. Sie wirkten wegen dieser Entscheidung nicht verärgert, sondern sie wirkten entlastet. Die Verantwortung lag beim Vormund, nicht bei ihnen. Das war den Eltern wichtig. Ob es fragwürdig war, dass ein mehrere hundert Kilometer entfernter Vormund diese Verantwortung übernahm, war für die Eltern kein Thema. Der Vormund hatte die Verantwortung schwarz auf weiß übernommen. Das verhinderte einen Streit zwischen den Eltern und mir.

Auf der Strecke durch den Wald erreiche ich nun einen lichten Fleck mit Aussichtspunkt. Wanderer mit Stöcken und festem Schuhwerk stehen am Holzgeländer, sie blicken Richtung Tal hinunter und sie fotografieren die Bergketten ringsum. Im Vorbeigehen werfe ich einen flüchtigen Blick hinunter ins Tal. Keine Wolke, kein Nebel trübt heute den Blick hinunter. Klare Sicht auf die Berge auf der andern Seite des Tals, so wie ich sie im Sommer aus dem Schulbus täglich sah.

Der Schulbus war täglich nur wenige Meter oberhalb des Wanderweges auf der breit ausgebauten Ringstraße entlanggedonnert. In einiger Entfernung von dem Aussichtsplatz bleibe ich an einer hohen Fichte stehen. Ringsum ist es ruhig. Kein Fahrzeug nähert sich auf der oben liegenden Ringstraße, keine Wanderer kommen mir auf dem Spazierweg entgegen. Meinen Blick richte ich hinunter ins Tal. Dort unten erkenne ich den Gebirgsort, den ich bis heute meine Heimat nenne. Ich suche am Ortsrand, dicht unterhalb eines vergleichsweise niedrigeren Berges, nach dem Haus der Eltern. Mit einem Fernglas wäre das Haus der Eltern heute sehr einfach zu finden. Die Sicht ist sehr klar. Auch ohne Fernglas glaube ich das Elternhaus jetzt gesichtet zu haben. Es ist ein winzig kleiner Punkt, den ich zwischen grünen Wiesen und Wald am Ortsrand ausfindig mache. Vor dem winzigen Punkt erkenne ich einen geraden Strich. Das ist die Straße am Berg vor dem Haus der Eltern.

Obwohl der Ort klein und überschaubar ist, obwohl das Haus der Eltern und die kleine Straße vor dem Haus noch aus kilometerweiter Entfernung gut zu finden sind, obwohl in diesem Ort und über den Ortsrand hinaus alles sehr übersichtlich ist, konnten die Eltern mich nicht einfach laufen lassen. Die Eltern hatten stets Kontrolle über die Wege gehabt, auf denen ich unterwegs war. Sie pflegen wegen ihres Geschäftes im Ortskern beste Kontakte zu sehr vielen Bewohnern im Ort und in den kleineren Orten rings herum. Ich bin sicher, die Eltern hätten umgehend Meldung erhalten, wenn ich von einem Bewohner im Ort auf Abwegen beobachtet worden wäre. Trotzdem blieb stets mein Gefühl, dass die Eltern nie sicher gewesen waren, ob ich nicht Unsinn anrichte, der ihrem Ansehen als Geschäftsleute schaden könnte. Ich glaube, die Eltern hatten ein Höchstmaß an Verantwortung für mich übernommen. Ich glaube, die Eltern fürchteten, dass bereits minimale Zweifel an ihrer Verantwortlichkeit ausgereicht hätten, um ihrem Ansehen im Ort als erfolgreiche Geschäftsleute schwer zu schaden.

Eigentlich hatten die Eltern immer gewusst wo ich mich gerade aufhalte. Die Geschäftsleute im Ort haben täglich Kontakt zu den Bewohnern des Ortes. Täglich überblicken sie, was auf der Straße vor ihren Läden geschieht. Täglich tauschen sich Geschäftsleute und Kunden miteinander aus. Die Geschäftsleute im Ort wissen am besten, wer gerade wo unterwegs ist. Wenn ich also im Ort irgendwo unterwegs gewesen war, war für die Eltern eigentlich immer klar gewesen, wo ich mich gerade aufhalte oder wohin ich als nächstes gehen würde.

Ich stehe am Waldweg auf dem hohen Berg neben der Fichte und überblicke das gesamte Tal. Unten, direkt vor, mir sehe ich den Ortskern. Links davon sehe ich einige Ansiedlungen. Es sind kleine Gemeinden, die ich alle kenne. Rechts vom Ortskern sehe ich andere kleine Gemeinden. Die gesamte Umgebung dieses Ortes, so finde ich, ist eigentlich sehr übersichtlich. Jetzt, wo ich das alles noch einmal vor mir sehe, wird mir klar, dass meine Eltern in den vergangenen Jahren keinen Grund hatten, mich nicht einfach gehen zu lassen. Weil die Eltern, wegen ihres Geschäftes sehr viele Kontakte haben, hätten sie, selbst wenn ich einmal verloren gegangen wäre binnen weniger Minuten per Telefon herausgefunden, wo ich mich gerade aufhalte.

Langsam gehe ich auf dem Höhenweg weiter. Hatten die Eltern ihre Verantwortung für mich zu ernst genommen? Vielleicht hatten die Eltern berechtigte Angst davor, dass ich Mist baue. Rechts neben dem Höhenweg sehe ich jetzt einen Bussard. Er fliegt parallel zum Höhenweg. Jetzt bleibt er in der Luft vor mir stehen. Vielleicht hat er unten Beute erspäht, die er gleich ergreifen wird. Mich im Ort oder der Umgebung zu finden wäre sicherlich keine schwierige Jägeraufgabe gewesen. Ich glaube nicht, dass eine besondere Spürnase oder gar Bussard- oder Adleraugen notwendig gewesen wären, mich an jedem beliebigen Tag der vergangenen fünf Jahre aufzuspüren. Jetzt stürzt der Bussard im Steilflug direkt vor meinen Augen vom Himmel herab. Kurz verschwindet er hinter den nahen Bäumen am steilen Hang unterhalb meines Weges. Nur Sekunden bleibt er verschwunden. Wild flügelschlagend peitscht er jetzt aus den Baumkronen unter dem Höhenwanderweg auf. In seinen Krallen hält er etwas, das ich nicht erkennen kann. Wahrscheinlich hat er einen guten Fang gemacht. Mit seiner Beute zwischen den Krallen verschwindet er aus meinem Blickfeld in rechter Richtung hinauf auf den Berg.

Ich glaube, die Eltern und ich, wir hätten uns viele unangenehme Zusammenstöße erspart, wenn den Eltern klar gewesen wäre, dass ich im Grunde in diesem Ort jederzeit von ihnen auffindbar gewesen war.

Das zunehmende Misstrauen zwischen den Eltern und mir war immer wieder durch weiteres Fehlverhalten von mir aufs Neue begründet worden. Ich hatte die größte Schuld daran, dass das Misstrauen der Eltern gegen mich und meine Schandtaten nicht geringer geworden war. Immer wieder hatte ich gezeigt, dass es notwendig war, einen Menschen wie mich auf Schritt und Tritt mit einem vernünftigen Maß an Misstrauen zu beobachten, wenn nötig zu verfolgen und dem Fehlverhalten zu begegnen. Eine meiner vielfältigen Verfehlungen trug sich an einem Wochenende zu. Ich glaube ich war gerade fünfzehn Jahre alt geworden. An einem Samstagabend war ich an einem Bettuch aus meinem Zimmer aus dem ersten Stock hinunter geklettert. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte ich mich an dem Abend von den Eltern abgeseilt. In den Freizeiträumen unten in der Schule im Ort hatte an diesem Abend eine Musikgruppe gespielt. Die Musiker kannte ich alle von einer Jugendgruppe, in der ich Mitglied gewesen war. Den Eltern hatte ich von dem Konzert erzählt und ich hatte gehofft, dass ich bis Mitternacht dort bleiben könnte. Natürlich war es dumm von mir darauf zu hoffen, dass die Eltern mir für diese Musikveranstaltung bis zu so später Stunde die Erlaubnis geben würden. Solch eine Erlaubnis wäre nicht nur ein Vertrauensbeweis der Eltern gewesen. Mit ihr wäre auch verknüpft gewesen, dass die Eltern entgegen der gültigen Jugendschutzbestimmungen erlaubt hätten, dass ich mich bis mitten in die Nacht hinein dort aufhielt.

Die Eltern wussten, dass die Jugendlichen aus meiner Jugendgruppe alle vernünftige Menschen sind. Meine Eltern hatten die meisten Eltern der Jugendlichen gekannt, zu denen ich Kontakt pflegte. Die Musikveranstaltung fand in einem von der Gemeinde eröffneten Jugendhaus statt. Die Räume lagen im Schulhaus des Gebirgsortes, das den Eltern gut bekannt ist. Für die Eltern kam es aber trotzdem nicht in Frage ihre Einwilligung zu geben. Das Verantwortungsgefühl der Eltern für mich war groß gewesen. Es war ein Angriff gegen die Eltern, dass ich es gewagt hatte, darum anzufragen, dass die Eltern an diesem Abend ausnahmsweise die gültigen Jugendschutzbestimmungen außer Acht lassen. Vielleicht bestätigte allein diese Frage erneut, dass ein gehöriges Maß an Misstrauen und Überwachung meiner Wege berechtigt war. Die Eltern hatten es nicht erlaubt. Ich sollte um zehn Uhr abends zu Hause sein. Die Veranstaltung hatte aber bis zwölf Uhr gedauert. Meine Freunde waren gerade mitten in ihrem Spiel, als ich pünktlich, um zehn Uhr zu Hause angekommen war. Ich hatte keine Möglichkeit gesehen, mit den Eltern eine längere Uhrzeit auszuhandeln. Deshalb habe ich mich später an diesem Abend am Bettuch aus dem Fenster abgeseilt.

Im Ort hatte es damals nur sehr selten solche Veranstaltungen für Jugendliche gegeben. Der Genehmigung dieser Freizeiträume durch den Gemeinderat war ein langjähriger Kampf vorausgegangen. Meine Jugendgruppe war an diesem Kampf als Veranstalter beteiligt gewesen. Die Eltern hätten genau gewusst, wo ich mich bis zwölf Uhr aufhielt. Noch nie war es vorgekommen, dass über mich Beschwerden bei den Eltern eingingen. Fehlverhalten hatte ich immer nur zu Hause gezeigt.

Natürlich hatten die Eltern das verknotete Bettuch bemerkt und natürlich hatte es am nächsten Morgen großen Ärger gegeben. Mein Ausstieg aus dem Fenster war für die Mutter und den Vater ein unfassbarer Anschlag auf deren Vertrauen. In einem Brief an mich hatte die Mutter meinen nächtlichen Ausstieg aus dem Zimmerfenster und meinen Ausflug zu dem Musikkonzert, trotz des eindeutigen Verbotes, als tiefen Vertrauensbruch bezeichnet. Und in mir schon bekannter Weise hatte die Mutter unmissverständlich in ihrem Brief an mich dargelegt, dass mein Fehlverhalten einen nahezu unverzeihlichen Graben zwischen den Eltern und mir aufgerissen hat.

In mir weckte die Mutter mit solchen Briefen ein Schuldgefühl, dem ich nichts entgegen setzen konnte. Der Tatsache meiner Schuld waren keine Argumente entgegenzusetzen. Die Moral, welche aus den Briefen der Mutter sprach, war tief und sie wirkte auf mich wie ein naturgegebener, von nichts und niemandem anzuzweifelnder Richterspruch. Die Mutter war eine Instanz, welche stets die Wahrheit sprach. Werte und Moral, die mir die Mutter in ihren Briefen und ihren Worten vermittelte, hatten immer Gültigkeit. Die Moral, welche die Mutter mir eingeflößt hatte, sorgte dafür, dass mein Gewissen von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, am Ende von Tag zu Tag schlecht geworden war. Meine Art die Dinge zu sehen, meine Art zu den Eltern zu sprechen, meine Art mit dem gutgemeinten Hilfeangebot der Eltern umzugehen, meine Art bei den Eltern zu leben. All das machte mir ein schlechtes Gewissen. Ich glaube diese – meine Art empfanden die Eltern als Angriff. Besonders schlecht war mein Gewissen, wenn ich einen Brief der Mutter auf meinem Schreibtisch vorfand. Dann hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil mir die Briefe der Mutter meist vorwarfen, dass ich die Unverfrorenheit besaß, mir nicht nur ein schönes Leben auf Kosten meiner selbstlosen Eltern in deren Haus zu erlauben, sondern neben dieser Tatsache legte ich in den Augen der Mutter auch noch eine unfassbar gemeine Art an den Tag, mit der ich mir erlaubte die hilfsbereite und selbstlose Erziehungsaufgabe welche die Eltern sich auferlegt hatten, zu erschweren, zu einer schier unmöglich zu bezwingenden Last zu machen, indem ich die Eltern etwa mit meinen egozentrischen Forderungen ärgerte solche Vergnügungsveranstaltungen besuchen zu wollen oder die Eltern in niederträchtigster Weise hintergangen habe indem ich das Haus auf solche Weise verlassen hatte.

Wöchentlich hatte ich im Ort eine Jugendgruppe besucht. Dort hatte ich in den vergangenen Jahren die meisten Kontakte geknüpft. Vertrauen zu anderen Menschen, das ich bei den Eltern und in der Schule nicht gefunden hatte, fand ich in der Jugendgruppe. Vielleicht hatte das in der Gruppe funktioniert, weil dort niemand versucht hatte Verantwortung für mich zu übernehmen, oder mich in eine bestimmte Rolle zu zwängen. In der Gruppe hatte ich das Gefühl willkommen zu sein ohne bestimmte Vorleistungen erbringen zu müssen. Mein schlechtes Gewissen, das mich im Kontakt mit den Eltern häufig geplagt hatte, entfiel in der Jugendgruppe.

Die Gruppe war für mich wichtig, auch weil wir uns in ihr oft wichtiger gefühlt und gemacht hatten, als es berechtigt gewesen wäre. Die Themen mit denen wir uns in der Gruppe befasst hatten und im Ort hin und wieder auf uns aufmerksam gemacht hatten, hatten mit unserem Leben in diesem Ort kaum etwas zu tun. So organisierten wir mehrfach Verkaufsstände von Waren aus der sogenannten Dritten Welt auf dem Marktplatz. Wir versuchten mit den Bewohnern im Ort über Themen wie „die Rolle multinationaler Konzerne auf dem Weltmarkt“, die geplante Stationierung von Mittelstreckenraketen oder die Lebensbedingungen von gefassten Terroristen in den Haftanstalten, zu diskutieren. Es waren die Themen, die Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger in der politischen Diskussion waren. Natürlich war meine Beteiligung daran eine riesige Provokation für die Eltern.

In der Jugendgruppe war ich auf Gleichaltrige und junge Erwachsene getroffen, die auf freiwilliger Basis Kontakt zu mir haben wollten. Dort habe ich Martina kennen gelernt, die mir heute Nachmittag ihren Wagen leihen will. Niemals würden mir die Eltern eines ihrer zwei Autos leihen, damit ich heute meinen spärlichen Besitz aus der Wohnung abtransportieren könnte. Das Vertrauen in mich fehlt. Nicht nur das Vertrauen in meine Fahrkünste, am heutigen ersten Tag als Führerscheinbesitzer. Ich glaube, in den Augen der Eltern fehlt mir das Recht dazu, meinen Auszug aus der elterlichen Wohnung heute mit einem ihrer Fahrzeuge zu machen. Das Konto der Verstöße gegen die elterliche Moral habe ich in den vergangenen Jahren, Monaten, Wochen und Tagen weit überzogen. Für mich gibt es keinen Kredit mehr bei den Eltern. Den Kredit, den die Eltern mir vor fünf Jahren gegeben hatten, als sie mich in ihr Haus aufnahmen, als sie uneigennützig und selbstlos gekommen waren, um ein dreizehnjähriges, freches, vorlautes, zappeliges, nervöses, armselig bekleidetes, mit miserabelsten Schulnoten daherkommendes, dummes Kind aus einem anonymen Kinderheim herauszuholen, diesen Kredit habe ich in nur fünf Jahren verspielt. Ich habe mich als undankbarer Mensch erwiesen.

Die Eltern hatten ein armseliges Würstchen aus den katastrophalen Verhältnissen eines unverantwortlich geführten Kinderheimes der siebziger Jahre befreit. Über Jahre hatten sie versucht mich in ihrem Hause zu lehren, wie ein normaler Mensch mit seinesgleichen und Erwachsenen zu sprechen hat. Sie hatten mich gelehrt, wie ein Schüler für die Schule zu lernen hat und sie lehrten mich, dass ein intelligenter Schüler nicht für die Schule, sondern für sein Leben zu lernen hat. Ich habe es ihnen nicht gedankt.

Selbst die Jugendgruppe und die Freundschaften, die sich daraus entwickelt hatten, habe ich den Eltern zu verdanken. Nur weil ich in ihrem Hause gelebt hatte, war es selbstverständlich gewesen, dass ich der Einladung eines jungen Jugendgruppenleiters folgen durfte. Keinen Menschen aus dem Kinderheim, welches vor den Eltern mein zu Hause gewesen war, habe ich in der Jugendgruppe wiedergetroffen. Auch dieses Geschenk der Eltern, die Erlaubnis, dass ich die Jugendgruppe besuchen darf, hatte ich angenommen, ohne dafür zu danken. Die Jugendgruppe war aus der Konfirmandengruppe entstanden. Gegen meine Konfirmation hatte ich aber Bedenken und Zweifel beim Pfarrer geäußert. Selbst damit hatte ich die streng gläubigen Eltern wieder einmal vor den Kopf gestoßen.

Martina hat offenbar Vertrauen zu mir. Für sie ist es selbstverständlich, dass ich den kleinen Wagen heute leihen darf um meinen mickrigen Besitz damit abzutransportieren. Martina hat mich nicht gefragt, warum ich nicht einen Wagen meiner Eltern benutze. Die Eltern haben ein viel größeres Fahrzeug. Statt das auszuleihen, werde ich all meine Sachen in den winzigen Peugeot von Martina zwängen. Martina hat Vertrauen. Sie weiß genau, dass sie von mir ihren Wagen unbeschädigt und pünktlich zurückbekommen wird. In der Jugendgruppe war ich auf Gleichaltrige getroffen, denen die Moral und die Maßstäbe, welche die Mutter mir täglich vermittelte, offenkundig egal waren. In der Jugendgruppe waren wir uns alle unheimlich wichtig vorgekommen. Dort haben wir uns mit Dingen beschäftigt, die uns im Grunde egal hätten sein können. Alles, was wir dort besprachen und machten hätte uns egal sein können: Der sogenannten „Dritte-Welt-Verkaufsstand“, den wir in der Fußgängerzone im Ort veranstalteten. Die Filmabende und Diskussionen zum Thema Rechtsradikalismus in Deutschland. Die Diskussionen über die Atomenergie. All das war uns wichtig. Sicherlich nicht nur der Sache wegen, sondern auch, weil sich jeder Einzelne aus der Jugendgruppe wichtig fühlte, weil man sich mit diesen Themen und Veranstaltungen wichtig machen konnte. Das stärkte unser Selbstbewusstsein. In der Jugendgruppe waren wir mit etwas Sinnvollem beschäftigt. Das hatten die Eltern freilich anders gesehen. Für sie schien von der Jugendgruppe eher Gefahr auszugehen. Was dort stattfand war für die Eltern zu viel Politik. In ihren Augen sollte die Kirche nicht solche kritischen Themen behandeln. Vor allem sollte das nicht in einer kirchlichen Jugendgruppe geschehen. Die Jugend ist doch viel zu leicht zu beeinflussen. Die Jugend ist doch viel zu unreif für diese Themen. Die Jugend hat doch kein Recht kritische Äußerungen zu tun oder gar Ansprüche zu stellen. Die Jugend weiß doch gar nicht, wie hart die Erwachsenengeneration gearbeitet hat, bis die heutigen Lebensgrundlagen erschaffen waren. Die Jugend sollte in der kirchlichen Jugendgruppe nicht zu diskutieren lernen. Sondern sie sollte die Bibel lesen. Die Jugend sollte beten und zu glauben lernen. Das ist Aufgabe einer kirchlichen Jugendgruppe. Die Jugend sollte sich nicht einmischen in etwas, das sie nicht beurteilen kann. Wer gegen Atomenergie ist, darf nicht mit einem Auto fahren. Er darf nicht das Licht einschalten. Er darf nicht fernsehen oder Radio hören. Er darf nicht hier leben. Die kirchliche Jugendgruppe war ein Frontalangriff gegen die Eltern. Was ich dort lernte und tat, empfanden die Eltern als Anschlag und Provokation gegen ihren Lebensalltag, gegen ihre Werte, gegen ihre Einstellung, gegen ihre Moral, gegen alles was sie lebten, gegen sich. Ich war jede Woche mindestens einen Abend und am Wochenende einen Tag lang mit der Jugendgruppe aktiv. Die Jugendgruppe war zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden. Sie hat sozusagen meinen geistigen Horizont um ein großes Stück erweitert. In ihr war ich auf Menschen getroffen, welche die Welt anders sahen, als die Eltern, als die Lehrer oder die Mitschüler.

Dort war ich auf Leute, wie Walter getroffen. Walter rennt mit Fotoapparat und Filmkamera herum, weil er Journalist werden will. Im Moment ist es sein größter Wunsch einen Artikel in der örtlichen Tageszeitung zu veröffentlichen. Welches Thema er dort abhandeln will, weiß Walter noch nicht. Er ist da sehr flexibel. Er könnte über den Besuch von Franz Josef Strauß im Bierzelt auf dem Volksfest im Gebirgsort genauso schreiben, wie er eine Kritik über die Aufführung der Laien-Theatergruppe des Gymnasiums oder einen Bericht über die erste und möglicher Weise letzte Musikveranstaltung im Jugendkeller unterhalb der Schule verfassen würde. Leider hat ihn die örtliche Tageszeitung bisher zu nichts dergleichen beauftragt. Seine unverlangt eingesandten Artikel hat Walter alle zurückbekommen, ohne Veröffentlichung. Das neuste Projekt von Walter ist es, einen Film zu drehen. Er will einen Dokumentarfilm über die Aktivitäten und das Engagement der Jugend im Gebirgsort machen. In dem Film will er zeigen, wie wichtig die „Sozialisation der Jugend“ ist. Er spricht gerne davon, dass die Jugend die Zukunft sei. Er liebt es entgegen zu setzen, dass wir es sind, die später die Renten zu bezahlen hätten, wenn er ältere Erwachsene gegen die nutzlose Jugend wettern hört, die im Wesentlichen aus kiffenden “Gammlern“ bestünde. Bei zahllosen Diskussionen auf dem Marktplatz an unserem Verkaufsstand für Waren aus sogenanntem fairen Handel hatte sich Walter oft in engagierte Debatten mit Erwachsenen verstrickt. Er ist redegewandt und hat immer schlagfertige Argumente. Die Jugend sei nicht faul und dumm, wie es gerne platt behauptet wird. Sondern sie ist der Kern der Demokratie in der Zukunft dieses Landes. Wer heute behaupte, so hörte ich Walter erst letzten Samstag am Verkaufsstand reden, die Jugend, das seien alles RAF – Sympathisanten, der riskiert, dass die RAF die Jugend zunehmend unterwandert. Diese Behauptung, so plärrte Walter einem aufgebrachten alten Mann ins Ohr, der zuvor unseren Verkaufsstand als „linke RAF-gesteuerten Propaganda“ abgetan hatte, sei nichts anderes, als dumpfer Populismus, der nicht ernst genommen werden kann aber leider zunehmend in unserem geliebten, konservativen Heimatland um sich greife.

Walter hat schon einen Film gedreht. Es war ein Kriminalfilm, den er mit einigen Jugendlichen im Gebirgsort abdrehte und eines Abends im Jugendkeller mit erstaunlichem Erfolg uraufführte. Jetzt hofft er darauf, dass seine Bekanntheit, die er durch den ersten Film im Ort erreichen konnte auch Publikum für seinen Dokumentarfilm bringen wird. Walter vertritt folgende These: „Man muss die Leute zuerst mit billigem Unterhaltungsschrott ködern, und auf diesem Wege ihr Interesse für ernsthafte Themen wecken.“ Am Abend der Uraufführung seines Krimis hat er deshalb mächtig die Werbetrommel für seinen neuen Dokumentarfilm gerührt. Er hatte sogar einen Termin für die Uraufführung seiner Dokumentation bekannt gegeben. Von dem Film hat er aber noch keinen Millimeter abgedreht. Walter ist ein Macher, der Charisma und Überzeugungskraft hat.

In der Jugendgruppe war ich neben Walter auf Martin getroffen. Er liebt das Gitarrespiel. Er besitzt mehrere E-Gitarren und spielt in einer Band. Davon kann ich nur träumen. Martin ist ein politisch denkender Mensch. Sein Thema ist der Krieg. Er lädt regelmäßig zu Diaveranstaltungen ein. Seine Diavorträge prangern die Grausamkeit von Krieg an. Sie handeln von den Opfern des Vietnamkrieges. Martin schafft ein Bild von dem Grauen des Krieges, den keiner von uns kennt. Er schafft Bewusstsein dafür, das es überall auf der Welt nach wie vor Krieg gibt. Er schafft Meinungen gegen den Krieg, der vom Gebirgsort sehr weit entfernt zu sein scheint. Martin kämpft mit immer wieder neu zusammengestellten Bildern, mit seiner Musik und seinen Worten dafür, dass in den Köpfen der Menschen ein Bild vom Krieg und eine Einstellung gegen Krieg entstehen. In seinen Diavorträgen zeigt Martin das Töten. Es ist die alltägliche grausame Tätigkeit des Krieges. Er zeigt das Töten als Arbeit der Soldaten im Krieg. Dabei zeigt er deutlich das Grauen, das mit dieser Arbeit entsteht. Er zeigt den Jugendlichen im Ort, dass etwas unvorstellbares weltweit weiterhin geschieht: Das Töten in den Kriegen auf der Welt. Martin sagt, dass es wichtig ist, davon auch im Gebirgsort zu wissen, auch wenn uns das alles sehr weit entfernt zu seien scheint. Aber, so sagt Martin, das ist nicht so weit entfernt! Wir leben und profitieren von so manchem Krieg, sagt Martin.

Die Eltern hatten stets befürchtet, dass meine Kontakte in der Jugendgruppe, meiner Entwicklung im Gebirgsort schaden könnten. Tatsächlich ging es aber um deren Angst, dass ich Meinungen und Einstellungen übernehme. Genau das ist geschehen. Die Menschen in der Jugendgruppe haben mich beeinflusst. Der Einfluss der Eltern dagegen war geringer geworden. Ich habe mich von den Eltern abgelöst. Das ist ein normaler Vorgang. So hatten die Eltern das aber nicht gesehen. Meine Art mich abzulösen, war eine Provokation. Weil ich mit meinem Interesse an Themen und Mitarbeit in der Jugendgruppe und mit meinem Verhalten die Eltern provoziert hatte, war ein Bruch mit den Eltern unausweichlich geworden.

Der Kontakt zu den Menschen, die ich in der Jugendgruppe kennen gelernt hatte, wirkte auf mich wie ein Befreiungsschlag. Ich knüpfte und pflegte Kontakte, die außerhalb der Zwänge von Schule oder Familie lagen. Ich erkannte, dass es um mich herum Gleichaltrige und junge Erwachsene gibt, die Kontakt zu mir haben wollten. In diesen neuen Kontakten spürte ich kein Gefühl von Misstrauen, wie ich es bei den Eltern kennen gelernt hatte. Während der vergangenen zwei Jahre verbrachte ich sehr viel Freizeit mit den Freunden aus der Jugendgruppe. Was die Eltern nicht gesehen hatten: Das sind junge Leute, die in schulischer Hinsicht einen wesentlich geradlinigeren Weg als ich vorzuweisen haben. Die meisten besuchten das Gymnasium am Rande des Ortes.

Es gab in der Jugendgruppe neben mir nur einen Jugendlichen, der nicht das Gymnasium besuchte. Gemeinsam mit Jörg besuche ich während der ersten drei Schuljahre die gleiche Schulklasse. In der Schule wie in der Jugendgruppe ist Jörg ein sehr zurückhaltender Mensch. Mir war Jörg wegen seiner zurückhaltenden Art in der Schulklasse nie aufgefallen. Meine Aufmerksamkeit hatte ich damals vor allem auf die Abwehr von Angriffen der lauten und angriffslustigen Mitschüler gerichtet. Deshalb war mir nie aufgefallen, dass auch Mitschüler wie Jörg meine Schulklasse besucht hatten. In der Jugendgruppe traf ich wieder auf Jörg, den ich zuvor schlicht übersehen hatte. Meine Art der Gestaltung von Kontakten änderte ich wegen der Jugendgruppe. Früher waren mir Menschen wie Jörg „irgendwie über den Weg gelaufen“. Ich hatte Jörg ignoriert. Ich war mit anderem beschäftigt gewesen. Menschen wie Jörg konnte ich nicht wahrnehmen. Erst durch die Gruppe fand sich Gelegenheit Menschen, die mir jahrelang über den Weg gelaufen waren zu begegnen und kennen zu lernen.

Jörg hatte jahrelang in einer Diskothek des Ortes Musik aufgelegt. Ich glaube damals war es die einzige Diskothek gewesen, die es im Ort gegeben hatte. So kam es, dass ich mich mit zunehmender Regelmäßigkeit samstags in dieser Diskothek aufhielt, um dort mit Jörg zu plaudern. Auch andere Tage der Woche entwickelten sich wegen der Kontakte, die ich über die Jugendgruppe geknüpft hatte, zu regelmäßigen Terminen. So wurde ich nicht nur zu einem regelmäßigen Diskothekenbesucher. Walter und andere junge Leute aus der Gruppe versammelten sich jeden Donnerstagabend in einer Kneipe. Dort wurde genauso wie in der Jugendgruppe über Gott und die Welt debattiert. So oft es mir meine Taschengeldkasse möglich machte, war ich Donnerstagabends mit dabei.

Kneipenbesuche und Discobesuche. Das waren objektive Gründe für die Eltern, mich auf einem gefährlichen Weg zu sehen. Zigaretten und Alkohol waren die Stichworte. Ich glaube, die Eltern sahen mich auf Abwegen, weil sie über meine Vergangenheit im Kinderheim zu wenig gewusst hatten. Als ich der vorlaute Schreihals, im Alter von dreizehn Jahren zu den Eltern gekommen war, hatten sie es als ihren Auftrag begriffen, einen Menschen der bedroht war „abzurutschen“ vor dem Untergang zu bewahren. Sie begriffen es als ihre Aufgabe mich von gefährlichen Lastern fernzuhalten. Die Eltern hatten es geschafft, mich schulisch auf das richtige Gleis zu bringen. Aber die dadurch gewonnene „geistige Beweglichkeit“ hatte ich außerhalb der Schule nicht im Sinne der Eltern weiter entwickelt. Ich hatte begriffen, dass ich mich im Jammertal der Schule freischwimmen kann. Das bewerkstelligte ich mit meinen verbesserten Leistungen. Die angriffslustigen Mitschüler waren verschwunden, weil ich auf die nächsthöhere Schule wechseln konnte. Dort war ich anerkannt, weil ich Eltern hatte und weil ich Wissen erlernt hatte. Das gefiel den Eltern. Außerhalb hatte ich mich auch freigeschwommen. Aber ich hatte mich den falschen Leuten angeschlossen. Das gefiel den Eltern nicht.

Meine Verselbständigung und Loslösung von den Eltern vollzog sich nicht in zu schnellem Tempo. Als Kneipe und Disco für mich interessant wurden, war ich bereits siebzehn Jahre alt geworden. Trotz Kneipe und Disco, trotz Alkohol und lauter Musik, die dort reichlich angeboten wurden und für Ablenkung vom Alltag gesorgt hatten, standen für mich die Kontakte zu den Freunden, die ich dort traf im Vordergrund. Es war mir stets darum gegangen Freunde zu finden. Für mich war immer selbstverständlich gewesen, dass ich mich auf keinerlei ernsthafte Dummheiten einlasse. So war ich weder an Drogen noch an Alkoholexzessen interessiert. Kriminellen Machenschaften jeder Art war ich nicht zugänglich. Weil während der Jahre bei den Eltern und auch in den Jahren zuvor nie irgend etwas derartiges vorgefallen war, woran ich beteiligt gewesen war, und deshalb den Eltern nie etwas unangenehmes über mich mitgeteilt worden war, hatte ich gedacht, dass den Eltern klar sein müsste, dass ich weit davon entfernt bin, von dem Weg auf den sie mich gebracht hatten, abzurutschen.

Wegen der weltoffenen Jugendgruppe und der dann folgenden regelmäßigen Disco- und Kneipenbesuche, so sagte es mir mein Gefühl, hatten die Eltern in ihrer Situation berechtigte Sorge um mich. Letztendlich war das Recht der Eltern, von mir nicht auch noch belogen zu werden, wenn sie mich fragten wohin ich abends gehe, naturgemäß schon deshalb gegeben, weil die Eltern vor fünf Jahren das Risiko eingegangen waren, ein gestörtes, unverschämtes, schreiendes, freches Bürschchen aus dem Kinderheim heraus zu holen. Meine Gegenleistung wäre es gewesen, das Risiko der Eltern abzumildern. Ich hätte mich ihnen und ihren Vorstellung besser anzupassen gehabt. Das wäre es vielleicht gewesen. Ich hatte mich in eine Art Bringschuld begeben indem ich mich von den Eltern aus dem Kinderheim herausholen ließ. Ich stand in der Schuld gegenüber den Eltern. Meine Leistung diese Schuld zu begleichen hätten Anpassung und Zustimmung sein müssen. Stattdessen kamen von mir Herausforderung und Provokation. Zwischen den Eltern und mir gab es eine schwere Last. Die Last meiner Vergangenheit. Für die Eltern war ich sozusagen die Katze im Sack, die sie sich freiwillig eingehandelt hatten. Ich brachte den Eltern Belastung mit einem unbekannten Wesen, für das die Eltern Verantwortung übernommen hatten.

Die Eltern hatten jede Menge Grund gehabt, sich wegen meiner Entwicklung Sorgen zu machen. Während der vergangenen fünf Jahren bestand Gefahr, dass ich in der Öffentlichkeit auffalle: Einen kriminellen Weg einschlage, nachts alkoholisiert durch den Ort irre, mich an Diebstählen beteilige, bei Schlägereien mitmische und überhaupt: Andern Menschen schade. Für das Ansehen der Eltern eine Katastrophe. Zweifellos wäre es denkbar gewesen, dass ein frecher Lümmel wie ich es mit dreizehn Jahren gewesen war, permanent von der Polizei nach Hause gebracht wird, weil er jede Nacht aus dem Fenster seines Schlafzimmers steigt, um seine dubiosen Freunde aus seiner noch dubioseren Jugendgruppe aufzusuchen. Aus der Jugendgruppe, auch das wäre denkbar gewesen, wird der schwer gestörte Rotzlöffel, (inzwischen ist er übrigens siebzehn Jahre alt geworden aber offenbar keinen Millimeter gescheiter) jede Nacht (zugekifft mit Drogen und zugedröhnt von Alkohol) durch die Polizei herausgeholt. Den Rest der Nacht verbringt er in der Ausnüchterungszelle. Die ist inzwischen zu einer Art zweiter Heimat für ihn geworden. Die Eltern, auch das wäre denkbar gewesen, hatten sich daran zu gewöhnen, sich gegenüber den Bürgern und Kunden ihres Geschäftes zu rechtfertigen. Sie hatten diesen schweren Missgriff getan. Sie hatten einen echten Lausebengel in ihrem Haushalt aufgenommen. Ein richtig verzogenes, verlogenes, versoffenes und obendrein arrogantes Bürschchen. Deshalb, auch das wäre denkbar gewesen, verbrachten die Eltern seit fünf Jahren keinen ruhigen Tag mehr. Ständig riefen irgendwelche besorgten Bürger und Kunden an. Aber meist kam gleich die Polizei im Geschäft der Eltern vorbei. Das Kind war schon vor vielen Jahren im Kinderheim in den Brunnen gefallen. Da war nichts mehr zu machen. Versaut und frech war das Bürschchen. Es musste täglich von der Polizei zu Hause abgeliefert werden. Täglich gab es einen neuen Polizeibericht, der von einer neuen gemeinen Schandtat dieses jugendlichen Saukerls berichtete.

Das Geschäft der Eltern, auch das wäre denkbar gewesen, war vor fünf Jahren in riesiger Blüte und voller Pracht gestanden. Inzwischen ist es heruntergekommen, weil gemieden von den meisten Bürgern des Ortes. Schuld daran ist einzig die Tatsache, dass der missratene und obendrein gar nicht echte Sohn riesiges Unglück über die selbstlosen Eltern gebracht hatte. Im Ort ist er zu einem Inbegriff des Schreckens geworden. Fast jedem der (inzwischen ehemaligen) Kunden der Eltern hat der teuflische Knabe strafrelevanten Schaden zugefügt.

Auch das wäre denkbar: Mit dreizehn Jahren war ich ein auffälliger Jugendlicher gewesen. In der Schule habe ich auch bei den Eltern nichts dazu gelernt. Außerhalb der Schule habe ich nichts dazu gelernt. Bei den Eltern entwickelte ich mein auffälliges Verhalten weiter. Ich bedrohte andere, kleinere Jugendlichen und wurde selbst von größeren bedroht. Ich erpresste andere und wurde selbst erpresst. Ich begann zu stehlen um meine Schulden zu bezahlen. So war ich zu einem kriminellen Menschen geworden. So war ich polizeibekannt geworden. So war ich zum Schrecken des Ortes geworden. So habe ich in nur fünf kurzen Jahren ruiniert, was die Eltern mühsam aufgebaut hatten. Ihr Geschäft im Ort wurde von den Kunden gemieden. Der Konkurs stand bald bevor. Stattdessen besaß ich die Frechheit, mich regelmäßig an beinahe politischen Aktionen, wie dem sogenannten „Dritteweltwarenverkauf“ auf dem Marktplatz oder an einer Befragung von Passanten über deren Haltung zur geplanten Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland zu beteiligen. Das war eine riesige Provokation für die Eltern.

Ich glaube, keiner von den jungen Leuten im Ort, mit denen ich für die Eröffnung einer Jugendfreizeitstätte gekämpft hatte, oder gegen die Ausrichtung des Gebirgsortes als Olympiastandort demonstrierte, oder Filmvorführungen gegen Rassenhass und Rechtsradikalismus organisierte, war ein wirklich politisch denkender Mensch. Ich glaube wir haben durch derartige Aktionen zum Ausdruck gebracht, dass wir ganz normale Jugendliche sind. Wir haben, nach unseren Möglichkeiten, unsere Meinung kundgetan. Auch bei der hitzigsten Diskussion, die wir in den Räumen unserer Jugendgruppe zum Thema Atomenergie organisiert hatten, war mein Gefühl geblieben, dass jeder von uns in erster Linie daran interessiert war, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Anstatt grölend und alkoholisiert mit Bierflaschen durch den Touristenort zu wanken haben wir eben einen Verkaufsstand für Waren aus der sogenannten dritten Welt organisiert. Oder wir machten einen Filmabend mit anschließender Diskussionsrunde über die braune Vergangenheit. Sicherlich hatten wir mit den Themen, die wir in Veranstaltungen im Ort immer wieder mal anrührten für gewisse Aufmerksamkeit gesorgt. Aber genau das könnte auch heißen, dass wir ein Thema berührt haben, das in dem Ort nicht sichtbar aber trotzdem wichtig ist und durch uns sichtbar gemacht wurde. Wir waren weit davon entfernt, damit wirklich größeres Interesse auf uns zu ziehen. Im Grunde, so sagt mir schon heute mein Gefühl, hat es im Ort eine Ära von Wichtigtuern gegeben. Ein paar harmlose Jugendliche dieser Jugendgruppe hatten sich zusammengefunden. Die haben sich für bestimmte Dinge, darunter auch politisches engagiert. Ich glaube, diese Zeit ist bereits heute dabei zu Ende zu gehen. Viele meiner Freunde aus der Jugendgruppe haben sich wieder in ihre elterlichen Höhlen zurückgezogen. Einige sind, so wie auch ich es heute tue, aus dem Ort weggezogen. Wegen und mit unseren Veranstaltungen im Gebirgsort zeigten wir, dass wir harmlose, vielleicht sogar lächerliche Exoten waren. Von Touristen und Einheimischen wurden wir, wenn überhaupt, bestenfalls zur Kenntnis genommen. Inhalte unserer Veranstaltungen haben, wenn sie überhaupt angekommen sind, höchstens diejenigen erreicht, die ohnehin über das jeweilige Thema informiert waren.

Ich vermute jetzt sogar, dass es in der Jugendgruppe nie ernsthaft um die Themen gegangen war. Wichtig war das Gefühl gewesen ernst genommen zu werden. Was wir getan haben war für viele Erwachsene im Ort, nicht nur für meine Eltern, eine gewisse Provokation gewesen. Dieses zu erleben war wichtig. In der Jugendgruppe hatte ich das Gefühl, etwas Vernünftiges zu tun. Das provozierte die Erwachsenenwelt um mich herum, das erregte deren Aufmerksamkeit und provozierte Auseinandersetzung. Darum ging es. Es ging um Zeichen. Es ging darum Ernst genommen werden. Das war notwendig und gut.

Unser Verkaufsstand auf dem Marktplatz im Ort passte nicht in das Bild des Touristenortes. Er erinnerte in all dem Reichtum an die Armut in der Welt. Das musste doch mindestens ein schlechtes Gewissen bei den Touristen und Bewohnern auslösen. Wir ließen es nicht beim Verkauf der sogenannten „Dritteweltwaren“, sondern wir verteilten Informationsmaterial, das selbstverständlich eine politische Färbung aufwies. Gerne verwickelten wir die Menschen im Vorbeigehen in sogenannte politische Diskussionen. Dafür hatten wir Walter, unseren „Frontman“. Wir wollten etwas uns sinnvoll erscheinendes tun. Das haben wir erreicht.

Die Eltern fürchteten ich könnte in eine politisch ungünstige Richtung abrutschen. Ungünstig war die Richtung, weil es nicht die der Eltern gewesen war. Deren politische Einstellung wurde mir täglich klarer. Der Vater ist seit Jahren im Gemeinderat.

7. Schöne Aussicht

Der Wanderweg führt mich an einer Ausflugsgaststätte vorbei. Eine Terrasse voll von Touristen. Sie genießen die wunderschöne Aussicht. Drüben sehe ich hohe Felsmassive. Unten liegt das enge, langgezogene, grüne Tal. Am ersten Tag als ich die Wohnung der Eltern betreten hatte, war mir zuerst die wunderschöne Aussicht aus der großen Fensterfront des Wohnzimmers auf die gigantischen Berge aufgefallen. Ich erinnere mich, dass mein erster Tag bei den Eltern ein wunderschöner Julitag gewesen war. Der Vater stand vor der Fensterfront im lichtdurchfluteten Wohnzimmer. Dort steht ein halb hoher alter Schrank. In einer Schüssel auf dem Schrank lagen Briefe, mit denen der Vater gerade befasst gewesen war. Der Vater hatte die Mutter und mich erwartet. Er war gerade damit beschäftigt, einen Brief zu öffnen, als wir das große Wohnzimmer betraten. Sofort hatte er den Brief zurück in die Schüssel vor den großen Fenstern gelegt. Lächelnd war er auf die Mutter und mich zugekommen. Mir reichte er die Hand und begrüßte mich.

Der Vater ist ein mittelgroßer Mann. Er hat einen drahtigen, sportlichen Körper. Sein helles rundes Gesicht strahlte auf mich an diesem ersten Tag Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit aus. Ich weiß nicht mehr, was in diesen ersten Sekunden Vaters Worte gewesen waren.

Ich bin sicher, der Vater war von Beginn an guten Willens mit mir. Ich bin sicher, weder Vater noch Mutter wollten mir böses. Das ist deshalb ganz sicher, weil beide mich freiwillig an diesem Tag vor beinahe genau fünf Jahren aufgenommen haben. Die Eltern hatten mich aufgenommen, weil sie mir Gutes tun wollten, weil sie mir helfen wollten, weil sie mich in meiner Entwicklung nach Kräften unterstützen wollten.

Gespräche zwischen dem Vater und mir hatte es bis heute nur wenige gegeben. Es gab sie ganz am Anfang, als ich in die Familie gekommen war. Damals hatte der Vater schnell festgestellt, dass es nicht einfach war mit mir ein vernünftiges Gespräch zu führen. Der Vater traf mich unvorbereitet. Er wusste, dass ich komme, trotzdem war er unvorbereitet. Kann man sich auf einen Menschen vorbereiten, den man noch nicht kennt? Kann man darauf vorbereitet sein, einen jungen Menschen, den man nicht kennt in seine Familie aufzunehmen? Der Vater war auf mich nicht vorbereitet gewesen. Mit meiner Sprache, meiner Art, meinem Auftreten hatte er nicht gerechnet.

Ich glaube nicht, dass der Vater sich das so schwer vorgestellt hatte. Wahrscheinlich hatte er erwartet, dass er mit einem dreizehnjährigen Jungen irgendwie zu Recht kommen werde. Mindestens hatte er gedacht, dass er mit einem dreizehnjährigen Knaben, den er zusammen mit seiner Frau aus einem schlechten, weil miserabel geführten Kinderheim befreit hatte, in seiner gewohnten Alltagssprache reden kann. Der Vater hatte sich getäuscht. Meine Sprache war nicht seine Sprache. Hatte er gehofft, dass ich mich automatisch an seine Sprache anpasse? Hatte er gehofft, dass er mit seiner Sprache leicht mit mir in Kontakt kommen würde? Hatte er gehofft, dass er sich automatisch an meine Sprache anpassen würde? Der Vater hatte versucht in seiner Sprache mit mir zu sprechen.

Ich weiß bis heute nicht welche Vorstellung der Vater von mir gehabt hatte. Ich weiß nicht, wie er sich das damals gedacht hatte, mit einem dreizehenjährigen Jungen Kontakt aufzubauen. Ich weiß nicht, welchen Plan der Vater gehabt hatte als er einen Knaben von Heute auf Morgen in seine Familie aufgenommen hatte. Ich sollte zusammen mit dem Vater und der Mutter leben. Der Vater hatte aber nicht gewusst, dass er mit mir nicht sprechen kann, weil seine Sprache eine andere war als meine. Die Gespräche hatten deshalb all die Jahre mit der Mutter stattgefunden. Schnell hatte der Vater begonnen mich zu meiden Schnell hatte ich begonnen den Vater zu meiden. Fünf Jahre lang hatten wir bis heute in der Familie zusammen gelebt.

Der Vater war von Beginn an nicht mit mir ins Gespräch gekommen. Deshalb war er mit mir nicht zu Recht gekommen. Auch ich war von Beginn an nicht mit ihm zu Recht gekommen. Ich bin überzeugt, dass der Vater alles in seinen Möglichkeiten steckende versucht hatte, Kontakt zu mir herzustellen. Aber die Möglichkeiten des Vaters hatten nicht ausgereicht. Der Vater konnte sich von seiner Sprache nicht lösen. Er konnte sich keinen Millimeter auf meine Sprache einlassen. Auch ich konnte mir die Sprache des Vaters nicht aneignen. Deshalb hatte ich ihn in den fünf Jahren nie verstanden. Heute verstehe ich ihn immer noch nicht. Am Anfang habe ich den Weg zu Vaters Sprache nicht gefunden, weil ich ihm nicht folgen konnte. Heute finde ich den Weg nicht, weil ich seine Sprache kennen und verstehen gelernt habe. Ich habe beschlossen, dass ich seine Sprache nicht lernen möchte.

Für den Vater muss es ein Schock gewesen sein. Ein dreizehn Jahre alter Mensch in seiner Familie. Dumm, laut, frech. Ein dummes Kind weil es in der Schule nichts versteht. Ein lautes Kind, weil es Angst hat, nicht gehört und nicht verstanden zu werden. Ein freches Kind, weil es jahrelang in einer Kinderheimgruppe gelernt hatte sich mit Frechheiten gegen Anfeindungen zu verteidigen, um zu überleben.

Viele Familien sitzen auf der sonnigen Terrasse. Die Ausflugsgaststätte ist voll. Ich sehe springende Kinder. Ich höre sie, wie sie sich laut mit ihren Eltern unterhalten. Ich beobachte, wie junge Menschen und Eltern miteinander reden. Ich sehe, wie Familien ganz normal miteinander umgehen.

Mein Verhalten war damals nicht schlimm gewesen. Ich war nicht lauter als das, was ich vor mir auf der Aussichtsterrasse des Ausflugslokals sehe. Meine Sprache war ungezogen. Ich war laut. Ich war dumm. War das nicht ganz normal? War es ganz anders, als das was sich hier auf der Terrasse der Ausflugsgaststätte gerade vor meinen Augen mit den vielen Familien abspielt? Es war mein alltägliches Verhalten gewesen. Ich hatte es über die Jahre im Kinderheim gelernt. Ich hatte eben lange Zeit nicht in einer Familie gelebt. Ich hatte damals eine schlimme Sprache gesprochen. Das hat der Vater sehr schnell gemerkt und das hatte er mir auch ganz schnell gesagt. So brauchte ich dem Vater nicht zu kommen. Mein dummes Gequatsche war das Letzte gewesen, was der Vater hören wollte. Mit dem Vater brauchte ich nicht so zu reden, wie mit den Kindern im Kinderheim. Ihm brauchte ich nicht so frech und vorlaut zu kommen, wie den Erwachsenen im Kinderheim. Der Vater hatte wichtigeres zu tun, als mein Gequassel anzuhören. Er hatte wichtige Arbeit zu erledigen. Er hatte keine Zeit, um zu versuchen, das zu verstehen, was ich sagte.

Meine Sprache hatte ich im jahrelangen Kampf in meinem Kinderheimleben gelernt. Meine Sprache hatte ich jahrelang gebraucht um mich gegenüber den Angriffen von älteren und stärkeren Kindern zu verteidigen. Ich hatte meine Sprache auch gebraucht, um die häufigen Angriffe von Erwachsenen zu ertragen.

Der Vater hatte nicht damit gerechnet, dass der Dreizehnjährige, eine so schnelle, vorlaute und freche Klappe hat. Meine hastige, schnelle Sprache war meine Mauer der Verteidigung. Sie war meine Mauer der Angst gegenüber dem Neuen. Sie war meine Angewohnheit aus dem Kinderheim. Sie zeigte, dass ich jahrelang im Kinderheim gegen meinen Untergang gekämpft hatte. Was ich dort mit körperlichen Kräften nicht zu verteidigen wusste, verteidigte ich mit meiner Sprache. Der Vater hatte davon keine Ahnung. Der Vater hatte nicht gewusst, dass im Kinderheim, in dem ich meine Kindheit zugebracht hatte, die Macht der körperlichen Überlegenheit und Gewalt geherrscht hatte. Deshalb war meine Sprache über die Jahre so schnell, so vorlaut und manchmal feindselig geworden. Das war meine einzige Waffe gegenüber älteren Kindern und Erwachsenen gewesen. Ich hatte sie geschmiedet um im Kinderheim durchzuhalten und zu überleben. Wegen meiner Sprache war auch ich im Kinderheim in der Lage gewesen meinen Aggressionen Platz zu verschaffen. Ich konnte nicht, wie andere Kinder und Erwachsene es dort oft getan hatten, einfach zuschlagen. Ein, vielleicht zweimal hatte ich das versucht. Jedes Mal hatte mich dann sofort mein schlechtes Gewissen gepackt. Immer wenn ich zugeschlagen hatte, waren es kleinere Kinder gewesen, die das traf. So hatte ich das an den anderen Kindern gesehen und an den Erwachsenen. Der Feind musste besiegbar sein. Besiegbar war er nur, wenn er schwächer war. Schwächer waren immer die kleineren. Aber ich konnte das nicht. Mein Gewissen hatte mich Tage und vor allem Nächtelang geplagt, wenn ich kleinere Kinder geschlagen hatte. Ich konnte das Leid der kleineren nicht ertragen. Ich konnte nicht ertragen, dass die Leiden müssen, weil ich nicht größere schlage, die mir etwas angetan hatten, sondern stattdessen auf die kleineren eintrete. So hatten das im Kinderheim aber alle gemacht. Vor allem der Heimleiter und sein Stellvertreter hatten dort jahrelang geprügelt. Ich hatte versucht das von denen zu lernen. Ich konnte das aber nicht lernen. Mit taten die kleinen Leid, die ich geschlagen hatte. Deshalb hatte ich meine Sprache entwickelt.

Ich konnte immer Reden. Zum Glück habe ich das niemals verlernt, so wie ich das bei manchem Kind im Kinderheim beobachtet hatte. Die Einschüchterung durch ältere Kinder und den Heimleiter und seinen Stellvertreter hat mir nie die Sprache verschlagen. Ich konnte immer laut schreien und schnell Reden. Andere Kinder fingen an zu Schweigen. Die Tritte von größeren Kindern, die Faustschläge des Heimleiters der Fußtritt des stellvertretenden Heimleiters, das hatte andere Kinder im Kinderheim zu Schweigen gelehrt. Die sagten jahrelang fast nichts mehr. Stattdessen schlugen sie ab und an auf die kleinen ein. Ich plärre und schrie und oft rannte ich davon und flüchtete.

Ich war zu schwach gewesen, die Schläge der älteren Kinder und die Schläge des Heimleiters durch meine Schläge zu erwidern. In der Welt des Kinderheims der siebziger Jahre war ich jahrelang von Erwachsenen und älteren Kindern geschlagen, getreten, bespuckt und gedemütigt worden. Die Regeln dieser Welt machten es beinahe überlebensnotwendig zurück zu schlagen. In dieser Welt galt das Prinzip des Stärkeren und Mächtigeren. Weil ich nicht schlagen konnte, war es meine Sprache geworden, die mir in dieser Welt Verteidigung und damit Überleben möglich gemacht hatten. Meine vorlaute Klappe, mein vorlautes Geschrei, das auf den neuen Vater wie das Geplärre eines Bengels von der Straße gewirkt hatte, war meine Schutzmauer gewesen. Nur mit ihr konnte ich die Jahre, bis ich die Familie kennen gelernt hatte, überstehen. Nur mit ihr hatte ich es geschafft trotz der täglichen Demütigungen die lange Zeit im Kinderheim zu überleben. Meine Sprache hatte auf den Vater wie ein Schlag in sein Gesicht, wie ein Angriff gegen seine Person gewirkt. Meine Sprache war die eines aufgewühlten, zappeligen Jugendlichen. Ich hatte Erwachsene nicht als Gesprächs- und Kontaktpartner gekannt, die es gut mit mir meinten. Erwachsene waren für mich Menschen, die mir jahrelang befohlen hatten, was zu tun ist. Sie hatten mich geschlagen, wenn ich das nicht tat. Sie hatten mir gesagt, wie ich mich zu verhalten habe. Sie hatten geschrieen und geprügelt, wenn ich mich anders verhielt. Sie waren Menschen, die sich nicht mit mir unterhalten wollten. Sie hatten mir nie beigebracht, mich an deren Sprache anzupassen. Niemals hatten Erwachsene im Kinderheim versucht Sprache für ein Gespräch zu verwenden. Die Sprache des Kinderheimleiters und seines Stellvertreters war Mittel um zu befehlen zu kontrollieren, Macht zu zeigen und zu demütigen.

Vielleicht wäre vieles bei den neuen Eltern viel besser geworden, wenn ich damals gelernt hätte, dass Sprache notwendig ist, um zu verstehen und nicht nur um anzugreifen oder zu verteidigen. Ich war nicht in der Lage gewesen, das schnell zu erkennen und zu verändern. Zu viele Jahre hatte ich von erwachsenen Menschen Befehle und Schläge erhalten. Zu lange Zeit hatte ich gelernt, mich von Erwachsenen fern zu halten. Zu lange Zeit hatte ich mit meinen Versuchen zugebracht, fürchterlichen Bestrafungen des Kinderheimleiters aus dem Weg zu gehen. Diejenigen Erwachsenen, die den Auftrag gehabt hatten, mich zu erziehen, hatte ich über viele Jahre als die schlimmsten Menschen erlebt. Sie hatten Macht und Gewalt skrupellos angewandt um zu erreichen, dass ein Kind tat, was sie befahlen.

Ich hatte gelernt mich vor Erwachsenen zu verstecken. Meine Verstecke waren im Wald, sie lagen auf dem Dachboden oder es gab sie irgendwo in einer verfallen Hütte. Immer wieder fand ich neue Verstecke um vor den Erwachsenen zu flüchten, und es gab meine Sprache. Mit ihr mauerte ich zu, was in mir steckte. Auf keinen Fall wollte ich riskieren, dass die prügelnden älteren Kinder oder der Leiter im Kinderheim erkennen konnten, wer ich wirklich bin. Es wäre sehr gefährlich gewesen, sich eine Blöße zu geben. Schwäche zu zeigen war die Einladung an den älteren oder erwachsenen Feind gewesen, zuzuschlagen. Demütigungen des Heimleiters hatten mich dort am empfindlichsten getroffen, wo ich Schwächen gezeigt hatte. Deshalb die riesige Schutzmauer meiner Sprache. Sie hatte oft verhindert, dass meine inneren Empfindungen, sei es nun Freude oder Angst gewesen, nach außen dringen konnten. Demütigungen, manchmal sogar Schläge konnten mich deshalb oft nicht erreichen. Sie prallten an meiner Oberfläche, an meiner Mauer, ab. Der machtlüsterne und prügelnde Heimleiter mit seinem Stellvertreter hatten es zu zweit nicht geschafft mein Inneres zu erreichen, um mich zu zerstören. Mit meiner Sprache hatte ich mich, unerreichbar für ältere Kinder und Erwachsene, in mich selbst eingeschlossen. Darin fühlte ich mich sicher. Sie konnten mich nicht knacken. Heimleiter und Stellvertreter wollten mich, meinen Willen, mein Denken, mein Fühlen, mein Hören, meinen Geist, mein Verstehen, meinen Kopf brechen, das verhinderte ich mit Sprache, Denken und Flucht zum rechten Zeitpunkt. Das kostete mich all die Jahre im Kinderheim meine ganze Kraft, deshalb rauschte der Schulunterricht damals an mir vorbei als gäbe es ihn nicht.

Weil ich meine Sprache nicht schnell ablegen konnte, weil ich mich nicht schnell umstellen konnte auf die neue Situation bei den Eltern, war von Beginn an kein Gespräch zwischen dem Vater und mir und damit auch keine gute Entwicklung für mich in der Familie möglich geworden. Genauso wie ich war auch der Vater nicht in der Lage gewesen, einer besseren Entwicklung die notwendige Zeit zu geben. Durch meine Sprache zerstörte ich von Beginn an das was zwischen dem neuen Vater und mir hätte entstehen müssen um unser Zusammenleben nicht nur erträglich, sondern schön zu machen. Wegen der Zerstörungen, die von Beginn an bei den Eltern eingetreten waren, das glaube ich heute, konnte der neue Vater Veränderungen in meiner Sprache, wie sie im Laufe der Jahre bei den Eltern sich eingestellt hatten, nicht mehr erkennen. Der Kontakt zwischen uns war von Beginn an wegen meiner Sprache schwer belastet gewesen. Deshalb konnte er nicht wachsen.

Auf der Sonnenterrasse beobachte ich Väter und Mütter. Ich sehe ihnen dabei zu, wie sie mit ihren Kindern reden, spielen und den sonnigen Tag und die herrliche Aussicht genießen. Zwischen mir und dem Vater hatten in den vergangenen fünf Jahren keine Gespräche stattgefunden. Für den Vater war es unmöglich gewesen auf meine Sprache einzugehen. Meine Sprache war die eines Jugendlichen gewesen. Bis zu meinem dreizehnten Geburtstag hatte ich gelernt in der Kinderheimgruppe Gleichaltriger zu Recht zu kommen. Dort musste ich mich vor Ellenbogen, Schlägen, Fußtritten, Taschengelddiebstählen, Erpressungen und der Gefahr von unberechenbaren Übergriffen Erwachsener und älterer Jugendlicher schützen. Das ungefährliche Leben in einer ordentlichen und sicheren Familie kannte ich nicht. Deshalb war es mir unmöglich, mich von Heute auf Morgen umzustellen. Wie soll ein junger Mensch eine neue Situation in die er von Heute auf Morgen hinein gerät sofort richtig meistern?

Ich glaube, die meisten Mütter und Väter auf der Sonnenterrasse der Ausflugsgaststätte erleben etwas ganz anders, als das was der Vater mit mir erlebt hatte. Das harmonische Bild vor mir erweckt den Eindruck, dass im familiären Zusammenleben gegenseitige Abwehr unnötig ist. Weil ich keine Ahnung von diesem Zusammenleben hatte, war ich davon ausgegangen, dass mein Abwehrverhalten gegenüber Erwachsenen weiter notwendig ist.

Für den Vater war meine Sprache Herausforderung und Provokation gewesen. Ich hatte gesprochen, wie es unter Jugendlichen damals für mich normal gewesen war. Für den Vater war das ein schockierendes Vokabular. Es war das Vokabular eines entwurzelten pubertierenden Jugendlichen. Wegen ihm war unsere Beziehung nie zustande gekommen. Schon nach wenigen Tagen hatte ich mich nicht mehr getraut ein Gespräch mit dem Vater zu beginnen. Der Vater hatte mir gesagt, dass er mein Gerede nicht hören will. Der Vater ist ein sehr gescheiter Mensch. Er möchte sich nicht mit einem Jugendlichen der eine so dumme Sprache spricht unterhalten. Deshalb hatte ich schnell begonnen, dem Vater aus dem Weg zu gehen. Ich wusste welche Sprache der Vater bräuchte. Die konnte ich aber nicht sprechen. Deshalb mied ich die Begegnung wo immer es möglich war. Mit dem Vater hatte ich jahrelang nur die alltäglichen Sätze gesprochen: „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“. Die vergangen Jahre hatten der Vater und ich nebeneinander her gelebt. Wir hatten nichts miteinander zu besprechen. Irgendwann hatte sich meine Anwesenheit in der Familie für den Vater zu einer Art „Duldung“ entwickelt. Ich war geduldet gewesen, bis zum heutigen Tag, an dem ich abgeschoben werde.

Auch meine Beziehung zur Mutter hatte sich mit den Jahren verschlechtert. Mit mir hatte es in der Familie nicht so funktioniert, wie es die Vorstellungen der Mutter gewesen waren. Ich glaube beide, Mutter und Vater hatten gedacht, dass sie auf mich mehr EinFluss nehmen könnten. Ich habe mich nicht so entwickelt, wie sie es sich gewünscht hatten. Anstatt mit sehr kurzen Haaren auf dem Kopf durch den Ort zu laufen, hatte ich stets längere Haare getragen. Anstatt am Wochenende mit in ein klassisches Konzert zu fahren, war ich lieber zu Hause geblieben. Anstatt im Geschäft einen ordentlichen Anzug auszusuchen, um mit in ein Theaterstück gehen zu können, hatte ich lieber eine Jeans gekauft. Die Eltern hatten von mir ganz anderes erwartet. Ich war zu einer Enttäuschung für sie geworden.

Alles wäre nicht so schlimm geworden, wenn nicht dieser Eindruck entstanden wäre: Die Eltern zu hintergehen. Mit fehlten von Beginn an Moral und Anstand. Davon hatte ich viel zu wenig. Die Eltern hatten davon sehr viel. Von mir hatten sie davon auch sehr viel erwartet. Für ein vernünftiges Leben ist ein hohes Maß an Moral und Anstand notwendig. Die Mutter war enttäuscht von meinen Eskapaden und meinen Einstellungen, die ich aus der Jugendgruppe nach Hause gebracht hatte. Die Eskapade, als ich mich aus meinem Zimmerfenster abgeseilt hatte war moralisch das schlimmste für die Eltern. Sie waren erschüttert, wegen der Tiefe dieses Vertrauensbruchs. Dass ich von Zuhause flüchte, ohne Erlaubnis einzuholen. Ich hatte die Eltern schlimm hintergangen. Das war der Gipfel der Verlogenheit. Die gesamten fünf Jahre bei den Eltern erscheinen der Mutter und dem Vater heute, an meinem achtzehnten Geburtstag, als ein einziger riesiger Vertrauensbruch. Das Vertrauen, das die Eltern in mich gesetzt hatten, indem sie mich in ihrem Hause aufgenommen haben, hatte ich über die vergangenen Jahre missbraucht und mit Füßen getreten. Mir fehlt jeder moralische Anstand.

Weil ich oft nicht so gewollt hatte, wie sie es von mir erwartet hatten, ist all das, was ich in den vergangenen Jahren getan hatte, für beide Eltern vollkommen verwerflich. Ich habe nicht, wie sie es vorgeschlagen hatten, eine Bewerbung für eine Ausbildung bei der Armee des Landes geschrieben. Stattdessen war ich in den vergangenen Jahren in einer Jugendgruppe an Aktionen beteiligt gewesen, die gegen weitere Atomraketenrüstung gerichtet waren.

Meine Konfirmation: Sie hatte im zweiten Jahr bei den Eltern stattgefunden. Sie war zu einem anstrengenden Streit zwischen uns ausgeartet. Anders als es die Eltern erwartet hatten, war ich von Beginn an nicht begeistert von der Idee gewesen mich überhaupt konfirmieren zu lassen. Ich wollte genau wissen was das bedeutet. Das war mein Problem. Eine Woche vor dem Termin hatte ich immer mehr Zweifel gehabt am Sinn dieser Sache. Ich wollte die Konfirmation um ein Jahr verschieben. Die Eltern hatten aber bereits Verwandte eingeladen. Die meisten von denen wollte ich am Tag der Konfirmation aber gar nicht sehen. Ich wusste nicht, was man da feiern soll. Warum? So fragte ich frech, warum feiern und Verwandte einladen, für eine Sache, an der man solch große Zweifel hat? Anstatt reibungslos an den Vorbereitungen für das Fest teilzunehmen, wie es der Wunsch der Eltern gewesen war, hatte ich grundsätzlich daran gezweifelt. Ewig habe ich herum überlegt. Viele Gespräche mit dem Sohn des Pfarrers habe ich geführt. In den Gesprächen war ich auf die Idee gekommen, dass ich das Ganze um ein Jahr verschieben sollte. Weil ich die bevorstehende Konfirmation viel zu ernst genommen hatte, entwickelte schließlich selbst der Pfarrer wegen meiner Zweifel Bedenken. Die Eltern waren schockiert. Was hatten sie da für einen missratenen Sohn aufgenommen? Der treibt es soweit, dass selbst der Pfarrer anfängt zu zweifeln! Unglaublich. Die Eltern besuchen regelmäßig, mindestens wöchentlich die Kirche. Meine Zweifel, die ich anstatt sie zu verbergen offen gelegt hatte, wirkten wie ein Anschlag gegen ihren Glauben. Es schockierte die Eltern, dass ich mit Zweifeln und Fragen versah, woran sie fest glaubten. Die Eltern konnten nicht verstehen, welche Zweifel ich hatte. In ihren Augen waren meine Zweifeln nicht ernst zu nehmen. Sie waren eine Provokation. Ich glaube für die Eltern war das eine der großen vielen Enttäuschungen. Wollte ich die Eltern provozieren? Ja, ich wollte sie dazu provozieren, mit mir über die Konfirmation offen zu reden. Dazu ist es nicht gekommen. Weil mir schnell klar geworden war, dass Reden nicht möglich war und dass es für die Eltern absolut nicht akzeptabel gewesen war meine Konfirmation aufzuschieben, hatte ich schließlich zugestimmt. Weil an dem Tag stattfand, was ich eigentlich nicht gewollt hatte, war ich schlechter Laune. Die eingeladenen Verwandten der Eltern waren begeistert gewesen von meinem Konfirmationsanzug. Ich trug den Anzug widerwillig. Das feierliche Kuchenessen mit den Verwandten fand nachmittags planmäßig statt. Die Eltern hatten an diesem Tag einen unwilligen, trotzigen Jugendlichen zu Hause. Der Tag war für uns alle fürchterlich.

Meine Sprache habe ich in den Jahren verändert. Die Mauer habe ich abgebaut. Ich will über die Dinge mit den Eltern ins Gespräch kommen. Um das zu erreichen habe ich ihre Sprache angenommen. Ich habe eingesehen, dass meine Sprache aus dem Kinderheim nicht weiter notwendig ist. Trotzdem ist bis heute kein Verstehen zwischen den Eltern und mir möglich geworden. Es reicht nicht aus die Mauer meiner Sprache zu durchbrechen. Ich müsste mich viel stärker an den Willen, an die Meinung, an das ganze Familienleben bei den Eltern anpassen. Ich glaube vieles bei den Eltern wäre leichter gewesen, wenn ich in der Schule und der Jugendgruppe nicht nur gelernt hätte zu reden und zu diskutieren, sondern wenn ich gelernt hätte gegenüber den Eltern nachzugeben. Wenn ich gelernt hätte, dass keinerlei Widerstand gegen die Eltern notwendig gewesen wäre, und wenn ich deren Leben in der Familie einfach friedlich und ruhig mit ihnen gelebt hätte, ich glaube, dann wäre es für uns alle einfacher gewesen. Ich glaube, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, dann würde ich heute nicht unterwegs sein um diesen Wagen auszuborgen. Heut würde ich mit Freunden meinen Geburtstag feiern und anschließend zu den Eltern nach hause kommen, anstatt mein Leben bei den Eltern abzuschließen.

8. Ein geliehener Wagen

Den Höhenwanderweg durchtrennt eine schmale Schotterpiste. Nach rechts biege ich auf diese ab und laufe mit großen Schritten hinab. Die Schotterpiste führt steil hinunter. Nach fünfzig Metern erreiche ich eine scharfe Rechtskurve. Von hier führt parallel zum Berghang eine Einfahrt zum Haus von Martinas Eltern. Auf dem kleinen Vorplatz am Haus sehe ich schon von weitem den grünen, alten Peugeot.

Vielleicht beobachtet mich Martina von ihrem Fenster aus, wie ich in riesigen Schritten die Schotterpiste runter laufe. Ich habe es nicht eilig. Der heutige Tag ist nicht für Eile geeignet, so denke ich und nehme dabei die letzten großen Schritte auf der steil abfallenden Schotterpiste. Ich lausche dem Rhythmus meiner dunkelbraunen Halbschuhe, wie sie knirschend den groben hellen Kies des Weges bearbeiten. Den heutigen Tag sollte ich keineswegs eilig durchlaufen. Auf gar keinen Fall sollte ich rennen. Heute ist es mir wichtig noch einmal an meinem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen, was ich hier abschließe. Ich nehme mir die Zeit darüber nachzudenken, warum ich heute die Aufgabe habe die Eltern wieder zu verlassen. Den Schotterweg laufe ich trotzdem sehr schnell runter. Ich passe mich dem Tempo an, welches das steile Gefälle meinen Füßen vorgibt.

Auch das hatte ich in den Jahren bei den neuen Eltern gelernt und auch dagegen hatte ich mich gewehrt: Das wunderschöne gebirgige Land zu durchwandern und dabei den Laufschritt dem Rhythmus der gebirgigen Landschaft anzupassen. Die Wanderausflüge am Wochenende mit den Eltern hatten mir nur am Anfang Spaß gemacht. Es hatte mir Freude gemacht vorauszulaufen und dann an irgendeiner Ecke immer wieder auf die Eltern zu warten oder sie mit einem Sprung aus einem Gebüsch zu überraschen. Nach drei oder vier Ausflügen mit den Eltern hatte ich schließlich die Lust daran verloren, ohne dass ich einen Grund dafür finden konnte. Ich glaube, es könnte die Langeweile gewesen sein, die sich bei mir eingestellt hatte. Der Reiz nach einem schweißtreibenden Anstieg zusammen mit den Eltern oder schneller als die Eltern eine Berghütte zu erreichen war eines Tages verschwunden. Ich fand es langweilig, den herrlichen Ausblick mit den Eltern von einer Aussichtsterrasse über die Berggipfel in das Tal zu genießen.

Die Wirte der Hütten auf den Gipfeln waren den Eltern oft gut bekannt. Sie waren Kunden ihres Geschäftes. Die Eltern kannten viele einheimische Wanderer, die wir auf den Berghütten getroffen hatten. Die Eltern stellten mich diesen Menschen vor. Zu Beginn fand ich das noch ganz interessant. Später war mir das unangenehm geworden. Überall im Ort und auf den Bergen waren die Eltern wegen ihres Geschäftes bekannt. Welchen Gipfel auch immer wir erreicht hatten, stets gab es ein Gespräch mit einem Kunden oder einem Bekannten. Irgendwann war mir das zu viel. Ich wollte lieber mit meinen Freunden aus der Jugendgruppe durchs Gebirge wandern.

Das Leben der Geschäftsleute ist das Leben von Menschen die jeder im Ort kennt. Diese Art der Öffentlichkeit war mir unangenehm geworden. Die Eltern hatten für die Kunden ihres Geschäftes nicht nur in ihrem Laden zu sorgen. Bei Kunden die ein eigenes Geschäft oder eine Gaststätte betrieben, waren die Eltern regelmäßig zu Gast. Die Auswahl von Ausflugszielen, der Besuch zum Mittagessen in einer Gaststätte hatte oft den Hintergrund, dass der Betreiber einer Hütte oder Gastwirtschaft Kunde im Geschäft der Eltern war. Mir wurde das zunehmend unangenehm.

Das Wandern durch die Berge macht mir viel Spaß. Ich habe so viel Freude daran entwickelt, dass ich in den letzten zwei Jahren regelmäßig mit einem Freund, den ich durch die Jugendgruppe kennen gelernt hatte, lange Wandertouren über die Gipfel rund um den Ort unternommen habe. Vielleicht war mir der Spaß an den Ausflügen mit den Eltern vergangen, weil ich erkannt hatte, dass die Ziele von den Geschäftskunden bestimmt worden waren. Vielleicht hatte sich wegen der Gespräche der Eltern mit den Geschäftskunden auf den Berghütten oder in den Gaststätten, ohne dass ich es verhindern konnte, ein gewisser Neid oder gar eine Art Eifersucht bei mir entwickelt. Ich konnte nur schwer ertragen, dass die Eltern die Ziele der Ausflüge bestimmten, ohne mich bei ihren Entscheidungen mit einzubeziehen. Das könnte es gewesen sein, was mir schließlich den Spaß an den Unternehmungen mit den Eltern verdorben hatte. Es war nicht nur die Langeweile mit den Eltern zu wandern. Eine gewisse Eifersucht könnte eine Rolle gespielt haben. Die Eltern hatten sich stets bestens mit den Hüttenwirten oder Gastleuten unterhalten. Für die Eltern waren solche Gespräche selbstverständliche alltägliche Routine gewesen. Für mich war es langweilig dabei zu sitzen. Vielleicht hatte ich deshalb das Gefühl entwickelt, von den Eltern zu wenig Beachtung zu erfahren. Ich war eifersüchtig geworden auf die Geschäftsleute. Mit ihnen zu sprechen war den Eltern wichtig. Mit mir zu sprechen war nicht wichtig. Die Eltern wissen wie sie mit ihren Kunden umzugehen haben. Die Eltern haben gutes Gespür und eine gute Hand für die Pflege ihrer Kunden. Mit ihren Kunden waren die Eltern immer bestens zu Recht gekommen. Mit mir waren sie nicht zu Recht gekommen. Vielleicht hatte mir das den Spaß verdorben. Ich musste erleben und ertragen, dass Eltern bei ihren Kunden bekannt und beliebt sind. Im Ort genießen die Eltern einen sehr guten Ruf, den sie regelmäßig pflegen.

Ich war nicht auf die Idee gekommen, mir den guten Ruf der Eltern zu nutze zu machen. Wenn wir unterwegs waren und auf Kunden und Bekannte trafen, hatten die Eltern mich immer vorgestellt. Ich hätte eine Chance gehabt. Ich hätte mich an den Kontakten beteiligen können. Aber mir waren diese Kontakte unangenehm geworden.

Martina steht in der offenen Eingangstüre. Gemächlich nehme ich die wenigen Treppenstufen bis zu ihr hinauf. Martina erwartet mich. Ich reiche Martina lächelnd die Hand. Ich werfe dabei einen flüchtigen Blick auf meine Armbanduhr. Ich bin pünktlich. Minutengenau komme ich an, so wie ich es vereinbart hatte. Obwohl ich heute keine Eile habe bin ich pünktlich.

Zu spät zu kommen war nie meine Art gewesen. Geregelte Zeiteinteilung und Ordnung in meinem täglichen Alltag bei den Eltern musste ich nicht erst neu erlernen. In meinem Kopf hatte es schon immer eine Ordnung gegeben. Meine Ordnung hat mir stets geholfen, meinen Lebensalltag im Griff zu behalten. Neben meiner Sprache als meine Schutzmauer, war meine innere Ordnung ein wichtiger Pfeiler, der mich nie im Stich gelassen hat. Meine innere Ordnung habe ich im Kinderheim entwickelt. Ablehnung und Schläge, die ich dort erfahren hatte ordnete ich in mein Ordnungsprinzip in meinen Kopf ein. Dort hatte ich mir vielerlei Begründungen und Erklärungen zu Rechtgelegt. Dort hatte ich die Haltungen der Menschen, die mich und andere quälten gespeichert und geordnet. Meine innere Ordnung tickte viele Jahre lang, wie ein unzerstörbares Uhrwerk. Situationen tiefster Verzweiflung habe ich mit meiner inneren Ordnung bewältigt. Schläge des Heimleiters, Gewalt von älteren Jugendlichen, Hass und Chaos um mich herum, das alles ordnete ich in meinen Kopf ein. Meine Ordnung fußte auf einem einfachen Prinzip: Alles was ich erlebte musste begründbar sein. Konsequente Suche nach Gründen für das was ich um mich herum sah und erlebte schaffte Ordnung. Wenn ich in meinem Kopf sagen konnte, „der macht das, weil…“, dann hatte ich ein Stück Freiheit in meinem Kopf gefunden. Ich habe in meinem Kopf das, was ich erlebt hatte, was mir angetan wurde nach meinem Denken geordnet. Wenn ich da etwas nach meinem Denken geordnet hatte, dann ordnete ich mich nicht dem Vorhaben des gewalttätigen Heimleiters unter. Ich dachte trotz seiner Gewalttätigkeit weiter. Ich dachte vor allem deshalb weiter. Mit dem Denken kommt Freiheit und es verschwindet Hilflosigkeit. Damit verschwindet das Gefühl dem anderen ausgeliefert zu sein. Damit erscheint das Gefühl frei zu sein, denn ich weiß warum der andere tut, was er tut. Im Kopf hatte ich jahrelang für all das was geschah immer Begründungen gefunden. Mein Denken hatte mir zuverlässig dabei geholfen, nicht zu verzweifeln und aufzugeben, sondern immer wieder zu mir selbst zurück zu finden. Aus unerklärlichem Grund war mein Kopf immer pünktlich zur Stelle, um zu mir zu sagen, dass ich nicht aufgeben darf. Oft sagte ich zu mir selbst, dass ich deshalb beste Chancen habe das gewalttätige Leben in dem Kinderheim zu überstehen. Genau so ist es gekommen.

Ich weiß nicht wie meine innere Ordnung entstanden ist. In meiner Erinnerung an mein Leben in dem Kinderheim finde ich keine greifbare, sichtbare Erklärung. So zu denken, wie ich damals immer gedacht hatte, war meine Überlebensstrategie. In dem Kinderheim war für mich keinerlei Perspektive erkennbar. Trotzdem hatte kein Schlag in mein Gesicht und kein Fußtritt gegen mich dazu geführt, dass ich meine innere Ordnung aufgab.

Meine innere Ordnung hatte Auswirkung darauf, wie ich meine äußere Welt sah. Trotz vorgegebener Orientierung an Maßstäben von Gewalt, Macht und Hass gegenüber Kindern, welchen ich in dem Kinderheim über viele Jahre ausgesetzt war, hatte ich immer gewusst, wie ich das einzuordnen habe. Hatte ich mich daran beteiligt schwächere Kinder ungerecht zu behandeln, so wie es alltägliches Grundprinzip in dem Kinderheim gewesen war, beschwerte sich sofort meine innere Ordnung darüber: Wenn ich ungerecht gehandelt habe trat mein Gewissen auf den Plan. Aus meiner inneren Ordnung war über Jahre auch eine äußere Ordnung geworden. Pünktlichkeit im Alltag war mir nie schwer gefallen. Neben dem Chaos aus Macht und Gewalt gab es in dem Kinderheim auch vorgegebenen Uhrzeiten. An die hatte sich jeder zu halten. Alltägliche Verrichtungen waren immer an bestimmte Uhrzeiten geknüpft. Vom Aufstehen über das Zähneputzen, vom Frühstück über den Schulbesuch, vom Mittagessen, über die Hausaufgaben, war der ganze Tag in Uhrzeiten eingeteilt. Das hatte ich als Unterstützung empfunden. Vielleicht habe ich darüber zu meiner inneren Ordnung gefunden. Für mich war der immer gleiche Rhythmus des Tages ein fester Fels im Alltag meines Kinderheimlebens gewesen. Egal welche Gewalttaten ich tagsüber erlebt hatte, die Uhrzeiten von Frühstück, Schule, Mittagessen, Hausaufgaben, Schuhputzen, Abendessen und zu Bettgehen, waren immer geblieben. Das ergab ein Bild der Sicherheit. Mein alltäglicher Tagesablauf war sicher gewesen. Täglich war er gleich geblieben. In meinen Kopf war ein klares Ordnungsprinzip entstanden.

In meinem Kopf ordnete ich die Gewalttaten des Heimleiters als vorgegebenen, alltäglichen Ablauf ein. Schläge, Tritte, Gehässigkeiten, Übergriffe, Beschimpfungen, Einsperren, Ausgangsverbote, Strafarbeiten. Das war alles alltäglich, wie Morgens um sechs Uhr aufzustehen und am Abend um neun Uhr das Licht zu löschen. Es gab keinen Menschen, der das verhindern konnte. Es gab keinen der das verhindern wollte. In meinem Alltag im Kinderheim war das normal gewesen. Es war auch normal gewesen, dass der Heimleiter seine Lieblinge hatte, die er vermeintlich besser behandelte. Es war normal und alltäglich gewesen, dass der Heimleiter, vielleicht als Gegenleistung dafür, dass er sie nicht schlug, gegenüber seinen Lieblingen immer zutraulicher geworden war. Und es war normal, dass kein Mensch da gewesen war, der das merkte und sagte, dass es nicht normal ist, dass der Heimleiter nachts im Zimmer einer Heimbewohnerin verschwand. Dass jemand Gewalt an Kindern in dem Kinderheim verübte, sich austobte und sich wie auch immer durch Gewalt befriedigte war für mich lange Zeit alltäglich und normal gewesen. In meinem Kopf war das genauso vorgegeben, wie die täglichen Uhrzeiten. Deshalb, so glaube ich heute, musste für mich damals immer klar gewesen sein: All die Gewalt um mich herum zertritt mich nicht wirklich. Wenn ich anderes gedacht hätte, hätte ich das wohl nicht überlebt vor Angst. Warum habe ich so gedacht und wie habe ich gedacht? Aus gleichem Grund, wie ich gelernt hatte, dass Uhrzeiten geschaffen waren, weil sie notwendig waren, lernte ich, dass auch Gewalt und Übergriffe geschaffen seien, weil sie der Ordnung wegen dazu gehörten. Ich glaube, so hatte ich damals darüber gedacht. Alltägliche Uhrzeiten und alltägliche Gewalt waren nicht wegen mir oder wegen anderer Kinder in dem Kinderheim geschaffen worden. Sie waren vorgegeben vom Heimleiter und deshalb normal, sie mussten von niemandem begründet werden. Sie entstammten einer höheren Ordnung. Diese Ordnung, so hatte ich damals gedacht, gab es nicht nur in meinem Kinderheim. Lange Zeit glaubte ich, dass solche Ordnung überall existiere. Tugenden wie tägliche Pünktlichkeit tägliche Ohrfeigen, Kopfnüsse, Schläge und Fußtritte sind die originären Maßstäbe im alltäglichen Umgang aller Menschen miteinander. Das glaubte ich, weil ich das nicht anders kannte. Weil ich das glaubte überlebte ich. Im Kinderheim war ich niemals auf die Idee gekommen, dass nicht rechtens ist, dass der Stärkere sich vom Schwächeren nimmt, was er gebrauchen kann.

Ich erinnere mich, dass ich damals geglaubt hatte, die Ordnung der Welt, dank der Ordnung in meinem Kinderheim gut verstanden zu haben. In den Nachrichten im Fernsehen hatte ich hin und wieder gesehen, dass es weltweit Kriege und Armut gibt. Wir, so hatte ich damals verstanden, hatten großes Glück im Reichtum zu leben. Genauso wie der Heimleiter die schwächeren Menschen, nämlich uns Kinder, regelmäßig verprügelte und daran seine Freude hatte, sah für mich die Ordnung der Welt in den Fernsehnachrichten aus. Wir, die Reichen in dieser Welt sind diejenigen, die sich bei den Armen der Welt holen, was wir meinen zu brauchen. Wenn die Armen sich dagegen wehren, so hatte ich damals die Nachrichten verstanden, gab es Krieg. Die Reichen wandten Gewalt an um sich zu holen, was ihnen der Ordnung nach zustand. Der Heimleiter holte sich bei den Mädchen, was ihm der Ordnung nach zustand. Er schlug auf uns Kinder ein, um sich Macht und Raum, die ihm der Ordnung wegen zustanden, zu verschaffen. Den klaren Regeln dieser einfachen Ordnung hatten wir Kinder zu folgen. Wenn wir der Ordnung nicht folgten gab es Tritte und Schläge, zu denen der Heimleiter berechtigt gewesen war, weil er diejenige Kraft und Macht besaß, die diese einfache Ordnung immer wieder durchsetzte. Im Krieg im Kinderheim war der Heimleiter der Reiche, der sich bei uns Kindern holte, was er glaubte zu benötigen, worauf er glaubte Kraft der herrschenden Ordnung Anspruch zu haben. Der Heimleiter, so glaubte ich jahrelang, tat nichts anderes, als der alltäglichen Ordnung unserer Welt zu folgen. Diese einfache Ordnung sah ich hin und wieder in den Fernsehnachrichten bestätigt. Weil es niemanden gegeben hatte, der auch nur geringste Zweifel an der Ordnung von Macht und Gewalt gegen die Kinder im Kinderheim äußerte, hatte ich keinen Zweifel daran, dass mein Schicksal darin bestand, mich Gewalt und Macht unterzuordnen.

Erst nachdem ich zu den Eltern gezogen war, begann sich die Sicht auf meine alltägliche Welt zu ändern. Die Eltern hatten mit dem, was ich im Kinderheim erlebt hatte nichts gemein. Bei den Eltern war das oberste Gebot nicht, dass ich mich unter zu ordnen hatte. Das wichtigste, so schien es mir, war dass ich lernte etwas zu leisten. Dass ich dazu in der Lage bin, hatten die Eltern schnell erkannt. Das bestätigte sich, weil ich dank deren Förderung binnen eines Jahres die Schule wechseln konnte.

Martinas Familie, ihre Eltern und ihre drei Geschwister waren vor einigen Jahren aus der Großstadt hier her gezogen. Martinas Eltern hatten die Gegend im Urlaub kennen gelernt. Mit dem Umzug erfüllten sie sich einen Traum. In Martinas Familie, das ist seit Jahren mein Eindruck, geht es locker zu. Die Kinder, inzwischen groß geworden, leben nach wie vor in der Familie. Freunde und Bekannte gehen täglich und selbstverständlich ein und aus. Dass ich für meinen Umzug den Wagen borgen kann ist in meinen Augen nicht nur ein Zeichen für Vertrauen, es ist auch ein Zeichen für die lockere Atmosphäre in Martinas Familie.

Ich folge Martina durch das Erdgeschoss hinaus auf die Terrasse. Dort bietet mir Martina eine Tasse Tee an. Ich nehme mir die Zeit für den Tee, denn ich habe sie. Auch Martina und ihre Familie gehören zu meiner Heimat. Der Duft des Tee erinnert mich an kalte Herbsttage. Im letzen Herbst war ich hier mehrmals zu Besuch. Im Wohnzimmer roch es Samstagnachmittags nach Tee. Ich roch den Tee schon, wenn ich im Hauseingang meine regennasse Jacke auszog. Der Tee passt nicht zum heutigen herrlichen Sommertag. Meine Heimat verlasse ich heute. Vielleicht ist es gut, dass Martina heute diesen Tee reicht. Vielleicht ist es gut, dass der Tee nicht zum heutigen Tag passt. Er gehört zu meinen Erinnerungen an die Bilder des Herbstes in diesem Haus. Vielleicht ist es gut, dass Martina diese Bilder jetzt schon durcheinander bringt. Weil ich diese Heimat heute verlasse, werden künftig andere Bilder von meiner Heimat in meinem Kopf entstehen. Alles, was bis heute meine Heimat gewesen war wird durcheinander geraten. Künftig werde ich im Ort Besucher sein. Ich werde nicht mehr bei den Eltern leben. Mein Bild vom Ort wird sich ändern. Ich werde eine neue Sicht einnehmen müssen. Meine Freunde in diesem Ort werde ich künftig aus anderem Blickwinkel sehen und erleben. Nach einem Besuch bei meinen Freunden werde ich künftig nicht mehr selbstverständlich in mein zu Hause bei den Eltern im Ort zurückkehren. Was bislang in diesem Ort für mich so ist, wie es ist, endet heute. Künftig wird es anders sein. Den Ort und die Menschen werde ich künftig ganz anders erleben als bisher.

Auch damals habe ich meinen Blickwinkel verändert. Nachdem ich vom Kinderheim zu den Eltern umgezogen war, hat sich mein Bild von diesem Ort und seinen Menschen verändert. Mein bisheriges Kinderheimleben war von einem auf den nächsten Tag abgebrochen. Obwohl der Ort der gleiche geblieben war, war für mich und mein Leben in diesem Ort alles anders geworden. Schläge und Gewalt, die in meinem Leben selbstverständlich gewesen waren, waren vorbei. Erwachsene, die mir immer Befehle gegeben hatten, und sich nicht dafür interessiert hatten, ob ich eigene Interessen habe, begannen nun meine Interessen zu suchen und zu fördern. Vorurteile, vor denen ich in der Schule jahrelang geflüchtet war, waren plötzlich verschwunden. Meine Schulzeugnisse, die bislang niemanden interessiert hatten, waren plötzlich wichtig geworden. Mein Kinderheimleben war zusammengebrochen.

Heute bricht wieder etwas zusammen. Diesmal ist es mein Leben bei den Eltern, das abbricht. Den heutigen Bruch verstehe ich besser, als den damaligen Abbruch. Weil ich älter geworden bin, kann ich heute schon mehr von dem erkennen, was auf mich zukommt, als es damals gewesen war. Die Entscheidung, dass heute ein Bruch stattfindet erlebe ich heute deutlicher, als den damaligen Wechsel vom Kinderheim zu den Eltern. Für mich wird heute keine ganze Weltordnung zusammenbrechen. Ich werde meine Sicht ändern müssen, Ansprüche zurückschrauben müssen, die Sicherheit der Eltern verlieren. Vermutlich wird daraus neues entstehen. Ich kenne das. Was nach dem Abbruch meines Kinderheimlebens entstand hat mir gut getan.

Auf der Terrasse schenkt mir Martina nicht nur Tee ein, sondern sie überrascht mich mit einem Geburtstagsgeschenk. Sie hat zusammen mit Karin, ihrer Freundin die ich auch durch die Jugendgruppe kennen gelernt habe, einen kleinen Wandteppich für mein neues Zimmer genäht. Ich freue mich riesig. Der Wandbehang wird der erste bunte Fleck in meinem Zimmer werden. Trotzdem ist mir das Geschenk auch ein bisschen unangenehm. Niemals könnte ich den beiden vergleichbares schenken.

Bei den Eltern war es mir stets schwer gefallen, geeignete Geburtstagsgeschenke für sie zu fertigen. Es war deren Anspruch von mir etwas selbst Gebasteltes geschenkt zu bekommen. Die Eltern verfügen über alles, was sie benötigen. Es wäre unglaubwürdig und lächerlich gewesen, wenn ich in einem Geschäft etwas für sie gekauft hätte, um sie an Geburtstagen oder an Weihnachten zu beschenken.

Trotzdem hatte ich dem Vater in den letzten Jahren mehrfach eine bestimmte Schokoladensorte, die er sehr gerne isst, gekauft. Weil der Vater selbst nie zum Einkaufen in den Ort geht, war es ein Leichtes für mich, ihm diese Freude zu machen. Dass er gerne diese Schokolade als Geschenk angenommen hatte, war für mich eine riesige Erleichterung gewesen, denn immer hatte ich größte Schwierigkeiten gehabt, mir für den Vater ein passendes Geschenk auszudenken. Etwas leichter war es bei der Mutter gewesen. Sie konnte ich mit einem selbst gebauten Gartengerät oder einem Gutschein für das Rasenmähen im Garten, oder das Ausstechen eines Gemüsebeetes beglücken. Weil die Eltern sehr wohlhabend sind konnten meine Geschenke keinen materiellen Wert haben.

Hatten meine Geschenke an die Eltern einen anderen Wert? Waren sie ein Zeichen meiner Zuneigung? Oder hatten sie lediglich der Befriedung zwischen uns gedient, weil sie nur den Zweck erfüllten, dass ich der geltenden Regel nachgekommen war, die Eltern an Geburtstagen oder Weihnachten zu beschenken? Diese Fragen waren mir oft durch den Kopf gegangen. Nie konnte ich eine Antwort darauf finden. Weil Martina mich mit einem Geburtstagsgeschenk überrascht finde ich diese Fragen wieder in meinem Kopf.

Ich hatte nie das Gefühl, die Eltern aus Zuneigung zu beschenken. Immer war mit dem Schenken das Gefühl verbunden, dass es sein musste. Es war nie ein ganz freiwilliger Akt. Stets flammten in mir Gedanken daran auf, wie die Eltern reagieren würden, welche Enttäuschung es wäre, wenn ich nichts schenken würde. Diese Gedanken, die Vorstellung davon wie das sein würde, führten in meinem Kopf oft zu einem Inferno. Es geschah etwas in meinem Kopf, das mir bis dahin unbekannt gewesen war. Am Ende hatte eine riesige Explosion stattgefunden, die viel Staub aufwirbelte. War der Staub verschwunden, sah ich in meinem Kopf nichts weiter als schwarze Finsternis. Es schien eine undurchdringliche Finsternis zu sein. Jetzt fällt mir dazu ein, dass dieses Bild vielleicht meine Vorahnung, von der abbrechenden Verbindung gewesen sein könnte, die heute zwischen den Eltern und mir beginnt. Vielleicht hatte ich in meinem Kopf schon immer einen Keil, den ich mehr und mehr zwischen mir und die Eltern trieb. Bevor ich bei den Eltern eingezogen war, hatte ich geglaubt, dass Schenken in erster Linie mit dem materiellen Wert des Geschenkes zu tun habe. Im Kinderheim hatte es die Regelung gegeben, dass ein Kind zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Geschenk im Wert von 20 Mark erhält. Diese Summe war von den Jugendämtern vorgegeben. Das jeweilige Geschenk hatte sich das Kind selbst zu besorgen. An Weihnachten war es dann von den Erziehern eingepackt und unter den Weihnachtsbaum gelegt worden. Am Geburtstag erhielt man das Geld vom Heimleiter und kaufte sich sein Geburtstagsgeschenk.

Schenken war ein Akt, der wie die übrige Ordnung geregelt und vorgegeben war. Es war um Spielzeug im Wert von 20 Mark gegangen, so war die Vorgabe. Um mehr ging es dabei nicht. Andere Bedeutungen waren mir unbekannt gewesen. Weil ich bei den Eltern neue Bedeutungen des Schenkens erkannt hatte, war das Schenken für mich zu einem Problem geworden. Ich habe bis heute nicht geklärt, welche Symbole hinter meinen Geschenken an die Eltern gesteckt hatten. Ich spürte, dass es nicht um den materiellen Wert meiner Geschenke an die Eltern ging. Ich erlernte eine neue Bedeutung des Schenkens. Ich lernte, die Eltern zu beschenken, weil dies in der Familie bei den entsprechenden Gelegenheiten eine feststehende Regel gewesen war. Meine Geschenke an die Eltern hatten eine weitere Bedeutung: Sie waren der Versuch, die von mir befürchtete Finsternis zwischen den Eltern und mir abzuwenden.

9. Die erste Autofahrt

Den Wagen kenne ich von einigen verbotenen Autofahrten. Martina hatte mich öfter ans Steuer gelassen. Es waren zusätzliche Übungsfahrten gewesen, die es mir ermöglicht hatten einige Fahrstunden für den Führerschein einzusparen. Martina hatte mich mehrfach ihren Wagen die steile Bergstraße hinauf steuern lassen. Sie hatte erstaunliches Vertrauen in meine Fahrsicherheit. Ich brauchte sie nicht groß zu überreden mich ans Steuer zu lassen. Während ich die steile Bergstraße hinauf, über die Höhenringstraße zum Haus ihrer Eltern gefahren war, saß sie immer ruhig auf dem Beifahrersitz. Nur einmal, es ist etwa zwei Monate her, war sie unruhig geworden, weil ich einem Reisebus, der die steile Strecke offensichtlich nur mit letzter Mühe bewältigte, zu dicht aufgefahren war.

Vielleicht hatte Martinas Vertrauen in meine Fahrkünste ohne Führerschein damit zu tun, dass sie mich seit Jahren aus der Jugendgruppe kennt. Dort hatte ich sie und ihre Geschwister vor vier Jahren kennen gelernt. Ich glaube, der Eindruck den ich in der Gruppe erweckt hatte, war der eines vernünftigen, ansprechbaren Jugendlichen, dem keiner zutraut, dass er sich auf verantwortungsloses Handeln einlassen würde. Dass ich Martina gebeten hatte, mich ihren Wagen steuern zu lassen, könnte man als verantwortungsloses Handeln bezeichnen. Genau genommen war es eine Anstiftung zu illegalem Handeln gewesen. Bei genauerer Betrachtung, kann man zu der Schlussfolgerung kommen, dass ich einen eindeutigen Gesetzesverstoß begangen habe, in den ich auch Martina verwickelt hatte.

Vielleicht, so denke ich jetzt, neige ich dazu hin und wieder Verbotenes zu tun. Vielleicht, so kommt mir der Gedanke, haben die Eltern so eine Neigung an mir wahrgenommen. Vielleicht habe ich einen gewissen Hang Gesetze und Regeln zu übertreten. Vielleicht habe ich die Eigenart, Gesetze und Regeln die mir im Alltag vorgegeben sind, immer wieder mal einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Vielleicht ist meine Art mit vorgegebenen und sicherlich notwendigen Regeln umzugehen, von einer äußerst kritischen Aufmerksamkeit geprägt. Vielleicht habe ich solche Art Aufmerksamkeit erlernt, weil alle mir Bekannten Regeln, die gesamte Ordnung aus dem Kinderheim plötzlich zusammengebrochen waren, als ich zu den Eltern gezogen war. Regeln und Maßstäbe, damals vom Heimleiter vorgegeben, erschienen bei den Eltern in völlig anderem Licht. Mit den Jahren bei den Eltern wurde mir zunehmend klar, dass die große Welt zwar tatsächlich von Macht und Gewalt regiert wird, dass aber die kleine Alltagswelt in diesem Land zu erheblichem Teil durch andere Gesetze geregelt ist. Der Heimleiter hatte solche Gesetze gebrochen, indem er die Ordnung der Welt, wie sie mir aus der Nachrichtenberichterstattung über die Kriege in unserer Welt bekannt gewesen war, in sein von ihm geführtes Kinderheim übertrug. Das erkannte ich erst Jahre später bei den Eltern.

Vielleicht neigt ein Kind wie ich dazu, wenn es solchen Bruch erlebt hat, eine vorgegebene Ordnung nicht mehr ganz so ernst zu nehmen. Wer sagt mir, dass die bei den Eltern vorgegebene Ordnung nicht eines Tages zusammenbricht? Vielleicht ist auch diese Ordnung einfach falsch? Vielleicht bin ich geschädigt, weil ich so denke. Vielleicht muss ich immer an vorgegebenen Regeln kratzen, weil ich bei den Eltern erkennen musste, dass eine Ordnung, die dem Kind jahrelang galt, nicht nur zusammenbricht, sondern gar nicht rechtens im Sinne der Gesetze dieses Landes war. Während der vergangen fünf Jahre hatten die Eltern vielleicht mit Recht erkannt, dass ich in der ständigen Gefahr lebe, wegen meiner Vergangenheit, wegen meines daraus resultierenden Denkens und Handelns, in das Leben eines Gesetzesbrechers abzurutschen.

Ich habe das damals beim Fahren ohne Führerschein nicht so gesehen und ich glaube auch Martina hat das nicht gesehen. Sie weiß wegen unserer Zeit in der Jugendgruppe, dass ich vernünftig bin. Deshalb war mein Fahren ohne Führerschein für Martina kein schlimmer Gesetzesbruch. Es war klar gewesen, dass ich ihren Wagen mit größter Vorsicht steuern würde. Das hatte ich immer getan. Martinas Vertrauen habe ich nicht enttäuscht, obwohl ich etwas Gesetzwidriges getan hatte. Es hätte für uns beide unangenehme Konsequenzen gehabt, wenn dabei etwas passiert wäre. Es war niemals etwas passiert. Es hatte uns niemals jemand dabei beobachtet. Niemand hat beobachtet, dass ich es gewesen war, der den kleinen grünen Peugeot fahrerseitig verlassen hatte. Das Fahrzeug habe ich oft samstags in der Dunkelheit der Nacht, nachdem ich Martina in der Disco bei Jörg getroffen hatte, auf dem Parkplatz vor dem Haus ihrer Eltern abgestellt.

Ich glaube, Martinas Eltern bieten ihre elterliche Unterstützung an, indem sie den Kindern notwendige Freiräume gewähren, ohne dass diese von den Kindern erkämpft werden müssen. Während sie das tun bleiben sie mit ihren Kindern in gutem Kontakt. So schaffen es Martinas Eltern viel Streit und Belastung von vorn herein zu vermeiden. So erreichen sie es, dass sie ihre Kinder nicht rauswerfen müssen. Martinas Eltern entwickeln nicht das Gefühl, dass die Kinder ihnen über den Kopf wachsen und der Kontakt zu den Kindern von Ohnmacht, Ratlosigkeit und vielleicht sogar Hass gezeichnet ist. So scheinen sie es geschafft zu haben, dass Martina, die bereits neunzehn Jahre alt ist, gerne bis zum Ende ihrer Schulzeit bei ihren Eltern wohnen möchte.

Es wäre gelogen, wenn ich jetzt, während ich im Wagen von Martina sitze, versuchen würde zu denken, dass Martina mich nur wegen der Jugendgruppe, in der wir beide Mitglieder waren, oder gar nur wegen ihres Autos, mit dem sie mir zusätzlich Fahrstunden gegeben hatte, interessiert. Es ist eindeutig, dass ich mich in sie verliebt habe. Während ich Martina vor wenigen Minuten auf der Terrasse ihrer Eltern gegenüber saß, und wir gemeinsam Tee tranken, hatte ich kurz daran gedacht. Ich saß zurückgelehnt im Stuhl und unterhielt mich mit ihr über den voraussichtlichen Ablauf des heute vor mir liegenden Nachmittags. Ich lehnte ihr Angebot ab, mir bei meinem Umzug zu helfen. Ich erklärte, dass ihre Hilfe nicht notwendig sei, weil es sich nur um eine spärliche Menge an Umzugsgut handle.

Vor Minuten, auf der sonnigen Terrasse, hätte ich die Frage aufklären können, ob auch Martina sich in mich verliebt hat. Vielleicht hätte ich gerade klären können, was zwischen uns beiden los ist. Am heutigen herrlichen Sommertag hätte ich es schaffen können, Martina zu sagen, dass es gut und schön wäre, wenn ich meinen heutigen Weg begleitet von ihr machen könnte. Dazu war ich nicht in der Lage. Stattdessen täuschte ich Sachlichkeit vor. Angeblich ist es nicht notwendig, dass Martina mir heute beim Umzug hilft. Angeblich habe ich heute zu wenig abzutransportieren. Das alles ist völliger Unsinn! Ich habe jede Menge abzutransportieren. Mein Leben bei den Eltern und mein Leben in diesem Ort habe ich heute abzutransportieren. Das ist jede Menge! Da könnte die Hilfe eines vertrauten Menschen nicht schaden. Im Gegenteil: Sie wäre gut. Martinas Hilfe würde mir einiges erleichtern. Vielleicht würde solche Hilfe einiges an Gewicht aus meinem Kopf nehmen, welches ich dem heutigen Tag beimesse. Sicherlich würde mir Martinas Begleitung am heutigen Umzugstag einiges leichter machen. Ihr Angebot habe ich abgelehnt. Martinas Wagen steuere ich gemächlich auf der Höhenstraße durch die breiten Kurven. Martinas Angebot mich am heutigen Tag zu begleiten abzulehnen hat einen Grund. Dass ich mich in sie verliebt habe ist völlig klar. Absolut nicht klar ist, dass auch Martina Gefühle für mich hat. Sie wollte mir beim Umziehen behilflich sein und mehr nicht. Es gibt eine freundschaftliche Beziehung zwischen uns. Martina ist diejenige von der ich heute ein Geburtstagsgeschenk bekommen habe. Ich sollte mich davor hüten, von mehr als einer freundschaftlichen Beziehung auszugehen. Auch Karin war an dem Geschenk beteiligt. Sie kenne ich ebenfalls durch die Jugendgruppe. Beide haben sich einfallen lassen, dass mir ein bunter Tupfer an den kahlen Wänden in meinem neuen Zimmer nicht schaden wird. Das tut er bestimmt nicht.

Es wäre schön gewesen, wenn zwischen den Eltern und mir in den vergangenen Jahren ein Stück mehr Vertrauen entstanden wäre. Ich glaube, zu Vertrauen zwischen den Eltern und mir war es nicht gekommen, weil für die Eltern die Verantwortung, die sie für mich übernommen hatten, so schwer wog, dass daraus anstatt Vertrauen Misstrauen erwachsen war. Misstrauen zwischen uns war entstanden, weil die Eltern sehr schnell von mir enttäuscht gewesen waren. Misstrauen entstand auch, weil ich anders gewesen war, als sie es sich erwartet hatten. Als ich zu den Eltern gekommen war, befand ich mich auf dem Wege einer schlechten Entwicklung. Ich glaube für die Eltern war ich ein armseliges und irgendwie gefährdetes Kind aus dem Heim. Die Mutter benutzt gerne das Wort „gefestigt“. Bei mir war damals nichts „gefestigt“. Eher war ich ein Risiko. Ich war ein schwer verunsicherter Jugendlicher und für die Eltern war mit meiner Aufnahme in ihr Haus eben solche Unsicherheit verbunden. Es wäre möglich gewesen, dass ich den Weg eines intoleranten Draufgängers zu mache. Es wäre möglich gewesen, dass ich mich im Haushalt der reichen Eltern zu einem arroganten und wohlstandsverwahrlosten Jugendlichen entwickle. Ich kenne solche jungen Menschen. Sie nehmen alles Materielle mit, das die Eltern ihnen bieten. Sie gewöhnen sich an diese Überversorgung. Das geht soweit, dass es den jungen Menschen regelrecht schadet, alles zu haben. Die Wertschätzung gegenüber den Eltern geht langsam verloren und die Wertschätzung gegenüber den materiellen Dingen. So entstehen Bindungslosigkeit, manchmal sogar Hass. Ich wurde nicht zu einem wohlstandsverwahrlosten Menschen. Ich zeigte oft meine Dankbarkeit gegenüber den Eltern. Aber ich glaube, meine Art wie ich dankte und dabei immer selbständiger wurde, war für die Eltern nicht geeignet. Meine Ablösungsschritte führten bei den Eltern zu Ängsten. Die Eltern befürchteten, dass ich abrutschen könnte und einen schlechten Weg nehmen könnte.

Das Misstrauen der Eltern war deutlich spürbar. Ich hatte es gespürt, wenn die Mutter mit mir nachmittags meine Hausaufgaben durchgesehen hatte. Ich spürte Misstrauen, wenn ich mit der Mutter mein Haushaltsgeld abgerechnet hatte, dass für den regelmäßigen Einkauf von Kleinigkeiten für Haushalt und Schule vorgesehen war. Vielleicht war das Misstrauen der Mutter berechtigt gewesen. Ab und an verspürte ich tatsächlich die Versuchung, die Kosten für von mir für den Haushalt eingekaufte Waren zu einem höheren Preis in mein Haushaltshefchen einzutragen, als es der Wahrheit entsprochen hätte. Dieser Versuchung war ich nie erlegen. Vielleicht gab es dafür nur einen Grund: Alle gekauften Waren musste ich unter Vorlage des Kassenzettels in mein Haushaltsheftchen eintragen. Regelmäßig rechnete die Mutter das Heftchen mit mir ab. Vielleicht hatte die Mutter meine Versuchung gespürt. Vielleicht bin ich wirklich ein hochgradig gefährdeter Mensch gewesen. Vielleicht hätte ich das Haushaltsgeld veruntreut. Vielleicht waren Misstrauen und regelmäßige Kontrolle meines Haushaltsheftes unabdingbar notwendig. Um mich vor dem Abrutschen in Kriminalität zu bewahren, um mich zu Ehrlichkeit und Genauigkeit im Umgang mit dem Geld zu erziehen, benötigte ich genaueste Kontrolle. Die Mutter musste erkannt haben, dass Geld in meinen Händen, für die Einkäufe im Haushalt, ein Risiko bedeutete. Aber sie hatte ebenso die wichtige Aufgabe erkannt, mich von der Gefahr zu lügen und zu betrügen abzubringen. Deshalb hatte sie mir einen Etat an Haushaltsgeld anvertraut. Allerdings nicht ohne meinen Umgang damit genau zu kontrollieren. Die Mutter musste es als ihre Aufgabe erkannt haben, mich zu verantwortlichem Umgang mit Haushaltsgeld zu erziehen. Die Mutter hatte mir ein, gemessen an meiner Vergangenheit im Kinderheim, riesig großes Stück anvertraut: Eigenes Haushaltsgeld. Die Mutter hatte mir einen Teil des Haushaltsgeldes regelmäßig anvertraut und das war gut so. Nur wegen dieser Art Vertrauen und der mütterlichen Art Kontrolle konnte ich lernen, dieses Geld nicht zu veruntreuen. So muss ich das sehen! Die Mutter hatte so gesehen Vertrauen in mich, dass sie regelmäßig durch Kontrolle überprüfte und stärkte, deshalb hatte sie mir einen Teil des Haushaltsgeldes anvertraut. So ist es gewesen! Die Mutter hatte das Geld mit mir alle zwei Wochen abgerechnet. Das war nicht allein deshalb notwendig, weil sie mir misstraut hatte. Sondern weil es vollkommen normal war, dass wir zusammen noch einmal meine Rechnungen überprüfen, um gemeinsam festzustellen, dass alles richtig war. Diese gemeinsame Feststellung war Voraussetzung dafür, dass mir die Mutter eine neue Summe anvertraut hatte. Mit dem Geld kaufte ich samstags oder nachmittags nach den Hausaufgaben, Lebensmittel für den Haushalt ein.

Vielleicht ist das Misstrauen zwischen den Eltern und mir entstanden weil ich denke, wie ich denke. Ist Misstrauen zwischen uns entstanden, weil ich damals genauso gedacht hatte, wie ich es noch heute tue? Vielleicht liegt darin ein entscheidender Schlüssel. Meine Art zu denken könnte mir viele Türen zu den Eltern verschlossen haben. Meine Art zu denken, ein Fehler. Woher kommt meine Art zu denken? Warum oft so viele Gedanken, wo vielleicht weniger besser wären? Vielleicht hätte ich nach dem Kinderheim erst einmal aufhören sollen zu denken. Vielleicht wäre es bei den Eltern besser gelaufen, wenn ich pausiert hätte. Meine Art zu denken, zu erklären, welche im Kinderheim gewachsen war, könnte für das Leben bei den Eltern genau falsch gewesen sein. Vieles bei den Eltern habe ich wahrscheinlich falsch in meinem Kopf erklärt. Ich habe zwar meinen Blickwinkel aus dem ich das Leben sah mit dem Umzug zu den Eltern geändert, aber nicht mein Denken. Mein Denken, das vielleicht im Kinderheim für mich überlebenswichtig gewesen war, könnte bei den Eltern tödlich gewesen sein.

Ich will versuchen anders zu denken. Vielleicht wäre es damals gut gewesen so zu denken: Die Mutter hat gutes Recht das Haushaltsgeld noch einmal mit mir durchzurechnen, obwohl ich bereits zweimal nachgerechnet habe. Eigentlich bin ich ja nur deshalb so genau und rechne zweimal nach, weil ich weiß, dass die Mutter noch einmal nachrechnet. Das schadet nicht, denn so lerne ich zu rechnen! Es ist nicht nur das Recht der Mutter sich zu vergewissern, dass ich das anvertraute Haushaltsgeld richtig berechnen kann, sondern es ist das Recht der ganzen Familie. Meine Einkäufe mit dem Haushaltsgeld dienen der ganzen Familie. Warum denke ich immer an Misstrauen, wo die Mutter nur tut, was recht und notwendig ist: Es ist notwendig und vollkommen rechtens, dass die Mutter mich, ihren neuen Sohn genau kontrolliert. Es wäre schlimm, wenn die neuen Eltern nicht kontrollieren würden, was ich tue. Vielleicht wäre es sogar gefährlich, würden sie mich nicht kontrollieren. Durch Kontrolle lerne ich mich richtig zu verhalten. Die Eltern erkennen durch Kontrolle, dass ich mich gut entwickele. Wenn sie das erkennen, können sie ihre Kontrolle lockern. So entsteht Vertrauen.

So hätte ich damals denken müssen! Aber durch ihre Kontrolle hatten die Eltern nicht festgestellt, dass ich mich gut entwickelte. Ihre Kontrolle konnten die Eltern nicht vermindern. Weiterhin musste ich kontrolliert werden.

Die Eltern hatten größte Befürchtungen, dass ich zu viel fernsehe. Ich glaube, sie haben bis zum heutigen Tag Angst, dass mein Charakter sehr schlecht werden könnte, wegen des Fernsehens. Die Eltern hatten immer befürchtet, dass ich mir im Fernsehen gerade diejenigen Sendungen am liebsten ansehen würde, die am dümmsten waren. Tatsächlich habe ich oft eine gewisse Neigung gespürt, mich auf dem Stuhl vor dem Fernseher einfach absacken zu lassen. Das Nichtstun vor der Glotzkiste, die ihre Bilder herauswirft, wirkt auf mich vor allem abends einschläfernd. Eine gewisse Flucht vor dem alltäglichen Leben kann ich nicht leugnen. Einfach einschalten, davor sitzen und langsam wegsacken. Und das ohne vorher das Fernsehprogramm zu studieren um eine sinnvolle Sendung auszusuchen. Das hatte ich manchmal gedacht und dann getan, wenn die Eltern abends zu Besuch bei Freunden oder Kunden oder im Konzert oder im Theater gewesen waren. Dass ich dann, wenn sie abends weggegangen waren fernsehe, hatten sie natürlich gewusst. An manchem Abend, wenn die Stimmung zwischen uns Bestrafung notwendig machte, hatten die Eltern den Schlüssel von dem Schrank in dem das Fernsehgerät steht abgezogen. Diese Strafe hatte mich immer getroffen. Die Suche nach dem Schlüssel habe ich immer schnell aufgegeben. An solchen Abenden legte ich mich frühzeitig ist Bett und hörte Radio. Vielleicht hatten die Eltern meine Neigung erkannt. Sicherlich hatten sie mich auch hier gefährdet gesehen: Berieselung durch Fernsehen, Gefahr durch Nichtstun und Abschalten. Nichtstun, Dösen, Faulenzen, Abschalten und vielleicht sogar nicht einmal mehr Denken. Das Fernsehen, eine riesige Gefahrenquelle der Volksverdummung. Gefahr besteht darin, dabei zuzusehen, wie andere etwas tun, während man selbst in Untätigkeit verharrt. Dabei lernt man nichts. Ich glaube darin hatte die Mutter für mich größte Gefahr gewittert.

Im sogenannten Kinderheim war das Fernsehprogramm die Attraktion des Tages gewesen. An beinahe jedem Abend war es die übliche Freizeitveranstaltung gewesen. Alle Kinder saßen abends mit dem Heimleiter vor der bunten Glotze. Auch ich saß jeden Abend still vor der Kiste. Ich bin sicher, dass ich dabei genauso aufmerksam gewesen war, wie alle anderen Kinder. Gebannt hatte ich meinen Blick auf die flimmernde Röhre gerichtet. Dabei hatte es mich niemals wirklich interessiert, was für ein Film oder was für eine Hitparaden- oder Volksmusiksendung um halb acht Uhr abends über den Bildschirm flimmerte. Ich saß still und gebannt, weil alle anderen um mich herum genauso saßen. Das Fernsehen bot Gelegenheit in Ruhe zu sitzen. Es war ungefährlich. Streit und Schlagen waren nicht vorhanden, weil jeder gebannt in die Röhre glotzte. Diese Sicherheit und Ruhe bewirkte Entspannung. Ich konnte sicher sein, dass keiner auf ein Kind einschlug, wenn abends das ganze Kinderheim vor der Glotze saß. So entspannte ich mich und sackte dabei ein wenig zusammen. Ich genoss die bunten Bildchen der Menschen, die über die Mattscheibe tänzelten. Das Programm war mir nie wichtig, deshalb ließ ich es an mir vorbei ziehen. Wichtig war, dass die Situation ungefährlich war. Was im Kinderheim alle Kinder täglich getan hatten, was dort Alltag gewesen war, abends vor der Glotze einfach abzuschalten, hatte meinen Kontakt zu den neuen Eltern belastet. Ich wollte bei ihnen weiterhin, so wie ich es über Jahre gelernt hatte, vor der Mattscheibe sitzen und Nichtstun.

Fünf Jahre lang habe ich es nicht geschafft, mein Verhalten so zu verändern, dass die Eltern Vertrauen anstatt Misstrauen in mich schöpfen konnten. Ich war nicht in der Lage gewesen ihnen besseres Verhalten zu zeigen. Ich habe es nicht geschafft, den Eltern meinen Wunsch nahe zu bringen, dass ich ihr Vertrauen eben nicht immer wieder enttäuschen möchte. Ich habe nicht erkannt, dass Familienleben sich auf der Grundlage von gegenseitigem Vertrauen entwickeln könnte. So eine Grundlage habe ich bei den Eltern nie erreicht. Vielleicht hatte ich dort von Beginn an verspielt.

Die Handhabung von Martinas grünem, altem Peugeot unterscheidet sich von dem Fahrschulauto, das ich gewohnt bin. Um Abzubremsen ist festerer Tritt notwendig. Die Gangschaltung ist technisch völlig anders aufgebaut. Es handelt sich um eine Lenkradschaltung. Die Höhenstraße ist großzügig breit. Sie sieht aus, wie von einem scharfen Messer in den Berghang geschnitten. Weil die Straße groß und breit ist, neigen viele Autofahrer dazu, sie als Rennstrecke zu benutzen. Ich fahre langsam, denn ich bin Fahranfänger und sitze in einem geliehenen Wagen. Ich fahre offenbar viel zu langsam. Ständig werde ich überholt. Trotzdem gebe ich nicht mehr Gas, trotzdem werde ich nicht schneller, denn ich habe Zeit. Ich versuche mich vom Tempo der anderen Autos nicht beeindrucken zu lassen. Ich versuche das auch durchzuhalten, wenn ich sie dicht hinter mir im Rückspiegel sehe. Fest aber unsicher habe ich das Lenkrad im Griff. Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Kurze Blicke, die ich in den Rückspiegel wage, sorgen für Anspannung. Da sehe ich aufblitzende Scheinwerfer. Sie nötigen mich schneller zu fahren als ich es möchte, als ich es kann. Ich halte mich soweit als möglich rechts. Die Leuchtsignale im Rückspiegel machen mich nicht schneller. Heute, zum ersten Mal, sitze ich legal am Steuer. Zum ersten Mal wage ich es, diesen Wagen bei Tageslicht zu fahren. Zum ersten Mal sehen mich andere Menschen dabei, wie ich diesen Wagen fahre. Ihre Blicke, die ich kurz sehe, wenn sie mich in einer längeren Lücke ohne Gegenverkehr überholen, sind abweisend. Sie sind böse. Wut steht in ihren Gesichtern, wenn sie dröhnend an mir vorbeiziehen. Hass glaube ich da zu erkennen. Autofahren ist kein Spaß, lese ich in den Augen eines bitter böse zu mir rüber blickenden Mannes. Alle scheinen es sehr eilig zu haben. Ich bin es, der die Bergbevölkerung und die Touristen wegen langsamen Fahrens verärgert. Ich halte die Menschen auf der Touristenstraße auf. Ich bin im grünen kleinen Wagen von Martina ein Verkehrshindernis. Ich störe die alltägliche Hektik dieser breiten touristisch genutzten Straße. Durch dicke Brillengläser erkenne ich hasserfüllte Augen. „Host dein Führerschein im Lotto gewonnen?“ So plärrt ein Cabriofahrer beim Überholen zu mir rüber. Die breite Straße bietet Höhepunkte atemberaubender Aussicht. Vielleicht sollte ich mich entspannen und die vielen Gipfel rund um die Bergstraße genießen.

Morgens und mittags hatte auf dieser wunderschön gelegenen Straße auch der Schulbusfahrer immer kräftig Gas gegeben. Den Busfahrer hatte genauso, wie die aufblinkenden Autofahrer in meinem Rückspiegel, die breite Straße zu schnellem Fahren verleitet. Die breite Straße ist ein übertrieben dicker Messerschnitt durch die grüne Natur an diesem Berg. Die Straße heißt Höhenringstraße, weil sie den riesigen Berg beinahe umrundet und dabei fast permanent eine gigantische Aussicht ins Tal und auf die umliegenden Berge bietet. Ich denke die Straße muss umbenannt werden. Die Landkarte, welche eine dicke grüne Markierung neben dieser Straße aufweist, um auf den landschaftlichen Reiz der Umgebung und die herrliche Aussicht hinzuweisen, muss geändert werden. Die Landkarte muss den Touristen, der sie benutzt dringend auf die Realität, auf den wahren Alltag an dieser Straße hinweisen. „Gefahrenstrecke!“ Genau das sollte in der Landkarte stehen. „Höhenring-Gefahrenstrecke!“ Das wäre doch ein guter Hinweis und Name. Da sollte nicht mehr stehen „landschaftlich reizvolle Strecke“. Das ist blanker Unsinn. Wer die herrliche Landschaft während der Autofahrt auf dieser Straße genießen will, hat Pech gehabt. Das muss auf der Rückseite der Touristenkarte, neben den Hinweisen auf diese Straße als touristisch interessante Strecke, unbedingt vermerkt werden. Wer auf der Höhenring-Gefahrenstrecke langsam unterwegs ist, so wie ich es heute bin, der sollte starke Nerven mitbringen. Jederzeit besteht die Gefahr in seinem Wagen von einem hinterrücks nahenden Geschoss in den Straßengraben geräumt zu werden. Jederzeit besteht die Gefahr, von einem metallic lackierten Geschoss durchbohrt und den steilen Abhang, hinter der niedrigen Mauer am Straßenrand, hinunter ins Tal katapultiert zu werden. Von solchen Geschossen gewahrt ein langsamer Fahrer, dessen Absicht es ursprünglich war, die Reize von Landschaft und Aussicht durch die Wagenfenster zu genießen, bestenfalls noch eine Abgaswolke. Die Todesgeschosse lenken routiniert beschleunigende Berganwohner, wütende und von Stress gemarterte Touristen. Während der langsame Autofahrer im Straßengraben hart aufschlägt oder den Berghang runter poltert, steuern die Unfallverursacher ihre Geschosse auf das nächste langsam am Straßenrand fahrende Auto zu. Die Gefahr sollte nach meiner Meinung in der Erklärung jedes Touristenführers zu dieser Straße vermerkt sein. Nachts, im Wagen am Steuer neben Martina, war auf dieser Straße nie etwas los gewesen.

Auf der Straße sind tagsüber zu viele Touristen unterwegs. Die Autos der Touristen füllen alle Parkbuchten an den Aussichtsparkplätzen. Oft genug parken sie auch unvermutet. Ihre asiatischen Kleinwagen parken sie direkt hinter einer Kurve. Weil die Straße breit ist, parken sie ihre Fahrzeuge in großzügigem Abstand zum Straßenrand. Wenn ich so etwas erkenne, versichere ich mich schnell im Rückspiegel, dass kein Geschoss naht. Sind solche Geschosse auch auf der Gegenspur nicht zu sehen, setze ich ordnungsgemäß den Blinker. Dann steuere ich über den Mittelstreifen an den Schlangen von bunten Touristenautos vorbei. Genau dann taucht im Rückspiegel plötzlich ein Geschoss auf. Dicht hinter mir scheint es an meiner Stoßstange fest zu kleben. Ebenso wie ich, hat auch der Fahrer in dem Geschoss den linken Blinker gesetzt. Wenn die Autoschlange rechts neben mir endet und ich ordnungsgemäß begleitet von Blinken den rechten Fahrbahnrand ansteuere, donnern mehrere Geschosse nacheinander laut röhrend links an mir vorbei. Angestrengte Blicke von Autofahrern strafen mich für meine Gemächlichkeit, welche ich hier an den Tag lege.

In jeder Kurve parken Fahrzeuge von Menschen, die mit Ferngläsern, Fotoapparaten, Filmkameras und Wanderstöcken ausgerüstet, meist genau in dem Augenblick ihr Fahrzeug verlassen, in dem ich mich mit dem grünen Peugeot nähere. Touristen verlassen ihre Autos stets fluchtartig. Eilig schlagen sie Autotüren zu. Sie sehen abgehetzt aus. Sie rennen mit Stöcken bewaffnet los, ohne sich genauer umzublicken. Die Straße überqueren sie immer blind. Es ist eine Art Zick-Zack-Lauf. Durch die Windschutzscheibe beobachte ich sie dabei, wie sie versuchen zu den Aussichtspunkten zu gelangen, die immer auf der anderen Straßenseite liegen. Touristen an dieser Straße scheinen Menschen zu sein, die einer unsichtbaren Regel folgend, offensichtlich befürchten, dass der schöne Ausblick einfach verschwinden könnte. Touristen, so scheint es, haben grundsätzlich nicht genügend Zeit. Touristen fehlt daher die Möglichkeit auf der Straße den rasenden Verkehr mit der notwendigen Vorsicht und Aufmerksamkeit zu beachten. Ich fahre bremsbereit und langsam. Abgehetzte, verbissene Menschen sind das, den Fotoapparat um den Hals, stehen sie Stock schwingend am Straßenrand. Manche sehe ich gefährlich nahe vor der Motorhaube des kleinen grünen Wagens. Wie am Start eines Marathonlaufes drängen sie sich. Im Rückspiegel sehe ich, wie sie losrennen. Sie überqueren die Straße springend, rennend, die Fotoapparate wippen im Laufschritt gegen ihre Bäuche. So sichern sie sich die besten Plätze an den Aussichtspunkten. Irgendwie unmerklich schleicht es sich ein, je länger man hier fährt: Ich gewöhne mich an die Verhältnisse auf dieser Straße. Das Treiben der Touristen an den Aussichtspunkten wird zu einem Geschehen, dass hier her gehört. Vor jeder Kurve denke ich daran, dass nach der Kurve viele Autos von Touristen stehen und Menschen gerade in Startposition stehen, über die Straße zu rennen. Hinter jeder Kurve finde ich was ich dort vermute. Touristen die ihre Autos verlassen.

Während der Schulbusfahrten war mir das rege Treiben an der Straße täglich aufgefallen. Das hektische Verhalten der Touristen auf diesem Berg hatte ich Jahre lang durch die großen Schulbusfenster gesehen. Sie sitzen in ihren Wagen. Ohne Blinkzeichen zu geben stoppen sie am Straßenrand. Ohne sich umzusehen wird die Fahrertür aufgerissen. Männer mit schweren Objektiven um den Hals vergessen im Gebirge, dass sie sich auf einer befahrenen Straße befinden. Erst auf dem Mittelstreifen scheint ihnen das wieder einzufallen. Aber falsch! Nicht um den Verkehr endlich zu beachten bleiben sie dort stehen. Fotografieren scheint von dort besonders aussichtsreich zu sein. Auf der Rückfahrt von der Schule fuhr der Busfahrer langsamer als frühmorgens. Häufig hatte der Fahrer die Hupe eingesetzt. Schon vor den Kurven vertrieb er so die Touristen in den Kurven von der Straße. Manchmal hatten sie ihren Fotoapparat trotzdem noch sekundenlang in beiden Händen vor ihren Augen gehalten. Erst wenn das ersehnte Urlaubspanorama im Kasten gebannt ist, macht man sich hier von der Straße um sich vor herannahenden Fahrzeugen in Sicherheit zu bringen.

Ich war täglich weit hinten im Schulbus gestanden. Durch die großen Seitenfenster des Busses sah ich Sekunden später die Touristen, die ich durch die Windschutzscheibe auf der Straße schon gesehen hatte noch einmal. Auf diesen schnell vorbei fliegenden Bildern sahen die Menschen verängstigt aus. Verwirrt standen sie im grünen Gras am Straßenrand. Durch die großen Busfensterscheiben hatte ich täglich viele solche verschreckte Blicke gesehen. Schutz suchend hechtete sich mancher Tourist am Straßenrand ins Gras. Arme und Hände mit den Kameras waren oft nach oben gerissen worden.

Wegen der vielen Touristen auf diesem Berg hatte die Rückfahrt im Schulbus mittags stets länger gedauert als morgens. Manchen Autolenker hatte der Busfahrer durch besonders dichtes Auffahren zum Abbiegen auf eine Nebenstrecke gezwungen. Obwohl ich jede Kurve der Strecke bestens kenne, waren die Busfahrten immer spannend geblieben. Manchmal waren sie riskant, meist waren sie zumindest aufregend gewesen. Sehr oft war mir mittags im Schulbus schlecht geworden. Niemals hatte ich mich im Bus übergeben. So habe ich mir angewöhnt, in dem Moment, in dem ich spüre, dass es mir schlecht wird, an etwas anderes als die Busfahrt zu denken. Meist habe ich damals an etwas gedacht das ich für die Schule zu lernen hatte. Die Ablenkung hatte immer geholfen. Beim Aussteigen am Bahnhof war mir zwar immer noch schlecht, aber Kotzen musste ich dort noch nicht. Vom Bahnhof lief ich schnell die gewohnte Strecke über die Brücke hinauf zum Wald. Erst im Wald ließ ich meinem Magen freien lauf. Oft hatte ich mich an einen Baum gelehnt um mich zu übergeben. Danach ging es mir schnell wieder gut. Zuhause angekommen war ich immer in der Toilette verschwunden. Nach dem Pinkeln spülte ich in dem kleinen Waschbecken Mund und Gesicht. Mit den Jahren war das Gekotze nach den Schulbusfahrten immer weniger geworden. Mehr und mehr gewöhnte ich mich an den Fahrstil im Gebirge. Mein täglicher Nachhauseweg vom Bahnhof über die Holzbrücke, den Schotterweg hinauf, über die Pflasterstraße auf den Pfad durch den Wald, wurde zu einer Übungsstrecke. In der frischen Luft, festen Boden unter den Füßen, gelang es mir im Laufe der Jahre immer besser die Busfahrten ohne mich danach zu übergeben zu verarbeiten. In den letzten zwei Jahren habe ich nach den Fahrten überhaupt nicht mehr gekotzt. Das gelang mir, obwohl ich glaube, dass ich nach dem Aussteigen am Bahnhof im Gesicht immer kreidebleich gewesen war. Im Wald, kurz vor dem Elternhaus, hatte ich gelernt die Bergluft zu genießen. Auf dem Weg normalisierte sich meine Durchblutung, Stabilisierte sich mein Kreislauf, beruhigte sich mein Magen. Weil ich immer alleine unterwegs war, konnte ich so langsam oder schnell laufen, wie ich das wollte. So lernte ich den Willen des Magens, der entleert werden will, zu kontrollieren. Im Wald hatte ich mir angewöhnt täglich an einer bestimmten Stelle stehen zu bleiben. Nicht um zu kotzen, sondern um kräftig durchzuatmen. Auch hatte ich mir angewöhnt die letzten Meter aus dem Wald über die Treppenstufen durch den elterlichen Garten hinauf bis zur Haustür, tief durchatmend in munteren Schritten zu laufen.

Nach der Schule erreichte ich das Haus der Eltern täglich gegen zwei Uhr mittags. Beide Eltern hatten bereits zu Mittag gegessen. Vater, oft auch Mutter waren um diese Zeit schon wieder im Geschäft. Dort verkauften sie teure Waren an Touristen und Einheimische. Die Mutter hatte das Mittagessen für mich jeden Mittag im Ofen warm gehalten. Weil ich die Schule am Berg besuchte, und deshalb einen langen Schulweg hatte, war ich mittags wie morgens allein am Tisch gesessen. Die Mutter kocht hervorragend. Niemals war es vorgekommen, dass ich etwas von ihr gekochtes nicht gegessen habe. Am Mittagstisch hatte ich nie, so wie ich es morgens gewohnt war, das Radio auf dem Fensterbrett eingeschaltet. Mit der Mutter gab es darüber keine Absprache. Weil aber mittags nie sicher gewesen war, wann die Mutter aus dem Geschäft wieder nach Hause kommen würde, und weil nie sicher gewesen war, ob sie tatsächlich im Geschäft war, war es jederzeit möglich gewesen, dass sie überraschend im Esszimmer erschien. Weil nie sicher gewesen war, dass der Ablauf am Mittagstisch der gleiche bleibt, war ich mittags immer ein bisschen unruhiger als am Frühstückstisch gesessen.

Oft war die Mutter gekommen. Nie hatte sie die Zeit, sich zu mir an den Tisch zu setzen. Darüber war ich nicht traurig gewesen. Damit hatte ich kein Problem. Im Gegenteil. Nach der unangenehmen Schulbusfahrt und dem Schulvormittag hatte ich die Ruhe am Mittagstisch immer genossen. Oft war die Mutter nur für kurze Zeit ins Esszimmer gekommen. Dann sagte sie mir, dass sie nachmittags Termine habe und wann sie von diesen zurückkommen würde. Mutters Termine haben stets bestimmt, wann ich mich zur Kontrolle der Hausaufgaben und zur Lernzeit bei der Mutter im Wohnzimmer einzufinden hatte. Meist war das zwischen drei und fünf Uhr Nachmittags gewesen. Ich war froh, als es endlich soweit gekommen war, dass die Nachmittage mit der Mutter nicht mehr notwendig waren. Erst nach Jahren bei der Mutter hatte ich endlich meine schulischen Angelegenheiten selbst in die Hand genommen.

Weil ich meine schulischen Angelegenheiten selbst in die Hand genommen habe, waren die Kontakte zur Mutter immer weniger geworden. Vielleicht war das der Anfang vom Ende bei den Eltern gewesen. Oft habe ich nachmittags gegen vier Uhr das Haus verlassen, um entweder zu einem Schulfreund zu gehen, im Ort für Zuhause einzukaufen, oder im Wald herum zu laufen. Oft war ich von meinen Auflügen erst abends um halb sieben Uhr wieder zu Hause erschienen. Das war die Zeit, die in der Familie für den Abendbrottisch galt.

Das Verhältnis zwischen der Mutter und mir war, seitdem ich die Hausaufgabenzeit mit der Mutter zerstört hatte immer schlechter geworden. Ich glaube, so hatte sich bei der Mutter langsam das Gefühl und der Eindruck entwickelt, dass ich versuchte unser Familienleben auszunutzen. Ich spürte, dass sich die Mutter mehr und mehr von mir verletzt fühlte. Damals muss ich ein grauenvoller Egoist gewesen sein. Das merkte ich daran, dass die Mutter mir immer vorwurfsvoller begegnete. Unsere Gespräche hatten immer öfter den Geschmack eines Streites. Der Grund dafür wurde mir immer klarer: Zu Hause nahm ich mir zuviel und gab zuwenig. Meine Aufgaben in Haushalt und Garten, meine Einkäufe für die Familie, meine Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke, alles was ich zu Hause getan hatte war im Laufe der Jahre bei den Eltern zu wenig geworden. Zwischen der Mutter und mir war so der Vorwurf der Undankbarkeit zu einem hohen Berg angewachsen, so war es zu einer riesigen Kluft zwischen uns gekommen. Ich glaube, das führte dazu, dass mir nur noch die Chance der Flucht blieb. Mein heutiger Geburtstag ist der Tag meiner Flucht.

Obwohl ich weiterhin meine Aufgaben für die Familie erledigt hatte, spürte ich wie die große Enttäuschung, die ich der Familie gebracht hatte mehr und mehr anwuchs. Weiterhin hatte ich der Mutter in der Küche geholfen, weiterhin war ich abends mit meinem Fahrrad zum Milchholen zum Bauern gefahren und weiterhin hatte ich regelmäßig den Rasen vor dem Haus gemäht. Mehr und mehr hatte ich trotzdem das Gefühl, dass dies nicht mehr ausreicht. Alles was ich tat war irgendwann in diesen Jahren für die Eltern zu Verletzung und Enttäuschung geworden. Selbst meine gute Entwicklung in der Schule war für die Eltern eines Tages zur Verletzung geworden. Nicht weil ich begonnen hatte selbst zu denken, sondern weil ich nicht so gedacht hatte, wie es die Eltern gewünscht und erwartet hatten. Mein Denken, mein Handeln, mein Leben, meine Einstellung und meine Freunde, alles war für die Eltern enttäuschend, weil all das nichts mit ihrem Leben zu tun hatte. Ich hatte einen Weg eingeschlagen, der mich deutlich von den Eltern weg führte. Provokativ daran war, dass ich dabei nicht leise und unsichtbar war. Ich lebte weiter in der Familie, die Eltern sahen und hörten mich täglich, dabei besaß ich die Frechheit mich von ihnen zu entfernen. Es wurde immer deutlicher, dass ich anders war als die Eltern mich haben wollten, trotzdem blieb ich bis heute in der Familie. Für die Eltern war das eine verletzende Grenzüberschreitung. Auch meine Jugendgruppe war für die Eltern eine verletzende Provokation. Dort traf ich junge Menschen, die ich verstand und die mich verstanden. Für meinen Kontakt in die Jugendgruppe, für das, wie wir jungen Leute im Ort lebten, hatten die Eltern kaum Verständnis. Was hatten wir uns um die Probleme der sogenannten dritten Welt zu kümmern? Was hatten wir uns darüber zu beschweren, dass die Energie in Atomkraftwerken produziert wurde? Was hatten wir überhaupt für ein Recht, in einer Jugendgruppe über Leben und Politik zu diskutieren? Wer in seinem Leben noch nie etwas geleistet hat, hat auch kein Recht zu diskutieren. Das war die Meinung der Eltern. Ich glaube, es war zum Teil auch die Meinung der Politik über die Jugend. Für die Eltern war es schlimm, dass ich so war, wie die meisten Jugendlichen: Ich war einfach nicht wie die Eltern es wünschten. Ich war anders. Ich war enttäuschend anders. Das war schlimm für Mutter und Vater. Meine Interessen waren andere gewesen. Die Eltern haben mich so nicht gewollt.

Ich glaube es wäre gut gewesen auf die Eltern zuzugehen. Gut wäre gewesen, einen anderen Weg zu gehen. Mein Weg war falsch. Mehr Selbständigkeit! Aber auf anderem Wege! Das wäre gut gewesen. Welcher Weg hätte das sein können? Ein vernünftigerer Weg wäre notwendig gewesen. Der Weg den ich genommen hatte war für die Eltern zu unvernünftig.

Irgendwann war der Kontakt zwischen den Eltern und mir sehr schlecht geworden. Hin und wieder hatte ich mich sogar vom Abendbrot abgemeldet, weil ich den Abend in der Jugendgruppe verbringen wollte. Für die Mutter war das eine Unverschämtheit. Das Zuhause bei den Eltern hatte ich nie wie ein Hotel erlebt. Meine Mithilfe im Haushalt hatte ich niemals verweigert. Stets war ich bereit gewesen, die Mutter bei der Hausarbeit zu unterstützen. Ich glaube, die Eltern waren mehr und mehr wütend auf mich geworden, weil sie gesehen hatten, dass sie, wie eine Art Katalysator auf meine Entwicklung gewirkt hatten. Mein Entwicklung verlief ganz klar in eine Richtung, sie war die Ablösung von den Eltern. Die Eltern hatten diese Entwicklung dadurch beschleunigt, dass sie mir ihre Ablehnung immer deutlicher zeigten. Die Mutter schimpfte darüber, dass ich mich zu Hause verhalten würde wie in einem Hotel. Der Vater sprach schließlich gar nicht mehr mit mir. So wollten die Eltern erreichen, dass ich mich in ihrem Sinne bessere. Das Gegenteil geschah: Ich besserte mich nicht, ich entfernte mich von ihnen.

Wie ein Bumerang war auf die Eltern zurückgekommen, was sie in mir geweckt hatten. Wie in einer Kettenreaktion hatte ich die Impulse, die ursprünglich von der Mutter ausgegangen waren in Fähigkeiten für mich verwandelt. In der Schule und in der Freizeit hatte ich mich binnen kürzester Zeit genau an die jeweils herrschenden Anforderungen angepasst. Nach einem Jahr Förderung durch die Mutter, war ich nicht mehr der auffällige, vorlaute, dumme Schreihals gewesen. Ich war zu einem Kind auf dem Weg zum Jugendlichen geworden, der unauffällige, gute Leistungen in der Schule erbrachte und im Ort Kontakte zu Gleichaltrigen aufbaute und pflegte. Es war eine Entwicklung genauso wie sie viele andere Menschen in meinem Alter machten. Die Mutter hatte das in mir ausgelöst und auf den Weg gebracht. Mit der Zeit hatte sich das weiterentwickelt und schließlich hatte ich mich verselbständigt.

Ich glaube, „das Hotel“ und viele andere Vorwürfe der Mutter kann ich darauf zurückführen, dass meine Entwicklung so schnell und intensiv in Gang gekommen war. Die Mutter selbst muss davon überrascht gewesen sein. Obwohl das, was damals mit mir geschehen war im Nachhinein vielleicht einfach zu verstehen ist, glaube ich, dass die Mutter keine Chance gehabt hatte das zu begreifen. Weil die Mutter, genauso wie ich, mitten drin gestanden war in dem Geschehen, konnte sie nicht aus sich heraustreten und von Außen darauf blicken um auch die guten Seiten an dem Geschehen zu erkennen.

Bei den Eltern habe ich festgestellt, dass ich Fähigkeiten in mir trage, die in den langen Jahren bevor ich zu den Eltern gekommen war, immer unbeachtet in mir vor sich hin schlummerten. Unbeachtete oder bis dahin unbemerkte Fähigkeiten durfte ich erst bei den Eltern entwickeln. Zunächst war ich dabei sehr vorsichtig gewesen, denn ich hatte mich nicht recht getraut. Ich wäre gerne auf der alten Schule im Ort geblieben, trotz Hass und Widrigkeiten, die ich dort jahrelang erlebt hatte. Aus Bequemlichkeit hätte ich das alles weiter ertragen. Was dort stattfand gehörte zu meiner Ordnung, die ich ungern aufgab. Als mit Beginn meines Lebens bei den Eltern jedoch alles umgeworfen worden war, Elternhaus und Schule für mich unter völlig neuen, bislang unbekannten Grundregeln neu begonnen hatten, war für mich schnell spürbar geworden, dass ich es bin, um den es geht. Mein Leben geriet in Begriff, sich radikal zu verändern. Weil ich viele neue Fähigkeiten mit Hilfe der neuen Eltern entwickelt hatte, war es endlich möglich geworden, dass ich beginnen konnte Einfluss auf meinen alltäglichen Ablauf zu nehmen.

Im nahen Wald auf unserem Berg war ich oft gesessen. Ein Stück ab vom Weg hatte ich mir einen riesigen Felsen gesucht, auf dem ich nachmittags oft saß und nachdachte. Vor dem Felsen geht es steil über eine unbewachsene, scharfe, graue Felswand hinab. Von dort hatte ich wunderbare Sicht auf viele Häuser des Ortes. Ich sah auch die Häuser von einigen Klassenkameraden meiner früheren Schule unten im Ort. In deren Augen, so hatte ich an vielen Nachmittagen auf dem Felsen gedacht, musste ich damals ein dummer Kerl gewesen sein. Sie mussten von mir den Eindruck gewonnen haben, dass ich schwach und verletzlich bin. Deshalb, so dachte ich auf meinem hohen Felsen oft, während mein Blick über die grauen Blechdächer im Ort wanderte, war ich für diese Menschen vom Klassenkameraden zu einem Opfer geworden. Mich zu ärgern und zu bedrohen war für die Klassenkameraden jahrelang ein Leichtes gewesen. Das hatte sich schließlich zu einer Art Spiel entwickelt. Opfer dieser Klassenkameraden musste wohl genau so ein Mensch sein, wie ich es damals gewesen war. Ich war anders und ich war wehrlos. Das war schon gut aber noch nicht alles. Ich konnte mein Anderssein nicht verbergen. Dass ich aus dem Kinderheim kam wussten alle. Trotzdem versuche ich das zu verbergen. Mein hilfloser Versuch dieses zu verbergen war ein Fehler. Denn das spornte den Hass und die Abneigung der Klassenkameraden wohl noch mehr an mich verächtlich zu behandeln.

An vielen Nachmittagen auf dem Felsen im Wald war mir klar geworden, dass ich erst wegen der neuen Eltern gelernt hatte, mich selbst zu spüren. Zu spüren wer ich bin hatte mich gestärkt. Schließlich hatte ich beschlossen mich zu wehren. Weil ich begonnen hatte meine Fähigkeiten zu entwickeln war ich in der Zeit bei den Eltern nur noch einmal zum Opfer der alten Klassenkameraden geworden. Anstatt weiter das Opfer zu sein, war ich zu einem geworden, der in der Schulklasse und der Jugendgruppe mehr und mehr nach seiner Meinung gefragt wurde. Ich versuchte nichts mehr zu verbergen. Dass ich aus dem Kinderheim kam nicht und dass meine neuen Eltern nicht meine wirklichen Eltern waren. Ich hatte verstanden, dass ich eh nichts verbergen kann und dass mir das Verbergen eher schadet. Wer es wissen wollte, dem sagte ich, wie es ist. So wuchs ich in eine andere Rolle hinein. Die neuen Mitschüler begannen mich nach Hilfe zu fragen. Sie trauten mir brauchbare Antworten zu, ich wurde ernst genommen. Gespräche mit mir waren für die Freunde und Mitschüler interessant geworden. Auch die Lehrer in der neuen Schule hatten mich viel mehr gefragt und einbezogen als es auf der alten Schule gewesen war. Vielleicht hatten sie das getan, weil sie gewusst hatten, dass richtige Antworten oder passende Ideen die ihren Erwartungen nahe kommen, von mir kommen könnten. An den Nachmittagen auf dem Felsen hatte ich mir vorgenommen genau so weiter zu machen. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass sich damit das Verhältnis zwischen den Eltern und mir weiter verschlechtern würde.

Im grünen Wagen auf der Höhenringstraße bin ich in einen Stau geraten. Massen von Touristenbussen warten kurz vor der Abzweigung ins Tal. Sommerlich warme Bergluft mischt sich mit den Abgasen laufender Dieselmotoren. Damals im Wald war ich nicht auf den Gedanken gekommen, dass meine Distanz zu den Eltern sich entwickelt hatte, weil die Eltern vielleicht gar nicht bemerkt haben, was Klassenkameraden, Freunde und Lehrer aus der Schule an mir entdeckt hatten. Viele von denen hatten im zurückliegenden Jahr, es war das schlechteste zwischen den Eltern und mir, immer wieder bestätigt, dass man mit mir gut reden könne. Weil ich für viele Jugendliche im Ort zu einem guten Kontakt geworden war und weil meine Schulnoten gut geworden waren, hatte ich immer geglaubt, dass dies der richtige Weg für mich sein könnte. An Auswirkungen auf die Beziehung zwischen mir und den Eltern hatte ich dabei nie gedacht. Die Eltern haben nie gezeigt, dass man gut mit mir reden könnte. Bis heute haben die Eltern das einfach übersehen. Sie sehen die Dinge grundsätzlich ganz anderes als ich.

Jetzt erreiche ich im Stau hinter den Touristenbussen endlich die Abzweigung hinunter in Richtung Ort. Massen von Touristen sind dorthin unterwegs. Zahllose Reisebusse quälen sich langsam die Straße hinunter. Es scheint als seien sämtliche Busunternehmen der nächstgelegenen größeren Orte heute auf diesem Berg unterwegs. Weil ich nicht stundenlang im Schneckentempo hinter der qualmenden Buskolonne den Berg hinunter bremsen möchte, fahre ich an der Abzweigung ins Tal vorbei.

10. Auf der Schnellstraße

Ich habe eine andere Abfahrt von der Höhenringstraße genommen. Die endet nach einer stark abfallenden Geraden an einer Kreuzung. Hier mündet sie auf eine breit ausgebaute Schnellstraße. Sie verbindet den Gebirgsort mit einer Stadt im naheliegenden Nachbarland. In diese Stadt waren die Eltern häufig unterwegs gewesen, weil es dort große Theaterbühnen gibt und weil es dort an interessanten klassischen Konzerten nicht mangelt.

Ich stehe an der Kreuzung und habe den Blinker vorschriftsmäßig nach links, Richtung Gebirgsort gesetzt. Ich überzeuge mich davon, dass weder rechts noch links ein Fahrzeug naht. Langsam lasse ich die Kupplung kommen, dabei gebe ich Gas und steuere nach links. Aber der Wagen will nicht so, wie ich mir das vorstelle. Der Wagen hoppelt mitten auf die Straße. Deshalb trete ich sofort wieder auf die Kupplung. Trotzdem stirbt der Motor sofort ab. Ich habe Glück, denn der Wagen rollt noch. Die breite Straße verleitet viele Autofahrer im Bereich dieser Abzweigung zu überhöhtem Tempo. Der Wagen rollt langsam über die Mittellinie. Ich drehe am Zündschlüssel, höre den Anlasser, bleibe auf der Kupplung, gebe Gas, aber der Motor springt nicht an. Ich sitze, lenke, schwitze und hoffe, dass ich es bis zum Straßenrand schaffe. Der Wagen rollt langsam, aber er rollt. Ich setze den Blinker nach rechts, schalte ihn wieder aus und schalte, wie ich es gelernt habe, die Warnblinkanlage ein. Jetzt nehme ich den Gang raus und lasse langsam vom Kupplungspedal ab. Sogleich löse ich den Sicherheitsgurt, öffne die Fahrertüre und springe schnell auf die Fahrbahn. Die Rechte am Lenkrad, die Linke am Türholm unterstütze ich das Rollen des Wagens durch meine Kräfte. So schaffe ich es den Wagen auf den Seitenstreifen der breiten Straße zu bewegen. Jetzt donnert das erste schnelle Fahrzeug auf der Fahrbahn an mir vorbei. Ich setze mich wieder in den grünen Peugeot und betätige die Zündung. Ich versuche das drei vier Mal, doch der Wagen will nicht anspringen. Erst als ich höre, dass der Anlasser bei jedem Zündversuch schwächer und schwächer durchdreht und schließlich nur noch ein jämmerliches Heulen von sich gibt, höre ich mit den Zündversuchen auf. Ich steige aus, öffne den Kofferraum. Dort finde ich tatsächlich, worauf ich hoffe. Ein hellgrüner Benzinkanister. Leider leer. Den Wagen sperre ich ab. Den leeren Kanister schwenkend laufe ich auf die gegenüberliegende Straßenseite. Hinter der Einmündung der Bergstraße, die ich vor Minuten herunter gerollt war, stelle ich mich an den Straßenrand. Ich halte meinen Daumen heraus, sobald sich ein Fahrzeug nähert. Die nächste Tankstelle kenne ich. Sie liegt in etwa drei Kilometern Entfernung in Richtung der Landesgrenze. Weil sich die Mittagszeit nähert ist der Verkehr auf der sonst stark befahrenen Straße nur gering. Vereinzelt donnern schnelle Fahrzeuge an mir vorüber. Ich laufe nicht los, denn ich kenne die Straße. Die Kreuzung ist gut geeignet, einen Tramper zusteigen zu lassen. Ich stehe auf einem breiten Seitenstreifen. Wegen der Kreuzung ist höchstens eine Geschwindigkeit von siebzig Kilometern erlaubt.

Zwanzig Minuten stehe ich am Straßenrand, bis sich ein grauer, langer Wagen nähert. Es ist ein viertüriger Kombi. Der Fahrer hat den Blinker nach rechts gesetzt und wird langsamer. Noch bin ich nicht sicher, ob er das wegen mir und meinem grünen Benzinkanister und meinem Daumen, den ich der Fahrbahn entgegenstrecke tut, oder ob er auf die Bergstraße abbiegen möchte, vor deren Auffahrt ich mich am Straßenrand postiert habe. Tatsächlich reduziert der Fahrer sein Tempo wegen mir. Der Wagen bleibt stehen. Ich öffne die Beifahrertür. Ein langer Kerl sitzt am Steuer. „Wo wuist‘n hi?“ Anstatt eine Antwort zu geben halte ich den grünen Kanister hoch. Der lange Kerl löst seine riesige rechte Hand vom Lenkrad und deutet mir, schnell einzusteigen. „Hast koan Saft mehr oder wos?“ Ich setze mich in den schwarzen Kunstledersitz und nicke bestätigend. Der Kerl gibt kräftig Gas, so dass die Wagentür zuknallt. Das sagt mir, dass der Mensch in Eile ist. Vielleicht will er die Sekunden an Zeitverlust, welche durch mich entstanden sind, schnell wieder rein zu holen. Ich greife zum Sicherheitsgurt, ziehe ihn vor mich und suche links nach dem roten Einraster. Erst jetzt erkenne ich, wen ich da neben mir habe.

Ich sitze im Wagen neben Michael, der kräftig Gas gibt. Michael war in meiner alten Schule einer der Klassenkameraden. Vor Jahren war er daran beteiligt gewesen, als mich er und andere Klassenkameraden mit dem heißen Feuerhaken bedrohten. Für Michael scheint völlig klar zu sein, wen er da zur nächsten Tankstelle mitnimmt. Obwohl wir uns Jahre nicht gesehen haben, erkennt er mich sofort wieder. Jetzt begrüßt er mich lächelnd und nennt dabei meinen Namen. „Servus Bert!“ plärrt er mir ins linke Ohr. „Wia schauggts bei dir aus?“ schreit Michael. Aus dem Radio dröhnt ein Abba-Song. „Supertruper“ heißt der glaube ich, zumindest verstehe ich das. Das passt ja richtig super, denke ich. Ist wirklich „supertruper“, dass ich jetzt ausgerechnet auf den alten, halbstarken Klassenkameraden Michael treffe! Ausgerechnet heute! Auch ich schreie wegen „Supertruper“ so laut wie mir möglich: „Passt scho, laft scho, geht scho!“

Den Vorfall mit dem Feuerhaken, die Abneigung zwischen uns während der damals verbleibenden Zeit, die ich auf der Schule im Ort noch zugebracht hatte, scheint Michael wohl vergessen zu haben. Denn er lacht mich von der Seite an. Ich finde er lacht nicht frech oder gar gehässig. Diesem Menschen und den anderen beteiligten war ich nach der Sache mit dem Feuerhaken stets aus dem Weg gegangen. In der Schulklasse konnte ich damals erreichen, dass mich der Lehrer in die andere Ecke des Klassenzimmers neben den ruhigen und zurückhaltenden Oliver aus Helgoland umsetzte. Oliver war damals so wie ich ein Außenseiter gewesen. Oliver war der einzige Mensch in der Schulklasse gewesen, von dem ich einmal nach Hause eingeladen worden war. Oliver hatte mich eingeladen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt sogar noch im Kinderheim gelebt hatte. Damals hatte ich mit Oliver einen wunderschönen Nachmittag in einem Haufen von Spielzeug verbracht. Mehr als dieser eine Nachmittag hatte zwischen uns aber nicht stattgefunden. Bis zu dem Erlebnis mit dem Feuerhaken war ich stets bemüht gewesen, meine Fremdheit und die Ablehnung der Mitschüler die mir entgegen schlug, dadurch zu überwinden, dass ich verzweifelt trotzdem Kontakt zu denjenigen suchte, die mir seit Jahren gezeigt hatten, dass sie mich ablehnten. Das wollte ich nicht aufgeben. Ich wollte erreichen, dass auch ich dazugehörte. Oliver hatte ich deshalb genauso wie es die Mitschüler getan hatten jahrelang links liegen gelassen. Selbst nach dem Erlebnis mit dem Feuerhaken war zwischen Oliver und mir kein Kontakt oder gar Freundschaft entstanden. Wir waren lediglich Leidensgenossen geworden, die sich eine Schulbank miteinander teilten. Nach meinem Wechsel auf die neue Schule hatte auch Oliver die Schule verlassen. Er war mit seinen Eltern zurück nach Norddeutschland umgezogen.

Michael spricht mit mir, als sei ich ein alter Schulfreund. Ohne dass ich ihn danach gefragt habe, erzählt er von denjenigen Dingen die momentan seine Hauptbeschäftigung zu sein scheinen. In den wenigen Minuten bis zur Tankstelle komme außer noch zwei, drei mal „passt scho“, geht scho“, „laft scho“ nicht zu Wort. Darüber bin ich froh, denn ich spüre in den wenigen Minuten neben Michael, trotz seines freundlichen Lächelns, dass Widerwillen in mir aufkeimt, mit Michael ins Gespräch zu kommen. Während Michael brachial die Gänge reinhaut um andere Autos zu überholen und hastig an einer qualmenden Zigarette zieht, schreit er an mich gerichteten Sätze vor sich hin. „Laft wiada supa de Hochsaison! Woast scho, draußt glei neba am Riedl-Wirt hinter da Tanke, wost du glei ausse wuist, woast scho, wost aussteigts“, ich nicke verstehend, „da wos hinauf geht, woast scho, aufe geht’s da zur Höin! Da drom, jeden Tag bin i dorten! Fünfe oder sechse von de Führungen, woast scho, soichane für Touristen mach i dorten! Woast scho durch de Eishöl! Da jag i`s durch de Deppen de depperten!“ Ich sage „passt scho“ und „sauber sag i!“ und lasse Michael weiter schreien. „Madel! Woast scho de Touristinnen! Geil sans wieder drauf heuer! Auf’t Nacht geht’s wieder auf! Hint in der Disco beim Seimi!“

Michaels Geschrei gegen die Windschutzscheibe ist nicht zu bremsen. „Supertruper“ ist vorbei, ein Radiosprecher kündigt jetzt „Mexico“ den Hit der „Less Humphrie Singers“ an. Aus dem Lautsprecher dröhnt ein erstes „Meeegsicooo“. Ich stehe vor Michaels Wagen und versuche mich durch das offene Beifahrerfenster zu bedanken und zu verabschieden. Das kommt bei Michael aber nicht an. Selbst als ich mich in Richtung der Tankstelle abwende ruft Michael mir durch das Fenster hinterher: „Auf jeden Fall schaugst heit auf`t Nacht im Seimei vorbei! Do konst wos erlem!“ Ich hebe aus einiger Entfernung von Michaels Auto grüßend den leeren Kanister zu Michaels offenem Beifahrerfenster und rufe: „passt scho!“ und „merce dir! fürs mitnehmen, servus!“

Die Disco liegt im Keller eines kleinen Jugendhotels. Es ist die Disco in der ich mich oft mit Martina und anderen aus der Jugendgruppe getroffen hatte. Dass die Touristinnen in dieser Disco, so wie es Michael mir gerade ins Ohr gebrüllt hatte, angeblich darauf warten, von Typen wie ihm abgeschleppt zu werden, davon hatte ich von Jörg noch nie gehört.

Mit meinem Kanister gehe ich an die Zapfsäule. Genau fünf Liter fülle ich ein. An der Kasse kaufe ich noch einen Kaugummi, von dem ich mir, wieder draußen auf der Straße, einen in den Mund stecke. Mit dem gefüllten Kanister laufe ich einige hundert Meter am Straßenrand entlang Richtung Gebirgsort. Kurz vor der Ausbuchtung für den Linienbus bleibe ich am Straßenrand stehen und halte wieder den Daumen raus.

Michael hatte sich offenbar zu einem Menschen entwickelt, dem ich gerne aus dem Weg gehe. Hinten in seinem Wagen würde er die Touristinnen „flach legen“, so plärrte er, und dass die Saison besonders gut sei in diesem Jahr. Seine Lehre als Automechaniker habe er abgebrochen, zugunsten dieses Touristenführerjobs. Im Winter habe er immer Arbeit als Skilehrer. Ich bin froh, dass die Tankstelle so nah liegt und ich deshalb seinem Gequatsche nicht länger zuhören musste. Ob ich jemals wieder in der Disco erscheinen werde bezweifle ich jetzt sehr.

Ein Nahverkehrsbus rollt heran. Der Fahrer wirft einen kritischen Blick auf mich. Der gefüllte Benzinkanister weckt vermutlich sein Misstrauen. Weil ich keine Anstalten mache in den Bus zu steigen, kein Fahrgast aussteigen möchte und neben mir kein weiterer Fahrgast an der Haltestelle steht, gibt der Busfahrer sein Blinkmanöver auf und rauscht ohne anzuhalten an der Haltestelle vorbei.

Michaels überraschendes Erscheinen als Mitfahrgelegenheit zur Tankstelle bringt meine Gedanken zurück in das Schuljahr, als ich noch die Schule im Ort besucht hatte. Trotz der deutlichen Verbesserung meiner Schulleistungen war ich damals nicht von selbst auf die Idee gekommen, die Eltern zu bitten mich auf der anderen, auf der „höheren“ Schule auf dem Berg anzumelden. Ich hatte zwar gewusst, dass man sich auf der Schule anmelden kann, wenn man sich durch gute Leistungen für so eine „höhere“ Schule qualifiziert, doch dass auch ich dafür geeignet sein könnte, darüber hatte ich mir damals keine Gedanken gemacht. Die Mutter war es, die letztlich ohne meinen Wunsch abzuwarten dafür gesorgt hatte, dass ich an der Aufnahmeprüfung teilnehmen konnte. Aus eigenen Kräften wäre ich damals nicht in der Lage gewesen so eine große Veränderung, wie diesen Schulwechsel in die Wege zu leiten.

Einerseits wusste ich, dass meine Schulnoten gut genug geworden waren, um die „höhere“ Schule zu besuchen. Andererseits hatte ich Angst davor, die gewohnte Schule zu verlassen. Obwohl ich wegen Mitschülern wie diesem Michael jahrelang viele Probleme in der Schulklasse gehabt hatte, war der Schulbesuch dort, zu einem Stück Kontinuität für mich geworden. In der Schule hatte ich genauso wie im Kinderheim gelernt, welche Überlebensstrategie mir hilft dort zu Rechtzukommen. Ich versuchte unauffällig zu sein. Das könnte dort zu meinem Verhängnis geworden sein. Mein Schulbesuch war verbunden mit der ständigen Flucht vor unberechenbaren, aggressiven Mitschülern, die sich Menschen suchten, die anders waren. Ich war anders, weil ich lange Zeit im Kinderheim gelebt hatte. Deshalb gehörte ich zu denjenigen die geschlagen werden durften, auf die man sich im Streitfall schneller stürzen durfte, weil sie andere Menschen waren und das bedeutete irgendwie wohl auch, dass sie schlechtere Menschen waren. Menschen wie ich waren, weil sie anders waren, schutzloser. Gewissermaßen war ich für Kinder wie Michael wie Freiwild zum Abschuss freigegeben. Mein Alltag in der Schulklasse ähnelte dem im Kinderheim. Allerdings waren es in der Schule nicht die Erwachsenen, so wie es im Kinderheim der Heimleiter gewesen war, die auf mich einprügelten, mich einschüchterten und Angst verbreiteten. Kinder wie ich hatten keine Eltern, die wegen dreckiger, zerrissener Schulkleidung oder einem Bluterguss nach einer Schlägerei im Schulhof oder Wald bei Eltern von Mitschülern anriefen. Wegen mir hatte nie ein Erwachsener den Versuch unternommen, herauszufinden, warum ich von der Schule mit verdreckten Klamotten oder einem blauen Fleck nach Hause gekommen war. Im Kinderheim hatte das nicht interessiert. Erst die Mutter war es gewesen, die Gründe erforschen wollte, wenn ich nach dem Schulbesuch einen verstörten Eindruck auf sie gemacht hatte.

Für mich waren die Schultage, genauso wie der tägliche Ablauf im Kinderheim, zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden. Ich war daran gewöhnt, Anfeindung, Ablehnung und Gewaltandrohung von Mitschülern aus dem Weg zu gehen. Ich wusste welche Mitschüler unberechenbare, jähzornige Menschen waren und wer in der Klasse ein ausgeglichener und ruhiger Mensch war. Ich hatte meine Einschätzung von jedem Mitschüler. Ich wusste welche kleinen Grüppchen sich schnell zusammenrotteten, wenn die Situation geeignet war, um einen Mitschüler wie mich zu malträtieren. Ich wusste, wer welche Situation nutzen würde, um mich in der Schulklasse gegenüber den Lehrern zu Denunzieren. Ich hatte über Jahre in der Schule und im Kinderheim gut gelernt solche Abläufe und Gefahren schnell zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu gehen. Ich wusste genau, was ich anzustellen hatte, um einem Angriff zu entkommen. Das gab mir oft Sicherheit. Oft gelang mir die Flucht.

Vermeintliche Sicherheit war manchmal auf Kosten anderer Mitschüler entstanden. Oft war es nur dann möglich gewesen Angriffe abzuwehren, wenn andere den Angriffen ausgeliefert wurden. Dies in Kauf zu nehmen war viele Jahre Teil meiner Überlebensstrategie gewesen. Es war eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass einer immer das Opfer sein musste. Wenn Michael im Sportunterricht sauer gewesen war und wieder begonnen hatte, seine Hasstiraden gegen „unsportliche, lahmarschige Saupreißen“ loszulassen, wusste ich sofort, dass es so weit war. Schnell hatte Michael ein Grüppchen von drei, vier anderen um sich. Leise und gezielt näherten die sich. Zu viert standen sie vor mir und versperrten den Weg in die Umkleidekabine. Im Flüsterton hieß es: „Elendiglicher Saupreiß, jetzt ziang ma dir dei Preißen-Hosen aus und grilln di unter der hoaßen Dusch wia a Händl!“ In solchen Momenten musste ich schnell sein, sonst war es aus. Ich zeigte mit ausgestreckter Hand durch die offene Tür auf den Sportplatz. Ich plärrte: „Was macht denn der Oli wieder für an Mist!“ Der rannte auf der Aschenbahn. Beim Training für den Hundertmeterlauf war Oliver von unserem alten Sportlehrer gezwungen worden in seiner gerippten kurzen Unterhose zu laufen, weil er mal wider seinen Turnbeutel vergessen hatte. An den vier Angreifern in der Tür zur Umkleidekabine rannte ich schnell vorbei, weil die ihre Blicke kurz zur Aschenbahn gewandt hatten. Draußen krümmte ich mich und lachte gemein, wegen Oliver in seiner Unterhose auf der Aschenbahn. Das reichte um die Aufmerksamkeit von Michael und seinen Freunden auf Oliver zu lenken. Der Fremde aus Norddeutschland war oft auch gut genug. Nach dem Lauf ließ Michael seine Wut an ihm aus. Das verschonte mich. Oliver wurde von Michael im Eingang zur Umkleidekabine ein Bein gestellt. Die drei anderen Burschen rissen ihm die Unterhose weg. Sie zerrten ihn unter die Dusche. Oliver bekam die Unterhose erst im Klassenzimmer wieder zurück. Michael stopfte sie in seinen leeren Joghurtbecher, den er in der Pause gegessen hatte. Den stellte er vor Oliver auf die Schulbank.

Oft war Entkommen nur möglich gewesen, wenn andere Kinder wie Oliver oder Heimkinder aus anderen Klassen da waren, auf die ich die Aggression der Mitschüler umlenken konnte. Michael und seine Freunde hatten sich zu ihrem Vergnügen Fremdlinge wie mich gesucht um sich jahrelang auf deren Kosten zu amüsieren. Vor Leuten wie Michael war ich nicht nur auf der Flucht, sondern ich hatte stets andere Menschen gebraucht die Prügel einsteckten, die eigentlich für mich gedacht waren.

Oliver hatte erst spät gespürt, dass er manchmal einstecken musste, was für mich gedacht war. Vielleicht hat er mich deshalb nur einmal zu sich nach Hause eingeladen. Zwischen Oliver und mir war wahrscheinlich deshalb nie eine echte Freundschaft entstanden. Meine Angst vor Leuten wie Michael in der Schule war zu groß gewesen. Die Prügel der Mitschüler konnte ich nur abwenden, wenn ich jemand anderen bieten konnte, den sie schlagen konnten. So war ich meinen Leidensgenossen oft in den Rücken gefallen. Andere Heimkinder, die in der Pause im Schulhof herumstanden, wurden ihres Pausenbrotes oder ihres Taschengeldes erleichtert, weil Michael und seine Freunde erst durch mich auf diese Kinder aufmerksam gemacht worden waren. Auf dem Weg durchs Treppenhaus hinunter in den Schulhof pirschte sich ein Freund von Michael von Hinten an mich heran. Er packte meine Hand und bog meinen Arm über meinen Rücken. Schmerz gekrümmt ging ich in die Knie und flüsterte: „Ich weiß jemanden, der was hat, ich weiß jemanden für heute!“ Von Michaels Freund so am Arm gepackt, wurde ich über den Pausenhof in einen Ecke geschoben. Von dort sah ich mich nach Heimkindern um von denen ich glaubte, dass es möglich sein könnte, dass sie noch Reste von ihrem Taschengeld vom Wochenende bei sich hatten. Während mir der Arm weiter über den Rücken gedrückt wurde, erfuhr Michael durch Blickkontakt über den Schulhof von meinem Peiniger, welches Heimkind Geld dabei haben könnte. Zu diesem Kind schickte Michael einen anderen seiner Freunde. Von weitem sah ich wie das Heimkind in die gegenüber liegende Ecke des Schulhofes gedrängt wurde. Dort wurde es malträtiert. Durch ein Zeichen erfuhr Michael, ob von dem betreffenden Kind Geld zu holen war. Wenn das zutraf wurde ich losgelassen. Traf es nicht zu, wurde mir der Arm ruckartig auf dem Rücken Richtung Hinterkopf gedrückt. Wilder Schmerz zog über Rücken und Nacken hinauf in den Kopf. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Mir wurde heiß und kalt. Wenn ich schwindlig zusammensackte, zog der Knabe kräftiger. Ich versuchte möglichst gerade zu stehen. Schnell musste ich ein anderes Heimkind nennen, das Geld dabei haben könnte. Wenn die Pausenglocke ertönte und ich bis dahin kein Kind finden konnte, dem Michael sein Geld gab, wurde ich von meinem Peiniger in den Schwitzkasten genommen. Der würgte mich, bis ich versprach am nächsten Tag das Geld für eine Cola mitzubringen, die Michael in der Pause aus dem Automaten ziehen wollte. In der ersten Pause des nächsten Schultages musste ich dann sofort an den Getränkeautomaten gehen und das Geld für eine Cola einwerfen. In der Schlange hinter mir stand Michael. Ich musste so tun, als habe der Automat mein Geld nicht angenommen. Ich musste schnell verschwinden. Danach tat Michael so, als werfe er Geld ein. Er öffnete das Flaschenfach und zog die Cola, die ich bezahlt hatte. Das Geld hatte ich manchmal nachmittags bei anderen Kindern im Kinderheim gestohlen. Nur selten hatte ich noch etwas von meinem eigenen Taschengeld übrig, womit ich die Cola bezahlen konnte.

Vielleicht wollte ich meine alte Schule nachdem ich zu den Eltern gezogen war, nicht aufgeben weil sie das einzig sichtbare blieb, das von meinem Lebensalltag im Kinderheim übrig geblieben war. Mein Wille daran festzuhalten schien meine Ängste vor Mitschülern wie Michael überstiegen zu haben. Heute bin ich sehr froh darüber, dass die Mutter mich damals für die Aufnahmeprüfung angemeldet hatte. Es wäre wirklich dumm von mir gewesen, weiterhin auf dieser Schule zu bleiben. Ich glaube dort wäre ich solchen Dummköpfen, wie diesem Michael auf lange Sicht nur schwerlich aus dem Weg gekommen.

Die heutige Möglichkeit künftig eine andere weiterführende Schule in der großen Kreisstadt zu besuchen, habe ich dem damaligen Schulwechsel und deshalb letztlich der Mutter zu verdanken. Mit dem Schulwechsel hatte sich damals endgültig alles an meinem Lebensalltag geändert. Das wichtigste an der Veränderung war für mich, dass ich nicht mehr täglich solchen Menschen wie Michael begegnen musste. Wegen der Eltern, wegen meines Schulwechsels konnte ich damit aufhören die vermeintlich Starken auf andere Außenseiter, wie ich es einer gewesen war, zu hetzen. Ich musste nicht mehr meine komplette Aufmerksamkeit auf mögliche Gefahrenquellen in den anderen Menschen richten. Nur weil ich die Jahre bei den Eltern geschenkt bekommen habe, konnte sich bei mir so vieles verändern.

Jetzt hält ein Wagen an. Diesmal ist es ein Kleinwagen mit einem Kennzeichen des nahegelegenen Nachbarlandes. Die Fahrerin ist eine zierliche Person. Sie trägt eine kleine Nickelbrille in ihrem schmalen Gesicht. Sie nimmt mich mit bis zu meinem liegengebliebenen Wagen. Sie unterhält sich während der kurzen Fahrt mit ihrem Kind das hinten sitzt. Beide wollen im Gebirgsort das Salzbergwerk besuchen. Während ich aus dem Wagen aussteige erkläre ich der Frau den Weg dorthin.

In den letzten Sommerferien hatte ich für sechs Wochen einen Ferienjob im Salzbergwerk. Ich hatte in der Bekleidungskammer gearbeitet. Den ganzen Tag lang war ich hinter einem langen Tresen gestanden. Hinter mir hingen in übersichtlichen Reihen, nach Kleidungsgrößen geordnet die schwarzen Kleidungsstücke. In viertelstündigen Abständen drängte je eine Gruppe von etwa einhundert Touristen in die große Bekleidungskammer. Sehr schnell hatte ich in diesem Ferienjob gelernt die Kleidergrößen der Menschen abzuschätzen. Nach meiner Einschätzung jeweils passende Klamotten nahm ich von den Kleiderbügeln hinter mir und legte sie den Touristen auf den Tresen. Das war von morgens neun- bis abends achtzehn Uhr meine Aufgabe.

Das verdiente Geld aus diesem Ferienjob habe ich in meinen Führerschein investiert. Die Hälfte der Kosten dafür hatte mir die Mutter schon lange vorher versprochen. Ihr Versprechen hatte sie vom Bestehen der Abschussprüfung auf der Schule auf dem Berg abhängig gemacht. Ich glaube, dass die Mutter sich über dieses frühe Versprechen bald geärgert hatte. Das Verhältnis zwischen uns hatte sich vor allem im vergangenen Jahr sehr schlecht entwickelt. Die Mutter hat ihr Versprechen trotzdem gehalten. Eines ihrer Prinzipien ist es, stets zu ihren Worten zu stehen. Der Schulabschluss ist mir gelungen. Weil die Mutter ihren versprochenen Teil für meinen Führerschein bezahlt hatte, habe ich jetzt von dem verdienten und gesparten Geld aus dem Ferienjob im Salzbergwerk noch etwas Geld übrig. Das werde ich auch brauchen. Ich glaube, das erste Geld für meinen künftigen Lebensunterhalt, für die Zimmermiete und den weiteren Schulbesuch werde ich von der Sozialkasse erst Mitte des kommenden Monats erhalten.

Das Benzin sprudelt durch den Einfüllstutzen in den Tank. Den Kanister verstaue ich im Kofferraum. Der Wagen springt sofort an. Darüber bin ich sehr froh. Tatsächlich hat nur Benzin gefehlt, aber die Batterie war schon schwach. Ich habe noch nie an einem Automotor nach einem Defekt gesucht.

11. Ein Umweg

Der Motor läuft einwandfrei. Die Tankanzeige scheint defekt zu sein. Sie zeigt voll gefüllt an. Auf der breiten Straße Richtung Ort komme ich in der Nähe eines Sees vorbei. Dort habe ich in den letzten Wochen jeden Nachmittag einen bezahlten Job gehabt. Das war mein vierter Ferienjob. Kurz nach den Pfingstferien waren die Abschlussprüfungen beendet. Seither habe ich in einem Bootshaus am See gearbeitet. Es war mein Job Touristen beim Einstieg und Ausstieg aus den Ruderbooten zu helfen. Trotz der miserablen Bezahlung habe ich diesen Job gerne gemacht. Es war der einzige Job gewesen, den ich finden konnte. Die Sommerferien hatten noch nicht begonnen. Die besser bezahlten Ferienjobs gab es aber erst ab Ferienbeginn. Die Arbeit ließ sich gut mit meinen letzten Fahrstunden verbinden. Ein anderer Fahrschüler wohnt in der Nähe des Sees. Am Ende meiner Fahrstunde hat mich der Fahrlehrer deshalb immer zur Wohnung des anderen Schülers gelotst. Von dort wurde ich zum Bootshaus gefahren. Ein toller Service für mich, auf den sich der Fahrlehrer gerne eingelassen hatte. Die Arbeit im Bootshaus war sehr schlecht bezahlt, weil nie absehbar war, wie viele Boote tagsüber an Touristen verliehen werden konnten. An manchem Sommertag scheint der Touristenstrom an den See nicht abzureißen. An Schlechtwettertagen findet kaum einer den Weg dort hin. An manchem Regentag habe ich kein einziges Ruderboot verliehen. Hin und wieder, wenn der Regen stark und anhaltend war, habe ich mich vor Arbeitsantritt telefonisch beim Chef gemeldet. Der sagte mir dann, dass sein Bootshaus geschlossen bleibt. An solchen Tagen hatte ich natürlich keinen Verdienst. Das Wetter war seit Pfingsten außergewöhnlich warm und trocken, so dass der Job für mich trotz schlechten Stundenlohns einträglich war, denn beinahe täglich konnte der Chef alle zur Verfügung stehenden Bote verleihen.

Die Mutter hat es unterstützt, geradezu gewünscht, dass ich in den Ferien, einem bezahlten Job nachgehe. Der Mutter war wichtig, dass ich aus eigenen Kräften ein Ziel erreiche. Bei den Ferienjobs war das Ziel Geld zu verdienen von dem ich das kaufen konnte, was ich für notwendig hielt. Es war Ziel die Summe zusammen zu kriegen, die für die Hälfte des Führerscheines notwendig war. Das Ziel habe ich erreicht. Der Führerschein ist zur Hälfte von der Mutter und zur anderen Hälfte von mir bezahlt worden. Während der vier Jobs, die ich in der Zeit bei den neuen Eltern angetreten habe, ist bei mir das eingetreten, was der Mutter wichtig gewesen war. Ich habe gelernt meine Kräfte zu benutzen um Geld zu verdienen. Ich habe jetzt davon Kenntnis, wie anstrengend es ist täglich zu arbeiten.

Die Mutter hat großen Einfluss auf mich ausgeübt. Ihre Lebenseinstellung zu Leistung in Schule und Arbeit ist mir im Laufe der Jahre immer klarer geworden. Ich glaube, die Mutter selbst ist dazu erzogen worden, dass Leistung und Arbeit die der Mensch in seinem Leben vollbringt, zum Schluss entscheidende Dinge sind, anhand derer das Leben dieses Menschen in Erinnerung bleibt. Leistung und Arbeit sind die wesentlichsten Tugenden. Um sie herum Gruppieren sich alle anderen Tugenden, die Voraussetzung sind um im Leben etwas zu leisten und zu Arbeiten. Die anderen Tugenden sind: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit aber auch Unterwürfigkeit und vor allem die Dankbarkeit. Ich denke, für die Mutter ist letzteres in aller erster Linie der Schlüssel zu einem einigermaßen erfüllten Leben. Wenn ein Mensch wie ich in diesem Leben diejenigen Karten gezogen hatte, wie ich sie eben habe, wenn jemand schon so wie ich ins Pech hineingeboren zu sein scheint, dann sollte er wenigstens lernen Dankbarkeit dafür zu zeigen, wenn dieses Pech eine Wende zum Besseren nimmt. Das Bessere fällt nicht vom Himmel. Dafür gibt es Menschen, wie die Eltern. Sie haben mir zweifellos dabei geholfen meinem Leben eine Wendung zum Besseren, zum Guten zu geben.

Die Mutter, daran denke ich jetzt, ist sehr gut erzogen worden. Ich glaube sie hat eine sehr klare Erziehung von ihren Eltern erlebt. Ihre, in allen Punkten des familiären Lebens wohl beinahe militärisch korrekten Eltern, haben alle Tugenden welche die Mutter heute ohne jeden Zweifel vertritt, und an mich und andere weitergibt, ebenso an ihre Tochter vermittelt. Mutters Vater und ihre Mutter habe ich in den Sommerferien auf deren Hof in Norddeutschland besucht. Im Winter haben sie uns oft hier in den Bergen besucht. Ich glaube, sie haben die Mutter zu Anstand, Moral, Dankbarkeit, militärischer Korrektheit, absoluter Genauigkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Fleiß erzogen. Ich glaube, die Ausstrahlung der Mutter ist so sehr von diesen und vielen anderen Tugenden behaftet, weil sie das alles von ihrem Vater, einem hochdekorierten General und ihrer sie liebenden Mutter gelernt hat.

Die Eltern der Mutter haben mich bei den Besuchen immer sehr anständig und äußerst korrekt behandelt. In den Ferien durfte ich mir auf dem Hof ein zusätzliches Taschengeld verdienen indem ich die Scheunentore mit neuem Anstrich versah. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Meine Fähigkeiten hatten die Großeltern eher im Handwerklichen gesehen. Mich nannten sie „Malermeister Klecksel“. Abends beim Abendbrottisch erhielt der „Malermeister Klecksel“ vom Großvater ein großzügiges Lob für seinen ergiebigen Fleiß. Das spornte mich an, am nächsten Tag gleich das nächste Scheunentor zu streichen. Ich war ein armes, dummes Kerlchen, das durch den guten Willen der gut erzogenen Mutter, eine Chance auf eigene Leistung und Arbeit erhielt. Die Großeltern behandelten mich deshalb wie ein Familienmitglied, wenn auch nicht wie ein vollwertiges. An die, wie mir scheint in militärischer Tradition stehende, adelige Familie war ich nur durch den klaren Willen der Mutter geraten. Sie wollte einem Kind das ins Unglück hineingeboren wurde Hilfe gewähren. Die Bindung, die in den fünf Jahren bei den Eltern entstand, war aber nicht zu dem herangewachsen, was die Mutter und vielleicht auch ihre Eltern sich erhofft hatten. Die Bindung wird deshalb heute wieder aufgeknotet und gelöst.

Der Job im Bootshaus war der leichteste Job, den ich bis heute hatte. Es war zugleich mein letzter Ferienjob, den ich noch bei den Eltern wohnend angetreten habe. Vielleicht habe ich den Job deshalb als den letzten angetreten, weil ich darüber gegenüber den Eltern keine Rechenschaft mehr schuldig war. Der Job hat mich wahrlich wenig Anstrengung gekostet. Während der Arbeitszeit war es möglich im Bootshaus auf einem Stuhl zu sitzen und Zeitung zu lesen. Der Chef, der täglich am Eingang des Bootshauses an der Kasse saß, hatte nichts dagegen, dass ich die Zeit in der keine Touristen mit Booten zu bedienen waren, mit dem Zeitungslesen totschlug. Der Chef selbst saß an seiner Kasse vor einer Zeitung.

Der Mutter gegenüber musste ich diesen Job nicht mehr erklären, denn mein Auszug am heutigen Tag stand fest. In den letzten Wochen gab es keine Gespräche mehr mit mir in der Familie. Zu Hause war Ruhe eingekehrt. Wir schwiegen uns gegenseitig an. So warteten wir auf den heutigen Tag. So musste ich der Mutter weder erzählen, was ich den Tag über gearbeitet hatte, noch hatte sie Interesse daran von mir zu erfahren, mit welchen Ergebnissen ich die Abschlussprüfungen in der Schule geschaffte hatte. Natürlich weiß die Mutter das alles. Sie weiß genau, dass ich bestanden habe, wahrscheinlich weiß sie sogar, wie ich bestanden habe. Und sie weiß auch, dass der Ferienjob am See für mich ein lockeres Vergnügen war. Mit Arbeit, wie sie die Mutter versteht, hatte mein Ferienjob am See nichts zu tun. In diesem Ort weiß die Mutter immer genau was ich tue und was ich lasse.

Dass wir in den letzten Wochen in der Familie nicht mehr geredet haben, war für mich nicht unangenehm gewesen. Ich konnte täglich in Ruhe am See arbeiten, ohne begründen zu müssen, warum ich jeden Tag so einer leichten Aufgabe nachgehe oder gar mit der Mutter darüber reden zu müssen, warum ich diesen Faulenzerjob überhaupt angetreten hatte. Ich glaube, diese Fragen hatte die Mutter längst für sich selbst beantwortet. In den Gesprächen die in den Jahren in der Familie zwischen uns stattgefunden hatten, war mir oft der Gedanke gekommen, dass die Mutter ihre Fragen an mich, für sich selbst bereits beantwortet hatte. Sie wusste immer genau, warum ich etwas Bestimmtes getan hatte. Über meinen Weg, über mein Leben, über meine Beweggründe, über meine Faulheit, über meine Schwächen, über meine Dummheit, über alles an mir war die Mutter bestens in Kenntnis. Wenn sie mit mir gesprochen hatte, dann gab es immer die Absicht der Mutter, Verbesserungen an mir in ihrem Sinne zu erreichen. Ihr war wichtig, dass ich in der Schule nicht den einfachsten Weg ging, sondern den schwierigeren, holprigen, weil ich auf dem mehr lerne. Sie wollte nicht, dass ich den leichten Ferienjob mache, sondern den schweren, damit ich besser begreifen kann, wie viel Arbeit notwendig ist, um Geld zu verdienen.

Mir war bewusst, dass die Mutter genau wusste, dass ich mir mit dem Job am See den leichten Job gesucht hatte. Weil aber die Mutter aufgehört hatte, mich auf solche Dinge anzusprechen, passierte mit mir etwas neues: Ich wusste genau, wie die Mutter über meinen Faulenzerjob dachte, weil sie ihre Meinung darüber aber nicht mehr im Gespräch mit mir kundtat, musste ich mein Verhalten auch mir selbst gegenüber weniger kritisch überprüfen und begründen. In dieser neuen Situation ging es mir in der Familie besser als je zuvor. Mein schlechtes Gewissen gegenüber den Eltern, wegen dem allzu leichten Weg, den ich gewählt hatte, war leichter geworden. Manchmal in den letzten Wochen war es völlig verschwunden. Obwohl ich ganz eindeutig Tugenden der Mutter missachtet hatte, war mein Gewissen plötzlich nicht mehr der Plagegeist, wegen dem ich mich zuvor täglich quälte.

Das Thema mit den Tugenden war in der Familie abgeschlossen. Es war während der Jahre bei den Eltern klar geworden, dass ich die Tugenden der Familie nicht lernen werde. Die Situation, dass die Mutter nichts tugendhaftes mehr zu mir sagte, sondern mich deshalb gewähren ließ, weil ich in der Familie ohnehin schon lange gescheitert war, wirkte auf mich wie eine Befreiung von einer großen Last. Ich konnte die Schule und die Abschlussprüfung in Ruhe beenden, den Führerschein machen und einen einfachen Job haben. Dabei ging es mir in den letzten Wochen nicht schlecht. Ich ließ es mir gut gehen. Tagsüber am See, hin und wieder traf ich Freunde abends in einer Kneipe im Ort, oder ich besuchte sie zu Hause, nebenbei die Führerscheinprüfung. Ja, die Führerscheinprüfung. Das war der Tag, der mich in den letzten Wochen am stärksten belastete. Vormittags die knappe Führerscheinprüfung, nachmittags die gemeinsamen Fahrt mit der Mutter zu Frau Stößer wegen meines neuen Zimmers in die große Kreisstadt. Das war das anstrengendste Erlebnis für mich in den letzten Wochen. Davon abgesehen ging das Leben während der letzten Wochen in der Familie recht ruhig von der Hand. Das Schweigen in der Familie wirkte wie ein verlässlicher Vertrag. Beide Seiten hatten miteinander abgeschlossen und gönnten sich eine abschließende ruhige Zeit miteinander, um den heutigen Tag, an dem der Vertrag endet, in Ruhe zu erreichen und in Ruhe vorüberziehen zu lassen.

Vor drei Jahren hatte die Mutter mir einen Ferienjob vermittelt. Tante Gretel und ihr Mann sind Pächter einer bekannten Berghütte. Kurz unterhalb des ersten Gipfels eines riesigen Bergmassivs findet sich das Übernachtungshaus von Tante Gretel. Auf dem Weg zu einer Gipfelbesteigung kommt man an Tante Gretels Hütte als Übernachtungsstation nicht vorbei. Man schafft den Aufstieg zum Gipfel und den Abstieg nicht an einem einzigen Tag. Selbst ortskundige, durchtrainierte Kenner der Route legen bei Tante Gretel eine Übernachtung ein. Vor zwei Jahren habe ich zwei Wochen lang auf der Hütte gearbeitet. Auch im vergangen Jahr war ich oft über das Wochenende zur Hütte aufgestiegen, um dort zu arbeiten. Tante Gretels Bezahlung für meine Mitarbeit war sehr schlecht gewesen. Trotzdem war ich im vergangenen Jahr über die Sommermonate beinahe jeden Freitagnachmittag auf die Berghütte hinaufgestiegen und am Sonntagabend kurz vor der Dämmerung wieder abgestiegen. Die Eltern haben es gerne gesehen, wenn ich mein Taschengeld durch regelmäßiges Arbeiten aufbesserte. Täglich viel und schwer zu arbeiten, das ist der Mittelpunkt des Alltags der Eltern.

Dass es den Eltern materiell gut geht hängt unmittelbar mit deren sehr gewinnbringenden Geschäft zusammen. Das Geschäft liegt an einer belebten Straße im Ort in zentraler Lage. Ich glaube, den Eltern war sehr daran gelegen, dass ich nicht nur in meinem Kopf, sondern durch eigene Erfahrung ein Bild davon entwickle wie anstrengend es ist Geld zu verdienen.

Den Eltern war immer sehr daran gelegen mich nicht mit unnötigen Dingen zu versorgen, mich nicht materiell zu verwöhnen. Deshalb hatten sie bestimmte Wünsche von mir nicht einfach erfüllt, obwohl es ihnen möglich gewesen wäre. Das taten die Eltern auch dann nicht, wenn sie davon überzeugt gewesen waren, dass mein Wunsch ein guter, weil sinnvoller Wunsch ist. So war mein Wunsch den Führerschein zu machen in den Augen der Eltern ein vernünftiger, denn beide Eltern sind der Meinung, dass ein Führerschein heutzutage unentbehrlich sei. Trotzdem war es für die Eltern selbstverständlich, dass ich für einen erheblichen Teil der Kosten selbst aufkommen sollte. Es war den Eltern immer wichtig, dass ich lerne den Wert der Dinge richtig einzuschätzen.

Für mich war es selbstverständlich, dass ich an die Eltern keine materiellen Forderungen richtete. Das schon deshalb nicht, weil sie ohnehin für meinen Lebensunterhalt sorgten. Meine Ansprüche waren bescheiden. Aus dem Kinderheim war ich es gewohnt, kein neues Spielzeug zu besitzen. Ich war daran gewöhnt kein neues Radio geschenkt zu bekommen und keine neue Kleidung zu tragen. Diese Dinge waren stets bereits von anderen Kindern benutzt worden. Für mich hatte das keinerlei Problem dargestellt. Die Haltung der Eltern hat dazu geführt, dass ich weiterhin sparsam mit meinem Taschengeld und meinem selbst verdienten Geld umging. Sie hat meine Sparsamkeit und Bescheidenheit weiter unterstützt. Ich glaube deshalb bin ich bestens gerüstet auch künftig in der großen Kreisstadt mit dem bescheidenen materiellen und finanziellen Rahmen, den ich habe zu Recht zu kommen. Materielle Geschenke der Eltern waren für mich stets mit einem unangenehmen Beigeschmack behaftet. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen. Auch wenn ich mich über den neuen Radiorecorder zur Weihnachten, dem Fahrrad und die neue Uhr zum Geburtstag gefreut und bedankt hatte, auch wenn ich mir die neuen Fahrradtaschen und das Zelt gewünscht hatte, in meinem Gefühl blieb zurück, dass es mir aus welchem Grund auch immer, vielleicht auf Grund meiner Erfahrungen aus dem Kinderheim, eigentlich naturgegeben nicht erlaubt gewesen wäre einfach solche teuren und unbenutzten Geschenke anzunehmen. Ich war verunsichert. Ich wusste nicht woher ich plötzlich das Recht bekommen hatte, Geschenke der Eltern anzunehmen. Dankbar habe ich das alles angenommen. Ich habe versucht mich auch an diese neue Situation zu gewöhnen. Trotzdem blieb ich unsicher, weil ich jahrelang nicht solch neue Dinge geschenkt bekommen hatte.

Die Meinung der Eltern, ich könnte Gefahr laufen nicht die richtige Einstellung zu Arbeit und Geldverdienen zu erlernen, was den Einkauf solcher materiellen Werte erst ermöglicht, war glaube ich unberechtigt. Ich wusste damals genauso gut wie heute, dass Dinge, die man neu kauft sehr viel Geld kosten. Ich hatte lange bevor ich die Eltern kennen gelernt habe schon erlebt und gelernt, dass ich mir in meiner Situation keineswegs neue Dinge leisten kann. Für mich hatte jahrelang ein gebrauchtes Fahrrad, oder ein defektes Radio, das ich aus dem Abfallberg hinter einem Elektroladen zog um es zu reparieren, einen riesigen Wert. Für mich ist es heute noch unschätzbar wertvoll, wenn es mir gelingt, einen demolierten Schallplattenspieler wieder in Gang zu setzen und noch viele Jahre weiter zu benutzen. Ich habe im Kinderheim gelernt, mit sehr wenig Geld auszukommen. Dort habe ich gelernt einen alten Kassettenrecorder aus einer Mülltonne zu ziehen, zu zerlegen und den Defekt zu finden. Mein Bruder hat mir im Kinderheim gezeigt, wie man mit einem alten Lötkolben, den er ebenfalls aus dem Müllkübel hinter einem Fernsehgeschäft gezogen hatte, die zerkratzten Verbindungen auf Platinen wieder herstellt. Im Kinderheim habe ich gelernt die Geduld vieler Stunden aufzubringen, um in einem Radio sämtliche Widerstände, Kondensatoren, Transformatoren, Kabel- und Platinenverbindungen zu überprüfen, bis der Fehler festgestellt war. Bei der Reparatur solcher Geräte hat mir mein Bruder im Kinderheim gezeigt, wie man mit Phantasie, Improvisation und einem gehörigen Maß Mut zum Risiko die Defekte in den Geräten so weit mindert, dass der Plattenspieler wieder einsetzbar war. Für mich war es die größte Freude gewesen, benutzte Sachen die andere weggeworfen hatten, so aufzumöbeln, dass sie gut weiterhin benutzt werden konnten. All das hat mich wohl deshalb so stark interessiert und begeistert, weil ich den Wert des Geldes schon lange zu schätzen wusste. Mir war immer klar gewesen, dass ich nie das Geld haben werde, um solche Dinge neu anzuschaffen.

Auf der Berghütte bei Tante Gretel war ich für das schmutzige Geschirr in der Küche und für die Reinigung der Matratzenlager und vermieteten Zimmer zuständig. Die Arbeit hatte mir Spaß gemacht. Probleme gab es dabei nicht. Ich arbeitete schnell und ordentlich. Probleme gab es mit der Tante. Sie hat mich stets bei der Arbeit beobachtet. Sie kontrollierte genau, wie sauber und ordentlich ich arbeitete. Sie unterwies mich jedes Wochenende neu in meine Aufgaben. Die Unterweisungen der Tante waren exakt. Der lehrreiche Ton der Tante war scharf und deutlich. Die Kommandos der Tante wiederholten sich jedes Wochenende so als sei ich zuvor noch nie zur Arbeit auf der Hütte erschienen. Nach zwei Monaten hatte ich das Gefühl, dass die kommandierende, strenge Tante jetzt wissen müsste, dass ich bereits kenne, worin sie mich jedes Wochenende erneut einwies. Doch die Tante dachte nicht daran. Jeden Freitagnachmittag, wenn ich durchgeschwitzt die Berghütte erreicht hatte, war die Tante sofort zur Stelle, um mir aufs Neue zu erklären, dass ich das Haus vom Matratzenlager unter dem Dach abwärts über die Zimmer im ersten Stock bis in den Keller sauber zu machen habe. Das erklärte mir die Tante jedes Mal wieder so genau und detailliert, dass ich eines Freitags dachte, dass die Tante, aus welchem Grund auch immer, davon überzeugt sein musste, dass sie einen sehr dummen Jugendlichen vor sich hat.

Wegen dieser Idee war mir der Gedanke gekommen, dass die Tante in ihrer strengen Art der permanenten Unterweisungen einen Auftrag der Mutter übernommen haben könnte. Weil die Tante ein Familienmitglied ist, war ich sicher gewesen, dass die Tante mit der Mutter hin und wieder über mich gesprochen hatte. An besagtem Freitagnachmittag fegte ich gründlich, wie es stets meine Art gewesen war vom Matratzenlager bis zum Keller durch jedes Zimmer des Hauses. Meine Gedanken waren dabei auf die Frage gestoßen, welche Absprachen wohl zwischen Mutter und Tante getroffen worden waren. Die Genauigkeit und Kontrolle der Tante, ihre kommandierende Art, das mag ihr eigen gewesen sein. Ihr Verhalten mir jedes Wochenende aufs Neue das bereits detailliert erklärte noch mal vorzukauen, dem kann nur die Annahme zu Grunde liegen, dass ich von einem Wochenende aufs nächste vergesse, was und wie ich auf der Hütte zu arbeiten habe. Andererseits, so dachte ich, während ich über die Fensterbänke im Matratzenlager wischte und durch das Glas die herrliche Aussicht über die weitläufigen Hochgebirgsketten unter dem strahlend blauen Julihimmel sah, andererseits konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Mutter der Tante verkauft hatte, dass ich zu dumm wäre, die mir zugeordneten Reinigungsarbeiten eigenständig zu erledigen und mir binnen einer Woche zu merken, um welche Reinigungsarbeiten es sich handelte.

Wahrscheinlich hatte die Tante mit der Mutter mehrfach über mich gesprochen. Wahrscheinlich hatte diese Tante, die Informationen der Mutter auf ihre Weise ausgewertet. Wahrscheinlich behandelte mich die Tante so dumm, wie es ihr persönlicher Eindruck von mir gewesen war. So habe ich schließlich an dem Nachmittag gedacht, während ich mit feuchtem Lappen und Putzeimer den kalten Keller wischte. Vielleicht hatte sie von der Mutter den Auftrag erhalten, mich während meiner Arbeit genau zu kontrollieren. Sicherlich hatte die Tante nicht den Auftrag, mich wie einen dummen Jungen zu behandeln.

Letztes Jahr, während der Schulferien über Pfingsten, sollte ich zwei Wochen lang in der Hütte arbeiten. An meinem freien Nachmittag hatte ich mir eine Fernsehsendung angesehen. Es gab ein kleines Aufenthaltszimmer für die Mitarbeiter. Dort stand ein winziges Fernsehgerät, das für die Mitarbeiter zugänglich gewesen war. Das Fernsehen war jedem Mitarbeiter in seiner Freizeit erlaubt. Eines Nachmittags hatte die Tante mich in dem Zimmer vor dem Fernsehgerät aufgespürt. Es sei eine Unverschämtheit von mir, faul vor dem Fernsehgerät zu sitzen. Sie scheuchte mich aus dem Zimmer. In ihrem gewohnten Komandierton hielt mich die Tante zur Arbeit an. Dass ich einen freien Nachmittag gehabt hatte, der im Schichtplan eingezeichnet war, interessierte die Tante nicht. Meine Erklärung war für die Tante unnütz, weil in ihren Augen ungültig. In ihren Augen fehlte mir die Berechtigung für eine Erholungspause vor dem Fernsehgerät. Freie Nachmittage, so hatte sie kurz und deutlich gesagt, gäbe es nur für diejenigen Saisonarbeiter, die den gesamten Sommer durcharbeiten würden. Ferien- und Wochenendbeschäftigte wie ich, hätten keine freien Nachmittage. Der Sohn der Tante war der offizielle Hüttenwirt. Er hatte mich angestellt und mit mir den Arbeitsvertrag und die Schichtplanung gemacht. Mit ihm waren meine zwei freien Nachmittage während der vierzehntägigen Schulferien vereinbart. Leider war der Sohn in dieser Zeit nur selten auf der Hütte zu sehen. Die Tante führte das Regiment.

Die Situation, als die Tante mich vor dem Fernsehapparat ertappt hatte, erinnerte mich an die Mutter. Vielleicht hatte die Mutter der Tante gesagt, dass ich auf der Berghütte arbeiten sollte, aber auf keinen Fall fernsehen dürfe. Vielleicht wäre die Tante weniger rabiat aufgetreten, wenn ich anstatt vor dem Fernsehgerät zu sitzen, in einem Buch gelesen hätte. Wahrscheinlich, so hatte ich mir das Auftreten der Tante damals erklärt, hatte die Tante betreffend dem Fernsehen die gleiche Einstellung, wie die Mutter. Ich glaube, die Mutter hatte Angst davor, dass ich vom Fernsehen süchtig werden könnte und in absolutes Nichtstun verfallen könnte.

Den Befehlen der rabiaten Tante habe ich mich nicht widersetzt. Ich hatte die zwei Wochen durchgearbeitet und auf meine zwei freien Nachmittage verzichtet. Allerdings habe ich nach diesen Ferien nicht wieder auf der Hütte gearbeitet. Mit der Mutter konnte ich über die Arbeit und die Tante auf der Hütte nicht sprechen. Ich war mir sicher gewesen, dass sie im Austausch mit der Tante stand. Hätte ich versucht mit ihr über die Tante zu sprechen, wäre bei diesem Gespräch nichts anderes als die mir bereits bekannte Haltung der Mutter erneut zu Tage getreten, denn sicherlich war sie bereits über mein Verhalten aus Quelle und Sicht der Tante informiert gewesen. Die Vorstellung, mit den Eltern über das Auftreten der Tante auf der Hütte zu sprechen, war mir unmöglich. In meinem Kopf fand ich Angst davor, dass meine Haltung in so einem Gespräch vermutlich Befürchtungen der Eltern bestätigen könnte, dass mir eine, gemessen an den Tugenden der Eltern taugliche Einstellung zu Arbeit und Geldverdienen nach wie vor fehlt. Dass mich die Tante gerade an einem Ort an dem ich mich zum Zwecke der Arbeit aufhielt, ausgerechnet vor dem Fernsehgerät erwischt hatte, war für die Eltern sicherlich schlimm genug gewesen. Ich glaube, das hatte Befürchtungen der Eltern bestätigt. Es hatte bestätigt, dass ich nach wie vor hochgradig gefährdet war. Ich war gefährdet Vergnügen und Faulheit, Dreistigkeit und Frechheit, Ungeheuerlichkeit und Unverschämtheit ausgerechnet an einem Ort zu fronen, wo Tugenden wie Fleiß, Unterwürfigkeit, Dankbarkeit und die Bereitschaft Opfer zu bringen, indem man auf eine Pause zugunsten engagierter, beinahe selbstloser Arbeit verzichtet, bedingungslos notwendig gewesen wären. Denn an diesem Ort, auf Tante Gretels Hütte, war ich nicht zu meinem Vergnügen gewesen, sondern ich war dort oben gewesen, um das zu erlernen, was für die Eltern den Lebensmittelpunkt darstellt: Arbeit.

Den Wagen von Martina steuere ich mit mäßiger Geschwindigkeit Richtung Gebirgsort. Links am Straßenrand sehe ich eine beschilderte Abzweigung Richtung See. Dort habe ich bis vor wenigen Tagen im Bootshaus gearbeitet. Der Bootshausbesitzer hatte zugesichert mir den letzten Teil meiner Bezahlung in den nächsten Tagen zu geben. Er wollte mich zu Hause anrufen, um mir zu sagen, wann ich das Geld abholen kann. Ab heute wird er mich zu Hause nicht mehr erreichen. Es wird also schwierig für den Chef, mir zu sagen wann ich das restliche Geld abholen kann. Ich setze den Blinker und biege langsam in die Straße zum See ab.

Auf dem Dachboden im Haus der Eltern gibt es eine riesige elektrische Modelleisenbahn. Der Vater hatte diese Anlage Jahre bevor ich in die Familie gekommen war gekauft. Nachdem mich die Eltern im Alter von dreizehn Jahren aufgenommen hatten, fand ich diese Anlage äußerst interessant. Sehr viele verregnete Wochenendnachmittage habe ich auf dem niedrigen Speicher an der Modelleisenbahn zugebracht. Im alter von fünfzehn und sechzehn Jahren war mir das Basteln an der Modellbahn zunehmend langweiliger geworden. Anstatt an der Modellbahn zu basteln hatte ich eines Nachmittags begonnen, mich auf dem Speicher genauer umzusehen. Allerhand altes Gerümpel das die Mutter dort lagerte, hatte ich dabei gefunden. Mein Interesse wurde von einem alten, tragbaren Schwarzweißfernsehgerät geweckt. Das Gerät kramte ich unter einem Berg von Kartons, Koffern und Plastiksäcken mit Kleidung hervor. Die Mutter hatte mir oft verboten nachmittags oder am Wochenende fernzusehen. Ich glaube, weil das Fernsehen in den Augen der Mutter ein grundsätzliches Übel ist, hatte sie es für richtig gehalten, dass ich abends wenn überhaupt, dann höchstens Nachrichten im Fernsehen sehe. Danach wurde das Gerät in der Regel ausgeschaltet.

Durch das gefundene alte Fernsehgerät auf dem Dachboden wurden für mich die Nachmittage bei der Modelleisenbahn wieder interessant. Ich versteckte das Gerät in einer Ecke neben einem kleinen Regal. Das Gerät funktionierte einwandfrei, der Empfang war allerdings schlecht. Während des Fernsehens ließ ich die Eisenbahn stets laufen. Ich dachte daran, dass die Mutter, unten an der Speichertreppe auf keinen Fall andere Geräusche hören darf, als das gewohnte Fahrgeräusch der Modellbahn. Es war dumm von mir gewesen, zu glauben, dass die Mutter nicht sehr schnell Verdacht schöpft. An den folgenden Wochenenden war ich lange Zeiten auf dem Speicher verschwunden. Zuvor war ich kaum mehr länger als eine Stunde auf dem Speicher bei der Eisenbahn geblieben. Vielleicht hatte die Mutter schon in früheren Zeiten hin und wieder die Speichertreppe hinauf geschaut, um sich davon zu überzeugen, dass ich an der Eisenbahn bastelte. Ich hätte ahnen können, dass sie schnell durchschauen würde, welchem Interesse ich auf dem Speicher nachging.

Jetzt lenke ich den grünen Wagen auf den gut gefüllten Parkplatz am See. Der Wächter am Parkplatz ist ein Mitschüler aus der Schule am Berg. Ich darf den Wagen kostenlos auf den Plätzen für Bedienstete abstellen. Länger als eine viertel Stunde werde ich nicht bleiben. Deshalb gibt mir der Mitschüler den Schlüssel für das Schrankenschloß. Beinahe routiniert lenke ich den Wagen auf den Parkplatz und rangiere ihn rückwärts in eine freie Lücke. Das alles wird von dem Mitschüler hinter der Glasscheibe sehr genau und mit vielleicht berechtigt sorgenvollem Blick verfolgt. Schließlich bin ich Fahranfänger. Ausgerechnet mich lässt er auf dem Mitarbeiterparkplatz herumkurven. Im Rückspiegel sehe ich den Mitschüler, wie er durch die Glasscheibe in seinem Kassenhäuschen über den vollen Parkplatz zu mir hinüber starrt. Das Auto habe ich ordentlich zwischen zwei andere Kleinwagen geparkt. Keine Schramme, keine Beule, nichts. Dem Mitschüler schiebe ich lächelnd den Schlüssel unter der Glasscheibe hindurch zurück. „Alles klar, merci dir.“ Das sage ich. Es bestätigt, dass der Mitschüler zwar seine Kompetenz überschritten hat, weil er mich hier parken lässt, das aber damit keinerlei Risiko für ihn verbunden ist. Ob der Mitschüler darüber genauso denkt wie ich, weiß ich nicht. Der Mitschüler nimmt den Schlüssel an sich, er lächelt und nickt. Ich gehe los in Richtung See. Ich laufe an Kiosken und Verkaufsständen vorbei, die mir von meinem Weg zur Arbeit im Bootshaus bekannt sind. Vor ihnen drängen sich Trauben von Touristen. Der heutige Geschäftstag ist gut.

Das Fernsehen auf dem Speicher muss für die Mutter eine meiner schlimmsten Missetaten gewesen sein. Mein Fehlverhalten war eine riesige Unverschämtheit. Ein Vertrauensbruch, der an Hinterlistigkeit nicht zu überbieten war. Das Haus hatte ich an diesem Nachmittag sofort zu verlassen. Die Eltern bestraften mich nicht mit Hausarrest. Ihre Strafe war das Gegenteil. Ich hatte hinauszugehen an die frische Luft. Die Stubenhockerei war schlecht für mich, deshalb schickten sie mich hinaus. Es hätte ihrer Grundauffassung widersprochen, mich in mein Zimmer zu verbannen. Ich sollte nach draußen gehen und dort irgendwo herumlaufen, das würde mir gut tun. Damit hatten die Eltern tatsächlich recht. Es war wesentlich gesünder und besser mich hinaus zu schicken, als mich zu Stubenarrest zu verdonnern. Im Wald war genügend Ruhe und Freiraum um bei frischer Luft über alles nachzudenken. Auf meinem Felsen im Wald überblickte ich die Dächer des Ortes und dachte über mein Fehlverhalten nach. Vor dem Abendessen brauchte ich mich, am Besten ausgerüstet mit einer ehrlich gemeinten, anständigen Entschuldigung, nicht wieder zu Hause blicken zu lassen. Ich glaube, die Mutter und der Vater hatten fürchterliche Angst davor, dass ich wegen des miserablen Fernsehprogramms zu verwahrlosen drohe. Ich kann mir das Auftreten der Eltern an dem Nachmittag nicht anders erklären. Die Mutter war fassungslos gewesen. Sofort hatte sie den Vater hinzugezogen. Der war genauso fassungslos gewesen. Das Gewicht der Schuld gegenüber den Eltern, wegen meines hinterlistigen Fernsehens auf dem Speicher schien mir an diesem Nachmittag so schwer, dass ich es kaum ertragen konnte allein auf dem Felsbrocken im Wald zu sitzen. Beide Eltern hatten mich, weil ich ihnen unentschuldbar in den Rücken gefallen war, ihres Hauses verwiesen. Beide Eltern erwarteten am Abend eine fundierte Entschuldigung für mein Fehlverhalten. Schließlich lief ich ziellos durch den Wald. Nach einer Viertelstunde saß ich wieder auf meinem Felsen. Dort hielt ich die Ruhe aber nicht lange aus. Nach wenigen Minuten lief ich durch den Wald zum Haus der Eltern zurück. Die Garagentür steht immer offen. Ich holte mein Fahrrad aus der Garage und fuhr zurück in den Wald. Ich fuhr den ganzen Nachmittag auf verschiedenen Bergstraßen auf und ab.

Zum Abendbrot hatte ich mich nicht nach Hause getraut, trotzdem war klar, dass ich irgendwie nach Hause kommen musste. Meine Fahrradstrecke auf den Bergstraßen habe ich an dem Nachmittag von Stunde zu Stunde immer näher an das Haus der Eltern verlegt. Das Haus der Eltern habe ich mit meinem Fahrrad mehrfach auf verschiedenen Straßen umrundet. Dabei habe ich die Entfernung der Straßen um das Haus immer geringer gewählt, bis ich schließlich dem Haus so nahe gekommen war, dass keine Straße mehr daran vorbei führte. Die letzte Straße, es war die Straße direkt vor dem Haus der Eltern, habe ich so gewählt, dass ich genau um fünf Minuten vor halb sieben Uhr abends auf sie einbog. Langsam rollte ich, die Pedale kaum mehr tretend, die am Hang verlaufende Straße Richtung Elternhaus entlang. Auf der Straße war nichts los. Die Nachbarskinder hatten an dem Nachmittag nicht auf der Straße gespielt. Das Regenwetter, das meine Kleidung im Lauf des Nachmittags durchweicht hatte, war Schuld. Das Leben auf der Straße, die Ballspiele, die Versteckspiele, die Laufspiele mit den Nachbarskindern an denen ich oft beteiligt gewesen war, das alles, und damit das ganze Leben schien an diesem Nachmittag für mich still zu stehen. Ich hatte ich einen Schuldigen gefunden. Es muss der Regen gewesen sein! Nur wegen ihm hatte ich nicht auf der Straße mit den Nachbarskindern gespielt. Wegen ihm war ich auf dem Speicher bei der Eisenbahn gesessen. Es war das scheußliche Regenwetter gewesen. Das hatte mich dazu verleitet, auf den Dachboden hinauf zu steigen und dort das Vertrauen der Eltern wieder auf das Tiefste zu missbrauchen. Der Regen hatte den ganzen Tag versaut. Er hatte dafür gesorgt, dass ich auf dem Dachboden gewesen war, dass ich dort fern gesehen hatte, dass ich schließlich ein schlechtes Gewissen wegen meines Vertrauensbruches gegenüber den Eltern bekommen hatte, dass ich durchnässt durch den Wald gerannt war, dass ich verfroren aufs Fahrrad gestiegen war und Stunden lang durch die Gegend gekurvt war, um schließlich mit immer noch schlechtem Gewissen abends kurz vor halb sieben Uhr wieder zu Hause anzukommen. Meine Antwort für die Mutter war der Regen. Meine Entschuldigung war nicht ich und mein schlimmes Verhalten. Ich war es nicht gewesen. Nicht ich war schuld. Der Regen war es.

Pünktlich um halb sieben Uhr war ich zu Hause angekommen. Das war die Uhrzeit zu der täglich zu Abend gegessen wurde. Um nicht noch mehr Schaden anzurichten war ich absolut pünktlich gekommen. Mein Gewissen gegenüber den Eltern war sehr schwer belastet. Ich entschuldigte mich für mein unverschämtes Verhalten vom Nachmittag. Ich versuchte das so ehrlich, wie es mir möglich war. Erst im Treppenhaus hatte ich es geschafft, meine Gedanken an die Schuld des Regens abzudrängen. In meinem Kopf zerrte ich mein schlimmes Verhalten vom Nachmittag hervor. Das was ich dem Regen zuvor an Schuld in die Schuhe geschoben hatte, ordnete ich auf dem Absatz zum Esszimmer im Kopf endlich mir selbst zu. Damit hatten die Eltern erreicht, was sie wollten. Ich sah, wenn auch spät, meine tiefe Schuld ein. Mein niederträchtiges Verhalten war an allem schuld gewesen. In meinen Worten erklärte ich den Eltern, dass ich einsehe, welche Schuld ich auf mich geladen hatte. Ich versprach, dass es nie wieder vorkommen werde, dass ich die Eltern nie wieder so niederträchtig hintergehen werde. Es war nie wieder vorgekommen. Abends im Wohnzimmer der Eltern habe ich auch nach diesem Nachmittag weiterhin immer dann ferngesehen, wenn sie ins Konzert, oder ins Theater gefahren waren. Die Eltern hatten das immer gewusst. Die Mutter hätte den Fernsehschrank versperren können. Das hatte sie nicht getan.

Das von der Mutter so gehasste und auch nach meiner Meinung sehr schlechte Fernsehprogramm, war für mich weiterhin erreichbar geblieben. Dass ich abends fernsah, wenn die Eltern außer Haus waren, war niemals in der Familie besprochen worden. Die Eltern hatten diese Tatsache stillschweigend hingenommen. Vielleicht war das eine Taktik der Mutter gewesen? Für mich war diese Taktik undurchschaubar geblieben. Während verschwiegen wurde, was alle gewusst hatten, dass ich fernsehe wenn die Eltern abends weg waren, bestand ein unausgesprochenes Verbot, dann fernzusehen, wenn abends alle zu Hause waren. Um das Medium Fernsehen hatte ein jahrelanger Kampf zwischen den Eltern und mir stattgefunden. Vielleicht konnte das deshalb geschehen, weil wir nie gemeinsam fernsahen. Vielleicht wäre das alles ganz anders verlaufen, wenn zu Hause über die Inhalte, die das Fernsehen zeigte nicht geschwiegen worden wäre.

Langsam laufend arbeite ich mich durch Menschenmassen an den See heran. Aus den Küchen der Hotels und Restaurants am Straßenrand rieche ich, dass es nahe der Mittagszeit ist. Ich habe keine günstige Uhrzeit gewählt um den Besitzer des Bootshauses aufzusuchen. Zwischen elf und dreizehn Uhr war er an der Kasse immer von seinem Sohn vertreten worden. Weil das auch heute so ist, treffe ich dort den Sohn an. Ich hinterlasse meine neue Adresse in der großen Kreisstadt. Ich bitte darum, dass der Chef mir das Geld dorthin schicken möge. Der Sohn sichert zu, dass sein Vater das bestimmt tun werde. So laufe ich entgegen dem Touristenstrom zurück Richtung Parkplatz.

Niemals habe ich im Geschäft der Eltern mitgearbeitet. Nur einmal, kurz nachdem ich bei den Eltern eingezogen war, hatte ich dem Vater in einem kleinen Lager, dass er damals nahe dem Bahnhof angemietet hat, beim Einlagern von Kisten geholfen. Es war darum gegangen angelieferte Ware in dem Lager zu verstauen und bestimmte Waren, die der Vater im Geschäft benötigte, auszupacken. Das war das einzige Mal gewesen, dass ich dem Vater bei seiner Arbeit geholfen hatte. Vielleicht war es nur einmal dazu gekommen, weil es mir lieber gewesen war, wo anders einen Ferienjob zu machen, um der Kontrolle der Eltern zu entgehen.

12. Mittagszeit im Gebirgsort

Ich steuere den Wagen vom Parkplatz am See zurück auf die Straße, die inzwischen bis zur Parkplatzzufahrt dicht an dicht mit Autos zugeparkt ist. Langsam fahre zwischen den gedrängt parkenden Autos zurück zur breiten Hauptstraße. Die Tankanzeige bewegt sich nicht. Sie zeigt, egal ob Gefälle oder Steigung, stets voll an. Auf der breiten Straße erreiche ich das Ortsschild. Ich biege rechts ab. Die Hauptstraße durch den Ort führt vorbei am Rathaus, der Kirche, dem Marktplatz und dem Geschäft der Eltern. Ich fahre langsam, denn ich sehe viele Touristen auf den Gehsteigen. Ich rechne jederzeit damit, dass einer von ihnen unvermutet auf die Straße vor den Wagen springt. Auf meiner Armbanduhr sehe ich, dass es viertel vor ein Uhr Mittags ist. Die meisten Geschäfte, auch das der Eltern sind bis zwei oder halb drei Uhr geschlossen. Jetzt fahre ich langsam am geschlossenen Laden der Eltern vorbei. Das Geschäft öffnet um vierzehn Uhr wieder. Das war jahrelang genau die Uhrzeit gewesen, zu der ich von Bahnhof und Schulbus nach Hause angekommen war. Weil die Eltern jetzt nicht in ihrem Geschäft stehen, denn sie sitzen zu Hause beim Mittagessen, möchte ich noch nicht nach Hause fahren, um meine Sachen aus der Garage in das Auto einzuladen. Ich könnte das tun, aber ich glaube nicht, dass es besonders geschickt von mir wäre.

Als ich heute Morgen das Haus der Eltern verlassen habe, um in die große Kreisstadt zu fahren, war ich im Treppenhaus der Mutter begegnet. „Wirf deinen Schlüssel in den Briefkasten“, hatte sie mir nachgerufen. Das war der Abschied zwischen uns beiden. Der Abschied war schon lange Zeit eingeleitet. In den vergangenen Wochen und Monaten waren wir uns kaum mehr begegnet. Heute Morgen haben wir uns nicht die Hände geschüttelt, um uns von einander zu verabschieden. Wir waren bereits verabschiedet.

Die Mutter hatte den Briefkasten erwähnt. Das bedeutet, dass sie davon ausgeht, mich heute nicht wieder zu sehen. Warum sonst hätte sie mich bitten sollen, den Schlüssel einzuwerfen? Wollte sie mich heute noch einmal sehen, wollte sie sich von mir verabschieden, und meine Schlüsselrückgabe für den Abschied nutzen, dann hätte sie heute morgen nicht so gesprochen. Die Mutter will mich heute nicht mehr sehen. Gleiches gilt für den Vater. Den habe ich heute noch nicht gesehen. Zwischen den Eltern und mir sind der Worte genug gewechselt. In den letzten Monaten waren es vor allem Worte des Kampfes zwischen uns. Meine unqualifizierten Worte mit denen ich den Eltern vor fünf Jahren begegnet war, hatten von Beginn an den heutigen Abschied eingeleitet. Jetzt, wo ich im Wagen auf der Straße hinauf zum Haus der Eltern unterwegs bin, glaube ich, dass sich von Beginn an entwickelt hatte, was heute wahr wird. Meine Zeit bei den Eltern läuft mit dem heutigen Tag ab.

Mein Abschied am heutigen Tag ist so gesehen perfekt vorbereitet. Wegen seiner jahrelangen Geschichte ist der heutige Abschied eindeutig klar. Der Abschied ist so eindeutig klar, dass heute keine Worte des Abschieds zwischen uns notwendig sind. Kann das sein? So frage ich, während ich Gas gebe um mit dem Wagen die Steigung auf der Pflasterstraße zu nehmen, die jahrelang ein Teil meines täglichen Schulweges zum Bahnhof gewesen war.

Mit dem Auto sind es jetzt nur noch wenige Sekunden, bis die Straße zum Haus der Eltern nach rechts abgeht. Mit dem Wagen kann ich hier nirgendwo stehen bleiben, um noch mehr Zeit für meine Überlegungen, für die Frage zu haben, ob sein kann, was ich gerade denke. Nur Sekunden bleiben, in denen ich entscheiden muss, ob ich abbiegen sollte, um in die Straße der Eltern zu gelangen, um mich jetzt von ihnen zu verabschieden. Kann es sein, dass Abschied nach so langen Jahren nicht nötig ist? Ist das ein Abschied?

Wer soll sich von wem verabschieden? Wahrscheinlich sollte ich mich verabschieden, denn ich war Gast im Haus dieser Eltern gewesen. Ich bin derjenige, der heute wieder weg geht, auch wenn klar ist, dass ich gehe, weil ich im Haus der Eltern nicht länger geduldet werde. Wahrscheinlich sollte ich mich nicht nur ordentlich verabschieden, sondern ich sollte mich auch herzlichst bedanken, für alles, was ich in den vergangenen Jahren von den Eltern erhalten habe. Schließlich habe ich von den Jahren profitiert. Schließlich sind die Eltern es gewesen, wegen denen ich die Schule geschafft habe und mit hoher Wahrscheinlichkeit eines Tages einen Beruf haben werde und auf eigenen Beinen stehen werde. Ihnen habe ich zu verdanken, dass ich nicht weiterhin dumm auf der alten Schule geblieben war. Vielleicht habe ich den Eltern zu verdanken, dass ich nicht so dumm bin, wie Michael, der mich heute einige Meter in seinem Wagen mitgenommen hat, so dass ich erleben musste, dass Michael heute wohl nicht viel gescheiter ist, als er es früher gewesen war. Vielleicht wäre ich ohne diese Eltern weiter zum Opfer der Gewalt von dummen Mitschülern und Erwachsenen geworden. Vielleicht wäre auch ich inzwischen zu einem dummen Gewalttäter geworden. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich mich eigentlich verabschieden und bedanken sollte, denn ich habe Grund genug dies zu tun. Trotzdem fahre ich an der Straße der Eltern vorbei. Ich fahre weiter den steilen Berg hinauf. Ich bin nicht in die Straße der Eltern eingebogen. Würde ich jetzt schon meine wenigen Kisten, den Schreibtisch und die Schrankbretter aus der Garage der Eltern einladen, müsste ich noch ein letztes Mal hinauf ins Haus gehen. Dort müsste ich mich verabschieden und bedanken. Dabei würde ich mir heute aber heuchlerisch vorkommen. Tue ich es nicht, ist das eine weitere Unverschämtheit von mir.

Ich traue mich nicht heute einfach Aufwidersehen zu den Eltern zu sagen und ihnen die Hand zu reichen nach den langen Jahren. Heute habe ich wieder ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber den Eltern. Ich habe Angst, die Eltern würden mein Auftreten, jetzt zur Mittagsstunde in ihrem Haus, als letzte Provokation empfinden. Ich glaube, dass es für die Mutter unmöglich wäre, etwas Gutes daran zu finden. Würde ich jetzt in einem von Freunden geliehenen Wagen vorfahren, um einzuladen und Abschied zu nehmen, die Eltern fänden abermals bestätigt, dass ich keinerlei Anstand besitze. Die Mutter würde glauben, dass es mir heute nicht schlecht dabei geht, ihr Haus zu verlassen. Deshalb fahre ich mit dem Wagen zunächst an der Straße der Eltern vorbei! Oben auf dem kleinen Berg biege ich in eine Nebenstraße. Dort bleibe ich am Waldrand im Schatten stehen. Ich bleibe minutenlang im Wagen sitzen. Draußen sehe ich im Wind wippende Äste riesiger Laubbäume. Ich entschließe mich auszusteigen und ein bisschen auf dem Waldweg entlang zu laufen. Es ist ein Weg, den ich schon oft gelaufen oder mit dem Fahrrad gefahren war.

Die Mutter soll nicht den Eindruck gewinnen, dass es mir heute gut geht. Es geht mir nicht gut. Es geht mir aber auch nicht schlecht. Ich tue heute was lange klar geworden war. Ich verlasse das Haus der Eltern, ohne dabei viele Worte loszuwerden, weil alles zwischen uns bereits gesagt worden war. Zumindest scheint aus heutiger Sicht alles gesagt. Ob das was heute geschieht gut oder schlecht für meine Zukunft ist, werde ich merken. Vielleicht spüre ich es morgen schon, vielleicht in Tagen, vielleicht Wochen, Monaten. Es kann sogar sein, dass es Jahre dauern wird, bis ich entscheiden kann, ob es mir im Zusammenhang mit den Jahren bei den Eltern mit dem heutigen Ende gut oder schlecht geht. Deshalb wäre es völlig falsch, wenn die Mutter heute glauben würde, es ginge mir gut dabei zu gehen.

Ich glaube, auch die Eltern werden erst in Jahren merken, ob es sich gelohnt hat, in mich zu investieren. Auch für sie wird meine Anwesenheit in ihrem Hause verblassen. Vielleicht wird das Gewicht der Verletzungen die ich ihnen wegen meines Fehlverhaltens zugefügt habe, im Laufe der Jahre sogar abnehmen. Vielleicht wird die Mutter eines Tages nicht mehr so erbost sein, wenn sie sich daran zurück erinnert, welches Unglück ich in ihr Haus gebracht habe. Hoffentlich werden die Eltern eines Tages sehen, dass aus mir kein schlimmer, gewissenloser Verbrecher geworden ist, obwohl ich nicht zu dem geworden bin, den sie sich gewünscht hatten.

Ich stehe vor dem Wagen, wenige hundert Meter oberhalb es Hauses der Eltern. Noch ist der Tag an dem ich sie verlasse nicht vorüber, und ich denke schon darüber nach, wie die Eltern und ich all das was geschehen ist in vielen Jahren vielleicht einmal sehen werden. Ich denke daran, dass wohl sehr viele Jahre vergehen müssen, bis meine Entwicklung, mein Scheitern in diesem Elternhaus für uns alle überwunden sein wird. Heute schon, wo ich die Eltern nicht einmal richtig verlassen habe denke ich daran, dass viele Jahre vergehen müssen, bis ich dieses Haus vielleicht wieder betreten werde.

Der Waldweg führt zunächst leicht, später steil bergab. Auf Höhe des Elternhauses quert er einen andern Waldweg, den ich morgens immer ein Stück in den Wald hinein gelaufen war, um zum Busbahnhof zu gelangen. Ich laufe langsam. Dabei sehe ich mir den Weg an. Ich kenne jeden winzigen, abzweigenden Pfad genau. Immer steiler werdend führt der Waldweg hinunter in den Ort. Er endet an einer steilen Teerpiste. Nach mehreren hundert Metern führt die nahe dem Marktplatz auf die gepflasterte Fußgängerzone.

Dort gibt es eine Gaststätte, in der ich in den Osterferien vor zweieinhalb Jahren den ersten Ferienjob meines Lebens angetreten hatte. In der Küche hatte ich zwei wochenlang alles gemacht, was mir vom Küchenchef aufgetragen wurde. Morgens um neun Uhr ging es meist mit Kartoffelschälen, Gemüseputzen und Salatwaschen los. Nachmittags um drei Uhr durfte ich nach dem Abspülen und Abtrocknen für drei Stunden nach Hause gehen. Von sechs Uhr abends bis neun Uhr ging es wieder ans Abspülen und Trocknen. Meine Klamotten hatten abends entsetzlich nach Hotelküche gestunken. Zum Lüften habe ich sie in den Nachmittagsstunden und über Nacht auf den Balkon gehängt. Die Arbeit hatte mir Spaß gemacht, obwohl sie anstrengend war. Während der Nachmittagspause hatte ich immer geschlafen. Abends war ich täglich um halb zehn Uhr nach Hause gekommen. Todmüde vom Gemüse putzen und Geschirr spülen war ich immer schnell im Bett verschwunden. In meiner Erinnerung hatte es während dieser zwei Wochen keine Probleme zwischen den Eltern und mir gegeben. Wahrscheinlich war ich von der Arbeit so müde gewesen, dass ein Aufbäumen, welcher Art auch immer, gar nicht mehr möglich war.

Vielleicht wäre es zwischen den Eltern und mir besser gegangen, wenn ich damals eine Ausbildung angefangen hätte. In einer Lehrstelle hätte ich täglich lange und schwer zu arbeiten gehabt. Die Zeit um zu Hause Streitereien und Konflikte auszutragen, etwa nachmittags die Lernzeit mit der Mutter, hätte es nicht gegeben. Ich wäre beschäftigt mit der Arbeit gewesen. Es hätte weniger Berührungspunkte mit der Mutter wegen der Schule gegeben. Ich hätte andere gleichaltrige Freunde gehabt. Ob das am Kontakt und der Beziehung zu den Eltern wirklich etwas verbessert hätte ist nicht sicher. Ich weiß, dass die Eltern sehr viel arbeiten. Ob aber ein arbeitender Auszubildender in die Familie gepasst hätte, das weiß ich nicht.

Weil ich glaube, dass zwischen dem Vater und mir unsere unterschiedliche Sprache vieles gar nicht möglich gemacht hatte, wäre eine Lehre vielleicht wenig hilfreich gewesen. Durch die Schule hatte ich schnell die Möglichkeit eine bessere Sprache zu erlernen. Für das Gespräch zwischen mir und dem Vater reicht das allerdings bis heute noch nicht. Die Anstrengungen einer Lehre hätten vielleicht dazu geführt, dass ich meine Mithilfe im Haushalt, in der Küche, das Rasenmähen, das Kehren des Gartenweges, das Aufräumen der Garage oder das Schneeräumen im Winter eingeschränkt hätte. Das hätte für die Mutter schlimmes bedeutet, wo sie ohnehin schon gesagt hatte, dass ich mich wie in einem Hotel verhalten habe. Wäre ich täglich einer Lehre nachgegangen, wäre ich noch weniger zu Hause gewesen. Wahrscheinlich wäre ich, genauso wie es in der Schule gewesen war, während der Woche allein am Frühstückstisch gesessen. Mittags wäre ich nicht nach Hause gekommen. Abends wäre ich müde gewesen und hätte wohl kaum mehr zu Hause bei der Hausarbeit mit geholfen. Vielleicht hätte ich mich weniger in der Jugendgruppe aufgehalten. Wegen der anstrengenden Lehre, wäre ich dort sicherlich nicht mehr oft hingegangen. Das wäre es vielleicht gewesen! Hätte ich eine Lehre begonnen, anstatt der neuen Schule, wären die Ideen, auf die ich wegen der Jugendgruppe gekommen war, ganz sicher wesentlich weniger einflussreich für mich gewesen. Die Jugendgruppe, der Ort, der mir unter Gleichaltrigen viel Sicherheit vermittelt hatte, wäre vielleicht beinahe ausgefallen. Kräfte, die ich dort gesammelt hatte, hätte ich nicht mit nach Hause zu den Eltern gebracht. Eine Entwicklung, die ich in der Gruppe gemacht hatte, wäre ausgefallen. Vielleicht wäre das gut gewesen, denn die Gruppe hatte großen Einfluss auf mich. Meine besten Freunde habe ich dort kennen gelernt. Weniger oder gar keine Zeit für diese Gruppe hätte ganz sicher eine andere Entwicklung für mich und wahrscheinlich für die Beziehung zu den Eltern bedeutet.

13. In der Straße der Eltern

Erst um viertel nach zwei Uhr steige ich wieder in den Wagen und wende ihn umsichtig. Ich fahre im zweiten Gang die steil abfallende Straße langsam hinunter. Gleich nach einer Baustelle für einen großen Hotelkomplex biege ich nach links in die Straße ein, in der ich fünf Jahre lang im Haus der Eltern gelebt habe.

Der Rohbau auf der Baustelle für das mehrstöckige Hotel ist bereits fertig. Der Dachstuhl ist fertiggestellt, oben erkenne ich einen winzigen Baum, das Richtfest war bereits gefeiert worden. Früher war hier eine schöne Wiese mit einem alten großen Baum. Auf dieser Wiese hatte ich vor fünf Jahren die ersten Kinder in meiner Straße bei den Eltern kennen gelernt. Von den Nachbarskindern war ich schnell in ihr Spiel aufgenommen worden. Im ersten Sommer, den ich hier gewohnt hatte, waren wir schwer damit beschäftigt gewesen, auf der hohen Buche am Rand des Grundstücks eine Baumhütte zu bauen. Die alte Buche suche ich jetzt vergeblich. Sie musste dem Neubau weichen. Auf diesem Grundstück hatten wir im Sommer jeden Nachmittag Verstecken und Fangen gespielt. Über die wenig befahrene Straße hatten wir ein altes Seil gespannt und Ballspiele gemacht. Das Grundstück war mehrere Jahre lang der tägliche Treffpunkt für die Kinder in der Straße gewesen. Dort habe ich nachmittags immer Nachbarskinder zum Spielen gefunden. Den Nachbarskindern war es egal, ob es zu Hause mit den Eltern gut oder schlecht lief. Was zu Hause war, war hier kein Thema. Hier ging es um Toben, Rennen, Schreien, Spielen, Gewinnen oder Verlieren. Ob zu Hause Streit war, spielte auf dem Spielplatz Straße und auf dieser Wiese keine Rolle. Mich fragte keiner wie es geht, sondern nur, ob ich mitspiele. Ich habe immer mitgespielt.

Heute Nachmittag ist hier kein Kind unterwegs. Von der Baustelle dröhnt der Lärm der Betonmischer. Auch der Baum an dem wir unsere Schnur befestigt hatten fehlt. Dort führt nun eine geteerte Einfahrt hinunter in eine Tiefgarage für die künftigen Hotelgäste. Der Ort ist vom Tourismus geprägt. Unsere alte Spielstraße bleibt davon nicht verschont.

Schon in den vergangenen zwei Jahren, ich war dem Alter für die Spiele auf der Straße längst entwachsen, hatte ich auf der Straße kaum mehr Kinder gesehen. Das Spielen auf der Straße und auf diesem Grundstück hatte ich mit fünfzehn Jahren aufgegeben. Ich hatte andere Interessen. Auch bei den früheren Spielgefährten, sie waren alle in meinem Alter, war das so gewesen. Die Nachmittage auf der Straße waren, ohne dass wir das geplant hätten eines Tages vorbei, als wären sie einfach eingeschlafen. Hin und wieder hatte ich die Nachbarskinder später noch getroffen. Ich sah sie im Ort beim Einkaufen, oder ich grüßte sie auf dem Schulweg nach Hause beiläufig. Die Interessen der Nachbarskinder haben sich anders entwickelt. Das Spiel auf der Straße war vorbei und keines der Nachbarskinder habe ich in der Jugendgruppe wieder getroffen. Dort habe ich neue, andere Jugendliche kennen gelernt. Ich weiß nicht, wie die Nachbarskinder ihre Freizeit verbracht haben, nachdem das Spiel auf der Straße vorbei gewesen war.

In der Straße der Eltern ist es heute Nachmittag ruhig. Kein Mensch ist unterwegs um diese Zeit. Langsam fahre ich an den bekannten Häusern meiner früheren Spielgefährten vorbei. Ich sehe niemanden auf dem Gehsteig. Auch in den Hauseingängen oder in den Fenstern sehe ich niemanden. Die Straße wirkt wie ausgestorben. Am Ende der Straße, es ist eine Sackgasse, erreiche ich das Haus der Eltern. Das Haus liegt einige Meter oberhalb der Straße. Man erreicht es über Treppenstufen und einen ansteigenden Weg. Ich steuere den Wagen am Straßenrand vor die offene Garage. Die Garage ist in einen kleinen Hang eingemauert, auf dem das Haus der Eltern steht. Sie ist stets offen, denn es gibt hier keine Diebe. Meine wenigen Kisten finde ich genauso vor, wie ich sie gestern an der Wand in die Garage gestapelt habe.

Ich lade die Kisten in den Kofferraum und auf die Rückbank des Autos. Die Bretter von meinem Kleiderschrank lade ich auf den Dachträger. Das schwerste Stück ist mein kleiner Schreibtisch. Mit Mühe schaffe ich es, auch ihn auf das Autodach zu wuchten. Ihn und die Bretter schnüre ich mit Gurten fest die mir Martina mitgegeben hat. Das Auto sieht schwer beladen aus. Der Schreibtisch auf dem Dach macht einen etwas riskanten Eindruck. Seine Füße ragen in den blauen Himmel. Vor dem Hintergrund der Bergketten und dem strahlend blauen Himmel darüber, betrachte ich sekundenlang diesen beladenen, kleinen, grünen Wagen. Das wäre ein hübsches Foto vom Ende meiner Zeit hier. Die Gurte ziehe ich gut fest, sie sind für schwere Lasten geeignet. Trotzdem macht die Ladung auf dem Dach einen wenig gesicherten Eindruck. Der Stuhl muss noch auf den Beifahrersitz. Also lade ich die dortigen Kisten noch mal aus. Zuerst den Stuhl auf den Sitz, dann zwei Kisten zwischen die aufragenden Stuhlbeine. Die dritte Kiste muss irgendwie noch in den Kofferraum. Der lässt sich jetzt nicht mehr ganz schließen, ich binde ihn mit einer Schnur fest. Endlich habe ich alles verstaut. Der Wagen sieht aus, als sei er mit einer Fuhre Gerümpel für den Sperrmüll beladen. Dass dies mein Umzug sein soll, finde ich einen Moment lang lächerlich. Das ist mein Umzug. Ich habe alles eingeladen. Ein kleines, altes Auto reicht für meinen spärlichen Besitz. Kritisch rüttle ich an den Schrankbrettern. Vorne ragen sie über Windschutzscheibe und Motorhaube heraus. Die Fahrt geht los.

Behutsam steuere ich den Wagen durch die Kurven hinunter zur Hauptstraße. Ich bin froh, dass ich nicht mitten durch den Ort vorbei am Geschäft der Eltern fahren muss. Mein Umzugsvehikel sieht auffällig aus. Sicherlich würden die Menschen an der Hauptstraße im Ort einen neugierigen Blick auf den Fahrer werfen, der mit so einer Gerümpelfuhre unterwegs ist. Ich glaube, einige neugierige Menschen auf der Straße könnten erkennen, dass ich es bin, der hier eine Ladung Sperrmüll abtransportiert. Ich fahre nach rechts Richtung Ortsausgang. Dort beschleunige ich behutsam.

14. Umzugsfahrt

Obwohl ich nach dem Ortsendeschild schneller fahren dürfte, bewegt sich die Tachonadel zwischen sechzig und siebzig Kilometern. Mit der Ladung auf dem Dach will ich nichts riskieren. An der ersten Bushaltestelle bleibe ich stehen und kontrolliere die Ladung und die Gurte. Nichts hat sich verschoben, die Gurte sind fest.

Mit sechzig Stundenkilometern fahre ich durch verschiedene kleine Orte, die ich alle kenne. Langsam kriecht der Wagen den Berg hinauf zu den Bahngleisen, die am Bahnübergang über die Straße führen. Hier fahre ich auf den Seitenstreifen, um eine lange Autoschlange vorbei zu lassen, die sich hinter mir gebildet hat. Erst als kein Fahrzeug mehr kommt fahre ich langsam in die erste Kurve. Die Straße fällt steil ab. Im zweiten Gang halte ich das Auto auf niedriger Geschwindigkeit. Die Bremse benutze ich deshalb kaum. Im Rückspiegel sehe ich einen Reisebus. Dicht fährt der Bus auf. Vor jeder Kurve höre ich seine Bremse laut quietschen. Ich versuche mich davon nicht irritieren zu lassen. Ich will dass meine Ladung auf dem Dach bleibt und nicht in einer Kurve über die Leitplanken und die Felsen stürzt. Deshalb fahre ich gleichmäßig langsam, ohne unnötige Bremsmanöver vor den Kurven.

Kaum habe ich das Tal erreicht, in dem die kurvenreiche Bergstrecke in einer langen Geraden ausläuft, unternimmt der Busfahrer hinter mir sein geplantes Überholmanöver. Um nicht länger ein Verkehrshindernis zu sein, und weil ich die Nerven der Fahrer in der langen Autoschlange, die ich im Rückspiegel sehe nicht länger strapazieren möchte, setze ich frühzeitig den Blinker nach rechts und fahre an einer Bushaltestelle am Ende der Geraden auf die Seite. Wieder kontrolliere ich meine Ladung auf dem Dach. Dort ist alles in Ordnung.

An der kleinen Kreisstadt führt eine Umgehungsstraße vorbei. Ich fahre auf eine Nebenstrecke, die weniger befahren ist. Dort biege ich in Richtung große Kreisstadt ab. Der leere Tank fällt mir wieder ein. Kurz vor der Abzweigung auf die Nebenstraße finde ich eine Tankstelle. Das Benzin ist hier billiger als in meinem Gebirgsort. Den Wagen tanke ich nicht voll, das wäre mir immer noch zu teuer und für die Entfernung, die ich vor mir habe auch übertrieben.

Die Nebenstrecke kenne ich, weil die Mutter mit mir in einem Landgasthof auf dieser Strecke einen Kaffee getrunken hatte und wir eine Kleinigkeit gegessen hatten. Es war der Nachmittag gewesen, als wir das neue Zimmer besichtigt hatten. Weil weder die Mutter noch ich an diesem Tag etwas zu Mittag gegessen hatten, war die Mutter auf die Idee gekommen auf die Nebenstrecke abzubiegen um in dem Landgasthof eine kurze Pause einzulegen. Die Mutter äußerte sich über Frau Stößer sehr angetan. Sie war der Meinung, dass ich in deren Hause gut untergebracht sein werde. Die Miete für das Zimmer sei angemessen und das Haus sei in sehr ordentlichem Zustand. Es sei wirklich Glück, dass gleich das erste Angebot so vertrauenswürdig ist. Das spare uns viel Zeit und weitere Mühe. Der Meinung der Mutter habe ich mich in allen Punkten angeschlossen.

Frau Stößer hatte auch auf mich einen guten, irgendwie bürgerlichen, reichen, strebsamen und geschäftstüchtigen Eindruck gemacht. Dass ich mir eine lockerere Vermieterin gewünscht hätte und dass ich auch mit einem alten Haus, anstatt eines Neubaus, sehr zufrieden gewesen wäre, wollte ich der Mutter an dem Nachmittag nicht sagen. Es hätte wenig Sinn gehabt mit der Mutter über Frau Stößer, das Haus und das Zimmer zu diskutieren. Es wäre überhaupt nicht sinnvoll gewesen an dem Nachmittag im Landgasthof einen ehrlichen Austausch mit der Mutter über das neue Zimmer zu suchen. Auch wenn ich überzeugt war, das dies das richtige Zimmer für mich ist, wären kritische Worte von mir über Frau Stößer und ihr Haus nicht gut gewesen. Ich glaube, das hätte einen unnötigen Streit zwischen der Mutter und mir gegeben. Wenn ich der Mutter im Landgasthof geantwortet hätte, dass ich die Zukunft zwischen Frau Stößer und mir in einem neutralen Mietverhältnis sehe und es mir deshalb vollkommen egal ist, ob Frau Stößer auf die Mutter einen guten Eindruck gemacht hat, das wäre sehr schlimm gewesen. Stattdessen war mir der Eindruck der Mutter wichtig. Es war wichtig und richtig, dass ich bei Frau Stößer gut aufgehoben sein werde. Es war gut, dass die Mutter diesen Eindruck gewonnen hatte und dass ich mich sofort auf das Mietangebot eingelassen hatte. Für mich ist es wichtig, dass Frau Stößer dieses Zimmer an mich vermietet und wir miteinander als Mieter und Vermieter zu Rechtkommen. Gerne hätte ich mit der Mutter darüber diskutiert, was an Frau Stößer den vertrauenswürdigen Eindruck bei der Mutter ausgelöst hatte. Weil so eine Frage und Diskussion für die Mutter reine Provokation gewesen wäre, habe ich das unterlassen. Stattdessen habe ich ihr zugestimmt. Die Zeit der Auseinandersetzung mit den Eltern war abgelaufen. Weil meine Zukunft ohne die Eltern greifbar nahe gerückt war, habe ich seit einigen Wochen in den Gesprächen mit den Eltern immer eine zustimmende Haltung eingenommen.

Anstatt mich weiter mit den Eltern und dem Zuhause auseinander zu setzen, war ich mehr und mehr mit mir selbst beschäftigt. Immer stärker hörte ich in mir die Frage, wie ich den bevorstehenden Bruch zwischen den Eltern und mir überstehen werde. Seit der Besichtigung des Zimmers, habe ich begonnen dem stärker nach zu spüren. Jeden Abend dachte ich vor dem Einschlafen daran, dass sehr bald ganz andere Dinge als die bisherige Auseinandersetzung zwischen den Eltern und mir wichtig werden. Heute, wo ich langsam in meinem Umzugswagen diese Nebenstraße Richtung große Kreisstadt entlang fahre, beginnt die Auseinandersetzung mit mir selbst. Kampf findet ab heute nicht mehr zwischen den Eltern und mir statt. Ich selbst bin es, mit dem ich ab heute zu kämpfen habe. Heute geht dieser Kampf los. Gedanken in meinem Kopf gelten ab heute meiner Zukunft an der die Eltern nicht beteiligt sind. Jetzt geht der Kampf schon los. Ich muss weiter kommen, ohne die Eltern. Ich muss mich durchkämpfen, ohne die Eltern. Ich muss einen Weg finden, ohne die Eltern. Ab morgen werde ich alleine leben. Ab morgen wird alles, was in den vergangenen Jahren zwischen den Eltern und mir nicht richtig funktioniert hatte, alles was zwischen uns zu Streit geführt hat, all meine Fehlleistungen der letzen fünf Jahre, das alles wird mir in einem völlig andern Licht erscheinen, weil ich ab morgen mit mir selbst zu kämpfen habe.

In meinem täglichen Alltag wird all das was zwischen den Eltern und mir gewesen war nicht mehr sichtbar sein. Es wird vorbei sein. Es ist aus. Es ist abgelaufen. Vielleicht ist es auch irgendwie überstanden. Was bleibt ist nicht erkennbar. Ich kann es nur mit Mühe beschreiben. Obwohl es nicht mehr da ist, ist es schwer. Das schwere habe ich überall mit dabei. Ich trage es mit mir. Ich kann es aber eigentlich nirgendwo gebrauchen. Trotzdem muss ich es mit mir tragen. Ich muss die Kraft aufwenden das zu behalten. Es ist meines, deshalb kann ich das nicht an irgendeiner Ecke abladen. Ich trage also etwas schweres überall hin mit mir herum, mit dem ich in dem Moment, in dem ich es dabei habe eigentlich nichts anfangen kann. Ich kann es auch nicht herzeigen. Das geht nicht, denn eigentlich habe ich es gar nicht mehr. Es ist einfach vorbei. Es ist nichts, das ich herzeigen kann. Trotzdem muss ich es weiter tragen. Es gehört zu meinem Leben. Das kann ich nie abgeben. Ich kann mir das nicht erklären. Es ist all das, was von dem bei mir bleibt, das zwischen den Eltern und mir jahrelang entstanden und gewesen war. Ich glaube ab morgen wird es für mich wichtig werden, dass ich lerne mein neues Leben irgendwie gut zu meistern.

15. Die Ankunft

Die Nebenstraße führt durch mehrere Täler in denen sie kleinere Ansiedlungen und Ortschaften durchquert. Ich fahre nicht schneller als sechzig Kilometer. Wieder bleibe ich stehen, um Schreibtisch und die Schrankbretter auf sicheren Halt zu überprüfen. Was ich hier transportiere ist alles, was ich besitze. Rechts am Straßenrand fahre ich an einem Hinweisschild vorbei. Bis zur großen Kreisstadt sind es noch sechs Kilometer. An einer Abzweigung steht ein Mann mit einem Fahrrad. Der Mann hält den Daumen raus. Ich bleibe stehen, obwohl mein Wagen schon voll beladen ist. Der Mann, jetzt erkenne ich, dass er jung ist, er dürfte in meinem Alter sein, kommt an mein geöffnetes Fahrertürfenster.

„Wo soll’s denn hin gehen?“ So frage ich. „Nur drei Kilometer in diese Richtung“, der Mann zeigt Richtung der großen Kreisstadt, „und dann noch einen Kilometer nach links ab, wenn’s recht ist.“ So spricht er und lacht. Lächelnd läuft er eine Runde um mein Vehikel. Kritisch begutachtet er meine Ladung. Dabei lacht er. Er lehnt sich an mein geöffnetes Fenster. „Das dürfte doch wohl kein Problem sein. Im Wagen ist doch noch reichlich Platz.“ Während er so spricht, zeigt er auf den von Holzstuhl und Kisten beladenen Beifahrersitz. Erwartungsvoll lächelt er mich an. „Na dann wollen wir mal einladen“, sage ich und steige dabei aus. „Hervorragend“, ruft der Tramper. Er reicht mir seine Hand, die ich ergreife und schüttle. „Manfred heiß ich, stamme nicht aus diesem herrlichen Bayernland, lebe aber schon seit Jahren hier, fühle mich dabei noch immer wohl, komme grad aus der Werkstatt und hab nen Platten am Rad’l. Freu mich weil ich nun bald, vielleicht sogar noch vor dem Regen trockenen Fußes zuhause bin.“ Weil Manfred mich mit so einem überschwänglichen Redeschwall begrüßt, antworte ich darauf: „Bert mein Name, stamme auch nicht aus dieser Gegend, komme gerade eben von den Bergen, mache heute meinen Umzug und plane mich ab sofort in der großen Kreisstadt niederzulassen.“ Während wir ausladen und wieder einladen erfahre ich, dass Manfred eine Schreinerlehre macht und vor zehn Minuten an der Abzweigung auf seinem Heimweg von der Arbeit, mit seinem Uraltfahrrad in einen winzigen nach oben stehenden Nagel gefahren war.

Wir brauchen die Zeit einer knappen halben Stunde, um auszutüfteln wie wir die beiden Umzugskisten in den vollen Kofferraum laden und den Stuhl zusammen mit Manfreds großem, schwarzen Opafahrrad auf das Dach zwischen die Tischbeine meines Schreibtisch schnallen. Manfred ist ein höchst geduldiger Mensch. Meine Umzugskisten passt er, wie es vielleicht nur ein geübter Handwerker schaffen kann, in den voll beladenen, kleinen Kofferraum. Natürlich funktioniert das nur, weil Manfred den Kofferraum zunächst ganz leer räumt. Die Hälfte meines Umzugsgutes sehe ich minutenlang am Straßenrand der einsamen Nebenstraße stehen. Der Himmel über uns ist inzwischen düster geworden. Meine wenigen Kisten lehnen gestapelt an einem Straßenbegrenzungspfosten. In diesen Sekunden wird mir wieder klar, wie wenig das ist. Meinen spärlichen Besitz räumt Manfred in aller Ruhe, nachdem er die Größe jeder einzelnen Kiste mit seinen Augen vermessen hat, sorgfältig in den Kofferraum. Der Kofferraum lässt sich genauso wie zuvor nicht schließen, aber er sieht nicht voller aus als zuvor, obwohl Manfred zwei Kisten mehr darin verstaut. Sorgfältig wie die Kisten im Kofferraum bringt Manfred den Holzstuhl samt seinem Fahrrad zwischen den Schreibtischbeinen auf dem Dach unter.

Manfred wohnt nur wenige Fahrminuten entfernt. Ein kleiner, holperiger Feldweg führt links von der Nebenstraße hinauf zu einem Gehöft. Über den Holperweg erreichen wir ein altes Bauernhaus. Es ist das Haus seiner Eltern. In dem Augenblick, als wir auf einen kleinen Hof vor dem Haus fahren öffnet der Himmel seine Schleusen. Manfred springt schnell aus dem Wagen. Er läuft zu der riesigen Scheune gegenüber dem Haus. Er schiebt ein hohes Rolltor auf und winkt mich heran. Mit dem beladenen Auto fahre ich durch das Tor in die Scheune.

Es gießt in Strömen. Es Blitz und kracht sofort. Ein gewaltiges Gewitter entlädt sich in unmittelbarer Nähe. Manfred lädt mich ins Haus ein. Wir laufen durch dichte Regenfaden zwischen Pfützen, die sich schnell gebildet haben von der Scheune zum Haus. Vor dem Hauseingang erkenne ich im Regen allerlei hohe Krüge, Schalen, Blumenübertöpfe und andere Gefäße aus Ton. Es scheint keine Rolle zu spielen, dass diese Dinge vom schweren Regen getroffen werden. Manfred lotst mich durch eine niedrige Eingangstüre. Entlang einem finsteren Korridor folge ich Manfred in die Küche. Dort bietet mir Manfred auf einer Eckbank an einem großen, runden Holztisch einen Platz an. Wir trinken kalten Tee.

Manfreds Eltern betreiben hinter der Scheune eine Töpferei. Während Manfred den Tee einschenkt erzählt er. Seine Eltern bieten Töpferwaren in einigen Geschäften in der großen Kreisstadt und auf den Wochenmärkten der umliegenden kleineren Gemeinden an. Obwohl ich Manfred erst vor Minuten am Straßenrand kennen gelernt habe erzählt er von seinem zu Hause, als würde er mich schon lange Zeit kennen. Dass er den Fahrer des Wagens, der ihn die wenigen Kilometer mit nach Hause genommen hat, in der Küche zum Tee einlädt, scheint für Manfred normal zu sein. Ich bin froh, die Unterstellmöglichkeit in der hohen Scheune für das Auto zu haben. Ich habe nicht daran gedacht, dass der Nachmittag ein Sommergewitter bringen könnte. Während der Autofahrt habe ich nicht darauf geachtet, dass sich da etwas zusammengebraut hatte. Niemals hätte mir die Zeit gereicht, das Autodach bei Frau Stößer so schnell leer zu räumen. Schreibtisch und Schrankbretter wären nicht trocken geblieben.

Manfred interessiert sich dafür, wo ich in der großen Kreisstadt ein Zimmer gemietet habe. Er will auch wissen, welche Schule ich dort besuchen werde. Er kennt die Stadt gut. Er erklärt mir, welche Einkaufsmöglichkeiten er von meinem künftigen Zimmer aus kennt und welche Kneipen er für gut hält. Beinahe zwei Stunden lang unterhalte ich mich mit Manfred am Küchentisch seiner Eltern. Als wir in der Scheune Manfreds Fahrrad abladen hat der Regen schon lange aufgehört.

Manfreds Eltern kommen in die Scheune. Dort lagern diverse frisch gebrannte Töpferwaren auf Holzbrettern. Manfred stellt mich seinen Eltern vor. Lachend nennt er mich einen Einwanderer in diesen Landkreis und die große Kreisstadt. Ich sei heute auf einer strapaziösen Umzugsreise auf ihn getroffen. Er habe mich an der Straßenkreuzung kennen gelernt, weil ich der einzig gewesen sei, der vorbeigekommen war. Nur mir habe er zu verdanken, dass er trotz Plattfuß an seinem Fahrrad, trockenen Fußes nach Hause gekommen sei. Während er seinen Eltern so Bericht erstattet, lächeln die und er scherzhaft. Manfred entschließt sich spontan, mit mir zusammen in die große Kreisstadt zu fahren. Dort habe er ohnehin noch einiges zu erledigen. Weil sein Fahrrad außer Betrieb ist, wolle er gerne die Mitfahrgelegenheit in Anspruch nehmen. Eine viertel Stunde später fahre ich zusammen mit Manfred vor dem Haus meiner Vermieterin hinter der Bahnlinie vor. An der Klingel finde ich einen weißen Briefumschlag. In dem steckt der Schlüssel für die Haustüre. Auf dem Briefumschlag schreibt Frau Stößer, dass sie erst spät abends nach Hause kommen wird. Sie wünscht mir einen schönen ersten Tag in meinem neuen Zimmer. Diese Art der Begrüßung finden Manfred und ich sehr nett. Frau Stößer scheint keine Bedenken zu haben, dass so ein Schlüssel in einem Umschlag an der Wohnungstür von einer Person auch missbräuchlich genutzt werden könnte.

Manfred findet mein Zimmer klein, aber gemütlich. Das Haus von Frau Stößer hält er für ein „architektonisches Verbrechen“, weil es ein typischer Neubau unserer Zeit sei. Die große Doppelgarage, das hohe, schmiedeeiserne Tor, die hohen, umzäunten Hecken, den fein geschnittenen Rasen, den Springbrunnen im Garten, das alles hält Manfred für das Ambiente neureicher Menschen. Manfred vermutet, dass die entweder von einer Erbschaft leben, oder durch gewinnbringende Geschäfte schnelles Geld gemacht haben. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wie meine Vermieterin ihr Geld verdient weiß ich nicht. So kann ich Manfreds Vermutungen nicht bestätigen, aber auch nicht entkräften. Dass Frau Stößer für mich den Haustürschlüssel im Umschlag an ihre Klingel klebt, passt jedenfalls nicht zu ihrem Haus. Das finde ich gut. Es passt auch nicht zu ihrem Garten, den großen Autos, die in der Doppelgarage parken und auch nicht zu ihrem Auftreten in dem Gespräch, als ich mit der Mutter das Zimmer besichtigt habe. Das finde ich auch gut.

Wir laden zunächst das Dach des Wagens ab und tragen alles vorsichtig hinauf in mein Zimmer. Weil die Treppe sehr eng ist, sind wir besonders aufmerksam mit den Schrankbrettern und dem Schreibtisch. Auf keinen Fall möchte ich riskieren, mit meinem Zeug ein Bild von der Wand im Treppenhaus zu stoßen, oder einen Streifen an der Wand zu hinterlassen. Manfreds Hilfe ist Gold wert. Ohne ihn hätte ich den Schreibtisch niemals über die enge Treppe in den ersten Stock hinauf tragen können. Deshalb lade ich ihn, nachdem wir alles hinauf geschafft haben, zu einem Tee ein. Den trinken wir in meinem, von meinem gesamten Besitz gefüllten, aber trotzdem noch leeren Zimmer. Weil mein Mobiliar nicht ausreicht, setzen wir uns auf den Fußboden. Aus einer Kiste krame ich meine zwei Tassen und den einzigen Topf den ich habe hervor. In der kleinen Küche koche ich das Teewasser. Aus einer Kiste ziehe ich die Teebeutel.

Manfred findet mein beinahe leeres Zimmer gemütlich. Ich schaue mich um und bemühe mich das auch zu tun. Das einzige Mobiliar sind Schreibtisch und Stuhl. Als Bett habe ich in einer Kiste eine Isoliermatte und einen Schlafsack. So werde ich die erste Zeit hier leben. Das denke ich und schenke Manfred noch einen Schluck Tee in seinen Becher. Manfred verabschiedet sich. Er gibt mir seine Telefonnummer und er schreibt sich die Rufnummer von Frau Stößer auf. Ich bedanke mich für seine Umzugshilfe. Manfred erklärt mir eine Abkürzung vom Haus hinunter durch den Wald in die große Kreisstadt. Dort wird er jetzt hinunter laufen. Wir verabreden, dass wir uns kommende Woche wieder sehen werden.

16. Im neuen Zimmer

Jetzt sitze ich allein in meinem neuen Zimmer. Ich höre die Züge, die nur wenige Meter vor meinem Fenster am Haus vorbei rauschen. Die Strecke ist sehr befahren. Viertelstündig, manchmal bereits nach zehn Minuten rauscht der nächste Zug vorbei. Ich schraube den Schrank zusammen und schiebe ihn in eine Zimmerecke. Dann sitze ich auf meinem Stuhl. Ich höre die neuen Geräusche in meinem neuen Zimmer. Wenn kein Zug fährt, scheint es vollkommen still im Haus zu sein.

Aus dem Fenster sehe ich auf die Straße vor dem Haus. Die Straße liegt zwischen Haus und Bahnlinie. Nichts ist dort los. Kein Wagen fährt vorbei. Kein Fußgänger ist unterwegs. Wenn kein Zug vorbei fährt scheint auch draußen völlige Ruhe zu herrschen. Minutenlang bleibe ich am Fenster stehen. Ich weiß, dass dies der neue Ausblick ist, den ich ab heute täglich haben werde, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze um für die Schule zu arbeiten. Weil mir mein neues Zimmer und der Blick aus dem Fenster fremd vorkommen, glaube ich sekundenlang nicht daran, dass dies meine neue Realität sein soll. Deshalb verlasse ich das Zimmer. Ich gehe über den breiten Flur. Dort liegt heller Parkettboden. Durch schräge Dachfenster fällt abendliches Sonnenlicht. Ich sehe durch die offene Tür ins Badezimmer. Über das helle Parkett im Flur gehe ich weiter und betrete einen großen Raum. Ich darf diesen großen Raum betreten, weil dort die kleine Küchenzeile ist, die ich benutzen darf. Aber nicht deshalb betrete ich jetzt diesen hellen, großen Raum. Ich betrete ihn, um durch die breite Fensterfront, sie weist hinaus Richtung Stadt, einen Blick zu werfen. Von hier aus sehe ich den gepflegten Rasen mit dem Springbrunnen in Frau Stößers Garten. Manfred hält den Garten und den Springbrunnen für übertrieben und neureich. Hinter der gepflegten Hecke, die den Garten begrenzt, fällt der Hang steil ab. Dort bietet sich ein traumhafter Ausblick hinunter auf die Stadt. Die Abendsonne beleuchtet die Stadt. Ich sehe rot getränkte Häuser. Ein breiter Fluss schlängelt sich durch die Stadt. Im Hintergrund sehe ich entfernte, rot scheinenden Bergketten. Da hinten, in fünfzig, sechzig Kilometer Entfernung wähne ich meinen Gebirgsort, der bis vor wenigen Stunden mein Heimatort gewesen war.

Der weite Ausblick über die Stadt bis zu den entfernten Bergen wäre mir viel lieber, als die Aussicht aus meinem Zimmerfenster auf Straße und Bahnlinie. Weil Frau Stößer nicht im Hause ist, wage ich es die große Balkontüre zu öffnen. Verbotener Weise trete ich einige Schritte hinaus auf den Balkon. Dort stütze ich mich an der Holzbrüstung auf, und genieße die warme Luft und den Ausblick an diesem herrlichen Sommerabend.

Minutenlang bleibe ich einfach stehen. Meine Augen kleben an den entfernten Bergen. Dann wende ich meinen Blick nach links. Dort erkenne ich das Nachbarhaus. Es scheint mir, als sei es im gleichen Stil wie das von Frau Stößer erbaut. Dort sehe ich eine ältere Dame. Sie steht dort, genauso wie ich im ersten Stock auf dem Balkon. Ich glaube, die Dame hat mich schon länger beobachtet. Jetzt, wo ich meinen Blick nicht mehr auf die Berge sondern auf sie richte, treffen sich unsere Blicke. Sofort kommt der Gedanke, dass ich hier eigentlich nicht stehen darf. Dieses große Zimmer habe ich nicht gemietet. Ich darf nur die kleine Küchenzeile auf der anderen Seite an der Wand benutzen. Vor allem habe ich nicht diesen Balkon gemietet. Ich denke sofort, wie ich oft über die Mutter gedacht habe. Ich denke an Kontrolle. Vielleicht hat Frau Stößer diese Nachbarin beauftragt. Vielleicht hat die alte Dame, diese Nachbarin von Frau Stößer den Auftrag, heute Abend einen genaueren Blick auf das Nachbaranwesen zu werfen. Weil ich heute hier einziehe und weil Frau Stößer den Abend lang nicht da ist, soll die alte Dame ein Auge auf Vorgänge im und am Haus haben. Weil ich das jetzt denke und dabei immer noch tue, was ich nicht tun dürfte, winke ich der alten Frau einfach lächelnd zu. Freundlich lächle ich zu der Dame auf dem Nachbarbalkon hinüber und rufe ihr zu: „Ein herrlicher Sommerabend heute!“ Grüßend winkt die Frau nun auch mir zu. Meine Worte bestätigt sie nickend, und dabei lächelt auch sie. Noch einmal hebt sie die Hand. Das scheint ihr Abschiedsgruß zu sein, denn sie verlässt den Balkon. Sie verschwindet im Haus. Auch ich verlasse jetzt den Balkon und gehe zurück in mein gemietetes Zimmer.

Dort stehe ich wieder am Fenster. Vielleicht ist es dumm von mir, mich gleich am ersten Abend zu verhalten, wie ich es gerade getan habe. Hoffentlich war diese Frau nicht tatsächlich von Frau Stößer beauftragt worden, deren Haus zu beobachten. Ich sollte mich vorsichtiger verhalten. Ich sollte nicht noch einmal etwas riskieren. Vielleicht würde für Frau Stößer das was ich gerade getan habe bereits ausreichen, um den Mietvertrag zwischen ihr und mir wieder zu lösen. Künftig werde ich mich also bemühen absolut nichts zu tun, was Frau Stößer Anlass zu so einem Schritt sein könnte. Der heutige Ausrutscher, der Ausblick auf die entfernten Berge vom Balkon, den ich nicht gemietet habe, muss der einzige bleiben.

Vor dem Fenster donnert ein Zug vorbei. Es ist ein langer Personenzug. Er ist leiser, als die langen, schweren Güterzüge. Mein Fehlverhalten bei den Eltern muss insgesamt schwerwiegend gewesen sein, sonst wäre ich jetzt nicht hier in diesem fremden Haus, in diesem fremden Zimmer. Hoffentlich, so denke ich, als draußen schon wieder ein Zug vorbei donnert, ich glaube, es ist ein Intercity denn er kommt mir schneller vor als der vorhergehende Personenzug. Hoffentlich bin ich kein Mensch der grundsätzlich überall Ärger bekommt, weil er überall wo er sich aufhält, wegen seines Fehlverhaltens sofort auffällt. Vielleicht ist die Tatsache, dass ich vor Minuten in dem mir noch fremden Haus schon auf einem mir verbotenen Balkon stand, ein deutlicher Hinweis, dass der Ärger der Eltern über mich immer berechtigt gewesen war. Viel Ärger habe ich über die langen Jahre bei ihnen angerichtet. Heute lande ich hier in diesem fremden Haus. Seit nicht einmal drei Stunden bin ich hier. Schon habe ich die erste Grenze überschritten und den Ausblick auf die rot erleuchtete Stadt und die fernen Berge von einem verbotenen Balkon aus genossen.

Ich sehe mich in meinem Zimmer um. In der Ecke steht mein schäbiger Kleiderschrank. Er besteht aus weiß lackierten Press-Spanplatten. Vor dem Fenster, ich sitze auf dem Fensterbrett, sehe ich meinen zerkratzten Schreibtisch stehen. Vor fünf Jahren, im Alter von dreizehn Jahren habe ich den Schreibtisch in meinem winzigen Zimmer bei meinen Eltern vorgefunden. Damals war ich bei den Eltern eingezogen. In meinem Zimmer dort hatte ich diesen Schreibtisch und ich hatte diesen Schrank. Beides habe ich seit heute von den Eltern geschenkt bekommen. Das Bett konnte ich nicht haben denn es war in dem kleinen Zimmer bei den Eltern fest eingebaut. Vor dem Schreibtisch steht mein roter Holzstuhl. Auf dem grauen Linoleumfußboden sehe ich sechs Kisten. In denen befindet sich mein Besitz, den ich heute in einem geliehenen Wagen hier her transportiert habe. Manfred findet mein neues Zimmer gemütlich. Weil ich die Jahre bei meinen Eltern gelebt hatte, kommt es heute dazu, dass ich jetzt in diesem gemütlichen, kleinen Zimmer auf der Fensterbank sitze.

Draußen lärmt wieder ein Zur vorbei. Deshalb schaue ich zum Fenster hinaus. Diesmal ist es ein langer Güterzug. Die Waggons rollen langsam vorüber. Vielleicht ist es das gleiche Fehlverhalten, das ich vor Minuten hier im Haus von Frau Stößer an den Tag gelegt habe, das meine Eltern über die Jahre so sehr geärgert hatte. Vielleicht ist es ein und dasselbe Fehlverhalten, das ich immer und überall an den Tag lege. Ständig neige ich dazu Grenzen zu überschreiten. Ständig nutzte ich Menschen und Situationen für meine Interessen aus. Ständig bin ich auf der Suche nach meinem Vorteil. Ohne nachzudenken nehme ich, was ich kriegen kann. Ohne Dank nutze ich, was mir gar nicht zusteht. Der Blick vom verbotenen Balkon steht mir nicht zu. Den habe ich nicht mit diesem Zimmer gemietet. Trotzdem habe ich ihn mir verschafft. Vielleicht muss wegen diesem Verhalten heute der Schlussstich bei den Eltern gezogen werden.

Mein Schlussstrich endet heute in der Einsamkeit des fremden Hauses, des fremden Zimmers mit Blick auf die Bahnlinie. Auf ihr rollen ständig Züge vorüber. Die Züge sind unterwegs in weit entfernte Orte. Es sind viele Züge mit fremdländisch anmutenden Waggons. Fahrgäste in diesen Zügen sind unterwegs in eine mir fremde Ferne. Heute bin ich nur fünfzig oder sechzig Kilometer weit gereist. Trotzdem bin ich mit meinem Umzugsgut an einem Ort angekommen, der mir sehr weit entfernt von meiner bisherigen Heimat scheint. Ich bin einer, der sehr weit gereist ist. Ich bin einer, der eine lange Reise heute beendet. Die weite Reise zu den Eltern ist heute hier beendet. Das Ende findet heute Abend an diesem fremden Ort in diesem fremden Haus statt. Wegen der Fremdheit in diesem neuen Zimmer wirkt das für mich plötzlich so, als habe es die Jahre bei den Eltern gar nicht gegeben. Jetzt schon scheinen die Eltern für mich weit weg, weil ich in einem fremden Raum gelandet bin. Das Bild in meinem Kopf vom Leben bei den Eltern, von der langen Zeit im Gebirgsort verschwimmt plötzlich in meinem Kopf. Übrig bleibt ein Gewirr von Fäden, die ich nicht greifen kann.

17. Musik und Schuhplattler

Der grüne Wagen von Martina steht leer geräumt vor der Haustür. Weil ich ihn durch das Fenster unten auf der Straße sehe, schaue ich auf meine Armbanduhr. Es ist noch zu früh, um wieder in den Wagen zu steigen und zurück zu fahren.

Ich sitze auf dem Stuhl an meinem Schreibtisch. Wohin fahre ich, wenn ich später wieder zurückfahre? Dort wo Martina lebt, der Gebirgsort, in den ich ihr den Wagen zurückbringen werde, das ist ab heute nicht mehr meine Heimat. Meine neue Heimat ist ab heute hier. Ab heute bin ich auf mich selbst gestellt. Ab heute ist meine Heimat dort wo ich sie wähle, dort wo ich meine Zelte aufschlage, wo ich mit meinem spärlichen Besitz auftauche. Heute bin ich hier, in diesem Zimmer in der großen Kreisstadt. Hier tauchte ich vor wenigen Stunden auf um das Zimmer zu beziehen, um meine neue Heimat hier aufzubauen. Ob ich mich hier eines Tages beheimatet fühlen werde, ob ich es schaffen werde mich hier irgendwie und irgendwann zu Hause zu fühlen, das weiß ich jetzt noch nicht.

Um mich zu beschäftigen, vielleicht auch um mich von diesen Gedanken abzulenken, packe ich Kisten aus. Ich verstaue meine Kleidung in dem Schrank. Ich schalte mein altes Radio ein, um mich von ihm eine wenig von meinen Gedanken weg bringen und ablenken zu lassen. Das funktioniert nicht. Trotz des Lärms aus dem Radio, trotz des Lärms der vorbei rauschenden Züge muss ich daran denken, dass ich hier in dieser Stadt ab heute zu Hause und allein bin.

Freunde aus dem Gebirgsort werde ich hier nicht treffen. Einen Treffpunkt, wie die Jugendgruppe, oder „Eriks – Kneipe“, die in den letzten Monaten mehr und mehr zum Treffpunkt geworden war, habe ich hier nicht. „Eriks – Kneipe“ war im Gebirgsort zu einem Platz geworden, an dem ich ohne mich verabreden zu müssen immer auf Freunde und Bekannte traf. Die kleine Kneipe liegt am Rande meines ehemaligen Schulweges hinunter zum Busbahnhof. Erik, den Kneipenpächter kenne ich selbst nicht. Aber ich hatte von Freunden aus der Jugendgruppe gehört, dass er sich mit der Eröffnung dieser Kneipe einen Traum erfüllt habe. Erik hatte den Wunsch, in dem kleinen Gebirgsort, zwischen den vielen Touristen-Gaststätten, ein anderes Lokal zu eröffnen. Erik hat das mit seiner winzigen Kneipe geschafft. Seine Kneipe ist zu einem Treffpunkt geworden. Die Preise in seiner Kneipe sind für den schmalen Geldbeutel geeignet. Seit Eröffnung von Eriks Kneipe hat sich ein gewichtiger Teil meines abendlichen Freizeitlebens vor allem an den Wochenenden dort hin verlagert. Die Jugendgruppe hat sich nicht nur weil ich und andere ihr entwachsen waren aufgelöst. Zu Gunsten des Feierabendvergnügens in Eriks Kneipe hatte sich die Auflösung der Jugendgruppe beschleunigt. So hatte der Konsum von Alkohol und Zigaretten vermehrt Einzug in das Leben meiner Freunde und in mein Leben gefunden.

Es war den Eltern nicht entgangen, dass ich im letzten Jahr mehr und mehr von meinem Taschengeld und das Geld, das ich durch die Jobs, wie dem Ruderbootverleih verdient hatte, in „Eriks – Kneipe“ ließ. Weil ich aber immer pünktlich zu Hause gewesen war, blieb den Eltern wenig Grundlage mein Verhalten zu kritisieren. Dass ich mehr und mehr zur Zigarette griff, war für die Eltern Anlass zu großer Besorgnis. Diese Sorge zeigte mir, dass die Eltern sich nicht nur wegen meines Verhaltens sorgten sondern, dass sie auch um meine Gesundheit Sorge hatten. Mein Gewissen gegenüber den Eltern war deswegen noch schlechter geworden. Das Rauchen hatte ich nicht aufgegeben. Für die Sorge der Eltern war ich voll von Verständnis. Den Eltern war an meiner Gesundheit gelegen. Diese Sorge der Eltern war frei von Werten, Normen und Bewertungen. Dass ich meine Gesundheit achten und pflegen sollte, habe ich als allgemein gültige und wertfreie Auffassung der Eltern betrachtet. Diese Sorge der Eltern habe ich als vollkommen berechtigt gesehen. Trotzdem war ich weiterhin Raucher geblieben. Auch das Trinken von Alkohol war den Eltern ein Dorn im Auge. Weil ich aber niemals betrunken nach Hause kam, gab es keinen Anlass zu befürchten, dass ich wegen Alkoholkonsum gefährdet wäre. In „Eriks – Kneipe“ trank ich wenig Alkohol. Oft habe ich nur alkoholfreie Getränke getrunken, obwohl die Abende dort am Wochenende manchmal sehr lang geworden waren.

Meinen Freundeskreis habe ich in dieser Kneipe erheblich erweitert. Weil ich mir im vorletzten Jahr bei den Eltern das Gitarrespiel beigebracht hatte, war ich an Kontakt zu Kneipengästen interessiert, die auch Musik machten. Solche Leute traf ich in „Eriks – Kneipe“. Die Eltern hatten meine musikalischen Interessen nie gefördert. Sie hatten in den vergangenen fünf Jahren keine Instrumente gespielt, wenngleich sie dazu in der Lage gewesen wären. In der Jugendgruppe hatte ich mehrere Gitarristen kennen gelernt. Durch sie war meine Idee entstanden, dieses Instrument zu lernen.

Vom Geld meines ersten Jobs, es war der Job in der Küche einer Kneipe, hatte ich mir in der kleinen Kreisstadt eine billige, aber angeblich gute Gitarre gekauft. Um die Gitarre zu kaufen war ich in die kleine Kreisstadt gefahren, weil im Gebirgsort die Preise wegen der Touristen sehr überteuert sind. In „Eriks – Kneipe“ habe ich die „Musikszene“ für Jugendliche kennen gelernt. Das waren Jugendliche, die vor allem Blues- und Rockmusik spielten. Sie spielten und traten nicht nur für Touristen öffentlich auf. Für Touristen gab es im Ort eine eigene Volksmusikszene. Es gab Bühnen auf denen Volksmusik gespielt wurde und die örtlichen Vereine, die Schuhplattler – Darbietungen und Volksstücke aufführten. In „Eriks – Kneipe“ habe ich einen Musiker kennen gelernt, der in der kleinen Kreisstadt in einem Musikalienladen arbeitet. Bei ihm habe ich meine erste Gitarre gekauft.

Das Gitarrenspiel habe ich mir geduldig in meinem Zimmer bei den Eltern beigebracht. Die Eltern haben mein Spiel zwar nicht direkt unterstützt, aber sie hatten es für gut geheißen. Ich glaube, es war für sie eine gewisse Überraschung gewesen, dass ich mein Geld und Zeit in das Gitarrespiel investierte. Nach einem Jahr regelmäßigen Übens erkannte ich, dass mir Thomas, der Musikwarenverkäufer eine sehr schlechte Gitarre verkauft hatte.

„Eriks – Kneipe“ war der Treffpunkt gewesen, in dem ich Thomas näher kennen gelernt hatte. Zu seinem Verkauf an mich, konnte ich ihm dort meine Meinung sagen. Thomas hatte in „Eriks – Kneipe“ den „MOB“, die „Musiker – Organisation – Bergdorf“ gegründet. Der „MOB“ ist eigentlich ein zusammengewürfelter Haufen von Gästen aus „Eriks – Kneipe“. Die Mitglieder machen entweder selbst Musik oder sie sind zumindest an Musik interessiert. Im vergangenen Jahr hatte Thomas mehrere Musikveranstaltungen für die Jugend des Ortes mit Hilfe des „MOB“ organisiert. Der „MOB“ ist nicht daran interessiert, durch die Musikveranstaltungen Geld zu verdienen. Die Geschäftstüchtigkeit, die Thomas in seiner Arbeit im Musikalienladen zeigte, lag ihm beim „MOB“ fern. Die jugendlichen Besucher der „MOB – Konzerte“ hatten alle einen sehr kleinen Geldbeutel in ihren Taschen. Der „MOB“ hat die Aufgabe übernommen, dass im Ort mehr für junge Leute geboten wird. Das alltägliche Freizeitangebot im Gebirgsort ist auf Touristen zugeschnitten. Im „MOB“ hatten sich Jugendliche zusammengeschlossen, die für andere Jugendliche etwas bieten wollten. Das gab es bislang im Gebirgsort nicht.

Im „MOB“ war ich ein Mitläufer. Ich hatte keine tragende Rolle, weil ich musikalisch ein Anfänger gewesen war. Mein Gedudel, die paar Akkorde, die ich mir auf der Gitarre beigebracht hatte, waren bei Weitem nicht genug, um in einer Band mitzuspielen. Trotzdem war ich im „MOB“ aktiv. Ich fand es gut, dass es im Gebirgsort auch nach dem Ende der Jugendgruppe Leute und Aktivitäten gab, denen ich mich anschließen konnte.

Die Eltern hatten zu solchen Aktivitäten immer geschwiegen. Vielleicht hatten sie Angst davor, dass zuviel Jugend an einem Platz versammelt auch Aufregung und Unruhe im Ort bedeuten könnte. Vielleicht hatten sie Bedenken, dass durch meine Beteiligung an derlei harmloser Organisation ein schlechtes Licht auf sie fallen könnte. Vielleicht hatten sie Sorge, dass ihr Geschäft in Mitleidenschaft gezogen würde. Jedenfalls haben sie mich nicht darin unterstützt, dabei mitzuhelfen, laute Jugendaktivitäten im Gebirgsort zu organisieren.

Bevor des den „MOB“ gab, hatte ich mich neben der Jugendgruppe noch in einer Gruppe betätigt, die sich im Ort für die Gründung eines Jugendzentrums engagierte. Über das Ziel dieser Gruppe hatte ich in den vergangenen Jahren zwei Mal mit dem Vater gesprochen. Die Interessengruppe hatte viele Jahre lang für ein Jugendzentrum gekämpft. Schließlich hatte der Gemeinderat den Beschluss gefasst, tatsächlich ein Jugendzentrum zu eröffnen. Vor zwei Jahren war es soweit. Allerdings hatte die Gemeinde nicht im Sinne der Interessengruppe gehandelt. Die Satzung des neuen Jugendzentrums sah vor, dass nur Jugendliche dieses Haus betreten durften, die in den örtlichen Vereinen, wie den Schuhplattlern, der Jugendfeuerwehr, dem Trachtenverein und anderen Gruppen organisiert waren. Die Gemeindeverwaltung nannte das Ganze nicht Jugendzentrum, sondern Jugendheim. Für mich und viele andere Jugendliche gab es dort keinen Platz. Die Satzung hatte uns den Zutritt verwehrt, weil wir keinem der vorgesehenen Verein angeschlossen waren. Ich hatte zweimal mit dem Vater darüber gesprochen, weil der im Gemeinderat saß. Der Vater hatte zwar verstanden, was mich am „Jugendheim“ gestört hatte, aber verändern konnte und wollte er die Satzung des Hauses nicht.

Für mich und die Freunde aus dem „MOB“ war klar, dass es eine Frage der Zeit sein wird, bis die Gemeinde die Satzung des Jugendheims abändern wird. Die Zeit wird kommen. Gestern habe ich in der regionalen Zeitung gelesen, dass ab dem kommenden Monat alle jungen Leute zu den Öffnungszeiten ins „Jugendheim“ kommen dürfen. Allerdings nur, sofern sie noch nicht volljährig sind. Für die Interessengruppe des Jugendzentrums und für den „MOB“ kommt das zu spät. So wie ich es heute werde, sind alle Mitglieder inzwischen volljährig geworden. Ich glaube in den nächsten Jahren wird „Eriks – Kneipe“ im Gebirgsort weiter der wichtigste Treffpunkt zumindest für meine Altersgruppe bleiben. Irgendwann wird auch das vorbei sein.

Ich sitze auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch. Mein Kopf liegt auf meinen Armen auf der Schreibtischplatte. In meinen Gedanken an „Eriks – Kneipe“ und den „MOB“ war ich für kurze Zeit eingedöst. Draußen rauscht ein Güterzug vorbei. Seine Stahlreifen schlagen rhythmisch und hart gegen die Schwellen der Gleise. Das Schlagen holt mich zurück in mein neues Zimmer. Draußen ist es dunkel geworden. Ich gehe zum Fenster und öffne es. Unten auf der Straße ist es finster, abgesehen von einer Straßenlaterne. Ich gehe zur Zimmertüre und betätige dort den Lichtschalter. Es geschieht nichts. Ich habe noch keine Lampe an der Decke angebracht. Eine Zimmerlampe muss ich mir erst noch kaufen.

Weil kein Licht im Zimmer ist, ich aber noch einige Dinge einpacken muss, öffne ich die Zimmertür und schalte im Gang das Licht ein. Im Schimmer des Lichtes vom Flur, packe ich eine kleine Tasche mit meiner Zahnbürste und einigen Kleidungsstücken, sowie meinem Schlafsack zusammen. Ich gehe die Treppe hinunter, lösche das Licht und verlasse das Haus. Die Haustür sperre ich zweifach zu. Ich möchte, dass Frau Stößer den Eindruck gewinnt, dass mir an Sicherheit für ihr Haus gelegen ist. Draußen ist es angenehm warm. Es ist eine der seltenen warmen Sommernächte. Auch das schmiedeeiserne Tor sperre ich ordentlich ab. Ich setze mich in den kleinen grünen Peugeot starte den Motor, schalte das Licht ein und fahre langsam los.

18. Rückweg

Gemächlich steuere ich den Wagen auf der kleinen Straße parallel der Bahnlinie entlang. Etwa zweihundert Meter von Frau Stößers Haus entfernt führt rechts eine steil abfallende, schmale Straße hinunter Richtung Stadtmitte. In diese Straße biege ich ein. Weil ich mich in der Stadt noch nicht auskenne, fahre ich ab der Kreuzung der blauen Beschilderung in Richtung Autobahn. Zur Autobahn sind es nur wenige Kilometer. Auf der Autobahn fahre ich etwa zwanzig Kilometer Richtung Süden. Danach fahre ich etwa die gleiche Entfernung auf einer breiten Umgehungsstraße. Sie führt mich an der kleinen Kreisstadt vorbei. Später folge ich einer kurvenreichen Straße, die auf und ab nahe an die Bergketten heran führt. Irgendwann wird der Berg von der kurvige Straße einfach durchschnitte.

An einer Bushaltestelle, kurz bevor der kurvenreiche Abschnitt beginnt, sehe ich einen Anhalter stehen. Natürlich bleibe ich stehen und nehme ihn mit. Der Mensch dort könnte auch ich sein. Ich habe kein Auto. Ich sitze in einem geliehenen Wagen. Es stellt sich heraus, dass der Anhalter das gleiche Ziel hat, wie ich. Er möchte in den Gebirgsort mitgenommen werden. Nach einigen Gesprächsminuten stellt sich heraus, dass auch er den heutigen Abend in „Eriks – Kneipe“ verbringen möchte. Dort, so erzählt mir der Tramper, der aus der kleinen Kreisstadt stammt, habe eine Gruppe junger Leute, die sich „MOB“ nenne, für den heutigen Abend einen Auftritt einer Band organisiert. Er sei sehr gespannt auf das, was die heute Abend bei Erik bieten. Der Tramper kennt einige Mitglieder der Band. Es seien Lehrer von Schulen aus der Umgebung. Die haben sich vor Jahren zu dieser Formation zusammengeschlossen. Das sei eine richtige „Rentnerband“. Sie würde sich „Second-Spring“ nennen. Was der redefreudige, unbekannte Tramper erzählt, weiß ich bereits. Trotzdem lasse ich ihn erzählen und in dem Glauben, davon keine Ahnung zu haben. Ich zeige mich interessiert. Dass der Tramper den Abend bei Erik verbringen möchte finde ich gut. Ich sage ihm, dass auch ich genau dorthin unterwegs bin.

Aus der „Rentner-Band“, wie sie der Tramper nennt, kenne auch ich einen Musiker. Der spielt eher ein unbedeutendes Instrument und er spielt nicht bei jeder Nummer mit. Es ist der Mann, der bei den Bluesnummern die Mundharmonika spielt. Er ist Lehrer an der Schule, die ich bis vor wenigen Wochen besucht hatte. Er unterrichtet das Fach Deutsch. Was er im Unterricht sagte, hatte er immer deutlich, aber mit einer gewissen Zurückhaltung gesagt. So hatte er den Schülern Freiräume gelassen, die notwendig sind, um das vom Lehrer gesagte mit eigenen Gedanken zum Thema zu verbinden. Die Art, wie er in dieser „Rentner-Band“ auftritt hat gewisse Ähnlichkeit mit seiner Art den Schulunterricht zu gestalten. Immer wieder tritt er in den Hintergrund, um die anderen Musiker zum Zuge kommen zu lassen. Ist er aber mit seinem Solo an der Reihe, steht dieses deutlich im Vordergrund. Wenn ein anderer auf der Bühne mit ihm musikalisch spricht, räumt er den Platz dafür ein. Ähnlich gestaltet er auch seinen Unterricht. Jedem Schüler gibt er die Möglichkeit mit ihm zu kommunizieren und seinen Unterricht mit zu gestalten.

Den grünen Wagen steuere ich sehr vorsichtig die dunkle Straße hinauf. Die engen Kurven nehme ich langsam. Im zweiten Gang kriecht das Auto beinahe. Die Beleuchtung ist schlecht. Ich möchte nichts riskieren, fahre deshalb langsam, denn ich merke, dass mir die Fahrpraxis fehlt. Der Tramper neben mir ist jetzt still geworden. Ich fürchte, dass er mich auf meinen Fahrstil ansprechen könnte. Um ihn von meinem Fahren abzulenken habe ich ihm eine Zigarette angeboten, die er sich gerade anzündet.

Vor Jahren, es war als ich noch nicht bei den Eltern gelebt hatte, war ich in der Schule im Gebirgsort von einer Lehrerin unterrichtet worden. Sie hatte großes Interesse an meiner Herkunft und meiner Lebenssituation. Sie unterrichtete ein Nebenfach, so dass ich sie nur zwei Mal in der Woche gesehen habe. Später hat sich herausgestellt, dass sie mit dem Lehrer zusammenlebte, der mich in der Schule auf dem Berg im Fach Deutsch unterrichtete.

Irgendwann habe ich herausgefunden, dass diese beiden Lehrer versucht hatten, mich in ihrem Haushalt aufzunehmen. Niemals hatten die beiden mich darauf angesprochen. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich herausgefunden habe, dass die beiden versucht hatten mich aus dem Kinderheim heraus bei sich aufzunehmen. Die beiden Lehrer waren damals zu Jung gewesen. Die zuständige Behörde hatte das Gesuch dieser beiden jungen Lehrer abgelehnt. Sie seien zu jung und nicht lang genug verheiratet, deshalb sei ihnen nicht zuzumuten, einen Dreizehnjährigen bei sich aufzunehmen. Das Risiko sei zu hoch. Ein Dreizehnjähriger braucht mehr Führung und Erziehung als junge Lehrer dies bieten können.

Anstatt dieser jungen Lehrer hatten mich meine neuen Eltern aufgenommen. Ich glaube, das zuständige Amt hatte sich für sie entschieden, weil sie noch nicht zu alt und auch nicht zu jung gewesen waren und weil sie seit vielen Jahren in dem Ort in soliden Verhältnissen gelebt hatten. Die beiden jungen Lehrer waren erst wenige Jahre im Ort. Sie waren aus Norddeutschland gekommen und hatten sich im Gebirgsort niedergelassen, weil hier damals einige Stellen an den örtlichen Schulen zu besetzen waren. Das zuständige Amt hatte sich für meine neuen Eltern entschieden, obwohl wir uns damals nicht gekannt hatten.

Ich steuere den Wagen jetzt durch die letzte Kurve vor dem Bahnübergang. Der Übergang ist spärlich beleuchtet. Ratternd passiere ich ihn. Danach geht es geradeaus weiter, deshalb gebe ich nun wieder mehr Gas und schalte in den dritten Gang. Es geht wieder bergab. Der Tramper neben mir schweigt.

Ich glaube, entscheidend war, dass meine neuen Eltern seit vielen Jahren ordentliche Verhältnisse, auch in materieller Hinsicht vorweisen konnten. Die Behörde muss ihnen mehr zugetraut haben. Die Eltern waren in der Lage, sich um einen Dreizehnjährigen zu kümmern.

Jetzt fahre ich parallel zu dem breiten Fluss, der den Gebirgsort durchquert.

Die Eltern haben es geschafft. Sie haben sich ausreichend um mich gekümmert. Bis zum heutigen Tag haben sie alles versucht, was in ihren Möglichkeiten steht. Bei den Eltern bin ich nicht abgestürzt. Im Gegenteil. Ich habe eine beachtliche Entwicklung gemacht. Das wird mir für mein Leben sehr von Nutzen sein. Die Entscheidung der Behörde ist sicherlich nicht falsch gewesen.

Jetzt passiere ich das gelbe Ortsschild. Nach einer langgezogenen Kurve fahre ich auf einen kleinen Parkplatz. Der Parkplatz liegt oberhalb des Schotterweges. Er führt hinunter Richtung Bahnhof zu „Eriks – Kneipe“.

19. Der Geburtstagsabend

Von dem Tramper verabschiede ich mich am Wagen. Er will sich in einem Fastfood – Restaurant, das es seit kurzer Zeit im Ort gibt, mit einigen Dingen versorgen. Also laufe ich alleine den Schotterweg hinunter. Meine kleine Tasche und meinem Schlafsack habe ich unter dem Arm. Noch vor der Kneipe höre ich schon die Musik der „Rentner-Band“. Ich betrete die Kneipe. Dichte Rauchschwaden von Zigarettenqualm kommen mir entgegen. Die Kneipe ist übervoll. Das Publikum ist von der Musik begeistert. Es applaudiert und singt mit. Mühsam dränge ich mich durch die dicht stehenden Menschen bis zum Tresen. Bis dorthin habe ich etwa zehn Gäste beiläufig begrüßt, die ich kenne. Martina und ihr Freund stehen hinter dem Tresen. Sie bedienen die Gäste. Ich begrüße Martina, gebe ihr den Wagenschlüssel zurück, und bitte sie meine Tasche und den Schlafsack irgendwo unter dem Tresen abzulegen. Weil der Lärm ohrenbetäubend ist, muss ich Martina beinahe anschreien. Martina schenkt mir ein Bier ein. Mit meinem Bier arbeite ich mich durch die Menge Richtung Bühne.

Die Übernachtung

Ich liege auf kaltem Steinfußboden. Es ist in meinem ehemaligen Jugendgruppenraum. Jörg hat mir den Schlüssel für diesen Raum in „Eriks – Kneipe“ für eine Übernachtung gegeben. Meinen Schlafsack habe ich ausgebreitet und mich in ihm verkrochen. Es ist späte Nacht. Ich kann nicht einschlafen. Ich muss weiter über mein Leben nachdenken, das mit dem heutigen Tag und der heutigen Nacht hier zu Ende geht.

Ich war ein auffälliges, schwieriges Kind gewesen. Ich war ein nervöses, unruhiges Bürschchen gewesen. Ich hatte ständig an meinen Fingernägeln herumgekaut. Gegenüber Erwachsenen war ich ängstlich gewesen. Um diese Ängste zu überspielen hatte ich mich hin und wieder respektlos und vorlaut verhalten. Ich hatte eine Sprache gesprochen, die manchmal giftig und herablassend gewesen war. Meine Sprache hatte der Verteidigung und Abwehr gegenüber Erwachsenen, auch gegenüber den Eltern gedient.

Im Haus meiner neuen Eltern war ich eine Provokation gewesen. Vielleicht war ich das gewesen, weil die Eltern selbst keine eigenen Kinder gehabt hatten. Vielleicht war ich auch deshalb so eine Provokation für sie gewesen, weil sie es nicht gewohnt gewesen waren, wie man mit einem Dreizehnjährigen unter einem Dach zusammenlebt. Ich glaube, die Eltern hatten keine Ahnung davon gehabt, was auf sie zukommt. Sie hatten keinerlei Unterstützung gehabt, sich darauf vorzubereiten. Sie hatten keinerlei Begleitung gehabt, um sich während der Zeit, als ich bei ihnen gelebt hatte, beraten zu lassen. Deshalb glaube ich, dass die Eltern eigentlich eine Aufgabe angenommen haben, die nicht zu bewältigen war. Vielleicht bin ich deshalb im Leben der Eltern bis zum heutigen Tag zu einer großen Herausforderung geworden, die sich zu einer der großen Enttäuschung für sie entwickelt hat.

Ich hatte mich sehr schnell an den Wechsel zu den neuen Eltern gewöhnt. Es war für mich keine Frage gewesen, dass ich bei ihnen bleiben würde. Eine Rückkehr war für mich ausgeschlossen. Der Lebensalltag in meiner neuen Familie hatte sich in der Hauptsache um die viele Arbeit in dem Fachgeschäft der Eltern gedreht. Weitere Arbeit hatte der Vater abends zu Hause im Arbeitszimmer für das Geschäft zu leisten. Und noch weitere Arbeit hatte er stets über das Wochenende für sein Geschäft geleistet. Meine Mutter hatte täglich mindestens genauso viel gearbeitet, wie der Vater. Auch sie war täglich in dem Fachgeschäft hinter dem Verkaufstresen gestanden. Zusätzlich hatte sie die Rolle der kochenden, waschenden und für Sauberkeit und Ordnung im Haushalt sorgenden Hausfrau. Dafür dass ich, der dreizehn Jahre alte Bengel einen einigermaßen vernünftigen Weg einschlage, war in der Hauptsache meine Mutter zuständig gewesen.

In ihrer Freizeit hatten meine neuen Eltern die Kontakte zu guten Kunden des Geschäftes gepflegt. Sonntagmittags waren wir sehr oft zum Mittagessen zu guten Kunden gefahren.

Meine neuen Eltern, vor allem meine neue Mutter waren besten Willens gewesen, für mich eine gute Entwicklung zu gewährleisten. Nach einiger Zeit war mir klar geworden, dass die neuen Eltern von mir, für all das Gute was sie mir angedeihen ließen Dank, Respekt und Anerkennung erwarteten. Diese Erwartung hatte ich nie ausreichend erfüllt. Vielleicht hatten die Schwierigkeiten zwischen den Eltern und mir etwas damit zu tun, dass ich viel zu spät bemerkt habe, dass die Eltern so viel Gutes für mich taten. Dafür zeigte ich viel zu wenig Dankbarkeit.

Die Eltern sind in der Lage anderen Menschen zu helfen. Weil sie materiell in jeder Hinsicht bestens versorgt sind, hatten sie damals die Möglichkeit mich ohne weiteres in ihren Haushalt aufzunehmen. Dass dieses ein riesiger Glückstreffer für mich gewesen war, hatte ich nicht schnell genug verstanden. Anstatt dankbarer zu sein, war ich im Laufe des letzten Jahres bei den Eltern zunehmend auf Abstand zu den Eltern bedacht. Keineswegs war ich dabei glücklich gewesen. Aber in der Familie war mehr Ruhe eingekehrt. Weil ich gespürt hatte, dass ich die Erwartung der Eltern nicht erfüllen kann, dass ich nicht dankbarer sein kann, als ich es bereits die ganze Zeit über gewesen war, war mein Gewissen gegenüber den Eltern bald so schlecht geworden, dass ich dauerhaft versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen. Die Eltern haben in mir einen Weg in Gang gesetzt, der mich dazu zwang, mich immer weiter von ihnen zu entfernen. Weil ich mich immer weiter von ihnen weg bewegt hatte, konnte ich immer weniger Dankbarkeit zeigen.

Ein Mensch, der von anderen immer weiter weggeht, kann diesen Menschen gegenüber keinen Dank ausdrücken. Weil ich immer weniger fähig gewesen war, der Mutter und dem Vater dankbar zu sein, hatte der Vorwurf der Eltern mehr und mehr an Richtigkeit gewonnen. In den letzten Wochen im Haus der Eltern, hatte ich das Gefühl, dass zwischen uns genau das entstanden war, was sie mir immer vorgeworfen hatten. Weil der Abstand zu den Eltern riesig groß geworden war, hatte ich kaum mehr mit ihnen gesprochen. Ich hatte mich nur noch zu Hause aufgehalten, wenn es ausdrücklich erwünscht war. So war ich zu einem geworden, der nicht mehr dankbar war und der bei den Eltern ein- und ausging, als lebte er in einem fremden Hotel. Was die Mutter mir schon lange vorgeworfen hatte, war in den letzten Wochen tatsächlich geschehen.

All das, was die Eltern im Laufe der Jahre zwischen uns gesehen hatten, schien in den letzten Wochen tatsächlich in Erfüllung gegangen zu sein. Ich war zu einem regelmäßigen Kneipenbesucher geworden. Ich habe meine Schule nur noch nebenbei auf die Reihe gebracht. Ich habe also einen völlig unangemessenen Weg betreten. Ich lebe über meine Verhältnisse. Ich gebe mein Geld für Kneipe und Zigaretten aus. Ich habe die Vorstellungen der Eltern von Familienleben nicht erfüllt.

Weil meine Gedanken noch nicht enden wollen, wälze ich mich auf dem Fußboden im Jugendraum in meinem Schlafsack hin und her. Ich kann noch nicht einschlafen, weil ich immer noch an die vergangene Zeit denken muss. Was ab morgen werden wird, daran werde ich wohl erst ab morgen denken.

Weil ich Unruhe ins Haus der Eltern gebracht hatte, und es mir nicht gelungen war diese Unruhe auf das von den Eltern geforderte Maß zu begrenzen und weil die Eltern mit ihrem Maß bei mir nicht angekommen waren, ist der heutige Abschiedstag gekommen. Die Eltern haben ein Recht darauf, heute denjenigen gehen zu lassen, der noch nie bei ihnen leben wollte. Dass für mich die Frage niemals offen gewesen war, ob ich bei ihnen leben wollte, spielt heute genauso wenig eine Rolle, wie sie in der Vergangenheit eine Rolle gespielt hatte. Für mich hatte es nie eine Alternative gegeben. Ich hatte mich mit dem unwahrscheinlichen Glück abzufinden, dass ich überhaupt Eltern haben durfte. Für dieses Glück bin ich dankbar. Ohne dieses Glück wäre ich nicht wer ich heute bin.

Ich glaube solche späte Erkenntnis wäre den Eltern nicht genügend Dank. Ich glaube diese Art Dankbarkeit ist für die Eltern keine vollständige Dankbarkeit. Dieser Erkenntnis fehlt die absolute Anerkennung dessen, was die Eltern auf sich genommen hatten, um mich zu einem verantwortungsvollen Menschen zu machen. In den letzten Tagen bei den Eltern war mir klar geworden, dass der Dank den sie erwarten, ein absoluter Dank sein muss. Ich glaube für die Mutter war mein Dank nie ehrlich genug gewesen. Weil ich erkenne, dass ich keine andere Wahl gehabt hatte, fehlt meine Fähigkeit zu absolutem, bedingungslosem, unterwürfigem Dank. Das was da fehlt bedeutet den Eltern aber sehr viel. Würde ich versuchen, meine Art Dank zu erklären, würde das die Eltern schon wieder enttäuschen.

Nach dem Einzug bei den Eltern schien es keine Rolle mehr zu spielen, woher und warum ich zu ihnen gekommen war. Mein altes Leben schien zusammengebrochen zu sein. Es war unauffindbar verschwunden. Die Eltern hatten mich darauf nie angesprochen. Ich habe sie darauf nie angesprochen, weil ich froh gewesen war, dass ich bei ihnen ein neues zu Hause gefunden hatte. Vielleicht war das der Anfang vom Ende gewesen. Vielleicht konnte das gar nicht funktionieren. Vielleicht kann kein Mensch einen gewichtigen Teil seines Lebens von heute auf Morgen auslöschen, indem er und die Menschen in seiner Umgebung darüber überhaupt nicht mehr sprechen. Es könnte sein, dass ich mich deshalb zu einem undankbaren Bewohner im Haus der Eltern entwickelt hatte. Vielleicht hätte ich den Eltern dankbarer sein können, wenn die mit mir über mein Leben vor dem Leben in der Familie gesprochen hätten. Vielleicht wäre Vertrauen gewachsen, wenn mein Leben das vor den Eltern gewesen war bei den Eltern eine Rolle gespielt hätte.

Ein letztes Mal wälze ich mich in meinem Schlafsack hin und her. Jetzt nehme ich mir fest vor, gleich einzuschlafen. In meinem Kopf wirbeln noch ein paar letzte Fetzen derjenigen Dinge, die ich heute im Laufe meines Geburtstages durchdacht habe herum. Morgen wird wieder ein neues Leben für mich beginnen. Das alte Leben bei den Eltern ist heute abgeschlossen. Morgen werde ich genügend Zeit haben, über mein altes und meine neues Leben weiter nachzudenken.

In meinem warmen Schlafsack, auf dem kalten Steinfußboden meines ehemaligen Jugendgruppenraumes, tauchen die letzten Bilder an die ich heute gedacht habe noch einmal mal wie winzige Lichtblitze in meinem Kopf auf. Ich spüre, dass mich die schwere meiner Müdigkeit wie ein Stein immer tiefer in den Schlaf zieht.

Es war ein privates Busunternehmen das uns in Ausflugs- und Reisebussen täglich die steile Bergstraße hinauf zu unserer Schule gefahren hatte. An der Gepäckablage über den Sitzen hatte ich mich stets gut festgehalten, denn die Straße auf den Berg ist kurvenreich. Beinahe täglich war mir während der Busfahrt schlecht geworden. Niemals hatte ich mich im Bus übergeben. Das hatte ich nach der Busfahrt fast jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn auf der Schultoilette getan. Damals war ich in jeder Hinsicht kontrolliert und angepasst gewesen. Meine Kontrolle war so weit gegangen, dass ich, obwohl mir im Bus bereits nach wenigen Kurven schlecht geworden war, dem Brechreiz erst freien Lauf ließ, als ich um viertel vor acht Uhr die Schultoilette erreicht hatte. Im Schulbus war täglich Vorsicht vor den älteren Mitschülern geboten. Es herrschte die Ordnung des Stärkeren. Ich glaube hauptsächlich während der täglichen Zeit im engen, überfüllten Schulbus hatte ich damals gelernt meine Rolle unter Gleichaltrigen zu finden. Die Rolle habe ich gehasst. Trotzdem habe ich mich angepasst. Stets hatte ich versucht, mich unauffällig und zurückhaltend zu verhalten. In Schlägereien und Streitereien hatte ich mich nie eingemischt. Im Schulbus und in der Schule hätte ich mich gerne öfter eingemischt. Gerne hätte ich manchem schwächeren, der in meinen Augen grundlos verprügelt worden war, geholfen. Dieses Eingreifen war stets mein Wunschtraum geblieben. Im Schulunterricht hatte ich manchmal zu gut verstanden, was den Lehrern wichtig gewesen war. Im mündlichen Unterricht hatte ich mir deshalb eine zurückhaltende Art angewöhnt, denn von manchen Mitschülern hatte ich Groll und Wut gegen mich gespürt. Wegen diesen Mitschülern war es mir stets wichtig gewesen, nur ein Mittelmaß zu erreichen, um von ihnen nicht als „Streber“ abgestempelt zu werden. Trotz meiner Anpassungsfähigkeit war ich auch in der neuen Schule auf dem Berg ein Außenseiter geblieben. Vielleicht hatte das mit meiner Herkunft zu tun. Weil ich nicht aus dem Ort stamme, weil ich keine normale Familie hatte, war ich von Beginn an auffällig gewesen, weil ich anders gewesen war. Schon wegen meiner Sprache war ich unter den gleichaltrigen Mitschülern anders gewesen. Auch bei den Eltern war meine Sprache ein Problem gewesen. Deshalb war es gut, dass ich gelernt habe, mich stets zurückzuhalten. Toleranz gegenüber mir, dem Fremden konnte nur entstehen, weil meine Anpassung so stark geworden war, dass ich beinahe nicht mehr aufgefallen war.

Die Rückkehr – Erzählung

Die Rückkehr – Erzählung von Bernd Thümmmel

1995 kommt Bernado zurück nach Berchtesgaden. Dort arbeitet er täglich in einer kleinen Produktionsfirma. Nach Tagen erscheint ihm das seltsam. Nach Wochen wird ihm klar, dass ihn seine Kindheit im Kinderheim Salzberg auf dem Obersalzberg zurück geführt hat. Er beginnt damit, seine Erinnerungen jeden Morgen noch vor Beginn der monotonen Fabrikarbeit in seine Schreibmaschine zu hämmern.

1. April

Aus meinem Zimmerfenster habe ich morgens um sechs Uhr, bevor der kalte Aprilregen einsetzt, eine herrliche Aussicht. Draußen sehe ich grüne gebirgige Landschaft. Nebelbänke ziehen gemächlich durch das enge Tal. Für einen kurzen Moment strahlt die Sonne durch ein Wolkenloch. Ihre Strahlen hüllen die hohen Berggipfel rings um meine kleine Wohnung in rote Farbe. Spätestens um Viertel vor Sieben stehe ich jeden Morgen im Badezimmer. Ich rasiere mich und putze die Zähne. Dabei beobachte ich durch das Badfenster, wie sich draußen die Wolkendecke verdichtet. Langsam schieben sich dunkle Wolken an den Berggipfeln herab. Obwohl der Tag erst beginnt, wird es draußen dunkler. Um sieben Uhr beginnt es täglich zu regnen.

Seit wenigen Tagen bewohne ich eine Dreizimmerwohnung mit Aussicht auf das wunderschöne Tal. Vor der Wohnung liegt eine gepflasterte Straße. Es ist die Hochsteinstraße. Sie führt steil auf den Hochstein hinauf. Von den drei Zimmern in der Wohnung bewohne ich ein Durchgangszimmer mit einem kleinen Balkon hinaus Richtung Hochsteinstraße und ein Schlafzimmer. Das dritte Zimmer ist unbewohnt. Die Wohnung stellt mir der Chef kostenlos zur Verfügung. In dessen Fabrik arbeite ich seit meiner Rückkehr nach Berchtesgaden.

In der kleinen Fabrik, hinten in dem wunderschönen Tal, produziert der Chef Körperpflegemittel. Heute weiß ich noch nicht, ob es sich lohnt, meine sichere Stellung in der Stadt aufzugeben. Ich weiß noch nicht so recht, ob mir die Arbeit Spaß macht. Spaß während der Arbeit, egal welcher, hatte ich in meinem Leben bislang eigentlich noch nie gespürt. Im Grunde hatte ich mich bei keinem meiner vorherigen Arbeitsplätze gefragt, ob Spaß dabei wäre. Hauptsächlich war es um die Frage gegangen, ob die Arbeit erträglich ist. Auch hier in Berchtesgaden geht es also um diese Frage. Es ist meine Aufgabe, mir ernsthaft zu überlegen, ob ich meinen sicheren Schreibtisch in München aufgeben möchte, um in diesem herrlichen Gebirgstal zu leben. Leider ist der April eiskalt und verregnet. Doch das nasskalte Wetter soll meine Entscheidung nicht beeinflussen.

Mein neuer Arbeitsplatz liegt in einem winzigen Industriegebiet. In meinen Augen ist das, wie ich ein Industriegebiet eigentlich nicht nennen sollte; romantisch. Jeden Morgen finde ich es mitten im Grünen. Es liegt eingekeilt zwischen hoch aufragenden Bergen. Neben dem Industriegebiet fließt ein wilder, romantischer Fluss.

Die Arche ist zu einem braunen, reißenden Strom angeschwollen. Sie führt das eiskalte Wasser von zwei wunderschönen Gebirgsseen mit sich. Dem Hintersee und dem Königsee. Am Industriegebiet fließen die Wässer beider Seen vorbei, um sich in Österreich in die Salzach zu verdünnen und in Salzburg für einen momentan sehr hohen Wasserstand zu sorgen. Parallel der reißenden Arche führt eine breite Landstraße nach Salzburg. Über die Straße fahre ich täglich zur Arbeit.

An den ersten Tagen habe ich durch die hohen Fenster täglich die reißende Arche und die Natur rund um das Industriegebiet beobachtet. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die grünen, dicht bewaldeten Bergfüße. Morgens sah ich draußen die hohen, von Nebel umhüllten Berge. Tagelang habe ich mich an der grünen Natur und der wilden Landschaft erfreut. Die viel befahrene Straße hinter den dicht wachsenden Bäumen an der Arche sieht im Frühling und Sommer nur, wer sie sehen möchte. In den ersten Tagen wollte ich Berge, Bäume und Gräser sehen, denn ich komme aus der Stadt.

Jeden Morgen um sieben Uhr stehe ich unter meinem schwarzen Regenschirm vor dem gelb gestrichenen Berchtesgadener Finanzamt in der Nonnenstraße. Das Amt liegt nur wenige Schritte unterhalb der Hochsteinstraße. Ich stehe auf dem Bürgersteig und warte. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite beobachte ich das Altenheim. Es ist ein rustikales Gebäude mit dunkelbraunen Holzbalkonen.

Täglich bleibt mir nichts anderes, als am Straßenrand zu stehen und das bisschen, was sich um die frühe Stunde tut, zu beobachten. Jeden Morgen stehe ich zwar nur wenige Minuten vor dem Finanzamt, doch ich genieße jede Sekunde unter meinem Regenschirm, denn ich brauche die Zeit der Stille, bevor ich im Wagen neben dem Chef sitzen muss, um zu meinem neuen Arbeitsplatz zu gelangen. Ich warte und sauge die Ruhe konzentriert in mich auf. Ich höre den Regen, wie er auf meinen Regenschirm herniederprasselt. Ich denke daran, wie schön es wäre, in einem Zelt zu liegen, das Geräusch des Regens zu genießen und einen ruhigen Urlaubstag auf einem verregneten Zeltplatz ohne Aufgabe ohne Vorhaben für den Tag, vor mir zu haben. Ich genieße den Gedanken so sehr, dass ich das Gefühl habe, den Geruch der Zeltwand, auf die der kalte Regen nun heftig nieder schlägt, in der Nase zu haben. Ich rieche den modrigen Geruch von Feuchtigkeit, der entsteht, weil das alte Zelt den Winter über im Kellerschrank lag.

Der Chef hat mir angeboten, mich morgens in seinem Auto mitzunehmen. Er hat es sehr gut gemeint mit diesem Angebot. Weil er ohnehin jeden Morgen nahe dieser Straße unterwegs sei, mache es für ihn nur einen winzigen Umweg, mich am Finanzamt einzuladen. Es sei egal, ob er morgens dort vorbeifahre oder auf der breiten Straße an der Arche bleibe. Das freundliche Angebot des Chefs konnte ich nicht abschlagen. Das hätte mir große Schwierigkeiten bereitet. Nachvollziehbare Argumente, nicht auf das gut gemeinte Angebot einzugehen, gab es nicht. Begeistert, wie der Chef mir die Arbeit in seiner Fabrik erklärt hat, bietet er den winzigen täglichen Umweg an.

Durch die Fenster im Finanzamt sehe ich drei Beamte. Sie sitzen hinter leuchtenden Computermonitoren. Zwei andere fahren in weißen Kleinwagen auf dem Gehsteig vor. Schwarze Aktentaschen werden über zwei Fensterbänke im Erdgeschoss gehoben. Die Männer steigen aus ihren Dienstfahrzeugen. Sie holen die Taschen und verstauen sie in den kleinen Kofferräumen. Den Vorgang beobachte ich täglich nicht allein. Drei alte Damen stehen hinter den Fenstern ihrer Zimmer. Ich sehe deren Umrisse hinter weißen Vorhängen. Um besser beobachten zu können, schieben sie die Vorhänge ein winziges Stück beiseite. Die Frauen stellen fest, dass rund um das Finanzamt täglich alles beim Alten bleibt. Die Beamten steigen immer pünktlich in ihre Kleinwagen und fahren los.

Weil ich seit einer Woche hier stehe, bin ich ein bisschen Alltag der alten Damen geworden. Ich gehöre noch nicht richtig dazu, so wie die Finanzbeamten, die schon seit vielen Jahren da sind, aber ich mische mich in ein alltägliches Bild. Ich warte geduldig im Regen. Ich bleibe so lange stehen, bis der Wagen des Chefs das leichte Gefälle vor dem Amt herunter rollt. Die drei alten Frauen verliere ich dann kurz aus den Augen. Stattdessen sehe ich den beiden Wagen der Finanzbeamten nach, wie sie tosend die Steigung der Hochsteinstraße nehmen. In der Mitte der Steigung begegnen beide dem Wagen des Chefs. Dessen schwere Limousine rollt sehr schnell heran, kommt am Straßenrand zum Stehen, damit ich einsteigen kann. Die alten Frauen sind kurz wieder in meinem Blickfeld. Ich sehe eine Dame im ersten Stock, während ich die Wagentür öffne. Sie zieht den Vorhang zu. Jetzt bücke ich mich, um in den Wagen zu steigen, die Dame im zweiten Stock zieht den Vorhang zu. Die dritte Dame sehe ich noch für Sekunden durch das Fahrerfenster, während ich dem Chef die Hand schüttle.

Weil ich gegenüber dem Chef keinen Eindruck von Müdigkeit entstehen lassen will, setze ich mich schwungvoll neben ihn in das schwarze Leder. Ich denke nicht an den herannahenden Arbeitstag in dessen kleiner Firma. Ich denke nicht an den Chef. Meine Gedanken sind noch bei den alten Frauen. Was tun sie den ganzen Tag, während ich hinter monoton lärmenden Abfüllanlagen und Verpackungsmaschinen stehe? Wie sieht deren Alltag im Altenheim gegenüber dem gelben Finanzamt aus? Steigen die dichten Wolkenmassen an den Bergen empor und geben mittags endlich den Blick hinüber zum Obersalzberg frei, damit die Damen eine schöne Aussicht genießen können? Werden die Damen heute im Ort spazieren, um etwas einzukaufen oder in einem Café zu sitzen? Ist ihr Leben in diesem schönen Ort interessant, vielleicht sogar schön?

Auf dem Weg zur Arbeit spüre ich, dass ich zu so früher Tageszeit sehr ungern spreche. Ich spüre, dass ich die Minuten morgens zwischen meinem gemieteten Zimmer, dem Finanzamt und meiner neuen Arbeitsstätte am liebsten überspringen würde. Ich wünsche, sie wären nicht da, denn ich darf nicht allein sein auf dem Weg zur täglichen Arbeit. In der Stadt war ich diesen Weg immer allein gegangen. An jedem vorherigen Arbeitsplatz war ich morgens allein auf dem Weg. Es war noch nie anders. In Berchtesgaden ist es jetzt anders, ganz anders.

Ich sitze schweigend neben dem Chef und suche Gründe für mein Denken. Es sind Minuten der täglichen Besinnung und Beschaulichkeit. Minuten, in denen ich an einem neuen Tag einen ersten Blick in mich selbst wage. Es könnten heute die einzigen Minuten sein, in denen ich noch allein bin. Noch keine Routinegespräche zwischen Vorgesetzten, Kollegen, Lieferanten und anderen Arbeitskräften. Deshalb sind es wichtige Minuten. Es könnten meine ruhigsten Minuten des Tages sein, denen mich der Chef beraubt.

Der Arbeitsalltag presst mein Gehirn in maschinelle, monotone Denkschemen. Mein Körper, meine Konzentration, mein Denken, all das zwingt der Arbeitsalltag in diese Firma. Schnelle Produktion, beste Qualität, hohe Maschinenleistung und Erfolg sind die Kriterien, an die zu denken ist, die zu realisieren sind. Deshalb brauche ich die freien Minuten am Morgen! Das sind Minuten der klaren Gedanken. In ihnen ist ungezügeltes Denken noch möglich. Der Kopf ist noch frei. Er ist noch nicht von der täglichen Arbeit gemartert und beschnitten. Weil ich abends nach dem langen Arbeitstag immer müde bin, dass ich meist schnell einschlafe, sind es die letzten Minuten des Tages, in denen mein Kopf noch klar ist und mein Denken noch frei. Sie verstreichen im Wagen neben dem Chef.

Vielleicht deshalb mein Schweigen am Morgen. Morgens im Wagen neben dem Chef erreiche ich nach wenigen Sekunden einen Tiefpunkt. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass an dieser Situation morgens im Wagen des Chefs etwas nicht stimmt. Vielleicht ist es sogar ein Anzeichen dafür, dass an meiner gesamten Situation, meiner Rückkehr in diesen Ort und meiner Arbeitsaufnahme in dieser Firma etwas nicht stimmt. Seit Tagen versuche ich herauszufinden, was hier nicht stimmt. Bislang erfolglos.

Ich darf mit dem Chef in seinem Wagen in seine Fabrik fahren. Jeden Tag habe ich das Gefühl, dass der Chef für mich am wenigsten geeignet ist für ein Gespräch. Weil seine kleine Fabrik so nah ist, vergeht die Autofahrt schnell. Mir fällt kein Gesprächsthema ein. Auch heute Morgen nicht. Ich weiß nicht, was zu der Situation in seinem Wagen um diese Uhrzeit passt. Ich weiß nicht, was ich mit ihm zu besprechen hätte, das zu dem angesteuerten Ziel passt. Deshalb spreche ich in seinem Wagen nur das Nötigste. Deshalb denke ich jeden Morgen zunächst an die Finanzbeamten und die alten Damen, die ich vorher gesehen habe.

Ich weiß noch nicht, wohin mein Denken mich führen wird. Im Moment habe ich Urlaub. Von meiner Dienststelle in der Stadt bin ich beurlaubt, um hier in dieser Fabrik zu arbeiten. Am fünften Arbeitstag meines geopferten Urlaubs im April denke ich nur noch wenige Sekunden an die alten Frauen hinter den Vorhängen. Die Finanzbeamten vergesse ich völlig. Auch über den Chef denke ich nicht nach. Die fünf Minuten Fahrzeit neben dem Chef nutzte ich fast vollständig, um an mich zu denken.

Ich bin in diesen Ort zurückgekommen, um zu arbeiten. Jeder Mensch in meinem Alter hat zu arbeiten, wenn er nicht krank ist. So begründe ich heute meine Anwesenheit hier in diesem Ort. Es geht um meinen Lebensunterhalt. Den bekomme ich nicht umsonst. Ich bin nicht zurückgekommen, um die Landschaft zu genießen. Ich bin nicht hier, um die Menschen in Finanzamt und Altenheim morgens um sieben Uhr zu beobachten und über deren Alltag nachzudenken. Bin ich gekommen, um über etwas anderes nachzudenken? Bin ich wirklich nur zurückgekommen, um in dieser Fabrik zu arbeiten? Ich weiß es noch nicht.

Ich komme aus der Stadt. Dennoch bin ich kein Außenstehender in diesem Touristenort. Ich tauche wieder ein in das Alltagsleben dieser bayerischen Menschen. Ich tue das, weil ich arbeiten und Geld verdienen muss. So begründe ich das heute. Ich wohne zwischen beliebten bayerischen Gebirgsgipfeln mit Ausblick hinüber zum Obersalzberg. So schön kann ich in der Wohnung des Chefs wohnen! Er stellt sie mir zur Verfügung, damit ich in seiner Fabrik arbeiten kann. Ich lebe und arbeite in einem Ort, von dem vielleicht mancher Mensch aus norddeutschen Industriestädten träumt, wegen der schönen Natur. Diese Landschaft diente so manchem erfolgreichen Heimatfilm als Kulisse. Ich opfere meinen Urlaub, um mitten in dieser idyllischen Landschaft zu arbeiten. Während ich so denke, gibt der Chef im Wagen kräftig Gas.

Ich glaube, dass ich in der Hauptsache zurückgekommen bin, um zu arbeiten. So denke ich am sechsten Arbeitstag und so denke ich immer noch am siebten. Vielleicht wähle ich diesen schönen Ort, weil ich insgeheim hoffe, mit dieser Wahl mein zwiespältiges Verhältnis zu Arbeit jeder Art zu ordnen? Vielleicht möchte ich in der Schönheit dieser Landschaft meine Einstellung zur Arbeit sogar verbessern? Daran denke ich am Morgen des achten Arbeitstages. Vielleicht hoffe ich insgeheim darauf, dass mir dies in der hübschen, reizvollen Kulisse gelingt?

Ich komme nicht als Tourist, das ist von Beginn an sicher. Der Ort ist sehr touristisch. Er liegt unterhalb des unrühmlich geschichtsträchtigen Obersalzberges. Er liegt eingekeilt zwischen Untersberg und Hohem Göll. Oder hat mein Zurückkommen doch mit Tourismus und Landschaft zu tun? Ich komme nicht als Saisonarbeiter. Ich wähle diesen Ort nicht als vorübergehendes Sommerquartier. Ich will hier nicht nur einige Monate einen finanziellen Reibach machen. Ich will überhaupt keinen Reibach machen, sondern geplant ist hier zu arbeiten und zu leben.

Ich erhoffe ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Leben. Deshalb stehe ich um sieben Uhr morgens vor dem Finanzamt, warte auf den Wagen des Chefs und lasse mich dabei voll regnen. So denke ich schließlich am letzten Arbeitstag im April. Ich hoffe auf die Realisierung einer persönlichen Philosophie, einer Utopie. Ein ausgewogenes und positives Verhältnis zwischen beidem erwarte ich ausgerechnet in diesem Ort! Ein schönes Leben in herrlichster Landschaft mit guter Luft. Dazu die notwendige Arbeit. Das habe ich hier gefunden, so denke ich heute am letzten Tag meines geopferten Urlaubs.

2. Sommer

Monate später, morgens im warmen Juli, sitze ich wieder im Wagen neben dem Chef. Wie er es seit Jahren täglich tut, steuert er das Auto in Richtung Königseer Arche. Glaube ich tatsächlich an ein ausgewogenes Leben und Arbeit in diesem schönen Ort, ohne dass meine Vergangenheit, die ich in dieser schönen Landschaft erlebt habe, eine Rolle einnimmt? Lasse ich mich blenden von diesem Ort, der auf den ersten Blick wie ein von den Problemen der Welt abgeschirmtes Paradies wirkt? Zweifel flammen erst auf, als es in Berchtesgaden sommerlich warm ist. Ich habe meine sichere Anstellung in der Stadt endgültig aufgegeben.

Nach wenigen Sekunden im Wagen des Chefs frage ich mich: Was sollte mein Träumen vor dem Finanzamt im April? Warum mein träumerisches Beobachten der trügerischen Idylle zwischen Finanzamt und Altenheim? Ich weiß es nicht. Im warmen Juli merke ich, dass ich die Zeit in dem Ort brauche, denn ich möchte genau das herausfinden, was ich nicht weiß.

Nach drei Tagen kenne ich die kleine Firma wie im April. Ich kenne die Menschen, die in ihr arbeiteten, und die Maschinen, an die ich mich herantraue.
„Das alles ist keine Hexerei“, sagt der Chef mehrmals am Tag zu mir.

Ich habe das Gefühl, seit April nicht weg gewesen zu sein. Könnte das Hexerei sein? Warum fühle ich schon nach drei Tagen wieder die gleiche Langeweile? Ich muss mich sogar bemühen, dass mein gespieltes Interesse an der Fabrikarbeit nicht als klares Desinteresse entlarvt wird. Ich sehe mich schon nach drei Tagen auf einem Weg, den ich seit vielen Jahren aus der Stadt kenne. Dort bemühte ich mich täglich um das Schauspiel der Arbeit. Das Spiel besteht in der täglichen Übung, auf der Bühne etwas täuschend echt aussehen zu lassen, etwas perfekt vorzutäuschen, so gut, dass keiner auch nur daran denkt, dass ich ein Schauspieler bin.

Seit Jahren täusche ich Interesse daran vor, täglich die nahezu gleiche Arbeit zu verrichten: Ich finde sie immer noch interessant, obwohl ich sie kenne und eindeutigen Widerwillen in mir spüre. Bloß nichts anmerken lassen von dieser Langeweile! Ich bin engagiert und interessiert. Jeden Tag laufe ich mit wachen Augen durch meine Arbeitsstätte, mit täuschend echten Blitzen in den Augen, die ausstrahlen, dass ich ein zuverlässiger leistungsstarker Mitarbeiter bin. Mein perfektioniertes Spiel funktioniert. Es verschafft mir beste Zeugnisse und einen sehr guten Ruf. Mein Abschied von meinem Arbeitsplatz in der Stadt wurde von allen Kollegen und den Chefs tief bedauert. Leistungsträger kommen und gehen. Wann ihre Zeit um ist, wissen sie selbst am besten. Auch das vorzutäuschen gehört zum Spiel.

Warum sollte die Arbeit in dieser Fabrik Hexerei sein? Täglich füllen die Maschinen monoton und laut ratternd ihre weiße oder bräunliche Masse in Cremedosen. Warum muss der Chef, der darauf hofft, dass ich in seiner Fabrik eine neue Heimat finde oder meine alte Heimat wieder finde, betonen, dass Arbeit keine Hexerei ist? Sieht man mir an, wie ich über Arbeit denke? Bisher hatte ich nicht an Hexerei gedacht. Wie arbeitet ein Mensch, der so etwas denkt? Arbeitet er wie ich? Schnell, sauber, zuverlässig. Ein angepasster Stil, der Erwartungen nicht enttäuscht.

An Hexerei denke ich nie bei der Arbeit, vielmehr denke ich oft über den Sinn dieser Arbeit nach. Wo bleibt der sinnstiftende Moment? Wo bleibt das, wovon ich täglich in den Zeitungen lese? Millionen von arbeitslosen Menschen, die keinen Sinn mehr sehen, weil sie keine Arbeit haben. So lese ich um sechs Uhr morgens vor meiner dampfenden Kaffeetasse. Welchen Sinn haben diese Millionen verloren? Einen Sinn, den ich nicht einmal erkenne, obwohl ich in der Fabrik Arbeit habe! Mit der Suche nach Sinn bin ich überfordert, vielleicht bin ich mit der gesamten Arbeit in dieser Fabrik überfordert.

Was aber ist daran anders als an meinem Arbeitsplatz in der Stadt? Vielleicht hängt meine Überforderung gar nicht mit der täglichen monotonen Arbeit zusammen, sondern mit der Frage, warum ich ausgerechnet in diesen Ort zurückgekommen bin, um zu arbeiten?

Draußen sehe ich treibende Nebelschwaden. Dichte, aufeinander geschichtete Nebelbänke. Sie treiben gemächlich vom Grünstein, dem grünen Berg am Fuße des Watzmanns, durch den Berchtesgadener Talkessel. Über der kalten, vom anhaltenden Regen im Monat zuvor vollen Arche treiben sie hinweg. Aus deren Wasser steigt er auf und verbindet sich mit den oben treibenden Schwaden. Die Nebelmassen treiben am Obersalzberg vorbei. Die undurchsichtige Menge nimmt ihren Weg durch das breiter werdende Tal Richtung Salzburg. Sie treibt meinem Arbeitsplatz entgegen.

Ich beobachte das Nebeltreiben vor meinem Zimmerfenster. Wie ein Kind denke ich jetzt daran, mich mit treiben zu lassen. Ich träume von der Schönheit des Landes aus dem Blickwinkel dieser langsam treibenden Nebelbänke. Unten stelle ich mir blumenreiche Wiesen zwischen den steil aufragenden, bewaldeten Berghängen vor. Ich erkenne da unten Kühe, wie sie auf den Wiesen grasen. Plötzlich sehe ich auch die breite Straße nach Salzburg. Ich schiebe etwas Nebel beiseite, um besser sehen zu können. Ich erkenne den geraden, grauen Strich mitten in den grünen Wiesen. Es ist die Straße. Bunte Autos flitzen dort hin und her. Laut dröhnt deren Lärm in meine Nebelbank herauf. Ich rieche eine stinkende Mischung aus feuchtem Nebel und den scharfen Abgasen. Ich lehne mich deshalb schnell zurück in meine Nebelbank und ziehe dichten Nebel vor mich. So träume ich einige Minuten lang und bedauere später sogar noch, dass ich nicht wirklich in einer Nebelwolke als Beobachter von oben sitzen kann.

Ich schalte das Radio ein. Es meldet sich der Deutschlandfunk. „Viertel nach sechs, guten Morgen“, verkündet der Sprecher. Unglaublich in diesem Gebirgstal den Deutschlandfunk zu hören. Das hatte es früher in den Siebzigerjahren, selbst Anfang der achtziger hier nicht gegeben. Damals konnte ich nicht einmal das dritte Programm des Bayerischen Rundfunks empfangen. Seit einigen Jahren gibt es in dem Tal alles zu empfangen, was die Menschen wollen. Den Grund dafür sehe ich täglich um Viertel nach sechs Uhr. Dann nämlich, wenn die Nebelschwaden im unteren Teil des Obersalzberges kurzfristig ein Loch bieten. Für Minuten habe ich dann freie Sicht auf die Mitte des Berges. Da oben erkenne ich einen riesigen Betonpfeiler. Ich frage Mitbewohner im Haus nach der Bedeutung dieses Betonriesen. „Des is zwengs am Radio und am Fernseher und wegen unserm Funktelefon.“ Ich freue mich, dass man die Welt nun auch in Berchtesgaden empfangen kann. Der Betonpfeiler auf halber Höhe des grünen Obersalzberges garantiert es. Er ist die Garantie, dass dieser Ort und der Berg kein abgeschirmtes Paradies sind.

Die erste Meldung des Deutschlandfunks ist, dass in Sebrenica ein Massaker an Zivilisten stattgefunden habe. Die UN habe das Morden trotz ihrer Präsenz nicht verhindern können. Details der Gräueltat seien noch unbekannt.

Krieg und Morden sind mitten in Europa jederzeit möglich. Ich lenke mich mit dieser Horrornachricht von meiner Aufgabe, derentwegen ich nach Berchtesgaden komme, ab. Ich stelle mir das unvorstellbare Leid der Menschen vor, die nur wenige Hundert Kilometer südlich von hier leben. Dort habe ich in den Siebzigerjahren als Kind die Ferien verbracht. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Die Wochen am Meer in Istrien waren unbeschwert. Das Kinderheim, nein, diejenigen Kinder, wie ich, die nicht nach Hause zu ihren Eltern fahren konnten, wurden für zwei warme Wochen von Berchtesgaden nach Jugoslawien ans Meer gebracht.

3. Arbeit

Am Ende des Fließbandes krachen die verschlossenen Cremedosen aus der Maschine. Scheppernd knallen sie auf einen weißen Tisch. Ihr Aluminiumverschluss ist noch handwarm. Frauen in weißen Kitteln stehen um den Tisch. Sie leisten Akkordarbeit. Sie verschrauben eilig die Dosen mit weißen Plastikdeckeln. Vorher prüfen sie durch Handdruck, ob der verschweißte Aluminiumverschluss dichthält. Die verschlossenen Dosen stapeln sie zu hohen Säulen. Andere Frauen verpacken die Dosentürmchen in Pappschachteln. Sind die Schachteln voll, stapeln sie die zu Kartonbergen auf bereitstehende Paletten.

Die Arbeiterinnen unterhalten sich während dieser Arbeit. Sie sprechen schnell und laut miteinander. Den lauten und monotonen Maschinenlärm in der Produktionshalle müssen sie mit ihren Stimmen übertönen. Durch die Halle rufen sie sich bayerische Sätze und Fragen zu, die ich nur in Bruchstücken verstehe. Das ist ihre Heimatsprache. Die Akkordarbeiterinnen leben und arbeiten in dieser Sprache. Mir kommt deren Sprache wochenlang fremd vor, bis ich verstehe, dass ich der Einzige in der Fabrik bin, dem es so geht. Ich bin der Fremde, der in deren Heimat kommt und sprachlich nicht mithalten kann.

Täglich stehe ich stundenlang an Maschinen und drücke auf bunte Knöpfe. Die Arbeiterinnen kennen die Knöpfe, deren Funktion und die Maschinen seit Jahren. Obwohl ich die Maschinen kaum kenne, drücke ich schon nach wenigen Tagen Knöpfe. Warum kein Ärger darüber, dass ein Städter in das Industriegebiet im Tal zwischen den idyllischen Bergen kommt und schon nach wenigen Tagen Verantwortung für die Maschinen übernimmt?

Ich bin überzeugt, dass die Akkordarbeiterinnen seit Jahren genau wissen, welche Knöpfe an den Maschinen zu drücken sind. Das Problem ist nicht ihre fehlende Kenntnis. Ich glaube, sie wissen alles, doch sie bedienen die Maschinen nicht, weil sie nicht dafür eingestellt worden sind. Sie sind für Akkordarbeit vorgesehen und nicht für das Knöpfedrücken an den Maschinen. Sie leisten das, wofür sie vorgesehen sind. Sie tun das, wofür der Chef sie eingestellt hatte. Sie respektierten, dass ein fremder Städter in ihr Tal kommt und Knöpfe drückt.

Ich habe das Bedienen der Maschinen nicht gelernt. Ich habe einen anderen Beruf. Trotzdem stellt mich der Chef zum Knöpfedrücken an. Ware zu verpacken und Dosen zu verschrauben ist nicht meine Aufgabe. Ich tue es nur, wenn in der Produktion jede freie Hand benötigt wird.

Die Frauen tun ihre Akkordarbeit jeden Tag. Sie sind glücklich, wenn sie nicht jeden Tag das Gleiche verpacken. Das sagen sie zumindest. Ob das stimmt oder ob sie das sagen, um es sich mit dem Chef nicht zu verderben, weiß ich nicht. Sie verpacken Dosen und dann Tuben. Sie packen in Kisten und Schachteln. Sie stellen Parfümfläschchen von einem Fließband auf ein anderes, sie schrauben Verschlüsse zu und stecken Kappen auf. Sie tragen verpackte Ware von einer Ecke einer Halle in die andere. Sie leisten schwere Fabrikarbeit wie Millionen Menschen.

Ich stehe morgens vor dem Finanzamt und denke an meine idyllischen Vorstellungen von Arbeit. Vielleicht deshalb der Spruch des Chefs. Auf den Chef wirke ich so, dass er mich darüber aufklären muss, dass Arbeit keine Hexerei sei. Wenn er mich sieht, ob vor dem Finanzamt oder an der scheppernden, ratternden Produktionsmaschine, glaubt der Chef, dass ich Arbeit für Hexerei halten könnte. Deshalb informiert er mich darüber, dass ich falschliege.

Es ist eine weiße, große Limousine. Sie sieht sehr schwer aus. Obwohl sie sich schnell nähert, scheint sie mit dem dunklen Belag der Straße fest verhaftet. Jede Unebenheit des Straßenbelages gleicht der Wagen geschmeidig aus, ohne dabei vom Boden abzuheben. Der Chef sitzt am Steuer, die linke Hand fest am schwarzen Lederlenkrad, die rechte auf seinem rechten Knie gelagert. Er sitzt aufrecht mit geradem Rücken, die Bodenunebenheiten scheint er im Wageninneren nicht zu spüren. Spätestens um fünf nach sieben Uhr rollt der Wagen die Straße zwischen Finanzamt und Altenheim herunter. Das Tempo der Limousine reduziert der Chef, nachdem die Leichtmetallfelgen die schwere Karosserie über die Straßenkuppe gleiten lassen, welche den steilen Anstieg hinauf auf den Hochstein markiert.

Auch heute steige ich wieder aufgeweckt, beinahe hastig zu, lasse mich in dem schwarzen Ledersitz nieder. Ich mag es nicht, morgens um diese Uhrzeit im schwarzen Ledersitz im schweren Wagen neben dem Chef zu sitzen. Ob er das merkt? Er spricht mich nicht darauf an. Im Wagen herrscht Schweigen. Der Chef sagt nicht: „Ich weiß das Sitzen in meinem Wagen im schwarzen Ledersitz, um diese Uhrzeit ist kein Vergnügen!“

Der Chef merkt mir nicht an, dass ich darüber nachdenke, wohin ich in seinem schweren Wagen sitzend, gemütlich zurücklehnend, um diese Uhrzeit fahren könnte. Der Chef bemerkt nicht, dass ich darüber nachdenke, wie das Sitzen in seinem Wagen für mich zu einem Vergnügen werden könnte. Er erkennt nicht, dass ich daran denke, in seinem Wagen nach Salzburg zu fahren. Ich will vorbei am Industriegebiet, am liebsten Richtung Meer, am besten gleich bis nach Griechenland. Mit diesem Ziel vor meinen Augen würde die Fahrt für mich zu einem Vergnügen werden. Ich stelle mir den schweren, gepflegten Wagen des Chefs auf einem sandigen Griechischen Campingplatz direkt am Strand vor. Ich berechne, bis wo hin ich in dem schweren Wagen komme, wenn ich morgens um sieben Uhr vor dem Berchtesgadener Finanzamt einsteige. Das Meer wäre leicht bis zum frühen Nachmittag erreichbar. Nicht das Griechische, sicherlich aber das Italienische. Der Chef sagt zu meinem Denken nichts.

Die Gedanken sind frei“. Das ist der Liedtext, der mir dazu einfällt. „Wer kann sie erraten?“ Das ist die kurze Strophe, die ich als Kind in Berchtesgaden zu singen lernte. Tatsächlich begann ich damals, meine Gedanken in Freiheit zu trainieren. Ich stellte mir oft schöne bunte Wiesen vor, malte in Gedanken Bilder vom Sonnenuntergang oder wähnte mich hoch oben in den Wolken schwebend über dem Berchtesgadener Talkessel. In meinen Gedanken floh ich vor dem Leben, das ich in dem engen Tal und auf dem Obersalzberg erlebt habe. Wo für mich keine Sonne mehr schien, weil ich in mein Zimmer zum Stubenarrest geschickt wurde, malten meine Gedanken die Freiheit einer weiten bunten Landschaft.

Über was soll ich früh morgens reden, als sein Beifahrer auf den wenigen Kilometern, die sein Wagen eiligst verschlingt? Ich weiß es nicht. Ich sehe nach rechts durch das Wagenfenster hinaus. Dort sehe ich den wolkenumhüllten Obersalzberg, wie er vorbei fliegt. Unten sehe ich die reißende Arche. Braun und aufgewühlt vom vielen Regen rauscht sie unter der schweren Limousine mit den schwarzen Ledersitzen hindurch. Die Wischblätter gleiten langsam und regelmäßig über die Windschutzscheibe. Geräuschlos entfernen sie die Regentropfen. Die getönte Windschutzscheibe sieht makellos aus. Dicke Tropfen knallen auf das Glas wie tausend durchsichtige kleine Spiegeleier. Aus den tief hängenden, grauen Wolken stürzen sie herab, schlagen auf der Scheibe dieses makellosen Wagens auf. Sofort werden sie von dem riesigen Wischblatt beiseitegeschoben. Der Fahrtwind verteilt sie in schmalen Bahnen auf den Türen des schnellen Autos. Im Wageninneren spüre ich eine unwirkliche Makellosigkeit. Schnell wäre es mit dieser Sauberkeit und dem teuren Lederambiente vorbei, wenn ich am Industriegebiet vorbei führe, um eine wochenlange Reise nach Südeuropa anzutreten.

Leise surren Klimaanlage und Heizung. Draußen fliegt grüne Landschaft vorbei. Sie wird von der breiten, nass glänzenden Straße zerschnitten. Spritzwasser von den Breitreifen des Wagens verschmutzen die kleinen Gräser am Straßenrand. Ich stelle mir dieses unschöne Geschehen vor. Ich denke an kleine Blümchen und Grashalme stelle sie mir vom dreckigen Wasser aus Öl, Reifenabrieb und Bremsbelag besudelt vor.

Dunkle Regenwolken hängen tief über dem engen Tal. Die Sonne strahlt über den Wolken. Oben nahe der schwarzen Wolken, überfliegen viele Menschen das Tal. Ich stelle sie mir angeschnallt in ihren Sitzen vor. Sie lächeln, denn sie sind auf dem Weg in den Urlaub am Meer. Der Chef steuert den Wagen schwungvoll um die Kurve auf seinen Parkplatz vor der Fabrik. Über den Wolken wird ein Fluggast jetzt von einer Dame gefragt: „Do you want Coffe or Tee?“

Mich fragt der Chef nichts. Er weiß nicht, was ich denke. Er fährt jeden Morgen sehr schnell. Er will pünktlich in seiner Fabrik sein.

Plötzlich spricht er über die Reifen seines Wagens. Ich bin überrascht, fühle mich aber nicht angesprochen. Er spricht mit dem Reifenmonteur und dessen Chef. Beide sitzen aber nicht im Wagen. Der Chef ärgert sich über diese beiden und über die breiten Reifen an seinem Wagen, weil die laut surren. Die Reifen sind falsch montiert und sie haben viel Geld gekostet. Das ist ärgerlich und deshalb genügend Grund für den Chef, morgens um kurz vor halb acht darüber zu berichten.

Ich hasse die engen Umkleidekabinen. Dort stinkt es nach Schweißfüßen und Körpergeruch. Auch heute habe ich wieder kein frisches T-Shirt dabei. Deshalb ziehe ich das vom Vortag noch mal über. Es ist braun verschmiert von einer Tönungsgesichtscreme, die ich am Vortag in große Behälter abgefüllt hatte. Auch der Chef kleidet sich in der engen Kabine um. Täglich hat er ein neues, frisch gewaschenes, weißes T-Shirt. Er nimmt es von seinem Stapel auf einem Blechschrank. Ich glaube, dass der Chef seine Wäsche nicht selbst wäscht.

Vom Chef habe ich jeden Morgen mehrere Bilder in meinem Kopf. Sie entstehen, ohne dass ich beabsichtige, sie entstehen zu lassen. In seiner Fabrik arbeitet der Chef mit, wie jeder seiner Mitarbeiter. Er packt in der Produktion an und macht sich dabei Hände und Kleidung schmutzig wie jeder seiner Arbeiter. Aber, so zeigt es das Bild in meinem Kopf, zu Hause tut er das nicht. Dort sind die Rollen klarer verteilt. Seine Frau ist für die Wäsche und die Küche zuständig. Wegen meines Kopfes und den Bildern, die ich darin vom Chef finde, bin ich morgens von Tag zu Tag mehr und mehr verunsichert. Der Chef packt überall in der Fabrik mit an. Er reinigt die verdreckten Container und Tonnen von Resten der Cremes und Salben, mit nacktem Oberkörper bedient er den Hochdruckreiniger. Er steht in einem mannshohen Aluminiumbehälter und schrubbt. Deshalb entsteht in meinem Kopf viel Unklarheit über dessen Rolle in seiner Fabrik. Vielleicht will der Chef die Unklarheit? Ich glaube, er will kein Chef hinter einem großen Schreibtisch sein, wie jeder andere Chef. Er will zeigen, dass er die Dreckarbeit in seiner Fabrik kennt und nicht scheut.

Die Verwaltung seiner Firma erledigt er nebenbei, am Wochenende und abends. Tagsüber steht er in der Produktion und bedient Maschinen. So hat der Chef seine Produktion unter Kontrolle. So erkennt er täglich die Arbeitsleistung seiner Mitarbeiter und kann sie kontrollieren. Vermutlich deshalb fällt ihm bei meinem Anblick in der Produktion der Satz mit der Hexerei ein.

Der Chef arbeitet und kontrolliert. Ich glaube, der Chef denkt, dass dieser Stil ein kluger, moderner Zug von ihm ist. Er will nicht, dass ein Mitarbeiter seiner Fabrik glaubt, dass der Chef in seiner Firma etwas Besonderes ist. Doch dem Chef gelingt das nicht. Ein Blick auf mein Bild in meinem Kopf zeigt mir sofort, dass der Chef mit diesem Verhalten etwas zu verrücken versucht, was nicht zu verrücken ist: Er ist der Chef und damit ist er etwas Besonderes.

Weil er der Chef ist, nimmt er es sich in der Produktion heraus, jeden Facharbeiter an den Maschinen so zu unterstützen, wie er es für richtig hält. Er unterbreitet Vorschläge, die er am liebsten selbst umsetzt. Er fragt den Maschinenführer nicht, warum etwas nicht funktioniert, sondern er begründet, warum etwas gar nicht funktionieren kann. Er erklärt, dass etwas aus den und den Gründen und mit Sicherheit auch noch wegen der Tatsache, dass, … überhaupt nicht funktionieren kann. Der Chef greift zu Schraubenzieher und Schraubenschlüssel. Er greift in die Maschinen, er schraubt und dreht. Seine Hände sind mit Maschinenöl verschmiert. Der Chef kennt jede Maschine genau, schließlich hat er alle irgendwann beschafft. Was seine Mitarbeiter können, kann der Chef auch. Mit jeder Maschine hat er sich lange und intensiv befasst. Er bearbeitet seine Maschinen am Wochenende. Das tut er, damit montags die Produktion auf Hochtouren beginnen kann.

Der Chef führt einen Familienbetrieb und er ist begeistert davon. Seine Frau nennt die Firma sein Hobby, aber mein Bild in meinem Kopf zeigt mir deutlich: Die Firma ist sein Leben. Es begeistert den Chef zu sehen und zu hören, wie die Maschinen rattern und knattern und Hunderte gefüllte Dosen oder Tuben oder Pröbchen auswerfen. Den Inhalt, die Cremes und Salben mischt der Chef am Wochenende in riesigen Mixern. Manche Creme entspringt seiner eigenen Rezeptur. Der Chef hat viele Ideen. Es sind Tonnen, die nach jedem Wochenende auf ihre Abfüllung in Tübchen und Döschen warten.

Vor Jahren war das vielleicht tatsächlich eine Spielerei, sein Hobby, dem er an kleinen Maschinen zu Hause im Keller nachging. Inzwischen hat er eine Fabrik daraus gemacht, in der er Arbeitsplätze schafft. Das kann kein Hobby, keine Spielerei mehr sein. Mein Bild vom Chef wird langsam fertig: Es ist ein großer Verdienst! Eine riesige Sache, vielleicht sogar das wichtigste im Leben. Es ist etwas, das nur ich nicht kapiere. Arbeiten! Dazu braucht man Arbeitsplätze, wie sie der Chef in seiner Fabrik schafft. Arbeitsplätze, die ein Chef wie er auf seine Weise kontrolliert. Mein Bild ist endlich fertig: Der Chef gibt den Menschen in diesem Tal Arbeit und Brot, auch mir! Das wichtigste im Leben kommt vom Chef. Deshalb muss ich lernen zu denken: Nimm das endlich ernst! Konzentriere dich endlich darauf, hier in dieser Fabrik gut zu arbeiten! Denke nicht immer an was anderes, wenn es an die Arbeit geht! Das zu denken versuche ich heute in der Fabrik. Ich hämmere es in meinen Schädel. Es fällt mir schwer, denn es ist ein Denken, das nicht hinein will. Die Gedanken sind frei, doch während der Arbeit sind sie in der Fabrik, der Chef gibt sie vor. Arbeit ist keine Hexerei, wenn die Gedanken, die der Chef hat, dabei sind.

4. Bilder

Der nächste Tag ist der erste Tag im Juli. Es ist der Tag, an dem ich die Arbeit in der kleinen Produktionsfabrik „für immer“ beginne. So ist es mit dem Chef ausgemacht. Die Wochen im April, meinen geopferten Urlaub, nenne ich heute gegenüber dem Chef „positiv“. Ich kann mir gut vorstellen, in seiner Fabrik zu arbeiten. Nicht nur dies, ich erkläre dem Chef, ich wolle sogar gerne und langfristig bei ihm arbeiten. Das freut den Chef. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass ich die lebensnotwendige Arbeit und das Geld vom Chef nicht ausschlage. Der Chef strahlt mich an, obwohl ich ihm anstatt selbstverständlichen Dank nur mein „positiv“ anbiete.

Für immer bleiben“ heißt bleiben, so lange das Arbeitsleben anhält. Ich kann mir das nicht wirklich vorstellen, obwohl ich es dem Chef zusichere. In meiner Kindheit gab es „für immer bleiben“ auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden. Dort kamen Kinder aus deutschen Jugendämtern an. Sie wurden, wie ich, mit dem Ziel empfangen „für immer“ bleiben zu dürfen. Meine Kindheit war für mich, wie für jeden Menschen keine Zeit, die „für immer“ blieb. Doch damals begriff ich das noch nicht.

Wegen des verregneten Frühlings erwarte ich in diesem Jahr keinen Sommer. Durch die riesigen Fabrikfenster strahlt die Julisonne. Im ersten Stock der kleinen Firma wird es heiß.

Die Akkordarbeiterinnen stehen in weißen Kitteln an Transportbändern und schwitzen. Rechteckige, hellblaue Glasfläschchen kommen auf einem Förderband vorbei. Nicht einmal ein zehn Milliliter Rasierwasser werden von den Frauen schnell und geübt vom Fließband genommen. Auf den Sprühkopf der Fläschchen drücken sie kraftvoll einen goldfarbenen, dicken Plastikknopf. Die Fläschchen stellen sie in kleine Kisten, die sie mit Paketklebeband zukleben und auf einer Palette stapeln. Diese Tätigkeit beginnen die Frauen morgens um halb acht Uhr und beenden sie nachmittags um fünf.

Jahrelang hatte ich so getan, als wüsste ich nicht, dass in Deutschland noch so gearbeitet wird. Ich glaube, dass geringe Stückzahl und hoher Preis der Parfums und Rasierwasser, Cremes und Salben diese maschinenunterstützte Handarbeit möglich machen. Ich denke an Frauen in teuren Pelzmänteln. Adrett gekleidete Verkäuferinnen. In hell erleuchteten Parfümerien in der Münchner Innenstadt verkaufen sie die Fläschchen. Edle Fläschchen mit glänzenden Plastikköpfen finden in den Boutiquen gegenüber der Münchner Residenz reißenden Absatz. Sie glänzen in weißen Marmorbädern, sie finden weltweit auf großzügigen Ablagen in Badezimmern von Hotels platz.

„Das schafft Arbeitsplätze, deshalb ist es wichtig!“

Diese Überschrift nagle ich als Titel über mein Bild von der Tätigkeit des Chefs in meinen Kopf. Doch die Nägel halten nicht! Sie springen von selbst wieder heraus! Sie springen heraus, wie sich das ein Handwerker bei Abrissarbeiten auf einer Baustelle wünschen würde. Die Nägel hüpfen heraus, als wären sie schon alt und rostig. Sie fallen klirrend verbogen und unbrauchbar zu Boden. Das riesengroße und schwere Brett mit der Aufschrift: „… schafft Arbeitsplätze … wichtig!“ kracht in meinem Kopf mit Getöse zu Boden und zerbricht. Warum?

Weil ich das nicht weiß, malt mein Kopf weiter. Er malt an einem neuen Bild. In dem Bild geht es um die Frage: Wieso genau dieser Arbeitsablauf in der Fabrik von Morgens bis Abends? Es entsteht ein Bild zu der Frage: Welchen Sinn sehe ich in dieser Arbeit? Ein riesiger Pinsel in meinem Kopf pinselt nervös und hastig an diesem Bild herum.

Der Chef erklärt mir alles. Er erklärt es, ohne dass ich ihn nach dem Sinn des Arbeitsvorganges, den die Akkordarbeiterinnen acht Stunden täglich zu verrichten haben, frage.

Die Arbeiterinnen stehen links am Fließband. Dort machen sie das: Einen Karton von der Palette heben, auf die linke Seite der Maschine tragen, den Karton mit dem Rasiermesser aufschlitzen, drei leere Fläschchen pro Hand herausheben und nebeneinander auf das Transportband stellen. Rechts am Fließband stehen andere Frauen. Sie machen das: Ein gefülltes Fläschchen vom Band nehmen, einen Plastikdeckel mit der linken Hand greifen und auf die Flasche aufsetzen, fest aufdrücken, danach Fläschchen in die Kiste neben dem Band stellen.

Der Chef erklärt den Sinn durch seine Begeisterung, wenn die Stückzahlen stimmen. Wenn die Maschinen reibungslos auswerfen, was verlangt ist und die Arbeiterinnen reibungslos drei Fläschchen vorne aufs Band stellen und die gefüllten Fläschchen hinten vorsichtig und flink zu stöpseln, dann lächelt der Chef. Er pfeift ein Liedchen. Er ist zufrieden. Das ist der Sinn! Das ist die Antwort auf meine Fragen in meinem Kopf! So sollte ich in meinem Kopf die Bilder malen! Wenn die Zahlen stimmen und die verpackten Kisten auf den Paletten bis zur Decke wachsen, ist für den Chef die Welt nicht nur in Ordnung, sondern dann ist sie richtig gut. Der Produktionstag ist sinnvoll und gut! Ich weiß es! Endlich kann ich aufhören zu denken!

Über das fertige Bild kommt die endgültige Überschrift auf einem großen Holzbrett: „Guter Produktionstag, gute Arbeitswelt!“ Gerade als ich den letzten Nagel fein säuberlich in das schwere Holzbrett über meinem Bild in meinem Kopf schlage, beginnt der unterste Nagel schon wieder mit nervösen Drehbewegungen. Und obwohl ich noch mal fest auf den letzten Nagel einschlage, klirren die Nägel einer nach dem anderen wieder unbrauchbar zu Boden. Das Bild „Guter Produktionstag, gute Arbeitswelt“ kann ich in meinem Kopf nicht fertig malen! Ich kann das Bild nicht mit seinem Titel versehen und in meinem Kopf einfach hängen lassen. Genauso wie die anderen Bilder bleibt es nicht an seinem Platz hängen, sondern stürzt zu Boden und zerbricht!

Weil das Bildermalen in meinem Kopf unerträglich zu werden droht, denn kein einziges der Bilder von der Fabrikarbeit gelingt mir, bekomme ich Angst. Tagelang geht es mir deshalb schlecht. Wie soll ich das Leben und die Arbeit beim Chef leben, ohne Bilder in meinem Kopf malen zu können, deren Titel passen und die hängen bleiben? Ich verschwende viel Energie für das Malen von Bildern, die nicht fertig werden können. Meine Kraft schwindet mehr und mehr, deshalb fühle ich mich krank. Deshalb glaube ich, dass ich mit dem Malen im Kopf aufhören muss. Es droht mich aufzuzehren. Ich versuche mich abzulenken, um nicht mehr an die unfertigen Bilder in meinem Kopf zu denken.

Die Ablenkung versuche ich, indem ich morgens beginne, mir die Landschaft vor meinem Fenster genauer anzusehen. Ich versuche die unfertigen Bilder in meinem Kopf durch die vorhandene Landschaft vor meinen Augen zu überpinseln.

Jeden Tag sehe ich sehr genau hinüber zum Betonpfeiler am Obersalzberg, gegenüber vom Hochstein, an dem ich wohne. Vom Frühstückstisch sehe ich den Obersalzberg mächtig auf der anderen Seite des Tals zum Himmel hinauf ragen. Der auffällige Betonpfeiler befindet sich etwa auf halber Höhe des Berges. Durch mein Fernglas erkenne ich, dass der Wald dort auf einem erheblichen Stück gerodet ist und ein eigener Zufahrtsweg zu dem Betonmasten führt.

Die Nebelschwaden ziehen auch im Juli morgens durch das Tal, sie sind aber viel dünner als im April und lösen sich, vom Watzmann kommend, kurz vor dem Obersalzberg auf. So habe ich täglich klare Sicht hinüber. Tatsächlich zeigt mein Ablenkungsversuch Wirkung. Schon nach zwei Tagen male ich in meinem Kopf keine unvollendbaren Bilder mehr vom Chef und der Arbeit in der Fabrik.

Nach einer Woche, jeden Morgen habe ich diesen Berg vor meinen Augen, glaube ich daran, dass es der Berg sein könnte, den ich wiedersehen wollte. Mein Denken über die Fabrikarbeit, das Finanzamt, das Altenheim, die Fahrt im Wagen des Chefs, mein Schweigen neben dem Chef: Alles reine Ablenkung von diesem Berg, von diesem Ort, von meiner Vergangenheit hier.

Am achten Morgen im Juli, um zwanzig Minuten nach sechs Uhr, denke ich, dass es kein Zufall sein kann, der mich in diesen Ort zurückführt, und dass es vielleicht auch kein Zufall ist, dass ich ausgerechnet so wohne, dass ich jeden Morgen ab sechs Uhr aufgefordert bin, weil ich keine unvollendbaren Bilder mehr im Kopf malen will, an meine Vergangenheit auf diesem Berg und in diesem Ort zurückzudenken.

Am neunten Morgen im Juli denke ich überhaupt nicht mehr an den bevorstehenden Arbeitstag. Die Arbeit ist so langweilig und eintönig, dass sie meine Gedanken nicht weiter beschäftigt. Ich habe meine sichere Stellung in der Stadt aufgegeben, für eine Arbeit, die mich schon am neunten Morgen nicht mehr beschäftigt? Eigentlich Wahnsinn, aber darüber denke ich am neunten Julimorgen nicht länger nach. Was in der Fabrik auf mich zukommt, jeden Tag, weiß ich genau. Es ist nicht spannend, nicht interessant, sondern langweilig, aber sehr anstrengend.

Abends schmerzen mir Füße und Rücken. Wäre ich wegen der monotonen Arbeit abends nicht so abgearbeitet und müde, so denke ich am neunten Morgen, könnte ich mit dem Schreiben abends beginnen. Doch das ist wegen der anstrengenden Fabrikarbeit nicht möglich. Vielleicht können andere Menschen nach einem Tag monotoner Fabrikarbeit abends noch geistig arbeiten, ich kann es nicht. An manchem Abend bin ich so müde, dass ich schon um halb sechs Uhr auf dem grauen Sofa mit Blick hinüber zum Obersalzberg einschlafe. Meine Augen fallen zu, die Zigarette fällt mir aus den Fingern und brennt ein Loch in den gemieteten Teppich. Das ist mein Leben an den Tagen nach lautem eintönigem Maschinenlärm. Es ist meine Unfähigkeit, nach einem langen Fabriktag noch wach zu bleiben und zu denken.

Es gibt einen Grund für meine Rückkehr in diesen Ort, aber wegen der anstrengenden Fabrikarbeit kann ich abends, wenn Zeit dazu ist, nicht weiter über meine Rückkehr in dieses Tal und meinen täglichen Blick auf den Berg nachdenken. Über diesen Sinn der Fabrikarbeit ärgere ich mich nach dem zehnten Arbeitstag. Ich ärgere mich über Logik in meinem Alltag. Nach einem monotonen, anstrengenden Arbeitstag tue und denke ich nicht mehr viel. Das finde ich am Abend des zehnten Arbeitstages gemein.

Ich sitze auf dem grauen Sofa. Ich spüre, dass mein Kopf nicht mehr denken kann. Selbst mit starkem Kaffee gelingt es nicht. Ich bleibe zwar wach, aber ich kann nicht vernünftig denken. Eigentlich will ich wieder einschlafen, wie an den vergangenen Abenden nach der Arbeit. Doch das verhindert nun der starke Kaffee.

Jetzt beginnt mein Kopf wieder Bilder zu malen. Ein Titel heißt: „Nach einem guten Produktionstag: Dumm sein und schlafen!“ Das schwere Brett mit diesem Titel bleibt hängen. Es kracht nicht wie seine Vorgänger herunter. Die Nägel für diesen Bildertitel halten. Endlich ein vollendetes Bild in meinem Kopf.

Am zehnten Abend, auf dem grauen Sofa im Zimmer an der Hochsteinstraße bleibe ich wach. Wegen einer starken Tasse Kaffee male ich in meinem Kopf ein fertiges Bild. Ich verstehe, dass ich nach Berchtesgaden nicht nur wegen der Fabrikarbeit und des Chefs zurückkomme. In beeindruckender Klarheit sehe ich täglich den Obersalzberg vor meinem Fenster. Der Grund für meine Rückkehr liegt an diesem Berg in diesem Ort. Hier habe ich noch etwas zu erledigen.

Ich bin Fabrikarbeiter. Täglich wird mein Denken von der Monotonie und Langeweile dieser Arbeit behindert. Das Bild von diesem Berg, von diesem Ort thront vor den Augen des Fabrikarbeiters. Dieses Bild schüttelt den müden Fabrikarbeiter wach. Es beflügelt sein Denken, es rüttelt ihn auf. Das Bild führt einen Kampf zwischen willen- und mutlos machender, monotoner Fabrikarbeit und dem verschütteten Willen des Fabrikarbeiters. Dessen Wille möchte unbedingt eine verborgene Erinnerung hervorkramen.

5. Ausflug

Am Morgen des zehnten Arbeitstages sitze ich schon um fünf Uhr am Frühstückstisch. Das tue ich, weil ich glaube, dass es die Stunde ist, in der ich am klarsten denken kann. Ich bin zwar noch sehr müde, aber ich bin noch nicht aufgearbeitet vom monotonen Fabriktag.

Ich will mich auf ein Experiment einlassen, denn ich bin überzeugt, dass ich gefunden habe, was mich hierher zurückgeführt hat. Etwas von meinem Leben, das vor Jahren an diesem Berg geschehen war, soll durch meinen Kopf wandern. Diesen Teil meines Lebens hält mein Kopf tief unten verborgen. Das soll jetzt ausgegraben werden. Es muss jetzt geschehen, bevor die Jahre meine Erinnerung mit neuen Erlebnissen derart überlagern, dass es mir unmöglich wird, die Erinnerungen festzuhalten.

Was verbindet mich mit diesem Berg und diesen Ort? Ich stamme nicht aus dieser Gegend, ich bin nicht einmal ein Bayer. Trotzdem verbringe ich viele Jahre hier im Ort und auf diesem Berg. Es ist in den Siebzigerjahren. Ich bin Zwangsgast in den zwei Häusern am Oberlehen, oben auf dem Obersalzberg. Dort verbringe ich meine Kindheit. Auf unbestimmte Zeit lebe ich dort. Vielleicht bleibe ich bis zur Volljährigkeit, so sagt es mir die alte Heimleiterin.

Das Kinderheim am Oberlehen liegt etwa auf halber Höhe des Berges. Es besteht aus zwei alten Häusern und einen sauber gerechten Hof mit einer riesigen Eiche. Hinter dem Oberlehen gibt es steile Hänge und Wiesen und oben den Wald, unseren riesigen Spielplatz. Das Oberlehen besteht aus zwei einstöckigen Gebäuden, dem Haupthaus und dem Nebenhaus. Große Teile meiner Kindheit lebe ich in diesen beiden Häusern. Heute gibt es die beiden alten Häuser nicht mehr. Stattdessen stehen dort zwei Neubauten.

Ich erreiche das neue Oberlehen über die steile Bergstraße. An der Station Erika lenke ich den Wagen nach rechts und fahre über die kleine Brücke, unter der die Rodelbahn hindurch führt. Ich erkenne die Gegend, doch alles sieht verändert aus. Nicht nur die Straße ist neu geteert, auch die wenigen alten Häuser am Straßenrand muss ich aufmerksamen Blickes suchen. Die Pension finde ich versteckt zwischen vielen Neubauten.

Die graue Mauer am Straßenrand ist noch da. Immer noch hält sie den Berg davon ab, auf die Straße zu stürzen. Am Ende der Mauer biege ich links ab. Jetzt sehe ich die beiden neuen Häuser, das neue Oberlehen. Ich fahre nicht bis vor das erste Haus. Den Wagen wende ich in einiger Entfernung der beiden Gebäude.

In diesem Moment verspüre ich Lust, den Wagen direkt auf dem Vorplatz am ersten Haus abzustellen, tue es aber nicht. Ich erinnere mich an mein Spiel vor etwa zwanzig Jahren auf diesem Vorplatz vor dem alten Haupthaus. Dort hatte der Buchhalter den weißen Porsche und der Heimleiter seinen grünen Opel Rekord geparkt. Damals hatte ich sehr oft auf diesem Vorplatz zwischen deren Autos gespielt.

Ich bin elf oder zwölf Jahre alt. Ich sitze in einem roten Kettcar. In meiner Fantasie ist ein Kettcar ein echtes Auto. Mit meinem Fantasieauto fahre ich vor meinem Kinderheim vor. Ich fahre rasant mit laut brummendem Auspuff. Ich fahre, wie es der Buchhalter Büchtler, er ist Stellvertreter des Heimleiters, jeden Morgen tut. Meinen Sportwagen, das Kettcar, parke ich zwischen den Wagen des Heimleiters Hennings und den des Buchhalters Büchtler. In meinem Fantasiespiel komme ich als Besucher in das Oberlehen. Ich wohne nicht dort, sondern ich reise aus der Stadt hinauf in das Kinderheim am Obersalzberg. Dort besuche ich meinen Sohn. Das ist selbstverständlich. Ich komme am Wochenende und in den Ferien, um meinen Sohn zu sehen.

In meinem Spiel tue ich das sehr oft, mindestens wöchentlich. Es ist selbstverständlich, dass ich meinen Sohn da oben wöchentlich besuche, denn damals weiß ich, dass er „für immer“ dort leben soll, weil er bei mir nicht mehr leben kann. Ich besuche ihn, um zu erfahren, wie es ihm geht, um sicherzustellen, dass es ihm gut geht. Wenn ich sehe, dass es ihm schlecht geht, spreche ich mit dem Leiter und dem Buchhalter darüber. Hennings und Büchtler haben mir in meinem Fantasiespiel nichts zu befehlen, denn ich bin erwachsen. Deshalb grüße ich die beiden nur beiläufig. Ich sage: „Grüß Gott, die Herren!“

Dann betrete ich in das Haupthaus, gehe hinauf in das Zimmer meines Sohnes. Der freut sich und lacht, weil ich schon wieder zu Besuch komme. Er zieht seine Jacke über, wir beide gehen die Treppe hinunter und verlassen das Haus. Wir steigen in mein Fantasieauto. Den Wagen wende ich schwungvoll und laut dröhnend. So wie Büchtler es jeden Tag mit seinem Porsche tut, donnere ich in meinem Fantasiespiel im Kettcar zusammen mit meinem Sohn die abfallende Bergstraße hinunter. Mit meinem Sohn unternehme ich einen Ausflug in den Markt Berchtesgaden, anschließend gehen wir zusammen in die Berge.

In Berchtesgaden scheint es mir stets wichtig, zunächst genau zu suchen, ob nicht am Rand eines Grundstücks der Hinweis auf ein Privatgelände steht, der das Betreten verbietet. Ich bleibe deshalb im Wagen vor dem neuen Oberlehen sitzen. Durch die Windschutzscheibe sehe ich den Vorplatz meines ehemaligen Zuhauses. Ich suche ein Verbotsschild und finde keines. Deshalb steige ich aus. Ich gehe langsam einige Schritte, nähere mich dem Vorplatz am neuen Oberlehen. Auf dem geteerten Platz bleibe ich stehen. Ich betrachte die beiden neuen Häuser und die Wiesen hinter ihnen.

Der steile Hang hinter den beiden Häusern sieht nahezu unverändert aus. Es ist die Wiese, auf der wir täglich gespielt haben und im Winter Schlitten fuhren. Sie ist noch nicht mit neuen Häusern verbaut. Die beiden neuen Häuser interessieren mich nicht, denn es sind nicht mehr die, in denen wir Kinder gelebt haben. Deshalb liegt mein Blick nur kurz bei ihnen. Sie sind modern und hässlich. Moderne bayerische Rustikalität. Es ist die Bauweise der neunziger Jahre in Berchtesgaden. Das neue Haupthaus wirkt verschachtelt, vielleicht um keine Langeweile beim Anblick entstehen zu lassen. Die Fensterrahmen sind aus Aluminium.

Am Hang hinter dem Haupthaus steht die Holzhütte, in der die Ponys des Heimleiters standen. Sie wurde neu errichtet, an der selben Stelle auf der Wiese wie damals. Jetzt gehe ich einige Schritte in die Wiese. Ich halte an der Stelle, wo wir früher im Sandkasten gespielt haben. Von hier aus sehe ich oberhalb auf der Wiese die kleine Bretterhütte. Es ist noch der gleiche Bretterverschlag, der uns vor zwanzig Jahren als Ranch der Cowboys gedient hatte. Damals wurde der Verschlag regelmäßig von den Indianern überfallen.

Das Gehege an dem steilen Hang, in dem der Heimleiter Rehe gehalten hatte, ist verschwunden. Beide Häuser beherbergen heute Berchtesgadener Familien. Ein Fenster öffnet sich. Eine Frau lehnt sich heraus. Sie ruft:
„Wos woins denn hier?“
Weil ich nicht recht weiß, was ich will, fällt mir nur der schöne Ausblick ein. Es ist die herrliche Sicht hinüber zum Untersberg, die ich aus meiner Kindheit kenne. Deshalb sage ich:
„Eigentlich gar nichts, es ist nur der wunderschöne Ausblick von hier oben!“
Mit meiner Antwort ist die Frau nicht zufrieden. Sie ignoriert sie einfach und fragt:
„Wen suachans denn?“
Ich verstehe, dass die Frau nicht versteht, dass ich nur den Ausblick genieße. Deshalb antworte ich:
„Ich suche niemanden, ich hab mich verfahren. Ich finde schon wieder runter nach Berchtesgaden. Danke schön auf Wiedersehen!“

Weil ich einer fremden Frau nicht erklären möchte, dass ich mein ehemaliges zu Hause suche, laufe ich schnell die wenigen Schritte zurück zum Wagen. Ich steige ein, starte den Motor und rolle langsam an den Neubausiedlungen vorbei, bis zur steilen Straße, die mich hinunter in den Markt führt.

Am nächsten Morgen sitze ich um fünf Uhr auf dem Stuhl vor meiner alten Schreibmaschine. Ich tippe meinen Besuch beim neuen Oberlehen. Die Erinnerung an das alte Oberlehen fällt mir dabei schwer. Ich hatte gehofft, durch meinen Besuch am neuen Oberlehen meine Erinnerung an mein Leben im alten Oberlehen zu beflügeln. Deshalb war ich abends nach dem elften Arbeitstag ungeachtet meiner Müdigkeit der steilen Straße hinauf auf den Obersalzberg gefolgt. Auf die bayerische Frau, die das neue Aluminiumfenster geöffnet hat, war ich nicht vorbereitet. Jetzt denke ich, dass es nur verständlich war, dass ich diese Frau dort traf. Sie sei die Besitzerin, hatte sie noch gerufen, als ich in den Wagen stieg. Und dass das Betreten der Wiese verboten sei, weil es Privatgelände wäre.

Was habe ich anderes erwartet in Berchtesgaden? Hoffe ich, die Kinder wieder zu treffen, mit denen ich da oben gelebt habe? Da hätte ich zwanzig Jahre früher kommen müssen. Mit einer bayerischen Hausbesitzerin in einem Aluminiumfensterrahmen habe ich nicht gerechnet. Ganz schön naiv. Ich bin in der Stimmung, mich auf meine Erinnerung einzulassen. In mein Bild davon passt keine Berchtesgadener Neubaubesitzerin.

6. Alltag

Die Fabrikarbeit interessiert mich am zwölften Arbeitstag überhaupt nicht mehr. Ich arbeite an einer Abfüllmaschine. Die Maschine füllt ein grün gefärbtes Duschbad in lange Plastikflaschen. Der Chef arbeitet wenige Meter entfernt an einer anderen Maschine. Seine Maschine füllt in milchfarbige Glasfläschchen durchsichtiges Parfum das eine Münchner Firma für viel Geld an die Frau und den Mann bringt. Wie jeden Tag stehen die Akkordarbeiterinnen in ihren weißen Kitteln am Ende der Transportbänder. Sie nehmen die befüllten Fläschchen vom Förderband und stecken goldfarbene Plastikstopfen auf die Sprühköpfe. Die Fläschchen verpacken sie in Pappschachteln, die sie auf bereitstehende Paletten stapeln. An meiner Maschine stehen andere Frauen. Sie verschrauben die befüllten Duschbadflaschen. Sie leisten ihre alltägliche Akkordarbeit. Die Frauen arbeiten sehr genau. Schon ein minimaler Fehlgriff hat sehr unangenehme Auswirkungen. Kippt nur eine Flasche auf dem Band um, verschmiert die Flüssigkeit das Förderband und alle anderen Flaschen. Die Produktion muss gestoppt werden, das gesetzte Tagesziel wird unerreichbar. Der Chef arbeitet an der Maschine nebenan. Er sagt nichts aber beobachtet alles.

Mich interessiert das heute nicht mehr. Ich denke weder an Hexerei noch an den Sinn dieser Arbeit. Ich hebe große aber leichte Pappkisten von einem hohen Stapel. Ich schneide sie mit einem scharfen Messer auf, nehme vier längliche Plastikflaschen auf einmal heraus und stelle sie auf das Förderband. Wirft eine Akkordarbeiterin versehentlich eine gefüllte Flasche um, drücke ich sofort den roten Knopf. Das Förderband und die Abfüllmaschine stehen dann still. An diese Arbeit denke ich nicht. Ich tue sie von morgens um halb acht bis nachmittags um fünf Uhr. Ich denke an das Oberlehen in halber Höhe am Obersalzberg. In meinem Kopf sehe ich es unterhalb des neuen Betonpfeilers, der heute für guten Empfang im Tal sorgt.

Am zwölften Fabriktag bin ich endgültig überzeugt, dass ich nicht wegen der monotonen Arbeit im idyllischen Tal bin. Ich komme nicht, um mir meiner utopischen Vorstellungen über Arbeit und Leben bewusst zu werden. Ich bin hier, um ein winziges Stück meines Lebens am Oberlehen auf dem Obersalzberg, wie ich es vor beinahe zwanzig Jahren erlebt habe, nicht verloren gehen zu lassen. Die Fabrik ist der Vorwand dafür, dass ich mich in diesem Ort aufhalte.

Morgens um fünf Uhr, vor meiner alten Schreibmaschine, weiß ich am zwölften Tag, dass es notwendig ist, dass ich zwischen fünf und sechs Uhr morgens aufschreibe, was ich noch zurückholen kann. Ich muss versuchen, die Tageszeit der Klarheit am Morgen zu nutzen, um festzuhalten, was sich in meinem Gedächtnis noch findet. Ich kenne mein Gedächtnis und weiß, dass mir die genaue Erinnerung an lange Vergangenes immer schwerer fällt, je mehr Jahre vergehen. Deshalb bin ich heute hier. Zwanzig Jahre sind vergangen, mehr Zeit soll nicht verstreichen.

Ein Sinn dieser Fabrikarbeit ist es, tagsüber zu arbeiten, um beschäftigt zu sein. So kann ich eine einleuchtende Antwort auf die Frage geben, warum ich an diesem Ort anwesend bin und was ich den Tag lang tue. Werde ich auf der Straße im Ort von alten Bekannten gefragt, was ich in Berchtesgaden tue, so arbeite ich in dieser Fabrik. Tagsüber bin ich mit Arbeit beschäftigt, das verstehen die alten Bekannten. Deshalb bin ich gekommen. Arbeit ist die beste Begründung, denn sie ist ein Muss. Von meinem Schreiben, morgens zwischen fünf und sechs Uhr, erzähle ich keinem meiner alten Bekannten auf der Straße:

„Ich bin zurückgekommen, um zu arbeiten. In der Fabrik, im Industriegebiet Richtung Salzburg, gibt es viel zu tun. Deshalb bin ich hier. Vielleicht werde ich bleiben und mich hier niederlassen.“

Das ist eine sehr gute Erklärung. Damit ernte ich zufriedene Blicke. Meine Sprache verstehen die alten Bekannten im Markt Berchtesgaden. Würde ich erklären, dass ich hier sei, um an das Oberlehen zu denken und alles aufzuschreiben, was mir dazu heute, beinahe zwanzig Jahre später noch einfällt, wäre deren Verwirrung perfekt. Ich würde höchstens ein mitleidiges Lächeln ernten.

Das alte Oberlehen interessiert die fragenden Bekannten auf der Straße nicht. Es ist vergangen, viel zu lange ist alles schon her, um noch irgendjemanden zu interessieren. Und außerdem, so kommt es mir heute Morgen, ich verlasse gerade das Haus an der Hochsteinstraße und laufe die steil abfallende Pflastersteinstraße langsam hinunter, es ist ja nur meine Vergangenheit. Warum sollte jemand in dem Ort verstehen, dass ich deshalb zurück komme?

Von der steilen Hochsteinstraße aus, sehe ich leuchtenden Schnee auf dem fernen Gipfel des Watzmanns. Zwei kleine Schäfchenwolken treiben sich in der Nähe des Gipfels herum. Ein sommerlicher, klarer Julitag in Berchtesgaden steht bevor. Ich sehe noch einmal hinauf zum Watzmann, bevor ich die Kehre unten, an der Hochsteinstraße zur Nonnenstraße erreiche. Dort drossele ich meinen Schritt, um Autos mit Berchtesgadener Nummernschildern vorbeifahren zu lassen. Ich warte einige Minuten, denn eine lange Autoschlange fährt morgens, um kurz vor sieben Uhr, auf der engen Straße durch das Nonntal. Nach einem roten Kleinwagen und vor einer, vom Rathaus herannahenden, weißen Limousine laufe ich schnell über die Straße. Heute ist es ein schneller Stechschritt, in dem ich dem gelben Finanzamt entgegen strebe. In diesem Tal, so denke ich während ich schneller und schneller werde, ist es nicht besonders sinnvoll, die Fragen der Bekannten nach dem Grund meiner Rückkehr mit dem Satz: „Ich beschäftige mich mit meiner Vergangenheit in diesem Ort“, zu beantworten.

Viel wichtiger ist es, auf die Fragen alter Bekannter zu antworten, dass ich mich mit den Dingen der Gegenwart, wie der täglichen Fabrikarbeit, beschäftige. Arbeit brauche ich täglich, um zu leben. Wegen meines schnellen Stechschrittes und wegen meiner Gedanken, laufe ich auf dem Gehsteig Richtung Finanzamt einfach weiter. Ich frage mich gerade: Warum will ich an meine Vergangenheit denken und nicht an das tägliche Geld und Brot, das ich brauche? Da erkenne ich den lächelnden Chef am Steuer des Wagens neben mir. Ich verliere den Gedanken und steige zu.

Das gelbe Finanzamt fliegt rechts an mir vorbei. Der Tacho zeigt schnell fünfzig Kilometer an. Im Altenheim gegenüber dem Finanzamt sind die Vorhänge alle schon zugezogen. Ich glaube Tätigkeiten, die als Begründung für meine Anwesenheit in diesem Ort dienen, müssen einfach gegenwartsbezogen sein, um bei den alten Bekannten aus meiner Schulklasse und auch beim Chef auf Verständnis zu stoßen.

Ich lehne mich neben dem Chef ins Leder. Der Wagen rollt den Nonntalberg hinunter. Unten an der Kreuzung, gegenüber der schnell fließenden Arche, biegt der Wagen schwungvoll nach links Richtung Salzburg ab. Die Sonne geht gerade ganz hinten in dem langen, engen Tal über Markt Schellenberg auf. Ich denke kurz daran mit dem Chef über mein Thema zu sprechen. Das tue ich nicht.

Wir sprechen über das wunderbare Wetter. Minuten später, der Chef setzt den Blinker nach links und überquert die Arche hinüber zum Industriegebiet, ist es mir unangenehm überhaupt daran gedacht zu haben, den Chef in meine Art zu Denken, in mein Thema, in mein Projekt, über meine Vergangenheit am Oberlehen zu schreiben, einzuweihen. Für den Chef, so erlebe ich es täglich, ist das wichtigste im Leben die tägliche Arbeit. Die tägliche Gegenwart ist es, so denke ich, während ich dessen Firma betrete, die den Chef in erster Linie interessiert. Nur dessen tägliche Arbeit in der Gegenwart bringt den Chef soweit, zu produzieren und Mitarbeiter in Geld und Brot zu bringen.

Die tägliche Gegenwart kann ich gegenüber dem Chef jederzeit ansprechen. In sie lohnt es, Arbeitszeit und Kraft zu investieren. Was ich täglich zwischen fünf und sechs Uhr morgens tue, hat, gemessen an den Maßstäben der täglichen Arbeit in der Firma des Chefs, keinen Wert. Das erkenne ich heute Morgen, während ich in der engen, stinkenden Umkleidekabine ein frisches T-Shirt über ziehe. Weil der Chef sein Leben und das anderer Menschen an der täglichen Arbeit misst, kann ich mein Thema unmöglich mit ihm besprechen.

Ich arbeite in der Hitze im ersten Stock an einer lärmenden Abfüllmaschine und denke, dass mein Thema unproduktiv ist, denn es ist lange vergangen und spielt deshalb heute für niemanden eine Rolle, außer für mich.

7. Amerikaner

Meine Geschichte, an der ich von diesem Morgen an, täglich um fünf Uhr schreibe, hat mit der jüngsten historischen Rolle des Obersalzbergs nichts zu tun. Trotzdem fällt mir zuerst diese unrühmliche Rolle ein. Die Vergangenheit dieses Berges ist für mich nicht zuerst wegen meiner eigenen Vergangenheit unrühmlich, sondern wegen der Nazis, die sich den Berg nahezu vollständig angeeignet hatten, die auf ihm residierten, hohe Politiker empfangen hatten, und von ihm aus Massenmord, Krieg und Vernichtung betrieben.

Daran denke ich, denn dieser Tage erreichen mich mehr und mehr die Berichte des Krieges aus dem zerfallenden Jugoslawien. In ihm werden grauenvolle Tötungen verübt, Folter und Vergewaltigung als demoralisierende Kriegsverbrechen gezielt eingesetzt, die von der UN nicht verhindert werden können. Das Grauen erinnert mich daran, dass meine Geschichte eine harmlose ist, und es nährt den Gedanken, dass ich sie weiter verharmlosen könnte. Doch das gelingt mir nicht, denn sie drängt sich auf, weil es meine Vergangenheit ist, die ich nicht abspalten und ruhen lassen kann. Meine Geschichte am Oberlehen auf dem Obersalzberg beginnt fünfundzwanzig Jahre nachdem britische Bomber am 25. April 1945 den Obersalzberg erfolgreich bombardiert hatten, sie beginnt im Jahr 1970.

Das Oberlehen liegt etwa vierhundert Höhenmeter unterhalb des, von den Amerikanern renovierten und jahrelang als Hotel genutzten, ehemaligen Platterhofes. Es ist die Präsenz der Amerikaner an diesem Berg, weshalb ich seine Nazivergangenheit in meinem Bericht, morgens zwischen fünf und sieben Uhr, nicht unerwähnt lassen will.

Die Amerikaner erleben wir Kinder damals täglich. Riesige amerikanische Limousinen, Kleinbusse, Transporter und amerikanische Pendelbusse fahren täglich zwischen den US-Einrichtungen im Tal und dem General – Walker – Hotel am Obersalzberg, hin und her. Als kleiner Junge und noch als Jugendlicher finde ich den Anblick dieser riesigen Wagen toll. Ich interessiere mich für Autos. Ich spiele jeden Tag mit Matchboxautos auf dem Teppichboden im Aufenthaltsraum und draußen im Sandkasten. Amerikanische Modelle sind in den siebziger Jahren für mich sehr schwer zu kriegen. Deshalb ist es ein großes Erlebnis, die US-Wagen auf der Straße am Obersalzberg täglich zu sehen.

Im Fernsehen gibt es noch kein großes Angebot an amerikanischen Filmen, in denen solche Autos vorkommen. Das glaube ich zumindest, weil ich als zehnjähriges Kind im Kinderheim am Oberlehen wenige amerikanische Filme und Serien im Fernsehen sehe. Vielleicht gibt es die Filme und ich weiß das nur nicht. Abends auf der Mattscheibe sehen wir damals Hitparade oder Disco. Wir sehen die Stars, die Ilja Richter und Dieter Thomas Heck vorstellen. Das lenkt mich von meinem Kinderheimalltag ab. Amerikanische Wagen sehe ich nicht auf der Mattscheibe, sondern ich sehe sie täglich auf der Straße.

Heute, beinahe zwanzig Jahre später, morgens um sechs Uhr in der Wohnung an der Hochsteinstraße, wird mir klar, dass die Amerikaner eine gute Erinnerung an mein Leben am Oberlehen sind. Kurz bevor ich von meiner braunen Schreibmaschine aufstehe, um fünf nach sechs Uhr, fällt mir wieder ein, dass es mich damals immer gefreut hatte, wenn mir die Amerikaner aus ihren Limousinen zuwinkten und zulächelten.

Samstagmittags, kurz vor zwölf Uhr, überqueren die Kinderheimkinder vom Oberlehen auf der Schießstättbrücke die Arche in Berchtesgaden. Die Bergstraße führt kurz nach der Brücke um eine enge Kurve. Die Steigung ist am Straßenrand mit 24 Prozent angegeben. Wir marschieren auf der linken Straßenseite auf der Salzbergstraße hoch auf den Obersalzberg. Unser Ziel ist unser Zuhause, nahe der Bushaltestelle Station Erika.

Wir grüßen alle entgegenkommenden amerikanischen Fahrzeuglenker mit dem Victory – Zeichen. Deshalb lachen und winken die Fahrzeuglenker. Ich grüße mit diesem Zeichen, obwohl ich dessen Bedeutung nicht kenne. Ich mach es den älteren Heimkindern einfach nach. Auf unserem steilen Fußweg winken uns die Menschen aus ihren riesigen amerikanischen Autos jahrelang zu. Ich grüße die Fahrer mit diesem Zeichen, weil ich mich über deren Lachen freue und darüber, dass es viele erwachsene Männer sind, die uns hinter ihren Windschutzscheiben täglich so freundlich zulächeln. Ich glaube, alle Heimkinder tun das, wegen des freundlichen Winkens und Lächelns der Männer.

Wegen der lächelnden winkenden Amerikaner, und der täglichen Kinder aus dem Oberlehen, die nachmittags von der Schule hinauf laufen, und die Amerikaner in ihren großen Wagen freundlich grüßen, gibt es eines Tages ein Kinderfest, zu dem die Amerikaner eine Gruppe aus dem Oberlehen, in das General – Walker – Hotel auf dem Obersalzberg einladen.

Heute Morgen sitze ich schon wieder zu lange vor meiner Schreibmaschine. Es ist bereits Viertel nach sechs Uhr, als ich meinen Bericht beende. Morgens schalte ich das Radio nicht mehr ein. Ich will die schrecklichen Berichte aus dem Krieg im zerfallenden Jugoslawien nicht hören. Stattdessen denke ich während des Frühstücks über meine Erinnerungen nach. Ob es gute Kontakte gewesen waren, die sich zwischen dem Oberlehen und den Amerikanern entwickelt hatten? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nur an eine einzige Einladung der Amerikaner.

Der Chef ist heute Morgen gut gelaunt, wie jeden Tag. Im Auto spricht er von einem „Traumsommer“. Ich stimme zu. Der Himmel ist jeden Tag strahlend blau. Die Sicht auf die Berge um das Tal ist täglich klar. Wälder und Wiesen stehen in sattem Grün vom Regen des Frühjahres.

In der kleinen Fabrik steht die Hitze. Mit Hochdruck arbeiten wir an großen Aufträgen von Parfümherstellern mit internationalem Bekanntheitsgrad. Seit Tagen leisten wir Überstunden, welche die Mitarbeiter selbstverständlich freiwillig leisteten. Morgens trägt sich auf einer Liste ein, wer Abends länger bleiben kann. Auch ich trage mich ein, denn ich will, dass Kollegen und Chef wissen, dass auch ich tatkräftig anpacke, wenn es gefragt ist. Ich arbeite daran, das Bild von der Hexerei zu zerstören. Die anstrengende Arbeit spüre ich täglich in meinem Rücken. Wegen der langen Arbeitstage schlafe ich nachts wie ein Stein.

Morgens wird das Aufstehen von Tag zu Tag schwerer. Mein Wecker läutet um Viertel vor fünf. Wie ein Brett liege ich matt im Bett. Ich bleibe nach dem Weckerläuten liegen, schlafe wieder ein und wache nur durch einen Zufall um kurz vor sieben Uhr auf. Der Chef sieht mir meine Müdigkeit nicht an. Eines Morgens sitze ich unrasiert neben ihm im Wagen. Ich wache um zehn vor sieben Uhr auf, stehe aber pünktlich um sieben Uhr vor dem Finanzamt und steige in den Wagen.

Eine Gruppe Kinder ist zu einem amerikanischen Kinderfest eingeladen. Im General – Walker – Hotel, oben an der breiten Höhenringstraße, gibt es an diesem Nachmittag jede Menge Süßigkeiten. Es sind Süßigkeiten, die ich noch nie gesehen habe. Orangen, rosa, grüne, blaue und bunte Torten. Kleine gefärbte Cremetörtchen und natürlich die klassischen Amerikaner.

„Alles total amerikanisch, echt super die Amis!“
So plärrt mein Freund Peter auf dem ersten und einzigen dieser Feste, an das ich mich erinnere. Wir sitzen gemeinsam mit anderen Kindern vom Oberlehen und vielen amerikanischen Kindern um einen riesigen Tisch mit weiß-blauer Papiertischdecke. Heute lernen wir die Kinder der lächelnden und winkenden amerikanischen Autofahrer kennen. Sie plappern laut und schnell. Sie schreien sich, über den großen, weiß-blau dekorierten Tisch hinweg, amerikanische Worte und Sätze zu, von denen wir nichts verstehen. Sie lachen permanent, beinahe hysterisch. Was sie sich zu erzählen haben, muss unvorstellbar lustig sein, denn noch nie habe ich so viel Kinderlachen an nur einem Nachmittag erlebt.

Peter sitzt neben mir. Er lädt sich einen Berg rosa Törtchen auf seinen Teller. Die Törtchen liegen auf kleinen bunten Hügeln in der Mitte des Tisches. Peter greift lachend zu den dort stehenden Coca-Cola-Flaschen. Er sieht mich an und brüllt:
„Echt einsame Spitze die Amis!“
Für mich sind seine Worte ein Startsignal. Ich mache einfach alles nach, was er tut. Was Peter gut findet, kann nicht schlecht sein. Er ist erfahren und sich seiner Sache immer sicher. An ihm orientiere ich mich seit langer Zeit. Ich greife also auch zur Cola-Flasche und lade meinen Teller kräftig mit bunten Leckereien voll.
„Echt toll die Amis!“
So plärre auch ich. Genauso wie Peter schiebe ich ein Törtchen nach dem anderen in meinen Mund.

Es ist ein traumhafter Nachmittag bei den Amerikanern. Im Kinderheim gibt es nie ein Fest, an dem es so viele süße Sachen und bunte Leckereien zu Essen gibt. Im Oberlehen gibt es auch Kinderfeste, aber nicht in solchen Dimensionen. Deshalb sind Peter und ich schwer begeistert. Noch Wochen nach dem Fest schwärmen wir gegenüber anderen Heimkindern, die nicht dabei waren, wie toll wir das fanden. Die süßen amerikanischen Törtchenberge werden von Erzählung zu Erzählung höher. Die amerikanischen Kinder sind die tollsten Kinder der Welt. Amerikanische Kinder erzählen ständig von den tollsten, spannendsten und gefährlichsten Abenteuern, die man sich nur vorstellen kann. Selbst im Kino gibt es keine so tollen Geschichten. Peter und ich erfinden ständig neue Abenteuer, welche wir in unseren Erzählungen über diesen Nachmittag, den amerikanischen Kindern in den Mund legen.

Die amerikanischen Kinder springen munter von ihren Plätzen auf, sie stopfen ihre Münder noch voller mit Cremetörtchen und Sahne, als Peter und ich das schaffen. Deren Zügellosigkeit beeindruckt Peter und mich. Sie stopfen so viel in sich hinein, wie nur geht und sie spülen mit Cola nach, wie mit Wasser. Mit voll gestopften Mündern rennen sie herum, sie klettern auf ihre Stühle und plärren amerikanisch von oben herunter.

Alle Kinder im Oberlehen wissen, dass man erstens nicht mit vollgestopftem Mund spricht, zweitens stopft man den Mund nicht so voll, drittens steigt man nicht auf seinen Stuhl, viertens plärrt man nicht so laut, als sei man ein zu laut aufgedrehtes Radio, dessen Empfang schlecht eingestellt ist und fünftens gibt es im Oberlehen nicht so viel buntes Zeug, das man hinein stopfen darf, bis man fast zerplatzt. Im Oberlehen geht es während Kinderfesten diszipliniert zu.

Im Kinderheim lernen wir Regeln, Disziplin und Zurückhaltung. Wir wissen deshalb genau, was wir nicht tun dürfen. Im Oberlehen ist klar, was geschehen wird, wenn wir tun was wir nicht dürfen. Amerikanische Kinder tun all das, was wir während solcher Feste niemals tun dürfen. Disziplinlosigkeit und Ausgelassenheit sorgen für laute Stimmung und viel amerikanischen Spaß. Animation, wie sie im Kinderheim die alte Heimleiterin auf ihrer Gitarre täglich bietet und Kinderspiele sind an dem amerikanischen Nachmittag überflüssig. Die amerikanischen Kinder vergnügen sich prächtig, sie feiern, wie sie es wollen. Freilich sehr ungesund, sehr süß und klebrig. Das nehmen Peter und ich staunend zur Kenntnis.

„Wahnsinnig toll! Das ist alles echt amerikanisch!“, plärrt mir Peter immer wieder ins Ohr. Nach einer Stunde auf dem Kinderfest finde ich, dass seine Stimme plötzlich genauso klingt, wie die der amerikanischen Kinder. Seine Worte aber bleiben deutsch. Peter versteht die Sprache der hüpfenden, herum tollenden amerikanischen Kinder genauso wenig wie ich. Trotzdem finden wir deren Sprache und den Klang dieser Sprache toll. Wir kennen sie von Popsongs, deren Texte wir nicht verstehen, aber gut finden, weil uns ihr Klang gefällt und weil sie nicht deutsch sind.

Englische und amerikanische Musik hören wir im Oberlehen häufig in Peters Radio. Sie begeistert Peter und mich. Für uns ist sie eine Gegenbewegung zu den deutschsprachigen Volksliedern, Schnulzen und Schlagern, die im deutschen Fernsehen präsentiert werden. Ich hasse die deutschsprachige Musik, weil ich deren Texte verstehe und peinlich finde. Abends verlasse ich deshalb oft den Aufenthaltsraum im Haupthaus des Kinderheims und gehe freiwillig frühzeitig ins Bett. Mich regen die romantischen Titel wie „Ich liebe Dich“, „Ich hab noch Sand in den Schuhen aus Hawaii“ oder „Der Junge mit der Mundharmonika“ auf. Ich finde die aufgedonnerten Sängerinnen und Sänger abstoßend und nervig. Mich regt die Welt auf, die durch die deutsche Samstagabendunterhaltung über das Fernsehen in den Aufenthaltsraum unseres Kinderheimes gebracht wird.

Manchmal fühle ich deshalb Aggression und Hass in mir aufsteigen, weil ich eine Welt auf der Mattscheibe sehe und höre, die ich im Kinderheim nicht sehe, die es für mich nicht gibt. Ich bin deshalb wütend auf die Darsteller auf dem Bildschirm und ich bin wütend auf das Kinderheim und den Heimleiter, weil die Welt, die ich am Oberlehen täglich erlebe, keine der Schönheiten bietet, die von den Stars in Glitzerkleidung besungen werden.

Ich glaube, dass Buchhalter und Heimleiter den Alltag im Oberlehen absichtlich niederträchtig gestalteten, um uns die schöne, bunte Welt vorzuenthalten. Ich weiß noch nicht, dass die schöne bunte Fernsehwelt, mit der Realität außerhalb unseres Oberlehens nichts zu tun hat. Ich weiß noch nicht, dass das bunte Fernsehprogramm dieser Zeit, vermutlich für viele Menschen genau einen Zweck hat: Von deren Alltag abzulenken. Ich weiß auch noch nichts davon, dass insgesamt das tägliche Fernsehprogramm dieser Zeit, den Charakter einer billigen Feierabendunterhaltung hat und gewissermaßen auf die Anspruchslosigkeit der Menschen abzielt. Ich glaube deshalb, dass es die schöne bunte Welt, in der die Menschen glücklich sind, und permanent lächeln, wie die Sänger und die Moderatoren im Fernsehen irgendwo geben muss. Warum sonst wird sie von den schönen Menschen auf dem Bildschirm Samstag für Samstag besungen? Irgendwo könnte eine schöne Welt sein. Mein „Irgendwo“ wird im Oberlehen zu meinem kindlicher Traum von meinem Zuhause, dass ich eines Tages zu finden hoffe.

Meine Kinderwelt im Oberlehen ist gewalttätig und laut. Es ist keine bunte Kinderwelt, sondern sie ist grau, dunkel und voll von Gebrüll erwachsener Männer. Ich hasse Buchhalter und Heimleiter, weil sie uns nicht vernünftig anleiten, sondern weil sie uns rücksichtslos regieren. Sie zwingen uns zu blindem Gehorsam. Kinder im Oberlehen haben grundsätzlich zu tun, was die beiden Männer sagen. Das ist noch nicht schlimm, aber weil sie das tun, ohne ihr Tun zu begründen, ist es schlimm. Was die Männer wollen, fordern sie, und sie bekommen es. Sie fordern in lautem Befehlston.

Der Heimleiter Hennings ist nicht sehr groß aber kräftig. Er brüllt: „Du gehst heute ohne Abendessen ins Bett, du Armleuchter!“ Büchtler, der Buchhalter ist groß, schmaler als Hennings aber sehr kräftig. Er ist sportlich und hat leicht behaarte, schmale Hände. Morgens fährt Büchtler vor dem Haupthaus am Oberlehen in seinem weißen Porsche vor. Was Büchtler tut, wirkt mächtig und stark. Das Auto ist ihm sehr wichtig. Es ist schnell und laut. Büchtler erzählt gerne, wie schnell er den Berg hinauf fährt und wie viele rote Ampeln er von seiner Wohnung unten im Tal, bis hinauf ins Kinderheim überfährt.

Büchtlers Macht resultiert nicht nur aus dessen Stärke und Größe sondern auch daraus, dass er Buchhalter ist und unser Taschengeld verwaltet. Büchtler verteilt jeden Samstagvormittag das Taschengeld im Berchtesgadener Hallenbad. Die Taschengeldausgabe zelebriert Büchtler, sie wirkt, wie ein Ritual seiner Überlegenheit. Wer nicht tut, was Büchtler erwartet, wer im Verlauf der Woche Fehler begeht, bekommt nichts oder weniger Taschengeld am Samstag. Büchtler legt die Höhe des Taschengeldes, das uns zusteht, fest. Er benutzt es, um Abneigung und Überlegenheit gegenüber Kindern zu zeigen.

Büchtlers Bestrafungen sind nicht begründet. Ich spüre, dass seine Schläge von der Loyalität abhängen, die ein Kind gegenüber seiner Person zeigt, oder nicht zeigt. Ich zeige keine Loyalität gegenüber diesem Mann. Meinen Hass gegen diesen Mann und seinen Heimleiter kann ich kaum verbergen. Deshalb laufe ich dem Mann oft in die Faust und schneide auch beim Taschengeld schlecht ab.

Hennings und Büchtler missbrauchen ihre Macht, weil es beiden Männern nicht darum geht, zu klären, welches Kind die Salatschüssel auf den Boden geworfen hat und ob es absichtlich geschehen war oder ein Versehen. Anstatt Ereignissen genauer auf den Grund zu gehen, treffen sie schnelle Entscheidungen, die sie mit einfachen Mitteln, wirkungsvoll durchsetzen. Wen sie für schuldig erklären, ist schuldig. Einmal getroffene Entscheidungen setzen sie mit Fäusten und Schlägen durch.

8. Fernsehen

Ich verlasse die heiße Fabrikhalle. Die schwere Stahltür fällt hinter mir zu. Der ohrenbetäubende Lärm ist deshalb nur noch ein leises, entferntes, monotones Schlagen. Langsam steige ich die schwarze Steintreppe hinunter. Auf dem unteren Treppenabsatz im Erdgeschoss bleibe ich kurz stehen. Ich sehe hinauf zu einem großen Fenster. Der Himmel ist blau, ich sehe keine Wolken. Am Rand des Fensters sehe ich das Felsmassiv des Untersberges. Meine Hand liegt schon auf dem weißen Plastikgriff der Stahltür. Ich bleibe noch einige Sekunden stehen, denn ich spüre, dass sich in meinem Kopf etwas tut. Die steile Steintreppe erinnert mich an etwas. Ich sehe noch einmal zurück auf die steinerne Treppe zwischen Erdgeschoss und erstem Stock in der Fabrik.

Nachmittags werde ich blutüberströmt in unser Zimmer ins Nebenhaus getragen. Wegen eines Faustschlages fliege ich durch die dünne Milchglasscheibe der Tür. Ich stolpere über den hölzernen Türrahmen, der das milchige weiße Glas hält. Weil meine Hände nirgendwo an dem Türrahmen Halt finden, stürze ich die schwarze, steinerne Kellertreppe hinunter in den Schuhputzkeller. Unten bleibe ich auf dem dunklen Steinboden, vor der langen Reihe gelber Regenjacken liegen. Schmerzen von meinen Verletzungen spüre ich nicht. Sie kommen erst später, als ich im Nebenhaus im Zimmer auf meinem Bett liege.

Hennings verpasst mir nachmittags einen kräftigen Faustschlag. Ich muss irgendetwas zu Hennings gesagt haben, was der Auslöser war. Anfangs, nachdem Hennings und der Buchhalter die Leitung am Oberlehen von der alten Heimleiterin übernehmen, fresse ich meine Wut noch nicht in mich hinein. Deshalb schlägt Hennings auf mich ein. Meine Wut brülle ich an diesem Nachmittag einfach heraus.

Jahrelang lerne ich deren Sprache zu verstehen. Es sind laute Worte, verbunden mit heftigen Schlägen. Ich bin dumm, klein und schwach. Ich habe nichts zu sagen oder zu fordern. Ich kann nicht herausfinden, ob es draußen eine schönere Welt gibt, in der Menschen leben, die nicht unter Männern wie Hennings und Büchtler leiden. Deren Verhalten ist mein normaler Alltag, ist meine Kindheit. Ich spüre mehr und mehr Hass auf die beiden.

Der deutsche Schlager, das deutsche Volkslied besingen jeden Samstagabend, im deutschen Fernsehen eine schöne Welt. Sonnabends sitzen Heimleiter Hennings und dessen Kinderheimkinder im großen Aufenthaltsraum vor der Glotze. Er ist korpulent und klein. Seine Gesichtshaut ist leicht gebräunt und faltig. Die Haare sind schwarz, gewellt, fettig, stets gekämmt. An der Stirn hat er eine leichte Locke. Hennings erhebt sich schwer von der braunen Holzbank. Behäbig tritt er an das Fernsehgerät. Er trägt eine braune Lederhose, einen roten Wollpullover, nein, es ist ein Pullunder. Darunter trägt er ein weißes Hemd und über dem Pullunder eine grüne, bayerische Wolljacke mit silbernen Knöpfen.

Vor den niedrigen Fenstern im Aufenthaltsraum sind die grünen Vorhänge zu gezogen. Ich höre gedämpfte Kinderstimmen. Ich höre Tuscheln, Piepsen, Flüstern, Lachen, Husten. An der Wand sind braune Holzbänke angebracht. Ich erkenne Stühle, alte Sessel, den Fußboden mit gemusterten Teppich, dessen Muster unseren Matchboxwagen als Straßen dient, der gesamte Raum voll mit Kindern. Die Stimmung im Raum ist erwartungsvoll. Kein Kind ist jetzt laut. Kein Kind drückt die gespannte Vorfreude auf das Fernsehereignis durch geräuschvolles Lachen, Johlen oder Herumhüpfen aus. Kein Kind will jetzt auffallen und damit riskieren, kurz vor Beginn der Sendung von Hennings ins Bett geschickt zu werden.

Hennings schaltet das Gerät ein. Sofort endet das gedämpfte Tuscheln der vierzig im Aufenthaltsraum. Sekundenlang herrscht gebanntes Schweigen. Achtzig glänzende Kinderaugen sind auf die noch dunkle Mattscheibe gerichtet, gebannt warten sie auf den Beginn der Sendung. Die Mattscheibe wird hell und bunt. Ein dünner Mann in weißem Hemd und dunklem Sakko hüpft durch einen großen Raum. Zu dessen Füßen sitzen Fans, die alle Perücken von Frisuren tragen, die sich nur in der Farbe voneinander unterscheiden. Der dürre Mensch lächelt vierzig Kindern aus dem Fernsehgerät entgegen. Vor seinem Mund winkt unruhig ein orangenfarbenes Mikrophon hin und her. Der magere Mann wartet bis das Klatschen der Fernsehstudiogäste zu seinen Füßen endet. Weil deren Begrüßungsklatschen nicht enden will, versucht er die Studiogäste zu beschwichtigen. Beide Hände, dabei in der rechten das orange Mikrophon, bewegt er auf ab. Er lächelt ausdauernd aus dem Fernsehgerät. Das Klatschen ebbt endlich ab. Jetzt begrüßt er uns Fernsehzuschauer und seine Gäste im Studio.

Zwischen den vierzig Kinderköpfen vor dem Fernsehgerät ragen auch die Gesichter von Peter und mir hervor. Wir sitzen nebeneinander auf dem Teppichboden. Von meinem Platz sehe ich oben links Hennings. Er lässt sich langsam und schwer auf der Holzbank, neben der weißen Milchglastüre zum Speisesaal nieder. Neben ihm sehe ich ein junges Mädchen mit blondem Haar. Jetzt höre ich die Stimme von Ilja Richter. Sie tönt laut aus dem Fernsehgerät. Ich kenne dessen Stimme gut, denn ich höre sie alle zwei Wochen am Samstagabend. Er plärrt schnell, beinahe hysterisch aus dem Gerät:
„Deshalb ist es mir wieder einmal ein besonderes Vergnügen, heute als ersten Gast, hier in der Disco ankündigen zu dürfen: Bernd Klüver mit seinem beliebten Titel und weltbekannten Hit: Der Junge mit der Mundharmonika“!
Auf der Mattscheibe erscheint ein Mann mit dunklem Haar und einer glitzernden Hose. Er trägt ein weißes, geöffnetes Hemd mit riesigem Kragen. Langsam wandelt er durch sitzendes und stehendes Publikum. In der rechten Hand hält er ein silbernes Mikrophon. Sein Gesang geht jetzt los.

Ich wende meinen Kinderblick vom Bildschirm ab. Ich sehe hinauf nach links. Dort sehe ich Hennings. Er sitzt neben dem blonden Mädchen. Seine schwere gebräunte Hand lastet auf der Schulter des Mädchens. Jetzt erkenne ich das Mädchen: Es ist Sofia. Sie sieht hübsch aus. Die ist Italienerin. Ich sehe das faltige Gesicht von Hennings dicht bei Sofias hübschen braunen Augen. Hennings lächelt. Ich kenne sein Lächeln seit vielen Jahren. Seine Augen glänzen, wenn er so lächelt. Ich folge seinem Blick, vorbei an Kinderaugen, zum Fernsehgerät. Dort tänzelt der glitzernde Sänger.

Das Oberlehen liegt in herrlicher Traumlandschaft. Die Aussicht tröstet mich aber nicht. Wie ich im Heim regiert werde, gefällt mir trotz des paradiesischen Ausblicks nicht. Anstatt die herrliche Sicht über das Tal zu genießen, sammle ich Hass und Wut an. Aber ich bleibe immer beherrscht und diszipliniert.

Samstags, nach zwanzig Minuten der Sendung „Disco“ oder „Hitparade“ stehen Peter und ich gleichzeitig auf. Wir gehen in unser Zimmer. Dort legen wir uns ins Bett. Peter schaltet sein Radio ein. Peter stellt seinen Kassettenrecorder auf Aufnahme sobald ein englischer Popsong gespielt wird. Wir verstehen kein einziges Wort. Aber wir sind glücklich, dass es diesen einen Sender zu empfangen gibt, denn er sendet keine deutsche Schnulze und kein deutsches Liebeslied. Peter ärgert sich über die amerikanischen Ansager, deren Tonfall er zwar liebt, aber sie blenden jeden Song zu früh aus. Sie plärren hektisch und schnell in seine Kassettenaufnahme. Er nennt deren Sprache „amerikanischen Släng“.

Während des amerikanischen Kinderfestes warte ich den ganzen Nachmittag darauf, dass die Kinder endlich genauso los singen, wie die amerikanischen und englischen Popstars in Peters Radio, denn sie sprechen ja die gleiche Sprache. Die amerikanischen Kinder beginnen aber nicht zu singen. Stattdessen plärren, schreien und lachen sie. Sie stopfen den ganzen Nachmittag bunte Törtchen und Cola in sich hinein.

Später sind die Kinder satt. Deshalb beschmieren sie sich mit der orange, gelben, blauen und roten Sahne der Törtchen. Ich beobachte einen kleinen blonden Jungen. In seiner rechten Hand liegt ein rosafarbenes Törtchen. Er schleicht sich an ein kleineres, schwarzhaariges Mädchen heran. Sie steht am Fenster und blickt hinaus. Von hinten drückt er ihr ein Törtchen ins Gesicht. Das Mädchen schreit. Sie wehrt sich sofort. Sie greift in einen Törtchenberg auf dem Tisch, erwischt ein Stück roten Sahnekuchen. Der Junge rennt in Richtung Ausgangstür. Das Mädchen holt zum Wurf aus. Sie wirft und trifft. Die rote Sahne hängt am Hinterkopf des blonden Jungen und läuft über dessen Rücken hinunter. Die amerikanischen Kinder lachen und johlen. Jetzt beginnt zwischen dem Jungen und dem Mädchen eine wilde Verfolgungsjagd um die Tische.

Am Oberlehen erlebe ich derartige Szenen nie. Kein Kind im Oberlehen schmiert einem anderen einen Kuchen oder anders Essbares in die Haare. Im Oberlehen essen wir sehr schnell. Nur wer am schnellsten fertig ist, kann noch etwas bekommen. Nur wer seine Brotscheibe gegessen hat, darf sich eine weitere aus dem Korb nehmen. Eine zweite Scheibe schon vorher auf dem Teller zu sichern, ist verboten.

Abends in unserem Zimmer zweifle ich daran, dass der hektische Ansager vom amerikanischen Sender von irgendeinem Menschen auf der Welt verstanden wird. Ich glaube daran, dass alle Zuhörer genauso wie wir, dessen Tonfall gut finden.Erst die amerikanischen Kinder auf dem Kinderfest räumen mit meinem Glauben auf. Wegen ihnen beginne ich abends neben Peters Radio, darüber nachzudenken, was die Ansager den amerikanischen Menschen wohl sagen.

Eines Abends habe ich das Gefühl, dass die amerikanischen Ansager das gleiche erzählen, wie die deutschen Radioansager. Peter findet diese Vermutung absurd. Er sagt:
„Oh no! Das glaube ich nie und nimmer! Schon die Musik ist ganz anders als die deutschen Schlager. Sie ist schneller und besser, also reden die auch was anderes!“ Was Peter sagt, glaube ich ihm. Ich glaube es, obwohl auch er nicht versteht, was die amerikanischen Radioansager erzählen.

Nach dem amerikanischen Kinderfest ist mir schlecht. Ich weiß jetzt, wie gut es den Kindern der amerikanischen Männer geht, die ich täglich in großen Wagen die steile Straße den Obersalzberg hinunter rollen sehe. Weil es den amerikanischen Kindern so gut geht, grüße ich deren Eltern, hinter den Lenkrädern weiterhin mit dem Victory – Zeichen, denn ich möchte, dass sie uns weiterhin anlächeln und uns zu winken. Das tue ich viele Jahre lang. Ich möchte, dass sie uns wieder einladen. Das tun sie nicht.

9. Witwe Bolte

In der kleinen Küche in der Hochsteinstraße gibt es ein Fenster. Morgens um halb sieben Uhr stehe ich dort und sehe hinüber zum Obersalzberg. In der Küchenschublade finde ich mehrere karierte Küchenhandtücher. Während ich mein Frühstücksgeschirr spüle, liegt das Abtrockenhandtuch auf meiner Schulter.

Das ordentliche Abspülen und anschließende Geschirrtrocknen habe ich im Oberlehen gelernt. Es ist selbstverständlich, dass ich in der gemieteten Küche, morgens um kurz vor sieben Uhr, die Ordnung wieder herstelle, bevor ich mich auf den Weg zur kleinen Fabrik mache. Es bereitet mir keine Schwierigkeiten in den Küchen, in denen ich lebe, Ordnung zu halten. Alles benutzte Geschirr landet nach Gebrauch und Reinigung wieder sauber an seinem Platz. Es ist nicht meine Art, Geschirrberge in der Küche aufzuhäufen. In früheren Studenten-Wohngemeinschaften musste ich erst lernen, dass das Aufräumen in der Küche nicht selbstverständlich zum Akt des Kochens gehört. Ich musste lernen, dass Aufräumen eine unangenehme Arbeit ist, die mancher Mitbewohner regelmäßig vor sich her schob. Im Kochunterricht in der Berchtesgadener Hauptschule und später auf der Realschule musste mir das Ordnunghalten in der Küche nicht beigebracht werden. Diese Aufgabe hatte die Köchin im Oberlehen erledigt.

Eine dicke Frau in großem weißem Kittel kocht täglich für uns. Ihre braunen Haare sind zu einem großen Dutt auf dem Kopf zusammengesteckt. Auf ihrer weißen breiten Schulter liegt ein kariertes Küchenhandtuch. In der großen Küche kocht sie, was der Kühldienst „Witwe Bolte“ täglich auf dem Hof vor dem Haupthaus auslädt. Die Kinder vom Küchendienst tragen viele Pappkisten eine steile Außentreppe am Haupthaus hinunter in den Keller. In zwei Kellerräumen, neben dem Schuhputzkeller, wird alles sorgfältig, nach Anweisung der dicken Köchin in Gefrierschränken verstaut.

Der Küchendienst ist kein beliebter Dienst. Er ist untrennbar mit der rabiaten Köchin und deren Kommandos verbunden. Sie scheucht uns um den großen Ofen, plärrt Kinder an, die zu dumm sind, Teller und Besteck vernünftig zu trocknen. Kommt es besonders schlimm, spüren die schlechten Abtrockner einen schnellen kräftigen Schlag ihres feuchten, blaukarierten Küchentuches.
„Pass auf Bub! So geht’s need!“
Blitzschnell zischt das feuchte Küchentuch von deren Schulter. Den nächsten Plastikteller muss ich sehr gut abtrocknen, denn sonst dreht sie fest an meinem Ohr und mein Kopf wird durch die kräftige dicke Hand der Frau auf den feuchten Plastikteller gedrückt, bis meine Nasenspitze die feuchte Telleroberfläche spürt.

Im Erdgeschoss, neben der großen Küche, liegt der Speisesaal mit hellblauem Linoleumboden. An den Decken hängen quadratische Leuchten mit Neonlicht. Eine Woche lang verteilt der Küchendienst morgens, mittags und abends, unter Aufsicht der Köchin weiße Plastikteller und rote Plastikbecher auf den Holztischen im Speisesaal.

10. Seife

Das Oberlehen ist ursprünglich ein Erholungsheim, in das Kinder aus verschiedenen Orten in Westdeutschland für einige Wochen zur Erholung in die herrliche Berglandschaft oberhalb Berchtesgadens geschickt werden. Anfang 1970 wird es für Kinder wie Peter, Hartmut und mich zu unserem neuen Zuhause. Wir sollen, im Gegensatz zu den Erholungskindern, „für immer“ die frische Luft auf dem Obersalzberg einatmen. Uns schicken deutsche Jugendämter dort hin. In unseren Familien gibt es unterschiedliche, Probleme, weshalb wir nicht bei unseren Eltern leben dürfen. Deshalb werden wir im Oberlehen bei Heimleiter Hennings und dem Buchhalter Büchtler untergebracht.

Von den Problemen in meiner Familie weiß ich damals nichts. Ich bin 1970 gerade mal sechs Jahre alt. Deshalb interessiere ich mich nicht für Probleme. Ich interessiere mich dafür, wie es mir dort geht, wohin mich mein Jugendamt bringt. Noch bevor ich 1971 in der Bacheifeldschule in Berchtesgaden eingeschult werde, lerne ich, dass die zwei Männer, die sich am Oberlehen meiner Erziehung annehmen, sehr ungehobelte Kerle sind. Beide mögen Kinder nicht besonders. Ihre Haltung können die beiden nicht verbergen. Ich habe das Gefühl, dass die beiden, Kinder nicht nur nicht mögen, sondern sie scheinen sie zu hassen, warum sonst schlagen sie so oft auf mich und die anderen Kinder im Oberlehen ein?

In Berchtesgaden beginnt der August. Die ersten Tage sind heiß und trocken. Die Hitze in der kleinen Fabrik ist beinahe unerträglich. Die Arbeit läuft, wegen der umfangreichen Aufträge von Herstellern edler Parfüms auf Hochtouren. Mehrarbeit ist täglich notwendig. In der Wohnung an der Hochsteinstraße wohne ich seit ein paar Tagen nicht mehr allein. Herbert, ein Student, ist eingezogen. Er wohnt im Zimmer neben den beiden Räumen, die ich seit Wochen bewohne. Herbert kommt aus Norddeutschland. Er absolviert im Rahmen seines Wirtschaftsstudiums ein Praktikum in der kleinen Firma.

Auf Herberts Ankunft bin ich nicht vorbereitet. Sie wird vom Chef und dessen Frau frühzeitig angemeldet, und es wird mit mir vereinbart, dass Herbert in das freie Zimmer zieht. Trotzdem spüre ich, als er ankommt, dass ich nicht darauf eingestellt bin. Eine fremde Person benutzt Wohnung, Bad, Küche und Toilette mit. Eine Wohnung, die ich allein bewohne, bewohne ich anders, als eine Wohnung, die ich mit einem fremden Mitbewohner teile.

In Studentenwohngemeinschaften hatte ich keinerlei Probleme. Ordnung ist für mich kein Problem. Deshalb findet Herbert in Bad und Küche genügend Platz für sich. Auf den Ablagen und Regalflächen breitet er sich aus. Er verteilt Cremes und Körperpflegemittel. Ich lerne, dass ein gepflegter Mensch davon unvorstellbar viel benötigt.

Am Tag seiner Ankunft stellt Herbert mir seine Freundin und sich selbst vor. Beide sind sehr gepflegt und dick geschminkt. Als ich den beiden gegenüberstehe und deren feine Hände schüttle, habe ich das Gefühl schmutzig und ungepflegt zu sein. Die tägliche Dusche scheint mir plötzlich zu wenig. Mein Stück Seife und mein Haarwaschmittel auf der Ablage im Bad, mit dem ich bislang meinen Körperreinigungsbedarf gedeckt sah, scheint mir nicht mehr ausreichend.

Herbert ist Sportler. Mehrere Fahrräder lädt er aus einem Transporter und stellt sie unter dem Vordach zur Wohnung ab. Täglich ist er nachmittags ab halb sechs Uhr im engen, gelben Trikot auf den Bergstraßen unterwegs. Herberts umfangreiche Reinigungsbatterien im Badezimmer erkläre ich mit seinem höheren Bedarf wegen des Fahrradsports, und mit einem gewissen Wettbewerb, dem er sich aussetzt, weil ihn eine stets perfekt gepflegte Freundin begleitet. Deshalb denke ich nach drei Tagen, dass meine Seife und mein Haarwaschmittel weiterhin für mich reichen. Weil Herbert und ich nicht nur aus optischen Gründen nicht zusammenpassen, er eine Sache die ich für die menschliche Fortbewegung als sinnvoll und geeignet betrachte als Extremsport betreibt, aber vor allem, weil wir keine gemeinsamen Themen haben, außer unserem gleichzeitigen Aufenthalt in einer Wohnung, lebt Herbert in seinem Zimmer und ich in meinen beiden.

Herbert ist täglich mit Fahrradfahren, seiner Freundin und der Körperpflege genug beschäftigt, um sich nicht um mich zu kümmern oder zu interessieren. Trotzdem sehe ich heute Morgen, nachdem Herbert die erste Nacht in der Wohnung übernachtet hat, mein Projekt gefährdet. Ich sitze nicht vor meiner kleinen, alten Schreibmaschine. Es hat sich etwas verändert. Meine Gedanken an das alte Oberlehen, an mein Leben auf dem Obersalzberg, kann ich heute Morgen um fünf Uhr nicht sammeln. In der Wohnung lebt ein Mensch, der mich jederzeit fragen kann, wer ich bin, woher ich komme, was ich in diesem Ort zu tun habe. Zu guter letzt merkt Herbert vielleicht sogar, dass ich täglich morgens auf der Schreibmaschine tippe und will wissen, was ich da tue.