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Secret gun – eine folgenschwere Begebenheit

 

Secret Gun


Die Macht der Zermürbung

Sachbuch einer folgenschweren Begebenheit von Bernd Thümmel (erstmalig in 2012 veröffentlicht)

Klappentext

Es ist durchgegangen. Irgend etwas hat das Tier wohl aufgeschreckt und in Panik versetzt. Es flieht. Die Reiterin scheint die Kontrolle verloren zu haben. Sie hüpft auf dem Sattel des galoppierenden Pferdes. Ihre Haltung sieht aus, wie die eines unkontrollierbar hinauf wirbelnden, blonden Haarschopfes. Es ist kein Sitzen, was die Reiterin da macht. Es sieht aus, als versuche sie sich mit aller Macht, vielleicht sogar mit Gewalt, auf dem Pferd zu halten. Auf den Galopp scheint sie keinen Einfluss mehr zu haben.“

Ein Buch über den individuellen Umgang mit chronischen Schmerzen, über den inneren Kampf mit einem traumatischen Ereignis, das nach einem schweren Unfall immer wieder zurück kehrt, über den persönlichen Umgang eines Menschen mit der Todesangst, die das Leben nicht wieder los lassen mag.
Der Autor schreibt von der Macht seiner Todeserlebnisse, täglichen Schmerzen, die sich ins Gehirn einnisten, um immer wieder um sich zu schlagen und dem Beginn seines zermürbenden Kampfes um berechtigte Schadensersatzforderungen an einen großen deutschen Versicherungskonzern.

Gewalttätig drängt er sich auf, mischt sich jeden Tag in alles ein. Akribisch arbeitet „Herr Brutal“ an seinem Werk, einen Menschen zu zerfressen. Brennend bahnt er sich seinen schmerzlichen Weg durch die rechte Gesichtshälfte. Täglich übernimmt er mehr und mehr Besitz von allem.“
Der Autor begreift, dass die Schmerzen des „Herr Brutal“ von nun an stets an seiner Seite bleiben werden. Dessen Brutalität gilt es nicht nur zu ertragen, es gilt sie in den Alltag zu integrieren, denn der Kampf gegen „Herrn Brutal“ ist aussichtslos.

In einer Klinik arbeitet sich der Autor durch die Folgen eines schrecklichen Unfalls. Bilder seines bisherigen Lebens lösen sich langsam auf, bis sie vollständig verschwinden. Neue Bilder, die der Autor vor dem Unfall nicht kannte, tauchen unvermittelt auf. Sie machen sich breit, sie übernehmen den Lebensmittelpunkt des Autors. Immer wieder bringen sie ihn zurück zu dem Tag, an dem sein Leben gewalttätig, wie bei einem Überfall, angegriffen wurde.

26.11.2012, Vorwort

Ein schockierender Unfall, der für mich wie ein Überfall auf mein Leben war, ist für mich längst nicht vorbei. Ein langer Kampf gegen die Macht eines Versicherungskonzernes, der mich heute wissen lässt, dass ich selbst schuld sei an meinen schweren Verletzungen und den Unfallfolgen, steht noch bevor.
Ich schreibe darüber und freue mich, dass Sie heute darüber lesen. Ich glaube, dass viele Menschen, die von einer Sekunde zur nächsten einen schweren Schicksalsschlag erleiden, weil sie schwer verletzt wurden und deshalb aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurden, nicht die Kraft besitzen, darüber bereits zu berichten, während sie mitten in diesem Kampf stecken.
Der Unfall, der mein Leben veränderte, ist heute genau ein Jahr her. Ich will mit der heutigen Veröffentlichung von Band 1 meiner E-Buchreihe „Die Macht der Zermürbungein kleines Stück dazu beitragen, dass das Leiden von Unfallopfern unter der Macht von Versicherungen irgendwann aufhört. Ich bin davon überzeugt, dass das nur gelingt, wenn Unfallopfer wie ich, öffentlich machen, wie sie von einem großen Versicherungskonzern behandelt werden, der versucht sich seinen Entschädigungspflichten mit allen juristischen Mitteln zu entziehen.
Wenn Sie haftpflichtversichert sind, was jedem Menschen dringend anzuraten ist, könnte mein Buch für Sie vielleicht interessant sein, denn die Haftpflichtversicherung, die meinen Unfallschaden versichert, benutzt meinen und Ihren Versicherungsbeitrag unter anderem auch dafür, große Anwaltskanzleien damit zu beauftragen, im Falle des Falles, die Deckung Ihres Schadens abzuwehren. Genau in dem Moment, in dem Sie Ihre Versicherung benötigen, weil ein für Sie stets unvorstellbarer Unfall tatsächlich eingetreten ist, werden Sie feststellen, dass die Versprechungen über die „Schadensregulierung“ in Ihrer Versicherungspolice keineswegs so gemeint sind, wie sie sich lesen. Die Versicherung wird Ihnen nicht helfen. Sie müssen sie verklagen. Sie haben nicht zu erwarten, dass Ihr Schaden als Opfer eines schweren Unfalls von der Haftpflichtversicherung mit Verständnis für Ihre berechtigten Forderungen behandelt wird. Die Herren der großen Anwaltskanzlei, gehen von der Versicherung beauftragt, mit den Opfern keineswegs zimperlich um. (1)

(1) Zermürbung des Opfers heißt für den Anwalt, der von dem Versicherungskonzern beauftragt wurde, der das Pferd versichert, das mich schwer verletzt hat, u.a. „einfach irgendetwas behaupten“, damit ich spüre, dass der Versicherungskonzern mit seinen Anwälten die Macht besitzt, zu entscheiden, den Schaden zu bezahlen oder eben nicht:
Im Antrag auf die Abweisung meiner Klage auf Schadensersatz, wegen meiner schweren Unfallverletzungen, schreiben die Anwälte, die die Tierhalterhaftpflichtversicherung der Pferdebesitzerin vertreten, am 22.05.2012 an das Landgericht München:
„… vielmehr wäre das Pferd an dem Kläger vorbei geritten, wenn dieser nicht in die Laufrichtung des Pferdes gesprungen wäre… der Kläger muss sich daher zumindest ein erhebliches Mitverschulden anrechnen lassen …“
und weiter:
„es wird darauf hingewiesen, dass der Kläger keine taugliche Aussage machen kann …“

Das wirkt auf mich erschreckend, beinhaltet das Wort „gesprungen“ doch den schier unglaublichen Vorwurf, dass ich absichtlich in das galoppierende Pferd „gesprungen“ sei. Hätte der Unfall für mich nicht so schlimme schmerzliche Folgen, könnte ich das als schlechten Witz begreifen.
Bei der ersten Verhandlung, im September 2012 im Münchner Landgericht, stellt sich heraus, dass der Anwalt des Versicherungskonzerns die Idee, ich sei in das Pferd gesprungen und deshalb habe ich eine Mitschuld, einfach erfunden hat. Das deutsche Recht macht es möglich:
Während ich alles was ich sage detailliert beweisen muss, kann der Anwalt des Haftpflichtversicherers einfach eine Behauptung aufstellen und diese dem Gericht und dem Opfer zuschicken. Gericht und Opfer müssen sich damit dann ernsthaft beschäftigen. Zeugen werden geladen, um erneut zu bezeugen, dass nicht stimmt, was der Anwalt des Versicherungskonzerns behauptet. Das Opfer muss den Unfallhergang erneut in allen Details schildern.
Die Zermürbungstaktik zieht das Verfahren in die Länge. Es ist Ziel, das Opfer so lange zu zermürben, indem man es ständig erneut konfrontiert mit dem Unfall, bis es von den persönlichen und finanziellen Folgen des Unfalls so frustriert ist, dass es aufgibt.

26.11.2011, 14:00 Uhr, „secret gun“

Auf der schmalen Straße sind samstags Kinder mit Spielsachen unterwegs. Bobbycars und Roller, Mütter schieben Kinderwägen. Manche schieben zwei Kinderwägen nebeneinander. Sie sind in Richtung Kindergarten unterwegs, der dreihundert Meter entfernt an der Straße liegt. Dort gibt es einen schönen Spielplatz. Alte Leute, Jugendliche auf Rollerblades, ein Rollstuhlfahrer bahnen sich langsam ihren Weg. Ich sehe das täglich aus dem Wohnzimmerfenster. Links von meiner Wohnung liegt an die Straße angrenzend ein großer grüner Hügel auf dem im Winter die Kinder Schlitten fahren. Heute sehe ich auf der Wiese Jugendliche, die dort herum lungern, rauchen und sich lautstark unterhalten. Wenige hundert Meter entfernt, auf der anderen Seite des weitläufigen Ackers, in unmittelbarer Nähe der Unfallstelle, am Straßenrand, liegt eine große Wiese mit zwei Fußballtoren. Da sind Kinder, die mit ihrem Vater das Bolzen üben.

Pferdehöfe sind in der Gegend wie Pilze aus dem Boden geschossen. Das ist ein lukratives Geschäft. Reiten hat sich für junge Mädchen und junge Frauen aus der Stadt auf dem nahen flachen Land im Münchner Norden zu einer Art Volkssport entwickelt.

Plötzlich prescht eine der vielen Frauen galoppierend auf „secret gun“, einem panisch rennenden, riesigen Pferd, die kleine Straße vor meiner Wohnung entlang. Hört sich schlimmer an, als es juristisch ist. Der reale Horror erweist sich juristisch auf dem Papier für die Unfallverursacherin auf dem Pferd als unproblematisch. Das musste ich in den Monaten nachdem ich von „secret gun“ überrannt wurde, zu kapieren lernen:
Wird ein Mensch von einer, mit „secret gun“ galoppierenden Reiterin in den Acker neben der Straße geschleudert, um schwer verletzt in der schwarzen Erde liegen zu bleiben, fehlt diesem Ereignis die juristische Relevanz, um das Galoppieren der Frau auf der Straße fahrlässig zu nennen. Die Reiterin und deren Freundin, von der sie für den Ritt „secret gun“ am sonnigen Samstagnachmittag geliehen hat, sagen nämlich, dass die Reiterin Erfahrung im Reiten habe und dass sie alles versucht habe, um den Zusammenprall mit mir, dem Spaziergänger, zu verhindern. Deshalb gibt es keinen Grund meinen Strafantrag gegen die junge Reiterin, wegen fahrlässiger Körperverletzung auf öffentlicher Straße, überhaupt zu verfolgen. Das Verfahren wird von der Staatsanwaltschaft am Landgericht München eingestellt. Das Galoppieren auf „secret gun“ auf der Straße vor meinem Wohnzimmerfenster, und meine schweren Kopfverletzungen, haben keine juristischen Konsequenzen für die Reiterin. (2)

(2) Mit Verfügung vom 17.02.2012 stellt der zuständige Richter am Landgericht München II gem. § 170 Abs. 2 StP0 das Ermittlungsverfahren gegen die galoppierende Reiterin ein. Begründet wird das damit, dass
„ …in strafrechtlicher Hinsicht ein Nachweis eines Fahrlässigkeitsvorwurfes im Hinblick auf die Verletzungen des Geschädigten nicht zu führen ist …“

26.11.2012, Überleben heißt weiter machen

Ich muss wieder aufstehen. Ich muss Nemo, meinen Hund holen. Nemo ist davongelaufen. Das darf er nicht. Er muss immer bei mir bleiben.
Nemo! Nemo! Zu mir! Komm! Sofort zu mir. Nemo, wo bist du? Brav zu mir!
Ich drücke jetzt einfach meinen Oberkörper mit dem rechten Arm nach oben. So komme ich bestimmt gleich wieder hoch. Meine rechte Hand fasst auf was hartes, vielleicht ein Stein. Daran kann ich mich stützen und mich jetzt mit dem Arm hoch drücken. Ich umfasse den Stein. Saukalt und feucht ist der.
Liegenbleiben! Sie bleiben liegen!
Oh, wer ist denn das? Ich kenne die Stimme nicht, oder doch? Doch vielleicht kenne ich sie. Der fremde Mann kann mir jetzt bestimmt schnell mal hoch helfen!
Wo ist mein Hund? Mein Hund ist davongelaufen, ich muss meinen Hund finden! Nemo, wo bist du? Jetzt aber ganz schnell zu mir! Ich pfeife nach Nemo, so wie ich es immer mache. Pfff, Pfff, Pfff, Nemo zu mir!
Das Pfeifen schmeckt bitter. Warum schmeckt jetzt plötzlich mein Nemo-Pfeifen? Das hat sonst immer nach nichts geschmeckt. Ich mache den Mund zu und schlecke im Mund mit der Zunge. Sand, Erde und Steinchen. Das alles hab ich im Mund. Woher kommen denn diese Sachen? Ich hab doch keine Erde gegessen. Egal, das klär ich später. Jetzt muss ich wieder hoch auf die Beine kommen um Nemo zu mir zu holen.
Ich drücke ganz fest mit Hand und Arm auf den Stein und dabei frage ich den fremden Mann: „Könnten Sie mir bitte einfach ein bisschen helfen?“
Liegenbleiben, Sie bleiben liegen!
Warum schreit der denn so und warum soll ich hier auf der Erde liegen bleiben?
Was macht er denn jetzt? Mit wem spricht er denn da? Ich will nur Nemo suchen.
Bleiben Sie hier!
Ich könnte Ihnen meine Handynummer da lassen!
Das ist ja eine Frau die mit dem fremden Mann spricht! Ist also noch jemand hier! Super, die Frau könnte mir doch einfach nach oben helfen!
Hallo! Hallo! Ich muss meinen Hund suchen! Wo ist mein Hund?
Ihr Hund ist in Sicherheit! Bleiben Sie liegen!
Welche Sicherheit? Warum Sicherheit? Mein Hund ist davongelaufen. Ich drück mich nochmal ganz fest nach oben von der Erde weg.
Nein! Liegenbleiben!
Und Sie, bleiben Sie hier und warten Sie hier!
Aber ich könnte doch mein Handy hier lassen. Ich komme gleich wieder!
Warum will die Frau, die ich aus einiger Entfernung laut rufen höre, ihr Handy hier lassen? Und warum will sie gleich wiederkommen?
Nein, bleiben Sie hier! Sie warten hier!
Bleiben Sie liegen! Ihrem Hund geht es gut!
Gut? Warum geht es Nemo gut, wenn er nicht hier bei mir ist? Bei dem fremden Mann ist er auch nicht, sonst wäre Nemo jetzt ganz nah bei mir und würde mir mein Ohr abschlecken, weil ich ja unten auf dem Erdboden liege. Nemo ist davongelaufen, der Mann lügt. Warum sehe ich eigentlich nichts?
Ich lasse meinen Kopf auf weiche Erde fallen, meine Hand bleibt auf dem kalten Stein. Meine Zunge schiebe ich etwas raus. Ich spüre feuchte Kälte an der Zunge und den Geschmack vom Nemo-Pfeifen. Das ist Erdgeschmack.
Ich spüre Tränen und ein heftiges Brennen im Auge. Ich lege meinen Kopf auf die Seite nieder in die kalte Erde. Ich jammere: Ohjeh es geht nichts mehr. Ich winsele ein bisschen. Ich merke, dass meine Nase brennt wie Feuer und was warmes raus läuft.
Jetzt höre ich wieder was. Da spricht eine Frau. Ist das die mit dem Handy? Ich weiß es nicht und ich verstehe nicht was sie sagt. Vielleicht spricht die mit mir.
Meine Frau ist nicht da. Sie ist Zuhause. Ich bin allein mit Nemo hier herumgelaufen. Und jetzt? Mit mir ist was los! Ich bin nicht mehr in Ordnung. Meine Frau muss das wissen. Mein Kopf liegt auf der kalten Erde und Nemo ist nicht bei mir. Ich muss Zuhause anrufen. Meine Frau muss Bescheid wissen.
Bitte meine Frau anrufen! Meine Frau heißt Susanne. Die Telefonnummer ist 123456789. Bitte rufen Sie meine Frau an, sie muss Bescheid wissen, dass ich hier liege und Nemo weggelaufen ist! Danke!
Es ist sehr dunkel. Die Erde schmeckt sehr bitter. Ich liege gut auf ihr. Das ist mein Leben gewesen auf dir Erde. Ich darf jetzt auf dir noch ein bisschen liegen, ganz weich fühlt sich das an. Mein Kopf liegt gut. Ich bin ganz nahe an dir dran Erde. Ich kann dir jetzt tschüss sagen, mich von dir noch verabschieden. Tschüsschen Erde! Ganz kalt bist du und nass. Ich darf dich nochmal berühren. Ich darf zum Schluss meinem Kopf noch auf dich legen. Das ist gut so. Danke für alles Erde!
Es ist ganz ruhig geworden und stockfinster. Vielleicht ist jetzt wirklich keiner mehr da.

Tarack, tarack, tarack.

Warum nochmal das Riesenpferd mit der Reiterin? Ich bin doch schon hier unten mit dem Kopf und habe der Erde tschüsschen gesagt! Da sehe ich sie wieder. Sie galoppiert vor mir. Sie kommt direkt auf mich zu. Ihr Haar fliegt hoch. Ihre dunklen Stiefel stehen vom Pferd ab. Jetzt ist sie ganz nah. Ruft sie mir da etwas zu? Ich höre etwas. Meint sie mich? Aber nein sie ruft jemand anderem zu. Sie sieht mich ja gar nicht an. Ich bin nicht gemeint, denn ich liege ja mit meinem Kopf in der Erde.
Alles ist weg: Kein Sehen, kein Hören, kein Riechen. Keine Schmerzen. Nichts. Es geht mir gut hier. Nichts tut weh. Ich hab nichts mehr. Das ist richtig gut. Endlich Ruhe.
Machen Sie die Augen auf! Hallo, Hallo können Sie mich hören? Können Sie die Augen öffnen? Haben Sie hier schmerzen? Langsam! Jetzt auch noch rechts aus der Jacke. O.k., das geht. Nun die Infusion. Können Sie das Bein bewegen? Haben Sie hier Schmerzen? Spüren Sie das?
Ja. Ahh, tut weh.
Wo?
Unten am Fuß.
Schere bitte!
Danke!
Schnipp, schnipp, schnipp, schnipp.
Wo ist mein Hund?
Ganz ruhig, ihrem Hund geht es gut.
Infusion o.k.?
Ich brauche nichts. Mein Hund, wo ist er?
Es geht gut, ganz ruhig! Ihrem Hund geht es gut.
O.k., fertig! Eins, zwei, drei.
Schrrrr, schrrrr, schrrrr.
Langsamer hoch, und näher zu mir!
O.k. Jetzt Reißverschluss: Rrrrrr,rrrrrr.
Gut, aber Achtung, die Infusion höher und den Arm noch stärker anwinkeln.
O.k. Fixieren! Alle startklar? Alle o.k?
Dann los vorwärts.

Weil ich überlebt habe, kann ich anderer Meinung sein, als die Staatsanwaltschaft am Landgericht München II. Weil ich überlebt habe, kann ich dieses Buch schreiben.

Am Samstag, 26.11.2011 war ich um 14:34 Uhr draußen auf der kleinen Straße vor meinem Wohnzimmerfenster unterwegs. Heute kann ich wieder lesen. Das tue ich, indem ich mir das formelle Schreiben der Münchner Staatsanwaltschaft vom 17.02.2012 mit Hilfe meiner Leselupe, die ich seit dem Unfall brauche, genau ansehe.

Heute kann ich wieder in meiner Wohnung an der Straße, auf der ich von einem Pferd überrannt wurde, sitzen und hinaus auf die vorbei laufenden Menschen blicken, denn meine Schädelbrüche wurden erfolgreich im Münchner Schwabinger Krankenhaus operiert. Nachdem mich die junge Reiterin mit ihrem Pferd überrannt hatte, endete meine Hirnblutung im Krankenhaus zu meinem Glück nicht tödlich. Meine Retter waren schnell am Unfallort um mir die Kleidung vom Leib zu schneiden, mir die nötigen Infusionen anzulegen und mich in das Krankenhaus zu bringen. Deshalb kann ich heute lesen, dass es eine junge Frau war, die auf der kleinen Straße mit „secret gun“ galoppierte und mich, von hinten schnell heran rasend, einfach überrannte. Ich lese und bin froh, dass ich wieder sehen und lesen kann, auch wenn ich die Brille wegen der Schmerzen im Gesicht nur für sehr kurze Zeit aufsetzen kann.

30.11.2011, 14:30 Uhr, Bügelschnitt

Zwei Chirurgen schneiden mich am 30.11.2011 um 14:30 Uhr über meinen Kopf von einem Ohr zum anderen auf. Ein Teil meines „Skalps“ wird mir nach vorne über das Gesicht gezogen. So können sie meine eingebrochene Augenhöhle rechts, meine Brüche oberhalb der Augenhöhle links, eine Folie hinter meinem rechten Augapfel, mein Nasenbein, Brüche in meiner Schädeldecke und das Loch in meinem Kopf mit dem Metall Titan zusammenflicken.

Ein „Bügelschnitt“ wird am Kopf von einem Ohr zum anderen geführt. Damit kann an der vorderen Schädeldecke operiert werden. Die Haut und die Haare werden sozusagen, als würde man „skalpiert“, nach vorne ins Gesicht „abgelöst“ um die Brüche im oberen Gesichtsbereich und am Auge zu operieren. Eine knappe Woche nach der OP, am 05.12.2012 sehe ich deshalb so aus.

26.11.2011, 14:34 Uhr, Zufall

Mein Überleben spielt keine beabsichtigte Rolle. Es ist reiner Zufall. Ich lerne am 26.11.2011, dass es keine Garantie gibt, es nicht sofort zu verlieren. Das Leben könnte also tatsächlich ein Geschenk von irgendjemandem sein. Das Geschenk kann ausgelöscht werden, obwohl ich es immer gepflegt habe. Es kann trotzdem sein, dass ich Samstagnachmittags in der Sonne des Novembertages spazieren gehe und plötzlich alles vorbei ist. Darüber habe ich mir noch nie ernsthafte Gedanken gemacht. Am Morgen des 27.11.2011 ist es soweit. Ich wache im Münchner Schwabinger Krankenhaus in der Intensivstation der Unfallchirurgie auf. Ich merke, dass ich lebe. Ich habe kaum Schmerzen, denn ich hänge an der Infusion mit Cortison. In meinem gebrochenen Kopf habe ich an meinem ersten Tag, nach dem ich mir sicher war, gestorben zu sein, genau diese Gedanken.

Das Münchner Landgericht erkennt in der Verfügung vom 17.02.2012 zur Einstellung meines Strafantrages wegen fahrlässiger Körperverletzung folgendes:
Das Pferd „secret gun“ galoppiert am Samstag 26.11.2011 um 14:34 Uhr, samt junger Reiterin auf schmaler Straße am nördlichen Münchner Stadtrand. Die Reiterin versucht alles, um „secret gun“ zu stoppen. Sie hat Reitabzeichen, Reitpässe und Papiere, die sie qualifizieren so ein großes Pferd zu reiten. Sie ist eine, die Pferde zur Dressur ausbildet.
Genug Beweis, dass deren Galoppieren mit „secret gun“ auf der öffentlichen Straße keine Fahrlässigkeit darstellt. Für die Münchner Staatsanwaltschaft soweit erledigt, um meinen Strafantrag abzuweisen und meine Akte zu schließen.

Das Landgericht München II legt am 17.02.2012 meinen Strafantrag zu den Akten:
„… ein Nachweis eines Fahrlässigkeitsvorwurfes ist im Hinblick auf die Verletzungen des Geschädigten nicht zu führen.“
Es liegt nicht in öffentlichem Interesse, dass strafrechtlich verfolgt wird, wenn ein Mensch auf der Straße von einer Reiterin mit Pferd so zugerichtet wird, wie ich am 26.11.2011 um 14:34 Uhr zugerichtet wurde.

Eine Sekunde:

Meine zertrümmerte Armbanduhr, die ich von der Krankenhausverwaltung in einer Klarsichthülle zurück bekomme, zeigt den Zeitpunkt am 26.11.2011 exakt an. Eine schreckliche Sekunde für mich, aber auch für die Frau auf dem hohen Ross und für „secret gun“. Sie verändert mein Leben, „secret gun“ reitet heute weiter, genauso wie die Reiterin. Statistisch gesehen gibt es meinen Unfall marginal selten. Juristisch bleibt er folgenlos. Es ist der größte Crash meines bisherigen Lebens. Ich lebe weiter, ein sehr schöner Zufall.

26.11.2011, 14:33 Uhr, Galopp

Ein großes Pferd galoppiert nicht gerne auf einer geteerten Straße. Ich höre das. Es hört sich schmerzhaft an. Immer wenn ich das höre, denke ich, dass es dem Pferd sehr weh tut, denn das Geräusch ist sehr laut und es wirkt äußerst schwerfällig. Sein hohes Gewicht nimmt dem Tier auf der geteerten Straße die Leichtigkeit, die dem schnellen Galopp inne wohnt, wenn es in hohem Tempo über flaches Land galoppiert. Das schwere Schlagen der Pferdehufe auf einer Teerstraße dagegen ist laut, wie ein brutales Trommeln.

So ein Trommeln liegt mir seit dem Unfall immer wieder im Ohr. Ich lerne damit umzugehen. Ich muss mich, wenn das trommelnde Galoppieren los geht, sofort von meinen dann kommenden Gedanken an die Gefahr die mir droht, lösen. Ich muss mich umschauen und an etwas in meiner Umgebung festhalten. Das kann ein Haus sein, das ich beim Spazierengehen sehe. Es kann die Farbe eines parkenden Autos sein, es kann alles sein. Ziel ist es, dass ich mich in die Realität zurück hole. Das Hier und Jetzt muss es sein, wohin ich mich zurück bringe, damit das trommelnde Galoppieren in meinem Kopf und in meinen Ohren so schnell wie möglich aufhört. Ich habe das in der Klinik lange geübt. Mit viel Aufmerksamkeit und Willen funktioniert es.

Die Reiterin bringt das Tier dazu, von dem weichen Feldweg in vollem Galopp auf die geteerte Straße zu rennen. Das Pferd, wenn es schon gezwungen ist, in diese Richtung zu laufen, will aber lieber in dem platten Acker neben der geteerten Straße rennen. Was man tun muss, um das zu verhindern, wie man das Pferd zwingt auf dem harten Teer zu galoppieren, statt direkt neben der Straße auf dem Acker? Ich weiß es nicht, denn ich reite nicht.

Es ist durchgegangen. Irgend etwas hat das Tier wohl aufgeschreckt und in Panik versetzt. Es flieht. Die Reiterin scheint die Kontrolle verloren zu haben. Ihre Haltung sieht aus, wie die eines unkontrollierbar hinauf wirbelnden Haarschopfes. Es ist kein Sitzen, was die Reiterin da macht. Es sieht aus, als versuche sie sich mit aller Macht, vielleicht sogar mit Gewalt, auf dem Pferd zu halten. Auf den Galopp scheint sie keinen Einfluss mehr zu haben.

Die Reiterin ist im Umgang mit Pferden gut ausgebildet. Jetzt versucht sie alles, um das Pferd zu stoppen. Sie will das Tier wieder kontrollieren. Doch es rast weiter auf dem Feldweg. In dieser Richtung mündet der Weg auf eine kleine Straße. Die Reiterin nimmt das in Kauf. Ihr Pferd rennt jetzt schwer galoppierend auf den harten Teerbelag der Straße.

Sie hat das Pferd von einer Freundin geliehen, die sie auf einem anderen Pferd begleitet. Am sonnigen Samstagnachmittag sind die beiden Frauen mit den Pferden unterwegs. Der Novembertag ist trocken, die Sonne steht am frühen Nachmittag schon tief im Süden.

Mein Weg führt mich in Richtung Süden und Sonne. Ich lasse den Feldweg hinter mir und laufe mit Nemo, meinem Hund, einige Schritte auf der kleinen Straße. In der Sonne glänzt ein Auto. Es nähert sich langsam. Es bleibt in der Mitte der Straße, direkt neben mir stehen. Ich glaube, der Fahrer will eine Frage an mich richten. Plötzlich läuft mein Hund schnell und flink sehr weit voraus. Das ist mir viel zu weit. Er rennt am rechten Straßenrand in Richtung Sonne davon:
„Nemo! Nemo! Hiiieer! Hiiier! Sofort zu mir!“

Ich höre den Fahrer im Wagen neben mir. Er fragt mich:
„Wo geht es denn hier zum Zentrum?“

Merkt der denn nicht, dass ich gerade nach meinen Hund rufe? Ich sehe Nemo am rechten Straßenrand. So weit und so schnell rennt er sonst nie davon.

Die Unfallstelle nahe der nordwestlichen Münchner Stadtgrenze. Fotografiert am 13.12.2011.
Hier ist nicht genügend Platz, um ein galoppierendes Pferd durch eine erfahrenen Reiterin auf das freie Feld neben die Straße zu führen, damit das Pferd nicht mit mir kollidiert, während ich auf dieser Straße neben einem Auto stehe.
Deutsches Recht macht es möglich:
Mein Leben hing am Samstagnachmittag am seidenen Faden, weil auf dieser Straße eine qualifizierte Reiterin auf einem durchgegangenen Pferd namens „secret gun“ galoppierte. Sie hat das deutsche Reitabzeichen. Sie hat versucht das Tier zu stoppen. Mein Strafantrag landet im Keller der Münchner Staatsanwaltschaft. Die Reiterin hat alles richtig gemacht, dass sie mich auf öffentlicher Straße überrennt ist für die Münchner Staatsanwaltschaft keine fahrlässige Körperverletzung.
Heute begreife ich, warum Menschen in Deutschland an diesem Rechtsstaat zweifeln, obwohl ich weiß, dass wir in Deutschland eines der weltweit besten Rechtssysteme haben.

11.07.2012, 14:00 Uhr, in die Klinik

Heute bringt mich meine Frau in die Klinik. Zuvor sehen wir uns das Haus von Frau Schlosser in der Nähe an. Dort kann meine Frau übernachten, wenn sie mich am Wochenende besucht. Der Abschied von ihr und von unserem Hund fällt mir sehr schwer. Aber ich weiß, dass die Klinik wichtig für mich ist. Wir haben das lange besprochen.


15:00 Uhr

Ich beziehe ein schönes kleines Zimmer. Es ist hell und sehr sauber. Leider sehe ich nicht hinaus zum See, denn ich bin Kassenpatient. Immerhin habe ich Blick auf grüne Bäume. In der Nähe höre ich eine Straße.


15:30 Uhr

Ich bin aufgeregt. Frau S. Ist sehr ruhig. Das beruhigt auch mich. Deshalb denke ich, dass alles gut wird. Ich werde lernen, mich hier zurechtzufinden. Das zu denken beruhigt mich. Ich erfahre einiges über den Klinikablauf, bekomme viele Papiere, die ich lesen werde, und Papiere, die ich unterschreiben werde. Ich höre, dass ich gegen 17:30 Uhr von einem Mitpatienten abgeholt werde. Der soll mich zum Abendessen begleiten. Das sei doch eine sehr gute Idee, findet Frau S. Das Aufnahmegespräch mit Frau S. finde ich angenehm.

16:30 Uhr

Ich lese in der Präambel der Klinik, dass es im gegenseitigen Umgang der Mitpatienten sehr wichtig ist, freundlich zu sein. Die Zimmer der Patienten sind deren Rückzugsraum. Da hat kein anderer Patient Zutritt. Ich lese, dass Rauch und Alkohol Suchtmittel sind, welche die Arbeit an der Krankheit erschweren. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich, was ich lese als Anschlag auf meinen geistigen Anspruch begreifen könnte. Ich denke daran, dass mein Geist, vor allem dessen Niveau seit dem Unfall anders geworden ist.
Alkoholkonsum ist also verboten, das Rauchen geht nur in einer Raucherzone außerhalb des Klinikgeländes. Ich denke nicht daran, dass dies in einer Klinik selbstverständlich ist, sondern versuche mir Menschen vorzustellen, die das nicht denken. Beides, Rauch und Alkohol, brauche ich nicht. Ich bin deshalb mit dem Selbstverständlichen voll einverstanden.

Ich sehe durch meine Leselupe, dass Beziehungsarbeit und dafür nötiges Vertrauen sehr wichtige Dinge sind. Da denke ich „aha“. Viele Patienten haben negative Erfahrungen betreffend Beziehungen gemacht. Deshalb sei die Fähigkeit zur Abgrenzung dringend von Nöten. Das könne dazu beitragen, im Falle einer intensiven Beziehung zwischen Patienten, den Übergang zu einer sexuellen Beziehung zu verhindern. Ich denke „oh ja?“. Denn Sex zwischen Patienten werde keinesfalls geduldet. Kein Patient kann weiter in der Klinik verbleiben, der zu einem Mitpatienten eine sexuelle Beziehung habe. Ich denke „soso“. Meine Frau hat gesagt, dass die Sache mit dem „Kurschatten in solchen Kliniken“ durchaus ernst zu nehmen sei. Ich denke jetzt nicht an meinen Kopf und dem was darin vorgeht, sondern ich spüre meine Schmerzen an meinem Kopf, unterschreibe die Präambel und lege mich aufs Bett.


17:35 Uhr

J. bietet mir das Du an und meint, dass das auf der Station ganz üblich sei. J. macht einen entspannten Eindruck. Ich bin einverstanden. J. führt mich durch die verschiedenen Bereiche der Klinik. Er ist seit 5 Wochen da und findet das ganz wunderbar. Neuankömmlinge haben damit leichter die Möglichkeit, das Haus und die Abläufe kennen zu lernen.
Ich denke er meinte seine fünf Wochen waren ganz wunderbar. Ich merke, dass Missverständnisse, denen ich seit dem Unfall ständig begegne, manchmal gleich von mir bemerkt werden. Ich frage deshalb, ob J. die fünf Wochen in der Klinik auch wunderbar findet.
Mein Hirn wurde zum Glück nicht verletzt. Zumindest nicht offensichtlich. Ob das Schädel-Hirn-Trauma vielleicht eine Vielzahl von feinsten elektronischen Nervenverbindungen durcheinander gebracht hat, wurde bei mir nicht untersucht. Ich merke aber seit dem Unfall oft, dass ich Leute wie J. und deren Witze weniger verstehe, als vor dem Unfall. Weil ich das erkenne, bemühe ich mich sehr genau zuzuhören, um die Menschen wieder besser zu versehen und an der ein oder anderen Stelle wieder mit lachen zu können.

Ich erfahre von J., dass er begeisterter Musikliebhaber ist. Leider spielt er kein eigenes Instrument. Im Ergometerraum empfiehlt J. das Strampeln auf diesen Fahrrädern. Eine leichte Sportart, wie das Radfahren wäre vielleicht was für mich. Der Unfall lässt es tatsächlich nicht zu, dass ich bewegungsintensiven Sport treibe, denn dabei wird mir schnell Schwindelig. J. meint, er kenne jemanden mit einer Neuropathie, das „muss schon sehr heftige Schmerzen machen“.

Zum Schluss bring mich J. zum Abendessen in den Speisesaal, wo er mir den Ablauf erklärt, und mich der Buffet-Chefin vorstellt. Die weist mir einen Platz zu. Dort sitze ich allein, denn die drei anderen Tischgenossen sind schon mit dem Abendessen fertig.

19:00 Uhr

Ich fühle mich in einer anderen Welt. Die Klinik, meine Ankunft hier, hat mich aus dem Alltag Zuhause genommen. Ich bin in einem geschlossenen System gelandet. Es ist ein bisschen, wie nach dem Unfall in der Unfallchirurgie. Hier herrschen eigene Regeln, die mit der Außenwelt nicht besonders kompatibel sind. Ich fühle mich sogar wieder ein wenig mehr krank, als ich es bin.

Ich lenke mich von meinen Gedanken ab, gehe hinaus und repariere am Fahrrad herum, das ich mit gebracht habe. Ich schließe die Vorderradbremse wieder an und drehe ein paar entspannende Runden am nahen See und am Hafen. Ich bin froh, dass ich das Rad dabei habe, es erinnert mich an Zuhause. Dort übe ich das Radfahren täglich um meinen Gleichgewichtssinn zu trainieren. Mit dem Rad gewinne ich einen schnellen Überblick über den Ort und die Umgebung.

Wie die Möwen, die ich am See bei der Klinik sehe, habe ich mich für den Klinikaufenthalt startklar gemacht. In der Klinik packt mich jetzt aber doch meine Aufregung über das, was mich dort erwartet. Ich will dort lernen, was mit mir geht, um gesunder zu werden. Ich habe schon viele Fortschritte gemacht. Die Klinik ist dringend nötig, denn sie soll mir darüber mehr Klarheit bringen, wie ich mit den Unfallfolgen in meinem Alltag künftig besser umgehen kann.

12.07.2012, 04:30 Uhr, nächtliche Reiterin

Neben mir steht ein Auto. Es hat eine goldene Farbe. Es glänzt in der Sonne. Darin sitzen zwei Männer. Der Fahrer fragt mich etwas. Ich sehe den Mann nicht an. Ich schaue in meine Laufrichtung nach Süden zur Sonne. Sie steht sehr tief und blendet mich. Vor mir, in der Sonne sehe ich rechts unseren kleinen Hund davon rennen.

Nemo hat gar nichts vom Fisch aus dem Film, doch die Kinder suchen nach Ähnlichkeiten.

Kinder haben mich oft nach dessen Namen gefragt.
Ich sage:
„Nemo“.
Die Kinder fragen:
„So wie der Fisch?“
Ich sage:
„Ja, wie der Fisch. Aber wie hieß der Film noch gleich?“
„Findet Nemo!“, rufen die Kinder und lachen.


Ich kenne den Film nicht. Aber ich finde es gut, dass unser Hund so heißt, denn die Kinder bleiben deshalb meist noch ein bisschen stehen und schauen Nemo zu. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ein Kind sich Nemo ganz genau ansieht, um sich zu versichern, dass er nicht doch vielleicht der Fisch aus dem Film ist. Nemo hat aber gar nichts von dem bunten Fisch. Er ist schwarz, braun und weiß. Er ist ein kleiner Bordercollie-Mischling.

Ich sehe Nemos hängende, schwarze Ohren. Ich mag diese Ohren, denn sie fühlen sich sehr weich an. Nemos Fell ist an den Ohren ganz glatt. Ich habe Nemo daran schon oft geärgert.

Wenn er sich abends, beim Fernsehgucken, auf dem Sofa in der Mitte zwischen meiner Frau und mir breit macht, dann kann ich ihn an den Härchen, die oben an seinen Ohren in die Luft stehen, leicht anstupsen. Nemo zuckt daraufhin mit dem Ohr. Mache ich das drei, vier Mal hintereinander, nervt es Nemo. Er dreht sich zu mir, schaut mich an, als sei er erbost darüber, welche Frechheit ich mir leiste.

Nemo kennt mein Spielchen. Einer wie er, der sich immer den Platz mitten drin zwischen uns auf dem Sofa nimmt, muss ein bisschen genervt werden und auf Trab gehalten werden. Das ist halt mal so, wenn ein Hündchen versucht, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Da wird man eben nicht einfach in Ruhe gelassen, sondern die Chefs melden sich mit lustigen und manchmal nervigen Spielchen. Irgendwann ist Nemo so genervt, dass er lieber in sein Körbchen geht.

Nemos Ohren hüpfen rhythmisch auf und ab. Ich rufe Nemo, doch er reagiert darauf nicht. Ich höre den Mann, der aus dem Autofenster heraus fragt:
„Wo geht es zum Zentrum?“
Nemo rennt immer weiter Richtung Sonne. Ich rufe ganz laut und entschlossen nach ihm.


Plötzlich höre ich extrem laut, direkt hinter mir ein irres Geräusch:
„Taracktaracktarack“.
Eine Frau schreit. Sie hat eine sehr hohe Stimme. Sie kreischt. Ich kann sie nicht verstehen. Die Pferdehufe sind viel zu laut, um zu verstehen. Ich muss wissen, was da ist und was die Frau schreit. Warum ist plötzlich so lautes Hufeschlagen hinter mir? Sekunden zuvor war es noch totenstill. Ich drehe mich nach rechts um. Ich will herausfinden, was hinter meinem Rücken los ist. Während ich mich drehe, sehe ich Nemo, wie er zur Sonne rennt.

Es ist ein riesiger Körper. Rechts und links stehen Beine in Stiefeln wie Flügel ab. Sie bewegen sich auf und ab. Ich sehe daran fliegende Schnüre oder Drähte, vielleicht kurze Seile. Oben an dem gigantischen Körper sehe ich eine schmale Spitze. Ein heller Menschenkopf mit langem Haar. Es weht im Wind. (3)

(3) Flashbacks habe ich oft Nachts, besonders Morgens in der Aufwachphase. Ich habe ein sehr gutes Fachbuch darüber gefunden. Es ist das Handbuch der Psychotraumatologie, das 2011 im Klett Cotta Verlag erschienen ist (ISBN: 978-3-608-94665-9). Zum Buch gibt es auch eine Webseite: http://handbuch-psychotraumatologie.de/

12.07.2012, 04:40 Uhr, Träume und Schübe

Ich schwitze. Das Fenster im Zimmer ist offen. Mein Herz klopft, es scheint zu rasen. Draußen höre ich ein Auto, in dem Gas gegeben wird. Es entfernt sich. Ich liege auf dem Rücken und atme hastig. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. Das hilft mir, um mich zu beruhigen.

Schmerzen im Gesicht, ein starker Schmerzschub rund ums rechte Auge.

Weil mich das Pferd in das Feld geschleudert hat, sehe ich auf dem rechten Auge schlecht. Die Hälfte meines oberen, rechten Gesichtsfeldes ist seitdem schwarz. Ich weiß nicht, ob die Schmerzen auch mit dem Sehnervschaden zu tun haben.
Die Ärzte sagen: Nein. Überhaupt sagen mir nur Schmerztherapeuten, dass es solche Nervenschmerzen im Gesicht gibt, wie ich sie schildere. Die Chirurgen sind der Meinung, dass alles bestens verlaufen und verheilt ist und dass sie mit Nervenschäden im Gesicht nichts zu tun haben.

Seit dem Zusammenprall mit dem Pferd und den Brüchen meiner Augenhöhlen habe ich eine Trigeminusneuralgie. (4) Es handelt sich um Nerven, die im Gesicht verlaufen. Die Schäden und Schmerzen spüre ich von der Stirn ums Auge entlang der Wange, Nase, dem Oberkiefer. Trotz täglicher Einnahme von Antileptika (5) kommen unvermittelte Schmerzschübe.

(4) Symtomatische Trigeminusneuralgie: Was das ist, weiß ich erst, seitdem ich in Folge des Unfalls extreme Schmerzen und Schmerzschübe in der rechten Gesichtshälfte habe. Einen erklärenden Einstieg bietet Wikipedia, von wo aus ich zu hunderten Seiten finde, die das ganze Spektrum meiner „Wahnsinnsschmerzen“ im Gesicht durchleuchten. http://de.wikipedia.org/wiki/Trigeminusneuralgie

(5) Antileptika: Dass diese auch bei Schmerzschüben eingesetzt werden, weiß ich erst, seitdem ich damit behandelt werde. Ich nehme das Medikament Gabapentin in täglicher Dosis von bis zu 3600 mg. Das bewirkt, dass die extrem schmerzhaften Spitzen, der mehrmals stündlich kommenden Schübe deutlich abgeschwächt werden. Mein Arzt sagt, dass ich froh sein kann, dass dieses Medikament bei mir überhaupt wirkt.

07:30 Uhr.
Ich sitze allein. Vom reichhaltigen Buffet esse ich Quark und Käsebrötchen. Später setzt sich Frau W. zu mir. Sie hat die Süddeutsche Zeitung unterm Arm. Sie stellt sich freundlich vor. Sie kommt aus W. Ich spreche mit ihr über W. und München, von wo ich komme. Wir beide beschweren uns über die hohen Preise für Wohnungen und Häuser. Bei wem wir uns beschweren, weiß ich nicht. Später kommt noch eine weitere Mitpatientin, es ist A., sie stammt aus I. Sie erzählt, dass sie im schöneren Teil der Stadt im Südwesten wohnt.

12.07.2012, 08:15 Uhr, der „innere Kritiker“

Ich warte im fünften Stock vor dem Zimmer von Herrn Dr. A., bei dem ich um 8:15 Uhr ein Gespräch habe. Herr Dr. A. ist nicht da. Deshalb gehe ich in den dritten Stock zum sogenannten Stützpunkt, um zu fragen, wo Herr Dr. A. ist. Dort werde ich von einer, mir noch nicht bekannten Dame mit meinem Namen begrüßt. Das erstaunt mich, denn ich bin nicht einmal vierundzwanzig Stunden da.

Herr Dr. A., der Herr, der gerade in sein Postfach schaut, beachtet mich zunächst nicht. Er ist konzentriert damit befasst Blätter zu sortieren.
Ich denke daran, wie ich vor dem Unfall jeden Morgen an meinem Fach im Kopierraum stand und dort geschäftig meinen Posteingang durch scannte, um Papiere, die mir eindeutig nicht zuzuordnen waren, gleich den Kolleginnen ins Fach zu schieben. Ich denke auch daran, dass Herr Dr. A. vielleicht jeden Morgen einige Minuten zu spät kommt, weil er, so wie ich es viele Jahre lang getan habe, erst sein Postfach sichtet und sortiert, um später zu bearbeiten, was priorisiert werden muss

Ich hatte bis zum 26.11.2011 einen interessanten Arbeitsplatz. Ich war stellvertretende Leitung eines sogenannten Sachgebietes in einem Amt der Stadt München. Dort war ich dafür zuständig, sowohl mit Finanzdaten und städtischen Fördermitteln, als auch mit Kolleginnen eines Teams von Verwaltungskräften professionell um zu gehen. Es war eine abwechslungsreiche Arbeit, die im politischen Kontext stand. Viele Dinge, die ich tat, mussten in der Regel mittels sogenannter Stadtratsanträge ein Verfahren durchlaufen, das es den Stadträten ermöglichte eine transparente, sachlich und fachlich kompetente Entscheidung zu treffen. Die Arbeit kann ich seit dem Unfall nicht mehr machen, denn die dauerhaften Schmerzen nehmen dann extrem zu, wenn ich Stress wie etwa Zeitdruck ausgesetzt bin.

Ich setze mich jetzt hinter den Glaskasten, in dem Herr Dr. A. in seinem Postfach Papiere sortiert. Ich habe nichts anderes zu tun, als zu warten. Das finde ich eigentlich ganz gut, denn es wirkt auf mich, als sei ich durch nichts belastet. Das wiederum weckt meine Frage, warum ich hier bin, und dann kommt die kritische Frage, ob mein „Hiersein“ überhaupt berechtigt ist. (6)

(6) Mein innerer Kritiker:
Wenn ich in eine Internetsuchmaschine die Worte „Innerer Kritiker“ eingebe, finde ich Webseiten, Bücher, Videos, Tonträger über meinen „inneren Onkel“. Der ist ständig mit mir unterwegs. Pausenlos quatscht er auf mich ein. Er behauptet, dass ich es nicht wert sei, etwas in Anspruch zu nehmen. Er fragt permanent, ob ich genügend dafür geleistet habe. Den Kerl mal für eine Zeit weg zu sperren fällt mir sehr schwer. Doch wenn mir das für Minuten gelingt, wird mir klar, dass ich guten Grund habe, in der Klinik zu sitzen und zu warten um die Leistungen des Krankenhauses in Anspruch zu nehmen: Ich hatte einen schweren Unfall.

12.07.2012, 08:25 Uhr, die spezifische Beschäftigung von Kranken

Das Warten ist eine spezifische Beschäftigung, der zu unterliegen ich mich seit dem Unfall in vielfältigen Situationen gewöhnt habe. Auf Dr. A. muss ich nur wenige Minuten warten.

Ich erinnere mich an vier Stunden langes Warten, das ich in der Augenarztpraxis im Münchner Schwabinger Krankenhaus zubringen musste. Ich wurde dort hin bestellt, um nach der Operation noch einmal wegen meiner Augen kontrolliert zu werden.
Ich war bereits aus dem Krankenhaus entlassen. Man hatte mich bestellt, warten lassen und vergessen. Die Kopf-Operation war erst zwei Wochen her. Mir fehlte die Kraft, mich energisch durchzusetzen. Nach vier Stunden raffte ich mich matt und müde auf. Ich hatte meine Tabletten zu Hause gelassen, denn ich dachte nicht daran, dass ich so lange warten musste. Meine Schmerzen am Schädel wurden sehr stark. Nachdem ich auf mich aufmerksam gemacht hatte, hat man mich untersucht, stellte fest, dass mein Visus stabil sei und schickte mich nach zehn Minuten nach Hause.

Den „stabilen Visus“ erwähnt das Krankenhaus in einem meiner Befund-Berichte. Das wiederum veranlasst die Anwälte der Tierhalterhaftpflichtversicherung heute, schriftlich bei Gericht festzustellen, dass ich bei dem Zusammenprall mit dem Pferd gar keinen Schaden am Auge erlitten hätte. (7) Es interessiert die Versicherungsanwälte nicht, dass ich eindeutig auf Grund des Zusammenpralls mit dem Pferd einen Gesichtsfeldausfall im oberen Bereich des rechten Auges habe, dort also nichts mehr sehe, wegen einem eindeutigen Sehnervschaden. Die Ärzte meinten mit „… zeigte sich der Visus stabil“, dass sich daran nichts verändert hat.

(7) Im Antrag auf die Abweisung meiner Klage auf Schadensersatz, wegen meiner schweren Unfallverletzungen, schreiben die Anwälte (Tierhalterhaftpflichtversicherung der Pferdebesitzerin) am 22.05.2012 u.a. an das Landgericht München:
„Bei der augenärztlichen Kontrolle zeigte sich der Visus stabil …“
und weiter:
„… Soweit eine beginnende Optikusathropie festgestellt wurde, wird bestritten, dass diese auf den Unfall zurückzuführen ist“.

12.07.2012, 08:35 Uhr, Begründungen

Dr. A. ist sehr freundlich. Er befragt mich nach dem Grund, der mich in die Klinik führt. Ich frage, wo ich ansetzen soll.
Wie viel hat Dr. A., von dem gelesen, was ich in den Aufnahmebogen geschrieben habe? Ich frage, ob er meine Befunde kennt, die ich vor Monaten in die Klinik geschickt hatte. Die Unterlagen kennt Herr Dr. A. nicht, deshalb soll ich von ganz vorne berichten. Also erzähle ich, was meinen Aufenthalt in der Klinik begründet:

Ich war am 26.11.2011 um 14:34 Uhr auf einer kleinen Straße nahe einem Feldweg spazieren gegangen. Während ich gerade neben einem Auto stand, aus dessen Fenster heraus mich ein Autofahrer nach dem Weg fragte, hörte ich plötzlich in meinem Rücken das rhythmische Schlagen galoppierender Pferdehufe. Der Autofahrer fragte:
„Wo geht es ins Zentrum?“
Wegen des Hufeschlagens drehte ich mich um. Da sah ich ein riesiges galoppierendes Pferd mit Reiterin unmittelbar vor mir. Ich wurde sofort überrannt, ins Feld geschleudert und verlor das Bewusstsein. Deshalb bin ich hier.“

Ich darf hier in der Klinik sein, denn ich bin schwer verletzt worden. Mein „innerer Kritiker“ hält jetzt einfach mal die Klappe!

12.07.2012, 10:45 Uhr, beobachten, ohne den inneren Onkel

Bei der Aufmerksamkeitsmeditation merke ich, dass es möglich werden könnte, Schmerzen, die der Unfall in meinem Gesicht verursacht hat, zu beobachten. Die Idee finde ich interessant, denn sie bedeutet, dass ich mich darauf einlassen müsste, meine Schmerzen nicht zu bekämpfen oder zu versuchen, sie zu verdrängen, sondern ich würde lernen, die Schmerzen zu spüren, um einfach festzustellen, dass sie da sind. Ich würde keine Energie mehr dafür verbrauchen, sie zu bekämpfen. Voraussetzung ist, zu beobachten ohne zu bewerten. Das fällt mir schwer, denn es ist sehr ungewöhnlich.

Täglich spüre ich meinen verletzten Kopf, wie es dort, rund um die Schädeldecke, schmerzend drückt, als habe ich permanent einen viel zu engen Helm an. Ich merke, wie eine schmerzende Bahn von meiner Stirn über mein Nasenbein bis zu meiner Oberlippe zieht und ich spüre den dumpfen Schmerz an meinen oberen Schneidezähnen. Ich merke ganz genau, wie die Höhle, in der mein rechtes Auge liegt, schmerzlich brennt und glüht. Dort spüre ich ständig flackernde, stechende Schmerzen. Die Schmerzen finde ich grausam. Täglich wünsche ich mir, dass ich ein Medikament bekomme, damit sie vollständig verschwinden, denn ich hasse diese Schmerzen, weil sie meinen Alltag bestimmen.
Das alles soll ich nicht mehr bewerten?

In die Augenhöhle haben mir die Chirurgen der Intensivstation am 30. November 2011 eine Folie eingesetzt, um mein rechtes Auge zu stabilisieren, denn das Knie des galoppierenden Pferdes hatte meine Augenhöhle durchbrochen. (8)

(8) Orbitabodenfraktur:
Neben der Augenhöhle durchbrach der Aufprall mit dem Pferd meinen Augenhöhlenboden. Die Operation wurde gleichzeitig mit der Operation meiner Schädeldeckenbrüche und meines Nasenbeins durchgeführt. Darüber, was da eigentlich gemacht wurde, informiert mich z.B. folgender Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Orbitabodenfraktur
Ich bin sehr froh, dass ich das alles am 30.11.2011, als die OP stattfand, nicht wusste. An diesem Tag dachte ich einfach: Bitte operiert mich endlich, denn es muss sein. Was dabei heraus kommt werde ich nach der OP sehen. Was ihr konkret tut, will ich gar nicht wissen, denn der Unfall war so schlimm, dass ich eh keine Chance habe, heute zu begreifen, was genau alles heute operiert werden muss. Ich habe einfach alles unterschrieben, was mir unter die Nase gehalten wurde. Zwei Chirurgen haben sieben Stunden lang operiert. Alles ging gut.

Ich beobachte und spüre im rechten Auge, neben dem flackernden Brennen einen ständigen beißenden Schmerz. Am liebsten würde ich mein Auge ständig reiben. Ich merke, dass dort, wo mein rechtes Auge seit der Operation vor zwölf Monaten, wieder neuen Halt findet, heißer Schmerz zieht und zerrt. Am liebsten würde ich den Schmerz und das Auge einfach los werden. Ich denke, dass der Schmerz vorbei wäre, wenn das Auge weg wäre. Doch das Auge bleibt und somit auch der Schmerz.

Ich weiß und spüre, dass mein Schmerz, der an meiner rechten Wange brennt, das Stechen in meinem rechten Nasenflügel, das schmerzhafte Brennen und Stechen in meiner Augenhöhle, der Schmerz meiner Stirn und an der oberen Zahnreihe einfach da sind. Ich muss lernen, dass ich dagegen nichts tun will. Dagegen zu arbeiten ist verschwendete Energie. Alles wird bleiben. In der Aufmerksamkeitsmeditation sage ich deshalb zu mir und zu meinem Schmerz:
Ich möchte die Energie, die ich seit dem Tag des Unfalls gegen die Schmerzen eingesetzt habe, künftig für andere Zwecke haben. Ich möchte versuchen, täglich zu üben meine Schmerzen wahrzunehmen, aber nicht zu bekämpfen. Sie sind da und ich werde versuchen mit ihnen zu leben, nicht gegen sie. Diesen Ansatz kannte ich bisher nicht. Ich finde ihn sehr interessant.

12.07.2012, 15:40 Uhr, der Tod kommt beim Zuhören zurück

Tod“. Das ist mein Wort, das ich heute um 16:20 Uhr nenne, als die Therapeutin, Frau Dr. B.C., fragt, welches abschließende Wort mir zur heutigen Sitzung im Kopf herum geht.

Begonnen hatte es mit deren Frage, was ich zur heutigen Gruppensitzung (meiner ersten) mitgebracht habe. Ich habe das Thema aus der heutigen Meditation mitgebracht. Nämlich, dass ich mir meine Schmerzen ansehe, sie spüre, aber nicht versuche sie beenden zu wollen, oder gar versuche sie zu verdrängen, denn beides kann ich nicht wirklich. Deshalb lohnt es nicht, dafür Energie zu verschwenden. Ich will lernen, zu beobachten, ohne meine Schmerzen zu bewerten und hoffe darauf, dass ich das eines Tages schaffe und mir das hilft mit ihnen zu leben.

In der Gruppe gibt es allerlei Schmerzen:
Den dauerhaften Nackenschmerz, den Rückenschmerz, die Kopfschmerzen, bis schließlich der junge Co-Therapeut meint, dass er auch Schmerzen habe, seine Stimme sei wegen einer starken Erkältung geschädigt, weshalb er froh sei, heute nichts sagen zu müssen.

Ich merke, dass ich Gefahr laufe, mich zu wichtig zu nehmen. Ich nehme die anderen nicht ganz ernst, weil ich glaube, mein Schmerz im Gesicht sei so unerträglich, dass es der schlimmste sein müsse. Ist das schon wieder mein „bescheuerter innerer Onkel“? Die anderen Teilnehmer in der Gruppe haben bestimmt auch fürchterliche Schmerzen! Mir steht es nicht zu, über sie zu denken, was ich denke! Oder doch? Jetzt halt mal die Klappe du blöder „innerer kritische Onkel“! Der Onkel meint: „Denken kann ich, solange ich nicht sage, was ich denke!“ O.k., jetzt sei aber mal endlich ruhig!

Eine Teilnehmerin berichtet, dass ihr Mann zu Besuch war und sie ihm nichts von ihren Gedanken erzählt habe, sich von ihm trennen zu wollen. Eine andere Teilnehmerin beginnt daraufhin zu weinen. Frau Dr. B.C. fragt genau nach. Die Frau weint, weil sie zwei Jahre lang eine Therapie mit monatlichen Sitzungen gemacht hatte, aber nie ihrem Mann davon erzählte. Jetzt sei es zu spät. Ihr Mann sei kürzlich gestorben.

Das zu hören reicht, um mich innerlich umzuwerfen. Das galoppierende Pferd rennt einfach über mich weg. Dessen Kräfte schleudern mich auf den Acker. Ich sehe mich dort liegen, als sei ich nicht mehr ich. Plötzlich ist da nichts mehr. Ich sehe nichts. Meine Augen sind von den Verletzungen so geschwollen, dass ich blind bin. Ich spürte meinen Körper nicht. Ich versuche zu sprechen, versuche zu sehen, versuche zu schmecken, zu reden. Da ist nichts. Das ist mein Tod, denn das kenne ich nicht.

Auf dem kalten Acker liegend denke ich an meine Frau und an unseren Hund. Von denen will ich mich verabschieden. Ich denke, dass ich sie nie wieder sehe. Ich schluchze und merke, dass in meinem Mund ein bitterer Geschmack ist. Es sind meine Tränen, Blut und die Erde vom Acker.

Der Acker auf dem ich schwer verletzt lag schmeckte bitter. Ich spürte seine Kälte, schmeckte den bitteren Geschmack von Tränen, Blut und Erde, dachte aber trotzdem, dass ich tot sei, denn in mir war alles still und dunkel.

Freitag, 13.07.2012, 08:30 Uhr, Energie

Ich merke eine Energie bei der Therapeutin, die darauf gerichtet ist, uns abzuholen und in eine energiegeladene Welt mitzunehmen. Ich sehe lachende Patienten, die mir vorkommen wie normale Menschen, die Spaß miteinander haben wollen. Die Therapeutin begrüßt mich freundlich und spricht mit mir, so dass es mir ganz leicht fällt, in die neue Gruppe unbekannter Menschen hineinzukommen, ohne mit denen ein Wort gesprochen zu haben.

Wir sollen sagen, was unsere Stärke ist. Meine Stärke ist, dass ich mich durchbeißen kann. Ich kann lange an einer bestimmten Sache dran bleiben. Die Stärke der Therapeutin ist es, dass sie Menschen begeistern kann. Damit habe ich so meine Schwierigkeiten. Jeder sucht sich ein Instrument, das ihm gefällt und setzt sich wieder auf seinen Stuhl. Jetzt erklärt die Therapeutin, was wir machen. Jeder spielt auf dem Instrument seine Stärke vor.

Oje“ denke ich, jetzt wird es schwierig. Jetzt weiß ich auch wieder, warum das hier Therapie heißt. Ich hatte mir ein Bongo genommen. Ich soll also auf dem Bongo vorspielen, dass ich lange an einer Sache dran bleiben kann? Ich bin froh, dass ich nicht der erste bin, der vorspielt. So habe ich viel Zeit, zu hören, dass es keineswegs darum geht, das Instrument wirklich spielen zu können. Das beruhigt mich.

Ich bin sehr überrascht, dass ich von den unbekannten Gruppenmitgliedern höre, dass sie in meinem Bongo-Spiel meine Stärke gehört haben wollen. Dass die Therapeutin das bestätigt, wundert mich nicht, denn ich meine, das ist ihr Job. Das aus der Gruppe zu hören, kann ich noch nicht so recht einordnen. Ich denke daran, dass viele der Teilnehmer wohl schon sehr viel Therapieerfahrung haben und deshalb auch gerne mal in die Therapeutenrolle schlüpfen. (9) Ich bin sehr froh, dass die Stunde so locker abläuft.

(9) „In die Therapeutenrolle schlüpfen“. Bei mir läuft das so:
Mein innerer kritischer Onkel zeigt mir meine Vorurteile und meine Arroganz. Er behandelt mich von oben herab, was ich auf meine inneren Urteile über andere Menschen übertrage. Ich bin also innerlich damit beschäftigt, von anderen permanent zu denken, sie würden mich genauso kritisch betrachten, wie mich mein innerer Kritiker ansieht. Von positiven Äußerungen bin ich dann sehr überrascht, weil ich kein positives Feedback annehmen kann, weil mir das mein innerer Kritiker verbietet.

10:35 Uhr
Ich komme 20 Minuten zu spät zu einer Einführung von neuen Patienten, um zu hören, wie ein Blutdruckmessgerät funktioniert, wo eine Waage steht und dass man sich im Erdgeschoss in eine Liste für Wäsche und Bügeln eintragen kann.

Freitag, 13.07.2012, 13:00 Uhr, Versammlung der Kranken

Weil heute Freitag ist, findet eine Versammlung der Patienten der Station mit den Therapeuten und Ärzten statt. Zu meiner Überraschung wird die Versammlung von einer Patientin moderiert. Es ist eine Frau, die heute Vormittag auch in der Musiktherapiegruppe war. Sie macht die Moderation auf sehr lockere und angenehme Weise. Ich finde das sehr gut und mutig. Nachdem sie alle Patienten, die in den nächsten Tagen die Klinik verlassen, aufgefordert hat, kurz aufzustehen und ein paar verabschiedende Worte zu sprechen, kommt sie zu Punkt zwei der Versammlung: Neue Patienten möchten sich doch bitte kurz vorstellen und dabei sagen, was sie in die Klinik geführt hat.
Keiner beginnt, stattdessen sehe ich etwa siebzig Leute auf ihren Stühlen sitzen. Ich gebe mir einen Ruck und stehe auf. Ich sage, wie ich heiße und dass ich in München wohne. Da höre ich ein Lachen, von dem ich mich aber nicht verwirren lasse, weil ich mir sage, dass es nichts mit mir zu tun hat. Ich sage, dass ich einen schweren Unfall gehabt habe und dass ich nun hier sei und hoffe, dass ich hier die Hilfe bekomme, die ich brauche. Ich bedanke mich fürs Zuhören und setze mich wieder.
Weil es üblich ist, dass nach jedem Redebeitrag auf dieser Versammlung geklatscht wird, höre ich nun das Klatschen der ganzen Station. Ich bin froh darüber, dass ich den Mut gefunden habe, mich vorzustellen. Nachdem ich den Anfang gemacht habe, stellen sich auch alle anderen neuen Patienten vor.

16.07.2012, 08:45 Uhr, Gips und Krücke

Jürgen, den nur ich für Jürgen halte, denn er heißt in Wahrheit J., was ich kurzzeitig vergaß, weshalb ich ihn gestern im Vorbeigehen mit Jürgen begrüßte, hat alle Ärzte schon hinter sich. Die sollten bei ihm ermitteln, warum er Herzrythmusstörungen hat. Sein Hausarzt hatte nach dem „zigsten“ EEG gesagt:
„Sie haben etwas anderes, da sollten Sie einmal hinsehen.“
Dann erzählt er folgende „ärztliche Räubergeschichte“:
„Eines Tages, ich war wieder bei meinem Hausarzt und wollte wegen meines Herzrasens und meines unregelmäßigen Herzens ein EEG, gab mir der Arzt eine Pille in die Hand. Er sagte, ich solle diese nehmen und ihn im Laufe des Tages anrufen, und sagen, ob es mir besser gehe. Ich verließ die Arztpraxis. Ich nahm die Pille nicht und rief ihn auch nicht an. Stattdessen ging ich in den folgenden Monaten zu Herzspezialisten und Magen-Darm-Spezialisten. Ich ließ mich von mehreren durchchecken. Nachdem keiner der Spezialisten etwas finden konnte, ging ich wieder zu meinem Hausarzt. Dort hatten sich inzwischen Berge von Befunden angesammelt von den Spezialisten. Erst jetzt war mir klar geworden, dass ich etwas anderes haben musste, als das, wonach die Spezialisten gesucht hatten.“

Eine andere Patientin erzählt, dass sie diese „Glückspillen“ nicht brauche, die ihr von den Ärzten empfohlen werden. Sie wolle das Zeug deshalb nicht nehmen, weil sie damit ihre Trauer, wegen ihres verstorbenen Mannes, nicht weg schieben wolle.

Ob die von der Dame so genannten „Glückspillen“ wirklich glücklicher machen bezweifle ich. Ich habe eine Psychophamakatherapie begonnen und merke nichts von Glück. Was ich feststelle ist, dass ich den Stress nach dem Unfall, und die Zeit auf der Intensivstation mit stoischer Ruhe ausgehalten habe. Es war, als sei ich ferngesteuert. Es war wie ein Programm, das ich abspule. Von Glück war da keine Spur.

Ich nehme die Medikamente, weil ich mit dem Wahnsinn des Unfalls und den Folgen zurechtkommen muss. Um damit klar zu kommen brauche ich eine innere Ruhe, die ich ohne die Medikamente momentan nicht erreichen kann. Ich bin sicher, dass ich eines Tages ohne die Hilfe der Medikamente meine innere Ruhe habe. Das lerne ich mit Übungen, welche ich mir in der Klinik aneigne.

Dass nicht jeder Mensch wegen eines gebrochenen Beines Gips und Krücke braucht, sondern eventuell nur eine Schiene nötig ist, trifft auch bei Psychopharmaka zu. Nicht jeder braucht sie, um an seinen Problemen zu arbeiten. Ich weiß, dass die Probleme auch mit Psychopharmaka bleiben und bearbeitet werden müssen. Die Krücke hilft aber dabei. Ohne sie würden der Unfall und mein völlig aus dem Tritt geratenes Leben momentan keine innere Ruhe geben, damit ich jedes einzelne Problem genau betrachten und eine Lösung finden kann.

J. sagt, ihm habe die Krücke sehr geholfen, sein Leben wieder zu ordnen und die für ihn notwendigen Schritte zu unternehmen, damit er seine Probleme bearbeiten und lösen kann. Darauf hoffe auch ich. Ich glaube, dass ich mein Leben wegen „secret gun“ neu sortieren muss.

Dienstag, 17.07. 08:10 Uhr, Tresorübung

Herr Dr. A. übt mit mir, „eine belastende Situation in einen Tresor weg zu packen“. Ich nehme die Situation, als mich kürzlich auf der Wiese vor unserer Wohnung ein fremder Hund gebissen hat. Es geht darum, dass ich mir das als einen Film vorstelle, so bildlich, wie möglich. Weil das Ereignis für mich abgeschlossen ist, habe ich damit kein Problem. Ich sehe mich und den fremden Hund, der mich in die Hand beißt, weil ich mich völlig unprofessionell in einen Konflikt zwischen ihm und Nemo einmische. Dieses abgeschlossene Ereignis läuft als Film vor meinem inneren Auge ab. Ich spule den Film zurück, nehme die Filmrolle aus dem Projektor und lege sie in eine schwarze Schachtel. Die lege ich in einen Tresor, den ich mit einem schönen Tresorschlüssel verschließe.

Genau diese Übung schlägt Herr Dr. A. nun vor, für den Unfall. Ich bin dazu aber nicht in der Lage. Ich habe Angst, denn ich hatte erst letzte Nacht das brutale „Taracktaracktarack“ des galoppierenden Pferdes in meinem Rücken gehört. Ich traue mich nicht, den Unfall als Ereignis zu betrachten, das ich mir als Film ansehen, zurück spulen, wegpacken und einschließen kann. Es gibt zu viele Lücken. Ich war auf dem Acker gestorben. Dabei ist etwas passiert, was mir noch nicht völlig klar ist, woran ich mich nicht erinnern kann. Es muss außerdem einen Grund dafür geben, warum immer wieder die Unfallbilder und Geräusche auftauchen. Diese Dinge muss ich suchen und finden, um das Ereignis abzuschließen und weg zu packen.

Herr Dr. A. schlägt mir eine schönere Übung vor. Für die soll ich mir einen ganz sicheren Ort einfallen lassen. Daran scheitere ich heute, denn mir fällt kein sicherer Ort für mich ein. Ich kann mich nicht konzentrieren. Die Schmerzen nehmen plötzlich stark zu. Ich brauche eine Pause, lege mich aufs Bett und beginne in langen Atemzügen tief und langsam zu atmen. Das gelingt mir, so dass ich später einen sicheren Ort finde, zu dem ich in Gedanken hin laufe, um dort zu verweilen und meine Angst, es könnte etwas schlimmes passieren, nicht mehr spüre. (10)

(10) Imaginationsübungen spielen in der Therapie, die mir helfen könnte eine erhebliche Rolle. Ich habe dabei folgendes Buch als sehr hilfreich empfunden:
Luise Reddemann (2001) Imagination als heilsame Kraft / Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren, Pfeiffer bei Klett-Cotta, 2001 / ISBN 3-608-89691-0. Die Autorin hat folgende Webseite: http://www.luise-reddemann.info/index.htm

Retraumatisierung

Nachdem ich von dem galoppierenden Pferd auf das Feld geschleudert worden war, erlebte ich mehrere Situationen bewusst oder unbewusst, wach oder nicht wach, das weiß ich nicht, in denen ich glaubte, das sei mein Tod.

Das wiederholt sich heute in meinem Kopf. Ausgelöst wird es von den Worten einer Mitpatientin, die aufgebracht vom Tod eines Menschen erzählt, der in einem Krankenwagen abtransportiert wurde.
Plötzlich schießen mir Gedanken durch den Kopf, die sehr mächtig sind. Ich kann mein Todeserleben auf dem Feld nicht beenden. Ich spüre den Schmerz, welchen ich auf dem Acker hatte. Ich habe extrem angeschwollene Augen. Ich kann nichts mehr sehen. Ich höre nichts. Es ist ruhig. Kein Mensch ist da. Plötzlich habe ich keine Schmerzen mehr. Mein zerbrochener Kopf tut nicht mehr weh, ich glaube sogar, er ist gar nicht mehr da. Hier gibt es nichts mehr. Ich bin völlig allein im Stockdunklen. Jetzt bemerke ich einen bitteren Geschmack in meinem Mund, von Tränen, Blut und Erde.

Ich sitze wie gelähmt in der Therapiegruppe. Ich funktionierte weiter. Ich folge dem Gespräch der Gruppe, ohne dass ich verstehe, was da gesprochen wird. Ich wende meinen Kopf zu denjenigen, die gerade sprechen und gebe Signale, deren Sprechen zu folgen, aber ich tue das Gegenteil. Ich verstehe nichts. Denn ich liege sterbend auf dem eiskalten dunklen Feld. Jetzt höre ich Geräusche. Es ist eine Schere. Sie schneiden mir meine Kleidung vom Körper. Ich rieche den eisigen Wind, der den bitteren Geruch der Erde, den ich in meinem Mund schmecke, aufwirbelt.

Jetzt ist wieder das „Taracktaracktarack“ eines galoppierenden Pferdes da. Es ist ein riesiges Pferd mit schwarzen Füßen. Ich sehe es direkt vor mir. Rechts und links stehen lange Beine ab und oben drauf ist ein Kopf mit fliegenden Haaren. Ich bin hilflos. Alles ist wieder da. Ich schluchze leise vor mich hin. Ich will aufstehen aber ich kann mich nicht bewegen und ich sehe nichts. Mein Mund ist voll von Erde, Blut und Tränen.

Zum Schluss der Sitzung fragt die Therapeutin, mit welchem einzigen Wort die heutige Sitzung für mich endet. Mir fällt ein Wort ein: „Tod“. (11)

(11) Retraumatisierung kann bereits geschehen, wenn ich eine Geschichte höre, in der vom Sterben oder von Unfällen die Rede ist. In der Klinik lerne ich, mich davor zu schützen. Ein sehr hilfreiches Buch zum Trauma habe ich hier gefunden: Luise Reddemann (2007), Trauma: Folgen erkennen, überwinden und an ihnen wachsen, Verlag: Trias; 3. vollständig überarbeitete Auflage (24. Oktober 2007), ISBN-10: 3830434235, ISBN-13: 978-3830434238.

Montag, 12. November 2012, der erste Gutachter

Der Gutachter ist ein routinierter Mann in diesem Fach. Ich sitze vor seinem breiten Schreibtisch. Meine Hände zittern ein wenig, wegen des heutigen Termins. Ich spüre die brennenden Schmerzen in meinem Gesicht. Heute sind sie seit fünf Uhr morgens da. Ich hatte mich nachts mit Zopiclon betäubt, denn der Schmerz hat mich nicht in Ruhe gelassen.

Ich beantworte brav jede Frage des Herrn Dr. D. Ich fühle mich matt und bin sehr unkonzentriert. Deshalb muss ich mich mehrmals entschuldigen, denn mir fallen die Daten, nach denen der Mann fragt, plötzlich nicht mehr ein. Als er fragt, wann denn der Unfall war und feststellt, dass der ja bald ein Jahr her sein müsse, fällt mir sogar das Datum 26.11.2011 nicht mehr ein.

Ich darf mich auf die Pritsche legen, die rechts im Zimmer steht. Die Fragen des Herrn beantworte ich von dort aus.

Ob ich denn bei meinem Arbeitgeber wieder arbeiten wolle. Das würde ich sehr gerne, wenn die Schmerzen es mir erlauben. Doch wann das soweit ist, weiß ich nicht.

Ob ich denn seit dem Unfall nicht gearbeitet hätte.

Nein, ich habe seitdem nicht gearbeitet, weil meine Gesichtsschmerzen so stark sind, dass ich nicht länger am Stück arbeiten kann. Ich brauche zu viele Pausen und Aufregung oder gar Stress und Druck verstärken die Gefahr von starken Schmerz-Attacken.

Was ich denn den ganzen Tag lang tue.

Jetzt trifft der Mann voll ins Schwarze, denn ich denke seit Wochen, dass ich eigentlich nichts tue und fast nichts mehr schaffe, weil ich mich ziemlich schwach fühle.
Ich stehe so früh wie möglich auf, denn für Zähneputzen, Rasieren und Waschen brauche ich viel Zeit. Die Schmerzen können sehr heftig werden, auch beim Essen, denn die obere Zahnreihe tut ständig weh. Ich versuche täglich spätestens um 08:30 Uhr mit Nemo nach draußen zu gehen.

Was ich denn danach tue.

Ich denke nach. In meinem Kopf ärgert mich der Gedanke, dass ich nichts tue. Deshalb sage ich jetzt zu dem Gutachter:
Eigentlich nichts, denn ich schaffe kaum etwas. Ich frühstücke sehr langsam, denn die obere Zahnreihe tut mir dabei weh. Ich will nicht gleich morgens von einer schweren Attacke getroffen werden. Der „Herr Brutal“ ist unerbittlich. Danach versuche ich den Haushalt in Ordnung zu halten. Dann gehe ich mit Nemo wieder hinaus, wir spazieren zu unserem Garten, der zu Fuß etwa eine halbe Stunde entfernt liegt.

Wer dieser Herr denn sei.

Das ist mein ständiger Begleiter geworden. Ich achte sehr genau darauf, ihm nicht so in die Quere zu kommen, dass er unkontrolliert zuschlägt. Ich weiß inzwischen ganz gut, das ich aufpassen muss, vor allem mit Berührungen, kalten und warmen Getränken, kaltem Wind, falschen Bewegungen und einer ganzen Menge weiterer solcher Sachen. Ich versuche zu vermeiden, was den „Herrn Brutal“ veranlassen könnte, einen Schub der Gewalt loszutreten.

Und das funktioniert?

Ich bemühe mich sehr, meinen Tag so zu ordnen, dass „Herr Brutal“ keinen Anlass findet brutal zuzuschlagen, denn mir reichen schon die dauerhaften Gesichtsschmerzen jeden Tag. Ich will so wenig heftige Schmerzattacken wie möglich haben. Doch leider funktioniert das nicht immer.

Was ist, wenn eine Attacke kommt?

Ich versuche mich sofort hinzusetzen oder hinzulegen, denn mein schneller, flacher Atem muss gestoppt werden und weil ich schon viele Kreislaufzusammenbrüche erlebt habe, bin ich vorsichtig geworden. Ich konzentriere mich auf meinen hektischen, flachen Atem. Meine Atemzüge müssen tief, lang und gleichmäßig werden. Das dauert unterschiedlich lang, je nachdem wie stark der Schmerz, der immer rund um das Auge beginnt, anhält.

Für die Atmung brauche ich etwa zehn bis fünfzehn Minuten. Wenn ich einen tiefen, gleichmäßigen Atem erreicht habe, konzentriere ich mich auf meinen Körper. Ich versuche eine Region zu spüren, an der ich keinen Schmerz habe, zum Beispiel mein linkes Knie. Das habe ich leider noch nie wirklich geschafft, denn die Schmerzen in meinem rechten Auge sind so heftig, dass ich nicht ablassen kann, genau dort hin zu spüren. Das lasse ich zu. Ich versuche mir vorzustellen, dass der Schmerz zu mir gehört, wie alles andere meines Körpers. Ich sage mir, dass der Schmerz normal ist. Er wird nicht verschwinden. Ich brauche etwa eine Dreiviertelstunde Ruhe. Zum Schluss schaffe ich einen sogenannten Body-Scan zu machen. Ich beobachte meine Körperempfindungen, indem ich meinen Körper vom Kopf bis zu den Zehenspitzen langsam durchgehe. Wenn ich das schaffe, bin ich ganz beruhigt, denn das heißt: Ich habe die Attacke überstanden. Ich stehe langsam auf und gehe nach Hause, denn dort fühle ich mich sicher. (13)

(13) Die sogenannte Achtsamkeitsmeditation habe ich in der Klinik täglich geübt. Sie bedeutet, dass ich mich auf meine Körperempfindungen konzentriere. Ich versuche mit voller Aufmerksamkeit und Konzentration meinen Körper und meine Empfindungen wahrzunehmen. Das hilft mir dabei, zu einer neuen Körperwahrnehmung zu finden, die den Schmerz integriert anstatt zu versuchen ihn zu ignorieren. Da die Konzentration bei diesen Übungen sehr hoch ist, erreiche ich auch, dass ich zu einer inneren Ausgeglichenheit und Ruhe finde, die ich brauche, um die Folgen des Unfalls aktiv neu einzuordnen.

Freitag, 16. November 2012, mein Anwalt

Mein Anwalt erklärt mir am Telefon, dass sich nichts getan hat. Der Richter wird vermutlich weiterhin versuchen den Zeugen, der das Auto fuhr, der mich am 26.11.2011 um 14:33 Uhr nach dem Weg gefragt hatte, aufzutreiben. Allerdings sei das schwierig, denn der Mann lebe in einem Afrikanischen Staat.
Eine perfekte Sache für die Zermürbungs- und Verzögerungstaktik der Tierhalterhaftpflichtversicherung. Deren Anwalt besteht darauf, diesen Mann als Zeugen anzuhören. Das verlangt er, obwohl die Reiterin in der Beweisaufnahme im September 2012 vor Gericht ihre bisherige Zeugenaussage, die sie auch der Polizei gab, nochmals exakt vorgetragen hat. Deren Darstellung deckte sich genau mit meiner Aussage, nämlich, dass ich keine Chance hatte, dem rasenden Pferd auszuweichen, weil es mich in der Sekunde sofort überrannte, als ich es sah.

Trotzdem besteht der Anwalt des Versicherungskonzerns darauf, dass der Zeuge her muss. Der hatte bereits am 26.11.2011 der Polizei gegenüber ausgesagt. In der Akte der Staatsanwaltschaft München (die geschlossen wurde und dort in den Keller gelegt wurde) bestätigt er genau das gleiche, wie die Reiterin, nämlich, dass alles sehr schnell geschah und kein Ausweichen vor dem riesigen Pferd möglich war. Weil der Mann aber in Afrika ist, und deshalb sehr schwer aufzutreiben ist, verzögert die Forderung nach erneuter Befragung dieses Zeugen das Verfahren enorm. Genau das passt ideal in die Zermürbungstaktik des Versicherungskonzerns. Jede Gelegenheit der zeitlichen Verzögerung des Verfahrens zu nutzen, gehört zur Taktik, denn je länger das Verfahren der Beweisaufnahme dauert, desto später kann das Gericht irgendetwas entscheiden und desto wahrscheinlicher ist es, dass das Opfer finanziell ausblutet, klein bei gibt und einem billigen Vergleich zustimmt. Auf diesen Zeugen verzichtet der Anwalt der Versicherung deshalb nicht, denn auch er hofft darauf, dass ich irgendwann aufgebe meine Forderungen an die Versicherung zu richten. Das könnte geschehen, wenn mir das Geld zum Leben und zur Finanzierung meines Anwalts für das Verfahren aus geht. Zeit ist ein wesentlicher Baustein der Zermürbungstaktik des Versicherungskonzerns. Wäre ich ein Unternehmer mit einer kleinen selbständigen Firma, müsste ich wegen dem Unfall längst Insolvenz anmelden.

Mein Anwalt erklärt, dass der Versicherungskonzern die Akte bei der Staatsanwaltschaft (aus dem Strafantrag und Keller) angefordert hat. Auch das gehört zur Taktik. Erst nachdem die Versicherung durch deren Anwalt die Behauptung ins Gericht trägt, ich sei in das Pferd gesprungen, wird die Akte besorgt, in der alle schriftlichen Aussagen aller Unfallzeugen zu finden sind, aus denen eindeutig hervor geht, dass ich keine Chance hatte, dem Tier auszuweichen.

Montag, 26.11.2012, ein Jahr später

Ein Jahr nach dem Unfall habe ich keinerlei Entschädigung erhalten. Meinem Beruf kann ich nicht mehr nachgehen. Mein Strafantrag gegen die Reiterin wurde im Februar 2012 von der Münchner Staatsanwaltschaft zu den Akten gelegt. Das zivilrechtliche Verfahren im Landgericht München ist in einer ersten Sitzung zur Beweisaufnahme Ende September 2012 stecken geblieben.

Der Versicherungskonzern des versicherten Pferdes hat mich mit Vorwürfen und Behauptungen von einer Mitschuld überzogen. Deren Anwalt weist all meine Verletzungen so zurück, als sei der Unfall am 26.11.2011 gar nicht passiert, oder als hätte ich die Verletzungen schon immer gehabt oder sie mir irgendwie selbst zugefügt. Diese Herren brauchen für solche Behauptungen keinerlei Beweise. Es reicht aus, alle Punkte meiner Klage, von meinen zerschnittenen Klamotten bis zu meinem erlittenen Sehnervschaden einfach zu bezweifeln und deren Ursache mir selbst zuzuschreiben.

Das deutsche Recht lässt die Zermürbungstaktik zu. Zur Abwehr von Versicherungsansprüchen hat sich eine Heerschar von Anwälten in riesigen Kanzleien, nahe der entsprechenden Gerichte, zusammengerottet. Sie werden von den exorbitanten Einnahmen der Versicherungskonzerne finanziert. Die großen Kanzleien beschäftigen sich mit sogenanntem Expertenwissen, worunter sämtliche Möglichkeiten der Zermürbung von Opfern und der Verfahrensverlängerung, die das juristische System hergibt, zu verstehen sind. Es ist ein Qualitätsmerkmal der spezialisierten, großen Anwaltskanzleien, die von den Versicherungskonzernen beauftragt werden, alle juristischen Möglichkeiten restlos zu nutzen, um die Haftpflichtversicherer vor der Verpflichtung zu bewahren, derer sie sich in ihren Policen brüsten, nämlich einen Schaden, wie ihn das versicherte Pferd angerichtet hat, zu „regulieren“.

Die realen Kosten, die ich bis heute für Krankenhauszuzahlungen, Arzneimittelzuzahlungen für verordnete Medikamente, Fahrten zu Arztterminen usw. bezahlt habe, werden von dem Anwalt der großen Münchner Kanzlei, die der Versicherungskonzern beauftragt hat, ebenso zerpflückt und nicht anerkannt, wie sich diese Herren nicht zu Schade sind, zu behaupten, dass laut Google Maps die Strecke zwischen meiner Wohnung und dem Krankenhaus um 3 km weniger betrage, als ich es angegeben habe.

Ich werde meiner Schadensminderungspflicht nicht gerecht, denn statt mit dem Auto hätte ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Ärzten zu fahren gehabt. Dass ich ein Schädel-Hirn-Trauma hatte und deshalb nicht öffentlich fahren konnten, wegen meiner Schwindelanfälle, weshalb mich meine Frau mit dem Auto fuhr, wird ignoriert. Stattdessen werden mir drei Kilometer vorgeworfen, die sich mit 75 Cent Kosten berechnen und daher ein Verstoß gegen meine Schadensminderungspflicht seien. Ich kann aber die angeblich von mir zu viel angegebenen 3 Kilometer nicht feststellen, denn das Ergebnis bei Google Maps bringt mir bei der kürzesten Strecke höchstens 600 Meter weniger, dafür aber ständigen Stau.

Weil der Versicherungskonzern alle von mir und meinem Anwalt schriftlich vorgelegten Beweise bezweifelt, muss mich der Richter, bei einem Beweisaufnahmetermin, zu allen Punkten meiner in der Klageschrift und den beigefügten Belegen dargestellten Kosten wegen dem Unfall, als Zeuge befragen. Das nutzt der Anwalt der Versicherung, um den Richter darüber zu belehren, dass er mich gemäß irgend einem Paragraphen der ZPO gar nicht als Zeugen befragen darf, was der Richter wiederum durch einen Vermerk in das Sitzungsprotokoll als Beschwerde des Beklagten aufnehmen muss.

Wäre es nicht mein Verfahren, in dem über einen lebensbedrohlichen Unfall mit dauerhaften Folgen für mich, entschieden werden soll, dann würde ich das als eine Art juristisches Kabarettprogramm recht unterhaltsam finden. Doch leider steckt hinter dem „Geplänkle“ des Anwalts des Versicherungskonzerns mit dem Richter bitterer und wohl auch routinierter Ernst. Ich weiß nicht wohin das führen wird.

Es ist eine zermürbende Sache, als Opfer wie ein Angeklagter im Gericht zu sitzen, zuvor eine unglaubliche Liste von Vorwürfen an mich zu lesen, die der Anwalt des Versicherungskonzerns als Antwort auf meine Klageschrift ans Gericht geschickt hat, und im Gericht dann zu jedem Detail des Unfallhergangs und meinen zu beklagenden Auslagen aussagen zu müssen. Das alles liegt bereits schriftlich vor, ist mit Belegen und ärztlichen Verordnungen nachvollziehbar dokumentiert, muss aber trotzdem von mir mündlich nochmal genau aufgerollt werden, weil der Versicherungskonzern jeden noch so winzigen Punkt meiner, wegen dem Unfall entstandenen Kosten, gerichtlich abgewiesen wissen will.

Der Zweck ist eindeutig: Es geht um Verzögerung des Verfahrens, Verunsicherung des Opfers und Zermürbung. Wenn hartnäckig um drei Kilometer gestritten wird, dann liegt die Vermutung nahe, dass der Versicherungskonzern sich gegenüber dem Opfer nicht in der Schadensersatzpflicht sieht, sondern das Unfallopfer als Gegner betrachtet, das es zu bekämpfen gilt. Der Versicherer ist mit allen juristischen Wassern gewaschen, zu keinerlei Zugeständnissen bereit und ausschließlich darauf bedacht, den versicherten Schaden nicht bezahlen zu wollen, bzw. soweit zu drücken, dass die Versicherung aus den eingesparten Mitteln auch noch die teuren Anwälte bezahlen kann. Diese Kalkulation muss aufgehen. Schon deshalb wird deren Anwalt alles daran setzen, den entstandenen Schaden juristisch möglichst klein zu reden. Bislang geht die Zermürbungstaktik des Versicherungskonzernes auf:
Ich habe keinerlei Entschädigung, stehe ohne Arbeitsfähigkeit da, werde seit dem Unfall von dauerhaften Schmerzen geplagt, kann nicht mehr richtig sehen, leide unter den extremen Nebenwirkungen von Medikamenten, die ich wegen dauerhafter Schmerzen nehme, und werde demnächst von einem finanziellen Desaster bedroht. Ich habe mich mit einer Anwaltskanzlei herum zu streiten, die im Auftrag der Versicherung des Pferdes, das mich schwer verletzt hat, alles daran setzt, mich zu zermürben. Eine Entscheidung in der Sache scheint, auf Grund des Verhaltens des Anwalts des Versicherungskonzernes und dessen abweisende Schreiben ans Gericht, momentan ein aussichtsloses Unterfangen zu sein.

Nach dem Beweisaufnahmetermin geht es mir schlecht. Ich habe viele Medikamente genommen, um in der Sitzung bei Gericht ruhig zu bleiben. Tage zuvor habe ich, im Hinblick auf den Termin, langsam die Dosis der Medikamente hochgefahren, um eine Schmerzattacke im Gericht zu vermeiden. Ich bin froh, dass das gut ging. Das Ergebnis aber ist schlecht. Ich muss mich auf Jahre der Auseinandersetzung mit weiteren derartigen Terminen bei Gericht einstellen.

Zermürbung

In der folgenden Stichwort-Liste habe ich einige Dinge zusammengefasst, die ich im ersten Jahr, das seit dem Unfall vergangen ist, wegen des Anwalts der Tierhalterhaftpflichtversicherung von „secret gun“ ertragen musste. Sollten Sie jemals einen Unfall oder einen anderen schweren haftpflichtversicherten Schaden erleiden, dann könnte es sein, dass Ihnen einige Dinge aus meiner folgenden Liste begegnen:

 

Sie haben eine erhebliche Mitschuld.“
Damit müssen Sie immer rechnen, das wird einfach behauptet. Der Anwalt der Versicherung wird irgend einen Satz aus Ihrer Klageschrift verwenden und ins Gegenteil drehen. Wenn in Ihrer Klageschrift steht:
„… wurde von einem galoppierenden Pferd auf der Straße sofort überrannt…“,
dann schreibt die Haftpflichtversicherung dem Gericht zurück:
„… wäre der Kläger nicht in das Pferd gesprungen …. deshalb ist ihm zumindest eine erhebliche Mitschuld …“

 

Sie verstoßen gegen Ihre Schadensminderungspflicht.“

Jede Ihrer Forderungen, ob es nun das Kilometergeld von 25 Cent für Ihre Fahrten zum Arzt ist, oder die vom Notarzt zerschnittene Kleidung, wird nicht anerkannt, sondern abgewiesen. Sie müssen jeden einzelnen Punkt in der Beweisaufnahme vor Gericht neu beweisen, auch wenn Sie das in der Klageschrift anhand von Belegen, Fotos oder anderem bereits getan haben.

 

Sie haben die vollständige Beweispflicht!“

Das ist einer der ersten Sätze, die sie in der Replik auf Ihre Klage von dem Anwalt des Versicherungskonzernes lesen werden. Damit wird Ihnen sozusagen eröffnet, dass Sie mit keinerlei Kooperation oder gar Entgegenkommen zu rechnen haben, Verständnis für Ihre Verletzungen und den Schaden brauchen Sie nicht zu erwarten. Sie werden von dem Anwalt der Haftpflichtversicherung „vorgeführt“, indem von ihm im Verfahren stets darauf hingewiesen wird, dass Sie jedes Detail zu beweisen haben. Wenn sie das tun, werden Ihre Beweise als nicht ausreichend von der Versicherung ignoriert und bei Gericht beantragt, Ihre Klage abzuweisen.

 

Die vorgelegten Beweise des Klägers sind abzuweisen.“

Wenn Sie Belege und Rechnungen ihrer verordneten Medizin usw. in einer sauberen Liste zusammenfassen und nach dem Datum geordnet als Anlage der Klageschrift als Beweis dem Gericht vorlegen, wird die beklagte Versicherung beantragen, das mit der Begründung abzuweisen:
„ …es ist nicht zumutbar, dass wir uns jede einzelne Quittung selbst heraussuchen ….“

 

Der Schaden wird bestritten, er bestand bereits vor dem Unfall.“

Wenn Ihre Verletzungen nicht eindeutig sichtbar sind, so z.B. wenn Sie wegen dem Unfall auf einem Auge nur noch 50 % sehen können, dann werden Sätze aus Ihren ärztlichen Befunden ins Gegenteil verdreht, um zu der Aussage zu kommen, dass Ihre entstehende Sehschwäche und Ihr von den Ärzten attestierter Sehnervschaden gar nichts mit dem Unfall zu tun haben.

 

Es wird bestritten, dass … „

Diese Worte lesen Sie in der Erwiderung der Versicherung auf Ihre Klage in jedem zweiten Absatz. Der Anwalt der Haftpflichtversicherung wird ein Vergleichsangebot unterbreiten, das Ihren Schaden auf höchstens 50 % oder weniger runter drückt. Er sagt zu Ihnen:
„Wenn sie unser reduziertes Angebot nicht annehmen, dann werden wir uns jedes Jahr hier vor Gericht sehen!“
Darauf sollten Sie, auch wenn es Ihnen sehr schlecht geht, wie ich antworten: „Ich möchte, dass mir der Schaden, den ich wegen des Unfalls erlitten habe, ersetzt wird. Das ist mein theoretisches Recht. Wenn das nur durch einen jährlichen Gerichtstermin erreichbar ist, dann eben so.“

 

Die Kausalität wird bestritten ..

Diese Worte werden Sie in den Repliken auf Ihre Klage von der Haftplichtversicherung immer wieder lesen müssen.

Die Argumentation der Versicherung sieht etwa so aus:

Ihre gesamte Erkrankung oder Behinderung haben Sie entweder schon vor dem Unfall gehabt, oder sich auch ohne den Unfall zugezogen. Wenn Sie etwas wollen, dann beweisen Sie heute mal, dass Sie ohne den Unfall nicht genauso behindert wären, wie Sie es vorgeben. Ihre Behinderung und der Unfall stehen in keinem kausalen Zusammenhang. Eine Kausalität zwischen der schwere Ihrer heutigen Krankheit und dem Unfall wird bestritten, zu beweisen, dass sie besteht, liegt zu 100% bei Ihnen.
Die Zermürbungstaktik der Versicherung ist auf Zeit und Verzögerung des Verfahrens angelegt, denn je mehr Zeit vergeht, desto weniger haben Sie Chancen die Kausalität zu beweisen.

Die Entlassung – Erzählung 2022

Die Entlassung – Erzählung 2022 von Bernd Thümmel

Mutter

Nachmittags schickte die Mutter den Siebenjährigen zum Metzger. Sie gab ihm einen Zettel auf dem sie alles vermerkt hatte. In seine Geldbörse steckte sie aber kein Geld. Es waren Briefmarken, die sie da hinein tat. Das Geld war ihr am Tag zuvor aus gegangen, denn sie hatte viele Hefte gekauft. Eine langjährige Freundin hatte sie besucht. Beide lasen sich Vormittags gegenseitig aus den Heften vor. Mittags kaufte die Mutter der Freundin alle Hefte ab. Die Freundin trennte sich nur ungern davon, konnte der Mutter aber deren Wunsch nicht verwehren.

Täglich erleuchteten hunderte Kerzen die Kirche. Die Mutter und ihre Freundin hatten sie entzündet. Sie hatten in den Heften darüber gelesen, dass brennende Kerzen in der Kirche ein gutes Opfer an den Herrn seien. Das Opfer, die vielen Kerzen zu kaufen, so hatten beide das verstanden, sei vor allem dann besonders groß, wenn man so wie die beiden, nur wenig Geld besaß. Das sei ein gutes Opfer für den Herrn. Zu teilen oder her zu geben, wovon man nur wenig besitze, das liebe der Herr besonders. Herzugeben wovon man kaum besitze, verursache viel Schmerz, dessentwegen das Opfer erst ein dem Herrn würdiges Opfer sei.

Die Mutter glaubte fest daran, dass es eine Fügung des Herrn sei, dass sie ihre Freundin kennen lernen und so oft treffen durfte. Genauso war es eine Fügung des Herrn, dass die Freundin die Mutter in die Kirchengemeinde eingeführt hatte.

Sie war vor Jahren mit den drei Kindern und dem Vater in den Ort gezogen. Auch das war in den Augen der Mutter eine Fügung des Herrn, genauso wie der Ehemann, den der Herr der Mutter geschenkt hatte, so wie die drei Kinder.

Neben dem uralten Schloss, unweit des Schlossplatzes, hatte die Familie eine Wohnung im ersten Stock gefunden. Das war eine göttliche Fügung. Der Vater hatte auf eine Tafel im Rathaus des Ortes einen Zettel geheftet: „Familie sucht dringend kleine, preiswerte Wohnung“. Wochen später hatte sich beim Vater eine Frau gemeldet. Ihre Nachbarwohnung sei frei geworden und die Miete sei günstig. Sofort war der Vater zur Stelle und sorgte dafür, dass die Familien binnen weniger Wochen in den Ort umzog. Der Umzug verkürzte den Weg des Vaters zu seiner täglichen Arbeitsstelle in einer Konservenfabrik um eine knappe Viertelstunde. Das sparte nicht nur Zeit, sondern auch Geld, denn der VW-Käfer brauchte täglich weniger Sprit.

Die Metzgersfrau schickte den Buben nicht nach Hause. Stattdessen gab sie ihm von der Gelbwurst, die der Junge gierig verschlang. Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer der Mutter. Die Nummer schien sie im Kopf zu haben. Der Bub beobachtete, wie sie mit rechts zackig die Wählscheibe traktierte, während sie mit der anderen Hand kräftig an der Fleischwolfkurbel arbeitete.

Zwanzig mal ließ sie es läuten. Die Mutter hatte das Haus bereits verlassen. Sie war mit der Freundin unterwegs zur Kirche. Die Metzgersfrau schlug den schweren Hörer klangvoll auf die schwarze Gabel. Sie stopfte einen Batzen roten Fleisches oben in den Fleischwolf und kurbelte weiter, während sie nun mit einem Holzpropfen das Fleisch in den glänzenden Trichter presste.

Mit dem Buben sprach sie kein Wort. Hinter der Verkaufstheke hatte sie ihm den Rücken zugewandt, griff immer wieder in den Fleischberg neben dem Fleischwolf, während sie mit der Rechten weiter kurbelte. Minuten später war der Fleischberg abgetragen. Die Reste kratzte sie mit den Händen zusammen, um auch sie in den Trichter zu stecken.

Schließlich wandte sie sich dem Jungen zu, der geduldig vor der Verkaufstheke wartete. Sie nahm den Zettel, den der Bub ihr gegeben hatte, und blickte angestrengt drauf. Schließlich begann sie von unterschiedlichen Würsten aufzuschneiden.

Der Metzger kam hinter dem Vorhang, rechts der Verkaufstheke hervor. Er sah den Jungen und warf deshalb einen grimmigen Blick zu seiner Frau. Die ignorierte das. Der Metzger verschwand mit einem großen Messer hinter dem Vorhang. Die Metzgersfrau packte den Aufschnitt in eine Papiertüte. Sie notierte einen Betrag in ein kleines Heft, das neben dem Telefon lag.

Der Junge nahm die Tüte und reichte der Metzgersfrau die Geldbörse, die die Mutter ihm mitgegeben hatte. Die Frau sah darin eine spärliche Anzahl von Briefmarken. Sie nahm nichts davon heraus, sondern gab die Börse dem Kind zurück. Der Bub verneigte sich jetzt fast. „Vielen Dank!“ Schon war er zur Tür hinaus, hüpfte auf dem Gehsteig am großen Ladenfenster vorbei. „Bis zum nächsten Mal!“ Das rief er ohne dass es die Metzgersfrau noch hörte, denn er hatte sich auf dem Gehsteig schon mehrere Meter vom Laden entfernt.

Der Weg nach Hause führte das Kind am Bäckerladen vorbei. Dort war Frau Mayer beschäftigt den Fußboden mit einer groben Bürste zu schrubben. Das tat sie jeden Mittwoch um diese Uhrzeit. Der Junge presste seine Nase an das große Fenster der verschlossene Ladentür.

Das Kind beobachtete Frau Mayer. Deren dicker Hintern bewegte sich in ihrem hellblauen Kittel hin und her. Die Frau kniete, bewegte die grobe Bürste in einem fort auf dem grauen Steinboden von rechts nach links. Sie klatschte die Bürste in einen großen Stahlkübel. Da spritzte Wasser heraus. Sie wrang einen grauen Lappen über dem Eimer aus. Mit dem wischte sie über die zuvor gebürstete Fläche. Den Lappen warf sie schließlich in den Metalleimer, rückte auf dem Boden einige Zentimeter rückwärts Richtung Ladentür, um den Lappen erneut auszuwringen. Der Junge presste die Nase fest an die Glasscheibe. Die Frau schlug die grobe Bürste spritzend in den Wassereimer. Der Bub klopfte an das Ladentürglas.

Als wüsste die Frau, dass der Bub schon minutenlang beobachtend auf dem Fußabstreifer vor dem Laden wartete, griff sie in ihre Kitteltasche. Dort fand sie den Ladentürschlüssel. Schwerfällig erhob sie sich. Lächelnd kam sie dem Jungen entgegen, nahm an der Tür eine braune Papiertüte, die sie dort in der Schaufensterauslage deponiert hatte. Klimpernd sperrte sie die Ladentür auf.
„Na, ist zu Hause alles in Ordnung?“
„Ja, ja“, nickte der Bub, der die Frau unbekümmert anlächelte.

Frau Mayer drückte dem Kind die Papiertüte in die Hand. Wortlos drehte sie sich um. Sie versperrte die Tür von innen und widmete sich weiter ihrer Putzarbeit. Der Bub presste nochmal sekundenlang die Nase an die Scheibe.

Er schlenderte, nun rechts und links beide Tüten schwenkend, Richtung nach Hause. Am Zeitungskiosk blieb er stehen. Dort weckten seine Blicke, die auf bunte Mickymaushefte trafen, Interesse nicht nur an den farbigen Bildern, die das Kind gierig aufsog, sondern dort wurden die neusten Geschichten mit Donald Duck angekündigt, die zu lesen ihm aber noch lange verwehrt blieben. Er verweilte vor der Auslage mit den Heften. Das neuste Heft wird sein Klassenkamerad Wochen später an den Buben ausleihen. Darauf freute er sich Minuten lang. Wie ein echter kleiner Kunde, der überlegte seine fünfzig Pfennige Taschengeld zu investieren, verweilte er vor der Glasscheibe. Hinter der waren Tick, Trick und Track mit deren aufgebrachten Onkel Donald zu sehen, wie sie von Onkel Dagobert angetrieben wurden. Dagoberts gieriger Dollarblick war auf eine golden Statue gerichtet, oben auf einem hohen Berg. Schweißgebadet versuchten alle diesen Berg zu erklimmen. Nie konnte der Bub so ein schönes Heftchen neu kaufen, denn Taschengeld bekam er keines. Seine Freude am Anblick des neusten Abenteuers in Entenhausen brachte ihm die Idee, zu Hause unter dem Bett zu sehen, welches der dort liegenden geliehenen Hefte seines Freundes lohnten, nochmal gelesen zu werden.

Der Junge folgte, diesen schönen Gedanken weiter ausmalend, seinem Weg vorbei an der Glaserei, über den Schlossplatz, wo er in einen hüpfenden Ausfallschritt verfiel. Das war die einzige Freude im Sportunterricht der Schule. Er hasste den Gestank in der muffigen Umkleidekabine und den kalten Gummigeruch der Turnhalle. Der Körpergeruch von vierzig Kindern, darunter er selbst, in der eisigen Kälte der Turnhalle, dazu die Gymnastikübungen der Lehrerin, die sie vorne an der Wand vorführte. Sie hatte alle Kinder im Blick, Verwarnungen an diejenigen heraus schreiend, die ihren Übungen nur mangelhaft folgten. Das hasste er bis zu dem Tag, als die Lehrerin plötzlich einen großen Kreis von Kindern und einen kleinen in der Mitte der Turnhalle bilden ließ. Dann begann sie zu klatschen und ließ die Kinder in einem hüpfenden Schritt, den sie vorführte, im Kreis laufen. Das war endlich eine lustige Übung, die dem Buben Spaß machte.

Beide Papiertüten hatte er fest im Griff. Seine Schritte wurden langsamer. Wenige Meter vor der Haustür war er stehen geblieben. Die Gedanken des Kindes an die Mikymaushefte waren verflogen. Das Kind drückte den Finger fest auf den Klingelknopf. Die Mutter öffnete nicht. Stattdessen ließ der jüngere Bruder den Buben herein.

Der Siebenjährige räumte die Metzgerwurst in den großen Kühlschrank. Danach setzte er sich an den Küchentisch. Dort schnitt er für die beiden Geschwister vom Brot ab, das Frau Mayer ihm mitgegeben hatte.

Abends bereitete der Bub den beiden Jüngeren das Abendbrot zu. Später las er aus einem Buch vor. Weil er in der Schule das Lesen noch nicht vollständig gelernt hatte, zeigte er den Brüdern Bilder aus dem Buch. Dazu erfand er Geschichten, die sich jedes Mal änderten. Die beiden jüngeren Brüder fragten nie, warum die Geschichten immer andere waren, während die Bilder dazu aber immer die gleichen blieben.

Autokauf

Der Motor lief ruhig. Die Tachoanzeige bewegte sich auf die Einhundert zu. Schneller wollte ich an diesem Tag keinesfalls fahren. Die Autobahn war finster. Die Beleuchtung des Wagens schimmerte in gelblichem Licht auf dem schwarzen Asphalt. Der weiße Mittelstreifen reflektierte die gelbe Scheinwerferbeleuchtung in einem matten Ton. Der schien so schwach zu sein, als drohte jeden Augenblick die Gefahr, er könnte erlöschen, genauso wie eine schwache Taschenlampe. Das Auto war zehn Jahre alt.

Baujahr zweiundsiebzig, aber Top in Schuss“, das hatte der stolze Verkäufer gerufen. Ohne mein Zutun schlug der Wagen aber permanent eine Rechtskurve ein. Der Verkäufer hatte das wohl nicht gewusst. Sein Sohn hatte nachts zuvor das Auto benutzt. Er hatte dem Wagen einen schweren Schaden zugefügt.

Die Lenkung des Autos war irreparabel defekt. Das Lenkrad hielt ich deshalb fest und sicher mit beiden Händen umgriffen. Der Wagen zog ständig nach rechts. Die Fahrzeugachse war verzogen. Die Reifen zeigten deutliche Spuren wegen der einseitigen Belastung, der sie durch das Gegenlenken ausgesetzt waren. Gegenlenken war nötig um das Auto in gerader Fahrtrichtung zu halten.

Der Verkäufer, ein bayerischer Vater in mittlerem Alter, hatte keine Ahnung davon, dass der Sohn nachts zuvor den Wagen gegen einen Randstein gesetzt hatte. Der Mann war sehr stolz auf seinen zuverlässigen, aber in die Jahre gekommenen Opel Kadett. Deshalb war er mir in dem Verkaufsgespräch richtig böse geworden. Schon nach wenigen Metern hatte ich den Verkäufer gefragt:

Was ist denn mit der Lenkung passiert?“

Der Mann war von der Verkehrssicherheit seines gelben Opel vollkommen überzeugt. Jahrelang hatte er das Auto selbst gefahren. Regelmäßig hatte er es gewartet, gepflegt und gehegt. Seit zwei Jahren benutzte sein Sohn das Auto.

Der Mann dachte, ich wollte ihn mit meiner Frage nach der Lenkung provozieren. Er glaubte, ich sei ein Autokäufer der versuchte einen besonders schlauen aber dummen Trick anzuwenden. Den Preis wollte ich drücken. Der Mann glaubte, ich war gekommen um seinen zuverlässigen Wagen zuerst schlecht zu reden und dann zu kaufen.

Solches hatte ich nicht im Sinn. Ich war überrascht vom Drang des Wagens auf die rechte Straßenseite. Ich hatte noch nie in meinem Leben ein Auto gekauft. Deshalb lag es mir fern, irgendeinen Trick anzuwenden. Der Mann war sauer geworden.

Sofort anhalten und aussteigen!“

Der Mann brüllte das in mein rechtes Ohr. Ich erschrak. Ich tat wie befohlen, setzte den Blinker nach rechts und steuerte an den Straßenrand. Dort stellte ich den Motor ab und stieg schnell aus.

Steigens aus, steigens aus!“

Das rief der Mann, obwohl ich schon ausgestiegen war. Wütend knallte er die Beifahrertür zu, umrundete den Wagen und blieb mit rot glühendem Kopf neben dem Auto stehen. Ich hatte mich inzwischen einige Meter entfernt.
„Such dir einen Anderen der dir was verkauft! Bei mir zieht das nicht!“

Der Mann riss die Fahrertür auf. Er warf mir einen wütenden letzten Blick zu. In seinem hochroten Gesicht sah ich wilden Zorn. Er schäumte vor Wut.
„Ich lass mich doch nicht von einem daher gelaufenen Schulbuben verarschen!“

So schrie mich der Mann durch das herunter gekurbelte Fahrerfenster an.

Der Wagen ist super in Schuss. 600 Mark sind fast geschenkt! Da brauch ich keinen Deppen, der mir einen Schmarrn von irgend einem Fehler an der Lenkung verzapft!“
Der Mann gab kräftig Gas. Er ließ den Motor laut aufheulen. So rauschte er davon.

Ich stand verdutzt am Straßenrand. Meine erste Probefahrt war beendet. Der Autokauf geplatzt.

Langsam lief ich am Straßenrand entlang. Sekunden lang dachte ich, dass ich mich geirrt haben musste. Die Lenkung musste in Ordnung sein. Ich hatte seit zwei Wochen kein Auto mehr gefahren. Der alte rote Fordtransit vom Jugendbüro, mit dem ich schon mehrmals Jugendliche in Wochenendferienhäuser gefahren hatte, fuhr keine automatische Rechtskurve.

Oder doch? Habe ich das bislang nicht bemerkt? Habe ich so wenig Fahrerfahrung, dass ich einfach vergessen habe, wie sich ein Fahrzeug lenkt? Ich dachte so und tapste langsam am Fahrbahnrand Richtung Bushaltestelle. Ich fand keine Erklärung.

Morgens war ich mit dem Linienbus aus Traunstein in den kleinen Ort gefahren. Telefonisch hatte ich mein Interesse am Kauf und der Probefahrt angemeldet. Vielleicht sollte ich das Autokaufen erst noch lernen? Mein Blick auf meine Armbanduhr sagte mir, dass laut Fahrplan in fünf Minuten der Bus zurück fuhr. Deshalb rannte ich los.

Nach einer engen Kurve erreichte ich die Bushaltestelle. Dort sah ich den gelben Kadett und den Verkäufer wieder. Außerdem sah ich da noch einen anderen Wagen stehen. Ein Mann war gemeinsam mit dem Verkäufer daran, mit Hilfe eines Abschleppseils und dem anderen Wagen, den gelben Kadett aus einem frisch gepflügten Acker zu ziehen.

Der Verkäufer war erst jetzt an der Bushaltestelle überzeugt, dass etwas nicht stimmte. Der Wagen fuhr automatisch nach rechts. Er hatte kräftig beschleunigt. Vorderradantrieb und Zug des Autos nach rechts. Das waren Kräfte, denen der Mann nicht gewachsen war. Das Auto war in der Kurve weit über den Fahrbahnrand hinaus geschossen.

Der Verkäufer war nicht mehr rot vor Wut. Seine Wut auf schien verflogen. Stattdessen war er käsebleich. Erst Tags zuvor sei er mit dem Auto zum Einkaufen gefahren. Da sei mit dem Auto noch alles in bester Ordnung gewesen.

Ich durfte die Probefahrt, in dem nun vom Acker verdreckten Kadett, fortsetzen. So stellte ich fest, dass sich der Wagen ganz normal fuhr. Während der Fahrt sprach ich kein Wort mehr mit dem Mann. Der wischte sich mit einem grünen Stofftaschentuch die Stirn. Das Auto wollte nur gemächlich beschleunigt werden. Abgesehen von der Lenkung war der Wagen aber völlig in Ordnung.

In seinen Augen und seinem Gesicht erkannte ich, dass der Sohn des Mannes seinen Rausch noch nicht richtig ausgeschlafen hatte. Der bleiche Vater hörte seine Geschichte. Gegen fünf Uhr früh war er in dem beschädigten Fahrzeug nach Hause gekommen. Seine Hände waren noch schwarz von Wagenschmiere. Den ruinierten Reifen hatte der Sohn am frühen Morgen mühsam abmontiert und im Kofferraum verstaut.

Die kaputte Lenkung und der demolierte Reifen halbierten den Kaufpreis. Für dreihundert Mark und war ich 1982 stolzer Besitzer eines Autos geworden.

Zuhause

Die Mutter war abends oft erst sehr spät aus der Kirche zurückgekehrt. Er hörte sie kommen, als die Geschwister schon im Bett lagen. Polternd stieg sie die Treppe hinauf. Ihren Schlüssel warf sie in ein Fach neben der Küchentür. Sie verschwand in die Küche. Schnell war wieder Ruhe eingekehrt.

Die Mutter hatte vom restlichen Haushaltsgeld mehrere hundert Kerzen gekauft. Mit denen war sie in die Kirche gegangen, um sie dort alle aufzustellen und ihren geliebten Heiland zu ehren. Den Abend verbrachte sie in einer Art Dämmerzustand betend vor dem Altar. Später fühlte sie sich vom Hausmeister der Kirchengemeinde bedroht, weil der sie mit sanfter Gewalt vor die Kirchentür befahl, um das Gotteshaus für die Nacht abzusperren.

Stundenlang harrte die Mutter deshalb auf den Treppenstufen vor der Kirche aus, ohne sich ihrer kleinen Kinder zu erinnern. Die hatten den Tag zu Hause allein, völlig ohne Versorgung zugebracht. Nachbarn waren wegen Geschrei aus der Wohnung auf die Kinder aufmerksam geworden.

Die Nachbarin versorgte die Kinder an ihrem Küchentisch mit einem warmen Abendessen. Sie verständigte die Polizei, die sich auf die Suche nach der vermissten Mutter machte. Die Kinder wurden von der Nachbarin abends um halb sieben Uhr dem Vater übergeben, als der von der Arbeit nach Hause gekommen war. Die Mutter wurde gegen einundzwanzig Uhr von einer Polizeistreife auf den Treppen vor der Kirche entdeckt. Sie war nicht ansprechbar. Sie weigerte sich, den Ort an dem sie sich ihrem verehrten Heiland am nächsten fühlte zu verlassen. Von den Beamten wollte sie sich nicht nach Hause bringen lassen. Ein Notarzt brachte sie schließlich in eine Klinik.

Die Kapelle in der Klinik war sehr klein. Sie war voll von Menschen. Die Mutter konnte diese Nähe nicht lange ertragen. Sie hatte eine andere Vorstellung davon, wie der Herr zu ehren sei. Eine Menschenmenge in einer winzigen Kellerkapelle konnte dabei niemals von Nutzen sein. Es hatte in Ruhe und Einsamkeit zu geschehen. Danksagungen an das Leben für das geschenkte Glück von drei Kindern und einem arbeitsamen Ehemann, konnten den Herrn nicht erreichen, wenn dreißig Menschen einen kleinen Raum füllten und gemeinsam beteten. Der Herr sollte einzig und allein ihrer sein. In den Sekunden ihres Danks wollte sie dem Herrn stets allein gegenüber stehen. Wie schon so oft verließ sie deshalb auch diesmal die Klinik nach wenigen Tagen.

Der Jüngste, vor Tagen drei Jahre alt geworden, hatte von früh Morgens bis spät abends immer wieder quälende Schmerzen. Er weinte den Tag lang in Schüben, die wenn sie sekundenlang vorüber gegangen waren, sich langsam erneut ihren Weg bahnten. Schmerz zog vom aufgedunsenen Magen des Kleinen hinauf in dessen trockenen Mund. Jede Menge Papierfetzen hatte das Kind verschlungen. Die Wände in dem Kinderzimmer waren leer. Nur ein Bild hing da. Doch das Kind vermochte nicht hinauf zu greifen. Zwei Stunden lag der Kleine schreiend auf dem Rücken. Stechender, quälender Schmerz zog vom ausgetrockneten Mund die Speiseröhre hinab in den Magen. Der aufgequollene Bauch des Kindes schmerzte wie nie zuvor.

Die Mutter war mit den beiden Geschwistern zur Tante gefahren. Die Tante glaubte, die Freundin würde sich um den Jüngsten kümmern. Der Vater war tagelang auf Montage einer riesigen Werkshalle, die im Hafen an der See neu errichtet wurde. Er hatte eine neue Anstellung gefunden. Der Bau der Werkshalle war eine erste Bewährungsprobe.

Die Mutter hatte sich entschieden. Es war ihr schwer gefallen, doch sie hatte sich befohlen, für den Herren ihr Glück zu beschneiden. Nach Jahren in der Gemeinde war sie endlich soweit. Sie wollte sich selbst und dem Herrn gegenüber einen endgültigen Beweis erbringen. Ihr Opfer sollte schmerzlich sein. Nur großer Schmerz bewies die Wahrheit, die in ihrem tiefen Glauben steckte.

Der Dreijährige war bewusstlos, als er in die Intensivstation der Klinik eingeliefert wurde. Der Kampf um sein Leben schien anfangs aussichtslos. Die Ärzte gaben alles um das Kind zu retten. Nachts um vier Uhr brachten sie das Kind per Hubschrauber in eine Spezialklinik.

Morgens um sieben Uhr läutete es an der Wohnungstür. Die Tante hatte gerade das Teewasser vom Herd genommen. Die Beamten sprachen kaum, sie folgten der Tante in die Küche, wo sie am Tisch die Geschwister sahen. Beide tranken warme Milch und aßen süße Brote mit Marmeladenaufstrich.

Die Mutter betrat die Küche nicht mehr. Am Treppenabsatz zum ersten Stock des Hauses, wurde sie von einem Beamten begrüßt. Der Bub war vom Frühstückstisch aufgestanden. Durch einen Spalt der angelehnten Küchentür sah er die Mutter. Sie sprach kein Wort. Die Tante, neben der Mutter stehend, war blass geworden. Die Beamtin fragte die Mutter etwas, die antwortete aber nicht. Sie senkte den Kopf nach unten, so dass die frisch gewaschenen Haare ihr Gesicht verbargen. Die Mutter wurde von den zwei Beamten zur Haustüre hinaus begleitet. Die Tante nahm die Hand vor den Mund.

Schnell setzte sich der Bub zurück an den Küchentisch zu seinem Bruder. Er biss von seinem Marmeladebrot ab und trank aus dem Milchbecher. Die Tante kam, begleitet von einer Beamtin in die Küche. Beide setzten sich zu den Kindern. Die Tante begann zu sprechen. Der Bub hörte aufmerksam zu. Der jüngere Bruder fragte, ob er noch einen Becher Milch bekommen könnte.

Autofahrt

Von Traunstein bis Berchtesgaden, wo ich damals gelebt hatte, sind es knappe fünfzig Kilometer. An Wochenenden war ich im Jahr 1982 und 1983 manchmal dorthin unterwegs. Ich fuhr gerne auf der kurvigen Landstraße über Teisendorf, Piding und Bad Reichenhall. Das war eine schöne Strecke. Die Leute verstanden nicht, dass ich nicht die Autobahn nahm. Meine Bekannten und Freunde waren größtenteils darauf getrimmt, so schnell als möglich von Punkt A nach B zu kommen. Ich hatte es nicht eilig, denn ich lebte in Traunstein allein zur Untermiete bei meiner Vermieterin Frau Stößer.

Ich hatte nur wenige Freunde. Alle waren in ihren Familien eingebunden. Das war mir fremd, denn ich bewohnte einsam ein Dachzimmer im Haus von Frau Stößer. Die empfing oft laute Freundinnen, die gemeinsam auf der Terrasse im Garten bei Kaffee und Kuchen saßen. Das beobachtete ich gezwungenermaßen, denn ich wohnte oben und das Haus war zwar ein Neubau, doch trotzdem so hellhörig, dass ich selbst die Telefonate, die Frau Schlösser täglich im Erdgeschoss führte, nicht ausblenden konnte. Am Wochenende war ich meist allein, während meine Bekannten in ihren Familien ihrem deutschen Wochenendalltag nachgingen.

Auf manchem Spaziergang durch Traunstein beobachtete ich, wie das deutsche Wochenende ging. Es war die wöchentliche Autowäsche vor der Einfamilienhaustür, Besuch der Groß- oder Schwiegereltern zum Sonntagskaffee und der gemeinsame sonntägliche Kirchenbesuch. Abends folgte der Fernsehabend oder ein familiärer Theaterbesuch im Volkstheater oder dem klassischen Konzert im nahe gelegenen Salzburg. Ein vereinsamter junger Mensch wie ich, gewann auf seinen Spaziergängen durch die kleine Stadt das Gefühl, dort wie ein Verbrecher herum zu schleichen, der nicht am Leben teilnahm, dessen Strafe es wohl war, ausgeschlossen zu sein. Dabei errang er unfreiwillig einen geschärften Blick für das, was an familiärem Leben hinter beleuchteten Fenstern und auf den Straßen und Plätzen geschah. So gesehen wirkte die von mir gefühlte Strafe meines Alltag in Traunstein doppelt. Es reichte nicht dass ich allein lebte, nein ich konnte mit dem Leben vor meinen Augen nichts anfangen.

Ich war achtzehn Jahre jung, lebte allein in einem Ort, den ich mir ausgesucht hatte ohne ihn zu kennen, hatte kein Geld, weil ich mir von meinen monatlich 700 Mark, die ich als Fall des Jugenwohlfahrtsgesetzes erhielt, neben der Miete von 250 Mark an Frau Stößer noch diesen gelben Opel Kadett leistete. An den einsamen Wochenenden lief ich wie ein leiser Storenfried in der beschaulichen und wie ich vielfach fand spießigen deutschen Welt umher. Ich wandelte ziellos durch die Kreisstadt Traunstein um zu sehen, ob dort nicht doch etwas war, dem ich mich anschließen konnte, um das Gefühl der Isolation in der Bayerischen Provinz wenigstens ein bisschen zu entschärfen. In Traunstein aber fand ich damals nichts, was mich interessierte. Mich interessierte der Bauernmarkt nicht, die Bauernmalerei in den Läden wollte ich mir nicht ansehen, ich kaufte nur das nötigste bei einem Discounter ein, ich hatte niemanden, der mich ins Kino, für das ich ohnehin kein Geld hatte, begleitet hätte. So blieb es Wochenende für Wochenende bei Spaziergängen mit auf Dauer immer den gleichen Beobachtungen. Wenn ich mal nach Berchtesgaden fuhr, war das etwas besonderes. Ich hatte Zeit, um mit dem gelben Opel gemütlich die Landstraße zu nehmen, denn ich wollte das Fahren, das ich mir von meinem Lebensunterhalt absparte erleben und genießen.

Heute ist die Strecke von Traunstein nach Berchtesgaden zu einer breiten Rennstrecke ausgebaut. Vor wenigen Wochen war ich dort, wollte aus „Nostalgiegründen“ nochmal auf früheren Wegen fahren. Die Strecke ist so breit ausgebaut, dass ich sie nicht wieder erkannte.

Es trifft das Wort, dass man Orte oder in diesem Fall Wege, die man in bestimmter Erinnerung hat, heute nicht mehr besuchen sollte. Ich finde auf dem Weg nichts als Raserei von riesigen panzerartigen Autos. Es macht keinen Sinn zu versuchen die Abzweigung zu finden. An ihr hatte ich damals bei meinem Umzug von Berchtesgaden nach Traunstein gestoppt. Der geliehene Peugeot war völlig überladen. Trotzdem hielt ich wegen eines Trampers an. Der war mit einem platten Fahrrad unterwegs. Wegen ihm lud ich mein Mobiliar am Straßenrand aus und wieder ein, um im kleinen grünen Peugeot noch Fahrrad und Tramper unter zu bringen. Manfred war der erste neue Freund, auf den ich 1982 traf.

Vater

Er war vor zehn Jahren 1973 in seinem Käfer auf genau dieser Autobahnstrecke unterwegs gewesen. Während ich im gelben Opel Kadett, das nach rechts strebende Lenkrad fest hielt, stellte ich mir vor, dass der Vater Zigaretten rauchend am Steuer gesessen war. Ich steckte mir eine Kippe an. Mein Vater rauchte „Kurmark“. Das ist eine Zigarettensorte, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, den seitdem hatte ich den Vater nicht mehr gesehen. Ich kannte außer ihm niemanden, der das Zeug rauchte. Erst als ich zwanzig Jahre später 2002 die Wohnung des toten Vaters zusammen mit meinem Bruder betrat, um dort zu sehen, wie viel Arbeit wohl notwendig war, um die Wohnung zu räumen und zu renovieren, um sie dem Vermieter zu übergeben, sah ich „Kurmark“ wieder. Der Vater hatte sie offensichtlich bis zu seinem Tod, im Alter von Vierundsiebzig, geraucht.

Das erinnerte mich daran, wie er die Kippenschachtel aus der Hemdtasche zog, während er das Käferlenkrad hielt, den Zigarettenanzünder drückte, aus der Schachtel eine Kippe schüttelte, sie mit dem Mund aufnahm, die Schachtel zurück in die Hemdtasche schob um mit dem Anzünder die Kippe zum Qualmen zu bringen. Ich sah ihn, wie er aufmerksam durch die Gläser seiner dicken Hornbrille blickend, den Kilometerstand des Käfers stets berechnend, wissend, wann der nächste Ölwechsel fällig würde, genau darauf achtete, nicht schneller als hundert Stundenkilometer zu fahren, um den geringst möglichen Spritverbrauch bei gleichzeitiger Schonung des Käfermotors herauszufahren.

Obwohl ich ihn, während der Fahrt auf der Autobahn, wie früher vor mir sah, fand ich das frühere Gefühl für den Vater nicht wieder. Es hatte mich damals hin und her geworfen. Es warf mich oft beinahe um, denn ich schwankte zwischen Sicherheit und Unsicherheit. Ich sah hinauf zu ihm. Aber ich sah damals nicht, welche Dinge der Vater wichtig fand.

Trotzdem forderte er stets Begründungen für alles. Was ich tat musste einen Grund haben, der den Vater zufrieden stellte. Gründe für den Vater zu finden war zu einer meiner wichtigsten Aufgaben geworden. Der Vater verlange das ohne Worte. Es war selbstverständlich. Später, als der Vater schon lange für immer weg war, ertappte ich mich oft immer noch bei der Frage: Was sagst du dem Vater? Wie begründest du ihm das, was du gerade tust oder gerade zu tun gedenkst?

Auch 1982 auf der Autobahn im gelben Opel Kadett kam plötzlich diese Frage. Ich antwortete, dass ich fuhr, um an diesem Wochenende meinen Bruder zu besuchen, der in der Nähe von Vaters Wohnung lebte, während ich weit vom Vater entfernt wohnte, in Traunstein, nahe Berchtesgaden, wo er uns Geschwister früher manchmal besucht hatte.

Berchtesgaden: Das waren für mich die siebziger Jahre. Es war die Zeit meiner Kindheit. Mein Leben beim Vater war für mich bereits nach einem Jahr 1974 vorbei, denn bei ihm war alles schief gelaufen. Ich verstand deshalb nicht, warum mich der Vater 1983 im Kopf, während ich im gelben Kadett saß, um nach Heilbronn zu fahren, immer noch beschäftigte indem er fragte, was ich heute aus welchem Grund gerade in diesem Augenblick tat.

Ich antwortete ihm: Es ist weit, das weißt du doch, es ist beinahe die gleiche Strecke, die du selbst früher gefahren warst, als du uns im Kinderheim auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden besucht hattest.

Um den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen hatte der Vater von früh morgens bis abends täglich in einer Maschinenfabrik gearbeitet. Jeden Morgen, meist war es noch dunkel, warf er hinter dem Haus den Käfermotor an. Er fuhr in die Fabrik, während seine Kinder noch fest schliefen. Abends, wenn der Vater wieder nach Hause kam, waren die Kinder, außer mir dem Ältesten, schon im Bett. Der Vater ließ sich stets schwerfällig am Abendbrottisch nieder. Er erzählte vom schweren Fabrikarbeitstag, während die Mutter und der Älteste schweigsam am Tisch saßen und aufmerksam zuhörten.

Gerne hätte der älteste Bub dem Vater davon erzählt, was er Nachmittags bei der Bäckersfrau oder der Metzgersfrau erlebt hatte. Das waren eigentlich immer die gleichen Erlebnisse. Der Bub glaubte, er würde den Vater am Abendbrottisch damit langweilen. Es war damals nicht üblich, dass ein Bub am Abendbrottisch begann, den Vater mit seinen Geschichten zu belästigen. Die Mikymaushefte, die er Nachmittags am Kiosk gesehen hatte, die Geldbörse mit Briefmarken, mit der er von der Mutter zu Frau Mayer geschickt worden war, das gelbe Heftchen in das die Metzgersfrau den Betrag notiert hatte, die Freundin der Mutter, die Nachmittags mit ihren Heften zu Besuch gekommen war, der Pfarrer, der Abends angerufen hatte, um zu fragen, ob die Mutter endlich wieder zu Hause angekommen sei, das alles konnte der Bub am Abendbrottisch nicht berichten. Es wären Berichte und Geschichten aus dem Alltag gewesen, die der Vater Abends nicht hören wollte, denn er war Abends immer zu Müde, er hatte den ganzen Tag schwer gearbeitet.

Für den Alltag zu Hause war die Mutter zuständig. Darin war der Vater von der Mutter aber schwer enttäuscht worden. Das bemerkte der Vater viel zu spät, denn er war ja immer in der Arbeit und am Abendbrottisch wollte er nichts hören. Die Kinder blieben tagsüber meist allein in der Wohnung zurück, während die Mutter in der Kirche Kerzen entzündete oder bei der Freundin Hefte mit der Aufschrift „Der Wachturm“ kaufte. Deshalb war die Nachbarin zu einer beinahe täglichen Anlaufstelle für die Kinder geworden. Daran, dass die Kinder im Heim auf dem Obersalzberg leben mussten, war die Mutter schuld. Das erklärte er 1974, als er die Kinder aus dem Heim holte. Bei ihm war dann aber alles schief gegangen. Die Kinder kamen schon nach einem Jahr zurück auf den Obersalzberg. Der Vater war immer zur Arbeit gegangen.

Ich fuhr einen Teil der Strecke, welche der Vater damals gefahren war. Ich tat das, um meine innere Vorstellung dorthin zu bringen, wo der Vater damals mit seinem weißen Käfer unterwegs gewesen war. Abends zuvor hatte ich mich entschlossen, morgens sehr früh aufzustehen, so wie es der Vater damals tat, wenn er uns auf dem Obersalzberg im Kinderheim mit seinem weißen Käfer besuchte.

Bei Dunkelheit war ich losgefahren. Im Osten sah ich einen langsam heller werdenden Schimmer am Horizont. Im Radio hörte ich etwas von der neuen Bundesregierung. Die alte Regierung war im September des Jahres zuvor im Rahmen eines sogenannten Misstrauensvotums abgesetzt worden. Ich hörte aus dem Radio, dass die neue Regierung jetzt plante die Bafögzahlungen an Studenten auf Darlehensbasis umzustellen. Das bedeutete, dass ich Geld, welches ich für mein Studium von diesem Staat erhoffte, wieder zurück zu bezahlen hatte.

Eine völlig normale Sache. So stellte mir deshalb meine Schulden vor. Ich sah, wie sie in den Jahren des Studiums zu einem hohen Berg anwuchsen. Das Studium würde ich noch besser planen, als ohnehin geplant, denn es müsste zwingend erfolgreich, vor allem aber sehr schnell verlaufen, um am Ende möglichst wenig Schulden beim Staat wegen des Bafögs zu haben.

Ich lauschte den Worten eines Regierungsmitglieds aus dem Radio. Ich drehte den Mann lauter, um das Motorengeräusch des Autos zu übertönen. Der Politiker begründete das Vorhaben. Dessen Worte bestanden im Prinzip darin, ein bekanntes Sprichwort auszulegen: Noch nie habe die Jugend in diesem Land so viele Chancen gehabt wie heute. Viele junge Menschen nutzten ihre Chancen aber gar nicht. Sie zögen es stattdessen vor, einfach vor sich hin zu „gammeln“. Was der Mann damit genau meinte, war nicht klar. Er sprach von „jugendlichen Gammlern“, als gehörte dieser Begriff zum alltäglichen Sprachgebrauch. Ich fand dessen Worte eher ungewöhnlich. Er meinte einfach, dass jeder seines Glückes Schmied sei.

Doch das sagte er nicht, stattdessen so der Mann, sei das „Gammeln der Jugend“ keinesfalls auf Staatskasse möglich. Jahrelang hätte die sozialliberale Vorgängerregierung junge Menschen studieren lassen, die mit Bildung eigentlich nichts am Hut hätten. Die Studienzeiten seien deshalb arg in die Länge gezogen worden. Wer aber Bildung ablehne oder dieser nicht zugänglich sei, sollte gefälligst arbeiten anstatt zu studieren. Solche jungen Leute sollten sich Bildung angemessen verdienen, indem sie zunächst bewiesen, dass sie es wert seien, sie überhaupt zu erwerben.

Mich beschlich das Gefühl, ich gehörte zu denjenigen, die sich den Erwerb von Bildung nicht mehr lange leisten können. Aber darüber sprach der Politiker nicht. Der Mann meinte, dass junge Leute wie ich, wegen deren Probleme, sich deren eigenes Glück selbständig zu schmieden, keine erwünschten Studenten in diesem Land waren.

Ich schaltete das Radio aus.

Kinder

Der Bub hatte den Jungen geschlagen. Er wollte dass sein Bruder das Geburtstagspäckchen, das die Tante geschickt hatte, alleine öffnete. Der Junge aber hatte trotz Warnungen des Buben nicht aufgehört, den kleinen Bruder von der Holzbank hinter dem Tisch weg zu schubsen. Er stieß den Kleinen beiseite, begann sich an den Paketschnüren, die das braune Paketpapier umschlossen, zu schaffen zu machen, während er dem Kleinen gehässige Blicke zuwarf.

Der Bub konnte das nicht zulassen. Er konnte nicht dulden, dass ein anderes Kind das Geburtstagspäckchen seines kleinen Bruders öffnete. Der Bub hatte den Jungen schon zweimal von dem Paket weg geschoben. Beim zweiten Mal hatte er ihn kräftiger als beim ersten Mal von der Holzbank gestoßen. Doch die Warnung reichte dem Jungen nicht.Trotzdem versuchte der nochmal, sich über das Geburtstagspäckchen des Bruders herzumachen. Das machte den Buben wütend. Er griff den Jungen an den Armen, riss ihn von Paket und Tisch weg, versetzte ihm einen festen Hieb in den Magen, um damit ein eindeutiges Signal zu setzen, dass nun endgültig Schluss sei. Der Schlag war für den frechen Jungen zu viel, er übergab sich. Er spie alles von sich, was er zuvor am Mittagstisch eilig verschlungen hatte.

Deshalb wurde nun eine Erzieherin aufmerksam. Sie tröstete den Jungen. Den Buben identifizierte sie als Streithahn, der gewalttätig geworden war und bestraft werden musste. Deshalb ordnete sie nächtlichen Kellerarrest an. Wer so brutal sei, so erklärte sie, müsse die Nacht im kalten Keller verbringen. Zuvor aber sollte der Bub den restlichen Nachmittag allein im Zimmer sitzen. Deshalb durfte er dem jüngeren Bruder nicht zusehen, wie der endlich in Ruhe sein Geburtstagspäckchen auspackte.

Zur Strafe gehörte auch, dass für den Buben das Abendessen ausfiel.

Den Nachmittag war langweilig, der Bub lief zwischen den Stockbetten auf und ab. Er musste sich bewegen denn er war in einem Fußballspiel auf der Wiese hinter dem Haus eingeplant gewesen. Das Spiel verfolgte er vom Zimmerfenster aus. Einige Szenen spielte er zwischen den Stockbetten im Zimmer nach. Dabei benutzte er einen unsichtbaren Fußball, der nur in seiner Phantasie existierte. Sein jüngerer Bruder spielte in einer Mannschaft, die auf einem kleineren Spielfeld im rechten Teil der Wiese kickte. Auch aus dessen Spiel hatte er zwischen den Stockbetten die jeweils spannendste Spielszene nachgespielt.

Um fünf Uhr Nachmittags war es draußen auf der Fußballwiese ruhig geworden. Der Bub legte sich gelangweilt auf sein Bett. Die Gipsschale mit den Gurten versteckte er zuvor in der hintersten Ecke in seinem Fach in dem riesigen Kleiderschrank. Der Arzt hatte ihm die Rückenschale vor Monaten verordnet. Seither musste er sie jeden Abend umbinden. Er wurde jede Nacht gezwungen mit ihr auf dem Rücken liegend zu schlafen. Das wurde von einer Erzieherin kontrolliert.

Der Schrank war ein schlechtes Versteck, aber ein anderes gab es in dem Zimmer nicht. Er hoffte darauf, dass wenn ihn abends die Erzieherin mit seiner Bettdecke in den Keller schickte, vielleicht die Gipsschale in Vergessenheit geriet, weil die Erzieherin sie nicht auf seinem Bett liegen sah.

Er hasste die Nächte im Keller. Das Einschlafen in der harten Schale auf der Holzbank war immer sehr schwierig. Meist fror er trotz der Bettdecke auf der kalten Kellerbank. Die Bank war so hart, dass er auf ihr in der Schale liegend, immer wieder von Schmerzen geplagt aufwachte. Die Kälte des Kellers war mit dem Erwachen sofort spürbar. Die Nacht brachte viele blaue Flecken, die schmerzten tagsüber an den Knochen.

Bis neuen Uhr abends hatte der Bub allein in dem finsteren Zimmer gewartet. Die Stockbetten malten an der Wand krakelige Schatten im Licht, das über den Hof durch das Fenster einfiel. Um halb neun Uhr war der Mond aufgestiegen. Licht von unten aus dem Hof mischte sich mit Licht vom Mond, so dass er die Schatten an der Wand doppelt sah.

Um Punkt neun Uhr ging das Licht in dem Zimmer an und der Lärm begann. Sechzehn Kinder rannten auf und ab, suchten Schlafanzüge und warfen Kleidung auf Holzstühle, die gegenüber dem großen Schrank, rechts von den Stockbetten, aufgereiht standen. Jetzt verhielt er sich, als gehörte er dazu, als sei die Bestrafung bereits abgegolten. Er zog seinen Schlafanzug an, legte seine Kleider auf seinen Stuhl und rannte gemeinsam mit den anderen Kindern zum Waschen und Zähneputzen in das riesige Badezimmer. Zurück im Zimmer, legte er sich wie alle anderen Kinder in sein Bett.

Um halb zehn Uhr erschien die Erzieherin vor seinem Bett. Sie riss ihm die Decke vom Körper. Er sprang sofort aus dem Bett.

Wo ist deine Gipsschale?“, schrie die Erzieherin, sie starrte auf die leere Matratze im Bett. Der Bub rannte sofort zum Schrank und holte die Gipsschale heraus. Er hörte gemeinsames lautes Lachen von fünfzehn Kindern. Die Gipsschale unter dem Arm, folgte er der Erzieherin.

Der Keller lag zwei Stockwerke tiefer. In ihm hingen feuchte Regenjacken an einer langen Reihe von Haken. Darunter war an der Wand eine Holzbank angeschraubt. Sie diente als Sitzbank, um sich die Straßenschuhe, die unter ihr standen, anzuziehen. In der auf den Rücken gebundenen Gipsschale musste er dort liegen. Nachts um halb eins kam sein kleiner Bruder. Er brachte drei Scheiben Brot vom Abendbrottisch. Der Bub freute sich, umarmte den Kleinen und aß gierig.

Er begleitete den kleinen Bruder nach oben in dessen Schlafsaal. Der Kleine war das Risiko eingegangen in dem riesigen Haus unterwegs aufgehalten zu werden. Nachts machten Erzieherinnen Kontrollgänge. Der Kleine wäre bestraft worden. Deshalb ging der Bub mit, denn auch diese Strafe hätte er auf sich genommen. Das Brot war ein Diebstahl. Es war verboten Brot vom Essenstisch mitzunehmen. Das war eine Grundregel.

Weil der Kleine dem Buben trotzdem immer Brot in den Keller gebracht hatte, waren die Geschwister von den Heimkindern „Diebesbande“ genannt worden. Wenn etwas als gestohlen gemeldet worden war, wurde der Schrank des Buben von einer Erzieherin durchsucht. Nie fand sich etwas. Der Kleine stahl nur essbares vom Abendbrottisch und von Tellern, die nach dem Abräumen zurück in die Küche gebracht wurden.

Nachts waren die Rückenschmerzen in der harten Gipsschale unerträglich geworden. Nach der ersten Kontrolle der Erzieherin, die wohl glaubte er schlafe, riss er sich die Gipsschale vom Leib. Er versteckte sie einige Meter entfernt, dort wo die Jacken hingen. Er verbarg sie hinter einer gelben Regenjacke an der Wand. Ohne der Schale schlief er auf der Seite liegend auf der schmalen Holzbank ein.

Plötzlich wachte er auf. Es war eiskalt. Er zitterte am ganzen Körper. Die Decke war verschwunden. Die Schlafanzughose war nass. Wieder hatte er geträumt, dass er auf der Toilette sei. Wohl deshalb hatte er es laufen lassen. Zitternd tastete er Hemd und Schlafanzughose ab. Das Hemd klebte nass und eiskalt an seinem Körper. Er richtete sich auf der Holzbank auf. Wo war seine Bettdecke geblieben?

Er sah sich in dem dunklen Keller um. Da erkannte er die beiden. Zwei standen vor dem Kellerfenster nahe der Treppe. Einer der Zwei trug einen Eimer in der Rechten. Jetzt hörte er deren Lachen. Er hatte nicht eingenässt. Beide Burschen haben einen Eimer Wasser über ihn geschüttet. Dreckig lachend rannten die zwei die Treppe hinauf. Der Bub suchte nach der Bettdecke. Die hatten sie ihm offenbar weggerissen. Der nasse Schlafanzug tropfte. Er fand sie in einer Ecke. Sie war trocken.

Monate zuvor war er schon einmal nachts im Keller von einer eisigen Wasserfontäne übergossen worden. Da hatte er nicht so fest geschlafen und konnte den Tätern rechtzeitig die Gipsschale zuwenden. Er war kaum nass geworden. Das hatte großen Ärger mit der Erzieherin gegeben. Die Gipsschale war vom Wasser so beschädigt, dass sie erneuert werden musste. Niemand glaubte dem Buben, dass er nicht absichtlich versucht hatte sie mit Wasser zu zerstören.

Bis um halb sechs Uhr das Licht an ging, saß der Bub auf der Holzbank unter seiner Bettdecke. Das automatische Licht im Keller war Signal und Erlaubnis, in den Schlafsaal zurück zu kommen. Dort angekommen, legte er Decke und Gipsschale auf sein Bett, zog wie alle anderen Kinder seine Kleidung an, brachte den Schlafanzug in die Wäschekammer im Erdgeschoss, wo er ihn in die Schmutzwäschetonne warf. Die Strafe der langen kalten Nacht im Keller war vorüber gegangen.

Wohnen

Obwohl mein neues Zimmer größer und heller war, als das alte Zimmer nebenan, blieb die Miete gleich. Frau Stößer sagte, dass sich der Größenunterschied der Zimmer wegen der Dachschrägen, die mein neues große Zimmer habe wieder ausgleiche. Ich fand das gut, denn das Zimmer war viel größer, viel heller und hatte einen schönen Balkon mit Blick auf die Stadt Traunstein. Frau Stößer plante, mein bisheriges kleines Zimmer zu einem Gästezimmer ausbauen lassen. Es sei dafür bestens geeignet weil es eben keine Dachschrägen habe.

Im Haus von Frau Stößer in Traunstein fühlte ich mich wohl. Das neue große Zimmer bot wunderbaren Ausblick auf Stadt und Berge. Frau Stößer hatte sich als sehr angenehme Vermieterin erwiesen. Meine anfänglichen Vorurteile, hatten sich ganz schnell in Nichts aufgelöst.

Frau Stößer interessierte sich nicht dafür, welchen Besuch ich bekam. Es war ihr egal, dass ich ein altes schrottreifes Auto fuhr. Sie fragte nicht, warum ich spät Nachts hin und wieder das Haus verließ. Sie erlaubte, dass mich ab und an Manfred oder Pete besuchten, die das Haus als spießig und rustikal empfanden. Es schien ihr nicht ungewöhnlich, dass ich den gelben Kadett direkt neben ihrer großen Doppelgarage, in der ihr Mercedes stand, parkte. Es machte ihr auch nichts, dass ich oft angerufen wurde, was Frau Stößer jedes Mal Zwang aus ihrer Erdgeschosswohnung ins Treppenhaus zu kommen, um nach mir zu rufen. Oft schrieb sie mir Zettel wenn jemand angerufen hatte.

Um meine Angelegenheiten kümmerte sie sich nicht. Sie war die Hausbesitzerin und Vermieterin. Meine anfängliche Befürchtung, sie könnte eine gelangweilte Hausfrau sein, die mich nervte, weil sie hinter mir her spionierte, bewahrheiteten sich nicht.

Es interessierte Frau Stößer auch nicht, dass ich mit der Mutter, die das Zimmer vor einem halben Jahr für mich angemietet hatte, seit meinem Einzug gar nichts mehr zu tun hatte. Sie war gar nicht meine leibliche Mutter. Mein Kontakt zur Mutter endete mit meiner Volljährigkeit an dem Tag, als ich zur Untermiete einzog. Auch das interessierte Frau Stößer nicht..

Niemals hatte sie mich auf die Frau angesprochen, die mir die Miete des Zimmers vermittelt hatte. Sie hatte meine Mutter ein knappes halbes Jahr zuvor, beim Mietvertragsabschluss kennen gelernt. Beide hatten sich sofort wunderbar verstanden. Sie fragte nie, warum meine Mutter seither niemals zu Besuch gekommen war.

Ich wohnte 1982 in Traunstein in einem schönen Zimmer mit Blick über die Traun auf die Stadt zur Untermiete. Mein Zimmer bei Frau Schlösser war ein schönes Privileg für einen achtzehnjährigen Menschen, der von der Stütze durch die deutsche Jugendwohlfahrt auf Grundlage des Jugendwohlfahrtsgesetzes lebte. Ich war deshalb nicht einfach fallen gelassen worden. Ich war zwar aus meinem Elternhaus, ich sage mal „unehrenhaft“ entlassen worden, doch in meiner Freiheit, die in Traunstein begann, wurde ich vom Land in dem ich geboren wurde, unterstützt. Ich hatte gute Chancen diese Unterstützung in den Abschluss einer Schulausbildung so zu investieren, dass ich zusätzlich die Berechtigung zu studieren erlangte. Das war gut. Das Gute verhinderte aber nicht, dass ich mir damals in meiner Freiheit oft recht einsam vorkam. Ich konnte die neuer Freiheit nicht genießen. In Traunstein besuchte ich 1982 die Fachoberschule für technische Berufe. Mein Ziel war es, alle Hürden zu überwinden, die sich mir dort in den Weg stellten, um diese Schule zu schaffen um später zu studieren.

Hürden, die es zu überwinden galt fand ich sehr viele. Weniger der Unterrichtsinhalt und das Lernen, vielmehr aber die Konkurrenz zwischen den Schülern und teils den Lehrern waren solche Hürden für mich, sie beherrschten das Klima an meiner neuen Schule. An diese Schule hatten mich die Pflegeeltern bewegt. In technischen Dingen, so hatten sie oft zu mir gesagt, hätte ich meine hauptsächlichen Begabungen. Ich war 1982 noch nicht frei genug, um zu entscheiden, dass ich die Welt dieser technischen Schule ändern kann. Ich ging dort hin, weil ich geschickt wurde und weil ich angebliche Begabungen hatte, die von den Pflegeeltern an mir beobachtet worden waren.

Das reichte aber nicht um die Brutalität auszuhalten, die mir von den Organisatoren und Akteuren an der technischen Fachoberschule in Traunstein 1982 entgegen geworfen wurde.

In der Schule lief es völlig anders, als zuvor an der Realschule. Es ging darum, möglichst wenig zu fragen. Wer den Lehrer der Technologie, der Physik, der Mathematik, der Werkstoffkunde oder der Optik nach Zusammenhängen fragte, sagte damit: „Ich bin dumm“. Das begriff ich schnell. Es war ein Grundprinzip dieser Schule. Konkurrenz beherrschte die Menschen und sorgte für Angst das Gesicht zu verlieren. Wenn ich fragte, wonach ich Wissensdurst hatte, war ich verloren. Das musste ich neu verstehen lernen.

Die Technologie, der Lernstoff war klar. Glasklar stand alles in den Büchern. Wer da nachfragte, hatte zu hause zu wenig nachgelesen. Wer nachfragte, obwohl er zu hause gelesen hatte, dem fehlte grundsätzliches Verständnis für die Sache. Wer nicht verstand, war in der Schule für Technologie völlig fehl am Platz. Wer fehl am Platz war, sollte sich schnell von dort entfernen. Wer sich nicht selbst entfernte, wurde entfernt. Lernen funktionierte dort anders, als ich es noch von meinem Leben in der Realschule kannte. Wie Lernen dort funktionierte, verstand ich nicht. Bei mir funktionierte es erst mal gar nicht. Unter diesen Umständen lernte ich nichts. Deshalb entwickelte ich in den ersten Monaten auf dieser Schule zunächst eine ganz neue Methode zu überleben.

Pflegeeltern

Bei den Pflegeeltern konnte und durfte ich mich nicht mehr melden. Wenige Wochen nachdem ich dort ausgezogen war, hatte ich ein letztes mal telefonischen Kontakt aufgenommen. Aber sie sagten, dass es vorbei sei. Wenn ich Wäsche waschen wollte, sollte ich das bei meinen neuen Freunden tun. Dass die Wäsche nur ein Teil meines Anrufes gewesen war, interessierte meine ehemaligen Pflegeeltern nicht. Wäsche war ein Thema. Sie war ein Anhaltspunkt, wie ein Anker, etwas worüber ich mit ihnen reden konnte. Meine Wäsche begründete sozusagen meinen letzten Kontaktversuch.

Die Klarheit in der Ablehnung meiner Pflegeeltern, trotz meines Auszugs aus deren Wohnung weiterhin Kontakt zu halten, war wie eine sauber geputzte Glasscheibe. Ich sah hindurch und bemerkte die Scheibe nicht, was bedeutete, dass ich für immer entlassen worden war.

Sie waren nicht meine leiblichen Eltern, hatten sich aber über Jahre zu meinen Eltern entwickelt. Ich wohnte fünf Jahre lang bei ihnen. Ich hatte sie im Alter von vierzehn Jahren, zu Beginn der Ferien kennen gelernt. Seither waren sie für mich die Eltern. Ich war von ihnen abhängig.

Ich verbrachte meinen Alltag in deren Haus, verdankte ihnen meinen Schulbesuch, mein Schlafzimmer, meine Ernährung. Der „Waschmaschinenanruf“ wurde zum lebenslänglichen Abschied von ihnen. Ich war draußen. Die Unterstützung durch die Eltern für mich war abgeschlossen. Ich kannte solches Denken damals nicht. Ich war in meinem Alltag unterwegs und dachte nicht darüber nach, dass es zum Leben gehörte, Beziehungen zu anderen Menschen zu beginnen, zu pflegen oder zu beenden. Bei den Pflegeeltern war ich naiv von „für immer“ ausgegangen.

Eltern waren damals für mich lebenslängliche Begleiter. Ich merkte Monate nach meinem „Waschmaschinenanruf“ bei den Pflegeeltern, dass ich falsch lag. Darin war ich aber noch unsicher. Vielleicht stimmte, was ich bislang gedacht hatte trotzdem? Mein Fall lag anders. Ich hatte Eltern, die gar nicht meine Eltern waren. Vielleicht deshalb nicht lebenslänglich?

Ich hatte keine Waschmaschine. In der Kreisstadt Traunstein gab es damals keine öffentliche Wäscherei. Ich hatte noch keine Freunde gefunden. Und selbst wenn ich gehabt hätte: Neuen Freunden bringt man nicht gleich seine Wäsche.

Auf dem Flohmarkt sah ich ein seltsames, silbern farbiges Metall-Ei mit einer Kurbel. Es sah aus wie ein kleines Raumschiff. Nein, es sah aus wie ein astrologisches Beobachtungszentrum in Modellbauformat. Das, so überzeugte mich der beherzte Verkäufer, war eine Handwaschmaschine.

Billiger geht ’s nicht! Braucht keinen Strom, wenig Wasser, wenig Waschmittel aber Du hast saubere Wäsche!“

Klar, dass ich das gekauft habe. Fünf Mark wollte der Verkäufer haben. Am Nachbarstand plärrte eine Frau:

Das Ding braucht heute doch kein einziger Mensch mehr!“

Ich war der einzige der es brauchte. Also habe ich es für drei Mark fünfzig gekauft. „Metalldeckel auf, Wäsche, Waschmittel und warmes Wasser rein. An der Handkurbel fest kurbeln. Die Maschine funktioniert. Nur nicht zu viel Wäsche einfüllen.“

Jede Woche wusch ich ab diesem Tag meine Wäsche mit diesem Ding.

Junge Menschen sollten ihre großen Chancen nutzen!“

Das hatte der Sprecher im Bayerischen Rundfunk gesagt, als ich das „Wäsche-Ei“ im Haus bei Frau Stößer zum erstem mal in Betrieb nahm. Ich stelle das Ei in die Dusche und wusch damit, wie vom Verkäufer beschrieben. Ich hatte mein kleines Kofferradio ins Bad gestellt, denn ich dachte, das Wäschewaschen mit dem Ei seil langweilig, da könne Unterhaltung aus dem Radio gerade recht sein. Doch schon den ersten Satz des Radiosprechers und das Thema „Generation No future? – Heutige Chancen für Junge Menschen in Bayern“, fand ich so abstoßend, dass ich vergeblich einen anderen Sender suchte und deshalb das Radio sofort abschaltete.

Beim Kurbeln am „Waschmaschinen-Ei“ arbeitete mein Kopf: Mein Lernen in der Schule war eine legale, sogar in Bayern allseits anerkannte Methode des sinnvollen Zeitvertreibs junger Menschen. Es ging dabei um meine Zukunft, nicht um „No future“, sondern um die Sicherung der Renten und das wiederum berechtigte überhaupt erst meine Existenz. Die Aussicht auf sinnvolle Arbeit, die Sicherung meines Einkommens und der künftigen Renten! Das war es! Deshalb war die Jugend auch in Bayern nicht ausschließlich verhasst, weil sie gegen Wackersdorf und Pershing 2 lauthals rumorte, sondern, Norbert Blüm hatte sie auch dabei im Auge, wenn er seinen Spruch „Die Rente ist sicher“ auf sämtliche Litfassäulen kleben ließ. Das begriff ich beim Wäschewaschen mit der Kurbelmaschine. Das Kurbeln sicherte nicht meine Existenz, sondern es war anstrengend und stumpfsinnig, doch dabei fand ich Zeit zu denken. Das monotone langsame Kurbeln brachte mir viele neue Gedanken.

Während des Kurbelns an der Waschmaschine begriff ich, dass ich lebenslänglich frei geworden war. Ich hatte keine Bindungen. Deshalb musste ich meine Wäsche mit dem „Kurbel-Ei“ waschen. Ich hatte niemanden, zu dem ich sie sie bringen konnte.

Lebenslängliches Lernen nicht nur in der Schule sondern auch an der Kurbelmaschine war richtig wichtig geworden. Ich kapierte an der Waschmaschinenkurbel, dass Gelerntes am Dienstagvormittag in der Physikprüfung verständlich und gut wieder zu geben war. Dort musste ich unter Beweis stellen, dass die Bildungsbemühungen, die mir in Bayern zugute kamen Früchte trugen. Ich war darauf angewiesen zu zeigen, dass ich es wert war zur Schule zu gehen.

Von „No future“ war bei mir keine Rede. Ich war von den Pflegeeltern entlassen worden, hatte lebenslänglich bekommen und war darüber von ihnen nur mangelhaft informiert worden. Ich wusste nicht viel davon, wie die Welt überhaupt tickte. Ich hatte viel zu lernen, wozu gehörte, meine Wäsche in dem kleinen Ei zu waschen. Gegen Wackersdorf und Pershing 2 zu demonstrieren, hatte ich keine Zeit. Ich war da zwar auch irgendwie dagegen, weil ich Atomenergie gefährlich und Wettrüsten scheiße fand, doch ich glaubte, mir fehlten Wissen und Mut, um mich deshalb von der Polizei verprügeln und mit Wasserwerfern weg pusten zu lassen. Ich musste erst begreifen, was für mich lebenslänglich bedeutete.

Lebenslänglich

Er musste nach dem Waschen und dem Zähneputzen, wie alle Kinder sein Bett machen. Das Zimmer wurde jeden Morgen von den Kindern noch vor dem Frühstück gekehrt. Unter den Betten sollte täglich Dreck und Papier entfernt werden, das kontrollierte die Erzieherin besonders genau.

Er hatte die feuchte Seite der Bettdecke nach unten gewandt und in sein Bett gelegt, so wollte er vermeiden, dass die Erzieherin das nasse Bettzeug bei ihrem Kontrollgang sofort finden konnte. War ein nasses Bett von der Erzieherin entdeckt worden, wurde zur Bestrafung des Kindes das Frühstück an diesem Morgen gestrichen.

Deshalb hatte er den ganzen Vormittag in der Schule Magenschmerzen. Es war, als würde der leere Magen verzweifelt nach Essbarem suchen. Das fühlte sich an, als würde er beginnen an sich selbst herum zu nagen, als würde er versuchen, sich selbst aufzufressen. Die Schmerzen waren wie ein beißender Hund. Gierig zogen sie an seinem Magen, zerrten und rissen. Dabei blähte sich sein Bauch auf, als wäre er restlos voll gefressen.

Gegen mittags, auf dem Schulweg zurück in sein Kinderheim, kamen schmerzende Stöße aus dem Bauch. Es entstand ein starkes Brennen, das vom Bauch aufwärts ging, bis hinein in den Mund. Da kam dann dieser saure beißende Geschmack, den er seit langer Zeit so sehr zu hassen gelernt hatte.

Er spülte sich vor dem Mittagessen minutenlang den Mund, während sich alle anderen Kinder um ihn herum die Hände wuschen. Er säuberte seinen Mund, weil er den sauren beißenden, manchmal sehr bitteren Geschmack los werden wollte. Seltsamer Weise saß er danach am Mittagstisch und brachte vom Mittagessen keinen Happen runter, obwohl er den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Er hatte stattdessen das Gefühl, als sei er völlig voll gefressen.

Sein Hals brannte fürchterlich, so dass er nachmittags so viel Wasser trank, wie nur möglich. Die Magenschmerzen zogen sich den ganzen Tag hin. Abends aß er immer noch nichts. Darüber freuten sich die anderen Kinder am Tisch, denn sie durften dann mehr essen. Erst nach dem Schlafen waren die Schmerzen morgens besser, so dass er am Frühstückstisch wieder essen konnte.

Das war eine schlimme Strafe. Diese zu bekommen machte ihm Angst. Deshalb durfte die Erzieherin die nasse Bettdecke nicht finden. Auch wenn er gar nicht ins Bett gemacht hatte, sondern die Bettdecke wegen dem Wassereimer, den die Jungs ihm nachts im Keller drüber geschüttet hatten, nass geworden war, weil er sich danach mit der Bettdecke in dem eiskalten Keller gewärmt hatte. Die Erzieherin interessierte das nicht. Eine nasse Bettdecke war nass, weil das Kind eingenässt hatte. Das war verboten, deshalb musste das Kind bestraft werden und bekam kein Frühstück. Stattdessen musste es die nasse Bettwäsche in die Waschküche bringen, sich im Keller Jacke und Schuhe anziehen und im Erdgeschoss warten, bis alle Kinder zur Schule los gingen.

Die Gipsschale hatte er auf seine Bettdecke gelegt. Das wollte die Erzieherin so. Wenn sie den Tag lang auf dem Bett lag, war klar, dass das Kind sie abends nicht vergaß. Die Gipsschale musste das Kind jede Nacht tragen, um den Haltungsschaden, den der Arzt diagnostiziert hatte, zu korrigieren.

Auch das Fach im Schrank wurde täglich von der Erzieherin überprüft, ob dort alles ordentlich zusammengelegt worden war. Sie inspizierte die gemachten Betten, sah bei Kindern, die sie schon oft als Bettnässer erwischt hatte, unter die Bettdecken und überprüfte alle Schränke. Nur wenn alles in Ordnung gewesen war, durfte das Kind das Zimmer verlassen und zum Frühstück in den Speisesaal gehen. Die Erzieherin fand jeden Morgen mehrere nasse Bettdecken. Die Bettdecke auf der die Gipsschale lag hob sie an diesem Morgen nicht an.

Nach dem Frühstück ging es in einer langen Kolonne zur Schule. Der Schulweg war lang und steil. Die Kinder liefen hintereinander im Gänsemarsch. Der Weg führte auf einem Fußweg neben der Straße hinunter in den Ort.

Der Bub saß am Fenster in seiner Schulbank, von dort konnte er den Hof sehen. Täglich um halb zehn Uhr spielten da die Kindergartenkinder. Sein Bruder tobte in einer lauten Gruppe, sprang von den Sitzbänken in den Sandkasten, kletterte auf das Gerüst, rutsche und schaukelte. Manchmal hörte der Bub im Klassenzimmer das piepsige Lachen des Kleinen. Dem machte es viel Spaß im Herbst, wenn das Laub von den hohen Buchen im Schulhof fiel, in die vom Hausmeister zusammen gefegten riesigen Laubhaufen zu springen.

Die Lehrerin hatte das große Klassenzimmerfenster gekippt, so dass um halb zehn Uhr das Geschrei der Kinder aus dem Hof besonders laut ins Zimmer drang. Plötzlich knallte es, als würde mit Platzpatronen geschossen. Die Kinder in der Schulklasse und der Bub reckten neugierig die Köpfe Richtung Fenster. Dort sah der Bub den Kleinen, wie er wild von einer Sitzbank zur nächsten sprang. Auf der Bank stehend, schoss er mit einer Spielzeugpistole um sich. Die Pistole hatte der Kleine von der Tante mit dem Geburtstagspäckchen bekommen. Es knallte laut und aus dem Revolver. Mit jedem Schuss stieg leichter Qualm auf. Die anderen Kinder rasten in einer wilden Verfolgungsjagd über den Schulhof hinter dem Kleinen her. Sie juchzten und schrien, ließen sich, von dem Kleinen getroffen, in Laubhaufen fallen, während der Kleine immerfort auf sie schoss.

Minuten später rannte eine Erzieherin auf den Kleinen zu. Auch auf sie gab er mehrere qualmende Schüsse ab. Sie entriss ihm die Pistole. Darauf verfiel der Kleine in ein piepsendes Heulen. In dem Moment wurde es im Klassenzimmer vollkommen ruhig. Die Lehrerin hatte das gekippte Fenster geschlossen.

Der Bub überlegte, woher wohl der kleine Bruder die qualmende Munition für die Spielzeugpistole hatte. Die Tante hatte keine Munition mitgeschickt. Beim ersten Schuss wäre die Pistole dem Kleinen sofort von der Erzieherin weggenommen worden. Der Kleine musste sie irgendwo besorgt haben. Dafür kam nur der winzige Laden im Ort, nahe der Schule in Frage. Dort brachten die Heim-Kinder regelmäßig ihr Taschengeld durch. Der Kleine bekam aber gar kein Taschengeld. Trotzdem war er oft in dem Laden dabei.

Wenn Du Deinem Bruder die Munition nicht von Deinem Taschengeld gekauft hast, bleibt nur die Möglichkeit, dass er sie gestohlen hat!“, brüllte der Erzieher.

Zitternd saß der Bub auf dem Holzstuhl. Das Zimmer war sehr hoch, lang und finster. Licht fiel nur durch ein kleines Fenster hinter dem großen Schreibtisch ein. Da saß der Erzieher auf einem hohen Stuhl. Dessen harter Blick traf den Buben, so dass der sich ganz klein machte. Er fühlt sich in dem langen dunklen Raum wie gefesselt. Der Bub wusste, dass er die heutige Nacht wieder im Keller verbringen würde.

Trotzdem dachte er daran, zu behaupten, dass er die Munition für den kleine Bruder gekauft habe. Der Erzieher brüllte fürchterlich, dass der Bub seinen Gedanken nur schwer weiter denken konnte. Plötzlich fror er, merkte, dass er zitterte als sitze er draußen im Schnee. Sein Magen rumorte, denn er hatte kein Mittagessen bekommen. Auf dem Heimweg von der Schule wusste er schon, dass er ins Zimmer des Erziehers geschickt würde. Dort musste er zwei Stunden lang auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch warten, bis der Erzieher vom Mittagessen und von der Zimmerkontrolle vor der Hausaufgabenzeit kam.

Der Erzieher würde ganz genau nachrechnen. Er würde unten im Ort, im Laden bei Frau Mayer nachfragen, wann der Bub dort zuletzt gewesen war und ob er die Munition wirklich gekauft habe. Er würde zu dem Ergebnis kommen, dass es eine glatte Lüge war. Die Strafe für den Buben wäre fürchterlich. Hausarrest für mindestens eine Woche. Drei Nächte hintereinander im Keller. Oder mehrere Tage lang weder Frühstück, Mittagessen, noch Abendessen. Irgend etwas in diese Richtung würde der Erzieher verhängen. Dazu gäbe es eine ganze Menge kräftiger Ohrfeigen, wegen Lügen und Stehlen.

Sein Taschengeld hatte der Bub vollständig für Lutscher und Brause ausgegeben. Er war gemeinsam mit seinem kleinen Bruder im Laden bei Frau Maier. Lutscher und Brause hatte er mit dem Bruder geteilt. Frau Maier würde sich ganz genau erinnern. Er hatte Süßigkeiten gekauft. Das gleiche wie immer. Der Kleine war wie immer dabei.

Der Kleine musste die Munition gestohlen haben. Keiner hatte das gemerkt. Der Bub war sicher, dass sein Bruder gestohlen hatte. Wie auch immer der Kleine das geschafft hatte. Es gab keine andere Möglichkeit.

Ich hab das Zeug letzten Samstag bei Frau Meier im Edeka geklaut!“

Der Erzieher sprang von seinem Schreibtischstuhl auf. Wie ein Riese stand er vor dem winzigen Fenster, so dass es in dem Raum ganz finster geworden war.

Sechs Lutscher und sechs Brausetütchen hab ich vom Taschengeld gekauft! Die Munitionsdöschen habe ich einfach genommen und in meine Hosentasche gesteckt!“

Die Wut des Mannes war grauenvoll. Er warf den Buben mit heftigen Ohrfeigen vom Stuhl. Der war zu Boden gestürzt, von wo ihn der Mann hoch zog, um ihm weitere heftige Ohrfeigen zu geben und schrecklich anzubrüllen.

Der Bub verstand den Mann nicht, denn er heulte und der Schmerz aus dem Magen schien unerträglich geworden zu sein. Der Mann hatte ihn wieder auf den Stuhl gesetzt. Doch der Bub konnte nicht sitzen. Er rutschte wie ein Sack zu Boden, wo er zwischen dem schweren Schreibtisch und dem Stuhl, der umgefallen war, liegen blieb.

Er spürte kaum mehr Schmerz, stattdessen fühlte er sich unendlich müde. Er begann an einen grauen Wolf zu denken, dessen Foto die Lehrerin im Klassenzimmer einmal her gezeigt hatte. Der graue Wolf stand einsam auf einer großen verschneiten Wiese. So eine Wiese lag wenige Meter hinter dem Kinderheim. Sie reichte bis an den Waldrand. Dort sah er sich jetzt hinein rennen. Er war auf der Flucht, denn der einsame Wolf war plötzlich böse geworden. Die Lehrerin war verschwunden, so dass der Bub nun ganz allein dem Wolf ausgesetzt war. Er sah in die Augen des Wolfs und spürte dabei einen tiefen Hass, denn der Wolf wollte ihn lebenslänglich in den Keller sperren, wo er ab sofort jede Nacht verbringen sollte.

Eine Tür wurde zugeschlagen. Der Bub spürte feste Handgriffe. Sie zogen ihn hoch, zerrten ihn zurück auf den Stuhl.

Du bleibst heute den Rest des Tages hier sitzen!“

Der Bub sah zu dem Erzieher hinauf. Dort erkannte er die Augen des Wolfes. Es war nicht der einsame Wolf der Lehrerin, sondern er sah den Hass eines Mannes, den der Bub durch seinen Diebstahl enttäuscht hatte. Deshalb der Hass, deshalb die Strafe. Der Mann verließ das Zimmer, ließ den Buben allein sitzen. Abends kam die Erzieherin und schickte ihn in den Keller. Nachts kam der Kleine Bruder und brachte ihm gestohlenes Brot vom Abendbrottisch.

Oma und Opa

In Omas Haus hat sich wenig verändert. Oma und Opa sind viel älter geworden. Acht Jahre sind vergangen, seitdem ich zwei schöne Wochen bei ihnen verbracht hatte. Damals war ich zu ihnen geflüchtet, weil ich es bei meinem Vater nicht mehr ausgehalten hatte. Dessen brutale Schläge waren mir zu viel geworden.

Oma begrüßt meinen Bruder und mich freundlich. Sie umarmt uns herzlich. Auch Opa umarmt uns. Seine Rasur kratzt mich genauso wie damals beim Abschied. Opa hatte mich an einem schönen sonnigen Frühlingstag 1974 ein letztes Mal in seinem grauen Käfer die Bergstrasse nach Pfedelbach hinunter gefahren.

Von dort ging es in die Stadt zum Jugendamt. So begann meine Reise zurück ins Heim auf den Obersalzberg in Berchtesgaden, was ich damals wie eine Reise in die Vergangenheit, also einen Schritt zurück empfand. Ich wurde zusammen mit meinem Bruder in ein Auto gesetzt und dorthin zurück gebracht, wo ich lebte, bevor der Vater neu geheiratet hatte und deshalb seine Kinder wieder zu sich nahm. Ich wusste damals nicht, dass es eine Reise in meine Zukunft war. Ich war erst zehn Jahre alt und hatte meinen Kopf voll von Angst vor meinem Vater, weshalb ich froh war, dass meine Flucht von ihm weg gelang und ich vorübergehend bei Oma und Opa Unterschlupf gefunden hatte, bevor es ins Heim zurück ging.

Wir setzen uns in die Küche an den Tisch. Dort serviert Oma frisch gebrühten Kaffee und einen leckeren selbst gebackenen Apfelkuchen mit Streußeln. Die Äpfel hat sie vom eigenen Baum im Garten. Sie lagerten den Winter über im Keller. Es sind die letzten Äpfel aus dem letzten Herbst. Im Garten steht der Apfelbaum bereit zur neuen Blüte.

Alles, so sagt Oma, fängt in der Natur jedes Jahr neu an. Jeder hat, wie der Apfelbaum im Frühling, immer wieder eine neue Chance. Die Oma weiß warum sie mir das sagt.

Zu ihr hatte ich in den Jahren immer wieder Kontakt. Ich sparte jede Woche von meinem Taschengeld eine Mark. Damit lief ich am Sonntagnachmittag vom Kinderheim Salzberg in der Stadlerstraße zur Bushaltestelle Station Erika an der Straße die hinauf auf den Obersalzberg führte. Dort stand eine gelbe Telefonzelle. Omas Telefonnummer habe ich heute noch im Kopf. Ich wählte mit der grauen Wählscheibe deren lange Nummer und sah dabei meiner Mark zu, wie sie hinter der gläsernen Scheibe des Telefons in einer Metallschiene fest hing und darauf wartete, bis sechshundert Kilometer entfernt Oma den Hörer abhob, um mit einem metallischen „Klick“ in Richtung des im Telefon angebrachten Münzenbehälters, auf einer weiter unten angebrachten Metallschiene davon zu rollen. Oma hob stets nach fünf mal Läuten ab. Mein Gespräch dauerte jeden Sonntag eine deutsche Mark lang. Das waren etwa acht Minuten wöchentlicher Zeit, in der ich Oma von meinen Ängsten und Träumen erzählte und sie mich tröstete. Oma und Opa waren mein weit entfernter Rettungsanker, an dem ich mich fest hielt, um die beiden Männer zu ertragen, die mich und andere Kinder am Obersalzberg über viele Jahre in ihrer Obhut hatten.

Nach meiner Entlassung aus der Gewalt der beiden Männer vom Obersalzberg, durfte ich bei neuen Eltern einziehen. Die hatten sich bereit erklärt, einen vierzehnjährigen ungebildeten und aufmüpfigen Jungen aufzunehmen. Ab dieser Zeit wurde leider das Telefonieren mit Oma sehr selten. So verlor ich sie und Opa aus meinem Blick. Oma war sehr froh, als sie gehört hatte, dass ich neue Eltern bekomme und dass ich deshalb nicht länger in diesem, wie sie sagte „Horror-Heim auf dem Berg“ leben musste.

Doch von den neuen Eltern aus, durfte ich sie kaum mehr angerufen. Die Pflegeeltern wollten nicht, dass ich alte Kontakte pflegte. Sie hatte Angst, denn sie wussten, dass ich aus widrigen Verhältnissen kam und sie glaubten, dass alle Kontakte aus dieser Zeit für mich nicht nützlich, vielleicht sogar schädlich seien. Die Pflegeeltern sprachen mit mir nie über meine widrige Vergangenheit, stattdessen sorgten sie dafür, dass ich möglichst wenig Kontakt dorthin zurück hatte, woher ich stammte.

Opa fährt immer noch seinen grauen Käfer. Er sagt, dass er gar kein anders Auto will. Der Käfer sei nicht tot zu kriegen. Mit meinem Bruder spricht er über dessen Auto. Es ist ein Opel. Ein riesiger Wagen. Opa fragt wie viel Sprit der frisst. Jede Menge, meint mein Bruder. Aber das sei nicht so schlimm, schlimm sei die teure Versicherung. Deshalb wolle er die Kiste bald wieder verkaufen.

Mich fragt Opa nicht, ob ich ein Auto habe. Ich bin darüber froh. Er kommt nicht auf diese Frage, denn ich kam zusammen im Auto meines Bruders zu dem Besuch. Im Grunde kann es sich keiner von uns beiden wirklich leisten. Mein Bruder, der regelmäßig zur Arbeit geht und Geld verdient sagt, dass das Auto sein gesamtes Geld fresse. Was soll ich da zu Opa sagen? Ich leiste mir einen gelben Opel Kadett, für den ich sechshundert Mark Versicherung pro Halbjahr zahle, wo ich doch vom Staat lebe, um zu Schule zu gehen. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Opa das wüsste.

Das Gespräch am Küchentisch dreht sich lange Zeit um Autos. Mein Bruder kennt sich aus. Er erklärt, was er an seinem Auto schon alles reparieren musste. Der Kühler, die Antriebswellen, die Lenkung, der Motor. So ein altes Auto ist ständig defekt. Ich weiß das, denn mein Kadett lenkt ja von selbst nach rechts. Ich bin sehr froh, dass ich es in der Klapperkiste von Traunstein ohne Panne zu meinem Bruder geschafft habe.

Wie mein Bruder weiß ich, dass wir uns mit den Autos Freiheit vorgaukeln. Mein Bruder fährt täglich früh morgens zur Arbeit. Aber das Auto nutzt er auch viel in der Freizeit. Abends und am Wochenende kann er hinfahren, wohin er will. Das ist seine Freiheit. Für die arbeitet er, um von seinem Geld Ersatzteile zu kaufen, die er am Wochenende in das Auto baut, damit es fahren kann.

Ich finde diese Freiheit seltsam. Doch ich sage am Küchentisch nichts dazu. Ich beobachte meinen Bruder, wie er leise berichtet, ich sehe Opa zu, wie er verständnisvoll nickt, denn er scheint die technischen Dinge alle zu kennen. Ich sehe Oma zu, die vom Kaffee nippt, den Kuchen auf unsere Teller verteilt und der Unterhaltung folgt. Ich glaube, dass ich zu jung bin, um wirklich zu begreifen, warum das Thema so wichtig ist. Ich denke darüber, dass es Quatsch ist, sich für eine fahrbare Schrottmühle auf vier Rädern den ganzen Tag lang in eine lärmende Fabrik zu stellen.

Ich kenne das von mir. Deshalb mische ich mich in das Gespräch zwischen Opa und meinen Bruder nicht ein. Ich denke oft, dass um mich herum unsinniges geschieht und gesprochen wird. Ich weiß nicht recht, ob ich vieles einfach nicht begriffen habe.

Mein gelber Opel-Kadett hat mich heute zu meinem Bruder gebracht. Morgen bringt er mich wieder zurück nach Traunstein. Sicherlich bringt er mich demnächst auch wieder nach Berchtesgaden, um dort alte Bekannte zu besuchen. Jeder Zeit kann ich einsteigen und losfahren. Dafür nimmt mein Bruder in Kauf, dass sein ganzes Geld draufgeht. Was ich daran verstehe ist, dass diese Art von Freiheit zusätzliche Arbeit zu schaffen scheint. Warum noch zusätzliche Beschäftigung, wo der Mensch eh nur wenig Zeit ohne Beschäftigung hat, die ihm neben der täglichen Fabrikarbeit bleibt?

Zum Schluss des Nachmittags bei Oma erfahren wir, dass der Vater seit einigen Monaten ganz in der Nähe eingezogen ist. Er lebe allein, sei von seiner Frau geschieden. Das finde ich wirklich interessant. Das wäre ein Thema für den Nachmittag gewesen! Warum sprechen wir den ganzen Nachmittag über Autos und Beschäftigung? Warum erwähnen Oma und Opa den Vater erst, als wir schon dabei sind, uns zu verabschieden? Was mich interessiert kommt erst zum Schluss und dann auch nur ganz kurz zur Sprache. Das finde ich schade. Aber ich schaffe es nicht, gleich zu Beginn des Besuches nach dem Vater zu fragen.

Immerhin erfahre ich, das Vater sich von dieser Frau getrennt hat. Das finde ich gut, denn ich konnte sie nicht ertragen. Sie hat damals jeden Tag um sich geschlagen und geschrien.

Beim Abschied kommt der Gedanke den Vater zu besuchen. Darüber spreche ich mit Oma und Opa nicht. Bestimmt denken sie nicht daran, dass ich die Idee haben könnte, den Vater nach allem was damals geschehen war, zu besuchen. Ich denke daran, weil es lange her ist, weil ich weit weg wohne und weil klar ist, dass „Damals“ vorbei ist, auch wenn es nie vergessen sein wird. Ich denke daran, weil es mein Vater ist.

Der Abschied ist herzlich. Wir versprechen Oma und Opa, bald wieder zu kommen. Ich bin sehr froh über den gemeinsamen Besuch mit meinem Bruder, denn ich weiß nicht, wann „bald“ sein wird.

Vater

Ich finde ihn. Er wirkt unverändert. Er ist älter geworden, aber sonst? Die schwarzen Haare mit einer Welle, die wie früher nach vorne fällt. Die schwarze Hornbrille. Seine leicht gebeugte Statur, selbst die braune Cordhose und die karierte Jacke, die er trägt. Alles unverändert wie damals. Die Jacke trug er immer, dazu dieses karierte Hemd. Er riecht nach Pfeifentabakrauch und nach „Kurmark“. Er sieht aus wie vor acht Jahren im Frühsommer 1974, als ich ihn das letzte Mal sah.

Niemand weiß, dass ich ihn heute besuche. Selbst meinem Bruder habe ich das nicht gesagt. Gestern Abend waren wir noch lange unterwegs. Wir haben Freunde meines Bruders besucht. Ich konnte da nicht mit ihm über meine Idee den Vater zu besuchen sprechen. Wir haben Musik gehört und uns über alles mögliche unterhalten, nicht aber über die Familie. Heute schliefen wir bis in den frühen Nachmittag hinein. Ich verabschiedete mich von meinem Bruder, der eigentlich wollte, dass ich noch bleibe und erst abends fahre. Aber ich will mit dem Auto nicht in die Nacht kommen. Ich bin unsicher wie lange die Beleuchtung am Opel-Kadett noch funktioniert. Die Lichtmaschine ist laut und schwach. Ich möchte nicht im Dunklen auf der Autobahn stehen bleiben. Das verstand mein Bruder, so verabschiedete ich mich und fuhr los.

Kurz vor der Autobahnauffahrt war meine Idee von gestern wieder da. Deshalb bog ich nicht auf die Autobahn ab, sondern fuhr gerade aus weiter. Ich fuhr nach Pfedelbach und von dort hinauf auf den sogenannten Heuberg. Ich fuhr bis zur letzten Kurve vor ein Haus, von dem Oma gesagt hatte, dass dort kürzlich der Vater eingezogen sei.

Mein Läuten bleibt ohne Reaktion. Ich läute noch einmal. Keine Reaktion. Nach dem dritten Läuten denke ich daran, es aufzugeben. Plötzlich höre ich von drinnen ein Poltern. Es sind schwere Schritte. Sie poltern und knarren sehr langsam eine Holztreppe hinunter. Schlüssel klimpern. Ich höre ein metallisch kratzendes Türschloss. Eine schwere dunkelbraune Holztür wird langsam nach innen aufgezogen.

Vor mir steht ein kleiner Mann mit gewelltem, fettig glänzendem, schwarzen Haar, das ein paar graue Stellen zeigt. Er trägt die Jacke, die so aussieht, als sei es die gleiche wie damals. Er hat ein kariertes rötliches Hemd an und trägt wie damals eine schwarze Hornbrille. Er trägt wie damals braune Cordhosen und steckt in dunkelbraunen Filzpantoffeln. Er blickt mir ins Gesicht. Ich sehe im ins Gesicht. Ich spüre nichts, nur ein leichtes Zittern meiner linken Hand. Ich reiche ihm meine rechte Hand.

Ich bin es.“

Ich merke, dass ich stottere, was ich noch nie getan habe. Meine Stimme ist schwergängig, was ich von mir nicht kenne. Meine wenigen Worte sind eintönig. Ohne Regung drücke ich stotternd aber völlig gleichmäßig heraus, was mich seltsam unberührt lässt.

Das gibt’s doch nedde! Komm rein!“

Jetzt erst erkenne ich den Vater vollständig. Dessen schwäbischer Ton hat mir so wenig gefehlt, dass ich ihn völlig vergessen hatte. In meinen Gedanken an die Geräusche von damals, gab es nur dessen damalige Ehefrau und deren stets laut kreischende Stimme. Der Vater sprach damals ein leises schweres Schwäbisch. Abends, wenn er den schwarzen Gürtel aus der Hose nahm und mich über den Holzstuhl im Kinderzimmer legte, schrie er mich mit seiner nicht besonders kräftigen Stimme an. Das waren schwäbische Hasstiraden voll von Wut über mich. Ich verstand davon oft fast nichts. Vaters Stimme und deren Tonfall, waren bis zum heutigen Tag, bis zu diesem Wiedersehen vergessen. Plötzlich ist die Erinnerung wieder da.

Der Vater weicht ein paar Schritte zurück in das dunkle Treppenhaus, um mich herein zu lassen. Ich folge langsam die steile Holztreppe hinauf. Oben klimpert wieder der Schlüsselbund. Der Vater öffnet eine weiß gestrichene Wohnungstür, an der sich ein Oberfenster befindet, das von einem vergilbten Vorhang verdeckt wird.

Die Treppe zu Vaters Wohnung in Pfedelbach war genau so eng, dass ich nur dessen gebeugten Rücken sah, während er klimpernd an der kleinen Tür das Schloss öffnete.
Im Sommer 1974 war ich froh aus dem Kinderheim in Berchtesgaden am Obersalzberg zum Vater entlassen worden zu sein. Im Heim in Berchtesgaden am Stadlerweg auf dem Obersalzberg hatte ich von 1970 bis 1974 und erneut von 1975 bis 1977 immer wieder die harten Schläge zweier Heimleiter namens Gunter Hennings und Horst Büchter zu ertragen. Ich wusste damals, als ich mit dem Vater zum ersten Mal dessen Wohnung betrat, noch nicht, dass es bei ihm viel schlimmer werden sollte. Gunter Hennings und Horst Büchter, die mich im Berchtesgadener Kinderheim am Obersalzberg regelmäßig verprügelten, waren eben nicht mein Vater. Ich denke, es ist wohl am schlimmsten von den eigenen Eltern regelmäßig misshandelt zu werden. Misshandlungen durch „Erzieher“ wie Hennings und Büchter in privat geführten Kinderheimen, in denen meine Geschwister und ich in den späten Sechzigern und siebziger Jahren leben mussten, waren damals für mich alltäglich. Ich erlebte an meinem Leib, dass das damals zum „täglichen pädagogischen Repertoire“ von privat geführten Kinderheimen gehörte. Ich lebte in drei privat geführte Kinderheimen, in Scheidegg im Allgäu, am Obersalzberg in Berchtesgaden und in eine Großfamilie in Baden Württemberg. Überall dort waren regelmäßige Prügel von sogenannten Erziehern mein Alltag.

Als der Heimleiter Horst Büchter mir in Berchtesgaden am Obersalzberg im Kinderheim Salzberg im Sommer 1973 zum Beispiel einen tiefen Magenschwinger verpasste oder mir ein dunkel anschwellendes blaues Auge schlug, weil ich im Sandkasten meine kindlich laute Wahrheit über Gunter Hennings und Horst Büchter, die ich zum Beispiel lauthals „Verbrecher“ nannte, einfach heraus brüllte, da war deren blutige Strafe zwar hart, aber nie habe ich das so hart empfunden, wie die Gürtelschläge meines eigenen Vaters 1974 in Zweiflingen, wo wir nach dem Umzug von Pfedelbach in einem alten Bauernhaus bei der Dorfkirche wohnten.

Ich empfand das was mein Vater tat viel härter als die Verbrechen von Gunter Hennings und Horst Büchter im Kinderheim Salzberg in Berchtesgaden. Wegen eines Faustschlages von Horst Büchter durch eine Milchglastüre geschleudert zu werden war weniger hart für mich, weil ich das Gefühl hatte, dem Vater und dessen Gürtel vollkommen ausgeliefert zu sein. Das System Familie bedeutete bei meinem Vater für immer gefangen zu sein und täglich rund um die Uhr von dessen neuer kreischender Frau berwacht zu werden. Fluchten im Alltag gab es in der Familie nicht.

In Berchtesgaden im Kinderheim Salzberg bei Gunter Hennings und Horst Büchter konnten wir Kinder nachmittags in den Wald oberhalb des Kinderheims vor deren Gewaltausbrüchen fliehen. Dort waren wir von den beiden schlagenden Männern stundenlang unbeobachtet. Vielleicht empfand ich deren Misshandlungen deshalb nicht so schlimm? Zudem waren viele andere Kinder da. Mit denen spielte ich nachmittags im Wald wilde Räuber-Spiele. Im Wald oberhalb des Kinderheims in der Stadlerstraße rannten wir täglich herum, waren uns selbst überlassen, kletterten auf Bäume, spielten Cowboy und Indianer, bastelten Pfeil und Bogen, schnitzten mit Taschenmessern unsere Initialen in dicke alte Buchen, schrien stundenlang lauthals herum.

In dem finsteren Raum stehen Tisch und Sofa, Fernsehapparat und in der Mitte ein elektrisches Klavier. Dorthin bewegt sich der Vater.

Ich spiele gerade.“

Er weist mir mit der rechten Hand einen Stuhl am Tisch, neben dem kleinen Klavier zu. Er lässt sich am Klavier nieder. Von dort blickt er in meine Richtung. Er sieht mich nicht an. Vor sich hat er sein Klavier. Seine Stimme klingt wie früher. Es ist keine unangenehme Stimme. Sie ist leise. Früher schrie der Vater abends, wenn er nach der Arbeit nach hause kam. Seine Stimme war laut und wütend. Jetzt wirkt sie ruhig. Unsicher, fast zitternd wirkt das, was ich in der Luft in dem Raum zwischen uns spüre. Er Vater fragt nichts. Ich frage nichts. Sekundenlanges Schweigen.

Soll ich dir was vorspiele?“

Wenn du willst.“

Der Vater beginnt zu spielen. Seine Augen richtet er konzentriert auf ein Notenblatt, das auf dem Notenhalter auf dem Klavier klemmt. Ich erkenne die Melodie eines Schlagers, den der Vater früher oft gehört hatte. Er besaß viele kleine Schallplatten und massenweise orangene, von ihm selbst aufgenommene, säuberlich beschriftete Musikkassetten. Alles hatte er in einer Musiktruhe, in der sich ein Radio, ein Schallplattenspieler und ein Kassettenrekorder befanden. Es waren seichte und eingängige Melodien, wie sie jeden Samstagabend auch im Fernsehprogramm serviert wurden.

Ich sehe dem Vater bei dessen konzentrierten Spiel zu. Mein Inneres folgt seiner Melodie. Ich weiß genau wie die Melodie weitergeht. Vaters Spiel ist perfekt. Aufgerichtet sitzt er da, die Augen durch die Brille starr auf das Notenblatt gerichtet.

Jetzt stockt die bekannte Melodie, die ich im Kopf weiter singe. Die Geschwindigkeit stimmt nicht mehr und ein falscher Ton schleicht sich ein. Der Vater blättert das Blatt vor sich um. Doch anstatt weiter zu spielen, beendet er sein Spiel. Es schaut zu mir herüber, sieht mich aber nicht an. Ich versuche zu lächeln.

Sehr gut.“

Mehr bringe ich nicht heraus. Der Vater erhebt sich. Ich denke plötzlich, dass es keine gute Idee war, ihn heute zu besuchen. Ich denke das, denn mir fällt nichts ein, worüber ich mit ihm sprechen soll. Eigentlich gibt es nichts zu reden, denn eigentlich ist zwischen uns alles klar. Der Vater hatte mich schwer misshandelt, deshalb kam ich 1975 zurück in das Kinderheim zu den beiden Verbrechern Gunter Hennings und Horst Büchter, deshalb hatte ich später, im Herbst 1977 zum Glück neue Eltern bekommen, deshalb war ich ohne ihn aufgewachsen. Damit ist alles gesagt. Warum also mein heutiger Überraschungsbesuch?

Du gäähscht noch zur Schul gell?“

Ja, die Fachoberschule in Traunstein. Ich will auch noch ein Studium machen.“

I kriiieg immer so Briefe vom Bafögamdt. Geschdern erscht is wieder oiner im Briefkaste drinne gwääse!“

Ah ja? Was wollen die denn von Dir?“

Ha ja! Hundertfünfadreißigg Margg zahl i mooonadlich für Dich wääge Deiner Schul!“

Der Vater reicht mir ein Papier. Es kommt aus Bayern. Es ist ein Bescheid in dem steht, dass der Vater monatlich für meine Ausbildung zu bezahlen hat.

Willschd du Kaffeeä?“

Jetzt stehe ich auf.

Nein danke. Ich wollte nur einmal kurz vorbei kommen. Ich muss wieder weiter.“

Ich merke, dass ich die Vorstellung hatte, mit dem Vater ein Gespräch über die Vergangenheit zu führen. Doch das ist unmöglich. Mein Besuch ist eine zu große Überraschung für ihn und für mich. Nach allem was früher gewesen war, heute einfach so vorbei zu kommen! Ich kann jetzt mit dem Vater unmöglich über das Geld sprechen, das er für mich bezahlt. Deshalb gehe ich langsam zur Wohnungstür. Der Vater folgt. Ich höre Schlüssel klimpern in seiner Hosentasche.

Ich öffne einfach die Tür, sehe mich nicht nach dem Vater um, sondern steige langsam die steile Treppe hinunter. Der Vater folgt mir. Die Tür unten war zuvor ins Schloss gefallen, deshalb komme ich nicht raus. Der Vater schiebt sich am Treppenabsatz an mir vorbei. Sein Schlüssel klimpert in seiner Hand. Wir stehen ganz eng beieinander in dem finsteren, engen Korridor. Ich rieche den Vater. Er riecht wie früher. Es ist nicht nur „Kurmark“ sondern es ist der Geruch von schwerer Arbeit, die den Vater sein ganzes Leben lang begleitete. Ein leicht süßlicher Schweißgeruch. Ich kenne das von früher. Ich roch das, wenn er vor mir stand um mir feste Ohrfeigen zu geben. Ich roch es, wenn er seinen schwarzen Gürtel kräftig auf meinen Rücken trieb.

Die Tür öffnet sich. Ich gehe am Vater vorbei, mehrere schnelle Schritte hinaus in das helle Licht der Frühlingssonne. Ich bin schon Meter weit weg vom Vater. Dann nähere ich mich schnell noch einmal und reiche ihm meine rechte Hand. Die Hand des Vaters ist rau von Arbeit, doch ich merke, dass sie nicht so kräftig und groß ist, wie früher.

Auf Wiedersehen.“

Lass dich mal wieder blicken!“

Ich drehe mich weg vom Vater. Schnell und zielstrebig laufe ich zurück zur Straße. Ohne mich um zu blicken laufe ich bis ich die erste Kurve hinter mir habe. Dort steht der gelbe Opel-Kadett.

Nachts unterwegs

Der gelbe Opel-Kadett bringt mich heil zurück in meine bayerische Kreisstadt. Keine Panne, keine Probleme mit dem Wagen. Das Auto fährt einwandfrei. Abends um halb neun, gerade zum Einbruch der Dunkelheit komme ich in meinem Zimmer im Haus von Frau Stößer an. Das Wochenende ist vorbei. Ich mache mir einen Tee und schmiere mir in der kleinen Küchenzeile, sie liegt in einem großen Raum neben meinem Zimmer und ich darf sie mit benutzen, ein paar Butterbrote.

Von unten höre bayerische Stimmen aus der Wohnung von Frau Stößer. Vor der Haustür parken große Limousinen. Sie gehören den Gästen von Frau Stößer. Ich bin todmüde, sitze auf dem alten Sofa vor dem schwarz-weiß Fernseher. Ich sehe und höre den Nachrichtensprecher, denke dabei aber an den Vater und meinen Bruder, an Oma und Opa und daran, dass ich im Haus von Frau Stößer allein zur Untermiete wohne, in einer Stadt, mit der mich außer wenigen Menschen, wie Manfred, die ich bis jetzt hier kennen gelernt habe, eigentlich noch nichts verbindet.

Lebenslänglich heißt, dass Neues und Altes irgendwie immer wieder zusammen treffen und ständig geht es weiter, so wie es Oma vom immer wieder blühenden Apfelbaum im Frühling erklärt hatte. Heute ist es mein Leben in Traunstein, einer Stadt mit der mich noch nichts verbindet, im Haus bei Frau Stößer, mit der mich nichts als das Zimmer, das ich bewohnen darf, verbindet. Das ist wohl lebenslänglich. Es heißt, dass ich irgendwann von dieser Stadt und von meinem heutigen Leben so reden werde, wie von meinem zurückliegenden Leben bei meinen neuen Eltern oder von meinem Leben im Kinderheim am Obersalzberg. Was mir 1982 hier auf dem alten Sofa einsam erscheint, wird in vielen Jahren einer Erinnerung an einen Teil in meinem Leben weichen. Das ist lebenslänglich und schon heute ein bisschen tröstlich, genauso wie meine Erinnerung an die Schläge von Vater in Zweiflingen, wohin wir zogen, weil dessen Wohnung in Pfedelbach für eine Familie zu klein war. Ich erinnere mich mit tiefem Schrecken daran zurück, wie ich auf dem Stuhl im Kinderzimmer lag, vom Schmerz geplagt schrie und heulte, wegen Vaters Schlägen mit dem Gürtel. Das bleibt lebenslänglich ein Teil meines Lebens, der zum Glück vorbei ist. Genauso wird auch das einsame Leben in Traunstein vorbei gehen und zu einem Stück meines Lebenslänglich werden. So denke ich weiter und weiter und merke dabei gar nicht, wie ich irgendwann einschlafe.

Nachts wache ich auf. Auf dem grünen, kleinen Metallwecker erkenne ich in der Dunkelheit dessen grün schimmerndes Ziffernblatt. Es ist viertel nach Drei Uhr. Der Wecker wird wie jeden Morgen um viertel vor Sieben läuten. Er hat oben zwei grüne Metallglöckchen und dazwischen einen winzigen Metallklöppel. Der sorgt täglich dafür, dass ich morgens aufwache.

Der Wecker tickt in zwei unterschiedlichen Tönen. Das Tick ist ein dumpfer Ton, der mich an einen leisen Schlag eines Teelöffels gegen einen vollen Keramikteebecher erinnert. Das Tack dagegen klingt etwas höher. Es ist der leise Schlag des Teelöffels gegen ein halbvolles Glas Wasser. Dem folgt ein kurzes gläsernes Abklingen. Ich liege auf dem Rücken. Ich höre das regelmäßige Keramikteebecher-Wasserglasschlagen des Weckers. Keramik-Wasser, Keramik-Wasser, Keramik-Wasser so tickt und tackt das Ding in einem fort neben meinem Kopf.

Ich spüre unter meinem Rücken die drei Teile aus denen meine Matratze besteht. Es sind drei alte Federkernmatratzenteile, die ich aus dem Jugendkeller aus Berchtesgaden vor einem halben Jahr mit in die Kreisstadt genommen hatte. Ich habe sie im Zimmer bei Frau Stößer auf der rechten Seite in eine Ecknische auf den Boden gelegt. Sie passen dort genau hinein.

Durch die Balkontür scheint ein schwacher Schimmer, der auf den Dachschrägen im Raum einen Schatten wirft. Schatten und Schimmer bewegen sich in einer ungeraden Linie an der Wand. Die Bewegung kann nicht von einem Vorhang an der Balkontür kommen, denn ich habe keinen Vorhang.

Minutenlang beobachte ich das Bewegungsspiel an der schrägen Decke. Der Rhythmus der Bewegung passt nicht zu dem regelmäßigen Keramik-Wasser-Tick-Tack, das der Wecker von sich gibt. Es ist ein anderer Rhythmus, es ist ein leichtes Wippen. Die Linie an der Wand wippt zwischen Lichtschein, der vom Balkonfenster kommt und Dunkelheit an der Wand hin und her. Unregelmäßig ist das, es ist mal kürzer, mal länger. Ich frage mich was das sein kann.

Ist das der eigentliche Rhythmus? Das hat mit der Regelmäßigkeit des Weckers nichts zu tun. Einmal lebe ich hier, demnächst lebe ich dort und bald wieder ganz wo anders. Das Leben wippt unregelmäßig dahin. Es wirkt dabei nicht unfreundlich. Es wirkt ganz ungefährlich. Es wirkt ruhig, wie das Wippen von Licht und Dunkelheit an der Wand. All das könnte eine Täuschung sein. Ist es aber nicht.

Der Alltag fließt unregelmäßig, ruhig, normal. Täglich bewege ich mich zwischen dem Zimmer bei Frau Stößer, der Schule, den neuen Freunden, die ich in der Kreisstadt suche und wieder dem Zimmer. Dabei wirke ich ruhig und alltäglich. Mein Fließen sieht alltäglich aus. Es ist das, was mir täglich begegnet.

Langsam tapse ich die Wendeltreppe hinunter ins Erdgeschoss. Ich schließe die Haustür leise und behutsam auf. Kühle, feuchte Luft strömt mir entgegen. Im Gang bis zu dem riesigen, schweren, schmiedeeisernen Tor zwischen dem Zaun und der Garage von Frau Stößer knöpfe ich meine Jacke zu.

Rings um mich herum in der Dunkelheit höre ich es tropfen. Der nasskalte Regen hat noch nicht lange aufgehört. Ich schließe das schwere Tor auf, ziehe es zu mir und zwänge mich hindurch.

Das schwere Ding versucht sogleich krachend ins Schloss zu fallen. Ich fange das Gartentor mit der linken Hand auf und lasse es leise in sein Schloss einrasten. Anfangs war mir mehrmals das Tor aus der Hand geglitten und laut ins Schloss gekracht. Das passiert mir nun nicht mehr. Die schweren Limousinen der Gäste von Frau Stößer sind alle verschwunden. Vor dem schwarzen Gartentor steht nur mein gelber Opel-Kadett. Er leuchtet im Mondschein. Schwere Wolken treiben am Himmel entlang. An der Hausecke, hinter Frau Stößers Doppelgarage schlägt mir eiskalter Wind entgegen.

Neben dem Haus von Frau Stößer, Richtung Waldrand hinunter in die Stadt, steht ein sehr altes Haus. Es ist das Moulin Rouge. Vor diesem Puff parken jede Nacht um diese Zeit große schwere Wagen. Der Sturm hat die rechteckige Metallmülltonne einige Meter nach vorne Richtung Straßenrand geblasen.

Der Parkplatz bietet sich an, um dort zu wenden. Er liegt am Ende der Sackgasse, man muss dort umdrehen. Der Jugendleiter fuhr langsam auf den Parkplatz. Er wendete den Wagen indem er einen Bogen über den Parkplatz fuhr. Im Schein seiner Autoscheinwerfer fuhr er langsam an den schweren Limousinen vorbei. Bei einigen Autos nannte er mir die Namen, deren Besitzer er aus der lokalen Politik kannte. Er kenne diese Herren alle, weil er selbst in der lokalen Politik der Kreisstadt tätig sei.

Hinter dem Moulin Rouge führt ein schmaler Pfad bergab in den Wald. Ich laufe ihn langsam hinunter. Der kalte Wind bringt viel Bewegung und Lärm in den Wald. Obwohl es nicht mehr regnet, ist meine Jack klatschnass.

Ich habe die Winterstiefel angezogen. Der Boden ist von Laub übersät und er ist matschig. Ich tapse vorsichtig hinunter. Hätte ich die Fahrstraße, die um diesen Wald herum hinunter Richtung Stadt führt, nehmen sollen? Zu spät, ich gehe weiter. Rechts neben dem Fußweg fließt ein kleines Rinnsal, das sich dort wegen dem schweren Regen der Nacht gebildet hat. Einmal rutsche ich mit dem rechten Fuß leicht nach unten ab, kann mich aber sofort wieder fangen.

Der eisige, feuchte Wind ist im Wald schwächer geworden. Mich fröstelt am ganzen Körper. Hätte ich den dicken, gestrickten Wollpullover anziehen sollen? Zu spät. Unten sehe ich durch die wankenden Baumstämme die Straßenlaternen neben dem Hochufer am Fluss. Auf dem Weg peitscht der böige Wind die Nässe der Nacht direkt ins Gesicht.

Der Fluss brüllt wie ein gejagter, dunkler Bär. Ich laufe vom Fußweg hinunter auf die windgeschützte Straße. Kein Auto fährt um diese Uhrzeit. Im Licht einer Straßenlaterne werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Viertel vor vier. Die Gäste des Moulin Rouge fahren hier wenn sie den Schuppen verlassen.

An der Kreuzung überquere ich den Fluss. Dort steige ich die glitschigen Wiese im Windschutz der Brücke hinunter. Unterhalb der Brücke bläst der Wind mit voller Wucht. Ich laufe den Pfad flussaufwärts. Der Fluss dröhnt links neben mir.

Im Mondenschein erkenne ich, dass der Fluss randvoll ist. Die Brühe ist dunkel. An den Felsen gibt es helle Stellen von der schlagenden, schäumenden Gischt. Ich rutsche hin und wieder ab, keine Gefahr, denn es geht leicht bergauf. Ich will wieder warm werden.

An der Waldbrücke sehe ich wie sinnlos das ist. Hier will ich mich aufhalten und Feuer machen. Seit Stunden tobte das Wahnsinnswetter, es war klar dagegen.

Trotzdem habe ich mich aus dem Haus getrieben. Meine Feuerstelle unter der Brücke ist vom Wind zerwühlt. Aber sie ist nicht überspült, wie das im letzten November einmal passiert war. Da stand das Wasser aus dem Fluss nach einem Herbststurm um gut drei Meter höher als normal. Ich sehe nach meiner Holzlagerstelle hinter dem Brückenpfeiler. Ich habe das gesammelte Holz unter einer grünen Plane versteckt. Der Sturm hat einen Zelthaken der Plane weggerissen. Die lose Ecke der Plane schlägt im Wind auf und ab. Mit der Taschenlampe suche ich den Boden ringsum ab. Der Hacken ist noch da. Er liegt matschig verschmiert neben dem Pfeiler. Ich schlage den Haken mit einem Stein samt Ecke der Plane in den glitschigen Boden.

Um viertel vor sieben scheppert der grüne Blechwecker. Ich ergreife die beiden grünen Glocken oben am Wecker. Das Scheppern ist jetzt ein gedämpftes Rasseln. Ich taste nach dem kleinen Metallhebel und drücke ihn mit meinem Daumen um. Aus.

Ich liege matt wie jeden Morgen auf den drei kleinen Matratzen. Ich könnte sofort wieder einschlafen. Ich brauchte nur die Augen zu schließen. Ich darf das aber nicht, denn ich muss in die Schule gehen. Ich öffne die Augen. Im Zimmer ist es finster. An den Dachschrägen im Zimmer sind Schatten und Licht der Nacht verschwunden. Der Regen trommelt.

Vormittags in der Schule

Wenn ’s das bis heute noch nicht gelernt haben, dann sind ’s morgen immer noch fehl am Platz hier drin! Das hab ich ihnen doch letzte Woche schon gesagt!“

Der Mann, der das meinem Tischnachbarn zu brüllt ist mittelgroß und drahtig. Er trägt eine eng anliegende Jeans und ein im Schein des Neonlichts glänzendes, dunkelblaues, sportliches, oben weit offenes Hemd. Er hat eine getönte leicht gebräunte Gesichtsfarbe und trägt glatte, kurz geschorene, schwarze Haare.

Vor der grünen riesigen Tafel bewegt er sich wie ein Tennislehrer. Er hat seinen Schülern gerade einen Matchball verpasst. Das ist selbsterklärend, meint der Mann. Mein Banknachbar soll vom Platz gefegt werden. Er blickt angestrengt nach vorne zu dem drahtigen Lehrer. Er sagt aber nichts, er verzieht keine Mine. Ich sitze neben ihm und versuche es ihm gleich zu tun. Ich versuche in einen ganz ernsten, mittelmäßig beteiligten Blick nach vorne an die Tafel zu verfallen. Ich versuche jeden Blickkontakt mit dem Lehrer zu meiden. Ich tue so, als lese ich ernst aber unaufgebracht.

Ich lese verstehend und doch irgendwie unbeteiligt, dabei aber äußerst interessiert den Text, den der Lehrer da an die Tafel geschrieben hat. Die Wahrheit ist, dass ich nichts verstehe. Ich verstehe von dem Geschriebenen an der Tafel wahrscheinlich viel weniger als mein Banknachbar.

Meine Methode heiß „nicht auffallen“. Mein Banknachbar hatte den Tennisplatzfeger etwas zu viel gefragt. Das wäre mir niemals eingefallen. Ich will zwar auch eine Antwort auf das, was mein Banknachbar da gerade fragte, denke aber, dass ich die Antwort lieber heute Nachmittag in den Schulbüchern suche, als mit dem Platzfeger ein Gespräch anzufangen. Ich liege mit meiner Vermutung richtig. Schülern an der bayerischen Schule eine Antwort auf deren Fragen zu geben ist hier zu dieser Zeit nicht üblich.

Ein Mann, wie der Ministerpräsident gibt hier und heute keine Antworten. Er ist lieber selbstgefällig und gerecht. Es genügt, diejenigen die nicht mitlaufen können oder wollen darauf hinzuweisen. Verschwinden sollen sie, wenn sie das hier nicht verstehen. Matchball. Schon sechs Stunden später ist das Spiel vorbei.

Mittags um halb zwei laufe ich von der Schule durch die Kreisstadt zurück hinunter zum Fluss. Das Haus von Frau Stößer liegt auf der andern Uferseite durch den Wald oben an der Bahnlinie. In der Stadt kaufe ich bei einem Discounter Lebensmittel. Von meinen monatlich siebenhundert Mark habe ich nach Abzug der Miete an Frau Stößer noch vierhundertfünfzig. Im Discounter kaufe ich stets das billigste. Brot, Nudeln, Dosentomaten und so weiter.

Was ich an manchem Wochenende an den Verkaufsständen an Waren aus der sogenannten dritten Welt für das Jugendbüro verkaufe, kostet das fünf bis sechsfache von dem Geld, das ich mir zum Beispiel für Kaffee leisten kann. Ich verkaufe etwas, an den Wochenend-Verkausfsständen, das ich mir niemals leisten kann. Ich werbe mit Informationsbroschüren gegen Waren wie Kaffe aus herkömmlichem Verkauf. Ich kaufe diesen Kaffee aber selbst für mich ein, weil ich mir anderes nicht leisten kann und weil ich darauf nicht verzichten möchte. Das ist das Leben. Ein wackeliger Rhythmus voller Gegensätze überall. Der Ministerpräsident, der Lehrer an der Technologieschule oder der Politiker vor dem Puff neben dem Haus von Frau Stößer. Das Leben ist bunt und unrhythmisch. Nichts ist wie es scheint, weil der Schein das ist, wie es eigentlich sein sollte. Alles ist so wie es ist, nämlich ganz anders als ich weiß oder glaube, dass es gedacht ist.

In der kleinen Küchenzeile haue ich ein paar Eier vom Discounter in die Pfanne. Ich schneide von einem weichen hellen Brot ein paar Scheiben ab. Ich schäle ein paar Karotten und würze die Eier in der Pfanne. Wie gut, dass niemand weiß, was ich hier tue. Auf der Realschule, noch letztes Jahr bei meinen Pflegeeltern hatte ich Kochunterricht gehabt. Ich nehme die Pfanne von der Platte. Ich gehe in mein Zimmer, wo ich mich mit diesem Mittagessen auf das Sofa vor dem kleinen, braunen Tischchen setze. Von unten höre ich Frau Stößer. Sie ruft.

Das Telefon steht vor der Eingangstüre in Frau Stößers Wohnung im Erdgeschoß. Es ist in Ordnung, dass ich mich anrufen lasse. Telefonieren darf ich aber nicht. Es ist Karin aus Berchtesgaden.

Na, guten Tag der Herr! Alles im Lot?

Ja, klar, passt schon.

Wie sieht’s bei Dir heute Nachmittag aus, ich komme in die Stadt, weil ich bei Erich übernachte. Sollen wir uns vorher mal eben treffen?

O.k. Wo?

Könnte bei dir vorbeikommen!

Alles klar, wann?

Um halb sechs?

O.k.

Karin hat einen Freund. Der ist Busfahrer und viele Jahre älter als sie. Der Mann lebt in der Kreisstadt. Weil das ganze von ihren Eltern nicht gesehen werden soll, haben wir uns darauf verständigt, dass ich für sie den Lügner spiele. Sie übernachtet bei ihm, ist für ihre Eltern aber bei mir. Ihre Eltern haben meine Telefonnummer. Sie haben mich aber noch nie angerufen.

Nachmittags Zuhause

Weil ich nach dem Mittagessen, wie schon oft todmüde bin, kippe ich auf dem alten, dunkelgrünen Sofa einfach um und schlafe ein. Matthias, mein Tischnachbar in der Unterrichtsstunde bei dem Tennisplatzfeger hat endlich seine Meinung geändert. Ich habe schon zwanzig Mal in der Schulpause mit ihm vernünftig zu sprechen versucht. Er ist, genauso wie alle anderen Mitschüler ein Bayer. Er ist so ein Bayer, genauso wie der uns vom Platz fegende Lehrer. Eigentlich sind alle Lehrer an der Schule für Technologie solche Bayern. Ich bin froh, dass er nach so vielen Gesprächsversuchen endlich mit mir spricht. Ich sehe uns beide, wie wir auf einer der Sitzbänke in dem kleinen Grünstreifen hinter der Schule in der sonne sitzen und uns angeregt unterhalten. Ich habe Matthias erklärt, dass ich in Berchtesgaden ein, zwei Lehrer kennen lernen konnte, die ganz anders gewesen waren. Ich finde es erstaunlich, dass hier in der Schule in Traunstein anscheinend kein Lehrer unterrichtet, der die Schüler nicht in Wahrheit rausschmeißen will. Das sage ich ganz offen und ganz einfach zu Matthias. Matthias hat endlich verstanden, dass ich mit ihm darüber reden möchte.

Ich bin froh, es hat endlich geklappt, Matthias weiß endlich, dass ich ihn nicht ausnutzen will. Ich will mir nicht sein Wissen zu Eigen machen. Ich will mich nicht mit fremden Federn, seinen Federn, seinem Wissen vor der Schulklasse und den Lehrern schmücken. Ich will nur mit ihm darüber reden, wie es in der Schulklasse täglich ist. Ich will wissen, was er über diese Schule, über diese Lehrer, über diese Mitschüler denkt. Ich möchte hören, wie es ihm dabei geht, wenn er von Morgens bis Mittags, nicht fragen darf, ohne zu riskieren als dumm diffamiert zu werden. Das Gefühl der Denunziation vor der Schulklasse von fünfundreißig Mitschülern einschließlich mir, seinem Tischnachbarn. Dem Lehrer zuhören zu müssen, wie er eindringlich klar macht, dass Matthias der dumme Frager völlig Fehl am Platze ist. Das möchte ich mit Matthias besprechen. Was fühlt er, was denkt er, wenn er erstarrt nach vorne zur Tafel blickt? Das Schweigen der Schulklasse hinter sich und neben sich. Darüber möchte ich mit Matthias sprechen. Wie geht es Dir Matthias? Was fühlst Du, während Du die Worte dieses gebräunten, erholten Gebildeten, der vor der grünen Tafel tänzelt, hörst? Ich will das wissen, weil ich klären will, ob ich mit dir gemeinsame Sache machen kann. Wenn ich von Dir erfahre, wie Du darüber denkst, kann ich Dich unterstützen, könnten wir uns gegenseitig unterstützen, weil ich dann weniger Angst davor hätte auch von diesem gebildeten Denunzianten bloß gestellt zu werden.

Ich will nicht länger wie die andern Mitschüler ein schweigendes, braves, dummes Lamm spielen. Auch ich möchte, wie Du in der Schule etwas wissen. Ich würde gerne nachfragen, doch ich traue mich nicht. Matthias sitzt still in der Frühlingssonne neben mir auf der Parkbank. Wir sprechen lange miteinander. Zu lange, mir kommt das jetzt sehr lang und sehr ruhig vor. Ist die Schulpause nicht längst vorbei? Ich blicke auf meine Armbanduhr. Das tue ich langsam und etwas verdeckt, denn ich will nicht, dass Matthias denkt, dass ich es eilig hätte. Ich habe Zeit ihm zuzuhören, denn jetzt hat er endlich zu sprechen begonnen. Ich konzentriere mich auf seine Worte, denn er spricht sehr bayerisch. Ich verstehe das kaum. Aber ich spüre seine Erleichterung. Meine Worte müssen ihn erreicht haben. Er scheint zu merken, dass ich nicht länger sein Konkurrent sein will, wie es in der Schulklasse wo jeder gegen jeden sticht, alltäglich ist. Matthias sagt endlich, was er denkt. Er will genauso wie ich, dass Lehrer Fragen ordentlich beantworten. Er will gemeinsam mit allen Schülern in der Klasse weiterkommen. Er will, so wie ich, dass wir in der Schulklasse miteinander reden und Probleme die ein Mitschüler erkennt, besprochen werden. Er sieht, dass dieses dumpfe „Schleicht’s Eich, wenn’s des immer no need kapiert’s!“, der bayerischen Lehrer an dieser Schule jedem Mitschüler in der Klasse schadet.

Auch Matthias brütet wie ich nachmittags allein zuhause über den Büchern. Er erzählt mir von den Büchern. Er versucht zu verstehen, was in den Büchern steht. Er versucht aus den Büchern zu holen, was er mit Hilfe des Lehrers, oder mit Hilfe eines Gesprächs in der Klasse viel besser kapieren würde. Das geht aber in der Klasse nicht, weil sich dort jeder selbst am Nächsten ist. Das sagt Matthias! Endlich eine der das sagt! Ich bleibe ganz ruhig neben ihm sitzen, freue mich aber riesig, dass der so denkt. Er sagt mir, dass er schon oft gedacht hat, dass diese Bücher sehr schlecht sind. Es ist kaum möglich zu kapieren, was da drin steht. Nicht weil wir dumm sind, wie die Lehrer dieser Schule es täglich behaupten, sondern weil diese Schulbücher ohne Gespräch und Austausch über den Inhalt und ohne Fragen und Erklärungen gar nicht zu verstehen sind. Das habe ich bisher noch nie gedacht! Aber es könnte stimmen. Matthias könnte richtig liegen, die Bücher sind dafür gedacht, dass über den Inhalt gesprochen wird. Bisher glaubte ich tatsächlich, ich sei blöd. Ich brüte über mancher Erklärung im Buch stundenlang und finde des Problems Lösung trotzdem nicht. Das kann nur an mir liegen. So dachte ich bisher. Ich schaffe das Niveau der Schule einfach nicht! So war mein Denken bis heute. Matthias sieht das anders.

Jetzt zeigt mir Matthias ein Beispiel. Er hält mir das dicke Physikbuch vor’s Gesicht und überdeckt damit die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Frühlings. Wo hat er plötzlich das Physikbuch hergezogen? Ist die Schulpause immer noch nicht vorüber? Matthias fährt mit dem Finger über einen Text und zeigt mir dazu eine Abbildung in dem Buch. Dass die in dem Buch das Problem so kompliziert erklären! Da brauchst du Stunden, bis du endlich durchblickst, wie der Autor tickt. Erst dann kapierst du was gemeint ist. Matthias schreit jetzt fast. Manchmal sagt Matthias habe er gedacht, dass er richtig spinne. Erst nach vielen Stunden am Abend habe er dann kapiert welche Denke der Autor habe und warum er das Problem im Buch so schildert, wie er es schildert.

Matthias dreht mir jetzt kurz den Rücken zu. Ich höre ein Rauchen, wie Wasser, wie Tropfen oder vielleicht einen Fluss. Das sind wahrscheinlich die ersten Blätter im Frühlingswind, so denke ich jetzt. Sein Wissen, dieses Verstehen, so Matthias nun, werde er aber niemand anderem geben. Denn damit konne er im Physiktest beweisen, dass er was verstanden hat. Matthias knallt das dicke Physikbuch jetzt auf die Parkbank. Er rutscht ein gutes Stücken von mir weg. Das Rauschen wird lauter, es hört sich jetzt wie ein Trommeln an. Jetzt sieht er mich an, er fixiert mich. Mit seiner Hand, sie sieht schwer aus und ist groß, stützt er sich auf das Physikbuch. Du willst was von mir? Ausgerechnet Du? Du willst mein Wissen, meine schwere Arbeit, die ich nachmittags vor den Büchern investiere! Das wollt ihr doch alle! Matthias schreit jetzt plötzlich aufgebracht, die Ruhe ist verflogen, stattdessen höre ich ein Trommeln und Rauschen. Nix da Bürschen, daraus wird aber nichts! Jeder hier ist seines Glückes eigener Schmied! Matthias spricht eindeutiges Hochdeutsch. Was ist mit seinem Bayerisch passiert? Jetzt rücke ich ein Stück von Matthias ab. Ich rücke an den äußersten Rand der Parkbank, beinahe falle ich von der Bank. Erschrocken sehe ich Matthias an. Der lacht. Es ist ein gehässiges, schäbiges Lachen. Mit dem Zeigefinger, der dünn und lang ist, wie ein Stock fuchtelt Matthias vor meinem Gesicht herum. Jetzt zeigt er mit dem langen Finger auf die Wiese vor unserer Parkbank. Die ist zu einer grünen Tafel geworden. Mit dem langen Finger kritzelt er weiße Rechenformeln auf die Tafel. Die große Tafel schreibt er ganz schnell voll. Ab und zu blickt er zu mir auf. Er lacht mich gehässig an. Er fragt mich, ob ich weiß, was er da schreibt. Ich versuche den Eindruck vorzutäuschen, dass ich alles gut verstehe. Das gelingt mir aber nicht. Stattdessen laufen mir plötzlich Tränen aus den Augen. Ich kann die Tränen nicht aufhalten. Es sind dicke Tränen. Sie tropfen auf die grüne Tafel. Die weißen Formeln verlaufen. Meine Tränen werden stärker. Sie Trommeln jetzt auf die Tafel. Die weiße Kreide verschwimmt. Ich erkenne nichts mehr. Ich versuche Matthias zu erkennen. Der Sitzt ganz weit entfernt von mir, er sieht pitsch nass aus.

Regen trommelt auf das Hausdach. Wind peitscht gegen die Balkontür in meinem Zimmer in Frau Stößers Haus. Ich stehe langsam von dem dunkelgrünen Sofa auf, ich fühle mich schwer und matt. Ich ertaste meine Armbanduhr, im Zimmer ist es fast finster. Ich kann das Ziffernblatt nicht lesen, gehe deshalb zum Licht an der Balkontüre. Beinahe zwei Stunden lang habe ich geschlafen. Draußen geht ein schwerer Wolkenbruch nieder. Ich nehme mein Mittagsgeschirr vom Tisch vor dem Sofa und spüle es in der kleinen Küchenzeile ab.

Besuch

Karin ist pünktlich. Auf sie ist verlass, sie kommt nie zu spät. Sie bringt mir ein kleines, grünes Büchlein mit. Es ist ein Kochbuch für Junggesellen. Das ist kleine Provokation von Karin, obwohl sie es natürlich lustig findet, mir so etwas mitzubringen. Sie erklärt mir, dass die Portionen, die in dem Büchlein beschrieben sind für eine Person bemessen seien. Das sei beim Kochen eine große Hilfe. Karin ist trotz ihrer jungen Jahre eine gestandene Hausfrau. Sie ist etwas mollig, wirkt bodenständig und strahlt Zuversicht aus. Sie lacht viel, das sehe ich ihr an.

Sie ist verheiratet. Sie hat aber wohl leider den falschen Mann geheiratet. Der Busfahrer wäre wohl der richtige für sie gewesen. Sie hat aber einen jungen Menschen ihres Alters geheiratet, den ich aus meiner früheren Jugendgruppe kenne. Ich glaube, sie hat einfach zu schnell und zu früh geheiratet. Ihr Mann hat das Heiraten zu schnell von ihr gewollt. Vielleicht hatte er gemerkt, dass er nicht der richtige ist und hat sie deshalb zu einer zügigen Hochzeit gedrängt. Das rächt sich nun für ihn aber auch für Karin. Sie lebt nun mit einer schweren, belastenden Lüge. Sie liebt den Busfahrer, nicht ihren Mann. Ihr Mann wiederum lebt in dem Glauben, er habe es geschafft Karin an sich zu binden.

Ihr Glück ist, dass sie einige wenige Menschen kennt, denen sie dieses Geheimnis anvertrauen kann. Das macht die Sache für sie leichter. Einer davon bin. Und sie hat eine gute Freundin, die ihre Situation kennt. Ich muss gar nicht viel tun, um Karin zu unterstützen. Es reicht, wenn sie mich hin und wieder besuchen kommen kann und wenn sie ihren Eltern und ihrem Mann erzählen kann, dass sie in der großen Kreisstadt bei mir zu Besuch vorbeischaut und bei mir im Haus von Frau Stößer übernachtet. Ich bin für ihren Mann offenbar ungefährlich und für ihre Eltern glaubwürdig. Erstaunlich daran ist, dass ich weder mit ihrem Mann noch mit ihren Eltern über Karins Besuche bei mir in der Kreisstadt je gesprochen habe. Die haben bisher noch nie bei mir angerufen, um zu fragen, ob Karin tatsächlich hier ist, um das zu überprüfen. Ich habe nichts weiter zu tun, als Karins Anweisungen und Vorschläge in dieser Sache zu befolgen und sie gewähren zu lassen.

Sie kommt und erzählt mir, dass sie sich mit ihrem Busfahrer trifft. Sie sagt mir exakt, um wie viel Uhr sie zuhause losgefahren ist und wann sie in Traunstein angekommen ist. Sie sagt mir genau, um welche Zeit sie von mir weg fährt und wann sie wieder in Berchtesgaden ankommen wird. Sie erklärt exakt, was sie in der Kreisstadt alles gekauft hat, in welchen Geschäften sie um welche Uhrzeit vorbei schaut oder ob Sie sich mit anderen Personen zum Beispiel aus der Jugendgruppe trifft. Meist kauft Karin in der Kreisstadt Wolle unterschiedlichster Art, in verschiedenen Geschäften. Sie strickt sehr viel, weil das auf sie beruhigend wirkt. Ich schreibe mir alles sauber in einen Block. Den halte ich auf meinen Schreibtisch griffbereit. Wenn Frau Stößer wegen einem Telefonanruf nach mir ruft, nehme ich immer diesen Block mit hinunter zum Telefon. Im vorderen Teil habe ich Notizen, Termine und Telefonnummern, die ich am Telefonapparat bei Frau Stößer notiere. Im hinteren Teil des Blockes habe ich, von hinten angefangen, genau mit Datum und Wochentag notiert, wann Karin in der Kreisstadt war, um wie viel Uhr sie kam, wann sie wieder fuhr und was sie eingekauft hat. Noch nie hat ihr Mann oder haben ihre Eltern bei Frau Stößer angerufen um mich danach zu fragen.

Karin sieht blass aus. Sie lacht zwar aber sie wirkt abgehetzt. Sie bittet mich den Zeitplan ihres diesmaligen Aufenthaltes in meinem Block zu notieren. Sie sieht auf ihre Armbanduhr und sagt, sie habe nur eine halbe Stunde Zeit. Der Busfahrer habe dann einen Schichtwechsel und sie könnte bei ihm zusteigen. Der Mann wohnt außerhalb der Kreisstadt in einem winzigen Nest. Ich biete ihr eine Tasse Tee an, den sie gerne nimmt. Karin sitzt mir gegenüber vor dem kleinen Tischchen in dem orangenfarbigen Schaumstoffsessel, den ich aus meinem Zimmer in Berchtesgaden mit nach Traunstein umgezogen habe. Ich sitze auf dem grünen Sofa. Das Sofa habe ich erst vorletzten Samstag auf dem gleichen Flohmarkt gekauft, auf dem ich auch das Waschmaschinen-Ei erstanden hatte. Karin mustert das Sofa. Etwas schäbig findet sie aber, irgendwie passend zu dem Mobiliarsammelsurium in meinem Zimmer. Das Sofa habe ich für nur drei Mark erstanden. Der Verkäufer hatte es auf der Ladefläche eines Anhängers. Eigentlich wollte er das gar nicht verkaufen, sondern zum Sperrmüllsammelplatz bringen. Der Platz hatte aber am Samstagvormittag schon um zwölf Uhr dichtgemacht. Also nahm er das Ding zum Flohmarkt mit, auf dem er grundsätzlich nicht vor halb eins auftauche. Das erklärte mir der Verkäufer. Weil um diese Uhrzeit der Verkauf am besten laufe. Als ich ihn fragte, was das Sofa auf seinem Hänger kosten sollte, lachte der Mann herzlich. Schließlich verständigten wir uns auf drei Mark. Ich musste dem Verkäufe um halb fünf beim Abbau seines Standes helfen, als Gegenleistung fuhr der Verkäufer mit mir zum Haus von Frau Stößer, schließlich half er mir sogar dabei, das Sofa hinauf in mein Zimmer zu schleppen. Montagnachmittags, als Frau Stößer mit ihrem großen Mercedes zum Einkaufen in die Stadt gefahren war, schob ich das Sofa auf den Balkon hinaus. Dort bearbeitete ich es mit einem Teppichklopfer. Das staubte wie eine riesige Rauchwolke.

Karin lächelte mich an, nachdem ich alles brav in den Block notiert hatte. Sie hat immer Neuigkeiten aus Berchtesgaden dabei. Darüber fängt sie stets in der gleichen Weise zu berichten an.

Weist du schon das Neuste?

Nein.

Willst du’s denn überhaupt wissen?

Na klar, schieß los.

Dorit ist schwanger.

Nein!

Ich sehe Karin verblüfft an.

Wie ist das gegangen?

Wenn Du’s nicht weißt, ist klar dass sie nicht von Dir Schwanger ist.

Karin lacht verschmitz.

Sie hat vor einem halben Jahr, gleich als es mit Euch beiden vorbei gewesen war, einen neuen Mann kennen gelernt. Der ist der künftige, stolze Vater. Er war auf der Durchreise im Ort. Beide haben sich gleich ineinander verguckt.

Oje.

Ich stöhne ein bisschen vor mich hin, ob dieser Nachrichten. Ich versuche entspannt und unbeteiligt zu wirken. Ich lehne mich in das grüne Sofa zurück, schenke Karin noch etwas Tee nach. Dabei sehe ich wie meine rechte Hand zu zittern beginnt. Ich stelle deshalb die Kanne, nachdem die Tasse nur halb gefüllt ist zurück auf das Stövchen.

Eine echte Überraschung für Dich geh?

Karin lächelt.

Das schein ja alles recht schnell gegangen zu sein mit den beiden.

Diesen Satz versuchte ich möglichst einsilbig und unbeteiligt zu sprechen. Das gelingt mir aber nicht.

Bist doch wohl nicht eifersüchtig auf ihren Liebhaber, den du nicht einmal kennst?

Nein, nein.

Ich schüttle den Kopf. Ich weiß einfach nicht was ich sein soll.

Noch ne Nachricht, oder reicht das schon?

Karin lacht beinahe frech.

Nein, das genügt völlig.

Ich hab auch gar nichts weiter anzubieten.

Sind die zwei denn noch beieinander?

Das sieht schon so aus. Der Typ, der im Übrigen ganz nett ist, plant in den Ort zu ziehen. Die suchen sich eine Wohnung und in knapp sechs Monaten ist es dann soweit.

Dorit wollte doch studieren?

Ich glaube, das hat die jetzt erst mal abgehakt, unter den Umständen.

Aha.

Karin erhebt sich aus dem orangenfarbigen Sessel.

Ich glaub ich muss jetzt, sonst verpass ich am Busbahnhof den Schichtwechsel.

Ich begleite Karin hinaus über den Gartenweg durch das große Schmiedeeisentor bis zu ihrem Auto. Es kam noch nie vor, dass sie mit dem Auto ihres Mannes zu mir fuhr. Sie fährt sonst immer mit dem Zug und dem Bus. Weil sie aber das Auto früh am nächsten Morgen in die Werkstatt zur Inspektion bringen will, hat sie ihrem Mann vorgeschlagen damit zuvor noch zu mir in die Kreisstadt zu fahren, um von hier aus morgen früh direkt in die Autowerkstatt zu fahren. Karin steigt ein, wendet den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge und braust winkend davon.

Ich steige die Treppenstufen im Haus von Frau Stößer langsam hinauf, gehe in mein Zimmer und nehme auf dem Sofa platz. Ich hatte Dorit zwei Monate vor meinem Wegzug aus Berchtesgaden kennen gelernt. Der Kontakt entstand über einen Freund in der Jugendgruppe, der mit ihr in einer Schulklasse saß. Es war eine Abiturklasse. Der Freund hatte mich gefragt, ob ich mit ihm und einigen Schulfreunden im Sommer für ein paar Wochen eine Reise nach Griechenland unternehmen wolle. Unter den Schulfreunden war Dorit. Wir hatten uns zwei, drei mal getroffen um die geplante Reise zu vereinbaren, eine Route und den Termin gemeinsam festzulegen. Von da an besuchte ich Dorit, die am Rande von Berchtesgaden, etwas außerhalb in einer Mehrfamilienhaussiedlung bei ihren Eltern wohnt, regelmäßig. Wir verstanden uns gut. Dorit ist sehr gebildet und sehr vielfältig interessiert. Sie erzählte gerne von politischen Sendungen und satirischen Beiträgen, die sie gerne im Fernsehen sah. Sie nahm seit Jahren Tanzunterricht, ihr Berufswunsch ist das Tanzen, das man offenbar studieren kann. Deshalb strebte sie das Abitur an, dass sie sehr gut bestanden hat.

Abends war ich bei meinen Pflegeeltern in den letzten Wochen in deren Haus nur noch ganz selten zuhause. Ich kam immer sehr spät nach Hause. Ich besuchte Dorit, hatte aber nie bei ihr in ihrem Zimmer in der Wohnung ihrer Eltern übernachtet. Ich war oft mit dem alten, aber guten Moped aus der Garage bei meinen Pflegeeltern zu ihr gefahren. Das Moped durfte ich eigentlich nicht benutzen. Meine Pflegeeltern hatten mir das nicht erlaubt. Ich habe es mir abends trotzdem oft genommen. Die Pflegeeltern haben das entweder nicht bemerkt oder sie ließen mich einfach gewähren, weil mein Aufenthalt bei ihnen ohnehin auf nur noch wenige Wochen begrenzt gewesen war. Das Moped verwendete ich gegenüber Dorit stets als Vorwand, wegen dem ich spät abends immer wieder nach Hause zu fahren hatte, damit es früh morgens in der Garage stand. Wegen ihrer täglichen Arbeit waren die Pflegeeltern stets sehr früh am Morgen unterwegs. Das fehlen des Mopeds wäre aufgefallen.

Der Urlaub in Griechenland mit der Abiturientengruppe und Dorit war wunderschön. Es war mein erster Urlaub nach Volljährigkeit und Auszug bei den Pflegeeltern. Ich hatte den Urlaub mit Geld bestritten, das ich zuvor bei einem Ferienjob verdient hatte. Es war sehr wenig Geld, reichte aber. Die Gruppe Abiturienten war auch deshalb sehr angenehm, weil keiner von denen hohe Ansprüche hatte. So war es in der Gruppe kein Problem für mich, mit meinem wenigen Geld auszukommen. Es war eine Zugreise, wir waren mit Rucksäcken von Ort zu Ort unterwegs. Der Kontakt zu Dorit war vertraut. Wir haben Händchen gehalten und uns bestens miteinander verstanden. Mehr wurde daraus aber nicht. Ich war mir nicht sicher. Sie war sich sicher. Wir reisten per Zug aus Griechenland zurück. Vor diesem Urlaub hatte ich meinen Umzug in die Kreisstadt organisiert. Am Bahnhof verabschiedete sich die Gruppe voneinander. Dorit und ich blieben allein am Bahnhof stehen. Sie fragte mich, ob sie mit mir mitkommen dürfe, in die große Kreisstadt. Ich nahm ihre Hand, sah sie an und versuchte zu lächeln. Dann ließ ich sie los. Seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen.

Abends Zuhause

Das Fernsehprogramm ist grauenvoll. Ich empfange mit der alten Kiste drei deutsche Sender und einen Sender aus Österreich, in dem ständig dicker Schnee rieselt. Ich versuche mich von meinen Gedanken, die seit Karins Besuch kommen und nicht verschwinden wollen, abzulenken. Mein Abendbrot habe ich hinter mir, ich knabbere an Salzstangen aus einer Knistertüte herum. Meine Schularbeiten habe ich nicht erledigt. Ich müsste für morgen noch einiges tun. Aber die Bücher kommen mir ganz weit entfernt vor, obwohl sie auf einem ordentlichen Stapel neben dem Sofa auf dem Schreibtisch liegen.

Neben Dorit gibt es da eine andere Frau, Martina. Von ihr hatte ich das Auto geliehen, mit dem ich meinen Umzug von Berchtesgaden nach Traunstein gemacht hatte. Ich glaube, sie habe ich wirklich geliebt. Martina hat mich aber nicht geliebt. Sie war mit mir lange Zeit irgendwie befreundet. Dann kam Dorit. Sie liebte mich. Was hätte ich besser machen können? Warum liebt mich nicht die richtige Frau? Oder würde ich Martina niemals geliebt haben, wenn sie mich, wie Dorit von Anfang an geliebt hätte?

Jetzt wäre es gut, wenn Frau Stößer von unten hoch rufen würde, dass ich einen Anruf hätte. Jetzt wäre es gut, wenn Martin oder Thomas anriefen. Heute Abend habe ich kein Arbeitsgruppentreffen mit dem Arbeitskreis, den Thomas rund um die Verkaufsstände der Waren aus der sogenannten Dritten Welt gegründet hatte. Das wäre jetzt eine ausgezeichnete Ablenkung für mich. Die Arbeitsgruppe findet leider erst morgen am Dienstag statt. Jetzt wäre es gut, wenn der Jugendgruppenleiter vorfahren würde, um mich ins Auto einzuladen, mit mir den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge zu wenden, und wie Karin davon zu düsen, um mit mir zu einem politischen Arbeitskreis in die Großstadt zu fahren. So ein Termin mit dem Jugendgruppenleiter steht aber erst wieder nächste Woche an.

Da hat mir Karin ja was hübschen eingebrockt, mit dieser tollen Nachricht von Dorits Schwangerschaft. Wäre es gut gewesen, mit ihr zusammen zu bleiben, obwohl ich nicht sicher gewesen war? Ich werde jetzt ein bisschen wütend auf Karin. Die kommt hier her, erzählt mir was und verschwindet wieder. Danach sitze ich da und komme davon nicht mehr los. Karin hat mir mal erzählt, dass ihr das Stricken hilft, aber auch das Putzen. Wenn es schwierig wird, tut sie entweder das eine oder das andere. Ich stehe vom Sofa auf, schalte den Fernsehapparat ab und gehe ins Bad. Wenn putzen hilft, hilft vielleicht auch Wäschewaschen. Ich stopfe Klamotten in das silberfarbige Wäsche-Ei. Oben durch den Deckel lasse ich warmes Wasser hineinlaufen und gebe Waschmittel dazu. Danach fange ich zu kurbeln an.

Nachts um drei Uhr wache ich auf. Der Wecker gibt wieder sein gleichförmiges Keramikbecher und Wasserglas-Ticken von sich. Ich sehe an der Dachschräge die Linie am Rande des Lichtes, das durch die Balkontüre fällt und sich in dem dunklen Schatten an der Wand bewegt. Die Bewegung scheint langsamer geworden zu sein. Der Sturm draußen hat sich gelegt. Ich stehe auf und sehe durch die Balkontür hinaus. Der Mond nimmt zu. Es ist sternenklar. Unten sehe ich die Lichter der Kreisstadt. Der Fluss schlängelt sich in der Dunkelheit wie eine Gischtschlange durch die Stadt. Der Wasserstand hat erneut zugenommen. Ich ziehe meine Klamotten an. Ich ziehe den dicken Wollpullover über, den mir Karin und Martina gemeinsam gestrickt hatten und zu Weihnachten geschenkt haben. Sie haben dafür die dickste Wolle verwendet, die zu bekommen war. Der Pullover ist schwer und warm. Das Balkonthermometer zeigt minus drei Grad an. Hoffentlich ist das die letzte Frostnacht in diesem Frühjahr. Ich nehme die Jacke und tapse leise die Wendeltreppe ins Erdgeschoss hinunter. Draußen ist es saukalt aber trocken und windstill. Die Mülltonne vor dem Moulin Rouge steht wieder ordentlich links vom Haus an der Hausmauer. Der Parkplatz ist voller als in der Nacht zuvor, ich zähle zehn große Limousinen. Ich laufe den Waldweg hinunter Richtung Stadt. Das muss komisch sein, wenn man da reingeht, die Leute müssen sich doch kennen. Der Puff neben dem Haus von Frau Stößer ist im Grunde winzig, die Kreisstadt ist überschaubar. Die Kennzeichen der Autos weisen auf die Kreisstadt und den Landkreis hin. Aber auch der Landkreis ist klein und überschaubar.

Der Fluss steht nun fast bis zum Fußweg auf dem Hochufer. Die Feuerstelle ist wieder überspült, so wie im November. Aber Holz und Plane sind noch da. Beides liegt einige Meter höher als die Feuerstelle. Ich kann kein Feuer machen, so lange der Fluss so hoch steht. Vielleicht fällt der Pegel bereits. An dem unteren Betonpfeiler der Brücke nahe der überspülten Feuerstelle sehe ich einen angefrorenen Wasserabdruck. Vielleicht war der Pegelstand tagsüber dort oben. Das Getöse des Flusses unter der Brücke ist ohrenbetäubend. Ich prüfe die grüne Plane über dem Holz und die Heringe im Boden. Der Hering, den ich vergangene Nacht befestigt hatte fehlt, ich suche und finde ihn. Ich schlage die Plane erneut in den gefrorenen Boden. Auf dem Rückweg nehme ich die Straße, denn die Taschenlampe hat schlapp gemacht. Ich sehe trotz des Mondscheines die kleinen Eisschollen im Matsch und auf den Felsen des Pfades ohne Taschenlampe zu schlecht. Auf der Straße kommen mir mehrere Autos entgegen. Es sind große Limousinen, die ich zuvor noch auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge gesehen hatte. Außer ihnen fährt um diese Uhrzeit kein Auto durch den Wald. Am Flussufer unterhalb des Hauses von Frau Stößer biege ich von der Straße ab und laufe hinauf durch den Wald. Der Parkplatz ist leer. Das Licht am Eingang des Moulin Rouge schimmert finster, die weitere Beleuchtung an dem Haus, die zuvor noch eingeschaltet war, ist aus. In der Eingangstür ins Haus von Frau Stößer ziehe ich meine verdreckten Winterstiefel aus. Ich tapse im Haus leise die Treppe hinauf und verschwinde in meinem Zimmer. Die schmutzigen Stiefel stelle ich auf den Balkon neben die Balkontüre.

Ich gehe ich die winzige Küche und setzt Wasser auf. Ich setzte mich auf einen Stuhl in dem Zimmer, das ich eigentlich nicht betreten darf. Die Stühle stehen rund um einen großen Tisch. Dahinter liegt die kleine Küchenzeile. Auf der anderen Seite des Zimmers ist eine Fensterfront mit Balkontüre hinaus auf den gleichen Balkon auf den auch meine Balkontüre führt. Ich sitze in der Finsternis und Stille dieses großen Raumes und warte bis das Wasser kocht. Frau Stößer empfängt an diesem großen Tisch einmal pro Woche nachmittags zehn bis zwölf Damen, die alle etwa in ihrem Alter sind. An den Nachmittagen geht es in diesem Zimmer, das neben meinem Zimmer liegt, lebhaft manchmal sogar laut zu. Das ist ungewöhnlich in diesem Haus, in dem es abgesehen von seltenen Besuchen, die Frau Stößer in ihrer Wohnung empfängt, sehr ruhig ist. Die Damen sind ein Bastelkreis. Frau Stößer erklärte mir das, als sie mich in ihr Haus einführte. Ich könne die Küchenzeile nutzten, wenn ich sie sauber hielte und wenn ich sie bitte nicht gerade an dem Nachmittag betrete, an dem die Damen kommen. Gebastelt wird das ganze Jahr über wöchentlich einen Nachmittag lang für einen gemeinnützigen Verkaufsstand auf dem Weihnachtsbazar. Seitdem Thomas den Arbeitskreis rund um die Verkaufsstände der Dritte-Welt-Waren gegründet hat, geht es auch bei mir im Zimmer einmal pro Woche etwas lauter zu. Die Lautstärke ist aber wohl nicht zu vergleichen mir Frau Stößers Damengruppe. Jeden Dienstag treffen wir uns am Abend in meinem Zimmer um die Verkaufsstände zu organisieren, aber auch um zu diskutieren oder um Handzettel und Informationsbroschüren für die Verkaufsstände zu erarbeiten. Dieser Kreis besteht aus Ida und Pete, zwei Mädchen, die Thomas aus seiner früheren Schule kennt und aus Martin, Thomas und mir.

Bevor der Wasserkessel zu pfeifen beginnt nehme ich ihn von der heißen Platte. Ich prüfe ob mein Stuhl an dem Tisch in dem Zimmer steht wie zuvor. Mit dem heißen Wasser gehe ich zurück in mein Zimmer. Ich brühe mir einen starken Kaffee auf. Mit dem dampfenden Becher setze ich mich an den Schreibtisch. Ich nehme mir zuerst die Einträge der letzten Physikstunde vor. Damit beginnt mein nächster Schulvormittag. Bis am frühen Morgen der grüne Blechwecker zu scheppern beginnt, arbeite ich mich am Schreibtisch durch den bevorstehenden Schulvormittag. Den Bücherstapel habe ich in der Reihenfolge der heutigen Schulstunden sortiert und packe ihn jetzt in meine Tasche. Ich gehe ins Bad, putze meine Zähne, stehe kurz unter der Dusche, setze Wasser für den Tee auf, schmiere mir zwei Marmeladenbrote, setze mich mit dem Tee und den Broten auf das Sofa und lese nochmal etwas in dem Materialkundebuch nach. Ich kann mir das einfach nicht merken. Woran das wohl liegen mag? Die Technik ist im Moment nicht meines. Die gesamte Theorie, die da dahinter steckt, erscheint mir leblos. Die Unterrichtsstunden an dieser Schule könnten das lebendig machen. Das Gegenteil aber ist der Fall. Mein Gebüffle jeden Tag scheint immer weniger zu nützen. Der Platzwart würde mir sofort erklären, woran das liegt, bevor mich der gebildete, satt gebräunte Bavarese im glänzenden Hemd mit einem kräftigen Matchball von meinem Schulplatz fegt. Es liegt natürlich an meiner Art zu lernen. Das, was ich heute Nacht gemacht habe, bringt zum Beispiel gar nichts. Es ist doch sonnenklar, das einer der todmüde in die Schule kommt, dort nichts zerreißen kann. Da ist es schon berechtigt, wenn der Feger an die Tafel kommt und schreit: „Sie verschwenden hier in der Schui bloß unsere und erna Zeit. Suachens erna an anderen Zeitvertreib oder lassens erna am besten glei einglasen!“

Schulvormittag

Im Physikunterricht am Morgen wird eine spontane Extemporale über ein Teilgebiet der Lasertechnik geschrieben. Ich habe Glück, denn tatsächlich kann ich die Fragen verstehen. Sie haben mit denjenigen Inhalten und Dingen zu tun, die in der letzten Stunde in der Vorwoche am Donnerstag behandelt worden waren und über die im Physikbuch unter dem entsprechenden Kapitel nachzulesen war. Der Physiklehrer verteilt vervielfältigtes, gelbliches, glänzendes Papier. Er hat die Ex mittels des immer seltener gebräuchlichen Linoleumdruckverfahrens vervielfältigt. Blaue Tintendruckschrift auf gelblich glänzendem Papier. Das Papier hat die Eigenschaft, rechts und links nach unten zu fallen, dabei auch schnell mal abzuknicken, wenn man das Blatt in der Mitte hochhebt. Das Papier und der Druck erinnern mich an meine alte Schule in Berchtesgaden. Dort war alles, was die Lehrerin im Unterricht verteilt hatte in solcher Weise auf solchem Papier gedruckt. Die Lehrerin kurbelte das Papier und ihre Vorlage selbst durch die Maschine, die im Wesentlichen aus zwei Walzen und der Druckvorlage bestand. Auf die Walzen wurde mit einem Schaber möglichst gleichmäßig die Tinte aufgebracht. Dass der Physiklehrer das moderne Thema mittels Vervielfältigung anhand der inzwischen veralteten Drucktechnik abfragt, finde ich gut. Was er da abfragt finde ich schwierig. Wie der Lehrer dabei auftritt finde ich unmöglich. Es ist das typische Auftreten der Lehrer die mich an dieser Schule unterrichten, solches Auftreten kannte ich von keiner meiner vorhergehenden Schulen.

Der Mann betritt morgens den Klassenraum ohne einen Schüler auch nur anzusehen, geschweige denn die Schulklasse zu begrüßen. Den großen, schwarzen Aktenkoffer stellt er auf seinen Lehrertisch und knipst klackernd die Verschlüsse auf. Einen Schüler aus der ersten Reihe, dessen Name er offenbar nicht kennt und wohl nicht kennen lernen will, weist er zu sich. Dem drückt er einen Stapel Papier in die Hand, den er mit einem festen Griff aus seinem Aktenkoffer hebt.

Verteilen!

Alle Unterlagen vom Tisch!

Das plärrt er in den Klassenraum, spricht damit aber keinen von uns an, meint uns aber eindeutig mit dieser Ansage. Er spricht, als sei der Raum vor ihm leer.

Sie benötigen nur ein funktionsfähiges Schreibgerät!

Sofort packen die Mitschüler und ich alles, was vor uns auf dem Tisch liegt in die Schultaschen. Übrig bleibt nur ein Stift.

Im Zimmer herrscht totenstille.

Der Verteiler beeilt sich, die Blätter auf dem Kopf liegend auf den Tischen zu verteilen. Ich berühre das Blatt nicht. Ich berühre es selbst dann nicht, als es droht, wegen dem Wind, den der Verteiler im Vorbeihuschen macht, vom Tisch zu fliegen. Ich kenne dieses Spiel aus dieser Schule. Jeder, der das Blatt vor dem Befehl des Lehrers berührt, hat verloren. Meine Arme sind vor meiner Brust verschränkt. So ist klar, dass ich weder auf dem Tisch noch unter dem Tisch irgend ein Papier lese.

Der Verteiler ist fertig und liefert beim Physiklehrer den Rest seiner nicht verteilten Blätter ab. Jetzt schaut der Physiklehrer angestrengt auf seine riesige, dicke, silberne Armbanduhr. Er drückt auf einen Seitenknopf an der Uhr. Er blick auf, starrt in den Klassenraum an einen Punkt, den ich nicht sehe. Sein breiter Mund öffnet sich, jetzt höre ich ihn:

Ab jetzt hamm’s zwanzig Minuten!

Alle Mitschüler wissen was los ist. Jeder dreht sofort das Papier um. Sämtliche Schüler im Zimmer beginnen ohne Zeitverzögerung auf dem Papier herum zu kritzeln. Auch ich fülle das Papier oben rechts sofort mit meinem Namen und blicke die nächsten zwanzig Minuten nicht mehr von diesem Papier auf. Ich rattere eine Frage nach der nächsten durch. Schreibe zu jeder Frage so schnell wie möglich so viel mir dazu einfällt hin. Und tatsächlich fällt mir etwas ein. Es sind diejenigen Dinge, die ich wenige Stunden zuvor, nachts an meinem Schreibtisch im Physikbuch gelesen hatte. Alles, woran ich mich erinnern kann, was zu den jeweiligen Fragen passt, schreibe ich jetzt hin. Dabei achte ich darauf, dass ich mich bei jeder Frage höchstens drei Minuten lang aufhalte. Es sind sieben Fragen. Bei zwanzig Minuten Zeit kann ich mir mehr Zeit pro Frage nicht leisten. Weil jede Frage mit Punkten bewertet wird, glaube ich daran, dass es effektiv ist, möglichst alle Fragen abzuklappern anstatt mich an einer festzubeißen. Bei diesen Tests unter diesem Zeitdruck geht es nicht darum tatsächlich etwas verstanden zu haben. Die Materie wurde mir nie verständlich erklärt. Sie wurde vergangene Woche von diesem Lehrer an die Tafel gekritzelt. Ich habe sie heute Nacht im Physikbuch gefunden. Verstanden habe ich sie nicht, erinnere mich aber an den Inhalt.

Darum geht es. Glücklicher Weise habe ich das Kapitel im Physikbuch erst heute Nacht angestrengt und verbissen gelesen. Ich habe es in mich hineingezwungen. Die Methode ist mein Alltag. Diese Schule und ihre Methoden sind mein Alltag. Ich lese Sätze und Formeln und wiederhole sie so oft bis ich das Gefühl habe, dass ich das behalten kann. Um das zu erreichen muss ich die Inhalte mit Gewalt und Kraft in mein Hirn hineinprügeln. Ich muss einen inneren Widerstand überwinden, das wissen zu wollen. Wenn das geschafft ist, muss ich alles stupide so oft wie möglich wiederholen. Das habe ich heute Nacht getan. In meinem Alltag geht es darum, möglichst schnell und möglichst viel Wissen wiederzukäuen und in solchen Prüfungen wie heute Morgen einfach wieder auszukotzen. Ich höre leises rascheln von rechts neben meinem Tisch. Ich höre ein leises Flüstern. Es ist kaum hörbar. Aber es ist deutlich vorhanden. Da will einer was von mir wissen. Ein Nachbar von rechts, es ist nicht Matthias, der sitzt links von mir. Der da was von mir will, den kenne ich nicht, obwohl ich schon ein knappes halbes Jahr in dieser Schule sitze. Mit dem habe ich noch nie gesprochen. Das geht unmöglich. Ich kann dem Flüsterer nicht helfen. Der gefährdet mich, wo ich doch heute Morgen tatsächlich etwas zu wissen glaube. Ich habe das erst heute Nacht gelesen. Ich neige meinen Kopf noch dichter herunter zu dem Blatt auf das ich schreibe und lese und schreibe und lese. Ich muss so viel wie möglich von dem Wissen an das ich mich aus diem Kapitel erinnere hier auf dieses gelbliche Blatt kotzen. Der Lehrer ruft jetzt laut einen Namen. Welcher Name ist das? Wer ist das, den er da ruft? Es ist der Namen meines rechten Nachbarn.

Vortreten und abgeben!

Ich höre jetzt leise Flüche. Ich weiß nicht ob der Nachbar mich meint. Er rückt seinen Stuhl nach hinten. Jetzt geht er mit seinem Papier in der Hand vor zum Physiklehrer.

Das verstehe ich nicht.

Ruhe!

So brüllt der Physiklehrer ihn an.

Gebens her!

Er entreißt meinem Nachbarn sein Papier. Nun weist er mit dem linken Arm, an dessen Hand die schwere Armbanduhr hängt, zur Tür.

Raus, in elf Minuten sand’s wieder da, sonst brauchans garnicht mehr kemman!

Ich gehe zu Frage Nummer vier. Für die verbliebenen vier Fragen sind nur noch elf Minuten übrig. Ich lese, schreibe, schreibe und schreibe.

Schluss jetzt, sofort die Schreibgeräte neben dem Papier ablegen.

Ich und alle anderen Mitschüler tun was der Physiklehrer so befiehlt. Der winkt wieder dem unbekannten Mitschüler in der ersten Reihe zu.

Einsammeln!

Schnell geht der Mitschüler Reihe für Reihe durch, sammelt alle Papiere ein und liefert sie vorne ab. Die Klassentür öffnet sich, herein kommt mein rechter Nachbar, der mir zuvor von rechts zugeflüstert hatte. Der Lehrer würdigt ihn keines Blickes. Der Mitschüler setzt sich rechts von mir an seinen Tisch. Er starrt nach vorne Richtung grüner Tafel. Die Anspannung, welche ich wegen dieser kurzen Prüfung spüre, interessiert den Lehrer nicht. Ich spüre sie wegen meinem schnellen Atmen und ich spüre auch das Atmen der Mitschüler ringsum. Der Lehrer steckt den Papierstapel in seine Aktentasche. Er schlägt im Physikbuch eine Seite auf, öffnet die Tafel und beginnt dort einen Text zu notieren. Laut referiert er in Richtung der Tafel über das nächste Kapitel welches im Physikbuch im Anschluss an die Lasertechnologie behandelt wird. Bis zum Ende der Stunde schreibt er die Tafel restlos voll. Dann teilt er die Aufgabennummern aus dem Physikbuch mit, welche bis zur morgigen nächsten Physikstunde in diesem Zusammenhang zu lösen sind. Der Gongschlag ertönt. Der Lehrer lässt sein Physikbuch in seiner schwarzen Aktentasche verschwinden und verlässt wortlos das Klassenzimmer. Meine Mitschüler und ich verräumen sämtliche Unterlagen dieser Stunde in unseren Taschen. Der Tisch wird nun vom nächsten Buch belegt, das ist Mathematik. Nach wenigen Minuten, ich spreche in dieser Zeit niemanden an und werde nicht angesprochen, sondern blicke einfach nur zum Fenster hinaus, erscheint der Platzfeger in seinem blau glänzenden, weit geöffneten Hemd. Der Mann spricht wenigstens ein Paar grüßende Worte.

Setzens erna, und san’s ruhig.

Musterung

Bereits um halb zwölf Uhr verlasse ich heute das Schulgebäude. Mit einer Kopie des Musterungsschreibens das mir im Sekretariat abgenommen, und vor meinen Augen in meiner Schulakte abgeheftet wird, verabschiede ich mich. Das Kreiswehrersatzamt finde ich in einem runtergekommenen, hohen, vom Straßenverkehr grau verschmutzten Gebäude an einer vielbefahrenen Kurve im unteren Teil der Kreisstadt. Im ersten Stockwerk dieses Hauses betrete ich durch eine weiße, hohe Schwingtür einen deckenhoch gefliesten Raum, der mit einem Tresen ausgestattet ist, dem gegenüber an der Wand eine Stuhlreihe steht. Dort sitzen eine Reihe junger Männer. Die meisten von ihnen haben ein Schreiben, wie ich es in meiner Schultasche habe, in der Hand. Ich setze mich auf einen freien Stuhl. Hinter dem Tresen befinden sich hohe Regale und ganz oben sehe ich ein paar Fenster, die mit gewelltem Milchglas verschlossen sind. Dass draußen jetzt die Sonne scheint lässt sich in dem hohen Raum nicht nachvollziehen. Das wenige Licht, das da oben einfällt bleibt unsichtbar, weil der gesamte Raum von der Eingangstüre bis zur Türe am Ende des langen Raumes mit drei Reihen Neonröhren durchzogen ist. Hinter dem Tresen laufen drei Frauen mittleren Alters auf und ab. Sie sortieren graue Papiere in den Regalen hinter sich in unterschiedliche Ordner ein. Hin und wieder holen sie aus einem Ordner ein Papier heraus, das sie auf den Tresen legen. Eine Frau sitzt an einem Tisch hinter dem Tresen, wo sie eine Schreibmaschine bearbeitet. Vor dem Tresen, nahe der Eingangstür, steht ein junger Mann. Er ist offenbar gerade an der Reihe. Er überreicht sein Musterungsschreiben. Er kramt in einer kleinen Tasche nach seinem grauen Personalausweis, den er in der Tasche findet und auf den Tresen legt. Die Frau prüft beides und schickt den jungen Mann weiter zur nächsten Frau am Ende des Tresens. Diese Frau übergibt dem Mann einen Plastikbecher und ein Papier. Sie deutet auf die Tür am Ende des Raumes. Durch die verlässt der Mann den Raum. Die Frau an der Schreibmaschine erhält nun von ersterer das Musterungsschreiben. Sie spannt einen neuen Bogen in die Maschine, tippt Daten, die sie von dem Musterungsschreiben abliest, ein, zieht anschließend den Bogen aus der Maschine, erhebt sich und übergibt den neu beschriebenen Bogen einschließlich dem Musterungsschreiben der Frau am Tresen. Die verschwindet nun mit beidem ebenfalls durch die Tür am Ende des Raumes. Wenige Minuten später erscheint sie wieder. Sie begibt sich hinter den Tresen, wo sie eine in einer Klarsichthülle steckende Liste studiert. Dann hebt sie den Blick zu der Stuhlreihe, auf der die jungen Männer einschließlich mir sitzen. Sie ruft einen Namen. Ein hagerer Typ, er sitzt links von mir, erhebt sich und begibt sich mit seinem Musterungsschreiben an den Tresen.

Zwei Räume weiter ziehe ich mich bis auf die Unterhose aus. Ich werde von einem Arzt, der nebenher Notizen in einem Formular macht, von Kopf bis Fuß vermessen und gewogen. Der Mann fragt mich nach Alkohol und Drogen, nimmt mir Blut ab, biegt mir beide Arme um, schlägt mir mit einem Hämmerchen gegen die Knie, leuchtet mir in die Augen und schickt mich zum Schluss auf die Toilette. Das Becherchen mit meinem Urin stelle ich dem Arzt Minuten später auf den Schreibtisch. Er weist mich an, mich wieder anzuziehen, die Untersuchung ist abgeschlossen. Er drückt mir sein Formblatt in die Hand und sagt lächelnd, dass ich voll tauglich sei, ich sollte nur darauf achten, mehr zu essen um an Körpergewicht zuzulegen. Er winkt mich hinaus aus seinem Untersuchungszimmer, das in diesem Moment vom nächsten jungen Mann betreten wird.

Draußen setze ich mich wieder auf einen Stuhl in der Stuhlreihe vor dem Tresen. Dort warte ich eine knappe halbe Stunde, bis ich von einer der Frauen an den Tresen gerufen werde. Ich lege das Formblatt mit den Untersuchungsergebnissen auf den Tresen. Die Frau gibt mir ein anderes graues Papier. Es ist eine abgestempelte Bestätigung, die beweist, dass ich heute hier bin. Der Stempel am rechten Ende des Papiers erinnert mich an den Reichsadler, den ich aus Geschichtsbüchern meiner früheren Schule kenne. Kurz finde ich es seltsam, dass die heute immer noch diese Symbole verwenden. Beim Falten des Blattes sehe ich da genauer hin und erkenne, dass es der Bundesadler ist. Wie ich das finden soll, wei0ß ich nicht. Ich stecke das gefaltete Papier in meine Schultasche.

Ich verlasse das Gebäude. Draußen lärmt die Straße. Schnell gehe ich durch die Kurve den Berg hinauf in den oberen Teil der Stadt. Das wäre nun also geschafft. Ich weiß noch nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein soll. Das Ergebnis, dass ich für den Waffendienst voll tauglich sein werde, war mir von vorn herein klar. Ich bin drahtig und nicht völlig unsportlich, wenngleich ich den Sportunterricht an der Schule hasse, weil der einem militärischen Drill gleichkommt. Es war mir klar, dass Fälle von Untauglichkeit im Grunde nur bei attestierten, klaren oder chronischen Leiden vorkommen, oder bei festgestellten körperlichen oder anderen Behinderungen. Der Wehrdienst wurde vom Bundestag mit Beschluss durch die neue Regierung erst kürzlich auf künftig fünfzehn Monate verlängert. Prophezeit wird eine weitere Verlängerung in den kommenden Jahren auf voraussichtlich vierundzwanzig Monate. Wütend denke ich, dass dies mehr als genügend Zeit ist, um völlig zu verblöden. Mein früherer Freund in Berchtesgaden, Thomas erzählte mir oft wilde Geschichten von seiner Kompanie. Da ging es um irgendwelche sinnlosen Saufgelage, Wachschichten, Nachtschichten und irgendwelche Leute, die wegen irgendeinem Unsinn in eine Zelle gesperrt wurden. Die Langeile, die sich in den Monaten nach der Grundausbildung einstelle, die sich ausbreitende Sinnlosigkeit, so Thomas, das sei das schlimmste für ihn am Wehrdienst. Deshalb war Thomas froh, dass er mich und andere junge Leute in Berchtesgaden kennen lernen konnte, die mit seinem Wehrdienst nichts zu tun hatten.

Sinnlosigkeit und militärischer Drill ist das letzte, was ich brauche, denke ich während ich im Discounter Käse, Butter und Tomaten einkaufe. Mit der Vorstellung, dass ich täglich den Umgang mit so einem schweren Gewehr lernen müsste und üben sollte, damit auf Pappfiguren zu schießen, die dem Klischee nach den klassischen Russen darstellen, kann ich nichts anfangen. Außer diese Idee abzulehnen. Diese Vorstellung ist von mir sehr weit entfernt. Heute ist sie zum ersten Mal sehr nahe an mich herangerückt. Ich muss mich damit auseinandersetzen. Ich bin voll wehrfähig sagt der Arzt.

Gruppe

Pünktlich um sieben Uhr abends kommen Pete, Ida, Thomas und Martin. Sie sitzen auf meinem Sofa. Pete sitzt in meinem orangenfarbigen Sessel und ich sitze auf dem einzigen normalen Stuhl, den ich habe. Wir sitzen rund um meinen kleinen Wohnzimmertisch, auf dem ich in fünf Keramikbechern Tee ausschenke. Der Fußboden rund um den Tisch ist bald übersäht von Papieren. Wir besprechen den Inhalt von neuen Handzetteln, mit denen wir über die Menschenrechtssituation in Lateinamerika informieren wollen. Von dort stammt der Kaffee, den wir an den Verkaufständen am Wochenende anbieten.

Thomas hat einen Schreibblock auf den Knien, er führt das Protokoll der Besprechung. Am kommenden Samstag steht ein Verkaufsstand auf einem Marktplatz in einer nahegelegenen Gemeinde an. Thomas hat die amtlichen Formblätter der Gemeinde dabei. Der Jugendleiter hat die Genehmigungen eingeholt. Vor dem Treffen hatte Thomas sich das alles beim Jugendleiter abgeholt. Ein Problem besteht darin, dass der Bus des Jugendleiters am Samstag nicht zu haben ist, weil der damit auf ein Seminar fährt. Ich erkläre, das sei kein Problem, weil ich nun ein Auto hätte. Das löst in der Runde Staunen und Lachen aus.

Der gelbe Schrotthaufen vor dem Gartentor da draußen gehört also Dir! Und ich dachte schon, Deine Vermieter seien finanziell am Ende und haben ihren Fuhrpark gegen diese Rostlaube tauschen müssen.

Thomas lacht mich an.

Passt denn in den Kübel alles rein?

Ich hoffe es. Ausprobiert habe ich es noch nicht.

Ich könnte noch das Auto von meinem Vater leihen.

Das wäre sehr gut.

Thomas ist ein aufgeschlossener Typ, der eigentlich ständig lacht. Er war der erste Mensch, den ich in der Gegend der Kreisstadt kennen gelernt hatte. Ich traf ihn auf meiner Umzugsfahrt, er trampte. Ich hatte ihn bis zum nahegelegenen Hof seiner Eltern am Rande der Stadt mitgenommen. Von diesem Tag an, habe ich ihn regelmäßig getroffen. Im Herbst letzten Jahres ist er aktiv in die Verkauf- und Informationsarbeit an den Dritte-Welt-Verkaufsständen eingestiegen. Er ist am häufigsten dabei, im Grunde jedes Wochenende. Ich glaube er ist ein sogenannter „Alternativer“. Aber er ist kein Freak. Sondern er lebt sehr bewusst, isst nur bestimmte Dinge, macht eine Schreinerausbildung und hilft seinen Eltern viel in deren Töpferei. Ida und Pete hat Martin eines Tages mit zu den Verkaufsständen gebracht. Sie sind Geschwister und wirken auf mich manchmal fast noch kindlich. Sie sind begeistert davon in der Arbeitsgruppe mitzumachen. Seit Martin sie mitgebracht hatte, sind sie sind nicht ganz so oft wie Thomas, aber auch sehr häufig bei den Verkaufständen dabei. Ich glaube ihnen gefällt es, dass wir in der Gruppe etwas tun, das sich ganz allgemein gesagt, gegen die Ungerechtigkeit in dieser Welt richtet. Zudem glaube ich, dass Ida in Thomas verliebt ist. Ich glaube Thomas weiß das, aber er ist sich nicht sicher, ob er deren Liebe erwidern will.

Martin habe ich im Jugendbüro kennen gelernt. Er macht dort Zivildienst. An seinem ersten Arbeitstag hatte der Jugendleiter mich gebeten, mit Martin durch den Keller unterhalb des Jugendbüros zu stöbern. Ich habe ihm den Materialkeller gezeigt, in dem wir die Verkaufswaren der Dritte-Welt-Verkaufsstände lagern und ihm die Ordnung dort erklärt. Martin ist Einzelhandelskaufmann. Er hat die Ausbildung in der Großstadt gemacht und abgeschlossen. Nach seinem Zivildienst soll er in der Holzverarbeitungsfirma seines Vaters am Rande der Kreisstadt einsteigen. Martin ist sich noch nicht sicher ob er das wirklich machen will. Sein Vater spekuliert darauf, dass er die Firma eines Tages übernimmt. Martin aber möchte lieber Musikinstrumente verkaufen als Hölzer. Er sagt, dass er die Zeit seines Zivildienstes nutzen wird, um zu überlegen, welche Entscheidung für ihn die beste ist und wie er das mit seinem Vater bespricht. Ida und Pete leben mitten in der Kreisstadt in einer kleinen Wohnung bei ihrer Mutter. Wo deren Vater geblieben ist, weiß ich nicht, ich habe mit beiden darüber noch nicht gesprochen. Beide besuchen ein Mädchengymnasium. Ida schließt die Schule voraussichtlich in diesem Jahr ab, während Pete nächstes Jahr dran ist.

Ich bin sehr froh, diese Leute kennen gelernt zu haben. Am Anfang in der Stadt, vor etwas mehr als einem halben Jahr, hatte ich mich eine Zeitlang richtig einsam gefühlt. Das ist jetzt nicht mehr so schlimm, wegen dieser Bekannten und den regelmäßigen Treffen.

Um kurz nach drei Uhr Nachts liege ich wieder wach auf meinen drei kleinen Matratzen aus dem alten Jugendkeller. Der Wecker tickt aber seltsam. Ich höre nur ein leichtes klack, klack, klack. Er zeigt elf Uhr an, auf meiner Armbanduhr ist es aber viertel nach Drei. Ich ziehe den Wecker auf und stelle ihn auf viertel nach Drei. Im Zimmer und im Haus ist es absolut still. In einer Minute muss der drei Uhr sechzehn Zug Richtung Österreich hinter dem Haus vorbeidonnern. Ich bleibe noch liegen und finde an der Wand wieder die Linie von Licht und Schatten. Sie bewegt sich heute kaum. Es ist ein ganz feines Wippen das ich nur erkenne, weil ich länger hinsehe. Jetzt kommt der Zug. Auf seinem Weg ins Ausland lärmt er durch die Nacht. Heute Nacht ist im Moulin Rouge wenig los. Auf dem Parkplatz stehen nur zwei Autos.

Erstmals seit einer Woche entfache ich wieder ein kleines Feuerchen. Meine Steine rund um die Feuerstelle sind nicht weggespült worden. Der Platz unter der Brücke ist noch voll von Schlamm, der aber im Laufe des Tages angetrocknet ist. Das Holz unter meiner Plane ist im Laufe der stürmischen Woche feucht geworden. Das Feuerchen ist etwas widerspenstig. Als es endlich brennt, beginnt es zu qualmen. Aber das ist um diese Uhrzeit wohl egal, denn oben auf der Brücke fährt kein Mensch um diese Zeit, den das stören könnte. Die Nacht ist stockdunkel, der Mond kommt erst um vier, bis dahin ist das Feuer heiß genug und es raucht nicht mehr. Die Taschenlampe ist mit den neuen Batterien, die ich im Discounter bekommen habe, fast zu hell. An diese Helligkeit der Lampe kann ich mich nicht erinnern und ich muss mich daran erst gewöhnen.

Ich setzte mich auf meinen kleinen Felsbrocken, direkt vor das Feuer. Aus meinem kleinen Rucksack nehme ich das Buch und beginne zu lesen. Die Lampe ist zu hell. Die Seiten reflektieren so stark, dass ich sie kaum lesen kann. Das Feuerchen brennt jetzt gut, es wärmt schon richtig. Das Licht vom Feuer reicht gerade aus, um zu lesen. Trotzdem zünde ich noch die dicke Stumpenkerze an, die ich an ihren Platz auf dem Felsen neben dem Feuer stelle. Ich schlage das Kapitel im Buch auf, das morgen dran kommt. Der Text ist trocken und langweilig. Ich spüre, wie wenig mich das interessiert. Aber es muss sein. Jeden Satz lese ich zwei Mal. Es ist eine absolut trockene Materie. Es geht um Materialkunde, um die Beschaffenheit verschiedener Werkstoffe, um deren spezifische Gewichte, deren Dichte und so weiter. Ich merke, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Ich lese jeden Satz, jede Maßangabe drei, vier Mal und versuche mir die Zuordnungen zu den beschriebenen Materialien einzuprägen. Langsam wird es besser und klarer in meinem Kopf. Ich fange noch mal von vorne zu lesen an. Ich stelle fest, dass ich das gerade eben bereits gelesen habe. Es muss also etwas hängen geblieben sein. Ich spreche jetzt laut mit. Ich muss mir diesen ganzen Mist doch merken können! Andere können das doch auch.

Später sehe ich auf meine Uhr. Es ist halb fünf. Ich lebe noch mal Holz nach. Aus meinem Rucksack nehme ich jetzt das Physikbuch und den großen Rechenblock. Ich schlage die gestern am Ende der Stunde markierte Seite auf. Dort finde ich die Übungsaufgaben, von denen der Physiklehrer gesprochen. Jetzt arbeite ich eine Aufgabe nach der nächsten ab. Um viertel nach sechs hole ich den alten Blechkübel. Ich stülpe ihn über die kleine Feuerstelle, die ich zuvor ein bisschen mit einem Stock zusammenschiebe. Auf den Blechkübel lege ich den großen Stein. Mit der Taschenlampe leuchte ich den Boden ab. Dann mache ich mich auf den Rückweg. Um kurz vor sieben stehe ich unter der Dusche in Frau Stößers Haus. Draußen ist es bereits hell geworden.

Fahrt mit Begleitung

Abends fahre ich zu einem kurzen Abendseminar, das der Jugendleiter in einem nahegelegenen Dorf in der Nähe der Kreisstadt organisiert. Ich hole Ida und Pete vor dem Haus bei deren Mutter ab. Sie steigen in den gelben Opel-Kadett und los geht’s. Es ist die erste Autofahrt dieser Art. Ich fahre sehr vorsichtig, denn ich habe noch nie Passagiere befördert.

Es scheint nun endlich Frühling zu werden. Die tiefstehende Sonne strahlt, rechts und links der Straße ist es grün, gelber Löwenzahn sprießt am Straßenrand. Ich lenke den Wagen zuerst zurück in Richtung meines Zimmers im Haus von Frau Stößer. Unten am Fluss biege ich aber nicht Richtung Frau Stößer ab, sondern fahre geradeaus weiter. Hinauf durch den Wald überquere ich die Brücke unter der meine Feuerstelle liegt. Ich fahre zügig, aber nicht zu schnell. Ich versuche ein angemessenes Tempo zu fahren. Meine innere Aufregung über diese erste Autofahrt mit Begleitung in meinem ersten Auto verberge ich. Ich glaube es wirkt beruhigend, wenn ich einen möglichst routinierten Eindruck als Fahrer erwecke. Ich versuche das, obwohl ich überhaupt keine Routine habe. Denn mein Führerschein ist erst wenig mehr als ein knappes halbes Jahr alt. Das Auto habe ich seit zehn Tagen. Von Routine kann da dar keine Rege sein. Ich versuche Routine vorzutäuschen, indem ich möglichst vorausschauend fahre. Kein abruptes Manöver. Frühzeitiges, weiches Bremsen. Nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig Gas. Auf keinen Fall beim Anfahren das Auto abwürgen. Es ist gut, dass ich das alte Radio vom Schrottplatz im Handschuhfach eingebaut habe. Die Einbaumulde für das Radio ist leer. Das sieht so aus, als habe dieses Auto noch kein Radio. Sehr gut, denn das Getöse aus dem Radio, könnte die Konzentration auf den routinierten Fahrstil, den ich vortäuschen möchte, erschweren.

Pete, die neben mir sitzt, scheint das alles nicht zu interessieren. Wie ich dieses Gefährt steuere scheint ihr egal zu sein. Nein, es scheint für sie klar, vielleicht sogar selbstverständlich zu sein, dass ich einen routinierten Fahrstil habe. Es scheint für sie völlig eindeutig zu sein, dass wir sicher dort ankommen werden, wohin wir heute fahren wollen. Anstatt auf meinen Fahrstil meiner ersten Autofahrt mit Begleitung zu achten, fragt sie mich, wie ich finde, ein paar lustige Dinge. Ob ich ein Musikinstrument spiele, ob ich ein Fahrrad habe mit dem ich auch mal fahre, anstatt mit dem Auto (sie weiß genau, dass ich, bevor ich letzte Woche dieses Auto gekauft habe, so gut wie alles mit dem Fahrrad gefahren bin), wie viel das Auto gekostet hat, wie lange ich den Führerschein schon habe, wann ich zum ersten Mal Autogefahren sei, warum den da kein Radio in diesem Loch mit den vielen Kabeln drin stecke und noch einiges mehr. Sie ist neugierig. Sie fragt so viel, dass ich nicht jede Frage antworten kann, und offenbar auch gar nicht antworten muss, weil gleich ihre nächste Frage kommt. Das ist gut, denn so kann ich ihre Frage nach dem Radio einfach unbeantwortet lassen. Sofort kommt ihre nächste Frage. Was ich denn bei Frau Stößer für eine Miete bezahle, seit wenn ich dort wohne, wo ich zuvor gewohnt habe, warum ich da ganz allein wohne, warum ich kein eigenes Telefon habe, wieso Frau Stößer gleich zwei Garagen hat, warum sie mir nicht einfach eins von ihren zwei Autos leihe, weshalb ich denn ein eigenes bräuchte, seit wann ich diese Verkaufsstände mit Thomas organisiere, wie ich Thomas kennen gelernt habe.

Petes Fragenkatalog ist unerschöpflich, aber sie erwartet nicht auf jede Frage eine Antwort. Mit jeder Frage lächelt sie mich an. Ida sitzt hinten rechts. Sie hält sich zurück. Von ihr höre ich im Vergleich zu Pete so gut wie nichts. Thomas ist mit dem Jugendleiter zusammen im Bus unterwegs in den Ort des heutigen Seminars. Das erklärt Ida, nachdem ich in einer kurzen Pause von Pete nachfrage, warum wir eigentlich Thomas und Martin nicht auch mitnehmen. Martin sei schon in dem Ort, wo er den Raum für das heutige Seminar vorbereite, erklärt Ida. Das habe sie von Thomas am Telefon erfahren.

Das Seminar dauert zwei Stunden von neunzehn bis einundzwanzig Uhr. Ich finde es sehr langweilig. Vielleicht liegt es daran, dass ich sehr müde bin. Der Jugendleiter spricht über Aufsichtspflicht. Das tut er routiniert, fast ein bisschen gelangweilt. Es geht darum, dass wir auf der geplanten Kinderferienmaßnahme wissen, in welchen Situationen wir die Aufsichtspflicht verletzen und worauf wir zu achten haben, um dies nicht zu tun. Nach dem Seminar werden Termine vereinbart, zur weiteren Vorbereitung der Kinderferienmaßnahme. Weil ich zusammen mit dem Jugendleiter diese Maßnahme leiten werde, zücken wir beide unsere Terminkalender und stimmen mit den Seminarteilnehmern, also auch mit Ida, Pete, Martin und Thomas unsere Termine ab. Das nächste Seminar wird einen ganzen Samstag lang dauern. Es geht darum, die Ferienmaßnahme abschließend zu planen und vorzubereiten. Ida und Pete fahren auf dem Rückweg mit Thomas und Martin im Bus des Jugendleiters mit. Das ergibt sich auf dem Parkplatz vor dem Seminarraum. Und es scheint, als ergebe sich das automatisch so.

In der Dunkelheit bin ich froh festzustellen, dass die Beleuchtung am Auto einwandfrei funktioniert. Das Problem mit der Lichtmaschine scheint vorbei zu sein. In meinem Zimmer bei Frau Stößer herrscht die überwiegende Zeit Schweigen. Ich kenne die Ruhe und ich kenne die Nachdenklichkeit, die sich einstellt, wenn Ruhe herrscht. Ich muss mich auf die spärlich von meinem Wagen ausgeleuchtete Straße konzentrieren. Meinen Blick wende ich nicht von ihr ab. Die Straße ist kurvenreich und manchmal wird sie sehr eng. Sie führt durch einen Wald. Meine Hände umklammern fest das Lenkrad um dem Zug des Lenkrades nach rechts entgegenzusteuern. Ich lenke das Auto durch eine steile Linkskurve, vor der ich sanft aber bestimmt abgebremst habe. Ich kenne die Strecke kaum. Ich bin hier noch nie mit dem Auto gefahren. Beinahe nirgendwo in der Gegend bin ich bislang mit dem Auto unterwegs gewesen, abgesehen von der Autobahn zurück zu Frau Stößer und vom Autoverkäufer zu Frau Stößer. Im Grunde kenne ich die Straßen aus Sicht des Autofahrers nicht.

Im vergangenen Jahr, im Herbst, kurz nach dem Ende der Ferien mit der Abiturientengruppe in Griechenland, war ich auf dieser Straße an einem Sonntagnachmittag mal mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Die Strecke ist sehr wenig befahren. Ich freute mich deshalb über die gute Fahrradroute, die ich an dem Sonntag gefunden hatte. Ich durchquerte mit dem Fahrrad auch den Ort in dem das heutige Seminar stattgefunden hatte. Die Strecke führt danach noch etwa fünf Kilometer weiter bevor sie auf eine vielbefahrene Bundesstraße trifft. Bis dorthin fuhr ich mit dem Rad. Ich mag es, solche kurzen Touren auf solchen ruhigen Straßen zu machen. Unvorbereitet, ohne Karte, ohne Plan, einfach mal drauf los und sehen was kommt. Das finde ich gut. Das ist in dieser Gegend möglich, denn es gibt viele kleine Strecken, auf denen kaum Autos fahren. Jedoch enden diese Routen meist abrupt auf großen Bundesstraßen. Das könnte ein guter Grund sein, irgendwann eine Karte der Gegend zu kaufen. Mein Fahrrad ist inzwischen alt geworden. Es hat nur drei Gänge und wirkt deshalb in der hügeligen Landschaft mit den teils sehr steilen Straßen etwas anachronistisch. Da fällt mir Thomas ein. Was der fährt ist wirklich alt und objektiv unzeitgemäß. Sein Fahrrad ist ein uraltes Opafahrrad, schwarz und riesig, ohne Gangschaltung. Dagegen ist mein rotes Dreigangfahrrad moderner Luxus.

Plötzlich höre ich ein leises Schluchzen. Es kommt von Pete. Sie sitzt im Wagen neben mir. Es hört sich an, als weine sie. Was hat sie? Warum sitzt sie da neben mir. War sie nicht zusammen mit Ida im Bus des Jugendleiters gemeinsam mit Martin und Thomas zurück in die Kreisstadt unterwegs? Jetzt höre ich das Schluchzen noch mal, es ist eindeutig. Es ist Pete, die da neben mir sitzt. Sie fragt mich nicht, wie auf der Hinfahrt, sondern sie weint. Warum? Was ist mit ihr passiert. Warum sitzt sie plötzlich wieder neben mir im Auto?

Soll ich anhalten? Was ist mit dir los? Nichts, es hat nichts mit dir zu tun. Aber warum weinst du? Ach, es ist nichts, ich werde manchmal beim Autofahren traurig. Traurig? Das scheint mir aber mehr zu sein. Warum? Es tut mir Leid. Es hat nichts mit Dir zu tun. Willst du es mir nicht sagen? Nein, es hat nichts mit dir zu tun. Aber du kannst es mir ja trotzdem sagen. Nein ich möchte nicht. Jetzt überquere ich die Brücke über meiner Feuerstelle. Das ist schade, vielleicht könnte ich dir ja irgendwie helfen. Nein, das möchte ich nicht. Brauchst du ein Taschentuch? Nein danke, ich hab eines.

Ich lenke den gelben Opel jetzt über den Fluss, biege nicht nach links zu Frau Stößer ab, sondern fahre gerade aus in Richtung der Oberstadt. Die ersten Straßenlampen sind erreicht. Die erste Ampel ist grün, ich biege rechts ab und fahre durch die Kurve am Kreiswehrersatzamt vorbei hinauf. Die Ampel oben ist auch grün. Ich biege rechts ab, setze den Blinker gleich wieder nach rechts und biege in die Zufahrt zum Haus in dem die Wohnung von Ida, Pete und ihrer Mutter liegt. Dort stelle ich den Motor ab.

Willst du wirklich nicht darüber reden? Pete wischt sich mit dem Taschentuch die Augen trocken. Nein, wirklich nicht, Entschuldigung. Na gut, wie du meinst. Vielen Dank dass du mich hergebracht hast. Na klar doch. Also dann, bis bald. Pete reicht mir ihre Hand. Sie ist klein, warm und weich. Grüße Ida noch mal schön, bis bald, tschüßchen! Ja mache ich tschüßi!

Pete knallt die Autotüre zu. Sie dreht sich dem Haus zu und verschwindet sogleich im Hauseingang. Seltsam ist das. Ich starte den Motor starte um das Auto vor dem Haus zu wenden. Was sollte das jetzt sein? Hat das was mit mir zu tun? Obwohl Pete mehrmals betonte, dass es nichts mit mir zu tun habe, frage ich mich das. Petes Verhalten und Antwort war für mich so wenig begreifbar oder einschätzbar, dass mir jetzt ein ganz schlechtes Gefühl übrig bleibt. Was ist mit dieser Frau los? Warum diese Rückfahrt, nach ihrer lebendigen Fragerei während der Hinfahrt?

Ich erreiche das Gartentor von Frau Stößer. Ich parke das Auto direkt davor. Das ist mein mit Frau Stößer vereinbarter Parkplatz. Jetzt fällt mir die Kinderferienmaßnahme ein. Ob es überhaupt Sinn macht, jemanden wie Pete auf solch eine Maßnahme als ehrenamtliche Mitarbeiterin mitzunehmen? Ich weiß nicht, was mit ihr los ist. Die Heimfahrt mit ihr hat mich verunsichert. Vielleicht kommt so etwas auch auf der Kinderferienmaßnahme vor? Wenn sie dann auch nicht darüber sprechen will, was ist dann zu tun?

Ich krame meinen Schlüssel hervor, blicke auf meine Armbanduhr. Zweiundzwanziguhrfünfzehn. Ich schmiere mir in der kleinen Küche ein paar Butterbrote, schäle eine Gurke und schneide sie in Scheiben. Mit diesem Abendbrot setze ich mich auf das Sofa. Um fünf vor halb elf schalte ich den Fernseher ein. Nach fünf Minuten erscheint das Bild des Nachrichtensprechers. Die Helligkeit des Bildes schwankt mehrfach zwischen schwarz und weiß hin und her und beginnt schließlich zu flackern, bis es völlig verschwindet. Ich stelle den Teller auf den Tisch, gehe zu dem Apparat und klopfe oben drauf. Das Bild erscheint wieder, es sieht abgesehen von einem hellen Streifen am oberen Bildrand fast perfekt aus. Ich setze mich wieder. Die Umstellung des Bafög für Studenten auf voll rückzahlbares Darlehen scheint fast beschlossene Sache zu sein. Von der neuen Bundesregierung wird ein Gesetzentwurf dafür vorbereitet. Das könnte in einigen Jahren richtig teuer für mich werden. Die Verlängerung von Wehr- und Ersatzdienst ist ebenfalls auf den Weg gebracht.

Der helle Streifen an der Zimmerdecke, an der Grenze zu dem dunklen Bereich, bewegt sich wie eine feine Welle, die kommt und geht. Das grüne Ziffernblatt auf dem Wecker zeigt halb drei Uhr an. Ich spüre die drei kleinen Matratzen unter meinem Rücken. Ich schwitze. Ich bin froh, dass der Traum vorbei ist. Minutenlang liege ich da. Zunächst denke ich nicht daran, dass es ein Traum gewesen sein könnte. Sekunden glaube ich, dass ich wirklich zusammen mit Pete im Auto am Abend nach hause gefahren war. Nach den Sekunden, ich erkenne die Dachschräge im Zimmer von Frau Stößer, verschwimmt das Bild. Ich erinnere mich, während ich noch Pete neben mir sitzen sehe, kurz bevor sie aus dem Wagen steigt, dass es ganz anders gewesen war. Ich war allein nach hause gefahren. Ich war froh, allein fahren zu können, denn der Beleuchtung des gelben Opel-Kadett bei Nacht traue ich nicht. Ich fand den Vorschlag gut, dass beide im Bus mitfahren, zumal das Büro des Jugendleiters, vor dem er den Bus immer parkt, ganz in der Nähe der Wohnung von Ida und Pete liegt. Sekunden später, es ist in dem Moment in dem ich den Blick in der Dunkelheit des Zimmers auf den grünen Wecker richte, erinnere ich mich an alles, was gestern Abend tatsächlich geschah. Das Licht am Opel-Kadett war während der Fahrt schwächer und schwächer geworden. Die rote Leuchte am Armaturenbrett zeigte an, dass der Ladestrom für die Batterie zu schwach geworden war. Ich steuerte den Wagen so schnell wie möglich durch die Dunkelheit, schließlich war ich erleichtert, als ich die Kreisstadt und deren Straßenbeleuchtung erreicht hatte.

Eine Fahrradtour

Der Physiklehrer verteilt die Extemporale stets in der nachfolgenden Stunde. Das tut er auch, wenn die nächste Stunde schon am nächsten Tag stattfindet. Die Klassenarbeiten werden in dieser Schule immer zum Ende der Stunde zurückgegeben. Sie werden in den letzten fünf Minuten einer Stunde verteilt.

Das ist anders als an meiner vorherigen Schule in Berchtesgaden. Dort wurden die Arbeiten immer am Anfang der Stunde zurückgegeben. Die Lehrer korrigierten die Arbeiten gemeinsam mit der Schulklasse. Der Lehrer schrieb die Ergebnisse an die Tafel. Er ließ sich bei der Ergebnissuche von der Klasse helfen, zumindest versuchte er dass. Es ging darum, dass möglichst viele derjenigen Schüler in die Erarbeitung der Lösung einbezogen wurden, die in der Prüfung keine richtigen Lösungen gefunden hatten. Das Ergebnis, vor allem den Weg dorthin, erklärte der Lehrer. Hin und wieder verwies er auf Irrwege, die mancher von uns Schülern in der Klassenarbeit eingeschlagen hatte. Gut an dieser Methode fand ich, dass ich meist während und nach dieser Korrekturarbeit die Zusammenhänge und Lösungswege verstand. Schlecht daran war, dass mir dieses Verstehen keinerlei Nutzen mehr brachte. Denn meine schlechte Note hatte ich in der Prüfung je bereits kassiert. Der Lösungsweg, den ich danach verstanden hatte, war zwar interessant, verbesserte aber meine Note nicht. In der nächsten Extemporale oder Prüfungsarbeit ging das gleiche Spielchen dann wieder von vorne los. Was ich zuvor mit der gemeinsamen Korrektur der letzten Arbeit gelernt hatte, brachte mir in der nächsten Arbeit nur sehr geringen Nutzen, denn es kam so gut wie nie vor, dass zwischen der einen und der nächsten Arbeit ein Zusammenhang bestand. Die behandelte Materie und die erarbeiteten Lösungswege waren stets völlig anders geworden. Dieses Phänomen erstaunte mich die gesamte Schulzeit. In Berchtesgaden wunderte ich mich darüber, wie wenig der in der Schule durchgeschleifte Lernstoff aufeinander aufbaute.

In der Schule für Technologie in der Kreisstadt setzen die Lehrer eins drauf, indem sie offenbar auf Verständnis von Zusammenhängen oder gemeinsames Arbeiten generell keinerlei Wert legen. Ziel scheint zu sein, dass jeder Schüler selbst begreift, wie etwas funktioniert. Jeder in dieser Schule ist seines Glückes Schmied. Das sagte Anfangs einmal der Lehrer in Deutsch. So etwas habe ich auf keiner Schule zuvor von einem Deutschlehrer gehört. Das sagte mir, dass hier etwas anders ist. Deshalb sah ich von Beginn an sehr genau hin.

Ich tue mir sehr schwer. Jede Nacht hämmere ich das blanke Wissen in meinen Kopf. Verstehen tu ich dabei aber nichts. Es geht ausschließlich darum, dass der Kopf das Wissen für kurze Zeit behält, um es in der Schularbeit wieder ausspucken zu können. Danach interessiert das nicht mehr. Mein tägliches, konsequentes Training solchen Verhaltens ist meine Chance, eine akzeptable Note zu bekommen. Ich muss zusätzlich noch das große Glück haben, exakt in dem Moment, genau in der viertel Stunde, wenn die Extemporale geschrieben wird, das in meinem Kopf eingemeißelte Wissen noch zu finden, welches abgefragt wird. Vielleicht meinte das der Deutschlehrer mit dem Schmied und dem Glück? An dieser Schule muss der Schmied unheimliches Glück haben. Das Hämmern, so könnte der Deutschlehrer das gemeint haben ist notwendig, damit der Schmied sein wissen behält, dann braucht er noch das Glück es rechtzeitig auszukotzen, um danach weiter zu hämmern. Das exakte Timing beim Auskotzen meines Hirninhaltes ist meine Kernaufgabe. Auf die verwende ich all meine Energie in dieser Schule.

Ich versuche mein Glück zu beeinflussen. Das Glück, Wissen dann parat zu haben, wenn es ausgekotzt werden soll. Ich sehe genau hin. Was deutet der Lehrer an? Wie ist er gestrickt? Wann lässt er die Arbeit schreiben? Das gelingt mir momentan schon besser als zu Beginn auf dieser Schule. Nachts hämmere ich in mein Hirn gezielt für diejenigen Stunden, in denen ich glaube an Signalen des Lehrers erkannt zu haben, dass das Auskotzen in der nächsten Stunde wieder gefragt ist.

Ich gehe davon aus, dass die Zukunft für mich genau dieses Bild der Arbeitswelt sein wird. Ich lerne in meiner Schule in der Kreisstadt, wie die berufliche Welt aussieht. Es ist eine Schule, von jungen Leuten wie mir, die teils bereits erwachsen sind, oder es gerade werden, besucht wird. Es ist eine ganz andere Schule, als meine vorhergehenden Schulen. Hier sehe ich, wie meine berufliche Zukunft als Erwachsener aussehen wird. Ich sehe, dass es vorbei ist mit der Förderung durch Lehrer und deren Willen auf mich zuzukommen, um mich zu unterstützen. Die erwachsene Zukunft läuft ohne Menschen ab, die andere unterstützen wollen. Jeder in meiner beruflichen Zukunft in diesem Land ist seines Glückes Schmied. Das meinte der Deutschlehrer! Was ich hier täglich sehe ist meine berufliche Wahrheit. In meiner Zukunft ist jeder sich selbst am Nächsten. Deshalb brüte ich nächtelang allein vor den Büchern.

Der Physiklehrer lotst wieder den Schüler, dessen Name ihn nicht interessiert, zu sich. Er drückt ihm den Stapel seiner korrigierten Arbeiten in die Hand und weist ihn an, das zu verteilen. Danach packt er sein Physikbuch in seinen schwarzen Aktenkoffer. Wort- und Grußlos verlässt er das Klassenzimmer. Ich habe eine Drei. Das ist mehr als ich erwartet habe. Das bringt mich weiter. Ich könnte es schaffen an dieser Schule. Ich habe einen Weg gefunden. Anfangs hatte ich nur Fünfen. Jetzt werden es mehr und mehr Dreier. Ich brauche viel Kraft. Aber ich könnte es schaffen. Ich bin jetzt knapp ein dreiviertel Jahr auf dieser Schule. Was besser wird, sind meine Noten. Was schlechter wird ist mein Verstehen. Ich sehe kaum Zusammenhänge mehr. Deshalb verstehe ich in dieser Schule immer weniger. Ich kann das schaffen! Es ist meine Zukunft.

Das Fahrrad läuft wie geschmiert. Ich habe einige Tropfen Getriebeöl vom gelben Opel-Kadett verwendet, um damit die Kette zu ölen. Das Getriebeöl sammle ich in einer Plastikwanne. Die habe ich am vergangenen Wochenende fest unter dem Auto unterhalb des Getriebes angebracht. Nach jeder Fahrt laufen aus dem Getriebe vier, fünf Öltropfen heraus. Sie laufen stets an der gleichen Stelle herunter. Dort habe ich eine alte Plastikwanne angebracht.

Thomas kommt mit seinem schwarzen Opafahrrad. Ich stehe mit meinem Fahrrad vor der Doppelgarage vor Frau Stößers Haus. Die Satteltaschen sind schon etwas morsch. Ich hatte sie von den Pflegeeltern zu meinem vierzehnten Geburtstag zusammen mit dem Fahrrad bekommen. Ein Lederriemen ist abgerissen. Ich fummle an einem Stück Paketschnur herum, durch das ich den Lederriemen notdürftig ersetzen will. Thomas beäugt mein Tun skeptisch. Schließlich verständigen wir uns darauf, dass er es mit einem Stück Zeltschnur, das er von seinem mitgebrachten Zelt erübrigen kann, versucht. Im Gegenzug biete ich an auch seine Fahrradkette mit wenigen Tropfen Getriebeöl zu versorgen. Ich krieche noch mal unter den Opel, nehme vorsichtig die Wanne ab und tupfe einige Getriebeöltropfen auf Thomas Fahrradkette. Thomas schafft es, die Satteltasche mit dem Stück Zeltschnur gut an meinem Gepäckträger zu befestigen. Er kennt feste Knoten, die sicher sind, sich aber wieder gut öffnen lassen. Ich habe davon keine Ahnung.

Thomas Onkel hat ein Segelboot an einem Steg am See. Der See ist das Ziel, das wir heute ansteuern wollen. Es ist ein spontan vereinbarter Ausflug. Genau so etwas, das ich liebe, keine lange Planung, keine wochenlange Terminvereinbarung, einfach los. Vormittags hatten wir den Verkaufsstand auf einem Marktplatz aufgebaut. Dort vereinbarten wir uns, angeregt durch das gute Wetter, zu der kleinen Frühlingsradtour am späten Nachmittag. Die Radtasche hält, was Thomas verspricht. Da fehlt sich nix, sagt er. Los geht’s. Wir fahren die steile Bergstraße hinter dem Wald hinunter zum Fluss. Danach geht es über die Brücke hinauf durch die Kurve vorbei am Kreiswehrersatzamt, an der Ampel rechts und hinein in die Einfahrt zu Ida und Pete. Beide stehen mit ihren Rädern vor dem Haus. Sie sind damit beschäftigt, Zelt, Schlafsack und Isomatten auf den Fahrradgepäckträgern zu verstauen. Mein erster Blick auf deren Fahrräder betrifft die Fahrradketten. Nach dem langen Winter sind die meist in bösem Zustand. Ich habe das mit Getriebeöl getränkte Papiertaschentuch in eine kleine Plastiktüte gesteckt und mitgenommen. Damit öle ich nun auch die Ketten der Räder von Ida und Pete.

Wir fahren auf schönen, ruhigen, abgelegenen Wegen, die Thomas gut kennt. Er lebt seit vielen Jahren in der Gegend. Er fährt immer mit dem Fahrrad, es sei denn, es stürmt, schneit oder schüttet wie aus Eimern. Das Treten sei traumhaft, meint Thomas. Das so wenig Öl so viel ausmache. Ich denke, dass Thomas mit diesem Fahrrad in dieser Gegen ein klarer Exot ist. Das sucht schon seines Gleichen. So ein Fahrrad! Er merkte nicht, wie schwerfällig seine Fahrradkette ohne einen Tropfen Öl war. Das passt zu seiner Art und zu seinem Fahrrad. Das geht jetzt ja viel leichter! So ruft der, während er munter einen steilen Schotterweg zwischen Feld- und Waldrand hinaufstrampelt. Ohne Gangschaltung in dieser Gegen zu fahren, da gehört schon ein gehöriges Maß Gewohnheit dazu.

Das Rad von Ida oder von Pete quietscht. Sie fahren zwischen Thomas, der vorne weg fährt und mir. Es ist wahrscheinlich das Tretlager von Idas Rad. Ich höre es regelmäßig. Das ist ein Nachteil an der Spontanität. Ich bin noch nicht auf Fahrradfahren eingestellt. Der Winter hatte sich lange hingezogen. Es ist das erste sonnige Frühlingswochenende. Mein Fahrradwerkzeug habe ich im Schrank im Zimmer vergessen. Dort habe ich auch eine winzige Ölflasche. Immerhin habe ich die Luftpumpe dabei. Ob ich das Tretlager auch mit dem Taschentuch Getriebeöl zum Schweigen bringen kann?

Der Winter gewöhnt dem Körper die Bewegung ab. Die nasse Kälte, der viele Regen, der matschige Schnee. Eigentlich hasse ich das. Wenn man im Winter nicht Ski fährt ist man hier in der Gegend falsch. Der viele Matsch und Dreck, manchmal Eis und das Tauwasser, das hat wenig Sinn. Den gesamten Winter hindurch ging es auf und ab. Kaum hatte es ordentlich geschneit, taute alles wieder weg um tagelang zu regnen. Später find es dann wieder an zu schneien. Die Kreisstadt, das wird immer wieder in der Zeitung geschrieben liege in einem Kälteloch. Hier zieht sich der Winter besonders lange hin. Sind dreißig Kilometer weiter schon grüne Wiesen zu sehen, kann sich in der Kreisstadt immer noch eine schwer, nasse Schneedecke bilden. Damit ist es jetzt für dieses Jahr vorbei. Wir fahren auf sonnigen Wegen über Hügel und durch Täler. In einer kurzen Pause sehe ich nach Idas Pedalen. Ich schmiere das letzte Öl vom Taschentuch dort hin. Aber weil das Getriebeöl zähflüssig ist, habe ich kaum Hoffnung. Ich ärgere mich, dass ich das Fahrradwerkzeug und das Öl nicht dabei habe. Ein bisschen fließendes Öl müsste dort am Pedal in das Tretlager hineinlaufen und das Quietschen beim Treten wäre vorbei. Im Sommer könnte die Hitze reichen um das Getriebeöl in das Tretlager laufen zu lassen. Dafür ist es noch zu kühl. Wir fahren weiter, das Quietschen endet nicht.

Der See liegt wunderschön. In einem riesigen Tal breitet er sich aus. Lange bevor wir ihn erreichen, können wir ihn sehen. Thomas kennt einen hübschen Rundweg, auf dem wir eine zeitlang mit herrlicher Aussicht auf den See entlang fahren. Thomas hat Idas Gepäck fest mit einer weiteren Zeltschnur an deren Fahrradgepäckträger angebunden. Während eines holprigeren Teils der Strecke war alles heruntergefallen. Thomas kümmerte sich sofort darum. Er ist ein Meister darin Gepäckstücke, oder Dinge jeder Art zu befestigen oder zu verstauen. Das erinnert mich an meine Umzugsfahrt vom Berchtesgaden nach Traunstein. Da hatte ich ihn erstmals getroffen. Mit seinem Fahrrad stand er am Straßenrand. Wegen seines platten Fahrradreifens stand er da und ich nahm ihn mit. Er packte mein Umzugsgut neu in den Wagen ein, so dass wir sein Fahrrad auch mitnehmen konnten. Thomas ist ein geduldiger Tüftler und Bastler. Wenn wir den Verkaufsstand auf einem Markplatz aufbauen, hat er die besten Ideen, wie wir uns am effektivsten vor Wind und Regen schützen. Er weiß immer, welche Schnur wie zu spannen ist, damit bei Regen und Schnee nichts nass wird.

Das Grundstück am See beim Steg von Thomas Onkel liegt zwischen hohen Birken und Buchen. Die tragen aber noch keine Blätter, deshalb erwischen wir dort noch eine schöne, wärmende Abendsonne. Gemeinsam bauen wir die beiden Zelte auf. Zuerst das von Ida und Pete, die Hilfe brauchen, weil sie dieses Zelt noch nie benutzt haben. Sie haben es von einem Nachbarn geliehen. Das Zelt ist genauso simpel aufzubauen, wie das von Thomas. Gemeinsam schaffen wir das schnell. Aber der alte Reißverschluss macht Ärger. Thomas erklärt, dass die Dinger im Winter im Keller gerne vor sich hin korrodieren und dann im Frühjahr nicht mehr funktionieren wollen. Man müsste sie regelmäßig mit Talg einreiben, was heutzutage aber kein Mensch mehr habe, geschweige denn anwende. Thomas ist geduldig mit dem Reißverschluss und er schafft es ihn wieder in Gang zu bringen.

Auf dem Areal sammeln wir Äste ein. Direkt am Wasser gibt es eine kleine Feuerstelle. Ich bin überrascht, wie viel trockenes Holz Thomas findet. Er sagt, das Holz sei trocken, weil es alt sei. Je älter, desto leichter und trockener sei es. Vom Regen nehme das kaum Wasser auf. Allerdings sei sein Brennwert auch sehr niedrig. Für unsere Zwecke, einem kleinen Feuerchen, reicht das aber leicht. Die Sonne geht glühend hinter einigen Wolkenstreifen unter.

Es wird schnell kühl. Thomas entfacht das Feuer. Wir sitzen auf unseren Isomatten um das kleine Feuerchen vor dem See. Schnell wird es dunkel. Unser Abendbrot besteht in geschmierten Broten, Gurken, Karotten und anderen Dingen, die jeder von uns mitgebracht hat. Morgen früh gibt’s Spezialkaffee, meint Thomas. Er habe einen winzigen Esbitkocher im Gepäck. Darauf ließe sich wunderbar Getreidekaffee kochen. Darauf bin ich ja mal gespannt. Wir unterhalten uns über Thomass Onkel, das Grundstück und das Segelboot. Wir sprechen über den Verkaufsvormittag am Stand auf dem Marktplatz und die gute Idee von Thomas zu dem Frühlingsausflug. Irgendwann wird mir klar, dass es die erste Nacht in einem Zelt sein wird, seitdem ich im vergangenen Sommer in Griechenland gewesen war. Das bedeutet wenig. Es bedeutet nichts. Irgendwann werde ich mich nicht mehr erinnern können, wie oft ich schon in einem Zelt übernachtet habe. Deshalb ist es völlig belanglos, daran jetzt zu denken. Mein Schlafsack ist für diese Frühlingsaktion eigentlich etwas zu dünn. In Griechenland war er zu dick.

Ida lehnt sich an Thomas Schulter an. Beide decken sich mit seinem Schlafsack den Rücken zu. Von vorne wärmt uns das Feuer. Pete sitzt neben mir, sie hat sich ihren Schlafsack über den Rücken gelegt. Ich überlege, wie lange Ida und Thomas sich kennen. Es muss der Samstagvormittag gewesen sein, als Martin mit Ida und Pete an dem Verkaufsstand vorbeigekommen war. Jetzt erinnere ich mich. Thomas hatte beide freundlich begrüßt und Hände geschüttelt. Beide waren mir und Thomas unbekannt. Er kennt sie genauso lange wie ich. Ist mir da etwas zwischen ihm und Ida aufgefallen? Ich glaube ja, da war etwas. Er hat sie die ganze Zeit lang angesprochen und angesehen. Pete stand neben ihrer Schwester, mir war aber als spreche Thomas hauptsächlich Ida an. Hatte sich das ergeben, weil Pete, die jünger ist?

Sie spielt die Rolle der jüngeren Schwester. Als ich sie erstmals an diesem Tag sah, stand sie neben Ida, die mit Thomas sprach und nickte und lachte, aber sie sagte wenig. Ich glaube sogar, sie sagte gar nichts. Ida sprach mit Thomas und er mit ihr. Die beiden hatten eigentlich den gesamten Rest des Vormittages miteinander gesprochen. Martin war nach einer knappen halben Stunde verschwunden. Ida und Pete blieben. Pete verabschiedete sich mittags und Ida blieb bis zum Schluss, sie half uns sogar beim Einpacken.

Ich habe keine Ahnung, was da zwischen Thomas und Ida passiert war. Dass aber etwas passiert war, scheint nun klar. Denn beide sitzen jetzt am Feuer unter einem Schlafsack und sie haben sich an die Hand genommen. Das Gespräch ist eingeschlafen. Wir haben über Martin gesprochen und darüber, warum er heute nicht dabei ist. Er ist wieder mit dem Jugendleiter auf einer Wochenendaktion unterwegs. Martin macht sein Zivildienst viel Spaß, er ist aber viel an den Wochenenden weg. Ich lege Holz nach. Das Feuer wärmt gut, aber von hinten ist es kühl. Deshalb hole ich meinen Schlafsack aus dem Zelt und ziehe mir den über meinen Rücken.

Pete durchbricht das Schweigen. Sie setzt jetzt ihre Fragestunde von der Fahrt zu dem letzten Seminar fort. Wo ich denn zuvor gewohnt habe, warum ich diese Schule besuche, ob ich einmal studieren wollte, was ich den beruflich werden will. Irgendwann will ich nicht mehr antworten und frage Pete einfach: Warum willst du all das von mir wissen? Sie antwortet: Weil ich neugierig bin. Ich hatte also Recht.

Ida und Thomas sind verschwunden. Ich merke das erst jetzt. Sie sitzen nicht mehr am Feuer. Ich habe das Flackern der Flammen, das Farbspiel zwischen blau und gelb beobachtet, das sich ergibt, wenn ich feuchtes Holz nachlege. Ich habe nebenbei auf Petes Fragen geantwortet. So habe ich gar nicht bemerkt, wann sich Ida und Thomas vom Feuer erhoben. Pete lächelt mich von der Seite an. Sie sieht pfiffig aus, mit ihren kurzen dunklen Haaren und ihrem runden Gesicht in dem sie eine runde Nickelbrille trägt. Sie öffnet den Mund, ich komme ihr aber zuvor: Bitte keine Frage mehr. Sie lacht. Das sieht nett aus.

Warum habe ich letzte Nacht geträumt, dass sie im Auto neben mir sitzt und weint? Sie hat keine Frage. Sie sagt sie wolle mir etwas sagen. O.k., sage ich, wenn’s keine Frage ist, ist das gut. Sie sagt, sie finde mich nett. Oje, was soll das werden? Sie sagt, sie mag mich. Ich stöhne leise und müde, weil ich nicht anders kann. Ich finde sie sehr nett, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut ist, wenn wir beide etwas miteinander anfangen. Was soll ich jetzt zu ihr sagen? Ich schweige kurz und sehe in das Flackern im Feuer. Das Flackern kommt aus einem kleinen Holzstamm, den ich gerade nachgelegt habe. Unten flackert unruhig ein blaues Licht. Oben flackert die Flamme gelb. Ich sage ihr genau das.

Ich rücke etwas näher an sie heran. Ich sehe sie an. Sie lächelt nicht. Sie sieht ernst aus. Es ist ein trauriger Ernst in ihrem sonst so lebendigen Geicht. Jetzt sehe ich Tränen auf ihren Wangen. Es sind zwei kleine Bahnen auf ihren Wangen. Sie glänzen im hellen, bewegten Licht der Flammen. Es ist ein ganz warmes Licht, dem ich in ihrem runden, hübschen Gesicht dabei zusehe, wie es sich in der Feuchtigkeit ihrer dunklen, braunen Augen spielt, wie es sich auf ihren nassen Wangen spiegelt. Ich ziehe ein Päckchen Taschentücher aus meiner Hosentasche und nehme ein Tuch heraus. Das gebe ich Pete. Ich sage nichts weiter. Mir fällt nichts mehr ein, was ich so zu ihr sagen könnte, dass es für sie Grund wäre, aufzuhören zu weinen.

Ich sehe in das Feuer, weiß dabei genau, dass da eine neben mir sitzt, die jetzt weint, wegen mir. Ich kann sie aber nicht trösten. Es geht nicht, ich weiß nicht, wie ich das machen sollte. Ich kann nichts Ehrlicheres zu ihr sagen. Ich kann ihr kein Trost sein, ich kann ihr nicht geben, was sie sich wünscht. Es bringt nichts, wenn ich etwas vorgebe, was falsch ist.

Ich habe das Gefühl, dass ich täglich viel Falsches tun muss. Jeden Tag sitze ich lange Zeit in der Schule. Ich sitze dort fast die halbe Zeit des Tages, dreimal in der Woche sitze ich dort auch nachmittags. Das Lügen und Spielen dort reicht mir. Mehr schaffe ich nicht. Denke ich noch richtig? Manchmal zweifle ich daran.

Blaues Haus

Freitags in der letzten Stunde vor dem Wochenende wandelt der Deutschlehrer seinen Satz vom glücklichen Schmied ab, beziehungsweise er differenziert ihn. Nicht einfach nur jeder sei seines Glückes Schmied meint er, sondern, um Glück tatsächlich selbst schmieden zu können, sei die passende, für das Glück notwendige Gesinnung erforderlich. Glück hänge erheblich davon ab, welche Gesinnung in der jeweiligen Gegend, in der der Mensch lebt, dem Glück als zuträglich definiert worden sei und welche Gesinnung dem Menschen eher als im Wege stehend definiert wurde. Dieses kennen wir aus verschiedenen Versuchen in der Chemie, der Physik und auch der Mathematik. Ein Experiment klappt nur, wenn die Rahmenbedingungen exakt stimmen. Das Experiment lasse sich wissenschaftlich nur auswerten, wenn es exakt wiederholbar ist. Voraussetzung für das Schmieden von Glück sei quasi das Einhalten einer klassischen, definierten Versuchsanordnung. Glück eine Versuchsanordnung? Was Glück sei, sei letztendlich eine Definitionsfrage. Denn es spiele eine wesentliche Rolle, welche Gesinnung per Definition in einer Gesellschaft notwendig sei, um in dieser glücklich zu werden. Die Versuchsanordnung müsse so sein, dass jeder die Chance habe, sein Glück zu schmieden. Das, so schließt der Lehrer überraschend ab, sei aber unmöglich.

Da sind die Augen groß. Um mich herum im Klassenzimmer sehe ich sekundenlang offen stehende Münder. Nicht nur mich scheinen diese Worte verblüfft zu haben. Der Gongschlag ertönt, das Wochenende beginnt, doch für Sekunden spüre ich in diesem Klassenraum etwas Neues. Ruhe, die nicht erzwungen ist. Interesse und Nachdenklichkeit, die entstanden ist. Wir diskutieren das nächste Woche, sagt der Lehrer und verlässt das Klassenzimmer.

Diskutieren? In dieser Schule, ich habe da Zweifel. Auf meinem Heimweg beim Einkaufen im Discounter, auf der Strecke hinunter zum Fluss, in der Kurve vorbei am Kreiswehrersatzamt, auf dem Fußweg über die Brücke, hinauf in den Wald, oben raus aus dem Wald, vorbei am geschlossenen Moulin Rouge, durch das schwere schmiedeeiserne Gartentor, hinein in das Haus von Frau Stößer, die Wendeltreppe hinauf in die Küche, überall wiederholt sich in meinem Kopf immer wieder das Bild von uns Schülern im Klassenzimmer: Was hat der da gerade gesagt?

Um einundzwanzig Uhr fahre ich mit dem gelben Opel vor dem Haus von Ida und Pete vor. Ich stelle den Wagen vor der Tür ab. Die Lichtmaschine hätte mich fünfundzwanzig Mark kosten sollen. Ein Vermögen, das ich mir unmöglich leisten konnte. Der Schrotthändler war hart geblieben. Ich versuchte alles. Ich könnte ihm zusichern, mein Auto, ich zeigte nach draußen vor seine Bürotüre, in weniger als einem halben Jahr zu ihm zu bringen. Dann nämlich sei der TÜV an dem Wagen abgelaufen. Da seien noch jede Menge brauchbarer Teile dran. Auch die Lichtmaschine könne er dann wieder zurückbekommen. Ich brauche sie also nur für eine halbes Jahr. Ich würde das Teil im Grunde nur mieten. Da müsste doch was gehen. Wenn ich ihm einen Zehner gäbe und einen kleinen Vertrag dazu, dass er das Teil und noch einige brauchbare Trümmer mehr von mir zurückbekommt. Der Händler lachte ob meines ungewöhnlichen Auftritts in seinem versifften Büro. Aber mein Angebot interessierte ihn nicht wirklich. Also zog ich mich enttäuscht zurück. Enttäuscht fuhr ich die Straße vom Schrottplatz Richtung Bundesstraße zur Kreisstadt entlang. Kurz vor der Abzweigung auf die Bundesstraße kamen mir zwei Wagen entgegen. Der Hintere der beiden war ein roter Opel-Kadett. Beide fuhren dicht hintereinander und sie waren sehr langsam. Im Vorbeifahren erkannte ich, dass ersterer den Hinteren abschleppte. Sofort drehte ich um, folgte beiden und überholte. Ich bremste beide langsam aus, winkte, dass sie auf die Seite fahren sollten. Die blieben am Straßenrand stehen. Die zwei wirkten eicht verdutzt wegen meiner Frage, ließen sich aber auf den Deal ein. Als sich herausstellte, dass ich nicht mal passendes Werkzeug dabei hatte, wurde der eine der beiden ungehalten und fluchte leise, der andere lehnte ohnehin nur am Auto und rauchte. Beide halfen mir schließlich trotzdem. So kam ich zu der gebrauchten, neuen Lichtmaschine. Die zwei bauten mir das Ding sogar am Straßenrand noch in meinen gelben Opel ein. Das ist jetzt ein bisschen Glück, das ich mir selbst schmiede. So dachte ich kurz an den Deutschlehrer aus der letzten Stunde zurück. Das die zwei jetzt hier vorbeigekommen waren, war eine glückliche Fügung. Niemand hatte auf diese Begegnung an der Straße Einfluss. Ich schmiedete nur noch eine bisschen. Die Voraussetzung für mein Schmieden aber war, dass beide überhaupt zu dieser Uhrzeit mitten auf meinem Weg dort auftauchten, das war völlig ohne meinen Einfluss entstanden. Die Beleuchtung am gelben Opel-Kadett funktioniert jetzt einwandfrei.

Ich läute. Die Tür öffnet sich. Ich steige eine von Teppichboden belegte Steintreppe hinauf. Die zweite Türe, sie liegt links Richtung Straße ist angelehnt. Ich schiebe sie langsam auf, trete ein uns sage leise Hallo. Hallo höre ich jetzt auch von Pete. Es kommt von links. Ich schiebe die Türe langsam zu bis es klackt, gehe durch einen engen Gang, links und rechts erkenne ich Photographien an den Wänden. Auf ihnen sind Personen abgebildet. Soweit ich das im Vorbeigehen erkenne sind es Familienfotos. Pete sitzt am Küchentisch. Tee? Sie lächelt mich an, hebt die Teekanne vom Stövchen und schenkt in einen Becher, der am Tisch vor dem Stuhl neben ihr steht, ein. Ich setze mich.

Ich bin unsicher. Hätte ich ihr zu Begrüßung ein Küsschen geben sollen? Sie macht dazu keinerlei Anstalten. Also ist es schon o.k. das nicht zu tun. Sie sieht mich an. Sie lächelt. Ich bin froh, dass sie lächelt. Na, alles klar? So fangen wir das Gespräch an. Meine Unsicherheit verschwindet aber nicht einfach. Pete fragt mich nach keinen Details mehr. Ihre Neugier ist verschwunden. Sie sieht mich an und lächelt. Sie denkt wohl, es ist an mir das Gespräch zu beginnen. Also sage ich, ja, alles klar und bei dir? Sie nickt und nippt an der Teetasse. Kurz frage ich mich, was das hier nun werden soll. Dann wird mir klar, dass ich als Gast gekommen bin und nicht hätte kommen müssen, wenn ich das nicht gewollt hätte. Was also will ich hier? Dass ich sie nett finde und sehr gern habe, mehr aber nicht, weiß sie von dem Gespräch am Feuer beim Fahrradausflug. Wie also das weitere Zusammentreffen gestalten, unter den Bedingungen, die zwischen uns soweit geklärt sind?

Es ist anders geworden, als es vorher gewesen ist zwischen uns beiden. Die Offenheit und die Entspannung in unserem Kontakt trotz zeitgleich vorhandener Spannung zwischen uns ist verschwunden. Was geschieht jetzt? Pete hat ihre Fragestunde endgültig beendet. Noch in den Sekunden am Feuer, als sie erneut begonnen hatte mich zu befragen, wünschte ich mir, und sagte ihr schließlich, dass sie das bitte lasse. Jetzt sitzen wir sekundenlang schweigend in der Küche in der Wohnung ihrer Familie. Ich weiß nicht, was jetzt zwischen uns noch los ist.

Da ist es sehr gut, als schlüsselklimpernd die Wohnungstür aufgesperrt wird und Ida laut Hallo ruft. Sie betritt gefolgt von Thomas die kleine Küche. Na wie läuft denn die gelbe Seifenkiste? Das ist ein deutsches Markenprodukt, berichtige ich Thomas, zwar in die Jahre gekommen, aber bisher zuverlässig. Mit der neuen Lichtmaschine sollte nun auch die Verkehrssicherheit bei Nacht gegeben sein. Thomas setzt sich neben mich, Ida sitzt mir gegenüber. Wir können es also riskieren, uns von dir heute Abend dort hinfahren zu lassen, fragt Thomas. Solange ihr nicht erwartet, in der Kiste wie auf Federn gebettet zu sitzen, dürfte das kein größeres Risiko sein.

Das blaue Haus ist eine knapp zwanzig Autominuten entfernte Diskothek. Sie liegt am Ortsrand eines kleinen Dorfes. Bei unserem Eintreffen ist der Parkplatz noch beinahe leer. Entsprechen wenige Menschen halten sich in dem Haus auf. Es besteht aus zwei Stockwerken, oben kann man der lauten Musik entgehen und Billard spielen. Das tun wir. Ida und Pete haben darin Übung, sie sind richtig gut und machen Thomas und mich richtig fertig. Deshalb spiele ich die nächste Runde mit Pete gegen Ida und Thomas. Da wird es richtig spannend, zum Schluss bleibt nur noch die schwarze Acht übrig, die Thomas eher zufällig versenkt. Das ruft nach Revanche. Das Spiel macht richtig viel Spaß. Nach drei Spielen räumen wir den Billardtisch, für eine andere Mannschaft. Wir setzten uns in eine Ecke an einen Bistrotisch. Der Laden hat sich binnen einer Stunde gut gefüllt. Ida und Pete besuchen das Haus öfter, sie sind bekannt, sie werden permanent von neuen Gästen begrüßt. Irgendwann sitze ich alleine am Tisch, denn Thomas ist mit Ida nach unten zum Tanzen gegangen und Pete verschwindet mit einem Typen, der sie herzlich begrüßt hat. Ich hasse Diskotheken. Leider kann ich nicht mal ein Bier trinken, wegen der Autofahrerei. Zwei Pärchen fragen mich, ob sie sich an den Tisch setzten können. Ich nicke, stehe auf und verlasse den Tisch, weil ich es jetzt unangenehm finde, allein dort mit fremden Leuten zu sitzen. Ich gehe einen Stock tiefer. Kaufe mir an der Bar ein zweites, teures Spezi und beobachte die Szenerie auf der Tanzfläche. Erst nach Minuten sehe ich Ida, Thomas, Pete und den Typen, mit dem sie verschwunden war. Sie hüpfen ausgelassen auf der Tanzfläche herum. Mir kommt das ganze Sekundenlang blöd vor, dann verschiebe ich dieses Vorurteil und denke, dass es eben eine Disko ist. Es ist wohl normal.

Pete hüpft gelenkig und sehr dynamisch durch die Menge auf der Tanzfläche. Es ist kein gemeinsamer Tanz mit ihrem Begleiter. Den habe ich jetzt sogar aus den Augen verloren. Ah, nein, er taucht nun wieder hinter Pete aus der Menge auf. Warum beobachte ich sie jetzt? Bin ich eifersüchtig auf diesen Knaben, der sie da auf die Tanzfläche geschleppt hat? Wahrscheinlich ist das so. Warum sonst war ich gerade erleichtert weil ich den Typen aus den Augen verloren hatte? Ich dachte, dass es gut ist, dass der Typ verschwunden ist. Wenn Pete fertig mit dem Tanzen ist, könnten wir uns vielleicht ein wenig unterhalten. Aber worüber? Mir fällt kein Thema ein, das ich unbefangen mit ihr besprechen könnte. Was wir zwischen uns an dem Lagerfeuerabend geklärt haben, überschattet alles Weitere.

Jetzt sehe ich Ida. Sie schnappt sich die Hände von Pete und die beiden Schwestern tänzeln kurzzeitig gemeinsam durch die Menge. Sie rufen sich irgendetwas gegenseitig zu. Die Aktion auf der Tanzfläche macht beiden riesigen Spaß. Was machen sie jetzt? Sie sind mir jetzt ganz nahe. Sie kommen direkt auf mich zu. Ah, jetzt weiß ich, was kommt. Sie versuchen mich auf die Tanzfläche zu bewegen. Ich kann das jetzt nicht. Ich verneinen das Vorhaben, winke mit der linken Hand, hebe mir der rechten mein Glas hoch um deutlich zu machen, das es voll ist und ich es nirgendwo abstellen kann. Ich bin froh, das beide sofort aufgeben. Die Tanzfläche ist sehr voll, die Diskothek scheint nun restlos gefüllt zu sein. Mir gefällt es überhaupt nicht, wenn in solcher Öffentlichkeit, etwas geschieht, wie gerade eben, das die Aufmerksamkeit anderer auf mich zieht. Leute, die rechts und links von mir stehen, haben natürlich aufmerksam beobachtet, wie die beiden Mädchen versuchten mich auf die Tanzfläche zu bewegen. Andere, die ich gar nicht sehe, haben das wahrscheinlich aus einiger Entfernung ebenfalls beobachtet. Um zumindest zu den Beobachtern rechts zu links von mir mehr Abstand zu haben, Bewege ich mich jetzt durch die Menge rund um die Tanzfläche, um auf die andere Seite zu gelangen.

Drüben ist es nicht ganz so voll. Das liegt wohl daran, dass dort keine Gedränge rund um die Bar statt findet. Ich suche von dem neuen Standort die übervolle Tanzfläche ab. Nichts, ich finde sie nicht mehr. Es sind zu viele Menschen die dort herumhüpfen. Nach zehn Minuten gebe ich es auf. Vielleicht haben sie die Tanzfläche verlassen. Ich bewege mich Richtung Ausgang. Draußen ist es angenehm kühl. Die Luft in dem Laden ist zum Schneiden, das merke ich jetzt, wo ich in vollen Zügen die frische Außenluft einatme. Der Parkplatz ist jetzt voll. Ich suche den gelben Opel-Kadett. Gar nicht so einfach, den jetzt wieder zu finden. Ich bewege mich in die Richtung, sehe ihn aber erst, nachdem ich umdrehe und eine andere Reihe parkender Autos zurücklaufe. Da ist er. Ich sperre auf und nehme meine Jacke vom Fahrersitz.

Im nahen Wald ist es stockdunkel. Ich habe eine kleine Forstpiste in den Wald gefunden. Die Nacht ist sternenklar, der Mond ist aber noch nicht da. Ich laufe langsam. Die dicht stehenden, kahlen Bäume rechts und links wirken wie schwarze Riesen, mit Armen, die dem Kleinen, der in der Finsternis hier herumläuft, den Weg in alle Richtungen zeigen. Ohne den angelegten Weg hätte er keine Chance zwischen den vielen Riesen und den vielen Richtungen, in die deren Arme zeigen, eine bestimmte Richtung einzuhalten um sein Ziel zu finden. Den Rückweg zu finden wäre wegen der vielen Riesen und deren Ähnlichkeit in der Dunkelheit völlig ausgeschlossen. In der Dunkelheit merkt der Kleine nicht mehr, dass die Riesen alle sehr unterschiedlich sind. Keiner gleicht dem anderen. Die Dunkelheit macht den Eindruck etwas gleicher. Das erleichtert dem Kleinen die Suche nach einem Weg aber nicht. Da ist es gut, dass er sich auf einem angelegten Waldweg bewegt, der eine breite Schneise zwischen die dunklen Riesen zu schneiden scheint und einen eindeutigen Verlauf, eine eindeutige Richtung, anzeigt. Doch wohin führt der Weg, den er beschritten hat? Wohin bin ich hier unterwegs? Wo komme ich her, was führt mich in den Wald, wo will ich hin und wohin zurück möchte ich nach hause kehren? Wo liegt Zuhause?

Je mehr der Kleine darüber nachdenkt, desto weniger klar scheint das Bild von seinem künftigen Zuhause zu werden. Die Schritte des Kleinen auf dem breiten Weg zwischen den Riesen werden schneller. Er schlendert hier nicht mehr gemächlich entlang, sondern nun fühlt er sich getrieben. Je weniger Klarheit er hat, über die Fragen, die ihm hier einfallen, desto schneller treibt es ihn diesen Weg entlang. Der Wind rauscht durch den hohen, kahlen Wald. Der Wald spricht seine Sprache. Es ist eine unverständliche Sprache. Es ist ein Rauschen. Manchmal ist es ein Zischen, dann wird es ein dumpfes Grollen, plötzlich wird es ein Fegen, das sich lauter und lauter aufbaut und langsam abfällt.

Vielleicht sollte ich Pete künftig in Ruhe lassen. Dorit treffe ich nicht mehr. Seit meinem Umzug von Berchtesgaden nach Traunstein ist der Kontakt vorbei.

Müde von meinem schnellen Lauf durch den Wald setze ich mich in den gelben Opel-Kadett. Das halbvolle Glas mit dem Spezi steht unbeeindruckt vom kräftigen Wind auf dem Autodach. Ich trinke es in einem Zug leer. Der Parkplatz hat sich ein bisschen geleert. Ich sitze bei offener Wagentür und beobachte den Ausgang des blauen Hauses. Immer wieder öffnet sich die Türe. Paarweise kommen die Menschen dort heraus. Sie lachen und manche von ihnen unterhalten sich lautstark auf ihrem Weg über den Parkplatz. Was tue ich hier? Jetzt erkenne ich auf den Treppenstufen, die von der dunklen Eingangstüre hinunter auf den Parkplatz führen, Pete. Sie verlässt zusammen mit dem Menschen, der sie auf die Tanzfläche begleitet hatte, das Haus. Beide schlendern über den Parkplatz. Sie gehen zwei Reihen entfernt an den geparkten Autos vorbei. Nun bleiben sie stehen. Jetzt sehe ich deutlich das Profil von Pete. Ihre langen, dunklen Haare werden vom Wind durcheinandergewirbelt. Sie streicht sich über die Haare. Sie öffnet die Wagentüre. Weg ist sie. Zwei, drei Minuten geschieht offenbar nichts. Dann bewegt sich das Auto. Ich höre kein Motorengeräusch. Ich höre das Rauschen des Windes und das Ächzen der Bäume.

Kinderurlaub

Es gibt keinen Vertretungslehrer. Die Doppelstunde am Freitag entfällt ersatzlos. Die Pfingstferien beginnen deshalb zwei Stunden früher. Die Diskussion mit dem Deutschlehrer findet nicht statt. Der Lehrer kommt nicht.

Martin holt mich samt Gepäck im Haus von Frau Stößer ab. Mein Gepäck besteht in einer kleinen, blauen Reisetasche, meinem Schlafsack und einer Isomatte. Pünktlich um halb acht Uhr begrüße ich den Jugendleiter und eine Anzahl von Mitarbeitern auf einem Parkplatz vor dem Jugendbüro. Der Reisebus steht mit offenen Gepäckklappen noch menschenleer da. Ich verfrachte meine Sachen dorthin, wo bereits ein kleines Gepäckhäufchen der Mitarbeiter liegt. Der Jugendleiter drückt mir eine Liste mit den Namen aller Kinder, die auf die Maßnahme mitfahren, in die Hand. Ich falte die Liste zusammen und stecke sie mir in meine Hemdtasche. Das erste Auto biegt auf den Parkplatz ein. Ich schüttle Hände und begrüße Kinder. Ich erhalte Anweisungen und Informationen von Eltern. Auf dem Parkplatz höre ich aufgeregte Kinder, ich sehe weinende Kinder, die sich von ihren Eltern verabschieden. Martin sammelt in einer großen Mappe Papiere. Es sind Ausweise der Kinder und es ist ihr Taschengeld. Das steckt er jeweils in Umschläge, die er in Fächern der großen Mappe verräumt. Die Mappe hat viele Fächer, für jedes Kind ein Fach.

Um halb neun Uhr ist es soweit. Der Bus ist voll von Kindern. Ich gehe durch den Bus und zähle. Die Zahl stimmt, da werden die Namen auch stimmen. Das spreche ich kurz mit dem Jugendleiter ab. Der ist aber der Meinung, dass alle Kinder per Mikrophon beim Namen genannt werden sollten. Also begrüße ich alle Kinder und gehe jedes Kind namentlich anhand meiner Liste durch. Das finden die Kinder lustig, denn nicht alle Namen spreche ich korrekt aus. Ich lasse mich korrigieren und übe jeden falsch gesprochenen Namen richtig auszusprechen. Das finden die Kinder noch lustiger. Um viertel vor Neun kann es losgehen. Der Busfahrer wirft den Motor an.

Durch das Mikrofon erklärt der Jugendleiter den Kindern, dass wir eine lange Reise vor uns hätten, aber zwischen drin auch mal Pausen machen würden. Martin fährt zusammen mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter, wie es auch ich einer bin, in dem roten Kleinbus vom Jugendbüro. Der ist bis unter die Decke vollgestopft mit Spielmaterial und Lebensmitteln für die Pausen der Fahrt. Ich setze mich vorne im Bus auf einen Sitz neben den Jugendleiter. Der kontrolliert die Fächertasche, welche Martin ihm gegeben hatte, ob darin auch wirklich alle Ausweise der Kinder stecken und prüft jeden einzelnen Ausweis, ob der auch noch gültig ist.

Die Busfahrt ist laut und es wird sehr warm. Am späten Nachmittag erreichen wir das Ziel. Es ist ein in der Schweiz liegender Gebirgssee. Wir wohnen mit fünfzig Kindern, die wir in zwei Gruppen aufteilen, in einem dreistöckigen, großen Haus, wenige hundert Meter vom See entfernt. Abends sind wir todmüde ob der anstrengenden Anreise. Trotzdem starten wir mit einem großen Spielabend, der manchem Kind die letzte Energie abverlangt. Der Jugendleiter meint, dass es gut sei, nach dem langen Sitzen im Reisebus noch ein Bewegungsprogramm zu veranstalten. Nur so könne die Nacht einigermaßen ruhig werden, denn alle Kinder seien aufgeregt. Manches Kind übernachte zum ersten Mal nicht Zuhause, oder sei zum ersten Mal von Zuhause fort. Tatsächlich verläuft die erste Nacht in dem vollen, riesigen Haus ruhig.

Ich falle um halb zwölf Uhr schwer auf meine Isoliermatte. Wir Mitarbeiter bewohnen in dem Dachspeicher des riesigen Hauses einen einzigen großen Raum. Dort schlafen wir auf Isoliermatten auf dem Boden. Der Komfort stört niemanden. Es gibt keinen Privatraum. Mit meiner Einsamkeit in meinem Zimmer im Haus von Frau Stößer ist es jetzt erst mal vorbei. Ich falle in schweren, tiefen Schlaf.

Mein grüner Wecker steht auf dem Boden neben meinem Kopf. Ich höre das Keramikbecher-Wasserglas-Ticken. Ich suche an der Zimmerwand nach der bewegten Linie zwischen Hell und Dunkel. Ich sehe weder Wand noch Linie. Jetzt höre ich einen schweren Atem. Es ist der Atem des Jugendleiters, der neben mir liegt. Ich blicke nach links. Dort ist ein winziges Dachfenster. Draußen sehe ich den Mond. Er wirft einen hellen Lichtstrahl durch den Raum. Ich sehe nach rechts. Wie eine Reihe geparkter Autos liegen die Menschen dort neben mir. Es sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Die Frauen schlafen in einem eigenen, großen Zimmer im Erdgeschoss. Ich denke darüber nach, wie ich von diesem Dachboden zur Toilette komme. Bad und Toiletten liegen ein Stockwerk tiefer. Ich schäle mich leise aus dem Schlafsack und tapse zur Tür.

Zurück in meinem Schlafsack, auf meiner Isoliermatte neben dem schwer atmenden Jugendleiter kann ich nicht wieder einschlafen. Ich liege auf dem Rücken, sehe oben an der Decke die dunklen Dachbalken des Dachstuhls. Der Schimmer des Lichtes, das der Mond in den riesigen Raum wirft, sorgt für einen Schatten der Balken an der Decke. Ich fixiere dort oben eine Schattenlinie. Langsam beginnt sie sich zu bewegen. Wie eine leichte Welle bewegt sie sich auf und ab. Das Licht des Mondes lebt. Es wirft den Schatten der Dachbalken. Die Dachbalken leben. In ihnen bewegen sich Millionen von Atomen. Wahrscheinlich leben sie nicht nur wegen der Atome, denn im Lichtschein des Mondes sehe ich Staub, der durch den Raum fliegt und ich sehe feinen Holzstaub, der wegen tausender Holzwürmer aus den Balken gearbeitet wird und langsam durch die bewegte Luft im Raum zu Boden sinkt.

Ida und Pete sind nicht mitgekommen. Pete hatte sich vor Wochen beim Jugendleiter abgemeldet. Sie müsse die Ferien nutzen, um vieles für die Schule zu lernen. Es tue ihr leid. Sie wäre gerne dabei, aber es ginge nicht anders. Auch Ida könne nicht mitkommen, denn sie bereite sich auf ihre Abschlussprüfung vor, die kurz nach den Pfingstferien ansteht. Für den Jugendleiter war das in Ordnung. Er hatte noch Zeit, für die Kinderferienfreizeit Ausschau nach anderen jungen Menschen zu nehmen, die ehrenamtlich mitkommen wollen. Und er fand sie.

Pete kommt nicht mehr zu den Verkaufsständen. Aus der Arbeitsgruppe von Thomas und mir ist sie ausgestiegen. Seit dem Abend vor dem blauen Haus habe ich sie nicht wieder getroffen. Trotzdem habe ich oft an sie gedacht. Auch jetzt fällt sie mir ein, weil sie ursprünglich mitkommen wollte, denn sie war ja auf dem Vorbereitungsseminar, zu dem ich sie und Ida im Auto mitgenommen hatte. Nun ist sie nicht dabei. Vieles erinnert mich an sie. Es ist der Verkaufsstand, an dem sie nicht mehr steht, lacht und redet, während der Wind ihr schwarzes Haar nach hinten legt und ihre dunklen Augen durch ihre runde Brille glänzen. Es ist mein orangenfarbiger Sessel, der während der Sitzungen der Arbeitsgruppe so lange leer blieb, bis ich mich nach drei Terminen schließlich selbst dort niedergelassen habe, um den leeren Sessel nicht mehr ansehen zu müssen. Es ist mein täglicher Weg zur Schule, der mich nach der steilen Kurve rechts am Kreiswehrersatzamt vorbei an der Wohnung von Ida und Pete vorbeiführt und mich jeden Morgen daran denken lässt, dass sie dort wohnt. Seltsam ist das alles. Wäre sie es gewesen? Ich weiß es nicht. Warum weiß ich es nicht? Sie kann es nicht sein, sonst müsste ich es doch wissen.

Zwei Wochen lang toben und rennen wir mit den Kindern durch den Wald, auf die Berge, machen mit ihnen Lagerfeuer und wilde Verfolgungsjagden, mit Rätselspielen und Schnitzeljagd. Wir sind mit ihnen permanent draußen, paddeln mit Schlauchbooten über den See, baden und plantschen im See und steigen mit ihnen auf die Berge. Dabei vergesse ich Pete tatsächlich. Ich denke einfach nicht mehr an sie, weil mich hier nichts weiter an sie erinnert. Es ist nur die erste Nacht, in der sie mir einfällt, weil ich in dieser darüber nachdenke, mit welchen Menschen ich hier unterwegs bin. Es ist ein bunter Haufen von Menschen, der ein bisschen zusammengewürfelt wirkt.

Mit Martin mache ich Musik. Wir spielen Gitarre und unterhalten damit die Kinder, Wir singen und Grölen mit ihnen am Lagerfeuer. Martin ist begeistert von der Musik. Er kann neben Gitarre auch Klavierspielen, einmal versuchen wir das verstaubte Klavier im Erdgeschoss des großen Hauses zu benutzen. Das ist aber so verstimmt, dass es nur für ein Lied reicht, in dem es um Katzenjammer geht und die Kinder das Gejammere von Katzen nachmachen sollen. Das macht den Kindern viel spaß, Martin klimpert das Lied in den schrägsten Tönen.

Spät abends sitze ich mit Martin an der Feuerstelle hinter dem Haus. Wir sind an dem Abend die letzten, die sich noch nicht hingelegt haben. Das Feuer ist schon weit runter gebrannt, wir legen nichts mehr nach, denn auch wir sind schon müde. Ich sehe einen Gluthaufen, der in hellem und dunklem Rot schimmert. Martin wird mit seinem Vater sprechen. Er wird ihm sagen, dass er Musikinstrumente verkaufen will. Er wird ihm nach dem Ende seines Dienstes im Jugendbüro in aller Ruhe erklären, dass er das Geschäft des Vaters sehr schätzt, dass es aber für ihn besser ist, in einem anderen Bereich zu arbeiten. Das könnte auch deshalb eine gute Idee sein, weil selbst der Vater schon festgestellt hat, dass die Entwicklung auf dem Holzmarkt immens dynamisch voranschreitet. Es könnte sein, dass in einigen Jahren so ein großer Holzverkaufsmarkt, wie ihn der Vater von Martin betreibt, nicht mehr gefragt ist. In den großen Städten haben erste Baumärkte eröffnet. Diese Entwicklung könnte in den kommenden Jahren auch in der Kreisstadt ankommen. Wenn ein solcher Markt in der Nähe eröffnet, dann könnte dies das Aus für den großen Holzfachmarkt des Vaters bedeuten.

Ich stimme Martin zu. Ich finde seine Idee gut, das mit dem Vater so zu besprechen. Der Vater könnte in den nächsten Jahren den Holzfachmarkt noch gut verkaufen, sagt Martin. Das wäre wohl der richtige Schritt. Er würde Martin die Freiheit verschaffen sich zu orientieren. Er könnte für Martin bedeuten, dass er den zu ihm passenden Beruf findet. Wenn der Vater heute schon erlebt, dass Bewegung in den Markt geraten ist und sieht, dass sein Fachbereich in Frage steht, weil die Leute in den Städten im Baumarkt einkaufen, dann könnte es sein, dass Martins Idee für den Vater kein größeres Problem darstellt. Der Vater hätte dann nur noch das Problem, sich von seinem Beruf zu verabschieden, und er hätte das Problem zu erleben, dass der Beruf vom Sohn nicht weitergeführt wird. Ein anders Problem bleibt ihm aber möglicher Weise erspart. Er muss nicht mit ansehen, wie der Sohn mit dem Holzfachmarkt scheitert, weil der Markt das nicht mehr hergibt. Ich finde Martins Idee sehr gut, hoffentlich schafft er es, den Vater zu überzeugen.

Ob ich das schaffen würde, weiß ich nicht, denn für mich stellt sich die Frage nicht. So eine Situation ist bei mir nicht gegeben, ich habe eine ganz andere. Trotzdem verstehe ich Martin. Seine Lage ist nicht einfach. Er muss erst mal den Vater überzeugen, um sich Raum zu verschaffen, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich habe keinen Vater, den ich von irgendetwas zu überzeugen hätte. Im Gegenteil ich bin froh, mich vom Vater damals losgesagt zu haben. Trotzdem ist er in meinem Kopf und Handeln noch da. Ich denke an ihn, wenn ich mit Martin spreche. Ich kann frei entscheiden, was ich tun will. Kein Gespräch mit dem Vater darüber ist notwendig. Er hat mit mir seit Langem nichts mehr zu tun. Ich kann machen was ich will. Vielleicht suche ich deshalb so lange. Martin sucht nicht, ich glaube er sucht gar nicht, sondern er sieht, was er hat und er überlegt, wie er damit umgeht. Mein Suchen hat vielleicht damit zu tun, dass ich das nicht habe. Ich habe nichts zu tun mit dem Vater also kann ich auch nicht tun, was ihm gefallen würde, kann mit ihm nicht drüber sprechen, ob das für mich richtig wäre oder ob mir etwas anderes einfällt. Fällt mir deshalb nichts ein? Suche ich ständig etwas, weil ich vom Vater nichts habe? Martin hat etwas vom Vater. Er kann, er muss sich dazu Gedanken machen. Erst wenn all das nichts wäre, müsste auch er zu suchen anfangen. Ich liege neben dem grünen Metallwecker, der mir sein Keramikbecher-Wasserglas Ticken ins Ohr schlägt. Ich sehe die Schatten, die von den Holzdachbalken an die Decke geworfen werden. Ich sehe da oben wieder die Wellenbewegung und das Leben.

Am vorletzten Abend sitze ich abends wieder sehr lange am Lagerfeuer. Die Kinder haben heute so laut und lange mitgesungen und mit gegrölt, bis manche von ihnen heiser geworden waren. Hoffentlich erholen sich Kinderstimmbänder über Nacht schnell. Der Tag war sehr anstrengend. Wir haben eine sehr ausgedehnte Wanderung gemacht. Martin hat vor Minuten laut und müde gegähnt. Schließlich packte er die Gitarre in den Koffer und verschwand begleitet von den letzten noch auf gebliebenen Kindern ins Haus. Neben mir sitzt nun nur noch Paul vor dem kleinen Lagerfeuer.

Karin habe sich in den letzten Monaten ziemlich verändert. Peter überrascht mich mit diesem Satz nicht wirklich. Er erschrickt mich. Ich weiß, dass Karin sich ihm gegenüber verändert haben muss, denn ich weiß ja, dass sie ihn mit dem Busfahrer betrügt. Ich hatte mehrmals darüber nachgedacht, wie es wäre, mit Paul auf den Vorbereitungsseminaren über Karin zu sprechen. Ich habe es nie getan. Anfangs war Karin auf zwei Abendseminaren noch mit dabei. Sie hatte sich schließlich von der Vorstellung auf diese Kinderferien mitzufahren verabschiedet. Das begründete sie mit ihren Abiturprüfungen, die sich bei ihr über die Pfingstferien hinaus erstrecken würden. Sie brauche die Ferien weil sie nichts riskieren wolle, sie brauche sie für intensive Vorbereitungen auf den mündlichen Prüfungsteil.

Jetzt sitze ich mit Paul am Feuer, der mich anspricht. Wochenlang habe ich daran nicht mehr gedacht. Karin war drei Wochen vor Beginn der Ferien das letzte Mal bei mir zu Besuch. Sie hatte mir erneut alle Details ihres Zeitplanes und ihrer Einkäufe in der Kreisstadt diktiert, die ich ordentlich in meinen Notizblock schrieb. Auch an diesem Wochenende kam kein Anruf wegen Karin bei Frau Stößer an. Frau Stößer rief mich ein einziges Mal an dem Wochenende ans Telefon. Martin hatte angerufen. Ich habe den Notizblock immer noch regelmäßig dabei. Noch nie trat der Fall ein, dass ich die Notizen wegen Karin brauchte.

Paul könnte denken, dass Karin sich wegen der Besuche bei mir verändert hat. Das mit dem Busfahrer läuft nun schon etwas länger als ein halbes Jahr. Paul scheint davon nichts zu wissen. Aber er ahnt etwas. Schließlich sagt er, er glaube, Karin liebe ihn nicht mehr. Er merke das genau. Er frage sich inzwischen sogar, ob sie ihn je geliebt habe. Zumindest frage er sich ob sie ihn seit der Hochzeit noch je geliebt habe. Zuvor, so sagt er, war da etwas, daran erinnere er sich noch. Aber seit der Hochzeit wäre da eigentlich nichts mehr zwischen ihnen.

Ich sitze neben Paul, starre auf die winzigen Flammen, die von einem letzten herausragenden Hölzchen aus dem Feuer aufgeworfen werden. Ich schweige. Mir fällt nichts ein. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht sprechen kann. Meine Stimme ist heiser vom Singen mit den Kindern. Sie würde mir versagen, wenn ich ansetzen würde. Mein Hals ist wie zugeschnürt. Ich würde nur ein Krächzen herausbringen. Ich könnte mich Räuspern und versuchen, die Stimmbänder zu aktivieren. Ich müsste mich zusammenreißen und Gewalt anwenden um da einen ehrlichen Ton herauszupressen. Das geht nicht. Ich habe nichts, was ich antworten kann. Paul hat Recht. Karin hat sich ganz bestimmt verändert. Ich hätte ihm das schon längst einmal in aller Ruhe sagen sollten. Ich hatte dazu Gelegenheit gehabt, denn wir haben uns auf zwei Vorbereitungsseminaren gesehen und wir sind jetzt seit zwölf Tagen zusammen mit den Kindern hier. Mein Hals fühlt sich an, als würde er fest zu gepresst. Die Stimmbänder sind von einer schweren Kette belegt, die sie verschließt. Ich habe das Gefühl, für lange Zeit kein einziges ehrliches Wort mehr herauszubringen.

Paul spricht über sie. Er liebt sie. Er spricht über sie in leisen Tönen. Er will sie behalten. Er hat sie geheiratet, weil er sie liebt. Er weiß aber nicht, wo sie seitdem geblieben ist. Er erklärt, dass er sie nicht mehr spüren kann wie früher. Er sucht sie schon lange. Jetzt sei es besonders schlimm geworden, denn sie ist weit von ihm weg. Wenn sie miteinander telefonieren, was er täglich tut, merkt er dass er sie nicht finden kann. Er hat sich in der Zeit mit den Kindern hier in den Ferien überlegt, dass er neu anfangen will mit Karin. Wenn wir Übermorgen wieder zuhause sind geht das los. Es wird einen neuen Anfang geben zwischen ihm und Karin. Er sei sich ganz sicher.

Ich schweige. Das Feuer ist fast aus. Nur ein leichtes Züngeln einer winzigen Flamme erkenne ich über dem Gluthaufen. Plötzlich merke ich, wie eine Träne durch mein Gesicht rollt. Ich wende mich kurz ab von Paul und wische mir flüchtig mit dem Arm über mein Gesicht.

Der letzte Abend wird eine tolle, laute Show. Die Kinder bereiten Spiele und Theatereinlagen vor. Sie basteln den ganzen Tag über an ihren Vorstellungen, die sie abends präsentieren. Martin und ich begleiten mehrere Kindergruppen mit der Gitarre, die eigene Lieder mit eigenen Texten gedichtet haben. Die Kinderstimmbänder haben sich nachts erholt, sie plärren ihre Lieder aus voller Kehle. Erst nach halb zwei Uhr kehrt im Haus langsam Ruhe ein. Draußen regnet es in strömen, weshalb der Abend im Haus stattfindet und kein Lagerfeuer möglich ist. Eine letzte Gruppe bleibt noch lange im großen Raum im Erdgeschoss zusammensitzen. Ich bin todmüde, lege mich gegen zwei Uhr in meinen Schlafsack.

Die Heimreise vergeht schnell. Den ganzen Tag lang regnet es. Die Kinder sind müde vom letzten Abend und wohl auch von der vielen frischen Luft der vergangenen zwei Wochen. Der Abschied vor dem Jugendbüro geht rasend schnell. Die Kinder werden sehnsüchtig von ihren Eltern in Empfang genommen. Ich schüttle Hände und höre Dank. Ich sehe lachende Eltern und erholte Kinder. Ich schüttle Paul lange die Hand und wünsche ihm alles Gute. Der Jugendleiter dankt mir und rauscht in seinem Wagen davon.

Mit meiner kleinen Tasche, der Isoliermatte und dem Schlafsack unterm Arm steige ich mit Martin zusammen in den roten Jugendbus ein. Martin wendet den Bus auf dem leeren Parkplatz vor dem Moulin Rouge. Er hält vor dem Haus von Frau Stößer. Ich steige aus, krame nach meinem Schlüssel, finde ihn, gebe Martin durch das Wagenfenster die Hand. Wir vereinbaren ein Zusammentreffen am kommenden Wochenende. Martin rauscht mit dem Bus davon. Ich sperre das schmiedeeiserne Tor auf. Der gelbe Opel Kadett steht, wie ich ihn geparkt hatte, davor. Ich durchquere entlang der Garagenmauer den Gartenweg. An der Haustüre fällt der Schlüssel runter. Ich setze mein Gepäck, Tasche, Schlafsack, Isoliermatte ab, greife nach dem Schlüssel uns sperre auf. Meine Hände zittern. Ich bin müde und aufgekratzt. Niemand erwartet mich im Treppenhaus. Ich steige die Wendeltreppe hinauf. Ich betrete mein Zimmer, gehe zur Balkontüre und öffne sämtliche Flügel der Tür. Feuchte Luft strömt mir entgegen. Ich setze mich auf den orangefarbenen Sessel und Blicke über den Balkon hinaus über die verregnete Kreisstadt. Es ist ruhig in meinem Zimmer.

Arbeiten

Der Sonntag ist ein seltsam ruhiger Tag. Nachts um halb vier Uhr wache ich auf. Der grüne Metallwecker ist ruhig. Er steht. Er zeigt sieben Uhr an. Der Regen hat aufgehört. Ich öffne die Balkontüre. Die Luft ist noch feucht, aber es liegen keine Wolken mehr über der Stadt. Am Nachmittag bekommt Frau Stößer Besuch. Ich sitze auf der Terrasse vor meinem Zimmer. Es ist wieder richtig warm geworden. Der Himmel ist blau und völlig klar. Die Stadt liegt in klarem hellem Licht vor mir. Der Fluss glänzt wie eine messerscharf blinkende Klinge, welche die Stadt in zwei Teile schneidet. Von unten höre ich leise Gespräche zwischen Frau Stößer, ihrem Mann und einem Paar mittleren Alters, die zusammen bei Kaffee und Kuchen sitzen. Ich kann mich trotz des Traumwetters zu nichts aufraffen. Die Ruhe irritiert mich. Sie kommt aus dem Gegensatz zwischen meiner Einsamkeit und dem Remmidemmi der vergangen zwei Wochen. Es ist eine Ruhe, die nicht erholsam ist. Sie ist anstrengend, sie nimmt mir Energie. Was erst gestern endete scheint plötzlich in dieser Ruhe weit zurück, ist aber noch sehr nah. Heute Nacht habe ich die Deckenbalken aus dem großen Raum, oberhalb der Zimmer in denen zwei Wochen lang die Kinder schliefen, gesucht und nicht gefunden.

An meinem Feuer sitze ich nun wieder allein. Meine Alltagsroutine hat mich aber verlassen. Ich war ohne meine Schulbücher losgelaufen und bemerkte es erst, als ich das Feuer entfacht hatte. Allein vor dem Feuer, ohne meine Schulbücher fiel mir erst nach Minuten ein, dass die nächste Woche anders wird. Der Alltag wird anders zu mir zurückkehren. Morgen gehe ich nicht in die Schule, sondern ich habe ein Betriebspraktikum. Die Unterlagen dafür habe ich in meiner Schultasche gefunden. Sie liegen auf meinem Schreibtisch. Ich habe sie noch nicht angesehen. Mein Denken ist noch nicht hier.

Die Zeit ist vorbei, wie ein gerissener Film, der eigentlich noch nicht zu ende ist, aber nicht mehr geflickt werden kann. Zwei Wochen lang Dauereinsatz, ohne Rückzugsmöglichkeit, daran hatte ich mich erstaunlich schnell gewöhnt. Das Jetzt und Hier ist ungewohnt. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Ich kann niemanden fragen, mit niemandem sprechen. Ich werde nicht angerufen. Alle sind beschäftigt. Jeder ist heute wieder in die Routine seines Alltags versunken. Diejenigen, mit denen ich zwei Wochen lang täglich sprechen konnte, sind nun unerreichbar geworden. Die Selbstverständlichkeit, die galt, indem man täglich miteinander sprach, ist beendet. Nichts mehr geht automatisch. Mich spricht niemand einfach an. Das ist ungewöhnlich. Morgen ist es für mich vielleicht schon wieder gewöhnlich.

Endlich, um vier Uhr nachmittags setze ich mich auf mein Fahrrad. Ich fahre einfach los. Doch es treibt mich die kleine Straße entlang, die ich schon einmal mit dem Rad unterwegs gewesen war. Es ist die Straße auf der ich mit Pete und Ida zum ersten Abendseminar in den kleinen Ort gefahren war. Eine andere Strecke fällt mir jetzt nicht ein. Ich trete einfach weiter. Schon nach den ersten wenigen Kurven sehe ich Pete, wie sie neben mir im Wagen sitzt und anfängt mich auszufragen. Ich habe viel Zeit sie mir im Sitz neben mir anzusehen. Sie lächelt verschmitzt bei jeder Frage, die sie mir stellt. Sie will, dass auch ich lache und ich tue es, denn ihre Fragen finde ich lustig. Ihre Art zu fragen finde ich nett. Sie fragt das alles gar nicht, weil sie das wirklich wissen will, sondern sie will mit mir ein bisschen spielen. Sie will wissen wie ich bin. Wir kennen uns kaum, ihre vielen Fragen sind ihre Art mit mir Kontakt zu suchen. Sie will mich kennen lernen.

Die Strecke durch den Wald ist angenehm kühl. Es geht durch steile, enge Kurven bergan. Ich strample und schwitze. An der ersten Anhöhe sehe ich weit unten die Kreisstadt liegen. Der noch morgens so klare Himmel ist diesig geworden. Die Sicht auf die Berge ist von Dunst verstellt. Ich trinke in großen Schlucken das Leitungswasser aus einer Glasflasche, die ich aus der Fahrradtasche nehme.

Um viertel nach sechs Uhr morgens fährt der Werksbus vor dem grauen Bahnhofsgebäude ab. Ich fahre mit dem Fahrrad durch den kühlen Morgen, vorbei am Kreiswehrersatzamt, vorbei an der Wohnung von Ida und Pete, danach aber nicht nach rechts Richtung Schule, sondern geradeaus. Dort kommt rechter Hand nach dreihundert Metern der Bahnhof. Das Fahrrad kette ich an eine Straßenlaterne, denn ich bin knapp dran. Ich sehe links vom Bahnhof einen Bus, steige beim Fahrer ein, frage, ob das der Werksbus ist, sehe ein Nicken, zeige ein Papier von meiner Schule vor und suche mir hinten im Bus einen freien Sitzplatz. Es ist völlig ruhig. Zehn bis fünfzehn Personen sitzen verschlafen da. So kann es in einem Bus also auch zugehen. Verglichen mit der Busfahrt von Samstag, mit den Kindern zurück in die Kreisstadt, wirkt der Morgen nun wie eine Fahrt zu einer Beerdigung. Das ist er also, der Montagmorgen, wenn man zur Arbeit fährt. In meinem Kopf höre ich jetzt das Lied „I Don’t Like Mondays“ von Bob Geldorf. Nein es ist nicht mein Kopf, es ist das Radio. Ganz leise höre ich es aus dem Lautsprecher über dem Sitzplatz. Jetzt weiß ich, was der meinte, als er das geschrieben hat. Diesen grauen Morgen an diesem Bahnhof in diesem Bus könnte man wirklich niederschießen, so wie Bob Geldorf da singt. Der Fahrer wirft den Motor an. Ich schnüffle an meiner Jacke, sie riecht leicht nach Rauch vom Lagerfeuer. Der Bus klappert mehrere Dörfer und Ortschaften ab. Um fünf Minuten nach sieben Uhr erreicht er in einem kleinen Ort, nahe dem großen See an dem Thomass Onkel das Grundstück mit dem Steg hat, einen großen Parkplatz. Er fährt unter einer geöffneten Schranke hindurch und dreht vor einem stählernen Eingangstor an einer großen Halle mit hohen Fenstern um. Dort öffnen sich die Bustüren.

Ich stehe von meinem Sitzplatz auf. Ich spüre, wie meine Knie leicht zittern. Ich fühle mich müde. Ich laufe einfach den Frauen und Männern hinterher. Sie schlendern größtenteils gelangweilt durch das Eingangstor. Die meisten gehen danach rechts, die wenigsten gehen geradeaus weiter. Eine Frau die dort stehen bleibt, frage ich, wo es denn hier zum Ausbildungsbereich geht. Sie zeigt mit der Rechten nach oben. Da hinten die Treppe rauf. Ich durchquere die tiefe Halle, rechts und links sehe ich Arbeitstische die mit elektronischen Geräten belegt sind. Ich sehe Platinen und Lötkolben. Dann kommt ein Fließband, auf dem Gehäuse und Bildröhren stehen. Am Ende der Halle öffne ich eine Glastüre, dahinter steige ich eine steile Treppe hinauf, wo ich durch eine Tür die Lehrlingswerkstatt erreiche.

Die Auszubildenden haben blaue Latzhosen an. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Ich nicke, sage aber gar nichts sondern gehe schnurstracks durch einen Raum mit Werkbänken, vorbei an Auszubildenden, die dort arbeiten. An einer Glaswand öffne ich eine Glastür. Es ist das Büro des Werkstattleiters. Ich sehe dort einige bekannte Gesichter wieder, worüber ich jetzt froh und beruhigt bin. Es sind Mitschüler aus meiner Klasse. Auch Matthias ist dabei. Sie stehen rund um einen Schreibtisch. An dem sitzt ein stämmiger, leicht untersetzter Typ, der ganz freundlich aussieht, weil er beim sprechen permanent lächelt. Es ist der Werkstattleiter und Ausbilder. Ich stelle mich am Rand des Kreises zu meinen Mitschülern. Ich sehe auf meine Armbanduhr, es ist acht Minuten nach sieben Uhr. Der Werkstattleiter blickt auch auf seine Uhr. Acht Minuten sagt er und Grüß Gott. Ich sage nur: Der Bus. Ah so, sie kommen mit dem Bus aus der Kreisstadt. Ja, der hat sich anscheinend leicht verspätet. O.k., sagt der Leiter und fährt mit seinen Erklärungen fort.

Ich bin der Einzige der von der Schule zum Betriebspraktikum erscheint und täglich aus der Kreisstadt kommt. Alle anderen Mitschüler wohnen in der Umgebung der Kreisstadt und erreichen diese Praktikumsstelle über unterschiedlichste Wege. In dem Praktikum lerne ich Grundsätzliches. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Sauberkeit, Ordnung, Genauigkeit, Respekt und Unterwürfigkeit gegenüber dem Vorgesetzten. Daraus ergeben sich Anerkennung, gute Bewertungen und Häkchen im täglichen Arbeitsbericht, der zwischen halb fünf und fünf Uhr Nachmittags geschrieben werden muss. Ich finde in meinem Berichtsheft positive Bemerkungen über mich, die der Werkstattleiter dort hineinschreibt. Beobachtungsgabe, Verständnis, Praktisches und theoretisches Denken, kann sich eingliedern, findet sich schnell in Arbeitsprozessen zurecht, kann räumliche und technische Zusammenhänge verstehen. Ich sehe in der Produktion, in dieser Fabrik, wie das Arbeitsleben abläuft. Es kommt mir sehr diszipliniert und sehr stupide vor. Es benötigt viel Energie und Aufmerksamkeit. Der Tag ist mit Arbeit voll ausgefüllt. Um viertel vor sehr Uhr abends steige ich gerädert uns sehr Müde aus dem Bus am Bahnhof aus. Am Freitag komme ich schon um viertel vor Drei am Bahnhof an, kann aber den Nachmittag nicht nutzen, weil ich auf dem Sofa in meinem Zimmer einfach einschlafe.

Die Arbeit in der Produktion ist so langweilig, dass ich ständig über anderes nachdenke als über die Arbeit, die ich mache. Ich sitze an Automaten, die ich bediene. Das sind Pressen, mit denen an bunten Kabeln kleine Stecker angepresst werden. Oder es werden Metallformen ausgestanzt. Manchmal sitze ich an Lötmaschinen, die automatisch Widerstände, Kondensatoren und Transistoren auf Platinen auflöten. Die Arbeit besteht darin, die Platinen und die einzulötenden Bauteile einzulegen, im Fehlerfall den roten Knopf zu betätigen, den Fehler zu beseitigen, das Ding zu reinigen und erneut Platinen und Bauteile in die Maschine einzulegen.

Ich denke bei dieser Arbeit an vieles. Ich lenke mich ab, denn sonst vergeht die Zeit nicht. Ich erinnere mich an den nahen See, der von dieser Fabrik nur wenige Kilometer entfernt liegt. Ich denke zurück an die kurze Fahrradtour und an den schönen Abend mit Thomas, Ida und Pete am Lagerfeuer direkt am Wasser. Die Zeit seitdem ist schnell vergangen. Jetzt, wo Sommer geworden ist, sehe ich Ida und Thomas nur noch in der Arbeitsgruppe, die immer öfter ausfällt. Thomas hat seither keinen gemeinsamen Ausflug mehr vorgeschlagen. Sogar der Verkaufsstand findet nur noch selten statt. Das liegt daran, dass Thomas viel bei seinen Eltern in deren Töpferwerkstatt arbeitet. Ab Herbst wird er seine Ausbildungsstelle wechseln. Am Dienstagabend erzählten er und Ida mir und Martin in der Arbeitsgruppe, dass er eine Ausbildungsstelle als Holzkunsthandwerker gefunden hat. Das sei das, was ihn wirklich interessiere, was er schon immer lernen wollte. Die Schule für diese Ausbildung nimmt aber jedes Jahr nur wenige Schüler auf. Er habe sich schon vor Jahren beworben, und sich seitdem immer wieder gemeldet. Das sei ein Riesenaufwand, weil man immer eine große Mappe mit Zeichnungen zur Bewerbung abgeben müsse. Das habe er Jahre lang getan und das habe sich jetzt gelohnt. Er hat eine Zusage. Er habe seine Schreinerlehrstelle heute gekündigt. Das muss gefeiert werden! Ida hat eine Sektflasche dabei. Der Korken knallt an die Dachschräge in meinem Zimmer. Den Sekt müssen wir aus Teebechern trinken, denn ich habe keine Gläser. Das macht aber nichts. Wir freuen uns mit Thomas, lachen und gratulieren.

In der zweiten Praktikumswoche arbeite ich mit Matthias zusammen in der Endmontage und Kontrolle. Dort werden Fernsehgeräte, Radios und Kassettenrecorder abschließend zusammenmontiert, getestet und am Fließband verpackt. Während ich in der Endmontage die Gehäuse von Radios an einer Maschine mit deren technischen Inhalt zusammenfüge, weist mich Matthias auf eine junge Frau hin. Sie sitzt uns gegenüber. Sieh sie dir genauer an. Sie arbeitet an einer Druckmaschine. Die Maschine bedruckt die Gehäuse. Dazu legt die Frau die Gehäuse in eine Form ein, schiebt die Form unter eine Stanze und zieht einen Hebel. Nach einem Zischen ist der Druck in das Kunststoffgehäuse eingebrannt. Die Gehäuse laufen dann auf einem Förderband zu mir. Ich verschließe sie an meiner Maschine mit deren Inhalt. Von mir laufen die Radios auf dem Band dann weiter zu Matthias und anderen, die einen genau vorgeschriebenen Funktionstest durchführen. Danach gehen die Geräte in die Verpackung. Zuerst verstehe ich Matthias nicht. Warum soll ich die Frau ansehen? Dann sehe ich genauer hin. Ich erkenne, dass die Frau blind ist.

Matthias hat gemerkt, dass ich lange gebraucht habe um das zu erkennen. Er muss frühzeitig bemerkt haben, dass die Frau da drüben nicht sehen kann. Er scheint mir zeigen zu wollen, wie schlecht ich sehe, was vor meinen Augen geschieht. Erst jetzt erkenne ich die Frau. Sie fährt täglich in meinem Bus. Sie sitzt jeden Morgen direkt hinter dem Busfahrer. Matthias zwinkert mir zu.

Er hat einen großen Kopfhörer auf, das gehört zu dem Funktionstest. Der hängt um seinen Hals. Damit testet er, ob auch die Steckerbuchse für den Kopfhörer an dem Radio funktioniert. Matthias sieht mit dem riesigen Kopfhörer und den weißen Kunststoffhandschuhen ganz lustig aus. Er könnte sehr gut einen überdrehten Clown spielen. Wie er mit den Handschuhen das Radio genau abtastet, jeden Schalter nach Vorschrift betätigt, das Batteriefach öffnet, Batterien einlegt und herausnimmt, den Stromstecker anschließt, den Kopfhörer auf die Ohren schiebt, das Radio dicht vor die Augen hält um zu sehen, ob die Senderbeleuchtung bei der Sendersuche automatisch ein und ausgeschaltet wird. Matthias hat ein Lächeln, das ihn mit diesen großen Kopfhörern auf seinen Ohren aussehen lässt, wie ein Pausenclown im Zirkus, er versucht, sich mit der Bedienung eines neuartigen Gerätes zu Recht zu finden. Einmal fällt Matthias dieses Ding tatsächlich runter. Weil er sich entgegen der Vorschrift mit seinem Stuhl zu weit hinter die Tischkante begeben hat, droht das Radio auf den Boden zu krachen. Doch Matthias fängt das Teil, bevor es aufschlagen kann, flink mit der linken Hand ab. Das wirkt wie eine lange einstudierte Nummer. Er blickt sich nach diesem Vorfall in alle Richtungen der Halle um. Schließlich lacht er mir zu, weil er feststellt, dass keiner außer mir ihn beobachtet hat.

Am vorletzten Tag des Praktikums spricht Matthias mich an. Ob ich nicht Lust hätte mit ihm zusammen in der Mittagspause an den See zu fahren. Er habe ein Auto auf dem Parkplatz stehen. Ich sehe ihn verdutzt an. Das habe ich nicht erwartet. Ich nicke und sage, na klar komme ich da mit.

Um halb Eins verlassen wir die Werkshalle durch den Haupteingang. Matthias fährt einen roten VW-Golf. Ich sitze neben ihm und frage ihn, wie er zu diesem neuen Auto kommt. Das gehört meiner Mutter. Sie leiht es mir nur solange ich dieses Praktikum machen muss, weil es aus unserem Ort keine Busverbindung hierher gibt. Matthias fährt schnell und routiniert. Er hat seinen Führerschein, so wie ich, seit seiner Volljährigkeit. Auch er hat exakt an seinem achtzehnten Geburtstag das Papier bekommen. Ohne Führerschein kommt man hier in der Gegend nicht weiter. Ich stimme zu. In der Großstadt ist das anders. Aber vor dem Studium muss die Schule in der Kreisstadt absolviert werden, erst danach geht es in die Großstadt. Dort braucht eigentlich keiner wirklich ein Auto. Ich stimme Matthias zu, obwohl ich die Großstadt kaum kenne. Matthias hat sich dort schon die Uni angesehen. Aber leider, so meint Matthias, dauert es bis zum Studium ja noch ein weiteres Schuljahr und dann noch mal zwei Jahre für den Wehrdienst. Ob ich auch schon die Musterung hinter mir hätte?

Matthias parkt auf einem Parkplatz direkt am Wasser. Die Sonne spiegelt sich auf dem bewegten Wasser. Wir laufen ein Stück entlang dem Wasser. An einem kleinen Strand, den Matthias zielstrebig ansteuert, setzen wir uns auf die Steine. Dort essen wir unsere mitgebrachte Brotzeit.

Das ist das schönste an diesem langweiligen Praktikum, sagt Matthias. Ich nicke zustimmend, sehe dabei hinaus auf das Wasser. Zwei Segelboote dümpeln unweit vom Strand entfernt vor sich hin. Warst du schon auf so einem Boot? Nein, antworte ich. Ich war öfter schon auf dem Wasser, auf einem alten großen Windsurfbrett habe ich das Fahren gelernt, aber Segeln, davon habe ich keine Ahnung. Dann kannst du es ganz schnell lernen. Die Technik ist anders aber die Theorie ist die gleiche. Natürlich ist die Segelprüfung schwer aber die braucht man eigentlich nicht unbedingt. Hast Du ein Segelboot? Nein natürlich nicht, aber mein Vater hat eins, hier am See. Das liegt nicht weit weg. Sonntags sind wir oft draußen. Gerade jetzt, bei dem herrlichen Wetter ist das traumhaft.

Ich erkenne Matthias kaum wieder, er schwärmt von der Natur am See, erklärt mir, welche Vögel hier nisten, wo ein Wasserschutzgebiet ist, wie die Berge in der Gegend heißen, welches die schönsten Wandertouren sind, wo am wenigsten Touristen herumlaufen und um welche Zeit welche Berghütte noch geöffnet hat. Mir wird klar, dass ich ihn im Grunde nicht kenne. Ihn kenne ich so wenig, wie alle anderen Mitschüler.

Diese Schule ist kein Ort, um sich kennen zu lernen, sagt Matthias. Dort gibt es keine Zeit, die Pausen sind kurz und, wie ich erst in diesem Praktikum bemerkt habe, kommen die meisten Schüler gar nicht aus der Kreisstadt. Sie wohnen in alle Richtungen verstreut. Mein erstes Gespräch mit einem Mitschüler führe ich heute, vier Wochen bevor dieses Schuljahr beendet wird. Auch mit Matthias könnte ich mich nachmittags gar nicht verabreden und treffen, weil er ziemlich weit entfernt von der Kreisstadt hinter diesem See wohnt. Die Busverbindung gibt es nur morgens, mittags und am späten Nachmittag. Die zwei Nachmittage in der Woche, an denen Nachmittagsunterricht stattfindet, hat Matthias mit zusätzlichen Nachhilfestunden belegt, die er gleich neben der Schule bei einem Mathematiklehrer von einer anderen Schule nimmt.

Matthias macht auf mich großen Eindruck. Ich habe ihn völlig falsch eingeschätzt. Ein einziges Gespräch in der einen Stunde Pause am See genügt, damit ich ihn in völlig anderem Licht erkennen kann. Er hat wie ich große Schwierigkeiten mit dieser Schule. Er sagt, es sei dort kaum auszuhalten. Aber, weil er wisse, dass es ja nur noch ein Jahr ist, sei ihm das inzwischen egal. Die ersten Wochen hat er kaum ausgehalten. Die Lehrer, aber auch die Schüler seinen unglaublich abweisend und verschlossen dort. Die Forderungen seien völlig überzogen. Was dort gelernt werde, könne niemals wieder hervor geholt werden. Das zusammenhangslose Pauken sei größtenteils unbrauchbar. Das Praktikum sei bestes Beispiel. Die Schule passe da nicht dazu. Was der Werkstattleiter jeden Morgen erzähle, sei zusammenhängendes Denken, damit habe die Schule nichts am Hut.

Abends denke ich an das Zusammentreffen mit Matthias in der Pause am See. Mit wenigen klaren Worten hat er Kontakt zu mir aufgenommen. Hauptsächlich hat er von der herrlichen Umwelt geschwärmt, die seine Heimat ist. Er hat prägnant mit wenigen Worten gesagt, dass seine Haltung zu dieser Schule nahe der Meinen liegt. Was bedeutet das für mich? Kann ich eine Haltung wie Matthias einnehmen. Nur noch ein Jahr? Danach ist diese Schule eh vorbei. Sollte ich so zu denken lernen?

Nachts an meinem kleinen Feuer kommen mir die Worte von Matthias schon sehr weit entfernt vor. Hat er sie überhaupt gesagt? Waren wir überhaupt diese eine Stunde an dem See gewesen und haben miteinander gesprochen? Wenn man einen Menschen kaum kennt, beziehungsweise nur in einer Situation, wie in dieser Schule kennt, da ist es schon sehr komisch, wenn dieser sich plötzlich ganz anders nähert und zu erkennen gibt. Matthias Worte erinnern mich an eine Aussage meiner Pflegemutter. Später fragt dich keiner mehr, welche Lehrer du hattest. Es kommt nur auf das Ergebnis an. Matthias sagte das zwar ganz anders, meinte es auch anders, aber das Ergebnis ist das gleiche. Es ist nur noch ein Schuljahr, da fragt dich im Studium keiner, auf welcher Schule du die Zugangsberechtigung bekommen hast. Matthias findet nicht gut, was auch mir an der Schule negativ aufgefallen ist. Aber er blendet das mit der Perspektive aus, die er sich in den Kopf gelegt hat. Bei mir aber fehlt diese Perspektive. Das könnte mein Problem sein. Deshalb kann ich da vielleicht nicht so leicht drüber hinwegsehen, wie Matthias das tut.

Der letzte Praktikumstag. Der Werkstattmeister lässt uns heute viel Zeit in der Werkstatt, damit wir unsere Berichtshefte fertig schreiben können. Er unterschreibt alle Tagesberichte und versieht sie mit Häkchen und teils Kommentaren. Mittags verabschiedet er sich. Er wünscht uns alles Gute für unsere Zukunft. Er erinnert uns daran, dass alles was wir hier gesehen haben nur ein winziger Ausschnitt unserer Zukunft gewesen sei. Jeder von uns habe die Aufgabe, sich zu überlegen, ob er das wirklich machen will, wovon er hier einen kleinen Teil kennen lernen konnte. Die Worte geben allen zu denken. Sie wirken ganz anders als die Rausschmeißerkommentare der Lehrer in der Schule. Es geht darum, genau zu überprüfen, ob die Richtung stimmt. Es geht darum genau hinzusehen, denn die Richtung ist, so der Lehrmeister, eine Festlegung der Grundlage, die dem Beruf dient. Niemand soll rausgeschmissen werden, sondern jeder soll nachdenken.

Politik

Montags in der Schule ist es, als habe kein Praktikum stattgefunden. Auch die Pfingstferien hatte es nie gegeben. Die Praktikumshefte werden eingesammelt. Sie kommen in eine Akte. Sie gehören als Nachweis zu den Unterlagen die notwendig sind um die Versetzung in das nächste Schuljahr zu schaffen. Der Inhalt des Praktikums und des Heftes wird nicht besprochen. Das hat mit dem Schulunterricht nichts zu tun.

Mir fehlen noch zwei gute Noten in abschließenden Arbeiten, die in dieser Woche geschrieben werden. Ich habe deshalb das gesamte Wochenende vor meinen Büchern verbracht. Ich habe, wie eine Maschine in der Fabrik, alles in meinen Kopf hinein gehämmert, was in den letzten entscheidenden Prüfungen behandelt werden könnte. Heute in der sechsten Stunde steht der erste Test an. Er läuft genau so ab, wie ich das an dieser Schule kenne. Eines ist anders. Matthias fehlt. Er ist heute einfach nicht gekommen. Am Freitag hatte er noch zu mir gesagt, dass kommenden Montag und Mittwoch ja noch zwei wichtige Prüfungen anstünden. Wir haben darüber gescherzt, dass wir uns über das Wochenende die Birnen mit Wissen zudröhnen würden. Danach wäre das Schuljahr dann ja wohl endgültig gelaufen.

Ich denke nicht darüber nach, wo Matthias geblieben sein könnte, sondern ich sitze und schreibe die Prüfung. Ich kotze alles auf das Papier, was mir annähernd mit dem Lösungsweg und der Materie tu tun zu haben scheint, die in der Prüfung abgefragt wird. Ich wende meine stupide und konsequent eingeübte Methode an. Um jede Aufgabe zu bearbeiten habe ich nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung. Ich deute bei allen Aufgaben den Lösungsweg an. Schreibe die dazu passenden Formeln hin, die mein Hirn ausspuckt. Ich habe am Wochenende viele Formeln auswendig gelernt. Dann beginne ich Lösungen zu errechnen. Auf halbem Weg, meist komme eh nicht weiter, springe ich zur nächsten Aufgabe. Zum Schluss habe ich alle Aufgaben irgendwie abgearbeitet. Mir bleiben noch knappe zehn Minuten Zeit. Ich gehe diejenigen Aufgaben noch mal kurz an, zu denen mir, während der Arbeit an anderen Aufgaben, zwischenzeitig eine Erinnerung an das am Wochenende in mein Hirn mit Gewalt hinein gehämmerte Wissen kommt. Ich ergänze diese Aufgaben mit diesen Einfällen.

Die ganze Klassenarbeit hindurch wende ich meinen Kopf, meinen Blick nicht von den karierten Blättern auf dem Tisch vor mir ab. Mein Blick geht nicht nach rechts, nicht nach links zu dem leeren Platz von Matthias und nicht nach vorne zum Mathematiklehrer. Alles um mich herum blende ich von der Sekunde an aus, ab der der Lehrer seine Stoppuhr am Handgelenk betätigt hat. Als der Lehrer ruft: Schluss jetzt, keiner schreibt mehr, lasse ich mechanisch den Stift einfach fallen, um mich keine Sekunde lang der Gefahr auszusetzen, dass er meine Arbeit einkassiert und mit der Note sechs bewertet. Erschöpft lasse ich mich in den Stuhl zurück sinken. Mein Blick fällt auf den leeren Stuhl von Matthias.

Im Sekretariat ist um diese Uhrzeit Mittagspause. Eine schlecht gelaunte Mitarbeiterin, hinter einem hohen grauen Tresen raunst mich an: Warum woins denn des wissen? Is des a Verwandter von erna oder wos? Sand sie der Bruader vo dem? In was für a Klass geht jetzt der? Was hamms gsagt?

Ich verlasse das Sekretariat nach wenigen Minuten. Von der Frau bekomme ich keine Auskunft. Matthias geht mich nichts an. Weder Adresse, noch Telefonnummer kann ich über diesen Weg herausfinden. Ich verlasse das Schulgebäude, laufe meine tägliche Strecke in Richtung Stadtmitte. Erst an der Telefonzelle kurz vor dem Discounter fällt mir ein, dass ich morgens mit dem Fahrrad gefahren war. Das habe ich jetzt vor der Schule stehen lassen. Im Telefonbuch finde ich im regionalen Bereich das Verzeichnis über den kleinen Ort den Matthias mir als seinen Wohnort genannt hatte. Ich suche nach seinem Namen. Nichts. Ich gehe den Buchstaben noch einmal langsam mit dem Zeigefinger durch. Doch! Da ist er! Heißt Matthias Vater mit Vornamen Michael? Keine Ahnung, aber das ist der einzige Name in diesem Ort, der passt. Ich krame in meiner Tasche, wo ich mehrere Zehnpfennigstücke finde.

Das Telefon ist alt. Es ist noch nicht so ein silbernfarbiger, kleiner Kasten, wie sie von der Post am Bahnhof inzwischen in einer Reihe angebracht worden sind. Ich sehe, wie die Münzen in dem Apparat hinter der Sichtglasscheibe entlang rollen und schließlich hintereinander aufgereiht liegen bleiben. Ich erinnere mich an meine früheren Anrufe am Sonntagnachmittag bei Oma. Der schwarze Apparat, der schwere schwarze Hörer, das gelbe Telfonhäuschen. Alles in dieser Telefonzelle ist so, wie es noch vor sechs Jahren und die Jahre davor gewesen war. Jeden Sonntag hatte ich bei Oma angerufen. Selbst der Geruch dieses Telefons kommt mir genauso vor.

Das Freizeichen höre ich sieben, acht mal. Ich lege auf keinen Fall auf. Ich lasse es so lange läuten, bis entweder jemand abhebt, oder ein Belegt – Signal kommt, dann versuche ich es eben noch mal. Dazu kommt es nicht. Ich höre eine tiefe Männerstimme. Ist das sein Vater? Vielleicht ist das sein Vater, oder ist es sein Großvater? Was ich von Matthias will, der sei nicht da. Warum ich wissen will, wo er ist? Ob ich ein Lehrer sei? Nein ich bin ein Mitschüler. Es gehe mich zwar überhaupt nichts an, aber der Junge, komme künftig gar nicht mehr in diese Schule. Er macht ab Herbst eine Ausbildung. Das bringe doch nichts in dieser Schule. Der ganze Stress jeden Tag, das viele Geld für die Nachhilfe und trotzdem diese saumäßigen Noten, damit sei jetzt endgültig Schluss. Dem Buben sei es zum Schluss richtig schlecht gegangen mit dieser Schule. Das Betriebspraktikum letzte Woche, das sei gut gewesen, da gings ihm richtig gut. Jetzt habe er einen Lehrvertrag unterschrieben. Einen guten Platz im Installationsbetrieb, direkt im Ort habe er gefunden. Alles ist unterschrieben und damit unter Dach und Fach. Jetzt sei Schluss mit dieser Arschplattsitzerei in der Schule. Bis September werde Matthias in einem guten Job arbeiten. Er habe ihm einen super Job in einer Fabrik verschafft. Danach geht’s los mit der Ausbildung. Das sei jedem jungen Mann zu empfehlen, auch mir. Lassens die depperte Schule sein! Das ist doch nix, da verdienen’s nix und da lernen’s nix! Das ruft der Mann in den Hörer. Ich gebe ihm die Telefonnummer von Frau Stößer und sage, dass ich mich freuen würde, wenn Matthias anruft, wenn er dazu einmal die Zeit hätte.

Ich hänge den schwarzen Hörer auf. Die zwanzig Pfennig rollen hinter der Sichtglasscheibe weiter, klick und weg sind sie. Die schwere Telefonzellentür geht nur auf, weil ich alle Kraft anwende und unten am Metalltürrahmen, er hält die schwere Glasscheibe, mit dem rechten Fuß nachhelfe. Es ist genau die gleiche Bewegung, die ich früher nach den Gesprächen mit Oma eingesetzt habe, um die gelbe Telefonzelle zu verlassen.

Langsam laufe ich die Wegstrecke zurück Richtung Schule. Matthias sehe ich vielleicht nie wieder. Sein Vater oder Großvater ist überzeugt absolut das Richtige zu tun. Vielleicht sieht das auch Matthias so. Denn warum sonst hat er einen Lehrvertrag unterschrieben? Das hat sicher nicht sein Vater getan, denn Matthias ist, wie ich, volljährig. Aber warum hat Matthias nichts davon in der Mittagspause am See erzählt? Vielleicht war die Zeit dafür zu knapp. Wir haben vorher nie miteinander gesprochen, da gab es viele andere Dinge zu besprechen. Aber eine Lehre, das ist doch so wichtig, das hätte er doch gesagt. Vielleicht wusste er noch nichts davon. Aber was war am Freitag, beim Abschied nach dem Praktikum vor der Fabrik, als ich zum Werksbus ging und wir noch über die zwei Prüfungen dieser Woche sprachen? Vielleicht hatte er da auch noch keine Ahnung. Wahrscheinlich hat er erst am Freitagnachmittag die entscheidende Post bekommen. Vielleicht wollte er mit niemanden darüber sprechen, bevor es nicht sicher war. Der unterschriebene Lehrvertrag lag erst am Freitagnachmittag in der Post. Damit war das Wochenende für Matthias frei geworden für alles Mögliche, nur nicht für die folgende Schulwoche, denn die gab es nicht mehr. Vielleicht ist es so gewesen. Matthias schwärmte mir von der Großstadt und dem kommenden Studium nur vor, weil er noch nicht wusste, dass der Lehrmeister seine Bewerbung mit einem Vertrag für ihn quittieren werde.

Abends um halb sechs Uhr wendet der Jugendleiter seinen VW-Scirocco auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge. Er steigt aus und läutet bei Frau Stößer. Ich laufe sofort die Wendeltreppe hinunter, erkenne durch das Fenster an der Haustür draußen den Jugendleiter vor dem schmiedeeisernen Tor und entschuldige mich bei Frau Stößer, die ihre Wohnungstür öffnet. Ich erkläre, dass ich abgeholt werde. Ich begrüße den Jugendleiter und setze mich im Wagen neben ihn. Die gesamte Fahrt über diskutieren wir über den Nachrüstungsbeschluss der Nato und über die desolate Situation der deutschen Friedensbewegung. Der Jugendleiter flucht mehrfach über die neue Bundesregierung und deren Übertreibungen betreffend der russischen Bedrohung. Der Verteidigungsminister sei unglaubwürdig, er habe wichtige Analysen der alten Bundesregierung nicht beachtet, vielleicht sogar verschwinden lassen, welche den Doppelbeschluss aus deutscher Sicht noch einmal in erheblich zweifelhaftes Licht rücken würden.

Ich interessiere mich insgesamt dafür, habe aber von den Details nicht wirklich Ahnung. Trotzdem begleite ich den Jugendleiter in die Großstadt. Dort findet abends ein ausgedehntes Treffen einer politischen Arbeitsgruppe statt. Diese Treffen gibt es etwa monatlich, ich war schon auf vielen dabei. Wir sind sozusagen eine Delegation aus der Provinz. Die Diskussionen sind meist hitzig und ziehen sich oft bis Mitternacht hin. Der Jugendleiter lädt mich eineinhalb Stunden später, so lange dauert die Autofahrt zurück, wieder vor der Tür bei Frau Stößer aus. Um diese Uhrzeit, das ist meist zwischen halb zwei und zwei Uhr nachts, wendet er dann auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge, wo er mich auf die Landräte, Stadträte oder andere Politiker hinweist, deren Autos er angeblich vor dem Puff wiedererkennt. Das geschieht heute Nacht nicht, denn ich habe meine kleine Reisetasche dabei, in der mein Schlafsack und meine Zahnbürste stecken.

Der Politische Arbeitskreis findet mitten In der Großstadt statt. Um halb ein Uhr nachts ist er beendet. Der Jugendleiter fährt ohne mich zurück. Ich übernachte in einem Raum neben dem Zimmer, in dem der Arbeitskreis stattgefunden hatte. Morgens um viertel nach acht Uhr weckt mich eine Putzfrau. Sie versucht das Zimmer von außen aufzuschließen. Sie ist überrascht, dass es offen ist und sie ist überrascht davon, dass ich auf einem Sofa, das an der Wand neben einem Besprechungstisch steht, in meinem Schlafsack liege. Morgen, gähne ich und erkläre, dass ich hier übernachten durfte und gleich aufstehe und verschwinde. Die Putzfrau nickt. Sie zieht die Tür wieder zu. Ich erhebe mich von dem Sofa, fühle mich wie gerädert und so als habe ich abends Alkohol getrunken. Das Treffen am Vorabend war lang und anstrengend. Der Raum war von Tabakrauch völlig verqualmt. Das könnte die Kopfschmerzen verursachen, die ich jetzt spüre. Ich habe nur Wasser getrunken. Auf solchen Sitzungen gibt es immer nur Wasser und Kaffee. Den könnte ich jetzt brauchen. Ich öffne ein Fenster und spüre einen kühlen Luftzug. Von draußen höre ich Verkehrslärm. Ich ziehe meine Klamotten an, schüttle den Schlafsack aus, rolle ihn ein und verstaue ihn in meiner Tasche. Ich schließe das Fenster und verlasse den Raum. Ich sehe in einen langen, finsteren Gang. Die Putzfrau dröhnt mit einem Staubsauger hinter einer offenen Bürotüre. Ich gehe auf die Toilette. Dort putze ich mir die Zähne.

Danach gehe ich vorbei an dem Raum in dem abends zuvor die Besprechung stattfand. Ich war noch nie am hellen Tag in diesem Gebäude. Ich kenne es von langen-, aber, wegen meiner stets sehr kurzen abendlichen Aufenthalte in dieser Stadt zusammen mit dem Jugendleiter, irgendwie unwirklichen Besuche in dem politischen Arbeitskreis. Das Haus ist mir mit Tageslicht fremd. Ich kenne diesen Gang. Aber ich kenne ihn nur bei Nacht. Er sieht ohne eingeschaltete Deckenbeleuchtung völlig verändert aus. Der Raum, in dem der Arbeitskreis gestern getagt hatte, steht offen. Ich betrete ihn kurz. Alle Fenster sind geöffnet. Es stinkt nach kaltem Rauch. Die Stühle, die Tische, die Sitzecke, alles sieht tagsüber anders aus. So habe ich das noch nie gesehen. Es ist leer, kalt und miefig. Abends, bei der Ankunft mit dem Jugendleiter war dieser Raum stets voll besetzt. Wir waren immer die letzten, die dazustießen, denn unser Weg ist am weitesten. Ich kenne diesen Raum laut und voll. Ich sehe die leeren Stühle, in denen in meinem Kopf die Menschen aus dem Arbeitskreis sitzen. Jeder hat seine feste Position auf einem Stuhl von dem aus er seine feste politische Überzeugung lautstark in die Diskussion einwirft. Jetzt wirkt dieser Raum fremd. Er ist leer, schäbig und kalt, lauter Verkehrslärm dringt durch die hohen, geöffneten Fenster. Ich stehe vor der Ausgangstür. Sie ist verschlossen. Ich bitte die Putzfrau aufzusperren.

Am Bahnhof frage ich mich, was ich hier will. Die gesamte Hektik dieser Stadt ist mir fremd. Trotzdem verstaue ich die Tasche in einem Schließfach. Meine Unterlagen stecke ich in die Jackentasche. Zu Fuß habe ich zum Bahnhof gefunden. Mit Hilfe eines Passanten habe ich die Richtung ausfindig gemacht. Es ging immer geradeaus. Ich will die Stadt erleben, das geht nur, wenn ich an deren Oberfläche laufe. Nun aber muss ich hinunter in die U-Bahn, denn mein Ziel an diesem Vormittag ist zu weit um pünktlich dort anzukommen. Im Stadtplan habe ich mein Ziel mit einem kleinen Kreuz markiert. Ich werde die U-Bahn und danach den Bus nehmen. Die Fahrkarte ist teuer. Das System durchblicke ich nicht. Ich frage einen Mann, der den Automaten auch nicht versteht. Gemeinsam finden wir heraus, wie wir dem Automaten entlocken, was wir wollen. Die U-Bahn ist um diese Zeit leer. Auch ich müsste jetzt in der Kreisstadt in der Schule sitzen. Ich habe mich für heute gestern im Sekretariat offiziell abgemeldet. Mein Eindruck war, dass die Frau im Büro nicht wirklich interessiert war. Sie schrieb meinen Namen, das Datum des heutigen Tages und eine Stichwort zu meiner Begründung auf einen Zettel. Das wars. Was sie mit diesem Zettel tat, weiß ich nicht, denn wegen der schlechten Laune der Frau verließ ich umgehend das Sekretariat.

An der Bushaltestelle dröhnt der Verkehr. Morgens fährt der Bus alle fünf Minuten. Mittags zwischen ein und zwei Uhr auch. Ich warte eine viertel Stunde, dann kommt er. An der Endstation, sie kommt schon nach fünf Haltestellen, steige ich aus. Dort wendet der Bus vor einem riesigen Gebäude, das aus grauem Beton erst vor fünfzehn Jahren errichtet wurde. Ich finde es hässlich und finde, dass es aussieht, als könne es bald einstürzen. Ich betrete eine riesige Aula, mit schwarzem, genopptem Gummifußboden. Rechts finde ich eine große schwarze Hinweistafel. Das Sekretariat ist im dritten Stock. Dorthin suche ich jetzt meinen Weg. Es gibt mehrere Treppenaufgänge. Ich nehme den falschen, laufe im dritten Stock einmal rings um das ganze Gebäude und finde schließlich eine Schlange wartender junger Leute. Das ist das Sekretariat. Ich stelle mich hinten an. Ich stehe fünf Minuten, höre die Menschen in der Warteschlange sprechen, beobachte nervöses auf und ab Getapse, sehe jungen Frauen in der Schlange beim Stricken zu, und höre coole Sprüche, die ich auch von meiner Schule in der Kreisstadt kenne.

Die Tür öffnet sich. Zu meiner Überraschung spricht mich eine Frau, sie trägt eine riesige Brille, mich, der ich ganz hinten in der Schlange stehe, an. Sie blickt aus dem Türspalt, lotst die vordere Person in der Warteschlange durch die Türe und sagt danach zu mir: Sie sand der Letzte! Die Anmeldefrist ist jetzt abgelaufen, es ist zwölf! Die Frau sieht auf ihre Armbanduhr, die sie nach oben in meine Richtung hält, und mit dem Finger darauf tippt. So signalisiert sie die Uhrzeit. Nach ihnen keiner mehr! Das ruft sie mir zu. Sie verschwindet hinter der Tür, die sie wieder zu zieht.

Ich kenne das aus dem Discounter. Wird eine Kasse dichtgemacht, bittet die Verkäuferin den Letzten an der Kasse darum, Nachfolgende an eine andere Kasse zu schicken. Doch was hat die große Brillenträgerin vor? Wohin soll ich die Nächsten, die kommen schicken? Eine junge Frau, sie wartet direkt vor mir, lacht mich an. Na da haste dir ja nen tollen Job an Land gezogen! Diese Ansprache erschrickt mich, denn ich kenne hier niemanden und habe heute noch mit keinem Menschen außer der Putzfrau gesprochen. Aber ich reagiere prompt. Mit verschränken Armen stehe ich am Ende der Warteschlange, blicke in Richtung Sekretariatstüre und sage zu der Frau, die mich da abgesprochen hat: So geht das nicht, ich werde hier niemandem sagen dass er zu spät ist. Ich merke, dass Blicke auf mich gerichtet sind. Jeder in der Warteschlange muss gesehen haben, welchen Auftrag mir die Brillenträgerin gegeben hat. Deshalb entschließe ich mich zu einer schnellen Reaktion. Ich gehe an der Schlange wartender Menschen vorbei, bis vor an die Türe. Dort klopfe ich, sage dabei den dort wartenden: Hab nur kurz da drin was zu klären, stelle mich gleich wieder hinten an.

Ich öffne die Türe, sehe drinnen die Brillenträgerin, sie steht hinter einem hohen Tresen, wie die Sekretärin in der Schule in meiner Kreisstadt. Ich sage zu ihr: Entschuldigen Sie, aber sie meinten sicherlich nicht, dass ich hier irgendwelche Nachzügler wegschicken soll? Die Brillenträgerin sieht mich verdutzt an. Was wollen sie? Warten sie draußen! Aha. Ich merke, dass die Atmosphäre in diesem Büro etwa so ist, wie um ein Uhr Mittags im Schulsekretariat in der Kreisstadt. Deshalb gebe ich einfach auf. Ich schließe die Tür, sage den ersten Wartenden an der Tür: Lässt sich nicht klären! Und stelle mich wieder nach hinten in die Schlange. Dort sind inzwischen zwei eingetroffen. Ich stelle mich hinter ihnen an.

Zehn Minuten später, bis dahin sind zu der Warteschlange noch weitere fünf Leute hinzugestoßen, holt die Brillenträgerin alle Wartenden in das Zimmer. Die Schlange steht nun in dem Zimmer vor dem Tresen.

Eine Stunde später verlasse ich das Gebäude. Meine Papiere waren vollständig, meine Anmeldung in dieser Schule wurde angenommen. Es gab mit mir keine große Diskussion. So wie es manchem in der Schlange ergangen war, erging es mir nicht. Einige hatten schon bevor sie dran waren den Raum wieder verlassen, denn dadurch, dass jeder mitverfolgen konnte, welche Unterlagen zur Anmeldung zwingend vorzulegen waren, hatte jeder seine Papiere auf Vollständigkeit überprüft. Drei, vier Leute merkten, dass ihnen wichtige Papier fehlten. Das Verkürzte die Wartezeit für den Rest, auch für mich.

Zurück zum Bahnhof bleibe ich an der Oberfläche. Ich fahre nicht mal mit dem Bus. Ich will alles laufen, um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen. Ich sehe auf meinen Plan, vergleiche die Straßennahmen und schlage die Richtung zum Bahnhof ein. Leider hat sich der Himmel zugezogen, es ist bewölkt und dunkler geworden. Deshalb sieht die Stadt jetzt fast grau aus. Ich laufe an einer großen Straße. Der Verkehr tobt und es stinkt. So stelle ich mir die Großstadt vor. Aber schon nach zehn Minuten führt mein Weg mich rechts ab von der Straße, durch kleine Straßen. Dort stehen Häuser, die zum Teil wenig größer sind, als die Häuser in der Straße beim Haus von Frau Stößer. Dann wird die Strecke richtig grün. Sie führt mich durch einen Park. Der ist im Stadtplan mit einem riesigen grünen Fleck eingetragen. Ich finde den Weg durch den Park, so wie er im Stadtplan steht. Ich komme vorbei am riesigen Stadion und weiteren Hallen. Dort sehe ich eine Gruppe von Touristen, Japaner, alle mit Fotoapparat um den Hals. Ich kenne das aus Berchtesgaden. Dort kamen viele ausländische Touristen an. Sie wurden aus Bussen ausgespuckt, für einen Tagesausflug mit Führung. Tatsächlich höre ich im Vorbeilaufen eine Touristenführerin. Sie ist klein und schreit laut. Ich verstehe gar nichts. Später überquere ich einen großen Parkplatz. Dort stehen Busse und ich sehe ein- und aussteigende Gruppen von Touristen. Durch enge Straßen verlasse ich den Park. Ich finde den Bahnhof nach einer weiteren knappen Stunde. Um fünf Uhr sitze ich hungrig mit meiner kleinen Tasche im Zug. Ich verschlinge meine zwei Käsebrote, die ich mit abends zuvor in der Küchenzeile geschmiert hatte und trinke aus meiner Wasserflasche. Der Zug fährt los. Es hat alles geklappt. Aus dem Zugfenster sehe ich die Stadt an mir vorbeifahren.

Um viertel vor sieben Uhr klimpere ich mit meinem Schlüsselbund an Frau Stößers Haustür. Wieder fällt der Schlüssel runter. Wie oft ist er mir wegen diesem schwergängigen Schloss schon runter gefallen? Ich krieg den Schlüsseln nur ins Schloss, nachdem ich die Tasche ablege. Nicht ärgern, es ist bald vorbei. Ob das wirklich gut ist, dass es hier bald vorbei ist? Der Schlüssel ist jetzt drin, ich öffne leise und vorsichtig wie immer die Tür. Auf dem Treppenabsatz liegt ein kleiner Notizzettel. Frau Stößer schreibt, dass Karin angerufen habe. Sie meldet sich morgen wieder. Ich nehme die Tasche, schließe die Tür und steige die Wendeltreppe nach oben.

Mein Berchtesgaden an einem Abend und Morgen 1983

Die Schularbeit am Mittwoch gehe ich völlig anders an. Ich sitze vor den Aufgaben, die ich genau studiere. Ich denke daran, welche Lösungen für die Aufgaben notwendig wären. Obwohl ich keinerlei Vorbereitung getroffen habe, könnte ich einiges hinschreiben. Stattdessen verwende ich einen Teil des Papiers, um einen Brief zu schreiben. Ich richte ihn an Pete. Ich schreibe ihr, was mir in der Zeit, seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben, alles passiert ist und was mir alles klar geworden ist. Ich plane ihr den Brief nach der Schule in ihren Briefkasten zu werfen. Es wird ein langer Brief, denn ich habe neunzig Minuten Zeit, so lange dauert die Klassenarbeit.

Ich schreibe davon, dass ich sie auf der Kinderferienmaßnahme vermisst hätte und davon dass ich sie erst jetzt, nach Wochen und Monaten richtig verstanden hätte. Ich schreibe davon, dass ich mir über uns viele Gedanken gemacht hätte und dass ich die Autostrecke, die wir das erste Mal gemeinsam fuhren mit dem Fahrrad abgefahren sei. Ich schreibe, dass sie mir oft begegnet wäre und ich ihren leeren Stuhl in der Arbeitsgruppe selbst besetzen musste.

Nachdem ich glaube, der Brief sei fertig, lese ich ihn noch einmal genau durch. Es sind drei Seiten geworden, die ich voll geschrieben habe. Ich gehe den Brief durch, als habe ich die Aufgaben der Klassenarbeit gelöst und nutze nun die letzten zehn Minuten, um jede Aufgabe noch einmal zu überfliegen und Dinge einzutragen, die mir noch eingefallen sind. Diesmal ist es aber anders. Ich erkenne, dass ich vieles eindeutig falsch bearbeitet habe. Zum Glück ist das nicht die Klassenarbeit, sondern der Brief an Pete, denn sonst würde mir jetzt richtig heiß werden, bei den vielen falschen Dingen, die ich da lese. Zum Glück habe ich in dieser Schule nichts mehr verloren, deshalb wäre ein Schweißausbruch vor Aufregung auch unnötig, auch wenn dieser falsche Brief an Pete die Klassenarbeit wäre. Ich denke daran, dass ich hier bald weg bin. Ich lache erleichtert. Zum ersten Mal blicke ich nach vorne. Dort sehe ich den Physiklehrer. Den lächle ich jetzt an. Der lässt seine Augen aufmerksam durch den Raum wandern und beachtet mein Lachen nicht.

Es ist falsch was ich geschrieben habe. Deshalb streiche ich in dem Brief weite Passagen durch. Ich habe Pete während der Kinderferienfreizeit nicht vermisst. Nur am ersten Abend habe ich an sie gedacht, weil sie und Ida ursprünglich mitkommen wollten, dann aber abgesprungen waren. Ich streiche das alles durch. Ich habe Pete nach Wochen und Monaten erst richtig verstanden. Das stimmt nicht, denn ich verstehe sie immer noch nicht. Ich kann sie deshalb nicht verstehen, weil wir nie wieder miteinander gesprochen haben. Das ist richtig. Ich habe mit ihr nie wieder gesprochen, seitdem wir das blaue Haus besucht hatten. Das wäre richtig. Das habe ich aber nicht aufgeschrieben. Ich habe auch nicht geschrieben, dass ich mit ihr reden will. Davon ist in meinem Brief gar keine Rede! Stattdessen schreibe ich davon, dass ich sie verstanden hätte. Wie soll das denn funktionieren? Wie kann ich sie verstehen, wenn ich wochenlang nicht mit ihr rede? Ich streiche das alles durch. Welche Gedanken habe ich mir über „uns“ gemacht? Keine. Ich habe mir Gedanken über mich gemacht. Da habe ich Pete dazugemischt. Hauptsächlich sind es aber meine Gedanken gewesen, die mich betrafen. „Uns“ gibt es gar nicht. Es hat „uns“ nie gegeben, dazu kam es gar nicht, denn nie waren wir zusammen. Ich streiche das alles. Die Autostrecke war ich mit dem Fahrrad abgefahren. Dort habe ich an sie gedacht. Aber hat das wirklich ihr gegolten? War das nicht eine Einsamkeit, die wegen der Ruhe an dem Sonntag nach der lauten Kinderfreizeit eingetreten war. Ich hatte auch an diesem Tag nicht den Gedanken gefasst, Pete anzurufen um mit ihr zu reden. Also streiche ich auch das. Übrig bleibt der leere Stuhl in der Arbeitsgruppe. Ich habe mich tatsächlich dort hinein gesetzt.

Der Lehrer ruft seinen Schlussatz. Ich lasse wie immer den Stift sofort fallen. Nehme aber das Papier in die Hand, falte es ordentlich zusammen und stecke es in meine Hemdtasche.

Der gelbe Opel-Kadett klappert, wenn ich Gas gebe und einen Berg hinauf fahre. Das sind die Ventile. Sie müssten mit einem ganz feinen Messblatt neu eingestellt werden. Ob sich das bei dem Wagen noch lohnt glaube ich nicht, deshalb kümmert es mich nicht. Bei jeder Steigung erinnert mich das Klappern daran. Ich weiß nicht, wie weit ein Auto so fahren kann. Ich parke oberhalb der Kneipe. Man kommt dort nur zu Fuß hin. Das sind aber nur knappe hundert Meter. Die Kneipe ist sicherlich voll, wie ich das von Früher kenne. Einerseits ist die Idee von Karin gut, sich hier zu treffen, denn ich war lange nicht da, andererseits ist gerade in dieser Kneipe ein ruhiges Gespräch ausgeschlossen. Ich laufe den Schotterweg vom Parkplatz hinunter. In der Kneipe kenne ich viele, die da jeden Samstag sitzen. Ich muss versuchen mit Karin die Kneipe zu wechseln oder ich schaffe es mit ihr ein paar Schritte zu laufen, um in Ruhe mit ihr zu sprechen. Ich will ihr sagen, dass ich wegziehe. Aber auch die nächsten Wochen, so lange ich noch in der Kreisstadt wohne, kann sie mich nicht mehr besuchen. Ich schaffe das nicht mehr.

Ich könnte oder müsste auch mit ihrem Mann Paul reden, aber ich rede mit ihr. Obwohl mich an den zurückliegenden Wochenenden nie jemand angerufen hat, um sich nach ihr zu erkundigen, möchte ich das nicht weiter. Vielleicht versteht Karin das. Ich bin spät dran, das weiß ich. Ich habe fast ein Jahr gebraucht, um ihr heute zu sagen, dass ich das nicht mehr möchte. Soll ich ihr sagen, was Paul auf der Kinderferienfreizeit zu mir gesagt hatte? Soll ich ihr meinen Eindruck von Paul schildern, bringt das was?

Die Kneipe ist übervoll. Es ist kein Platz mehr frei. Es ist laut und es ist verraucht. Ich sehe einige winkende Hände. Ich winke zurück und ich nicke Leuten an verschiedenen Tischen zu, die mich begrüßen. Ich sage Hallo und ich schüttle Hände. Hinter die Bar winke ich Martina zu. Sie arbeitet immer noch hier, heute ist sie wieder schwer beschäftigt. Jetzt kommt Karin auf mich zu. Ich habe sie bisher gar nicht gesehen. Sie kommt von Hinten. Sie schüttelt mir die Hand, lacht mich an, begrüßt mich, wie ich finde, fast etwas überschwänglich und lotst mich in die linke Ecke der Kneipe. Dort stehen viele Menschen mit Biergläsern in der Hand.

Der Laden ist ja knallvoll, rufe ich Karin zu, die sich vor mir durch die Menschentraube arbeitet. Dahinter erreichen wir einen Bistrotisch. Dort steht Paul zwischen einigen anderen Leuten. Auf die Idee bin ich nicht gekommen. Mir schießt das jetzt durch den Kopf. Na klar! Die zwei sind verheiratet, sie wohnen hier im Ort zusammen, also gehen sie auch mal zusammen in die Kneipe! Das ist doch klar! Ich lache Paul an, schüttle ihm die Hand. Ich finde, dass er sehr schlecht aussieht. Er kommt mir bleich vor und er hat wohl auch abgenommen. Na, alles klar? So frage ich. Paul nickt, lächelt, antwortet aber nicht. Ein Bier? Ich nicke. Ja, klar! Karin winkt. Hinter mir steht Martina mit einem runden Tablett. So schnell geht das hier? Schon habe ich ein kühles Bierglas in der Hand und stoße mit Paul und Karin an.

Die beiden werden sich scheiden lassen. Das erfahre ich Stunden später. Der Laden ist leer geworden, wir sitzen zu dritt am Tisch. Der Abend war lang, ich habe viele Leute gesprochen, die ich von früher in diesem Ort kenne. „Früher“ endete für mich in dem Ort erst vor nicht ganz einem Jahr, als ich mit Dorit und der Abiturientengruppe nach Griechenland unterwegs gewesen war. Kurz davor war ich von hier nach Traunstein gezogen. Es ginge nicht mehr, erzählt mir Karin, als erzähle sie mir das alles zum ersten Mal, als wüsste ich nicht, dass sie ihn schon lange Zeit betrogen hat, als habe ich sie darin nicht unterstützt, indem ich sie durch ihre Besuche bei mir gedeckt habe. Seit Paul von der Kinderferienfreizeit zurückgekommen sei hätten sie viel und lange darüber gesprochen. Es sei aus zwischen ihnen. Sie würden Freunde bleiben. Die Scheidung sei zwischen ihnen besprochen. Sie wohnten schon nicht mehr zusammen. Vor zwei Wochen sei Karin zu ihren Eltern zurückgezogen. Paul sagt nichts. Er sitzt am Tisch und trinkt. Ich finde, er sieht deprimiert aus.

Gegen halb zwei Uhr morgens, schenkt Martina das letzte Bier aus. Es reicht auch, finde ich. Sie sieht müde aus, von dem langen Abend. Als letzter Gast betritt Thomas den Laden. Eigentlich ist bereits geschlossen, aber er darf noch reinkommen, weil wir alle eh gleich gehen. Er war auf einem Musikkonzert und kommt deshalb erst so spät. Ich habe mit ihm vor Tagen telefoniert. Er setzt sich zu uns an den Tisch.

Er beschreibt, wie die Wohnung aussieht. Sie bestehe aus zwei Bereichen. Im ersten Stock seien Küche, Toilette, Wohnzimmer und sein Zimmer. Durch das Treppenhaus gehe es in den zweiten Stock, dort seien ein weiteres WC, das Bad und zwei kleine Zimmer mit Dachschrägen. Eines der beiden Zimmer könnte ich mieten. Er zeigt mir den Mietvertrag. Wenn ich wolle, könne ich ihn gleich behalten. Ich müsste ihn nur unterschreiben und an den Vermieter schicken. Der einzige Haken an der Sache sei, dass die Wohnung am Stadtrand der Großstadt liege. Genau dort beginnt die Autobahn. Der Lärm in der Wohnung sei aber halb so schlimm. Daran gewöhne man sich, wie an alles. Thomas lacht und alle andern am Tisch lachen mit. Die Miete für mein Zimmer sei echt ein Schnäppchen für die Großstadt. Dort gäbe es ganz andere Preise, da seien dreihundert Mark ein Witz, zumal ich eine ganze Wohnung mitbenutzen könne. In den Sommerferien ginge es los. Ab August zahle er Miete und beginne mit den Renovierungsarbeiten. Ich könnte ab dem ersten August jederzeit einziehen, müsste aber vorher mein neues Zimmer noch streichen.

Das Angebot von Thomas ist in Ordnung. Es hört sich gut an, sagen alle am Tisch. Problem sei halt die Autobahn vor meinem Zimmerfenster, aber was soll das, die Stadt sei nun mal kein Kuhdorf. Der Preis sei wirklich o.k. Also stecke ich den Mietvertrag ein und sage Thomas zu. Die Sache geht klar, sage ich. Ich komme ab ersten August zur Renovierung und ziehe danach ein.

Um zwei Uhr morgens verlassen wir die Kneipe. Martina gibt mir einen Schlüssel der zu unserem ehemaligen Jugendkeller passt. Ich soll ihn morgen früh dort in den Briefkasten einwerfen. Wir verabschieden uns alle auf dem Parkplatz voneinander. Ich lehne das Angebot ab, die paar Meter im Wagen von Martina mitzufahren. Ich brauche jetzt die frische Luft. Ich möchte durch den Ort laufen. Ich will sehen, wie es dort aussieht, obwohl es dunkle Nacht ist und sich im Ort sicher so gut wie nichts geändert hat. Aus dem gelben Opel-Kadett nehme ich meine Tasche mit dem Schlafsack. Dann gehe ich los. Auf der Straße sehe ich noch die Rücklichter der Autos von Karin, Paul, Martina und von Thomas. Sie sind alle in unterschiedliche Richtungen abgebogen. Jetzt ist es ruhig. Nachts um diese Uhrzeit ist im Ort nichts los. Kein Mensch ist unterwegs. Und es stimmt, nichts hat sich verändert, seitdem ich vor einem knappen Jahr weggezogen war. Das stimmt nicht, es hat sich vieles verändert, bei den Leuten, aber davon sehe ich nichts. Karin hat sich von Paul getrennt, Thomas zieht in die Stadt, ich komme hier wieder mal vorbei.

Der Jugendkeller müffelt wie früher. Die Matratzen stapeln sich in der Ecke hinter dem Vorhang. Ich hole mir da drei Stück herunter. Mitten im Raum lege ich sie aus. Der Plattenspieler steht an der alten Stelle im Schrank, den ich vor Jahren einmal gebaut hatte. Das Schloss im Schrank ist das gleiche geblieben. Ich sperre mit einem winzigen Schlüssel, den ich am Schlüsselbund von Frau Stößers Haus befestigt habe, auf. Die Schallplatten sind alle noch da. Ich lege eine Platte auf und drehe den Verstärker leise auf. Es erklingt die Musik, die ich früher hier gehört habe. Die Gruppe, die sich hier jede Woche getroffen hatte, gibt es nicht mehr. Ich habe heute Abend von vielen aus der Gruppe gehört. Einige habe ich getroffen. Manch einer wohnt nicht mehr im Ort. Andere bereiten sich vor, weg zu ziehen. In Jahren werde ich hier niemanden mehr kennen. Ich verkrieche mich in meinem Schlafsack. Es ist richtig spät geworden. Geht schon die Sonne auf? Nein, es ist der Mond, den ich von draußen durch das Oberfenster in den Raum hinein scheinen sehe.

Der Sonntagmorgen ist richtig ungemütlich. Ich höre Schritte, Klappern und Schlüsselklimpern aus dem Treppenhaus. Ich stehe auf und spüre einen schweren Kopf. Heute ist es der Alkohol des gestrigen Abends und der Rauch der den ganzen Abend schwer in der Kneipe hing. Martina hatte mich gewarnt. Sie gebe mir den Schlüssel nicht mehr so gerne wie früher, denn im Haus neben dem Jugendraum sei nun eine neue Pfarrerin eingezogen. Die wäre etwas unberechenbar. Sie wüsste nicht, wie oft und wann die den Jugendraum nutze, um dort mit Jugendlichen aus Salzburg Gesangsstunden, Bibelstunden und solche Dinge zu veranstalten. Ich hatte zugesichert vorsichtig zu sein und den Raum frühzeitig zu verlassen. Ich schalte Plattenspieler und Verstärker aus und sperre den Schrank wieder ab. Danach ziehe ich mich an und staple die Matratzen auf den Haufen hinter dem Vorhang. Jetzt packe ich den Schlafsack in die Tasche. Im Treppenhaus höre ich Schritte und Schlüssel. Trotzdem gehe ich noch auf die Toilette. Ich verlasse das Haus durch den hinteren Ausgang. Die Tür geht nur von innen auf. Draußen ist es noch kühl und sehr ruhig. Es ist nicht einmal halb acht Uhr. Ich gehe um das Haus herum, stecke den Schlüssel in den Umschlag von Martina und werfe den am Eingang in den Briefkasten des Jugendraumes. Der zweite Briefkasten trägt den Namen der Pfarrerin von der Martina sprach. Aus dem Keller höre ich jetzt Geräusche, das Fenster unter dem ich gerade noch lag wird geöffnet, ich hatte es gekippt gelassen. Ich drehe mich um und gehe langsam die Straße hinauf in den Ort.

Ich spüre meine schwere Müdigkeit und die Kopfschmerzen. Ich atme tief durch, denn ich hoffe, dass die frische Luft vielleicht den Kopfschmerzen zusetzt. Der Parkplatz ist leer, nur ein Auto steht noch dort, es ist der gelbe Opel-Kadett. Ich lasse mich schwer hinter das Lenkrad fallen. Durch die Windschutzscheibe sehe ich, wie die Sonne einige Berggipfel schon in helles Licht getaucht hat. Das Tal, in dem der Ort liegt, hat noch keine Sonne, die kommt erst in zehn Minuten. Das warte ich nicht ab. Ich starte den Motor.

Wochenendbesuch

Das Treffen am Wochenende kann jetzt stattfinden. Immer wieder hatten wir es verschoben. Jetzt, wo ich am Wochenende nichts mehr für die Schule lerne, weil ich die Zeit dort neben dem leeren Stuhl von Matthias nur noch absitze, um am Schuljahresende eine vollständige Schulbesuchsbestätigung für das Amt erhalten, von dem ich Zahlungen aus dem sogenannten Jugendwohlfahrtsgesetz erhalte, weil ich die Schule regelmäßig besuche, habe ich Zeit. Martin hat vorgeschlagen, auf dem Balkon vor meinem Zimmer zu grillen. Das ist eine gute Idee. Frau Stößer meinte dazu, dass ihr das egal sei, solange wir dort oben kein wildes Gegröle veranstalten und mit dem Grill sorgsam umgehen. Sie leiht mir sogar ihren Grill, der elektrisch funktioniert. Ich wundere mich ein bisschen über so viel Freundlichkeit, denn nie hatten wir seit meinem Einzug mehr miteinander zu tun gehabt als kurze Gespräche wegen Anrufen für mich auf ihrem Telefon. Ich denke daran, dass das vielleicht damit zu tun hat, dass ich mein Zimmer zum Monatsende gekündigt habe. Noch während ich das denke, merke ich ein schlechtes Gewissen, weil ich so denke, denn das bedeutet, dass ich meiner Vermieterin misstraue, obwohl sie seit fast einem Jahr immer freundlich war. Sie hatte ohne Murren akzeptiert, dass ich meine Schrottkarre, den gelben Opel stets direkt vor ihrem schmiedeeisernen hohen Gartentor geparkt habe, sie hat immer Nachrichten geschrieben wenn ich angerufen wurde, sie hat mich stets im Flur ihrer Wohnung im Erdgeschoss mit Karin telefonieren lassen. Es gäbe noch mehr Beispiele für deren Vertrauen in mich, trotzdem denke ich, dass sie nichts dagegen hat, dass ich nun bald ausziehe.

Ich spreche mit Martin darüber, dass ich auch Ida, Thomas und vielleicht sogar Pete einlade. Das findet Martin super. Er wird Würstchen einkaufen und sogar einen Kartoffelsalat von seiner Mutter mitbringen.

Von der gelben Telefonzelle am Discounter erreiche ich Ida. Obwohl es regnet und recht frisch geworden ist, schwitze ich. Mir ist richtig heiß. Das ist immer so, wenn ich aufgeregt bin. Ich hätte genauso gut Pete erwischen können. Ida hat Zeit und sie weiß, dass auch Thomas Zeit haben wird. Pete habe vielleicht Zeit, genau wisse sie dass nicht, aber sicher wird sie es ihr sagen.

Martin findet die Idee nicht so gut den Elektrogrill zu benutzen. Er könnte einen guten Holzgrill mitbringen. Ich sage ihm: Das lassen wir lieber, denn ich weiß gar nicht wohin ich vom Balkon aus die Grillkohle entsorgen soll. Darüber macht Martin einen Witz. Haben die Stößers nicht einen Pool im Garten? Weil ich darüber nachdenke, wie ich es am besten erkläre, dass ich wegziehe, schaffe ich es nicht, darüber zu lachen. Ich sage nur: Ja den haben sie.

Pünktlich um sieben Uhr stehen alle zusammen vor der Tür. Pete ist tatsächlich mitgekommen. Es fällt mir sehr schwer sie anzusehen. Sie lacht mich an, wie während der Autofahrt. Wir stellen das Sofa einfach auf den Balkon. Der ist doch groß genug und hat ein schönes Dach, meint Thomas. Martin übernimmt die Grillerei mit dem Elektrogerät. Ich habe Bier besorgt, wir stoßen miteinander an und Pete fragt völlig unbefangen, im gleichen Tonfall in dem Sie mich im Auto gelöchert hatte: Was haben wird denn heute Schönes zu feiern? Alle sehen mich an. Die machen mir das aber leicht. Ich werde wegziehen, ich ziehe bald in die Großstadt.

Nein, wirklich? Ich sehe Pete jetzt sehr genau an. Sie sieht nicht traurig aus, sondern sie ist genauso überrascht, wie alle anderen. Das finde ich einerseits sehr gut, andererseits spüre ich, dass ich mir ein bisschen Traurigkeit gewünscht habe. Lange habe ich sie nicht gesehen, nichts war zwischen uns, trotzdem wünsche ich das. Es hätte mir gezeigt, dass sie nicht mit einem anderen zusammen ist. Das denke ich jetzt. Was ist das? Ist das mein verletzter Stolz? Ich hätte ihr am Feuer sagen können, dass ich sie liebe. Das habe ich nicht getan, also habe ich sie auch nicht geliebt. Dass sie mich zu diesem Zeitpunkt geliebt hat, hat etwas ausgelöst in mir. Was? Seitdem hänge ich ihr nach, obwohl ich sie nie wieder getroffen habe. Und jetzt sogar noch das: Ich erwarte von ihr ein Zeichen der Traurigkeit, weil ich wegziehe. Was stimmt da nicht? Ich weiß es nicht, aber ich spüre es. Was ich denke passt nicht zur Realität zwischen uns, die ich und sie geschaffen haben.

Ist es gut das durch meinen Wegzug aufzulösen? Oder haben wir beide noch etwas zu klären miteinander? Hätte ich das besser offen mit Pete geklärt, anstatt es jetzt mit einem Wegzug zu regeln? Würde es Sinn machen, Pete das was ich denke zu sagen? Ich kann nur vermuten, dass es mir wehtun würde, denn dadurch würde sich für mich nichts ändern. Sie würde ich wahrscheinlich verunsichern. Denn was soll sie mit so einer Botschaft anfangen? Seitdem du mir gesagt hast, dass du mich liebst und ich das verneint habe, denke ich oft an dich, obwohl wir uns nie mehr sehen. Was soll das einem Menschen sagen? Vielleicht spinne ich einfach. Das könnte es sein. Ich unterliege dem Wahn, Frauen dann hinterher zu weinen, wenn die mir gesagt haben, dass sie mich lieben, ich das aber abgelehnt habe und sie daraufhin verschwinden. Das ist mein Irrsinn! So denke ich jetzt.

Ich begründe meine Entscheidung damit, dass die Schule in der Kreisstadt mich echt geschafft habe. Ich müsste da raus, weil ich dort sonst krank werde. Deshalb habe ich eine andere Schule in der Großstadt gefunden, in der das hoffentlich besser wird. Alle finden es schade, dass ich gehe, aber sie verstehen, dass ich die Schule schaffen muss und wenn das in Traunstein nicht sicher ist, etwas verändern muss.

Der Abend gerät zu einer Art Abschiedsabend, denn auch Thomas ist im Kopf schon damit beschäftigt, nach Berchtesgaden an seine neue Lehrstelle umzuziehen. Ida hat die Schule ziemlich gut abgeschlossen. Sie wird nach Salzburg gehen um dort zu studieren. Ida und Thomas haben sich vor zwei Wochen getrennt. Weil die Arbeitsgruppe nicht mehr stattfand und auch der Verkaufsstand eingeschlafen ist, habe ich davon nichts mitbekommen. Sie haben miteinander noch telefonischen Kontakt gehabt und in zwei Gesprächen geklärt, dass die Trennung endgültig ist.

So wird der Abend kein lustiger Grillabend, wie ich das eigentlich nach der Kinderfreizeit mit Martin besprochen hatte, sondern die Gespräche an dem Abend werden immer ruhiger. Gegen ein Uhr Nachts erheben sich meine Freunde und ich begleite sie hinunter bis vor die schmiedeeiserne Gartentüre. Ich spüre, dass es nun vorbei ist mit uns. Das ist endlich die Situation, in der ich Pete umarme. Sie küsst mich auf die Wangen.

Umzug

Der Deutschlehrer kommt nach wochenlanger Erkrankung heute ein letztes Mal in die Deutschstunde. Er kommt um mit uns zusammen die letzte Prüfung des Schuljahres in seinem Fach zu korrigieren. Er verteilt die Ergebnisse zu Beginn der Stunde und bespricht mit uns das Thema des Textes der Textanalyse. In dem Text geht es um einen Schmied, der versucht sein Glück zu schmieden. Der Schmied scheitert daran, dass ihn in seiner nächsten Umgebung niemand unterstützt. Er scheitert daran, dass er anderes gelernt hat, als das, was in seiner Umgebung nun notwendig geworden ist. Sein Scheitern hängt schließlich auch damit zusammen, dass die vielen Ideen die er hat, um an seinem Glück zu arbeiten, von niemandem gutgeheißen oder anerkannt werden. Seine Ideen, so stellt der Schmied schließlich fest, sind einfach nicht zeitgemäß, sie passen nicht zum Zeitgeist. Der Zeitgeist regiert seine Welt, so denkt der Schmied, aber er hat Ideen, die zu weltoffen sind für den Zeitgeist. Manchmal flucht der Schmied wütend über diesen, wie er findet, komischen Geist. Dann schreit er laut in seiner Werkstatt herum und trampelt darin auf und ab.

Der Schmied will zum Beispiel in seiner Arbeit nicht nur für sich allein Arbeiten, sondern er versucht ein Team zu gründen, in dem er zusammen mit anderen arbeiten möchte. Aber alle Kollegen, die er für sein Team zu gewinnen versucht, begegnen dem Schmied mit Misstrauen. Ständig wird der Schmied gefragt, was er eigentlich im Schilde führe, welche Tricks hinter seinen Ideen steckten, hinter welches Licht er die Menschen nun führen wolle, um mehr Geld zu verdienen, um einen Vorteil zu erreichen, um besser zu sein, als die Konkurrenz. Er findet keinen Weg seine Ideen umzusetzen, denn der Zeitgeist, auf den er stößt, ist eine völlig anderer. Er ist geprägt von Abgrenzung, Konkurrenz und Ablehnung der Menschen.

Schließlich erklärt der Schmied sein Schmieden für gescheitert. Er zieht sich zurück und beginnt in einer anderen Stadt von vorne. Dort will er sich von Beginn an dem Zeitgeist unterwerfen. Er schmiedet nicht mehr an Glück, sondern er will nur noch arbeiten um zu produzieren, er will gewinnen, er will an Anderen vorbeiziehen, anstatt zu versuchen sie mitzunehmen. Das ist nun sein Ziel: Er wird sein Glück suchen indem er den Zeitgeist in sein Leben integriert, anstatt ständig eigene Ideen zu entwickeln und zu verfolgen. Am Glück zu schmieden, das funktioniert nicht. Glück ist etwas anderes, es ist schon da, man muss es nur finden, dazu braucht man den Zeitgeist, es muss nicht erst geschmiedet werden. So denkt der Schmied nun.

Im Laufe der Deutschstunde wird mir klar, dass der Deutschlehrer einen Text ausgesucht hatte, der große Teile seiner eigenen Situation beschreibt. Auch der Deutschlehrer wird die Schule verlassen, dann er ist an ihr gescheitert. Er verabschiedet sich mit einer letzten Unterrichtsstunde und einer letzten Prüfung in der er seine eigene Situation aufgreift. Aber im Gegensatz zum Schmied erklärt er, dass er nicht nur die Kreisstadt verlässt um in eine andere Stadt zu gehen, sondern er wird das Bundesland wechseln. Er hofft darauf, nicht eines Tages neu beginnen zu müssen wie der Schmied, sondern er versucht es noch einmal. Deshalb wechselt er das Bundesland. Erst wenn er auch dort scheitert, bleibt ihm nichts anderes als sich, so wie der Schmied es plant, dem Zeitgeist bedingungslos anzupassen.

Es ist die Unterrichtsstunde des großen Interesses. Nie zuvor hatte ich in der Schulklasse solch interessierte Augen gesehen. In dem Klassenraum herrscht keine Ruhe aus Zwang, so wie dass üblicher Weise der Fall ist, sondern die Ruhe entsteht aus Erstaunen darüber, was hier vorgeht. Im Gesicht von manchem Mitschüler beobachte ich höchste Spannung und Aufmerksamkeit.

Was der Lehrer tut ist ungewöhnlich. Spannung entsteht, weil er nicht davon spricht, dass er gescheitert ist, sondern davon, dass er weitermachen wird. Aber er wird anderen Ortes weitermachen. Darin sieht der Lehrer Sinn. Sein Ziel ist nicht gescheitert, sondern er ist an seiner Umgebung gescheitert. Auch ich sehe, genauso wie viel Mitschüler den Lehrer ungläubig und überrascht an. Noch einmal versuchen, was hier nicht funktioniert? Die Umgebung wechseln, weil die Umgebung schlecht ist? Das finde ich interessant. Vielleicht gibt es für mich auch eine bessere Umgebung? Vielleicht ist auch meine Entscheidung zum Wechsel dieser Schule völlig richtig. Vielleicht ist das Klima der Menschen an dieser Schule so stark vom Zeitgeist geprägt, dass Menschen wie ich einfach keine Chance haben. Wenn das stimmt, ist es vollkommen richtig, nach anderen Chancen zu suchen, denn die können sich hier, an dieser Zeitgeist-Schule, nicht entwickeln.

Die letzte Deutschstunde ist für mich die interessanteste Stunde an dieser Schule. Sie hat Inhalt, Aussage und Perspektive. Sie ist zumindest für zwei Leute, dem Deutschlehrer und mir, voll von Bestätigungen für wichtige Entscheidungen. Sie rüttelt mindestens dreißig andere Mitschüler zumindest kurzzeitig auf. Sie regt die Mitschüler zu Überraschung, Erstaunen und schließlich Nachdenklichkeit an. Auch wenn das zunächst nichts ändert, könnte die letzte Deutschstunde zumindest ein winziges Sandkorn im Getriebe der Gleichgültigkeit, Anpassung und schlichten Unterwerfung unter den Zeitgeist aus selbstherrlicher Konkurrenz und Ausgrenzung, die an der Schule täglich gelebt wird, sein. Aus derartigen Erlebnissen könnte sich für manchen Mitschüler eines Tages eine hübsche Handlungssumme ergeben.

Der rote Bus vom Jugendbüro ist bis unters Dach vollgestopft mit meinen Sachen. Das alte Sofa haben wir nun endlich zum Sperrmüll gebracht. Den alten Fernsehapparat, er hatte schon seit Wochen nur noch Ton aber kein Bild mehr von sich gegeben, versenkte ich früh morgens nach der letzten Rückkehr von meiner Feuerstelle in der großen Mülltonne neben dem Moulin Rouge. Dort parken keine Autos mehr, sondern auf dem Parkplatz wurde vor Tagen ein großer Kran aufgebaut. Das Moulin Rouge hat das Zeitliche hinter sich. Dort werden keine angeblichen Kreis- und Landräte mehr ein und ausgehen. Es wird abgerissen. An seiner Stelle entstehen neue Einfamilienhäuser. Die Bautafeln, die das bewerben, stehen bereits.

Der gelbe Opel-Kadett hat seine letzte Fahrt hinter sich. Sie führte mich zu einem Feuerwehrfest. Dort habe ich die Kennzeichen abgeschraubt und das Auto den Feuerwehrleuten überlassen. Die bauten das Auto in eine Sicherheitsvorführung ein. Zum Schluss erkannte ich den Motor, der aus einem Haufen zerschnittenen, gelben Blechs herausragte. Am Motor erkannte ich aus sicherer Entfernung die Lichtmaschine, die ich mir am Straßenrand für wenig Geld hatte einbauen lassen.

Frau Stößer verzichtet auf die halbe Monatsmiete für die Hälfte des Monats August. Sie hat verstanden, dass ich die neue Wohnung erst renovieren muss und deshalb nicht sofort umziehen kann, aber in der Stadt schon Miete bezahle. „Das ist der Zeitgeist!“ So rief Frau Stößer und dass es in der Großstadt eben anders zuginge. Ich könnte ruhig noch bis Mitte des Monats bleiben, so schnell finde sie eh keinen Nachmieter für mein Zimmer. Sie überlege, ob sie das Zimmer überhaupt weiter vermieten werde, eigentlich könne sie auch ein Gästezimmer daraus machen für Besucher.

Martin fährt den roten Jugendbus dicht an die Haustür meiner neuen Bleibe heran. Das Ausladen ist in eine knappen halben Stunde geschafft. Ich wohne, wie bei Frau Stößer im zweiten Stock, aber die Aussicht ist unvergleichbar. Anstatt der Kreisstadt mit dem Fluss, sehe ich aus meinem Fenster heraus die tosende Autobahn mit sechs Fahrspuren. Martin stellt mit mir zusammen Schrank und Schreibtisch in meinem neuen Zimmer auf. Nach der Arbeit lässt er sich erschöpft in den orangenfarbenen Sessel fallen. Martin kennt die Stadt, denn hier hat er seine kaufmännische Ausbildung gemacht und währenddessen in einem Wohnheim gewohnt. Hin und wieder führt ihn sein Weg in die Stadt zu alten Bekannten. Er versichert mir, dass er mich anrufen und besuchen wird.

Von Thomas, meinem neuen Mitbewohner in der Stadt sehe ich nichts, er ist offenbar in einem Baumarkt unterwegs. Die Renovierung der Wohnung ist noch nicht abgeschlossen. Die Küche ist noch nicht fertig und das Wohnzimmer steht voll mit Tapeziertisch und Farbeimern. Deshalb sitze ich mit Martin in meinem neuen Zimmer, das kleiner als die Hälfte meines Zimmers bei Frau Stößer ist. Wir sprechen über meine neue Schule, die im Herbst beginnt und über Martins alte Freunde, die er in der Stadt besucht. Er sitzt mir gegenüber, im orangenfarbigen Sessel, der mich an Pete erinnert. Ich denke, dass ich den Sessel wegwerfen werde.

Zusammen tragen wir den orangenfarbenen Sessel über die zwei Stockwerke durch das Treppenhaus hinunter. Martin fährt den roten Bus dicht vor die Tür. Draußen ist es dunkel geworden und es regnet. Wir laden den Sessel in den leeren Laderaum. Martin befestigt ihn rechts und links mit einer Schnur. Martin schüttelt mir die Hand und wirft einen prüfenden Blick durch die Fenster auf den Sessel im Laderaum des Jugendbusses. Den kann ich in meinem Zimmer gut gebrauchen. Vielen Dank! Der hat halt jetzt eine kleine Reise in die Stadt gemacht! Martin lacht mich an, während er das sagt. Bis bald, wir telefonieren!

Der rote Jugendbus verschwindet im Verkehrsgetümmel der Autobahn. Ich steige die zwei Stockwerke hinauf in mein neues Zimmer. Ich habe es gelb gestrichen. Gelb wie die Farbe vom Opel-Kadett. Ich schalte das Licht ein. Ich setze mich an meinen Schreibtisch. Es ist ein grelles Gelb. Jetzt bin ich hier.

Nach der Entlassung 1983/84 – Erzählung 2021 von Bernd Thümmel

Nach der Entlassung 1983/84 – Erzählung von Bernd Thümmel

Inhaltsverzeichnis

Prolog

In der Aula

Nils und Mark

Nils Ralf und Rolf

Nils in der Autobahn-WG

Abends am Kneipentisch

Die Abreise

Eine Nacht am Grenzübergang, Harry der Tramper

Gedanken zum Schweigen im Auto

Trennung

Nils, allein in Wald und Gebirge

Nils traf Julian

Ein Künstler

Julian dachte an seinen Vater, Nils wachte wieder auf

Julian übte Nils

Julian auf Nils Spuren

Julian wartete auf Menschen, die Nils kannten

Julian traf Menschen, die Nils kannten

Julian feierte für Nils

Julian suchte ein neues Zuhause für Nils

Ein neues Zuhause für Nils

Julian saß für Nils in der Kneipe

Julian saß für Nils in seinem neuen Zimmer

Julian saß für Nils im Cafe Notfall

Julian saß für Nils auf der Schulbank

Julian war nicht Nils, er traf sich mit mir

Julian hörte in der Schule zu

Julian wollte wieder Nach Haus

Julian und ich am Donnerstag vor dem Allerheiligenwochenende

Durch eine Amtsstube nach Hinweiler

Julian stieg in sein Gebirge, über die Stadt dachte er nach

Eine Kettenreaktion

Julian war zurück in seinen Bergen

Ein Bericht in einem grauen Aktendeckel

Nils und Julian in den Mühlen der Justiz

Meine planmäßige Abreise aus Hinweiler

Nils und Julian: Aussteiger auf freiem Fuß

Das Ende der Geschichte von Julian und Nils und Assya

Prolog

Nils sitzt gemütlich auf dem braunen Kunstledersofa in seinem Zimmer. Er lehnt sich zurück, ein Bierglas in der Hand. Auf dem Tisch: drei offene Bierflaschen. Eine lange Nacht steht bevor. Nils lässt sich darauf ein. Er will sich das anhören. Julian sitzt neben ihm. Ebenfalls zurück gelehnt. Auch ein Bierglas in der Hand. Verträgt er das Bier heute? Ich habe für ihn Tee mitgebracht. Eine Tasse habe ich bereits vor ihn auf dem Tisch hingestellt. Bisher ignoriert er sie. Auch Julian will sich alles anhören. Von Anfang bis zum Schluss möchte er die Geschichte hören. Ich werde ihn wohl erst zum Schluss etwas fragen.

Julians Hündin Assya liegt in ihrem Körbchen in der Ecke. Sie begrüßte mich schwanzwedelnd. Ich vergaß für sie etwas mit zu bringen. Auch sie wird bleiben, während ich lese. Ab und zu wird sie aufstehen, schwanzwedelnd zu uns kommen, uns beschnuppern. Sie wird sich ab und an bei Julian oder Nils auf den Schoß setzen.

In der Aula

Als ich Nils 1983 zum ersten Mal traf, begann mein Eindruck, er könnte ein „lockerer Typ“ sein. Das betrachtete ich so, weil ich das so betrachten wollte. Ich dachte: Aus meiner Sicht betrachtet, glaube ich jetzt einfach mal, dass er ein „lockerer Typ“ ist. Was so ein „lockerer Typ“ ist, was ich darunter verstehe, das hatte ich damals nicht geklärt. Vielleicht blieb es ungeklärt, weil es nichts weiter als eine belanglose Redensart in meinem Kopf gewesen war. Mit ihr verschaffte ich mir die Sicherheit, die ich damals brauchte, um mich diesem Menschen nähern zu können.

Die Schüler und Schülerinnen der Klasse waren meist volljährig, manche hatten abgeschlossene Ausbildungen. Sie waren also „erwachsen“, wie ich mir damals so schön dachte und mancher Mensch damals ab und an so schön sagte. Am ersten Schultag standen sie etwas verängstigt und nicht wissend, welche Räume aufzusuchen waren, welche Bücher wo abzuholen waren, in der Aula herum.

Nils stand zunächst ruhig. Nach etwa zehn Minuten agierte er. Er beeinflusste. Er sah kein Problem darin, die Schülerinnen und Schüler, nicht herum zu kommandieren, sondern zu dirigieren. Dies tat er aus einer Selbstverständlichkeit heraus, deren Herkunft ich nie hinterfragt habe oder gar zu ergründen versucht hatte. Was er tat und sagte wirkte auf mich selbstverständlich, überzeugend, einfach, klar, offensiv beinahe offenbar und daher fertig, deshalb korrekt, gut, irgendwie logisch.

Er fand sich schnell in der für uns alle neuen Situation zurecht. Die sah so aus: Neue Schule. Ein unbekannter Betonbunker. Grau in trister Landschaft, eintönig in der schönen Großstadt. Ein hohes Haus, normal, zwanzig Stockwerke hoch, außen weiß, mit winzigen Fenstern die wirkten wie Schießluken.

Da standen sie in Gruppen herum und wirkten auf mich wie gestylte, nicht gestylte, bewusst gut gedresste, bewusst schlecht gedresste, oder unbewusst gedressete, so wie ich es einer von vielen gewesen war. Es gab dort in der Aula kreischende, sogar grölende Schülerinnen und Schüler, sie waren groß gewachsen, andere wiederum waren eher klein, einige waren auffällig, aber es gab auch sie, die unauffälligen, wie mich, doch die interessierten mich nicht. Ich interessierte mich wenig für meines Gleichen. Was ich damals wissen und lernen wollte, war anderes gewesen, als meines Gleichen kennen zu lernen. Ich wollte neues kennen lernen. Ich war auf der Suche, auf einer eigentlich niemals enden wollenden Suche. Die Suche nach Menschen, nach Kontakten, nach Leben.

Leben ist immer das, was anders ist, als das eigene Leben. Interessant war, was anders wirkte als das was ich mir am schnellsten, am einfachsten und damit wohl am besten vorstellen konnte. Aber so dachte ich nicht. Nicht an diesem Morgen in der Aula, nicht in dieser Zeit, eigentlich nie. Sondern so lebte ich. Einfach ohne das zu denken. Ich erinnere mich, dass ich darüber überhaupt nicht nachdachte. Sondern ich suchte einfach, und fand das, was anders war, als ich selbst. Mitten in der Hektik, in dem Geplärre und Geschnattere von jungen Menschen die mich wartend laut umgaben stand ich suchend herum. Lehrer dieser neuen Schule sah ich nicht.

Die zu kurzen, faulen Ferien waren schnell vorbei gewesen. Das Ergebnis der sechs freien Wochen war, dass ich noch fauler geworden war. Ich verspürte überhaupt keine Lust, wieder in diesen, meinen Alltag des Denkens und des Lernens einzusteigen. Wochenlang hatte ich es genossen, weder denken, noch lernen, noch lesen, noch schreiben oder rechnen zu müssen. Ich hatte die Ferien verlebt, als sei ich im Sommer nochmal dreizehn geworden. Ich tat so als wäre ich nicht erwachsen und verantwortlich für meine Zukunft.

Ich wollte einfach so tun, wie ich tat. Ich wollte mich auflehnen und wollte das  ablehen, was ich nicht mag. Mein Alltagsleben, mein Pflichtleben, mein schlecht durchdachtes Leben. Ich wusste, Menschen lernen und Denken. Aber so fand ich, das Leben ist schlecht durchdacht trotz viel Denken und Lernen. Ich glaubte, weil es wohl einfach schlecht ist, weil es prall gefüllt ist mit Widersprüchen und sehr viel Heuchelei.

Das alles zu denken wollte ich in den Ferien des Sommers 1983 einfach mal wieder richtig schön ignorieren. Das waren meine Ferien: Organisierte absichtliche völlige Ignoranz meiner Welt. Ich ignorierte, was ich zu tun hatte, was ich anzustreben hatte, dass ich mich auszubilden hatte, dass ich meinem Land zurück zu geben hatte, indem ich lernte, indem ich dachte, indem ich mich anpasste, indem ich leistete für das, was ich bisher bekommen hatte und für das, was ich künftig vom Leben in meinem Land erwarten durfte. Ich ignorierte, dass ich bald zu arbeiten hatte, dass ich gut zu funktionieren hatte, dass ich angepasst an alle Erwartungen zu sein hatte, denen ich mich gegenüber sah. Meine Zukunft war, zu leisten, was junge Menschen im Land der Leistung zu leisten hatten, um ein funktionierendes angepasstes Rädchen zu werden. Das waren, so fand ich damals, sehr schöne Ferien, gedankenlose Zeiten in denen ich mir nahm wovon ich glaubte es stünde mir zu: Faul in den Tag hinein leben, Regeln ignorieren, sie einfach nicht wahrnehmen, lange schlafen, spät zu Bett gehen und wenn was los war einfach was mitnehmen.

Der frustrierende Teil dessen bestand in dessen Ende, das absehbar am Morgen dieses Tages gekommen war. In Nils erkannte, oder interpretierte ich Eigenschaften, die geeignet schienen die regellose Zeit zu verlängern oder irgendwie in die nächste Zeit zu integrieren. Kurz gesagt: In der Aula spürte ich meine Unlust den Vormittag in in diesem Betonklotz zu verbringen. Nils war ein mir willkommener Lichtblick.

Nils steuerte und beeinflusste. Das sah leicht aus. Sicherlich war es schwierig. Er hatte die Funktion eines Gruppenleiters einer Gruppe, in der er nicht als Leiter vorgesehen war. Ein Leiter den es gar nicht gab. Er leitete etwas, das nicht mit Leitung rechnete. Ein zusammengewürfelter Schülerhaufen, der wartete. Er übernahm einen Teil des Haufen. Eigennutz? Eine Utopie? Angriffslust? Ungeduld?

Ich spürte, dass Nils hier etwas wollte. Er wollte sich abheben aus der plärrenden Masse. Er hatte dazu aber keine Befugnis, er hatte kein Amt, dass ihn berechtigte. Über sein Leiten dachte er, dass es nichts mit einem Amt zu tun hatte. Obwohl alles um ihn herum, nicht nur die Schule, sondern das alltägliche Leben „veramtlicht“ war.

Nils Leben und Denken spielte in üblichen, bekannten deutschen Strukturen. Es lag unweit der Ämter. Es war stark strukturiert. Es war von einem Wunsch nach Logik und Erklärbarkeit geprägt. Er strukturierte alles was er sah und dachte so, wie er es von seiner Kindheit an gewohnt war: Deutsch, genau. Wichtig war Logik, Genauigkeit, amtliches Denken und Sprechen. Nils deutsches Leben war nicht spontan, beinahe unmenschlich. Was er sagte und dachte, verdeckte Menschlichkeit. In seinem Kopf gab es in der deutschen Stadt kaum Menschlichkeit. Stattdessen gab es Amtlichkeit, Undurchschaubarkeit, Strukturiertheit als Zweck. Überhaupt gab es nur „-keit“ und „-ung“ in seinem Kopf, seiner Umgebung. Worte, die Farben und Formen beschrieben, waren in dem Leben unnötig. Die Millionen deutschen Schubladen, die seinen Kopf füllten, brauchten keine Verben.

Er leitete nicht wegen eines Amtes. Eigentlich dachte er, gehöre er zu einer Art Manövriermasse der Ämter. Manchmal fühlte er sich wie ein alter grauer Gaul in einer verstaubten, leicht vermoderten grauen Akte. Er, der leise wiehernde Amtsschimmel im grauen Blechaktenschrank.

In Träumen erkannte er manchmal etwas, das so gewesen war, wie er seine Wirklichkeit erlebte. Er sah sich sitzend auf einem winzigen, wackeligen, hölzernen Stühlchen zwischen tausend anderen. Die quatschten und nuschelten. Er war der einzige, der schrie. Er plärrte auf seinem Stühlchen. Keiner kümmerte sich um sein Geschrei. Nils wirkte auf mich auffällig, weil er unzufrieden war, mit seinem Leben. Das sah ich. Das interessierte mich.

Ich sah ihn an diesem Morgen. Unscheinbar, unbeteiligt, uninteressiert, fast gelangweilt – nicht provozierend, besser gesagt nicht willentlich provozierend. Ich sah seinen Blick. Er wirkte vielleicht wegen dessen Unscheinbarkeit trotzdem provozierend.

Nils lehnte an einem grauen Betonpfeiler. Seine Schultern waren schmal und hingen herunter. Nils blickte, eine Zigarette rauchend, auf fünf plappernde, plärrende, quakende Schulklassen. Sie drängten sich in dem von Zigaretten vequalmten Betonrondell in der Mitte der Aula.

Um Viertel nach acht Uhr stand er kurze Zeit im Sekretariat. Um zehn vor halb neun Uhr im Vorzimmer des Direktors. Dort erkannte er auf einem Plan welcher Raum für unsere Klasse vorgesehen war. Er griff nach einer Bücherabholliste, die auf einem hohen Tresen vor ihm lag und verschwand damit aus dem Zimmer. Die Sekretärin, im Gespräch mit dem Direktor, wollte, -konnte aber nicht- nach dem Grund seiner Anwesenheit in diesem Zimmer fragen, denn Nils war nur sekundenlang dort, er war sehr schnell wieder verschwunden.

Nils führte uns zu unserem Klassenraum. Er lotste die neue Schulklasse zur Bücherausgabe. So leitete er. Keiner fragte warum er das tat. Ungefragt begründete er sich. Er und alle anderen Schülerinnen und Schüler dieser Schule seien erwachsene Menschen. Deshalb wäre keine Zeit mit unnötiger Warterei zu verlieren. Schuld sei die verfehlte Organisation dieser Bildungseinrichtung. Nils agierte und urteilte.

Seine Tat, bei genauerer Betrachtung, war arrogant vielleicht überheblich. Was er an dem Morgen tat, stand ihm nicht zu. Aber wir alle machten mit.

Nils schlüpfte kurz in die Rolle der Personen, die sagten, was zu tun ist. Weil die Personen ausnahmsweise zu spät kamen, weil sie eine ihrer Tugenden selbst missachteten, übernahm Nils deren Funktion. Er war pünktlich an diesem Morgen. Niemand, kein Lehrer, kein Direktor konnte ihn stoppen, sie alle waren zu spät.

Nils war frech an diesem Morgen. Irgendwie kann man das so sagen. Er war an dem Vormittag jemand, der sich ein wenig aufrührerisch verhielt. Was er tat war aber nicht revolutionär. Es gab keinen Grund zur Revolution. Wir alle waren frei. Was Nils an diesem Morgen tat war eher ein Auswuchs unserer Freiheit. Was er tat war nicht angepasst, es war eigenmächtig. Vielleicht sogar selbstsüchtig, eventuell egozentrisch. Er tat es, denn es war seine Zeit, die er nicht vergeuden wollte. Wir machten mit, das war nichts besonderes. Wir waren einfache Schüler, es ging uns einfach zu gut. Die meisten von uns hatten faule Ferien hinter sich gebracht. Wir waren Wohlstandsspinner in einer freien Welt, könnte ich sagen.

Nils hatte gewisse Strukturen und deren Tugenden angenommen, verinnerlicht. Er musste stets pünktlich sein, er musste immer vernünftig sein. Um komplexe Zusammenhänge seines Alltags in der Stadt zu verstehen, musste er strukturiert denken. Alles was er uns, seinen noch fremden, künftigen Mitschülern, an diesem Vormittag in der Schule zu tun vorschlug, wozu er uns drängte, klang deshalb in meinen Ohren vollkommen normal, geradezu logisch, einfach selbstverständlich.

Nils sagte: „Warum stehen wir eigentlich hier wie bestellt und nicht abgeholt herum, Leute? Heute ist zwar unser erster Schultag in dieser Schule, deshalb kann man zwar behaupten, dass wir in diesem neuen Laden hier, von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Das kann aber kein Grund sein, uns hier Stunden lang in dieses „kotzige siebzigerjahre Betonrondell, genannt Aula“, zu pressen! Wir sind erwachsene Menschen. Wir müssen vernünftig handeln. Deshalb wollen wir vernünftig behandelt werden!“

Die Worte sprach Nils gelassen aus. Ich glaube, er übernahm sie von Erwachsenen. Er selbst war inzwischen erwachsen. Sein Sprechen ließ keinerlei Aufregung oder Aufgewühltheit vermuten. Er selbst betrachtete seine Haltung als normal, angemessen und gewöhnlich. Nichts Besonderes. Warum war er der einzige, der so auftrat? Hätte er das nicht getan, wäre ein anderer an seine Stelle getreten?

Nils organisierte, dass uns ein Unterrichtsraum als erste Klasse zugeteilt wurde. Er teilte zu. Als erste erhielten wir unsere Bücher in Händen, als einzige sahen wir unseren zukünftigen Klassenleiter, Herrn Gephart, und den Direktor an dem Vormittag nicht. Alles ging sehr schnell.

Um elf Uhr verließ Nils das Schulgelände. Er war nicht allein. Einige Mitschüler, auch ich, schlossen sich gerne an. Die Auffassung, man sei zwar Schüler am ersten Schultag, aber deshalb noch lange nicht in der Rolle eines Bittstellers, kam bei mir und einigen anderen gut an. Über unsere Zeit konnte nicht grenzenlos verfügt werden. Niemand wollte über Gebühr lange in der Aula herumstehen. Der Bittsteller wollte sich keine salbungsvolle, kultusministerielle, Begrüßungsansprache des Direktors anhören. Darauf zu verzichten fand unter einigen Schülern Zuspruch: „Die Rede muss man sich eben nicht anhören! Man besucht schließlich die Schule um einen höheren Abschluss zu erreichen. Ansprachen, von wem auch immer, sind da unnötig.“

Keiner zweifelte daran. Die Ansprache des Direktors war unnötig, obwohl keiner von uns den Redner an dem Vormittag gesehen, oder gehört hatte. Auf die Ansprache verzichteten wir.

Eine Gruppe von fünf, sechs Vertretern dieser Auffassung fand sich vor dem Schulhof zusammen. Wir beschlossen, die übrig gebliebene Zeit des kühlen Septembervormittages anders zu nutzen. Wir fuhren auf ein „Kennenlernpläuschchen“ ins Cafe Notfall nach Haidhausen. Sechs Personen zwängten sich in den hoffnungslos verrosteten VW-Polo von Mark.

Nils und Mark

Nils betrachtete ich erst in der Kneipe etwas genauer. Ein sehr magerer Typ. Ich schätze ihn auf etwa 1,75 Meter. schulterlange, dunkelbraune, glatte Haare. Rechts und links hingen zwei Zotteln herunter. Das schien mir wie eine Imitation von Koteletten. Sie sahen jedenfalls irgendwie künstlich aus. Ich war im Laufe des Vormittags im Cafe mutig geworden und fragte einfach. Nils behauptete die Koteletten seien echt. Ich ließ mich aber davon nicht überzeugen. Mittelpunkt im Gesicht von Nils bildete eine auffällig lange, spitz zulaufende, leicht gerötete Nase. Sie ragt unter seinen dunkelbraunen Augen heraus. Seine Augen, von feinen Wimpern und ebenso feinen Augenbrauen umgeben. Die Lippen schmal und blass, der Mund klein, die Backen mager und bereits faltig.

Beim Sprechen bewegten sich seine schmalen Lippen kaum. Er sprach sehr schnell und pflegte dabei eine fehlerfreie, nicht lispelnde oder stotternde oder sonst irgendwie auffällige, akzentfreie, nicht betont hochdeutsche, sondern eher dezent hochdeutsche Aussprache. Sein Ton war unauffällig. Stattdessen gestikulierte er mit beiden Händen. Seine Zeichen wirkten nicht übertrieben. Er benutzte mir bekannte Handzeichen: Schnell griff er sich an den Kopf, wenn er etwas für verrückt hielt. Die rechte Hand riss er hoch und drehte sie, wenn er eine Frage nicht beantworten konnte. Mit der Hand fuhr er vor seinen Körper, sein Gegenüber sah seine glatte Handfläche, den Arm streckte er dabei aus. Das war seine Abwehrbewegung. Sie bedeutete, dass er nicht weiter wollte. Er wirkte nicht wie ein wilder Gestikulierer. Er sprach zu einem Thema, das er kannte, zu dem er Stellung beziehen wollte, aber lange, ausführlich, genau und engagiert.

Am Vormittag im Cafe Notfall trank Nils zunächst eine Tasse Kaffee und danach einen Apfelsaft. Später erfuhr ich, dass er gerne und häufig Kneipen besuchte und dort Bier trank. Allerdings tat er das nicht tagsüber. Vor allem nicht Vormittags, sondern am liebsten Abends.

Nils war ein politischer Mensch. Er war nicht parteipolitisch engagiert. Er war der Meinung, dass alles was man spricht und tut irgendwie politisch ist. Er sagte: „Fast alles kann irgendwie in einen politischen Kontext gebracht werden. Man muss diesen Kontext nur herstellen. Manchmal muss man ihn den Leuten erst klar machen.“ Was Nils mir und den Anderen am Tisch damit sagen wollte, wusste ich nicht. Es wirke ein bisschen besserwisserisch und siebengscheit. Das schien er zu wissen, damit schien er zu spielen, denn seine Worte waren von einem ironischen Lächeln begleitet.

Mark, der uns mit seinem alten Auto her gefahren hatte, dachte und redete auch politisch. Er war allerdings deutlich radikaler unterwegs als Nils. Er sagte: „Ich schleppe grundsätzlichen Hass gegenüber Konservativem und Spießigem in dieser Stadt mit mir herum.“ Er erklärte nicht, was er unter den Begriffen verstand. Er ging von einem Nenner aus. Jeder in der Runde musste verstehen, was er meinte. Ich verstand nichts. Ich fragte ihn aber auch nicht. Ich spürte, dass es unangebracht war, so etwas zu fragen. Ich hatte zu kapieren. Mark erwartete, dass seine Zuhörer schnell verstehen was er für konservativ oder spießig hielt und warum er sich als politischen Menschen begriff. In der Gruppe hätte ich mich auf bestimmte Weise geoutet, wenn ich da nach gehakt hätte.

Sofort bannte er die Aufmerksamkeit der Gruppe am Tisch indem er einen abgehobenen Monolog über die, zum damaligen Zeitpunkt, „abgewrakte Münchner Kulturszene“ lostrat. Mark sprach von: „permanenten Angriffswellen auf die Betreiber diverser Musikkneipen, Bühnen und Hallen“. Nils hielt sich zurück, er hörte zu. Er dachte, er habe dazu nichts zu sagen. Kulturerfahrungen hatte er in der Stadt noch nicht gesammelt. Zumindest noch nicht, in dafür vorgesehenen Räumen. Seine persönliche Kultur, lebte er täglich. Doch die interessierte Mark wohl mit seinem Monolog nicht.

Nils Ralf und Rolf

Nils war erst wenige Wochen lang in der Stadt. Er lebte lange Zeit in einem Oberbayerischen Provinznest. In die Stadt kam er, um in einem anonymeren Rahmen, als er auf dem Land „gegeben sei“, seine „schulische Karriere“ zu Ende zu bringen. Er verließ das Nest, weil ihn seine dortigen Freunde und Bekannte permanent nach Drogen bedrängten. In seiner Wohnung fanden regelmäßig Festivitäten und „Spontanveranstaltungen“, wie er das nannte, statt, in deren Verlauf seine „angeblichen Freunde“ (wie er sie nannte) ihm „die Bude mit Marihuana und Haschisch einnebelten“ (so bezeichnete er das). Auf dieses Zeugs habe er „keinen Bock mehr“.

Er erzählte: „Ich habe es damals mehrfach ausprobiert, konnte der Wirkung aber nichts Angenehmes oder Positives abgewinnen. In dem Nest blieb ich deshalb nicht länger als ein Jahr. Mir wurde klar, dass meine angeblichen Freunde, eben nur angebliche waren. Mich beschlich immer öfter das Gefühl, dass die in erster Linie die Möglichkeiten meiner Wohnung schätzten. Bei so mancher Party in meiner Wohnung konnten die das Leben einfach Leben sein lassen. Angestunken hat mich, dass meine angeblichen Freunden, nachdem sie sich regelmäßig zugedröhnt hatten, keinerlei Gespräche mehr führen wollten. Morgens wühlten Gäste in meinen Abfalleimern herum. Sie vermuteten dort Restbestände von Pieces“. Tagelang beseitigte ich eine riesig große Sauerei.

Am Tisch im Cafe Notfall saßen auch Rolf und Ralf. Rolf hatte lange schwarze, ungefärbte Haare, war groß und kräftig. Ralf war klein und gedrungen und von allen am Tisch am besten genährt. Ich dachte: „Ralf ist fett“. Ralf sagte: „Ich bin ganz gut genährt!“

Ralf verbarg seine Einstellungen und Neigungen nicht. Jeder am Tisch musste Ralf nicht erst aus der Nase ziehen, dass er ein Fan von harter- aber auch schmalziger Rockmusik und von coolem Texasblues ist. Ralf gab der Bedienung ein „gutes Tape“, und bat sie es ein zu legen. Zu der Rockmusik, die daraufhin das Cafe Notfall beschallte sagte er: „Ich liebe diesen Sound Leute!“ Dabei faltete er seine dicken weißen Finger ineinander, blickte zur Decke und streckte die Arme wie zum Gebet hinauf. Anschließend steckte er sich ruhig eine Zigarette an. Genießerisch zog er daran, stützte den Zigarettenarm auf dem Tisch ab und blickte in die ihm an diesem Vormittag noch unbekannte Runde. Dabei lächelte er. Die fülligen roten Backen in seinem rundlichen Gesicht, bildeten grobe Grübchen. Ich glaubte ihm das Wenige, das er sagte. Seine Worte passten zu seinem Gesicht. Seine Züge an der Zigarette, sein Trinken aus dem Bierglas, sein Lächeln zu seiner geliebten Musik. Er strahlte Ruhe und Zufriedenheit aus.

Ralfs Welt war ruhig und in Ordnung. Wo er auftauchte, gestaltete er mit. Und wenn es nur „sein Tape“ war, das er einlegte, das zu ihm gehörte. So ließ er seine Person auf uns wirken. Die Wirkung unterstützte er mit seiner Musik. Er kannte niemanden an dem Tisch. Trotzdem musste er nicht viel reden. Er musste sich nicht aufregen wie Nils und Mark. Er musste niemanden provozieren. Er saß lächelnd da, blies Rauchwolken in den Raum, nippte ruhig am Glas, sonst nichts. Er rauchte lange Zigaretten, die er mit seinen dicken Fingern langsam aus der goldenen Packung pulte. „Big Sunrise“ stand darauf. Langsam führte er das Feuerzeug an den Mund, die Flamme stand ruhig vor seinem runden Gesicht, seine Augen glänzen. Ralf brachte seine persönliche Atmosphäre mit. Der klinisch weiße Raum, das Café Notfall, die polierten Tische und Spiegel strahlten kalt. Ralf zog genüßlich, nippte lächelnd, blinzelte aus glänzenden runden Kinderaugen, wie an Weihnachten. Er winkelte den rechten Fuß mit dem Wildledercowboystiefel an und legte ihn aufs Knie. Die weiße Neonatmosphäre im Cafe Notfall interessierte ihn nicht, für ihn war überall Weihnachten. Nach dem Vormittag wusste ich, dass man ihn Abends um acht Uhr an der Theke in „Sammys Finest“ findet. Eine Rockdisco, unweit vom Hauptbahnhof. Er lehnte dort und trankt „Blue Eyes“. Wie Ralf trank und rauchte, so sprach er. Seine Worte: „ich bin Abends in Sammys Finest“, sprach er weich und langatmig aus.

Der langhaarige Rolf stellte sich als Bassist in einer „Speed- und Powermetallband“ vor, die kürzlich auf „Undergroundsound“ umgesattelt habe. „Diese Musik liegt mir viel mehr, es schont meine empfindlichen Finger!“ Die Bühne auf der ich Rolf sehe ist schwarz wie sein Hemd und seine Hose. Schwere Rauchwolken hängen darüber, die Beleuchtung schimmert dürftig. Der Saal ist voll, dunkel, verqualmt und laut. Kein nerviges Fankreischen. Ich höre dumpfe, tiefe Lautstärke. Das Publikum scheint einige Zentimeter über dem Boden zu schweben. Ich stehe mittendrin und habe das Gefühl gleich ab zu heben, wie die Band auf der Bühne. Der Boden unter meinen Füßen ist glibberig, weich. Ich gehe, nein ich wate langsam durch die Menge. Ich komme an vielen schwarzen Rücken vorbei. Lederjackenrücken. Über jeden Rücken hängen schwarze, lange, gelockte Haare. Jetzt geht der Lärm richtig los. Der Sound ist beinahe undefinierbar. Er ist schnell. Er ist laut. Es ist wie ein Wallen. Der Schlagzeuger haut in irrsinnigem Tempo drauf. Der Gitarrist am vorderen Bühnenrand, knallt sofort auf die Knie. Ein schwarzer, langer, dünner Sänger neben ihm. Greift das Mikrophon mit samt Mikroständer. Reißt den in die Höhe, starrt an die dunkle Decke, schiebt sich das Mikro in den Mund, holt tief Luft durch die Nase. Das ist seine Art zu singen. Schaurig brummt es. Das Publikum zappelt. Die Bewegungen der Tanzende sind kurz und schnell. Ein nervöses Zappeln. Das Zappeln braucht wenig Platz. Sofort ergreift es auch mich. Zappelnd arbeite ich mich durch den Nebel zur kaum beleuchteten Bühne vor. Ich gleite an Lederjacken und schwarzen Haare vorbei. Streifende Berührungen. Die Musik ist schnell. Ich spüre: Aggression. Ich rieche: abgestandenes Bier, Schnapsfahnen und dichten Zigarettenqualm. Der Schlagzeuger haut noch kräftiger. Es ist eine hektisch gespielte Musik. Rolf scheint der wichtigste Mann in der Band zu sein. Die Adern seiner Arme schwillen an. Sein Gesicht glänzt. Das weiße Unterhemd färbt sich in einem runden Bogen um den Hals dunkler. Die Gitarre kreischt. Der Sänger verschluckt sich, sein Mikro sehe ich nicht mehr. Seine weißen Backen sind fettig, das Mikro ist weg. Mein Körper wird erfasst von dumpfem, tiefem Wallen. Ein Wallen, das mich durchdringt. Es ergreift meine Organe, ich spüre sie, sie vibrieren. Ein Wallen, das den ganzen Raum ergreift. Ich erkenne es nicht aber ich spüre es. Ist es hörbar? Was lässt mein Herz galoppieren?

Es sind Schläge von vorne, von der Bühne und vom Boden. Sie ergreifen meinen Körper. Der Griff wird fester, je näher ich der Bühne komme. Ich stehe jetzt ganz vorne. Ich will wissen, was es ist. Ich reiße meine Augen weit auf. Ich sehe den Gitarristen, er kniet vor mir, die Gitarre auf dem Bauch, sein Blick verzerrt, wie sein Gitarrenklang. Der lange Sänger: ich könnte nach seinen schwarzen Beinen greifen, so nah ist er. Das Mikrokabel hängt vor seinem Körper. Es fällt aus seinem Mund, er starrt nach oben. Was ist da oben? Ich sehe hoch und sehe die dunkle Decke. Der Schlagzeuger knallt noch kräftiger. Seine Stöcke zersplittern. Sofort zieht er den nächsten Stock heraus und drischt damit weiter auf sein Instrument ein. Sekundenschnell rast er mit den Stöcken über die Hi-Hat, das Ride und kracht in das Crashbecken. Das klirrt und scheppert, es bummpert und dumpert. Das knallt laut. Der Rhythmus stößt mich ab. Das beeindruckt mich. Woher kommt das tiefe Wallen in meinem Körper? Ich muss es finden. Jetzt reiße ich meine Augen noch weiter auf.

Und endlich spüre ich eine klare innere Erleichterung. Ich atme tief ein und aus. Das Wallen bleibt, wird ein wenig schwächer, ich sehe, wo es herkommt. In der dunklen rechten Ecke: ein schwarzer Verstärker. Darauf sehe ich ein halbvolles Glas. Bier schwappt darin hin und her. Neben dem Bierglas, in rhythmischer Bewegung, es ist der Rhythmus des Schlagzeugs, ein dunkler, hölzerner Hals mit vier, im Scheinwerferlicht spiegelnden, silbernen Drehknöpfen. Es ist der Hals des Baßes. Rhythmisch erscheint und verschwindet er hinter dem langen Sänger. Jetzt schiebe ich mich rechts am vorderen Rand entlang. Der Sänger würgt und schluckt, er zieht das Mikro aus dem Mund. Reißt den Kopf zur Seite. Endlich sehe ich ihn. Schwarz gekleidet, er qualmt eine Zigarette , sie steckt in seinem Mundwinkel. Er sorgt für das Wallen. Der Bassist. Rolf.

 

Nils in der Autobahn-WG

Mark, der Exzentriker viel mir kurzfristig stärker auf als Nils. Im Religionsunterricht sagte er über die Darstellung der Geburt des Kindes der Jungfrau Maria: „..dann hat sie ihr Kind wohl irgendwie ausgeschissen!“ Damit schockierte er den katholischen Lehrer und die jungen Schülerinnen, die in der vorderen Reihe saßen. Mark regte sich leicht, schnell und viel auf. Er konnte sich kaum zurückhalten. Er stand durch krasse Beiträge und Kommentierungen im Mittelpunkt. Schnell war er bei allen Lehrern, bis hin zum Direktor negativ bekannt.

Nils blieb zwar auch kein unbeschriebenes Blatt, liebte es jedoch eher, bestimmte Situationen durch eine ruhige, dezente, persönlichere Art auf den Gipfel zu treiben. Nach einem Dreivierteljahr war es normal, dass er den Mathematiklehrer und Klassenleiter Gephart, regelmäßig in ruhigem doch sehr bestimmtem Ton darauf hinwies, dass sein militärischer Ton unnötig ist.

Nils viel mir außerhalb des Unterrichtes auf. Was war das für eine WG, in der Nils wohnte? Ich besuchte ihn dort und sprach mit ihm.

„In die Autobahn-WG zog ich, nachdem ich das ruhige, Oberbayerische Provinznest mit der spießigen Vermieterin verlassen hatte. Ich bezeichne meinen Umzug gerne als Wohnkontrast. Die achtspurige Autobahn vor meinem Fenster ist ein unglaublicher Kontrast zur oberbayerischen Idylle.“

„Warum bist du überhaupt in die Stadt gezogen?“

„Erzähl ich später. Jetzt rede ich kurz von Michael, meinen Mitbewohner. Ich kenne ihn aus einem anderen Oberbayerischen Gebirgsdorf, in dem ich früher lebte.“

„Warum sagst du nicht, wie das Dorf heißt?“

„Weil’s unwichtig ist. Wenn ich’s sage, verbindest du meine Erlebnisse mit diesem Namen. Wenn du in dieses Dorf kommst, würdest du an mich denken. Das finde ich doof. Du solltest lieber etwas eigenes über neue Orte denken.

Also weiter zur Entstehung der Autobahn WG: Michael ist ein phantastischer Schlagzeuger. Echt geil, sein Rumgehämmere, ich fahr total darauf ab! Aber, das ist unwichtig, es war so: Sein Können gibt er in mehreren Bands zum Besten. Ich bin als Zuschauer und Fan natürlich bei jedem Gig dabei. Bei einem dieser Bandauftritte besprach ich spontan mit ihm das Thema Wohnungssuche. Michael wollte in München die Berufsoberschule besuchen. Wohnungsmäßig kannte er einen Typen. Der Wirt einer Kneipe. Der wollte eine gepachtete Wohnung untervermieten. Wie du siehst, liegt sie über einer Pilsbar. In der Wohnung stehst du gerade!“

„Und dann?“

„Was dann? Alles war klar! Der Typ erhielt von der Brauerei die Genehmigung zur Untervermietung und meldete sich bei Michael wieder. Michael und ich waren die gesamten Sommerferien mit der Bewohnbarmachung, sprich Renovierung, beschäftigt. Eine komplette Wand haben wir neu eingezogen. Jetzt siehts hier schon einigermaßen wohnlich aus. Was ich zu spät merkte: mich stört der Autobahnterror und der Vermieter. Ich hasse Lärmstreß und Ausbeuter.“

„Wieso? Was ist mit dem Vermieter? Er ist doch ein Kumpel von Michael oder?“

„Ja, klar, das stimmt schon. Aber trotzdem stresst der Typ. Er ist ein halbstarker Angeber. Und er säuft zu viel. Leider. Das ist schade. Er ruiniert sich. Vielleicht ist er auch ein wenig dumm. Die Kombination ergibt, dass ich ihm nicht helfen will. Im Gegenteil, ich beginne langsam ihn zu hassen, trotz seiner Krankheit.“

Wo immer er das Thema ansprach, behauptete Nils, es ginge ihm in der Autobahn-WG „nicht schlecht“. Mit Michael, verstand er sich gut. Er entpuppte sich als wunderbarer Begleiter für abendliche Kneipen- und Musiktouren. Mit einem schrottreifen gelben Käfer fuhren beide Nächte lang durch die Straßen und Kneipen der Stadt.

Probleme zwischen beiden gab es kaum.

„Probleme? Was sind schon Probleme? Überall gibts welche, wenn man will!“

„Nein, das meine ich nicht, ich meine konkrete Probleme, im Zusammenwohnen, zwischen dir und Michael. Gibt es die?“

„Konkret? Aha, sehr gut! Sowas gibts fast nicht mehr! Ha, ha, hi hi,(Nilslachen). Also ok. Probleme: Michael hat einen wesentlich höheren Lebensstandard als ich. Das ist manchmal ein Problem. Ich lebe von der Stütze, von Geld, das ich kriege, solange ich noch zur Schule marschiere.“

„Was ist das für Geld?“

„Ja, mein Geld natürlich! Ich hab kein schlechtes Gewissen dabei. Obwohl ich weiß, man sollte eines haben. Gell?“

„Wie meinst du das?“

„Ich folge nur den Worten eines neuen, reißerisch – meiner Meinung nach auf Boulevardzeitungsniveau – aufgemachten, angeblichen Nachrichtenmagazins hier in München. Ich bin Sozialschmarotzer! Ist doch alles ganz einfach! Jeder der Stütze kriegt, ist ein Abkassierer! Das Blättchen sagt: diejenigen, die am wenigsten haben sind die größten Abkassierer! Gemeint bin ich. Das finde ich gut. Denn wer wenig hat, soll ruhig mal was einsammeln! Spaß beiseite, das ganze ist natürlich furchtbar traurig, einfach hundsgemein! Niveaulose Propaganda.“

„Was ärgert dich wirklich?“

„dass die damit ihre Kohle machen. Die wahre Schmarotzerkohle verdienen sich die Boulevardschmarotzer! Sie machen fiesen Wind und kassieren dafür ab.“

Michael arbeitete relativ gut bezahlt in einem Squashcenter. Den Job nahm er wichtiger, als seine Schulkarriere. Die Berufsoberschule schmiß er nach drei Monaten hin. So hatte er mehr Zeit zu arbeiten, verdiente mehr und kaufte viel und gerne ein.

„Meine Kohle reicht hinten und vorne nicht. Meinen Beitrag an den Kosten in der WG kann ich mir nur deshalb leisten, weil ich kaum Kleidung, Schallplatten oder ähnliches kaufe.“

Ein Jahr lang wohnte Nils in der Autobahn-WG. Er lebte ständig am Rande eines überzogenen Bankkontos. Trotzdem geschah es niemals, dass ein Teil der monatlich einlaufenden Stütze, vom bis dahin anfallenden Überziehungskredit der Bank, gefressen wurde. Nils verlor nicht den Überblick über die eigene finanzielle Lage. Er hasste die Banken. Deshalb lebte er nach seinem Motto: „Lieber hungern bevor die Banken dich auffressen! Eine meiner geliebten Übertreibungen! Ihre Kandidaten für die gewinnbringende Überschuldungsproblematik müssen sich die Banken wo anders suchen. Ich bin nicht naiv genug, um auf sie herein zu fallen. Sie sind profitgeile Geschäftemacher.“

Nils liebte spontane Feste. Er nannte sie: „Sessions“ und „Happenings“. Die Begriffe bezeichneten immer das gleiche: es handelte sich um Partys in deren Verlauf dem Gast klar wurde, dass seine Spontaneität der wichtigste Faktor für die Gestaltung des Ablaufs war.

„Eine Fete ist gut, wenn die Leute gut drauf sind und sich entsprechend einbringen. Ein richtig schlechtes Fest gibt es nicht.“

Während der ersten und letzten Autobahn-WG-Party, die ich miterlebte, verstanden sich Rolf und Sofia sehr gut. Sofia erwartete ein Kind. Der werdende Vater lebte mit einer anderen Frau zusammen. Beide unterhielten sich ausgiebig über alle möglichen Dinge. Sie betrafen die Welt und Gott. Ich glaube, das war eher ein Weltverbesserergespräch. Sofia entschied, den Mann an diesem Abend nicht ungeküsst gehen zu lassen. Sie entschied bereits, bevor Rolf klassisch männlich zu denken begann. Ihre Absicht kam trotzdem zu spät, denn Rolf dachte weder klassisch noch männlich. Er dachte überhaupt nicht. Er küsste. Sofia, vorbereitet, ließ sich ein. So verbrachten beide den Abend, eng aneinander geschmiegt auf einem kleinen roten Zweisitzersofa in der linken Ecke des Wohnzimmers.

Nils unterhielt sich ausgiebig mit Christine. Beide tauschten sich über jede Menge Dinge aus: darüber wo sie herkommt, was sie gemacht hat, was sie auf der Schule wollte, was sie danach tun wollte, was Nils für ein Typ sei, warum er sich mit den Lehrern in der Schule auseinandersetze und anlege und so weiter. Ich glaube, das war eher ein Weltfrustgespräch. Nils interessierte nicht, dass Christines Aufmerksamkeit über den Inhalt des Gespräches hinausging. Die Beziehungsebene. Auf diesem Auge gab Nils sich blind. Damit machte er sich für Christine interessant.

Was sollte dieser „Smalltalk“?

„Was für’n Smalltalk?“

„Na der mit dieser Frau, komm schon du weißt schon wen ich meine!“

„Achso Christine. Das war kein Smalltalk, es war ein Informationsaustausch. Ganz normal! Jetzt kenne ich sie besser und sie kennt mich besser. Kein Problem. Kein Smalltalk, normales Gespräch!“

„Meinst du nicht, sie wollte an diesem Abend mehr von dir als nur quatschen?“

„Nö, wieso denn auch? Ich habe da nichts gemerkt. Ich gebe zu: vielleicht auch, weil ich kein Interesse an ihr hatte. Bestimmt sogar. Ok, stimmt, ich geb’s zu, ich habe da ein bißchen geblockt. Aber ich find es scheiße, wenn die Leute auf Festen plötzlich anfangen miteinander rum zu knutschen. Meist bereuht man es im Nachhinein.“

„Hättest du gerne gleich rumgeknutscht?“

„Find ich echt dumm die Frage! Das täten wir doch alle gerne. Oder nicht? Aber es ist eben nicht immer richtig. Ok, du hast recht, ich habe nicht gemerkt, was Christine von mir wollte. Aber: warum hab ich’s nicht gemerkt? Ganz einfach: weil ich nichts merken wollte. Also: kein Smalltalk!“

Michael organisierte die Instrumente seiner Band. So kam es zu einer ausgiebigen Musiksession. Michaels Schlagzeug, Rolfs Baß, Ralfs Gitarre und Nils Gesang ergaben eine ohrenbetäubende Mischung. Die Wohnung zitterte. Bilder vielen von der Wand. Der Boden vibrierte. Die Gäste, nicht mal zwanzig Leute, waren restlos begeistert. Sie johlten, gröhlten und stampften. Aschenbecher und Bierflaschen kippten um. Der grüne Teppich aus den Siebzigern ergraute. Der Lärm überdröhnte die acht Fahrspuren vor dem Fenster. Mehrmals wurde die Polizei abgewiesen. Man verwies auf den Lärm den die Autobahn herbeiführte. Dafür ernteten wir verständige Blicke.

Drogen wurden konsumiert. Ausgerechnet im kleinen Zimmer von Nils im zweiten Stock. Er roch es sofort als er nach oben ging. Natürlich nahm er die Tatsache, dass auch auf diesem, seinem ersten Fest in München, wieder dieses Zeug konsumiert wurde, gelassen in Kauf. Sich aufzuregen wäre eindeutig schlecht gewesen. Nils: „Taktisch praktisch völlig daneben.“ Deswegen eine Szene hätte nichts und niemandem etwas gebracht. Nils: „Die Fete wäre definitiv den Bach runter gegangen und in einem abgewrackten, miesen Ende versackt.“ Er öffnete das Fenster seines Zimmers und ließ etwas Luft, Lärm und Gestank herein.

Das Fest endete erfolgreich gegen vier Uhr Morgens. Begleitet von einer Aktion, die mit der Party nichts zu tun hatte. Drei Einsatzfahrzeuge der Polizei fuhren mit Blaulicht und Martinshorn an der Pilzkneipe, unterhalb der Wohnung auf dem Autobahnpannenstreifen vor. Sämtliche Besucher der Kneipe, einschließlich des Wirtes, wurden mitgenommen. Am nächsten Tag hörte Nils, dass unten eine der üblichen Schlägereien stattfand.

Im Verlauf des Jahres in der Autobahn-WG entstand zwischen Nils und dem Vermieter, ein handfester Streit. Von den Auseinandersetzungen erlebte ich einige persönlich mit. Hin und wieder saß ich Nachmittags bei Nils Zuhause. Wir tranken Kaffee, rauchten Zigaretten und hörten Musik.

Jedes mal wenn wir kamen lag der besoffene Sigi auf dem Sofa im Wohnzimmer und quatschte angeregt mit Michael. Der arbeitete Abends und konnte Sigi tagsüber nicht abweisen. Sigi war alkoholabhängig. Sein Gesicht war rot und zerfurcht. Er war Kettenraucher. Täglich lag er schon Nachmittags um zwei Uhr besoffen da. An das Sofa in der Autobahn-WG gewöhnte er sich schnell. Sigi lallte. Er prahlte mit Schlägereien in seiner Kneipe. Mit denen hatte er natürlich nichts zu tun. Sie entstanden aus dem „Nichts“. Seine Kneipengäste sollten froh sein, so lallte er, dass er ein solch friedfertiger, aufgeschlossener Wirt war. Er greife, wenn es notwendig werde auch mal in Schlägereien ein. Seine Kundschaft bezeichnete Sigi als „Grattler“ ein bayerischer Ausdruck dessen genaue Bedeutung Sigi nicht erklären wollte. Er war der Meinung, dass, wer in Bayern lebe, wissen müsse, was unter dem Begriff „Grattler“ zu verstehen ist. Auch ein „Zuagroaster“, wie Michael, habe das zu lernen. Es bestünde eine Verpflichtung, sich eingehend damit zu befassen, wolle man schon in Bayern leben (was man sich schließlich freiwillig ausgesucht hat). Wer hier wohne, so Sigi, müsse sich dem Land anpassen, oder: „soid er hoid sei depperte Bappen hoiten! Wenn er des need duad, gibt’s oans auf’s Mei!“ Solche Schlägereien seien keine „Übergriffe“ der Stammgäste seines Lokales auf die amerikanischen Besucher der benachbarten US-Kaserne, wie Michael es einmal behauptete. Sondern, so erklärte der Wirt: „wenn da Amerikana sei schwarze Goschen z’weit aufreißt, kriagt da oans drauf! Genauso wie irgend a andana dreckada Ausländaa!“

So lallte Sigi besoffen auf dem Sofa. Ich verstand, dass Nils das nicht ertrug. Es störte ihn derart, dass er den ersten Stock der Wohnung, Mittags, wenn er von der Schule kam, nie betrat. Nils Zimmer lag im Dachgeschoß. Bad und Toilette waren ebenfalls oben. Auf die Küche und das Wohnzimmer, mit dem „ausländerfeindlichen Betrüger-Sigi“ verzichtete er.

Nils Wut auf Sigi entstand nicht nur wegen dessen besoffener Herumliegerei und der Parolen auf dem Sofa. Er beschuldigte Sigi, maßgeblich an der Höhe der Stromrechnung ihrer Wohnung beteiligt zu sein. Seine Untersuchungen der Stromanschlüsse im Keller ergaben, dass Sigis Getränkekühlanlage am Stromzähler ihrer Wohnung angeschlossen war.

Naiv (was mich überraschte), äußerte er seinen Verdacht gegenüber Sigi. Nur dank Michael, der geistesgegenwärtig sein gesamtes Körpergewicht auf Betrüger-Sigi warf, kam Nils ohne blaues Auge und gebrochene Rippen davon. Wegen der Atmosphäre, von der er trotzdem, nach wie vor optimistisch feststellte: „die Autobahn-WG ist toll, ein Erlebnis!“, wollte er so schnell wie möglich ausziehen. Ein Problem: der relativ niedrige Mietpreis.

Ungeachtet der Wohnungsnot und hohen Mieten kündigte Nils trotzdem seinen Mietvertrag. In der Schulpause erzählte er:

„Also ich hab dem ausländerfeindlichen Ausbeuterhalbstarken jetzt meinen Mietvertrag zum 31.Juli gekündigt. Er ist einfach unerträglich geworden.“

„Und wo willste hinziehen, nach dem Einundreißigsten?“

„Völlig unklar, völlig unorganisiert! Das werde ich locker auf mich zukommen lassen und irgendwie hinbiegen. Ich habe da son paar Kumpels, in einem riesen Haus mit Garage, dort kann ich mein Gerümpel zunächst mal verstauen und mich unter deren Adresse anmelden. Im Laufe der Sommerferien werde ich schon irgend eine Bleibe finden. Ich sehe das alles relativ gelassen.“

Diese Art von Nils imponierte mir. Sah er die Dinge tatsächlich so wie er sie nannte? Jedenfalls zog er seine Pläne entsprechend durch. Zum Zeitpunkt unserer Unterhaltung hatte er einen entscheidenden Schritt ja bereits unternommen. Er hatte gekündigt. Damit war ganz klar, dass er ab dem ersten August auf der Straße saß.

Seine Absicherung waren die Sollner Freunde. Die Garage als Lagerplatz genügte. Vielleicht war es auch der persönliche Kontakt, der in ermutigte. Er plante mit einigen von denen die ersten vier Sommerferienwochen nach Südfrankreich zu fahren.

Nils: „Das wird eine heizige Fahrradtour.“

Diese Leute schienen sein Selbstbewusstsein zu stärken. Obdachlosigkeit. Den Gedanken fand ich existentiell. Er nannte ihn: „Das übliche alltägliche Leben. Man nimmt Nachteile in Kauf und hat dafür das Gefühl, nicht permanent gebückt durch die Gegend zu rennen.“

„Hast du da keine Angst gehabt, plötzlich völlig ohne Zimmer?“

Nils: „Naja, ich hab das verdrängt, hab es nicht überbewertet. Meine Abhängigkeit vom Betrüger-Sigi war schlimmer. Ihn los zu werden, war mir wichtiger, als mein Dach überm Kopf zu behalten.“

„Also keine Angst?“

„Angst, was heißt Angst? Sicher war das nicht so locker, wie es sich sagt. Aber, es war Sommer, draußen wars warm. Und ich dachte einfach: warum nicht? Ok, ich gebe zu, ich dachte nicht viel darüber nach. Hätte ich ausführlich gegrübelt, vielleicht hätte ich soviel Angst bekommen, dass ich in der Autobahn-WG geblieben wäre, bis ich ein neues Zimmer gefunden hätte.“

In den letzten sechs Schulwochen vor den Sommerferien blieb sein Verhalten unverändert. In den Unterricht brachte er sich ein wie eh und je, kommentierte dies und das. Er redete mit, wie immer.

Das Café Notfall wurde für die Gruppe zum Stammlokal. Man lief es regelmäßig Donnerstag Abends an. Analysen und ausufernde Diskussionen über die Situation in Schule und Schulklasse, aber auch die sogenannte Gesellschaft und Politik fanden statt. Jede Menge Ideen wurden entwickelt, an deren Umsetzung niemand dachte.

Abends am Kneipentisch

Zum Schuljahresende war Sofia im sechsten Monat deutlich schwanger. Rolf mit ihr, mehr oder weniger fest befreundet. Von wem Sofia das Kind erwartete, wusste aus der Notfall-Runde, keiner. Nur Rolf wusste bescheid. Nils hatte Interesse an Rolfs Situation. Er unterhielt sich häufig und lange mit ihm. Ursprünglich planten beide für die Sommerferien eine Urlaubstour nach Griechenland. Rolf zog jedoch kurzfristig zurück. Er wollte sich nicht so lange von Sofia trennen.

Eines Abends, es war Mitte Juli 1984, traf ich mich mit Nils und Rolf in einer Kneipe in Giesing. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Nils, nachdem er seinen Umzug in die Sollner Garage, abgewickelt hatte, mit vier seiner Sollner Kumpels nach Südfrankreich fährt. Zuerst drehte sich das Gespräch um die letzte Musiksession, die Rolf und Nils in der Autobahn-WG veranstalteten. Nils schwärmte die Idee vor, im Sollner Haus seiner Kumpels mit dem Schlagzeugspiel zu beginnen.

Nils: „Die Session war wirklich genial!“

Abgesehen von Autolärm und Gestank, schloß auch ich mich dieser Meinung an: „wirklich toll“, sagte ich.

Nach zwei Bier pro Nase, war die erste Euphorie gewichen. Der Gesprächsstoff zum Thema Musik ging uns aus.

Nils griff ein anderes Thema auf.

Er fragte Rolf: „Na, wie geht’s dir mit deiner Entscheidung, wegen der Sommerferien? dass es nicht nach Griechenland geht?“

Das musste eine rhetorische Frage sein, dachte ich. Er warf sie aus Langeweile hin. Er dachte, es müsse irgend etwas gesagt werden. Er dachte: es kann nicht sein, zu dritt schweigend an einem Kneipentisch zu sitzen und ins Bierglas zu starren.

Aber, er sprach ein Reizthema an. Rolf blieb nicht der Bassist im Hintergrund. Er fuhr Nils an:

„Ich sehe nicht ein, warum ich gerade dir Erklärungen zu meiner Motivation, Situation oder sonst was in Zusammenhang mit den Ferien geben sollte! Du hast ja sowieso keinen blassen Dunst davon, wie es funktionieren kann mit einer Frau eine Beziehung zu haben, die gerade ein Kind von einem Anderen erwartet. Das interessiert dich doch nicht!“

Nils stammelte: „Oh Gott was ist jetzt los? Ich konnte ja nicht ahnen, dass dir das Thema so ans Eingemachte geht! Die Sache scheint wirklich fatal zu sein! Ich wollte nur vermeiden, dass Sofia mich für den Obertrottel hält! Einer, der ihrem Freund verklickert, er soll doch lieber mit mir in Urlaub fahren. Ich wollte mich nicht einmischen! Ein grobes Mißverständnis!“

Rolf schien diese Erklärung nicht zu beruhigen.

Ich sah, wie er sich erhob. Dichte Rauchschwaden über der schwach beleuchteten Bühne. Er legte den Baß beiseite. Er griff zu den Drummsticks und ließ sich auf dem Hocker des Drummers nieder. Sein erster Schlag traf den Metallrand der Snare. Der Stick zersplitterte. Scharfe Holzsplitter zerschnitten den Qualm. Er rupfte einen neuen Stick aus dem Eimer am Boden. Fest schlug er zu. Die Becken tönten grell. Die Baßtrommel trat er mit aller Kraft. Sein Blick verkrampft, volle Konzentration auf den Schlagrhythmus. Beide Hände und Füße in rhythmischer Aktion. Das war laut, es schepperte, wie zwanzig zerberstende Teller, die der Wirt absichtlich, kraftvoll auf den Steinboden wirft. Die Leute an der Bar sahen neugierig auf. Rolf interessierte das nicht, er schlug weiter, rhythmisch, laut, exakt:

„Du denkst ich sei nicht dazu in der Lage für mich selbst Entscheidungen zu treffen? Wenn ich dich um einen Rat frage, dann tue ich dies nicht, um mich in meiner Entscheidung anschließend nach deiner Antwort zu richten! Lediglich deine Meinung will ich hören! Du nimmst deine Rolle bei weitem zu wichtig! Wenn Sofia glaubt, dass meine Entscheidung, mit euch nach Griechenland in den Urlaub zu fahren, von deiner Stellungnahme abhängt, dann ist das ihr Problem. Und dein Problem ist: deine subjektive, vermutlich undifferenzierte Auffassung! Sie hat mit der Realität nichts zu tun! Du überschätzt dich mein Herr! Ich kann Entscheidungen für mich selbst treffen. Auf deine Meinung lege ich höchstens als Meinung wert!“

Von diesem Zeitpunkt an hatte ich das Gefühl fehl am Platz zu sein. Deshalb versuchte ich mehrmals, mich aus dem Staub zu machen. Beide reagierten auf meine Versuche, mit der Frage ob ich nicht noch ein Bier trinken möchte. Sie fragten, warum ich plötzlich so „ungemütlich hektisch“ wäre.

Nils wollte die Debatte schnell beenden. Er erklärte: „Du siehst das völlig falsch! Nichts was du gesagt hast stimmt! Ich wollte mich nie einmischen! Niemals käme ich auf die Idee, dich zu beeinflussen. Alles hat sich einfach so ergeben!“

Darauf Rolf ironisch: „Fatal, fatal.“

Er trommelte weiter. Es wurde lauter und lauter. Der Rhythmus unerträglicher. Er trommelte kompromisslos. Er ließ sich nicht stoppen. Es musste sein. Er nagelte Nils fest:

„Der wahre Grund ist, dass du, Nils überhaupt kein Interesse daran hast, dich mit der Lebenssituation von mir und Sofia näher auseinander zu setzen. Außerdem willst du viel lieber mit deinen Sollner Kumpels wegfahren. Solch einfache Dinge kannst du nur nicht zu geben! Gibs zu! Unser ursprünglicher Plan, mit Griechenland und so, war von vorn herein ein Witz für dich!“

Mit seinem lauten Getrommel beeindruckte Rolf Nils schwer. Der sah plötzlich winzig, ein wenig zerknittert aus. In Rolfs Band wäre Nils höchstens noch der Putzlappen auf der Bühne oder der verdreckte Teppich auf dem das Schlagzeug stand. Nicht einmal einen Posten als Rowdy, der Verstärker tragen durfte, blieb.

Wieder wollte ich gehen. Wieder ging es nicht. Ein neues Bier musste her. Nils, der ebenfalls bereits einige Biere in sich hatte, schlug vor:

„Ok alles klar, mein Vorschlag zu dieser Sache ist, dass ich mir, vorausgesetzt du bist überhaupt noch daran interessiert, nochmal eingehend Gedanken mache. Ich frage mich, ob ich wirklich mehr Bock habe mit den Sollner Burschen, als mit Dir und unserem Kumpel Moritz wegzufahren. Sollte ich bis morgen Abend zur Antwort „nein“ kommen, so schlage ich vor, dass ich meine ganzen Planungen nochmal kurzfristig umschmeiße. Ich erledige meinen Garagenumzug und wir drei, Moritz, du und ich fahren wie geplant nach Griechenland. Was hältst du davon?“

Ich sah, wie Rolf vom Schlagzeughocker sprang. Mit den Füßen trampelte er wild herum. Kräftig sprang er auf die Trommeln. Er trat sie von der Bühne. Die Becken warf er um. Er riß sie mit samt Ständern vom Boden hoch in die Luft und schleuderte auch sie hinunter. Auf der hölzernen Baßtrommel trampelte er wütend herum. Er nahm den schweren Elektrobaß. Mit dem zertrümmerte er die Baßtrommel. Zerborstene Holzteile, an denen Fell und Metall hing, stieß er von der Bühne. Er nahm sein Feuerzeug. Die Flamme drehte er voll auf. Mit wütendem, aggressivem Blick wandte er sich zu Nils:

„Der reine bodenlose Schwachsinn, den du da von dir gibst! Dieser Bockmist scheint alkoholbedingt aus dir heraus zu sprudeln. Ich kann das für kein ernstgemeintes Angebot halten. Was bist du überhaupt für ein Typ? Stimmt etwa alles, was ich dir vorwerfe? Kapierst du das erst heute Abend? Unglaublich!“

Nils bestellte bei Bob, dem Wirt, ein weiteres Bier und meinte, beinahe lallend:

„Du hast vollkommen recht, mein Freund!“

Rolf verzichtete darauf, das zertrümmerte Schlagzeug in Flammen auf gehen zu lassen. Mit kleiner Flamme zündete er eine Zigarette an. Er ließ sich in seinen Stuhl sinken. Seine Aufregung hatte er von sich gebrüllt.

Die Diskussion ging in die Endrunde. Rolf saß und schwieg einige Minuten. Plötzlich ein Lachkrampf. Der zog sich über mehrere Minuten hin. Dann ein Fehltritt von Nils. Zu eilig versuchte er den Weg zur Toilette. Mit samt Stuhl stürzte er um. Die letzten Gäste der Kneipe, einschließlich des Wirtes, blickten noch aufmerksamer. Wir wirkten wie besoffene Teenies. Konsequenzen zügelloser Selbstüberschätzung. Körper gerieten außer Kontrolle. Peinlicher Slapstick, völlig ungeprobt. Nils stand wieder. Stolperte über den Stuhl, lag am Boden, riss die Tischdecke vom Nachbartisch. So versuchte er den Sturz zu bremsen. Nichts bremste er. Biergläser und Aschenbecher ergossen sich über ihn. Die Nachbarn waren schon vorher gegangen. Ihr Kreischen erlebten wir nicht.

Ein Gast an der Bar: „Wahrscheinlich kotzen die Burschen dem Wirt jetzt noch die Bude voll, damit wäre der Höhepunkt des Abends erreicht!“

Keiner von uns reagierte, obwohl wir das alle drei hörten. Wir waren voll. Nils begab sich schnell wieder in aufrechte Körperhaltung und setzte seinen Versuch die Toilette zu erreichen fort. Die Tür riss er zu schwungvoll auf. Knallte mit ihr gegen einen Mann am Geldspielautomaten. Der war schon lange vorher geladen, packte ihn aggressiv am Kragen. Ich dachte: jetzt ist es aus, jetzt geht’s hier so weiter, wie jeden Abend in Betrüger-Sigis Kneipe! Doch: es kam anders. Der geladene hörte es laut klingeln. Was war das für ein Klingeln? Er ließ Nils los. Der viel auf die Füße. Zuvor hing er in der Luft. Damit rechnete er nicht. Ging in die Knie und sank vor dem Mann auf den Boden. Langsam arbeitete er sich an dessen Barhocker empor. Er setzte den Weg zur Toilette fort. Beachtete den Mann nicht weiter. Froh, dass der von ihm abließ. Was war das Klingeln? Dann rasselte es, dann schepperte es.

Während Nils im Klo war, lachte Rolf. Grausam. Das schlug erbarmungslos auf den dröhnenden Kopf ein. Rolf sagte: „Das Ganze ist einfach unglaublich! Es muss aber wohl wahr sein!“ Damit meinte er nicht die Szene in der Kneipe. Die hielt ich für unglaublich. Rolf und Nils waren zu beschäftigt um das zu bemerken. Rolfs Lachpause dauerte nur Sekunden. Die Fortsetzung hielt bis zur Rückkehr von Nils an unseren Tisch an.

Schließlich bewegte auch Rolf sich, auf Anhieb erfolgreich, sicheren Trittes, in Richtung Toilette. Nils ließ sich vorsichtig auf seinem Stuhl nieder. Zügig leerte er sein Bierglas:

„Wenn das ganze nicht ein unglaublicher Hammer ist, dann kann eigentlich nur eines der Fall sein: es ist nicht wahr! Da nagelt mich Rolf auf irgendwelches blödsinniges Zeug fest, das auch noch zutreffen könnte! Unglaublich! Ich dachte er fährt nur seinen schrottigen VW-Bus und spielt Baß!“

Diesen letzten Satz sprechend, riss er plötzlich den rechten Arm in die Luft und winkte aus dem Handgelenk. Es war sein Signal für Bob. Der möge zu unserem Tisch kommen. Dabei blickte er weder zu Bob, noch zu mir. Sein Blick haftete stumpfsinnig an seinem geleerten Bierglas. Mir schwante Fürchterliches.

Dann sah ich einen alten Herrn, in dunkelgrauem Trenchcoat. Von der Klotür bewegte er sich geradlinig auf unseren Tisch zu. Mit der rechten Hand fuhr er in die Innentasche des Trenchcoat. Jetzt erkannte ich ihn. Es war der geladene. Was tat die Hand im Trenchcoat? Wollte er die Waffe aus der Innentasche ziehen? Schließlich hatte Nils ihm die Klotür in den Rücken gehauen. Er trug einen grauen Bogart. Sein Gesicht tief verdeckt. War es Wut oder Begeisterung, die zwischen der langen Nase hervor blickte?

Schnell riss er die Hand aus der Innentasche: Er knallte einen Fuchzger auf unseren Tisch. Nils erschrak. Blickte zum Bogarthut auf. Der räusperte: „Danke, der Herr!“ Er drehte sich um und ging. Ungläubig schaute Nils auf den Fuchzger. Er sah mich an und fragte: „Was soll das?“ Ich bewegte meine Schultern, schüttelte den Kopf und sagte nichts.

Rolf kam von der Klotür und brachte Bob von der Bar mit.

Bob zückte, erleichterten Blickes, seinen Block. Er fragte das Übliche. Nils, wie aus einer Pistole: „Hier geht nichts mehr zusammen! Getrennt! Aber warum eigentlich? Müssen wir schon gehen?“

Rolf, der hinter Nils stand, nickte Bob heftig zu. Darauf Bob: „Ja, wir machen gleich dicht.“

Bob schrieb schnell, Rolf gab ihm den Fuchzger und leerte sein Bier.

Draußen regnete es heftig. Zu kühl für Juli. Eine Fortsetzung der Diskussion zwischen Nils und Rolf entstand nicht. Beide konnten kaum mehr stehen, aber reden. Sie vereinbarten, weitere Details am nächsten Tag in der Schule, oder am Telefon zu klären.

Zwei Wochen später saßen Rolf, Nils und ich in Rolfs schrottreifem VW-Bus. Wir transportierten die paar Möbel und genau fünf Umzugskisten von der Autobahn-WG in eine Garage nach Solln. Wir verstauten das Zeug in der hintersten Ecke. Eng stapelten wir bis zur Decke.

Zwei Tage vorher fragte mich Nils, ob ich bei der, „neuerdings geplanten Urlaubstour“ als vierte Person mit dabei sein wolle. „Moritz, Rolf und ich planen einen Spontanausflug für vier Wochen nach Griechenland. Wobei klar ist, dass, in Anbetracht des technischen Zustandes von Rolfs VW-Bus, nicht sicher ist, ob wir dort jemals ankommen.“

Nachdem ich die Ferien über weder arbeiten wollte, noch mich mit sonst irgend etwas Sinnvollem beschäftigen wollte, kam dieses Angebot nicht ungelegen. Ich plante meine Ferien an einem Münchner Baggersee. Griechenland schien da wesentlich interessanter. Ein Problem war meine Kassenlage. Auf Rückfrage, wovon ich das bezahlen solle, wie viel der Spaß, nach seiner Schätzung etwa kosten werde, antwortete Nils:

„Also das teuerste an der Tour dürfte wohl der benzinschluckende Kübel von Rolf werden. Deshalb haben wir auch schon beschlossen, dass wir bei jedem Gefälle den Motor abschalten. Die Bremsen haben wir letzte Woche neu belegt. Sie funktionieren einwandfrei! Ich habe genau 350 Mark die ich mir an Miete für den Monat spare und 250 die ich sonst hier in München fürs Leben verbraten würde. Damit muss, und werde, ich auskommen.“

„Also genau 600, soviel wird mich ein Leben am Baggersee nicht kosten“, sagte ich darauf.

Nils: „Jetzt rechne mal nicht so spießig rum! Vielleicht brauchen wir ja auch keine 600. Wenn die Karre nicht auseinanderfällt zum Beispiel! Das ist zwar unwahrscheinlich, aber dennoch möglich. Ich sehe das Ganze optimistisch. Dann sind nach der Tour von den 600 noch 250 übrig. Außerdem ist das eine einmalige, topgünstige Möglichkeit aus München zu verschwinden und diese ganze Spießer- und Juppimetropole sich selbst zu überlassen! Das sollte dir doch einiges Wert sein. Also räum deine sämtlichen Konten, Sparkonten und sonstigen Geldbestände ab. Treib alle offenen Schulden ein!“ Wenn ich vier bis fünfhundert „Märker“ zusammenbringe, würde dies vermutlich „locker“ reichen.

Die Abreise

Die Möbellagergarage in Solln war nun der neue offizielle Wohnsitz von Nils. Vor der Garage befand sich ein kleiner privater Parkplatz. Dort gab es die wunderbare Möglichkeit den Bus von Rolf genauer auf krasse technische Mängel zu untersuchen. Rolf kurvte auf dem Platz herum und bremste scharf. Er wechselte die Zündkerzen und den Keilriemen. Wir überpinselten die gröbsten Rostflecken mit weißem Lack. Das gab viele weiße Flecken. Damit wollten wir Auffälligkeit vermeiden. Das hielt ich für aussichtslos. Das Fahrzeug war alt und rostig. Es war auffällig, weil es anders war. Wem es auffallen wollte, viel es auf. Unser Herumgepinsle konnte nicht viel verschönern. Die frischen weißen Lackflecken glänzten aus Rost, Dreck und mattem alten Lack hervor.

 

An diesem Tag lernte ich Moritz kennen. Ein korpulenter, jedoch sehr beweglicher Knabe. Lebhafter Gesichtsausdruck. Ein Lächeln wie das eines kleinen Kindes, das gerade aus der versteckten Süßigkeitenkiste in Mammas Küchenschrank genascht hat. Sein ständiges, unvermeidliches Lächeln verriet die verbotene Tat sofort. Ein schelmisches Kinderlächeln, die Fäustchenbacken, leicht rötlich, ein wenig glänzend wie ein roter Apfel, und diese langen, schwarzen, gelockten Haare, vorne fast kahl rasiert: das musste provozieren. Es passte nicht zusammen. Es gehörte eine blonde, kurz geschorene, vielleicht vom Spiel im Sandkasten leicht verstruppte Frisur zu seinem Gesicht. Aber diese schwarzen Haare? Sein Gesicht? Was wollte Moritz damit sagen?

Für seine schwarzen Haare konnte er nichts. Sie waren nicht gefärbt. Aber seine Frisur! Warum diese Frisur in dem schelmischen Kindergesicht?

Moritz war siebzehn Jahre jung. Seine Bewegungen waren hektisch. Er sprang und hüpfte, turnte um den Bus herum. Dabei strahlten seine großen braunen Augen. Die roten Fäustlingsbacken drückte er aus dem Gesicht. Deshalb übersah ich seine kurze, breite, leicht gerötete Nase beinahe. Seine langen Haare standen im Laufwind, als föhnte er sie. Er freute sich auf unsere Reise wie er sich auf den Nikolaus, Weihnachten oder seinen Geburtstag freute. Laufend und hüpfend pinselte er auf Rolfs Bus herum. In den Dreck auf dem Fahrzeug malte er weiße, lachende Kreisgesichter mit abstehenden Haaren.

In den Kassettenrecorder schob er sofort seine mitgebrachte Musikkassette. Rolf und Nils erzählten mir, dass Moritz auf „gröbere Rockmusik“ abfährt. Was Moritz zappelnd und springend in den Recorder legte, kannte ich. Es war Jim Morrison und Doors. Ich fand das nicht so schlimm. Wichtiger war für mich die Frage: Wie wollte der Knabe die lange Reise hindurch still im Auto sitzen?

Wegen seines zarten Alters versuchte Rolf ihn ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Er stand auf einem Felsbrocken und erklärte:

„Da wir ja nun für die kommenden vier Wochen die Verantwortung für dich, den Minderjährigen übernommen haben, müssen wir uns noch vernünftiger und verantwortungsbewusster als es ohnehin schon unser Markenzeichen ist, verhalten! Wir werden uns bemühen. Aber du kannst helfen. Also, reiß dich zusammen, Bub!“

Rolf lächelte von oben herab. Gönnerhaft blickte er zu Moritz. Seinen rechten Arm wie Napoleon angewinkelt in der Innentasche der Jacke. Überlegen thronte er herunter. Seinen Spruch fand er lustig. Sein Grinsen beherrschte sein Gesicht. Ich erwartete einen Lachkrampf.

Moritz fand das nicht so lustig. Er saß auf dem Beifahrersitz im Bus und schnitt mit einem langen Klappmesser eine grüne Melone auf. Die roten Wassertropfen auf die Bodenmatte störten ihn nicht. Von einer Melonenecke biß er ein großes Stück heraus. Mit samt Kernen im Mund, kauend, ging er zum Thronenden. Ehrfürchtig verbeugte er sich vor seinem König. Langsam erhob er sich, und atmete durch die Nase tief ein. Er stand aufgerichtet vor seinem Herrn, blickte in dessen Gesicht. Plötzlich entleerte er mit einem festen kräftigen Ruck seine roten dicken Backen. Sofort sprang der König vom Thron. Doch zu spät. Seine weiße Kleidung war rot und nass. Der Schelm und Hofnarr lachte frech. Ein tiefes langes Grunzen, das nirgendwo hin passte. Der Mensch wandte sich lachgebeugt ab, mit der Linken hielt er den dicken Bauch, die Rechte, in die er hinein grunzte vor dem Mund.

Doch der König, überraschend beweglich und schlau! Er pirschte rot von Melone verschmiert hinter dem Rücken des Hofnarren vorbei. Gebückt bestieg er sein Vehikel fahrerseitig. Ergriff mit der rot triefenden Hand die aufgeschnittene Melone. Behielt den immer noch gebeugt lachenden Narren beifahrerseitig im Blick. Sprang blitzschnell, hielt die halbe Melone in der Rechten, landete leise neben dem Fahrzeug. Umrundete es gebückt wie ein listiger Gauner beim Hühnerstehlen. Die halbe, feucht triefende rote, hielt er beidhändig vor sich. Pirschte sich leise, gemein und listig von hinten an. Hüpfte noch einen Meter vor. Erhob sich hinter dem immer noch närrisch grunzenden. Tippte mit der Linken auf dessen Schulter, warf blitzartig einen überlegenen Blick ins Publikum, denn sein Volk sollte wissen wer der König war, und drückte bereits jetzt, bevor der Narr sich aufrichten oder los rennen konnte, die rote kräftig in dessen Gesicht.

Das triefte, glitschte und spritzte. Der Narr schüttelte sich schockiert und schleuderte das kalte, feuchte, glibberige, rote muss von sich. So traf es den König auch nochmal. Überlegen thronte der sogleich wieder auf seinem Felsen. Die Schlacht endete für ihn triumphal erfolgreich. Kleine Opfer mussten sein.

Der Narr schüttelte sich und schleuderte weiter nasses Rot von sich. Die Zuschauer nahmen weiten Abstand. Sie versuchten der Feuchtigkeit zu entgehen. Die fliegenden roten Glibberteile trafen auch sie. Närrische Zentrifugalkraft ließ niemanden verschont. Dennoch war das Publikum begeistert. Es spendete heftigen Beifall. Standing Ovation! Dann schallte es sogar noch ausgelassen lachend über den Platz. Zu närrisch für den Narren!

Der blickte in die Reihen. Sein närrisches Lachen war gewichen. Er hasste närrisches Lachen bei anderen! Vor allem, wenn es einem echten Missgeschick galt. Das Publikum grölte noch närrischer weiter. Die roten Faustbacken des Narren klebten und trieften. Roter Saft tropfte auf das helle Hemd. Die Zuschauer sollten seine närrische Kunst honorieren, nicht jedoch den Schaden den der König ihm zufügte, höhnisch grölend begleiten.

Rot triefend sprang er schwungvoll zur Beifahrertür. Die Zuschauer warteten gespannt wie die Rache am König aussehen werde. Der Narr ergriff den Rest der Melone. Mit einem blitzschnellen Satz hüpfte er aus dem Wagen. Er kam, in die Knie gehend auf. Rannte vor den Felsen des Königs. Ängstlich erschrak der. Stürzte herab, versank kopfüber in einem riesigen Laubhaufen. Begann sofort, mit den Beinen in der Luft strampelnd, sich frei zu kämpfen. Aus dem Haufen erklang königliches Geplärre. Das Publikum deshalb wieder ausgelassen närrisch grölend und begeistert klatschend. Der Narr, erneut in die Knie gehend, sprang jetzt schwungvoll seitlich in die Zuschauer. Dort rieb er mit der nassen roten kräftig um sich. Wieder klatschte, schmierte und tropfte es. Vom Volk wollte er nicht verlacht werden! An ihnen nahm er Rache, die dem König galt.

Moritz ließ sich keinen Versuch, als Kind behandelt zu werden, gefallen. Jeder sollte wissen, dass irgend etwas unangenehmes geschehen werde, wenn man ihn angriff. Bei seiner Verteidigung kannte er keine Grenzen.

Als Bekleidung plante er für den ganzen Urlaub zwei kurze, abgeschnittene und deshalb ausgefranste, Jeans-Shorts. Eine davon kleidete ihn bereits. Moritz war nicht ungepflegt, obwohl er sich stets sehr sparsam wusch. Er sagte: „Wasser ist ein Grundnahrungsmittel und deshalb zu wertvoll, um es einfach am eigenen Körper herunter laufen zu lassen.“

Moritz, fast immer lächelnd. In jeder Situation einen gewissen Witz findend. Fand er keinen, bohrte und kramte er, bis ein Witz entstand. Das Hauptvergnügen daran hatte er.

Der König durfte sich nur vergnügen, wenn auch er, der Narr Spaß hatte. Der Hofnarr wollte nicht nur andere animieren, er war hauptsächlich sein eigener Animateur. Seine Begleiter freilich entkamen seiner Animation nicht. Sie war laut: Er legte ständig seine Kassette ein. Sie war unruhig: Er zappelte auf dem Beifahrersitz.

Seine Frisur, sein rundes Bübchengesicht, der Gesichtsausdruck, seine Zappelei, sein nervöses Gehüpfe, sein lautes grunziges Lachen, dazu seine Musik, die permanent aus dem Recorder dröhnte, erst in letzter Sekunde vor dem Grenzübertritt herunter gedreht wurde. Das war Moritz, der Narr.

Ein Dienst schiebende Beamter, durchnässt, vom kalten Regen, an der lauten Autobahn. Ein nieder gerosteter VW-Bus. Junge Leute, die in Urlaub wollen. Daran hat man sich seit Jahren gewöhnt.

Aber: Das Kindergesicht eines Halbwüchsigen eines lächerlichen Schelms, eines arroganten, jugendlichen Narren?

Das ist unglaublich! Wie der mich anschaut, dachte der Grenzbeamte. Ja, wo gibt es denn so was? Der lacht mich rotzfrech, wie Michel aus Löneberger an! Nein schlimmer, viel schlimmer! Der lacht mich aus! Unglaublich so ein rotzig freches Zigaretten-Bürschel! Na, dem werd ich’s zeigen! Der findet mich lächerlich? Ganz klar! Kein Respekt mehr diese jungen arroganten Pfurzer! Gestern noch Windeln an, heute hier auf der Autobahn! Unglaublich! Hat keine Ahnung vom schweren Grenzerleben. Ein lächerlicher Zwerg!…..Ja, das gibts nicht, der lacht immer weiter! So ein Narr! Ja tut denn der das absichtlich?…Ja klar! Der will…der will…ja was will er denn?…Er will provozieren! Er haßt Menschen in Uniform! Deshalb hat er auch so versiffte Klamotten an! Wahrscheinlich glaubt er sogar, dass mein Job lächerlich und nutzlos ist! Na, dem Knaben wird das Lächeln schon vergehen! Nun sollen die Burschen erst mal aus ihrer verdreckten Hippiekarre aussteigen! Sie sollen alle Türen, Kisten, Taschen und so weiter aufmachen! Will doch mal sehen ob ich da nicht ein bisschen Shit finde! Irgendwas werden diese lächerlichen Kleinkinder schon dabei haben!

Der Übertritt an jedem Grenzübergang kostete Zeit. Moritz behielt sein Lächeln. Er genoss die Situationen, fand sie unterhaltsam. Manchmal reagierte er mit Ironie.

In seiner Tasche befanden sich lediglich einige Unterhosen, drei T-Shirts, zwei paar Socken, eine Zahnbürste, ein Kamm, eine winzige Seife und seine zweite abgeschnittene Jeans. Auf die Bitte sie zu öffnen, lächelte er freundlich weiter: „aber äußerst selbstverständlich! Sehr gerne!“

Die Beamten fanden in unserem Fahrzeug kein Gramm von irgend etwas, das wir nicht hätten mitführen dürfen. Selbst die Hunde, die zahlreiche Haare im VW-Bus hinterließen, konnten nicht fündig werden. Nach dem zweiten Grenzübergang ließen wir alle unsere Taschen geöffnet. Der Inhalt der hinteren umklappbaren Sitzbank blieb auf dem Boden liegen. So sparten wir das ewige Aus- und Einräumen. Die Beamten fanden nichts, selbst das weiße D-Schild hatten wir. Auch seine Größe stimmte. Die Reifen nicht abgefahren, selbst der TÜV im Jahr zuvor erneuert. Rolfs Vehikel war verkehrssicher. Das war ärgerlich!

Der Beamte verschwand mit unseren Pässen in seinem „Kabüffchen“, wie Moritz es nannte. Nicht vor Ablauf einer Viertel Stunde kam er wieder raus. „Die schieben hier nur ihren Dienst“, beruhigte Nils. „Das muss langweilig sein, ich hätte dazu keine Lust. Mir wärs zu kalt und stinkig hier. Und dann immer noch die Hippies, die lange schon ausgestorben sind! Aber immer wieder tauchen welche in verdreckten Bussen und Klamotten auf. Ärgerlich!“

Der Beamte erschien nicht wieder. Wir gingen Kaffeetrinken.

Nils: „Im Urlaub sollte man jeglichen Aufenthalt, auch den an den Grenzübergängen, so angenehm wie möglich gestalten.“

Wir saßen im Café und beobachteten. Zehn Minuten später kam der Beamte. Das Fahrzeug parkte leer. Ein Zettel an der Windschutzscheibe: „Sind nur eben mal Pinkeln, kommen gleich wieder. Unterwürfigst: Moritz.“

Das bereitete dem Narren spaß. Moritz lächelte närrisch. Eine halbe Stunde später ging er ins Kabüffchen und holte die Pässe. Moritz zu uns: „Wir parken hier vorschriftsmäßig! Wir beleidigen keine Beamten! Wir sind ruhig und unauffällig! Also kann uns fast nichts passieren. Österreich und Deutschland sind schöne Länder. Alles hat seine Ordnung!“

Eine Nacht am Grenzübergang, Harry der Tramper

Niemand glaubte an ein erstes Etappenziel unserer Reise. Niemand wollte an diesem Tag irgendwo ankommen. Dafür gab es Gründe. Die Aufenthalte an der Grenze. Das klapprige, alte Auto. Wir fuhren langsam. Die Nadel bewegte sich nicht über 80. Höheres Tempo wollte Rolf seinem Wagen nicht zumuten. Von jedem Reisebus und Lastwagen wurden wir überholt. Wir nahmen uns die Zeit. Vier Wochen. Keinen interessierte es, wann wir irgendwo an kamen. Selbst die Frage war offen, ob wir die Griechische Grenze je erreichten.

Die erste Nacht verbrachten wir bei strömendem Regen und Kälte in Österreich. Am Grenzübergang. Es gelang nicht, das Land zu verlassen. Nils versuchte vorne im Führerhäuschen zu schlafen. Rolf und ich lagen hinten auf der umklappbaren Sitzbank. Moritz lag in seinem Schlafsack auf dem Dach des Fahrzeugs, wo er offenbar gut schlief. Das war hörbar.

Es regnete stark. Das Fahrzeug parkte unter einer Unterführung neben der Raststätte. Damit setzten wir uns freilich der Gefahr aus, einem Beamten, einem an der Raststätte arbeitenden Österreicher, oder sonst irgendeiner Person aufzufallen.

Moritz hüpfte und sagte: „Wir parken nicht verkehrswidrig, ich sehe kein Verbotsschild! Hier darf man pennen! Wir sind ruhig und unauffällig! Österreich ist ein freundliches, demokratisches Land. Die Luft ist frisch und rein. Ich schlaf auf dem Dach!“

Hinten auf der Pritsche liegend, hörte ich deutlich Moritz dröhnendes Schnarchen. Das Blech der Fahreugdecke übertrug und verteilte das. Der Lärm erfassten das ganze Auto. Ein metallisches Röcheln. Mein Gehör ortete die Lärmquelle aber nicht mehr wirklich. Nur weil ich wusste, dass Moritz oben lag, wusste ich woher der Lärm stammte. Er schlief fest. Ich fragte mich, wie er das schaffte. Sein eigener Lärm und der Lärm der vorbeirauschenden Autobahn. Der schwere Regen. Die Autos auf der nassen Strasse, die lärmend durch die Unterführung an uns vorbei donnerten.

Am Morgen plärrte Moritz: „Moin, Moin! Gut geschlafen allerseits“? Ein frisch erholter Bübchenblick strahlte durch die halb geöffnete Schiebetür. Bereit zu neuen Taten. Ein geübter Griff an den Recorder. Noch bevor ich meine Augen ganz öffnete, erklang das Keyboard der Doors. Die Lautsprecher schepperten leicht überfordert. Das war Moritz, der Schelm, der nervige Hofnarr. Ich lag wie ein Brett auf dem Rücken, fühlte mich gerädert. Nachts schlief ich kaum. Lärm und Lichtkegel vorbei fahrender Autos hielten mich ab. Mein Kopf dröhnte. Das lärmende Keyboard surrte durch meinen Schädel.

Im Supermarkt gab es Brötchen. Der Kaffee stand auf dem Kartuschenkocher. Wasser kochte. Selbst Eier besorgte Moritz. Kurz war er nicht der nervige Hofnarr sondern der ausgehungerte Heranwachsende, der schnell sein Frühstück brauchte. Der Regen war vorbei. Der Wagen trocknete in der Sonne. Mein Kopf surrte nicht mehr, dröhnte auch nicht mehr, jetzt brummte es leise. Die Autobahn dröhnte laut. Wir standen vor der geöffneten Schiebetür des Wagens, hielten dampfende Kaffeebecher, lachten und quatschten.

 

Da stand plötzlich einer neben mir. Es war Harry aus Tirol. Ich knabberte auf meinem Brötchen, es war hart. Ich tunkte es in den Kaffee und lutschte daran. Harry war blond und kurz geschoren. Sein Gesicht, schmal und blass. Ein Bübchen, aber nicht Michel aus Löneberger, sondern eins aus der Stadt. Gestresst, bleich wie Plätzchenteig. Schmale Augen, aber deutlich blau. Schmale Lippen. Blasse abstehende große Ohren. Lang und mager. Sein Körper sah hungrig aus.

Weit riß er die schmalen Lippen auseinander: „Hobd’s no an Sitz frei? Bis auf Dubrovnik obi?“

Der Tonfall war fies. Der Ton selbst hoch. Zuviel für das Brummen in meinem Kopf, es surrte wieder.

Nils blickte scharf, genervt, fragend. Er fixierte den Österreicher. Sanftes Hochdeutsch erklang.: „Wie bitte werter Herr? Welches Ansinnen hätten sie gerne vorgebracht?“

Der Fremde entgegnete: „Geh heards! I hoab mir denkt ihr waards aus Minga! I seiber bin a waschechter Estarreicha, hoab aber scho zehn Joar lang in Minga gwohnt und da hod mi no a jeda vastondn!“

Nils wandte sich von dem Fremden ab und seinen Begleitern zu. Seine Worte, garnierte er mit typischem Nilslächeln: „Tja liebe Leute, ich habe es mir eigentlich schon immer gedacht: da fährt man in das benachbarte Ausland und dort versteht man plötzlich die Menschen nicht mehr. Schade, obwohl sie im Grunde die gleiche Sprache sprechen. Naja, man lernt nie aus im Leben!“

Er schenkte Harry keine weitere Beachtung. Er nippte von seinem dampfenden Kaffee. Der Unbekannte verstand.

„Mein Name ist Harald Litzelberger, meine Freunde nennen mich Harry. Das dürft ihr auch tun! Ich stamme aus Tirol und hätte vorgehabt, wenn möglich heute noch, oder zumindest morgen, bis nach Dubrovnik zu kommen! Deshalb wollte ich Sie fragen ob Sie eine Mitfahrgelegenheit für mich hätten?“

Sein Österreichischer Tonfall blieb. Die Ansage stieß auf Verständnis.

Moritz legte ein gekochtes, dampfendes Ei auf seinen Löffel. Mit dem Ei auf dem Löffel rannte er einmal um das Auto. Vor dem Fremden blieb er stehen. Das Ei dampfte vom Löffel. Moritz sah es an. Sah dem Fremden ins Gesicht. Sah nochmal auf das Ei, das immer noch dampfte. Drehte noch eine Runde. Stand wieder vor dem Fremden. Sah nochmal auf das Ei. Es qualmte noch leicht. Sah zu dem Fremden und sagte: „Du spricht unsere Sprache. Gut! Du willst dahin, wo auch wir hin wollen. In Ordnung! Deine Richtung ist unsere Richtung. Nicht schlecht!“

Mit dem Ei auf dem Löffel drehte er sich zu uns: „Sollen wir den mitnehmen?“ Er stieg auf das Trittbrett von Rolfs Bus, schlug das Ein mehrmals auf das Dach.

Darauf der König zum Narren: „Na na, mein Herr! Vorsicht, vorsicht! Wir brauchen meine Kutsche noch!“

Moritz pulte am Ei herum, die Schale klebte, denn er hatte es nicht abgeschreckt. Zu uns sagte er: „Um meine Frage eindeutig beantworten zu können, sollten wir zunächst seine Gesinnung genauer überprüfen! Wir sollten vermeiden, dass wir unterwegs von ihm ausgeraubt werden. Denn ich habe schon oft von schrecklichen Wegelagererschicksalen entlang der europäischen Autobahnen gelesen. Ihr wisst schon, in den üblichen Blättern.“

Darauf sagte der König: „Gute Idee! Doch, wie könnte eine solche Gesinnungsprüfung aussehen? Der Herr wird keinerlei amtlich beglaubigtes Führungszeugnis mit sich führen, das einen einwandfreien Leumund bescheinigt.“

Der Fremde wurde plötzlich laut. Mein Kopf brummte wieder. Schnell sagte er: „Ihr scheint a bisserl abgedreht zu sein Leute! Habt ihr euch irgendwelche Drogen rein geschmissen?“

Darauf lachte der Hofnarr närrisch. In bekannter Posse hielt er Bauch und Mund. Gebückt stand er vor dem Fremden. Er richtete sich langsam auf. Das gepellte Ei steckte in seinem Mund. Die roten Fäustlingsbacken glänzten und bewegten sich rhythmisch. Er atmete tief durch die Nase ein. Durch sie atmete er auch wieder aus. So geschah nichts.

Von dem Fremden wandte er sich wieder ab. Das Ei verschluckte er. Wie bitte? Ja, es war einfach weg!

Das Volk fragte er: „Wie kommt der Bub auf die Idee wir wären Kiffer? Sehen wir so aus oder was?“

Lauter, tiefer, zu dem Fremden gewandt brummte er: „Sehen wir so aus oder wooos?“

Nils zu dem Hofnarren: „Nein, die Perspektiven sind nicht günstig! Fehlende Vertrauenswürdigkeit. Finde ich. Den einfach mitzunehmen ist zu riskant. Die Sache ist klar!“

Ich sagte: „Eine vernünftige Gesinnungsprüfung läßt sich nur mit jemandem durchziehen, der auch einsieht, dass seine Gesinnung überhaupt einer Prüfung zu unterziehen ist! So ein Einsehen scheint hier nicht gegeben.“

Der König knallte blechscheppernd den Kaffeebecher auf sein Vehikel. Dagegen war das Narrenei ein Witz. Deshalb blinzelte der Hofnarr dem König schelmisch zu.

Der König beachtete den nicht, er stellte sich vor den Fremden: „Eine andere Möglichkeit zur Lösung unseres Problemes wäre ein gewisses Entgegenkommen. Ein Fremder, der mit uns reisen will, bietet es von sich selbst aus an. Das ist im vorliegenden Fall nicht geschehen. Also Leute…alles bestens!“ Er wandte sich seinem Volk und dem Hofnarren zu, und streckte die rechte Hand zum Gruß aus. Ein königlicher Beschluss war gefasst, durch Handschlag wurde er besiegelt.

Harry verstand das Urteil sofort. Er sagte: „Hey Leute, das war alles nicht so geplant! Ich werde nicht versuchen euch auszunehmen! Außerdem seht ihr nicht nach besonders viel klauenswerter Kohle aus. Für Kiffer halte ich Euch auch nicht! Ich will nur nach Dubrovnik, sonst nichts. Also überlegt nochmal, ich würde euch auch ein bißchen Benzingeld rüber wachsen lassen!“

Der König ließ die Hände seines Volkes sofort los. Sein Gewandt wehte im Wind. Sein Körper drehte sich schnell. Der König war gutmütig. Der Fremde bat nur ein Mal um Gnade: „Das sind natürlich realistische Perspektiven! Denn meine Kutsche müssen wir gleich nach der Grenze volltanken. In der Landeswährung macht das mindestens fünfhundert Schilling!“

Nun stürmte der Hofnarr freudig vor. Er feierte das Ganze. Laut knallte es, wie Sektkorken. Weder Flasche noch Korken waren zu sehen. „Ok Harry, willkommen im Team!“

Wir stellten uns gegenseitig mit Handschlag, Tasse Kaffee und Vornamen vor. „Wenn du dich damit einverstanden erklärst, dass du bis Dubrovnik eine Tankfüllung bezahlst und unsere zweite Bedingung auch akzeptierst, ist alles klar!“

„Welche zweite Bedingung?“

„Die, dass es passieren könnte, dass wir mit unserer Schrottkiste nie dort ankommen werden. Falls dies eintritt, blechst du trotzdem deinen fälligen Benzinanteil. Und du machst dich nicht mit irgend einem Diebesgut von uns aus dem Staub. Damit das gut geht, konfisziert der Fahrer, das bin ich, deinen Ausweis. Im Bedarfsfall ist eine erfolgversprechende Verfolgung sicher gestellt. Alles ganz einfach, oder?“

Diese Bedingungen spielten keine Rolle mehr. Harry war dabei. Sofort zückte er seinen Ausweis, und gab ihn Rolf.

Gedanken zum Schweigen im Auto

Zu viert setzten wir unsere Tour in Richtung Meer fort. Harry prahlte, er sei ein ganz toller Diskjockey in einer Tiroler „Doofdisco“, wie Moritz das Wort aussprach. Harry traf diese Aussprache wie ein verbaler Hammerschlag. Er brachte ihn zum Schweigen. Er zog sich zurück, hörte zu. Nichts erzählte er von sich aus. Er beantwortete Fragen.

So die Frage, was er eigentlich in Dubrovnik wolle. Er unterdrückte seinen Österreichischen Dialekt: „Ich weiß das selbst nicht ganz genau.I hob ghärt und glesen, dass Dubrovnik a sehr hübsche, historisch und kunsthistorisch interessante Stodt am Meer is“. Harry sah nicht nach dem aus, wovon er sprach.

Weil er sein Nachbarland noch nie besucht hat, fasste er den Entschluß eine kleine Tramptour zu machen. Er nahm sich zwei Wochen von seinem Job in der Disco frei. Was ihn in Dubrovnik und überhaupt auf dieser Reise, außer uns, noch so erwarte, wisse er nicht. „I glaub da konn i mi no auf wos gfasst macha!“

Warum er das glaubte? Dies glaubte er erst seit einer knappen Viertel Stunde. Seit er mit uns vieren auf dem Parkplatz ins Gespräch kam. Vorher verschwendete er keinerlei Gedanken daran. Auf überraschende oder interessante Menschen und Situationen war er nicht gefasst.

Moritz: „Du findest uns also interessant? Mich etwa auch?“, dabei lächelte er.

Harry antwortete: „Durchaus Moritz, durchaus.“ Er äffte das Lächeln von Moritz nach.

Moritz: „In welcher Beziehung findest du mich interessant?“

Harrys bleiches Gesicht sah jetzt genervt aus. Was soll man auf so eine Frage antworten, wenn man erst vor fünf Minuten in das Auto dieser Leute stieg?

Harry antwortete nicht. Er sah zum Fenster hinaus. Ein krasses Verhalten, das den nervösen fiebrigen Hofnarren noch mehr zappeln ließ. Das merkte Harry und flüchtete: „Nein, tschuldigung, war nicht so gemeint. Ich meinte, ich finde vor allem meine Reise interessant.“

Er war genervt. Nicht nur wegen des Hofnarren, sondern wegen uns allen. War es unser Verhalten? Wir saßen ruhig auf den Sitzen im Bus. Abgesehen von Moritz, der saß vorn, zappelte und hörte Doors. War es unsere allgemeine Ausstrahlung? Wir waren Freunde. Wir waren Fremde. Er war Österreicher. Für uns ein Ausländer. Für ihn waren wir Ausländer in seinem Land. War er zu alt für uns? Er war höchstens dreißig. Immerhin, fast zehn Jahre älter. Sein Gesichtsausdruck? Sein blasses Gesicht bewegte sich nicht. Er schaute starr nach vorne auf die Autobahn.

Er kannte uns nicht. Das kann nerven. Es kann verunsichern. Harry wirkte verunsichert. Ich kannte sein blasses Gesicht nicht. Es sah so starr aus, das konnte nicht immer so sein. Das gibt es nicht. Ein Gesicht spricht. Harry sprach nicht.

Vermutlich machte er sich über vollkommen falsche Dinge Gedanken. Über die Frage, warum wir nicht in Begleitung von Frauen waren. Der Männerstaat war allein unterwegs. Der König lud ein, der Hofnarr unterhielt. Warum?

Oder er bekam Angst, weil Moritz so direkt war. Er fürchtete die Aufdringlichkeit des Hofnarren. Vielleicht war seine blasse Gesichtsfarbe auf seine Angst zurück zu führen. Vielleicht blickte er starr, bewegte weder Augen noch Mund, weil er sich fürchtete.

Oder: die Angst, die man hat, wenn man bei drei unbekannten Leuten im Wagen sitzt? Wie ist das? Vorher haben sie noch munter geplaudert, ein Spielchen mit dem Fremden getrieben. Jetzt sitzen sie, der Fahrer fährt und schweigt, die Beifahrer schweigen auch. Was soll das? Da kann man schon Angst kriegen.

 

Wir waren mit vier Frauen in Igouminitsa verabredet. Eine spontane Verabredung. Frauen, die ich nicht kannte. Alte Bekannte des Fahrers. Rolf nannte sie: „meine alten Schulfreundinnen“. Sie waren nicht unsere Lebensgefährtinnen. Einfach nur alte Bekannte, eben frühere Freundinnen von Rolf.

Das konnte ich dem Fremden unmöglich erklären. Harry fragte nicht danach. Er starrte und sprach nichts. Vielleicht hatte er Angst, etwas dummes zu sagen. So muss es gewesen sein! Klar! Er saß zwischen drei Freunden. Er saß draußen. Fremd. Man hat Angst sich vor zu wagen. Er wagte sich vor, sofort schlug der Hofnarr zu, nannte seine Disco „Doofdisco“. Das war das vorläufige Ende der Eigeninitiative des Fremden. Er outete sich als Angeber. Klar, da kam sein Starren und Schweigen! Drei gegen einen!

Seit wie vielen Jahren kannten wir uns? Der Fremde kannte uns erst Minuten.

Eine simple Idee ging mir durch den Kopf: Der Fremde braucht vor uns keine Angst zu haben! Wie mache ich ihm das klar? Wir wollen ihn nicht dumm anmachen. Das tun wir nicht!

Obwohl? Wir haben es schon getan. Na klar! Mit unserer Show am Grenzübergang haben wir ihn schon verunsichert. Er war ein einfacher Tramper, wollte einfach nur fragen, ob er dabei sein darf. In Rolfs Wagen, Richtung Dubrovnik, mehr nicht. Er fragte ganz einfach, nicht ganz verständlich, wegen seines Dialekts, aber einfach. Wir machten eine Szene daraus. Danach sprach er nicht mehr viel. Mit uns im fahrenden Bus sitzend schwieg er endgültig.

Wie das Schweigen brechen? Eine neue Szene beginnen?

Es störte mich extrem, einen schweigenden Tramper im Auto zu haben. Er tat nichts als zum Fenster hinaus zu blicken. Was dachte er? Was steckte hinter seinem Schweigen? Vielleicht hat sein Denken etwas mit meinem Denken zu tun? Er schwieg.

 

Am Tag zuvor unterhielten wir uns rege. Wir plapperten wild durcheinander. Manchmal brüllten wir. Es war laut, wir übertönten den lauten Motor und den lauten Doorssound, den Moritz brauchte. Wir lachten. Wir blickten zum Fenster hinaus und machten uns über das was wir sahen lustig. Wir sahen einen arbeitenden Metzger vor seinem Laden und lachten. Weil wir Urlaub machten. Wir sahen einen geschäftigen Polizisten und lachten. Wir sahen einen genauen Grenzbeamten und lachten. Nun herrschte Ruhe. Und lauter Doorssound schallte durch den Wagen, wie am Tag zuvor. Das Lachen fehlte. Das durcheinander Plärren fehlte. Die Urlaubsstimmung fehlte!

Der unbekannte Fremde hatte das ausgelöst.

Moritz drehte seinen Sound auf unerträgliche Lautstärke hoch. Die Orgel schmerzte. Sie fieberte in einem hochtönigen qääääää und quuuuu permanent auf und ab. Jetzt wusste ich, warum Moritz so fiebrig nervös war. Er fieberte mit der Orgel. Die Band hatte es ihm angetan. Sie ließ ihn zappeln. Er war abhängig. Wer solche Lautstärke dieser Orgel brauchte, täglich, musste abhängig sein.

Störte mich das qääääää und quuuuuu oder war es das Schweigen? Vielleicht überhörte ich das qääääää und quuuuuu am Vortag. Wir unterhielten uns so ausgiebig, da blieb es im Hintergrund.

Nein, es musste der Fremde sein.

Warum war er in der Lage, unsere Stimmung im Urlaubsauto so zu verändern? Ich musste das Schweigen im Wagen brechen. Eine neue Szene beginnen.

Vielleicht war er ein Mitglied der Österreichischen Drogenpolizei! Die Grenzbeamten hetzten ihn uns auf den Hals. An der Grenze beäugten uns argwöhnische Blicke. Ich ignorierte sie. Ein Fehler, wie ich jetzt merkte. War es schon zu spät für uns? Saßen wir schon in der Falle? War die Schlinge erst gelegt, noch nicht fest gezogen? Konnten wir, mit einem riesigen Narrensprung nochmal entkommen?

Dies war der richtige Ansatzpunkt um das Schweigen zu brechen!

Warum ihn nicht einfach fragen ob er anstatt Discjockey, wie er behauptete, in Wahrheit Drogenfahnder war?

Zu dieser Frage fielen mir zwei mögliche Abläufe ein: man kann sie als unterhaltsamen Scherz sehen. Sollte er Drogenfahnder sein, war er schnell entlarvt. Wir hatten nichts dabei, das einen Drogenfahnder interessierte. Wir hatten nichts vor uns, das ihn interessierte. Wir sahen nach Drogen aus, ok. Aber: wer sieht schon nicht nach Drogen aus? Ein Drogenfahnder in unserem Wagen also durchaus angebracht!

Die Frage war unverfänglich! Sie war distanziert, unpersönlich. Sie hatte nichts mit unseren Plänen im Urlaub zu tun. Ein überzogenes, persönliches Mitteilungsbedürfnis konnte mir niemand vorwerfen. Sie war nicht aufdringlich, höchstens ein wenig komisch.

Also fragte ich, ohne noch mehr darüber nachzudenken. Ich sah Harry in sein blasses Gesicht:

„Bist du vielleicht bei der Österreichischen Drogenbullerei, weil du absolut nicht mit uns sprichst? Willst du uns ausschnüffeln, ich meine ausspionieren?“

Auf diese Frage war niemand im Wagen gefasst. Mein Tonfall war falsch. Er war aufdringlich. Er wirkte verdächtigend.

Trotzdem sprang Nils sofort auf meine Frage an. Er überbrüllte den Doorssound:

„Eine super Frage! Das kann ja noch interessant, vielleicht sogar heiter werden!“

Harrys Gesichtsausdruck war nicht mehr starr. Falten bildeten sich auf der Stirn, dünne Backenknochen stachen heraus. Er verfiel in seine gewohnte Heimatsprache:

„Woos soid do no interessont wern? Weda des aane! Noo des ondane! Weda schniffin! Noa schpionien! No Drogn! Der ganze Mist interessiert mi need!“

Nach einer kurzen Atempause:

„Wieso, habts ‚a Ladung Shit im Motor versteckt?“

„Ja, ja klar..“, brüllte daraufhin Moritz, dem nun die eigene Musik zu laut wurde. Spitzbübig lachend sah er Harry an. „Wir machen haufenweise Kohle damit! Sind da etwas anders drauf. Wir transportieren das Zeug von Norden nach Süden. Wir wollen es da unten gewinnbringend an die Griechen verhökern!“

Harry überwandt sich. Er legte die genervte Haltung ab. Der Alte begab sich auf die Ebene der Jungen. Es sprach mit ihnen. Auch, wenn es dummes Zeug war, das sie sprachen. Er war zu Scherzen bereit. Deshalb wurde er nicht dumm. Er verlor nichts dabei, wenn er dem Hofnarren antwortete:

„Aha dacht ich’s mir doch gleich, dass mit euch Burschen was nicht stimmt! Wenn ich könnte würde ich jetzt meine „Zivilbullenknarre“ zücken und Euch zum Anhalten und öffnen des Motorraumdeckels zwingen! Aber erstens kauf ich Euch den Mist, den ihr hier redet, nicht ab, und zweitens hab ich keine Knarre!“

Hochdeutsch. Unmutsäußerungen von Nils unnötig.

Rolf, der König, der seine Kutsche selbst steuerte:

„Es ist gefährlich, unbewaffnet in die Kutsche fremder Leute ein zu steigen! Hast du keine Angst?“

Harry: „Extreme Angst sogar! Deshalb habe ich vorher an der Raststätte, anstatt pinkeln zu gehen, nochmal schnell meine Tiroler Oma angerufen. Dein Autokennzeichen ist bei ihr schon gespeichert. Falls die, innerhalb von drei Tagen, kein Lebenszeichen von mir hört, wird die sehr ungemütlich! Sie ist schrecklich, meine Oma. Mit Gangstern geht sie grausam um! Kompromisslos. Sie hetzt alle möglichen Leute hinter euch her. Sie setzt alle erdenklichen Hebel in Bewegung. Davon hat sie sehr viele! Sie ist eben meine Oma! Sie tut alles für mich. Vor allem wenn sie denkt, ich bin in Gefahr, da riskiert sie alles! Das wird schauderhaft, Leute! Omas können schrecklich aufbrausen! Sie sehen nur alt und tatterig aus. Das täuscht! Auch mit vielen Knarren habt ihr keine Chance. Nicht gegen meine Oma! Sie macht sich Sorgen um ihr schutzloses Enkelkind! Und jetzt müßte ich mal pinkeln gehen! Können wir irgendwo an halten?“

Auf dieser Grundlage entstanden Gespräche mit Harry. Es ging um nichts, manchmal tauchte seine Oma wieder auf. Er fragte uns zu unseren Urlaubsplänen aus. Angst hatte der vor uns nicht.

Das Problem wegen dem Schweigen war gelöst.

Meine Frage löste die Spannung. Mein Denken war erfolgreich.

„Wie hört man auf zu denken?“

Ich dachte weiter. Ich dachte an die Langeweile. Wie langweilig das war, was wir trieben. Alles war langweilig. Die reine Langeweile. Warum fahren wir in Urlaub? Aus Langeweile. Langeweile, die Motivation für unsere Taten? Grauenvoll! Wir wollen uns nicht langweilen? Ok. Aber: wenn ein unbekannter Mensch, wie dieser Harry in unseren Tagesablauf kommt, wäre das doch spannend. Aber, wir wollens langweilig. Wir wollen Sicherheit. Wir klären mit dem Fremden alles ab. Wir wollen keine Überraschung erleben. Wir wollen Langeweile.

Morgens aufzuwachen und plötzlich ohne Geld, Papiere, Auto vielleicht sogar Klamotten da zu stehen, das wäre Spannung. Wir wollen Langeweile! Wir minimierten die Wahrscheinlichkeit von Überraschungen. Wir sicherten uns ab. Das Ergebnis: der üblichen Langeweile entkommen wir nicht.

Das Sicherheitsverhalten, die Langeweile besteht unser ganze Leben hindurch. Furchtbar! Pervers geradezu! Was soll das? Andere müssen um ihr täglich Brot betteln und wir langweilen uns? Fahren in den Urlaub?

Eine Gewissensfrage, dachte ich. Mein Gewissen war jetzt schlecht. Sehr schlecht sogar. Es war so schlecht, dass dieses Sicherheitsverhalten: nur alles genau absichern, damit nichts unvorhersehbares geschehen kann, mich in diesem Moment ungemein ankotzte! Unsere ganze Tour: geplantes Ziel Griechenland, die wir gerade unternahmen, die reine Perversion! Nur aus der Langeweile heraus! Unsere Motivation zu der Reise, alles: Langeweile! Schlimm!

Warum blieben wir nicht in München? Passten wir dort nicht am besten hin? Wir sprachen nie über das Ausland, in das wir reisten. Wir bereiteten uns auf die Menschen dort nicht vor. Was wollten wir dort? Wir sprachen eine andere Sprache. War es nur die Wärme, das schöne Wetter, das warme Meer? Reichte das als Grund?

Wir hofften auf Erholung!

Das war es.

Endlich, ich atmete auf. Ich lehnte mich zurück und sah hinaus. Ich sah grüne Wiesen, helle Maisfelder flogen vorbei. Jetzt wollte ich an Mais und Wiesen denken.

Es ging nicht.

„Wie denkt man nicht ausgerechnet das, was man gerade nicht denken will?“

Ich dachte weiter: Wir wollten nur unseren üblichen Stiefel durchziehen und hofften darauf, uns dabei auch noch zu erholen. Aber warum zu diesem Zweck soweit weg fahren? Ich fragte nach einem winzigen weiteren Grund der Reise. Ich konnte nichts mehr finden!

Was war hier interessant?

Ich war völlig phantasielos. Dann litt ich darunter, dass die ganze Welt so schlecht war: an jeder Ecke Krieg und Umweltzerstörung, Mord und Vergewaltigung. Und mir ging es so gut, dass ich mich langweilte! Es war pervers, das in den Urlaub fahren. Und überhaupt, warum ausgerechnet Urlaub, und warum mit diesen Leuten, meinen Schulfreunden?

Urlaub kannte ich als Erholungsphase, dringend erforderlich, um den Alltagsstreß und Alltagstrott zu bewältigen. Aber warum brauchten ausgerechnet wir Urlaub?

Wir, die wir nur die Schulbank drückten! Eigentlich sollten wir darum dankbar und froh sein!

Wovon mussten wir uns erholen?

Unser ganzes Schülerleben war doch die reine Erholung!

Wir hatten doch nichts vernünftiges, geschweige denn verantwortungsvolles zu tun, von dessen Belastung wir uns zu erholen hätten!

Der Song „come on baby light my fire“ von Jim Morrison war beendet. Moritz schickte sich an, das Band zu wenden. Die Seite B, welche er bereits in vollen Zügen genoss, wollte er noch einmal hören. Rolf hielt die Tachonadel exakt auf 80. Harry schaute nicht mehr starr, sondern interessiert zum Fenster hinaus.

Plötzlich hörte ich mich laut und deutlich fragen: „Warum fahren wir hier eigentlich herum? Was soll das Ganze?“

Erst nach dem Sprechen merkte ich, dass die Frage wie aus einer anderen Welt klang. Sie war unfassbar unpassend, zusammenhangslos, unverständlich, verunsichernd. Sie war nicht ernst zu nehmen.

Sofort lachte Rolf lauthals los. Versehentlich riß er das Steuer nach rechts. Korrigierte sofort. Lenkte den Wagen vom Pannenstreifen zurück auf die Spur.

„Bist du besoffen? Hast du etwas geraucht? Haben wir doch ein paar Grämmer Shit dabei? Ich dachte, Drogen hätten wir nicht an Bord.“

Für den König war das also keine ernste Frage.

Harry blickte mich interessiert an, sagte jedoch nichts.

Niemand sagte etwas. Keiner nahm meine Frage ernst. Das beruhigte mich. Ich hatte nur laut gedacht. Versehentlich.

Nils beschäftigte die Frage. Erst fünf Minuten später, die Musik von Moritz beschallte in voller Lautstärke das Auto, sagte er:

„Ja genau, das finde ich auch interessant. Was soll diese Tour hier eigentlich?“

Der König konnte nicht vom Thron, seinem Volk ins Gesicht springen. Er musste das Lenkrad seiner Kutsche halten. Sein Lachen presste er in sich hinein. Das ging nur kurz. Die Kutsche musste er stoppen. Deshalb lenkte er diesmal absichtlich auf den Pannenstreifen. Er bremste das Fahrzeug ab, schaltete die Warnblinkanlage ein, den Motor aus, zog die Handbremse an. Erst jetzt ließ er seinem Bedürfnis freien Lauf. Er lachte. Unkontrolliert. Es war ein Anfall. Der König außer sich, schockiert. Das Lachen war es, mit dem er die Fehler seiner Getreuen und Ungehorsam und Unverständlichkeit seines Volkes ertrug. Das Lachen strengte an, es nervte, es war nicht lustig, höchstens man erlebte es betrunken. Wir waren nüchtern. Die gleichen Lachtöne wiederholten sich grausam oft. Sie rollten auf ein Neues an, wo man auf ein Ende hoffte. Sie kamen von Tief unten und wollten ganz oben heraus. Sie überschlugen sich in der Luft, prallten an der nahen Wand ab und erreichten das Ohr erneut, etwas leiser. Doch das entspannte nicht, denn sie vereinten sich vorher mit neuen monotonen Lachtönen, welche die Wand noch nicht erreicht hatten. Ein grausames, ohrenbetäubendes Schauspiel!

Nils überbrüllte das Lachen angesäuert: „Es ist unglaublich wie schwachsinnig du lachen kannst!“

Sogar Moritz stellte seinen Doorssound ab. Die Mischung war zu grausam.

Nils fragte ruhiger: „Welche Dinge gibt es, die dich so amüsieren? Die ich übersehe? Was ist das, was ich nicht sehe, wegen dem du so lachst?“

Das hörte Rolf nicht. Er lachte.

Nils: „Dann muss ich halt warten, bevor ich beginnen kann, mich ernsthaft mit euch über meine Frage zu unterhalten!“

Moritz drehte sich ungläubig zu Nils nach hinten. Kein schelmiges Lächeln. Keine roten glänzenden Fäustlingsbäckchen, die er heraus drückte. Keine freudig funkelnden, großen braunen Kinderaugen. Der Blick eines beleidigt fragenden Jugendlichen, dem man seine geliebte Musikkassette weg nehmen will.

Auch Harry richtete seinen Blick fest auf Nils. Er war wieder erstarrt. Am liebsten hätte Harry gesagt, dass Nils seine blöde Klappe halten soll. Ihm lag nichts daran, dass der Fahrer einen Lachkrampf erlitt. Er wollte die Pause auf dem Pannenstreifen am wenigsten. Er wollte nämlich schnell nach Dubrovnik. Er sagte nichts.

Trennung

Der Kaffee schmeckte grauenvoll, er sah dünn aus.

Ein langer Typ in einem grauen Anzug fegte draußen auf dem Gehsteig ein kleines Häufchen Abfall vor sich her. Dazu benutzte er einen, aus dünnen Ästen gebundenen, Besen. Neben einem Mülleimer ließ er den kleinen Haufen liegen und begann von der anderen Seite des Gehsteiges. Er fegte noch ein Häufchen zusammen. Dieses Häufchen fegte er auf ersteres zu. So vereinten sich die beiden Häufchen. Sie fanden sich zusammen. Die Plastik- und Papiertüten, Eisstiele, Coladosen und Hozstöckchen und Flaschen, die Plastikbecher und Fastfoodtüten. Sie lagen ineinander verwunden, verschlungen, zusammen geknüllt. Als gehörten sie schon immer zusammen.

Plötzlich geschah etwas grausames. Das gerade noch friedlich liegende Häufchen begann zu rauchen. Dunkle feine Qualmstriche stiegen aus ihm empor. Jetzt erst sah ich ein kleines loderndes Flämmchen zwischen den Blechdosen aufflackern. Papier und feine Holzstöckchen verbrannten. Klein lodernd und schnell. Dunkler Ruß ergraute, schwärzte die roten Blechdosen und grünen Glasflaschen. Sie wollten nicht brennen. Sie konnten nicht. Trotzdem loderte das Häufchen leicht weiter. Grau saß der Täter daneben auf dem hohen Bordstein. Er zog an seiner Zigarette. Sein Werk betrachtete er nicht. Er starrte müde vor sich hin. Sein Blick fiel auf den grauen Asphalt. Sein Besen ruhte neben dem lodernden Häufchen. Jetzt rollten erste Dosen und Flaschen auseinander. Die Umschlingungen lösten sich. Sie zerfielen in Asche. Der graue erhob sich qualmend. Er nahm den Besen. Erneut fegte er zusammen, was jetzt nicht mehr zusammen bleiben wollte.

Ich beobachtete das. Blickte durch ein milchiges, schmutziges Fenster. Nippte an der Kaffeetasse und rauchte eine Zigarette.

Harry sagte, dass er sich nun entschieden hat. Ihm reichte es. Er wollte nicht noch Stunden warten. Er wollte nach Dubrovnik. Schnell. Rolf verließ mit ihm das Fastfoodrestaurant. Beide standen vor dem weiß beschmierten VW-Bus. Er gab ihm seinen Rucksack, seinen Schlafsack und sein Zelt. Schüttelte die dünne bleiche Hand. Zog den Ausweis aus seinem Geldbeutel. Gab auch den zurück. Schüttelte nochmal. Rolf lächelte kurz, gezwungen. Harry blieb starr, warf den Rucksack auf und ging. Benzingeld zahlte er nicht, das war klar. Er saß nicht einmal hundert Kilometer bei uns im Bus. Vorher sagte Harry: „Ich werde mir einen anderen Lift besorgen. Dann rufe ich meine Oma an und gebe ein neues Nummernschild durch“.

Dann sah ich beide. Sie bewegten sich langsam am lodernden Feuerchen vorbei. Harry gestikulierte mit beiden Händen. Drehte sich immer wieder zu Rolf. Er verstand nur Bahnhof. Rolf schüttelte den Kopf.

Drinnen saßen wir, bei ganz schlechtem Kaffee. Wir diskutierten.

Es ging um Nils. Er saß auf einem alten, wackligen Holzstuhl. Beide Arme lagen auf der runden grauen Tischdecke. Seine Hände umklammerten den grünen Kaffeebecher. Dampf stieg aus dem auf.

Er sagte, er hat keine Lust mehr. Es reicht ihm. Die Tour sei nichts für ihn. Er wusste es schon vorher, wollte es nicht glauben. In Giesing in der Kneipe, mit mir und Rolf, ließ er sich nochmal überreden. Er nahm das an. Machte es zu seiner Wahrheit. Doch es ging nicht. Er log. Das wisse er erst jetzt.

Nils sah traurig aus. Er sprach langsam. Er schaute in seinen Becher.

Er hat alles wegen seinem Gewissen getan. Es ist schlecht geworden, nach dem Säuferabend in Giesing. Er wollte mit seinen Sollner Freunden weg. Jetzt war er hier. Er merkte erst jetzt, dass das nicht gut ist. Weil es nicht zusammen passte. Er spürte, wie es ihm schlechter und schlechter ging. Während der Fahrt. Deshalb stoppte er den Fahrer. Bat ihn, er solle diese Raststätte ansteuern.

Er machte einen Fehler. Er ließ sich was einreden. Er achtete nicht auf sich selbst. Er hörte nicht, was sein Körper sagte. Sein schlechtes Gewissen überrumpelte ihn. Wegen Rolf fuhr er mit. Er ließ sich fest nageln. Er sah ein Chaos in seinem Kopf. Wirwarr. Er wollte an der Cote Azur beraten. Jetzt saß er an der Österreichischen Autobahntankstelle. Mit uns. Das war grausam. Es stimmte ihn traurig. Deshalb war es für ihn schlimm.

Moritz lag auf der Eckbank. Er döste vor sich hin. Die Augenlider geschlossen. Sie zitterten und zappelten. Er zwang sich so zu liegen. Auf dem Rücken. Seine Hände unterm Kopf. Zusammengefaltet. Die Füße angewinkelt. Aufeinander verschränkt. Jedes Wort von Nils hörte er. Er zwang sich, noch zu schweigen. Er verstand die Worte, und kapierte sie nicht. Er richtete sich kurz auf. Zuzelte an seinem Strohhalm, fiel zurück auf die Eckbank. Die Lieder blieben geschlossen. Zitterten. Er blinzelte leicht unter ihnen hervor. Sah nur die grüne Flasche auf dem Tisch.

Der Hofnarr war dem Volk nahe. Ok. Aber, der Hofnarr versetzte sich nicht in das Volk des Königs. Nicht wenn es so sprach. Diese Worte aus dem Volk waren zu anstrengend. Traurig?

Der Narr musste lustig sein. Er musste unterhalten. Er musste Ideen haben, die König und Volk unterhielten. Er musste lebendig sein, wenn König und Volk sich langweilten wenn sie traurig wurden oder gar starben.

Doch was war mit dem Narren jetzt?

Da saß doch einer und sprach. Traurig. Er langweilte sich mit uns. Er war frustriert. Er war das Volk.

Warum hüpfte der Narr nicht herum? Schnappte den Traurigen und tänzelte mit ihm durch das Lokal? Warum schlug er kein Wagenrad für ihn, sprang nicht zur Decke, warf nicht mit bunten Bällen um sich?

Plötzlich erhob sich Moritz. Stützte sich mit den Ellenbogen auf die Eckbank. Schaute zu uns. Seine Backen drückte er nicht heraus. Seine Nase sah ich. Seine Augen glänzen nicht. Seine Stirn plötzlich faltig! Einatmen durch den leeren Mund. Seine Stimme erhob sich aus der Tiefe, sie brüllte laut und dunkel:

„Das ist allerdings echt zum Abkotzen! dass du jetzt plötzlich, nachdem wir bereits einen Tag im Auto hinter uns haben, deine Sollner Juppifreunde als Argument gegen unsere Tour bringst! Du tust, als wärst du ein armes abgeschlachtetes Opferlamm! Dieser Mist hätte dir wirklich früher einfallen können!“

Es war die Mine eines wütenden Heranwachsenden. Seine Kassette war geklaut! Einfach weg. Jetzt musste er grimmig am besten aggressiv wirken. Was er sagte, war sein Ernst. Es war nicht der Schelm. Aber, seine Frisur? Sie passte auch nicht zum ernsten, beleidigten Heranwachsenden. Sie stammte von einem Hund, der ausgestellt wurde. Der springen sollte. Dem sein Herrchen sagte: „spring jetzt! spring jetzt endlich, du feiges Viech! Wir wollen einen Preis gewinnen!“

Ein Boxer? Mit so einer Mähne? Nein. Irgend ein kleiner. Eine Promenadenmischung. Erst in Jahren erweist sich, welcher es werden sollte.

Auch Nils erwartete die Regung von Moritz nicht. Er erwartete den Narren. Trotzdem verlor er seine Traurigkeit.

Seine Absicht formierte sich.

Er sagte: „Das übliche in Leben. Hinterher ist man immer schlauer als vorher. Das ist jedem zu zu gestehen. So geht es eben auch mir. Ich spürte nach dem Abend in Giesing eben nicht, dass ich lieber mit meinen Sollner Kumpels weggefahren wär. Rolf überzeugte mich. Vielleicht zog er mich auch einfach über den Tisch!“

Da war der König wieder:

„Aha jetzt bin ich also Schuld daran! Dir fällt jetzt erst ein, dass du in Wahrheit keinen Bock hast, mit uns zusammen weg zu fahren! Und ich hab dich über den Tisch gezogen! Klar! So einfach kann man sich’s natürlich auch machen!“

Der König saß auf seinem Thron. Er musste etwas für sein Volk vorschlagen. Wie sollte es weiter gehen?

„Rolf, Moritz und ich finden diese Tour hier ganz gut. Wir wollten miteinander weg fahren. Du hast inzwischen eine Art Legitimations- und Sinnkrise. Du fragst nach dem Sinn von Urlaub mit uns. Ich hab dich davon abgehalten, dich frei zu entscheiden? O.k., kann sein.“

Eine Sprechpause des Königs. Er erhob sich. Stützte sich mit den Fäusten auf den Tisch. Sein Gesicht war rot. Seine Ohren auch.

Er sprach leise, denn sein Volk saß nahe:

„Um nicht den Rest unseres Urlaubs auf dieser Tankstelle zu verbringen schlage ich vor, dass wir eine bestimmte Uhrzeit ausmachen zu der sich alle, die damit einverstanden sind, die Reise fortzusetzen, am Auto treffen. Klar muss sein, dass dieses Thema damit erledigt ist. Wer zu der vereinbarten Zeit nicht da ist, fährt einfach nicht weiter mit!“

Das war des Königs Vorschlag und sein Urteil.

Der Hofnarr sprang auf, um es zu feiern.

Wieder knallten Sektkorken, ohne dass ich sie sah. Er hüpfte von seiner Bank. Turnte um den Tisch. Versuchte ein Rad zu schlagen. Der Boden war zu glatt. Er rutschte aus. Versuchte sich am Tisch zu halten. Ergriff die Tischdecke. Stürzte zu Boden. Der König stand immer noch aufgestützt am Tisch. Nur sein Gewicht hielt die Decke, verhinderte eine kleine Narrenkatastrophe. Der Narr beachtete sein Missgeschick nicht weiter. Er zog sich am Tischbein hoch. Er zappelte neben seinem König. Er plärrte:

„Super! Bin absolut damit einverstanden! Sagen wir zwölf Uhr Mittags: Abfahrt! Das ist eine gute Uhrzeit! Ich kenne sie aus Filmen! Toll! Eine Zeit zum Handeln!“

Aus dem Gesicht des Königs wich langsam die rote Farbe. Es war die Erregung. Sie schwand.

Zunächst war der König nicht sicher, ob sein Volk folgen werde. Der Narr unterstütze ihn. Der Narr kannte das Volk. Der König stand entfernt vom Volk. Das Volk folgte.

Nils verließ das Fastfoodrestaurant. Ich sah ihn draußen. Langsam ging er an dem grauen qualmenden Häufchen vorbei. Der Besen lag am Bordstein. Der Graue saß noch da. Er rauchte. Nils bückte sich. Der Graue gab ihm Feuer.

Drinnen begann eine muntere Diskussion. Thema: Geld. Wir drei wälzten unsere Reisekassen. Es ging um Benzinkosten, Campingplatzgebühren, Mautgebühren. Nicht um die Entscheidung des Königs. Ein neuer Tramper sollte gefunden werden.

 

Der Vormittag an der Tankstelle endete um zwölf Uhr. Nils stand am Bus. Der König sperrte den Wagen auf. Nils nahm seinen Rucksack heraus. Er sagte: „Tschau liebe Leute und noch viel Spaß“. Jedem von uns schüttelte er die Hand. Er wandte uns den Rücken zu. Auf dem Gehsteig ging er zum Grauen und seine lodernden Häufchen.

Nils, allein in Wald und Gebirge

Nils erzählte später, dass er zwei Tage und zwei Nächte an der Tankstelle herumlungerte. Dann nahm ihn endlich ein Österreicher bis Salzburg mit.

Im Salzburgerland stieg er einsam hinauf. Er war Wochen unterwegs. Er wanderte und kletterte einsam im Gebirge herum. Dabei dachte er klar. Er wollte auch nicht mit seinen Sollner Kumpels in den Urlaub. Es war eine billige Notlüge. Er schob sie an der Tankstelle vor.

Harry der Tramper beeindruckte ihn. Der war einfach allein unterwegs. Er brauchte niemand. Dabei ging es ihm gut. Er war munter und sprach lustig von seiner angeblichen Oma. Er hatte kein Ziel, außer Dubrovnik. Er ließ es auf sich zu kommen. War offen und dabei allein.

Das hat er nie in seinem Leben getan. Dann sagte „sein Inneres“: tu es! Der Zeitpunkt ist gut! Sehr gut sogar!

dass er ungünstig war, mag sein. Die Freunde reisten ohne ihn weiter. Es war getan. Er war völlig auf sich selbst gestellt.

Es regnete ihn an der schmutzigen, windigen, kalten Tankstelle zwei Tage lang voll. Er ärgerte sich über den Gestank, die lauten Autos. Keiner nahm ihn mit. Er triefte von kaltem Regenwasser. Im Bus von Rolf war es trocken und warm. In Griechenland war es sonnig und heiß. Er fror.

Das Laufen im Gebirge strengte an. Nach zwei Tagen schmerzten seine Beine. Blasen und Muskelkater. Seine Kräfte waren gering. Seine Lunge verraucht. Tief atmete er durch. So setzte er einen Fuß vor den anderen. Er zwang sich nicht, bewegte sich, wie der Schmerz es zu ließ. Er musste keinen Pokal gewinnen, nicht als erster am Ziele sein. Das Ziel lag weit, es war noch garnicht gesteckt.

Er hörte, was geschah. Das rauschte und knackte. Es flatterte und huschte. Tiere, die raschelten, andere die flogen und piepsten. Äste zerbrachen. Auch er tapste, raschelte dabei, knisterte und krachte. Wind strich vorbei, Blätter flogen herab. Der Weg hellbraun vom Laub des letzten Herbstes. Sonnenstrahlen drängten durch das Walddach. Erreichten den feuchten vermoosten Boden um die Baumwurzeln.

Der Dauerregen war vorbei. Der nasse Boden trocknete.

Das Waldleben lief ruhig, obwohl es huschte, knackte und raschelte. Das gehörte sich so. Er passte sich der Ruhe an. Das tat er gern. Hier wollte er nicht der Störenfried sein. Warum auch? Es war die normale Waldruhe. Er konnte sie lassen. Er genoss sie sogar.

Einmal hoppelte er wie ein Hase, dann sprang er wie ein Reh. Er saß wie ein Käfer, knabberte sein Brot. Wie ein Eichhörnchen kletterte er, saß auf dem Ast und blickte hinunter. Groß war er und dann wieder klein. Er war fremd im Wald, passte sich an und gehörte ein wenig dazu.

Am Waldrand im Wind stand er und lachte. Seine Hand stützte ihn am Baum. Die steil abfallende Blumenwiese blickte er hinunter. Hob seinen Rucksack vom Boden auf und schnallte ihn um. Durch die Blumen, das grüne hohe Gras rannte er hinunter, stürmte unten wieder in den Wald. Seine Beine trugen ihn. Seinen Rucksack konnte er tragen. Er trug alles, was er brauchte.

Nachts lag er am Waldrand auf der Wiese. Der Wald machte ihm im Dunklen ein wenig Angst. Der Rand eröffnete einen weiten Blick hinab ins leise rauschende Tal. Und hinauf zum klaren Sternenhimmel. Die Sicht war hell und offen. Der dunkle Wald lag neben ihm. Es konnte nichts geschehen. Auf dem Rücken lag er, schaute nach oben. Aus dem Wald hörte er das Rascheln und Laufen, ein Kratzen, ein Nagen, ein Piepsen, ein plötzliches Hüpfen. Von der Wiese hörte er ein Rauschen. Es trug den Blumengeruch heran. Oben sah er helle Wolkenfetzen, sie zogen. Die Sterne blinkten. Langsam zog der Mond hinter einer Bergkette hervor.

Einsamkeit. Alles lebte.

Um das zu erleben, brauchte er Szenen, wie an der Tankstelle. Sie durchbrachen die langweilige Bahn. Sie scherten aus, aus der Linearität. Seine Linearität. Der hektische Lauf des Stadtlebens war ihm irgendwie doch zu ruhig, zu gerade. Er liebte Szenen, wie an der Tankstelle. Sie mussten kurz und ergebnisreich sein. Auch wenn sie traurig aussahen. Abschiede sind immer traurig. Doch er sieht seine Freunde wieder. Es war kein Abschied für immer.

Er verhielt sich „unkonventionell“! Er leistete sich solche Abschiede. Er musste noch keine vierzig und mehr Stunden in seinem Beruf „rackern“! Alltagstrott ertragen. Noch konnte er ausbrechen! Er tat es.

Und: Der Preis dafür sah hoch aus! Von Außen betrachtet! Es sah trübselig aus, wie sich die Freunde an der Tankstelle verabschiedeten. Wie sich alles entschied, als müsse es so sein. Es musste auch so sein! Doch dieses Bild war der Preis! Das war alles! Teurer wurde es nicht!

Jetzt lag er in der klaren Sternennacht am Waldrand. Er sah alles, hörte alles. Er freute sich, er lachte, er fühlte sich wohl, es ging ihm gut. Das war der Lohn! Er genoss ihn. Er gestaltete ihn.

Er ging langsam, er ging schnell. Er stieg hinauf, stieg hinab. Er lag, er sah, er sah die Ferne und sah das Nahe, den winzigen Käfer auf dem Waldboden.

Was war hier unkreativ? Nichts. Alles lebte, bewegte sich, tat wie es tun musste. Er stieg hinein und mischte mit. Seine Kreativität spürte er. Er musste nichts schaffen, was er später in der Hand hielt und sagte: „Hier Leute, schaut mal, das habe ich geschafft!“ Was er tat musste nicht sichtbar werden. Niemand musste es sehen. Es musste nicht schwer wiegen. Es musste kein bestimmtes Gewicht, keine bestimmte Größe erreichen, damit es Anerkennung fand. Seine Kreativität war, wie er war, wie er den Tag lebte. Was er sah, was er hörte, was er beachtete. Wie er lief, wo er sich setzte. Wo er verweilte. Was er tat blieb unsichtbar. Nichts zum Vorzeigen. Nichts zum Verkaufen. Nichts zum Messen.

Wie leicht es war, dabei zu sein. Im Wald, auf der Wiese, im Mondschein unterm Himmel voll mit Sternen. Er machte mit, lebte und kochte spärlich. Hinterließ keine Spur seiner Zivilisation. Machte Feuer das er benutzte und wieder löschte. Trug Wasser das er brauchte. Er trank es. Aß, was er essen musste. Er hatte Hunger. Er spürte den Hunger.

Durch den Wald ging er und piepste dabei, wie die Vögel, die er hörte. Er trainierte nicht sein Anpassungsverhalten. Er machte es nicht wie in der Schule. Er tat nichts, was die Medien ihm sagten. Er dachte nicht daran.

 

Nils irrte im Gebirge herum. Ziellos. Begeistert von grünen Blättern, brauen und schwarzen Rinden. Rauschenden Bäumen. Knacksenden Hölzern.

Er bestieg die hohen grauen Felsen. Fest griff er zu. Seinen Körper zog er hinauf. Seine Muskeln spannten. Später schmerzten sie. Er sah hinunter in die Tiefe. Graue zerfurchte Felswände vielen steil hinab. Gamsböcke und Bergziegen bewegten ihre Mäuler. Winzigste Grasbüschel am Gipfel, kleinste Büsche rissen sie zerrend ab und ließen sie sich schmecken. Sie schnupperten an seiner Hose, an seinen dreckigen Schuhen.

Er saß im kühlen Wind. Rings herum war der Himmel blau. Verstreute Dörfer und Städte lagen unten, plötzlich nicht mehr zu hören. Lange dicke Striche durchschnitten das Land. Es lag flach zwischen immer steiler ansteigenden, unten grünen, dann grauen Bergen. Je näher sie an den blauen Hintergrund gelangten, desto schärfer spitzten sie sich zu. Bis sie in den Hintergrund hineinstachen. Er stellte sich auf den Gipfel. Sein Kopf stach hinein.

Nils traf Julian

Nach vier Tagen, traf er, durch einen Zufall, auf einen Schafhirten. Er hieß Julian. Dem glaubte er nicht, dass er wirklich Schäfer war. Warum?

Nils glaubte an anderes. Schäfer gab es hier nicht. Sie waren Aussteiger. Ehemalige Hippies. Sie konnten mit dem zivilisierten Leben nicht mithalten. Sie stiegen aus. Sie stiegen in andere Breitengrade. Aussteigen hieß: nicht bei uns bleiben. Weit weg steigen!

Mit lebenden Schafen und Schäferstöcken hatte Nils nichts zu tun. Er wusste nicht, wie man Schafe zusammenhält, wie man sie zusammentreibt. Er hatte keinen Hund. Er kannte keinen Schäferhund, der Schäferhund war, weil er Schafe hütete.

Urteilen, verurteilen, aburteilen, beurteilen, vorurteilen, das war Nils.

Trotzdem war Julian Schäfer. Trotzdem lebte er nicht in anderen Breitengraden. Und er hatte einen Schäferhund, der Schafe hütete, der ihn ständig begleitete, den er liebte.

Unglaublich für Nils: Julian lebte schon immer dort! Hatte eine Hütte und eine Höhle und ein kleines Feld und seine Hündin und seine Schafe und eine kleine Koppel. Schon immer war er Schäfer, schon immer lebte er in den Bergen. Hippies kannte er nicht, er war keiner. Aussteigen kannte er nicht, er war Schäfer, wie sein Vater, wie sein Großvater.

Julian war Österreicher, liebte seine Heimat, in der er schon immer lebte. Er züchtete seine Schafe in seinem gebirgigen Heimatland.

Julian war ein gewöhnlicher Schäfer, lebte in der Natur, die seine Heimat war, hatte Gründe so zu leben. Seine Familie lebte so. Schon immer. Nie lernte er etwas anderes. Er wuchs mit Schafen auf. Nichts anderes interessierte ihn. Zumindest beruflich.

Die Zivilisation kannte er schon. Er stieg regelmäßig hinab ins Tal. In Hinweiler, seinem Heimatdorf kaufte er ein und trank an der Theke im Hotel Zur Post einen Schnaps. Dort sah und hörte er die Zivilisation. Man kannte ihn aber traf ihn selten.

Vieles erfuhr er aus dem Radio. Ein kleiner Empfänger in seiner Hütte. Er verriet, was unten im Tal und auf der Welt los war.

Warum sprach er nicht den Österreichischen Dialekt seines Vaters?

Der Vater war seit einem Jahr tot. Im Radio hörte er kein Österreichisch, nur selten. Er übte Hochdeutsch. Er sprach viele Sprachen. Nicht ausländisch. Es waren Dialekte, unterschiedliche Dialekte und Hochdeutsch. So verbrachte er seine einsame Freizeit. Er hatte viel Zeit. Er sprach mit Assya, seinen Schafen und sich selbst. Und manchmal mit dem alten Förster. Er liebte es, verkleidet zu sprechen und er liebte es, sich selbst zu verkleiden und sich zu maskieren.

 

Nils war froh, nach Tagen jemanden zu treffen. Er freute sich über das Zusammentreffen. Er verstand Julians Sprache. Er fühlte sich inzwischen ein wenig einsam. Zwei Tage und zwei Nächte traf er keinen Menschen, sprach mit niemandem.

Julian beeindruckte ihn. Wie der Wald, wie die Wiesen, wie die Berge. Er sah diesem alten Mann in sein faltiges, schmales Gesicht. Er dachte: Der muss nichts mehr lernen! Der ist alt! Der kann schon alles! Warum dachte Nils an Lernen?

Ihm fiel sein „schulischer Trott“ ein. Der ärgerte ihn. Er war jung und musste lernen. Seine grauen Gehirnzellen kratzten in seinem Kopf herum. Das taten sie so lange, bis sie irgendwo Zugang fanden. Sie nisteten sich ein. Sie lagerten zwischen, bis sie in schulischem Trott abgeprüft wurden. Danach hüpften sie wie Kobolde durch sein Gehirn. Sie schlugen gegen die Wände der Windungen und zerstörten dabei einiges. Gehässig lächelten die kleinen Grauen. Kreischend sprangen sie in eine riesige schwarze Blechtonne. Scheppernd stürzten sie hinab. Manche krallten sich innen am glatten Rand fest, versuchten wieder hinauf zu klettern. Es gelang nicht. Andere flogen von oben nach. Sie rissen die kletternden laut scheppernd mit in die Tiefe. Es war eine Mülltonne. Sie füllte sich täglich. In einer Ecke stapelten sich die vollen Tonnen. Die Grauen in den Tonnen lagen tot. Helfergraue versiegelten die Tonnen mit Schweißbrennern. Sie wuchteten sie auf die Stapel. Der Lagerplatz war begrenzt. Die Endlagerstätte bald überfüllt. Neue Graue, vollgestopft mit neuem Wissen brauchten einen Endlagerplatz.

Der Kopf des alten Julian musste über und über gefüllt sein. So alt wie der aussah! Trotzdem fand er noch Platz, Nils zu zu hören. Er interessierte sich für den Fremden in seinem Gebirge. Julian fragte, antwortete, erzählte, hörte zu.

 

Seine Schäferhütte war spartanisch eingerichtet. Wenig Mobiliar. Ein Holztisch in der Ecke. Eine Eckbank. In der Mitte ein Trog. Groß genug für einen Menschen um darin zu baden. Daneben ein großer alter Ofen. Der Großvater schleppte ihn zu Beginn des Jahrhunderts, zusammen mit anderen Schäfern und einem Lastenesel, aus dem Tal herauf. Das Ofenrohr ging nach oben durchs Dach hinaus. Niedrig. An Balken schlug sich Nils den Kopf an. Er vergaß sich zu bücken.

Draußen: Idylle. Saftig, grüne Bergwiesen. Ein umzäunter Getreideacker neben der niedrigen Hütte. Eine flache Wiese vor der Hütte. Eine gemütliche Bank vor der Hütte. Ein Plateau. Hoch oben, versteckt, weit hinter dem Bergwald. Weit abgelegen von den gewöhnlichen Pfaden eines Wanderers. Herrlicher Ausblick auf benachbarte Gipfel. Weitsicht. Hinter der Hütte eine riesige steile Felswand, die sich majestätisch erhob. Stand man vor ihr und blickte hinauf, sah man ihr Ende weit entfernt in den blauen Hintergrund stechen.

Ging man rechts entlang, kam man zu Julians Höhle. Sie war sein Lager. Lebensmittel, Holz, Heu, Stroh, Getreide. Kleidung aus Schafleder und Wolle, überhaupt, viel viel Schafwolle. Schafwolle und Leder steckte auch in der Hütte. Unter der Decke, an den Wänden, unter dem Boden. Es isolierte. Die Winter in den Bergen sind eisig. Stürmischer Herbst. Früher Schneeinbruch. Später Frühling. Kurzer idyllischer, trügerischer Sommer. Seine Schafe ließ er im Winter in die Höhle.

Ging man links entlang, stoppte man schnell, den das Plateau stürzte steil in die Tiefe. Man sah in eine dunkle Felsspalte.

Julian sagte: „Der letzte Wanderer kam hier vor drei oder vier Jahren vorbei“.

Julian war der letzte Schäfer in diesem Gebirgsteil. Das Leben war karg, der Beruf uneinträglich.

 

Julian sah aus wie ein Sechzigjähriger. So sah ihn Nils. Er trug einen Schäferbart. Bis zur Brust lang. Zerzaust. Ungepflegt, mit grauen Strähnen. Nicht wie ein Nikolausbart. Grau wie Schafwolle. Ein alter schwarzer Hut. Bogart. Darunter eine faltige Stirn. Graue Haare vielen seitlich aus dem Hut. Die rote Nase breit und rund. Seine Backen faltig, rötlich, herabhängend, zerfurcht. Kleine runde Augen, buschige Lieder. Braun. Kein Schäfermantel. Eine alte, zerschlissene Latzhose aus ehemals blauem Jeansstoff. Aufgerieben, durchlöchert und geflickt. Helle Lederfetzen. Ein Kariertes Hemd, rote Karos, alt, herunterhängend.

Er rannte abseits eines Wanderweges durch den Wald. Er versuchte es leise. Wollte wissen, ob er wie ein Reh übers Unterholz kam, ohne zu lärmen. Es knackte und krachte. Das Laub raschelte. Blätter wirbelten auf. Die Ruhe des Waldes war gestört. Er machte Lärm. Er rannte hektisch. In der Stadt wäre das leise gewesen. Im Wald war er ohrenbetäubend. An einem dicken Baum stoppte er. Hörte. Sein Rascheln und Knacken war verstummt. Er musste lange stehen, um das leise Rauschen des Waldes wieder zu hören.

Plötzlich, hinter seinem Rücken, schoss zufällig Assya die Hündin nah an ihm vorbei. Er erschrak. Sein Herz pochte, begann zu rasen vom Schreck. Rechts vom Baum sah er einen buschigen, grauen Schwanz übers Waldlaub fliegen. Assya jagte davon.

Der Erschrockene schwitzte heftig. Schweiß rann über die Innenseite der Arme, tropfte an den hängenden Händen hinab. War es ein Wolf? Ein Hund? Ein Fuchs? Wohin jagte es?

Nils rannte los. Es krachte und knallte unter seinen Füßen. Er war der Mensch im Wald. Es gab keine andere Möglichkeit. Er verfing sich im Unterholz, stolperte, stürzte. Er robbte auf allen Vieren, griff zur Baumrinde und arbeitete sich hoch. Zwei lange Beine machten ihn im Wald zu einem lahmen, stürzenden, unbeholfenen Wesen. Die Hände blutverschmiert, aufgerissen am scharfen Geäst. Er rannte weiter. Das Tier war längst weg. Nur die Spur, die Richtung in die der Schwanz verschwand, sah Nils. In seinem Kopf. Diese Richtung behielt er bei. Knackte, knallte, flog, rumpelte gegen Äste, Baumwurzeln, ganze Bäume. Stürzte über Büsche, blieb daran hängen, schlug kopfüber in einen Laubhaufen. Blieb, außer leichten Schürfungen, unverletzt, zog sich am Ast hoch, stürmte weiter. Unglaublicher Lärm, den er einfach ignorierte.

Das Ende: der Waldrand. Er stand oben. Trat blutend, dreckig, zerschürft, mit schmerzendem Knie heraus. Langsam schritt er am Waldrand entlang, sah was unten vor sich ging. Wischte mit der blutenden Hand an der Hose, danach im Gesicht.

Sein Schmerz lohnte sich. Es sah die Schafherde von Julian. Julian lag neben der Herde im Gras. Der Auslöser der panischen Jagd durch den Wald lag daneben. Ein Hund, grau wie ein Wolf.

Julian sah Nils sofort oben am Waldrand humpeln. Er stand auf, hob seinen Stock, winkte und rief: „he he, hallo hallo!“

Nils schrie runter, winkte zurück: „jaa, jaa!“ Er stieg durch die hohe Wiese ab. Er ging auf Assyas sichtbarer Spur.

 

Nils wusste nicht, was er von Julian wollte. Er blieb einfach bei ihm. Tagsüber wanderte er weiter durch die Wälder. Unbeobachtet übte er weiterhin, leise wie ein Reh zu rennen. Obwohl er wusste, dass es unmöglich war. Abends kam er zu Julians Hütte.

Sie saßen am Feuer, plauderten, aßen und tranken.

Romantik? Traumhafte Idylle? Etwas sehen. Vieles übersehen. Das war Nils.

Julian fühlte sich wohl in seinem Gebirge. Sein Leben genoß er. Die Ruhe brauchte er. Seine Schafe und seine Hündin liebte er.

Den Fremden lud er an sein Feuer ein. Er hörte ihm zu. Er wollte wissen, wer er war, was er im Gebirge wollte, was er dachte.

Nils sagte: „Ich weiß nicht was ich hier eigentlich will. Es könnte sein, dass ich hier bin, weil ich woanders nicht bleiben wollte. Vielleicht laufe ich gerade vor meinem Leben davon!“

„Das hört sich interessant an. Erstaunlich“, sagte Julian, „darüber müssen wir reden.“

Warum wollte Julian darüber reden? Nils hatte Tage mit niemandem gesprochen, und jetzt gleich so etwas gesagt. War Julian Esoteriker, Wunderheiler?

Nils kannte solche Leute nicht. Er wollte sie nicht kennen.

Warum sagte der Mann, den er nicht kannte, dass ihn das interessiert?

Daran war er, Nils, selbst Schuld!

Er hätte auf dessen Frage nicht solchen Quatsch antworten sollen. Vielleicht, so fürchtete er, ist der Typ wirklich Wunderheiler und will den „dicken Reibach“ machen. Die Geschäfte im abgelegenen Gebirge gehen für solche Leute nicht besonders gut. Da wird jeder einsame Wanderer, der in die ausgeworfene Schlinge tappt, sofort gefangen. Nils legte sich die Schlinge selbst aus.

„Guter Trick“, so viel es ihm wie Schuppen von den Augen: die Sache mit dem Hund, den man im Wald streunen lässt, bis ihm ein abenteuerbesessener Wanderer hinter her jagt.

Nils fand zurück in sein Leben. Es steckte voller Mißtrauen. Das Unbekannte war das gefährlichste. Es verunsicherte. Es durfte nicht sein. Wo es ging, beseitigte man es. Unsicherheitsfaktoren vermied man im Leben. Man schaltete sie aus, bevor sie einen ergriffen.

Die Erholung im Wald war vorbei. Die Einsamkeit war vorbei. Er begann wieder zu denken. Die Realität, wenn auch im Gebirge war zurück gekehrt.

 

Nils und Julian saßen mehrere Abende zusammen am Feuer. Sie sprachen miteinander. Nils erzählte die Story von seinen drei Freunden an der Autobahnraststätte und dem Tramper Harry.

Sie rauchten Julians Zigaretten. Den Tabak nannte Nils „Gebirgstabak Marke Eigenbau“. Eine neue Wortschöpfung für Julian. Er baute ihn neben der Hütte auf seinem Feld an. Dort wuchs er. Spärlich aber er wuchs. Nils schmeckte er. Es war die erste Zigarette aus echtem Österreichischem Gebirgstabak, die Nils in seinem Leben rauchte.

Julians Gesicht war rot in den Flammen. Die vielen Falten warfen leichte Schatten. Die Falten waren tief.

Er zog an der Zigarette. Er fragte: „Was willst du hier?“

Die Frage beantwortete Nils nicht klar. Er sagte zuerst nichts. Schwieg. Minutenlang. Starrte in die Flammen. Ohne auf zu blicken sprach er leise: „Ich habe das Gefühl in einem Film zu sein. Der Sinn ging verloren. Vielleicht gab es ihn auch nie.“

Patsch! Ein weiterer Fuß in der Schlinge des esoterischen Wunderheilers!

Julian antwortete: „Ich weiß nicht, was du damit meinst. Du vergleichst deine Situation mit einem Kinofilm. Ich kann dir nicht folgen. Ich war noch nie in meinem Leben in einem Kino.“

Noch nie in einem Kino gewesen! Unglaublich! Das konnte sich Nils nicht vorstellen.

Er sollte überlegen, wie es früher war, als auch er noch nie in einem Kino war. Das wusste Nils nicht mehr. Wie alt war er damals? Welcher Film war es? Keine Ahnung.

„Unglaublich!“, rief Julian, „das würde ich nie vergessen!“.

Ein Künstler

Julians Vorschlag war unvorstellbar. Nils dachte an einen Witz. Er saß am Feuer, lachte. Konnte nicht mehr sitzen vor Lachen. Stand auf. Lief um die Flammen. Hielt Bauch und Mund, wie sein Freund Rolf und lachte närrisch.

Der alte Greis Julian, mit tausend Falten im alten Gesicht wollte er sein? Wollte sich in ihn verwandeln? Lächerlich! Irrsinnig lächerlich, die Vorstellung!

Er, Nils würde gerne Julian sein! Ok. Der Wald, die Ruhe, die Berge, die Hütte, die Schafe, die Hündin Assya und Julian. Das alles gefiel ihm! Er kannte jetzt die Berge, Julian zeigte sie ihm. Er wusste jetzt, wie man Schafe hütet, wie man sie zusammen hält, wie man sie Abends zurück zur Hütte führt. Es machte ihm Spaß. Es entspannte. Der Lärm der Stadt, die Anspannung, der Mief, das fehlte ihm nicht. Gerne würde er bleiben. Doch, wie? Dieser alte Greis konnte nicht seine Rolle übernehmen! Sicher, er war nicht tattrig und klapprig. Er war beweglich. Wendig pirschte er im Wald einem Schaf hinterher, wenn eins flüchtete. Sofort sah er, wenn ein Schaf einem Felsspalt zu nahe kam. Er stürzte sich auf es, bevor es hinab stürze. Zerrte an Fell, Beinen und Schwanz, rettete das kreischende Tier vor dem sicheren Tod.

Er sah einfach alt aus. Sein Gesicht, gezeichnet vom gesunden Leben im Freien. Schon viele Jahre. Egal ob Sommer oder Winter.

Doch seine Idee war sein Ernst.

Tagelang führte er Nils durch die Berge. Spürte dessen Verunsicherung. Hörte die Worte, die er über die Stadt und sein Leben sprach. Hörte genau hin. Merkte, dass Nils sich bei ihm wohl fühlte, vielleicht sogar frei. Er sah, wie Nils sich in ein kleines Reh verwandelte, plötzlich geräuschlos hinter Bäumen hervor sprang. Wie ein Hase durch das Laub hoppelte. Hurtig auf einen Baum kletterte, um Wald und Berg von Oben zu überblicken.

Neben ihm stapfte Nils auf seinen alten Pfaden. Er zeigte sie Nils, wie das sein Vater tat. Wie sein Vater, blieb er mit Nils an jedem Hang stehen, wo vor Jahren ein Schaf hinunter stürzte. Er zeigte jede Höhle, die Unterschlupf bei Sturm und Gewitter bot. Erzählte die Geschichten vom Großvater, die er vom Vater hörte. Er sagte: „Stell dir vor, in dieser Höhle, hausten während des Krieges Menschen, die sich verstecken mussten. Mein Großvater führte sie her!“

Nils interessierte sich. Fragte nach jedem Detail. Wollte die Schafe scheren. Führte sie über steile Berggrate. Schwamm mit ihnen durch kalte Gebirgsflüsse. Zog sie einzeln an den Vorderfüßen über Felsbrocken, die den Weg durch enge Schluchten versperrten. Jede Wiese auf denen sie weideten sah er.

Glaubte er sich unbeobachtet, spielte er mit Assya. Tollte mit ihr durch den Wald. Warf Stöcke. Hoppelte wie der Hase. Spielte den Fuchs. Das war Nils.

Julian ahnte, worüber Nils sich ärgerte. Die Stadt. Die Zwänge. Die Strukturen. Die Ämter, denen er sich ausgeliefert fühlte. Das Stadtleben, ein unrhythmisches Hin und Her. Heute so, morgen anders, übermorgen ganz anders. Keine Harmonie. Keine Ruhe. Viele Häuser. Hohe Mauern. Viel Gestank. Und der Lärm. Unvorstellbarer Lärm!

Wie war das? Wie lebte man das? musste man es mühselig ertragen? Oder trug es sich von selbst?

Nils musste wegen seiner Idee lachen. Julian sah zu alt und verschrumpelt aus. Das war klar.

Warum war Nils plötzlich so naiv? Er passte sich dem Wald- und Wiesenleben des Schäfers an. Er öffnete seine Augen. Er sah alles. Fast. Seine Naivität öffnete ihn für alles, was Julian zeigte und sagte. Darauf konzentrierte er sich.

Sie verschloss seine Augen vor Julians Maskierung. Er sah ihn, wie er war. Wie er aussah. Alt. An etwas Trügerisches, Verunsicherndes, dachte er nicht. Die Natur war, wie sie aussah. Klar. Alles war, wie es war. Eindeutig. Julian lebte mit der Natur. Nils verschloss eine Schublade. Darin war Julian.

 

Julian wiederholte seine Worte: „Ich will wissen, wie du lebst. Ich will deine Stadt sehen, erleben. Ich verkleide mich. Ich gehe für dich zurück! Dann sehe ich es. Du bleibst hier. Du lebst für mich hier! Nur eine Zeit lang, dann komm ich wieder. Willst du?“

Assya stand auf. Wedelte ihren Schwanz wild. Rannte um die Flammen. Schnupperte an seinem Herrchen. Schnupperte an Nils. Hüpfte auf Nils Schoß. Sprang gleich wieder runter. Schlug ihm den Schwanz ins Gesicht. Schleckte sein Gesicht. Ihre Aufregung beunruhigte Nils. Abende lag sie ruhig. Jetzt sprang sie. Rannte, hüpfte, bellte. Es war Freude. Sie hatte zwei Herrchen. Nils war ihr vertraut. Die Hündin spürte das, bevor es Nils wusste.

 

„Aber wie soll das praktisch funktionieren? Es geht nicht einen Tag gut!“. Assya sprang ihn an, warf ihn um. Nils lag auf dem Rücken. Die verspielte Hündin stand über ihm und schleckte sein Gesicht. Nils ruderte, drehte sich und robbte im Gras. Rettete sich auf allen Vieren vor der Freude des Tieres. Beruhigte die Hündin. Setzte sich neben sie, streichelte und kraulte ihren Nacken. Nils war ihr Herrchen. Sie freute sich.

„Ich sehe anders aus als du. Ich habe ein viel schmaleres Gesicht als du. Du bist alt. Ich bin viel jünger als du!“

Julian stand auf. Hob Äste von einem Holzhaufen. Warf sie in das Feuer. Sofort flackerten helle Flammen auf.

„Wieso? Wie alt bis du denn?“

„Einundzwanzig Jahre jung!“

„Ich bin vierundzwanzig!“

Assya sprang jetzt Julian an. Der wehrte mit der Rechten ab. „Sitz!“ Das Tier saß. Julian kraulte.

Nils lehnte an einem Holzhaufen.

„Das glaube ich nicht. Du siehst älter aus. Viel älter.“

Seine Worte sprach er ruhig. Er wollte sich nicht aufregen. Er vertraute Julian. Was er sagte, musste stimmen. Die vergangenen Tage waren stimmig. Nils saß, schaute zu Julian auf, wartete gespannt.

Der Greis sagte: „Ich bin Künstler. Ein Teil meines Leben ist meine Kunst. Ich hüte meine Schafe. Pflanze meine Lebensmittel an. Pflücke im Wald Beeren. Koche aus meinem Getreide mein Gebirgsgofio. Das ist ein Teil meines Lebens.

Der andere Teil ist meine Sprache und mein Aussehen. Der alte Förster kommt alle zwei Monate. Er ist der Einzige, der mich hier oben besucht. Er erkannte mich nur einmal nicht. Aus der Ferne. Als er näher herantrat kannte er mich. Du erkennst mich nicht. Weil du mich nicht kennst. Für dich bin ich der Greis. Weil du mich nicht anders kennst.“

Assya saß neben ihrem Herrchen. Sie sah ihm aufmerksam zu. Ihr Schwanz lag nicht ruhig. Immer wieder wedelte er unruhig auf. So wartete sie. Es musste etwas kommen. In ihren Augen funkelte Vorfreude. Die rote Zunge fuhr ständig aus dem Mund, feuchtete die Nase.

„Ich bin Maskierungskünstler. Es macht mir Spaß, andere Gesichter zu tragen! Ich hab es für mich selbst erfunden. Meine Unterhaltung. Meine Freizeit. Ich tu es für mich. Ich lebe einsam. Keiner sieht es. Mir macht es Spaß!“

Unverändert lehnte Nils am Holzhaufen. Äußerlich.

Er spürte Verunsicherung. Zum Ersten Mal, seit seinem Anstieg ins Gebirge. Was war das für eine Kunst? Julian maskiert? Angabe? Kein Greis? Vierundzwanzig?

Nils Scherers Stadtdenken: Wo war er gelandet? Bei einem ausgeflippten Österreichischen Schafhirten? Ist die Gebirgsidylle echt? Perfekt nachgebildet? Animation? Julian vorgetäuscht? Computersimuliert? Alles Täuschung? Wie kam er hier her?

Ein Traum! Gleich das Erwachen! Im Traum denkt man nicht an Traum! Es musste kommen!

Es musste kommen! Nur noch wenige Sekunden.

Nils wartete.

Es kam nicht.

Der Traum ging weiter.

Plötzlich hielt Julian ein scharfes Messer in der Hand. In der Klinge blitzten die Flammen.

Nils saß regungslos.

Julian Schwieg. Nils schwieg. Assya wedelte nicht.

Schweiß lief aus den Achseln. Langsam. Eine kühle Bahn auf der Innenseite der Oberarme. Er tropfte herab an den Ellenbogen. Angewinkelt. Spitz standen sie über Nils Knie heraus. Seine Hände hielten seinen Kopf. Möglich, mit ihnen sofort die Augen zu verdecken.

Ein Messer!

Traum hör auf!

Hör endlich auf! Schluss! Aufwachen! Jetzt, sofort!

Nichts.

Nur Schweigen und Julian mit dem Messer. Knistern im Feuer, sonst Ruhe.

Kein Erwachen.

Julian stand regungslos.

Plötzlich hob das scharfe Messer. Richtete die glänzende Kling gegen sich. Der Hals, seitlich neben dem rechten Ohr.

Jetzt aufspringen Nils! Er darf das nicht tun! Im Sprung endet dein Traum!

Das frische Holz knisterte heftig. Funken flogen. Sonst Stille.

Nils blieb regungslos. Erstarrt.

Julian schnitt. Die scharfe Klinge fuhr in seine Haut. Er traf sie neben dem Ohr.

Nils saß. Tat nichts. Sein Mund weit offen. Spürte nichts. Nicht sein Gesicht, nicht seine Hände, nicht seine Beine. Nur den Schweiß, die Hitze seines Körpers. Sah was geschah.

Ein scharfer Schnitt um das Kinn. Der Bart löste sich, viel herab.

Nils zitterte. Heftig. Das kam plötzlich! Sein Kopf, seine Augen, seine Hände. Was spürte er noch? Nichts!

Plötzlich viel er auf die Seite. Wie ein Sack. Er lag. Reglos.

Julian ließ sein Messer fallen. Hüpfte Assya hinterher. Die schleckte schon in Nils Gesicht. Julian betastete den Hals. Die Ader schlug. Leicht. Leise röchelte Nils.

„Vielleicht bewusstlos“, beruhigte Julian Assya und kraulte sie.

Nils spürte nichts. Er war weg. Um ihn alles schwarz. Die totale Verunsicherung. Er schaltete ab.

Julian zog ihn vom Feuer weg. Legte seinen Schlafsack über ihn. Nils röchelte tief. Er schlief.

 

Es war keine Computeranimation, wegen der Nils zusammenbrach. Es war die Realität. Das Hobby Julians. Er demaskierte sich. Nils reagierte empfindlich. Spürte seinen Körper. War seinem Körper nah. Ließ die Natur an ihn heran. Nils verdeckte nichts. Ließ seinen Körper machen. Julian schockierte, verunsicherte schwer. Mitten in der Natur!

Nils schlief fest.

Stadtdenken von Nils Scherer: Wie in einem Horrorfilm! Ich hasse sie. Ich nehme die Fernbedienung. Ich schalte weiter.

Das geht nicht? Aha! Ich sitze im Kino. Ich vergaß!

Nein? Aha, eine dreidimensionale Computersimulation. Alles klar! Ich mitten drin in einer virtuellen Szene! Wahnsinn! Alles echt! Toll!

Trotzdem hasse ich Horror. Hasse Nervenflattern! Künstlich erzeugt! Einfach nervig! Ich hasse diese Unterhaltung. Diese miese Mystik. Diese irreale Darstellung.

Aber: Sie wirkt echt! Ich kann sie beeinflussen, bin voll dabei. Alles ECHT virtuell! Komm schon, tritt ihn nieder! Nimm ihm das Messer weg! Verhindere die Tat! Du kannst auch selbst Taten anrichten, wenn du willst!

 

Das war sein Ende. Er hob den Kopf. Die Nase voll Dreck. Grashalme wischte er weg. Das Feuer, ein riesiger Haufen Glut. Es funkelte. Es bewegte sich, wie ein rot glühender Haufen Ameisen. Hell und doch dunkel. Leichter Qualm stieg auf. Kein Knistern. Keine Geräusche. Nur ein Rauschen. Wie im Wald. Es war die Wiese, die Gräser rauschten im leichten Wind. Der war warm. Sommerlich. Am Himmel Wolken. Bedeckt. Keine Sterne, der Mond verschwunden. Finsternis, nur das rote Ameisenglühen. Er lag seitlich. Vom Schlafsack zugedeckt. Ein eigenartiger Tod. Ein Traumtod. Schmerzfrei. Unergründlich. Wie kam er? Wie war er? Wo spielte der Tod? Wo war er? Warum dieser Gluthaufen? Warum rauschende Gräser? Warum leichter Sommerwind? Warum Dreck auf der Nase? Warum Gräser in der Nase? Warum in seinem Schlafsack? Sein Kopf ging hoch. Ein Blick über die Glut. Absolute Finsternis. Spürte er Schmerzen? Spürte er irgend etwas?

Nein. Er lag matt. Er schloss die Augen. Der Schlaf ging weiter.

 

Nils saß hinten auf der Sitzbank. Neben Harry. Der sprach von seiner Oma. Sie war alt aber sehr lebendig. Sie beschützte ihn, kümmerte sich um ihn. Schon immer. Harry schaute Nils an. Blass war sein Gesicht. Er lächelte, schwärmte wegen seiner Oma, die er liebte. Die ihn stets rettete. Selbst diese Entführung wird er überleben. Die Oma holt ihn raus. Sie schafft es. Sie setzt alle Hebel in Bewegung. Es gibt viele Hebel. Die Oma kennt alle.

Ein Scheinwerfer blitzt durch die Windschutzscheibe. Nils geblendet, sieht nichts mehr. Harrys blasser Kopf weg. Einfach weg. Blut spritzt. Knallt an die Decke. Glassplitter schneiden in seinem Gesicht. Nils reißt die Arme hoch. Will die Augen schützen. Es geht nicht. Jetzt, ein lauter Knall. Rolf und Moritz fliegen an ihm vorbei. Rolf hält das Lenkrad in der blutigen Hand. Moritz hat einen Kopfhörer auf. Sein Gesicht blutig. Überströmt, die dicken Backen glänzen rot. Drei Menschen liegen blutend auf der Sitzbank. Die Windschutzscheibe auf ihren Körpern verteilt. Nochmal ein lauter Knall. Tiefer, dumpfer. Danach Ruhe. Keine Bilder mehr. Alles schwarz. Es ist vorbei.

 

Was geschah, während Nils schlief?

Julian steckte das Messer weg. Mit beiden Händen knetete er in seinem Gesicht.

Nils schnarchte laut. Assya sprang auf. Ging zu ihm, beschnupperte ihn. Setzte sich wieder neben Julian.

Der ergriff die Maske am Haaransatz. Einer Einschnittstelle. Langsam zog er sie herunter. Wie ein Pflaster. Sein Gesicht war bleich. Sofort sprang ihn Assya an und schleckte. Das war es, worauf sie sich freute.

Das Gesicht war jung. Vierungzwanzig Jahre alt.

Aus seinem Schaflederbeutel zog Julian eine rostige Blechdose. Der Geruch beleidigte Assyas Geruchsempfinden. Sie nahm Abstand. Legte sich neben das Feuer. Julian verteilte eine dunkle schwarze Masse auf seinem bleichen Gesicht. Es war seine Schutzcreme. Selbst hergestellt. Aus Baumrinden, Harz, Beeren, verschiedenen Blättern und Gräsern. Sein Gesicht färbte sich schwarz. Die Masse zog langsam ein. Sein Gesicht wurde wieder bleich.

„Na Assya, mit meinem echten Gesicht schaffen wir das auch nicht! Aber ich werde eine Maske auftragen, aus der ich ein schönes Nilsgesicht forme! Da wird er staunen! Was meinst du?“

Assya blickte unbeteiligt in die Flammen. Das laute Schnarchen von Nils zerriss die milde Luft. Julian kroch unter die Schlafdecke. Nils Lärm verdeckte die Waldgeräusche. Julian schlief ein.

Julian dachte an seinen Vater, Nils wachte wieder auf

Mit dem Sonnenaufgang standen Julian und Assya auf. Die Feuerstelle glühte noch. Sie trieben die Schafe einen schmalen Berggrat hinunter. Unten war eine flache Wiese. Die Schafe weideten, fraßen vom hohen saftigen Gras.

Der Platz lag nur eine Viertelstunde von der Hütte entfernt. Julian ließ die Tiere bereits im Frühjahr dort grasen. Er plante die Stelle erst im Herbst wieder aufzusuchen. Doch er nahm sie schon heute, denn er wollte schnell zu Nils zurückkehren. Wollte bei ihm sein, bevor er aufwachte. Wollte nicht, dass der Angst bekam.

Er wollte Nils nicht schockieren. Julians Gewissen war schlecht, wegen des Abends. Nils könnte krank sein. Julian trug die Schuld. Eine schwierige Situation.

Wachte Nils allein auf, musste er Angst kriegen, weil keiner da war. Wachte er im Beisein Julians auf, konnte er Angst kriegen, weil Julian völlig anders aussah.

Julian wollte ihn nicht allein lassen. Nahm eine Überraschung von Nils in Kauf. Wollte ihn schnell überzeugen, dass alles mit rechten Dingen zu ging. Wollte Vertrauen wieder herstellen.

Deshalb ging er schnell. Ließ Assya bei den Schafen zurück. Die Wiese war übersichtlich. Assya war geschickt.

Sechs Uhr, taghell, die Berggipfel glühten rot. Die Sonne kam hinter einem Felsmassiv hervor. Der Tag war klar. Die Sicht weit.

Julian warf kleine Äste in den Gluthaufen. Flamen loderten auf. Der verbeulte silberne Blechtopf baumelte langsam hin und her. Julian rührte drin herum, schüttete noch Tee nach. Der Löffel schabte im Topf.

Sein Frühstück: Gebirgsgofio. Ein Brei aus Getreide.

Vom Vater lernte er Zubereitung und Namen. Gofio ein Nahrungsmittel von Ureinwohnern. Sie hießen Guanchen. Sie lebten nicht mehr. Lange schon waren sie tot. Von Eroberern ermordet. Restlos. Das war das Leben: lange her und weit entfernt. „Doch glaube nicht, dass die Menschen heute keine Mörder und Eroberer mehr sind“, sagte der Vater. „Oft siehst du zuerst den Schein. Und der trügt. Sieh sie dir genau und lange an mein Junge! Wir Menschen lassen uns blenden. Die Nazis, von denen du in der Schule alles hörtest, blendeten! Großvater hat es erlebt und erzählt. Er selbst wäre fast ihr Opfer geworden. Zuerst sahen die Menschen ihren Schein, dann kamen die Taten, die ihr Schein überdeckte. Wer nur den Schein sehen wollte, sah ihn. Wer auch ihre Taten sehen wollte, sah sie. Großvater sah sie. Deshalb musste er leiden. Es waren nicht nur die Zeiten. Es waren auch die Menschen. Zeiten ändern sich schnell. Menschen tun das langsam. Sei auf der Hut mein Junge! Hör genau zu. Sieh genau hin. Entscheide dich erst, wenn du den blendenden Schein nicht mehr siehst! Geschichte und Geschichten haben sich oft wiederholt. Nicht wegen der Zeiten, wegen der Menschen.“ So sprach der Vater. Weise, dachte Julian. Er warnte vor neuen Nazis. Unter den alten litt der Großvater schrecklich. Neue können wieder kommen, sagte der Vater. Weil die Menschen sie nicht erkennen. Viele wollen es nicht.

Der Vater war vorsichtig und er war ängstlich. Seine Angst blendete ihn nicht. „Sie öffnet Augen“, sagte er.

Er wusste viel. Er las es. Das Rezept fand er gut. Der Brei war nahrhaft, eignete sich im Sommer wie Winter. Er sättigte und gab Kräfte. Das Getreide vom kleinen Feld war optimal genutzt. „Ureinwohner waren gescheite Menschen, sie zogen alle ihre Kräfte aus der Natur! Das vergaßen sie niemals!“, sagte der Vater.

Er erzählte alles was er wusste. Julian hörte zu und fragte. Er wollte genauso gescheit werden wie der Vater. Er wollte Wissen haben wie der Vater. Er wollte es einsetzen wie er. Für sein Leben. Deshalb hörte er zu, denn er spürte, dass die Worte des Vaters stimmten. Der Vater sprach, damit Julian lernte. Er gab ihm alles was er wusste. Er suchte auf jede Frage eine Antwort. Julian fragte viel.

Der Vater war zufrieden. Julian lernte alles. Schnell und gut. Er arbeitete wie der Vater. Kannte die Schafe wie der Vater. Lebte wie der Vater. War vorsichtig wie der Vater.

Auch die Schule im Tal brachte ihn davon nicht ab. Er musste sie besuchen, das wusste der Vater. Der Vater war gescheit. Er brachte ihn hin und holte ihn ab, bis er den Weg selbst ging. Der Vater sagte nichts gegen die Schule. Er sagte, dass sie gut ist. Er sagte: „Dort siehst du wie die Menschen sind! Hier in den Bergen ist das Leben zu einsam. Zu wenige Menschen. Sieh sie dir genau an!“

Jahre lang ging er in die Schule. Er sah sich die Menschen an. Lebte mit den Schulkameraden. Brachte sie mit hinauf auf den Berg. Vielen war der Weg zu weit, zu steil, zu steinig. Julian blieb in den Bergen bei Vater und Schafen.

Der Vater trank. Auch er begann zu trinken. Schnaps. Der Vater trank zu viel. Deshalb trank Julian weniger. Er lernte vom Vater. Er wollte nicht betrunken sein. Ein Schnaps, alle zwei Monate zusammen mit dem alten Förster. Das reichte. Der Förster gehörte auf die Bank vor der Hütte. Regelmäßig. Schon immer. Schnaps und Gespräche. Sie saßen Abends vor der Hütte. Sie redeten und tranken. Sie sahen die Schafe und den Sonnenuntergang. Dann ging der Förster. Stieg hinab ins Tal, erreichte das Dorf in der Dunkelheit. Er kannte den Wald, kannte die Berge, kannte alle Wege, wie Julian. Egal ob Tag oder Nacht. Er lebte schon immer hier, wie Julian. Er wohnte nicht oben, sondern unten im Tal. Streifte jeden Tag durch einen anderen Teil des Gebirges. Alle zwei Monate saß er bei Julian, nannte sein Kommen „dienstlich“, lachte und trank. Er war Forstbeamter. Das war sein Beruf, wie Julian der Schäfer war.

Als der Vater starb, vor einem Jahr, half der alte Förster. Er tröstete und trug den Toten mit Julian hinab ins Tal. Es war der Schnaps der ihn tötete. Das schrieb der Arzt auf den Schein. Der Vater trank zuviel.

Er saß am Tisch, die leere Flasche neben sich. Der Kopf lag auf den verschränkten Armen. Die grauen Haare vielen vorne herab. So saß er oft, Nachts. Schlief am Tisch bis die Sonne aufging. Die Petroleumlampe brannte leer. Eine knappe Stunde nur blieb es Dunkel in der Hütte, dann ging die Sonne auf. Julian lag auf seiner Pritsche. Schlief. Tageslicht schien durch die spärlichen Fensterluken. Der Vater weckte ihn nicht, stand nicht am Ofen und kochte das Gofio. Die Tür war verschlossen. Assya sprang von draußen dagegen, sprang in die Hütte, schnupperte am Vater, ließ den Schwanz hängen, kam zu Julian, schleckte sein Gesicht. Sie weckte ihn, nicht der Vater.

Julian weinte. Ließ es einfach laufen. Niemand sah oder hörte ihn. Er ließ es geschehen. Assya saß auf seinem Schoß. Bewegte sich nicht, blickte zum Vater, ließ den Schwanz hängen. Julian weinte seit Jahren nicht. Das letzte Mal nach einer Schlägerei im Schulhof. Der Vater war ein Grund zu weinen. Das war klar. Er weinte Stunden, es ging nicht anders, musste sein. Die Schafe konnte er nicht treiben an dem Tag. Ließ sie in der Koppel vor der Hütte. Mit Assya lief er hinab ins Tal, suchte den Förster.

Den Schafledersack hatte der Vater selbst genäht. Julian wusste, dass er den Vater darin hinunter tragen sollte. Der Vater wollte es. Er wurde verbrannt, mit dem Vater. Er musste ein Urnengrab mieten. Das war neu. Ein Gesetz vom Amt. Die Sozialkasse zahlte. Das Amt verbot das Ausstreuen der Asche auf den Bergen. Der alte Förster war Beamter. Er half bis zum Schluß. Er vertauschte die Urne des Vaters gegen die Urne voll Sand. Er stieg mit Julian auf den Gipfel. Julian suchte ihn aus. Es war der Lieblingsgipfel vom Vater. Sie saßen oft oben. Von dort überblickten sie alles. Der Wind blies den Vater langsam vom Berg.

So wollte es der Vater.

Der Förster kannte Julian von Kindesalter an. Egal, wie er aussah. Er erkannte ihn. Ließ sich nur einmal kurz täuschen, erkannte den maskierten aus der Ferne nicht.

Die Mutter?

Sie ging, als Julian noch klein war. Sehr klein. Es war ein Mann mit einem Auto. Der Vater sprach nicht darüber, aber der Förster erzählte alles. Der Mann war reich. Die Mutter, der Vater und Julian waren arm. Die Mutter litt unter der Armut und Einsamkeit in den Bergen. Sie war keine Schäferin, sie war Durchreisende im Hotel zur Post. Dort blieb sie hängen am Vater. Ging mit ihm in die Berge. Das Hotel Zur Post war es auch, das die Mutter wieder weg brachte. Der Reiche übernachtete nur eine Nacht. Sie fuhr mit ihm. Sie ließ Petroleum und Schnaps und einen Brief für den Vater bei Charlie dem Portier.

Der Förster fotografierte die Mutter mit Julian auf dem Arm. Es war die Taufe. Der Förster war Zeuge. Das Foto ist schwarz-weiß. Vergilbt inzwischen. Julian hat es in seinem Schaflederbeutel. Stieg Julian ins Tal ab, trug er ihn immer bei sich. Nachts hing er über seiner Pritsche in der Hütte.

 

Die Gesichtsmasken fertigte Julian aus einer eigenen Mischung. Harz, einem Lehm, der sich in einem bestimmten Gebirgsteil in den vielen vorhandenen Höhlen fand, und einem geringen Anteil Gebirgsgofio. Die Gesichtsfarbe kam aus einer aufgekochten Waldbeeren- und Gräsermischung. Die Masken hafteten fest im Gesicht. Sie ließen sich etwa einen Tag lang beliebig Formen. Danach nahmen sie eine hautähnliche, luftdurchlässige Konsistenz an. Alle Gesichtsbewegungen machte die Maske mit. Sie verformte sich nicht, sie fiel nicht runter. Nach zwei bis drei Monaten nahm Julian die Maske ab, weil sie porös wurde. Er schnitt sie aus seinem Gesicht. Er zog sie langsam ab. Reste kratzte er mit dem Messer ab. Die Gesichtshaut litt nicht. Die Maske war atmungsaktiv. Die Hautzellen wurden weiter versorgt. Das fehlende Licht bleichte das Gesicht aus. Nach der Demaskierung, beschmierte er sich mit einer selbst komponierten Schutzcreme. Das blasse Gesicht brauchte einen schützenden Übergang zu Tageslicht und Luft.

 

Nils drehte sich mehrmals um. Er röchelte leise und regelmäßig. Die ersten Sonnenstrahlen wärmten seinen dunklen Schlafsack. Wieder bewegte er sich. Im Sack wurde es zu warm. Er räkelte sich, drehte und wendete sich, verdrehte den Schlafsack, rang um Abkühlung. Sein Kopf pulte sich aus der Tüte. Das Schwarze Kopfteil bedeckte ihn. Julian sah seine Augen noch nicht. Nils öffnete sie. Schloss sie gleich wieder. Öffnete sie sofort wieder. Er sah die Wiese, den weißen Gluthaufen, er war klein, die braune Hütte, ihr Dach, einen Berggipfel, grau, den blauen Hintergrund. Seinen Kopf drückte er aus der Schlafsackkapuze. Er drückte die Augen nochmal kurz zu. Riss sie gleich wieder weit auf.

Die Schaflederschlappen von Julian. Sie bewegten sich auf und ab. Der Löffel schabte im Topf. Ein raues Kratzen. Rhythmisch. Julian trug keine Socken, Dünne behaarte Beine steckten in den Schlappen. Nils Augen schlossen sich nicht mehr. Sein Blick wanderte die dünnen Beine hinauf. Eine abgeschnittene Jeans. Ein graues T-Shirt. Eine Hand, Julians Hand. Sie rührte im hängenden dampfenden Topf. Der Oberkörper, der Hals, das war Julian. Wo war der Bart? Er hing nicht vor der Brust.

Ein junges Gesicht, bartlos, nur einige Stoppeln, bleich, sehr bleich!

Der Tod trat schmerzlos ein, zum Glück dachte Nils. Harry der Tramper war sicherlich auch Tod. Es war zu viel Blut auf der Rückbank. Die anderen drei Freunde? Vielleicht überlebten sie, schwer verletzt.

Wie ging es jetzt weiter? Was wollte der Junge, in Körper und Kleidern von Julian? War Julian auch gestorben? Nein, das konnte nicht sein. Er musste von Anfang an ein Toter gewesen sein. Aber warum plötzlich völlig verändert? Was ging hier vor?

Nils schob den Schlafsack weg. Saß im Schneidersitz. Lehnte am Holzhaufen. Sah Julians Körper mit fremdem Gesicht. Er blieb ruhig. Wartete ab.

Nichts geschah.

Julian blickte zu Nils. Er sagte: „Morgen Nils! Na gut geschlafen? Erholt von den Anstrengungen gestern Abend?“

Nils blieb sitzen. Fragte:

„Wer bist du? Warum hast du die Klamotten und den Körper von Julian? Warum sprichst du mit seiner Stimme? Was soll dieses Theater? Ich bin gestorben im Auto von Rolf. Wo komme ich hin? In die Hölle?“

Und zu sich selbst sprach Nils:

„Ich glaub das einfach nicht!“

„Ich auch nicht“, erwiderte Julian.

„Warum sprichst du mit der Stimme von Julian?“

Julian antwortete darauf nicht. Er fragte mit der Stimme von Julian: „Du glaubst, du bist tot?“

„Ja. Ein schwerer Autounfall. Mit Rolfs Schrottmühle. Ob die auch tot sind weiß ich nicht. Ich glaube Harry ist auch umgekommen. Wo ist er? Ist er hier?“

Julian: „Nein, den kenne ich nicht. Und du bist auch nicht tot. Ich bin Julian. Ich sehe nur anders aus. Ich war maskiert. Du hast einen Schock gehabt, gestern Abend. Bist eingeschlafen, als ich meine Maske abnahm.“

„Aber ich hab den Unfall gesehen, im Auto. Es hat gekracht und Scherben flogen. Harry hat geblutet, auch Rolf und Moritz.“

„Aber du lebst. Ganz sicher! Ich bin Julian, ich weiß es.“

„Wie soll ich mir das erklären?“, fragte Nils.

„Erinner dich doch! Ich hab’s dir erklärt. Ich bin Maskierungskünstler. Ich verkleide mich und maskiere mich. Meine Stimme hat verschiedene Klänge. Ich bin eine Art Schauspieler!“

Nils rieb sich den Schlaf aus den Augen. Aufmerksam beobachtete er den „neuen“ Julian.

„Du warst gestern einfach total überrascht. Total verunsichert. Du konntest nicht glauben, was geschah. Du hast einfach nicht damit gerechnet. Da bist du in eine Art Ohnmacht gefallen und eingeschlafen! Du bist nicht tot! Soll ich dir beweisen, dass du nicht tot bist?“

„Wie willst du das machen?“

„Na ganz einfach: Ich hau dir mit der Hand ins Gesicht. Zwicke dich ein paar Mal, brülle dir laut ins Ohr, gebe dir danach was zu essen und zu trinken. Du darfst an Schafkacke schnuppern. Dann überlege ich, was mir sonst noch so einfällt! Du wirst schon merken, dass du alle deine menschlichen Sinne noch beieinander hast. Das sollte dir Beweis genug sein.“

Darauf antwortete Nils: „Das kannst du dir sparen! Ich versuche, dir zu glauben. Jetzt erzähl mir mal, was gestern geschah. Habe ich geträumt?“

„Nichts davon war ein Traum“.

Julian erzählte alles ganz ruhig. Er wollte Nils nicht weiter beunruhigen. Nils musste sich an den neuen Anblick gewöhnen. Nils verstand, dass die Situation am Abend einfach ungewöhnlich war. So ungewöhnlich, dass sein Körper nicht mehr mitmachte. Sein Zusammenbruch, eine Schutzreaktion.

Er glaubte Julian alles. Der erklärte glaubhaft. Er nahm Nils die Verunsicherung. Versicherte, alles ging mit rechten Dingen zu. Nils musste glauben. Es ging nicht anders.

Trotzdem blieb Nils ein wenig unsicher, ein bißchen verunsichert. Sein Glaube an die Welt in der Natur der Berge, dem Leben dieses Schäfers war erschüttert. Seine traumhafte, verträumte, einfach träumerische Vorstellung von dieser Idylle, die er ein Stück mit erlebte, war zerbrochen. Auch hier stieß er auf Unsicherheit, auf sichtbares, das verwirrte. Es war nicht das künstliche, das bewegte, computersimulierte, virtuelle Leben der Stadt, das er als Angabe erkennen musste. Er musste es mitten in der gebirgigen Pampas erkennen. Mitten in der Natur, stieß er auf menschliches Suchen und herumirren. Auf einen neugierigen Menschen, der wie er, schaute, sich suchend umblickte, zweifelte, an sich selbst, und den Dingen die er wahrnahm.

Julian der Schäfer, der Naturverbundene, genauso suchend, wie Nils, der Städter, der an Lärm und an Abgase gewohnte, der beurteilte und verurteilende, der Wissen fressende und ausspuckende? Warum verließ Julian seine Haut? Warum maskierte er sich?

Suchte auch er? Wollte er jemand anderer sein? Litt er unter seinem Schäfersein?

Das Thema beschäftigte die beiden. Sie trieben die Schafe, saßen am Feuer und auf der Bank vor der Hütte, suchten nach Beeren im Wald. Dabei sprachen sie.

Julian wollte wissen, wie man anders lebt. Nils wollte das gleiche. Das wussten beide.

Julian übte Nils

Am dritten September standen Julian und Nils am Salzburger Bahnhof. Sie kauften eine Fahrkarte nach München. Gemeinsam standen sie am Zug. Etwas verkrampft. Letzte Überlegungen.

Welche Informationen vergaßen sie? Welche Instruktionen fehlten, waren in letzter Minute für Julian noch wichtig?

Außer wildem Herzklopfen und nervösem Auf- und Ablaufen am Bahnsteig kam nichts heraus. Trotzdem warteten sie gemeinsam auf Julians Zug nach München. Die Ferien waren noch nicht ganz vorüber. Es blieb noch eine Woche Zeit. Es wäre Zeit gewesen, noch einmal gemeinsam zurück zur Schäferhütte zu gehen. Man hätte die Abfahrt verschoben, wären Zweifel entstanden. Notfalls hätte man das Ganze aufgegeben.

 

War es nicht von vorn herein ein Wahnsinn? Eine verrückte Idee? Ein verrückter Film? Zwei orientierungslose Spinner? Die der Zufall zusammen brachte? Außerplanmäßig. Die zufällig zum gleichen Zeitpunkt die gleiche Identitätskrise durchlebten? Eine alte Idee in einem ganz miesen Film?

Darüber sprachen beide tagelang. Ihr Training unterbrachen sie immer wieder, wegen solcher Zweifel.

Durften sie ihr Vorhaben als Spiel sehen? Oder war es Ernst? Etwas, womit niemals gespielt werden darf? So wie Eltern dem Kind sagen: „Spiel nicht mit deinem Essen! Andere Kinder müssen hungern!“

„Spielt nicht mit eurem Leben! Was soll die Spinnerei?“

Solche Eltern waren nicht da. Julian und Nils reizte die Idee. Sie sahen es als Spiel. Warum nicht? Sie tauschten ihre Rollen, weil es möglich war. Julian konnte sich perfekt maskieren. Einmalig. Eine einmalige Gelegenheit im Leben. Warum sie nicht nutzen? Für einen befristeten Zeitraum. Sie vereinbarten drei Monate. Etwa bis Weihnachten. Zu den Weihnachtsferien sollte Julian zurück kommen. Genug Zeit, Nils Leben kennen zu lernen. Für Nils genug Zeit, Julians Leben kennen zu lernen.

 

Gemeinsam waren beide drei Wochen lang, nahezu täglich, in verschiedenen Orten im Tal unterwegs. Training für Julian. Er sollte das hektische Leben in größeren Orten, Städten kennen lernen. Assya hütete die Schafe. Täglich kehrten beide zurück, in der Dunkelheit.

Die Orte, die sie als „maskierte Touristen“ besuchten, lagen wegen des Zeitmangels nicht weit vom Heimatgebirge Julians. Nils trug eine Maske, die das Gesicht des sechzigjährigen Schäfers Julian, wie er ihn ursprünglich kennenlernte, darstellte. Dazu dessen Schäferbekleidung. Julian war Nils. Trug dessen Kleidung. Trug dessen Gesicht. Sprach dessen Sprache.

Das Training in den Dörfern im Tal war notwendig. Julian brauchte Gelegenheit zu erproben wie es ihm in der „Haut von Nils“ in belebten Ortschaften ging. Er wollte spüren, wie es in München sein werde. Nils Gesicht war kein Problem. Nicht die Sprache, nicht die Gestik, nicht die Mimik, nicht das typische Nilslächeln. Julian war geübt. Nils musste viel mehr üben.

Anstrengend war der Verkehr, der Lärm, der Gestank in den Orten. Nach Ablauf der ersten drei Tage quälte sich Julian mit starken Kopfschmerzen.

 

Nils sollte sich wie ein Sechzigjähriger verhalten. Das gab viel mehr Probleme. Und: es war schlecht durchdacht. Warum der Sechzigjährige? Warum nicht der vierundzwanzigjährige Julian? Gleich am ersten Tag erregte Nils Aufmerksamkeit.

Ein Gendarm am Busbahnhof. Nils und Julian verpassten ihren Bus zurück nach Hinweiler. Nils vergaß sein Alter. Rannte los. Seinen Stock unterm Arm. Julian griff nach seiner Hand, wollte ihn bremsen. Zu spät. Nils fetzte davon. Der Busfahrer gab Gas. Nils sportlich rennend, winkte mit dem Stock.

Plötzlich spürte er die beobachtenden Blicke. Ungläubige, überraschte Blicke der wartenden Menschen am Bahnhof. Wie konnte der graubärtige Opa noch so schnell losfetzen? Warum plötzlich der Stock unterm Arm? Vorher darauf gestützt. Fußkrank. Jetzt rennend, mit dem Stock winkend. Ein Greis? Reine Angabe! Maskerade! Der Junge und der Alte ein flüchtendes Gaunerduo?

Die Szene: absolut unglaubwürdig.

Deshalb musste Nils stürzen. Ein Greis, der sich überschätzte. Glaubte er könne noch, doch konnte nicht mehr. Seine alten Knochen ließ er auf den schwarzen Asphalt fallen. Stützte sich freilich ab, wie es ein Greis vielleicht nicht getan hätte. Das wusste Nils nicht. Wollte sich nicht verletzen. Nils war verunsichert. Merkte jetzt erst, dass es schwachsinnig war, den Sechzigjährigen zu spielen. Er wollte doch Julian sein! Der war in seinen Augen immer noch ein Sechzigjähriger! Nur weil er ihn so kennenlernte! Die perfekte Täuschung.

Wie bewegt sich ein Sechzigjähriger in der Öffentlichkeit? Er lag auf dem Asphalt, blickte nach oben. Das Interesse der Beobachtenden nahm zu. Keiner bot Hilfe an. Der Polizist eilte heran. Natürlich war auch Julian, der Enkel, zur Stelle.

„Hast du dich verletzt Opa? Tut das sehr weh?“

„Nein, ich glaube es geht. Nur eine leichte Prellung.“

„Ich helfe dir auf. Gib mir deinen Arm.“

Der Bus stoppte nicht. Der Lenker hatte Vorschriften. Klar. Was Nils wollte, war ausgeschlossen. Die Vorschriften verbaten es. Verspätetes Zusteigen nicht gestattet. Zu gefährlich. Ein Unfall möglich. Nicht versichert. Deshalb die Vorschrift auf deren Missachtung Nils hoffte. Nils Rennen deshalb unangebracht. Grundsätzlich. Nicht nur als Greis. Niemand durfte erwarten, dass ein Busfahrer stoppte. Ein Fahrgast hat pünktlich zu sein. Ein Bus fuhr pünktlich, alle zwei Stunden.

Sofort standen mehrere Menschen um den liegenden Greis. Interesse. Kein Angebot. Der Polizist wollte helfen. Dienstlich. Eine Amtsfigur in der Öffentlichkeit. Vorbildliches Verhalten.

Der Enkel winkte ab. Dankte. Der Opa dankte. Gestützt von Julian erhob er sich. Der Enkel tastete die alten Knochen des Großvaters ab. Der Großvater war unverletzt. Kein Problem. Nichts geschehen. Der Sturz hätte schlimmer enden können. Der Opa stand, lief langsam wieder. Die Aufmerksamkeit der Umstehenden schwand. Der Polizist verabschiedete sich freundlich.

Der Großvater wieder auf dem Stock gestützt. Fester Fuß auf dem Asphalt. Langsam gingen beide. Setzten sich in ein Café und warteten.

Danach erst war klar: Nils wollte nicht den Opa spielen, er wollte Julian spielen. Doch in seinem Kopf blieb Julian ein Opa.

 

Wegen solcher und ähnlicher Situationen ließen sich beide nicht von ihrer Idee abbringen. Ihre Rollen miteinander zu tauschen war schwer. Das musste so ein. Klar. Wem es schwer fällt, die eigene Rolle zu spielen, fällt es doppelt schwer, eine andere ein zu nehmen, dachte Nils.

 

Die Trainingszeit dauerte vier Wochen. Kurz, um das Verhalten und Denken eines anderen zu lernen.

Julian sollte Nils genau kennen lernen. Er musste wissen, wer Nils in seiner Stadt war. Wen er traf, wie er lebte. Wie er war. Was er sagte, wie er es sagte. Wann er lachte, wie er lachte. Wie er ging, wohin er ging.

Viele Menschen. Tausende Situationen. Für Nils war alles möglich. Doch er sah sein Leben trotzdem linear. Fast langweilig.

Es gab welche, die er traf und andere, die er niemals traf. Es gab tausende Widersprüche und eben so viel Klares. Millionen von Schubladen. Große, kleine.

Die Zeit war zu kurz. Nils Worte zu lang. Trotzdem versuchte er es. Beide spielten Theater. Nils erklärte. Sprang auf den Tisch in der Hütte. Hielt eine Rede. Gestikulierte. Saß ruhig. Gab Anweisungen. Dachte nach. War er so? Oder anders?

Jede erdenkliche Situation, auf die Julian treffen könnte, als Nils Scherer. Das ging nicht. Es waren Millionen.

Jetzt waren die Schubladen wichtig. Standardisierung. Was war am ehesten möglich? Wie sollte sich Julian am ehesten verhalten? Welche Situationen waren am wahrscheinlichsten? Nils Scherer standardisierte sich selbst. Das ging nicht. Trotzdem tat er es.

Er tat etwas, dass er hasste: Er packte sein Verhalten, sein Leben in überschaubare Schemen.

Wie ging sein Leben in der Stadt weiter? In den nächsten drei Monaten. Welche Varianten gab es? Welche waren die wahrscheinlichsten? Was war Zufall? Was steuerte er? Berechnende Reflexion. Keine Emotionen. Keine Gefühle. Menschliches Verhalten als Schema F. Überschaubar, gefühllos, gefahrlos, leblos.

Trotzdem ließ sich Nils ein. Es war zu interessant. Wie würde Julian zurecht kommen? Könnte er sein Leben ruinieren? Ja. Nein. Sie beschlossen sich zu vertrauen.

 

Täglich schrieb Julian in der Hütte bei Petroleumbeleuchtung etwa zehn Seiten Text. Nils diktierte. Tausende Worte, die in der Schule vorkamen. Julian schrieb alles auf. Nils erzählte von seinen Freunden, seinen Bekannten in der Stadt. Auf wen würde Julian dort treffen?

Julian lernte Nils Schrift. Lernte seine Unterschrift. Schreibend lernte er Namen und Gesichter. Schreibend sah er mit Nils Augen. Er stellte sich vor, malte sich aus. Sein Handgelenk schmerzte.

Von Nils Konto sollte er Geld abheben.

Täglich stießen sie auf neue Probleme, die sich ergeben konnten. Julian blieb optimistisch. Er wollte unbedingt wissen wie das Leben in der Stadt war. Er wollte wissen wie die Zivilisation war. Er wollte sehen, erleben, was er im Radio hörte.

Er lernte alles was Nils bat. Er lernte schnell und genau. Nur eines konnte er nicht lernen: seine Augen waren dunkelbraun. Die von Nils hellbraun. Die Stimme ahmte er perfekt nach. Die Tonlage war unerreichbar.

Julian auf Nils Spuren

Julian saß im Zug nach München. Er fühlte sich gerüstet für Nils Scherers Leben in der Stadt. Und er fühlte sich nicht gerüstet für dieses Leben. Das war Nils.

Die Ausweiskontrolle im Zug. Ein routinierter Beamter. Er blätterte zackig im Ausweis von Nils. Blickte Julian ins Gesicht. Kurz, routiniert. Dienstlich sein Blick. Bewegungslos. Nicht lächelnd, nicht fragend, nichts sagend. Keine Belästigung, keine Störung, überhaupt keine Zweifel. Alles klar, reine Routine. Das musste sein, vorschriftsmäßig. „Vielen Dank. Aufwiedersehen. Gute Reise Herr Scherer.“ Keine Fragen. Das Dokument war einwandfrei.

Im Abteil saß eine alte Dame. Mit Lesebrille, graue Haare, Dauerwelle. Hinter einer Tageszeitung. Sie blickte kurz hervor, nickte. Bestätigte Julians Frage. Alles kein Problem. Selbstverständlich darf er sich setzen. Sie verschwand hinter der Zeitung. Ruhe.

Gedämpftes Rattern. Ventilatoren. Die Fenster getönt. Verschlossen. Klimatisierte gedämpfte Atmosphäre. Die grüne Landschaft flog vorbei. Schnell. Kühe, Häuser, Autos, Straßen Bäume. Er fuhr auf einem Strich, den er von oben oft sah. Weit entfernt.

Die zweite Bahnfahrt. Die erste ratterte noch richtig. Sie schepperte, der Wagen schob sich ruckartig über die Weichen. Er und Nils hielten sich fest. Standen im Gang. Blickten in die Abteile. Eine kurze Fahrt. Zehn Minuten. Übungszweck. Wie fuhr man mit der Bahn?

In der Hütte erklärte Nils, wie sich Julian im Zug zu verhalten hatte. Das tat er nun.

Er ging durch den Wagen. Er öffnete die Tür eines Abteils. Ein unauffälliges Abteil. Möglichst eins mit älteren Herrschaften. Frauen, die waren zurückhaltend, verwickelten ihn nicht in Gespräche. Er öffnete. Lachte kurz. Fragte schnell, weiter freundlich lächelnd: „Entschuldigen Sie, darf ich mich setzen?“

Einen Platz in der Ecke. Nicht die Mitte. Den Rucksack nach oben. Über dem gewählten Platz. Keine weiteren Fragen. Nicht die Leute anblicken. Zum Fenster hinaus sehen. Durch Herausziehen der Zeitung, die Julian am Bahnhof erworben hatte, ein Gespräch verhindern.

Julian sprach nicht mit der Dame. Sie las Zeitung.

 

In München am Hauptbahnhof lief er schnell durch die Menge. Der Lärm, die vielen Leute, die vielen Züge, das alles interessierte nicht. Er wusste es. Nils erzählte es. Schnell ging er nach links. Durch die Halle, hinunter ins Untergeschoss.

Wie sahen die Leute ihn an? Fiel er auf? Wie wird ein Mensch von anderen in der Stadt angesehen? Was dachten diese Tausend, die ihn sahen, am Bahnhof? Nichts? An sich selbst? An ihre Jobs, von denen sie gerade nach Hause hektikten? Was für ne Hektik? Das war normal! Alle gingen eilig wie er! Jeder wusste, wo er hin wollte! Es war alles klar! Kein Chaos! Alles ordentlich. Jeder hatte sein Ziel, das er schnell und sicher zu erreichen suchte.

Unten stand er in der Schlange am Schalter. Nils erklärte alles genau. Julian traute sich nicht an den Automaten.

Vor ihm: gefärbte Haare, blond, lang gelockt. Kurze Sommerröcke, bunt geringelte T-Shirts. Männer in Muskel-Shirts, ebenfalls gefärbte Haare, schwarz, blond braun. Ein Rauschen. Nicht wie im Wald. Alles Stimmen. Laut, leise, hoch tief, aufbrausend, gelassen.

„Eine Blaue bitte!“ Unter der Glasscheibe schob er den Geldschein durch. „Danke!“

Auf dem Boden am Rand saßen bärtige Menschen mit schwarzen fettigen Haaren, auch grauhaarige, sie rauchten und hatten Flaschen in der Hand. Keine gefärbten Haare, keine Ringel-T-Shirts. Nichts buntes. Sie saßen auf dem Boden. Ihre Kleidung grau und schmutzig. Hüte oder Pappschachteln standen vor ihnen. Sie lehnten am Beton, neben der Bahnhofstoilette. Julian ging vorbei. Blickte nur kurz hinunter. Warf sein Restgeld von der Fahrkarte in eine Schachtel. Der Mann nickte und dankte. Es stank.

Es waren die Armen und Obdachlosen der Stadt. Auch von ihnen erzählte Nils. „Das tägliche Bild. Ganz normal. Du wirst es sehen, wenn du es sehen willst! Willst du es nicht sehen, wirst du es übersehen! Die Armen sitzen und saufen, während die Reichen in ihren offenen Karossen mit Funktelefonen protzen. Schlimm. Aber wo ist da der Unterschied? Keine Angst, die Stadt ist lange noch nicht so schlimm, wie andere Orte auf dieser Welt. Es gibt immer noch schlimmeres! Ganz klar. Eine einfache Logik! In München gibts keine Slums! Darüber freuen sich die Bewohner, wie die Politiker! Was für eine Welt? Mein Welt!“

Die blaue Karte knickte er. Schob sie hinein, wie Nils es sagte. Es klingelte, er zog sie heraus. Ein Stempel war drauf.

Die S-Bahn. Es gab nur eine Rolltreppe. Wie Nils sagte. Hinter ihm eilige Menschen mit Taschen und Aktenkoffern. Schwarze, rote, gelbe grüne. Waren es Hundert? Tausend? Er ließ sie vorbei. Wartete neben der Treppe. Er musste aufspringen. „Schau genau auf die Stufen! Geh drauf. Schieb die Füße genau so hin, dass beide auf einer Stufe stehen. Halt dich am schwarzen Gummigeländer fest, das fährt mit. Schau vor dich, damit du merkst, wann du unten bist. Dann runter steigen.“ Julian wollte das tun. Aber er traute sich nicht drauf. Wann sollte er aufspringen? Es kamen zu viele Stufen heraus. Zu schnell.

„Notfalls suchst du einen Aufzug.“

Wo war der? Julian ging und suchte. Entgegenkommende Menschen sahen ihn an. Oder sahen sie an ihm vorbei? Tausend Gesichter, tausend Masken. Unglaublich, aber wahr. Alles unter der Erde. „Die alltägliche Normalität besteht aus Hektik. Die Menschen laufen schnell und sprechen schnell. Wenn sie dich etwas fragen, dann antworte schnell, sonst gehen sie weiter. Sie haben keine Zeit. Das ist sowieso das wichtigste. Zeit. Das teuerste, was es gibt!“

„Die schnelle Hektik ist laut. Menschen reden, plärren fast. An jeder Ecke rattert es und brummt es. Baustellen. Es dröhnt und surrt die ganze Zeit. Autos, Busse, Lastwagen, Straßenbahnen. Am schlimmsten ist es, wenn es regnet. Die Autostraßen sind noch lauter, alles ist dreckig. Pass auf, dass du nicht naß gespritzt wirst.“

Auf dem Bahnhofsvorplatz knatterte und ratterte es. Eine Baustelle. „Vierzig Mark, ungefähr! Vielleicht fünfundvierzig!“, sagte der Taxifahrer. Er sprang aus dem Wagen und öffnete den Kofferraum für einen Mann mit Trenchcoat auf dem Arm und schwarzem Koffer in der Hand. Diesen nahm er, wuchtete ihn in den Kofferraum. Julian stand am Gehsteig, wurde nicht weiter beachtet. „Ja, selbstverständlich, City Hilton!“ Er öffnete dem Herrn die Wagentür, zeigte Julian den Rücken. Umrundete die Limousine vorderseitig. Sprang rein und war weg.

Also doch der Aufzug. Wo war er? Auf der anderen Straßenseite, neben dem Postamt, sah er ein kleines Häuschen glänzen. Das könnte er sein. An der Ampel drängten sich die Menschen. Einkaufstüten knisterten und rieben aneinander. Ätzende Abgase lagen in der Luft. Julian atmete nicht mehr voll durch. Atmete anders als in den Bergen. Grün. Die Masse ging los. Schnell. Er eilte mit. Drüben sprang er auf die Seite, eilte in Sicherheit. Trotzdem bekam er ein, zwei Stöße ab. Hielt sich am Geländer hinunter zur U-Bahn. Wurde nicht umgestoßen.

Der Glaskasten war der Aufzug. Viele Leute stiegen aus. Mit vier, fünf anderen schob er sich hinein. Stellte sich neben die Tür.

„Moanst mir kriang des im Hertie?“

„Ja, freilee, wenn need dann foama hoit zum Marienplotz! Do kriang mas sicha!“

„Jetz druck a moi, dass ma obee komma.“

„I hob scho druckt!“

„Jo warum foard a nan need?“

„Wos woas i?“

„Ah so! Jetzad! Sie passens auf! Eana Fuaß is in da Lichtschrankn!“

Der Schnautzbärtige schaute Julian an. Was wollte er? „Wie bitte?“

„Ja woos! Froangs hoit need so deppad! Dans a moi ernan Haxn aus da Tier!“ Julian verstand zwar, es ging ihm aber zu schnell. Nochmal fragte er: „Wie bitte?“

Der Schnautzbärtige griff Julian an der Schulter und zerrte ihn zu sich. Mit der rechten Hand zeigte er auf den Boden. Julian sah hinunter.

„Do schauns, jetzt gehts zua! Sie san in da Lichtschranken gstandn!“ Der Schnautzbärtige ließ von Julian ab.

„Da hätt ma ja no Stundn gwart! Nur zwengs am soichanen Deppen! Mir hamm unsa Zeit need gstoin!“

Unten stieg Julian aus dem Aufzug. Der Herr und seine Begleiterin eilten schnell davon. Der Aufzug fuhr nicht bis zur S-Bahn runter. Wieder stand er an der Rolltreppe.

Er gab sich einen Ruck, sprang drauf. Hielt sich am schwarzen Gummi fest. Es ging. Von hinten drängte die Masse hinunter. Sie überholten. Er stand falsch. Sie schoben ihn zur Seite. Jetzt stand er richtig. Unten sah er auf seine Füße. Stieg ab, sprang sofort zur Seite. Trotzdem wieder ein Stoß von hinten. Ein Mann, in grellem gelben T-Shirt, sprang in die stehende S-Bahn. Sein Rucksack klemmte in der Tür. Die Tür riss er nochmal auf. „Verdammte Scheiße!“ Hörte er von drinnen. Der Mann zerrte den Rucksack durch die Tür.

 

Die Bahn nach Solln war überfüllt. Schwarze, braune, silberne Aktentaschen. Parfüm- und Schweißgeruch. Karierte, weiße, bunte Hemden. Krawatten, Fliegen und Schleifchen. Kurze bunte Röcke. Bunte T-Shirts. Jacken über Schultern auf den Armen. Helle Flanellhosen. Gebügelte Falten. Ausgefranste Jeanshosen. Die Menschen drängten sich dicht an dicht. Man stand wie Sardinen in ihrer Büchse liegen. Haare, Hemden, Jacken, Arme, Nasen, Augen, Rücken, Brillen, T-Shirts, Schultern, Hälse dicht vor den Augen. Kein Entkommen. Leise ratternd durch die Dunkelheit. Neonbeleuchtung. Plötzlich wieder Tageslicht. Eine dreckige Betonmauer flog vorbei. Grausame Hitze. Schweiß lief an den Armen hinunter. Die Beine zitterten leicht.

Ruhe, keine Gespräche. Schweigende, stinkende, aneinandergedrückte Masse. An den Knien: Aktenkoffer, Einkaufstaschen, Rucksäcke, Taschen, Flanellhosen, Jeanshosen, Rockfalten.

Nur Kinder sprachen, sie brüllten laut.

„Du Peter, hast du so gepfurzt? Es stinkt nach einer ganzen Schafherde!“ Plärrendes Lachen. Julian sah nur die Brillen und Nasen vor sich. Seine Gesichtsfarbe wurde rot. Die Hitze unerträglich. Niemand sah das Rot unter der Maske. Die Betonmauer war zu Ende. Viele Gleise sah er draußen. Hackerbrücke. „Lassens uns bittschön aussteign!“, wurde von hinten gedrückt. Ein Mann vor Julian riss am Hebel, die Türen öffneten sich. Mit der Masse schob sich Julian durch die Tür. Mit ihr ging er langsam am Bahnsteig entlang. Ein Stoß von hinten. Auf einer Bank ließ er sich nieder.

Die Menge strömte vorbei. Bunt, viel zu bunt. Die Türen schlossen sich. Quetschten die Leute ein. „Verdammter Mist!“ An Aktenkoffern wurde gezerrt. Sie klemmten in der Tür. Surrend fuhr die Bahn ab.

Tausend Gleise, dazwischen bunte Werbepklakate. Viel Farbe. Die Plakate zeigten: Frauen in Unterwäsche. Sie rissen ihre Morgenmäntel auf, und standen zu allem bereit. Kein Gesicht, nur Haare. Fliegend. Männer in Unterhosen. Muskulöse Körper, die zerfurcht aussahen. Zerzauste Körper, die glänzten. Was wollten die Nackten auf den Plakaten in der Stadt? Andere Plakate: lachende Menschen mit Zigaretten und Biergläsern. Die Stadt im Hintergrund. Warum lachend? Wer lachte in dieser Stadt? Er sah noch keinen der lachte, außer den Plakaten.

 

Er blieb einfach auf der Bank sitzen. Eine Stunde lang, zwei Stunden. Beobachtete. Nils Rucksack neben sich. Die Bahngleise, Häuser, vorbeifahrende S-Bahnen, Züge. Menschen, eilige Schritte, herumirren auf dem Bahnsteig, in der Stadt. Die Nackten auf den Plakaten standen still. Der aufgerissene Morgenrock viel nicht zu. Die Frau drehte den Kopf nicht, damit man ihr Gesicht sah. Es war unwichtig. Es gab zu viele davon in der Stadt.

Lärm, Knattern, Rattern, Scheppern, Kreischen, Rufen, päng päng päng. Abgase, Autos, dumpfes Grollen der Straße über die Brücke. Donnern, Gas geben rrrrrr. Qualm, rauchende Menschen. Die lachten aber nicht, so wie die auf den Plakaten. Schnell, abgehetzt eilten sie. Ziele, große Ziele lagen vor ihren Augen. Sie mussten zeitig erreicht werden.

„Du nimmst meine Uhr. Vergiss nicht sie auf zu ziehen. Täglich. Sie ist alt, pass auf dass du sie nicht verlierst! Wenn du am Bahnhof bist, stell sie. Sie geht immer nach. Pünktlich musst du sein! Das Wichtigste ist Pünktlichkeit! Um Acht geht die Schule los. Wenn du zu spät bist, gibts Ärger. Mayer der Schulleiter fängt dich am Eingang ab. Er motzt und verteilt Verweise. Das sind Papiere, die schlecht und wichtig sind. Ein Wecker ist in einer meiner Kisten!“

Jetzt viel ihm ein, was er vergaß: „Im Bahnofsuntergeschoss siehst du gleich unten rechts einen Buchladen. Geh rein, kauf einen Stadtplan von München.“

Wie sollte er die Adresse in Solln und überhaupt die ganzen Orte finden, die Nils in München regelmäßig aufsuchte?

 

„Hei Nils, was machst du denn hier, ich denke du hängst unter Griechischen Palmen rum?“, rief eine hohe Stimme in dem Moment als er noch über den Stadtplan nachdachte. Er drehte sich um und setzte, noch bevor er nachzuforschen begann welche der von Nils geschilderten Personen nun vor ihm stand, das lange eingeübte freundliche Nilslächeln auf.

Sofort entfuhr ihm ein: „Aha Hallo!“, und weiter: „du bist es, na wie geht’s?“

Welches exakt richtig war, dann die sofortige Antwort lautete:

„Ja, mir geht’s gut und wie geht’s dir?“

Einen Bruchteil einer Sekunde bevor die Frau dies sagte, wusste Julian, wer es war. Christine. Die Beschreibung von Nils passte nur auf diese Frau. Schlank, ungefähr genauso groß wie er, blonde lange Haare, nach hinten abfallend, vorne Pony, schmales Gesicht, spitze Nase, hübsche dunkelbraune Augen, schmale Lippen, dazu eine hohe Stimme, ein wenig piepsig.

„Mir geht’s soweit ganz gut! Bin nur etwas früher zurückgefahren, als die anderen. Ich war nicht in Griechenland, hatte plötzlich die Schnautze voll. Ich habe einige Bergtouren in Österreich hinter mich gebracht. Super wars!“, antwortete Julian, im eingeübten Tonfall von Nils.

„Na das wundert mich ja nicht, dass du’s mit den Chaoten nicht sehr lange ausgehalten hast!“, zwitscherte Christine und setzte sich neben ihn.

„Wo solls denn hingehen?“

„Ich? Jetzt?“

Christine nickte.

„Ach ich düse nach Soll. Hab da mein Gerümpel in der Garage meiner Kumpels lagern. Weißt schon, bin doch aus der Autobahn-WG ausgezogen. Wegen diesem fertigen Vermieter. Der hat uns wie Weihnachtsgänse ausgenommen.“

„Ach ja, klar ich weiß schon. Und was machste heute in Solln?“, Christine fragte schnell. Zackig wie aus einer Pistole schossen ihre Worte in Julians Gesicht. „Du musst schnell reden und antworten. Immer wissen, was du willst, wohin du willst, was los ist. Für jede Frage eine Antwort parat haben. In der Schule und überhaupt! Antworte schnell, wie aus der Pistole geschossen. Das ist das Leben! Das ist die Stadt. Alles geht ruck zuck!“

Julian stammelte ein wenig verunsichert:

„Ich? Ach so,ja, äh, fahr da eben mal so hin, um nach dem rechten zu sehen. Ob mein Zeug da noch rum liegt und so weiter. Außerdem haben die mir vor den Ferien durch die Blume angeboten, ich könnte dort vorübergehend wohnen. Bis Ferienende zumindest. Die haben ein winziges Gästezimmer. Da wollte ich jetzt mal nachfragen. Vielleicht war das ja ernst gemeint.“

Julian wartete auf den nächsten Pistolenschuss. Er kam nicht. Christine fragte nichts.

Sie schnüffelte an Julian herum. Schnupperte das ausgeleierte T-Shirt von Nils ab.

Jetzt schoss Julian pistolenschnell: „Ich hab die letzten zwei Nächte in den Bergen in einem Schafeunterstand gepennt! Konnte bisher nicht duschen. Bin gerade schon einigen Kids in der S-Bahn grob aufgefallen. Deshalb sitze ich jetzt hier! Ich muss mich etwas lüften!“ Nilslächeln.

„Aha, Schaf!“ Stöhnte Christine. Sie stöhnte, als habe Julian etwas gesagt, dass sie schon lange wusste. Ein gelangweiltes Stöhnen. „Dacht ich’s mir doch!“

Sie wechselte das Thema: „Willste heute Abend zur Party von Helli kommen? Weist schon Helli Hauch, der spießige Streber, gleich vorne in der Mathestunde. Der immer direkt vor Gepharty unserm Mathenervier sitzt. Helli der Schleimer, weißt schon, kennste doch, den Typen!“ Sie meinte ein geplantes Fest bei Helmuth Hauch. Von dem erzählte Nils: „Ein immer perfekt gedresster Juppisohn! In der Mathestunde sitzt er direkt vor dem Lehrer, vorne in der ersten Reihe. Gephart. Dann fließt der Schleim. Der Typ singt mehr, als er spricht. Er schmeichelt sich ein, bezirzt und macht Gephart an. Er hofft auf gute Noten. Dabei helfen ihm die jungen Mädchen. Er versammelt sie um sich, in der ersten Reihe. Sie finden ihn toll. Er hat Geld. Jede Menge.“

Julian wusste, wer gemeint war. Er kannte die Sprache von Christine. Er wusste von ihr, was Nils sagte. Er sprach mit ihr, wie das Nils tat. Sie bemerkte nicht, dass er nicht Nils war. Zumindest sah das so aus.

War die Maskierung perfekt? Die gelungene Täuschung?

Christine deutete keine Zweifel an. Dazu sah und hörte er nichts von ihr. Sie fragte und sprach klar und schnell. Wie Nils es beschrieb. Sie fragte nicht, warum er so komisch aussehe. Sie sagte nicht, dass seine Hände oder Haare anders aussähen. Übersah sie das? Traute sie sich nicht? War sie zu sehr beschäftigt mit sich selbst und mit dem Leben in der Stadt?

Der Rollentausch war gelungen. Julian spürte Triumph. Er hatte es geschafft. Er war nicht nur Maskierungskünstler, der sich irgendwie maskierte. Er war Imitationskünstler! Er imitierte perfekt. Oder nahmen die anderen zu schlecht wahr? Sahen sie schlecht? Hörten sie schlecht? Oder verdrängten sie das Anderssein einfach? Vielleicht war es zu vieles, das man in der Stadt täglich sah. Die vielen Menschen, Autos, Krach und dann auch noch diese Plakate.

Vielleicht war die perfekte Täuschung deshalb einfacher.

„Bin ich überhaupt eingeladen?“

„Ja, ja klar bist du! Logisch. Die halbe Klasse ist eingeladen. Das macht Helli doch immer. Er traut sich gar nicht, bestimmte Leute nicht ein zu laden. Er ist doch reich und weltoffen. Er will seinen Reichtum vorführen. Und dabei ist er spendabel. Brauchst nichts mitbringen! Ralf und Mark kommen auch!“

Also fragte Julian nach der Adresse.

„Ich komme mit ziemlicher Sicherheit. Es sei denn, es kommt irgendwas gröberes dazwischen. Mal schaun!“

Bei Vereinbarungen von Terminen gehörte es zu seinem „Markenzeichen“, sich niemals eindeutig auf eine Sache fest zu legen. „Meine Freunde aus der Schule wissen das. Je weniger eindeutig ich mich festlege, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ich komme. Wenn ich sage: alles klar! Ich komme ganz bestimmt! Also bis heute Abend! Dann wissen die, die mich kennen, dass es eine sichere Absage ist.“

Christine gehörte zu denjenigen, die ihn genauer kannten. Sie verabschiedete sich. Sie legte ihre Hand kurz auf Julians Schulter, zog sie sofort wieder zurück.

„Also dann tschüsschen bis heute Abend, vielleicht, ich freue mich.“ Schon stand sie in der Tür einer S-Bahn.

Julian rief: „Alles klar, schauen wir mal wies läuft!“

Die Tür schloss sich.

Christine fuhr Richtung Innenstadt. Ein kurzes Gespräch. Keine Zeit zu fragen was Christine während der Ferien machte. Nicht gefragt wohin sie gerade unterwegs war. Nicht erfahren, wie es ihr ging. Keine Ahnung was sie wirklich von Helmut Hauch hielt. Keine Ahnung wer für sie Nils Scherer war.

Nils, der mit ihr immer wieder sprach, meist auf Festen und in Kneipen, wusste genauso wenig. Julian war überrascht. Nils sagte: „Das ist eben mal so in der Stadt. Das Leben läuft zu schnell. Zu viele Leute, um sich genauer auf sie ein zu lassen. Sprichst du fünf Minuten mit ihnen, sind sie schon wieder weg. Deshalb fange ich gar kein genaueres Gespräch mehr an. Da verwickelst du dich nur, und zack! Wird es wieder abgebrochen. Das ist das Leben.“

 

Er nahm den Rucksack, stand auf, ging zum Kiosk. Die nächste S-Bahn nach Solln war leerer. Die Berufsverkehrszeit war vorbei. Halb Acht. Er riß an der Tür. Automatisch ging sie auf. Er setzte sich. Sah zum Fenster hinaus. Der Morgenrock der Nackten war immer noch offen, weiß glänzte die Unterwäsche. Das Gesicht drehte sie nicht um. Es blieb unsichtbar. Ihre Haare wehten immer noch.

Häuser flogen. Drähte, viele Drähte. Sie glitten vorbei, auf und ab. Autos und Ampeln. Die Bahn zischte und surrte.

Die Zielhaltestelle fand er. Von dort aus lief er etwa fünfzehn Minuten. Den Weg hatte Nils genau erklärt. Der Stadtplan war unnötig.

Während der S-Bahnfahrt studierte er den Plan genau. Er suchte alle wichtigen Straßen. Die Autobahn-WG, die Schule, die er ab Dienstag zu besuchen hatte. Er wollte dort schon vorher hinfahren, um sich im Schulgebäude zu orientieren. Auch den Bahnhof fand er im Plan. In den nächsten Tagen musste er dort wieder hin. Er brauchte eine neue Monatsfahrkarte.

„Die Probleme wegen der Orientierung in der Stadt sind nicht so schlimm. Ich kenne mich da kaum aus. Bin ja erst seit einem Jahr dort. Wenn du dich verläufst, verfährst oder sonst was, schau auf den Stadtplan. Ich hab immer einen dabei, hab ihn aber verloren. Kauf deshalb einen neuen.“

Julian wartete auf Menschen, die Nils kannten

Julian ließ sich mit seinem Rucksack auf den Treppenstufen des Hauses in Solln nieder. Es glich einer Villa. Die Garage stand offen. Die Kisten von Nils waren noch da. Sauber aufeinander gestapelt, in der Ecke. Der Schreibtisch, sein Stuhl, die verpackte Matratze und die Stehlampe, das Mobiliar von Nils, alles da.

Julian läutete, es war niemand Zuhause. Er saß auf den Treppenstufen. Drehte eine Zigarette aus Gebirgstabak. Den Tabak pulte er aus Nils Tabakdose.

Das Haus: groß, hoch, mit vielen Rundungen und alt. Nils berichtete begeistert von diesem Haus. „Es ist eine alte Villa, voll gediegen! Fünf Studenten wohnen dort. Wohngemeinschaft. Sehr außergewöhnlich. Solche Villen werden nur von den oberen Zehntausend bewohnt. Privilegierte, abgesicherte Leute. Deren Kohle täglich einrollt. Natürlich schuften sie dafür. Sie hetzen sich von Morgens bis Abends ab. Das wirst du sehen. Sie stehen mit ihren Funktelefonen im Verkehrsstau. Alltag. Es gehört zum Leben. Anonym hinter getönten Scheiben. Selten fahren sie auch in der überfüllten S-Bahn.

Es ist gut, wenn sich dort nicht nur die Highsociety breit macht. Die Studenten sind locker drauf. Vielleicht kannst du wirklich dort wohnen.“

In der Schäferhütte spielten Julian und Nils vieles durch. Ein Zusammentreffen mit den Freunden aus der Schule im Café Notfall. Dort musste er sich mit der punkfrisurigen Regine, dem selbstsicheren Mark, dem lässigen Ralf, dem Bassisten Rolf und der hübschen Christine unterhalten. Er musste allgemeine, an die gesamte Runde gerichtete, Floskeln in die Runde werfen und die Reaktionen abwarten. Auf die musste er adäquat reagieren, so wie Nils es zu tun pflegte. Nils spielte jeweils die Rolle der Freunde am Tisch. Er gab Regieanweisungen. Stand auf dem Stuhl oder saß, brüllte oder sprach leise.

Assya hatte an den Theatereinlagen riesige Freude. Sie lag, saß oder stand auf der Eckbank und sah dem bunten Treiben schwanzwedelnd zu.

Je länger Julian die Rolle einübte, desto perfekter wollte er sie beherrschen. Mehr und mehr Details erkannte er. Plötzlich glaubte er, dass er nicht in der Lage war Nils Rolle zu lernen. Er war überzeugt, dass er es aller höchstens ausreichend lernen konnte. Dann sagte Nils:

„Es ist gar nicht erforderlich, dass du mich so genau kennst und nachahmen kannst. Denn wir haben den Vorteil, dass ich in der Stadt in keinen festen Bindungen lebe. Ich habe zwar Freunde, aber keine festen Freunde. Es sind eher lockere Bekanntschaften und man lädt sich hin und wieder unregelmäßig ein. Ich lebe in keiner Partnerschaft. Selbst meine Wohngemeinschaft an der Autobahn habe ich vor den Ferien aufgelöst. Du könntest vielleicht Michael, meinen ehemaligen Mitbewohner mal anrufen, musst es aber nicht tun. Wenn er sich bei dir meldet, oder du ihn zufällig triffst, dann machst du einfach eine lockere Kneipentour mit ihm. Am besten suchst du dir eine Bleibe, in der du allein lebst. Oder eine Wohngemeinschaft mit Leuten, die mich nicht kennen. Du wirst die Leute, die mich etwas besser kennen ja nur in der Schule, auf Festen, im Café Notfall oder zufällig treffen. Zwischendrin gibt’s genügend Zeit, wo du in deiner – eigentlich meiner – neuen Bude sitzt. – Wenn du eine gefunden hast. – Dort kannst du, falls notwendig, in Ruhe dein weiteres Verhalten trainieren und dich auf die nächste Begegnung vorbereiten.“

 

Diese bahnte sich gerade an. Das Gartentor öffnete sich. Auf Julian bewegten sich zwei junge Frauen zu. Eine schwarzhaarig, die andere blond. Beide lächelten. Die ersten Menschen in der Stadt, die lachten. Also gab es das doch! Nicht nur auf den Plakaten. Wer waren sie? Kannten sie Nils? Wohnten sie hier?

Julian stand auf. Er konnte sie keiner Beschreibung von Nils zuordnen.

„Wohnen sie hier?“, fragte die Schwarzhaarige. Sie kam so schnell auf ihn zu, dass sie bereits vor ihm stand. Julian reichte die Hand. Die Schwarzhaarige ergriff sie sofort, schüttelte heftig. Schnell ließ sie sie wieder los, damit die Blonde zugreifen konnte.

„Grüß Gott!, entgegnete Nils, „ich sitze hier und warte.“

„Wir alle sind Wartende und Suchende!“, darauf die Blonde.

Sie trat aus dem Schatten der Schwarzhaarigen hervor. Sie lächelte: „Sicherlich suchen auch Sie!“

Julian verstand nicht ganz.

„Wie bitte, ich suche? Woher wollen sie das wissen? Nein, ich sitze und warte!“

Die Schwarzhaarige stand nun neben der Blonden.

„Na unseren Herrn! Wir suchen ihn alle! Wir können Ihnen bei der Suche helfen!“

Sie sprach beinahe singend, lächelte dabei heiter.

„Welchen Herrn?“

Jetzt kam wieder die Blonde. Sie sang nicht. Sie sprach in einem langweiligen Gebetston.

„Ja, Gott unsern Herrn, der uns alle liebt, mein Sohn!“

Was war das plötzlich? Davon erzählte Nils nichts. Der Sohn! Die Mutter! Nichts erzählte er davon, dass seine Mutter auftauchen werde!

„Äh, Jawohl liebe Mutter. Äh, klar, unseren Gott, ja, ja klar, den kenne ich schon noch. Aber warum willst du jetzt über Gott mit mir reden?“

Warum war Nils Mutter noch so jung? Die war höchstens Fünfundreißig. Warum sprach sie so langweilig monoton? Sie hatte keine Ähnlichkeit mit Nils.

Die Schwarzhaarige:

„Nein, nein, wir wollen sie nicht verwirren! Wir bringen das Heil, die Ruhe, die Ordnung. Gottes Liebe auf Erden wollen wir predigen! Das ist nicht verwirrend, das ist klar! Ruhe und Frieden!“

Und die Blonde: „Nehmen Sie sich Zeit für uns.“

„Warum das „Sie“, Mutter? War das schon immer so?“

Die Blonde: „Sollen wir Du sagen? Wäre ihnen das lieber?“

„Tja, ich weiß nicht, wenn wir uns schon immer Sietzten, sollten wir’s vielleicht so lassen!“

Die Blonde: „Nein, nein, gerne können wir Du sagen. In unserer Gemeinde ist das üblich. Zwar nicht gleich am ersten Tag, aber wenn sie es so wollen, gerne!“

„Was für ein erster Tag?“

„Na, wir sehen uns doch heute den ersten Tag, Bruder!“

„Wieso plötzlich Bruder? Ich dachte Sohn?“

„Welcher Sohn?“, jetzt lachte sie wieder. „Ach so! Ich verstehe, das ist nur unsere Redensart, unsere Worte, wir sind doch alle Schwestern, Brüder und Söhne! Also nehmen sie sich etwas Zeit?“

Julian atmete durch. Das sind nur Worte! Nur Redensart! Ok alles klar Nils Scherer! Er stand auf. Sah kurz auf den Boden. Überlegte.

Zeit, das teuerste, was es gibt? Wenn stimmte, was Nils erklärte, wollten die zwei also gleich das teuerste. Wie kamen die darauf, das zu wollen? Sie konnten nicht wissen, dass er vom teuersten zu viel hatte. Julian war ratlos.

Die Schwarzhaarige, nicht mehr munter singend, sondern im Ton einer heilenden Krankenschwester:

„Dürfen wir uns einen Moment zu Ihnen setzen, mein Sohn?“

Julian nickte.

„Wir wollen mit ihnen über ihren Glauben sprechen.“

Zur Blonden: „Sind sie Nils Mutter?“

„Wer ist Nils?“

„Äh, ja, oha, das bin ich! Klar! Natürlich! Nils Scherer. Grüß Gott!“ Er reichte der Dame nochmal die Hand. Sie schüttelte nochmal.

Oh Gott, dachte Julian, meinen Glauben! Was geht die mein Glaube, – im Grunde nicht meiner, sondern der Glaube von Nils – an? Sie ist nicht seine Mutter! Das ist gut, sehr gut. Mit Nils Mutter war nicht zu rechnen, sie lebte weit entfernt. Aber, wer weiß, genau jetzt, wo sie am wenigsten zu brauchen wäre, konnte sie auftauchen. Alles war möglich.

Was sollte das mit dem Glaube? Nils erzählte Julian überhaupt nichts zu diesem Thema.

Was tun in so einer Situation?

„Abblocken! Wenn’s brenzlig wird, haust du die Bremse rein! Zuerst freundlich, sehr freundlich, aber bestimmt. Klappt das nicht, wirst du so sehr eingelullt, vereinnahmt, dass du kein Entkommen mehr siehst: frech werden! Werde motzig, aufdringlich, unangenehm!“

„Es mag sein, dass sie über meinen Glauben sprechen möchten, ich möchte es jedoch nicht!“ So rief Julian plötzlich, sprang einige Meter weg, drehte sich um und fixierte die Blonde. Sofort schaltete sich die Schwarzhaarige ein.

„Es ist aber unheimlich wichtig, über den Glauben zu sprechen. Das geht alle etwas an mein Herr! Wir sind offen, ehrlich und kompetent. Sie können mit uns über alles reden, was sie bedrückt.“

Und die Blonde: „Unser Herr ist gütig. Er lässt seine Schafe nicht im Stich!“

Julian überrascht. Trat zwei kurze Schritte näher. Stand vor der Blonden:

„Wieso plötzlich Schafe? Ist er Schäfer? Wie viele Schafe hat er denn?“

Die Schwarzhaarige: „Wir alle sind seine Schäflein. Er meint es gut mit uns, auch wenn wir einmal sündigen. Wir dürfen wieder heimkehren. Er führt uns Heim. Auch sie!“

Julian blickte ungläubig. Dachte kurz über seine Schafe nach.

„Schafe sündigen nicht! Schafe sind gefräßig, sie stinken und ich glaube, sie sind ziemlich dumm. Deshalb muss man immer hinter ihnen her sein, weil sie sonst irgendwo runter stürzen! Das ist das ganz normale Schafsleben! Ich glaube nicht, dass ich ein dummes Schaf bin. Ich glaube nicht, dass ich unseren Gott wegen meiner Schafsblödheit brauche! Menschen: dumm wie Schafe? Nur damit Gott Schäfer sein darf und einen Job hat? Das finde ich unglaubwürdig!“

Die Blonde: „Genau das ist es! Der Herr rettet uns immer wieder!“

„Ja ist er denn wirklich Schäfer?“

Die Schwarzhaarige: „Das kann man so sagen! Er sorgt sich um uns, wie der Schäfer sich um seine Schafe sorgt!“

„Aha, sehr gut, zwar vielleicht ein wenig dumm, aber echt gut!“, sagte Julian. Er trat wieder zurück.

Die Schafe lenkten ihn ab. Was sollte er jetzt tun?

Er sagte einfach:

„Ich will nicht über Schafe reden, auch nicht über den Schäfer, da kenn ich mich genügend aus! Bitte gehen sie!“

Die Blonde: „Aber darüber kann man nie genug sprechen!“

„Ja, aber nicht in der Stadt, wo es keine Schafe gibt und nicht mit mir. Bitte gehen sie jetzt.“

Die Blonde: „Dürfen wir ihnen unsere Karte da lassen?“

„Was für ne Karte?“

Die Blonde gab ihm ein kleines Stück weißes Papier. Darauf stand: „Die Zwölf Apostel“ Telefonnummer und Adresse. Julian schüttelte die Hände. Beide verließen das Grundstück.

Er atmete tief durch. Was es alles gab! Der Herr ein Schäfer? Warum hat er in der Schule davon nichts gehört? Geschlafen? Er nahm einen kleinen Schluck aus der Schnapsflasche. Wahrscheinlich ist es in der Stadt völlig normal, dass man von solchen Leuten angesprochen wird. Nils musste diesen Punkt einfach vergessen haben.

Julian traf Menschen, die Nils kannten

Kaum war die Schnapsflasche weggesteckt und die Zigarette im Mund, erschien erneut jemand am Gartentor. Ein junger Mann, etwa in Julians Alter. Der kam auf das Tor zu, öffnete es und klimperte mit einem Schlüssel herum. Das musste ein Bewohner sein.

„Hallo Nils, na wie war’s so bei den Griechen? Hat der Uzo gemundet?“

Christoph der Biologiestudent. Blond, klein, wenige gekräuselte Haare auf dem Kopf. Blasses, breites, rundes Gesicht. Dicke Hände, fette Finger. „Er nimmt sein Studium sehr ernst. Es ist für ihn das Wichtigste. Interessiert sich sonst für kaum was. Ist ein bisschen von oben herab, weißt schon…“

„Ja, äh, ich war eigentlich gar nicht bei den Griechen“, erwiderte Julian und folgte Christoph. Der drückte ihm im Vorbeigehen schnell die Hand.

„Ich habe mich spontan von meinen Schulfreunden auf der Autobahn getrennt und bin einige Wochen im Österreichischen Gebirge unterwegs gewesen.“

„Da haste Dir ja ’ne ordentliche Gesichtsbräune und einen deftigen Körpergeruch zugelegt! Wir haben für dich das Gästezimmer für zwei Wochen frei geräumt. Duschen kannste auch gleich oben. Kennst dich ja aus“, meinte Christoph darauf.

Julian bedankte sich. Ein freundliches Nieslslächeln. Gleich rechts fand er die Treppe. Die schritt er selbstsicher aber langsam hinauf. Dieses Treppenhaus gab es in seinem Kopf. Nils beschrieb es genau.

Julian wusste, wo das Gästezimmer war. Zweiter Stock rechts. Julian wusste, wer in welchem Zimmer wohnte. Die Namen der Bewohner kannte er. Deren gröbste Eigenarten auch. So wie sie Nils sah. Die Raumaufteilung des Gebäudes lag in seinem Kopf. Jetzt sah er sie wirklich.

Das sah völlig anders aus. Die Teppiche auf der Treppe waren zwar tatsächlich samtrot, aber darüber lag ein scheußlicher grauer Läufer. Der machte das schöne Samtrot zunichte. Die Räume waren viel höher als er es sich vorstellte. Zu lange lebte er in seiner niedrigen Schäferhütte.

Von unten rief Christoph: „Ich hab leider keine Zeit. muss an meiner Magisterarbeit brüten. Kennst dich ja aus. Bis später!“

Christoph riß die Kellertür auf. Seine Schlappen knallten auf die Steintreppe. Er rannte eilig runter in sein Zimmer.

In Ruhe sah sich Julian alles genau an. Die weißen Türen, die roten Teppiche. Schnell schlich er nochmal runter. Suchte die Küche, das Gemeinschaftszimmer. Er musste sich selbstsicher in den Räumen bewegen. Schließlich kannte Nils das Haus schon lange.

Im zweiten Stock öffnete er die rechte Tür. Tatsächlich das winzige Gästezimmer mit Dachschrägen über dem Bett.

Gegenüber fand er das Bad. Das andere Zimmer, zwischen Gästezimmer und Bad, war das von Regine, der Philosophiestudentin. Er kannte sie bereits, bevor er sie je sah.

Unglaublich, wie er schon über die Leute dachte, noch bevor er sie kennenlernte. War Christoph wirklich nur an seinem Studium interessiert? Was war das für ein Bild, das Nils von den Leuten gab? Subjektiv. Ganz klar.

Den Rucksack stellte er auf den Boden im Zimmer. Erleichtert ließ er sich auf dem Schreibtischstuhl nieder.

Er durfte in diesem Zimmer keinesfalls rauchen. Hier übernachtete der Hausbesitzer. Der kam regelmäßig zu Besuch. Mit dem wollte sich Nils nichts verscherzen. Die Bewohner hatten den überredet, sein Zimmer zu vermieten. Für ein bis zwei Wochen.

 

Wochen vor den Sommerferien lernte Nils den Hausbesitzer zufällig kennen. An einer Straßenkreuzung. Ecke Wolfratshauser-/Herterichstraße. Es war die Transportfahrt seiner Kisten in Rolfs VW-Bus. Der Vermieter stand neben einer dunklen Limousine auf dem Gehsteig. Eine Panne. Langsam näherten sich Rolf und Nils der Kreuzung. Genau als sie neben dem Vermieter standen schaltete die Ampel auf Rot. Nils kurbelte die Scheibe runter. Frech fragte er:

„Na was gibt’s werter Herr?“

„Tja, eine Panne. Ein platter Reifen. Leider!“

Zu Rolf flüsterte er:

„Der Knacker hat ne Panne! Solle ma helfe?“ Dummes Nilslachen.

Rolf: „Keine Zeit, zu viel Stress, das Übliche eben in der Stadt!“

Darauf Nils zum Fenster raus, zum Vermieter: „Sollen wir ihnen helfen werter Herr?“

„Sehr gerne, ich habe rechts vorne einen Platten. Ich finde meinen Wagenheber nicht. Radkreuz finde ich auch keines!“

Rolf brummte Nils an: „Was soll der Scheiß Mann?“

Grün. Hupen von hinten. Rolf fuhr langsam an und lenkte den Wagen vor die Limousine auf den Gehsteig.

Nils, ironisch lachend: „Brav, sehr gutmütig Rolfi! Man soll sich nicht hetzen lassen. Gerade wenn man noch so jung ist wie wir. Wir haben die Hilfsbereitschaft nämlich mit Löffeln gefressen. Gell?“ Breites Nilslachen.

Rolf nur noch abgeschwächt brummend, leicht ironisch: „Samariter sind wir scho, klar! Wir hamm kein Geld und brauchens auch nicht! Klar! Wir sind jung und leben von unserer Hilfsbereitschaft! Danach stecken wir unsere Hände wieder in den Mund. Davon leben wir!“ Er schlug Nils auf die Schulter, lachte und stieg aus. Unter dem Sitz zog er Wagenheber und Radkreuz hervor.

Beide wechselten den Reifen, während der Herr zu sah:

„Sowas hab ich noch nie gemacht! Toll, wie sie das können!“

Rolf brummte und schraubte: „Ja, ja, der rotzigen, frechen Jugend geht’s zu gut. Die hat zuviel Zeit, gell?“

Nils wuchtete den Reifen aus dem Kofferraum. Kräftig trampelten beide auf dem Radkreuz herum. Nach einer knappen halben Stunde war das Ersatzrad montiert und die Pfoten verdreckt. Keiner der beiden steckte die in den Mund. Stattdessen gab es großzügig hundert Mark. Nils lachte, Rolf brummte.

Sie fuhren weiter. Der Pannenwagen steuerte ihr Ziel an. Vor der Garage begrüßten sie den Vermieter erneut. Stellten sich vor.

Dieser Mensch, so warnte Nils in der Schäferhütte, ist strikter Nichtraucher.

 

Julian saß in der Wanne und schrubbte. Ausgiebig. Viel Schmutz floß ab. Die Seife schäumte kräftig. Die Haare wusch er vorsichtig. Sie waren kurz. Geschoren, wie die von Nils. Die letzte Tat in der Hütte. Die Frisuren mussten übereinstimmen. Nils schnippelte stundenlang. An dem Haarschnitt durfte nichts schief gehen. Die Frisuren sollten annähernd identisch sein. Das schwierigste: die Farbe. Julian mixte eigenartiges Zeug zusammen. Alles aus dem Wald. Das kochte er kurz auf, mixte dann nochmal. Die Färbung fand er gut. Annähernd die gleiche Farbe.

Die Farbe hält lange, lässt sich nicht raus waschen. Über die Gesichtsmaske durfte nicht zu viel Wasser strömen. Julian übte den Umgang mit dem Duschkopf. Nach der Dusche fühlte er sich wie neu geboren.

Er duschte das letzte Mal in der Nacht, vor über einem Jahr, nachdem er den toten Vater den Berg hinunter geschleppt hatte. Das war im Hotel zur Post im Tal. Er musste eine Übernachtung einlegen, um Tags darauf die notwendigen Formalitäten wegen der Urnenbeisetzung zu erledigen.

In der Schäferhütte badete er wöchentlich. Ein besonderer Akt. Er nannte ihn „Staatsakt“. Wenn er zu Assya sagte: „heute Abend ist wieder ein ausgiebiger Staatsakt fällig“, so begann die Hündin freudig mit dem Schwanz zu wedeln. Sie wusste, dass auch sie, nachdem ihr Herrchen in der Mitte der Hütte im dampfenden Trog gebadet hatte, hineinspringen durfte. Assya badete, für Hundeverhältnisse außergewöhnlich gerne. Der Staatsakt war die Abwechslung der Woche. Zehn große Blechtöpfe Wasser mussten auf dem schweren Holzofen erhitzt werden. Das dauerte eine knappe Stunde.

Die Seife machte er nach altem Rezept des Großvaters. Baumrinden, verschiedene Harze. Er zog einen Stöpsel und das Wasser strömte nach unten ab. Ein Loch im Trog- und Hüttenboden. Darunter eine alte Dachrinne. Der Vater erstand sie vor Jahren im Dorf von einem Bauarbeiter im Tausch gegen ein Schaffell.

 

Die feuchten Haare kämmte er vor dem Spiegel. Das Gesicht rieb er ein. Das musste sein. Es löste sich sonst zu schnell auf. Die Creme roch nach Schafsfett. Leider. Das ließ sich nicht vermeiden. Trotzdem musste sich der Schafsgeruch gemildert haben, wegen dem Bad.

Julian ging die Treppe runter, wollte zur Garage. Christoph hielt Julian im Treppenhaus auf:

„Willst du ’nen Happen mit essen? Es gibt klassisches Studentenfutter! Spaghetti al Olio, das Spargericht des Hauses! Dazu billigstes Bier Marke Hornabstoßer!“

Überrascht, diese Einladung von Christoph zu hören, blieb Julian stehen.

„Außerdem könntest du mir noch was von deinem Gebirgsurlaub erzählen!“

Der interessierte sich also doch für mehr als nur sein Studium. Julian: „Danke, gerne, aber nicht heute, hab mich gerade etwas aufgepeppelt wegen einer kleinen Juppiparty, zu der ich heute spontan eingeladen bin. Deshalb muss ich mir noch einige Klamotten aus der Garage holen. Um den Gebirgsgeruch endgültig ab zu legen.“

Christoph: „Aha!“ Das war der Tonfall, der sagte, dass man etwas schon lange kennt.

Christoph weiter: „Kaum aus dem Urlaub zurück, schon wieder auf Vergnügungstour! So ist das bei den Schülern. Sie haben noch nichts gescheites gelernt und lassen die Welt unreflektiert an sich vorbei rauschen!“

Was sollte das? Eine Provokation? Der angehende Akademiker?

Julian: „Ok, ok. Mir ist schon klar, dass das Studentendasein sicherlich der stressigste Part im Leben ist! Der unglaubliche Stress, den man als Student hat verbietet einen ausschweifenden Lebensstil. Ganz klar! Urlaub, Feiern und Vergnügen….solche Lächerlichkeiten gewöhnt man sich da ab! Logisch!“ Nilslächeln.

Und weiter:

„Als angehender Akademiker muss man gescheit sein. Oder zumindest muss man so wirken! Außerdem muss man die schwierige Kunst des Arrogantseins beherrschen. Dies übt sich am einfachsten an kleinen Leuten. Leuten, denen man überlegen ist. Das glaubt man zumindest. Aber aufgepaßt mein Herr. Manchmal täuscht man sich!“ Breites Nilslachen. „In diesem Sinne, viel Spaß noch mit den Spaghetti!“ Noch breiteres Nilslachen.

Was hatte er da daher geschwafelt? War das unverschämt? Zuviel? Mist? Er lachte weiter, wie Nils. Auch Christoph lachte. Der sagte nichts. War das die schnelle Pistole von Nils?

In der Garage wühlte er in den Kisten. Sie trugen Nils Handschrift. Inzwischen auch die Handschrift Julians. Er zog die Kiste mit der Aufschrift „Klamotten“ heraus, trug sie ins Haus.

Er schleppte sie die Treppe hinauf. Von unten rief Christoph:

„Ich habe mir einmal dein Fahrrad leihen müssen, weil an meinem das Licht defekt ist! Du hast vorne einen Platten. Hast du das gewusst?“

Julian, der nicht einmal wusste, dass Nils in der Garage auch ein Fahrrad abstellte, antwortete:

„Ja, ja, klar, das ist schon seit Wochen platt. Die Luft entweicht, aber ganz langsam. Man muss alle drei, vier Tage pumpen. Ich werde den Mantel mal flicken. Aber sonst läuft’s gut oder?“

„Ja“, sagte Christoph, „etwas rostig und klapprig die Mühle, aber für die zwei Kilometer zur S-Bahn reicht’s leicht.“

„Stellt man keine Ansprüche an den Fahrkomfort, ist es ein super Tourenbike“, sagte Julian.

Er schleppte die Kiste nach oben ins Gästezimmer.

Für den geplanten Besuch der Party von Helmuth Hauch sahen die Klamotten von Nils ungeeignet aus. Ausgeleierte Sweatshirts, grob verwaschene, geflickte Jeanshosen, ausgewaschene alte T-Shirts, leicht durchlöcherte Unterwäsche und schwer durchlöcherte Socken. Das ist also die Ausstattung eines Städters. Alles roch leicht modrig. Es lag schon über einen Monat in der Garage. Zwar war alles sorgfältig in blauen Müllsäcken verpackt, trotzdem kam Feuchtigkeit durch.

Julian zog sich eine verwaschene Jeanshose an, dazu ein hellblaues altes T-Shirt. Das sah noch am besten aus. Andere Leute, so dachte er, zögen es höchstens noch zum Streichen einer Wohnung an. Ein dunkelblaues Sweatshirt nahm er, falls es abends kälter werde. Er legte es über die Schulter. Den Geldbeutel von Nils und dessen Tabakdose stopfte er in die Taschen der verwaschenen, ausgefransten, durchlöcherten Jeansjacke.

Unten fragte er Christoph: „Wo sind eigentlich die anderen alle?“

„Urlaub! Die sind alle in Urlaub und kreuzen irgendwann in den nächsten Wochen wieder auf.“

„Ach ja, klar!“ Julian versuchte einen läppischen Tonfall. Auch er wollte einmal ausdrücken, dass er eh alles schon wusste, eh alles klar sei.

Er sagte: „Das stressige Studentenleben, verstehe! Also dann, schönen Abend noch, ich komme sicherlich erst spät wieder. Tschüs!“ Christophs Schlappen knallten wieder die Kellertreppe runter. Julian zog die gläserne Haustür zu. Er ging zur S-Bahn.

Julian feierte für Nils

Helmuth Hauch trug ein frisch gebügeltes weißes Stehkragenhemd. Darüber eine hell gestreifte, ebenfalls gebügelte weiße Weste. Eine dunkelgraue, gebügelte, weite Flanellhose. Unten glänzten schwarze, schmale Lackschuhe hervor. Sie waren aus feinem Leder, von einem Muster versehen.

Die linke Hand lag auf dem goldenen Türknauf der Haustür. Eine weiße Kassettentür. Die sah schwer aus, war groß und dick. Die behaarte Hand des Gastgebers schmückte ein Goldkettchen. Das sah schwer aus, es war groß und dick. Es hing herunter. Es hing tief. Auffällig. Sofort sah es Julian, dachte an glänzende Goldberge. Sehr gewichtig.

Die Hand ließ vom Türknauf. Schnell fiel sie hinunter. Neben der Bügelfalte baumelte sie. Die Goldkette, ein riesen Gewicht. Die Fallwirkung unglaublich. Ungebremste Begeisterung nach unten. Julian, der Beobachter: zuerst begeistert, dann von der eigenen Begeisterung erstaunt. Interesse am Kettchen? Oder Interesse an diesem Mann? Julian konnte nicht entscheiden. War die Goldkette etwas besonderes? Oder war es Herr Hauch? Oder beide?

Kurzfristig glaubte Julian, der Mensch, der diese Kette trug, müsse besonders interessant sein. War das das Ziel eines Werbekonzeptes? Hauch der Mann, der von Millionen Plakaten lächelte?

Das leicht rundliche Gesicht fand Julian wenig plakativ. Es erinnerte an eine Tomate. Nichts für Millionen bunter Plakate. Der Duft schon eher. Scharf entwich der dem Gesicht. Gab es riechende Plakate?

Rasierwasser. Julian roch nach Schaf und leicht moderig wegen Nils Scherers Garagenwohnsitz. Alles kein Problem. Hauch und Julian nebeneinander auf einem bunten Plakat. Sie stehen auf einem glänzenden Goldhaufen voll mit Schafen. Der Hintergrund: eine blaue Glasflasche mit Goldrand. Der Geruch war intensiv. Schafsrasierwasser. Der Fotograf fiel in Ohnmacht. Gerüche penetrant wie bunte Plakate. Überall in der Stadt. Darunter der billige Werbespruch: „Sheep for men on earth! Fleecy clouds in the sky!“ Der Fotograf erwachte auf dem Rücken liegend und sah die Schäfchenwolken am Himmel ziehen.

 

Julian öffnete das Gartentürchen. Ein weitläufiger, grüner Garten. Bunte Blumen, jede Menge. Auch Rosen. Das Gras geschoren, wie seine Haare. In der Mitte, ein Springbrunnen, weißes, helles Marmor. Daneben ein riesiges Wagenrad. Nicht aus Holz. Aus Marmor. Davor liefen Frauen, auch aus Marmor. Sie trugen Eimer zum Brunnen.

Der aufdringliche Geruch des Rasierwassers lag über dem Garten. Die Augen tränten. Julian ging langsam, sah nach rechts und links. Was war das? Eine Ausstellung? Alles leicht verschwommen. Die Augen tränten. Ordnung und Sauberkeit? Kein einziger Grashalm der Vorgartenwiese lag auf den Marmorfliesen. Die Fliesen glänzten. Julian sah hinauf zum Himmel. Dort hatten sich keine Schäfchenwolken zusammen gebraut.

Kurz vor dem Gastgeber: plötzlich Lärm. Dumpfes Stampfen. Musik drang aus dem Haus. Viele Gäste hatten die Fliesen bereits passiert. Warum waren sie so sauber?

Die Schuhe der Gäste waren sauber. Die meisten stiegen direkt aus ihren Wohnungen in ihre Autos. Und direkt aus den Autos in diese Wohnung. Die Stadt war sauber. Jedenfalls solange es nicht regnete. Und das tat es nicht. Es gab keinen Matsch, wie in Julians Bergen. Weiße Fliesen blieben weiß.

Der Gastgeber streckte den Arm aus. Er lächelte. Das zweite Lächeln, das nicht vom Plakat stammte. Es sah etwas aufgesetzt aus. Versucht freundlich. Helmuth Hauch liebte Nils Scherer nicht. Eindeutig. Das Tomatengesicht sagte es. Sofort. Verzerrt. Es wies ab. Begrüßte trotzdem. Es fragte: Was willst du denn hier? Dabei Händeschütteln.

„Grüß dich Nils, schon von den Griechen zurück?“. Die Worte waren gezwungen. Sie stolperten fast. Der Händedruck war sehr fest. Die Hand war groß. Sie zog. Langsam aber gewaltig. Julian musste ihr folgen. Gewalt zog ihn durch die Tür.

Eile des Gastgebers? Mit der Kettchenhand zog er die schwere Tür hinter Julian zu. Der Gastgeber erwartete keine Antwort. Trotzdem antwortete Julian:

„Bin leider heute erst zurückgekehrt, konnte deshalb nichts mitbringen, weil ich erst kurzfristig erfuhr, dass hier was abgeht“.

Helmuth Hauch sagte nichts. Er schob ihn mit der gleichen Gewalt einfach beiseite. Julian stand im Weg. Der Gastgeber wollte kein Gespräch. Er wollte schnell zurück ins Wohnzimmer. Er ließ Julian stehen. Er ging einen breiten weißen Gang hinunter, ins Wohnzimmer aus dem der Lärm dröhnte.

Das Interesse des Gastgebers an Nils Scherer war beendet. Sehr angenehm die Feste die Nils besuchte. Oder wäre der nie hergekommen?

Julian, vom Verhalten des Gastgebers leicht verunsichert, hängte seine Jacke nicht in die Garderobe. Legte sie lässig über die Schulter. Um wenigstens etwas bei sich zu haben.

 

Gemächlich schritt er auf die Wohnzimmertür zu. Hinter der sah er Helmuth Hauch verschwinden. Laute stampfige Musik. Der Zeitgeist? Die Generation? Sicherlich. Er kannte das aus seinem Radio. Da war von den „lärmenden Jugendlichen“ die Rede. Die Jugend, zu laut, zu anspruchsvoll. Einfach verzogen. Zigarettenbürschl. Zu viel Geld.

Die Tür ging kurz auf.

Dumpfes stampfen. Schnell. Laut. Düstere Rauchschwaden. Bunte Mädchen hüpften durch den Raum. Leicht bekleidet. Sie rissen die Arme in die Höhe. Hoppelten auf und ab. Sie warfen sich den stehenden, wippenden, hübschen Jünglingen um den Hals. Zogen sie tänzelnd durch den Raum. Sie drehten sich schnell, sprangen, gingen in die Knie. Sie warfen sich an die Jünglinge und küssten. Dann schwebten sie. Der Stampfbeat ebbte ab. Getragen schleppte er sich durch die Rauchschwaden. Die Jünglinge tapsten schüchtern. Die jungen Mädchen ergriffen Hände. Legten sie sich um die Schultern und Hälse. Sie traten eng heran. Schmiegten sich an. Getragen bewegten sich bunte Paare aneinandergepresst durch die Rauchschwaden. Plötzlich Ruhe. Man ließ von einander. Ein dumpfes Grollen. Es rollte. Schneller und schneller. Es schlug, das Grollen bildete jetzt einen Hintergrund. Langatmiger hochtoniger Singsang. Jetzt sprangen die Mädchen wieder. Hoppelten erneut auf die Jünglinge zu. Zerrten sie kurz an sich, warfen sie wieder von sich. Die Küsse, sehr kurz, sehr schnell. Kräftig. Die Tür viel wieder zu.

Die Mädchen waren in glitzernden und bunten Farben gedresst. Bunt wie die Plakate. Schwungvolle Bewegungen vermischten die Farben. Begeisterung. Er hörte Lachen und Schreien. Freude. War die von den Plakaten geklaut? Gibt es lärmende Plakate?

 

Julian wollte nicht in dieses Zimmer. Das Treiben war ihm zu bunt. Zu laut. Ausgelassene Mädchen, das kannte er nicht. Hatte er Angst vor dem Unbekannten? Wäre Nils da gleich vor gestürmt?

Julian fühlte sich unsicher. Er suchte nach was, woran er sich festhalten konnte. Ein Bierglas!

Links von ihm glänzte eine weiße Tür. Sie sah schwer aus. Er nahm sie. Er stand in der Küche. Riesige Fenster, hell beleuchtet, hoch, weiß. Unbekannte Gestalten am Küchentisch. Gläser, Geschirr, Besteck, Tabletts mit Kuchen, Wurst, Käse. Alles verteilt links und rechts auf den Ablagen. Zigarettenqualm, Rauchschwaden auch hier. Gespräche, die abrupt endeten. Er sagte: „Hi Leute!“ Keiner passte zu einer Beschreibung von Nils. Hinter dem Tisch erkannte er das braune Fass. Ging links vorbei, griff mit der Linken ein Glas, schob es unter den Zapfhahn und ließ es laufen.

Einige der Unbekannten grüßten zurück „hi!“, ihre Gespräche gingen weiter.

„Gestern hab ich sie montiert, Alu, sechshundert das Stück.“

„Wahnsinn, so günstig? Die für meinen 323er hamm achthundert gekostet!“, sagte ein beleibter Blonder. Sein Arm lag auf dem Faß, weiß, die Hand hing vorn runter, ein Goldkettchen. Dünner, leichter als das des Gastgebers.

„Und wie laufen sie?“

Ein Schwarzgelockter, er lehnte auf einem Küchenstuhl, ein Knie angewinkelt, aufs andere gelegt: „Super! Kaum wieder zu erkennen der Wagen! Mit hundertvierzig liegst du super in jeder Kurve!“

„Is ja echt geil Mann! Meiner zieht mit hundert schon leicht raus!“

„Kannst mal ne Runde drehn, wenn du willst! Kommt echt turbo!“

 

Niemand kannte Nils. Das Bierglas stellte er auf die Ablage, neben eine Batterie von Gläsern. Er zog seinen Tabak raus. Er wollte eine Zigarette haben. Er hoffte sich dann sicherer zu fühlen. Qualmend mit Bierglas Richtung Wohnzimmer, das sah gut aus. Nicht so nackt. Nicht so unsicher. Nicht so verloren. Lockerer.

Er sah auf den Tisch. Dort lagen goldene und weiße Zigarettenschachteln. Kein Tabak. Beim Drehen erntete er Blicke. Saubere Gesichter. Ordentlich frisierte Haare. Schwarz glänzend. Naß? Glatte Haut. Bübchengesichter, sehr gepflegt.

Die Gesichter sahen: seine Tat verachtend, völlig daneben, bist du Kiffer? Was drehst’n da Mann? Was soll das krümelige Gekurbele und Gekrame in der Tabaksdose? Wohl’n verkappter acht’nsechzger oder was?

Julians Gesicht unsichtbar rot. Schob die Dose in die ausgefranste Jacke zurück. Die Zigarette in den Mund. Mit Bierglas zum Tisch. Stand neben einem im weißen Hemd ohne Kragen. Aus dem ragte ein feines blasses Gesicht, leicht gepeelt, mit kurzer geröteter Nase. Die schwarzen Haare vielen feinstähnig, geelglänzend herab.

„Kann ich mal den Goldhaufen?“, Julian deutete neben eine weiße lange Zigarettenschachtel. Da lag ein goldenes Feuerzeug. Der Blasse blickte unverständig. „Darf ich mir mal eine zünden?“, fragte Julian weiter. Der Blasse verstand nichts. Julian griff zu, zündete und legte wieder hin. Dann verließ er die Küche mit seinem Glas. In der Küche saßen keine Freunde von Nils, das war klar. Sie verstanden ihn nicht.

 

Mit dem gefüllten Bierglas bewegte er sich langsam den Gang hinunter. Einen Schluck nahm er. Bis zum Wohnzimmer nur noch wenige Meter. Aus dem Raum schepperte und krachte es. Kein dumpfes Grollen mehr. Vielen hinter der Tür jetzt die Mädchen erschöpft scheppernd zu Boden? Oder brachen die Jünglinge vor ihnen laut knallend zusammen? Vielleicht ging der ein oder andere in die Luft? Darum die dichten Rauchschwaden.

Julian lächelte. Er dachte das, um sich zu vergnügen, seine Unsicherheit zu verschieben. Die Zigarette qualmte. Die Schritte wurden langsamer. War noch kein Freund von Nils da? Wo blieben die?

Genau jetzt, als er das dachte, öffnete sich zufällig die rechte weiße Kassettentür. Er stand gerade neben ihr. Er über sah sie fast.

Heraus kam: die Rettung der Situation.

Sie rettete ihn aus seiner Verunsicherung. Sie verhinderte, dass er ins Wohnzimmer musste. Er musste sich nicht durch die hoppelnden Mädchen und hübschen weißen Jünglinge schieben. musste nicht dichte Rauchschwaden durchblicken, suchend nach bekannten Gesichtern, die Nils beschrieb. Dem Gastgeber musste er nicht noch einmal begegnen. Es war Christine.

„Hallo Nils!“, kreischte sie laut, denn das laute Dumpfe war wieder da. Qualmende Kippe in der Rechten, leeres Bierglas in der Linken.

Leiser, weil dichter an seinem linken Ohr: „Auch schon eingetrudelt?“ Sie lachte! Echtes Lachen! Das erste echte! Kein Plakat! Bewegt, vergnügt, einfach lustig.

Deshalb lachte auch Julian. Ein Nilslachen. Julians schlechtes Gewissen setzte jetzt ein. Langsam. Er merkte es noch kaum. Es tapste vorsichtig in ihm. Er war nicht Nils.

Sie schnüffelte sofort das ausgeleierte T-Shirt ab:

„Na, Schafsgruch noch nicht ganz abgelegt?“

„Nee, ich bin auf Moder und Schaf umgestiegen! Kommt deftiger, einfach satter, der letzte Schrei der City!“ Nilslachen.

Christine: „Kein Problem! Absolut angemessen! Die ganze Bude hier riecht nach „Fleecy Clouds In Paradise“! Der Edelbrühe, die sich Helli als Rasierwasser gönnt! Da passt ein bisschen modrige Schafwolle ganz gut!“

„Wir sitzen im Kaminzimmer. Das Wohnzimmer hat Helli in einen nebligen Beautyaffenstall verwandelt. Mit abgespacetem Sound. Echt zum reingübeln!“

Sie empfahl Nils einen Ledersessel neben dem Kamin. Die „gestriegelten Äffchen“ könnte man sich später noch anschauen. Er kenne sie eh schon alle, die komplette erste Reihe aus der Mathestunde.

Hatte die Eile des Gastgebers gar nichts mit seinem unerwünschten Eintreffen zu tun?

Julian versuchte herablassend zu antworten:

„Ich werde mir die Tierschau später ansehen.“

Die gesamte Verunsicherung verschwunden. Gerade noch ängstlich hinter Bierglas und Zigarette. Sekunden später: herablassend, motzend, angepasst, urteilend, verurteilend. Nils Scherer?

 

Er betrat das Kaminzimmer. Die Beleuchtung dürftig, schummrig.

Hinten in der Raummitte, von grünen Fließen umrandet, der Kamin. Rechts und links, Menschen im Halbdunkel, auf Sofas, davor kleine Tischchen. Vor dem Kamin: klobige Ledersessel mit breiten Armlehnen.

Sofort erkannte er in den Sesseln zwei Personen. Mark und Ralf. Nils beschrieb gut.

Korpulent lag Ralf in einem hellbraunen Sessel. Ein zum Sessel passender, hellbrauner, spitz zulaufender Cowboystiefel lagerte auf dem Knie. Er saß zurückgelehnt. Er hob langsam den Arm, ließ den Ellenbogen auf der breiten Lehne. Sah, dass Julian ihn sah, ließ die Hand auf die Lehne zurückfallen. Die andere umklammerte sein Bierglas. Aus der Umklammerung qualmte die Zigarette.

Jetzt blickte auch der andere auf. Im Sessel neben Ralf. Mark. Sein Haar schwarz gefärbt. Sehr dunkel. Am Haaransatz nachwachsendes blondes Haar.

Langsam ging Julian an besetzten Sesseln und kleinen Tischen vorbei. Wie groß war dieser vernebelte Raum?

Mark drehte den Kopf zu Ralf, sagte etwas. Was? Schaute wieder zum herannahenden Julian. Zweifelte er daran, dass sich Nils Scherer auf ihn zu bewegte? Mark lächelte. Blickte wieder zu Ralf. Sprach einige Worte, sah wieder zu Julian.

„Na, der beschwerliche Gang nach Kanossa?“, fragte Mark. Was meinte er damit? Er lachte und streckte Julian die Hand entgegen.

Ralf reichte ebenfalls die Hand zum Gruß: „Na, nicht leicht, sich durch Hauchis gestriegelte Massen zu quälen, hä?“

Julian, geübt: „Hallo Leute! Geht schon, geht schon! Alles bestens, man gewöhnt sich an einiges!… Und wie ist die Lage?“

Julian setzte sich in einen schwarzen Sessel, der neben Ralf noch frei war.

„Du dürftest uns, deinen Freunden, wohl einiges zu berichten haben! Nachdem du unseren und deinen guten Freund Rolf einfach auf der Autobahn hast sitzen lassen! Das teilte uns dieser fernmündlich aus Griechenland, wo er immer noch in der Sonne glüht, mit!“

Ralf sprach, als stünde er auf der Bühne und trage einen Text, der die Hinrichtung des Hühnerdiebes verkündete, vor. Streng, ernst, laut, zweifelsfrei.

Gehässig grinste er plötzlich hinunter in sein Publikum. Zu Mark gewandt erklärte er, in einem nervigen Singsangton:

„Man lässt seine Kumpels nicht einfach auf wildfremden ausländischen Autobahnen sitzen! Man macht sich nicht, mir nichts, dir nichts, aus dem Staub! Man verspricht nicht seinen besten, teuersten Freunden, dass man unbedingt mit ihnen unter die glühende Sonne will! Wenn man in Wahrheit mit anderen glühen will!“

Das Publikum hob darauf sein Bierglas, nickte dem Redner verständig zu und nippte.

Der Angeklagte atmete tief ein, setzte zu einer Rede an. Wollte nicht um Gnade bitten. Wollte seine Schandtat ausschweifend rechtfertigen. Wollte den Urteilenden von seiner Unschuld überzeugen. Doch dazu war es noch zu früh.

Der Redner ließ kein Wort zu. Er rollte das Urteil aus. Blickte neben dem erhobenen Bierglas vorbei, dem Angeklagten unbewegt streng ins Gesicht. Sprach nun ruhig, monoton, ernst, wieder zweifelsfrei: „Das kostet dich, wenn Rolf wieder da ist, pro Nase, ein Bierchen im Notfall!“

„Also Leute, darf ich auch mal ein paar Worte sagen?“, plärrte jetzt Julian.

„Wenn es sich nur um ein Paar Worte handelt, dann schon“, antwortete Ralf. Er verließ die Bühne. Das Urteil war klar und gering. Nicht der Rede wert.

Er sprach gelassen und ruhig weiter: „Ansonsten waren wir gerade bei Wichtigerem: der Frage, woher Hauchi so viel Knete hat, dass er sich einen so protzig ausgestatteten Laden leisten kann.“

Julian, nippte, lehnte sich zurück, nickte: „Aha!“

„Mark vermutet dazu“, fuhr Ralf fort: „Hauchiboy hat das richtige Parteibuch! Er lässt sich von den entsprechenden bayerischen Parteifreaks sponsern! Er ist mit der Aufgabe betraut, als Spion die Direktoren und leitenden Lehrer der Schule zu bespitzeln. Hauchiboy checkt durch, ob die alles schulordnungsgemäß durchziehen! Sich keine Ausrutscher leisten! Hauchiboy der Superspitzel und Grösus! Da reimt sich doch einiges zusammen, oder?“

Julian, lag inzwischen wie Ralf im Sessel. Sie luden zum Liegen ein. Er drehte sich zu Ralf:

„Interessante Mutmaßung? Grobe Anmaßung? Oder gröblichste Vorurteile? Wie dem auch sei! Reden wir darüber! Die Story von meinem Alpenausflug wäre dagegen langweilig, wie ein einstrophiger Kirchenkanon!“

Mark jetzt in einem bekannten Tonfall, der sagte, dass er alles schon wisse und nichts hören wolle: „Gut, sehr gut, verzichten wir darauf!“ Dann winkte er Ralf, dass er fortfahren soll.

Darum sofort Julians Pistole: „Deshalb erkläre ich mich bereit auf längere Erlebnisschilderungen meiner Ferien zu verzichten. Abgesehen von einer wichtigen Information: Es war sehr schön! Ich hatte kein schlechtes Gewissen! Meine super guten Freunde fuhren gleich weiter! Sie hatten Auto, Zelte, Schlafsäcke, Rucksäcke und Geld. So ließ ich sie im Regen stehen! Grausam gell? Mich pritschelte es zwei Tage von oben kalt voll. Bis sich endlich ein Österreicher erbarmte.“

Jetzt piepste es:

„Erwartest du von uns Mitleid? Du armer, vereinsamter Tramper! Haben dich deine Reisebegleiter unfreiwillig an den Straßenrand gezwungen?“

Christine hob ihr Glas. Sie ließ es gegen Julians klirren, der seines nicht recht anheben wollte. Dann tat er es doch und trank.

Sie setzte sich in den Sessel neben Mark. Sie sagte:

„Oder willst du uns auf anderes aufmerksam machen? dass du am zweiten Tag im Regen am Straßenrand Wehmut und Reue für dein Tun empfunden hast?“

Was war mit der Frau? Warum ließ sie nicht Ralf und Mark weiter über Hauchiboy mutmaßen?

„Weder das eine, noch das andere“, entgegnete Julian. „Ich dachte, wir wollten über die Provenienz des Geldes unseres heutigen Gastgebers Helmut Hauch und seine politische Gesinnung reden?“

Jetzt krachte es. Hochtonig knallte Christine in diese Worte:

„Na typisch!“, sie stand kurz auf, setzte sich aber gleich wieder.

„Kaum wird dem Nils eine Frage oder ein Thema unangenehm, schon verfällt er in geschwollenen Sprachstil! Echt übel, wie billig du versuchst, von dir selbst auf andere Leute abzulenken!“

Julian lehnte nicht mehr gemütlich. Er saß nach vorn gebeugt. Ungemütlich. Er spürte Christines Aufregung. Das läppische Gequatsche über Hauchiboy war vorbei. Krampfhaft versuchte er es zurück zu holen.

„Der Vorschlag, über das Geld und die Parteifreunde von Hauch zu quatschen kam nicht von mir, sondern von den beiden Herren hier.“ Er deutete auf Ralf und Mark.

„Das hast du nur nicht mitbekommen, weil du gerade in der Küche beim Bierzapfen warst.“

Julian nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas. Zog den Tabak heraus, lehnte sich wieder zurück und begann eine Zigarette zu drehen.

Mark und Ralf sagten nichts.

„Wenn es Probleme gibt, in die du persönlich auch nur im Ansatz stärker hineingezogen werden könntest, damit meine ich Probleme, die dich als Person also eigentlich mich betreffen, also einfach etwas, wo’s persönlicher werden könnte…, verstehst schon, was ich meine oder?….dann versuche dich so schnell wie möglich, am besten durch geschicktes Ablenken auf ein anderes Thema zurück zu ziehen. Merkst du, dass das nicht klappt, wenn gröber und persönlicher weiter gebohrt wird, dann bereite dezent, unauffällig aber bestimmt, deinen Abgang vor! Ergreife jede sich bietende Gelegenheit um die betreffende Runde zu verlassen! Verschwinde, sobald möglich, sehr schnell. Lass dir Ausreden einfallen! Zieh die Notbremse: dir wird schlecht und du gehst!“

Diese Erklärung verstand Julian zwei Tage zuvor in der Schäferhütte als unterstützenden Ratschlag von Nils für die Maskierungsrolle. Ein hilfreicher Ratschlag in Notfällen. Die konnten jederzeit eintreten.

Wenn stimmte, was Christine jetzt andeutete, war Nils aber anders: er flüchtete nicht nur in Notfällen. Flucht war ein Prinzip. Jederzeit musste sie möglich sein.

Julian sagte zu Christine:

„Nein, nein, du interpretierst hier einiges falsch. Gerne bin ich bereit meine Urlaubserlebnisse und so weiter näher aus zu breiten! Echt! Die zwei Herren hier, wollten das eben nicht hören!“ Wieder zeigte Julian auf Ralf und Mark. Denen war das zu viel. Beide erhoben sich. Ralf hielt sein leeres Bierglas in der Hand, er sagte zu Mark:

„Schauen uns den Affenkäfig da drüben mal genauer an?“

Mark nickte, er sagte:

„Die zwei haben intimere Dinge zu besprechen.“

Pistolenschuss von Ralf: „Was gut ist, soll noch besser werden! Da wollen wir mal nicht stören!“

Dummes Lachen. Schon sah Julian die Rücken der beiden. Sie bahnten sich einen Weg zur Tür.

Julian dachte jetzt:

Wie würde sich Nils nun aus der Affäre ziehen? Er war noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden in München, schon saß er in mitten einer Juppiparty, die Nils vielleicht niemals besucht hätte. Im dicken Ledersessel, bereit zum Gespräch unter vier Augen mit einer Frau. Christine. Nils beschrieb sie als „nette Bekannte aus der Schulklasse“.

 

„Na, was haben wir beide denn so intimes miteinander zu besprechen?“, fragte Christine und lächelte. Das gab sie abrupt auf: „Die beiden sind wirklich bescheuert! Aber das macht nichts! Sie sind eben mal so! Männer! Wir sollten uns nicht die Köpfe darüber zerbrechen. Eigentlich unwichtig, was die zwei denken oder ob sie sich überhaupt irgend etwas denken. Jetzt erzähl du mal was! Wie war dein Gebirgstripp wirklich?“

Komisch, wie sprach sie mit Nils Scherer? Er war doch auch ein Mann? Ironie?

Er begann zu sprechen, dabei dachte er: im Grunde hat die Frau völlig recht. Wir sollten uns wirklich nicht den Kopf darüber zerbrechen, was die beiden, Ralf und Mark, sagten oder dachten. Vielleicht sollte er, Julian sich auch nicht die ganze Zeit darüber Gedanken machen, was sich Nils denken würde, oder tun würde. Wenn er diese Gedanken abschaltet, könnte er vielleicht freier handeln. Damit wäre mehr Spielraum.

 

Mit Christine unterhielt er sich lange und ausgiebig. Thema waren zuerst Österreichische Alpenwanderungen, Tierhaltung, speziell Schafe im Gebirge, Abgas- und Lärmbelästigung durch Autos in der Stadt, bunte, riechende, lärmende Werbeplakate, die aktuelle konservative Schul- und Bildungspolitik, die katastrophale Wohnraumsituation in München.

Kein Weltverbesserergespräch. Einfach nur ein ausgelassenes Herumgemotze. Das brauchte Christine. Und auch Nils brauchte das manchmal. Vieles ärgerte Nils Scherer in der Stadt. Und einiges betraf ihn persönlich. Beispielsweise das Problem mit der Wohnung.

Nach drei, vier Bieren sprach Julian locker, ausgelassen. Er sprach wie Julian. Freilich in der Rolle von Nils. Aber er überlegte nicht vor jedem Satz: was würde Nils jetzt sagen? Christine sprach angenehm. Sie war hübsch. Für Julian eindeutig.

 

Nach fünf Gläsern Bier wollte sich Julian von Christine, dem Gastgeber, Mark und Ralf verabschieden. Christine bot an, ihn mit ihrem Wagen nach Solln zu fahren. Julian lehnte zunächst ab. Schnell ließ er sich überreden. „Du bist besoffen, hackedicht!“, behauptete Christine. Und: „Draußen im Garten wirst du gleich über die Hauchschen Marmorgartenzwerge stolpern! Also, gehen wir zusammen?“

 

Beim Gang auf die Toilette, spürte Julian, dass er kaum mehr gerade laufen konnte. Er war schwer alkoholisiert. Im Wohnzimmer war es deutlich ruhiger. Die hüpfenden Mädchen sah er nicht mehr. Schwarze, undurchsichtige Rauchschwaden in der Luft. In den ledernen Sesseln lagen dunkle Gestalten. Sie schlürften aus ihren Gläsern. Die Party erreichte die Körperkontaktphase.

„Gegen Ende, liegt der Gastgeber mit mehreren, ihm unbekannten, Frauen im Bett. Die anderen Gäste kommen sich in den übrigen Räumen näher. Wirfst du zeitgleich einen Blick vor die Türe, siehst du aggressive Szenen. Frauen und Männer brüllen sich gegenseitig an. Sie sitzen in Cabriolets. Die Aggression des Mannes hörst du auch am Auto. Es röhrt laut, mehrmals gibt er kräftig Gas, dann donnert es tösend davon. Der Grund? Einfach: Die Frauen knutschten mit anderen, die Männer knutschten mit anderen, die zwei im Cabriolet knutschten miteinander nicht. Den ganzen Abend nicht. Jetzt fahren sie zusammen heim. So ist das Leben. Dann gibt es da noch Einzelpersonen. Du siehst sie auch in Luxuslimousinen. Auch sie geben kräftig Gas. Aber vorher öffnen sie noch die Tür. Durch einen Spalt kotzen sie dem Gastgeber auf den Gehsteig. Dann brausen sie ab. Auch das, das Leben.“

Die Wohnung war riesig, groß und hoch. Bis zur Toilette brauchte Julian Zeit. Er wankte, hielt sich an der weißen Wand. Vorbei an der Küche. Er hielt sich am weißen Türrahmen. Sah Mark und Ralf. Sie saßen am Küchentisch, lachten, tranken, redeten mit einem glänzenden Riesen im weißen Sakko.

Die Toilette war weiß. Glänzende Fließen. Geräumiger, als seine Schäferhütte, viel höher, viel heller. „Marmorambiente.“ Die Klotür weiß, Kassettentür, leichter als die Haustür, dennoch schwer. Julian öffnete sie zu kräftig, sie knallte gegen den Stopper und kam zurück. Er hielt sich am goldenen Griff.

Alles war rein. Lupenrein. Hell, nichts moderte in einer Ecke. Der Spiegel glänzte. Sein Gesicht sah riesig aus. Nils Scherer strahlte ihm entgegen. Nils sah aus wie immer. Nicht besoffen. Keine rote Nase. Keine geröteten Backen. Auch nicht bleich. Er sah aus, als hätte er nichts getrunken, als wenn ihm nicht schlecht wäre.

Draußen im Gang: alles weiß. Der Boden, die Wände. Keine bunten Bilder. Strahlende Deckenbeleuchtung. Hell, fast grell. Jeder Winkel war ausgeleuchtet. Jeder Fussel auf dem Boden sichtbar. Fussel? Da waren sogar welche! Endlich!

Die Zeit war gekommen, wo sich keiner mehr um sein Outfit kümmerte. Der Fussel auf dem weißen Boden war ein klares Zeichen! Der Lippenstift war alt und verschmiert. Die Schminke erblasst, sie triefte schon leicht. Das weiße Hemd verschwitzt. Das bunte Sommerkleidchen verschmiert von Wein und Bier. Es stank nach abgestandenem Bier, Sekt, Champagner, Qualm, sogar leicht nach Schaf. Bierflaschen und Sektgläser standen, lagen auf dem Boden nahe der Wand. Zerbrochene Gläser, umgefallene Aschenbecher, leergefressene, verschmierte Teller. Halbvolle Teller in denen Gabeln steckten und Messer darauf lagen. Daneben volle Aschenbecher, qualmend. Weiße Tischdecken: ergraut, auch braun, fast schwarz. Zerknüllte weiße, verschmierte Papierservietten. Die kleinen Designertischchen dreckig, Asche und Kippen. Halbvolle Gläser. Lippenstiftverschmiert.

Die ganze Wohnung, wie das Klo? Nein, das war sauber in sauberem weißen Stil gehalten. An den Wänden entdeckte Julian plötzlich mehrere goldumrahmte Spiegel. Er blieb stehen, lachte hinein, sah Nils lachen. Das war toll.

Der Abschied vom Gastgeber erübrigte sich, denn er war nirgends zu sehen. Die Bett-Theorie von Nils Scherer richtig? Vielleicht. Julian konnte das nicht prüfen. Es war ihm wurscht. Ihm war schlecht, er wollte abfahren.

Christine kam aus dem Kaminzimmer: „Alles klar?“

Julian nickte. „Dann packe mas!“, sie reichten Ralf und Mark die Hände, in die Küche. Wankend folgte Julian über den Marmorflies durch den Garten. Den Boden suchte er nach Gartenzwergen ab. Sie fehlten.

 

Die Fahrt nach Solln. Ein Erlebnis. Sie hielt das Steuer ihres gelben Käfers in der Linken. Rechts eine qualmende Kippe.

Das Steuer ging hin und her. Julian hielt sich oben an einem Gummigriff. Mit der qualmenden rupfte sie kräftig am Schalthebel auf und ab. Abruptes Bremsen, dann anfahren. Tausend Ampeln. Alle rot. Laut heulte das Gefährt von hinten. Scharf nach rechts, dabei kräftig aufs Gas, sofort nach links, scharf auf die Bremse, quietschen, rot. Ein kräftiger Zug an der qualmenden, sofort die Hand wieder auf den Schaltknüppel, grün, kräftig nach vorne rupfen, Gas, laut dröhnte es von hinten, das Lenkrad voll nach links, vorher schnell die Bremse, kräftig, wieder Gas, gleich stehen bleiben, rot.

Endlich eine breite Straße, tausend gelbe Lampen von Oben. Taghell die Stadt bei Nacht. Das Lenkrad blieb gerade. Von hinten röhrte es gleichmäßig laut. Sie Lampen reflektierten in der Scheibe. Sie flogen über sie hinweg. Von oben kamen Drähte runter und gingen wieder hinauf. Gleichmäßig. In der Ferne sah man das rote Licht. Sie ging vom Gas, drückte am Knüppel, rupfte nicht mehr, der Gang war draußen. Es wurde grün, sie schob, der Gang war drin, von Hinten dröhnte es wieder lauter, leichtes Gasgeben.

„Heute ist echt klar geworden, das Hauchiboy ein Juppi ist. Seiner Wohnung nach, hat er Kohle, wie andere Heu. Wahrscheinlich sponsern ihn seine Alten kräftig!“

Julian nickte: „Glaub ich auch, woher sonst das Heu?“

Christine: „Scheiß Erbschaften! Jungjuppis wie Hauchiboy leben zu gediegen. Sie verlieren den Bezug zur Realität. Eine Scheißentwicklung!“

Julian nickte: „Glaub ich auch: Erbschaften, woher sonst die ganzen Juppies? Scheißentwicklung!“

Christine: „Die einen ersaufen im Schampus und wissen nicht mal, wo der herkommt. Während die Haushälterin morgen die Kotze wischt!“

Julian nickte: „Ja, ja, Schampus in die Wäsche kotzen und Haushälterinnen wischen! Eine Hand wäscht die andere. So ist das Leben!“

Die Einfahrt zum Haus in Solln verpasste sie. Kräftig auf die Bremse. Einmal nach hinten gerupft. Ordentlich Gas. Surrend fuhr der Wagen rückwärts. Nochmal rupfen, Gas, scharf lenken und rein! Julian riß die Tür auf, atmete kräftig die Stadtluft durch. Das war geschafft! Glücklich erreichte er Nils Scherers Wohnsitz.

„Nein, vielen Dank Nils! Es ist schon so spät. Also Tschüßchen, bis bald!“

Christine bog schwungvoll, mit quietschenden Reifen aus der Einfahrt.

Julian wankte auf das Gartentor zu. Es war verschlossen. Er kletterte darüber, viel innen runter. Kein Problem. Geübt stützte er sich mit den Armen ab.

Alle guten Vorsätze vergaß er an diesem Abend. Er trank wie ein Loch. Er dachte nicht mehr an Nils. Er sprach mit Christine, wie Julian. Sein erster Abend in München.

Er konnte sich nicht erinnern, wann ihm jemals so schlecht war. Unvernunft. Die reine Unvernunft. Sonst nichts.

Nichts essen aber trinken. Das musste schiefgehen. Das Verhalten von Nils Scherer? Vielleicht.

Nun wurde es ärgerlich: Schussel? Ja! Aber nein, die Frage lautete Schlüssel? Nein! Natürlich nicht. Vergessen! Einfach nicht daran gedacht! Nils Scherer? Ja.

Seine Uhr zeigte halb Drei.

Ärgern: „Was bin ich für ein bodenloser Trottel! Anstatt Christoph beim Gehen nach einem Schlüssel zu fragen, sülze ich ihn mit allgemeinen Phrasen zum schweren Studentenleben voll!“

Dabei dachte er: Genau das wäre Nils auch passiert!

Er ging in die dunkle Garage. Die war immer offen. Er nahm Kisten vom Stapel und legte sich drauf.

Absoluter Schwachsinn! Einer, der Jahre im Gebirge lebte, seit Kind an, soll plötzlich mitten in der Stadt in einer Garage schlafen?

Raus in den Garten! Ein Feuerchen gemacht! Und daneben gelegt. Noch eine Zigarette, Blicke in die lodernden Flammen, hinauf zum Sternenhimmel. Wo war der große Wagen? Sah den Nils jetzt auch? Der saß am Feuer und dachte an Julian. So war es ausgemacht. Er saß aber schon Stunden vorher. Um diese Zeit schlief der längst. Der musste Morgens mit der Sonne aufstehen, die Schafe treiben.

Trauer wegen seinem Suff? Nein, wegen der Schafe und wegen Assya. Sie fehlten ihm. Jetzt schon. Klar, das musste kommen. Nie war er so weit weg von ihnen.

Das Feuer hielt er klein, trotzdem knisterte es laut.

 

Wie sollte er diesen Schmerz aushalten? Daran dachte er Tags zuvor nicht. Er sah nur seine Neugierde. Nach dem Stadtleben. Er wollte es spüren, wollte das Leben von Nils spüren.

Warum?

Das konnte ihm doch wurscht sein! Er hatte sein Leben, Nils ein anderes. Fertig!

Stimmt eigentlich! Wenn er es sich recht überlegt, dann stimmt das! Er wollte gar nicht Nils spüren, das konnte er gar nicht, völliger Mist!

Was dann?

Nils Scherer war nur ein Vorwand! Die Wahrheit: Er wollte in die Zivilisation, in die Stadt. Er traute sich einfach nicht. Deshalb auch seine Maskerade! Schon lange war er auf den Tag vorbereitet, an dem er das tun konnte. Er brauchte die Haut eines anderen, weil er allein zu feige war! Das war es!

Aber warum? Warum überhaupt wollte er in die Zivilisation? Er war doch glücklich bei seinen Schafen!

Das stimmt. Aber: Er spürte das Ende. Der Tod des Vaters, ein klares Zeichen. Warum lebte er plötzlich allein? Warum starb der Vater so früh? Weil die Zukunft schlecht aussah. Sein Beruf hatte keine Zukunft. Der Vater sprach darüber nicht mit ihm. Er zeigte alles, Julian lernte alles. Aber: Einsamkeit und Zurückgezogenheit waren damit verbunden. Er musste flexibler werden, wie jeder andere Mensch. Er musste sehen was die Welt sonst noch bot. Für den Tag X. Er musste wissen wie die Welt anderen Ortes aussieht. Am Tag X wollte er wissen, wohin. Deshalb die Maskerade.

 

Die Nacht schlief er unruhig. Autolärm der vielen Straßen rund um das Anwesen. Julian träumte, schreckte hoch, er rief: „Assya, Assya, wo bist du?“ Er wachte auf, sah, wo er war. Weder sein Geplärre, noch sein Feuer bemerkten die Anwohner. Mit der ersten Morgendämmerung setze er sich auf die Stufen des Hauseinganges.

Er starrte auf den Parkplatz vor der Garage.

Julian suchte ein neues Zuhause für Nils

Auf die Annonce des Maklers, der sich selbst als „studentenfreundlich“ und deshalb auch „schülerfreundlich“ bezeichnete, wies Christoph hin. Beide saßen zusammen am Frühstückstisch im großzügigen WG-Gemeinschaftszimmer.

Christoph kaute auf einem Butterbrötchen. Beim Beißen zeigte er rhythmisch die obere vordere Zahnreihe. Sie glänzte weiß. Leicht standen die Zähne nach vorne aus dem Mund. Der schmale, schwarze Oberlippenbart ging auf und ab. War der echt? Oder falsch, wie der Schäferbart in den Bergen?

„Der Makler hat oft erstaunlich günstige Angebote. Ruf den Knaben doch einfach mal an!“

Den goldenen Rand der schmalen Teetasse führte er unter den Oberlippenbart. Christoph ließ den hellen goldgelben Tee zwischen der oberen und unteren Zahnreihe über die Zunge laufen. Den schmalen Griff hielt er zwischen seinen dicken Fingern. Winzig wirkte die Teetasse. Der goldene Griff verschwand zwischen Daumen und Zeigefinger. Die übrigen drei Finger spreizte er ab. Sie stachen geradlinig neben der Tasse in die Luft. Der Oberlippenbart blieb trocken. Geräuschlos landete die Tasse auf dem goldumrandeten Unterteller. Ihr geschah nichts. Die große behaarte Pranke griff wieder zum Butterbrötchen. Auch das Tellerchen blieb unbeschädigt.

Julian: „Wie bitte?“

Christoph: „Rauch! Rauch heißt der Typ. Seine Nummer steht im Telefonbuch, ach nein, ich hab sogar noch ne Zeitung, mit seiner Anzeige!“

Er zog die Zeitung aus dem Regal.

 

„Ja klar, für Schüler und Studenten hab ich immer n Herz! Logisch! Kommen’s halt einfach mal vorbei! Heute noch! Aber hallo! Zack zack! In Eile hä? Logo! Heute geht’s! Adresse? Alles paletti!“, brüllte Fritz Rauch durch die Telefonleitung.

 

Vor dem Gartentor blieb Julian stehen. Er dachte: schon wieder ein Gartentor! Und tatsächlich: Weitläufig, grün, kahl geschoren, wie sein Kopf, so der Rasen. Daneben am Rand: Blumen, sehr bunt, sehr hübsch.

Hellweiße Damen flankierten den weiten rostroten Weg bis hinter zum schneeweißen Haus. Sie verbeugten sich ehrfürchtig vor dem Gast, der den Weg erhaben nahm.

Langsam tapste Julian über die rostroten Platten. Betrachtete die Marmordamen. Sie sahen unglücklich aus. Abgearbeitet, abgehetzt. Doch kein Schmutz im Gesicht. Sauber gepflegt. Poliert.

Die Haustür kam näher. Weißer Rahmen mit Glasscheibe.

Plötzlich ging es los! Julian zuckte zusammen. Ein Scheppern, fürchterlich laut und wuchtig. Dem folgte sofort: aggressives ohrenbetäubendes Kläffen und feindseliges Knurren. Der riesige Bullterrier hing weit oben an den Gitterstäben. Die vibrierten, schepperten klangvoll vor sich hin. Wie konnte dieses Viech so weit hoch springen? Oben waren die Stäbe nach innen gebogen.

Julian rannte zurück zum Gartentürchen. Sein Herz raste. Und: Aggression, Wut braute sich zusammen. Warum kläffte das Vieh so? Was hatte er getan? Assya kläffte nur wenn Feinde kamen, die kamen nie. War er ein Feind für dieses Drecksvieh? Julian war wütend wegen des Riesenschrecks. Ab jetzt hasste er Bullterrier! Das nahm er sich vor.

Die weißen Marmorfrauen von hinten: buckelnd, krumme abgeschuftete Rücken. Aber glänzend. Er stand wieder auf dem Gehsteig, schloss das Törchen. War es das?

Die Glastür ging auf.

Eine hochgewachsene, schmale, gelockte, blondhaarige Dame trat heraus. Sie trug ein rosafarbenes Kostüm. Die blonden Haare hatte sie hochgebunden, nur einige Locken vielen heraus.

Julian, wütend, wollte gehen. Das Herz immer noch rasend.

„Kommen sie nur näher, haben Sie einen Termin vereinbart?“ Tiefe Stimmlage, sehr tief, beinahe männlich tief. Zu welcher Frau passte diese Stimme? Im Radio hörte er einmal einen Filmausschnitt der deutschen Synchronisation von Laureen Bacall. Irgend ein Steifen mit Humphrey. Das war die Stimme!

Die Frau sprach tief, stand weit entfernt, der Terrier kläffte. Er haßte den Terrier! Sollte er gehen? Die Frau sah nicht abweisend aus. Die Stimme von Laureen Bacall? Freilich nur die deutsche Synchronisation! Ok. Er griff zum Tor öffnete. Schnell schritt er an den gebeugten Damen vorbei.

Einen Blick warf er nach rechts. Er wollte den Kläffer nochmal sehen. Er sah zuerst einen kleinen Springbrunnen in den eine männliche Marmorfigur pinkelte.

Dann den Hund, ein schwarz-weißer Riese. Er rannte erregt im Käfig hin und her. Endlich war Schluss mit dem Gekläffe. Plötzlich ging es schon wieder los! Kläffend prallte er gegen die Gitterstäbe. Krallte sich fest und knurrte.

„Kommen sie nur näher“, rief die Dame. Sie streckte ihm die helle schmale Hand entgegen. Rote Fingernägel.

Julian warf dem Tier ein freundliches Nilslächeln hin. Dann ergriff er die grüßende Hand der Dame. Löste den Griff sofort und folgte ins Haus.

„Er ist eigentlich immer sehr freundlich, unser Egon.“

„Ich dachte ich bin hier bei Fritz Rauch!“

Die Frau sah Julian an. Das schmale, feine Gesicht verzog sich. Die Backenknochen herausragend. Sie zog das Backenfleisch nach Innen. Was war das? Wütende Erstarrung? War er unverschämt?

„Nur manchmal attackiert er unwillkommene Besucher, sie wissen schon, Tiere können da halt nicht so unterscheiden…“

Julian entschied sich gegen eine Debatte über das Verhalten von Hunden.

Die Eingangshalle hielt sich in hellem Weiß. Der Boden war – und das langweilte Julian nun fast schon – in weißem Marmor gefliest.

„Bitte setzen sie sich“, sagte die Dame und deutete auf drei Stühle. Sie standen rechts an der Wand. Säuberlich in einer Reihe.

„Bitte füllen sie zunächst diese Selbstauskunft für uns aus“, forderte die Dame in eingeübtem, aufgesetztem, weichem Ton.

Die Synchronisation von Laureen Bacall war lockerer. Man merkte nicht, dass sie nur Theater war. Deshalb wollte er fragen: warum so aufgesetzt? Er unterließ es.

Anderes war wichtiger: Was sollte das? Wieso eine Laureen Bacallstimme, die eine Selbstauskunft forderte? Warum überhaupt Selbstauskunft? Auskunft über Nils Scherer? Wer war das? Welche Auskunft? Er kannte ihn erst seit vier Wochen.

Julian saß. Die Frau kam, drückte ihm einen Kugelschreiber in die Hand. Die Decke war weit entfernt. Der Raum hell, sehr hoch, weiß. Keine bunten Bilder an den Wänden. Hohe Glasscheiben. Mehr konnte er nicht sehen. Er sollte schreiben. Auskunft geben über Nils Scherer. Das Papier weiß. Es fragte nach allem. Alles wurde abgehakt. Geburtstag und -ort? Eltern? Keine Ahnung. Hatte Nils Scherer Eltern? Na klar! Wo waren sie, wer waren sie? Vorherige Wohnorte? Jetziger Vermieter? Julian wusste nichts über den, den er spielte. Bürgen? Was für bürgen? Warum Bürgen? Einkommen? Das Wichtigste! Viel Platz auf dem Blatt. Bürgen und Einkommen. Klein gedruckt, unten: Zwei Monatsmieten Provision. Ganz klar. Ganz normal. Logisch! Das war der Makler Rauch. Schüler- und studentenfreundlich. Julian, total naiv! Entlarvte die Marktlücke erst jetzt! Rauchs Marktlücke: Schüler und Studenten auf dem Wohnungsmarkt. Sehr einträglich die Nische. Gut. Er lebte nicht schlecht davon. Garten und Eingangshalle sahen nicht armselig oder verkommen aus. Schüler und Studenten: keine schlechte Einnahmequelle.

Julian verstand, erhob sich. Ging mit Zettel und Stift zur Laureen Bacall-Synchronisation. Die saß hinter einem riesigen Marmorschreibtisch mit weißem Monitor. Er legte beides auf den Tisch. Spürte Ungehaltensein und Ärger, nicht nur wegen Egon, vor allem wegen Fritz Rauch. Er versuchte etwas neues: ein freundliches Abschiedsgesuch. Dieses Ansinnen verlief nicht ganz erfolgreich. Seine Ungehaltenheit übermannte ihn ein wenig. Zu schnell und laut donnerte er seine Abschiedsansprache hin:

„Leider muss ich mich schon verabschieden! Ich hatte geplant für mich selbst zu bürgen. Mein Schülerdasein wird von Ihnen offensichtlich reichlich gering geschätzt! Ich brauche keinen Bürgen, der für mich Verantwortung übernimmt. Ich wünsche noch einen schönen Tag! Beste Grüße und Glückwünsche auch an den mir leider unbekannt gebliebenen, erfolgreichen Herrn Gemahl! Auf Wiedersehen!“

Julian wandte sich mit seinen letzten Worten bereits ab. Die Dame setzte zu einer Erklärung an. Er setzte zum Sprung durch die Türe an.

„Das ist alles reine Formsache. Wir müssen uns absichern. Das ist in unserer Brache üblich. Ein Makler hat ein Recht – und gegenüber den garantiert seriösen Vermietern – die Pflicht, Auskünfte über die Bonität und Seriosität der empfohlenen Mieter zu geben!“

Julian riss die Tür zu schwungvoll auf. Sie schlug gegen den Stopper. Deshalb ein schneller Sprung über drei Stufen hinab ins Gekläffe im Garten. Sofort knallte die Tür wieder zu. In großen Schritten sprang er vorbei an den gebückten, gestressten Marmorfiguren. Die letzten Worte der Laureen Bacall-Synchronisation klangen plötzlich wie tiefes hässliches Gebrumme.

 

Schnell ging er zur S-Bahn. Froh den Makler nie gesehen zu haben. Froh seine Wut beherrscht zu haben. Froh die blonde Sekretärin nicht angemotzt zu haben. Nils hätte das vielleicht getan. Julian blieb einigermaßen freundlich.

Trotzdem wütete es in seinem Kopf und Bauch. Warum ausgerechnet Schüler und Studenten? Warum der Garten, das Haus so bombastisch riesig, so reich? Warum der Köter so gehässig?

Rauch, ein Unbekannter den er hasste. Ein Monster mit dickem Bankkonto und weißer Weste. Er entwickelte sich vor seinen Augen. Sein Reichtum in Garten und Haus, sofort erkennbar. Das Monster sah er freundlich am Telefon singend. Lehnend in seinem Marmorthron hinter einem riesigen Schreibtisch. Zigarre im Mund. „Ja logisch für Studenten immer! Klar! Kommens vorbei!“

Zwei Mieten Provision. Nils Konto war leer. Das Zimmer sah er vor sich. Mickrig, dunkel, feucht. In den Ecken: Schimmel und Moder. 350 im Monat.

Das Monster lehnte sich zurück und zählte die Scheine. „O.k.! Super toller Service! Sauber, seriös, gut! Alles paletti!“ Die S-Bahn ratterte leise. Julian dachte: warum bezahlen nicht die Vermieter für den Service dieser Monster?

Julian ein naiver Schafhirte? Der Tag war grausam.

 

Nils erhielt monatlich 750 Mark Stütze. Sie lief immer zur Monatsmitte auf sein Konto ein. Das Geld zog Julian mit der Karte. Vorsichtig tippte er herum. Steckte die hundert Mark in Nils Geldbeutel. Auch einen Kontoauszug holte er. Der Drucker zischte. Alles klappte.

„Besonders teuer darf meine neue Bude nicht werden. Mein Lebensstandard ist mickrig. Spartanisch. Höchstens 350. Auf keinen Fall mein Konto überziehen. Ich hasse die Banken! Nur im äußersten Notfall überziehen!“

Wäre Nils je auf den Gedanken gekommen, wegen der Suche nach seinem Zimmer, in ernst gemeinter Absicht ein Maklerbüro auf zu suchen? So eine Aktion wäre für ihn höchstens als interessante Erfahrung in Frage gekommen. Eindrücke, Informationen, Unterhaltung. Animation? Aber keine ernst gemeinte Absicht. Kein Glaube, so wirklich ein Zimmer zu finden.

 

Also tat er, was Nils täte. Am nächsten Tag ging er zum Studentenwerk. Christoph erklärte wo es war, wie es da zu ging. Zimmerangebote auf Zettelchen im Fojer hinter einer Glasscheibe. Privatangebote. Keine Makler.

Julian notierte Telefonnummern. Sie versprachen Zimmer an Studenten zwischen 250 und 300 Mark. Von einer Telefonzelle im U-Bahnhof rief er die Nummern nacheinander durch. Das dritte Zimmer gab es noch.

Frau Nickel. Eine ältere Dame. Er, der sechste Anrufer, aber kein Problem! Vorbeikommen! Um vier Uhr Nachmittags. Frau Nickel Buchstabierte ihren Namen zum tausendsten Mal.

Julian hängte ein und wusste einiges über die Dame. Ratzinger Platz, kleines Häuschen, vermietet seit über dreißig Jahren, alleinstehend, sie liebte ruhige Studenten, Studentinnen kamen nicht in Frage.

Das dritte Gartentürchen am dritten Tag in der Stadt.

Das Haus lag in ruhiger, gepflegter Wohngegend. Kleine alte Häuschen. Der Garten: winzig, bunt. Der Gartenweg war vermoost. Granitsteinplatten. Gartenzwerge, tausende, überall.

Die Dame in der Tür: weißhaarig, klein, grüner flatternder Haushaltskittel, Hornbrille. Sie hob die Hand und winkte. Julian durfte das Türchen öffnen. Kurzes Händeschütteln.

Nils Scherer singend?:

„Grüß Gott Frau Nickel! Wir haben heute Vormittag telefoniert! Nils Scherer mein Name! Wie geht es ihnen?“

„Ja, mir ham heit scho g’sprocha! Kommen’s nur rein Herr Scheraa! Gehn’s nur vor und setzen’s erna da auf d‘ Eckbank niedaa.“

Schon saß Julian in der Küche. Eine grüne Mustertapete im finsteren Gang. Kartoffelsuppengeruch. Eine orangene Blümchentapete in der Küche. Graue Storvorhänge, daneben grüne dicke Lappen. Hellgrüne Hängeschränke. Sehr eng. Julian saß auf einem dunkelgrünen Polster. Es war an der Eckbank festgebunden. Eine dunkelgrüne Wolldecke auf dem Küchentisch.

Dämmerung in der Küche, wegen der Vorhänge. In der Ecke: ein Gasherd, darauf weiße Töpfe, dampfend. Ein mannshoher Kühlschrank. Eine Spüle, daneben tropfendes Geschirr.

Frau Nickel saß auf ihrem Stuhl vor dem Tisch. Auf dem Tisch: ein Papierblock, ein Stift. Sie nahm ihn. Sie sprach leise.

„Sie san ned der erste Student der si bei mir vorsteit. Seit dreißg Joar vermiet i des kloane Zimma. Oben glei nem da Treppen! Seit mei Moo g’storm is. Wos studiern’s denn?“

„Äh, ich studier noch nicht. Ich bin Schüler. Danach will ich studieren.“

„Aha Schüler san’s! Nach’m Bund woin’s studiern! Sie geh’n doch zum Barras? Odaa? Bevor’s des Studiern ofangaa? Odaa?“

Julian verunsichert. Nickte kurz. Leichtes Nilslächeln.

„Mei Sohn, des miassen wiss’n, is mittlerweil’n Oberstleitnant! Vo dem hear ih imma ois! Wia wichtig da Bund für de junga Leit is! Wei’s da a Disziplin lerna! Heit’z doag gibt’s koa Disziplin mehr! Wiss’ns? Ned in da Schui und scho goa ned bei de Student’n! I hob ja scho Zeig’l erlebt, wiss’ns…“

Endlich ein Punkt. Julian setzte an, versuchte einen interessierten Nilsblick.

„Ja, was haben sie denn alles erlebt?“

Jetzt erfuhr er die Geschichte eines Medizinstudenten. Der studierte garnicht. Er war arbeitslos. Und Maurer. Und faul! Und Schmarotzer! Und von der Polizei wurde er gesucht! Er war ein Dieb! Unglaublich! Klaute im Kaufhaus. Die Polizei hat’s erzählt. Alles!

„Mei, wos i scho ois erlebt hob, mit de Studenten!“

Die Geschichte von zwei schwulen Studenten.

„Des woarn Filosofen! De ham fui gsoffen!“

Frau Nickel lachte, herzlich. Aber leider nur ganz kurz. Ihre Erlebnisse waren ihr Alltag. Hart und Ernst. Sie sah wenig zu lachen.

„Des Zimma, ois voi mid laare Floschen! I hobs inflagranti dawischt! Jetz kenn i an jäädn schwulen Studenten scho beim Gartentierl! De Bursch’n kenn i jetzt olle raus! Des deafas glam! De ham in meim Haus nix mehr verlor’n de Saubuam de damischn!“

Ein kurzer Bericht über einen weiteren stehlenden Studenten.

Der vergriff sich an den Lebensmitteln in der Küche. Er nahm die Seife im Bad. Er stahl ihre Kohlen im Keller.

„Jo, so sans de Studenten! Koa Disziplin need!“

Die Schilderungen gingen weiter. Julian erkannte das traumhafte Leben der Studenten-WG in Solln.

Der Tag war frustrierend, wie der Vortag bei Rauch. In der WG machte er Gebirgsgofio. Abends saß er am Feuer im Garten. Niemand da, auch Christoph weg, bei seinen Eltern.

Nils hütete seine Schafe und spielte mit Assya in den Bergen.

Das ganze Unternehmen die totale Schlappe? Julian fühlte sich so.

Ein neues Zuhause für Nils.

Christoph war für drei Tage zu seinen Eltern ins „Schwabenländle“ verreist. So bewohnte Julian das große Haus ganz allein.

Christoph beim Abschied:

„Gut, dass du da bist. Hier in der Gegend wird oft eingebrochen! Zu viele Villen und so. Weißt schon. Es ist gut, wenn einer da ist und das Licht an macht. Also dann tschau!“

Einbrecher. Julian und Angst? In den Bergen hatte er das manchmal. Wenn’s brenzlig wurde, an steilen Berggraten.

Nils Scherer ein Angsthase?

Was sollte er tun, wenn solche Typen auftauchten? Vermummte Riesen mit langen Taschenlampen? Er stand in der Küche und spülte das Geschirr.

Laut läutete es. Er erschrak. Das Telefon. Scheppriges, nerviges Klingeln. Im Gang stand es. Er hob ab.

„Ja, hallo?“

„Bist du’s Nils?“, hell, hochtonig: Christine.

„Ja, ich bin’s!“

„Äh, ja hallo, ich bin’s Christine. Ich wollte dir zwei Sachen sagen: die eine ist, dass Andi, das ist einer aus der Parallelklasse, den kennst du glaub ich nicht: naja, er hat zufällig vorher angerufen und gefragt, ob ich noch ein Zimmer suche!“

Julian rief, wegen dem Begriff „Zimmer“: „Wie bitte, der Knabe hat ein Zimmer?“

Julians Hörer knallte auf den samtroten Teppich. Hoch hüpfte er wie im Wald. Immer wenn er ein Schaf vor dem sicheren Tod rettete, sprang er kurz in die Luft, wie ein Sack Flöhe. Er schlug Purzelbäume und Räder auf den Wiesen. Das ließ er jetzt. Griff zum Hörer:

„Hallo, hallo bist du noch dran?“

„Ja, ja, hier bin ich, alles klar, der Hörer ist mir entglitten, runtergekracht, aber alles ok!“

„Ja, also ein Kumpel von Andi. Der will aus seiner Schwabinger Bude raus. So schnell wie möglich. Braucht nen Nachmieter, am besten schon Gestern!“

Julian verstand, griff zu Nils Scherers schnellen Pistole:

„Ok, super, Telefonnummer?“

Julian notierte, Christine sagte nichts mehr.

„Und die zweite Sache, was war das?“

„Äh ja, ich wollte dich fragen, ob wir uns vielleicht mal wieder sehen könnten. Vielleicht einfach in ner Kneipe oder so ähnlich.“

„Ahm“, sagte Julian und dachte: um was geht es dabei? Nils Scherer? Wieder die Pistole:

„Ja ok, warum nicht! Wo und wann? Hast du schon eine Idee?“

„Wie wär’s mit morgen im Knittl im Westend?“

„O.k., alles klar um wie viel Uhr? Und wo ist das Knittel?“

„Das soll wohl ein Witz sein! Du weißt nicht mehr wo das Knittl ist? Da waren wir doch schon X-Mal mit Ralf, Rolf, Mark und Regine! Also treffen wir uns um halb acht, ok?“

„Äh ja, ach so das Knittl meinst du! Is klar, alles bestens! Passt schon! Dann bis morgen um halb acht.“

Christine: „Tschüsschen dann bis morgen und viel Glück mit der Bude!“.

Der Hörer knallte. Jetzt das Wagenrad, zuerst der Purzelbaum, ein Luftsprung, dann das Rad. Der Parkettboden im Gemeinschaftszimmer knarrte, dann knallte er. Keine Einbrecher mit Lampen!

Neben die Nummer schrieb er auf den Zettel: „Knittl Westend“.

 

Sofort griff er zum Hörer, wählte die Nummer.

Martin brüllte laut. Den Hörer riss Julian vom Ohr. Er hielt ihn mit Abstand und sprach weiter. Nach drei Minuten notierte Julian eine weitere Nummer: Der Vermieter.

Trotz Martins hoher Piepserei, seiner kreischigen hektischen Stimme, verstand Julian einiges: „Wohngemeinschaft „Zweck-WG“, drei Physikstudenten, Einzelmietverträge fürs jeweiliges Zimmer, der Vermieter trotzdem „ganz nett“, die Wohnung ohne Bad und ohne Küche, aber: eine Gemeinschaftstoilette im Gang, alles kein Problem! Duschen im Nordbad, fünf Minuten entfernt, alles kein Problem, super! Im Zimmer, ein Waschbecken, der absolute Luxus: mit Boiler! Das Zimmer: riesig, fast zwanzig Quadratmeter, hoch oben, fünfter Stock, hell, echt toll, man sieht den Himmel! Möbel? Super: Schrankbett, Tisch, Stühle, sogar Sofa, echt topp Mann! Dreihundert monatlich plus Heizung und Strom, echt zivil der Preis Mann! Ab wann? Ab Gestern Mann! Adresse? Ja du willst die Bude echt Mann? Na klar Mann! Unglaublich Mann!“

„Ohne Besichtigung?“, fragte Martin.

„Wenn das Zimmer so ist wie du es gerade beschrieben hast, unterschreibe ich den Mietvertrag sofort!“

„O.k., das ist gut! Herr Rattl, der Vermieter kommt morgen Vormittag zufällig um zehn Uhr vorbei. Ein Schaden an der Hausfassade und so weiter….“

 

Mitterwieserstraße 44 in Schwabing, U-Bahnhaltestelle Hohenzollernplatz.

Das Zimmer war groß und hell. Wie versprochen „zweckmäßig“ möbliert. Ein dunkelbrauner Filsteppich. Herr Rattl, ein hochgewachsener Herr. Rot kariertes Hemd, dunkelblaue Jeans, runde Nickelbrille. Pünktlich um halb elf stand Julian im fünften Stock vor ihm.

Ein dünnes schwarzes Aktentäschchen unterm Arm. Herr Rattl legte es auf den Tisch. Öffnete es. Papiere, weiß, ein Stift, schwarz.

Mietvertragsvormulare.

„Herr Scherer, können sie eine Kaution von zwei Monatsmieten bezahlen?“

Julian dachte: oh Gott! Er nickte heftig, lachte wie Nils und sagte freundlich:

„Selbstverständlich, das ist klar!“

„Gut, überweisen sie das Geld mit der ersten Miete. Sie kriegen es beim Auszug verzinst zurück, wenn alles o.k. ist.“

Schüler? Kein Problem! Bisherige Adresse? Julian wusste sie, kein Problem! Wohnen ab sofort, Mitte September. Miete ab ersten Oktober? Kein Problem!

Unterschriften unter die Blätter. Eins für mich, eins für Sie! Alles gute weiterhin in der Schule und viel Spaß mit den anderen Studenten in der Wohnung! Bis bald und tschüs!

Die Wohnungstür knallte.

Martin schüttelte Julians Hand. Er zahlte die Miete bis Monatsende. Übergab die Schlüssel und war weg.

Der Boden vibrierte, federte. Ein Altbau. Der Raum hoch genug, für einen Überschlag in der Luft! Die Landung allerdings so knallig, dass das Schrankbett herunter krachte und zum Hineinspringen bereit lag. Um Viertel vor elf Uhr lag Julian auf Nils Scherers gemietetem Schrankbett. Ein braunes Kunstledersofa stand an der Wand. Ein brauner Tisch stand davor.

War das Theater oder die Realität? Den Schlüsselbund ließ er klimpern, wie Christoph. Durch das offene Fenster schaute er fünf Stockwerke hinunter in den Innenhof. Nils Scherers neues Zuhause.

Julian saß für Nils in der Kneipe

Das Knittl im Westend fand er. Der Stadtplan war es. Um Viertel nach sieben Uhr saß er in einer Ecke der schummrigen Kneipe. Ein volles Bierglas vor sich, er freute sich über das unglaubliche Glück des Tages. Nils Scherer nicht mehr in der Garage!

Nach einem halben Bierglas kam Christine. Er winkte, sie sah. Sie lachte und ließ sich mit einem „Hallo“ gegenüber seinem Bierglas in einem Bistrostuhl nieder.

„Na wie war’s bei dir heute so?“

„Optimal dein Tipp! Ich hab die Bude. Es ist alles klar, der Vertrag schon unterschrieben!“

„Ist ja unglaublich! Wo ist das Zimmer?“

An diesem Abend tauschte er sich lange und intensiv mit Christine aus.

Sein schlechtes Gewissen formierte sich.

Er liebte sie. Das glaubte er zumindest. Was soll man auch mehr tun? Sie war hübsch, sympathisch, er liebte ihre Augen, ihr Sprechen. Und sie hatte Nils Scherer zum neuen Zimmer verholfen. Das war zu viel. Es musste geschehen. Er kam aus den weiten hohen Bergen, da gab’s kaum Frauen. Alles war eindeutig. Das musste passieren, doch keiner dachte daran. Ihre feinen Hände, ihre blonden Locken, ihr Lachen, ihre Grübchen, ihre Worte. Das war alles zu viel.

Julian saß und zitterte leicht, sein Herz ging schnell, ihm war warm.

Während Julian dies fühlte und erst langsam begann darüber nachzudenken, berichtete Christine, dass die „chaotischen Freunde“, wie sie Nils Kumpels nannte, wieder in München eingetroffen waren. Rolf rief sie an.

„Er wollte wissen ob du noch wohnungslos bist. Und wies dir geht. Ich habe ihm die Nummer gegeben“.

 

Gegen zehn Uhr war die Kneipe bis auf den letzten Stuhl voll. Die Geräuschkulisse hektisch laut. Reden, Plärren und Grölen. Hundert Leute mindestens. Rocksound aus den Boxen. Sie hingen oben. Nebelschwaden wie bei Helmuth Hauch. Kopfschmerzen.

Überfüllte verrauchte Kneipen, zu viel für Julian. Er wollte gehen.

„Mein „Markenzeichen ist es, in Kneipen zu palavern. Hin und wieder zu versumpfen. Du musst damit rechnen, dass sich meine Freunde mit dir dort treffen wollen. Dort spielt sich der unterhaltsamste Teil des Alltages ab. Das Leben an der Bar! Klar ist es ein Fehler, es kostet Geld. Ein Laster. Das halbe Leben besteht darin. Die Kneipe ist Kommunikation. Dort wird so mancher Deal im Leben entwickelt. Das ist wichtig. Es ist vollkommen egal ob diese „Deals“ jemals in die Realität umgesetzt werden. Am Kneipentisch werden Alltagsideen mit anderen Augen entwickelt. Die Realität spielt eine untergeordnete Rolle und das ist gut so. So kann neue Lebensenergie aufgebaut werden.“

Von dieser Energie spürte Julian im Knittl nichts. Er spürte die Kopfschmerzen. Vielleicht war die Energie des Abends seine Nähe zu Christine. Die spürte er.

In der Kneipe war er der einzige, dem es langsam schlecht wurde. An allen Tischen saßen Leute. Vier, fünf, sie unterhielten sich angeregt. Regelmäßig nippten sie an ihren Gläsern und zogen an Zigaretten. An der Bar standen die Menschen oder saßen auf Barhockern. Nippten ebenfalls, genossen den Abend. Niemand sah aus, als wollte er gleich gehen. Keiner saß kreidebleich am Tisch. Nur Julian. Doch das sah niemand, auch nicht Christine. Nils Scherer saß vor ihr.

„Können wir langsam gehen?“

„Aber klar! Noch ein Bier bei mir, würde ich sagen!“

Julian schlug das Angebot nicht ab. Vor der Tür atmete er tief die frische Stadtluft ein. Sie gingen zum Wagen. Bei jedem Schritt wurde es besser.

Im Wagen schwiegen beide. Er sah ihre gepflegten Hände. Sie umfassten das Lenkrad. Sie legten einen anderen Gang ein. Sie fuhren durch die blonden Haare. Er traute sich kaum nach links in ihr Gesicht zu blicken. Er fürchtete, sie könne irgendwas bemerken. Was wusste er nicht. Vielleicht ein anderer Gesichtsausdruck von Nils Scherer. Der konnte verraten, dass Julian für sie etwas empfand. Sollte das Liebe sein?

 

Christine wohnte mit Regine zusammen. Eine kleine Zweizimmerwohnung. Die Küche immerhin so groß, dass man bequem zu zweit in ihr sitzen konnte. Sie lotste den Menschen, den sie für Nils hielt, durch den engen Wohnungsflur in die Küche. Vorbei an ihrer Zimmertür auf der eine Porträtfotografie klebte. Lachend. Vorbei an der Zimmertür von Regine. Eine lebensgroße Photographie von Humphrey Bogart im Nadelstreifenanzug. Am Küchentisch saßen sie. Neben Kühlschrank und Elektroherd. Christine bot dunkles und helles Bier an. Musik von den „Talkingheads“, „The Clash“ oder „The Cure“?

Helles Bier und „The Cure“.

„Cure mag ich auch, aber nicht immer, vor allem nicht alles. Ich liebe Sound von Dire Staits, Joe Cocker, Neal Young, Joan Armatrading, Van Morrison, B.B. King, John Lee Hooker und noch einigen die mir gerade nicht einfallen. Der Sound ist bei meinen Freunden momentan nicht der große Renner. Macht nichts.“

Julian hörte hin und wieder in seiner Hütte nach den Nachrichten Musik im Radio. Selten. Zu selten um einen bestimmten Geschmack zu entwickeln.

Deshalb stellte er den Schallplattenspieler von Nils und dessen Schallplatten, es waren etwa dreißig Stück, aus der Garage in das Gästezimmer. Jeden Abend hörte er sich ein zwei Platten an.

Die Musik von „The Cure“ war gut für den Abend. Sie eignete sich nicht für eine romantische Atmosphäre. Er wusste nicht, warum Christine ihn in ihre Wohnung schleppte.

Vielleicht bildete er sich auch nur irgendwelche „Schwachheiten“ ein. Sollte die Küche eine sanfte Vorbereitung auf einen Ortswechsel innerhalb der Wohnung werden?

Nachdem die erste Seite der Cure-Kassette abgelaufen war, beendeten sie die ausgiebige Unterhaltung über Helmuth Hauch.

„Die Menschen in der Stadt denken politisch, das halbe Leben ist Politik. Du wirst es merken.“

Sie bemängelte die allgemein spießige Atmosphäre in der Stadt. Der Geldadel mache sie sich zu Eigen. Die Mieten apokalyptisch. In zehn Jahren könne sie keiner mehr zahlen. Wir haben jetzt schon kaum mehr Platz. Unsere Kohle: viel zu knapp. Unsere Wohnungen: Löcher ohne Komfort. Bad? Küche? Nix da! Luxus! Unnötig! Unbezahlbar! Studenten? Na klar, die Marktlücke! Heute die Provisionen an die Makler, morgen die Zinsen für ihren Unterhalt an die Banken! Alles Palletti, Bildung für jedermann!

Julian verstand einiges. Er erlebte schon drei Stadttage.

In vielen Jahren? Große Wohnungen für Studenten-WG’s, die reichen Eltern berappens! Die ham genug geerbt. Familien? Nix da! Wenn überhaupt, dann zu viert auf siebzig Qaudratmetern für zweitausend Lappen! Große Wohnungen? Viel zu teuer für die: entweder Juppies, Studenten-WG’s oder vereinzelte Alte, die sich’s vielleicht noch leisten können!

Christines Gründe für dieses Thema: Die Miete für die winzige Wohnung betrug über tausend Mark. Sie arbeitete dafür nach der Schule bei der Post. Regine in einer Kneipe. Eine Mieterhöhung stand an. Neue Fenster.

„Keine Ahnung, wie die zwei das schaffen! Die Schule ist stressig. Haufenweise Stoff wird dir verpasst. Darfst jede Menge büffeln. Nächstes Jahr die Abschlußklasse. Nebenbei nen Job? Das wär das sichere Ende meiner Schulkarriere!“

 

Ohne ihre Jobs müssten beide zu ihren Eltern zurück ziehen.

Christine: „Nur über meine Leiche gehe ich zurück in mein bürgerlich-konservatives-CSU-Politbüro! Ich hasse diese Heuchelei. Die totale Abhängigkeit und Unterwürfigkeit! Das gibts erst wieder in vierzig Jahren, wenn’s ab ins Altenheim geht! Ob’s die dann noch gibt?“

 

Nach dem zweiten Bier kam Regine und setzte sich zu ihnen. Sie war froh, nach einem anstrengenden Arbeitsabend in ihrer Kneipe, zwei Gesprächspartner an zu treffen. Sie schilderte ihre Tageserlebnisse.

Der Abend endete für Julian unangenehm. Ein kleiner Ausfall. Gegen halb zwei Uhr Morgens war es ihm schlecht, wie in der Kneipe. Zigarettenqualm und Bierkonsum. Er versuchte, den von Nils empfohlenen schnellen Abgang hin zu legen. Er schob den Vermieter vor. Behauptete Herr Rattl müsse ihn Morgens nochmal sehen. Formalitäten und so.

Er schüttelte die Hände, verabschiedete sich kurz.

Im Gehen zettelte sein Magen eine Art Rebellion wegen seinem ungesunden Verhalten an. Julian wackelte durch den engen Flur. Ging ins Treppenhaus. Ließ die Tür leise zufallen.

Die helle, hölzerne Treppe, die er zwei Stockwerke nach unten zu gehen hatte, erkannte er deutlich. Sie glänzte, hellbraun, war frisch gebohnert oder gewachst. Er betrat sie. Er bewegte die Füße. Wollte gehen wie immer. Runter.

Dann geschah es: alles um ihn herum drehte sich. Er verlor das Gefühl für Beine und Füße. Er verlor den Gleichgewichtssinn. Rumpelnd stürzte er vorn über. Der erste Treppenabsatz. Knall! Das Holz krachte. Knarr, knarr und nochmal knall! Die Arme und Hände konnte er noch bewegen. Zum Glück! Er riß sie vors Gesicht von Nils Scherer. Wumm! Der zweite Absatz. Er lag. Der Landeschlag war ernüchternd. Keine Bewusstlosigkeit. Klar sah er die braune Treppenhausdecke hoch oben.

Er griff ans Fensterbrett. Zog kräftig. Winkelte ein Bein an. Wum! Was war das? Es tat nicht weh!

Die Wohnungstür stand offen. Der geräuschvolle Schlag zweier hüpfender Känguruhs. Scheppernd sprangen sie auf Holzdielen. Beide hechteten, aus dem Türstock der Wohnung. Sie landeten sportlich in die Knie gehend vor der Wohnungstüre. Nochmal knall! Sie hüpften, jeweils zwei Stufen gleichzeitig nehmend, auf ihn zu. Knall,knall,knall. Und der letzte, ein Landeknall. Sechs Stufen und vor ihm standen sie.

„Um Gottes Willen, Nils!“, rief Christine. Sie ergriff seinen rechten Arm. Sie stützte den leicht Verletzten. Der humpelte die Treppe wieder hoch.

Sofort jammerte der Mann:

„Mir ist schlecht und etwas schummerig vor Augen geworden. Wohl die schlechte Luft, und der viele Alk.“

Dann lag er auf Christines Bett.

 

Alles äußerst peinlich, dachte Julian.

„Wenn’s irgendwie persönlich wird, dann fliehen!“

War das persönlich? Wie fliehen?

Eine entblößende Situation, dachte Julian. Zwei Frauen aus der Schulklasse stützten Nils Scherer. Julians dritter Abend in der Stadt. Ist ein Maskierungskünstler auch Überzeugungskünstler?

Die frische Luft tat gut. Sehr gut. Julian richtete sich entschlossen auf. Er fühlte sich wieder fit.

„Ich bin fit. Topfit! Also alles klar! Ich gehe jetzt. Diesmal klappt’s. Kein Problem.“

Entschlossen erhob er sich, schüttelte nochmal kurz Hände, dankte fürs Bier und ging.

Ein bodenloser Abgang, dachte er. Nils Scherer?

Er verließ die Wohnung gegen zwei Uhr morgens. Regine und Christine verzichteten darauf, ihn dumm, (so hätte er diese Frage an diesem Morgen empfunden, weil er sie nicht brauchen und hören wollte), nach einer S-Bahn, die um diese Zeit gar nicht mehr fuhr, zu fragen. Kein Angebot ihn nach Solln zu fahren. Sie ließen ihn gehen. Julian war froh. Er schlenderte gemütlichen Schrittes stundenlang durch die nächtliche Stadt. Hin und wieder, unter einer Straßenlaterne seinen Stadtplan studierend, erreichte er gegen sechs Uhr Morgens das Gästebett in der Sollner Wohngemeinschaft.

Julian saß für Nils in seinem neuen Zimmer

Drei Tage vor Beginn des Abschlußschuljahres wickelte er Nils Scheres Umzug ab. Eine Fahrt mit Rolf in dessen VW-Bus von Solln in die Mitterwieserstraße.

Rolf rief in der Sollner Wohngemeinschaft an. Er war nicht sauer auf Nils. Die Autobahnsituation hielt er ihm nicht vor. Er erzählte begeistert vom ganz tollen Urlaub. Nils hätte es sicher gefallen. Er verpasste jede Menge interessante Erlebnisse. Julian war davon überzeugt.

Rolf bot seine Unterstützung an.

„Umzug? Aber klar doch! Bei dir kein Problem, gerne!“

Er wusste wie viel Kisten das waren. Fünf.

„Donnerstag Nachmittag. Zwei Uhr. O.k.! Und Abends: traditionelles Treffen im Cafe‘ Notfall! Alles klar!“

 

Mittwoch.

Die letzte Nacht im Gästezimmer stand bevor. Christoph immer noch weg. Julian allein im Garten. Ein kleines Feuer. Schmerz.

Wie ging es Nils? Wie ging es Assya? Wie seinen Schafen?

Das Feuer loderte in einem alten rostigen Schubkarren. Julian zog ihn aus einem Haufen hinter der Garage.

„Was tue ich hier überhaupt? Feuer mitten in der Stadt? Kann ich hier leben? Wo ein Feuer machen, wenn ich in der Mitterwieserstraße wohne, mitten in der City? Pistolenschüsse durch den Kopf. Denken. Wer bin ich? Wo werde ich leben? Wie werde ich leben? Wer ist Nils Scherer? Wo und wie wird er weiter leben, wenn das alles vorbei ist? Etwas Geschehenes wegdenken? Warum weiter darüber nachdenken, wenn es irgendwann Vergangenheit ist? Nicht mehr denken. Oder: einfach mal denken, was man denken will! Und: nicht das denken, was man nicht denken will!

Warum ich und Nils Scherer? Ein Abenteuer? Ein Spaß? Freizeitvergnügen? Zufall?“

Ein schlechtes Gewissen. Jetzt fast fertig geformt. Rolf der nächste dem er glauben machte, er sei Nils Scherer.

Warum: Ein Reiz? Ein Kitzel? Lust auf Abenteuer, Überraschung, Täuschung?

Was täte er, wenn Rolf auf ihn zu käme und sagte: „Hei Nils, was ist mit dir los? Hast du dir ne Maske aufgesetzt? Du siehst so verschrumpelt aus!“

Rolf zog an der großen, vorgetäuschten Nilsnase. Kräftig riß er daran. Zack! Schon hielt er sie in der Hand. Julians blasse Nase strahlte zwischen Nils Scherers rauen Backen hervor.

Rolf plötzlich schockiert: „Teufel, wer bist du?“

Springt einige Meter von Julian weg. Sieht ihn genauer an. Enttäuschung, Misstrauen, Wut! Reißt den schweren Wagenheber aus dem Auto. Kommt auf Julian zu. Wutentbrannt. Rechts den Wagenheber.

„Wo ist mein Freund Nils? Wo? Wer bist du? Hast du ihn ermordet?“

Julian erstarrt. Kein Wort. Keine Bewegung.

„Du Schwein! Mörder! Du hast es getan! Gib es zu! Du hast in gekillt und sein Gesicht geklaut!“

Rolf im Gesicht rot. Zitternde Hände. Julian nach vorn gebeugt, schweigend. Keine Erklärung. Angst. Eisige Kälte. Rolf dunkel, ein Riese vor ihm. Hallende Schreie wie aus der Tiefe: „Du hast ihn ermordet! Du! Du warst es! Du!“

Rolf einen Meter zurück. Zitternd beide Arme in die Höhe. Schwarzer Stahl. Julian schaut hoch. Oben der Schwarze. Er stürzt herab. Krach im Kopf. Dumpfes heulen. Das schwillt an. Eine Sirene. Nochmal Krach im Kopf. Jetzt ein schrilles Läuten. Kein Schmerz. Dunkelheit.

„Rolf! Nein! Nein!“ Julian riß die linke Hand an sich. Eine leichte Brandwunde. Das Feuer knackste. Er blickte um sich. Hell erleuchtete Häuser um das Grundstück. Keine Menschen an den Fenstern. Keine Blicke. Ruhe. Nur das Dröhnen der Straße hinter den Blocks. Niemand interessierte sein Geplärre.

 

Der Umzug verlangte Organisation. Es waren nicht nur die fünf Kisten. Eine neue Adresse. Briefe schreiben. Nachsendeantrag, Bank, Krankenkasse, Schule. Nils erklärte alles. Julian saß in der Mitterwieserstraße an Nils alter grauer Schreibmaschine. Rolf polterte über die Holzdielen die hunderfünfundreißig Treppenstufen hinunter. Unten kam er an: Wumm! Die Tür des Hinterhauses krachte.

Julian tippte noch nie, fand es interessant, brauchte Stunden für vier Briefe. Dann fand er das Kohlepapier in der Kiste mit den Umschlägen. Dachte an den Vater. Die Formalitäten im Büro des Bestattungsdienstes vor der Urnenbeisetzung.

Den Tod.

Vor dem Tisch mit der Schreibmaschine das Fenster. Draußen graue Mauern. Gewohnte Höhe zwar, aber nicht in einem Gebäude. Blicke in die Tiefe kannte er. Hohe Felsvorsprünge. Er neigte sich vorsichtig darüber. Unten der Innenhof. Ein riesiger Kastanienbaum im Nachbarhof. Äste weit über die Mauer zwischen beiden Innenhöfen. Kein Grün. Pflastersteine. Ein Blechdach. Darunter Fahrräder. Auch Nils Fahrrad.

Der Garten in Solln: weg. Stattdessen Häuserfassaden, Mauern. Bedrohliche Mauern, schräg. Krumm, schief, hoch. Sie neigten sich in den Hof.

Plötzlich Donnern und Grollen. Die Mauern fallen um. Klar! Sie standen zu schief! Konnten nicht mehr lang so stehen! Lärm. Kein Autolärm, keine Lastwagen, sondern Schreie, kreischende Schreie. Schreie wegen der Schmerzen.

Aus der Höhe stürzende Menschen. Mörtel und Betonbrocken von oben. Dachbalken, Ziegel, Blechdächer. Alles stürzte nach unten. Dort: riesige Haufen. Trümmer. Panik und Verzweiflung. Frauen und Männer zerlumpt. Suchend.

Rauchschwaden, Feuer, ätzende Dämpfe. Zusammengebrochene Menschen auf grauen Schuttbrocken. Kniende Menschen. Humpelnde Menschen. Gebückte Menschen. Fetzen ihre Kleidung. Asche. Blutende Hände und Gesichter.

Flammen überall. Laute Donnerschläge. Gasexplosionen. Fliegende Steine, Fenster, Glassplitter, Presspanmöbel, Stühle, Stuhlbeine, polierte Marmorfiguren, glänzende Marmorplatten, weiße Monitore, eine fliegende Frau in rosa Kostüm, hinter ihr ein fliegender Bullterrier, eine fliegende Hand mit Goldkette.

Keine Luft mehr. Gestank. Verkokeltes Plastik, Kunststoff, Autoreifen, Holz, tropfender Lack, Elektrogeräte. Brennende, dampfende, ätzende offene Cabriolets.

Plötzlich wieder fahrend in Rolfs Bus: hinten Umzugskisten, vorne Autoschlangen, qaulmende, röhrende Blechrohre. Funktelefone an Köpfen hinter dunklem Glas. Hupen. Knallende Autotüren. Klingeln. Straßenbahnen. Röchelnde Alte auf Stöcken an roten Ampeln.

Plötzlich Rolfs Bus brennend oben auf einer Brücke. Darunter: Menschen in grauen schmutzigen Hosen mit schlabbernden Hosenbeinen. Sie sitzen lehnend an der Wand. Ein Lagerfeuer. Eine zerklirrende Weinflasche.

Auf der Brücke neben Rolfs Bus: Ein blutendes Gesicht auf dem Asphalt, daran ein Funktelefon. Daneben: schwarzes Glas. Daneben: ein abgerissenes Lederlenkrad. Verbrannte Haare. Ein schwarzer Lederhandschuh.

 

Ein lautes, schrilles Klingeln riß Julian hoch. Sofort erkannte er wo er war. Neben der Schreibmaschine. Sein Kopf auf dem Tisch. Vor ihm das offene Fenster. Fünfter Stock.

Telefon! Wo war das Telefon?

Er ging zur Zimmertür. Leichter Schwindel. Der Kreislauf. Griff zum Türknauf. Durch die milchige Glasscheibe sah er eine Person im Gang der Wohnung.

Die sagte:

„Ja hallo hier ist Harri.“

„Wen bitte? Nils? Kenne ich nicht!“

Julian riß die Tür auf. Vor ihm stand der beleibte Physikstudent Harri in rotem Ringelshirt.

„Hallo, ich bin Nils, dein neuer Mitbewohner!“

„Ach so, alles klar, ich wusste nicht, dass du hier bist und wie du heißt. Ich bin Harri. Telefon für dich.“ Kurzes Händeschütteln. Telefonhörerübergabe. Harri trug eine geringelte rote Hose. Verschwand rechts in sein Zimmer.

Der Hörer an Julians rechtem Ohr. Wer hatte die neue Nummer schon?

Christine: „Hallo! Na wie geht’s am ersten Tag in der neuen Bude?“

Von ihr war der Tip mit dem Zimmer, also war es für sie auch kein Problem die Telefonnummer ausfindig zu machen.

„Ja, ganz gut soweit, hab schon einiges ausgepackt, bin etwas überrascht, über den Anruf. Ich weiß selbst noch nicht mal welche Nummer dieses Telefon hat.“

„Tja, so geht’s halt manchmal im Leben. Es läuft nicht immer so wie man denkt. Manchmal läuft’s halt eben anders! Ich wollte dich fragen, ob du heute Abend im Notfall bist.“

„Ja, ich komme hin.“

„OK, dann wünsche ich dir noch viel Spaß beim Auspacken, bis heute Abend. Tschüsi!“

„Ja tschüs“, erwiderte Julian und Christine war schon weg. Er hängte ein.

Julian saß für Nils im Cafe Notfall

Das Café Notfall war eine Kneipe in der die Gäste saßen, als seien sie in einem Ladenschaufenster ausgestellt. Durch riesige Fenster sah man von draußen die Menschen. Die Beleuchtung war neongrell. An der Bar, inmitten der gefüllten Kneipe, saßen diejenigen Menschen, die tagsüber bewaffnet mit braunen und schwarzen Lederaktenkoffern auf der Modewoche, oder der Modemesse, oder irgend welchen anderen wichtigen modischen Meetings, ihre Leistungen bei einem Glas Sekt vorführten. Auf dem Laufsteg präsentierten sie „ihre“ Mädchen. Abends saßen sie mit ihnen im Notfall an der weißen Theke. Hier ging die Präsentation weiter. Dazu gab es Champagner und Pommery.

Draußen warteten Johann, James und Georg. Sie polierten Chromleisten. Später transportierten sie die Herrn mit den Damen in den offenen, glänzenden Karossen in das nächste Etablissement.

 

Julian stand in der Tür. Er überflog die Damen und Herren an der Bar. Sie sahen schwarz-weiß aus. Sein Blick wanderte in die Ecke. Er suchte Nils Scherers Schulfreunde. Er sah sie. Ralf, Mark, Rolf. Der winkte schon. Ein runder Tisch. Der hinterste Winkel der Kneipe. Vorsichtig bahnte sich Julian den Weg. An leicht bekleideten Damenrücken und weißen Herrenhemden schob er sich vorbei. Keine Berührung. In der Nase plötzlich „Fleecy Clouds In Paradise“.

Ein freier Stuhl neben Christine. Julian begrüßte alle so, wie Nils es sagte. Jeder bekam kurz seine Hand. „Keine überschwänglichen Umarmungen.“ Nilslächeln, ein kurzes Kopfnicken. Dazu die Frage: „Na, wie ist die Lage?“

„Von dem Laden halte ich nichts. Trotzdem bin ich dort. Vergnügliches Theater! Ein Juppitreff. Gewöhnlich und teuer. Der Zufall am ersten Schultag führte uns hin. Wir sind Exoten in dem Laden. Ein krasser Kontrast. Unsere Geldbeutel sind eigentlich zu klein. Es ist o.k., regelmäßig dort zu sitzen. So lange die uns noch reinlassen. Die versnopptesten Typen kannst du dort sehen. Alles sehr unterhaltsam. Abartig unterhaltsam. Man spart sich Geld fürs Kino.“

Julian fand die Kneipe einfach nur ungemütlich. Die grelle Beleuchtung, die Rauchschwaden, das Gekreische und Herumgeplärre von der Bar, die tollen offenen Nobelkarossen vor der Türe, die tollen Menschen hinter – und vor – der Theke, mit ihren Goldkettchen und geöffneten weißen Hemden, „Fleecy Clouds In Paradise“, die heraushängenden Brusthaare, die gebügelten lässigen Sakkos, das alles fand er abstoßend.

Julian saß. Mark sprach. Er berichtete von einem Bekannten. „Erich ist so ein schnieker Typ, wie die Typen an der Bar. Er lebt in einer unwirklichen Welt. Sein Verhalten ist affektiert. Er spricht unverständlich, für mich. Eine andere Sprache. Ein gesangsariges Tei..tei..tei.. Verfremdet. Theatralisch. Dabei immer perfekt gekleidet. Seinen Körper bewegt er perfekt. Eine Art Show. Erichs Welt ist perfekt und sauber. Er ist Manager von Modells. Er nennt sie „Püppchen“. Erichs Leben ist absolut funktional. Das ist eine Art Kunst. Es ist so künstlich wie die Modells, die er vermarktet.“

Mark erntete unverständige Blicke aus der Tischrunde.

„Irgendwie leben diese Leute in einer abstrahierten Scheinwelt. Alles künstlich angelegt, stets sauber. Weiß. Alles perfekt gestylt. Um sich herum bauen sie eine saubere Kunstwelt auf. Ihr Rahmen. Künstlich ist nicht nur der Rahmen, auch sie selbst: beispielsweise ihre Gesichter! Künstlich. Was nicht gefällt wird verändert, erneuert, ausgewechselt. Was nicht auswechselbar ist, wird dick übertüncht. Natürlich sehen die Leute verfremdet aus. Doch das stört nicht mehr. Es ist Normalität geworden. Künstliche, selbst komponierte Gesichter, künstliches Lachen. Alles kein Problem! Die Verkünstlichung des Körpers. Perfekt! Was alt und verbraucht ist, wird erneuert.

Erich fühlt sich wohl in der Brache. Die Brache ist genau die richtige. Mode und Werbung. Er sagt: alles lässt sich vermarkten, selbst das perfekt vor geheuchelte künstliche Leben. Bunt verpackt, nennen wir es Glückseligkeit und kassieren dafür Millionen.

dass, das wahre menschliche Leben aus einem Haufen von Makeln besteht, wird verdrängt. Überpinselt. So lange bis man glaubt, das Künstliche sei die neue Realität.

Dazu: Erfolgreich sein! Es ist wichtig. Ein Lebensziel. Doch was ist Erfolg? So viel von dieser Künstlichkeit wie möglich zu verkaufen? Ja! Genau das! So viel Geld wie möglich aus irgendwas zu schlagen. Erfolg wird dann zelebriert. Im Notfall an der Bar. Und anderen Ortes!“

Wie kam Mark auf die künstlichen Gesichter? Regte Julian den Gedanken an?

Niemand unterbrach ihn. Alle hörten geduldig zu. Das musste Politik sein, von der Nils sprach.

„Oder anders ausgedrückt: Erich hat ganz und gar das Gefühl, auf der Siegerseite des Lebens zu stehen. dass es auch Verlierer gibt interessiert ihn nicht. Er und seine Freunde wollen das nicht wissen. Und die borniertesten seiner Freunde glauben sogar, dass wer auf die Verliererseite gerät, daran garantiert selbst schuld ist.“

Christine wollte einen Themawechsel, sie wollte über die „Machoseite“ des Themas: „Juppies in unserer Gesellschaft“, (wie sie es nannte) reden. Auch Regine wollte darüber sprechen, sie sagte: „mit einigen von den Typen an der Bar da vorne habe ich schon ein oder zwei Sektgläser getrunken. Spätestens beim zweiten Glas wurde klar, dass deren Einstellung zu Frauen, sich nur unerheblich von ihrer Einstellung zu Autos unterscheidet: sie muss schön und schnell sein, ich meine sie muss schnell ins Bett zu bringen sein, und sie muss funktionieren.“

Die Frau müsse für die meisten dieser Leute eine vorgesehene Rolle einnehmen. Sie müsse dem Manne dienen und ihn zufrieden stellen. Sie müsse ihm, genauso wie sein Auto, als Prestigeobjekt dienen. Im Haushalt und im Bett müsse sie gut funktionieren. Dies benötige er, um seine Geschäfte langfristig erfolgreich abwickeln zu können. Im Rahmen dieser Geschäfte spiele die Frau keine verantwortliche Rolle. Sie diene der Repräsentation. „Eine hübsche Blondine an der Seite eines erfolgreichen Juppies ist das Sahnehäubchen auf der Karriere!“

 

Julian hörte interessiert zu. Manches kannte er von den Gesprächen mit Nils in der Schäferhütte. Der Treffpunkt im Café Notfall hatte den Zweck, das zu sehen, über das man sprach. Menschen über die gesprochen wurde, hielten sich im gleichen Raum auf.

Rolf war der Meinung, dass das nicht mehr lange gut gehe: „Ich wundere mich schon lange darüber, dass es hier noch keinen Türsteher gibt.“

Julians Kleidung, alte Jeans, zerfranste Jeansjacke und altes Sweatshirt war ein krasser Gegensatz zu den Menschen an der Bar in gebügelten Nadelstreifenanzügen und Seidenhemden.

 

Während Julian über seine optische Wirkung auf die Juppies im Notfall nachdachte, ließ ich die Eingangstür des Cafés hinter mir zu fallen. Es war bis auf den letzten Platz besetzt. Neonbeleuchtung zerschnitt Rauchschwaden in feine Streifen. Die Lautstärke der Manager und aufgetakelten Modells an der Bar war ohrenbetäubend. Zigarettengeruch, Mief von Sekt, Champagner und abgestandenem Bier lag in der Luft. Dazu: „Fleecy Clouds In Paradise“, ein angeblich neuer Duft. Ich überflog die Bar. Bunte Damen. Weiße Herren. Dahinter, in der linken Ecke sah ich zuerst Mark und Rolf, dann Regine und Christine. Ich erkannte Nils. War er abgemagert? Er musste abgenommen haben! Vier Wochen im Gebirge, da nimmt man wahrscheinlich ab.

Ich schob mich durch die Menschenmenge. Laut schwafelnde Personen. Weiße Stehkragenhemden und Sakkos. Auch Westen.

Am Tisch in der Ecke angelangt begrüßte ich die Runde allgemein. Die Frisur von Nils war etwas zu kurz. Seine Haare waren heller als sonst, sie vielen völlig anders. Seine Gesichtsfarbe war zu dunkel, überhaupt wirkte der Gesichtsausdruck etwas künstlich. Ich erkannte ihn kaum wieder. Erst als er zur Begrüßung sein typisches Nilslächeln aufsetzte, wusste ich, dass es tatsächlich Nils sein musste.

Für sein verändertes Aussehen machte ich den Trend der Zeit verantwortlich. Es war völlig normal, sich von Zeit zu Zeit optisch ein wenig zu verändern, oder gezielt aufzupäppeln. Das Aussehen wechselte, wie die Düfte. Früher war es „Good Old Paradise“, dann „Cold Dirty Sunrise“ und jetzt eben „Fleecy Clouds In Paradise“.

Selbst Mark hatte schwarz gefärbte Haare. Von Nils war ich dieses Verhalten nicht gewohnt. Das Leben der Menschen in dieser Stadt hatte – gerade in dieser Kneipe dachte ich mir das schon sehr oft – etwas künstliches. Die Menschen im Notfall wirkten künstlich. Sein Äußeres veränderte man durch Kleidung, Schminke, Haarfarbe, Hautfarbe oder gleich ein kleines Facelifting. Anderes Aussehen gehörte zum Alltag. Ich sah keinen Anlass für Rückfragen.

Ich wollte mich selbst nicht bloß stellen und dumme Fragen über die veränderte optische Erscheinung eines Freundes stellen. Es war einfach so, dass sich viele Dinge rasend schnell veränderten. So auch das Aussehen von Personen. Man gewöhnte sich daran, dass sich die Haarfarbe eines Schulfreundes innerhalb eines Schuljahres vier mal änderte. Das war kein Thema.

So dachte ich über Nils, er habe in seinen Ferien in den Bergen eben entschieden, einfach auch mal ein umfangreiches Körperveränderungsprogramm durch zu ziehen. Überrascht war ich nur darüber, dass mir seine Stimme ebenfalls leicht verändert vor kam. Ich wusste nicht genau was anders war. Aber irgend etwas hörte sich verändert an. Nils hatte keine Erkältung. Vielleicht war es seine äußere Erscheinung, die mich glauben ließ, die Stimme wäre anders. Das war meine Erklärung. Meine Wahrnehmung: ich sah etwas anders, also hörte sich, was ich sah, plötzlich auch anders an!

Ich verhielt mich wie immer. Ich verdrängte meine Zweifel, ob ich nun Nils oder jemand anderen vor mir hatte. Für diese Vermutung gab es keine vernünftige Erklärung. Weshalb sollte ich nicht Nils vor mir haben?

 

Christine, von der ich wusste, dass sie sich schon immer für Nils interessierte, war an diesem Abend besonders an ihm interessiert. Die Blicke, die sie mit Nils tauschte, waren nicht so wie immer. Sie waren intensiver, vertrauter. Zwischen den beiden musste sich etwas verändert haben. Nils war aufgeschlossener. Er war ihr näher gekommen.

Am Tisch entstanden Gespräche zwischen einzelnen Personen. Eine ungewöhnliche Situation im Notfall. Sonst saßen wir in gemeinsamer Runde und einer, meist Mark führte das Wort. Dem fügten die anderen etwas hinzu, lachten, oder kritisierten. Daraus entstanden Diskussionen und Meinungsbekundungen zur Situation in der Stadt.

dass an diesem Tisch individuelle Gespräche unter Einzelnen entstanden, war mir neu. Nils war mit Christine in ein Gespräch vertieft. Sie verstanden sich blendend. Ich sah Christine noch nie so viel lachen.

Ich diskutierte mit Rolf und Mark über die konservative Bayerische Bildungspolitik und dessen Auswirkungen auf den Schulbetrieb, der uns am Dienstag wieder erwartete.

Ich war nicht beim Thema, beobachtete Nils. Hat er auch sein Verhalten geändert? In meiner Vorstellung war es, nach den Erfahrungen im vergangenen Schuljahr, undenkbar, dass sich Nils im Notfall eine knappe halbe Stunde, intensiv mit einer Frau unterhielt. Stets diskutierte er mit uns über Gesellschaft und Politik.

Der Abend endete überraschend schnell: Gegen halb eins verkündete Mark offenbar etwas zu laut seine Meinung über die Verquickung zwischen CSU-Politik, Besetzung wichtiger Stellen im Bildungsbereich und den vielen mundtoten Schulabgängern und Studenten.

„Da kann doch nur so ein angepasstes Juppigesocks herauskommen, das nur an Kohle um jeden Preis denkt, wie man es hier sieht, eingenebelt von Fleecy Clouds In Paradise!“, brüllte er zu Regine über den Tisch. Die stimmte lachend zu und prostete mit ihrem Bierglas.

Ein alkoholisierter Mann in weißem Hemd, mit bunter Krawatte, Mitte dreißig, auf einem Barhocker, lief wegen dieser Worte wütend rot an. Er schwankte mit halbvollem Bierglas auf unseren Tisch zu. Schwankend hob er die rechte Hand. Mund geöffnet, rote Zunge sichtbar. Hand weit oben, ausgestreckter Zeigefinger. So wollte er los plärren. Und so stolperte er. Kurz vor unserem Tisch. Er knallte auf Marks Rücken. Regines Warnkreischen kam zu spät. Sie riss die Ellenbogen vors Gesicht. Sah ein fliegendes Bierglas auf sich zu kommen. Von vorne. Nichts schwappte heraus. Der Gegenwind. Es zischte über Marks Kopf. Der sah das Glas von Unten direkt über seinen Augen auf einer Bahn in der Luft. Jetzt verstand er den Warnschrei. Riss sich selbst vom Stuhl, rutschte nach rechts, saß auf meinem Stuhl. Trotzdem krachte der Mann auf den Rücken. Mark rückte noch ein Stück. Der Mann stürzte mitten auf den Tisch. Erst jetzt erkannten Christine und Nils was geschah. Zu spät. Halbvolle Biergläser und volle Aschenbecher vom Tisch flogen ihnen entgegen.

Mark stand sofort von meinem Schoß auf. Er packte den Besoffenen von hinten, schleifte ihn zur Bar und setzte ihn dort auf einen Barhocker.

Wir überprüften unsere Kleidung und befreiten sie von Zigarettenkippen. Mark:

„Wir sollten ganz schnell gehen, bevor ich mich soweit provozieren lasse, dass das ganze in einer Juppischlacht endet.“

Von uns hatte darauf keiner Lust. So standen wir schnell vor der Tür. Draußen löste sich die Runde im strömenden Regen auf. Beim Abschied sah ich, wie Christine Nils auf die Wange küsste.

Julian saß für Nils auf der Schulbank

Den Besuch des Schulgebäudes verwarf Julian weil die Schule in ein neues Gebäude umgezogen war. So war Julian am ersten Schultag nicht der einzige der nach dem Klassenraum suchte. Das neue Gebäude war hässlich, wie das alte. Beton, Stahl und Glas, glänzend. Vertreter der Stadt und der Architekt meldeten sich Tage zuvor in den Zeitungen. „Ein herausragender Prachtkomplex, eine architektonische Glanzleistung und, weil das Gebäude mehrere Schulen unter einem Dach vereinte, ein „bildungspolitischer Meilenstein“.

Der Meilenstein stank grauenvoll. Beton, Estrich, Teppich und Farbe. Julian nahm im Klassenraum einen Platz dicht am Fenster. Das riss er schwungvoll auf. Den abgerissenen Fenstergriff des Meilensteins legte er auf die Fensterbank.

Regine und Mark saßen rechts von ihm, links daneben Rolf, Ralf, die inzwischen hochschwangere Sofia, und Christine. Neben Christine fand ich meinen Platz. Zufällige Sitzordnung. Bei der blieb es. Die Tische standen in klassischer U-Eisenform. Das obligatorische Warten begann. „Man fühlt sich wider wie ein Grundschüler. Man hofft vergeblich auf eine Lehrkraft. Man wartet auf Stundenplan und Bücher. Dabei sollte man locker bleiben.“ Gespräche. Austausch über Ferien und so weiter. Mark, dem das jährliche, „wartende Gequatsche“, wie er diese Minuten nannte, sofort auf den Geist ging, vertiefte sich in eine Tageszeitung. Julian nahm einen Teil des Blattes. Rolf tauschte Urlaubserlebnisse mit Regine aus.

Ich sprach mit Sofia. Über ihre Situation, über ihr erwartetes Baby. Sie war im sechsten Monat. Sie war zuversichtlich von dem Schuljahr noch etwas mit zu bekommen. Die Oma werde sich kümmern während sie in der Schule ist. Den Vater nannte sie einen Trottel. Sich selbst nannte sie Trottelin, wegen des Vaters. Er verließ sie kurz nachdem klar war, dass sie das Kind bekomme. Sie wusste nicht wo er geblieben war. Trotzdem war sie glücklich: mit Rolf. „Das Beste ist meine Verwandtschaft! Sie lehnt nichts ab, sondern freut sich!“

Plötzlich betrat Helmuth Hauch das Zimmer. Es wurde laut und piepsig und begann sofort grausam zu stinken. Neuer Teppichbelag, trocknende Farbe und „Fleecy Clouds In Paradise“. Julian öffnete das nächste Fenster, legte auch den Griff auf die Fensterbank. Kreischende hüpfende Begleitung. Hochtoniges Lachen. Weiß stand er im Türrahmen. Ein kurzer Blick in den Raum. Kein Gruß. Die erste Reihe. Rechts und links begleiteten ihn die jungen, schönen, Blonden.

Er, strahlend weiß. Seidenhemd, Stehkragen, weit offen. Darunter schwarzes Kreuselhaar, darüber eine schwarze Weste. Dekoration: ein knall roter Seidenschal. Die rechte Hand: das schwere Goldkettchen. Links: eine breite goldene Uhr.

Seine Bewegungen: schauspielerisch, theatralisch. Schwungvoll wie in Kinowerbung. Betont locker. Das Seidenhemd und der Schal wehten leicht im Wind seines Schwungs. Der falsche Mann am falschen Ort. Er hatte sich verlaufen. Was suchte er? Miami Vice?

Sein Blick: Überlegen.

Niemand erwiderte ihn.

Niemand: Ich weiß auch nicht, was der Mann hier will.

Ich: Aber sein Erscheinen muss doch einen Grund haben!

Niemand: Naheliegend wäre, dass auch er etwas lernen möchte.

Ich: Aber deshalb so ein Outfit? So ein Auftreten?

Niemand: (ironisch) Wer schön ist muss was lernen!

Ich: Das heißt: Wer schön sein will muss leiden!

Niemand: Achso? Aber, wo leidet der Mann?

Ich: Hat er das schon hinter sich?

Niemand: Das ist es! Genau. Und jetzt will er noch was lernen!

Ich: Achso!

 

Die vier jungen Mädchen. Bunt, leicht bekleidet, wie zu einer Vergnügungsparty. Jubelnd schwirrten sie um den Mann herum. Kreischen, Lachen. Ein Sägen an den Nerven. Zur Feier des Tages: wasserstoffblonde Perücken! Sie ließen sich neben dem angebeteten nieder. Mehrere Wangenküsschen.

 

Mark blieb nicht ruhig. Die Zeitung schlug er zu. Die Arme verschränkte er. Lehnte sich im Stuhl zurück. Versuchte eine herablassende, ein wenig genervte Beobachterposse. Der Manager einer Schallplattenfirma, der sich den ganzen Tag lang schlechte Sänger anhören musste. Die nächsten fünfzig standen noch draußen.

Mark aus der hinteren Reihe in die erste: „Mir ist plötzlich schlecht. Ich glaub gleich muss ein verkotztes Seidenhemdchen wieder Heim gehen!“

Die Frauen gackerten, plärrten und kreischten. Sie biederten sich an. Helmuth Hauch war daran gewohnt. Brauchte er das? Mark überhörte er. Der stand auf. Legte die Schultasche auf den Tisch. Ging vor. Nah an Helmuth Hauch vorbei. Dort würgte er. Ging langsam weiter, verließ den Raum. Wortlos. Genervt.

Plötzlich trat Ralf auf. Seit einigen Minuten lag er, einen Cowboystiefel auf dem Knie angewinkelt, im Stuhl. Die Szene begutachtend. Der Besucher in einem miesen Theaterstück. Gehen wollte er nicht. Laut und deutlich brüllte er aus der letzten Reihe vor:

„Hey Hauchi! Wir brauchen hier keinen Graf Kotz mit Harem! Wenn du mit deinen Leibeigenen hier rummachen oder rumsabbern oder nur rumalbern willst, kannst du dich in deinen Protzerbunker nach Bogenhausen verzischen! Hier läuft die Sache anders! Klar?“

Überraschte Blicke wegen so viel Klarheit. Der ruhige Ralf plötzlich aggressiv, aufgeregt, zynisch, ironisch, motzig.

Die Worte konnte Helmuth Hauch nicht überhören.

Die Zimmertür öffnete sich in dem Moment, als er aufstand und sich Ralf zuwandte. Herein kam Mark. Seine Zeitung unterm Arm ging er auf Helmuth Hauch zu. Aus kurzer Distanz blickte er dem inzwischen rot angelaufenen gehässig ins Gesicht. Leise, deutlich sprach er: „Ich hasse Protzer! Ich hasse Spießer! Ich hasse den Geldadel, der von geerbter Kohle lebt! Kapiert?“

Helmuth Hauch wollte zur Antwort ansetzen. Mark war noch nicht fertig:

„Deshalb sehe ich nicht ein warum ich wegen dir nervigem Goldklunker das Zimmer verlassen soll. Du wirst draußen warten! Dort ist genug Platz um mit deinen Goldbatzen zu protzen. Dein Harem kann dich begleiten.“

Helmuth Hauch darauf ruhig:

„Darf ich das als Beleidigung verstehen?“

Mark aufgesetzt freundlich lächelnd:

„Wie Sie das verstehen mein Herr, vermag ich nicht zu sagen. Ich jedenfalls fühle mich wegen ihres überzogenen Gehabes gewaltig beleidigt. Also entweder zurückhaltend, am besten gar nicht protzig, oder vor der Tür draußen weitermachen! Klar?“

Noch bevor die Situation eskalieren konnte ging die Tür erneut auf. Gephart, der Mathematiklehrer trat mit drei großen Schritten ein. Er beachtete weder Mark noch Helmuth Hauch, noch die anderen Schüler. Seinen Silberkoffer stellte er auf seinen Tisch. Daumen dran und „klack“, das Schloß sprang auf.

Sofort roch Julian einen neuen Duft. „Fleecy Clouds In Paradise“ mischte sich mit „Cold Dirty Sunrise“. Der Grundgeruch nach frischer Wandfarbe und Teppichboden blieb. Julian öffnete ein drittes Fenster. Der Griff hielt diesmal was er versprach.

Mark stand noch neben Helmuth Hauch in der ersten Reihe. Er blickte zu Gephart, lachte wieder aufgesetzt diesmal etwas verzerrt. Plötzlich zerklirrte die aufgesetzte Freundlichkeit wie dünnes Fensterglas. Herein strömte eisige Kälte.

Laut, knapp, abgehakt, militärisch brüllte er, als stelle er einen Trupp von hundert Unterwürfigen vor: „Grüß Gott Herr Gephart!“ Der so begrüßte nickte. Wühlte weiter in der Aktentasche. Sagte nichts.

Beachtete niemand.

Niemand: Was ist jetzt das?

Ich: Unser Mathematiklehrer Gephart!

Niemand: Was will der hier?

Ich: Uns Mathematik lehren.

Niemand: Was sonst noch?

Ich: Nix weiter.

Niemand: Aha!

Mark ging zurück in die letzte Reihe. Setzte sich. Auch Helmuth Hauch und Gephardt saßen. Endlich fand der was er suchte. Ein weißes Blatt. Jetzt der erste Blick in die Reihen. Kurz, knapp:

„Wer da ist meldet sich zu Wort!“

Entönig und deutlich leierte er die Liste mit Namen herunter.

Danach erhob er sich wortlos. Ging zur Tafel. Malte einen Stundenplan hin. Das tat er sehr schnell. Er schien wenig Zeit zu haben.

Dann saß er wieder, zog ein weiteres Papier heraus.

„Mit dieser Bücherliste begeben Sie sich um elf Uhr auf Zimmer 310. Ich lasse die Liste hier liegen.“

Jetzt ging er wieder zur Tafel. Sprechend:

„Wer den Plan noch nicht fertig notiert hat kann dies nach der Stunde tun. Wie Sie dem Stundenplan entnehmen können, haben wir nun Mathematik.“ Er klappte die Tafel zu. Jetzt hörte er nicht mehr auf zu reden.

Niemand hörte genau zu.

Niemand: Integralrechnung.

Ich: Aha!

 

Gephart war ein kühler, absolut distanzierter Typ. Julian fühlte, seit Gephart das Zimmer betrat, eisige Kälte. Die Temperatur viel um mindestens fünf Grad. Durch sein Eintreffen verhinderte er zwar eine Eskalation. Dieser Zufall war aber nicht sein Verdienst.

„Er grüßt nicht, er verabschiedet sich nicht. Er leiert seine mathematischen Vorträge Stunde für Stunde runter. Er betont zwischendurch immer wieder, dass alles, was er erklärt absolut logisch ist. Auf Rückfragen von Schülern reagiert er vorwurfsvoll: es ist klar, dass wer zuhause nichts tut und lernt, in der Schule auch nichts kapieret. Oder er sagt: „was Sie fragen, ist völlig überflüssig, es wurde bereits einige Stunden zuvor ausführlich erklärt, sie sollten lieber mehr zuhause lernen, als hier dumm zu fragen“. Dafür wird er bezahlt.“

 

Der einzige in der letzten Reihe, der die Dinge, die Gephart erklärte verstand, war ich. Gephart fragte immer mich, weil er wusste, ich verstand. Das war mir peinlich. Die Gruppe war da. Die motzte zwar nicht, aber es gab sie, das reichte. Nach der dritten Mathematikstunde sagte ich deshalb:

„Hey Leute, es sieht so aus, als kapiert ihr nichts. Ich kapiere alles, also hab ich mir überlegt, dass ich euch Nachhilfe gebe! Ok?“ Die Angesprochenen lachten. Meine Idee: ein Witz?! Den Irrglauben rückte ich ins rechte Licht:

„Ich mache keinen Witz Leute, das ist mein Ernst! Am besten wir treffen uns ab und zu Nachmittags bei jemandem von euch. Da erklär ich das Mathezeug nochmal!“

Julian sprang auf diesen Vorschlag an. Er, der am wenigsten verstand, dachte, dies könnte die Rettung für Nils Scherer in diesem Schuljahr werden.

„Ich bin dabei! Eine super Idee! Ich kapiere hier nämlich nichts mehr!“

Eine vernichtende Selbsteinschätzung. Spontan schlossen sich alle in der letzten Reihe an. Soviel Offenheit öffnete Türen. Euphorie breitete sich aus. Wöchentlich Nachmittags wollte man sich bei Nils Scherer treffen. Der wohnte zentral und hatte Platz.

Julian war nicht Nils, er traf sich mit mir.

So kam es, dass Julian an einem verregneten Oktobernachmittag die gesamte letzte Reihe in seinem Zimmer erwartete. Auf mein Läuten, das ich nicht hörte, tat sich nichts. Ich wusste, dass sich die Wohnung im Hinterhaus befand. Auf erneutes Läuten, nach einer knappen Minute, erwartete ich kein Klingelgeräusch mehr. In diesem Moment summte es. Sofort warf ich meine Schulter fest gegen das braune, Meter hohe Holztor.

 

Im Innenhof warf ich einen kurzen Blick nach oben. Nils wohnte im fünften Stock. Mein Blick streifte das oberste Fenster. Das dauerte nur einen Bruchteil einer Sekunde. Er war es. Hinter der schmutzigen Fensterscheibe stand er und blickte hinunter. Meinen Blick bemerkte er. Sofort verschwand er vom Fenster.

Der Innenhof war grau und uninteressant. Rechts und links: graue hohe Mauern, kein Zugang, keine Sicht in die Nachbarhöfe. Pflastersteine. Mülltonnen, sauber aufgereiht. Fahrräder unter Blech. Darauf: prasselnder Dauerregen. Dicke Tropfen. Die klatschten im Hof.

Ähnlich sah der Innenhof vor vierzig Jahren aus. Die Fahrräder waren nicht so bunt. Die Aschentonnen waren aus grauem Blech. Menschen, die sich durch den Hof bewegten, kamen über Trümmerhaufen. Die lagen überall. Sie rauchten. Von vielen Häusern stand nur noch die graue Fassade. Wie durch ein Wunder blieb dieses Haus unzerstört. Die Nachbargebäude waren zerstört. Der Geruch von Feuer, verbranntem Holz, verbrannten Leichen lag im Innenhof. Elektrizität gab es nicht mehr, die Wasserleitungen waren geborsten. Die SS-Truppen jagten zwischen den Trümmern immer noch hinter Menschen her. Die waren in diesen Tagen alle gleich. Sie hatten nur ihr Leben. Trotzdem agierten die Nazis weiter. Das Ende sollte jeden treffen. Jetzt auch die, die sie nicht willkürlich zu anderen machten.

Die Eingangstür in das Hinterhaus war unverschlossen. Die Holzdielen im Treppenhaus knarrten. Es roch nach Kartoffelsuppe. Woher die Kartoffeln? Wer hatte sie erstanden? Wer hatte noch Zigaretten, um sie ein zu tauschen?

In Keller und Speicher lebten Juden. Der Geruch kam von oben. Die Flüchtlinge konnten das unmöglich sein. Immer noch war deren Leben gefährdeter als das aller anderen. Soforthinrichtungen der Alltag. Denunziation der Alltag. Täglich streiften Suchkommandos durch die Schutthaufen. Woher sollten die Kartoffeln haben?

Die Treppe stieg ich hinauf. Langsam. In Erwartung eines vergnüglichen, unterhaltsamen Nachmittags. Dem Suppengeruch folgte ich. Wer ihm damals folgte hatte Hunger und Angst. Kriegsangst, Angst vor den Nazi-Mörder-Trupps, Angst vor den Bomben der Befreier. Tägliche Leichen. Schreie der Gehetzten. Menschen vogelfrei. Unvorstellbar. Welche Gründe? Warum sich heute wegen des Kartoffelsuppengeruchs hineinversetzen in Menschen, die damals in diesem Haus lebten?

Ganz oben, der fünfte Stock. Der Kartoffelsuppengeruch kam von rechts. An der rechten Wohnungstüre stand in altdeutscher Schrift: „Maier“. Die linke Tür öffnete sich.

 

Nils begrüßte mich, er lotste mich durch einen unbeleuchteten winzigen Hausflur in sein Zimmer. Trotz der Dachschrägen, neben dem Fenster, war sein Zimmer groß. Die Wände waren kahl und weiß. Nils kein Freund von Bildern?

Der dunkelbraune Teppichboden sah nach unempfindlicher giftiger Chemie aus. Schmutzabweisende Kunstfaser. Die Möblierung war spärlich. Ein braunes Kunstledersofa, ein dunkelbrauner ovaler, Mahagoniwohnzimmertisch, drei unsystematisch herumstehende unterschiedliche alte Holzstühle. In der linken Ecke ein Doppelplattenkocher. Ein Waschbecken neben der Tür. Daneben ein deckenhoher brauner Schrank und vor dem Fenster, durch das man bei schönem Wetter den blauen Himmel sehen musste, ein brauner kleiner Schreibtisch. Auf dem stand eine alte Schreibmaschine mit eingespanntem Bogen Papier.

 

Nils bat mir Platz auf dem Sofa an. Er bot Bier, Wasser, Tee, Kaffee und Milch an. Ich sah auf meine Uhr, die zeigte Viertel vor Vier.

„Für ein Bierchen noch etwas zu früh am Tage. Wenn du einen Kaffee hättest, wäre ich gut bedient.“

Nils: „Ein Bier zu dieser Uhrzeit ist reine Einstellungssache.“ Er zog eine Tasse aus dem Schreibtisch. Darin goss er Instantkaffee auf.

Der Lebensstandard von Nils schien niedrig. Im Raum sah ich kein Fernsehgerät, keine Stereoanlage. In einer Ecke lag ein verstaubter alter Kassettenrecorder. Daneben stand ein grauer Plattenspieler, sechziger Jahre. Der Recorder diente als Verstärker für den Plattenspieler. Kabelwirrwar zwischen den Geräten. Nils sah meine Aufmerksamkeit und fragte, ob er etwas „Sound ein-tapen“ dürfe. Meine Antwort wartete er nicht ab. Schon kniete er vor dem Plattenspieler und zog aus einer blauen Hülle eine Scheibe.

Ein helles Knistern. Die ersten Töne. Gitarre, kaum hörbar im lauten Knistern.

„Once upon a time in the west.“

Es ging um die Musik dieser Band. Unsere Vorstellungen darüber, wie sie vor nicht sehr vielen Jahren in Londoner Clubs und kleinen Pubs vor wenig Publikum spielte. Begeisterung im Publikum wegen dem Sound, wegen der Atmosphäre. Freunde, keine kreischenden Fans. Nebel, Zigarettenqualm. Klatschen, freudiges Lachen im Publikum. Höchstens hundert Leute. Überschaubare Begeisterung, keine Massenhysterie. Atmosphäre.

Auf der Bühne: Leute, wie du und ich. Sie spielten und das machte Spaß. Sie bewegten sich im Rhythmus ihres Sounds. Sie lachten dabei. Sie stammten aus einem dreckigen kleinen Vorort. Arm und grau. Alltag. Morgens Kälte, Abends Finsternis. Trott.

Irgendeine Perspektive? Was ist das?

Musik! Vier Typen in einer feuchten Garage. Oder war es ein Keller? Egal. Jeden Tag fast. So oft es ging. Hoffnung. Noch keine Perspektive. Daran dachte niemand. Draußen: qualmende Schlote, grüne Landschaft, grauer Himmel, Gestank, lange Wäscheleinen, schwarze Regenwolken, hohe Häuser. Drinnen: Schlagzeug, Baß, Gitarre, Verstärker, Mikros, Gesang, Modergeruch.

Die vier Typen: völlig normale Menschen. Gestern noch in der Schule oder in der Fabrik. Nicht gedresst, nicht gestylt. Nicht verrückt. Noch nicht? Geld für Zigaretten: ja. Geld für neue Saiten: ja. Geld für neue Drummsticks: ja. Geld für ein Mikrokabel: ja. Geld für Cola: nein. Geld für neue Klamotten: nein.

Völlig normale Leute also. Was sie machten? Fast nichts. Zumindest nichts besonderes. Musik.

Romantik in der Garage? Nein Moder.

 

„Ich würde gerne ein Instrument engagierter lernen. Vom Rumgestümpere auf der Gitarre wegkommen.“

„Es ist schwer, vom Rumgestümpere weg zu kommen“, sagte Nils.

Er schenkte mir ungefragt in ein ehemaliges Senfglas ein Bier ein. Er stellte es vor mir auf den braunen Tisch. Er saß auf einem alten grünen Holzstuhl von dem der Lack abblätterte.

Er sprach kaum etwas. Er schien froh, dass ich soviel zu sagen hatte. Die Situation war ungewohnt. Wir saßen schon lange nicht mehr zu zweit und redeten.

Gespräche in der Gruppe waren die Regel. Sie bot Schutz.

„Where do you think you’re going?“

Ich: „Das weiß ich noch nicht genau. Wenn ich den Abschluß habe, kann ich studieren. Da gibts einige Möglichkeiten.“

„Communiqué.“

Nils: „Komisch, warum tust du etwas, wovon du nicht weißt, was du eines Tages damit anfangen wirst? Ich habe dich zielstrebiger, zielorientierter eingeschätzt. Ich dachte, du würdest deinen Weg genau planen und ihn heute schon kennen. Das ist bei vielen Leuten so. Hab mich wohl getäuscht.“

Ich: „Eben. Das ist die Frage. Die Täuschung. Der Anschein. Das Vormachen. Was ist das eigentlich?“

„Ladywriter on the TV.“

Nils schwieg. Ich antwortete mir selbst: „Ein Prinzip, das mich bisher durch’s Leben brachte. Anderen stets vermitteln, man wisse schon was man wolle und warum man etwas wolle. Das man stark ist. Die Wahrheit einzugestehen ist in unserem Leben meist unwichtig. Taktisch praktisch völlig daneben! Man gibt sich zu viele Blößen. Unmännlich. Nicht nur bei manchen Frauen vergibst du so deine Chancen. Man frage: was sind das für Damen?

Unklarheit und Unsicherheit sind scheiße! Du musst wissen, was du willst. Beispielsweise beruflich. Sag, du wirst Betriebswirt und alle sind zufrieden. Keiner bohrt weiter. Egal ob du das wirklich werden willst.“

 

Julian kniete neben dem Plattenspieler, drehte die Schallplatte um. Er dachte an Nils: vermutlich war Nils genau so ein Typ. Warum kam Nils zu ihm in die Berge, anstatt weiter mit seinen Kumpels in den Urlaub nach Griechenland zu fahren? Nils musste so ein Typ sein, der nicht wusste, was er will. Wer sonst würde sich auf einen Rollentausch einlassen?

„Angel of Mercy.“

Nils war so. Er hatte keine klaren Ziele vor Augen. Er war taktisch. Bedankte sich für alles. Wich aus. Suchte Ruhe. Er sagte immer was er wollte. Er gab es vor. Angabe. Praktisch völlig daneben!

Er sagte: „Ich werde Betriebswirtschaft studieren!“ So hatte er Ruhe, keine weiteren Fragen. Er sagte: „Ich fahre mit euch nach Griechenland, toll!“ Ruhe, keine weiteren Fragen.

Doch plötzlich sagte er: „Weiß noch nicht, ich fahr glaub ich nicht mit!“ Keine Ruhe mehr. Jetzt musste er handeln.

 

Julian fragte mich: „Und diese Leute, von denen du gerade gesprochen hast, die nicht wissen was sie wollen, was machen die den ganzen Tag? Die können sich doch nicht die ganze Zeit damit beschäftigen, so zu tun als wüssten sie genau, was sie wollen. Ich meine, auf welche Art versuchen sie heraus zu finden, was sie wollen?“

Darauf antwortete ich: „Das lässt sich pauschal nicht sagen.“

 

Das Gespräch war zu offen. Klar, ich hatte das forciert. Aber: das war nicht Nils. Er hätte blocken müssen. Nils fragt nicht so.

Die Frage galt als zu banal und uncool. Man sprach nicht über solch einfache Dinge.

Trotzdem sagte ich:

„Manchmal hat man verrückte Ideen. Aber eigentlich ist alles klar. Mir fällt zu deiner Frage nichts besonderes ein.“

Nils bohrte weiter, er fragte mich:

„Was sind das für verrückte Ideen?“

„Äh tja, mal überlegen, ob mir da so schnell was einfällt…, ja das geht halt in die Richtung, sich zu wünschen, nicht mehr sich selbst zu sein, sondern jemand anderes“.

„Single handeld Sailor.“

Jetzt runzelte Nils die Stirn. Er sah mich mit starrem, fixierendem Blick an. Nils lehnte sich in seinem grünen Stuhl zurück. Er schien auf etwas zu warten. Er nahm einen Schluck aus seinem Bierglas. Sein Gesichtsausdruck erstarrt, sein Stirnrunzeln verriet Nachdenklichkeit. Eine knappe Minute verging schweigend.

„Follow me home.“

Als wollte er, dass seine Worte passend zur Musik erklingen, sprach er:

„Ich bin nicht derjenige, für den du mich hältst!“

Jetzt lachte ich laut. Ich hatte schon zwei Bier getrunken. Ich nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas:

„Was soll das heißen?“

„Du hältst mich für Nils, deinen Schulfreund, der ich nicht bin! Ich habe ihn bei meinen Schafen im Gebirge gelassen. Ich bin Julian ein österreichischer Schäfer. Mein Hobby ist die Maskierungskunst.“

In meinem Kopf klickte nichts. Ich dachte nicht ans Café Notfall und meine Zweifel zurück. Stattdessen verdeckte ich meine Verunsicherung.

„Was hast du dir da in dein Bier gekippt? Schnaps? Bist du besoffen? Du bist nicht Nils? Dann bin ich Gorbatschow! Nein, ich bin Breschnew und sogar von den Toten auferstanden!“

„Du kannst nicht Breschnew sein, denn du siehst nicht aus wie Breschnew! Wenn du aussehen würdest wie Breschnew, würde ich dir trotzdem nicht glauben, denn der ist lange tot! Es gäbe nur die eine Möglichkeit: du wärst wie ich Maskierungskünstler und hättest perfekt das Gesicht von Breschnew nachgeahmt. So wie ich das Gesicht von Nils perfekt nachahme!“

Bei mir klickte nichts. Ich verdeckte weiter.

„Das gibt es nicht! Das gibt es nicht! Du willst mich für verrückt verkaufen!“

„Nein“ sagte der Mensch vor mir. Dabei lachte er. In seinem Gesicht erkannte ich das mir wohlbekannte typische Nilslächeln: „die Welt ist ein Theaterspiel, die reinste Maskerade! Alles ist der absolute Witz, reiner Humbug! Jeder kann sein wer er will, das siehst du doch jeden Tag. Ich hab’s auch schon beinahe vier Wochen mit angesehen: wichtig ist hier nicht wer man wirklich ist, sondern wie man sich gibt! Ist doch ein alter Hut hier oder? Wenn man sich großkotzig gibt, dann ist man eben Mister Großkotz, siehe Helmuth Hauch!“

„Falsch !“ hakte ich hier ein: „Mister Großkotz kann nur sein, wer genügend Kohle hat, nur dann kann man sich das Großkotzigsein leisten! Wer es ohne das notwendige Kleingeld versucht, fällt schnell auf die Schnautze. Das passiert oft genug. An Käufern ohne Geld kann man Millionen verdienen. Überhaupt kann ich dir nicht zustimmen! Wichtig ist nicht in erster Linie, wie man sich gibt, sondern, zunächst ist wichtig, was man sich leisten kann, davon hängt ab, wie man sich geben kann. Klar?“

Julian war einverstanden. Er räumte ein, die exakten Zusammenhänge noch nicht so genau begriffen zu haben. Aus dem Bierkasten neben dem Schreibtisch zog er die dritte Flasche. Er öffnete sie geübt mit seinem Feuerzeug.

„Hast du das Öffnen der Flasche mit dem Feuerzeug im Urlaub im Gebirge gelernt? Das konntest du doch bisher noch nie.“

„Aha! Die erste Wirkung. Deine Wahrnehmung selektiert anders! Du erkennst Dinge an mir die nicht so sind wie du sie von Nils kennst. In meinem Verhalten ist das wahrscheinlich am schnellsten erkennbar. Wenn du dich bemühst und du sehen willst, dass ich nicht der bin für den ich gehalten werde, wird es dir gelingen!“

Er drückte mir die geöffnete Flasche in die Hand und fragte: „Was fällt dir noch auf, das anders ist an mir oder in diesem Raum, als du es von Nils kennst oder erwartest?“

Ich musterte die Person vor mir, von der ich immer noch glaubte, es handele sich um Nils.

„Mir ist aufgefallen, dass sich deine Haare, nicht nur in ihrer Länge, sondern auch Farbe und – wenn ich es genau betrachte – vielleicht sogar in ihrer Form, verändert haben.“

„Kein Wunder, denn es sind meine Haare und nicht die von Nils!“ Julian fuhr sich, in einer für Nils völlig untypischen Handbewegung durch sein Haar.

Ich sagte: „Heutzutage ist es normal, sich seine Haare zu färben und sie beliebig zu verändern. Den Hang zu Hairstyling hatte ich nur bei dir noch nie festgestellt. Für mich war das kein Anlass zur Beunruhigung.“

„Verstehe. Du kennst Nils noch nicht so lange, um zu wissen, dass er sein Haar noch nie färbte. Er ist kein Freund von solchem Veränderungsgeplänkele.“

Ich schwieg.

„Du sprichst meiner Maskierungskunst ein großes Lob aus.“

Ich: „Warum machst du sie nicht einfach ab?“

„Dann ist sie kaputt. Ich kann sie nicht erneuern, hab meine Maskierungsutensilien gestern in der U-Bahn liegen lassen. Wenn ich heute meine Maske zerstöre, muss ich morgen demaskiert, als Julian der Schäfer in die Schule gehen.“

Ich war verunsichert. Vielleicht war es tatsächlich nicht Nils.

Julian: „Ich sehe einige Probleme auf mich zu kommen.“

„Welche?“

„Ich hab mich verliebt!“

Ein neues Thema! Ich verdeckte weiter. Ich lachte und sagte: „Oh Gott! Das ist ja schrecklich!“

„Das ist es auch! Denn ich glaube, sie liebt mich auch!“

Jetzt lachte ich nochmal, heftiger:

„Das grauenvollste, das es gibt auf der Welt!“

„Es ist Christine.“

„Ach was? Wirklich?“ Ich lächelte weiter.

Nils sah mich ernst an. Keine Freude im Gesicht.

„Sie liebt Nils Scherer.“

„Is ja unglaublich!“ Leider lachte ich nochmal.

„Jetzt nimm mich mal etwas ernster! Wenn du mir schon nicht glaubst, dass ich ein anderer bin, dann stell es dir zumindest mal vor!“

Jetzt lachte ich nicht mehr: „Echt grausam die Vorstellung!“

„Tja, wirklich extrem dramatisch: Nils Scherer, verliebt in eine Frau, die er Klassenkameradin nennt!“

Ich: „Und er weiß davon nicht das Geringste!“

„Ein Desaster! Christine hat keinen blassen Schimmer!“

Ich: „Davon, dass du gar nicht Nils bist! Echt dramatisch die Vorstellung! Nicht zu wissen, wen man begehrt.“

„Bin ich ein Schwein?“

Leicht lächelte ich, es ging nicht anders wegen der Vorstellung.

„Wenn man die Sache so sieht: ein gewisses schon!“

„Aha, dachte ich’s mir doch!“

„Was?“

„dass ich mit der Zivilisation Probleme kriege. dass Nils dramatische Schilderungen in den Bergen stimmen könnten.“

Ich stöhnte, konnte wieder leichtes Lächeln nicht unterdrücken: „Tja, das zivilisierte Leben! Schwierig, schwierig. Leicht geräts aus den Fugen. Vor allem, der Unterschied zwischen den Geschlechtern! Ein ewiges Drama!“

„Du nimmst mich immer noch nicht ernst!“

Ich, nippte am Glas: „Äh, tschuldige!“

„Jetzt versetz dich endlich mal in mich, verdammt!“

Jetzt hatte ich die Idee. Ich stand auf, hob mein Glas und sagte:

„Ich hab es! Ich versetz mich in Christine!“

„Aha!“

Ich: „Ich lieb dich gar nicht! Was soll das? Kurzes freundschaftliches Küßchen hier und da, das war’s. Das ist nicht Liebe! Normale Gespräche! Sonst nix!“

„Glaubst du wirklich?“

„Ich bin Christine, ich weiß es. Das übliche Problem mit den Männern!“

„Äh, was für ein übliches Problem?“

„Sie nehmen Frauen nicht ernst!“

„Wie bitte?“

„Tja, sie glauben einfach nicht, dass Frauen, die keinen Wert auf Smalltalk legen, sondern gerne ernsthafte Unterhaltungen pflegen, nicht mehr wollen. Selbst wenn wir es deutlich sagen, glauben sie es immer noch nicht.“

„Meinst du wirklich?“

„Na klar! Schau dich an! Du glaubst, ich liebe dich, dabei will ich mit dir nur ganz normal reden! Kein Smalltalk, normal, mehr nicht!“

„Das ist unglaublich!“

„Siehste!“

„Sind Männer so?“

„Naja, einige, die meisten halt!“

„Aha!“

„Und plumps! Schon machste dir ein schlechtes Gewissen, wegen einer erfundenen oder eingebildeten Finte: Ich in dich verliebt! Das Drama! Dabei will ich nur keinen Smalltalk, das war alles!“

„Aha!“

„Ich rate dir: handle unkonventionell, wie Nils. Eigentlich kenne ich dich nur so! Keine Panik! Nichts passiert, garnichts! Ich lieb dich nicht! Reine Einbildung. Männerphantasien! Sonst nix!“

„Aha!“

„Du siehst die Frau zu sehr durch deine Mannsbrille: Liebe, Eifersucht, Drama und so weiter! Vergiss es!“

„Aha!“

„Denk mal an: die mag kein unterhaltsames Gelabere, sie sucht vernünftige Gesprächspartner. Sie will Kontakte wie jeder Mensch, nicht gleich Liebe und so weiter!“

„Aha. Is ja kaum vorstellbar!“

„Siehste!“

Julian saß still auf dem grünen Stühlchen. Er dachte nach.

Dann sagte er:

„Vielleicht doch ein bisschen zu einfach!“

Ich: „Gut! Kann sein! Das Leben ist kompliziert! Äußerst! Und das komplizierteste für Männer sind meist die Frauen! Ich weiß, was du sagen willst. Aber: manchmal, ich gebe zu, eher selten, ist es eben nicht so kompliziert. Der Mann verkompliziert es!“

„Aha!“

„Und ich sage dir: tu es nicht! Warum sollte ich dich lieben? Ich erinner dich: ich bin noch Christine! Kein Grund für Liebe! Weil du so ein toller Hecht bist? Pahh! Da gibt es genug! Da gäb ws tausend Fragen, alle kann ich mit „nein“ beantworten! Also: mal ganz einfach: nein ich lieb dich nicht, null!“

„Aha!“

„Immer noch schlechtes Gewissen?“

„Äh, ja!“

„Streichen!“

„Na gut.“

„Meist ist die dritte Möglichkeit richtig:

Sie liebt dich? Falsch.

Sie verliebt sich in dich? Falsch.

Sie denkt nicht daran, sich in dich zu verlieben, geschweige denn, dich je zu lieben? Richtig!“

„Und damit sind Probleme erst gar nicht auf dem Tisch!“

Jetzt erhob ich mein Glas, prostete ihm zu. Klirr! Klirr!

„Richtig!“

 

Es war kein laut eingestelltes Telefon. Es war die Klingel der Haustür. Sofort dachte ich, was man in solchen Momenten nicht denken sollte. Die da klingelt, ist diejenige, über die wir gerade sprachen! Es kann nicht anders sein. Denn so ist das Leben. Dies denkend sagte ich leicht unkontrolliert, lallend:

„Na, wahrscheinlich schaut Ralf noch auf ein Bier vorbei.“

Ralf sagte tags zuvor, als das Treffen vereinbart wurde: „Ich komm nur, wenn’s a gscheid’s Bier gibt!“.

Julian sah auf die Uhr: „Schon halb sieben. Bauernschlau der Bub! Kommt, wenn dein Mathegesülze vorbei ist und das bierselige Beisammensein losgeht!“

„Vielleicht erwarten deine WG-Kumpels noch Besuch?“

Harri klopfte bereits und brüllte, während er den Türöffner im Wohnungsflur drückte: „Jemand für dich Nils?“

Julian riß die Zimmertür auf: „Kann sein, kann auch nicht sein!“

Die Haustür des Hinterhauses knallte ins Schloß. Zu dritt standen wir erwartungsvoll in der offenen Wohnungstür. Wir hörten gemächlich näher kommende Schritte. Knacksende Dielen hallten herauf. Ich sah hinunter, konnte nicht erkennen wer da kam. Julian bewegte seine Finger nervös auf der Bierflasche. Das verriet, dass er gleiches dachte wie ich. Die Schritte waren ganz nah. Sie bog um den letzten Treppenabsatz. Schon lächelte sie uns entgegen. Harri verschwand in sein Zimmer.

„Hallo! Bin leicht verspätet, ich weiß, aber es ging nicht anders!“

Julian: „Ja hallo, grüß dich!“

Ich: „Ja, hi, ich bin grad am gehen, is schon spät, hab noch einiges vor, nach dem lehrreichen Nachmittag heute!“

Christine lachend um Luft ringend: „Aha, habt ihr munter vor euch hin gemathematikt?“

Ich: „Äh, ja, Nils kapiert schnell. Hab ihm ne satte Einzelstunde verpasst!“

Christine: „Die andern Chaoten waren nicht dabei?“

Julian schüttelte die Schultern: „Tja, unsere engagierten Schulfreunde, weißt schon… „

Ich hielt meine Jacke in der Hand. Schüttelte Christines Hand, danach die von Nils.

„Also dann, tschüsi, bis morgen!“

Polternd knarrte ich die Dielen runter.

Julian hörte in der Schule zu.

Am nächsten Schultag zog mich Nils, oder besser gesagt, der Nils, der von sich behauptete ein österreichischer Schäfer zu sein, beiseite.

„Feige, absolut inkorrekt dein Verhalten Gestern! Echt von übelster Sorte, dein zackiger Abgang. Grob daneben!“

Julian rauchend in der Aula: „Aber gut, das scheint das Leben zu sein!“

Ich: „Hin und wieder wird man übel im Stich gelassen! Das stärkt die Persönlichkeit.“

Julian: „Ha, ha, ha. Aber kein Problem! Nach einer Dreiviertelstunde ging Christine wieder. Sie hatte noch was vor.“

„Und, glaubst du immer noch, dass sie dich liebt?“

„Ja, leider!“

„Oh Gott! Des Dramas nächster Akt!“

Julian: „Nein, nein nichts dergleichen. Ruhe bewahren!“

Ich: „Wie bitte? Du willst ruhig bleiben?“

Julian: “ Ja. Können wir nach der Schule reden? Drüben in der Kneipe?“

„Ok! Um halb zwei. Beim Paul Zock, in der Trinkhalle an der Ecke.“

 

Gephart, der Mathematiklehrer trug an diesem Tag ein hellblaues, glitzerndes Hemd. Auf der Rückseite sah ich einen sportlichen Surfer. Der ließ eine schäumende Welle hinter sich. Ein zweiter überschlug sich schäumend. Jedes Mal, wenn sich Gephart zur Tafel drehte, glitzerte der Schaum.

Gephart vergaß zu Beginn des Unterrichtes die Anwesenheitsliste. Mitten in der Stunde viel ihm das ein. Plötzlich verließ er die Differentialrechnung und zog aus dem Klassenbuch ein Entschuldigungsschreiben. Sofia fehlte. Sie kämpfte mit Kreislaufproblemen und Übelkeit wegen ihrer Schwangerschaft.

Gephart fragte: „Wen haben sie zum Klassensprecher gewählt?“ Mark meldete sich.

Gephardt taktisch unklug: „Teilen sie Frau Röter mit, dass derlei Entschuldigungsgründe von mir und der Schulleitung, nicht akzeptiert werden! Wir erwarten von der Dame in Zukunft ärztliche Atteste. Wenn Frau Röter so weiter macht, riskiert sie ein Disziplinarverfahren. Ausschluß aus der Schule nicht ausgeschlossen.“

Gephart, militärisch korrekt und trocken wollte zurück zur Differentialrechnung.

Aber jetzt lief Regine wütend rot an. Ihr ging „das Messer in der Tasche auf“. Zuerst plärrte Mark, taktisch undurchdacht: „Das ist ja eine Unverschämtheit!“ Er stand auf, besann sich kurz anders und fiel in seinen Stuhl zurück.

Regine, taktisch völlig daneben, plärrte:

„Was ist denn das schon wieder für eine Machoscheiße?“

Dann ein schlechter Schachzug, weil zu tiefgründig:

„In zwanzig Jahren sind sie und Meyer pensioniert und kassieren ihre Beamtenrente ab! Steuern, die wir und unsere Kinder berappen müssen! Und heute pöbeln sie hier eine werdende Mutter mit der Schulordnung an! Tolle Militärcourage!“

Gephart interessierte das nicht. Der Tafel zu gewandt erklärte er weiter monoton die Kurvendiskussion.

Deshalb ging hinten die Diskussion richtig los.

Mark: „Der und Meyer haben keine Kinder! Sonst würden sie den Schwachsinn, der angeblich sogar in der Schulordnung verankert ist, nie so unreflektiert unterstützen.“

Christine: „Halt! Glaub ich nicht! Wer mit so protzigen, fetten, spießigen Nobelkübeln durch die Gegend brettert, wie der und Meyer, unterstützt alles!“

Dies war taktisch so schlecht, dass Gephart sich jetzt endlich umdrehte.

Abgehackt sagte er: „Was haben Autos mit dem Thema zu tun? Das sind undifferenzierte Vorurteile von irgendwelchen Pseudogrünen! Die von Atomstrom aus der Steckdose ganz gut leben!“

Plötzlich resümierte Regine: „Verhaltensreflexion von Meyer und Gephart: Note sechs! Ihr Herumgeprotze mit Nobelkarren und schweren Cabriolets: Note eins! Vorbildliches Spießergehabe für Kinder und Jugendliche: Note eins! Spießergesellschaft? Aber gerne! Konsumverhalten? Aber bitte, immer mehr! Militärpädagogik? Na klar, super gut!“

Gepart vergaß jetzt endlich die Differentialrechnung. Er drohte: „Nur weiter so. Ich werde sie wegen Beleidigung anzeigen!“

Mark: „Mit Anzeige drohen. Na klar! Schüler und Schülerinnen mundtot machen! Na klar!“

Regine: „Wenn Frauen ihre Kinder zu einem unpassenden Zeitpunkt kriegen, dann sollen sie eben aus der Schule verschwinden! Schulordnung. Echt toll. Juristisch, nicht angreifbar. Echt ausgeklügelt! Bayernlogik? Einen zu geringen IQ kann man ihnen nicht vorwerfen. Die Zukunft dieses Landes: konservativ, spießig, gut!“

Das Gespräch entwickelte sich zu einem ausgelassenen Meinungsaustausch zwischen Regine, Christine und Mark. Dem Lehrer und den anderen anwesenden Schülern der Klasse schenkten die drei keine Beachtung mehr.

Regine zu Mark gewandt: „Logisch! Da kommt doch eine klare „Grundmessage“ rüber: Frauen haben nur so lange etwas zu melden, so lange sie ihre Pflicht tun. Diese Pflicht spielt sich in der Küche, im Bett und im Haushalt ab! Diese Grundmessage personifiziert sich hier. Abends wird sie auf den Bildschirmen serviert!“

Christine: „Garniert mit wahlkampftauglichen Schlagworten: Chancengleichheit, Frauenförderung, Gleichbehandlung und solchem Popanz! Echt bärig, vielleicht auch bayerisch!“

Gephart intervenierte erneut.

Zuerst sein G 3: „Jetzt reicht es aber!“

Dann der Schützenpanzer: „Ruhe da hinten, oder sie verlassen sofort den Raum!“

Eine Abwehrrakete: „Das gibt einige deftige Verweise!“

Schließlich das Atomwaffenarsenal: „Einen Sammelverweis für alle da hinten!!“

Rolf störte die Atombombe nicht. In seinem Königreich kannte er sowas schreckliches nicht. Übermütig strahlte er:

„Ich finde, ihr stellt das ganze Problem etwas zu vereinfacht dar. Es ist eine komplexe, differenzierte Problematik. Die Grundmessage sehe ich auch. Aber sie wird nicht so subtil rüber gebracht. Man bemüht sich um frauen- und familienfreundliche Sprache. Das Grundgesetz wird angeführt. Deshalb erstaunt Gephart. Ich kann euch sagen: schlechte Taktik dieses Mannes!“

Ralf, ein herb lassender Kaufmann: „Familien und Kinder sind vor allem Marktobjekte! An denen lässt sich super verdienen! Warum meckert Gepi daran rum, dass Sofia ein gewinnträchtiges Marktobjekt kriegt?“

Kaufmännischer Blick zu Gephart: „Was is mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland? Kinder bringen Cash! Später konsumieren sie kräftig!“ Er hob seinen teuren rechten Cowboystiefel und zeigte ihn Gephart.

Mark: „Genau: Millionen lassen sich verdienen: Windeln und der ganze Plastikfirlefanz! Spielzeug, Schulranzen, Wohnungsmieten und so! Warum das Gemotze mit ihrer Schulordnung?“

Regine: „Schließlich sollen auch wir keine Meckermäuler werden! Der Präsident hat’s gesagt, in seiner letzten Weihnachtsansprache! Und in der nächsten wiederholt er es! Wir sollen froh und dankbar sein in diesem Lande überhaupt leben zu dürfen. Wir sollen Leistung bringen! Komplizierte Wirtschaftsstrukturen sollen wir nutzen können. Aber wir sollen nicht zu tief schürfen. Skandale hat das Land genug.“

Christine zynisch: „Also Leute, kommt, verbeugt euch ehrfürchtig! Zeigt angemessene Dankbarkeit für das Glück, das euch Bildung hierzulande beschert! Und werdet keine Mütter, nicht zu früh!“

Regine: „Genau! Erst die Bildung, dann Kind und Herd!“

Gephart gab es auf. Er saß auf seinem Stuhl hinter seinem Aktenkoffer. Er hörte den einzelnen Stellungnahmen mit versteinerter Mine zu. Dann verließ er den Raum. Das Gespräch ging weiter.

Erst das Läuten zur Pause beruhigte die Gemüter.

Mark zum Abschluss: „Der Feigling räumt das Schlachtfeld, das er selbst eröffnete! Was für eine Taktik?“

Die Reaktion des Feiglings folgte später. Postalisch. Schriftliche Verweise und Abmahnungen für die letzte Reihe.

 

Donnerstag Abend im Cafe Notfall:

Mark investierte sein Geld in eine Flasche Sekt. Mit der stieß er auf die „Kommunikationskultur“ in der Klasse an. Es folgte ein kurze Tischrede.

Er betonte, dass die Schulleitung und der Klassenleiter froh sein sollten, es mit solch engagierten, gesprächsbereiten, differenzierten, denkenden Schülern zu tun zu haben. In wenigen Jahren werde das mit Waffen geregelt.

Dann sprach er von „Konsumscheiße“ und der „Verblödungstaktik der elektronischen Medien“.

Desinteresse mache sich breit.

Dann: die Gesellschaft ein „auseinanderdriftender Haufen“, in der sich jeder das „heraus grapsche“, was er ergattern könne.

Und: Aber immerhin ein Rechtsstaat! Alles geschehe auf dem Boden von Legalität und Rechtmäßigkeit. Vertuschung, und Taktik, das Wichtigste.

Dreck am Stecken? Gewohnheit. Kein Bürger regt sich über „korrupte Kleinigkeiten“ auf. Höchstens ein paar „linke Kritzler“. Zurückzahlen? Pahh! Nicht bevor der Tod eintritt.

Mark: „Wer will schon tote Menschen, die heute noch als tolle Menschen gelten, im nach hinein wegen deren korrupter Absahnerkleinigkeiten auseinandernehmen? Auf solche Transparenz legen die Bürger später keinen Wert mehr. Jahrestage und Staatsakte würden dadurch gestört. Wir brauchen aber Harmonie!“

Das war die Politik, von der Nils sprach. Eindeutig, dachte Julian.

Trotz der erteilten Verweise und Abmahnungen der Schulleitung war die Stimmung an diesem Abend ausgelassen und die Diskussion wie immer ausufernd.

Julian wollte wieder Nach Hause.

Der Nachmittag in der Kneipe bei Paul Zock an der Schulhausecke.

Julian: „Ich werde dich in meine Situation einweihen. Ich liebe Christine, das weißt du. Das werde ich in den nächsten Wochen niederbügeln.“

Ich: „Aha!“

„Ich kann eh nicht mehr lang in München bleiben, wegen meiner verlorengegangen Maskierungsutensilien. In der ersten Novemberwoche fahr ich nach Österreich. Das Spiel wird mir hier zu viel. Ich kenne jetzt, was ich sehen wollte.“

„Was meinst du damit?“

„Die Stadt, die Leute, die Liebe.“

„Aha!“

„Du glaubst mir immer noch nicht, dass ich nicht Nils bin?“

„Ja! Äh, nein!“

„Ok, versteh ich. Verunsicherung und so. Kein Problem.“

 

Nils kam nicht mehr ins Notfall.

In der Schule verhielt er sich unauffällig. Seine beiden letzten Wochen dort verliefen turbulent. Die Schulleitung und Gephart versuchten Mark, im Rahmen eines Disziplinarverfahrens, wegen Mißbrauchs der Klassensprecherfunktion, Beeinflussung der Schüler, politischer Agitation und Herausgabe einer nicht genehmigten Schülerzeitung, vom Besuch der Schule aus zu schließen. Das gelang nicht.

Die Schülerzeitung wurde außerhalb des Schulgeländes von vermummten Personen in regelmäßigen Blitzaktionen verteilt. Keine Namen. Echt feige. Deshalb keine konkreten Beweise.

Im Unterricht sprach Gephart nur noch mit den jungen Mädchen und Helmuth Hauch in der ersten Reihe. Er mied jeden Blickkontakt in die letzte Reihe. Er zog seine Mathematikstunden, begleitet von hektischem Gekritzel an der Tafel, durch. Die Anwesenheitsliste führte er nur noch schlampig. Nach der Anwesenheit von Sofia erkundigte er sich nicht mehr.

Mark: „Sehr gefährlich die Situation. Angespannt.“

Ein Blitzverfahren gegen die schwangere Sofia wurde in ihrer Abwesenheit durchgeführt. Von ihr wurden nur noch ärztliche Atteste akzeptiert.

Mark: „Wo sich irgend welche rechtlichen Schritte gegen irgend jemanden einleiten lassen, wird dies geschehen.“

Deshalb vielen die Äußerungen zum Schulgeschehen sowohl von Mark als auch allen anderen in der letzten Reihe, nur noch sehr spärlich aus.

Julian und ich am Donnerstag vor dem Allerheiligenwochenende.

Nils war drei Minuten nach Unterrichtsbeginn noch nicht anwesend. Eine Doppelstunde Mathematik. Gephart überflog flüchtig die Anwesenheitsliste. Er warf plötzlich einen Blick in die letzte Reihe. Das war ungewöhnlich. Überraschend fragte er:

„Wo ist denn der Lächler geblieben?“

Christine verstand, wen er meinte. Sie brüllte sofort:

„Seit wann belegen sie Schüler mit abqualifizierenden Spitznamen?“

Mark: „Lass nur, der Typ ist doch sowieso..“, hier brach er den Satz ab. Er bemerkte, dass Gephart eine neue Strategie anwandte. Er wollte provozieren bis jemand aus der letzten Reihe beleidigend werde.

Mark wütend, sprang auf, ging schnellen Schrittes auf die Zimmertür zu. Er musste raus. Um draußen gegen die Betonmauer zu schlagen. Gephart: „Wohin mein Herr?“ Mark ignorierte das. Die Tür stieß er mit einem festen Ruck auf. Von draußen ertönte ein lauter Schrei. Eine unbekannte Stimme. Der Klang von Julian dem Schäfer. Der wollte gerade eintreten. Mark laut: „Oha, sorry!“ Julian kam rein. Mark ging raus. Julians Nase von der Tür getroffen. Mit der Rechten hielt er sie.

Gephart, schadenfreudig grinsend: „Na, da is er ja“.

Julian fragte wütend:

„Seit wann duzen Sie mich?“

Jetzt der Fehler: er ließ die Hand von der Nase.

Der linke Nasenflügel viel herab. Er hing an einem Maskenfetzen und baumelte hin und her.

Kreischende Aufschreie in der ersten Reihe.

Ein weißer heller Fleck auf Julians Nase.

Das Kreischen wurde lauter. Das beunruhigte Gephart. Er sah Julian von Hinten. Erhob sich aus seinem Stuhl. Wollte den Grund des Geplärres sehen.

Julian hielt das für normal. Dachte, das Kreischen habe schon irgend einen Grund. Er ging weiter, als sei nichts.

Das Gekreische der Mädchen und Helmuth Hauchs ging deshalb weiter. Julian lernte, dass es uncool wirkte, sich in einer unübersichtlichen Situation irgend eine Anspannung anmerken zu lassen. „Cool bleiben. Panik und Aufregung hat selten mit dir zu tun.“ Er ging gemächlich wie jeden Tag durch den Raum. Beachtete das Geplärre um ihn herum nicht.

Ich sprang auf, schritt auf ihn zu und deutete mit meinem Zeigefinger auf meine Nase. Er verstand, berührte seine Nase. Dabei blieb er am hängenden Flügel hängen. Der riss ab und viel zu Boden. Das Gekreische wurde höher und lauter.

Ich stand dicht vor ihm, bückte mich, hob das heruntergefallene Teil auf. Julian legte die Hand auf die Nase. Ich rief, während ich den Nasenflügel in meine Jackentasche steckte:

„Hey Nils, bei dem Crash an der Türe is was passiert. Ein krasser Nasenbeinbruch! Nix wie ab ins Krankenhaus! Komm wir verduften!“

Gephart, erkannte immer noch nicht, was geschah. Er stand noch immer hinter ihm. Er versuchte Nils von hinten zu packen, vermutlich um ihn um zu drehen und in dessen Gesicht zu sehen. Ich griff Nils an seiner zweiten, noch freien Hand. Zerrte ihn mit einem festen Ruck zu mir. Drückte ihn schnell an der Schulter runter. Ich bückte mich. Gephart grapschte ins Leere. Ich schob einen Stuhl zu Gephart. Zog Julian über einen Tisch, den ich überstiegen hatte. So kamen wir an Gephart vorbei. Der kämpfte noch mit dem Stuhl. Ich zerrte Nils zur Tür. Die war schon von Mark, der wieder eintreten wollte, geöffnet. Ich schrie. „Komm wir fahren schnell ins Krankenhaus, mein Auto steht unten! Jetzt blutest du ja wie die Sau!“

Dann zerrte ich Julian vor mich, drückte ihn durch die Türe. Endlich verstand auch Julian, dass schnelles Verschwinden notwendig war. Wir rannten die Treppe runter. In der offenen Eingangstür stand Meyer. Sein Sport war es, Schüler die Morgens zu spät erschienen, zur Rede zu stellen. Er fragte: „Was ist denn jetzt los?“

Ich rief: „ein Notfall!“

Wir rannten vorbei, schubsten ihn leicht zur Seite. Im U-Bahnhof stürmten wir in die Toilette. Gemeinsam sperrten wir uns ein. Außer Atem zog ich das Teil seiner Gesichtsmaske aus meiner Jackentasche und sagte:

„Ok, ich glaube dir! Das hier sieht wirklich nach Maskerade aus. Wir müssen das Ding schnell wieder in deinem Gesicht anbringen und von hier verduften.“

„Das wird nicht so leicht gehen“, sagte Julian, dem ich den Nasenflügel an die Nase hielt.

„Wie wäre es mit Ankleben? Ich habe immer ein Stück Pflaster in der Jackentasche. Für krasse Notfälle, wie diesen!“

„Ok, super! Haste auch ’ne Schere?“

 

Julian sah, beim Verlassen der Toilette, aus wie nach einer Notoperation. Mit der U-Bahn fuhren wir in die Wohnung von Nils.

Julian packte eilig seine Tasche. Wir beschlossen mit dem nächsten Zug nach Salzburg ab zu reisen. Der „echte Nils“ musste so schnell wie möglich wieder auf der Bildfläche in München erscheinen. Nur so könnte versucht werden, den angerichteten Schaden so gering wie möglich zu halten. Nach dem Vorfall in der Schulklasse musste jeglicher Raum für wüste Spekulationen vermieden werden. Ich schlug vor, dass der „echte Nils“ in der kommenden Woche mit einem riesigen Pflaster auf der Nase erscheinen soll und dazu „die Story vom Pferd“ erzählen muss. Irgend eine akzeptable Begründung werde dem schon einfallen, dachte ich.

Durch eine Amtsstube nach Hinweiler.

Während der Zugfahrt erklärte Julian, er müsse die lädierte Maske im Gesicht behalten. Es befürchtete, dass der „echte Nils“ gerade heute in seinem Dorf im Tal, als Julian der Schäfer beim Einkaufen unterwegs war. Er vermied ein Risiko. Er müsse so lange Nils bleiben, bis er diesen gefunden habe.

Julian war angespannt und nervös. Auf keinen Fall sollten sich andere Reisende zu uns in das Abteil setzten. Deshalb nahm er zwei Bierflaschen mit. Trat jemand in unser Abteil, prosteten wir uns laut rülpsend und grölend zu. So saßen wir bis Freilassing allein.

Der Grenzbeamte musterte das lädierte Maskengesicht Julians im Zug misstrauisch. Auf seine Frage: „Wo woi’ds ihr zwoa denn hie?“, gaben wir an, einen kleinen Abstecher nach Salzburg zu machen. Kulturausflug. Wir beide sahen nicht danach aus. Die Auskunft und das lädierten Nilsgesicht wirkten unglaubwürdig.

Wir folgten dem Beamten am Bahnsteig in Salzburg.

Mit unseren Pässen wedelte er Luft in sein verschwitztes Gesicht.

Im Bahnhofspolizeirevier stand stickige, beinahe heiße Luft. Zigarrenqualm und Schweiß. Dieser Eindruck erstaunte mich. Draußen hatte es nur novemberliche fünf Grad und es regnete kalt herunter.

Plötzlich war mir völlig egal, was geschehen werde. Eine abgelaschte Wurstigkeit verbreitete sich. Warum?

Mir war etwas schlecht. Der Energieaufwand am Morgen in der Schule, die Abreise, die „wer ist nun der wahre Nilsangelegenheit“, nun das Polizeirevier, das war alles zu viel.

 

Willig folgten wir dem Beamten durch einen kahlen Gang. Er lotste uns in ein kleines, miefiges Zimmer. Dort gab es nur ein winziges, aber, so erkannte ich glücklich, geöffnetes Oberfenster. Seit Minuten rätzelte ich warum mir, seitdem uns dieser Beamte im Zug ansprach, so heiß geworden war. Ich hatte das Gefühl es sei heiß wie im Sommer.

Nebeneinander saßen Julian und ich auf einem kleinen, an der Wand angeschraubten, Holzbänkchen. Vor uns stand ein zerkratzter Holztisch. Auf dem eine alte Schreibmaschine, um den Tisch herum zwei hölzerne Klappstühle.

Ich dachte: Jetzt haben wir den Salat! Alles ist bereits über die Schulleitung fernmündlich an die Polizei weitergeleitet worden! Eine Großfahndung. Phantombilder. Beschreibungen der Mitschüler. Und ich war, wie üblich, zu dumm frühzeitig zu denken. Zu spät, das Land auf anderem Wege zu verlassen.

Wegen unserer gewöhnlichen Blödheit saßen wir nun im Verhörzimmer. Ungemütlich und stickig, dazu diese grelle Neondeckenlampe.

Die Tür öffnete sich und der rundliche, gewichtige Beamte trat ein. Er nahm, während er mit seinem linken dunkelgrünen Arm die Türe zuschob, die grüne Dienstmütze vom Kopf. Ich sah seine glänzende, sonnengebräunte glatte Kopfhaut mit dünnem, ergrautem Haarkranz. Behäbig bewegte er sich. Festen Bodenkontakt. Er stützte sich mit beiden dunkelgrünen Armen auf den Tisch. Dann sank er auf einen Klappstuhl. Seine behaarten Hände umgriffen die Tischkante. Sein Hintern fand nur knapp Platz. Links und rechts drückte die gespannte, dunkelgrüne Diensthose herunter. Er lehnte sich an. Der Klappstuhl knarrte leicht. Er zog eine Zigarre aus der Tasche seiner Jacke. Deren silbern glänzende Knöpfe waren offen. Plötzlich gab er die zurücklehnende Haltung auf. Schwerfällig erhob er sich. Die unangezündete Zigarre im Mundwinkel. Mit den Armen stützte er sein Körpergewicht wieder auf den Tisch. Ein leiser hoher Ton. Vier Tischbeine auf den dunkelbraunen Holzdielen.

Seine Bewegungen wie zelebriert. Zeitlupengeschwindigkeit.

Vom grauen Aktenschrank kehrte er zurück. Jeden seiner gewichtigen Schritte übertrugen die alten Dielenbretter. Jetzt verstand ich, warum die Bank auf der wir saßen, an der Wand angeschraubt war.

Papier spannte er ein, lehnte sich erneut zurück. Die Zigarre qualmte endlich.

„Woher kommen Sie?“

Ein tiefer Bariton. Überraschend steif, genau, dialektfrei. Nicht wie im Zug. Eine bürokratische Amtshandlung nahte. Vielleicht fehlte deshalb plötzlich der Dialekt. Der schwang noch ein wenig als unterdrückte, leise Hintergrundmelodie. Eine Selbstverstümmelung? Seit vielen Jahren im Verhörzimmer. Zu Gunsten von Perfektion und Genauigkeit bürokratischer amtlicher Handlungen. Sprache, die schon im Bauch der Mutter vertraut war musste weichen. Die gesamte Kindheit hindurch war sie da. Sie war die Sprache der Mutter, des Vaters, der Geschwister, der Verwandten, des ganzen Dorfes. Gewohnter Rhythmus musste weichen. Unbrauchbar für die offizielle Amtshandlung. Andere, bürokratische Rhythmen kamen. Die Alten brachen hin und wieder hervor. Sie beschwerten sich, wehrten sich gegen ihre Unterdrückung.

„Aus München“, gab ich zurück.

„Ich möchte gerne von Herrn Scherer hören, woher er kommt.“

„Ich komme ebenso aus München und beabsichtige ein wenig Salzburger Kultur kennen zu lernen, wovon sie mich derzeit abhalten“, antwortete Julian forsch.

„Einreise also aus Deutschland, von München kommend, Zielort in Österreich: Salzburg. Aufenthaltsdauer? Wie lange wollen sie in Österreich verweilen Herr Scherer?“

Der Beamte zog an seiner Zigarre, legte sie im Aschenbecher vorübergehend ab, begann, mittels mir bekannter „Ein-Finger-Such-Methode“ das in die Schreibmaschine eingespannte Formular zu bearbeiteten. Mit einem weißblau karierten Taschentuch, das er aus der Hosentasche zog, wischte er sich zwischendurch den Schweiß von Stirn und Gesicht. Auf Antwort von Julian wartete er. Er nahm die Hornbrille von der breiten, spitz zulaufenden Nase und wischte an dieser mit dem Tuch herum. Er beugte sich vor, stützte die Arme auf den Tisch. Der Stuhl knarrte leise.

 

Erst jetzt fragte ich mich, welches Verbrechen meinem Schulfreund Nils Scherer zu Last gelegt wurde. Was rechtfertigte die Festnahme? Reichte unser hektisches Verhalten beim Abgang am Morgen in der Schule? Vielleicht stießen wir den Schulleiter, in der Schulhaustür um. Anzeige wegen Körperverletzung? Deshalb gleich eine Festnahme an der Grenze?

Ich fragte Julian, flüsterte ihm ins Ohr.

Der Beamte: „Was soll das Geflüster?“

Ich: „Welche Straftat, Verbrechen oder sonstiges rechtswidriges Verhalten wird Herrn Scherer denn zur Last gelegt, um dieses Procedere hier zu rechtfertigen?“

Dies noch fragend, dachte ich an Ladendiebstahl, Raubmord, Mitgliedschaft in einer staatsfeindlichen oder verbrecherischen Organisation. Vielleicht trieb auch der „echte Nils“ inzwischen mit seinem wahren unmaskierten Gesicht, also dem Gesicht, welches Julian als Maske trug, in Österreich sein Unwesen. Deshalb die Verhaftung. Oder der „wahre Nils“ war Opfer eines Gewaltverbrechens. Gestern tot aufgefunden. Heute plötzlich mit mir zusammen am Grenzübergang, leicht lädiert, aber immerhin.

„Wie bitte?“, hörte ich mich jetzt zurückfragen.

Der Beamte hatte meine Frage inzwischen beantwortet und weitere Fragen an Julian gerichtet. Weder seine Antwort, noch der Inhalt der weiteren Befragung waren bei mir angekommen. Ich war kurze Zeit nicht in der Lage, dem Gespräch zu folgen. Meine Rückfrage deshalb unpassend, ohne jeden Zusammenhang.

Julian stieß mir den Ellenbogen in die Seite: „Pscht, wir verpassen sonst wirklich unseren Bus!“

Der Beamte fand sich inzwischen auf dem Tastenfeld der Maschine besser zurecht. Die persönlichen Daten von Nils ratterten wie aus einer Pistole geschossen durch den Raum. Er riß den Bogen aus der Maschine und bedeutete Julian, an den Tisch zu kommen. Eine Unterschrift.

„Also Herr Scherer: beim Rausgehen an der Kasse hundertvierzig Schilling oder zwanzig Deutsche Mark! Das nächste Mal wenn sie Österreich besuchen: Einreise mit einem Paß, der noch nicht abgelaufen ist und keine falschen Angaben mehr. Von wegen Kulturausflug nach Salzburg! Einen schönen Aufenthalt und gute Fahrt, falls sie ihren Bus noch erreichen!“

 

Am Busbahnhof blickte Julian in den Ausweis von Nils. Seit fünf Tagen ungültig.

„Dieser Nils ist doch ein Knaller!“, rief er und fragte mich:

„Was war das für ein Blackout, den du da drinnen hattest? Bist du nervlich am Ende? Wird das alles langsam zu viel für dich?“

Neben einer abwinkenden Handbewegung reagierte ich mit Kopfschütteln:

„Nein, kein Problem, ich hatte nur einen kleinen Müdigkeitsschub.“ Der Bus war fast voll. Kurvenreich tuckerten wir durch unzählige kleine Ortschaften. Der Wagen hielt an jeder erdenklichen Ecke. An einigen Haltestellen stiegen grölende Schülergruppen ein und aus. Während der Busfahrt unterhielten wir uns nicht. Weder mir, noch Julian viel ein Thema ein, das neutral genug gewesen wäre, um von anderen Fahrgästen mitgehört zu werden.

Nach eineinhalb Stunden Schaukelei hielt der Bus direkt vor dem Gasthof Zur Post. Ein Ruck von Julian und draußen waren wir.

 

Der Gasthof, ein riesiges, vierstöckiges Gebäude, in altem rustikalem Bauernhausstil. Zentrum des kleinen Ortes. Das Alter des Hauses: mindestens hundert Jahre. Ein verstaubter, grauhaariger, schmaler Portier, hinter einem Tresen. Die Rezeption im hinteren Teil des Hauses. Schummrig beleuchtet.

Vorher, ein riesiger Gästesaal. Voll besetzt. Schweinebraten. Alle Dorfmänner beim Mittagessen. Schnaps und Bier. Rauch und Österreichisch. Ich verstand nichts. Die Durchquerung: tausend Augen erreichten uns. Argwohn bei jedem Schritt. Fremde, was wollt ihr hier? Ein Fehltritt und es kracht! Vorbei an der grauen Tischdecke, aber langsam. Keine Katastrophe provozieren!

Julian eilte voraus. Vielleicht hatte er Angst von einem Dorfbewohner erkannt zu werden.

Unfreundlich knallte der Portier einen Schlüssel auf den Tresen. Die sechshundert Schillinge zählte er penibel nach. Mein Ausweis landete im Schlüsselfach hinter seinem Rücken.

„Um Elfe is a Rua im Haus, um Zehne bist‘ Moing wieda draus!“, nuschelte er und zwang sich ein kurzes Lächeln, wohl wegen seines lustigen Reimes auf sein schmales Gesicht.

Julian nahm den Schlüssel. Über knarrende Holzstufen stiegen wir in den vierten Stock hinauf. Das Treppenhaus war heruntergekommen. Im Zimmer angekommen, warf er die Tasche von Nils auf das Bett und stöhnte erleichtert:

„So das wäre erst mal geschafft! Ich wusste gar nicht, wie dumm man sich vorkommt, wenn man als Fremder durch einen voll besetzten Saal mit bekannten Menschen geht. Auch, dass Charlie, der Portier, zu Fremden so unfreundlich ist, ahnte ich nicht!“

Julian stieg in sein Gebirge, über die Stadt dachte er nach

Nach einer knappen dreiviertel Stunde erreichte Julian die Nebelgrenze. Er durchquerte ein Geröllfeld. Der Nebel war sehr dicht, die Sichtweite betrug etwa fünfzig Meter. Die Strecke war vertraut. Mehrere hundert, vielleicht sogar schon eintausend Mal legte er den steilen Aufstieg zurück. Meist allein. Der steinige Weg war glatt. Die Turnschuhe von Nils profillos, deshalb ungeeignet. Nach einer weiteren halben Stunde ließ er den Nebel unter sich. Schnell zogen dunkle Wolken auf.

Erleichterung und Freude. Das Leben als maskierter Maskierungskünstler in der Rolle eines Anderen ging zu Ende. Einer Belastung nahte ihr Ende. Zurückgekehrt in vertraute Umgebung.

Die war eiskalt. Erste Schneefelder bereits hinter ihm. Die Turnschuhe durchnässt.

Auf dem Abstieg würde Nils ihn begleiten.

 

Die Sonne hatte den höchsten Punkt des Tages schon lange überschritten. Seine Hütte wollte er noch vor Sonnenuntergang erreichen. Falls das nicht klappte: eine kleine Taschenlampe, die er im Rucksack von Nils trug.

Die Stadt veränderte ihn. Die Stille um ihn herum war ungewöhnlich. Die Luft zu kalt und frisch. Die Muskeln schmerzten. Die Bewegung ungewohnt, anstrengend. Das alles: erschreckend.

 

Seine Vorstellung der Stadtmenschen: Eine Vision, die er jetzt aufgab. Die meisten Menschen litten nicht unter dem Dreck, der verpesteten Luft, dem Tempo, oder dem Stress. Oder übersah er das Leid?

Die Enge, grauenvoll. Die Wohnungssuche: schrecklich. Leute wie Helmuth Hauch und der Makler Rauch rissen sich einiges unter den Nagel. Idiotie und Ungerechtigkeit? Nützlichkeit, Notwendigkeit und Zweck? Verschiedene Lebensentwürfe, Lebenssysteme. Ärgernis und Aufregung erst, wo die Entwürfe nicht mehr nur Privatvergnügen einzelner Personen blieben. Nils und Julian Betroffene von Privatvergnügen. Einfluss und Abhängig. Negative, subjektive Folgen: Druck und Enge.

Rauch nur ein plastisches Beispiel. Eins von Millionen. Seine finanzielle Absicherung, wie es jedem Menschen frei steht: Geldbeschaffung von Studenten, Schülern, Eltern. Platz und Raum der wahre Luxus der Zivilisation. Das Dach über den Köpfen: teuer, sehr einträglich. Rauchs „weißes Ambiente“ deshalb finanzierbar.

Das Privatvergnügen von Rauch, der freizügig lebt, dabei sein Geld verdient. Eine Schnittstelle? Einfluss des Maklers auf das Leben von anderen Menschen? Nils Scherer, wie jeder, auf den wahren Luxus angewiesen.

Warum nicht die Parkbank?

Nils Scherer will den wahren Luxus. Er braucht ihn! Er will was lernen. Das geht schlecht auf der Parkbank.

Wahrer Luxus für Nils Scherer!

Nils Scherer muss den freizügigen Makler Rauch aufsuchen. Kein Widerspruch. Ein sich ergänzendes System. Rauch diktiert die Preise für den wahren Luxus. Nils Scherer wird der Hals zu geschnürt.

Wahrer Luxus für Nils Scherer!

Wahrer Luxus nur durch Eigenleistung in Frieden und Freiheit für alle!

Nils Scherers Eigenleistung: ein Zufall.

Eine Kettenreaktion.

Natürlich war, wie üblich, kein Zusammenhang nachweisbar. Der uralte Förster suchte Julian vergeblich. Er kam schon in Julians Kindheit in die Berge. Mit dem Vater trank er regelmäßig einen Schnaps vor der Hütte.

Plötzlich statt Julian: Nils in der Hütte. Der Förster erkannte ihn trotz Maskierung. Ein schrecklicher Bruch. Julian einfach ausgetauscht, verschwunden. Der Förster beobachtete die Hütte zwei Tage lang. Er sah Nils mit Julians Schafen.

Der alte Förster kam nur vier, fünf Mal im Jahr. Er trank mit Julian und sprach mit ihm. Das war seine Rolle in Julians Leben. Ein gewohnter Rhythmus.

Das Zusammentreffen mit Julian, das Sitzen mit Schnaps vor dessen Hütte, die wenigen Worte mit ihm in dem abgeschiedenen Gebirge. Das alles war wichtig.

Julian war zurück in seinen Bergen

Nach den Erlebnissen in der Stadt war Julian in der Lage sich am Feuer über Systeme aufzuregen, wie Nils dies tat. Er würde dies, so dachte er, nicht tun. Das war nicht sein Leben. Er würde es tun, käme nicht daran vorbei sich aufzuregen, wenn das, was er gelebt und erkannt hatte sein Leben bleiben würde.

Julian stapfte durch ein langes Schneefeld.

Das sind meine Abhängigkeiten, dachte er: die Natur macht mir manchmal einen Strich durch die Rechnung. Oder eines meiner Schafe verhält sich unvernünftig.

Die Dämmerung setzte ein und er war froh um die Taschenlampe. Dichte, dunkle Wolkenfelder zogen nahe an den Berg heran. Die Turnschuhe: gefrorene Eisklötze. Der Aufstieg, trotz der Kälte schweißtreibend. Anstrengende tiefe Schneefelder.

Mehr als sechs Stunden vergingen.

Nach der Überquerung einer kleinen Anhöhe kam er in sein Tal. Sein Ziel lag nahe. Am Ende des Tals hinter einem Felsbrocken. Er prüfte die Windrichtung. Schwach blies er von hinten. Assyas feine Spürnase roch sein Kommen.

Schnelle Schritte und Vorfreude auf seine Hündin. Eine gefrorene Schneedecke. Innerhalb weniger Minuten war es dunkel. Der Kegel der Taschenlampe beleuchtete den verschneiten Pfad. Der Himmel war stark wolkenverhangen. Die Lampe notwendig. Neue Schneeflocken vielen herab.

Plötzlich hörte er hinter sich ein leises Laufgeräusch. Das Vorbeistreifen eines Tieres an einem Nadelbaum. Von der Taschenlampe aufgeschrecktes Wild? Nahe seiner vertrauten Schäferhütte: Angst. Die Stadt veränderte.

Schnell drehte er sich um und warf den Lichtkegel der Taschenlampe hinter sich. Deutlich erkannte er eine Spur, wie von einem Fuchs. Kleine Abdrücke kreuzten sich im Schnee. Er ging weiter.

Plötzlich lautes Rascheln am rechten Ohr: von der Seite sprang ihn ein Tier an. Das warf ihn zu Boden. Eine warme Zunge schleckte seine eiskalten Hände und seinen Hals. Assya! Freudig begrüßte Julian sie. Sie hüpfte schwanzwedelnd vor ihm hin und her.

„Ja hallo Assya, hier bin ich wieder. Hast mich schon vermisst, hä?“ Er warf sich dem Tier um den Hals. Dann hob er die Taschenlampe auf. Er streichelte Assya. Sie saß vor ihm im Schnee. „Na komm, wir gehen nach Hause!“

Julian wollte seinen Weg fortsetzen. Von Assya erwartete er, dass sie vorne weg laufe, wie immer. Assya aber blieb sitzen. Jammern und Winseln. Julian war bereits mehrere Schritte weiter gegangen. Er beugte sich zu ihr, streichelte sie und fragte: „Was ist denn, was hast du denn, komm wir gehen zur Hütte, zu unseren Schafen in der Höhle und zu Nils!“

Ihr Verhalten verriet, dass etwas nicht stimmte. Julian wurde heiß. Schnelle Schritte Richtung Hütte. Er brüllte Assya an, sie solle mitkommen. Die Hündin folgte zögerlich. Sie wedelte nicht mehr mit dem Schwanz. Den ließ sie hängen.

Schlechtes Gewissen und Vorwürfe. Nils war zu wenig auf das harte Leben im Gebirge unter winterlichen Verhältnissen vorbereitet. Erfroren vor der Hütte. Er sah Nils in einen Felsspalt gestürzt. Die Herde samt Nils lag unter einer Lawine begraben.

Nils ein Verrückter. Lebensmüde. Doch ein Spiel mit dem Leben? Nils der Verzweiflung nahe. Stress, Stadtleben, Belastungen, Zivilisation, alles zuviel.

Julian stapfte schnell durch den Schnee. Seine Hände zitterten, nicht vor Kälte, sondern wegen der Anspannung. Er, ein mieses Schwein, das sich auf Kosten anderer vergnügt. Nur wegen seiner Gefühle für diese Christine und dem Nasenvorfall kam er schon zurück.

Julian wurde beinahe schlecht. Zu sich selbst sagte er wütend: Du Idiot! Du Trottel! Du kennst die Menschen nicht, du lebst hier hinterm Mond!

Julian erreichte die flache verschneite Wiese vor der Hütte. Ungläubig sah er auf die schneeweiße Wiese. Die steile Felswand ragte grau in die Wolken. Der Lichtkegel der Taschenlampe erreichte sie. Er bahnte sich einen neuen Weg durch den dichten Schneefall. Wieder erreichte er die graue Felswand. Julian stapfte quer über die verschneite Wiese.

Assya atmete dicht hinter ihm. Er erreichte die Felswand. Er ging linker Richtung die Wand entlang. Mit der Taschenlampe leuchtete er in den verschneiten tiefen Felsspalt. Quer über die Wiese ging er zurück, dicht gefolgt von Assya. Unter der Schneedecke musste sein Getreide- und Gemüseacker sein. Er ging zurück zur Felswand. Links entlang bis zum Ende.

Das Gatter am verschneiten Höhleneingang! Hinter den drei dicht wachsenden hohen Tannen. Wie gewohnt mit dem dicken Holzprügel verschlossen. Den schnitzte er vor Jahren.

Er öffnete es. Mit der Taschenlampe leuchtete er in die Höhle. Auf dem Boden sah er deutlich Spuren seiner Schafe. Er war am richtigen Ort, das war sicher. Die Hütte und die Umzäunung seines Feldes neben der Hütte fehlten. Sie waren einfach weg!

Gemeinsam mit Assya ging er durch alle Verzweigungen der Höhle. Die einzelnen Kammern waren gefüllt mit Holz und Stroh für den Winter. Selbst die Lebensmittelkammer war unangetastet.

Von seiner Schafherde und von Nils fehlte, abgesehen von den Spuren am Höhleneingang, jede Spur.

Assya musste schreckliches miterlebt haben. Wo war Nils geblieben? Wo waren die Schafe? Wo war die Hütte? Brannte Nils die einfach nieder? Julian war verzweifelt. Seine Existenz fand er vernichtet. Warum hatte dieser Verrückte das getan?

Am Höhleneingang entfachte er ein riesiges Feuer um sich zu wärmen. Mit Assya verbrachte er eine lange, kühle Nacht in der Höhle. Die Maske von Nils schnitt er mit dessen Taschenmesser aus dem Gesicht. Er warf sie in das Feuer. Er und Assya sahen das Gesicht von Nils in Flammen aufgehen. In der Lebensmittelkammer fand er Schafsfett, mit dem er sein bleiches Juliangesicht einrieb. Auch zu Essen für sich und Assya fand er einiges. Mit Stroh und Schaflederdecken bereitete er sich und Assya ein Nachtlager am Feuer.

Das erste Morgengrauen weckte beide. Sie schleckte in seinem Gesicht. Auf das Feuer warf er dicke Holzprügel. Vor den drei Tannen am Höhleneingang viel dichter Schnee. Seine kalten Füße wärmte er. Anschließend zog er seine selbst gefertigten Schaffellschuhe an. Die Schuhe lagerten in der Höhle, wo er sie früher ausschließlich benutzte. Sie waren für die kalte Jahreszeit ungeeignet, für die kühle Höhle reichten sie. Er umwickelte sie mit Schafwolle.

Die Tasche von Nils und dessen Turnschuhe packte er in einen Alten Schafledersack aus der Lebensmittelkammer. Gemeinsam mit Assya trat er aus der Höhle.

Er sah die Wahrheit bei Tageslicht. Seine Hütte fehlte. Die Wiese war leer. Keine Hütte, kein Zaun. Mit Assya schritt er sie nochmal ab. Keine Spuren. Nochmal durch die Höhle. Vergeblich.

Durch anhaltend dichten Schneefall trat er, gefolgt von Assya den Rückweg hinunter ins Tal an.

Ein Bericht in einem grauen Aktendeckel.

Am Montag, den 31. Oktober 1984 entdeckte ich, im Verlauf eines Erkundungs- und Kontrollganges, auf einer Bergwiese oberhalb des Dorfes Hinweiler zwischen 1400 und 1500 Höhenmetern eine, in der Landschaftsschutzkarte Nummer 165 der Forstverwaltung für Oberösterreich, nicht verzeichnete, feststehende Holzhütte.

In den Unterlagen des, für diesen Landschaftsschutzabschnitt zuständigen, kürzlich verstorbenen Försters Obermeier, befand sich kein Hinweis auf eine Sondergenehmigung für das Bauwerk. Angrenzend befand sich ein, im Landschaftsschutzgebiet ebenfalls nicht genehmigtes, umzäuntes Getreide- und Gemüsefeld. Nähere Untersuchungen ergaben, dass das Anwesen von einem Schäfer, Namens Julian Winkler, nicht nur zum vorübergehenden Aufenthalt genutzt wurde. Ebenso wurde von mir eine Schafherde entdeckt, deren ständiger Aufenthalt im Landschaftsschutzgebiet in der Forstverwaltung nicht aktenkundig war.

Auf Anweisung der Oberforstdirektion (Az.507/01/11/84) wurde die Räumung des Anwesens befohlen. Dessen Abbruch veranlasst am 02.11.84, wurde fachgerecht durchgeführt am 03.11.84. Freundlichst unterstützt durch das Bundesheer. Die Tierherde wurde anweisungsgemäss der Veterinärverwaltung überstellt.

Den Schäfer überstellte ich, zum Zwecke der Personalienfeststellung, und der Feststellung der Schadenshöhe, der Bundesbehörde. Er verweilt in U-Haft im Salzburger Staatsgefängnis.

Anlage zum Wochenbericht der Landesverwaltung Oberösterreich

Hinweiler, am 04.11.1984

gez. Huber, staatl.gepr.Oberforstmeister

Nils und Julian in den Mühlen der Justiz.

Die Zelle, in der Nils im Trakt für Untersuchungshäftlinge, im Salzburger Gefängnis festgehalten wurde, war exakt so möbliert, wie er sich eine Gefängniszelle, die er noch nie von innen sah, schon immer vorstellte. Ein Bett: eine an der Wand hochklappbaren Pritsche. Eine Toilette in der Ecke. Ein vergittertes winziges Oberfenster. Ein kleines Waschbecken. Gegenüber der Klappritsche ein wackliger brauner Holztisch. Ein brauner Holzstuhl. An der Decke eine Glühbirne die um 22 Uhr erlosch.

Während Julian in Begleitung von Assya den Abstieg ins Tal antrat, hatte Nils bereits die zweite Nacht in der Zelle hinter sich.

Dem Abriss der Hütte musste er nicht beiwohnen. Der neue Forstmeister traf überraschend ein. Nils ließ die Schafherde ein letztes Mal vor dem Wintereinbruch im Schneeregen vor der Schäferhütte grasen. Nils saß in einem Schaflederlappen eingewickelt auf der Holzbank vor der Hütte. Er trällerte lauthals eines seiner gedichteten Liedchen, die ihm in den vergangenen Wochen die lange Zeit und die Einsamkeit vertrieben. Assya warnte ihn nicht vor dem Besuch. Sie streunte irgendwo herum. Täglich genoss sie zehn bis fünfzehn Minuten Herumtollerei im Wald.

Nils überrascht. Hörte auf zu trällern. Bemühte sich um Freundlichkeit. Er kannte den Mann nicht. Dachte es wäre der alte nette Förster von dem Julian erzählte. Dachte zwar: der sieht nicht nach einem gemütlichen Schnäpschen vor der Hütte aus! Verdrängte den Gedanken aber gleich.

Unfreundlich fragte der: „Was dean sie da herom? Zoangs a moi ernan Ausweiß! Des doo herom is fei a Landschaftsschutzgebiet! Tierhaltung fei streng untersagt! Woos soid de oide Hüttn da? Wohna sie da?“ Außerdem störe sein lautes Herumgegröle die Ruhe. Und die Massentierhaltung im Landschaftsschutzgebiet sei ein Hammer.

Nils, leistete gegen die Vorverhaftung durch den Forstbeamten keinen Widerstand. Julians Schafherde blieb zurück. Nils stieg mit der Tasche von Julian und einigen Schäferbekleidungsstücken und dessen Paß, den der Forstbeamte nicht wieder zurückgab, in das Dorf ab. Assya war weg. Sie rannte nicht schwanzwedelnd herbei. Sie stürmte aus keinem Gebüsch hervor.

 

Auf der Polizeiwache des Dorfes wurde die Identität des verhörten Nils Scherer eindeutig mit der von Julian Winkler festgestellt. Grundlage war dessen mitgeführtes, gültiges, amtliches Ausweisdokument. Das Foto stimmte annähernd mit seinem Aussehen überein. Der Beamte teilte Nils mit, dass gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Verletzung des Österreichischen Landschaftsschutzgesetzes eingeleitet werde. Da er als wohnungslos galt, wurde er zunächst in Untersuchungshaft in das Salzburger Gefängnis überführt. Dort gab es einen Pflichtverteidiger für ihn.

Noch an diesem Tag sprach er mit dem. Einem gewissen Herrn Obermärzer. Ein hochgewachsener Mann mit dünnen Brillengläsern.

Nils etwas arrogant: „Wissen Sie, wen Sie vor sich haben?“

Der Anwalt: „Sie sind Herr Julian Winkler, wohnsitzlos, geboren am 23. April 1963 in, …Moment wie war der Name des Ortes…“, der Anwalt zog eine rahmenlose, mi