Secret gun – eine folgenschwere Begebenheit

 

Secret Gun


Die Macht der Zermürbung

Sachbuch einer folgenschweren Begebenheit von Bernd Thümmel (erstmalig in 2012 veröffentlicht)

Klappentext

Es ist durchgegangen. Irgend etwas hat das Tier wohl aufgeschreckt und in Panik versetzt. Es flieht. Die Reiterin scheint die Kontrolle verloren zu haben. Sie hüpft auf dem Sattel des galoppierenden Pferdes. Ihre Haltung sieht aus, wie die eines unkontrollierbar hinauf wirbelnden, blonden Haarschopfes. Es ist kein Sitzen, was die Reiterin da macht. Es sieht aus, als versuche sie sich mit aller Macht, vielleicht sogar mit Gewalt, auf dem Pferd zu halten. Auf den Galopp scheint sie keinen Einfluss mehr zu haben.“

Ein Buch über den individuellen Umgang mit chronischen Schmerzen, über den inneren Kampf mit einem traumatischen Ereignis, das nach einem schweren Unfall immer wieder zurück kehrt, über den persönlichen Umgang eines Menschen mit der Todesangst, die das Leben nicht wieder los lassen mag.
Der Autor schreibt von der Macht seiner Todeserlebnisse, täglichen Schmerzen, die sich ins Gehirn einnisten, um immer wieder um sich zu schlagen und dem Beginn seines zermürbenden Kampfes um berechtigte Schadensersatzforderungen an einen großen deutschen Versicherungskonzern.

Gewalttätig drängt er sich auf, mischt sich jeden Tag in alles ein. Akribisch arbeitet „Herr Brutal“ an seinem Werk, einen Menschen zu zerfressen. Brennend bahnt er sich seinen schmerzlichen Weg durch die rechte Gesichtshälfte. Täglich übernimmt er mehr und mehr Besitz von allem.“
Der Autor begreift, dass die Schmerzen des „Herr Brutal“ von nun an stets an seiner Seite bleiben werden. Dessen Brutalität gilt es nicht nur zu ertragen, es gilt sie in den Alltag zu integrieren, denn der Kampf gegen „Herrn Brutal“ ist aussichtslos.

In einer Klinik arbeitet sich der Autor durch die Folgen eines schrecklichen Unfalls. Bilder seines bisherigen Lebens lösen sich langsam auf, bis sie vollständig verschwinden. Neue Bilder, die der Autor vor dem Unfall nicht kannte, tauchen unvermittelt auf. Sie machen sich breit, sie übernehmen den Lebensmittelpunkt des Autors. Immer wieder bringen sie ihn zurück zu dem Tag, an dem sein Leben gewalttätig, wie bei einem Überfall, angegriffen wurde.

26.11.2012, Vorwort

Ein schockierender Unfall, der für mich wie ein Überfall auf mein Leben war, ist für mich längst nicht vorbei. Ein langer Kampf gegen die Macht eines Versicherungskonzernes, der mich heute wissen lässt, dass ich selbst schuld sei an meinen schweren Verletzungen und den Unfallfolgen, steht noch bevor.
Ich schreibe darüber und freue mich, dass Sie heute darüber lesen. Ich glaube, dass viele Menschen, die von einer Sekunde zur nächsten einen schweren Schicksalsschlag erleiden, weil sie schwer verletzt wurden und deshalb aus ihrem bisherigen Leben gerissen wurden, nicht die Kraft besitzen, darüber bereits zu berichten, während sie mitten in diesem Kampf stecken.
Der Unfall, der mein Leben veränderte, ist heute genau ein Jahr her. Ich will mit der heutigen Veröffentlichung von Band 1 meiner E-Buchreihe „Die Macht der Zermürbungein kleines Stück dazu beitragen, dass das Leiden von Unfallopfern unter der Macht von Versicherungen irgendwann aufhört. Ich bin davon überzeugt, dass das nur gelingt, wenn Unfallopfer wie ich, öffentlich machen, wie sie von einem großen Versicherungskonzern behandelt werden, der versucht sich seinen Entschädigungspflichten mit allen juristischen Mitteln zu entziehen.
Wenn Sie haftpflichtversichert sind, was jedem Menschen dringend anzuraten ist, könnte mein Buch für Sie vielleicht interessant sein, denn die Haftpflichtversicherung, die meinen Unfallschaden versichert, benutzt meinen und Ihren Versicherungsbeitrag unter anderem auch dafür, große Anwaltskanzleien damit zu beauftragen, im Falle des Falles, die Deckung Ihres Schadens abzuwehren. Genau in dem Moment, in dem Sie Ihre Versicherung benötigen, weil ein für Sie stets unvorstellbarer Unfall tatsächlich eingetreten ist, werden Sie feststellen, dass die Versprechungen über die „Schadensregulierung“ in Ihrer Versicherungspolice keineswegs so gemeint sind, wie sie sich lesen. Die Versicherung wird Ihnen nicht helfen. Sie müssen sie verklagen. Sie haben nicht zu erwarten, dass Ihr Schaden als Opfer eines schweren Unfalls von der Haftpflichtversicherung mit Verständnis für Ihre berechtigten Forderungen behandelt wird. Die Herren der großen Anwaltskanzlei, gehen von der Versicherung beauftragt, mit den Opfern keineswegs zimperlich um. (1)

(1) Zermürbung des Opfers heißt für den Anwalt, der von dem Versicherungskonzern beauftragt wurde, der das Pferd versichert, das mich schwer verletzt hat, u.a. „einfach irgendetwas behaupten“, damit ich spüre, dass der Versicherungskonzern mit seinen Anwälten die Macht besitzt, zu entscheiden, den Schaden zu bezahlen oder eben nicht:
Im Antrag auf die Abweisung meiner Klage auf Schadensersatz, wegen meiner schweren Unfallverletzungen, schreiben die Anwälte, die die Tierhalterhaftpflichtversicherung der Pferdebesitzerin vertreten, am 22.05.2012 an das Landgericht München:
„… vielmehr wäre das Pferd an dem Kläger vorbei geritten, wenn dieser nicht in die Laufrichtung des Pferdes gesprungen wäre… der Kläger muss sich daher zumindest ein erhebliches Mitverschulden anrechnen lassen …“
und weiter:
„es wird darauf hingewiesen, dass der Kläger keine taugliche Aussage machen kann …“

Das wirkt auf mich erschreckend, beinhaltet das Wort „gesprungen“ doch den schier unglaublichen Vorwurf, dass ich absichtlich in das galoppierende Pferd „gesprungen“ sei. Hätte der Unfall für mich nicht so schlimme schmerzliche Folgen, könnte ich das als schlechten Witz begreifen.
Bei der ersten Verhandlung, im September 2012 im Münchner Landgericht, stellt sich heraus, dass der Anwalt des Versicherungskonzerns die Idee, ich sei in das Pferd gesprungen und deshalb habe ich eine Mitschuld, einfach erfunden hat. Das deutsche Recht macht es möglich:
Während ich alles was ich sage detailliert beweisen muss, kann der Anwalt des Haftpflichtversicherers einfach eine Behauptung aufstellen und diese dem Gericht und dem Opfer zuschicken. Gericht und Opfer müssen sich damit dann ernsthaft beschäftigen. Zeugen werden geladen, um erneut zu bezeugen, dass nicht stimmt, was der Anwalt des Versicherungskonzerns behauptet. Das Opfer muss den Unfallhergang erneut in allen Details schildern.
Die Zermürbungstaktik zieht das Verfahren in die Länge. Es ist Ziel, das Opfer so lange zu zermürben, indem man es ständig erneut konfrontiert mit dem Unfall, bis es von den persönlichen und finanziellen Folgen des Unfalls so frustriert ist, dass es aufgibt.

26.11.2011, 14:00 Uhr, „secret gun“

Auf der schmalen Straße sind samstags Kinder mit Spielsachen unterwegs. Bobbycars und Roller, Mütter schieben Kinderwägen. Manche schieben zwei Kinderwägen nebeneinander. Sie sind in Richtung Kindergarten unterwegs, der dreihundert Meter entfernt an der Straße liegt. Dort gibt es einen schönen Spielplatz. Alte Leute, Jugendliche auf Rollerblades, ein Rollstuhlfahrer bahnen sich langsam ihren Weg. Ich sehe das täglich aus dem Wohnzimmerfenster. Links von meiner Wohnung liegt an die Straße angrenzend ein großer grüner Hügel auf dem im Winter die Kinder Schlitten fahren. Heute sehe ich auf der Wiese Jugendliche, die dort herum lungern, rauchen und sich lautstark unterhalten. Wenige hundert Meter entfernt, auf der anderen Seite des weitläufigen Ackers, in unmittelbarer Nähe der Unfallstelle, am Straßenrand, liegt eine große Wiese mit zwei Fußballtoren. Da sind Kinder, die mit ihrem Vater das Bolzen üben.

Pferdehöfe sind in der Gegend wie Pilze aus dem Boden geschossen. Das ist ein lukratives Geschäft. Reiten hat sich für junge Mädchen und junge Frauen aus der Stadt auf dem nahen flachen Land im Münchner Norden zu einer Art Volkssport entwickelt.

Plötzlich prescht eine der vielen Frauen galoppierend auf „secret gun“, einem panisch rennenden, riesigen Pferd, die kleine Straße vor meiner Wohnung entlang. Hört sich schlimmer an, als es juristisch ist. Der reale Horror erweist sich juristisch auf dem Papier für die Unfallverursacherin auf dem Pferd als unproblematisch. Das musste ich in den Monaten nachdem ich von „secret gun“ überrannt wurde, zu kapieren lernen:
Wird ein Mensch von einer, mit „secret gun“ galoppierenden Reiterin in den Acker neben der Straße geschleudert, um schwer verletzt in der schwarzen Erde liegen zu bleiben, fehlt diesem Ereignis die juristische Relevanz, um das Galoppieren der Frau auf der Straße fahrlässig zu nennen. Die Reiterin und deren Freundin, von der sie für den Ritt „secret gun“ am sonnigen Samstagnachmittag geliehen hat, sagen nämlich, dass die Reiterin Erfahrung im Reiten habe und dass sie alles versucht habe, um den Zusammenprall mit mir, dem Spaziergänger, zu verhindern. Deshalb gibt es keinen Grund meinen Strafantrag gegen die junge Reiterin, wegen fahrlässiger Körperverletzung auf öffentlicher Straße, überhaupt zu verfolgen. Das Verfahren wird von der Staatsanwaltschaft am Landgericht München eingestellt. Das Galoppieren auf „secret gun“ auf der Straße vor meinem Wohnzimmerfenster, und meine schweren Kopfverletzungen, haben keine juristischen Konsequenzen für die Reiterin. (2)

(2) Mit Verfügung vom 17.02.2012 stellt der zuständige Richter am Landgericht München II gem. § 170 Abs. 2 StP0 das Ermittlungsverfahren gegen die galoppierende Reiterin ein. Begründet wird das damit, dass
„ …in strafrechtlicher Hinsicht ein Nachweis eines Fahrlässigkeitsvorwurfes im Hinblick auf die Verletzungen des Geschädigten nicht zu führen ist …“

26.11.2012, Überleben heißt weiter machen

Ich muss wieder aufstehen. Ich muss Nemo, meinen Hund holen. Nemo ist davongelaufen. Das darf er nicht. Er muss immer bei mir bleiben.
Nemo! Nemo! Zu mir! Komm! Sofort zu mir. Nemo, wo bist du? Brav zu mir!
Ich drücke jetzt einfach meinen Oberkörper mit dem rechten Arm nach oben. So komme ich bestimmt gleich wieder hoch. Meine rechte Hand fasst auf was hartes, vielleicht ein Stein. Daran kann ich mich stützen und mich jetzt mit dem Arm hoch drücken. Ich umfasse den Stein. Saukalt und feucht ist der.
Liegenbleiben! Sie bleiben liegen!
Oh, wer ist denn das? Ich kenne die Stimme nicht, oder doch? Doch vielleicht kenne ich sie. Der fremde Mann kann mir jetzt bestimmt schnell mal hoch helfen!
Wo ist mein Hund? Mein Hund ist davongelaufen, ich muss meinen Hund finden! Nemo, wo bist du? Jetzt aber ganz schnell zu mir! Ich pfeife nach Nemo, so wie ich es immer mache. Pfff, Pfff, Pfff, Nemo zu mir!
Das Pfeifen schmeckt bitter. Warum schmeckt jetzt plötzlich mein Nemo-Pfeifen? Das hat sonst immer nach nichts geschmeckt. Ich mache den Mund zu und schlecke im Mund mit der Zunge. Sand, Erde und Steinchen. Das alles hab ich im Mund. Woher kommen denn diese Sachen? Ich hab doch keine Erde gegessen. Egal, das klär ich später. Jetzt muss ich wieder hoch auf die Beine kommen um Nemo zu mir zu holen.
Ich drücke ganz fest mit Hand und Arm auf den Stein und dabei frage ich den fremden Mann: „Könnten Sie mir bitte einfach ein bisschen helfen?“
Liegenbleiben, Sie bleiben liegen!
Warum schreit der denn so und warum soll ich hier auf der Erde liegen bleiben?
Was macht er denn jetzt? Mit wem spricht er denn da? Ich will nur Nemo suchen.
Bleiben Sie hier!
Ich könnte Ihnen meine Handynummer da lassen!
Das ist ja eine Frau die mit dem fremden Mann spricht! Ist also noch jemand hier! Super, die Frau könnte mir doch einfach nach oben helfen!
Hallo! Hallo! Ich muss meinen Hund suchen! Wo ist mein Hund?
Ihr Hund ist in Sicherheit! Bleiben Sie liegen!
Welche Sicherheit? Warum Sicherheit? Mein Hund ist davongelaufen. Ich drück mich nochmal ganz fest nach oben von der Erde weg.
Nein! Liegenbleiben!
Und Sie, bleiben Sie hier und warten Sie hier!
Aber ich könnte doch mein Handy hier lassen. Ich komme gleich wieder!
Warum will die Frau, die ich aus einiger Entfernung laut rufen höre, ihr Handy hier lassen? Und warum will sie gleich wiederkommen?
Nein, bleiben Sie hier! Sie warten hier!
Bleiben Sie liegen! Ihrem Hund geht es gut!
Gut? Warum geht es Nemo gut, wenn er nicht hier bei mir ist? Bei dem fremden Mann ist er auch nicht, sonst wäre Nemo jetzt ganz nah bei mir und würde mir mein Ohr abschlecken, weil ich ja unten auf dem Erdboden liege. Nemo ist davongelaufen, der Mann lügt. Warum sehe ich eigentlich nichts?
Ich lasse meinen Kopf auf weiche Erde fallen, meine Hand bleibt auf dem kalten Stein. Meine Zunge schiebe ich etwas raus. Ich spüre feuchte Kälte an der Zunge und den Geschmack vom Nemo-Pfeifen. Das ist Erdgeschmack.
Ich spüre Tränen und ein heftiges Brennen im Auge. Ich lege meinen Kopf auf die Seite nieder in die kalte Erde. Ich jammere: Ohjeh es geht nichts mehr. Ich winsele ein bisschen. Ich merke, dass meine Nase brennt wie Feuer und was warmes raus läuft.
Jetzt höre ich wieder was. Da spricht eine Frau. Ist das die mit dem Handy? Ich weiß es nicht und ich verstehe nicht was sie sagt. Vielleicht spricht die mit mir.
Meine Frau ist nicht da. Sie ist Zuhause. Ich bin allein mit Nemo hier herumgelaufen. Und jetzt? Mit mir ist was los! Ich bin nicht mehr in Ordnung. Meine Frau muss das wissen. Mein Kopf liegt auf der kalten Erde und Nemo ist nicht bei mir. Ich muss Zuhause anrufen. Meine Frau muss Bescheid wissen.
Bitte meine Frau anrufen! Meine Frau heißt Susanne. Die Telefonnummer ist 123456789. Bitte rufen Sie meine Frau an, sie muss Bescheid wissen, dass ich hier liege und Nemo weggelaufen ist! Danke!
Es ist sehr dunkel. Die Erde schmeckt sehr bitter. Ich liege gut auf ihr. Das ist mein Leben gewesen auf dir Erde. Ich darf jetzt auf dir noch ein bisschen liegen, ganz weich fühlt sich das an. Mein Kopf liegt gut. Ich bin ganz nahe an dir dran Erde. Ich kann dir jetzt tschüss sagen, mich von dir noch verabschieden. Tschüsschen Erde! Ganz kalt bist du und nass. Ich darf dich nochmal berühren. Ich darf zum Schluss meinem Kopf noch auf dich legen. Das ist gut so. Danke für alles Erde!
Es ist ganz ruhig geworden und stockfinster. Vielleicht ist jetzt wirklich keiner mehr da.

Tarack, tarack, tarack.

Warum nochmal das Riesenpferd mit der Reiterin? Ich bin doch schon hier unten mit dem Kopf und habe der Erde tschüsschen gesagt! Da sehe ich sie wieder. Sie galoppiert vor mir. Sie kommt direkt auf mich zu. Ihr Haar fliegt hoch. Ihre dunklen Stiefel stehen vom Pferd ab. Jetzt ist sie ganz nah. Ruft sie mir da etwas zu? Ich höre etwas. Meint sie mich? Aber nein sie ruft jemand anderem zu. Sie sieht mich ja gar nicht an. Ich bin nicht gemeint, denn ich liege ja mit meinem Kopf in der Erde.
Alles ist weg: Kein Sehen, kein Hören, kein Riechen. Keine Schmerzen. Nichts. Es geht mir gut hier. Nichts tut weh. Ich hab nichts mehr. Das ist richtig gut. Endlich Ruhe.
Machen Sie die Augen auf! Hallo, Hallo können Sie mich hören? Können Sie die Augen öffnen? Haben Sie hier schmerzen? Langsam! Jetzt auch noch rechts aus der Jacke. O.k., das geht. Nun die Infusion. Können Sie das Bein bewegen? Haben Sie hier Schmerzen? Spüren Sie das?
Ja. Ahh, tut weh.
Wo?
Unten am Fuß.
Schere bitte!
Danke!
Schnipp, schnipp, schnipp, schnipp.
Wo ist mein Hund?
Ganz ruhig, ihrem Hund geht es gut.
Infusion o.k.?
Ich brauche nichts. Mein Hund, wo ist er?
Es geht gut, ganz ruhig! Ihrem Hund geht es gut.
O.k., fertig! Eins, zwei, drei.
Schrrrr, schrrrr, schrrrr.
Langsamer hoch, und näher zu mir!
O.k. Jetzt Reißverschluss: Rrrrrr,rrrrrr.
Gut, aber Achtung, die Infusion höher und den Arm noch stärker anwinkeln.
O.k. Fixieren! Alle startklar? Alle o.k?
Dann los vorwärts.

Weil ich überlebt habe, kann ich anderer Meinung sein, als die Staatsanwaltschaft am Landgericht München II. Weil ich überlebt habe, kann ich dieses Buch schreiben.

Am Samstag, 26.11.2011 war ich um 14:34 Uhr draußen auf der kleinen Straße vor meinem Wohnzimmerfenster unterwegs. Heute kann ich wieder lesen. Das tue ich, indem ich mir das formelle Schreiben der Münchner Staatsanwaltschaft vom 17.02.2012 mit Hilfe meiner Leselupe, die ich seit dem Unfall brauche, genau ansehe.

Heute kann ich wieder in meiner Wohnung an der Straße, auf der ich von einem Pferd überrannt wurde, sitzen und hinaus auf die vorbei laufenden Menschen blicken, denn meine Schädelbrüche wurden erfolgreich im Münchner Schwabinger Krankenhaus operiert. Nachdem mich die junge Reiterin mit ihrem Pferd überrannt hatte, endete meine Hirnblutung im Krankenhaus zu meinem Glück nicht tödlich. Meine Retter waren schnell am Unfallort um mir die Kleidung vom Leib zu schneiden, mir die nötigen Infusionen anzulegen und mich in das Krankenhaus zu bringen. Deshalb kann ich heute lesen, dass es eine junge Frau war, die auf der kleinen Straße mit „secret gun“ galoppierte und mich, von hinten schnell heran rasend, einfach überrannte. Ich lese und bin froh, dass ich wieder sehen und lesen kann, auch wenn ich die Brille wegen der Schmerzen im Gesicht nur für sehr kurze Zeit aufsetzen kann.

30.11.2011, 14:30 Uhr, Bügelschnitt

Zwei Chirurgen schneiden mich am 30.11.2011 um 14:30 Uhr über meinen Kopf von einem Ohr zum anderen auf. Ein Teil meines „Skalps“ wird mir nach vorne über das Gesicht gezogen. So können sie meine eingebrochene Augenhöhle rechts, meine Brüche oberhalb der Augenhöhle links, eine Folie hinter meinem rechten Augapfel, mein Nasenbein, Brüche in meiner Schädeldecke und das Loch in meinem Kopf mit dem Metall Titan zusammenflicken.

Ein „Bügelschnitt“ wird am Kopf von einem Ohr zum anderen geführt. Damit kann an der vorderen Schädeldecke operiert werden. Die Haut und die Haare werden sozusagen, als würde man „skalpiert“, nach vorne ins Gesicht „abgelöst“ um die Brüche im oberen Gesichtsbereich und am Auge zu operieren. Eine knappe Woche nach der OP, am 05.12.2012 sehe ich deshalb so aus.

26.11.2011, 14:34 Uhr, Zufall

Mein Überleben spielt keine beabsichtigte Rolle. Es ist reiner Zufall. Ich lerne am 26.11.2011, dass es keine Garantie gibt, es nicht sofort zu verlieren. Das Leben könnte also tatsächlich ein Geschenk von irgendjemandem sein. Das Geschenk kann ausgelöscht werden, obwohl ich es immer gepflegt habe. Es kann trotzdem sein, dass ich Samstagnachmittags in der Sonne des Novembertages spazieren gehe und plötzlich alles vorbei ist. Darüber habe ich mir noch nie ernsthafte Gedanken gemacht. Am Morgen des 27.11.2011 ist es soweit. Ich wache im Münchner Schwabinger Krankenhaus in der Intensivstation der Unfallchirurgie auf. Ich merke, dass ich lebe. Ich habe kaum Schmerzen, denn ich hänge an der Infusion mit Cortison. In meinem gebrochenen Kopf habe ich an meinem ersten Tag, nach dem ich mir sicher war, gestorben zu sein, genau diese Gedanken.

Das Münchner Landgericht erkennt in der Verfügung vom 17.02.2012 zur Einstellung meines Strafantrages wegen fahrlässiger Körperverletzung folgendes:
Das Pferd „secret gun“ galoppiert am Samstag 26.11.2011 um 14:34 Uhr, samt junger Reiterin auf schmaler Straße am nördlichen Münchner Stadtrand. Die Reiterin versucht alles, um „secret gun“ zu stoppen. Sie hat Reitabzeichen, Reitpässe und Papiere, die sie qualifizieren so ein großes Pferd zu reiten. Sie ist eine, die Pferde zur Dressur ausbildet.
Genug Beweis, dass deren Galoppieren mit „secret gun“ auf der öffentlichen Straße keine Fahrlässigkeit darstellt. Für die Münchner Staatsanwaltschaft soweit erledigt, um meinen Strafantrag abzuweisen und meine Akte zu schließen.

Das Landgericht München II legt am 17.02.2012 meinen Strafantrag zu den Akten:
„… ein Nachweis eines Fahrlässigkeitsvorwurfes ist im Hinblick auf die Verletzungen des Geschädigten nicht zu führen.“
Es liegt nicht in öffentlichem Interesse, dass strafrechtlich verfolgt wird, wenn ein Mensch auf der Straße von einer Reiterin mit Pferd so zugerichtet wird, wie ich am 26.11.2011 um 14:34 Uhr zugerichtet wurde.

Eine Sekunde:

Meine zertrümmerte Armbanduhr, die ich von der Krankenhausverwaltung in einer Klarsichthülle zurück bekomme, zeigt den Zeitpunkt am 26.11.2011 exakt an. Eine schreckliche Sekunde für mich, aber auch für die Frau auf dem hohen Ross und für „secret gun“. Sie verändert mein Leben, „secret gun“ reitet heute weiter, genauso wie die Reiterin. Statistisch gesehen gibt es meinen Unfall marginal selten. Juristisch bleibt er folgenlos. Es ist der größte Crash meines bisherigen Lebens. Ich lebe weiter, ein sehr schöner Zufall.

26.11.2011, 14:33 Uhr, Galopp

Ein großes Pferd galoppiert nicht gerne auf einer geteerten Straße. Ich höre das. Es hört sich schmerzhaft an. Immer wenn ich das höre, denke ich, dass es dem Pferd sehr weh tut, denn das Geräusch ist sehr laut und es wirkt äußerst schwerfällig. Sein hohes Gewicht nimmt dem Tier auf der geteerten Straße die Leichtigkeit, die dem schnellen Galopp inne wohnt, wenn es in hohem Tempo über flaches Land galoppiert. Das schwere Schlagen der Pferdehufe auf einer Teerstraße dagegen ist laut, wie ein brutales Trommeln.

So ein Trommeln liegt mir seit dem Unfall immer wieder im Ohr. Ich lerne damit umzugehen. Ich muss mich, wenn das trommelnde Galoppieren los geht, sofort von meinen dann kommenden Gedanken an die Gefahr die mir droht, lösen. Ich muss mich umschauen und an etwas in meiner Umgebung festhalten. Das kann ein Haus sein, das ich beim Spazierengehen sehe. Es kann die Farbe eines parkenden Autos sein, es kann alles sein. Ziel ist es, dass ich mich in die Realität zurück hole. Das Hier und Jetzt muss es sein, wohin ich mich zurück bringe, damit das trommelnde Galoppieren in meinem Kopf und in meinen Ohren so schnell wie möglich aufhört. Ich habe das in der Klinik lange geübt. Mit viel Aufmerksamkeit und Willen funktioniert es.

Die Reiterin bringt das Tier dazu, von dem weichen Feldweg in vollem Galopp auf die geteerte Straße zu rennen. Das Pferd, wenn es schon gezwungen ist, in diese Richtung zu laufen, will aber lieber in dem platten Acker neben der geteerten Straße rennen. Was man tun muss, um das zu verhindern, wie man das Pferd zwingt auf dem harten Teer zu galoppieren, statt direkt neben der Straße auf dem Acker? Ich weiß es nicht, denn ich reite nicht.

Es ist durchgegangen. Irgend etwas hat das Tier wohl aufgeschreckt und in Panik versetzt. Es flieht. Die Reiterin scheint die Kontrolle verloren zu haben. Ihre Haltung sieht aus, wie die eines unkontrollierbar hinauf wirbelnden Haarschopfes. Es ist kein Sitzen, was die Reiterin da macht. Es sieht aus, als versuche sie sich mit aller Macht, vielleicht sogar mit Gewalt, auf dem Pferd zu halten. Auf den Galopp scheint sie keinen Einfluss mehr zu haben.

Die Reiterin ist im Umgang mit Pferden gut ausgebildet. Jetzt versucht sie alles, um das Pferd zu stoppen. Sie will das Tier wieder kontrollieren. Doch es rast weiter auf dem Feldweg. In dieser Richtung mündet der Weg auf eine kleine Straße. Die Reiterin nimmt das in Kauf. Ihr Pferd rennt jetzt schwer galoppierend auf den harten Teerbelag der Straße.

Sie hat das Pferd von einer Freundin geliehen, die sie auf einem anderen Pferd begleitet. Am sonnigen Samstagnachmittag sind die beiden Frauen mit den Pferden unterwegs. Der Novembertag ist trocken, die Sonne steht am frühen Nachmittag schon tief im Süden.

Mein Weg führt mich in Richtung Süden und Sonne. Ich lasse den Feldweg hinter mir und laufe mit Nemo, meinem Hund, einige Schritte auf der kleinen Straße. In der Sonne glänzt ein Auto. Es nähert sich langsam. Es bleibt in der Mitte der Straße, direkt neben mir stehen. Ich glaube, der Fahrer will eine Frage an mich richten. Plötzlich läuft mein Hund schnell und flink sehr weit voraus. Das ist mir viel zu weit. Er rennt am rechten Straßenrand in Richtung Sonne davon:
„Nemo! Nemo! Hiiieer! Hiiier! Sofort zu mir!“

Ich höre den Fahrer im Wagen neben mir. Er fragt mich:
„Wo geht es denn hier zum Zentrum?“

Merkt der denn nicht, dass ich gerade nach meinen Hund rufe? Ich sehe Nemo am rechten Straßenrand. So weit und so schnell rennt er sonst nie davon.

Die Unfallstelle nahe der nordwestlichen Münchner Stadtgrenze. Fotografiert am 13.12.2011.
Hier ist nicht genügend Platz, um ein galoppierendes Pferd durch eine erfahrenen Reiterin auf das freie Feld neben die Straße zu führen, damit das Pferd nicht mit mir kollidiert, während ich auf dieser Straße neben einem Auto stehe.
Deutsches Recht macht es möglich:
Mein Leben hing am Samstagnachmittag am seidenen Faden, weil auf dieser Straße eine qualifizierte Reiterin auf einem durchgegangenen Pferd namens „secret gun“ galoppierte. Sie hat das deutsche Reitabzeichen. Sie hat versucht das Tier zu stoppen. Mein Strafantrag landet im Keller der Münchner Staatsanwaltschaft. Die Reiterin hat alles richtig gemacht, dass sie mich auf öffentlicher Straße überrennt ist für die Münchner Staatsanwaltschaft keine fahrlässige Körperverletzung.
Heute begreife ich, warum Menschen in Deutschland an diesem Rechtsstaat zweifeln, obwohl ich weiß, dass wir in Deutschland eines der weltweit besten Rechtssysteme haben.

11.07.2012, 14:00 Uhr, in die Klinik

Heute bringt mich meine Frau in die Klinik. Zuvor sehen wir uns das Haus von Frau Schlosser in der Nähe an. Dort kann meine Frau übernachten, wenn sie mich am Wochenende besucht. Der Abschied von ihr und von unserem Hund fällt mir sehr schwer. Aber ich weiß, dass die Klinik wichtig für mich ist. Wir haben das lange besprochen.


15:00 Uhr

Ich beziehe ein schönes kleines Zimmer. Es ist hell und sehr sauber. Leider sehe ich nicht hinaus zum See, denn ich bin Kassenpatient. Immerhin habe ich Blick auf grüne Bäume. In der Nähe höre ich eine Straße.


15:30 Uhr

Ich bin aufgeregt. Frau S. Ist sehr ruhig. Das beruhigt auch mich. Deshalb denke ich, dass alles gut wird. Ich werde lernen, mich hier zurechtzufinden. Das zu denken beruhigt mich. Ich erfahre einiges über den Klinikablauf, bekomme viele Papiere, die ich lesen werde, und Papiere, die ich unterschreiben werde. Ich höre, dass ich gegen 17:30 Uhr von einem Mitpatienten abgeholt werde. Der soll mich zum Abendessen begleiten. Das sei doch eine sehr gute Idee, findet Frau S. Das Aufnahmegespräch mit Frau S. finde ich angenehm.

16:30 Uhr

Ich lese in der Präambel der Klinik, dass es im gegenseitigen Umgang der Mitpatienten sehr wichtig ist, freundlich zu sein. Die Zimmer der Patienten sind deren Rückzugsraum. Da hat kein anderer Patient Zutritt. Ich lese, dass Rauch und Alkohol Suchtmittel sind, welche die Arbeit an der Krankheit erschweren. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich, was ich lese als Anschlag auf meinen geistigen Anspruch begreifen könnte. Ich denke daran, dass mein Geist, vor allem dessen Niveau seit dem Unfall anders geworden ist.
Alkoholkonsum ist also verboten, das Rauchen geht nur in einer Raucherzone außerhalb des Klinikgeländes. Ich denke nicht daran, dass dies in einer Klinik selbstverständlich ist, sondern versuche mir Menschen vorzustellen, die das nicht denken. Beides, Rauch und Alkohol, brauche ich nicht. Ich bin deshalb mit dem Selbstverständlichen voll einverstanden.

Ich sehe durch meine Leselupe, dass Beziehungsarbeit und dafür nötiges Vertrauen sehr wichtige Dinge sind. Da denke ich „aha“. Viele Patienten haben negative Erfahrungen betreffend Beziehungen gemacht. Deshalb sei die Fähigkeit zur Abgrenzung dringend von Nöten. Das könne dazu beitragen, im Falle einer intensiven Beziehung zwischen Patienten, den Übergang zu einer sexuellen Beziehung zu verhindern. Ich denke „oh ja?“. Denn Sex zwischen Patienten werde keinesfalls geduldet. Kein Patient kann weiter in der Klinik verbleiben, der zu einem Mitpatienten eine sexuelle Beziehung habe. Ich denke „soso“. Meine Frau hat gesagt, dass die Sache mit dem „Kurschatten in solchen Kliniken“ durchaus ernst zu nehmen sei. Ich denke jetzt nicht an meinen Kopf und dem was darin vorgeht, sondern ich spüre meine Schmerzen an meinem Kopf, unterschreibe die Präambel und lege mich aufs Bett.


17:35 Uhr

J. bietet mir das Du an und meint, dass das auf der Station ganz üblich sei. J. macht einen entspannten Eindruck. Ich bin einverstanden. J. führt mich durch die verschiedenen Bereiche der Klinik. Er ist seit 5 Wochen da und findet das ganz wunderbar. Neuankömmlinge haben damit leichter die Möglichkeit, das Haus und die Abläufe kennen zu lernen.
Ich denke er meinte seine fünf Wochen waren ganz wunderbar. Ich merke, dass Missverständnisse, denen ich seit dem Unfall ständig begegne, manchmal gleich von mir bemerkt werden. Ich frage deshalb, ob J. die fünf Wochen in der Klinik auch wunderbar findet.
Mein Hirn wurde zum Glück nicht verletzt. Zumindest nicht offensichtlich. Ob das Schädel-Hirn-Trauma vielleicht eine Vielzahl von feinsten elektronischen Nervenverbindungen durcheinander gebracht hat, wurde bei mir nicht untersucht. Ich merke aber seit dem Unfall oft, dass ich Leute wie J. und deren Witze weniger verstehe, als vor dem Unfall. Weil ich das erkenne, bemühe ich mich sehr genau zuzuhören, um die Menschen wieder besser zu versehen und an der ein oder anderen Stelle wieder mit lachen zu können.

Ich erfahre von J., dass er begeisterter Musikliebhaber ist. Leider spielt er kein eigenes Instrument. Im Ergometerraum empfiehlt J. das Strampeln auf diesen Fahrrädern. Eine leichte Sportart, wie das Radfahren wäre vielleicht was für mich. Der Unfall lässt es tatsächlich nicht zu, dass ich bewegungsintensiven Sport treibe, denn dabei wird mir schnell Schwindelig. J. meint, er kenne jemanden mit einer Neuropathie, das „muss schon sehr heftige Schmerzen machen“.

Zum Schluss bring mich J. zum Abendessen in den Speisesaal, wo er mir den Ablauf erklärt, und mich der Buffet-Chefin vorstellt. Die weist mir einen Platz zu. Dort sitze ich allein, denn die drei anderen Tischgenossen sind schon mit dem Abendessen fertig.

19:00 Uhr

Ich fühle mich in einer anderen Welt. Die Klinik, meine Ankunft hier, hat mich aus dem Alltag Zuhause genommen. Ich bin in einem geschlossenen System gelandet. Es ist ein bisschen, wie nach dem Unfall in der Unfallchirurgie. Hier herrschen eigene Regeln, die mit der Außenwelt nicht besonders kompatibel sind. Ich fühle mich sogar wieder ein wenig mehr krank, als ich es bin.

Ich lenke mich von meinen Gedanken ab, gehe hinaus und repariere am Fahrrad herum, das ich mit gebracht habe. Ich schließe die Vorderradbremse wieder an und drehe ein paar entspannende Runden am nahen See und am Hafen. Ich bin froh, dass ich das Rad dabei habe, es erinnert mich an Zuhause. Dort übe ich das Radfahren täglich um meinen Gleichgewichtssinn zu trainieren. Mit dem Rad gewinne ich einen schnellen Überblick über den Ort und die Umgebung.

Wie die Möwen, die ich am See bei der Klinik sehe, habe ich mich für den Klinikaufenthalt startklar gemacht. In der Klinik packt mich jetzt aber doch meine Aufregung über das, was mich dort erwartet. Ich will dort lernen, was mit mir geht, um gesunder zu werden. Ich habe schon viele Fortschritte gemacht. Die Klinik ist dringend nötig, denn sie soll mir darüber mehr Klarheit bringen, wie ich mit den Unfallfolgen in meinem Alltag künftig besser umgehen kann.

12.07.2012, 04:30 Uhr, nächtliche Reiterin

Neben mir steht ein Auto. Es hat eine goldene Farbe. Es glänzt in der Sonne. Darin sitzen zwei Männer. Der Fahrer fragt mich etwas. Ich sehe den Mann nicht an. Ich schaue in meine Laufrichtung nach Süden zur Sonne. Sie steht sehr tief und blendet mich. Vor mir, in der Sonne sehe ich rechts unseren kleinen Hund davon rennen.

Nemo hat gar nichts vom Fisch aus dem Film, doch die Kinder suchen nach Ähnlichkeiten.

Kinder haben mich oft nach dessen Namen gefragt.
Ich sage:
„Nemo“.
Die Kinder fragen:
„So wie der Fisch?“
Ich sage:
„Ja, wie der Fisch. Aber wie hieß der Film noch gleich?“
„Findet Nemo!“, rufen die Kinder und lachen.


Ich kenne den Film nicht. Aber ich finde es gut, dass unser Hund so heißt, denn die Kinder bleiben deshalb meist noch ein bisschen stehen und schauen Nemo zu. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ein Kind sich Nemo ganz genau ansieht, um sich zu versichern, dass er nicht doch vielleicht der Fisch aus dem Film ist. Nemo hat aber gar nichts von dem bunten Fisch. Er ist schwarz, braun und weiß. Er ist ein kleiner Bordercollie-Mischling.

Ich sehe Nemos hängende, schwarze Ohren. Ich mag diese Ohren, denn sie fühlen sich sehr weich an. Nemos Fell ist an den Ohren ganz glatt. Ich habe Nemo daran schon oft geärgert.

Wenn er sich abends, beim Fernsehgucken, auf dem Sofa in der Mitte zwischen meiner Frau und mir breit macht, dann kann ich ihn an den Härchen, die oben an seinen Ohren in die Luft stehen, leicht anstupsen. Nemo zuckt daraufhin mit dem Ohr. Mache ich das drei, vier Mal hintereinander, nervt es Nemo. Er dreht sich zu mir, schaut mich an, als sei er erbost darüber, welche Frechheit ich mir leiste.

Nemo kennt mein Spielchen. Einer wie er, der sich immer den Platz mitten drin zwischen uns auf dem Sofa nimmt, muss ein bisschen genervt werden und auf Trab gehalten werden. Das ist halt mal so, wenn ein Hündchen versucht, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen. Da wird man eben nicht einfach in Ruhe gelassen, sondern die Chefs melden sich mit lustigen und manchmal nervigen Spielchen. Irgendwann ist Nemo so genervt, dass er lieber in sein Körbchen geht.

Nemos Ohren hüpfen rhythmisch auf und ab. Ich rufe Nemo, doch er reagiert darauf nicht. Ich höre den Mann, der aus dem Autofenster heraus fragt:
„Wo geht es zum Zentrum?“
Nemo rennt immer weiter Richtung Sonne. Ich rufe ganz laut und entschlossen nach ihm.


Plötzlich höre ich extrem laut, direkt hinter mir ein irres Geräusch:
„Taracktaracktarack“.
Eine Frau schreit. Sie hat eine sehr hohe Stimme. Sie kreischt. Ich kann sie nicht verstehen. Die Pferdehufe sind viel zu laut, um zu verstehen. Ich muss wissen, was da ist und was die Frau schreit. Warum ist plötzlich so lautes Hufeschlagen hinter mir? Sekunden zuvor war es noch totenstill. Ich drehe mich nach rechts um. Ich will herausfinden, was hinter meinem Rücken los ist. Während ich mich drehe, sehe ich Nemo, wie er zur Sonne rennt.

Es ist ein riesiger Körper. Rechts und links stehen Beine in Stiefeln wie Flügel ab. Sie bewegen sich auf und ab. Ich sehe daran fliegende Schnüre oder Drähte, vielleicht kurze Seile. Oben an dem gigantischen Körper sehe ich eine schmale Spitze. Ein heller Menschenkopf mit langem Haar. Es weht im Wind. (3)

(3) Flashbacks habe ich oft Nachts, besonders Morgens in der Aufwachphase. Ich habe ein sehr gutes Fachbuch darüber gefunden. Es ist das Handbuch der Psychotraumatologie, das 2011 im Klett Cotta Verlag erschienen ist (ISBN: 978-3-608-94665-9). Zum Buch gibt es auch eine Webseite: http://handbuch-psychotraumatologie.de/

12.07.2012, 04:40 Uhr, Träume und Schübe

Ich schwitze. Das Fenster im Zimmer ist offen. Mein Herz klopft, es scheint zu rasen. Draußen höre ich ein Auto, in dem Gas gegeben wird. Es entfernt sich. Ich liege auf dem Rücken und atme hastig. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. Das hilft mir, um mich zu beruhigen.

Schmerzen im Gesicht, ein starker Schmerzschub rund ums rechte Auge.

Weil mich das Pferd in das Feld geschleudert hat, sehe ich auf dem rechten Auge schlecht. Die Hälfte meines oberen, rechten Gesichtsfeldes ist seitdem schwarz. Ich weiß nicht, ob die Schmerzen auch mit dem Sehnervschaden zu tun haben.
Die Ärzte sagen: Nein. Überhaupt sagen mir nur Schmerztherapeuten, dass es solche Nervenschmerzen im Gesicht gibt, wie ich sie schildere. Die Chirurgen sind der Meinung, dass alles bestens verlaufen und verheilt ist und dass sie mit Nervenschäden im Gesicht nichts zu tun haben.

Seit dem Zusammenprall mit dem Pferd und den Brüchen meiner Augenhöhlen habe ich eine Trigeminusneuralgie. (4) Es handelt sich um Nerven, die im Gesicht verlaufen. Die Schäden und Schmerzen spüre ich von der Stirn ums Auge entlang der Wange, Nase, dem Oberkiefer. Trotz täglicher Einnahme von Antileptika (5) kommen unvermittelte Schmerzschübe.

(4) Symtomatische Trigeminusneuralgie: Was das ist, weiß ich erst, seitdem ich in Folge des Unfalls extreme Schmerzen und Schmerzschübe in der rechten Gesichtshälfte habe. Einen erklärenden Einstieg bietet Wikipedia, von wo aus ich zu hunderten Seiten finde, die das ganze Spektrum meiner „Wahnsinnsschmerzen“ im Gesicht durchleuchten. http://de.wikipedia.org/wiki/Trigeminusneuralgie

(5) Antileptika: Dass diese auch bei Schmerzschüben eingesetzt werden, weiß ich erst, seitdem ich damit behandelt werde. Ich nehme das Medikament Gabapentin in täglicher Dosis von bis zu 3600 mg. Das bewirkt, dass die extrem schmerzhaften Spitzen, der mehrmals stündlich kommenden Schübe deutlich abgeschwächt werden. Mein Arzt sagt, dass ich froh sein kann, dass dieses Medikament bei mir überhaupt wirkt.

07:30 Uhr.
Ich sitze allein. Vom reichhaltigen Buffet esse ich Quark und Käsebrötchen. Später setzt sich Frau W. zu mir. Sie hat die Süddeutsche Zeitung unterm Arm. Sie stellt sich freundlich vor. Sie kommt aus W. Ich spreche mit ihr über W. und München, von wo ich komme. Wir beide beschweren uns über die hohen Preise für Wohnungen und Häuser. Bei wem wir uns beschweren, weiß ich nicht. Später kommt noch eine weitere Mitpatientin, es ist A., sie stammt aus I. Sie erzählt, dass sie im schöneren Teil der Stadt im Südwesten wohnt.

12.07.2012, 08:15 Uhr, der „innere Kritiker“

Ich warte im fünften Stock vor dem Zimmer von Herrn Dr. A., bei dem ich um 8:15 Uhr ein Gespräch habe. Herr Dr. A. ist nicht da. Deshalb gehe ich in den dritten Stock zum sogenannten Stützpunkt, um zu fragen, wo Herr Dr. A. ist. Dort werde ich von einer, mir noch nicht bekannten Dame mit meinem Namen begrüßt. Das erstaunt mich, denn ich bin nicht einmal vierundzwanzig Stunden da.

Herr Dr. A., der Herr, der gerade in sein Postfach schaut, beachtet mich zunächst nicht. Er ist konzentriert damit befasst Blätter zu sortieren.
Ich denke daran, wie ich vor dem Unfall jeden Morgen an meinem Fach im Kopierraum stand und dort geschäftig meinen Posteingang durch scannte, um Papiere, die mir eindeutig nicht zuzuordnen waren, gleich den Kolleginnen ins Fach zu schieben. Ich denke auch daran, dass Herr Dr. A. vielleicht jeden Morgen einige Minuten zu spät kommt, weil er, so wie ich es viele Jahre lang getan habe, erst sein Postfach sichtet und sortiert, um später zu bearbeiten, was priorisiert werden muss

Ich hatte bis zum 26.11.2011 einen interessanten Arbeitsplatz. Ich war stellvertretende Leitung eines sogenannten Sachgebietes in einem Amt der Stadt München. Dort war ich dafür zuständig, sowohl mit Finanzdaten und städtischen Fördermitteln, als auch mit Kolleginnen eines Teams von Verwaltungskräften professionell um zu gehen. Es war eine abwechslungsreiche Arbeit, die im politischen Kontext stand. Viele Dinge, die ich tat, mussten in der Regel mittels sogenannter Stadtratsanträge ein Verfahren durchlaufen, das es den Stadträten ermöglichte eine transparente, sachlich und fachlich kompetente Entscheidung zu treffen. Die Arbeit kann ich seit dem Unfall nicht mehr machen, denn die dauerhaften Schmerzen nehmen dann extrem zu, wenn ich Stress wie etwa Zeitdruck ausgesetzt bin.

Ich setze mich jetzt hinter den Glaskasten, in dem Herr Dr. A. in seinem Postfach Papiere sortiert. Ich habe nichts anderes zu tun, als zu warten. Das finde ich eigentlich ganz gut, denn es wirkt auf mich, als sei ich durch nichts belastet. Das wiederum weckt meine Frage, warum ich hier bin, und dann kommt die kritische Frage, ob mein „Hiersein“ überhaupt berechtigt ist. (6)

(6) Mein innerer Kritiker:
Wenn ich in eine Internetsuchmaschine die Worte „Innerer Kritiker“ eingebe, finde ich Webseiten, Bücher, Videos, Tonträger über meinen „inneren Onkel“. Der ist ständig mit mir unterwegs. Pausenlos quatscht er auf mich ein. Er behauptet, dass ich es nicht wert sei, etwas in Anspruch zu nehmen. Er fragt permanent, ob ich genügend dafür geleistet habe. Den Kerl mal für eine Zeit weg zu sperren fällt mir sehr schwer. Doch wenn mir das für Minuten gelingt, wird mir klar, dass ich guten Grund habe, in der Klinik zu sitzen und zu warten um die Leistungen des Krankenhauses in Anspruch zu nehmen: Ich hatte einen schweren Unfall.

12.07.2012, 08:25 Uhr, die spezifische Beschäftigung von Kranken

Das Warten ist eine spezifische Beschäftigung, der zu unterliegen ich mich seit dem Unfall in vielfältigen Situationen gewöhnt habe. Auf Dr. A. muss ich nur wenige Minuten warten.

Ich erinnere mich an vier Stunden langes Warten, das ich in der Augenarztpraxis im Münchner Schwabinger Krankenhaus zubringen musste. Ich wurde dort hin bestellt, um nach der Operation noch einmal wegen meiner Augen kontrolliert zu werden.
Ich war bereits aus dem Krankenhaus entlassen. Man hatte mich bestellt, warten lassen und vergessen. Die Kopf-Operation war erst zwei Wochen her. Mir fehlte die Kraft, mich energisch durchzusetzen. Nach vier Stunden raffte ich mich matt und müde auf. Ich hatte meine Tabletten zu Hause gelassen, denn ich dachte nicht daran, dass ich so lange warten musste. Meine Schmerzen am Schädel wurden sehr stark. Nachdem ich auf mich aufmerksam gemacht hatte, hat man mich untersucht, stellte fest, dass mein Visus stabil sei und schickte mich nach zehn Minuten nach Hause.

Den „stabilen Visus“ erwähnt das Krankenhaus in einem meiner Befund-Berichte. Das wiederum veranlasst die Anwälte der Tierhalterhaftpflichtversicherung heute, schriftlich bei Gericht festzustellen, dass ich bei dem Zusammenprall mit dem Pferd gar keinen Schaden am Auge erlitten hätte. (7) Es interessiert die Versicherungsanwälte nicht, dass ich eindeutig auf Grund des Zusammenpralls mit dem Pferd einen Gesichtsfeldausfall im oberen Bereich des rechten Auges habe, dort also nichts mehr sehe, wegen einem eindeutigen Sehnervschaden. Die Ärzte meinten mit „… zeigte sich der Visus stabil“, dass sich daran nichts verändert hat.

(7) Im Antrag auf die Abweisung meiner Klage auf Schadensersatz, wegen meiner schweren Unfallverletzungen, schreiben die Anwälte (Tierhalterhaftpflichtversicherung der Pferdebesitzerin) am 22.05.2012 u.a. an das Landgericht München:
„Bei der augenärztlichen Kontrolle zeigte sich der Visus stabil …“
und weiter:
„… Soweit eine beginnende Optikusathropie festgestellt wurde, wird bestritten, dass diese auf den Unfall zurückzuführen ist“.

12.07.2012, 08:35 Uhr, Begründungen

Dr. A. ist sehr freundlich. Er befragt mich nach dem Grund, der mich in die Klinik führt. Ich frage, wo ich ansetzen soll.
Wie viel hat Dr. A., von dem gelesen, was ich in den Aufnahmebogen geschrieben habe? Ich frage, ob er meine Befunde kennt, die ich vor Monaten in die Klinik geschickt hatte. Die Unterlagen kennt Herr Dr. A. nicht, deshalb soll ich von ganz vorne berichten. Also erzähle ich, was meinen Aufenthalt in der Klinik begründet:

Ich war am 26.11.2011 um 14:34 Uhr auf einer kleinen Straße nahe einem Feldweg spazieren gegangen. Während ich gerade neben einem Auto stand, aus dessen Fenster heraus mich ein Autofahrer nach dem Weg fragte, hörte ich plötzlich in meinem Rücken das rhythmische Schlagen galoppierender Pferdehufe. Der Autofahrer fragte:
„Wo geht es ins Zentrum?“
Wegen des Hufeschlagens drehte ich mich um. Da sah ich ein riesiges galoppierendes Pferd mit Reiterin unmittelbar vor mir. Ich wurde sofort überrannt, ins Feld geschleudert und verlor das Bewusstsein. Deshalb bin ich hier.“

Ich darf hier in der Klinik sein, denn ich bin schwer verletzt worden. Mein „innerer Kritiker“ hält jetzt einfach mal die Klappe!

12.07.2012, 10:45 Uhr, beobachten, ohne den inneren Onkel

Bei der Aufmerksamkeitsmeditation merke ich, dass es möglich werden könnte, Schmerzen, die der Unfall in meinem Gesicht verursacht hat, zu beobachten. Die Idee finde ich interessant, denn sie bedeutet, dass ich mich darauf einlassen müsste, meine Schmerzen nicht zu bekämpfen oder zu versuchen, sie zu verdrängen, sondern ich würde lernen, die Schmerzen zu spüren, um einfach festzustellen, dass sie da sind. Ich würde keine Energie mehr dafür verbrauchen, sie zu bekämpfen. Voraussetzung ist, zu beobachten ohne zu bewerten. Das fällt mir schwer, denn es ist sehr ungewöhnlich.

Täglich spüre ich meinen verletzten Kopf, wie es dort, rund um die Schädeldecke, schmerzend drückt, als habe ich permanent einen viel zu engen Helm an. Ich merke, wie eine schmerzende Bahn von meiner Stirn über mein Nasenbein bis zu meiner Oberlippe zieht und ich spüre den dumpfen Schmerz an meinen oberen Schneidezähnen. Ich merke ganz genau, wie die Höhle, in der mein rechtes Auge liegt, schmerzlich brennt und glüht. Dort spüre ich ständig flackernde, stechende Schmerzen. Die Schmerzen finde ich grausam. Täglich wünsche ich mir, dass ich ein Medikament bekomme, damit sie vollständig verschwinden, denn ich hasse diese Schmerzen, weil sie meinen Alltag bestimmen.
Das alles soll ich nicht mehr bewerten?

In die Augenhöhle haben mir die Chirurgen der Intensivstation am 30. November 2011 eine Folie eingesetzt, um mein rechtes Auge zu stabilisieren, denn das Knie des galoppierenden Pferdes hatte meine Augenhöhle durchbrochen. (8)

(8) Orbitabodenfraktur:
Neben der Augenhöhle durchbrach der Aufprall mit dem Pferd meinen Augenhöhlenboden. Die Operation wurde gleichzeitig mit der Operation meiner Schädeldeckenbrüche und meines Nasenbeins durchgeführt. Darüber, was da eigentlich gemacht wurde, informiert mich z.B. folgender Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Orbitabodenfraktur
Ich bin sehr froh, dass ich das alles am 30.11.2011, als die OP stattfand, nicht wusste. An diesem Tag dachte ich einfach: Bitte operiert mich endlich, denn es muss sein. Was dabei heraus kommt werde ich nach der OP sehen. Was ihr konkret tut, will ich gar nicht wissen, denn der Unfall war so schlimm, dass ich eh keine Chance habe, heute zu begreifen, was genau alles heute operiert werden muss. Ich habe einfach alles unterschrieben, was mir unter die Nase gehalten wurde. Zwei Chirurgen haben sieben Stunden lang operiert. Alles ging gut.

Ich beobachte und spüre im rechten Auge, neben dem flackernden Brennen einen ständigen beißenden Schmerz. Am liebsten würde ich mein Auge ständig reiben. Ich merke, dass dort, wo mein rechtes Auge seit der Operation vor zwölf Monaten, wieder neuen Halt findet, heißer Schmerz zieht und zerrt. Am liebsten würde ich den Schmerz und das Auge einfach los werden. Ich denke, dass der Schmerz vorbei wäre, wenn das Auge weg wäre. Doch das Auge bleibt und somit auch der Schmerz.

Ich weiß und spüre, dass mein Schmerz, der an meiner rechten Wange brennt, das Stechen in meinem rechten Nasenflügel, das schmerzhafte Brennen und Stechen in meiner Augenhöhle, der Schmerz meiner Stirn und an der oberen Zahnreihe einfach da sind. Ich muss lernen, dass ich dagegen nichts tun will. Dagegen zu arbeiten ist verschwendete Energie. Alles wird bleiben. In der Aufmerksamkeitsmeditation sage ich deshalb zu mir und zu meinem Schmerz:
Ich möchte die Energie, die ich seit dem Tag des Unfalls gegen die Schmerzen eingesetzt habe, künftig für andere Zwecke haben. Ich möchte versuchen, täglich zu üben meine Schmerzen wahrzunehmen, aber nicht zu bekämpfen. Sie sind da und ich werde versuchen mit ihnen zu leben, nicht gegen sie. Diesen Ansatz kannte ich bisher nicht. Ich finde ihn sehr interessant.

12.07.2012, 15:40 Uhr, der Tod kommt beim Zuhören zurück

Tod“. Das ist mein Wort, das ich heute um 16:20 Uhr nenne, als die Therapeutin, Frau Dr. B.C., fragt, welches abschließende Wort mir zur heutigen Sitzung im Kopf herum geht.

Begonnen hatte es mit deren Frage, was ich zur heutigen Gruppensitzung (meiner ersten) mitgebracht habe. Ich habe das Thema aus der heutigen Meditation mitgebracht. Nämlich, dass ich mir meine Schmerzen ansehe, sie spüre, aber nicht versuche sie beenden zu wollen, oder gar versuche sie zu verdrängen, denn beides kann ich nicht wirklich. Deshalb lohnt es nicht, dafür Energie zu verschwenden. Ich will lernen, zu beobachten, ohne meine Schmerzen zu bewerten und hoffe darauf, dass ich das eines Tages schaffe und mir das hilft mit ihnen zu leben.

In der Gruppe gibt es allerlei Schmerzen:
Den dauerhaften Nackenschmerz, den Rückenschmerz, die Kopfschmerzen, bis schließlich der junge Co-Therapeut meint, dass er auch Schmerzen habe, seine Stimme sei wegen einer starken Erkältung geschädigt, weshalb er froh sei, heute nichts sagen zu müssen.

Ich merke, dass ich Gefahr laufe, mich zu wichtig zu nehmen. Ich nehme die anderen nicht ganz ernst, weil ich glaube, mein Schmerz im Gesicht sei so unerträglich, dass es der schlimmste sein müsse. Ist das schon wieder mein „bescheuerter innerer Onkel“? Die anderen Teilnehmer in der Gruppe haben bestimmt auch fürchterliche Schmerzen! Mir steht es nicht zu, über sie zu denken, was ich denke! Oder doch? Jetzt halt mal die Klappe du blöder „innerer kritische Onkel“! Der Onkel meint: „Denken kann ich, solange ich nicht sage, was ich denke!“ O.k., jetzt sei aber mal endlich ruhig!

Eine Teilnehmerin berichtet, dass ihr Mann zu Besuch war und sie ihm nichts von ihren Gedanken erzählt habe, sich von ihm trennen zu wollen. Eine andere Teilnehmerin beginnt daraufhin zu weinen. Frau Dr. B.C. fragt genau nach. Die Frau weint, weil sie zwei Jahre lang eine Therapie mit monatlichen Sitzungen gemacht hatte, aber nie ihrem Mann davon erzählte. Jetzt sei es zu spät. Ihr Mann sei kürzlich gestorben.

Das zu hören reicht, um mich innerlich umzuwerfen. Das galoppierende Pferd rennt einfach über mich weg. Dessen Kräfte schleudern mich auf den Acker. Ich sehe mich dort liegen, als sei ich nicht mehr ich. Plötzlich ist da nichts mehr. Ich sehe nichts. Meine Augen sind von den Verletzungen so geschwollen, dass ich blind bin. Ich spürte meinen Körper nicht. Ich versuche zu sprechen, versuche zu sehen, versuche zu schmecken, zu reden. Da ist nichts. Das ist mein Tod, denn das kenne ich nicht.

Auf dem kalten Acker liegend denke ich an meine Frau und an unseren Hund. Von denen will ich mich verabschieden. Ich denke, dass ich sie nie wieder sehe. Ich schluchze und merke, dass in meinem Mund ein bitterer Geschmack ist. Es sind meine Tränen, Blut und die Erde vom Acker.

Der Acker auf dem ich schwer verletzt lag schmeckte bitter. Ich spürte seine Kälte, schmeckte den bitteren Geschmack von Tränen, Blut und Erde, dachte aber trotzdem, dass ich tot sei, denn in mir war alles still und dunkel.

Freitag, 13.07.2012, 08:30 Uhr, Energie

Ich merke eine Energie bei der Therapeutin, die darauf gerichtet ist, uns abzuholen und in eine energiegeladene Welt mitzunehmen. Ich sehe lachende Patienten, die mir vorkommen wie normale Menschen, die Spaß miteinander haben wollen. Die Therapeutin begrüßt mich freundlich und spricht mit mir, so dass es mir ganz leicht fällt, in die neue Gruppe unbekannter Menschen hineinzukommen, ohne mit denen ein Wort gesprochen zu haben.

Wir sollen sagen, was unsere Stärke ist. Meine Stärke ist, dass ich mich durchbeißen kann. Ich kann lange an einer bestimmten Sache dran bleiben. Die Stärke der Therapeutin ist es, dass sie Menschen begeistern kann. Damit habe ich so meine Schwierigkeiten. Jeder sucht sich ein Instrument, das ihm gefällt und setzt sich wieder auf seinen Stuhl. Jetzt erklärt die Therapeutin, was wir machen. Jeder spielt auf dem Instrument seine Stärke vor.

Oje“ denke ich, jetzt wird es schwierig. Jetzt weiß ich auch wieder, warum das hier Therapie heißt. Ich hatte mir ein Bongo genommen. Ich soll also auf dem Bongo vorspielen, dass ich lange an einer Sache dran bleiben kann? Ich bin froh, dass ich nicht der erste bin, der vorspielt. So habe ich viel Zeit, zu hören, dass es keineswegs darum geht, das Instrument wirklich spielen zu können. Das beruhigt mich.

Ich bin sehr überrascht, dass ich von den unbekannten Gruppenmitgliedern höre, dass sie in meinem Bongo-Spiel meine Stärke gehört haben wollen. Dass die Therapeutin das bestätigt, wundert mich nicht, denn ich meine, das ist ihr Job. Das aus der Gruppe zu hören, kann ich noch nicht so recht einordnen. Ich denke daran, dass viele der Teilnehmer wohl schon sehr viel Therapieerfahrung haben und deshalb auch gerne mal in die Therapeutenrolle schlüpfen. (9) Ich bin sehr froh, dass die Stunde so locker abläuft.

(9) „In die Therapeutenrolle schlüpfen“. Bei mir läuft das so:
Mein innerer kritischer Onkel zeigt mir meine Vorurteile und meine Arroganz. Er behandelt mich von oben herab, was ich auf meine inneren Urteile über andere Menschen übertrage. Ich bin also innerlich damit beschäftigt, von anderen permanent zu denken, sie würden mich genauso kritisch betrachten, wie mich mein innerer Kritiker ansieht. Von positiven Äußerungen bin ich dann sehr überrascht, weil ich kein positives Feedback annehmen kann, weil mir das mein innerer Kritiker verbietet.

10:35 Uhr
Ich komme 20 Minuten zu spät zu einer Einführung von neuen Patienten, um zu hören, wie ein Blutdruckmessgerät funktioniert, wo eine Waage steht und dass man sich im Erdgeschoss in eine Liste für Wäsche und Bügeln eintragen kann.

Freitag, 13.07.2012, 13:00 Uhr, Versammlung der Kranken

Weil heute Freitag ist, findet eine Versammlung der Patienten der Station mit den Therapeuten und Ärzten statt. Zu meiner Überraschung wird die Versammlung von einer Patientin moderiert. Es ist eine Frau, die heute Vormittag auch in der Musiktherapiegruppe war. Sie macht die Moderation auf sehr lockere und angenehme Weise. Ich finde das sehr gut und mutig. Nachdem sie alle Patienten, die in den nächsten Tagen die Klinik verlassen, aufgefordert hat, kurz aufzustehen und ein paar verabschiedende Worte zu sprechen, kommt sie zu Punkt zwei der Versammlung: Neue Patienten möchten sich doch bitte kurz vorstellen und dabei sagen, was sie in die Klinik geführt hat.
Keiner beginnt, stattdessen sehe ich etwa siebzig Leute auf ihren Stühlen sitzen. Ich gebe mir einen Ruck und stehe auf. Ich sage, wie ich heiße und dass ich in München wohne. Da höre ich ein Lachen, von dem ich mich aber nicht verwirren lasse, weil ich mir sage, dass es nichts mit mir zu tun hat. Ich sage, dass ich einen schweren Unfall gehabt habe und dass ich nun hier sei und hoffe, dass ich hier die Hilfe bekomme, die ich brauche. Ich bedanke mich fürs Zuhören und setze mich wieder.
Weil es üblich ist, dass nach jedem Redebeitrag auf dieser Versammlung geklatscht wird, höre ich nun das Klatschen der ganzen Station. Ich bin froh darüber, dass ich den Mut gefunden habe, mich vorzustellen. Nachdem ich den Anfang gemacht habe, stellen sich auch alle anderen neuen Patienten vor.

16.07.2012, 08:45 Uhr, Gips und Krücke

Jürgen, den nur ich für Jürgen halte, denn er heißt in Wahrheit J., was ich kurzzeitig vergaß, weshalb ich ihn gestern im Vorbeigehen mit Jürgen begrüßte, hat alle Ärzte schon hinter sich. Die sollten bei ihm ermitteln, warum er Herzrythmusstörungen hat. Sein Hausarzt hatte nach dem „zigsten“ EEG gesagt:
„Sie haben etwas anderes, da sollten Sie einmal hinsehen.“
Dann erzählt er folgende „ärztliche Räubergeschichte“:
„Eines Tages, ich war wieder bei meinem Hausarzt und wollte wegen meines Herzrasens und meines unregelmäßigen Herzens ein EEG, gab mir der Arzt eine Pille in die Hand. Er sagte, ich solle diese nehmen und ihn im Laufe des Tages anrufen, und sagen, ob es mir besser gehe. Ich verließ die Arztpraxis. Ich nahm die Pille nicht und rief ihn auch nicht an. Stattdessen ging ich in den folgenden Monaten zu Herzspezialisten und Magen-Darm-Spezialisten. Ich ließ mich von mehreren durchchecken. Nachdem keiner der Spezialisten etwas finden konnte, ging ich wieder zu meinem Hausarzt. Dort hatten sich inzwischen Berge von Befunden angesammelt von den Spezialisten. Erst jetzt war mir klar geworden, dass ich etwas anderes haben musste, als das, wonach die Spezialisten gesucht hatten.“

Eine andere Patientin erzählt, dass sie diese „Glückspillen“ nicht brauche, die ihr von den Ärzten empfohlen werden. Sie wolle das Zeug deshalb nicht nehmen, weil sie damit ihre Trauer, wegen ihres verstorbenen Mannes, nicht weg schieben wolle.

Ob die von der Dame so genannten „Glückspillen“ wirklich glücklicher machen bezweifle ich. Ich habe eine Psychophamakatherapie begonnen und merke nichts von Glück. Was ich feststelle ist, dass ich den Stress nach dem Unfall, und die Zeit auf der Intensivstation mit stoischer Ruhe ausgehalten habe. Es war, als sei ich ferngesteuert. Es war wie ein Programm, das ich abspule. Von Glück war da keine Spur.

Ich nehme die Medikamente, weil ich mit dem Wahnsinn des Unfalls und den Folgen zurechtkommen muss. Um damit klar zu kommen brauche ich eine innere Ruhe, die ich ohne die Medikamente momentan nicht erreichen kann. Ich bin sicher, dass ich eines Tages ohne die Hilfe der Medikamente meine innere Ruhe habe. Das lerne ich mit Übungen, welche ich mir in der Klinik aneigne.

Dass nicht jeder Mensch wegen eines gebrochenen Beines Gips und Krücke braucht, sondern eventuell nur eine Schiene nötig ist, trifft auch bei Psychopharmaka zu. Nicht jeder braucht sie, um an seinen Problemen zu arbeiten. Ich weiß, dass die Probleme auch mit Psychopharmaka bleiben und bearbeitet werden müssen. Die Krücke hilft aber dabei. Ohne sie würden der Unfall und mein völlig aus dem Tritt geratenes Leben momentan keine innere Ruhe geben, damit ich jedes einzelne Problem genau betrachten und eine Lösung finden kann.

J. sagt, ihm habe die Krücke sehr geholfen, sein Leben wieder zu ordnen und die für ihn notwendigen Schritte zu unternehmen, damit er seine Probleme bearbeiten und lösen kann. Darauf hoffe auch ich. Ich glaube, dass ich mein Leben wegen „secret gun“ neu sortieren muss.

Dienstag, 17.07. 08:10 Uhr, Tresorübung

Herr Dr. A. übt mit mir, „eine belastende Situation in einen Tresor weg zu packen“. Ich nehme die Situation, als mich kürzlich auf der Wiese vor unserer Wohnung ein fremder Hund gebissen hat. Es geht darum, dass ich mir das als einen Film vorstelle, so bildlich, wie möglich. Weil das Ereignis für mich abgeschlossen ist, habe ich damit kein Problem. Ich sehe mich und den fremden Hund, der mich in die Hand beißt, weil ich mich völlig unprofessionell in einen Konflikt zwischen ihm und Nemo einmische. Dieses abgeschlossene Ereignis läuft als Film vor meinem inneren Auge ab. Ich spule den Film zurück, nehme die Filmrolle aus dem Projektor und lege sie in eine schwarze Schachtel. Die lege ich in einen Tresor, den ich mit einem schönen Tresorschlüssel verschließe.

Genau diese Übung schlägt Herr Dr. A. nun vor, für den Unfall. Ich bin dazu aber nicht in der Lage. Ich habe Angst, denn ich hatte erst letzte Nacht das brutale „Taracktaracktarack“ des galoppierenden Pferdes in meinem Rücken gehört. Ich traue mich nicht, den Unfall als Ereignis zu betrachten, das ich mir als Film ansehen, zurück spulen, wegpacken und einschließen kann. Es gibt zu viele Lücken. Ich war auf dem Acker gestorben. Dabei ist etwas passiert, was mir noch nicht völlig klar ist, woran ich mich nicht erinnern kann. Es muss außerdem einen Grund dafür geben, warum immer wieder die Unfallbilder und Geräusche auftauchen. Diese Dinge muss ich suchen und finden, um das Ereignis abzuschließen und weg zu packen.

Herr Dr. A. schlägt mir eine schönere Übung vor. Für die soll ich mir einen ganz sicheren Ort einfallen lassen. Daran scheitere ich heute, denn mir fällt kein sicherer Ort für mich ein. Ich kann mich nicht konzentrieren. Die Schmerzen nehmen plötzlich stark zu. Ich brauche eine Pause, lege mich aufs Bett und beginne in langen Atemzügen tief und langsam zu atmen. Das gelingt mir, so dass ich später einen sicheren Ort finde, zu dem ich in Gedanken hin laufe, um dort zu verweilen und meine Angst, es könnte etwas schlimmes passieren, nicht mehr spüre. (10)

(10) Imaginationsübungen spielen in der Therapie, die mir helfen könnte eine erhebliche Rolle. Ich habe dabei folgendes Buch als sehr hilfreich empfunden:
Luise Reddemann (2001) Imagination als heilsame Kraft / Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren, Pfeiffer bei Klett-Cotta, 2001 / ISBN 3-608-89691-0. Die Autorin hat folgende Webseite: http://www.luise-reddemann.info/index.htm

Retraumatisierung

Nachdem ich von dem galoppierenden Pferd auf das Feld geschleudert worden war, erlebte ich mehrere Situationen bewusst oder unbewusst, wach oder nicht wach, das weiß ich nicht, in denen ich glaubte, das sei mein Tod.

Das wiederholt sich heute in meinem Kopf. Ausgelöst wird es von den Worten einer Mitpatientin, die aufgebracht vom Tod eines Menschen erzählt, der in einem Krankenwagen abtransportiert wurde.
Plötzlich schießen mir Gedanken durch den Kopf, die sehr mächtig sind. Ich kann mein Todeserleben auf dem Feld nicht beenden. Ich spüre den Schmerz, welchen ich auf dem Acker hatte. Ich habe extrem angeschwollene Augen. Ich kann nichts mehr sehen. Ich höre nichts. Es ist ruhig. Kein Mensch ist da. Plötzlich habe ich keine Schmerzen mehr. Mein zerbrochener Kopf tut nicht mehr weh, ich glaube sogar, er ist gar nicht mehr da. Hier gibt es nichts mehr. Ich bin völlig allein im Stockdunklen. Jetzt bemerke ich einen bitteren Geschmack in meinem Mund, von Tränen, Blut und Erde.

Ich sitze wie gelähmt in der Therapiegruppe. Ich funktionierte weiter. Ich folge dem Gespräch der Gruppe, ohne dass ich verstehe, was da gesprochen wird. Ich wende meinen Kopf zu denjenigen, die gerade sprechen und gebe Signale, deren Sprechen zu folgen, aber ich tue das Gegenteil. Ich verstehe nichts. Denn ich liege sterbend auf dem eiskalten dunklen Feld. Jetzt höre ich Geräusche. Es ist eine Schere. Sie schneiden mir meine Kleidung vom Körper. Ich rieche den eisigen Wind, der den bitteren Geruch der Erde, den ich in meinem Mund schmecke, aufwirbelt.

Jetzt ist wieder das „Taracktaracktarack“ eines galoppierenden Pferdes da. Es ist ein riesiges Pferd mit schwarzen Füßen. Ich sehe es direkt vor mir. Rechts und links stehen lange Beine ab und oben drauf ist ein Kopf mit fliegenden Haaren. Ich bin hilflos. Alles ist wieder da. Ich schluchze leise vor mich hin. Ich will aufstehen aber ich kann mich nicht bewegen und ich sehe nichts. Mein Mund ist voll von Erde, Blut und Tränen.

Zum Schluss der Sitzung fragt die Therapeutin, mit welchem einzigen Wort die heutige Sitzung für mich endet. Mir fällt ein Wort ein: „Tod“. (11)

(11) Retraumatisierung kann bereits geschehen, wenn ich eine Geschichte höre, in der vom Sterben oder von Unfällen die Rede ist. In der Klinik lerne ich, mich davor zu schützen. Ein sehr hilfreiches Buch zum Trauma habe ich hier gefunden: Luise Reddemann (2007), Trauma: Folgen erkennen, überwinden und an ihnen wachsen, Verlag: Trias; 3. vollständig überarbeitete Auflage (24. Oktober 2007), ISBN-10: 3830434235, ISBN-13: 978-3830434238.

Montag, 12. November 2012, der erste Gutachter

Der Gutachter ist ein routinierter Mann in diesem Fach. Ich sitze vor seinem breiten Schreibtisch. Meine Hände zittern ein wenig, wegen des heutigen Termins. Ich spüre die brennenden Schmerzen in meinem Gesicht. Heute sind sie seit fünf Uhr morgens da. Ich hatte mich nachts mit Zopiclon betäubt, denn der Schmerz hat mich nicht in Ruhe gelassen.

Ich beantworte brav jede Frage des Herrn Dr. D. Ich fühle mich matt und bin sehr unkonzentriert. Deshalb muss ich mich mehrmals entschuldigen, denn mir fallen die Daten, nach denen der Mann fragt, plötzlich nicht mehr ein. Als er fragt, wann denn der Unfall war und feststellt, dass der ja bald ein Jahr her sein müsse, fällt mir sogar das Datum 26.11.2011 nicht mehr ein.

Ich darf mich auf die Pritsche legen, die rechts im Zimmer steht. Die Fragen des Herrn beantworte ich von dort aus.

Ob ich denn bei meinem Arbeitgeber wieder arbeiten wolle. Das würde ich sehr gerne, wenn die Schmerzen es mir erlauben. Doch wann das soweit ist, weiß ich nicht.

Ob ich denn seit dem Unfall nicht gearbeitet hätte.

Nein, ich habe seitdem nicht gearbeitet, weil meine Gesichtsschmerzen so stark sind, dass ich nicht länger am Stück arbeiten kann. Ich brauche zu viele Pausen und Aufregung oder gar Stress und Druck verstärken die Gefahr von starken Schmerz-Attacken.

Was ich denn den ganzen Tag lang tue.

Jetzt trifft der Mann voll ins Schwarze, denn ich denke seit Wochen, dass ich eigentlich nichts tue und fast nichts mehr schaffe, weil ich mich ziemlich schwach fühle.
Ich stehe so früh wie möglich auf, denn für Zähneputzen, Rasieren und Waschen brauche ich viel Zeit. Die Schmerzen können sehr heftig werden, auch beim Essen, denn die obere Zahnreihe tut ständig weh. Ich versuche täglich spätestens um 08:30 Uhr mit Nemo nach draußen zu gehen.

Was ich denn danach tue.

Ich denke nach. In meinem Kopf ärgert mich der Gedanke, dass ich nichts tue. Deshalb sage ich jetzt zu dem Gutachter:
Eigentlich nichts, denn ich schaffe kaum etwas. Ich frühstücke sehr langsam, denn die obere Zahnreihe tut mir dabei weh. Ich will nicht gleich morgens von einer schweren Attacke getroffen werden. Der „Herr Brutal“ ist unerbittlich. Danach versuche ich den Haushalt in Ordnung zu halten. Dann gehe ich mit Nemo wieder hinaus, wir spazieren zu unserem Garten, der zu Fuß etwa eine halbe Stunde entfernt liegt.

Wer dieser Herr denn sei.

Das ist mein ständiger Begleiter geworden. Ich achte sehr genau darauf, ihm nicht so in die Quere zu kommen, dass er unkontrolliert zuschlägt. Ich weiß inzwischen ganz gut, das ich aufpassen muss, vor allem mit Berührungen, kalten und warmen Getränken, kaltem Wind, falschen Bewegungen und einer ganzen Menge weiterer solcher Sachen. Ich versuche zu vermeiden, was den „Herrn Brutal“ veranlassen könnte, einen Schub der Gewalt loszutreten.

Und das funktioniert?

Ich bemühe mich sehr, meinen Tag so zu ordnen, dass „Herr Brutal“ keinen Anlass findet brutal zuzuschlagen, denn mir reichen schon die dauerhaften Gesichtsschmerzen jeden Tag. Ich will so wenig heftige Schmerzattacken wie möglich haben. Doch leider funktioniert das nicht immer.

Was ist, wenn eine Attacke kommt?

Ich versuche mich sofort hinzusetzen oder hinzulegen, denn mein schneller, flacher Atem muss gestoppt werden und weil ich schon viele Kreislaufzusammenbrüche erlebt habe, bin ich vorsichtig geworden. Ich konzentriere mich auf meinen hektischen, flachen Atem. Meine Atemzüge müssen tief, lang und gleichmäßig werden. Das dauert unterschiedlich lang, je nachdem wie stark der Schmerz, der immer rund um das Auge beginnt, anhält.

Für die Atmung brauche ich etwa zehn bis fünfzehn Minuten. Wenn ich einen tiefen, gleichmäßigen Atem erreicht habe, konzentriere ich mich auf meinen Körper. Ich versuche eine Region zu spüren, an der ich keinen Schmerz habe, zum Beispiel mein linkes Knie. Das habe ich leider noch nie wirklich geschafft, denn die Schmerzen in meinem rechten Auge sind so heftig, dass ich nicht ablassen kann, genau dort hin zu spüren. Das lasse ich zu. Ich versuche mir vorzustellen, dass der Schmerz zu mir gehört, wie alles andere meines Körpers. Ich sage mir, dass der Schmerz normal ist. Er wird nicht verschwinden. Ich brauche etwa eine Dreiviertelstunde Ruhe. Zum Schluss schaffe ich einen sogenannten Body-Scan zu machen. Ich beobachte meine Körperempfindungen, indem ich meinen Körper vom Kopf bis zu den Zehenspitzen langsam durchgehe. Wenn ich das schaffe, bin ich ganz beruhigt, denn das heißt: Ich habe die Attacke überstanden. Ich stehe langsam auf und gehe nach Hause, denn dort fühle ich mich sicher. (13)

(13) Die sogenannte Achtsamkeitsmeditation habe ich in der Klinik täglich geübt. Sie bedeutet, dass ich mich auf meine Körperempfindungen konzentriere. Ich versuche mit voller Aufmerksamkeit und Konzentration meinen Körper und meine Empfindungen wahrzunehmen. Das hilft mir dabei, zu einer neuen Körperwahrnehmung zu finden, die den Schmerz integriert anstatt zu versuchen ihn zu ignorieren. Da die Konzentration bei diesen Übungen sehr hoch ist, erreiche ich auch, dass ich zu einer inneren Ausgeglichenheit und Ruhe finde, die ich brauche, um die Folgen des Unfalls aktiv neu einzuordnen.

Freitag, 16. November 2012, mein Anwalt

Mein Anwalt erklärt mir am Telefon, dass sich nichts getan hat. Der Richter wird vermutlich weiterhin versuchen den Zeugen, der das Auto fuhr, der mich am 26.11.2011 um 14:33 Uhr nach dem Weg gefragt hatte, aufzutreiben. Allerdings sei das schwierig, denn der Mann lebe in einem Afrikanischen Staat.
Eine perfekte Sache für die Zermürbungs- und Verzögerungstaktik der Tierhalterhaftpflichtversicherung. Deren Anwalt besteht darauf, diesen Mann als Zeugen anzuhören. Das verlangt er, obwohl die Reiterin in der Beweisaufnahme im September 2012 vor Gericht ihre bisherige Zeugenaussage, die sie auch der Polizei gab, nochmals exakt vorgetragen hat. Deren Darstellung deckte sich genau mit meiner Aussage, nämlich, dass ich keine Chance hatte, dem rasenden Pferd auszuweichen, weil es mich in der Sekunde sofort überrannte, als ich es sah.

Trotzdem besteht der Anwalt des Versicherungskonzerns darauf, dass der Zeuge her muss. Der hatte bereits am 26.11.2011 der Polizei gegenüber ausgesagt. In der Akte der Staatsanwaltschaft München (die geschlossen wurde und dort in den Keller gelegt wurde) bestätigt er genau das gleiche, wie die Reiterin, nämlich, dass alles sehr schnell geschah und kein Ausweichen vor dem riesigen Pferd möglich war. Weil der Mann aber in Afrika ist, und deshalb sehr schwer aufzutreiben ist, verzögert die Forderung nach erneuter Befragung dieses Zeugen das Verfahren enorm. Genau das passt ideal in die Zermürbungstaktik des Versicherungskonzerns. Jede Gelegenheit der zeitlichen Verzögerung des Verfahrens zu nutzen, gehört zur Taktik, denn je länger das Verfahren der Beweisaufnahme dauert, desto später kann das Gericht irgendetwas entscheiden und desto wahrscheinlicher ist es, dass das Opfer finanziell ausblutet, klein bei gibt und einem billigen Vergleich zustimmt. Auf diesen Zeugen verzichtet der Anwalt der Versicherung deshalb nicht, denn auch er hofft darauf, dass ich irgendwann aufgebe meine Forderungen an die Versicherung zu richten. Das könnte geschehen, wenn mir das Geld zum Leben und zur Finanzierung meines Anwalts für das Verfahren aus geht. Zeit ist ein wesentlicher Baustein der Zermürbungstaktik des Versicherungskonzerns. Wäre ich ein Unternehmer mit einer kleinen selbständigen Firma, müsste ich wegen dem Unfall längst Insolvenz anmelden.

Mein Anwalt erklärt, dass der Versicherungskonzern die Akte bei der Staatsanwaltschaft (aus dem Strafantrag und Keller) angefordert hat. Auch das gehört zur Taktik. Erst nachdem die Versicherung durch deren Anwalt die Behauptung ins Gericht trägt, ich sei in das Pferd gesprungen, wird die Akte besorgt, in der alle schriftlichen Aussagen aller Unfallzeugen zu finden sind, aus denen eindeutig hervor geht, dass ich keine Chance hatte, dem Tier auszuweichen.

Montag, 26.11.2012, ein Jahr später

Ein Jahr nach dem Unfall habe ich keinerlei Entschädigung erhalten. Meinem Beruf kann ich nicht mehr nachgehen. Mein Strafantrag gegen die Reiterin wurde im Februar 2012 von der Münchner Staatsanwaltschaft zu den Akten gelegt. Das zivilrechtliche Verfahren im Landgericht München ist in einer ersten Sitzung zur Beweisaufnahme Ende September 2012 stecken geblieben.

Der Versicherungskonzern des versicherten Pferdes hat mich mit Vorwürfen und Behauptungen von einer Mitschuld überzogen. Deren Anwalt weist all meine Verletzungen so zurück, als sei der Unfall am 26.11.2011 gar nicht passiert, oder als hätte ich die Verletzungen schon immer gehabt oder sie mir irgendwie selbst zugefügt. Diese Herren brauchen für solche Behauptungen keinerlei Beweise. Es reicht aus, alle Punkte meiner Klage, von meinen zerschnittenen Klamotten bis zu meinem erlittenen Sehnervschaden einfach zu bezweifeln und deren Ursache mir selbst zuzuschreiben.

Das deutsche Recht lässt die Zermürbungstaktik zu. Zur Abwehr von Versicherungsansprüchen hat sich eine Heerschar von Anwälten in riesigen Kanzleien, nahe der entsprechenden Gerichte, zusammengerottet. Sie werden von den exorbitanten Einnahmen der Versicherungskonzerne finanziert. Die großen Kanzleien beschäftigen sich mit sogenanntem Expertenwissen, worunter sämtliche Möglichkeiten der Zermürbung von Opfern und der Verfahrensverlängerung, die das juristische System hergibt, zu verstehen sind. Es ist ein Qualitätsmerkmal der spezialisierten, großen Anwaltskanzleien, die von den Versicherungskonzernen beauftragt werden, alle juristischen Möglichkeiten restlos zu nutzen, um die Haftpflichtversicherer vor der Verpflichtung zu bewahren, derer sie sich in ihren Policen brüsten, nämlich einen Schaden, wie ihn das versicherte Pferd angerichtet hat, zu „regulieren“.

Die realen Kosten, die ich bis heute für Krankenhauszuzahlungen, Arzneimittelzuzahlungen für verordnete Medikamente, Fahrten zu Arztterminen usw. bezahlt habe, werden von dem Anwalt der großen Münchner Kanzlei, die der Versicherungskonzern beauftragt hat, ebenso zerpflückt und nicht anerkannt, wie sich diese Herren nicht zu Schade sind, zu behaupten, dass laut Google Maps die Strecke zwischen meiner Wohnung und dem Krankenhaus um 3 km weniger betrage, als ich es angegeben habe.

Ich werde meiner Schadensminderungspflicht nicht gerecht, denn statt mit dem Auto hätte ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den Ärzten zu fahren gehabt. Dass ich ein Schädel-Hirn-Trauma hatte und deshalb nicht öffentlich fahren konnten, wegen meiner Schwindelanfälle, weshalb mich meine Frau mit dem Auto fuhr, wird ignoriert. Stattdessen werden mir drei Kilometer vorgeworfen, die sich mit 75 Cent Kosten berechnen und daher ein Verstoß gegen meine Schadensminderungspflicht seien. Ich kann aber die angeblich von mir zu viel angegebenen 3 Kilometer nicht feststellen, denn das Ergebnis bei Google Maps bringt mir bei der kürzesten Strecke höchstens 600 Meter weniger, dafür aber ständigen Stau.

Weil der Versicherungskonzern alle von mir und meinem Anwalt schriftlich vorgelegten Beweise bezweifelt, muss mich der Richter, bei einem Beweisaufnahmetermin, zu allen Punkten meiner in der Klageschrift und den beigefügten Belegen dargestellten Kosten wegen dem Unfall, als Zeuge befragen. Das nutzt der Anwalt der Versicherung, um den Richter darüber zu belehren, dass er mich gemäß irgend einem Paragraphen der ZPO gar nicht als Zeugen befragen darf, was der Richter wiederum durch einen Vermerk in das Sitzungsprotokoll als Beschwerde des Beklagten aufnehmen muss.

Wäre es nicht mein Verfahren, in dem über einen lebensbedrohlichen Unfall mit dauerhaften Folgen für mich, entschieden werden soll, dann würde ich das als eine Art juristisches Kabarettprogramm recht unterhaltsam finden. Doch leider steckt hinter dem „Geplänkle“ des Anwalts des Versicherungskonzerns mit dem Richter bitterer und wohl auch routinierter Ernst. Ich weiß nicht wohin das führen wird.

Es ist eine zermürbende Sache, als Opfer wie ein Angeklagter im Gericht zu sitzen, zuvor eine unglaubliche Liste von Vorwürfen an mich zu lesen, die der Anwalt des Versicherungskonzerns als Antwort auf meine Klageschrift ans Gericht geschickt hat, und im Gericht dann zu jedem Detail des Unfallhergangs und meinen zu beklagenden Auslagen aussagen zu müssen. Das alles liegt bereits schriftlich vor, ist mit Belegen und ärztlichen Verordnungen nachvollziehbar dokumentiert, muss aber trotzdem von mir mündlich nochmal genau aufgerollt werden, weil der Versicherungskonzern jeden noch so winzigen Punkt meiner, wegen dem Unfall entstandenen Kosten, gerichtlich abgewiesen wissen will.

Der Zweck ist eindeutig: Es geht um Verzögerung des Verfahrens, Verunsicherung des Opfers und Zermürbung. Wenn hartnäckig um drei Kilometer gestritten wird, dann liegt die Vermutung nahe, dass der Versicherungskonzern sich gegenüber dem Opfer nicht in der Schadensersatzpflicht sieht, sondern das Unfallopfer als Gegner betrachtet, das es zu bekämpfen gilt. Der Versicherer ist mit allen juristischen Wassern gewaschen, zu keinerlei Zugeständnissen bereit und ausschließlich darauf bedacht, den versicherten Schaden nicht bezahlen zu wollen, bzw. soweit zu drücken, dass die Versicherung aus den eingesparten Mitteln auch noch die teuren Anwälte bezahlen kann. Diese Kalkulation muss aufgehen. Schon deshalb wird deren Anwalt alles daran setzen, den entstandenen Schaden juristisch möglichst klein zu reden. Bislang geht die Zermürbungstaktik des Versicherungskonzernes auf:
Ich habe keinerlei Entschädigung, stehe ohne Arbeitsfähigkeit da, werde seit dem Unfall von dauerhaften Schmerzen geplagt, kann nicht mehr richtig sehen, leide unter den extremen Nebenwirkungen von Medikamenten, die ich wegen dauerhafter Schmerzen nehme, und werde demnächst von einem finanziellen Desaster bedroht. Ich habe mich mit einer Anwaltskanzlei herum zu streiten, die im Auftrag der Versicherung des Pferdes, das mich schwer verletzt hat, alles daran setzt, mich zu zermürben. Eine Entscheidung in der Sache scheint, auf Grund des Verhaltens des Anwalts des Versicherungskonzernes und dessen abweisende Schreiben ans Gericht, momentan ein aussichtsloses Unterfangen zu sein.

Nach dem Beweisaufnahmetermin geht es mir schlecht. Ich habe viele Medikamente genommen, um in der Sitzung bei Gericht ruhig zu bleiben. Tage zuvor habe ich, im Hinblick auf den Termin, langsam die Dosis der Medikamente hochgefahren, um eine Schmerzattacke im Gericht zu vermeiden. Ich bin froh, dass das gut ging. Das Ergebnis aber ist schlecht. Ich muss mich auf Jahre der Auseinandersetzung mit weiteren derartigen Terminen bei Gericht einstellen.

Zermürbung

In der folgenden Stichwort-Liste habe ich einige Dinge zusammengefasst, die ich im ersten Jahr, das seit dem Unfall vergangen ist, wegen des Anwalts der Tierhalterhaftpflichtversicherung von „secret gun“ ertragen musste. Sollten Sie jemals einen Unfall oder einen anderen schweren haftpflichtversicherten Schaden erleiden, dann könnte es sein, dass Ihnen einige Dinge aus meiner folgenden Liste begegnen:

 

Sie haben eine erhebliche Mitschuld.“
Damit müssen Sie immer rechnen, das wird einfach behauptet. Der Anwalt der Versicherung wird irgend einen Satz aus Ihrer Klageschrift verwenden und ins Gegenteil drehen. Wenn in Ihrer Klageschrift steht:
„… wurde von einem galoppierenden Pferd auf der Straße sofort überrannt…“,
dann schreibt die Haftpflichtversicherung dem Gericht zurück:
„… wäre der Kläger nicht in das Pferd gesprungen …. deshalb ist ihm zumindest eine erhebliche Mitschuld …“

 

Sie verstoßen gegen Ihre Schadensminderungspflicht.“

Jede Ihrer Forderungen, ob es nun das Kilometergeld von 25 Cent für Ihre Fahrten zum Arzt ist, oder die vom Notarzt zerschnittene Kleidung, wird nicht anerkannt, sondern abgewiesen. Sie müssen jeden einzelnen Punkt in der Beweisaufnahme vor Gericht neu beweisen, auch wenn Sie das in der Klageschrift anhand von Belegen, Fotos oder anderem bereits getan haben.

 

Sie haben die vollständige Beweispflicht!“

Das ist einer der ersten Sätze, die sie in der Replik auf Ihre Klage von dem Anwalt des Versicherungskonzernes lesen werden. Damit wird Ihnen sozusagen eröffnet, dass Sie mit keinerlei Kooperation oder gar Entgegenkommen zu rechnen haben, Verständnis für Ihre Verletzungen und den Schaden brauchen Sie nicht zu erwarten. Sie werden von dem Anwalt der Haftpflichtversicherung „vorgeführt“, indem von ihm im Verfahren stets darauf hingewiesen wird, dass Sie jedes Detail zu beweisen haben. Wenn sie das tun, werden Ihre Beweise als nicht ausreichend von der Versicherung ignoriert und bei Gericht beantragt, Ihre Klage abzuweisen.

 

Die vorgelegten Beweise des Klägers sind abzuweisen.“

Wenn Sie Belege und Rechnungen ihrer verordneten Medizin usw. in einer sauberen Liste zusammenfassen und nach dem Datum geordnet als Anlage der Klageschrift als Beweis dem Gericht vorlegen, wird die beklagte Versicherung beantragen, das mit der Begründung abzuweisen:
„ …es ist nicht zumutbar, dass wir uns jede einzelne Quittung selbst heraussuchen ….“

 

Der Schaden wird bestritten, er bestand bereits vor dem Unfall.“

Wenn Ihre Verletzungen nicht eindeutig sichtbar sind, so z.B. wenn Sie wegen dem Unfall auf einem Auge nur noch 50 % sehen können, dann werden Sätze aus Ihren ärztlichen Befunden ins Gegenteil verdreht, um zu der Aussage zu kommen, dass Ihre entstehende Sehschwäche und Ihr von den Ärzten attestierter Sehnervschaden gar nichts mit dem Unfall zu tun haben.

 

Es wird bestritten, dass … „

Diese Worte lesen Sie in der Erwiderung der Versicherung auf Ihre Klage in jedem zweiten Absatz. Der Anwalt der Haftpflichtversicherung wird ein Vergleichsangebot unterbreiten, das Ihren Schaden auf höchstens 50 % oder weniger runter drückt. Er sagt zu Ihnen:
„Wenn sie unser reduziertes Angebot nicht annehmen, dann werden wir uns jedes Jahr hier vor Gericht sehen!“
Darauf sollten Sie, auch wenn es Ihnen sehr schlecht geht, wie ich antworten: „Ich möchte, dass mir der Schaden, den ich wegen des Unfalls erlitten habe, ersetzt wird. Das ist mein theoretisches Recht. Wenn das nur durch einen jährlichen Gerichtstermin erreichbar ist, dann eben so.“

 

Die Kausalität wird bestritten ..

Diese Worte werden Sie in den Repliken auf Ihre Klage von der Haftplichtversicherung immer wieder lesen müssen.

Die Argumentation der Versicherung sieht etwa so aus:

Ihre gesamte Erkrankung oder Behinderung haben Sie entweder schon vor dem Unfall gehabt, oder sich auch ohne den Unfall zugezogen. Wenn Sie etwas wollen, dann beweisen Sie heute mal, dass Sie ohne den Unfall nicht genauso behindert wären, wie Sie es vorgeben. Ihre Behinderung und der Unfall stehen in keinem kausalen Zusammenhang. Eine Kausalität zwischen der schwere Ihrer heutigen Krankheit und dem Unfall wird bestritten, zu beweisen, dass sie besteht, liegt zu 100% bei Ihnen.
Die Zermürbungstaktik der Versicherung ist auf Zeit und Verzögerung des Verfahrens angelegt, denn je mehr Zeit vergeht, desto weniger haben Sie Chancen die Kausalität zu beweisen.