Leseprobe – Bernd Thümmel

Die Erzählung „Das Schreiben“ ist ein Teil von insgesamt fünf Manuskripten, die jeweils ca. 100 – 140 Seiten Umfang haben. Das Projekt dreht sich um den Protagonisten Bernado Wenigstens. Jedes Manuskript markiert einen wichtigen Schritt im Leben des jungen Protagonisten.

In der Erzählung „Das Schreiben“ erlebt Bernado Wenigstens in einer Art „Roadmovie“, wie er sozusagen die Krise seiner Kindheit im Kinderheim am Obersalzberg in Berchtesgaden endgültig auflöst, abschließt und sein Leben neu startet.

In der Erzählung „Die Rückkehr“ begibt sich Bernado Wenigstens Mitte der neunziger Jahre in den Markt Berchtesgaden, um dort in einer kleinen Fabrik zu arbeiten. Das führt dazu, dass er erkennt, dass er seine Vergangenheit nicht ruhen lassen kann und es beginnt eine Rückschau in dessen Kindheit auf dem Obersalzberg, die der wahre Grund seiner Rückkehr nach Berchtesgaden ist.

In der Erzählung „Der Geburtstag“ durchreist Bernado Wenigstens seinen achtzehnten Geburtstag in Berchtesgaden. Es ist der Tag, an dem er bei den Pflegeeltern auszieht. Er holt seinen Führerschein auf dem Landratsamt ab, leiht von einer Freundin deren Wagen für den Umzug nach Traunstein, wo ihn ein einsames Untermietzimmer im Haus von Frau Stößer an der viel befahrenen Bahnlinie München – Salzburg erwartet. Noch einmal durchreist er am Geburtstag alle wichtigen Stationen des Lebens bei seinen Pflegeeltern.

In der Erzählung „Die Entlassung“ begegnet Bernado Wenigstens in Traunstein der arroganten Lebensart bayerischer Lehrer auf der Fachoberschule. Schüler werden dort nicht gefördert, sondern ausgesiebt. Bernado Wenigstens kämpft sich einsam durch den Druck der Schule und das Leben in Traunstein, bis er den Ort wieder verlässt, um in der Stadt München neu zu beginnen.

In der Erzählung „Die Zweifel“ ist Bernado Wenigstens im Alter von zehn Jahren mit der Entscheidung konfrontiert, seinen Vater zu verlassen, um zu den Gewalttätern Büchtler und Hennings in ein Kinderheim am Obersalzberg nach Berchtesgaden zurückzukehren. Methode und Inhalt der Erzählung ist die Perspektive des Zehnjährigen nicht zu verlassen und das Miterleben von Ängsten und Zweifeln des Kindes auf dem Weg der Entscheidung und schließlich der Flucht.

Ich suche und benötige sowohl Lektorat und Verlag mit Idee und Unterstützung, wie der Stoff sinnvoll unterzubringen ist.
Ich suche keinen Zuschusskostenverlag.

Leseprobe aus dem Manuskript „Das Schreiben“ (30 Seiten) von Bernd Thümmel

1. Der Hausarrest

Die Lehrerin hatte gesagt, dass ich nicht von „man“ schreiben sollte, sondern ich sollte von „mir“ schreiben. Manchmal hatte sie unter meine Aufsätze geschrieben: „Gut Bernado! Der Aufsatz ist dir wirklich gut gelungen! Sehr gut wäre aber, wenn du schreiben würdest: Ich habe gestohlen, ich habe gelogen, anstatt zu schreiben: Man hat gestohlen, man hat gelogen… Ist es nicht so, dass du in dem Aufsatz über dich schreibst? Warum sprichst du dann von „man“?“

Es war mir nie gelungen, der Lehrerin einen Aufsatz zu geben, in dem ich diesen Rat befolgt hätte. Deshalb hatte ich niemals ein „sehr Gut“ von der Lehrerin bekommen. Es war immer bei „gut Bernado, das ist dir wirklich gut gelungen!“ geblieben. Das hat mir nie etwas ausgemacht. Im Gegenteil, ich war sehr zufrieden damit. Ich wollte nicht dadurch auffallen, dass ich ein „sehr Gut“ in einem Aufsatz mit nach Hause brachte. Für mich, so sagte ich mir, ist „gut“ von der Lehrerin gut genug.

Das Zimmer hatte eine Dachschräge mit einem Kippfenster. Dort musste es schon mal rein geregnet haben. Ich sah gelbliche Streifen an der Raufasertapete unter dem Fenster. Mein Blick wanderte am Fenster und der Dachschräge hinauf bis zur weißen Ballonlampe. Die schwang hin und her. Ein leichter Luftzug blies durch das gekippte Fenster in das Zimmer.

Sommerwind strich draußen über die hohen Baumwipfel rund um das Gehöft. Ich hörte deren Blätter, wie sie in dem böigen Lüftchen raschelten. Sie rauschten auf und ab, sodass ich im Halbschlaf, der mich minutenlang umgab, das Rauschen des Meeres zu hören glaubte.

In den Minuten des Dämmerns sah ich mir dabei zu, wie ich im Wind auf dem Brett stand und mit dem Segel kämpfte. Heftige Windböen peitschten dagegen, sodass es hin und her knallte. Ich versuchte den riesigen Gabelbaum und den beinahe vier Meter hohen Mast an mich heran zu reißen. Ich hängte mein Körpergewicht in den Gabelbaum. Ich fand, das sah verzweifelt aus. Es gelang mir nicht, das Surfbrett im scharfen Wind über der Ostsee zu beherrschen.

Kurz bevor das Brett Fahrt aufnehmen konnte, gerade im Augenblick, als ich das peitschende Schlagen im Wind und das Springen des Brettes in den Wellen unter meiner Kontrolle glaubte, knallte eine mächtige Böe schräg von vorn in das Segel. Das Brett drehte in den Wind. Die Böe, sie schien mir irrsinnig, riss mich mitsamt Segel vom Brett ins kalte Wasser. Wieder auftauchend sah ich das Segel, wie es sich aufbäumte, sodass eine weitere Böe es erfasste. Das Surfbrett, jetzt vom Wind getrieben, jagte aufs Meer hinaus. Ich sah es, Gischt auftreibend, vorbei fliegen wie das bunte Ende eines Indianerpfeils.

Ich erkannte eine Schaumkrone. Sie rollte auf mich zu. Ich versuchte seitlich auf sie hinauf zu schwimmen, wollte sie bezwingen, dachte nur von dort oben könnte ich Ausschau nach meinem Brett und dem Segel halten. Doch da sah ich sie schon über meinem Kopf. Tosend brach die Welle auf mich nieder. Es waren Schläge von einem Hammer. Ich wusste gar nicht, dass Schaum und Salz so schmerzhaft sind.

Da war etwas an meinen Beinen. Etwas zog an ihnen. Die Gischt da oben war weich geworden. Ich verlangsamte mein Schlagen gegen den Schaum. Ich erreichte ihn mit meinem Schlagen nicht mehr. Ich wusste, dass da oben Schaum war, versuchte mich darauf zu konzentrieren. Ich wollte fester, entschlossener gegen diesen Schaum einschlagen. Da merkte ich, dass mein Mund weit aufgerissen war. Das Surfbrett war plötzlich wieder da! Ich sah mich darauf liegen wie auf einer Luftmatratze. Ich hörte ein leises Rauschen, so wie die seichten Wellen am Ostseestrand.

Vom Zimmer in dem Gehöft lag der Strand zu Fuß nur zwanzig Minuten entfernt. Ich hatte schon drei Wochen und zwei Tage dort verbracht. Es waren meine Sommerferien. Ende des Schuljahres 1977 war ich vierzehn Jahre alt geworden. In den vergangenen dreiundzwanzig Tagen war ich täglich ein bis zwei Stunden draußen auf dem Wasser gewesen. Ich kämpfte auf dem Surfbrett mit Wind und Wellen. Heute durfte ich das Meer aber nicht sehen, morgen nicht und die folgenden zwei Tage auch nicht.

Ich hatte eine Strafe zu verbüßen. Ich hatte Zeit. Meine Strafe war die Zeit. Es war die Zeit zu denken. Während ich das tat, also an vieles dachte, fielen mir die Lehrerin und deren Sätze zu meinen Schulaufsätzen ein.

Die Ferientage an der Ostsee bei den Feriengroßeltern hatte ich täglich draußen im Freien verbracht. Das Wetter war wunderschön. Es war sonnig und windig. Mir war der Wind manchmal fast zu viel. Das Surfbrett, mein täglicher Kampf mit den Wellen, das alles war neu für mich.

Die Ferienmutter hatte mich in ihrem großen Wagen auf das Gehöft gebracht. Auf dem Dach des Autos hatte sie das riesige Surfbrett transportiert. Ich könne das Surfen auf dem Wasser üben. Sie habe in ihrem Urlaubsgepäck ein Buch mit vielen bebilderten Tipps. Sie wisse, wie wichtig es sei, dass junge Menschen in den Ferien Beschäftigung hätten. Das Surfen mit dem Surfbrett zu lernen, wäre bestimmt eine tolle Ferienbeschäftigung für mich.

„Ich“ lerne das Surfen! So dachte ich, und dass sich mein nächster Aufsatz darum drehen werde, wie „ich“ das Surfen lerne!

Die Ferienmutter nutzte die Zeit während der langen Autofahrt von Berchtesgaden, um mir zu erklären, wie ich das Surfen auf dem Meer lernen könnte. Alles sei genau im Buch mit den vielen bebilderten Tipps beschrieben. An einer Autobahnraststätte hatte sie das Buch aus ihrem Gepäck im Kofferraum gezogen. Ich habe es mir genau angesehen. Ich wollte eine Vorstellung davon entwickeln, wie das mit dem Surfen auf dem Meer funktioniert. Meine Vorstellung sagte mir schließlich: Ich kann das lernen! Deshalb kämpfte ich seit drei Wochen täglich auf dem Wasser.

Die Ferienmutter hatte mich mit ihrem bebilderten Lehrbuch und dem Surfbrett an der richtigen Stelle erwischt. Ich war ein Mensch, der sich durchbeißen konnte. Das wusste sie und ich glaube, die Lehrerin wusste es auch, denn einmal hatte sie gesagt, ich sollte nicht schreiben „der Mensch beißt sich durch“, sondern „ich beiße mich durch“.

Die Ferienmutter hatte sich informiert. Sie hatte in Erfahrung gebracht, was mit mir in vier Ferienwochen am besten anzufangen sei. Sie hatte herausgefunden, dass ich mich durchbeißen konnte. Deshalb hatte die Lehrerin einmal zu mir gesagt, dass ich schreiben, sagen und tun soll, was „ich“ erreichen will.

Gleich am ersten Tag bei den Feriengroßeltern kletterte ich auf das Brett. Ich versuchte tagelang immer wieder das Segel aus dem bewegten Meer zu ziehen. Seit drei Wochen versuchte ich das so lange, bis meine Kräfte schwanden. Oft schaffte ich es nur mit letzter Mühe auf dem Brett liegend, mit den Armen rudernd, zurück an den Strand.

Nicht ein einziges Mal war ich mit dem Surfbrett auf dem Wasser richtig in Fahrt gekommen. Im Buch der Ferienmutter sah ich Männer, die sich am Gabelbaum des Segels festkrallten und mit einer schäumenden Bugwelle vor dem Brett über das Wasser schossen.

Täglich war ich Dutzende Male in die kühle Ostsee gestürzt. Viele Male war ich hinter dem davon flitzenden Surfbrett her geschwommen. Das alles hatte mich nicht entmutigt. Auch heute wäre ich längst schon wieder draußen. Ich zog das Surfbrett auf dem kleinen Handwagen aus der Scheune und war damit jeden Tag hinunter zum Wasser gelaufen.

Gähnend beobachtete ich durch das gekippte Dachfenster den Hof. Friedlich lag er da im Sonnenschein, holprig gepflastert, umgeben von hohen Scheunen. Rechts an einer der Scheunen sah ich das frisch gestrichene Tor.

„Na, das sieht ja schon ganz toll aus, Herr Malermeister Klecksel!“

So hatte der Feriengroßvater gerufen.

Seinen Mercedes parkte er täglich im Hof vor dem Tor. Er inspizierte gemeinsam mit der Feriengroßmutter die Fortschritte meiner Malerarbeiten an dem Scheunentor.

Er, die Feriengroßmutter und die Ferienmutter bestiegen meist gegen drei Uhr den Wagen. Ich stand mit dickem Pinsel und großem Malereimer hoch oben auf der Leiter. Es machte mir Spaß, meine Fortschritte der täglichen Pinselei an dem Tor zu erkennen. Schon nach vier Nachmittagen war ich mit drei Anstrichen an dem Scheunentor fertig.

Ich konnte sehr gut schwimmen. Darüber hatte sich die Ferienmutter ganz sicher vor Reiseantritt informiert. Bestimmt hatte Büchtler alle meine Schwimmabzeichen erwähnt. Wahrscheinlich hatte er gesagt, dass die Kinder alle „wahnsinnige Wasserratten“ seien.

Jeden Samstagvormittag liefen wir von unserem Wohnhaus auf dem Obersalzberg hinunter nach Berchtesgaden. Dort trafen wir im Hallenbad auf Büchtler, der stets mit seinem weißen Porsche dorthin gefahren war.

„Machen Sie sich da mal keine Sorgen! Der ist, wie die meisten unserer Kinder, ein sehr geübter und sehr guter Schwimmer. Der hat alle Schwimmabzeichen schon zweimal gemacht!“

Sie waren auf meine beiden Badehosen genäht, aber die dazugehörigen Papiere waren abhandengekommen. Das allein wäre kein Grund gewesen, noch einmal alle Schwimmprüfungen zu machen. Vielmehr hatte das Jugendamt von Büchtler gefordert, er möge schriftliche Bestätigungen schicken, die bewiesen, dass ich ein sicherer Schwimmer war. Ohne solche Bestätigungen wäre aus der Ferienverschickung an die Ostsee nichts geworden.

Büchtler konnte die Beweispapiere nirgendwo finden. Büchtlers Büro im zweiten Stock des Jungens-Wohnhauses am Obersalzberg sah immer sehr aufgeräumt aus. Hinter seinem Schreibtisch standen Reihen von sauber beschrifteten Ordnern. Die Auszahlung des Taschengeldes an die Kinder, eine Aufgabe, die Büchtler immer samstags nach dem Schwimmen im Hallenbad wahrnahm, verlief stets begleitet von akkuraten Mitschriften Büchtlers in ein sauber geführtes Kassenbuch.

Deshalb war ich überrascht, als Büchtler mir gesagt hatte, dass er mich noch einmal zum Schwimmkurs anmelden müsse, weil die Papiere nicht mehr aufzufinden seien. Büchtler hatte meine Papiere von den Schwimmabzeichen irgendwo in seinem Büro verschlampt! Das war für mich unvorstellbar. So exakt wie der in seine Kassenbücher schrieb, Belege und Quittungen unterschrieb und reihenweise Ordner beschriftet hatte.

Tatsächlich schwamm ich gerne und gut. Die Scheine habe ich im Handumdrehen noch einmal gemacht. Vermutlich hatten Büchtlers Auskünfte über meine Schwimmleistungen, die Ferienmutter in ihrer Idee bestärkt, das Surfbrett und das bebilderte Lehrbuch mitzunehmen und mir das als Ferienbeschäftigung anzubieten.

Am Strand zwischen den Strandkörben saßen nachmittags drei Burschen. Ich sah sie seit etwa zwanzig Stürzen vom Surfbrett in das kalte Ostseewasser. Ich hatte sehr viel Salzwasser geschluckt. Das Schwimmen zum Surfbrett war mir immer schwerer gefallen. Ich paddelte langsam in Richtung Strand.

Sie saßen neben den beiden Strandkörben der Feriengroßeltern. Ich fürchtete, dass sie sich auf meinem Handtuch breitgemacht hatten. Ich hatte es zusammen mit meinen Klamotten neben den roten Strandkorb gelegt. Je näher ich dem Strand kam, desto genauer erkannte ich, dass die Burschen auf ihren eigenen Handtüchern saßen.

Tags zuvor hatte ich meine Malerarbeiten an dem hohen Scheunentor abgeschlossen. Deshalb hatte mich der Feriengroßvater sehr zufrieden gelobt. Er sagte, dass er keine weiteren Aufgaben auf dem Gehöft für mich habe. Da seien ja noch die Ostsee, das Surfbrett, das schöne Wetter und der Wind. Das wäre doch geradezu ideal für eine Wasserratte.

Weil meine Arbeit am Scheunentor beendet war, konnte ich an dem Tag länger am Strand und auf dem Surfbrett bleiben, als an den Tagen zuvor. Ich fragte mich, ob die Burschen jeden Nachmittag um diese Uhrzeit am Strand neben dem roten Strandkorb herum saßen. Als ich mit dem Brett am Strand angekommen war, erhob sich der Längste der drei.

„Moin ich bin Robert! Du bist doch sicher der Bayerische Lüdd, der uns schon vor Wochen angekündicht wurde!“

Robert reichte mir die Hand. Ich fand, er hatte ein irgendwie schelmisches Lachen im Gesicht. Die beiden anderen standen rechts und links neben Robert.

„Tagchen, ich bin Bernado und bin tatsächlich der angemeldete Bayer! Aber was ist denn so ein Lüdd?“

Die beiden anderen schüttelten meine Hand.

„Moin ich bin Martin.“ „Moin ich bin Mischa.“

Wir setzten uns in die Sonne, auf unsere Handtücher zwischen den beiden Strandkörben. Ich erfuhr, dass Robert ein Enkel der Feriengroßeltern war und in der Nähe mit seinen Eltern auf einem Bauernhof lebte. Martin und Mischa schienen seine beiden besten Kumpels zu sein, mit denen er täglich unterwegs war.

Die drei waren etwa gleich alt wie ich. Ihre Schulferien hatten schon zwei Wochen früher als meine begonnen. Dass ich das Windsurfen noch kein bisschen beherrschte, schien die drei nicht zu interessieren.

„Wie wäre es morgen früh mit einer Bootstour? Wir fahren mit einem Fischkudder zum Blinkern.“, fragte Robert.

Ich kenne Ausflugsfahrten auf oberbayerischen Seen. Ich dachte sofort, dass das Meer aber etwas völlig anderes ist und dass so eine Bootsfahrt auf einem Fischkutter für mich, einen Menschen aus einem bayerischen Gebirgsort, beängstigend ist, wollte das den Dreien gegenüber aber nicht durchblicken lassen. Ich stimmte der Idee deshalb ohne Zögern zu.

„Ja klar eine Bootstour! Gute Idee für Morgen, liebe Leute! Das wird bestimmt ein schöner Spaß werden!“

So rief ich den dreien zwischen den Strandkörben zu. Es war, als wäre ich am Obersalzberg hinter Büchtlers Haus beim Tischtennisspiel mit den anderen Kindern. Dort war ich ein lauter Schreihals. Oft nervte mein Geschrei Büchtler, dessen Büro oben im zweiten Stock lag, sodass der herunter schrie: „Halt endlich mal die Klappe du dämlicher Armleuchter!“ Deshalb dachte ich, dass ich als Neuer an der Ostseeküste vielleicht etwas zu laut schrie. Das schien Robert, Mischa und Martin aber nicht zu stören.

Wir drei sprachen lauthals über das Blinkern und die Bootstour im Fischkutter, die Robert für den nächsten Tag plante. Die Fischerei sollte nicht mit Ködern stattfinden, sondern mit so genannten Blinkern. Soweit ich Robert verstand, würden die Fische durch das Auf und Ab angelockt.

Mischa sagte zum Abschied:
„Beim Opa von Robert findest du jede Menge altes Ölzeuch und zum Fischen hab ich ne super Angel daheim. Die bring ich für dich morgen mit an Bord!“

2. Die Bootstour

Am nächsten Morgen musste ich sehr früh aufstehen. In den Ferien hasste ich das besonders. Der Feriengroßvater hatte abends zuvor mit seinem Enkel Robert telefoniert. Die Sache mit der Bootstour schien eine bereits lange abgesprochene Angelegenheit zwischen den beiden zu sein. Es ging nur noch um den Treffpunkt am Steg im Hafen der kleinen Ostseestadt und die exakte Uhrzeit des Treffpunktes.

„Also juut! Um Punkt siebene sssteeht der Jung in Gummistibl un Ölzoiich veerpackt am Fischeersteech!“ Ohne Abschiedsworte knallte der Feriengroßvater den schwarzen Hörer auf die Gabel.

Um sechs Uhr morgens saß ich mit ihm und der Feriengroßmutter am Frühstückstisch. Sie besprachen den Ausflug in den Ort mit Einkäufen auf dem Markt zu verbinden. Die Feriengroßmutter notierte Einzelheiten, die der Feriengroßvater in für mich teils unverständlichen Worten in deren Richtung murmelte. Die laute, sonore Stimme des Feriengroßvaters hörte sich früh morgens wie ein leises Grummeln an.

Im Hafen stank es fürchterlich nach Fisch. Ich lief hinter dem Feriengroßvater her. Sein Tempo konnte ich nur mit Mühe halten. Immer wieder verfiel ich in einen Laufschritt, um an ihm dran zu bleiben. Er eilte die grob gepflasterte Straße, von der rechts und links Bootsstege abzweigten, wie ein Flüchtender entlang.

An den Stegen wurden Fischkutter entladen. Weiße Plastikkisten von Fisch und Eis stapelten sich an ihnen. Gabelstapler fuhren auf und ab. An Stegen und Schiffen herrschte Reinigungsbetrieb. Stinkende Kübel wurden geschrubbt, Netze auf den Bootsstegen ausgerollt, Decks mit Wasser abgespritzt und mit Schrubbern bearbeitet. Das alles war begleitet von lauten Zurufen, Geschrei und Lachen der Arbeiter.

Der Feriengroßvater bewegte sich sicher durch das Chaos. Zielstrebig eilte er im Stechschritt an den Bootsstegen vorbei. Hin und wieder grüßte er nach rechts oder links, indem er den rechten Arm akkurat nach oben schlug. Einmal schlug er die Seitenfläche der rechten Hand zackig grüßend an den Kopf, dabei blieb er für eine Sekunde stehen, schlug beide Hacken zusammen, sodass es laut krachte. Sofort wandte er sich von dem so Begrüßten ab, um eilig weiter seinem Ziel entgegen zu streben.

Ihm fehlte ein Stock, den er rechts unter seinem angewinkelten Arm hätte tragen können. So ein Bild hatte ich in einem Fernsehfilm gesehen. Wahrscheinlich hatte er die zackig begrüßten Menschen schon sehr oft gegrüßt, vermutlich kannte er sie schon lange. Wir erreichten endlich eine Ecke, die wohl nahe dem Ziel lag. Dort ging ein langer Steg ab. Knallend schlug er einen alten Herrn, der an der Ecke auf einem kleinen Stuhl saß, grüßend die Hacken zusammen. Dann eilte er hinaus auf den betonierten Steg.

Am Ende des Stegs angekommen erkannte ich Robert, Martin und Mischa. Die drei lehnten an der Reling eines rot-weiß gestrichenen Schiffs. Sie trugen wie ich gelbes Ölzeug, das in der Morgensonne glänzte. Mir war in dem Gummizeug heiß geworden. Der Feriengroßvater gab mir nicht die Hand zum Abschied, sondern er deutete mir, dass ich schleunigst über ein Holzbrett auf das Schiff hinauf laufen sollte. Das tat ich sofort. Ich rannte ein schmales Brett hinauf. Dabei zwang ich mich nicht daran zu denken, dass unten das finstere Wasser im Hafenbecken schwappte. An der Reling des Schiffs angekommen schnappte sich Robert meine rechte Hand und zog.

„Moin Bernado!“

Das Laufbrett wurde sofort hinter mir eingezogen.

Auch Martin und Mischa schüttelten mir die Hand. Mein Blick suchte unten den Steg nach dem Feriengroßvater ab. Ich konnte ihn in der Menge der Arbeiter, die sich dort bewegten, nicht mehr ausmachen. Schon hörte ich den Schiffsmotor aufheulen.

Das Schiff wurde durch die Kräfte dreier Männer von seinen Leinen, die um drei riesige eiserne Poller gelegt waren, gelöst. Der Motor qualmte wie eine Dampfmaschine. Der Kahn bewegte sich langsam vom Steg weg. Hinten rührte die Schiffsschraube Schaum auf. Rund um das Schiff bewegte sich aufgeschäumte Salzwasserbrühe. Das Hafenbecken schien, als würde es von einem Schneebesen durch gerührt. Die drei Freunde schoben mich langsam Richtung Heck. Dort hatten sie Angelruten, einen Eimer, mehrere flache Plastikkisten und einen Werkzeugkasten an der Reling deponiert.

Das Schiff tuckerte vorbei an den Stegen Richtung Hafenausfahrt. Es war voll von Menschen, die alle in Regenjacken oder Ölzeug, Gummihosen und Gummistiefeln steckten. An der Reling waren viele lange Angelruten festgebunden. Flache Plastikkisten stapelten sich neben Eimern und Fischerkästen.

Gemächlich ging es an zwei Leuchttürmen vorbei. Ich lehnte mich an die Reling und blickte vor Richtung Bug. Da draußen sah ich das offene Meer. Wir fuhren an einer schmalen Landzunge entlang, die sich ein Stück ins Meer hinaus schob. Auf den Felsen sah ich Angler.

Am Ende der Landzunge erkannte ich noch einen weiteren Leuchtturm. Er blitzte in der Morgensonne. Der Wind blies von Backbord. Im Schutz der Landzunge war er an Bord kaum zu spüren. Draußen auf dem Meer sah ich aber einen langen hellen Strich, der wie gemalt aussah. Ich wusste, dass es die Spur starker Böen war, die ab dem Leuchtturm am Ende der Landzunge, in deren Schutz das Boot noch fuhr, über die Ostsee peitschten.

Am Strand beim Feriengroßvater gab es auch eine Landzunge. Wenn ich mit dem Brett darüber hinaus nach draußen getrieben wurde, war ich dem böigen Wind und hohen Wellen ausgesetzt. Bevor es soweit kam, legte ich das Segel auf das Surfbrett, setzte mich auf es und begann mit den Händen zurück Richtung Strand zu paddeln.

Die Männer auf dem Schiff riefen, lachten und werkelten an deren Angeln. Sie bastelten mit kleinen Werkzeugen aus ihren Fischerkästen an Angelruten und Schnüren herum. Nebenbei tranken sie aus kleinen Flachmännern, die sie aus den inneren Seitentaschen ihrer Regenjacken hervor zogen. Leere Flaschen wurden über Bord geworfen. Flachmänner, Dosen, Plastiktüten, Kronkorken, Butterbrotpapier, das alles und weiterer Müll wurde über die Reling hinaus in die See geschleudert.

Das überraschte mich, denn ich kannte das nicht. Ich wusste nicht, dass es an Bord normal war. In ein Gewässer, aus dem man lebenden Fisch zog, solchen Müll zu werfen, fand ich seltsam. Ich hatte mir einen Kaugummi in den Mund gesteckt. An Deck suchte ich vergeblich nach einem Mülleimer für das Kaugimmipapierchen. Also warf ich es über Bord, was nicht einfach war, denn der Wind blies es zurück, sodass es auf dem grünen Boden davon getrieben wurde.

Im Sommer war ich in Berchtesgaden mit der Schulklasse oder mit Büchtler und den vielen Kindern, die in dessen Haus auf dem Obersalzberg wohnten, im Wald in den Bergen unterwegs, um dort Müll einzusammeln, der wohl von rücksichtslosen Wanderern weggeworfen worden war. Das war mein Begriff von Umweltschutz. Das wurde mir von meiner Lehrerin Jahre lang beigebracht.

Umweltschutz hieß, dass Dreck in eine Tonne geworfen wurde und nicht in die Landschaft. Die Lehrerin zeigte im Unterricht Lehrfilme über den Umweltschutz. Das war modern. Im Klassenzimmer wurden die hohen Fenster mit Gummivorhängen verdunkelt. Schwere Filmrollen wurden von ihr in einen großen ratternden Projektor eingefädelt. Auf der Leinwand, die von der Lehrerin vor der Tafel aufgebaut wurde, sahen wir rauchende Müllberge, die bald der Vergangenheit angehören sollten, denn der Müll würde künftig in Anlagen verbrannt, wo hohe Schornsteine dafür sorgten, dass unten auf den Straßen die Luft sauber blieb. Voraussetzung dafür sei auch, dass Müll nicht mehr in der Landschaft verteilt werde oder am Straßenrand gesammelt und verbrannt werde. Auch sei es generell schlecht, wenn er auf qualmenden Deponien lande. Müll sollte gleich in der Tonne anstatt im Wald landen, um in neuen Verbrennungsanlagen abgefackelt zu werden. Das aber sei noch ein langer Weg, weil erwachsene Menschen sich nur schwer dazu erziehen ließen.

Tags nach solchen Filmvorführungen wurden wir von der Lehrerin in den Berchtesgadener Wald begleitet, um dort Müll zu sammeln. Der wurde in Säcken zu Sammelstellen getragen, von wo er auf einem Lastwagen in die neue Müllverbrennungsanlage abtransportiert wurde. An Bord des Kutters lernte ich nun, dass das auf dem Meer ganz anders war. Das Meer schien eine Abfalltonne zu sein.

Robert, Mischa und Martin verhielten sich wie die Erwachsenen an Bord. Sie hatten eine Brotzeit dabei. Die packten sie, nachdem wir die Landzunge hinter uns gelassen und das Schiff mächtig gegen Wind und Wellen zu stampfen begonnen hatte, aus.

„Magst ne Stulle Alter?“, schrie Robert gegen den Wind in meine Richtung.

„Na klar, gerne!“

Robert gab mir ein Butterbrot und eine Colaflasche. Er zerknüllte das Butterbrotpapier, schleuderte es über die Reling, genauso wie den Kronkorken und später die leere Flasche. Ich fragte nicht lange, was das denn sein sollte, sondern akzeptierte diese neue Regel und tat es den andern Menschen gleich. Es gab keine Mülltonnen an Deck. Das hatte mich anfangs ganz schön irritiert.

Böiger Wind peitschte Gischt über die Reling an Deck. Erst jetzt wurde klar, welchen Sinn es hatte, dass der Feriengroßvater mich angewiesen hatte, das gelbe Ölzeug anzuziehen. Trotz Sonnenschein war mir längst nicht mehr zu heiß. Der schnelle Marsch über das Hafengelände schien Stunden zurückzuliegen. Aus Schweiß an meinem Körper war ein Frösteln geworden. Ich knöpfte die gelbe Gummijacke bis oben zu, zog die Kapuze ins Gesicht und band sie mit den Schnüren fest. Die Ostsee war schwer in Bewegung. Schaumkronen schlugen von rechts vorne gegen das Schiff. Sie donnerten vom Unterschiff hinauf an die Reling, wo der starke Wind dafür sorgte, dass Gischt in breiten Fontänen über das Deck schlug.

Robert zupfte an meiner Gummijacke. Wind, Wellen und Schiffsmotor waren so laut geworden, dass ich Robert kaum hören konnte. Er deutete auf eine rostige Stahltür an Deck, die offen stand. Dort sah ich Leute in gelbem Ölzeug verschwinden. Ich folgte den dreien.

Hinter der Tür ging es eine steile Treppe hinunter ins Unterschiff. Unten gab es einen Kiosk, eine Theke und viele Tische. An denen saßen Männer, die rauchten und tranken. Robert bugsierte uns in eine Ecke an einen freien Platz. Wir legten unsere angebissenen Butterbrote auf den Tisch. Die halb leeren Colaflaschen landeten in Metallhaltern, die an den Seiten der Tischplatte angeschraubt waren. Wir befreiten uns von den nassen Gummijacken, die Robert an eine Reihe von Hacken hängte.

Mein Eindruck war, Robert hatte beide Freunde an diesem Tag genauso wie mich zum ersten Mal mit auf die Bootstour genommen. Mischa und Martin wirkten unsicher, so als würden sie sich mit den Abläufen an Bord wenig auskennen. Ich kannte mich überhaupt nicht aus.

Wir saßen in einem von Neonlicht beleuchteten Gastraum unter Deck. Es herrschte die Atmosphäre einer kleinen verqualmten Bahnhofshalle mit niedriger Decke. Auf den Seiten befanden sich Bullaugen, gegen die das Meerwasser schlug. Der Schiffsmotor dröhnte so laut, dass man sich gegenseitig anbrüllte, um verstanden zu werden.

Ich fand das alles in Ordnung. Ich war zufrieden, in diesem trockenen Raum am Tisch zu sitzen, denn ich fror nicht mehr und ich wusste, was oben an Deck los war.

„Wie wärs mit nem kleinen Spielchen?“, rief Robert in Richtung Mischa und Martin. Beide nickten sofort. Es schien den beiden klar zu sein, welches Spielchen Robert meinte. Zu mir gewandt rief Robert:
„Kennst du Poker?“
Ich nickte und rief:
„Ja klar! Das spielen wir oft!“
„O.k.! Alles paletti!“

Robert zog ein Kartenspiel aus der Hosentasche und begann die Karten zu mischen. Es interessierte ihn nicht, wen ich mit „wir“ meinte. Wahrscheinlich fragte er nicht danach, weil es so laut war und er nicht mehr brüllen wollte, als für das Pokerspiel unbedingt notwendig.

Das Spiel kannte ich aus Berchtesgaden. Ich spielte es oft mit anderen Kindern bei Büchtler am Obersalzberg. Der Einsatz bestand aus Pfennigen vom wöchentlichen Taschengeld. Dessen Taschengeld für uns stammte von Jugendämtern, die mich und andere Kinder in Büchtlers Haus am Obersalzberg untergebracht hatten. Büchtler tat aber jeden Samstagvormittag so, als zahlte er sein persönlich verdientes Geld großzügig an uns Kinder aus. Er hatte Spaß daran, dass sich dreißig Kinder nach dem Schwimmen im Eingangsbereich des Hallenbades um ihn scharten.

Büchtler zeigte mir, dass Geld etwas Wichtiges war, denn es diente dazu, über uns Kinder zu herrschen. Büchtler herrschte aber nicht nur mit der Macht des Taschengeldes, das ihm anvertraut worden waren.

Einmal hatte er mich im Sandkasten hinter seinem Haus am Obersalzberg so heftig verprügelt, dass ich ein angeschwollenes Auge bekam und Schürfwunden, die von einer Erzieherin mit Jod behandelt werden mussten, was mir seht weh tat.

Ich hatte einem Kind, das tags zuvor neu von einem Jugendamt zu Büchtler gebracht worden war, von Dingen erzählt, die Büchtler nicht gefielen. Ich sprach von meinem Hass auf ihn, weil er ein brutaler Kerl sei. Genau in diesem Moment war er am Sandkasten vorbeigekommen. Das war mein Pech.

Büchtler schlug oft zu. Zum Glück nicht immer so brutal wie an diesem Tag. Er war getrieben von tiefem Hass auf Kinder. Warum das so war, weiß ich nicht. Aber ich hörte nicht auf, Gründe für dessen immer präsenten Hass am Obersalzberg zu suchen. Ich begann irgendwann damit, Begründungen für dessen Gewaltausbrüche zu erfinden. Eine meiner Erfindungen war, dass der Mann generell Kinder nicht mochte. Dumm daran war, dass meine Erfindungen meist neue Fragen auf warfen. Warum lebte der Mann dann mit Kindern zusammen? Das war so eine neue Frage, für die ich Antworten erfinden musste.

Ich war seiner harten Faust oft im Weg. Dass ich in seinem Haus wohnen musste, hatte mit meinen Eltern zu tun, die mich nicht selbst erziehen konnten. Warum ausgerechnet einer wie Büchtler dazu besser geeignet war, verstand ich nicht und begann auch dafür Antworten zu erfinden. Er war schlau. Das zeigte mir sein ordentliches Büro im zweiten Stock, von dem aus er unser Taschengeld verwaltete. Er war so schlau, dass Jugendämter ihm Kinder und Geld anvertraut hatten. Ich übte mich täglich darin der Gewalt von Büchtler und anderer, mit denen ich am Obersalzberg zusammen lebte, aus zu weichen und darin Antworten und Gründe für die Gewalttätigkeit, unter der ich und andere litten zu erfinden.

Michael hatte von Büchtler den machtvollen Umgang mit Geld perfekt erlernt. Er war bei Büchtler zu einem Geldverleiher geworden. Auch Michael wurde von einem Jugendamt nach Berchtesgaden geschickt. Weil ihm das Taschengeld von Büchtler nicht genug war, nahm er Zinsen, die er von Schuldnern kassierte, um sie beim Pokern einzusetzen. Stets setzte er nur so viel ein, wie er zuvor verdiente Zinsen von anderen Kindern in die Tasche bekam. Er stieg rechtzeitig aus. Oft ging er als Gewinner aus den Pokerrunden hervor. Nie sah ich ihn als Verlierer gehen.

Wenn am Obersalzberg jemand in Schulden geriet, dann wurde Michael gefragt. Es gab neben ihm niemanden ,bei dem man Geld leihen konnte. Michaels Schuldner hielten stets einen Platz im Schulbus für ihn frei. Beim Essen waren ihm zusätzliche Schinkenscheiben sicher. Sie hatten den Käse am Tisch für ihn reserviert oder sie stellten sich im Sommer für Michael in der Schlange am Kiosk im Aschauer-Weiher-Schwimmbad an. Um für Michael eine Cola am Schul-Kiosk zu besorgen, riskierten sie noch vor dem Pausenläuten, den Direktor im Schultreppenhaus zu treffen, weil sie für Michael als erste am Kiosk stehen wollten.

Im Anschluss an die Taschengeldausgabe sollte kein säumiger Schuldner versuchen, der Zinszahlung zu entgehen. Vor Jahren, als Michael mit den Geldgeschäften angefangen hatte, verprügelte er mich. Das machte er längst nicht mehr selbst. Wenn einer am Samstag nach der Taschengeldausgabe nicht die wöchentlichen Zinsen an Michael bezahlte, wurden dessen Geldeintreiber aktiv.

Samstagnachmittags spürten sie mich im Wald am Obersalzberg auf. Sie schleiften mich über den Waldboden zu einer kleinen Lichtung, wo sie mich an einen Baum banden. Dort durchsuchten sie meine Taschen. Wenn sie nichts fanden, verpassten sie mir ein paar kräftige Bauchschwinger. Dann banden sie mich wieder los und sagten mir, wie hoch die Zinsen seien, die ich am nächsten Samstag zu bezahlen hatte. Am folgenden Samstag bezahlte ich.

Einmal hatte ich mich in einem Pokerspiel mit Michael darauf verständigt, dass meine Schulden sich verdoppelten, sollte ich verlieren oder dass sie mir erlassen seien, wenn ich gewann. Sechs Wochen lang zahlte ich danach mein Taschengeld konsequent an Michael.

Vor den Sommerferien hatte ich zwei Mark fünfzig Schulden bei Michael. Das ergab nach vier Wochen Ferienverschickung eine Mark Zinsen für Michael. Es warteten also drei Mark fünfzig Schulden auf mich. Michael hatte mir erklärt, dass ich ihm dankbar sein könne, dass er auf den Zinseszins verzichte. Ich wusste nicht, was er damit meinte. Er erklärte, dass er stattdessen wöchentlich fällige Zinsen immer dann neu errechne, wenn die Schuld bei ihm um eine volle Mark angestiegen war. Sein Zinssatz von zehn Prozent wöchentlich bliebe immer gleich. Ich brauchte etwas Zeit, um Michaels Rechenmodell zu kapieren. Seither wusste ich, warum Hartwig und andere Kinder so tief bei Michael in der Kreide standen.

Das Pokerspiel an Bord drehte sich um nichts. Es gab keinen Einsatz, nicht einmal Pfennige. Man sagte nur: „Ich gehe mit.“ Aber es lag kein Einsatz in der Mitte des Tisches.

Das verwirrte mich. Zunächst hatte ich sofort zu meinem kleinen Geldbeutel in der Hosentasche gegriffen. Ich wollte prüfen, wie viele Pfennige ich darin hatte. Mein Griff zu meinem Geldbeutel bemerkte keiner der Beteiligten. Ich ließ die Geldbörse stecken und lehnte mich erst mal zurück, denn ich wollte beobachten, welche Regeln an der Ostsee galten. Wo der Müll über Bord ins Meer geworfen wurde, konnten auch andere Pokerregeln als am Obersalzberg gelten.

3. Ein Tier

Wir spielten, um uns die Zeit zu vertreiben. Manche Regel war in deren Spiel anders. Darüber verständigten wir uns von Spiel zu Spiel besser. Die Zeit unter Deck verging beim Poker sehr schnell, obwohl es um nichts ging.

Der Schiffsmotor ging aus. Da merkte ich, dass der Lärm ein irrsinniges Dröhnen in meinem Kopf verursacht hatte, das auch ohne Motorenlärm weiter anhielt. Der ausgeschaltete Motor war ein Signal. Aufstehen, Öljacken anziehen, hinauf an Deck gehen, Angelruten auswerfen.

Oben herrschte reger Betrieb. Viele Männer hatten ihre Angelruten längst ausgeworfen und blinkerten mit kräftigen Auf und Ab Bewegungen. Mischa drückte mir eine schöne gelbe Angel in die Hand. Sie war sehr lang und hatte einen schwarzen Griff. Ihr Blinker und Angelhaken glänzten.

Ich beobachtete die drei wie sie ihre Angeln auswarfen, sich bäuchlings an die Reling lehnten, die Angelschnur eine kurze Zeit lang vom Gewicht des hinab sinkenden Blinkers abwickeln ließen, sie schließlich stoppten und so lange kurbelten, bis sie die wohl notwendige Spannung auf der Angelschnur zu haben glaubten. Dann begann jeder der drei damit, die Angel auf und ab in Bewegung zu halten. Ich tat es ihnen nach. Blinkern bestand darin, die Angel ständig langsam nach oben zu ziehen und den schweren Blinker nach unten wieder abzulassen. Das kam mir nach wenigen Minuten eintönig vor.

Plötzlich hörte ich aufgeregtes Geschrei. In einiger Entfernung, ein paar Angler-Nachbarn weiter, sah ich an der Reling einen Mann, der offenbar mit viel Kraft an der Kurbel seiner Angel arbeiten musste. Das war wohl so anstrengend, dass ihm schließlich ein anderer Mann zu Hilfe eilte. Beide schienen nur mit vereinten Kräften in der Lage, die Angelrute festzuhalten. Der kurbelnde Mann setzte seine Kräfte auf die Kurbel, während der andere sich an der Angel zu schaffen machte, die sich bog, wie eine feine Mondsichel. Umstehende Männer verfolgten den Vorgang, bewegten aber trotzdem ihre eigenen Angelruten weiterhin auf und abwärts.

Schließlich schien es soweit. Die beiden Männer zogen einen riesigen Fisch über die Reling nach oben. Der Fisch schlug über dem Wasser wie wild um sich. Er klatschte auf das Deck. Einer der beiden nahm einen dicken Gummihammer zur Hand. Er stürzte sich auf den Fisch und schlug mit dem Hammer heftig auf dessen Kopf ein. Mit seinen riesigen Händen versuchte er den glitschigen Fischkörper auf den Boden zu pressen. Der Fisch aber entkam. Er sprang Meter hoch vom Boden auf. Er hatte den Angelhaken mit dem Blinker noch im Maul. Deshalb riss er die Angel, welche zuvor zu Boden gelegt worden war, mit sich. Deren schwarzer Griff schlug jetzt einem bislang unbeteiligten Angler von hinten auf dessen glänzende Öljacke. Der sah sich von dem jetzt immer wieder hochspringenden Fisch und von der fliegenden Angelrute bedroht. Deshalb griff der Mann zum Gummihammer eines neben ihm Stehenden. Mit dem Hammer bewaffnet sprang er auf den riesigen Fisch, der wieder zu Boden gekommen war. Als wolle er sich rächen, schlug er mit dem Hammer zu. Er schlug so oft auf das Tier ein, bis es sich unter dessen riesigen Händen nicht mehr bewegte.

Damit nicht genug, als sei es dessen Fang, packte der Mann das offenbar leblose Tier an der Flosse und hielt es in die Höhe. Der eigentlich erfolgreiche Jäger stand dabei neben ihm. Er schien sich nicht sicher, ob ihn der Hammerschläger degradieren wollte. Deshalb schob er sich dicht an den Triumphierenden heran. Der ließ endlich das Tier zu Boden, um der eigenen Angelrute an der Reling wieder gewahr zu werden. Der erfolgreiche Jäger begann sofort mit einem großen Messer an dem am Boden liegenden Tier herum zuschneiden.

Nach dem ersten Einstich allerdings sprang der Fisch erneut in die Höhe. Wieder riss das Tier die Angelrute mit sich. Sie flog aber nicht wie zuvor Richtung Reling, sondern krachte gegen eine Stahlwand neben der Tür, die unter Deck in den Raum mit dem Kiosk führte. Der Fisch klatschte zu Boden. Ich erkannte, dass der Kopf des Tieres zertrümmert war. Aus dem zermalmten Fischkopf stach nach oben ein großer Angelhaken heraus. Daran hing ein blitzender Blinker.

Ich zog weiter an meiner Angel auf und ab. Ich wusste, dass mein eintöniges Ziehen sich ganz schnell in einen ungleichen Kampf mit einem Fisch verwandeln konnte. Ich wusste nun auch, dass dieser Kampf auf jeden Fall mit dem Töten eines Tieres zu beenden war. Meine Gedanken machten mein Ziehen an der Angel immer gemächlicher.

Ich hörte begeisterte Rufe wegen des „riesigen Brummers“, den die beiden da aus der See gezogen hatten. Von überall an Deck dröhnten Jagd- und Siegesrufe: „Hee kieck mal wat der für nen fetten Dorsch an der Waage hängen hat! Oh Mann dat is ja n dolles Ding!“ Die Dorsche bissen gut an dem Tag. Immer wieder sah ich, wie Angler um uns herum mit den großen Griffen ihrer Messer oder mit einem Gummihammer auf die Köpfe ihrer gefangen Fische einschlugen und wie sie die toten Tiere in flache Plastikkisten auf Eis warfen.

Nach etwa einer halben Stunde war es auch bei uns soweit. Martin begann kräftig an seiner Angel zu arbeiten. Er zog die Rute mit kräftigen Zügen nach oben und arbeitete beim Herunterlassen hektisch an der Kurbel. Die Angel bog sich so stark, dass ich glaubte, sie breche gleich ab. Robert knotete seine Angel an der Reling fest. Er half Martin beim Hochziehen. Wenige Minuten später baumelte ein mittelgroßer Dorsch über dem Wasser. Der Fisch schlug wild um sich. Robert riss das Tier mit einem Zug über die Reling. Martin schnappte nach dem am Boden springenden Fisch. Er schlug dessen Kopf mit dem dicken Griff seines großen Messers ein.

Martin hatte einen guten Fang gemacht. Die drei musterten das zuckende Tier, bevor Robert es an den Kiemen davontrug. Er ging mit dem zappelnden Tier zu einer Waage, die an einer Stahlstange am Vorderdeck hing. Dort standen mehrere Männer mit zuckenden Dorschen in einer Schlange wartend, um ihren Fang zu wiegen.

„Dreißig Pfund, fast acht Kilo! Das ist fürs Erste nicht schlecht, Jungens!“

So rief Robert, als er von der Waage zurückgekommen war. Er warf den Fisch in eine weiße Plastikkiste, in der ich ein paar grobe Eisklötze erkannte. Er schloss den Deckel der Kiste und zog aus seiner inneren Gummijackentasche einen Zettel und einen Stift. Den Zettel auf dem Kistendeckel notierte er während er rief:

„Martin: Dreißig! Gucken wir mal, wie dat heute noch so weiter jeht Leute!“

Mein Ziehen und Loslassen an der Angelrute war immer langsamer geworden. Um das Schiff herum hatten sich Massen von kreischenden Möwen eingefunden. Viele Fischer warfen immer wieder Teile ihres Fangs über Bord. Die Möwen stürzten sich sofort auf die Wasseroberfläche oder sie schnappten sich die weggeworfenen Fischreste schon in der Luft. Weil die meisten Fischer ihre gefangenen Fische sofort ausnahmen und sie erst danach auf das Eis in ihre Plastikkisten warfen, stank es an Bord fürchterlich. Das Schiff schaukelte schlimmer als die schlimmste Schiffschaukel, die ich in Berchtesgaden auf dem jährlichen Rummelplatz erlebt hatte.

An der Reling lehnend, fixierte ich jetzt hinter den immer wieder aus der Luft heran schießenden Möwenschwärmen den fernen Horizont. Zwischen dem Schiff und dem Horizont schäumte es mächtig. Ständiges auf und ab. Das Schiff bewegte sich kreisförmig um den weißen Horizont. Der blaue Himmel, an dem ich einige Schäfchenwolken zu sehen glaubte, drehte sich hin und her. Ich sah schäumendes Geröll rings um das Schiff. Alles auf dem Schiff schaukelte. Die Menschen, die toten Fische, die Kisten, die Eimer und Angeln, die Öljacken, die grünen, gelben und braunen Gummihosen, die ich in vielen Gummistiefeln stecken sah. All das war auf dem stinkenden Schiff in eine rollende Bewegung geraten.

Es waren zwei, drei Ameisen im Schlaf auf einer grünen Wiese. Man nahm sie zuerst nur als leichtes Kitzeln wahr. Doch die Ameisen hatten Hunderte Freunde mitgebracht. Das Rollen und Schaukeln an Bord schlich eine Zeit lang unbeachtet wie zwei, drei Ameise um mich herum. Es war zu spät.

Meine gelbe Angelrute stand still. Trotzdem ging das Auf und Ab weiter, als würde ich die Angelrute hoch und runter lassen. Ich konnte es nicht stoppen. Auf und Ab waren da, ohne dass ich Einfluss nehmen konnte. Im Hoch und runter zwischen Schiff, Wellen und Horizont sah ich einen Mann nur wenige Meter entfernt, der einem riesigen Fisch den Bauch aufschlitzte. Mit kräftiger Hand griff er in den Bauch des großen Tiers. Sein gigantisches Messer rührte darin. Langsam zog die Hand des Mannes Fäden, braunes und grünes Zeug aus dem Bauch. Das warf er mit Schwung in die Luft über Bord den kreischenden Möwen zu.

Ich kümmerte mich um nichts mehr. Ich ließ die drei Freunde einfach stehen. Ich ließ meine Angelrute los und eilte so schnell ich konnte Richtung Heck. Dabei presste ich meine beiden Hände auf den Mund. Das Schiff schaukelte wie wild. Vor mir sah ich das Heck des Kahns. Es stieg auf und ab. Das Schiff drehte sich zwischen Himmel, Wolken und Horizont. Da kam eine rostige Stahltür in meinen Blick. Ich blieb stehen, denn da war noch etwas. Ich erkannte neben Kisten einen Eimer. Ich eilte hin, ging über dem Eimer in die Knie und nahm meine Hände vom Mund.

Es kam in mächtigen Schüben, ich verschluckte mich ein paar Mal, sodass gleich noch mal was kam. Neben der Tür war ein verrosteter Eisengriff. An dem hielt ich mich fest. Mein Magen war schnell leer. In meiner Jackentasche hatte ich kein Taschentuch. An der Kante der offenen Stahltür arbeitete ich mich langsam mit beiden Händen nach oben.

Ich sah mich um. Das Heck des Schiffes war nur wenige Meter entfernt. Die Angler um mich herum schienen mich nicht zu beachten. Richtung Steuerbord und Bug sah ich Fischer stehen wie aufgereiht. Der ein oder andere hatte einen Fisch an der Angel, der zu Boden gedrückt wurde, auf dessen Kopf eingehämmert wurde. Ich sah auch Robert, Martin und Mischa. Sie hatten etwas gefangen, denn alle drei knieten am Boden. Robert schlug auf das Tier ein, das ich von der Stahltüre aus nicht sehen konnte.

Langsam schwankte ich durch die Türe in das Innere des Schiffes. Das Waschbecken war verdreckt. In dem Raum stank es nach Urin. Aus dem Wasserhahn kam Salzwasser. Ich spülte meinen Mund aus und wusch mein Gesicht. Das schmeckte grauenvoll. Ich blickte in einen zerkratzten Spiegel. Ich sah aus wie ein heller Käse. Langsam bewegte ich mich raus an Deck. Von dort nahm ich den Eimer, ging zurück zur Toilette und spülte ihn aus. Mir war zum Kotzen schlecht.

„Alles paletti?“
Robert grinste, während er kräftig an seiner Angelrute zog.
„Deine Angel ist abjestürzt, hab sie einjehoold und da hinne bei unserer Kiste abjeleecht.“
„Danke, hab vergessen sie anzubinden!“

Wie auf dem Surfbrett ist es auch auf einem Schiff. Wenn so ein Schiff nicht fährt und der Seegang kräftig ist, dann ist das Schaukeln sehr schlimm, viel schlimmer als in der Schiffschaukel auf dem Rummelplatz. Ich war froh, dass bei mir nichts mehr herauskommen konnte, weil ich schon alles hergegeben hatte. Ich setzte mich auf den Deckel der weißen Plastikkiste von Robert.

„Schau da mal rein!“
Ich hob den Deckel an. Da lag ein großer Fisch.
„Fast hundert Pfund, der Riesen-Oschi!“, schrie Robert.
„Das ist ja unglaublich! Wie habt ihr das mords Vieh denn raus gebracht?“
„Das ging nur zu dritt und noch zwei Manne ham kräftig mit zugepackt! Das gibt heute Abend gute Kohle, liebe Leute!“, schrie Robert in Richtung Martin und Mischa.

Roberts Plan, den Dorsch abends zu verkaufen, kannte ich noch nicht. Ich dachte, dass unser Fang für die heimische Küche von Roberts Eltern und den Großeltern gedacht sei. Aber Robert wollte aus unserem Fang Geld machen. Ich hatte noch nie Geld auf anderem Weg bekommen als das Taschengeld von Büchtler.

Langsam bewegte ich mich von der kühlen Plastikkiste mit der gelben Angelrute in Händen zurück zur Reling. Mir ging es besser. Ich hatte das Gefühl, nicht mehr so kreidebleich zu sein. Ich warf die Angel aus und zog daran gemächlich auf und ab.

Wenn der Fischverkauf, den Robert für den Abend geplant hatte, etwas abwarf und die drei sich fairer verhielten als die Kinder bei Büchtler am Obersalzberg, dann könnte das meine Chance sein. An der Reling ging es mir mit diesen Gedanken besser. Nach einer knappen viertel Stunde spürte ich sogar meinen leeren Magen. Ich hatte Hunger.

Bei Robert tat sich wieder etwas. Er zog und kurbelte kräftig. Er hatte einen mittelmäßig großen Dorsch dran. Den zog er routiniert an Bord. Er tötete ihn mit einem kräftigen Schlag auf den Kopf. Später kam Robert lächelnd von der Waage zurück und warf den Fisch auf das Eis in die Kiste.

Ich erschrak, denn jetzt zog es an meiner Angelrute. Der starke Zug Richtung Wasser riss mir die Angel beinahe aus der Hand. An das Auf und Ab hatte ich mich gewöhnt, nicht aber daran, dass plötzlich jemand so zerrte. Ich brauchte viel Kraft, um den Blinker nach oben zu ziehen. Ich versuchte zu tun, was ich zuvor bei den Freunden beobachtet hatte. Ich zog die Angel kräftig nach oben und kurbelte, während ich die Angel wieder hinunter ließ.
„Haste einen dicken Oschi dran?“, fragte Robert.
„Weiß nicht.“
„Brauchste Hilfe?“
„Glaub nicht, geht schon.“
„Dann kann der Dorsch auch nicht so affenschwer sein!“

Ich zog, kurbelte, zog und kurbelte. Ich schwitze, mein Atem war kurz und schnell geworden. drei, vier Minuten später war es soweit. Ein kleiner Dorsch zappelte an meiner Angel. Er schlug wild über dem Wasser. Robert hatte seine Angel an der Reling befestigt und gab mir sein großes Messer. Er nahm mir die Angelrute ab, schleuderte den Fisch mit festem Schwung auf den Boden an Deck und rief mir zu:
„Der ist gerade so groß, dass ich ihn nicht wieder rein werfen würde!“

Ich ergriff den glitschigen Fisch. Ich packte ihn an den Kiemen und presste ihn sofort auf den Boden. Fest schlug ich mit dem dicken Messergriff ein paar Mal auf dessen Kopf ein, bis das Zappeln aufhörte. Beinahe wäre der Fisch davon gesprungen, denn der Dorsch versuchte noch einen letzten kräftigen Satz. Ich ließ das Messer fallen, packte das Tier an der Schwanzflosse und drückte es zu Boden.
Es war vorbei. Ich tat, was ich zuvor bei Robert beobachtet hatte: Ich steckte meine Finger in die Kiemen und hob das Tier an. Die drei sahen hinüber zur Waage. Dort stand nur ein Mann. Ich ging dort hin und hängte meinen Fang an den Haken. Die zeigte vier Kilo an. Ich lief zurück zu den dreien. Dort verkündete ich stolz:
„Sechzehn Pfund, das ist doch schon mal was!“
Ich war sehr aufgeregt. Die Umrechnung in Pfund fiel mir nicht leicht. Ich war froh, dass mir die zweihundertfünfzig Gramm Butter als Eselsbrücke eingefallen waren. Ich ging sehr langsam von der Waage zu den Freunden zurück, denn ich brauchte Zeit, um meinen schnellen Atem zu beruhigen und um die Pfunde aus vier Kilo zu errechnen. Ich wollte gelassen und ruhig wirken.

Wir zogen mit einem polternden Handwagen von Haustür zu Haustür. Robert war stolz auf den Fang. Roberts Vater hatte uns in einem alten, klapprigen Peugeot am Parkplatz vor dem Hafen erwartet.
„Knapp vierhundert Pfund!“, rief Robert seinem Vater zu.
„Ordentlich, ordentlich Männer!“
Das war alles, was der Vater dazu sagte. Ich war froh, dass Robert die Fische nicht an Bord ausnahm, wie es die meisten anderen Männer auf der Rückfahrt zum Hafen getan hatten. Das stank fürchterlich und war ein grauenvolles Gemetzel. Robert meinte zu Mischa und Martin, dass dies seine Mutti besser machen könne als er.

Allerdings hatte die nicht damit gerechnet, dass die Fische gleich von ihr ausgenommen werden sollten, damit wir schnell auf Verkaufstour gehen konnten. „Den Fisch müssen wir ganz frisch verkaufen“, meinte Robert „morgen früh will den doch keiner mehr haben!“
Robert wuchtete gemeinsam mit Mischa, die fast hundert Kilogramm schwere Kiste auf einen riesigen Tisch, der in der Mitte der Küche stand. „Ich wasche danach das ganze Zeug auch schön sauber“, versicherte Robert.

Auf den selbst gebauten Handwagen war Robert mächtig stolz. Das Ding hatte er mit Mofabereifung und einer dicken Achse ausgestattet. Sein ganzer Stolz war eine selbst geschweißte Kupplungskonstruktion, mit der er den Handwagen an seinem Fahrrad anbringen konnte. Weil wir beinahe hundert Kilo Fisch und Eis zu transportieren hatten, zogen wir den Wagen aber ohne Fahrrad durch den Ort.

Der Verkauf ging schleppend. Die Leute feilschten mit Robert. Der war der Meinung, er könne für ein Pfund fünfzig Pfennig verlangen. Das war den Leuten viel zu viel. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten den Fisch eigentlich gar nicht wirklich haben wollten. Jedenfalls sah ich bei keiner der Hausfrauen echte Freude über unser Angebot. Ich sah stattdessen rümpfende Nasen. Von Begeisterung keine Spur. An der Ostsee gab es zu viel Fisch. Mein Eindruck war, dass den Leuten das Zeug schon zu den Ohren heraus stand.

Bis halb acht Uhr abends hatten wir immerhin dreihundert Pfund verkauft. Das Pfund jedoch nur für zehn Pfennig. Wir hatten dreißig Mark in Roberts Tasche. Das Geld teilte Robert zwischen uns auf. Für jeden gab es fünf Mark. Die Bootsfahrt hatte pro Mann zwei Mark fünfzig gekostet. Ich fand das überaus korrekt von Robert. Ich hatte am wenigsten aus dem Meer gezogen. Ich freute mich riesig, dass ich an diesem Tag fünf Mark verdient hatte. Ich dachte an meine Schulden bei Michael am Obersalzberg. Bei den Feriengroßeltern gab es abends frischen Dorsch.

4. Das Versteckspiel

Nachmittags besuchten mich die drei auf dem Gehöft. Wir saßen bei mir in dem kleinen Zimmer. Draußen war Sturm mit viel Regen aufgekommen. Deshalb hatten wir uns nicht am Strand bei den Strandkörben getroffen. Vormittags hatte ich stundenlang auf dem Wasser mit dem riesigen Surfsegel in den Wellen gekämpft. Ich war erschöpft. Es hatte mir nichts ausgemacht, einfach nur auf dem Bett herum zu lümmeln und den drei Burschen beim Quatschen zuzuhören. Ich fand das lustig, weil ich das Norddeutsche in Berchtesgaden nie hörte. Die drei langweilten sich aber schon nach wenigen Minuten. Martin fragte deshalb, ob wir nicht etwas spielen könnten.
„Oh ja! Wat Spaßliches!“, rief Mischa.
Ich schwieg abwartend.
„Auf dem Speicher könnten wir Verstecken spielen!“, schlug Martin vor.
„Zu viert?“, fragte Mischa kritisch.
„Das geht schon: drei verstecken sich und einer sucht!“, meinte Martin.

Wir verließen mein winziges Zimmer und gingen den finsteren Gang Richtung Treppe entlang. Martin öffnete eine Tür, die mir bislang nicht aufgefallen war. Obwohl ich seit drei Wochen täglich die Treppe hinaufgestiegen und den Gang entlang zu meinem Ferienzimmer gelaufen war, hatte ich die Tür neben dem Treppenabgang übersehen. Eine dunkel gestrichene Holztür wie die Farbe der Holzverkleidung im Treppenhaus. Der Türgriff war winzig und im gleichen Farbton gehalten. Ich dachte an eine Geheimtür. Warum eine unauffällige Tür, wo nur ein Speicher hinter ihr lag? Ich fantasierte, dass wir vier bestimmt Verbotenes taten. Der Feriengroßvater war mit dem Wagen unterwegs. Ich dachte, dass die drei wussten, was wir taten.

Der Speicher erstreckte sich eine weitere Etage hinauf, die über eine wackelige Holztreppe erreicht wurde. Deshalb breitete sich der Dachboden zweimal über die Fläche des gesamten Wohnhauses aus.

Unser Spiel erinnerte mich an den Speicher im Haus von Büchtler am Obersalzberg. Dort lagen Matratzen und stand Mobiliar herum. Wir hatten finstere Lager aus Holzbrettern und Matratzen gebaut. Er lag in einem von Büchtlers beiden Häusern. Dort waren die Mädchen untergebracht. Deshalb hatten Jungs eigentlich keinen Zugang. Zweites Problem war, dass sich die stählerne Tür am Ende des Mädchenwaschraumes befand. Den zu betreten war absolut tabu. Wir brauchten erstens den Türschlüssel, zweitens musste einer von uns Toilettenpapierdienst haben und drittens durfte kein Mädchen im Waschraum sein. Um das Toilettenpapier vom Treppenaufgang zum Speicher hinter der Stahltür zu holen, bekam der Toilettenpapierdienst den Speicherschlüssel. Der Dienst durfte nur wegen des Toilettenpapiers das Mädchenstockwerk betreten. Bester Zeitpunkt für unser Versteckspiel in unseren Matratzenlagern waren Samstag und Sonntag am Nachmittag.

Nach Hallenbad und Mittagessen war das ein schönes Programm. Manchmal hatte ich das Gefühl, mit dem Lager über dem Mädchenstockwerk etwas Eigenes zu haben. Etwas Geheimes auf dem Speicher! Das war etwas anderes als ein Bett oder ein Schrank im Zimmer. Bett und Schrank konnten jederzeit von Erwachsenen kontrolliert und durchsucht werden.

Der Speicher über meinem Ferienzimmer war voll von altem Mobiliar. Viele hohe Schränke boten gute Verstecke. Nahe der Tür war es hell wegen eines Dachfensters. Im oberen Stock ging es zwischen Schränken einen finsteren Gang bis an das Ende des Hauses entlang. Kurz vor dem Hausende waren die alten Schränke so angeordnet, dass sich daraus mehrere finstere Schrankzimmer ergaben. Der Sucher hatte kaum eine Chance, die Versteckten zu finden. Der Speicher bot zu viele Möglichkeiten, sich zu verstecken.

Aber das Suchen hatte seinen Reiz. Es fand in absoluter Ruhe statt. Jedes Knarren und Knacken erschreckte den Sucher. Das Vordringen in den oberen Bereich und in die drei Schrankzimmer löste bei mir Anspannung aus. In jedem Schrank konnte einer stecken. Jede Schranktür konnte zu einem Aufschrei von Mischa, Martin oder Robert führen. Alte Klamotten konnten auf mich hernieder kommen. Ein Buch konnte mir auf den Kopf fallen. Oder Blechgeschirr schepperte zu Boden, ein alter Stahlhelm konnte aus einem Schrank heraus knallen und über dem Speicherfußboden eiern.

In vielen Schränken fanden sich riesige Holzkisten. Die waren so groß, dass ich hineinpasste. Meist fand ich Mischa, Martin und Robert aber stehend in den Schränken. Sie versteckten sich zwischen müffelnden Mänteln, Jacken, Hosen und Hemden. Wenn eine Schranktür quietschend geöffnet wurde, sprang ich sofort aus meinem finsteren Versteck. Gefunden zu werden war wie eine Erlösung. Hinter den langen Mänteln in einem Schrank versteckt, hörte ich aufmerksam auf jedes Rascheln, Knacken, Knistern, Knarren. Geräusche konnten von einem suchenden Ferienfreund stammen, sie konnten aber auch von etwas anderem kommen, zum Beispiel von einer Maus.

Einer Maus wollte ich in der Dunkelheit im Kleiderschrank nicht begegnen. Ich stand zwischen den kratzenden Kleidungsstücken und war froh, wenn ich schnell von Robert gefunden wurde. Die Vorstellung, dass eine kleine Maus über meine Hausschuhe laufen konnte oder gar aus einer alten Jackentasche auf mich springen konnte, ließ mich in schnellen Zügen kurz atmen.

Wir vier hatten Respekt vor dem riesigen Speicher. Wir nutzten seine Größe nicht. Drei, die sich da versteckten, steuerten zwar unterschiedliche Verstecke an, diese aber lagen nie weit voneinander entfernt. Wir behielten uns gegenseitig im Auge. Der Speicher war uns unheimlich, wegen dessen Größe und des vielen alten Zeugs, das in den Schränken schlummerte.

Beim Zählen blinzelte ich durch die Finger vor den Augen. Ich wollte eine Ahnung davon haben, welche Richtung ich beim Suchen einschlagen musste. Das Suchen hatte keine Chance, wenn nicht ein Anhaltspunkt bestand. Jeder wusste, dass Blinzeln gegen die Regeln war. Jeder machte es und jeder akzeptierte, dass der andere es machte. Keiner sprach darüber, denn jeder war froh, dass der andere ihn darauf nicht ansprach.

Kurz vor Beginn des Hausarrestes war ich das letzte Mal mit den Dreien da oben. Beim Suchen lief ich in das hintere der drei spärlich beleuchteten Schrankzimmer. Der Schrank stand finster in einer Ecke. Langsam öffnete ich die leise knarrende Türe. Sie verdeckte die ohnehin wenigen Lichtstrahlen. So lag das Schrankinnere völlig im Dunklen. Ich tastete mich mit der linken Hand vorsichtig nach vorne. Ich wollte ertasten, ob im Schrank Kleidung hing oder nicht. Es roch modrig aus dem Schrank heraus. Schränke, welche ich zuvor geöffnet hatte, mit alten Klamotten, hatten einen anderen Geruch.

Mit der rechten Hand hielt ich die Tür fest. Meine linke Hand tastete ins Leere. Ich führte die Hand von links nach rechts. Da war nichts. Ich ging einen kleinen Schritt nach vorne. Meine Hand erreichte die hintere Schrankwand. Noch einmal tastete ich von links nach rechts: nichts. Dann ging ich langsam in die Knie, um nach unten zu tasten. Meine rechte Hand glitt an der hölzernen Schranktür langsam nach unten, denn die Tür wollte ich weiterhin offen halten. Mit der linken Hand erreichte ich auf etwa halber Höhe im Schrank ein Holzbrett.

Ich zog meine Hand langsam nach vorne, trat dabei einen Schritt zurück. Ich spürte den Staub, über den ich meine Hand zog. Ich tastete mich am vorderen Rand des Brettes weiter nach unten. Es war kein Schrankbrett. Ich tastete mich weiter bis auf den Fußboden nach unten. Holz, an dem ich mich entlang tastete. Es musste eine große Kiste sein. Nun arbeitete ich mich wieder nach oben. Am oberen Rand der Kiste drückte ich mit dem Daumen gegen das obere Brett. Ich drückte langsam nach oben, hörte dabei ein leichtes Knarren und spürte, dass sich der Deckel öffnete.

Hätten Mischa, Martin oder Robert sich da drin versteckt, wären sie längst laut aufschreiend und erlösend lachend aus der Kiste gesprungen. In solch einer Kiste zu sitzen, zu hören, wie von außen daran herum getastet wird und dann das leise Knarren des sich öffnenden Deckels zu hören, da wäre keiner von uns vier lange ruhig sitzen geblieben. Mir war klar, dass in dieser Kiste niemand saß. Trotzdem konnte ich mich von ihr nicht abwenden. Meine Neugier war zu groß. Obwohl ich in der Dunkelheit gar nichts sehen konnte, öffnete ich den Kistendeckel weiter und weiter. Die Schranktüre führte ich mit der rechten Hand an meinen Rücken, wo ich sie anlehnte. Meine rechte Hand ließ nun die Schranktür los und griff langsam in die Kiste. Das fühlte sich ähnlich wie auf dem Deckel an. Die Kiste schien voll zu sein. Mit der Rechten tastete ich und hörte jetzt ein ganz leises Rascheln. Dieses Rascheln kannte ich. Es konnte nur von Papier kommen. Eine Kiste voll Papier! Wie langweilig!

Plötzlich ertönte ein lautes Knarren, dann polterte es und ein lauter Schlag einer Tür knallte. Der Lärm kam von unten. Es war die Speichertüre. Ich erschrak so, dass ich den Kistendeckel fallen ließ. Das war ohrenbetäubend. Staub kitzelte in meiner Nase.
„Bernado, wo steckst Du? Komm sofort her!“, schrie der Feriengroßvater von unten zu mir hinauf.

Ich zitterte, zwang mich so laut ich konnte zu rufen:
„Ich komme! Ich komme sofort!“

Die Schranktüre schob ich vorsichtig zu. Es war wieder totenstill. Ich drehte mich um. In dem schwachen Lichtschimmer sah ich aufgewirbelten Staub in der Luft. Einige Meter vor mir Richtung Treppe, lag ein Stück Papier auf dem Boden. Das hatte vorher noch nicht dort gelegen! Ich war ganz sicher. Beim Betreten des Schrankzimmers hatte ich den Fußboden durch das einfallende, schwache Licht gesehen. Ich erkannte meine Fußspuren im Staub auf dem Boden. Das Papier lag auf einem meiner Fußabtritte im Staub. Ich hob den Fetzen auf und stopfte ihn in meine Hosentasche. Von unten hörte ich den Feriengroßvater wütend auf und ab stampfen, er schrie:
„Bernado sofort zu mir!“

Ich polterte die Treppe hinunter. Was mir einfalle, auf dem Speicher herum zu turnen! Das sei eine ganz schlimme Pflichtverletzung! Der Feriengroßvater schnaubte vor Wut über mich.
„War es mir erlaubt, den Speicher zu betreten? Nein! Das war es nicht!“
Er brüllte mich fragend an, antwortete sich aber selbst ohne eine Antwort von mir abzuwarten. Weil es nicht erlaubt war, schrie der Feriengroßvater mich an, war es eindeutig verboten!

Am Anfang der Ferien hatte ich zugesichert, nur zu tun, was zwischen uns beiden klar vereinbart worden war. Der Feriengroßvater hatte das in seinem Arbeitszimmer mit mir besprochen. Spielen und Herumlungern auf dem Speicher waren nicht vereinbart worden.

„In einem fremden Haus verhält man sich anständig und vor allem ehrlich!“

Ich sei ein hinterhältiger Saukerl! Er schrie sich in Rage. Freundlichkeit, Bescheidenheit und Zurückhaltung den ganzen Tag vor zu spielen sei bösartig. Es stecke eine betrügerische Absicht dahinter.

Ich verstand nicht, was er damit meinte, welche betrügerische Sache ich auf dessen Speicher mit den vielen uralten Sachen im Schilde führen könnte. Er ließ mich nicht zu Wort kommen, stattdessen schrie er:
„Mit deiner Verlogenheit ist jetzt Schluss! Was du dir erlaubt hast, ist eine Unverschämtheit, die ihresgleichen sucht!“

Die Ferienmutter hatte wohl von Büchtler nicht nur gehört, dass ich ein guter Schwimmer war, sondern auch ein besonders schwer zu erziehendes Kind.

„Es ist eine Unverschämtheit, mich so zu hintergehen! Menschen, die dir ihre Hand reichen, versuchst du skrupellos hinters Licht zu führen!“

„Befohlenem ist zu gehorchen! Gerade Du hast zu gehorchen! Dir werden wir Deine Verlogenheit schon noch austreiben!“
Ich hatte bewiesen, dass ich nicht einmal die leichteste Übung bestand. Statt Pflichterfüllung: Vertrauensmissbrauch.
„Für einen deutschen Jungen beschämend! Statt Dank ein versuchter Diebstahl!“
Die großzügige Hand, die der Feriengroßvater mir entgegen gestreckt hatte, versuchte ich auszunutzen.
„Ein dahergelaufener Kerl aus einer Erziehungsanstalt! Das hab ich im Leben nicht erlebt, nicht mal im Krieg!“

Er schickte mich in mein Zimmer. Er werde die Sache mit seiner Tochter besprechen. Stunden später überbrachte mir die Ferienmutter die Entscheidung, die beide gemeinsam getroffen hatten.

„Das gibt Dir die Zeit, über Dein niederträchtiges Verhalten nachzudenken!“

Die letzten vier Tage der Ferien auf dem Gehöft sollte ich in meinem Zimmer verbringen.

Ich lag auf dem Bett in meinem Ferienzimmer. Der Hausarrest sollte noch drei weitere Tage dauern. Ich starrte an die Decke mit der weißen Ballonlampe. Darüber lag der Speicher.

5. Die Jagd

Der Feriengroßvater ging jeden Abend um halb zehn Uhr aus dem Haus. Vor drei Tagen hatte er am Abendbrottisch gesagt, dass ich mitkommen sollte in den Wald. Ich war überrascht, denn wir hatten zuvor darüber nicht gesprochen. Er war nicht sehr gesprächig. Er sagte, ich solle Jacke und Pullover mitnehmen, denn auf dem Jägerstand könne es nachts schon mal frisch und windig sein.

Wir trafen uns pünktlich um halb zehn vor der Eingangstür des Wohnhauses. Er trug grüne Kleidung, wie ich sie mir bei einem Jäger vorstellte, dazu über der rechten Schulter ein großes Gewehr. Ich lief neben ihm über den grob gepflasterten Hof. Auf der anderen Seite schlugen wir rechts in einen kleinen Feldweg Richtung Wald ein.

Dort stand ein alter Kirschbaum mit süßen Kirschen. Die Feriengroßmutter schickte mich stets nach dem Abendessen hinauf. Ich könne mir noch eine kleine Nachspeise einverleiben so wie es die Vögel tun. Der Baum war ein toller Kletterbaum. Ich konnte an ihm beinahe bis ganz oben hinaufsteigen.

Weil wir Kinder bei Büchtler regelmäßig über die Bergwiese hinauf in den Wald liefen, um dort auf Bäumen herum zu klettern, hatte ich keine Angst auf solch einem Baum bis ganz nach oben hinauf zu steigen. Die besten Baumhütten waren schwer zu erreichen, weil wir sie ganz oben in die hohen Baukronen hinein gebaut hatten. Je höher es einer geschafft hatte, gestohlene Bretter in eine Baumkrone zu schaffen und mit gestohlenen Nägeln und Schnüren eine ebene Fläche zu zimmern, als Grundlage für eine winzige Hütte, desto mehr Bewunderung war ihm gewiss.

Die verwegensten Konstruktionen bauten Michael und dessen erkaufte Helfer. Schuldner in den Diensten des Geldeintreibers waren bereit für den Bau seiner hoch im Baum liegenden Hütte in die umliegenden Scheunen und Ställe einzubrechen. Dort stahlen sie Nägel, Zangen, Hämmer und Holzbretter. Michaels Hütte stand auf der höchsten und wahrscheinlich ältesten Buche unserer Waldlichtung. Dort trieben wir uns beinahe jeden Nachmittag herum. Seine Baumhütte war in den letzten Metern nur über ein Seil zu erreichen. Er hatte alle Äste in der oberen Krone abgesägt. Michael nahm ein Seil mit einem Haken, warf es vom letzten Ast vor der Hütte hinauf. An dem Seil hangelte er sich hoch. Anderen denen er Zutritt gewährte, warf er von oben eine selbst gemachte Strickleiter entgegen. Der mächtige Geldverleiher thronte auf dem höchsten Wipfel unserer Waldlichtung. Zu ihm hatten wir aufzublicken.

Um das Baumhaus von Michael rankten sich viele Geschichten. Die am häufigsten genannte war, dass es sich lohnen würde, bei Nacht hinaufzusteigen und einzudringen, weil Michael dort Geld deponiert habe. Davon erzählte Hartwig, mit dem ich bei Büchtler in einem Zimmer wohnte. Er habe Michael einmal beobachtet, wie der mit einer vollen Plastiktüte hinaufgestiegen sei und ohne diese wieder heruntergekommen war. Sicher, so meinte Hartwig, habe er da oben auch Lebensmittel und andere Dinge deponiert. Er hatte Schulden bei Michael, aber mehr als ich und seit viel längerer Zeit. Hartwig träumte davon, sich an Michael zu rächen. Das würde er aber nie alleine tun, weil er zu viel Angst hatte. Ich hätte mich gerne mit Hartwig verbündet, um gegen Michael vor zu gehen. Das wäre mir nur zusammen mit einem anderen Jungen gelungen, denn allein wäre ich viel zu schwach gewesen. Aber ich vertraute Hartwig nicht.

Er sprach über Michael, dass ich das Gefühl hatte, er wollte am liebsten zu dessen Geldeintreibern und Bretterdieben gehören. Um das zu erreichen, hätte er sich Respekt verschaffen müssen. Er hätte Michael mit dessen Waffen imponieren müssen: Gewalt, Macht und Angst. Mindestens eine dieser Waffen hätte Hartwig gegen ein anderes Kind einsetzen müssen. Damit hätte Hartwig Michaels Sprache beherrscht. Das hätte bedeutet, dass er es wert gewesen wäre, einer von dessen Geldeintreiber zu werden.

Hartwig schaffte es nicht. Er kam nicht von seinen Schulden bei Michael weg. Er wurde ständig von dessen Helfern verprügelt, weil er immer wieder nicht bezahlte. Samstags im Berchtesgadener Hallenbad machte er stets den gleichen Fehler. Währenddessen Büchtler, akkurat mit gespitztem Bleistift sein Kassenbuch führte, um an dreißig Kinder das Taschengeld auszuzahlen, gelang es Hartwig ab und an, durch die Menge der Kinder vorbei an den Besuchern des Hallenbades zu verschwinden:
Büchtler saß an einem winzigen Tisch im Eingangsbereich. Wir drängten uns um den Tisch. Die Besucher des Hallenbades drückten sich an uns vorbei. Weil Michael und seine Helfer in diesen Minuten auch ihr Taschengeld ausbezahlt bekamen, konnte ein kleiner Hartwig immer wieder aufs Neue flüchten. Er lief eilig nach Berchtesgaden hinauf, um dort sein Taschengeld für Süßigkeiten auszugeben.

Die Geldeintreiber kümmerte das aber eher wenig. Sie erwischten Hartwig dann halt nachmittags oben im Wald. Wenn sie ihn da nicht fanden, griffen sie am Sonntag zu. Dass Hartwig das Spiel ständig wiederholte, verstand ich nicht. Seine Schulden nahmen wegen der Zinsen schnell zu. Ich konnte mit ihm darüber aber nicht reden, denn ich hatte kein Vertrauen zu Hartwig, genauso wenig wie zu andern Kindern in Büchtlers Haus am Obersalzberg.

Bei Büchtler in Berchtesgaden spielten wir Kinder miteinander im Wald oder auf dem Speicher, doch dabei bestahlen wir uns gegenseitig und wir prügelten aufeinander ein. Hatte ich von meinem Taschengeld etwas nicht ausgegeben und auch nicht an Michael zurückzubezahlen, musste ich das sehr gut verstecken. Ich verstaute es in einem Briefumschlag in meiner Matratze. Ich achtete genau darauf, dass Hartwig davon nichts bemerkte. Ich wählte einen Zeitpunkt. an dem Hartwig nicht in unserem gemeinsamen Zimmer war. Samstagabends, während Hartwig sich im Bad die Zähne putzte, hatte ich dazu Gelegenheit. Einmal hatte ich meine kleine Geldbörse mit einer Mark Taschengeld nachts in der Hose auf meinem Stuhl neben dem Bett liegen gelassen. Am nächsten Tag war die Geldbörse leer. Seitdem vertraute ich weder Hartwig noch einem anderen Kind in Büchtlers Haus.

Büchtler war mächtig und stark wie Michael. Das zeigte er uns ständig. Fast täglich schlug er ein Kind, indem er Ohrfeigen oder Kopfnüsse verteilte. Manchmal gab es auch Faustschläge. Hin und wieder war Büchtlers Schlag so kräftig, dass ein Kind durch eine Glasscheibe flog oder eine Treppe hinunter stürzte. Büchtler war unser Erzieher und unser Vorbild. Er erzog uns, indem er uns Kinder dauerhaft verängstigte. Das tat er so lange, bis wir, wie er es nannte, „parierten“. Hatte er das erreicht, verwendete er weiter seine Angst machenden Methoden, indem er uns seine hasserfüllte Haltung täglich zeigte, durch Auftreten und Worte. Das war die Erziehungsmethode, mit der er uns Kinder, wie er es nannte, „im Griff“ hatte. Deshalb schickten Jugendämtern über etwa dreißig Jahre Kinder in das Kinderheim von Büchtler nach Berchtesgaden und bezahlten Büchtler.

Am Obersalzberg gab es damals zwei Menschen, die ich abgrundtief hassen gelernt hatte: Michael und Büchtler. Deshalb begann ich mich für alles zu interessieren, was anders aussah als das, was Büchtler und Michael demonstrierten. Ich wollte beiden nicht hinterherlaufen, wie Hartwig es tat. Ich wollte mit den beiden so wenig wie möglich zu tun haben.

Auf dem Bett liegend starrte ich den Kopf voll mit diesen Gedanken an die weiße Raufasertapete. Die Ballonlampe warf ihren schaukelnden Schatten an die Wand. Nicht an Büchtler, Hartwig und Michael denken! Meine Aufgabe war es, über das hier und jetzt auf diesem Gehöft nachzudenken.

Der Feriengroßvater war mit mir in der Dämmerung den Feldweg entlang gelaufen. Auf dem Weg hatten wir nicht gesprochen. Hartwig, Michael und Büchtler waren mir unterwegs eingefallen. Ich hatte daran gedacht, dass vielleicht Michael der bessere Gast beim Feriengroßvater wäre.

Die Ruhe des Hausarrestes sollte ich nutzen, um über das nachzudenken, was ich auf diesem Hof Schlimmes getan hatte. Das war meine einzige Aufgabe. Stattdessen fiel mir die Jagd ein, weil ich da an Menschen wie Michael und Büchtler am Obersalzberg gedacht hatte, die ich viel schlimmer fand als mich. Die Ferienmutter wusste nicht, dass ich ständig über das nachdachte, was um mich herum geschah. Um das zu tun, brauchte ich keine Strafe wie diesen Hausarrest. Nachzudenken war bisher für mich eigentlich gar keine Strafe.

Ich dachte aber nicht nur über mich nach, sondern in meinem Hausarrestzimmer merkte ich, dass ich immer verleitet war, über das nachzudenken, was gar nicht die Strafaufgabe war: Ich fragte mich, wer wohl eigentlich der Feriengroßvater war, bei dem ich die Ferien seit über drei Wochen verbrachte, der bisher kaum mit mir gesprochen hatte. War er einer wie Büchtler? Auch Büchtler sprach wenig mit mir und den anderen Kindern. Fängt der Feriengroßvater, wenn ich noch länger hier bliebe, bald an zu schlagen?

Ich hörte den Kies unter unseren Schuhen knirschen. Bei klarem Sommerwetter begann die Nacht erst gegen Mitternacht. Der Feldweg führte in einen Laubwald. Nach etwa fünf Minuten im Wald führte er zu einer kleinen Kreuzung. Rechts und links zweigten zwei Trampelpfade ab. Wir nahmen den Rechten. Er führte nach einigen Hundert Metern ganz leicht bergan. Es gab in der Gegend keine Berge wie rund um Berchtesgaden. Nicht einmal Anhöhen gab es, das waren eher leichte Erhebungen. Genau auf solch eine leichte Erhebung führte uns der Trampelpfad. Er führte an den Waldrand mit Blick über ein offenes, bereits abgeerntetes Feld. Das Feld umstand von allen Seiten der Wald. Auf der Erhebung am Waldrand, genau an dessen höchstem Punkt, erhob sich der Jägerstand des Feriengroßvaters. Der ideale Standort, um das Feld und die Waldränder im Überblick zu haben.

Nachdenken über die Verletzung meiner Pflichten sollte ich, das hatte die Ferienmutter mit dem Feriengroßvater besprochen. Warum ich nicht dankbar sei, dass ich hier im Hause des Feriengroßvaters sein durfte, sondern stattdessen versuchte den Feriengroßvater zu bestehlen. Und warum ich mir solch eine Unverschämtheit leistete gegenüber denjenigen, die mich unterstützten. Darüber versuchte ich jetzt nachzudenken:
„Ich weiß nicht warum.“ Das war meine einfache Antwort. Das aber wäre der Ferienmutter und dem Feriengroßvater zu kurz gewesen. Allein schon diese Kürze war wieder eine große Unverschämtheit. Ich hatte Tage Zeit und sagte: Ich weiß es nicht. Das war eine Frechheit! Je länger ich auf dem Bett lag, je genauer ich darüber nachdachte, also die Aufgabe ernst nahm und die Zeit dafür nutzte nachzudenken, so wie es die Aufgabenstellung des Hausarrestes war, desto mehr fielen mir anstatt Antworten Fragen ein. Ich fand keine Antwort darauf, warum ich meine Pflichten verletzt hatte, warum ich undankbar gewesen war, warum ich unverschämt geworden war und warum ich den Feriengroßvater bestehlen wollte. Ich wusste nicht, was ich zu stehlen versucht hatte. Ich wusste nicht, welche „Unverschämtheit“ ich begangen hatte. Ich wusste nicht, worüber ich nachdenken sollte und warum ich den Hausarrest bekommen hatte. Das nicht zu begreifen war unverschämt gegenüber den Erwachsenen.

Wegen der vielen unbeantworteten Fragen in meinem Kopf wurde die Aufgabe im Hausarrest immer länger, immer schwieriger, immer größer und schwerer. Deshalb wurde ich nervös und zappelig. Ich sprang hastig vom Bett auf, lief zum Fenster, schlug mir mit der platten Handoberfläche ein paar Mal an den Kopf. Da stimmte doch was nicht in meinem Kopf! Warum kamen in meinem Kopf immer mehr Fragen? Ich wollte endlich Klarheit! Je mehr ich nachdachte, umso mehr Fragen. Warum? Ruhe bewahren! So kommst du nicht weiter Bernado! Ganz ruhig bleiben und noch einmal mit dem Denken von ganz vorne anfangen! Das hätte jetzt bestimmt die Lehrerin zu mir gesagt.

Ich ging langsam zum Bett zurück. Meine beiden Hände pressten sich an meinen Kopf, als wollten sie ihn aus wringen, bis er leer war, damit ich mit der Aufgabe dieses Hausarrestes mit einem leeren neuen Kopf noch einmal von vorne los legen konnte. Ich setzte mich auf die Bettkante. Ich ließ meinen Kopf los. Ich sagte zu mir: Jetzt ist mein Kopf leer! Jetzt fange ich von vorne an. Ich fragte mich: Was ist meine Pflicht, die ich hier verletzt habe? Sofort schoss es durch meinen Kopf: Falsch Bernado! Du solltest nicht fragen! Es ist deine Aufgabe zu antworten! Ich legte mich wieder hin, starrte an die Decke. So geht das nicht!

Der Feriengroßvater hatte mir auf dem Weg zum Jägerstand zu verstehen gegeben, dass dort oben nicht gesprochen wurde. Ganz leise beobachteten wir also das in der Dämmerung liegende Feld und die Waldränder rings herum. Hin und wieder kamen auf der andern Feldseite Hasen mit riesigen Ohren hervor. Die blieben aber meist so weit weg, dass der Feriengroßvater nicht einmal seine Büchse anlegte. Auf dem Hochstand war ein Brett so montiert, dass die Büchse dort aufgelegt werden konnte. Durch das Zielfernrohr ließ mich der Feriengroßvater die Hasen auf der anderen Feldseite beobachten. Sie hoppelten dort munter herum, verschwanden im Wald und kamen wieder hervor.

Erst nach zwei Stunden auf dem Hochstand wurde es ernst. Da erschien am Waldrand auf der rechten Seite in der Dämmerung ein großer Hirsch. Der Feriengroßvater zog am Gewehr, durch dessen Zielfernrohr ich immer noch die Hasen beobachtete. Ich setzte mich auf die äußerste Seite des Sitzbrettes. Der Feriengroßvater lud in aller Ruhe das Gewehr. Dann legte er es auf das für diese Zwecke konstruierte Brett und blickte konzentriert durch das Zielfernrohr. Gespannt beobachtete ich das alles.

Der Hirsch stand genauso wie er vor Minuten dort erschienen war am Waldrand. Er rührte sich nicht. Der Feriengroßvater führte langsam den Finger seiner rechten Hand an den Abzug. Erst jetzt wurde mir klar, was kommen würde. Ich presste mit beiden Händen meine Ohren zu. Trotzdem hörte ich einen ohrenbetäubenden Knall. Aus dem Gewehr stieg dicker Qualm auf. Den fächerte der Feriengroßvater hastig beiseite. Er blickte angestrengt zum Waldrand. Ich tat es ihm gleich. Der Hirsch stand nicht mehr dort. Ich erkannte einen dunklen Punkt auf dem abgeernteten Feld. Der Feriengroßvater nickte zufrieden.
„Das war ein Treffer!“

Er schulterte die Büchse und kletterte die Leiter des Hochstandes langsam hinab. Ich folgte ihm. Unten lud der Feriengroßvater sein Gewehr erneut. Das wunderte mich.
„Das Tier könnte noch leben. Bleib Du weit genug weg!„

Ich lief in weitem Abstand hinter dem Feriengroßvater her. Wir näherten uns dem dunklen Punkt am Feldrand. Nur noch wenige Meter entfernt, hörte ich ein leises Röcheln und Schnauben. Der Hirsch lebte noch. Der Feriengroßvater deutete mir, ich solle bleiben, wo ich war. Ich nickte. Er näherte sich langsam dem Tier. Er legte erneut die Büchse an. Ich drückte meine Hände an die Ohren. Der Knall war leiser als zuvor.

Eigentlich wollte der Feriengroßvater das Tier mit dessen Hufen an einer langen Stange festbinden, die er vom Hochstand geholt hatte. Es sollte an der Stange baumelnd, auf unser beider Schultern lagernd zum Hof getragen werden. Das entsprach dem Bild, das ich von Jägern im Kopf hatte. Der Versuch, die Beine des Tieres an die Stange zu binden, funktionierte mit meiner Hilfe nicht. Das Tier lag ungünstig auf dem Feld. Wir versuchten den Körper in eine geeignete Position zu bringen, um es an den Füßen anzubinden. Mir fehlten aber die Kräfte. Mir war schlecht geworden. Ich fühlte mich schwach. Mein Kreislauf spielte nicht mehr ordentlich mit.

Der Schädel des Tieres war bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt worden. Das Geweih war dem Tier schon von der ersten Schrotladung, die der Feriengroßvater vom Hochstand aus abgefeuert hatte, vom Schädel gerissen worden. Der Feriengroßvater fand es einige Meter entfernt auf dem Feld. Er zeigte es mir. Er streckte es mir entgegen wie eine Trophäe. Er erklärte etwas über das Geweih, was ich aber nicht verstand, weil ich trotz der Dämmerung erkannte, dass ein Stück vom Schädel des Tieres daran herunter hing. Das aber kümmerte den Feriengroßvater nicht. Ich sah an dem Geweih einen Teil des Gehirns des Tieres. Ich sah Blut und einen verschmierten Fetzen, der da baumelte. Daran hing ein Auge. Das Auge schwabbelte immer wieder zwischen Boden und Geweih des Tieres auf und ab, während der Feriengroßvater mit dem Geweih gestikulierend vor mir stand.

Ich sog die frische Luft der Sommernacht tief in mich ein. Ich setzte mich hin, weil ich nicht riskieren wollte, umzukippen. Mein bleiches Gesicht drehte ich weg, damit der Feriengroßvater es in der Dämmerung nicht sah. Ich kniete mich auf dem Feldboden vor dem toten Tier nieder und tat so, als wollte ich es besser betrachten. Ich konnte mich nicht einfach auf das Feld legen und tief atmen, bis meine Kreislaufschwäche vorbei war. Das hätte dem Feriengroßvater klar gezeigt, dass ich für die Jagd ein völlig ungeeigneter Begleiter war. Ich musste das durchstehen, es gehörte zum normalen Alltag auf dem Hof. Tiere wurden gejagt, getötet, ausgenommen, zerteilt, zubereitet und gegessen.

Das Geweih mit den blutig herabhängenden Fetzen, dem herausgerissenen Auge und den anderen triefenden Tierteilen interessierte mich überhaupt nicht. Trotzdem zwang ich mich zum Feriengroßvater aufzublicken. Er hielt das Geweih immer wieder in die Höhe und erklärte Dinge, die ich nicht verstand, denn ich konnte wegen meiner Kreislaufschwäche dessen Stimme nicht mehr hören. Ich kannte das. War ein Kreislaufzusammenbruch schlimm, hörte ich ein hohes Rauschen in den Ohren. Die Geräusche der Menschen um mich herum konnte ich noch hören, aber ich verstand deren Worte nicht mehr. Das dauerte Minuten. Dann verschwand mein Schwindel und ich hörte Stimmen wieder normal.

Der Feriengroßvater gestikulierte und hielt immer wieder das Geweih vor mein Gesicht. Ich wusste, dass ich mich auf meinen Atem konzentrieren musste, um meinen Kreislauf wieder hochzubringen. Ich blieb auf den Knien vor dem toten Tier und sog die kühle Sommerluft tief ein. Langsam, als würde ein Lautstärkeregler hochgedreht und gleichzeitig ein Radiosender klarer eingestellt, hörte ich den Feriengroßvater wieder. Das Geweih hatte er mitten auf den Feldweg gelegt. Jetzt verstand ich, was er sagte. Er gab mir Anweisungen in welche Richtung ich an den Hinterläufen des Tieres ziehen sollte, um es mit ihm zusammen für den Abtransport in die richtige Lage zu drehen. Ich hatte keinerlei Kräfte dafür. Der Kreislaufzusammenbruch hatte mich geschwächt. Ich brauchte Zeit, um mich zu sammeln. Ich atmete so tief ich konnte durch.

„Das geht so nicht! Wir müssen den Handwagen holen!“
Auf dem Feldweg liefen wir langsam durch die Nacht Richtung Gehöft. Der Feriengroßvater hatte das Geweih über seine Schulter gelegt. Der daran baumelnde Teil vom Schädel des Tieres interessierte ihn immer noch nicht. Ich lief so weit wie möglich rechts vom Feriengroßvater. Ich trug dessen schwere Büchse. Ich schleppte sie mit dem Gurt auf der rechten Schulter. Ob ich mit der schweren Schrotflinte schießen könnte? Worauf würde ich zielen? Den Feriengroßvater?

Der finstere Waldrand neben dem Feldweg und dessen langsam vorbei ziehende Baumwipfel erinnerten mich an den Obersalzberg und an Büchtler in dessen Haus ich seit vielen Jahren lebte. Auf den würde ich zielen! Die schwere Büchse müsste ich allerdings irgendwo auflegen, so wie der Feriengroßvater das auf dem Hochstand getan hatte. Durch das Zielfernrohr könnte ich Büchtler genauso wie ich die Hasen am Feldrand ins Visier genommen hatte, anvisieren. Ob ich abdrücken würde? Dessen fiese Witze, wenn er mich mit Abendessensentzug bestrafte und mich als „Armleuchter“ beschimpfte, dessen knallharte Ohrfeigen und Kopfnüsse, vor allem dessen Magenschwinger und Faustschläge, das alles hasste ich so sehr, ich würde nicht zögern abzudrücken.

Blut und Hirn des Schädels am Geweih stanken fürchterlich. Als wir zum Trampelpfad durch den Wald gekommen waren, vergrößerte ich den Abstand zum Feriengroßvater. Ich versuchte dem Gestank zu entgehen, hielt mich rechts am Waldrand, versuchte die kühle Luft des Waldes zu riechen. Aber der Gestank des vor mir laufenden Feriengroßvaters zog mir direkt in die Nase. Würde Büchtlers zerschossener Kopf auch so stinken? Mir wurde wieder schlecht. Ich spürte meinen Magen, der zu rebellieren begann. Ich versuchte an etwas anderes zu denken.

Ich wollte nicht, dass der Feriengroßvater bemerkte, dass ich das Jagdabenteuer nur mit größter Mühe schaffte. Meine Schwäche wollte ich diesem Mann auf keinen Fall zeigen. Ich war froh, dass mir nicht so schlecht wurde wie am Feldrand neben dem getöteten Hirschen. Ich konzentrierte mich auf mein tiefes Atmen. Ich dachte nicht mehr an Büchtler und dessen zerschossen Kopf und an Michael, den ich mit der Schrotflinte auch erschießen würde, weil er mich oft auf der Toilette im Haus bei Büchtler am Obersalzberg so verprügelt hatte, dass ich minutenlang benommen auf der Kloschüssel liegen blieb. Ich schaffte den Trampelpfad. Das letzte Stück zum Gehöft verlief wieder auf dem breiteren Feldweg. Da ging ich rechts neben dem Feriengroßvater. Dort stank es nicht mehr so fürchterlich nach dem Hirn vom toten Hirschen.

Der Feriengroßvater sprach auf dem Feldweg kein Wort. Alles zu seinem Jagderfolg hatte er zuvor schon erklärt. Weil ich ihm am Feldrand aber nicht hatte zuhören können, wusste ich nichts. Ich hatte trotzdem so getan, als hörte ich zu. Ich nickte und spielte Verständnis und Interesse vor, obwohl mein Kreislauf zusammengebrochen war und ich das Rauschen und den hohen Ton in den Ohren hatte.

Ich tat das sehr oft in der Berchtesgadener Bacheischule und im Haus von Büchtler am Obersalzberg. Ich nickte und blickte aufmerksam zum Sprechenden. Ich bestätigte damit, zu verstehen worum es ging. Wenn aber Rückfragen kamen, warfen die mich aus dem Konzept. Meist kamen keine Rückfragen. Kinder wie ich wurden nicht gefragt.

Fragen des Feriengroßvaters waren keine Fragen an mich, denn er beantwortete sie stets selbst. Am Feldrand hatte er mir alles erklärt, was er zu dem erlegten Tier erklären wollte. Weil mir so schlecht geworden war, hatte ich all meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem, aber auch den dozierenden Feriengroßvater gerichtet. Ich erkannte dabei nicht, dass er mich etwas gefragt hatte. Ein Mensch, der fragt, schweigt nach seiner Frage, um eine Antwort zu erhalten. Ich sah den Feriengroßvater erklären und mit dem Geweih des Tieres gestikulieren. Da war kein wartendes Schweigen. Der Feriengroßvater war ein Mensch, zu dem ein Kind wie ich nur dann zu sprechen hatte, wenn er es dazu aufforderte. Ich hatte das Gefühl, dass der Feriengroßvater junge Leute generell nur schwer ertragen konnte. Was er gar nicht ertrug, war einer wie ich, der Schwächen zeigte. Einen Mann, der auf der Jagd zusammenklappte, gab es nicht. Der Feriengroßvater wusste, dass ich zusammengeklappt war. Darüber aber sprachen wir beide nicht. Das war ähnlich wie beim Versteckspiel auf dem Speicher. Jeder blinzelte, jeder wusste das, aber keiner sagte etwas.

Der Feriengroßvater war der einzige, der bei Tisch ein Gespräch eröffnete. Die Feriengroßmutter stimmte dessen Ausführungen immer uneingeschränkt zu. Die Ferienmutter antwortete stets auf Fragen. Sie erzählte zu manchen Dingen auch mal etwas. Sie berichtete aus ihrer Erfahrung in Berchtesgaden. Ich schwieg und hörte zu. Eine wichtige Regel auf dem Gehöft war es, zu schweigen. Bei Tisch sprachen nur Erwachsene.

Ich fand Schweigen nicht schwer. Ich fand es gut, nur zuhören zu müssen. Am besten fand ich es, wenn ich von einem Gespräch gar nicht betroffen war. Dann nämlich war die Gefahr gering, etwas nicht oder falsch zu verstehen. Es gab dann nichts zu überhören, was mich betraf und es gab nichts miss zu verstehen. Das hatte ich bei Büchtler am Obersalzberg über lange Zeit gelernt. Anfangs überhörte ich oft etwas, das mich betraf, weil ich nicht ordentlich zugehört hatte. Weil ich eh nicht mitreden durfte, schaltete ich frühzeitig ab. Ärger war dann nicht weit. Ich lernte deshalb bei Büchtler immer besser zuzuhören, auch wenn die meisten Dinge mich nicht betrafen. Ich fürchtete Ärger, weil ich etwas überhörte.

Er hatte gesagt, dass es für mich da oben nur mein Zimmer gäbe. Damit meinte er im Grunde, dass der Speicher für mich tabu wäre. Wahrscheinlich hatte er ihn auch deshalb nicht erwähnt, weil er wusste, dass ich ihn ohnehin nicht finden würde. Ich hätte besser zuhören müssen. Dann hätte ich verstanden, dass es dort oben einen Speicher gibt, den ich nicht betreten durfte. Tatsächlich hatte ich den Speicher nicht gefunden. Es waren die Freunde, die wussten, dass es ihn gab und wo er zu finden war.

6. Krieg

Am Mittagstisch saß neben mir noch ein anderer junger Mensch. Paula war ein Aupairmädchen aus England. Die Feriengroßeltern hatten sie für die Ferienzeit von Nachbarn ausgeliehen. Paula schwieg bei Tisch, so wie ich. Sie hatte einen anderen Grund zu schweigen. Sie war gekommen, um Deutsch zu lernen. Sie sprach noch sehr schlecht Deutsch.

Paula wurde vom Feriengroßvater wie ein Küchenmädchen behandelt. Sie hatte von morgens bis abends im Haushalt zu arbeiten. Sie hatte der Feriengroßmutter, die das Regiment führte, beim Kochen zu helfen. Sie war zuständig zu Waschen, zu Bügeln, den Hof zu kehren, das Treppenhaus und die Zimmer zu putzen und sie hatte sich dabei ruhig zu verhalten. Dabei sollte sie Deutsch lernen.

Der Feriengroßvater war groß, stark und mächtig. Es war selbstverständlich, dass auf seinem Hof geschah, was er geschehen lassen wollte. Dazu brauchte er keine langen Worte. Er war es nicht gewohnt, seinen Hof oder gar sich selbst auf seinem Hof zu erklären. Jemandem wie mir, der dort neu erschien oder Paula, die nicht einmal die deutsche Sprache beherrschte, brauchten die Hofregeln nicht lange erklärt zu werden, denn sie waren in den Augen des Feriengroßvaters selbstverständlich.

Im Schuppen auf dem Gehöft lud ich das Surfbrett von dem Handwagen ab. Mit dem leeren Wagen wartete ich im Innenhof. Es war eine laue, warme Sommernacht. Rings um den Hof war es sehr still, kein Lüftchen regte sich. Aus der Ferne hörte ich ein Auto. Zunächst glaubte ich, der Wagen fahre auf der Landstraße unterhalb des Gehöftes vorbei. Dann sah ich am Himmel über dem Hof Scheinwerferlicht. Sekunden später passierte ein alter Peugeot die Eingangstür des Wohnhauses und rollte knatternd auf den Hof. Robert stieg aus dem Wagen. Sein Vater saß am Steuer. Robert kam direkt auf mich zu. Begeistert rief er:
„Na, ihr habt einen mords Fang gemacht?“ „Ja, ein Riesenvieh.“ „Du siehst aber etwas fertig aus. Bist du müde?“
Ich nickte und sagte: „Naja, schon etwas.“

Roberts Vater reichte mir die Hand. Er fragte, ob ich denn überhaupt zum Abtransport des Tiers mitkommen wollte, so müde wie ich aussah. Das war meine Chance. Ich zuckte die Schultern.
Roberts Vater: „Wir schaffen das auch ohne dich!“

Endlich wurde klar, dass der Jagdabend beendet war. Jetzt erschien der Feriengroßvater in der Tür des Wohnhauses. Auch für ihn schien klar zu sein, dass ich am Abtransport mit dem Handwagen nicht beteiligt sein würde. Die zwei marschierten mit Robert, der den Handwagen über den Innenhof zog, am Kirschbaum vorbei auf den Feldweg.

Am nächsten Tag sagte die Feriengroßmutter, dass heute jede Menge Arbeit anstehe. Der riesige Fang der Jagd in der letzten Nacht sei mittlerweile ausgeblutet. Nun gelte es, das Tier zu zerlegen. Sie fragte mich aber nicht, ob ich dem Feriengroßvater, der im Stall mit dieser Arbeit zu Gange war, helfen wolle. Das wollte ich auf keinen Fall. Ich wollte lieber mit dem Surfbrett hinaus aufs Meer.

In der Scheune traf ich auf den Feriengroßvater. In einer blutverschmierten Gummischürze stand er da. In der Hand hielt er ein riesiges Messer. Der Hirsch hing an einen breiten Balken mitten in der Scheune. Sein Schädel war vollständig abgetrennt. Unter dem Tierkörper stand eine große Schüssel voll Blut. Ich sah den Feriengroßvater, der mich schweigend und nickend begrüßte, um sich sogleich wieder dem toten Tier zuzuwenden.

Mein Blick fiel auf den Handwagen, den ich für das Surfbrett brauchte. Der Wagen stand seitlich von dem toten, hängenden Tierkörper. Ich ging am toten Hirschen und dem schneidenden Feriengroßvater vorbei, sog dabei einen Atemzug von Blutgeruch auf, ergriff die Deichsel des Handwagens und zog ihn aus der Scheune. Der Wagen war von Blut und Haaren verschmiert. Ich polterte mit dem Wagen über den Innenhof. Dort gab es einen Wasserhahn.

Mit dem Gartenschlauch spritze ich das Blut und alles andere vom Wagen ab. Dabei wurde mir schlecht. Ich begann zu würgen. Ich übergab mich. Der Boden neben der Wasserstelle war feucht und glitschig. Ich verlor das Gleichgewicht, ging in die Knie, konnte mich nicht mehr kontrollieren, sah plötzlich nichts mehr, denn alles war schwarz geworden. Ich stürzte auf ein Knie, fiel zu Boden. Jetzt schlug ich mit dem anderen Knie auf einer Steinplatte am Wasserhahn auf. Alles ging sehr schnell. Da spürte ich eine Hand unter meinem rechten Arm. Ich wischte mir mit dem linken Ärmel über die Augen und atmete tief durch. Jetzt wurde es wieder hell.

Es war Paula. Sie sprach kein Wort, sondern lächelte mich an. Stützend begleitete sie mich zur Eingangstür und sie reichte mir ein Papiertaschentuch. Sie setzte mich in die Küche an den riesigen, schweren Küchentisch. Dort stellte sie ein Glas Wasser hin. „Drink“, sagte sie und sie wiederholte: „Drink das.“

Sie verließ sie für einige Sekunden die Küche. Sie brachte Pflaster, eine Mullbinde und Jod. Vorsichtig tupfte sie mit dem Jod mein Knie ab. Ich biss die Zähne zusammen, sie lachte mich an: „Don’t worry, this hurts you only for a few seconds!“ Es brannte wie der Teufel. Ich war trotzdem froh, dass sie sich kümmerte. Das rechte Knie blutete ordentlich. Sie verband mir das Knie und erklärte: „No saltwater today. Ich lerne Deutsch“. Sie lachte mich an. Plötzlich standen Feriengroßmutter und Feriengroßvater in der Küchentür. Paulas Lachen verschwand. Beide stellten blutverschmierte Schüsseln und Messer auf die Küchenspüle. Der Feriengroßvater bedeutete Paula, dass sie das abspülen sollte. Paula wandte sich von mir ab und begann mit ihrer Arbeit an der Spüle.

Nachts schlief ich sehr unruhig. Schon nachmittags war starker Wind aufgekommen. Er toste um das in der Dunkelheit liegende Haus und peitschte Regen wie Wasserfontänen gegen die Fenster und Türen. Zwei Fensterläden hatten sich gelöst. Sie schlugen ständig im Wind hin und her, doch ihr Lärm wurde vom Rauschen des Sturms in den hohen Bäumen rund um das Gehöft übertönt. Der Wind war im Laufe der Nacht immer kälter geworden. Er hatte an Kraft ordentlich zugelegt und seine Richtung von Nordwest auf Nordost geändert. Starke Böen peitschten durch den Wald hinter dem Hof. Riesige Äste wurden dabei zu Boden gerissen.

Ich hatte mich tagelang in dem kleinen Wäldchen an dem Tümpel nahe dem Gehöft sicher gefühlt. Die hohen Buchen und die riesigen Tannen boten besten Sichtschutz. Sie waren von hoch gewachsenen Wiesen umgeben, die zusätzlichen Blickschutz boten. Der Herbst war nicht mehr weit, das bewiesen der Sturm und der plötzlich eiskalte Wind.

Ein gewaltiger Ast war von einer Buche herab gerissen worden. Er verfehlte mich knapp, traf mich aber noch mit einem Seitenarm, der auf meinen Kopf fiel. Mit der Rechten fuhr ich über meine Haare, glaubte dort warmes Regenwasser zu spüren. Der eiskalte Regen war wieder warm geworden wie im Sommer. Er fühlte sich in der Handfläche richtig schön an. Ich fuhr mir durch das Gesicht, wo der Regen sich auch schön warm anfühlte. Dabei spürte ich ein Gefühl von Glück, denn der Sommer mit seinem warmen Regen war in Verlängerung gegangen. Ich knipste meine Taschenlampe an. Ich hatte meinen Beutel verloren. Wahrscheinlich war er von dem Buchenast zu Boden gerissen worden. Ich leuchtete den feuchten Waldboden ab. Die Batterien der Lampe waren schwach. Sie gaben nur für Sekunden einen Lichtstrahl ab. Auf dem Waldboden sah ich im Schimmer der Lampe die Nässe von Regen und rote Farbe, die herabtropfte. In meinem Gesicht ertastete ich jetzt eine Wunde, fuhr mit meinen Fingern hinauf in mein Kopfhaar, wo ich eine Beule ertastete, die jetzt zu brennen begann.

Langsam näherte ich mich der Eingangstüre. Sie lag im Dunklen. Trotzdem erkannte ich an der hellen Wand neben der Türe einen großen schwarzen Fleck. Der Fleck verwirrte mich. Was hing dort? Geduckt näherte ich mich dem Eingang zum Gehöft, dabei jederzeit bereit, Schutz suchend in die Böschung neben dem schlammigen Ackerweg zu flüchten. Jetzt erkannte ich, dass neben der Eingangstüre ein frisches Hirschfell an der Wand hing. Es war dort zum Trocknen und Lüften an einem Holzrahmen aufgehängt worden.

Die Eingangstüre zum Gehöft war immer offen. Nicht so in dieser stürmischen Nacht. Blut tropfte auf den Fußabstreifer vor der Tür, gegen die ich mit Händen und Füßen einschlug. Der eisige Wind fuhr mir über den Rücken, sodass ich am ganzen Körper heftig zu zittern begann. Ich versuchte meinen Pullover und die Jacke zurechtzurücken, um dem peitschenden Wind keine Stelle zu bieten, an der er auf meine Haut vordringen konnte. Doch das gelang nicht, denn Pullover und Jacke suchte ich vergebens. Ich war mit schmutzigen Tüchern und Lappen bekleidet, die wie nasse Säcke an mir herunter hingen und in dem eisigen Wind gegen meinen knochigen, mageren Körper schlugen.

Endlich sah ich durch das Schlüsselloch der Türe einen schwachen Lichtstrahl. Von drinnen hörte ich das Klimpern von Schlüsseln. Die Tür öffnete sich, ich erkannte Paula, die matt und schläfrig vor mir stand.

Sie erschrak bei meinem Anblick, sagte aber kein Wort, sondern nahm mich bei der Hand, stützte mich bis in die Küche, wo ich neben dem gewaltigen Küchentisch ein Lager am brennenden warmen Ofen fand. Das Lager war mir in all den Tagen zuvor noch nie aufgefallen. Ich legte mich auf das warme Tuch des Lagers, neigte den Kopf zurück und sah zu Paula hinüber. Die stellte eine dampfende Wasserschüssel auf einen Hocker neben mir und begann meine Stirn mit einem Lappen abzutupfen. Es war die Schüssel, die Paula noch nachmittags vom Blut gereinigt hatte. Das dampfende Wasser färbte sich hellrot. Seine rote Farbe wurde mit jedem Auswringen von Paulas Lappen dunkler. Paula lächelte fürsorglich, sprach aber keinen Ton mit mir.

Plötzlich hörte ich sehr laute Schritte. Sie näherten sich vom Esszimmer, das direkt in das Arbeitszimmer führte. In der Esszimmertür erschien der Feriengroßvater. Er trug eine Uniform, an deren Revers eine Vielzahl von Orden geheftet waren. Es war die Uniform, die ich von Fotos in dessen Arbeitszimmer kannte. Sie hingen dort an der Wand, neben einem schweren Eichenschreibtisch. Ich hatte den Feriengroßvater in dieser Uniform auf den Fotos gesehen, während er mich am ersten Tag mit knappen Worten in seine Ordnung auf dem Hof eingewiesen hatte.

Jetzt blickte er streng und gehässig zu Paula, die ihr Lächeln sofort aufgab und erschrak. Er schrie sie unverständlich an, blickte dann zu mir, trat einige Schritte auf mich zu, aber sagte nichts. Seine Augen waren hasserfüllt. Anstatt zu sprechen, erhob er seinen Gewehrkolben. Das Gewehr hatte ich bislang noch gar nicht bemerkt. Ich schrie vor Angst, schreckte vom Lager auf, versuchte mich auf die Seite zu Paula zu drehen, die vom Stuhl neben mir aufgestanden war. Da spürte ich den heftigen Schlag des breiten, schweren Holzes. Der Schlag traf mich mitten im Gesicht. Ich spürte, wie meine Nase zermalmt und wie Brei in meinem Gesicht verteilt wurde. Backenknochen krachten, als würden Bretter hinter einer Tür durchbrochen. Mein Kopf fiel zurück auf das Lager. Ich sah Paula vor mir, wie sie versuchte, sich auf den Feriengroßvater zu stürzen, um mich zu schützen. Der aber stieß sie mit einem kräftigen Kolbenschlag von sich, sodass sie mit dem Rücken auf den Küchentisch geschleudert wurde.

In diesem Augenblick spürte ich einen gewaltigen, stechenden Schmerz und ein Pochen, das mein ganzes Gesicht überzog und sich von meinen Augen wie Feuer hinauf in den Kopf brannte, als würde eine klaffende Wunde in die salzige Ostsee gehalten. Meine Augen konnte ich nicht schließen. Trotzdem sah ich aber den Feriengroßvater minutenlang nicht mehr.

Vom Esszimmer hörte ich mehrere Männerstimmen. Sie lachten und redeten mit dem Feriengroßvater. Es waren drei Soldaten. Ich erkannte sie jetzt verschwommen vor mir. Es waren die drei, die auf dem Foto im Arbeitszimmer, rechts vom Eichenschreibtisch lachend neben dem uniformierten Feriengroßvater abgebildet waren. Sie trugen Armbinden mit Hakenkreuzen. Im Foto hielten sie triumphierend Maschinengewehre in die Luft. Es war ein vergrößertes Schwarz-weiß-Foto, in dessen Mitte der Feriengroßvater lachte, während er einem der drei die Hand schüttelte. Jetzt sah ich die Männer verschwommen, aber in Farbe. Ihre Armbinden waren rot. Sie standen mit ihren Gewehren direkt vor dem Küchentisch.

Mein Kopf pochte, da musste eine große Wunde sein. Ich spürte Blut, das über meine zertrümmerten Backenknochen lief und über meine zerfetzten brennenden Lippen in meinen Mund floss. Der Feriengroßvater zeigte mit seinem Gewehrkolben auf Paula auf dem Küchentisch. Die drei Männer lachten wie auf dem Foto. Der Feriengroßvater verschwand in das Esszimmer Richtung seinem Arbeitszimmer. Die Soldaten pressten Paula auf den Küchentisch. Einer riss ihr das Kleid herunter. Ich sah ihn, wie er die Schenkel von Paula auseinander drückte. Paula hörte ich nicht schreien. Ich hörte gar nichts, nur ein Rauschen und einen hohen Ton. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass es ganz still geworden war.

Sie hatte ihre Beine aneinandergepresst. Einer der Soldaten stieß jetzt den anderen von Paula weg. Der fiel zu Boden, denn er stolperte über seine herunter gelassene Hose. Der zweite Soldat stellte sich vor Paula an den Küchentisch. Er schlug Paula mit dem Gewehrkolben zwischen die aneinandergepressten Schenkel. Dann warf er sein Gewehr zu Boden, öffnete die Hose und ließ sie zu Boden fallen.

Ich erhob mich langsam, denn jetzt erkannte ich ein Gewehr direkt neben meinem Lager auf dem Boden. Ich hörte nichts, sah aber das stählerne Gewehr neben mir da unten. Ich setzte mich auf das Lager, bückte mich nach unten, wo ich tatsächlich mit der rechten Hand das Gewehr ergreifen konnte. In diesem Moment spürte ich in meinem Nacken einen sehr kräftigen Druck. Das war kein Schlagen, sondern es würgte mich fest. Ich versuchte mich aufzurichten, doch es gelang nicht. Jetzt wurde ich vom Lager zu Boden auf meine Knie gezwungen. Dort erkannte ich die glänzenden Jägerstiefel des Feriengroßvaters. Aber ich hörte ihn nicht. Ich versuchte zu ihm aufzublicken. Doch ich kam mit meinem Blick nur bis zur Tischkante. Dort erkannte ich das Gesicht von Paula. Sie hatte ihre Augen weit aufgerissen, ihr Gesicht war voll von Tränen. Sie liefen über ihre Wangen, ihr Mund war weit aufgerissen. In ihm steckte der blutige Lappen, mit dem sie zuvor meine Stirn abgetupft hatte.

Auf den Knien schleifte mich der Feriengroßvater am Tisch vorbei zur Küchentür. Zwei der Soldaten packten mich jetzt unter meinen Schultern. Sie schleppten mich aus dem Haus über den Hof zum Kirschbaum.

Der eisige Wind peitschte in mein zerfleischtes Gesicht. Es regnete in Strömen. Ich spürte den Regen in meinem Gesicht, wo er brannte wie Feuer. Mein Kopf war zwischen den beiden Soldaten nach hinten gekippt, sodass ich den Regen schmecken konnte, der mir direkt in meinen aufgerissenen Mund fiel. Sie stellten mich auf eine Kiste, die ich vom Speicher zu kennen glaubte. Ich ging sofort in die Knie und griff in weichen dicken Staub. Ich war schwach, spürte im Gesicht brennende Schmerzen, drohte von der Kiste zu stürzen, wurde aber von einem der beiden Soldaten am Hals ergriffen, um den er mir ein Seil legte. Das schnürte sich sofort fest um meinen Hals. Es richtete mich auf der Kiste auf. Ich stand unter dem Kirschbaum im peitschenden Regen und erkannte jetzt vor mir die hell erleuchteten Fenster des Hauses. Ich sah den Feriengroßvater. Zusammen mit einem Soldaten schleppte er einen Menschen durch den Regen über den Hof.

Es war Paula, die von den beiden auf eine andere Kiste vom Speicher vor meine Füße geworfen wurde. Plötzlich packte mich ein kräftiges Quetschen am Hals, das mich sofort würgen ließ und meinen Kopf nach unten presste. Dort unten sah ich Paula auf der Kiste liegen. Ich sah meine Füße, sie zappelten in der Luft über Paulas Kopf. Ich würgte, versuchte zu erbrechen, zu atmen, den Mund zu öffnen, die Augen zu schließen, nichts ging. Paula verschwamm unter meinen heftig zappelnden Beinen. Jetzt spürte ich einen unerträglich beißenden Schmerz, er kam von meinem Hals. Ich bäumte mich auf und schrie mit aller Kraft.

Die weiße Ballonlampe in dem Zimmer schaukelte an der Decke wie wild hin und her. Das Fenster stand offen. Böiger Wind sorgte draußen für viel Bewegung in den Bäumen. Ich lag schweißgebadet auf dem Bett in meinem Ferienzimmer. Ich stand auf und stellte mich nass und schwitzend an das offene Fenster. Unten im Hof sah ich den Mercedes des Feriengroßvaters vor dem hohen Scheunentor.

7. Die Lehrerin

Sie hatte mir über lange Zeit wöchentlich Nachhilfe im Haus bei Büchtler am Obersalzberg gegeben. Daneben unterrichtete sie mich fast täglich im Schulunterricht. Das Besondere an der Lehrerin war, dass ihr der Spaß der Kinder bei den Aufsätzen im Unterricht wichtig war. Die Lehrerin sorgte dafür, dass wir nicht so lernten, wie das für alle Kinder vorgesehen war. Wir lernten anders. Wir durften uns vor dem Schreiben in kleinen Gruppen zusammensetzen. Jeder durfte den anderen Kindern erzählen, was ihm zu dem Aufsatzthema einfiel.

Das war ein lautes Geschnatter im Klassenzimmer. Mehr als vierzig Kinder saßen in kleinen Gruppen zusammen und quasselten. Die Lehrerin ging von Gruppe zu Gruppe, setzte sich dazu, sprach mit uns. So lief das etwa eine halbe Stunde lang vor jedem Aufsatz. Danach schoben wir die Tische wieder auseinander und jeder schrieb allein an seinem Aufsatz. Das hatte den Vorteil, dass ich ungefähr wusste, was ich schrieb, denn das hatten wir ja zuvor in den kleinen Gruppen besprochen.

Unser Geschnatter hörte sich von außen nach Geschrei von Kindern an. In Wahrheit sprachen wir Kinder in den kleinen Gruppen miteinander. Das ging natürlich in so einem Klassenzimmer nicht leise. Die Gespräche brauchten Übung. Erst nach drei, vier Aufsätzen wussten alle Kinder, dass die Lehrerin das immer so mit uns machte. So manche Blödelei unter uns verschwand mit der Zeit und meine Aufsätze wurden immer besser, denn in den Gesprächen hatte ich vorbereitet, was ich später schrieb. Die Lehrerin brachte mir bei, dass es wichtig war, zuerst über das gestellte Thema nachzudenken und erst dann zu schreiben.

Nachdem wir einen neuen Lehrer bekommen hatten, lief alles wieder anders. Der neue Lehrer machte es genauso wie alle anderen Lehrer an der Schule. Der Schuldirektor kam eines Tages mit dem neuen Lehrer in den Unterricht. Es war morgens um kurz vor acht. Die Schulklasse war schon da, aber unsere Lehrerin kam nicht. Der Direktor erklärte, dass der neue Lehrer von heute an die Arbeit unserer bisherigen Lehrerin übernehmen würde. Es sei ihm wichtig, dass wir Kinder unseren Eltern zu Hause gleich heute Nachmittag davon erzählten. Wir sollten zu Hause erzählen, dass wieder Ruhe eingekehrt sei, weil wir einen neuen Lehrer bekommen hatten. Wegen des neuen Lehrers gäbe es nun keinen Grund mehr für die Eltern, sich bei ihm zu beschweren.

In der Klasse war es ganz ruhig geblieben, als der Direktor den neuen Lehrer vorstellte. Kein Kind sagte oder fragte etwas. Der neue Lehrer war für uns alle eine große Überraschung. Deshalb gab es keinen Laut von uns. Der neue Lehrer begann sofort mit seinem Unterricht, der anders war, als es die Lehrerin gemacht hatte.

Was ich von der Lehrerin gelernt hatte, gab ich wegen des neuen Lehrers nicht auf. Nachdenken war wichtig und das konnte man auch tun, wenn man nicht mit anderen über das Aufsatzthema sprach. Man könne auch mit sich selbst im Kopf sprechen. Das funktionierte ganz gut, aber es machte nicht so viel Spaß, wie mit anderen Kindern zu sprechen.

Zu Hause am Obersalzberg habe ich nachmittags nichts von dem neuen Lehrer erzählt. Ich habe nicht berichtet, dass wir einen Auftrag vom Direktor bekommen hatten. Der Kinderheimleiter, Büchtler, interessierte sich nicht für die Lehrer. Ihn interessierte die Schule nicht. Ihn interessierte nur, dass Ärger, den er wegen der Kinder bekam, schnell beigelegt wurde. Dabei ging es darum, dass ein Ärgernis schnell verschwand, egal ob dabei eine gute oder schlechte Lösung entstand. Büchtler war die schnelle Lösung wichtig.

Büchtler interessierte nicht, dass die Nachhilfelehrerin, die mich und andere Kinder in seinem Haus unterrichtete, nicht mehr in der Schule arbeitete, weil sie die Schule verlassen musste, weil Eltern sich über deren Unterricht beschwert hatten. Das interessierte ihn deshalb nicht, weil er selbst sich nicht beim Direktor über die Lehrerin beschwert hatte, denn Büchtler war es egal, wie wir in der Schule unterrichtet wurden.

Die Lehrerin hatte mich behandelt, wie alle andern Schüler der Klasse, obwohl ich am Obersalzberg im Kinderheim bei Büchtler wohnte. Sie machte keinen Unterschied zu den anderen Kindern, die bei Eltern lebten. Das war neu für mich.

Mein erster Aufsatz schien den neuen Lehrer zu überraschen, denn er schrieb: „Bernado, das ist wirklich eine Überraschung! Weiter so.“ Deshalb bekam ich das Gefühl, dass er nicht glaubte, dass ich grundsätzlich nicht am Unterricht und an der Schule interessiert war. Nach meinem ersten Aufsatz nahm er mich im Unterricht manchmal dran, wenn ich mich meldete.

Vor dem Schreiben meiner Aufsätze dachte ich so wie es die Lehrerin mir beigebracht hatte, über das Thema nach. Ich sah mir das Thema, das der Lehrer an die Tafel geschrieben hatte, fünf, manchmal sogar zehn Minuten lang an, bevor ich zu schreiben begann. Dabei hatte ich hin und wieder die Augen geschlossen. So unterhielt ich mich mit mir selbst in meinem Kopf.

Das letzte Thema des Lehrers vor den Sommerferien für einen Aufsatz fand ich sehr schwer, es lautete:
„Beschreibe den Wert, den die Tugenden Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein und Dankbarkeit für Dich haben. Verwende dazu Beispiele von Erwachsenen, die Vorbilder für Jugendliche sind. Ein Beispiel für ein Vorbild können Deine Eltern sein.“

Im Zimmer, beim Feriengroßvater auf meinem Bett, fiel mir das Aufsatzthema aus der Schule wieder ein. Betraf die Strafe, die ich beim Feriengroßvater bekommen hatte, mein Nachdenken im Zimmerarrest, nicht genau das Aufsatzthema? Ich hatte sehr wichtige Tugenden missachtet, denn ich hatte gespielt, wo ich nicht spielen durfte, ich hatte getan, was ich nicht tun durfte. Ich war nicht ehrlich zum Feriengroßvater und zur Ferienmutter. Ich verstieß gegen deren Regeln.

War das mein Thema? Tugenden, die im letzten Aufsatz vor den Sommerferien schon Thema gewesen waren, mit denen ich mich bereits beschäftigt hatte, hatte ich nun missachtet. Auf mich konnten die Feriengroßeltern sich nicht verlassen. Ich verletzte die wenigen Pflichten, die ich in den Ferien auf dem Hof hatte. Warum? Pflicht und Ehrlichkeit schienen meine Schwachpunkte zu sein. Warum sonst traf ich in der Ferienverschickung schon wieder auf dieses Thema?

Eine Regel des Feriengroßvaters lautete:
„Du darfst nur tun, was besprochen wurde.“

Etwas anderes zu tun, war also verboten. Alles neue das mir oder den neuen Ferienfreunden eingefallen war, fiel unter diese Regel. Es war verboten, neues zu tun, denn Neues konnte zuvor nicht besprochen gewesen sein, sonst wäre es ja nicht neu. Das Versteckspiel auf dem Speicher war neu und deshalb eine Unverschämtheit.

In meinem letzten Aufsatz hatte ich das noch nicht gewusst. Darüber hätte ich geschrieben! Die Pflicht, nur tun zu dürfen, was zuvor mit Erwachsenen vereinbart worden war! Diese Bedeutung von Pflicht, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit kapierte ich erst im Hausarrest. Das wäre mein Aufsatzthema gewesen! Darüber hätte ich geschrieben. Stattdessen war mir nur mein Vater zu dem Thema des Schulaufsatzes eingefallen. Der Feriengroßvater als Vorbild! Das wäre bestimmt keine Themaverfehlung im letzten Aufsatz geworden.

In der Schulstunde saß ich vor meinem Blatt. Der Aufsatz fiel mir schwer wie lange nicht. Meine inneren Gesprächspartner zur Vorbereitung des Aufsatzes waren Hartwig und Michael aus dem Kinderheim am Obersalzberg. Aber was mir im Gespräch mit beiden einfiel, konnte ich nicht hinschreiben, denn ich fand, es war zu schlecht, um es zu schreiben. In meinem Kopf hatte ich mit Michael zu streiten begonnen. Ich hatte ihn als gierigen Geldsack beschimpft und sogar mit Hartwig stritt ich, weil ich ihn des nächtlichen Diebstahls an einer Mark von meinem Taschengeld aus meinem Geldbeutel in der Hosentasche bezichtigte.

Eine halbe Stunde war verronnen. Das leere weiße Papier lag vor mir. Die Lehrerin hatte mir einmal den Tipp gegeben, ganz langsam und tief durchzuatmen. Den Stift zu nehmen und ganz langsam mit dem Schreiben anzufangen. Besser ganz langsam schreiben als gar nicht. Ich führte also ganz langsam die Hand mit dem Füller zu dem leeren Blatt, auf dem mein Aufsatz entstehen sollte, und begann zu schreiben:

Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Pflichtbewusstsein und Dankbarkeit am Beispiel meines Vaters und meines Erziehers Büchtler.

Meinen Vater kannte ich kaum. Seit vielen Jahren lebte ich auf dem Obersalzberg zusammen mit vielen anderen Kindern bei Büchtler. Mein Vater schickte regelmäßige Post ins Haus von Büchtler. Eines Tages hatte er mich plötzlich zu sich nach Hause geholt. Deshalb brauchte er keine Briefe mehr an mich zu schreiben. Er konnte nun täglich mit mir sprechen.

Nun komme ich aber endlich zu dem Thema dieses Aufsatzes: Die Ehrlichkeit, die Pflicht, die Zuverlässigkeit und die Dankbarkeit:
Frühere Briefe meines Vaters handelten von diesem Thema. Der Vater schrieb, dass er sich große Sorgen um mich machte. Er hatte von Büchtler gehört, dass ich ein großer Lügner wäre. Deshalb wäre ungewiss, welche Zukunft ich hätte. Lügen führten stets dazu, dass man irgendwann die Wahrheit nicht mehr erkennen könne. Ich sei bereits so weit, mir meine eigene, verlogene Wahrheit zu bauen.

Was hat das nun mit Ehrlichkeit, Dankbarkeit, Zuverlässigkeit und Pflichtbewusstsein zu tun?:
Immer wenn ich Vaters Briefe las, hatte ich das Gefühl, dass es um mich dramatisch schlimm stehen musste, denn ich wusste nichts von meinen Lügen. „Meine eigene verlogene Wahrheit“ war also bereits so perfekt, dass ich davon, dass ich ständig log, schon nichts mehr merkte.

Büchtler hatte mich oft geschlagen und verprügelt. Zwischen uns herrschte Krieg. Ich versuchte ihm aus dem Weg zu gehen. Das gelang nicht immer. Büchtler schlug mich, weil ich vorlaut war, anderen Kindern erzählte, dass ich ihn hasste, Kinder die neu in sein Haus einzogen warnte ich vor ihm und ich gab Tipps, wie sie seiner strengen Hand und harten Faust ausweichen konnten. Büchtler mochte das nicht. Er spürte, dass ich sein Reden hasste. Er merkte, dass ich seine Wichtigtuerei wegen seines großen, schnellen Autos hasste und seine Art, wie er das Taschengeld verteilte. Ich hasste seine niederträchtigen Sprüche wie: „Na du Armleuchter, hast du es überhaupt verdient, Taschengeld zu kriegen? Irgendwann wirst auch du mal kapieren, wo es lang geht. Hoffentlich noch bevor du die Radieschen von unten siehst!“

In einem Brief schrieb ich dem Vater:
Vielleicht lüge ich wegen Büchtler, der mich erzieht? In seinem letzten Brief, den der Vater daraufhin an mich schrieb, hatte er nicht mehr von meinen Lügen geschrieben, stattdessen schrieb er, dass er seine Pflicht, mich zu erziehen, nun erfüllen wolle.

Der Vater verprügelte mich immer abends. Deshalb begann ich zu lügen. Ich erzählte ihm nicht mehr, dass wir in der Schule eine Klassenarbeit geschrieben hatten. Ich sagte nicht mehr, welche Note der Lehrer in mein Heft geschrieben hatte, obwohl ich dazu verpflichtet war. Aber schon nach einer Woche entdeckte der Vater die Noten in meinen Heften. Da war das Geschrei groß und sein Schlagen war heftig.

Ich begann zu stehlen: Der Vater hatte wenig Geld. Ich hatte deshalb Angst zu Hause zu sagen, dass ich neue Hefte und Bleistifte brauchte. Der Vater erwischte mich beim Stehlen im Dorfladen, die Schläge waren fürchterlich. Ich war ein Dieb und Lügner geworden in nur einem Jahr beim Vater.

Eines Tages ging ich nach der Schule nicht nach Hause. Ich lief in die andere Richtung fort. Das Jugendamt brachte mich zurück zu Büchtler.

Der Vater hatte versucht, seine Pflicht zu erfüllen. Er hatte versucht, mich auf einen ehrlichen Weg zu bringen. Er hatte versucht, Vorbild für Ehrlichkeit und Pflichtbewusstsein zu sein. Ich aber war vor dem Vater davon gelaufen.“

Den Aufsatz hat der Schullehrer mir nicht zurückgegeben. Ich war einige Tage krank, lag mit Fieber im Bett im Haus von Büchtler. In diesen Tagen hatte der Lehrer die benoteten Aufsätze in der Schulklasse verteilt. Ich erfuhr nicht, welche Note ich bekommen habe.

Ich stand am Fenster und blickte in den Himmel: Dort sah ich kreischende Möwen. Ich senkte den Blick nach unten in den Hof, wo der schwere Mercedes des Feriengroßvaters stand. Ich dachte immer noch nicht vernünftig über das Thema des Hausarrestes nach. Stattdessen war mir mein Schulaufsatz wieder eingefallen. War der zu einer Themaverfehlung geworden? Warum sonst hatte ich ihn nicht zurückbekommen? War ich mit meinem Aufsatz schon einmal an dem Thema gescheitert?

Während des Abendessens sprach keiner mit mir. Das gehörte zu meiner Hausarreststrafe. Mit mir zu sprechen, hätte mich von meinem Hausarrest und von dem Thema abgelenkt. Ich sollte keine Unterstützung für das Thema erhalten, denn es war ja allein mein Thema. Der Feriengroßvater berichtete, dass er von dem Fleisch des erlegten Hirschen viel auf dem Markt an einen Metzger verkauft habe. Nach dem Abendessen ging ich wieder in mein Zimmer.

Auf dem Bett war ich kurz eingeschlafen. Es war zehn Uhr geworden. Der Hof lag in der Dämmerung. Es war das gleiche Licht wie an dem Abend, als der Feriengroßvater den Hirsch geschossen hatte. Der Feriengroßvater war zu seinem Hochstand am Rand des Feldes aufgebrochen. Wahrscheinlich war er bereits die Leiter hinaufgestiegen. Er saß oben auf der Sitzbank und beobachtete den Waldrand. Er wartete in aller Ruhe darauf, dass wieder ein Hirsch den Fehler machte, sich genau am Feldrand vor seiner Flinte aufzubauen.

Mein Sitzen im Zimmer, meine Langeweile, interessierte den Feriengroßvater nicht. Für ihn hatte es damit seine Richtigkeit. Ein Regelverstoß musste geahndet werden. Ein Kind musste erzogen werden. Es musste zum Denken darüber erzogen werden, was es falsch gemacht hatte. Dafür brauchte das Kind Zeit und Ruhe. Keine Zeit, um nachzudenken hatte, wer draußen auf den Kirschbaum kletterte, auf dem Surfbrett mit dem Meer kämpfte, mit dem Fahrrad auf den Nachbarhof zu Robert radelte, die Angelrute mit dem gelben Blinker an der Reling des Fischkutters auf und ab bewegte, einen dicken Dorsch fing, um ihn zu töten und zu verkaufen.

Ruhe auf dem Jägerstand wäre geeignet gewesen, um nachzudenken. Dort oben zwischen Wald und Feld herrschte viel Ruhe. Doch das wäre für mich keine Strafe gewesen. Strafe bestand darin, dass ich das Haus nicht verlassen durfte. Wer gerne das Haus verlassen wollte, den strafte ein Hausarrest. Es ging darum, in einer Situation, die mir nicht lieb war, über meine Missetat nachzudenken. Das war eine wirksame Strafe.

Das Thema sollte ich in Ruhe bearbeiten. Weil mir aber die Ruhe des Hausarrestes als Strafe verordnet worden war, fiel mir das Nachdenken sehr schwer. Wenn die Strafe auf dem Hochstand neben dem Feriengroßvater stattgefunden hätte, wäre mir das Nachdenken leichter gefallen. Ihn hätte ich das eine oder Andere gefragt zu meiner Tat. Ich hätte leise mit dem Feriengroßvater darüber gesprochen. Das wäre aber keine Strafe gewesen, denn das hätte ich ja gerne getan. Strafe aber war etwas zu verordnen, was ich nicht wollte. Nicht dumm die Idee. Aber wie sollte dabei das Nachdenken funktionieren? Die Strafe war vermutlich gar nicht so gedacht, dass dabei etwas herauskommen sollte.

Auf der anderen Seite des Hofes sah ich die dicken Äste des riesigen Kirschbaumes. Sie wippten im Wind auf und ab. Der Wagen des Feriengroßvaters war verschwunden. Ich schloss das Fenster und verließ mein Zimmer.

Im Arbeitszimmer an der Wand, neben dem Schreibtisch hingen die alten Fotos. Dort betrachtete ich interessiert den Feriengroßvater in jungen Jahren. Er lachte und steckte in einer Uniform. Ich sah ihn inmitten der anderen lachenden jungen Soldaten. Der Feriengroßvater war im Krieg gewesen. Bei Büchtler am Obersalzberg hatte ich von anderen Kindern gehört, dass im Krieg stets mit dem Tode bestraft werde. Dagegen, so die Jugendlichen, seien Büchtlers Faustschläge und Kopfnüsse harmlos.

Die Arbeitszimmertür ging auf. Ich erschrak. Aber in ihr stand Paula. Sie lächelte mich an und sagte: „Don’t worry, they are all gone by car of your grandfather.“

Ich stieg die knarrende Treppe hinauf und legte mich in meinem Hausarrestzimmer auf das Bett. Dort sah ich jetzt die Dunkelheit. Ich hörte die große Ballonlampe im leichten Wind, der durch das geöffnete Fenster blies. Der Abend in dem Dachzimmer war endlich kühler geworden. Ich hörte ein Knarren. Die alten Dielen des Hauses knarrten ständig, das taten sie bestimmt schon seit vielen Jahren. Ich wusste, dass über meinem Zimmer der Speicher mit vielen Schränken lag. Ich war froh, dass ich den Speicher nie wieder betreten würde. Ich wollte mich verhalten, wie es vereinbart worden war. Ich war froh, dass der Ferienaufenthalt nur noch wenige Tage dauerte.

8. Der Gewinn

Die Rückreise im Wagen der Ferienmutter nach Berchtesgaden war lang und schweigsam. Die Ferien auf dem Gehöft fand ich schön, denn die drei Wochen, bis die Bestrafung mit dem Hausarrest begann, hatten mir Spaß gemacht.

Zurück bei Büchtler, bezahlte ich gleich bei Michael meine Schulden. Die fünf Mark, die ich beim Dorschefischen verdient hatte, gab ich Michael. Anstandslos gab der mir eine Mark fünfzig zurück. Eine Mark behielt er für vier Wochen Zinsen à fünfundzwanzig Pfennige ein. Er war es nicht gewohnt, noch in den Ferien Rückzahlungen in voller Höhe einschließlich seines horrenden Zinssatzes zu erhalten. Meine Schulden waren damit abbezahlt.

Ich nahm mir fest vor, nie wieder bei Michael Schulden zu machen. Am Samstag verteilte Büchtler nach dem Schwimmen im Berchtesgadener Hallenbad das Taschengeld. Dabei rauchte er genüsslich Zigaretten, die er elegant einer weißen Schachtel mit der Aufschrift „Lord Extra“ entnahm. Ich erhielt zwei Mark fünfzig, von denen ich keine Schulden und keine Zinsen mehr zu begleichen hatte. Ich steckte mein Taschengeld in die Hosentasche.

Hartwig Elmne kommt im Alphabet vor Bernado Wenigstens. Deshalb hatte Hartwig sein Taschengeld lange vor mir von Büchtler erhalten. Ich beobachtete, wie er sein Geld in die Hosentasche steckte. Er versuchte über den kleinen Vorraum des Hallenbades, in dem sich zwei Automaten mit Colaflaschen befanden, zu entkommen. Mike und Peter, zwei, die bei Michael tief in der Kreide standen, positionierten sich am Ausgang. Ich beobachtete, wie

 

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