Nach der Entlassung 1983/84 – Erzählung 2021 von Bernd Thümmel

Nach der Entlassung 1983/84 – Erzählung von Bernd Thümmel

Inhaltsverzeichnis

Prolog

In der Aula

Nils und Mark

Nils Ralf und Rolf

Nils in der Autobahn-WG

Abends am Kneipentisch

Die Abreise

Eine Nacht am Grenzübergang, Harry der Tramper

Gedanken zum Schweigen im Auto

Trennung

Nils, allein in Wald und Gebirge

Nils traf Julian

Ein Künstler

Julian dachte an seinen Vater, Nils wachte wieder auf

Julian übte Nils

Julian auf Nils Spuren

Julian wartete auf Menschen, die Nils kannten

Julian traf Menschen, die Nils kannten

Julian feierte für Nils

Julian suchte ein neues Zuhause für Nils

Ein neues Zuhause für Nils

Julian saß für Nils in der Kneipe

Julian saß für Nils in seinem neuen Zimmer

Julian saß für Nils im Cafe Notfall

Julian saß für Nils auf der Schulbank

Julian war nicht Nils, er traf sich mit mir

Julian hörte in der Schule zu

Julian wollte wieder Nach Haus

Julian und ich am Donnerstag vor dem Allerheiligenwochenende

Durch eine Amtsstube nach Hinweiler

Julian stieg in sein Gebirge, über die Stadt dachte er nach

Eine Kettenreaktion

Julian war zurück in seinen Bergen

Ein Bericht in einem grauen Aktendeckel

Nils und Julian in den Mühlen der Justiz

Meine planmäßige Abreise aus Hinweiler

Nils und Julian: Aussteiger auf freiem Fuß

Das Ende der Geschichte von Julian und Nils und Assya

Prolog

Nils sitzt gemütlich auf dem braunen Kunstledersofa in seinem Zimmer. Er lehnt sich zurück, ein Bierglas in der Hand. Auf dem Tisch: drei offene Bierflaschen. Eine lange Nacht steht bevor. Nils lässt sich darauf ein. Er will sich das anhören. Julian sitzt neben ihm. Ebenfalls zurück gelehnt. Auch ein Bierglas in der Hand. Verträgt er das Bier heute? Ich habe für ihn Tee mitgebracht. Eine Tasse habe ich bereits vor ihn auf dem Tisch hingestellt. Bisher ignoriert er sie. Auch Julian will sich alles anhören. Von Anfang bis zum Schluss möchte er die Geschichte hören. Ich werde ihn wohl erst zum Schluss etwas fragen.

Julians Hündin Assya liegt in ihrem Körbchen in der Ecke. Sie begrüßte mich schwanzwedelnd. Ich vergaß für sie etwas mit zu bringen. Auch sie wird bleiben, während ich lese. Ab und zu wird sie aufstehen, schwanzwedelnd zu uns kommen, uns beschnuppern. Sie wird sich ab und an bei Julian oder Nils auf den Schoß setzen.

In der Aula

Als ich Nils 1983 zum ersten Mal traf, begann mein Eindruck, er könnte ein „lockerer Typ“ sein. Das betrachtete ich so, weil ich das so betrachten wollte. Ich dachte: Aus meiner Sicht betrachtet, glaube ich jetzt einfach mal, dass er ein „lockerer Typ“ ist. Was so ein „lockerer Typ“ ist, was ich darunter verstehe, das hatte ich damals nicht geklärt. Vielleicht blieb es ungeklärt, weil es nichts weiter als eine belanglose Redensart in meinem Kopf gewesen war. Mit ihr verschaffte ich mir die Sicherheit, die ich damals brauchte, um mich diesem Menschen nähern zu können.

Die Schüler und Schülerinnen der Klasse waren meist volljährig, manche hatten abgeschlossene Ausbildungen. Sie waren also „erwachsen“, wie ich mir damals so schön dachte und mancher Mensch damals ab und an so schön sagte. Am ersten Schultag standen sie etwas verängstigt und nicht wissend, welche Räume aufzusuchen waren, welche Bücher wo abzuholen waren, in der Aula herum.

Nils stand zunächst ruhig. Nach etwa zehn Minuten agierte er. Er beeinflusste. Er sah kein Problem darin, die Schülerinnen und Schüler, nicht herum zu kommandieren, sondern zu dirigieren. Dies tat er aus einer Selbstverständlichkeit heraus, deren Herkunft ich nie hinterfragt habe oder gar zu ergründen versucht hatte. Was er tat und sagte wirkte auf mich selbstverständlich, überzeugend, einfach, klar, offensiv beinahe offenbar und daher fertig, deshalb korrekt, gut, irgendwie logisch.

Er fand sich schnell in der für uns alle neuen Situation zurecht. Die sah so aus: Neue Schule. Ein unbekannter Betonbunker. Grau in trister Landschaft, eintönig in der schönen Großstadt. Ein hohes Haus, normal, zwanzig Stockwerke hoch, außen weiß, mit winzigen Fenstern die wirkten wie Schießluken.

Da standen sie in Gruppen herum und wirkten auf mich wie gestylte, nicht gestylte, bewusst gut gedresste, bewusst schlecht gedresste, oder unbewusst gedressete, so wie ich es einer von vielen gewesen war. Es gab dort in der Aula kreischende, sogar grölende Schülerinnen und Schüler, sie waren groß gewachsen, andere wiederum waren eher klein, einige waren auffällig, aber es gab auch sie, die unauffälligen, wie mich, doch die interessierten mich nicht. Ich interessierte mich wenig für meines Gleichen. Was ich damals wissen und lernen wollte, war anderes gewesen, als meines Gleichen kennen zu lernen. Ich wollte neues kennen lernen. Ich war auf der Suche, auf einer eigentlich niemals enden wollenden Suche. Die Suche nach Menschen, nach Kontakten, nach Leben.

Leben ist immer das, was anders ist, als das eigene Leben. Interessant war, was anders wirkte als das was ich mir am schnellsten, am einfachsten und damit wohl am besten vorstellen konnte. Aber so dachte ich nicht. Nicht an diesem Morgen in der Aula, nicht in dieser Zeit, eigentlich nie. Sondern so lebte ich. Einfach ohne das zu denken. Ich erinnere mich, dass ich darüber überhaupt nicht nachdachte. Sondern ich suchte einfach, und fand das, was anders war, als ich selbst. Mitten in der Hektik, in dem Geplärre und Geschnattere von jungen Menschen die mich wartend laut umgaben stand ich suchend herum. Lehrer dieser neuen Schule sah ich nicht.

Die zu kurzen, faulen Ferien waren schnell vorbei gewesen. Das Ergebnis der sechs freien Wochen war, dass ich noch fauler geworden war. Ich verspürte überhaupt keine Lust, wieder in diesen, meinen Alltag des Denkens und des Lernens einzusteigen. Wochenlang hatte ich es genossen, weder denken, noch lernen, noch lesen, noch schreiben oder rechnen zu müssen. Ich hatte die Ferien verlebt, als sei ich im Sommer nochmal dreizehn geworden. Ich tat so als wäre ich nicht erwachsen und verantwortlich für meine Zukunft.

Ich wollte einfach so tun, wie ich tat. Ich wollte mich auflehnen und wollte das  ablehen, was ich nicht mag. Mein Alltagsleben, mein Pflichtleben, mein schlecht durchdachtes Leben. Ich wusste, Menschen lernen und Denken. Aber so fand ich, das Leben ist schlecht durchdacht trotz viel Denken und Lernen. Ich glaubte, weil es wohl einfach schlecht ist, weil es prall gefüllt ist mit Widersprüchen und sehr viel Heuchelei.

Das alles zu denken wollte ich in den Ferien des Sommers 1983 einfach mal wieder richtig schön ignorieren. Das waren meine Ferien: Organisierte absichtliche völlige Ignoranz meiner Welt. Ich ignorierte, was ich zu tun hatte, was ich anzustreben hatte, dass ich mich auszubilden hatte, dass ich meinem Land zurück zu geben hatte, indem ich lernte, indem ich dachte, indem ich mich anpasste, indem ich leistete für das, was ich bisher bekommen hatte und für das, was ich künftig vom Leben in meinem Land erwarten durfte. Ich ignorierte, dass ich bald zu arbeiten hatte, dass ich gut zu funktionieren hatte, dass ich angepasst an alle Erwartungen zu sein hatte, denen ich mich gegenüber sah. Meine Zukunft war, zu leisten, was junge Menschen im Land der Leistung zu leisten hatten, um ein funktionierendes angepasstes Rädchen zu werden. Das waren, so fand ich damals, sehr schöne Ferien, gedankenlose Zeiten in denen ich mir nahm wovon ich glaubte es stünde mir zu: Faul in den Tag hinein leben, Regeln ignorieren, sie einfach nicht wahrnehmen, lange schlafen, spät zu Bett gehen und wenn was los war einfach was mitnehmen.

Der frustrierende Teil dessen bestand in dessen Ende, das absehbar am Morgen dieses Tages gekommen war. In Nils erkannte, oder interpretierte ich Eigenschaften, die geeignet schienen die regellose Zeit zu verlängern oder irgendwie in die nächste Zeit zu integrieren. Kurz gesagt: In der Aula spürte ich meine Unlust den Vormittag in in diesem Betonklotz zu verbringen. Nils war ein mir willkommener Lichtblick.

Nils steuerte und beeinflusste. Das sah leicht aus. Sicherlich war es schwierig. Er hatte die Funktion eines Gruppenleiters einer Gruppe, in der er nicht als Leiter vorgesehen war. Ein Leiter den es gar nicht gab. Er leitete etwas, das nicht mit Leitung rechnete. Ein zusammengewürfelter Schülerhaufen, der wartete. Er übernahm einen Teil des Haufen. Eigennutz? Eine Utopie? Angriffslust? Ungeduld?

Ich spürte, dass Nils hier etwas wollte. Er wollte sich abheben aus der plärrenden Masse. Er hatte dazu aber keine Befugnis, er hatte kein Amt, dass ihn berechtigte. Über sein Leiten dachte er, dass es nichts mit einem Amt zu tun hatte. Obwohl alles um ihn herum, nicht nur die Schule, sondern das alltägliche Leben „veramtlicht“ war.

Nils Leben und Denken spielte in üblichen, bekannten deutschen Strukturen. Es lag unweit der Ämter. Es war stark strukturiert. Es war von einem Wunsch nach Logik und Erklärbarkeit geprägt. Er strukturierte alles was er sah und dachte so, wie er es von seiner Kindheit an gewohnt war: Deutsch, genau. Wichtig war Logik, Genauigkeit, amtliches Denken und Sprechen. Nils deutsches Leben war nicht spontan, beinahe unmenschlich. Was er sagte und dachte, verdeckte Menschlichkeit. In seinem Kopf gab es in der deutschen Stadt kaum Menschlichkeit. Stattdessen gab es Amtlichkeit, Undurchschaubarkeit, Strukturiertheit als Zweck. Überhaupt gab es nur „-keit“ und „-ung“ in seinem Kopf, seiner Umgebung. Worte, die Farben und Formen beschrieben, waren in dem Leben unnötig. Die Millionen deutschen Schubladen, die seinen Kopf füllten, brauchten keine Verben.

Er leitete nicht wegen eines Amtes. Eigentlich dachte er, gehöre er zu einer Art Manövriermasse der Ämter. Manchmal fühlte er sich wie ein alter grauer Gaul in einer verstaubten, leicht vermoderten grauen Akte. Er, der leise wiehernde Amtsschimmel im grauen Blechaktenschrank.

In Träumen erkannte er manchmal etwas, das so gewesen war, wie er seine Wirklichkeit erlebte. Er sah sich sitzend auf einem winzigen, wackeligen, hölzernen Stühlchen zwischen tausend anderen. Die quatschten und nuschelten. Er war der einzige, der schrie. Er plärrte auf seinem Stühlchen. Keiner kümmerte sich um sein Geschrei. Nils wirkte auf mich auffällig, weil er unzufrieden war, mit seinem Leben. Das sah ich. Das interessierte mich.

Ich sah ihn an diesem Morgen. Unscheinbar, unbeteiligt, uninteressiert, fast gelangweilt – nicht provozierend, besser gesagt nicht willentlich provozierend. Ich sah seinen Blick. Er wirkte vielleicht wegen dessen Unscheinbarkeit trotzdem provozierend.

Nils lehnte an einem grauen Betonpfeiler. Seine Schultern waren schmal und hingen herunter. Nils blickte, eine Zigarette rauchend, auf fünf plappernde, plärrende, quakende Schulklassen. Sie drängten sich in dem von Zigaretten vequalmten Betonrondell in der Mitte der Aula.

Um Viertel nach acht Uhr stand er kurze Zeit im Sekretariat. Um zehn vor halb neun Uhr im Vorzimmer des Direktors. Dort erkannte er auf einem Plan welcher Raum für unsere Klasse vorgesehen war. Er griff nach einer Bücherabholliste, die auf einem hohen Tresen vor ihm lag und verschwand damit aus dem Zimmer. Die Sekretärin, im Gespräch mit dem Direktor, wollte, -konnte aber nicht- nach dem Grund seiner Anwesenheit in diesem Zimmer fragen, denn Nils war nur sekundenlang dort, er war sehr schnell wieder verschwunden.

Nils führte uns zu unserem Klassenraum. Er lotste die neue Schulklasse zur Bücherausgabe. So leitete er. Keiner fragte warum er das tat. Ungefragt begründete er sich. Er und alle anderen Schülerinnen und Schüler dieser Schule seien erwachsene Menschen. Deshalb wäre keine Zeit mit unnötiger Warterei zu verlieren. Schuld sei die verfehlte Organisation dieser Bildungseinrichtung. Nils agierte und urteilte.

Seine Tat, bei genauerer Betrachtung, war arrogant vielleicht überheblich. Was er an dem Morgen tat, stand ihm nicht zu. Aber wir alle machten mit.

Nils schlüpfte kurz in die Rolle der Personen, die sagten, was zu tun ist. Weil die Personen ausnahmsweise zu spät kamen, weil sie eine ihrer Tugenden selbst missachteten, übernahm Nils deren Funktion. Er war pünktlich an diesem Morgen. Niemand, kein Lehrer, kein Direktor konnte ihn stoppen, sie alle waren zu spät.

Nils war frech an diesem Morgen. Irgendwie kann man das so sagen. Er war an dem Vormittag jemand, der sich ein wenig aufrührerisch verhielt. Was er tat war aber nicht revolutionär. Es gab keinen Grund zur Revolution. Wir alle waren frei. Was Nils an diesem Morgen tat war eher ein Auswuchs unserer Freiheit. Was er tat war nicht angepasst, es war eigenmächtig. Vielleicht sogar selbstsüchtig, eventuell egozentrisch. Er tat es, denn es war seine Zeit, die er nicht vergeuden wollte. Wir machten mit, das war nichts besonderes. Wir waren einfache Schüler, es ging uns einfach zu gut. Die meisten von uns hatten faule Ferien hinter sich gebracht. Wir waren Wohlstandsspinner in einer freien Welt, könnte ich sagen.

Nils hatte gewisse Strukturen und deren Tugenden angenommen, verinnerlicht. Er musste stets pünktlich sein, er musste immer vernünftig sein. Um komplexe Zusammenhänge seines Alltags in der Stadt zu verstehen, musste er strukturiert denken. Alles was er uns, seinen noch fremden, künftigen Mitschülern, an diesem Vormittag in der Schule zu tun vorschlug, wozu er uns drängte, klang deshalb in meinen Ohren vollkommen normal, geradezu logisch, einfach selbstverständlich.

Nils sagte: „Warum stehen wir eigentlich hier wie bestellt und nicht abgeholt herum, Leute? Heute ist zwar unser erster Schultag in dieser Schule, deshalb kann man zwar behaupten, dass wir in diesem neuen Laden hier, von Tuten und Blasen keine Ahnung haben. Das kann aber kein Grund sein, uns hier Stunden lang in dieses „kotzige siebzigerjahre Betonrondell, genannt Aula“, zu pressen! Wir sind erwachsene Menschen. Wir müssen vernünftig handeln. Deshalb wollen wir vernünftig behandelt werden!“

Die Worte sprach Nils gelassen aus. Ich glaube, er übernahm sie von Erwachsenen. Er selbst war inzwischen erwachsen. Sein Sprechen ließ keinerlei Aufregung oder Aufgewühltheit vermuten. Er selbst betrachtete seine Haltung als normal, angemessen und gewöhnlich. Nichts Besonderes. Warum war er der einzige, der so auftrat? Hätte er das nicht getan, wäre ein anderer an seine Stelle getreten?

Nils organisierte, dass uns ein Unterrichtsraum als erste Klasse zugeteilt wurde. Er teilte zu. Als erste erhielten wir unsere Bücher in Händen, als einzige sahen wir unseren zukünftigen Klassenleiter, Herrn Gephart, und den Direktor an dem Vormittag nicht. Alles ging sehr schnell.

Um elf Uhr verließ Nils das Schulgelände. Er war nicht allein. Einige Mitschüler, auch ich, schlossen sich gerne an. Die Auffassung, man sei zwar Schüler am ersten Schultag, aber deshalb noch lange nicht in der Rolle eines Bittstellers, kam bei mir und einigen anderen gut an. Über unsere Zeit konnte nicht grenzenlos verfügt werden. Niemand wollte über Gebühr lange in der Aula herumstehen. Der Bittsteller wollte sich keine salbungsvolle, kultusministerielle, Begrüßungsansprache des Direktors anhören. Darauf zu verzichten fand unter einigen Schülern Zuspruch: „Die Rede muss man sich eben nicht anhören! Man besucht schließlich die Schule um einen höheren Abschluss zu erreichen. Ansprachen, von wem auch immer, sind da unnötig.“

Keiner zweifelte daran. Die Ansprache des Direktors war unnötig, obwohl keiner von uns den Redner an dem Vormittag gesehen, oder gehört hatte. Auf die Ansprache verzichteten wir.

Eine Gruppe von fünf, sechs Vertretern dieser Auffassung fand sich vor dem Schulhof zusammen. Wir beschlossen, die übrig gebliebene Zeit des kühlen Septembervormittages anders zu nutzen. Wir fuhren auf ein „Kennenlernpläuschchen“ ins Cafe Notfall nach Haidhausen. Sechs Personen zwängten sich in den hoffnungslos verrosteten VW-Polo von Mark.

Nils und Mark

Nils betrachtete ich erst in der Kneipe etwas genauer. Ein sehr magerer Typ. Ich schätze ihn auf etwa 1,75 Meter. schulterlange, dunkelbraune, glatte Haare. Rechts und links hingen zwei Zotteln herunter. Das schien mir wie eine Imitation von Koteletten. Sie sahen jedenfalls irgendwie künstlich aus. Ich war im Laufe des Vormittags im Cafe mutig geworden und fragte einfach. Nils behauptete die Koteletten seien echt. Ich ließ mich aber davon nicht überzeugen. Mittelpunkt im Gesicht von Nils bildete eine auffällig lange, spitz zulaufende, leicht gerötete Nase. Sie ragt unter seinen dunkelbraunen Augen heraus. Seine Augen, von feinen Wimpern und ebenso feinen Augenbrauen umgeben. Die Lippen schmal und blass, der Mund klein, die Backen mager und bereits faltig.

Beim Sprechen bewegten sich seine schmalen Lippen kaum. Er sprach sehr schnell und pflegte dabei eine fehlerfreie, nicht lispelnde oder stotternde oder sonst irgendwie auffällige, akzentfreie, nicht betont hochdeutsche, sondern eher dezent hochdeutsche Aussprache. Sein Ton war unauffällig. Stattdessen gestikulierte er mit beiden Händen. Seine Zeichen wirkten nicht übertrieben. Er benutzte mir bekannte Handzeichen: Schnell griff er sich an den Kopf, wenn er etwas für verrückt hielt. Die rechte Hand riss er hoch und drehte sie, wenn er eine Frage nicht beantworten konnte. Mit der Hand fuhr er vor seinen Körper, sein Gegenüber sah seine glatte Handfläche, den Arm streckte er dabei aus. Das war seine Abwehrbewegung. Sie bedeutete, dass er nicht weiter wollte. Er wirkte nicht wie ein wilder Gestikulierer. Er sprach zu einem Thema, das er kannte, zu dem er Stellung beziehen wollte, aber lange, ausführlich, genau und engagiert.

Am Vormittag im Cafe Notfall trank Nils zunächst eine Tasse Kaffee und danach einen Apfelsaft. Später erfuhr ich, dass er gerne und häufig Kneipen besuchte und dort Bier trank. Allerdings tat er das nicht tagsüber. Vor allem nicht Vormittags, sondern am liebsten Abends.

Nils war ein politischer Mensch. Er war nicht parteipolitisch engagiert. Er war der Meinung, dass alles was man spricht und tut irgendwie politisch ist. Er sagte: „Fast alles kann irgendwie in einen politischen Kontext gebracht werden. Man muss diesen Kontext nur herstellen. Manchmal muss man ihn den Leuten erst klar machen.“ Was Nils mir und den Anderen am Tisch damit sagen wollte, wusste ich nicht. Es wirke ein bisschen besserwisserisch und siebengscheit. Das schien er zu wissen, damit schien er zu spielen, denn seine Worte waren von einem ironischen Lächeln begleitet.

Mark, der uns mit seinem alten Auto her gefahren hatte, dachte und redete auch politisch. Er war allerdings deutlich radikaler unterwegs als Nils. Er sagte: „Ich schleppe grundsätzlichen Hass gegenüber Konservativem und Spießigem in dieser Stadt mit mir herum.“ Er erklärte nicht, was er unter den Begriffen verstand. Er ging von einem Nenner aus. Jeder in der Runde musste verstehen, was er meinte. Ich verstand nichts. Ich fragte ihn aber auch nicht. Ich spürte, dass es unangebracht war, so etwas zu fragen. Ich hatte zu kapieren. Mark erwartete, dass seine Zuhörer schnell verstehen was er für konservativ oder spießig hielt und warum er sich als politischen Menschen begriff. In der Gruppe hätte ich mich auf bestimmte Weise geoutet, wenn ich da nach gehakt hätte.

Sofort bannte er die Aufmerksamkeit der Gruppe am Tisch indem er einen abgehobenen Monolog über die, zum damaligen Zeitpunkt, „abgewrakte Münchner Kulturszene“ lostrat. Mark sprach von: „permanenten Angriffswellen auf die Betreiber diverser Musikkneipen, Bühnen und Hallen“. Nils hielt sich zurück, er hörte zu. Er dachte, er habe dazu nichts zu sagen. Kulturerfahrungen hatte er in der Stadt noch nicht gesammelt. Zumindest noch nicht, in dafür vorgesehenen Räumen. Seine persönliche Kultur, lebte er täglich. Doch die interessierte Mark wohl mit seinem Monolog nicht.

Nils Ralf und Rolf

Nils war erst wenige Wochen lang in der Stadt. Er lebte lange Zeit in einem Oberbayerischen Provinznest. In die Stadt kam er, um in einem anonymeren Rahmen, als er auf dem Land „gegeben sei“, seine „schulische Karriere“ zu Ende zu bringen. Er verließ das Nest, weil ihn seine dortigen Freunde und Bekannte permanent nach Drogen bedrängten. In seiner Wohnung fanden regelmäßig Festivitäten und „Spontanveranstaltungen“, wie er das nannte, statt, in deren Verlauf seine „angeblichen Freunde“ (wie er sie nannte) ihm „die Bude mit Marihuana und Haschisch einnebelten“ (so bezeichnete er das). Auf dieses Zeugs habe er „keinen Bock mehr“.

Er erzählte: „Ich habe es damals mehrfach ausprobiert, konnte der Wirkung aber nichts Angenehmes oder Positives abgewinnen. In dem Nest blieb ich deshalb nicht länger als ein Jahr. Mir wurde klar, dass meine angeblichen Freunde, eben nur angebliche waren. Mich beschlich immer öfter das Gefühl, dass die in erster Linie die Möglichkeiten meiner Wohnung schätzten. Bei so mancher Party in meiner Wohnung konnten die das Leben einfach Leben sein lassen. Angestunken hat mich, dass meine angeblichen Freunden, nachdem sie sich regelmäßig zugedröhnt hatten, keinerlei Gespräche mehr führen wollten. Morgens wühlten Gäste in meinen Abfalleimern herum. Sie vermuteten dort Restbestände von Pieces“. Tagelang beseitigte ich eine riesig große Sauerei.

Am Tisch im Cafe Notfall saßen auch Rolf und Ralf. Rolf hatte lange schwarze, ungefärbte Haare, war groß und kräftig. Ralf war klein und gedrungen und von allen am Tisch am besten genährt. Ich dachte: „Ralf ist fett“. Ralf sagte: „Ich bin ganz gut genährt!“

Ralf verbarg seine Einstellungen und Neigungen nicht. Jeder am Tisch musste Ralf nicht erst aus der Nase ziehen, dass er ein Fan von harter- aber auch schmalziger Rockmusik und von coolem Texasblues ist. Ralf gab der Bedienung ein „gutes Tape“, und bat sie es ein zu legen. Zu der Rockmusik, die daraufhin das Cafe Notfall beschallte sagte er: „Ich liebe diesen Sound Leute!“ Dabei faltete er seine dicken weißen Finger ineinander, blickte zur Decke und streckte die Arme wie zum Gebet hinauf. Anschließend steckte er sich ruhig eine Zigarette an. Genießerisch zog er daran, stützte den Zigarettenarm auf dem Tisch ab und blickte in die ihm an diesem Vormittag noch unbekannte Runde. Dabei lächelte er. Die fülligen roten Backen in seinem rundlichen Gesicht, bildeten grobe Grübchen. Ich glaubte ihm das Wenige, das er sagte. Seine Worte passten zu seinem Gesicht. Seine Züge an der Zigarette, sein Trinken aus dem Bierglas, sein Lächeln zu seiner geliebten Musik. Er strahlte Ruhe und Zufriedenheit aus.

Ralfs Welt war ruhig und in Ordnung. Wo er auftauchte, gestaltete er mit. Und wenn es nur „sein Tape“ war, das er einlegte, das zu ihm gehörte. So ließ er seine Person auf uns wirken. Die Wirkung unterstützte er mit seiner Musik. Er kannte niemanden an dem Tisch. Trotzdem musste er nicht viel reden. Er musste sich nicht aufregen wie Nils und Mark. Er musste niemanden provozieren. Er saß lächelnd da, blies Rauchwolken in den Raum, nippte ruhig am Glas, sonst nichts. Er rauchte lange Zigaretten, die er mit seinen dicken Fingern langsam aus der goldenen Packung pulte. „Big Sunrise“ stand darauf. Langsam führte er das Feuerzeug an den Mund, die Flamme stand ruhig vor seinem runden Gesicht, seine Augen glänzen. Ralf brachte seine persönliche Atmosphäre mit. Der klinisch weiße Raum, das Café Notfall, die polierten Tische und Spiegel strahlten kalt. Ralf zog genüßlich, nippte lächelnd, blinzelte aus glänzenden runden Kinderaugen, wie an Weihnachten. Er winkelte den rechten Fuß mit dem Wildledercowboystiefel an und legte ihn aufs Knie. Die weiße Neonatmosphäre im Cafe Notfall interessierte ihn nicht, für ihn war überall Weihnachten. Nach dem Vormittag wusste ich, dass man ihn Abends um acht Uhr an der Theke in „Sammys Finest“ findet. Eine Rockdisco, unweit vom Hauptbahnhof. Er lehnte dort und trankt „Blue Eyes“. Wie Ralf trank und rauchte, so sprach er. Seine Worte: „ich bin Abends in Sammys Finest“, sprach er weich und langatmig aus.

Der langhaarige Rolf stellte sich als Bassist in einer „Speed- und Powermetallband“ vor, die kürzlich auf „Undergroundsound“ umgesattelt habe. „Diese Musik liegt mir viel mehr, es schont meine empfindlichen Finger!“ Die Bühne auf der ich Rolf sehe ist schwarz wie sein Hemd und seine Hose. Schwere Rauchwolken hängen darüber, die Beleuchtung schimmert dürftig. Der Saal ist voll, dunkel, verqualmt und laut. Kein nerviges Fankreischen. Ich höre dumpfe, tiefe Lautstärke. Das Publikum scheint einige Zentimeter über dem Boden zu schweben. Ich stehe mittendrin und habe das Gefühl gleich ab zu heben, wie die Band auf der Bühne. Der Boden unter meinen Füßen ist glibberig, weich. Ich gehe, nein ich wate langsam durch die Menge. Ich komme an vielen schwarzen Rücken vorbei. Lederjackenrücken. Über jeden Rücken hängen schwarze, lange, gelockte Haare. Jetzt geht der Lärm richtig los. Der Sound ist beinahe undefinierbar. Er ist schnell. Er ist laut. Es ist wie ein Wallen. Der Schlagzeuger haut in irrsinnigem Tempo drauf. Der Gitarrist am vorderen Bühnenrand, knallt sofort auf die Knie. Ein schwarzer, langer, dünner Sänger neben ihm. Greift das Mikrophon mit samt Mikroständer. Reißt den in die Höhe, starrt an die dunkle Decke, schiebt sich das Mikro in den Mund, holt tief Luft durch die Nase. Das ist seine Art zu singen. Schaurig brummt es. Das Publikum zappelt. Die Bewegungen der Tanzende sind kurz und schnell. Ein nervöses Zappeln. Das Zappeln braucht wenig Platz. Sofort ergreift es auch mich. Zappelnd arbeite ich mich durch den Nebel zur kaum beleuchteten Bühne vor. Ich gleite an Lederjacken und schwarzen Haare vorbei. Streifende Berührungen. Die Musik ist schnell. Ich spüre: Aggression. Ich rieche: abgestandenes Bier, Schnapsfahnen und dichten Zigarettenqualm. Der Schlagzeuger haut noch kräftiger. Es ist eine hektisch gespielte Musik. Rolf scheint der wichtigste Mann in der Band zu sein. Die Adern seiner Arme schwillen an. Sein Gesicht glänzt. Das weiße Unterhemd färbt sich in einem runden Bogen um den Hals dunkler. Die Gitarre kreischt. Der Sänger verschluckt sich, sein Mikro sehe ich nicht mehr. Seine weißen Backen sind fettig, das Mikro ist weg. Mein Körper wird erfasst von dumpfem, tiefem Wallen. Ein Wallen, das mich durchdringt. Es ergreift meine Organe, ich spüre sie, sie vibrieren. Ein Wallen, das den ganzen Raum ergreift. Ich erkenne es nicht aber ich spüre es. Ist es hörbar? Was lässt mein Herz galoppieren?

Es sind Schläge von vorne, von der Bühne und vom Boden. Sie ergreifen meinen Körper. Der Griff wird fester, je näher ich der Bühne komme. Ich stehe jetzt ganz vorne. Ich will wissen, was es ist. Ich reiße meine Augen weit auf. Ich sehe den Gitarristen, er kniet vor mir, die Gitarre auf dem Bauch, sein Blick verzerrt, wie sein Gitarrenklang. Der lange Sänger: ich könnte nach seinen schwarzen Beinen greifen, so nah ist er. Das Mikrokabel hängt vor seinem Körper. Es fällt aus seinem Mund, er starrt nach oben. Was ist da oben? Ich sehe hoch und sehe die dunkle Decke. Der Schlagzeuger knallt noch kräftiger. Seine Stöcke zersplittern. Sofort zieht er den nächsten Stock heraus und drischt damit weiter auf sein Instrument ein. Sekundenschnell rast er mit den Stöcken über die Hi-Hat, das Ride und kracht in das Crashbecken. Das klirrt und scheppert, es bummpert und dumpert. Das knallt laut. Der Rhythmus stößt mich ab. Das beeindruckt mich. Woher kommt das tiefe Wallen in meinem Körper? Ich muss es finden. Jetzt reiße ich meine Augen noch weiter auf.

Und endlich spüre ich eine klare innere Erleichterung. Ich atme tief ein und aus. Das Wallen bleibt, wird ein wenig schwächer, ich sehe, wo es herkommt. In der dunklen rechten Ecke: ein schwarzer Verstärker. Darauf sehe ich ein halbvolles Glas. Bier schwappt darin hin und her. Neben dem Bierglas, in rhythmischer Bewegung, es ist der Rhythmus des Schlagzeugs, ein dunkler, hölzerner Hals mit vier, im Scheinwerferlicht spiegelnden, silbernen Drehknöpfen. Es ist der Hals des Baßes. Rhythmisch erscheint und verschwindet er hinter dem langen Sänger. Jetzt schiebe ich mich rechts am vorderen Rand entlang. Der Sänger würgt und schluckt, er zieht das Mikro aus dem Mund. Reißt den Kopf zur Seite. Endlich sehe ich ihn. Schwarz gekleidet, er qualmt eine Zigarette , sie steckt in seinem Mundwinkel. Er sorgt für das Wallen. Der Bassist. Rolf.

 

Nils in der Autobahn-WG

Mark, der Exzentriker viel mir kurzfristig stärker auf als Nils. Im Religionsunterricht sagte er über die Darstellung der Geburt des Kindes der Jungfrau Maria: „..dann hat sie ihr Kind wohl irgendwie ausgeschissen!“ Damit schockierte er den katholischen Lehrer und die jungen Schülerinnen, die in der vorderen Reihe saßen. Mark regte sich leicht, schnell und viel auf. Er konnte sich kaum zurückhalten. Er stand durch krasse Beiträge und Kommentierungen im Mittelpunkt. Schnell war er bei allen Lehrern, bis hin zum Direktor negativ bekannt.

Nils blieb zwar auch kein unbeschriebenes Blatt, liebte es jedoch eher, bestimmte Situationen durch eine ruhige, dezente, persönlichere Art auf den Gipfel zu treiben. Nach einem Dreivierteljahr war es normal, dass er den Mathematiklehrer und Klassenleiter Gephart, regelmäßig in ruhigem doch sehr bestimmtem Ton darauf hinwies, dass sein militärischer Ton unnötig ist.

Nils viel mir außerhalb des Unterrichtes auf. Was war das für eine WG, in der Nils wohnte? Ich besuchte ihn dort und sprach mit ihm.

„In die Autobahn-WG zog ich, nachdem ich das ruhige, Oberbayerische Provinznest mit der spießigen Vermieterin verlassen hatte. Ich bezeichne meinen Umzug gerne als Wohnkontrast. Die achtspurige Autobahn vor meinem Fenster ist ein unglaublicher Kontrast zur oberbayerischen Idylle.“

„Warum bist du überhaupt in die Stadt gezogen?“

„Erzähl ich später. Jetzt rede ich kurz von Michael, meinen Mitbewohner. Ich kenne ihn aus einem anderen Oberbayerischen Gebirgsdorf, in dem ich früher lebte.“

„Warum sagst du nicht, wie das Dorf heißt?“

„Weil’s unwichtig ist. Wenn ich’s sage, verbindest du meine Erlebnisse mit diesem Namen. Wenn du in dieses Dorf kommst, würdest du an mich denken. Das finde ich doof. Du solltest lieber etwas eigenes über neue Orte denken.

Also weiter zur Entstehung der Autobahn WG: Michael ist ein phantastischer Schlagzeuger. Echt geil, sein Rumgehämmere, ich fahr total darauf ab! Aber, das ist unwichtig, es war so: Sein Können gibt er in mehreren Bands zum Besten. Ich bin als Zuschauer und Fan natürlich bei jedem Gig dabei. Bei einem dieser Bandauftritte besprach ich spontan mit ihm das Thema Wohnungssuche. Michael wollte in München die Berufsoberschule besuchen. Wohnungsmäßig kannte er einen Typen. Der Wirt einer Kneipe. Der wollte eine gepachtete Wohnung untervermieten. Wie du siehst, liegt sie über einer Pilsbar. In der Wohnung stehst du gerade!“

„Und dann?“

„Was dann? Alles war klar! Der Typ erhielt von der Brauerei die Genehmigung zur Untervermietung und meldete sich bei Michael wieder. Michael und ich waren die gesamten Sommerferien mit der Bewohnbarmachung, sprich Renovierung, beschäftigt. Eine komplette Wand haben wir neu eingezogen. Jetzt siehts hier schon einigermaßen wohnlich aus. Was ich zu spät merkte: mich stört der Autobahnterror und der Vermieter. Ich hasse Lärmstreß und Ausbeuter.“

„Wieso? Was ist mit dem Vermieter? Er ist doch ein Kumpel von Michael oder?“

„Ja, klar, das stimmt schon. Aber trotzdem stresst der Typ. Er ist ein halbstarker Angeber. Und er säuft zu viel. Leider. Das ist schade. Er ruiniert sich. Vielleicht ist er auch ein wenig dumm. Die Kombination ergibt, dass ich ihm nicht helfen will. Im Gegenteil, ich beginne langsam ihn zu hassen, trotz seiner Krankheit.“

Wo immer er das Thema ansprach, behauptete Nils, es ginge ihm in der Autobahn-WG „nicht schlecht“. Mit Michael, verstand er sich gut. Er entpuppte sich als wunderbarer Begleiter für abendliche Kneipen- und Musiktouren. Mit einem schrottreifen gelben Käfer fuhren beide Nächte lang durch die Straßen und Kneipen der Stadt.

Probleme zwischen beiden gab es kaum.

„Probleme? Was sind schon Probleme? Überall gibts welche, wenn man will!“

„Nein, das meine ich nicht, ich meine konkrete Probleme, im Zusammenwohnen, zwischen dir und Michael. Gibt es die?“

„Konkret? Aha, sehr gut! Sowas gibts fast nicht mehr! Ha, ha, hi hi,(Nilslachen). Also ok. Probleme: Michael hat einen wesentlich höheren Lebensstandard als ich. Das ist manchmal ein Problem. Ich lebe von der Stütze, von Geld, das ich kriege, solange ich noch zur Schule marschiere.“

„Was ist das für Geld?“

„Ja, mein Geld natürlich! Ich hab kein schlechtes Gewissen dabei. Obwohl ich weiß, man sollte eines haben. Gell?“

„Wie meinst du das?“

„Ich folge nur den Worten eines neuen, reißerisch – meiner Meinung nach auf Boulevardzeitungsniveau – aufgemachten, angeblichen Nachrichtenmagazins hier in München. Ich bin Sozialschmarotzer! Ist doch alles ganz einfach! Jeder der Stütze kriegt, ist ein Abkassierer! Das Blättchen sagt: diejenigen, die am wenigsten haben sind die größten Abkassierer! Gemeint bin ich. Das finde ich gut. Denn wer wenig hat, soll ruhig mal was einsammeln! Spaß beiseite, das ganze ist natürlich furchtbar traurig, einfach hundsgemein! Niveaulose Propaganda.“

„Was ärgert dich wirklich?“

„dass die damit ihre Kohle machen. Die wahre Schmarotzerkohle verdienen sich die Boulevardschmarotzer! Sie machen fiesen Wind und kassieren dafür ab.“

Michael arbeitete relativ gut bezahlt in einem Squashcenter. Den Job nahm er wichtiger, als seine Schulkarriere. Die Berufsoberschule schmiß er nach drei Monaten hin. So hatte er mehr Zeit zu arbeiten, verdiente mehr und kaufte viel und gerne ein.

„Meine Kohle reicht hinten und vorne nicht. Meinen Beitrag an den Kosten in der WG kann ich mir nur deshalb leisten, weil ich kaum Kleidung, Schallplatten oder ähnliches kaufe.“

Ein Jahr lang wohnte Nils in der Autobahn-WG. Er lebte ständig am Rande eines überzogenen Bankkontos. Trotzdem geschah es niemals, dass ein Teil der monatlich einlaufenden Stütze, vom bis dahin anfallenden Überziehungskredit der Bank, gefressen wurde. Nils verlor nicht den Überblick über die eigene finanzielle Lage. Er hasste die Banken. Deshalb lebte er nach seinem Motto: „Lieber hungern bevor die Banken dich auffressen! Eine meiner geliebten Übertreibungen! Ihre Kandidaten für die gewinnbringende Überschuldungsproblematik müssen sich die Banken wo anders suchen. Ich bin nicht naiv genug, um auf sie herein zu fallen. Sie sind profitgeile Geschäftemacher.“

Nils liebte spontane Feste. Er nannte sie: „Sessions“ und „Happenings“. Die Begriffe bezeichneten immer das gleiche: es handelte sich um Partys in deren Verlauf dem Gast klar wurde, dass seine Spontaneität der wichtigste Faktor für die Gestaltung des Ablaufs war.

„Eine Fete ist gut, wenn die Leute gut drauf sind und sich entsprechend einbringen. Ein richtig schlechtes Fest gibt es nicht.“

Während der ersten und letzten Autobahn-WG-Party, die ich miterlebte, verstanden sich Rolf und Sofia sehr gut. Sofia erwartete ein Kind. Der werdende Vater lebte mit einer anderen Frau zusammen. Beide unterhielten sich ausgiebig über alle möglichen Dinge. Sie betrafen die Welt und Gott. Ich glaube, das war eher ein Weltverbesserergespräch. Sofia entschied, den Mann an diesem Abend nicht ungeküsst gehen zu lassen. Sie entschied bereits, bevor Rolf klassisch männlich zu denken begann. Ihre Absicht kam trotzdem zu spät, denn Rolf dachte weder klassisch noch männlich. Er dachte überhaupt nicht. Er küsste. Sofia, vorbereitet, ließ sich ein. So verbrachten beide den Abend, eng aneinander geschmiegt auf einem kleinen roten Zweisitzersofa in der linken Ecke des Wohnzimmers.

Nils unterhielt sich ausgiebig mit Christine. Beide tauschten sich über jede Menge Dinge aus: darüber wo sie herkommt, was sie gemacht hat, was sie auf der Schule wollte, was sie danach tun wollte, was Nils für ein Typ sei, warum er sich mit den Lehrern in der Schule auseinandersetze und anlege und so weiter. Ich glaube, das war eher ein Weltfrustgespräch. Nils interessierte nicht, dass Christines Aufmerksamkeit über den Inhalt des Gespräches hinausging. Die Beziehungsebene. Auf diesem Auge gab Nils sich blind. Damit machte er sich für Christine interessant.

Was sollte dieser „Smalltalk“?

„Was für’n Smalltalk?“

„Na der mit dieser Frau, komm schon du weißt schon wen ich meine!“

„Achso Christine. Das war kein Smalltalk, es war ein Informationsaustausch. Ganz normal! Jetzt kenne ich sie besser und sie kennt mich besser. Kein Problem. Kein Smalltalk, normales Gespräch!“

„Meinst du nicht, sie wollte an diesem Abend mehr von dir als nur quatschen?“

„Nö, wieso denn auch? Ich habe da nichts gemerkt. Ich gebe zu: vielleicht auch, weil ich kein Interesse an ihr hatte. Bestimmt sogar. Ok, stimmt, ich geb’s zu, ich habe da ein bißchen geblockt. Aber ich find es scheiße, wenn die Leute auf Festen plötzlich anfangen miteinander rum zu knutschen. Meist bereuht man es im Nachhinein.“

„Hättest du gerne gleich rumgeknutscht?“

„Find ich echt dumm die Frage! Das täten wir doch alle gerne. Oder nicht? Aber es ist eben nicht immer richtig. Ok, du hast recht, ich habe nicht gemerkt, was Christine von mir wollte. Aber: warum hab ich’s nicht gemerkt? Ganz einfach: weil ich nichts merken wollte. Also: kein Smalltalk!“

Michael organisierte die Instrumente seiner Band. So kam es zu einer ausgiebigen Musiksession. Michaels Schlagzeug, Rolfs Baß, Ralfs Gitarre und Nils Gesang ergaben eine ohrenbetäubende Mischung. Die Wohnung zitterte. Bilder vielen von der Wand. Der Boden vibrierte. Die Gäste, nicht mal zwanzig Leute, waren restlos begeistert. Sie johlten, gröhlten und stampften. Aschenbecher und Bierflaschen kippten um. Der grüne Teppich aus den Siebzigern ergraute. Der Lärm überdröhnte die acht Fahrspuren vor dem Fenster. Mehrmals wurde die Polizei abgewiesen. Man verwies auf den Lärm den die Autobahn herbeiführte. Dafür ernteten wir verständige Blicke.

Drogen wurden konsumiert. Ausgerechnet im kleinen Zimmer von Nils im zweiten Stock. Er roch es sofort als er nach oben ging. Natürlich nahm er die Tatsache, dass auch auf diesem, seinem ersten Fest in München, wieder dieses Zeug konsumiert wurde, gelassen in Kauf. Sich aufzuregen wäre eindeutig schlecht gewesen. Nils: „Taktisch praktisch völlig daneben.“ Deswegen eine Szene hätte nichts und niemandem etwas gebracht. Nils: „Die Fete wäre definitiv den Bach runter gegangen und in einem abgewrackten, miesen Ende versackt.“ Er öffnete das Fenster seines Zimmers und ließ etwas Luft, Lärm und Gestank herein.

Das Fest endete erfolgreich gegen vier Uhr Morgens. Begleitet von einer Aktion, die mit der Party nichts zu tun hatte. Drei Einsatzfahrzeuge der Polizei fuhren mit Blaulicht und Martinshorn an der Pilzkneipe, unterhalb der Wohnung auf dem Autobahnpannenstreifen vor. Sämtliche Besucher der Kneipe, einschließlich des Wirtes, wurden mitgenommen. Am nächsten Tag hörte Nils, dass unten eine der üblichen Schlägereien stattfand.

Im Verlauf des Jahres in der Autobahn-WG entstand zwischen Nils und dem Vermieter, ein handfester Streit. Von den Auseinandersetzungen erlebte ich einige persönlich mit. Hin und wieder saß ich Nachmittags bei Nils Zuhause. Wir tranken Kaffee, rauchten Zigaretten und hörten Musik.

Jedes mal wenn wir kamen lag der besoffene Sigi auf dem Sofa im Wohnzimmer und quatschte angeregt mit Michael. Der arbeitete Abends und konnte Sigi tagsüber nicht abweisen. Sigi war alkoholabhängig. Sein Gesicht war rot und zerfurcht. Er war Kettenraucher. Täglich lag er schon Nachmittags um zwei Uhr besoffen da. An das Sofa in der Autobahn-WG gewöhnte er sich schnell. Sigi lallte. Er prahlte mit Schlägereien in seiner Kneipe. Mit denen hatte er natürlich nichts zu tun. Sie entstanden aus dem „Nichts“. Seine Kneipengäste sollten froh sein, so lallte er, dass er ein solch friedfertiger, aufgeschlossener Wirt war. Er greife, wenn es notwendig werde auch mal in Schlägereien ein. Seine Kundschaft bezeichnete Sigi als „Grattler“ ein bayerischer Ausdruck dessen genaue Bedeutung Sigi nicht erklären wollte. Er war der Meinung, dass, wer in Bayern lebe, wissen müsse, was unter dem Begriff „Grattler“ zu verstehen ist. Auch ein „Zuagroaster“, wie Michael, habe das zu lernen. Es bestünde eine Verpflichtung, sich eingehend damit zu befassen, wolle man schon in Bayern leben (was man sich schließlich freiwillig ausgesucht hat). Wer hier wohne, so Sigi, müsse sich dem Land anpassen, oder: „soid er hoid sei depperte Bappen hoiten! Wenn er des need duad, gibt’s oans auf’s Mei!“ Solche Schlägereien seien keine „Übergriffe“ der Stammgäste seines Lokales auf die amerikanischen Besucher der benachbarten US-Kaserne, wie Michael es einmal behauptete. Sondern, so erklärte der Wirt: „wenn da Amerikana sei schwarze Goschen z’weit aufreißt, kriagt da oans drauf! Genauso wie irgend a andana dreckada Ausländaa!“

So lallte Sigi besoffen auf dem Sofa. Ich verstand, dass Nils das nicht ertrug. Es störte ihn derart, dass er den ersten Stock der Wohnung, Mittags, wenn er von der Schule kam, nie betrat. Nils Zimmer lag im Dachgeschoß. Bad und Toilette waren ebenfalls oben. Auf die Küche und das Wohnzimmer, mit dem „ausländerfeindlichen Betrüger-Sigi“ verzichtete er.

Nils Wut auf Sigi entstand nicht nur wegen dessen besoffener Herumliegerei und der Parolen auf dem Sofa. Er beschuldigte Sigi, maßgeblich an der Höhe der Stromrechnung ihrer Wohnung beteiligt zu sein. Seine Untersuchungen der Stromanschlüsse im Keller ergaben, dass Sigis Getränkekühlanlage am Stromzähler ihrer Wohnung angeschlossen war.

Naiv (was mich überraschte), äußerte er seinen Verdacht gegenüber Sigi. Nur dank Michael, der geistesgegenwärtig sein gesamtes Körpergewicht auf Betrüger-Sigi warf, kam Nils ohne blaues Auge und gebrochene Rippen davon. Wegen der Atmosphäre, von der er trotzdem, nach wie vor optimistisch feststellte: „die Autobahn-WG ist toll, ein Erlebnis!“, wollte er so schnell wie möglich ausziehen. Ein Problem: der relativ niedrige Mietpreis.

Ungeachtet der Wohnungsnot und hohen Mieten kündigte Nils trotzdem seinen Mietvertrag. In der Schulpause erzählte er:

„Also ich hab dem ausländerfeindlichen Ausbeuterhalbstarken jetzt meinen Mietvertrag zum 31.Juli gekündigt. Er ist einfach unerträglich geworden.“

„Und wo willste hinziehen, nach dem Einundreißigsten?“

„Völlig unklar, völlig unorganisiert! Das werde ich locker auf mich zukommen lassen und irgendwie hinbiegen. Ich habe da son paar Kumpels, in einem riesen Haus mit Garage, dort kann ich mein Gerümpel zunächst mal verstauen und mich unter deren Adresse anmelden. Im Laufe der Sommerferien werde ich schon irgend eine Bleibe finden. Ich sehe das alles relativ gelassen.“

Diese Art von Nils imponierte mir. Sah er die Dinge tatsächlich so wie er sie nannte? Jedenfalls zog er seine Pläne entsprechend durch. Zum Zeitpunkt unserer Unterhaltung hatte er einen entscheidenden Schritt ja bereits unternommen. Er hatte gekündigt. Damit war ganz klar, dass er ab dem ersten August auf der Straße saß.

Seine Absicherung waren die Sollner Freunde. Die Garage als Lagerplatz genügte. Vielleicht war es auch der persönliche Kontakt, der in ermutigte. Er plante mit einigen von denen die ersten vier Sommerferienwochen nach Südfrankreich zu fahren.

Nils: „Das wird eine heizige Fahrradtour.“

Diese Leute schienen sein Selbstbewusstsein zu stärken. Obdachlosigkeit. Den Gedanken fand ich existentiell. Er nannte ihn: „Das übliche alltägliche Leben. Man nimmt Nachteile in Kauf und hat dafür das Gefühl, nicht permanent gebückt durch die Gegend zu rennen.“

„Hast du da keine Angst gehabt, plötzlich völlig ohne Zimmer?“

Nils: „Naja, ich hab das verdrängt, hab es nicht überbewertet. Meine Abhängigkeit vom Betrüger-Sigi war schlimmer. Ihn los zu werden, war mir wichtiger, als mein Dach überm Kopf zu behalten.“

„Also keine Angst?“

„Angst, was heißt Angst? Sicher war das nicht so locker, wie es sich sagt. Aber, es war Sommer, draußen wars warm. Und ich dachte einfach: warum nicht? Ok, ich gebe zu, ich dachte nicht viel darüber nach. Hätte ich ausführlich gegrübelt, vielleicht hätte ich soviel Angst bekommen, dass ich in der Autobahn-WG geblieben wäre, bis ich ein neues Zimmer gefunden hätte.“

In den letzten sechs Schulwochen vor den Sommerferien blieb sein Verhalten unverändert. In den Unterricht brachte er sich ein wie eh und je, kommentierte dies und das. Er redete mit, wie immer.

Das Café Notfall wurde für die Gruppe zum Stammlokal. Man lief es regelmäßig Donnerstag Abends an. Analysen und ausufernde Diskussionen über die Situation in Schule und Schulklasse, aber auch die sogenannte Gesellschaft und Politik fanden statt. Jede Menge Ideen wurden entwickelt, an deren Umsetzung niemand dachte.

Abends am Kneipentisch

Zum Schuljahresende war Sofia im sechsten Monat deutlich schwanger. Rolf mit ihr, mehr oder weniger fest befreundet. Von wem Sofia das Kind erwartete, wusste aus der Notfall-Runde, keiner. Nur Rolf wusste bescheid. Nils hatte Interesse an Rolfs Situation. Er unterhielt sich häufig und lange mit ihm. Ursprünglich planten beide für die Sommerferien eine Urlaubstour nach Griechenland. Rolf zog jedoch kurzfristig zurück. Er wollte sich nicht so lange von Sofia trennen.

Eines Abends, es war Mitte Juli 1984, traf ich mich mit Nils und Rolf in einer Kneipe in Giesing. Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass Nils, nachdem er seinen Umzug in die Sollner Garage, abgewickelt hatte, mit vier seiner Sollner Kumpels nach Südfrankreich fährt. Zuerst drehte sich das Gespräch um die letzte Musiksession, die Rolf und Nils in der Autobahn-WG veranstalteten. Nils schwärmte die Idee vor, im Sollner Haus seiner Kumpels mit dem Schlagzeugspiel zu beginnen.

Nils: „Die Session war wirklich genial!“

Abgesehen von Autolärm und Gestank, schloß auch ich mich dieser Meinung an: „wirklich toll“, sagte ich.

Nach zwei Bier pro Nase, war die erste Euphorie gewichen. Der Gesprächsstoff zum Thema Musik ging uns aus.

Nils griff ein anderes Thema auf.

Er fragte Rolf: „Na, wie geht’s dir mit deiner Entscheidung, wegen der Sommerferien? dass es nicht nach Griechenland geht?“

Das musste eine rhetorische Frage sein, dachte ich. Er warf sie aus Langeweile hin. Er dachte, es müsse irgend etwas gesagt werden. Er dachte: es kann nicht sein, zu dritt schweigend an einem Kneipentisch zu sitzen und ins Bierglas zu starren.

Aber, er sprach ein Reizthema an. Rolf blieb nicht der Bassist im Hintergrund. Er fuhr Nils an:

„Ich sehe nicht ein, warum ich gerade dir Erklärungen zu meiner Motivation, Situation oder sonst was in Zusammenhang mit den Ferien geben sollte! Du hast ja sowieso keinen blassen Dunst davon, wie es funktionieren kann mit einer Frau eine Beziehung zu haben, die gerade ein Kind von einem Anderen erwartet. Das interessiert dich doch nicht!“

Nils stammelte: „Oh Gott was ist jetzt los? Ich konnte ja nicht ahnen, dass dir das Thema so ans Eingemachte geht! Die Sache scheint wirklich fatal zu sein! Ich wollte nur vermeiden, dass Sofia mich für den Obertrottel hält! Einer, der ihrem Freund verklickert, er soll doch lieber mit mir in Urlaub fahren. Ich wollte mich nicht einmischen! Ein grobes Mißverständnis!“

Rolf schien diese Erklärung nicht zu beruhigen.

Ich sah, wie er sich erhob. Dichte Rauchschwaden über der schwach beleuchteten Bühne. Er legte den Baß beiseite. Er griff zu den Drummsticks und ließ sich auf dem Hocker des Drummers nieder. Sein erster Schlag traf den Metallrand der Snare. Der Stick zersplitterte. Scharfe Holzsplitter zerschnitten den Qualm. Er rupfte einen neuen Stick aus dem Eimer am Boden. Fest schlug er zu. Die Becken tönten grell. Die Baßtrommel trat er mit aller Kraft. Sein Blick verkrampft, volle Konzentration auf den Schlagrhythmus. Beide Hände und Füße in rhythmischer Aktion. Das war laut, es schepperte, wie zwanzig zerberstende Teller, die der Wirt absichtlich, kraftvoll auf den Steinboden wirft. Die Leute an der Bar sahen neugierig auf. Rolf interessierte das nicht, er schlug weiter, rhythmisch, laut, exakt:

„Du denkst ich sei nicht dazu in der Lage für mich selbst Entscheidungen zu treffen? Wenn ich dich um einen Rat frage, dann tue ich dies nicht, um mich in meiner Entscheidung anschließend nach deiner Antwort zu richten! Lediglich deine Meinung will ich hören! Du nimmst deine Rolle bei weitem zu wichtig! Wenn Sofia glaubt, dass meine Entscheidung, mit euch nach Griechenland in den Urlaub zu fahren, von deiner Stellungnahme abhängt, dann ist das ihr Problem. Und dein Problem ist: deine subjektive, vermutlich undifferenzierte Auffassung! Sie hat mit der Realität nichts zu tun! Du überschätzt dich mein Herr! Ich kann Entscheidungen für mich selbst treffen. Auf deine Meinung lege ich höchstens als Meinung wert!“

Von diesem Zeitpunkt an hatte ich das Gefühl fehl am Platz zu sein. Deshalb versuchte ich mehrmals, mich aus dem Staub zu machen. Beide reagierten auf meine Versuche, mit der Frage ob ich nicht noch ein Bier trinken möchte. Sie fragten, warum ich plötzlich so „ungemütlich hektisch“ wäre.

Nils wollte die Debatte schnell beenden. Er erklärte: „Du siehst das völlig falsch! Nichts was du gesagt hast stimmt! Ich wollte mich nie einmischen! Niemals käme ich auf die Idee, dich zu beeinflussen. Alles hat sich einfach so ergeben!“

Darauf Rolf ironisch: „Fatal, fatal.“

Er trommelte weiter. Es wurde lauter und lauter. Der Rhythmus unerträglicher. Er trommelte kompromisslos. Er ließ sich nicht stoppen. Es musste sein. Er nagelte Nils fest:

„Der wahre Grund ist, dass du, Nils überhaupt kein Interesse daran hast, dich mit der Lebenssituation von mir und Sofia näher auseinander zu setzen. Außerdem willst du viel lieber mit deinen Sollner Kumpels wegfahren. Solch einfache Dinge kannst du nur nicht zu geben! Gibs zu! Unser ursprünglicher Plan, mit Griechenland und so, war von vorn herein ein Witz für dich!“

Mit seinem lauten Getrommel beeindruckte Rolf Nils schwer. Der sah plötzlich winzig, ein wenig zerknittert aus. In Rolfs Band wäre Nils höchstens noch der Putzlappen auf der Bühne oder der verdreckte Teppich auf dem das Schlagzeug stand. Nicht einmal einen Posten als Rowdy, der Verstärker tragen durfte, blieb.

Wieder wollte ich gehen. Wieder ging es nicht. Ein neues Bier musste her. Nils, der ebenfalls bereits einige Biere in sich hatte, schlug vor:

„Ok alles klar, mein Vorschlag zu dieser Sache ist, dass ich mir, vorausgesetzt du bist überhaupt noch daran interessiert, nochmal eingehend Gedanken mache. Ich frage mich, ob ich wirklich mehr Bock habe mit den Sollner Burschen, als mit Dir und unserem Kumpel Moritz wegzufahren. Sollte ich bis morgen Abend zur Antwort „nein“ kommen, so schlage ich vor, dass ich meine ganzen Planungen nochmal kurzfristig umschmeiße. Ich erledige meinen Garagenumzug und wir drei, Moritz, du und ich fahren wie geplant nach Griechenland. Was hältst du davon?“

Ich sah, wie Rolf vom Schlagzeughocker sprang. Mit den Füßen trampelte er wild herum. Kräftig sprang er auf die Trommeln. Er trat sie von der Bühne. Die Becken warf er um. Er riß sie mit samt Ständern vom Boden hoch in die Luft und schleuderte auch sie hinunter. Auf der hölzernen Baßtrommel trampelte er wütend herum. Er nahm den schweren Elektrobaß. Mit dem zertrümmerte er die Baßtrommel. Zerborstene Holzteile, an denen Fell und Metall hing, stieß er von der Bühne. Er nahm sein Feuerzeug. Die Flamme drehte er voll auf. Mit wütendem, aggressivem Blick wandte er sich zu Nils:

„Der reine bodenlose Schwachsinn, den du da von dir gibst! Dieser Bockmist scheint alkoholbedingt aus dir heraus zu sprudeln. Ich kann das für kein ernstgemeintes Angebot halten. Was bist du überhaupt für ein Typ? Stimmt etwa alles, was ich dir vorwerfe? Kapierst du das erst heute Abend? Unglaublich!“

Nils bestellte bei Bob, dem Wirt, ein weiteres Bier und meinte, beinahe lallend:

„Du hast vollkommen recht, mein Freund!“

Rolf verzichtete darauf, das zertrümmerte Schlagzeug in Flammen auf gehen zu lassen. Mit kleiner Flamme zündete er eine Zigarette an. Er ließ sich in seinen Stuhl sinken. Seine Aufregung hatte er von sich gebrüllt.

Die Diskussion ging in die Endrunde. Rolf saß und schwieg einige Minuten. Plötzlich ein Lachkrampf. Der zog sich über mehrere Minuten hin. Dann ein Fehltritt von Nils. Zu eilig versuchte er den Weg zur Toilette. Mit samt Stuhl stürzte er um. Die letzten Gäste der Kneipe, einschließlich des Wirtes, blickten noch aufmerksamer. Wir wirkten wie besoffene Teenies. Konsequenzen zügelloser Selbstüberschätzung. Körper gerieten außer Kontrolle. Peinlicher Slapstick, völlig ungeprobt. Nils stand wieder. Stolperte über den Stuhl, lag am Boden, riss die Tischdecke vom Nachbartisch. So versuchte er den Sturz zu bremsen. Nichts bremste er. Biergläser und Aschenbecher ergossen sich über ihn. Die Nachbarn waren schon vorher gegangen. Ihr Kreischen erlebten wir nicht.

Ein Gast an der Bar: „Wahrscheinlich kotzen die Burschen dem Wirt jetzt noch die Bude voll, damit wäre der Höhepunkt des Abends erreicht!“

Keiner von uns reagierte, obwohl wir das alle drei hörten. Wir waren voll. Nils begab sich schnell wieder in aufrechte Körperhaltung und setzte seinen Versuch die Toilette zu erreichen fort. Die Tür riss er zu schwungvoll auf. Knallte mit ihr gegen einen Mann am Geldspielautomaten. Der war schon lange vorher geladen, packte ihn aggressiv am Kragen. Ich dachte: jetzt ist es aus, jetzt geht’s hier so weiter, wie jeden Abend in Betrüger-Sigis Kneipe! Doch: es kam anders. Der geladene hörte es laut klingeln. Was war das für ein Klingeln? Er ließ Nils los. Der viel auf die Füße. Zuvor hing er in der Luft. Damit rechnete er nicht. Ging in die Knie und sank vor dem Mann auf den Boden. Langsam arbeitete er sich an dessen Barhocker empor. Er setzte den Weg zur Toilette fort. Beachtete den Mann nicht weiter. Froh, dass der von ihm abließ. Was war das Klingeln? Dann rasselte es, dann schepperte es.

Während Nils im Klo war, lachte Rolf. Grausam. Das schlug erbarmungslos auf den dröhnenden Kopf ein. Rolf sagte: „Das Ganze ist einfach unglaublich! Es muss aber wohl wahr sein!“ Damit meinte er nicht die Szene in der Kneipe. Die hielt ich für unglaublich. Rolf und Nils waren zu beschäftigt um das zu bemerken. Rolfs Lachpause dauerte nur Sekunden. Die Fortsetzung hielt bis zur Rückkehr von Nils an unseren Tisch an.

Schließlich bewegte auch Rolf sich, auf Anhieb erfolgreich, sicheren Trittes, in Richtung Toilette. Nils ließ sich vorsichtig auf seinem Stuhl nieder. Zügig leerte er sein Bierglas:

„Wenn das ganze nicht ein unglaublicher Hammer ist, dann kann eigentlich nur eines der Fall sein: es ist nicht wahr! Da nagelt mich Rolf auf irgendwelches blödsinniges Zeug fest, das auch noch zutreffen könnte! Unglaublich! Ich dachte er fährt nur seinen schrottigen VW-Bus und spielt Baß!“

Diesen letzten Satz sprechend, riss er plötzlich den rechten Arm in die Luft und winkte aus dem Handgelenk. Es war sein Signal für Bob. Der möge zu unserem Tisch kommen. Dabei blickte er weder zu Bob, noch zu mir. Sein Blick haftete stumpfsinnig an seinem geleerten Bierglas. Mir schwante Fürchterliches.

Dann sah ich einen alten Herrn, in dunkelgrauem Trenchcoat. Von der Klotür bewegte er sich geradlinig auf unseren Tisch zu. Mit der rechten Hand fuhr er in die Innentasche des Trenchcoat. Jetzt erkannte ich ihn. Es war der geladene. Was tat die Hand im Trenchcoat? Wollte er die Waffe aus der Innentasche ziehen? Schließlich hatte Nils ihm die Klotür in den Rücken gehauen. Er trug einen grauen Bogart. Sein Gesicht tief verdeckt. War es Wut oder Begeisterung, die zwischen der langen Nase hervor blickte?

Schnell riss er die Hand aus der Innentasche: Er knallte einen Fuchzger auf unseren Tisch. Nils erschrak. Blickte zum Bogarthut auf. Der räusperte: „Danke, der Herr!“ Er drehte sich um und ging. Ungläubig schaute Nils auf den Fuchzger. Er sah mich an und fragte: „Was soll das?“ Ich bewegte meine Schultern, schüttelte den Kopf und sagte nichts.

Rolf kam von der Klotür und brachte Bob von der Bar mit.

Bob zückte, erleichterten Blickes, seinen Block. Er fragte das Übliche. Nils, wie aus einer Pistole: „Hier geht nichts mehr zusammen! Getrennt! Aber warum eigentlich? Müssen wir schon gehen?“

Rolf, der hinter Nils stand, nickte Bob heftig zu. Darauf Bob: „Ja, wir machen gleich dicht.“

Bob schrieb schnell, Rolf gab ihm den Fuchzger und leerte sein Bier.

Draußen regnete es heftig. Zu kühl für Juli. Eine Fortsetzung der Diskussion zwischen Nils und Rolf entstand nicht. Beide konnten kaum mehr stehen, aber reden. Sie vereinbarten, weitere Details am nächsten Tag in der Schule, oder am Telefon zu klären.

Zwei Wochen später saßen Rolf, Nils und ich in Rolfs schrottreifem VW-Bus. Wir transportierten die paar Möbel und genau fünf Umzugskisten von der Autobahn-WG in eine Garage nach Solln. Wir verstauten das Zeug in der hintersten Ecke. Eng stapelten wir bis zur Decke.

Zwei Tage vorher fragte mich Nils, ob ich bei der, „neuerdings geplanten Urlaubstour“ als vierte Person mit dabei sein wolle. „Moritz, Rolf und ich planen einen Spontanausflug für vier Wochen nach Griechenland. Wobei klar ist, dass, in Anbetracht des technischen Zustandes von Rolfs VW-Bus, nicht sicher ist, ob wir dort jemals ankommen.“

Nachdem ich die Ferien über weder arbeiten wollte, noch mich mit sonst irgend etwas Sinnvollem beschäftigen wollte, kam dieses Angebot nicht ungelegen. Ich plante meine Ferien an einem Münchner Baggersee. Griechenland schien da wesentlich interessanter. Ein Problem war meine Kassenlage. Auf Rückfrage, wovon ich das bezahlen solle, wie viel der Spaß, nach seiner Schätzung etwa kosten werde, antwortete Nils:

„Also das teuerste an der Tour dürfte wohl der benzinschluckende Kübel von Rolf werden. Deshalb haben wir auch schon beschlossen, dass wir bei jedem Gefälle den Motor abschalten. Die Bremsen haben wir letzte Woche neu belegt. Sie funktionieren einwandfrei! Ich habe genau 350 Mark die ich mir an Miete für den Monat spare und 250 die ich sonst hier in München fürs Leben verbraten würde. Damit muss, und werde, ich auskommen.“

„Also genau 600, soviel wird mich ein Leben am Baggersee nicht kosten“, sagte ich darauf.

Nils: „Jetzt rechne mal nicht so spießig rum! Vielleicht brauchen wir ja auch keine 600. Wenn die Karre nicht auseinanderfällt zum Beispiel! Das ist zwar unwahrscheinlich, aber dennoch möglich. Ich sehe das Ganze optimistisch. Dann sind nach der Tour von den 600 noch 250 übrig. Außerdem ist das eine einmalige, topgünstige Möglichkeit aus München zu verschwinden und diese ganze Spießer- und Juppimetropole sich selbst zu überlassen! Das sollte dir doch einiges Wert sein. Also räum deine sämtlichen Konten, Sparkonten und sonstigen Geldbestände ab. Treib alle offenen Schulden ein!“ Wenn ich vier bis fünfhundert „Märker“ zusammenbringe, würde dies vermutlich „locker“ reichen.

Die Abreise

Die Möbellagergarage in Solln war nun der neue offizielle Wohnsitz von Nils. Vor der Garage befand sich ein kleiner privater Parkplatz. Dort gab es die wunderbare Möglichkeit den Bus von Rolf genauer auf krasse technische Mängel zu untersuchen. Rolf kurvte auf dem Platz herum und bremste scharf. Er wechselte die Zündkerzen und den Keilriemen. Wir überpinselten die gröbsten Rostflecken mit weißem Lack. Das gab viele weiße Flecken. Damit wollten wir Auffälligkeit vermeiden. Das hielt ich für aussichtslos. Das Fahrzeug war alt und rostig. Es war auffällig, weil es anders war. Wem es auffallen wollte, viel es auf. Unser Herumgepinsle konnte nicht viel verschönern. Die frischen weißen Lackflecken glänzten aus Rost, Dreck und mattem alten Lack hervor.

 

An diesem Tag lernte ich Moritz kennen. Ein korpulenter, jedoch sehr beweglicher Knabe. Lebhafter Gesichtsausdruck. Ein Lächeln wie das eines kleinen Kindes, das gerade aus der versteckten Süßigkeitenkiste in Mammas Küchenschrank genascht hat. Sein ständiges, unvermeidliches Lächeln verriet die verbotene Tat sofort. Ein schelmisches Kinderlächeln, die Fäustchenbacken, leicht rötlich, ein wenig glänzend wie ein roter Apfel, und diese langen, schwarzen, gelockten Haare, vorne fast kahl rasiert: das musste provozieren. Es passte nicht zusammen. Es gehörte eine blonde, kurz geschorene, vielleicht vom Spiel im Sandkasten leicht verstruppte Frisur zu seinem Gesicht. Aber diese schwarzen Haare? Sein Gesicht? Was wollte Moritz damit sagen?

Für seine schwarzen Haare konnte er nichts. Sie waren nicht gefärbt. Aber seine Frisur! Warum diese Frisur in dem schelmischen Kindergesicht?

Moritz war siebzehn Jahre jung. Seine Bewegungen waren hektisch. Er sprang und hüpfte, turnte um den Bus herum. Dabei strahlten seine großen braunen Augen. Die roten Fäustlingsbacken drückte er aus dem Gesicht. Deshalb übersah ich seine kurze, breite, leicht gerötete Nase beinahe. Seine langen Haare standen im Laufwind, als föhnte er sie. Er freute sich auf unsere Reise wie er sich auf den Nikolaus, Weihnachten oder seinen Geburtstag freute. Laufend und hüpfend pinselte er auf Rolfs Bus herum. In den Dreck auf dem Fahrzeug malte er weiße, lachende Kreisgesichter mit abstehenden Haaren.

In den Kassettenrecorder schob er sofort seine mitgebrachte Musikkassette. Rolf und Nils erzählten mir, dass Moritz auf „gröbere Rockmusik“ abfährt. Was Moritz zappelnd und springend in den Recorder legte, kannte ich. Es war Jim Morrison und Doors. Ich fand das nicht so schlimm. Wichtiger war für mich die Frage: Wie wollte der Knabe die lange Reise hindurch still im Auto sitzen?

Wegen seines zarten Alters versuchte Rolf ihn ein wenig auf die Schippe zu nehmen. Er stand auf einem Felsbrocken und erklärte:

„Da wir ja nun für die kommenden vier Wochen die Verantwortung für dich, den Minderjährigen übernommen haben, müssen wir uns noch vernünftiger und verantwortungsbewusster als es ohnehin schon unser Markenzeichen ist, verhalten! Wir werden uns bemühen. Aber du kannst helfen. Also, reiß dich zusammen, Bub!“

Rolf lächelte von oben herab. Gönnerhaft blickte er zu Moritz. Seinen rechten Arm wie Napoleon angewinkelt in der Innentasche der Jacke. Überlegen thronte er herunter. Seinen Spruch fand er lustig. Sein Grinsen beherrschte sein Gesicht. Ich erwartete einen Lachkrampf.

Moritz fand das nicht so lustig. Er saß auf dem Beifahrersitz im Bus und schnitt mit einem langen Klappmesser eine grüne Melone auf. Die roten Wassertropfen auf die Bodenmatte störten ihn nicht. Von einer Melonenecke biß er ein großes Stück heraus. Mit samt Kernen im Mund, kauend, ging er zum Thronenden. Ehrfürchtig verbeugte er sich vor seinem König. Langsam erhob er sich, und atmete durch die Nase tief ein. Er stand aufgerichtet vor seinem Herrn, blickte in dessen Gesicht. Plötzlich entleerte er mit einem festen kräftigen Ruck seine roten dicken Backen. Sofort sprang der König vom Thron. Doch zu spät. Seine weiße Kleidung war rot und nass. Der Schelm und Hofnarr lachte frech. Ein tiefes langes Grunzen, das nirgendwo hin passte. Der Mensch wandte sich lachgebeugt ab, mit der Linken hielt er den dicken Bauch, die Rechte, in die er hinein grunzte vor dem Mund.

Doch der König, überraschend beweglich und schlau! Er pirschte rot von Melone verschmiert hinter dem Rücken des Hofnarren vorbei. Gebückt bestieg er sein Vehikel fahrerseitig. Ergriff mit der rot triefenden Hand die aufgeschnittene Melone. Behielt den immer noch gebeugt lachenden Narren beifahrerseitig im Blick. Sprang blitzschnell, hielt die halbe Melone in der Rechten, landete leise neben dem Fahrzeug. Umrundete es gebückt wie ein listiger Gauner beim Hühnerstehlen. Die halbe, feucht triefende rote, hielt er beidhändig vor sich. Pirschte sich leise, gemein und listig von hinten an. Hüpfte noch einen Meter vor. Erhob sich hinter dem immer noch närrisch grunzenden. Tippte mit der Linken auf dessen Schulter, warf blitzartig einen überlegenen Blick ins Publikum, denn sein Volk sollte wissen wer der König war, und drückte bereits jetzt, bevor der Narr sich aufrichten oder los rennen konnte, die rote kräftig in dessen Gesicht.

Das triefte, glitschte und spritzte. Der Narr schüttelte sich schockiert und schleuderte das kalte, feuchte, glibberige, rote muss von sich. So traf es den König auch nochmal. Überlegen thronte der sogleich wieder auf seinem Felsen. Die Schlacht endete für ihn triumphal erfolgreich. Kleine Opfer mussten sein.

Der Narr schüttelte sich und schleuderte weiter nasses Rot von sich. Die Zuschauer nahmen weiten Abstand. Sie versuchten der Feuchtigkeit zu entgehen. Die fliegenden roten Glibberteile trafen auch sie. Närrische Zentrifugalkraft ließ niemanden verschont. Dennoch war das Publikum begeistert. Es spendete heftigen Beifall. Standing Ovation! Dann schallte es sogar noch ausgelassen lachend über den Platz. Zu närrisch für den Narren!

Der blickte in die Reihen. Sein närrisches Lachen war gewichen. Er hasste närrisches Lachen bei anderen! Vor allem, wenn es einem echten Missgeschick galt. Das Publikum grölte noch närrischer weiter. Die roten Faustbacken des Narren klebten und trieften. Roter Saft tropfte auf das helle Hemd. Die Zuschauer sollten seine närrische Kunst honorieren, nicht jedoch den Schaden den der König ihm zufügte, höhnisch grölend begleiten.

Rot triefend sprang er schwungvoll zur Beifahrertür. Die Zuschauer warteten gespannt wie die Rache am König aussehen werde. Der Narr ergriff den Rest der Melone. Mit einem blitzschnellen Satz hüpfte er aus dem Wagen. Er kam, in die Knie gehend auf. Rannte vor den Felsen des Königs. Ängstlich erschrak der. Stürzte herab, versank kopfüber in einem riesigen Laubhaufen. Begann sofort, mit den Beinen in der Luft strampelnd, sich frei zu kämpfen. Aus dem Haufen erklang königliches Geplärre. Das Publikum deshalb wieder ausgelassen närrisch grölend und begeistert klatschend. Der Narr, erneut in die Knie gehend, sprang jetzt schwungvoll seitlich in die Zuschauer. Dort rieb er mit der nassen roten kräftig um sich. Wieder klatschte, schmierte und tropfte es. Vom Volk wollte er nicht verlacht werden! An ihnen nahm er Rache, die dem König galt.

Moritz ließ sich keinen Versuch, als Kind behandelt zu werden, gefallen. Jeder sollte wissen, dass irgend etwas unangenehmes geschehen werde, wenn man ihn angriff. Bei seiner Verteidigung kannte er keine Grenzen.

Als Bekleidung plante er für den ganzen Urlaub zwei kurze, abgeschnittene und deshalb ausgefranste, Jeans-Shorts. Eine davon kleidete ihn bereits. Moritz war nicht ungepflegt, obwohl er sich stets sehr sparsam wusch. Er sagte: „Wasser ist ein Grundnahrungsmittel und deshalb zu wertvoll, um es einfach am eigenen Körper herunter laufen zu lassen.“

Moritz, fast immer lächelnd. In jeder Situation einen gewissen Witz findend. Fand er keinen, bohrte und kramte er, bis ein Witz entstand. Das Hauptvergnügen daran hatte er.

Der König durfte sich nur vergnügen, wenn auch er, der Narr Spaß hatte. Der Hofnarr wollte nicht nur andere animieren, er war hauptsächlich sein eigener Animateur. Seine Begleiter freilich entkamen seiner Animation nicht. Sie war laut: Er legte ständig seine Kassette ein. Sie war unruhig: Er zappelte auf dem Beifahrersitz.

Seine Frisur, sein rundes Bübchengesicht, der Gesichtsausdruck, seine Zappelei, sein nervöses Gehüpfe, sein lautes grunziges Lachen, dazu seine Musik, die permanent aus dem Recorder dröhnte, erst in letzter Sekunde vor dem Grenzübertritt herunter gedreht wurde. Das war Moritz, der Narr.

Ein Dienst schiebende Beamter, durchnässt, vom kalten Regen, an der lauten Autobahn. Ein nieder gerosteter VW-Bus. Junge Leute, die in Urlaub wollen. Daran hat man sich seit Jahren gewöhnt.

Aber: Das Kindergesicht eines Halbwüchsigen eines lächerlichen Schelms, eines arroganten, jugendlichen Narren?

Das ist unglaublich! Wie der mich anschaut, dachte der Grenzbeamte. Ja, wo gibt es denn so was? Der lacht mich rotzfrech, wie Michel aus Löneberger an! Nein schlimmer, viel schlimmer! Der lacht mich aus! Unglaublich so ein rotzig freches Zigaretten-Bürschel! Na, dem werd ich’s zeigen! Der findet mich lächerlich? Ganz klar! Kein Respekt mehr diese jungen arroganten Pfurzer! Gestern noch Windeln an, heute hier auf der Autobahn! Unglaublich! Hat keine Ahnung vom schweren Grenzerleben. Ein lächerlicher Zwerg!…..Ja, das gibts nicht, der lacht immer weiter! So ein Narr! Ja tut denn der das absichtlich?…Ja klar! Der will…der will…ja was will er denn?…Er will provozieren! Er haßt Menschen in Uniform! Deshalb hat er auch so versiffte Klamotten an! Wahrscheinlich glaubt er sogar, dass mein Job lächerlich und nutzlos ist! Na, dem Knaben wird das Lächeln schon vergehen! Nun sollen die Burschen erst mal aus ihrer verdreckten Hippiekarre aussteigen! Sie sollen alle Türen, Kisten, Taschen und so weiter aufmachen! Will doch mal sehen ob ich da nicht ein bisschen Shit finde! Irgendwas werden diese lächerlichen Kleinkinder schon dabei haben!

Der Übertritt an jedem Grenzübergang kostete Zeit. Moritz behielt sein Lächeln. Er genoss die Situationen, fand sie unterhaltsam. Manchmal reagierte er mit Ironie.

In seiner Tasche befanden sich lediglich einige Unterhosen, drei T-Shirts, zwei paar Socken, eine Zahnbürste, ein Kamm, eine winzige Seife und seine zweite abgeschnittene Jeans. Auf die Bitte sie zu öffnen, lächelte er freundlich weiter: „aber äußerst selbstverständlich! Sehr gerne!“

Die Beamten fanden in unserem Fahrzeug kein Gramm von irgend etwas, das wir nicht hätten mitführen dürfen. Selbst die Hunde, die zahlreiche Haare im VW-Bus hinterließen, konnten nicht fündig werden. Nach dem zweiten Grenzübergang ließen wir alle unsere Taschen geöffnet. Der Inhalt der hinteren umklappbaren Sitzbank blieb auf dem Boden liegen. So sparten wir das ewige Aus- und Einräumen. Die Beamten fanden nichts, selbst das weiße D-Schild hatten wir. Auch seine Größe stimmte. Die Reifen nicht abgefahren, selbst der TÜV im Jahr zuvor erneuert. Rolfs Vehikel war verkehrssicher. Das war ärgerlich!

Der Beamte verschwand mit unseren Pässen in seinem „Kabüffchen“, wie Moritz es nannte. Nicht vor Ablauf einer Viertel Stunde kam er wieder raus. „Die schieben hier nur ihren Dienst“, beruhigte Nils. „Das muss langweilig sein, ich hätte dazu keine Lust. Mir wärs zu kalt und stinkig hier. Und dann immer noch die Hippies, die lange schon ausgestorben sind! Aber immer wieder tauchen welche in verdreckten Bussen und Klamotten auf. Ärgerlich!“

Der Beamte erschien nicht wieder. Wir gingen Kaffeetrinken.

Nils: „Im Urlaub sollte man jeglichen Aufenthalt, auch den an den Grenzübergängen, so angenehm wie möglich gestalten.“

Wir saßen im Café und beobachteten. Zehn Minuten später kam der Beamte. Das Fahrzeug parkte leer. Ein Zettel an der Windschutzscheibe: „Sind nur eben mal Pinkeln, kommen gleich wieder. Unterwürfigst: Moritz.“

Das bereitete dem Narren spaß. Moritz lächelte närrisch. Eine halbe Stunde später ging er ins Kabüffchen und holte die Pässe. Moritz zu uns: „Wir parken hier vorschriftsmäßig! Wir beleidigen keine Beamten! Wir sind ruhig und unauffällig! Also kann uns fast nichts passieren. Österreich und Deutschland sind schöne Länder. Alles hat seine Ordnung!“

Eine Nacht am Grenzübergang, Harry der Tramper

Niemand glaubte an ein erstes Etappenziel unserer Reise. Niemand wollte an diesem Tag irgendwo ankommen. Dafür gab es Gründe. Die Aufenthalte an der Grenze. Das klapprige, alte Auto. Wir fuhren langsam. Die Nadel bewegte sich nicht über 80. Höheres Tempo wollte Rolf seinem Wagen nicht zumuten. Von jedem Reisebus und Lastwagen wurden wir überholt. Wir nahmen uns die Zeit. Vier Wochen. Keinen interessierte es, wann wir irgendwo an kamen. Selbst die Frage war offen, ob wir die Griechische Grenze je erreichten.

Die erste Nacht verbrachten wir bei strömendem Regen und Kälte in Österreich. Am Grenzübergang. Es gelang nicht, das Land zu verlassen. Nils versuchte vorne im Führerhäuschen zu schlafen. Rolf und ich lagen hinten auf der umklappbaren Sitzbank. Moritz lag in seinem Schlafsack auf dem Dach des Fahrzeugs, wo er offenbar gut schlief. Das war hörbar.

Es regnete stark. Das Fahrzeug parkte unter einer Unterführung neben der Raststätte. Damit setzten wir uns freilich der Gefahr aus, einem Beamten, einem an der Raststätte arbeitenden Österreicher, oder sonst irgendeiner Person aufzufallen.

Moritz hüpfte und sagte: „Wir parken nicht verkehrswidrig, ich sehe kein Verbotsschild! Hier darf man pennen! Wir sind ruhig und unauffällig! Österreich ist ein freundliches, demokratisches Land. Die Luft ist frisch und rein. Ich schlaf auf dem Dach!“

Hinten auf der Pritsche liegend, hörte ich deutlich Moritz dröhnendes Schnarchen. Das Blech der Fahreugdecke übertrug und verteilte das. Der Lärm erfassten das ganze Auto. Ein metallisches Röcheln. Mein Gehör ortete die Lärmquelle aber nicht mehr wirklich. Nur weil ich wusste, dass Moritz oben lag, wusste ich woher der Lärm stammte. Er schlief fest. Ich fragte mich, wie er das schaffte. Sein eigener Lärm und der Lärm der vorbeirauschenden Autobahn. Der schwere Regen. Die Autos auf der nassen Strasse, die lärmend durch die Unterführung an uns vorbei donnerten.

Am Morgen plärrte Moritz: „Moin, Moin! Gut geschlafen allerseits“? Ein frisch erholter Bübchenblick strahlte durch die halb geöffnete Schiebetür. Bereit zu neuen Taten. Ein geübter Griff an den Recorder. Noch bevor ich meine Augen ganz öffnete, erklang das Keyboard der Doors. Die Lautsprecher schepperten leicht überfordert. Das war Moritz, der Schelm, der nervige Hofnarr. Ich lag wie ein Brett auf dem Rücken, fühlte mich gerädert. Nachts schlief ich kaum. Lärm und Lichtkegel vorbei fahrender Autos hielten mich ab. Mein Kopf dröhnte. Das lärmende Keyboard surrte durch meinen Schädel.

Im Supermarkt gab es Brötchen. Der Kaffee stand auf dem Kartuschenkocher. Wasser kochte. Selbst Eier besorgte Moritz. Kurz war er nicht der nervige Hofnarr sondern der ausgehungerte Heranwachsende, der schnell sein Frühstück brauchte. Der Regen war vorbei. Der Wagen trocknete in der Sonne. Mein Kopf surrte nicht mehr, dröhnte auch nicht mehr, jetzt brummte es leise. Die Autobahn dröhnte laut. Wir standen vor der geöffneten Schiebetür des Wagens, hielten dampfende Kaffeebecher, lachten und quatschten.

 

Da stand plötzlich einer neben mir. Es war Harry aus Tirol. Ich knabberte auf meinem Brötchen, es war hart. Ich tunkte es in den Kaffee und lutschte daran. Harry war blond und kurz geschoren. Sein Gesicht, schmal und blass. Ein Bübchen, aber nicht Michel aus Löneberger, sondern eins aus der Stadt. Gestresst, bleich wie Plätzchenteig. Schmale Augen, aber deutlich blau. Schmale Lippen. Blasse abstehende große Ohren. Lang und mager. Sein Körper sah hungrig aus.

Weit riß er die schmalen Lippen auseinander: „Hobd’s no an Sitz frei? Bis auf Dubrovnik obi?“

Der Tonfall war fies. Der Ton selbst hoch. Zuviel für das Brummen in meinem Kopf, es surrte wieder.

Nils blickte scharf, genervt, fragend. Er fixierte den Österreicher. Sanftes Hochdeutsch erklang.: „Wie bitte werter Herr? Welches Ansinnen hätten sie gerne vorgebracht?“

Der Fremde entgegnete: „Geh heards! I hoab mir denkt ihr waards aus Minga! I seiber bin a waschechter Estarreicha, hoab aber scho zehn Joar lang in Minga gwohnt und da hod mi no a jeda vastondn!“

Nils wandte sich von dem Fremden ab und seinen Begleitern zu. Seine Worte, garnierte er mit typischem Nilslächeln: „Tja liebe Leute, ich habe es mir eigentlich schon immer gedacht: da fährt man in das benachbarte Ausland und dort versteht man plötzlich die Menschen nicht mehr. Schade, obwohl sie im Grunde die gleiche Sprache sprechen. Naja, man lernt nie aus im Leben!“

Er schenkte Harry keine weitere Beachtung. Er nippte von seinem dampfenden Kaffee. Der Unbekannte verstand.

„Mein Name ist Harald Litzelberger, meine Freunde nennen mich Harry. Das dürft ihr auch tun! Ich stamme aus Tirol und hätte vorgehabt, wenn möglich heute noch, oder zumindest morgen, bis nach Dubrovnik zu kommen! Deshalb wollte ich Sie fragen ob Sie eine Mitfahrgelegenheit für mich hätten?“

Sein Österreichischer Tonfall blieb. Die Ansage stieß auf Verständnis.

Moritz legte ein gekochtes, dampfendes Ei auf seinen Löffel. Mit dem Ei auf dem Löffel rannte er einmal um das Auto. Vor dem Fremden blieb er stehen. Das Ei dampfte vom Löffel. Moritz sah es an. Sah dem Fremden ins Gesicht. Sah nochmal auf das Ei, das immer noch dampfte. Drehte noch eine Runde. Stand wieder vor dem Fremden. Sah nochmal auf das Ei. Es qualmte noch leicht. Sah zu dem Fremden und sagte: „Du spricht unsere Sprache. Gut! Du willst dahin, wo auch wir hin wollen. In Ordnung! Deine Richtung ist unsere Richtung. Nicht schlecht!“

Mit dem Ei auf dem Löffel drehte er sich zu uns: „Sollen wir den mitnehmen?“ Er stieg auf das Trittbrett von Rolfs Bus, schlug das Ein mehrmals auf das Dach.

Darauf der König zum Narren: „Na na, mein Herr! Vorsicht, vorsicht! Wir brauchen meine Kutsche noch!“

Moritz pulte am Ei herum, die Schale klebte, denn er hatte es nicht abgeschreckt. Zu uns sagte er: „Um meine Frage eindeutig beantworten zu können, sollten wir zunächst seine Gesinnung genauer überprüfen! Wir sollten vermeiden, dass wir unterwegs von ihm ausgeraubt werden. Denn ich habe schon oft von schrecklichen Wegelagererschicksalen entlang der europäischen Autobahnen gelesen. Ihr wisst schon, in den üblichen Blättern.“

Darauf sagte der König: „Gute Idee! Doch, wie könnte eine solche Gesinnungsprüfung aussehen? Der Herr wird keinerlei amtlich beglaubigtes Führungszeugnis mit sich führen, das einen einwandfreien Leumund bescheinigt.“

Der Fremde wurde plötzlich laut. Mein Kopf brummte wieder. Schnell sagte er: „Ihr scheint a bisserl abgedreht zu sein Leute! Habt ihr euch irgendwelche Drogen rein geschmissen?“

Darauf lachte der Hofnarr närrisch. In bekannter Posse hielt er Bauch und Mund. Gebückt stand er vor dem Fremden. Er richtete sich langsam auf. Das gepellte Ei steckte in seinem Mund. Die roten Fäustlingsbacken glänzten und bewegten sich rhythmisch. Er atmete tief durch die Nase ein. Durch sie atmete er auch wieder aus. So geschah nichts.

Von dem Fremden wandte er sich wieder ab. Das Ei verschluckte er. Wie bitte? Ja, es war einfach weg!

Das Volk fragte er: „Wie kommt der Bub auf die Idee wir wären Kiffer? Sehen wir so aus oder was?“

Lauter, tiefer, zu dem Fremden gewandt brummte er: „Sehen wir so aus oder wooos?“

Nils zu dem Hofnarren: „Nein, die Perspektiven sind nicht günstig! Fehlende Vertrauenswürdigkeit. Finde ich. Den einfach mitzunehmen ist zu riskant. Die Sache ist klar!“

Ich sagte: „Eine vernünftige Gesinnungsprüfung läßt sich nur mit jemandem durchziehen, der auch einsieht, dass seine Gesinnung überhaupt einer Prüfung zu unterziehen ist! So ein Einsehen scheint hier nicht gegeben.“

Der König knallte blechscheppernd den Kaffeebecher auf sein Vehikel. Dagegen war das Narrenei ein Witz. Deshalb blinzelte der Hofnarr dem König schelmisch zu.

Der König beachtete den nicht, er stellte sich vor den Fremden: „Eine andere Möglichkeit zur Lösung unseres Problemes wäre ein gewisses Entgegenkommen. Ein Fremder, der mit uns reisen will, bietet es von sich selbst aus an. Das ist im vorliegenden Fall nicht geschehen. Also Leute…alles bestens!“ Er wandte sich seinem Volk und dem Hofnarren zu, und streckte die rechte Hand zum Gruß aus. Ein königlicher Beschluss war gefasst, durch Handschlag wurde er besiegelt.

Harry verstand das Urteil sofort. Er sagte: „Hey Leute, das war alles nicht so geplant! Ich werde nicht versuchen euch auszunehmen! Außerdem seht ihr nicht nach besonders viel klauenswerter Kohle aus. Für Kiffer halte ich Euch auch nicht! Ich will nur nach Dubrovnik, sonst nichts. Also überlegt nochmal, ich würde euch auch ein bißchen Benzingeld rüber wachsen lassen!“

Der König ließ die Hände seines Volkes sofort los. Sein Gewandt wehte im Wind. Sein Körper drehte sich schnell. Der König war gutmütig. Der Fremde bat nur ein Mal um Gnade: „Das sind natürlich realistische Perspektiven! Denn meine Kutsche müssen wir gleich nach der Grenze volltanken. In der Landeswährung macht das mindestens fünfhundert Schilling!“

Nun stürmte der Hofnarr freudig vor. Er feierte das Ganze. Laut knallte es, wie Sektkorken. Weder Flasche noch Korken waren zu sehen. „Ok Harry, willkommen im Team!“

Wir stellten uns gegenseitig mit Handschlag, Tasse Kaffee und Vornamen vor. „Wenn du dich damit einverstanden erklärst, dass du bis Dubrovnik eine Tankfüllung bezahlst und unsere zweite Bedingung auch akzeptierst, ist alles klar!“

„Welche zweite Bedingung?“

„Die, dass es passieren könnte, dass wir mit unserer Schrottkiste nie dort ankommen werden. Falls dies eintritt, blechst du trotzdem deinen fälligen Benzinanteil. Und du machst dich nicht mit irgend einem Diebesgut von uns aus dem Staub. Damit das gut geht, konfisziert der Fahrer, das bin ich, deinen Ausweis. Im Bedarfsfall ist eine erfolgversprechende Verfolgung sicher gestellt. Alles ganz einfach, oder?“

Diese Bedingungen spielten keine Rolle mehr. Harry war dabei. Sofort zückte er seinen Ausweis, und gab ihn Rolf.

Gedanken zum Schweigen im Auto

Zu viert setzten wir unsere Tour in Richtung Meer fort. Harry prahlte, er sei ein ganz toller Diskjockey in einer Tiroler „Doofdisco“, wie Moritz das Wort aussprach. Harry traf diese Aussprache wie ein verbaler Hammerschlag. Er brachte ihn zum Schweigen. Er zog sich zurück, hörte zu. Nichts erzählte er von sich aus. Er beantwortete Fragen.

So die Frage, was er eigentlich in Dubrovnik wolle. Er unterdrückte seinen Österreichischen Dialekt: „Ich weiß das selbst nicht ganz genau.I hob ghärt und glesen, dass Dubrovnik a sehr hübsche, historisch und kunsthistorisch interessante Stodt am Meer is“. Harry sah nicht nach dem aus, wovon er sprach.

Weil er sein Nachbarland noch nie besucht hat, fasste er den Entschluß eine kleine Tramptour zu machen. Er nahm sich zwei Wochen von seinem Job in der Disco frei. Was ihn in Dubrovnik und überhaupt auf dieser Reise, außer uns, noch so erwarte, wisse er nicht. „I glaub da konn i mi no auf wos gfasst macha!“

Warum er das glaubte? Dies glaubte er erst seit einer knappen Viertel Stunde. Seit er mit uns vieren auf dem Parkplatz ins Gespräch kam. Vorher verschwendete er keinerlei Gedanken daran. Auf überraschende oder interessante Menschen und Situationen war er nicht gefasst.

Moritz: „Du findest uns also interessant? Mich etwa auch?“, dabei lächelte er.

Harry antwortete: „Durchaus Moritz, durchaus.“ Er äffte das Lächeln von Moritz nach.

Moritz: „In welcher Beziehung findest du mich interessant?“

Harrys bleiches Gesicht sah jetzt genervt aus. Was soll man auf so eine Frage antworten, wenn man erst vor fünf Minuten in das Auto dieser Leute stieg?

Harry antwortete nicht. Er sah zum Fenster hinaus. Ein krasses Verhalten, das den nervösen fiebrigen Hofnarren noch mehr zappeln ließ. Das merkte Harry und flüchtete: „Nein, tschuldigung, war nicht so gemeint. Ich meinte, ich finde vor allem meine Reise interessant.“

Er war genervt. Nicht nur wegen des Hofnarren, sondern wegen uns allen. War es unser Verhalten? Wir saßen ruhig auf den Sitzen im Bus. Abgesehen von Moritz, der saß vorn, zappelte und hörte Doors. War es unsere allgemeine Ausstrahlung? Wir waren Freunde. Wir waren Fremde. Er war Österreicher. Für uns ein Ausländer. Für ihn waren wir Ausländer in seinem Land. War er zu alt für uns? Er war höchstens dreißig. Immerhin, fast zehn Jahre älter. Sein Gesichtsausdruck? Sein blasses Gesicht bewegte sich nicht. Er schaute starr nach vorne auf die Autobahn.

Er kannte uns nicht. Das kann nerven. Es kann verunsichern. Harry wirkte verunsichert. Ich kannte sein blasses Gesicht nicht. Es sah so starr aus, das konnte nicht immer so sein. Das gibt es nicht. Ein Gesicht spricht. Harry sprach nicht.

Vermutlich machte er sich über vollkommen falsche Dinge Gedanken. Über die Frage, warum wir nicht in Begleitung von Frauen waren. Der Männerstaat war allein unterwegs. Der König lud ein, der Hofnarr unterhielt. Warum?

Oder er bekam Angst, weil Moritz so direkt war. Er fürchtete die Aufdringlichkeit des Hofnarren. Vielleicht war seine blasse Gesichtsfarbe auf seine Angst zurück zu führen. Vielleicht blickte er starr, bewegte weder Augen noch Mund, weil er sich fürchtete.

Oder: die Angst, die man hat, wenn man bei drei unbekannten Leuten im Wagen sitzt? Wie ist das? Vorher haben sie noch munter geplaudert, ein Spielchen mit dem Fremden getrieben. Jetzt sitzen sie, der Fahrer fährt und schweigt, die Beifahrer schweigen auch. Was soll das? Da kann man schon Angst kriegen.

 

Wir waren mit vier Frauen in Igouminitsa verabredet. Eine spontane Verabredung. Frauen, die ich nicht kannte. Alte Bekannte des Fahrers. Rolf nannte sie: „meine alten Schulfreundinnen“. Sie waren nicht unsere Lebensgefährtinnen. Einfach nur alte Bekannte, eben frühere Freundinnen von Rolf.

Das konnte ich dem Fremden unmöglich erklären. Harry fragte nicht danach. Er starrte und sprach nichts. Vielleicht hatte er Angst, etwas dummes zu sagen. So muss es gewesen sein! Klar! Er saß zwischen drei Freunden. Er saß draußen. Fremd. Man hat Angst sich vor zu wagen. Er wagte sich vor, sofort schlug der Hofnarr zu, nannte seine Disco „Doofdisco“. Das war das vorläufige Ende der Eigeninitiative des Fremden. Er outete sich als Angeber. Klar, da kam sein Starren und Schweigen! Drei gegen einen!

Seit wie vielen Jahren kannten wir uns? Der Fremde kannte uns erst Minuten.

Eine simple Idee ging mir durch den Kopf: Der Fremde braucht vor uns keine Angst zu haben! Wie mache ich ihm das klar? Wir wollen ihn nicht dumm anmachen. Das tun wir nicht!

Obwohl? Wir haben es schon getan. Na klar! Mit unserer Show am Grenzübergang haben wir ihn schon verunsichert. Er war ein einfacher Tramper, wollte einfach nur fragen, ob er dabei sein darf. In Rolfs Wagen, Richtung Dubrovnik, mehr nicht. Er fragte ganz einfach, nicht ganz verständlich, wegen seines Dialekts, aber einfach. Wir machten eine Szene daraus. Danach sprach er nicht mehr viel. Mit uns im fahrenden Bus sitzend schwieg er endgültig.

Wie das Schweigen brechen? Eine neue Szene beginnen?

Es störte mich extrem, einen schweigenden Tramper im Auto zu haben. Er tat nichts als zum Fenster hinaus zu blicken. Was dachte er? Was steckte hinter seinem Schweigen? Vielleicht hat sein Denken etwas mit meinem Denken zu tun? Er schwieg.

 

Am Tag zuvor unterhielten wir uns rege. Wir plapperten wild durcheinander. Manchmal brüllten wir. Es war laut, wir übertönten den lauten Motor und den lauten Doorssound, den Moritz brauchte. Wir lachten. Wir blickten zum Fenster hinaus und machten uns über das was wir sahen lustig. Wir sahen einen arbeitenden Metzger vor seinem Laden und lachten. Weil wir Urlaub machten. Wir sahen einen geschäftigen Polizisten und lachten. Wir sahen einen genauen Grenzbeamten und lachten. Nun herrschte Ruhe. Und lauter Doorssound schallte durch den Wagen, wie am Tag zuvor. Das Lachen fehlte. Das durcheinander Plärren fehlte. Die Urlaubsstimmung fehlte!

Der unbekannte Fremde hatte das ausgelöst.

Moritz drehte seinen Sound auf unerträgliche Lautstärke hoch. Die Orgel schmerzte. Sie fieberte in einem hochtönigen qääääää und quuuuu permanent auf und ab. Jetzt wusste ich, warum Moritz so fiebrig nervös war. Er fieberte mit der Orgel. Die Band hatte es ihm angetan. Sie ließ ihn zappeln. Er war abhängig. Wer solche Lautstärke dieser Orgel brauchte, täglich, musste abhängig sein.

Störte mich das qääääää und quuuuuu oder war es das Schweigen? Vielleicht überhörte ich das qääääää und quuuuuu am Vortag. Wir unterhielten uns so ausgiebig, da blieb es im Hintergrund.

Nein, es musste der Fremde sein.

Warum war er in der Lage, unsere Stimmung im Urlaubsauto so zu verändern? Ich musste das Schweigen im Wagen brechen. Eine neue Szene beginnen.

Vielleicht war er ein Mitglied der Österreichischen Drogenpolizei! Die Grenzbeamten hetzten ihn uns auf den Hals. An der Grenze beäugten uns argwöhnische Blicke. Ich ignorierte sie. Ein Fehler, wie ich jetzt merkte. War es schon zu spät für uns? Saßen wir schon in der Falle? War die Schlinge erst gelegt, noch nicht fest gezogen? Konnten wir, mit einem riesigen Narrensprung nochmal entkommen?

Dies war der richtige Ansatzpunkt um das Schweigen zu brechen!

Warum ihn nicht einfach fragen ob er anstatt Discjockey, wie er behauptete, in Wahrheit Drogenfahnder war?

Zu dieser Frage fielen mir zwei mögliche Abläufe ein: man kann sie als unterhaltsamen Scherz sehen. Sollte er Drogenfahnder sein, war er schnell entlarvt. Wir hatten nichts dabei, das einen Drogenfahnder interessierte. Wir hatten nichts vor uns, das ihn interessierte. Wir sahen nach Drogen aus, ok. Aber: wer sieht schon nicht nach Drogen aus? Ein Drogenfahnder in unserem Wagen also durchaus angebracht!

Die Frage war unverfänglich! Sie war distanziert, unpersönlich. Sie hatte nichts mit unseren Plänen im Urlaub zu tun. Ein überzogenes, persönliches Mitteilungsbedürfnis konnte mir niemand vorwerfen. Sie war nicht aufdringlich, höchstens ein wenig komisch.

Also fragte ich, ohne noch mehr darüber nachzudenken. Ich sah Harry in sein blasses Gesicht:

„Bist du vielleicht bei der Österreichischen Drogenbullerei, weil du absolut nicht mit uns sprichst? Willst du uns ausschnüffeln, ich meine ausspionieren?“

Auf diese Frage war niemand im Wagen gefasst. Mein Tonfall war falsch. Er war aufdringlich. Er wirkte verdächtigend.

Trotzdem sprang Nils sofort auf meine Frage an. Er überbrüllte den Doorssound:

„Eine super Frage! Das kann ja noch interessant, vielleicht sogar heiter werden!“

Harrys Gesichtsausdruck war nicht mehr starr. Falten bildeten sich auf der Stirn, dünne Backenknochen stachen heraus. Er verfiel in seine gewohnte Heimatsprache:

„Woos soid do no interessont wern? Weda des aane! Noo des ondane! Weda schniffin! Noa schpionien! No Drogn! Der ganze Mist interessiert mi need!“

Nach einer kurzen Atempause:

„Wieso, habts ‚a Ladung Shit im Motor versteckt?“

„Ja, ja klar..“, brüllte daraufhin Moritz, dem nun die eigene Musik zu laut wurde. Spitzbübig lachend sah er Harry an. „Wir machen haufenweise Kohle damit! Sind da etwas anders drauf. Wir transportieren das Zeug von Norden nach Süden. Wir wollen es da unten gewinnbringend an die Griechen verhökern!“

Harry überwandt sich. Er legte die genervte Haltung ab. Der Alte begab sich auf die Ebene der Jungen. Es sprach mit ihnen. Auch, wenn es dummes Zeug war, das sie sprachen. Er war zu Scherzen bereit. Deshalb wurde er nicht dumm. Er verlor nichts dabei, wenn er dem Hofnarren antwortete:

„Aha dacht ich’s mir doch gleich, dass mit euch Burschen was nicht stimmt! Wenn ich könnte würde ich jetzt meine „Zivilbullenknarre“ zücken und Euch zum Anhalten und öffnen des Motorraumdeckels zwingen! Aber erstens kauf ich Euch den Mist, den ihr hier redet, nicht ab, und zweitens hab ich keine Knarre!“

Hochdeutsch. Unmutsäußerungen von Nils unnötig.

Rolf, der König, der seine Kutsche selbst steuerte:

„Es ist gefährlich, unbewaffnet in die Kutsche fremder Leute ein zu steigen! Hast du keine Angst?“

Harry: „Extreme Angst sogar! Deshalb habe ich vorher an der Raststätte, anstatt pinkeln zu gehen, nochmal schnell meine Tiroler Oma angerufen. Dein Autokennzeichen ist bei ihr schon gespeichert. Falls die, innerhalb von drei Tagen, kein Lebenszeichen von mir hört, wird die sehr ungemütlich! Sie ist schrecklich, meine Oma. Mit Gangstern geht sie grausam um! Kompromisslos. Sie hetzt alle möglichen Leute hinter euch her. Sie setzt alle erdenklichen Hebel in Bewegung. Davon hat sie sehr viele! Sie ist eben meine Oma! Sie tut alles für mich. Vor allem wenn sie denkt, ich bin in Gefahr, da riskiert sie alles! Das wird schauderhaft, Leute! Omas können schrecklich aufbrausen! Sie sehen nur alt und tatterig aus. Das täuscht! Auch mit vielen Knarren habt ihr keine Chance. Nicht gegen meine Oma! Sie macht sich Sorgen um ihr schutzloses Enkelkind! Und jetzt müßte ich mal pinkeln gehen! Können wir irgendwo an halten?“

Auf dieser Grundlage entstanden Gespräche mit Harry. Es ging um nichts, manchmal tauchte seine Oma wieder auf. Er fragte uns zu unseren Urlaubsplänen aus. Angst hatte der vor uns nicht.

Das Problem wegen dem Schweigen war gelöst.

Meine Frage löste die Spannung. Mein Denken war erfolgreich.

„Wie hört man auf zu denken?“

Ich dachte weiter. Ich dachte an die Langeweile. Wie langweilig das war, was wir trieben. Alles war langweilig. Die reine Langeweile. Warum fahren wir in Urlaub? Aus Langeweile. Langeweile, die Motivation für unsere Taten? Grauenvoll! Wir wollen uns nicht langweilen? Ok. Aber: wenn ein unbekannter Mensch, wie dieser Harry in unseren Tagesablauf kommt, wäre das doch spannend. Aber, wir wollens langweilig. Wir wollen Sicherheit. Wir klären mit dem Fremden alles ab. Wir wollen keine Überraschung erleben. Wir wollen Langeweile.

Morgens aufzuwachen und plötzlich ohne Geld, Papiere, Auto vielleicht sogar Klamotten da zu stehen, das wäre Spannung. Wir wollen Langeweile! Wir minimierten die Wahrscheinlichkeit von Überraschungen. Wir sicherten uns ab. Das Ergebnis: der üblichen Langeweile entkommen wir nicht.

Das Sicherheitsverhalten, die Langeweile besteht unser ganze Leben hindurch. Furchtbar! Pervers geradezu! Was soll das? Andere müssen um ihr täglich Brot betteln und wir langweilen uns? Fahren in den Urlaub?

Eine Gewissensfrage, dachte ich. Mein Gewissen war jetzt schlecht. Sehr schlecht sogar. Es war so schlecht, dass dieses Sicherheitsverhalten: nur alles genau absichern, damit nichts unvorhersehbares geschehen kann, mich in diesem Moment ungemein ankotzte! Unsere ganze Tour: geplantes Ziel Griechenland, die wir gerade unternahmen, die reine Perversion! Nur aus der Langeweile heraus! Unsere Motivation zu der Reise, alles: Langeweile! Schlimm!

Warum blieben wir nicht in München? Passten wir dort nicht am besten hin? Wir sprachen nie über das Ausland, in das wir reisten. Wir bereiteten uns auf die Menschen dort nicht vor. Was wollten wir dort? Wir sprachen eine andere Sprache. War es nur die Wärme, das schöne Wetter, das warme Meer? Reichte das als Grund?

Wir hofften auf Erholung!

Das war es.

Endlich, ich atmete auf. Ich lehnte mich zurück und sah hinaus. Ich sah grüne Wiesen, helle Maisfelder flogen vorbei. Jetzt wollte ich an Mais und Wiesen denken.

Es ging nicht.

„Wie denkt man nicht ausgerechnet das, was man gerade nicht denken will?“

Ich dachte weiter: Wir wollten nur unseren üblichen Stiefel durchziehen und hofften darauf, uns dabei auch noch zu erholen. Aber warum zu diesem Zweck soweit weg fahren? Ich fragte nach einem winzigen weiteren Grund der Reise. Ich konnte nichts mehr finden!

Was war hier interessant?

Ich war völlig phantasielos. Dann litt ich darunter, dass die ganze Welt so schlecht war: an jeder Ecke Krieg und Umweltzerstörung, Mord und Vergewaltigung. Und mir ging es so gut, dass ich mich langweilte! Es war pervers, das in den Urlaub fahren. Und überhaupt, warum ausgerechnet Urlaub, und warum mit diesen Leuten, meinen Schulfreunden?

Urlaub kannte ich als Erholungsphase, dringend erforderlich, um den Alltagsstreß und Alltagstrott zu bewältigen. Aber warum brauchten ausgerechnet wir Urlaub?

Wir, die wir nur die Schulbank drückten! Eigentlich sollten wir darum dankbar und froh sein!

Wovon mussten wir uns erholen?

Unser ganzes Schülerleben war doch die reine Erholung!

Wir hatten doch nichts vernünftiges, geschweige denn verantwortungsvolles zu tun, von dessen Belastung wir uns zu erholen hätten!

Der Song „come on baby light my fire“ von Jim Morrison war beendet. Moritz schickte sich an, das Band zu wenden. Die Seite B, welche er bereits in vollen Zügen genoss, wollte er noch einmal hören. Rolf hielt die Tachonadel exakt auf 80. Harry schaute nicht mehr starr, sondern interessiert zum Fenster hinaus.

Plötzlich hörte ich mich laut und deutlich fragen: „Warum fahren wir hier eigentlich herum? Was soll das Ganze?“

Erst nach dem Sprechen merkte ich, dass die Frage wie aus einer anderen Welt klang. Sie war unfassbar unpassend, zusammenhangslos, unverständlich, verunsichernd. Sie war nicht ernst zu nehmen.

Sofort lachte Rolf lauthals los. Versehentlich riß er das Steuer nach rechts. Korrigierte sofort. Lenkte den Wagen vom Pannenstreifen zurück auf die Spur.

„Bist du besoffen? Hast du etwas geraucht? Haben wir doch ein paar Grämmer Shit dabei? Ich dachte, Drogen hätten wir nicht an Bord.“

Für den König war das also keine ernste Frage.

Harry blickte mich interessiert an, sagte jedoch nichts.

Niemand sagte etwas. Keiner nahm meine Frage ernst. Das beruhigte mich. Ich hatte nur laut gedacht. Versehentlich.

Nils beschäftigte die Frage. Erst fünf Minuten später, die Musik von Moritz beschallte in voller Lautstärke das Auto, sagte er:

„Ja genau, das finde ich auch interessant. Was soll diese Tour hier eigentlich?“

Der König konnte nicht vom Thron, seinem Volk ins Gesicht springen. Er musste das Lenkrad seiner Kutsche halten. Sein Lachen presste er in sich hinein. Das ging nur kurz. Die Kutsche musste er stoppen. Deshalb lenkte er diesmal absichtlich auf den Pannenstreifen. Er bremste das Fahrzeug ab, schaltete die Warnblinkanlage ein, den Motor aus, zog die Handbremse an. Erst jetzt ließ er seinem Bedürfnis freien Lauf. Er lachte. Unkontrolliert. Es war ein Anfall. Der König außer sich, schockiert. Das Lachen war es, mit dem er die Fehler seiner Getreuen und Ungehorsam und Unverständlichkeit seines Volkes ertrug. Das Lachen strengte an, es nervte, es war nicht lustig, höchstens man erlebte es betrunken. Wir waren nüchtern. Die gleichen Lachtöne wiederholten sich grausam oft. Sie rollten auf ein Neues an, wo man auf ein Ende hoffte. Sie kamen von Tief unten und wollten ganz oben heraus. Sie überschlugen sich in der Luft, prallten an der nahen Wand ab und erreichten das Ohr erneut, etwas leiser. Doch das entspannte nicht, denn sie vereinten sich vorher mit neuen monotonen Lachtönen, welche die Wand noch nicht erreicht hatten. Ein grausames, ohrenbetäubendes Schauspiel!

Nils überbrüllte das Lachen angesäuert: „Es ist unglaublich wie schwachsinnig du lachen kannst!“

Sogar Moritz stellte seinen Doorssound ab. Die Mischung war zu grausam.

Nils fragte ruhiger: „Welche Dinge gibt es, die dich so amüsieren? Die ich übersehe? Was ist das, was ich nicht sehe, wegen dem du so lachst?“

Das hörte Rolf nicht. Er lachte.

Nils: „Dann muss ich halt warten, bevor ich beginnen kann, mich ernsthaft mit euch über meine Frage zu unterhalten!“

Moritz drehte sich ungläubig zu Nils nach hinten. Kein schelmiges Lächeln. Keine roten glänzenden Fäustlingsbäckchen, die er heraus drückte. Keine freudig funkelnden, großen braunen Kinderaugen. Der Blick eines beleidigt fragenden Jugendlichen, dem man seine geliebte Musikkassette weg nehmen will.

Auch Harry richtete seinen Blick fest auf Nils. Er war wieder erstarrt. Am liebsten hätte Harry gesagt, dass Nils seine blöde Klappe halten soll. Ihm lag nichts daran, dass der Fahrer einen Lachkrampf erlitt. Er wollte die Pause auf dem Pannenstreifen am wenigsten. Er wollte nämlich schnell nach Dubrovnik. Er sagte nichts.

Trennung

Der Kaffee schmeckte grauenvoll, er sah dünn aus.

Ein langer Typ in einem grauen Anzug fegte draußen auf dem Gehsteig ein kleines Häufchen Abfall vor sich her. Dazu benutzte er einen, aus dünnen Ästen gebundenen, Besen. Neben einem Mülleimer ließ er den kleinen Haufen liegen und begann von der anderen Seite des Gehsteiges. Er fegte noch ein Häufchen zusammen. Dieses Häufchen fegte er auf ersteres zu. So vereinten sich die beiden Häufchen. Sie fanden sich zusammen. Die Plastik- und Papiertüten, Eisstiele, Coladosen und Hozstöckchen und Flaschen, die Plastikbecher und Fastfoodtüten. Sie lagen ineinander verwunden, verschlungen, zusammen geknüllt. Als gehörten sie schon immer zusammen.

Plötzlich geschah etwas grausames. Das gerade noch friedlich liegende Häufchen begann zu rauchen. Dunkle feine Qualmstriche stiegen aus ihm empor. Jetzt erst sah ich ein kleines loderndes Flämmchen zwischen den Blechdosen aufflackern. Papier und feine Holzstöckchen verbrannten. Klein lodernd und schnell. Dunkler Ruß ergraute, schwärzte die roten Blechdosen und grünen Glasflaschen. Sie wollten nicht brennen. Sie konnten nicht. Trotzdem loderte das Häufchen leicht weiter. Grau saß der Täter daneben auf dem hohen Bordstein. Er zog an seiner Zigarette. Sein Werk betrachtete er nicht. Er starrte müde vor sich hin. Sein Blick fiel auf den grauen Asphalt. Sein Besen ruhte neben dem lodernden Häufchen. Jetzt rollten erste Dosen und Flaschen auseinander. Die Umschlingungen lösten sich. Sie zerfielen in Asche. Der graue erhob sich qualmend. Er nahm den Besen. Erneut fegte er zusammen, was jetzt nicht mehr zusammen bleiben wollte.

Ich beobachtete das. Blickte durch ein milchiges, schmutziges Fenster. Nippte an der Kaffeetasse und rauchte eine Zigarette.

Harry sagte, dass er sich nun entschieden hat. Ihm reichte es. Er wollte nicht noch Stunden warten. Er wollte nach Dubrovnik. Schnell. Rolf verließ mit ihm das Fastfoodrestaurant. Beide standen vor dem weiß beschmierten VW-Bus. Er gab ihm seinen Rucksack, seinen Schlafsack und sein Zelt. Schüttelte die dünne bleiche Hand. Zog den Ausweis aus seinem Geldbeutel. Gab auch den zurück. Schüttelte nochmal. Rolf lächelte kurz, gezwungen. Harry blieb starr, warf den Rucksack auf und ging. Benzingeld zahlte er nicht, das war klar. Er saß nicht einmal hundert Kilometer bei uns im Bus. Vorher sagte Harry: „Ich werde mir einen anderen Lift besorgen. Dann rufe ich meine Oma an und gebe ein neues Nummernschild durch“.

Dann sah ich beide. Sie bewegten sich langsam am lodernden Feuerchen vorbei. Harry gestikulierte mit beiden Händen. Drehte sich immer wieder zu Rolf. Er verstand nur Bahnhof. Rolf schüttelte den Kopf.

Drinnen saßen wir, bei ganz schlechtem Kaffee. Wir diskutierten.

Es ging um Nils. Er saß auf einem alten, wackligen Holzstuhl. Beide Arme lagen auf der runden grauen Tischdecke. Seine Hände umklammerten den grünen Kaffeebecher. Dampf stieg aus dem auf.

Er sagte, er hat keine Lust mehr. Es reicht ihm. Die Tour sei nichts für ihn. Er wusste es schon vorher, wollte es nicht glauben. In Giesing in der Kneipe, mit mir und Rolf, ließ er sich nochmal überreden. Er nahm das an. Machte es zu seiner Wahrheit. Doch es ging nicht. Er log. Das wisse er erst jetzt.

Nils sah traurig aus. Er sprach langsam. Er schaute in seinen Becher.

Er hat alles wegen seinem Gewissen getan. Es ist schlecht geworden, nach dem Säuferabend in Giesing. Er wollte mit seinen Sollner Freunden weg. Jetzt war er hier. Er merkte erst jetzt, dass das nicht gut ist. Weil es nicht zusammen passte. Er spürte, wie es ihm schlechter und schlechter ging. Während der Fahrt. Deshalb stoppte er den Fahrer. Bat ihn, er solle diese Raststätte ansteuern.

Er machte einen Fehler. Er ließ sich was einreden. Er achtete nicht auf sich selbst. Er hörte nicht, was sein Körper sagte. Sein schlechtes Gewissen überrumpelte ihn. Wegen Rolf fuhr er mit. Er ließ sich fest nageln. Er sah ein Chaos in seinem Kopf. Wirwarr. Er wollte an der Cote Azur beraten. Jetzt saß er an der Österreichischen Autobahntankstelle. Mit uns. Das war grausam. Es stimmte ihn traurig. Deshalb war es für ihn schlimm.

Moritz lag auf der Eckbank. Er döste vor sich hin. Die Augenlider geschlossen. Sie zitterten und zappelten. Er zwang sich so zu liegen. Auf dem Rücken. Seine Hände unterm Kopf. Zusammengefaltet. Die Füße angewinkelt. Aufeinander verschränkt. Jedes Wort von Nils hörte er. Er zwang sich, noch zu schweigen. Er verstand die Worte, und kapierte sie nicht. Er richtete sich kurz auf. Zuzelte an seinem Strohhalm, fiel zurück auf die Eckbank. Die Lieder blieben geschlossen. Zitterten. Er blinzelte leicht unter ihnen hervor. Sah nur die grüne Flasche auf dem Tisch.

Der Hofnarr war dem Volk nahe. Ok. Aber, der Hofnarr versetzte sich nicht in das Volk des Königs. Nicht wenn es so sprach. Diese Worte aus dem Volk waren zu anstrengend. Traurig?

Der Narr musste lustig sein. Er musste unterhalten. Er musste Ideen haben, die König und Volk unterhielten. Er musste lebendig sein, wenn König und Volk sich langweilten wenn sie traurig wurden oder gar starben.

Doch was war mit dem Narren jetzt?

Da saß doch einer und sprach. Traurig. Er langweilte sich mit uns. Er war frustriert. Er war das Volk.

Warum hüpfte der Narr nicht herum? Schnappte den Traurigen und tänzelte mit ihm durch das Lokal? Warum schlug er kein Wagenrad für ihn, sprang nicht zur Decke, warf nicht mit bunten Bällen um sich?

Plötzlich erhob sich Moritz. Stützte sich mit den Ellenbogen auf die Eckbank. Schaute zu uns. Seine Backen drückte er nicht heraus. Seine Nase sah ich. Seine Augen glänzen nicht. Seine Stirn plötzlich faltig! Einatmen durch den leeren Mund. Seine Stimme erhob sich aus der Tiefe, sie brüllte laut und dunkel:

„Das ist allerdings echt zum Abkotzen! dass du jetzt plötzlich, nachdem wir bereits einen Tag im Auto hinter uns haben, deine Sollner Juppifreunde als Argument gegen unsere Tour bringst! Du tust, als wärst du ein armes abgeschlachtetes Opferlamm! Dieser Mist hätte dir wirklich früher einfallen können!“

Es war die Mine eines wütenden Heranwachsenden. Seine Kassette war geklaut! Einfach weg. Jetzt musste er grimmig am besten aggressiv wirken. Was er sagte, war sein Ernst. Es war nicht der Schelm. Aber, seine Frisur? Sie passte auch nicht zum ernsten, beleidigten Heranwachsenden. Sie stammte von einem Hund, der ausgestellt wurde. Der springen sollte. Dem sein Herrchen sagte: „spring jetzt! spring jetzt endlich, du feiges Viech! Wir wollen einen Preis gewinnen!“

Ein Boxer? Mit so einer Mähne? Nein. Irgend ein kleiner. Eine Promenadenmischung. Erst in Jahren erweist sich, welcher es werden sollte.

Auch Nils erwartete die Regung von Moritz nicht. Er erwartete den Narren. Trotzdem verlor er seine Traurigkeit.

Seine Absicht formierte sich.

Er sagte: „Das übliche in Leben. Hinterher ist man immer schlauer als vorher. Das ist jedem zu zu gestehen. So geht es eben auch mir. Ich spürte nach dem Abend in Giesing eben nicht, dass ich lieber mit meinen Sollner Kumpels weggefahren wär. Rolf überzeugte mich. Vielleicht zog er mich auch einfach über den Tisch!“

Da war der König wieder:

„Aha jetzt bin ich also Schuld daran! Dir fällt jetzt erst ein, dass du in Wahrheit keinen Bock hast, mit uns zusammen weg zu fahren! Und ich hab dich über den Tisch gezogen! Klar! So einfach kann man sich’s natürlich auch machen!“

Der König saß auf seinem Thron. Er musste etwas für sein Volk vorschlagen. Wie sollte es weiter gehen?

„Rolf, Moritz und ich finden diese Tour hier ganz gut. Wir wollten miteinander weg fahren. Du hast inzwischen eine Art Legitimations- und Sinnkrise. Du fragst nach dem Sinn von Urlaub mit uns. Ich hab dich davon abgehalten, dich frei zu entscheiden? O.k., kann sein.“

Eine Sprechpause des Königs. Er erhob sich. Stützte sich mit den Fäusten auf den Tisch. Sein Gesicht war rot. Seine Ohren auch.

Er sprach leise, denn sein Volk saß nahe:

„Um nicht den Rest unseres Urlaubs auf dieser Tankstelle zu verbringen schlage ich vor, dass wir eine bestimmte Uhrzeit ausmachen zu der sich alle, die damit einverstanden sind, die Reise fortzusetzen, am Auto treffen. Klar muss sein, dass dieses Thema damit erledigt ist. Wer zu der vereinbarten Zeit nicht da ist, fährt einfach nicht weiter mit!“

Das war des Königs Vorschlag und sein Urteil.

Der Hofnarr sprang auf, um es zu feiern.

Wieder knallten Sektkorken, ohne dass ich sie sah. Er hüpfte von seiner Bank. Turnte um den Tisch. Versuchte ein Rad zu schlagen. Der Boden war zu glatt. Er rutschte aus. Versuchte sich am Tisch zu halten. Ergriff die Tischdecke. Stürzte zu Boden. Der König stand immer noch aufgestützt am Tisch. Nur sein Gewicht hielt die Decke, verhinderte eine kleine Narrenkatastrophe. Der Narr beachtete sein Missgeschick nicht weiter. Er zog sich am Tischbein hoch. Er zappelte neben seinem König. Er plärrte:

„Super! Bin absolut damit einverstanden! Sagen wir zwölf Uhr Mittags: Abfahrt! Das ist eine gute Uhrzeit! Ich kenne sie aus Filmen! Toll! Eine Zeit zum Handeln!“

Aus dem Gesicht des Königs wich langsam die rote Farbe. Es war die Erregung. Sie schwand.

Zunächst war der König nicht sicher, ob sein Volk folgen werde. Der Narr unterstütze ihn. Der Narr kannte das Volk. Der König stand entfernt vom Volk. Das Volk folgte.

Nils verließ das Fastfoodrestaurant. Ich sah ihn draußen. Langsam ging er an dem grauen qualmenden Häufchen vorbei. Der Besen lag am Bordstein. Der Graue saß noch da. Er rauchte. Nils bückte sich. Der Graue gab ihm Feuer.

Drinnen begann eine muntere Diskussion. Thema: Geld. Wir drei wälzten unsere Reisekassen. Es ging um Benzinkosten, Campingplatzgebühren, Mautgebühren. Nicht um die Entscheidung des Königs. Ein neuer Tramper sollte gefunden werden.

 

Der Vormittag an der Tankstelle endete um zwölf Uhr. Nils stand am Bus. Der König sperrte den Wagen auf. Nils nahm seinen Rucksack heraus. Er sagte: „Tschau liebe Leute und noch viel Spaß“. Jedem von uns schüttelte er die Hand. Er wandte uns den Rücken zu. Auf dem Gehsteig ging er zum Grauen und seine lodernden Häufchen.

Nils, allein in Wald und Gebirge

Nils erzählte später, dass er zwei Tage und zwei Nächte an der Tankstelle herumlungerte. Dann nahm ihn endlich ein Österreicher bis Salzburg mit.

Im Salzburgerland stieg er einsam hinauf. Er war Wochen unterwegs. Er wanderte und kletterte einsam im Gebirge herum. Dabei dachte er klar. Er wollte auch nicht mit seinen Sollner Kumpels in den Urlaub. Es war eine billige Notlüge. Er schob sie an der Tankstelle vor.

Harry der Tramper beeindruckte ihn. Der war einfach allein unterwegs. Er brauchte niemand. Dabei ging es ihm gut. Er war munter und sprach lustig von seiner angeblichen Oma. Er hatte kein Ziel, außer Dubrovnik. Er ließ es auf sich zu kommen. War offen und dabei allein.

Das hat er nie in seinem Leben getan. Dann sagte „sein Inneres“: tu es! Der Zeitpunkt ist gut! Sehr gut sogar!

dass er ungünstig war, mag sein. Die Freunde reisten ohne ihn weiter. Es war getan. Er war völlig auf sich selbst gestellt.

Es regnete ihn an der schmutzigen, windigen, kalten Tankstelle zwei Tage lang voll. Er ärgerte sich über den Gestank, die lauten Autos. Keiner nahm ihn mit. Er triefte von kaltem Regenwasser. Im Bus von Rolf war es trocken und warm. In Griechenland war es sonnig und heiß. Er fror.

Das Laufen im Gebirge strengte an. Nach zwei Tagen schmerzten seine Beine. Blasen und Muskelkater. Seine Kräfte waren gering. Seine Lunge verraucht. Tief atmete er durch. So setzte er einen Fuß vor den anderen. Er zwang sich nicht, bewegte sich, wie der Schmerz es zu ließ. Er musste keinen Pokal gewinnen, nicht als erster am Ziele sein. Das Ziel lag weit, es war noch garnicht gesteckt.

Er hörte, was geschah. Das rauschte und knackte. Es flatterte und huschte. Tiere, die raschelten, andere die flogen und piepsten. Äste zerbrachen. Auch er tapste, raschelte dabei, knisterte und krachte. Wind strich vorbei, Blätter flogen herab. Der Weg hellbraun vom Laub des letzten Herbstes. Sonnenstrahlen drängten durch das Walddach. Erreichten den feuchten vermoosten Boden um die Baumwurzeln.

Der Dauerregen war vorbei. Der nasse Boden trocknete.

Das Waldleben lief ruhig, obwohl es huschte, knackte und raschelte. Das gehörte sich so. Er passte sich der Ruhe an. Das tat er gern. Hier wollte er nicht der Störenfried sein. Warum auch? Es war die normale Waldruhe. Er konnte sie lassen. Er genoss sie sogar.

Einmal hoppelte er wie ein Hase, dann sprang er wie ein Reh. Er saß wie ein Käfer, knabberte sein Brot. Wie ein Eichhörnchen kletterte er, saß auf dem Ast und blickte hinunter. Groß war er und dann wieder klein. Er war fremd im Wald, passte sich an und gehörte ein wenig dazu.

Am Waldrand im Wind stand er und lachte. Seine Hand stützte ihn am Baum. Die steil abfallende Blumenwiese blickte er hinunter. Hob seinen Rucksack vom Boden auf und schnallte ihn um. Durch die Blumen, das grüne hohe Gras rannte er hinunter, stürmte unten wieder in den Wald. Seine Beine trugen ihn. Seinen Rucksack konnte er tragen. Er trug alles, was er brauchte.

Nachts lag er am Waldrand auf der Wiese. Der Wald machte ihm im Dunklen ein wenig Angst. Der Rand eröffnete einen weiten Blick hinab ins leise rauschende Tal. Und hinauf zum klaren Sternenhimmel. Die Sicht war hell und offen. Der dunkle Wald lag neben ihm. Es konnte nichts geschehen. Auf dem Rücken lag er, schaute nach oben. Aus dem Wald hörte er das Rascheln und Laufen, ein Kratzen, ein Nagen, ein Piepsen, ein plötzliches Hüpfen. Von der Wiese hörte er ein Rauschen. Es trug den Blumengeruch heran. Oben sah er helle Wolkenfetzen, sie zogen. Die Sterne blinkten. Langsam zog der Mond hinter einer Bergkette hervor.

Einsamkeit. Alles lebte.

Um das zu erleben, brauchte er Szenen, wie an der Tankstelle. Sie durchbrachen die langweilige Bahn. Sie scherten aus, aus der Linearität. Seine Linearität. Der hektische Lauf des Stadtlebens war ihm irgendwie doch zu ruhig, zu gerade. Er liebte Szenen, wie an der Tankstelle. Sie mussten kurz und ergebnisreich sein. Auch wenn sie traurig aussahen. Abschiede sind immer traurig. Doch er sieht seine Freunde wieder. Es war kein Abschied für immer.

Er verhielt sich „unkonventionell“! Er leistete sich solche Abschiede. Er musste noch keine vierzig und mehr Stunden in seinem Beruf „rackern“! Alltagstrott ertragen. Noch konnte er ausbrechen! Er tat es.

Und: Der Preis dafür sah hoch aus! Von Außen betrachtet! Es sah trübselig aus, wie sich die Freunde an der Tankstelle verabschiedeten. Wie sich alles entschied, als müsse es so sein. Es musste auch so sein! Doch dieses Bild war der Preis! Das war alles! Teurer wurde es nicht!

Jetzt lag er in der klaren Sternennacht am Waldrand. Er sah alles, hörte alles. Er freute sich, er lachte, er fühlte sich wohl, es ging ihm gut. Das war der Lohn! Er genoss ihn. Er gestaltete ihn.

Er ging langsam, er ging schnell. Er stieg hinauf, stieg hinab. Er lag, er sah, er sah die Ferne und sah das Nahe, den winzigen Käfer auf dem Waldboden.

Was war hier unkreativ? Nichts. Alles lebte, bewegte sich, tat wie es tun musste. Er stieg hinein und mischte mit. Seine Kreativität spürte er. Er musste nichts schaffen, was er später in der Hand hielt und sagte: „Hier Leute, schaut mal, das habe ich geschafft!“ Was er tat musste nicht sichtbar werden. Niemand musste es sehen. Es musste nicht schwer wiegen. Es musste kein bestimmtes Gewicht, keine bestimmte Größe erreichen, damit es Anerkennung fand. Seine Kreativität war, wie er war, wie er den Tag lebte. Was er sah, was er hörte, was er beachtete. Wie er lief, wo er sich setzte. Wo er verweilte. Was er tat blieb unsichtbar. Nichts zum Vorzeigen. Nichts zum Verkaufen. Nichts zum Messen.

Wie leicht es war, dabei zu sein. Im Wald, auf der Wiese, im Mondschein unterm Himmel voll mit Sternen. Er machte mit, lebte und kochte spärlich. Hinterließ keine Spur seiner Zivilisation. Machte Feuer das er benutzte und wieder löschte. Trug Wasser das er brauchte. Er trank es. Aß, was er essen musste. Er hatte Hunger. Er spürte den Hunger.

Durch den Wald ging er und piepste dabei, wie die Vögel, die er hörte. Er trainierte nicht sein Anpassungsverhalten. Er machte es nicht wie in der Schule. Er tat nichts, was die Medien ihm sagten. Er dachte nicht daran.

 

Nils irrte im Gebirge herum. Ziellos. Begeistert von grünen Blättern, brauen und schwarzen Rinden. Rauschenden Bäumen. Knacksenden Hölzern.

Er bestieg die hohen grauen Felsen. Fest griff er zu. Seinen Körper zog er hinauf. Seine Muskeln spannten. Später schmerzten sie. Er sah hinunter in die Tiefe. Graue zerfurchte Felswände vielen steil hinab. Gamsböcke und Bergziegen bewegten ihre Mäuler. Winzigste Grasbüschel am Gipfel, kleinste Büsche rissen sie zerrend ab und ließen sie sich schmecken. Sie schnupperten an seiner Hose, an seinen dreckigen Schuhen.

Er saß im kühlen Wind. Rings herum war der Himmel blau. Verstreute Dörfer und Städte lagen unten, plötzlich nicht mehr zu hören. Lange dicke Striche durchschnitten das Land. Es lag flach zwischen immer steiler ansteigenden, unten grünen, dann grauen Bergen. Je näher sie an den blauen Hintergrund gelangten, desto schärfer spitzten sie sich zu. Bis sie in den Hintergrund hineinstachen. Er stellte sich auf den Gipfel. Sein Kopf stach hinein.

Nils traf Julian

Nach vier Tagen, traf er, durch einen Zufall, auf einen Schafhirten. Er hieß Julian. Dem glaubte er nicht, dass er wirklich Schäfer war. Warum?

Nils glaubte an anderes. Schäfer gab es hier nicht. Sie waren Aussteiger. Ehemalige Hippies. Sie konnten mit dem zivilisierten Leben nicht mithalten. Sie stiegen aus. Sie stiegen in andere Breitengrade. Aussteigen hieß: nicht bei uns bleiben. Weit weg steigen!

Mit lebenden Schafen und Schäferstöcken hatte Nils nichts zu tun. Er wusste nicht, wie man Schafe zusammenhält, wie man sie zusammentreibt. Er hatte keinen Hund. Er kannte keinen Schäferhund, der Schäferhund war, weil er Schafe hütete.

Urteilen, verurteilen, aburteilen, beurteilen, vorurteilen, das war Nils.

Trotzdem war Julian Schäfer. Trotzdem lebte er nicht in anderen Breitengraden. Und er hatte einen Schäferhund, der Schafe hütete, der ihn ständig begleitete, den er liebte.

Unglaublich für Nils: Julian lebte schon immer dort! Hatte eine Hütte und eine Höhle und ein kleines Feld und seine Hündin und seine Schafe und eine kleine Koppel. Schon immer war er Schäfer, schon immer lebte er in den Bergen. Hippies kannte er nicht, er war keiner. Aussteigen kannte er nicht, er war Schäfer, wie sein Vater, wie sein Großvater.

Julian war Österreicher, liebte seine Heimat, in der er schon immer lebte. Er züchtete seine Schafe in seinem gebirgigen Heimatland.

Julian war ein gewöhnlicher Schäfer, lebte in der Natur, die seine Heimat war, hatte Gründe so zu leben. Seine Familie lebte so. Schon immer. Nie lernte er etwas anderes. Er wuchs mit Schafen auf. Nichts anderes interessierte ihn. Zumindest beruflich.

Die Zivilisation kannte er schon. Er stieg regelmäßig hinab ins Tal. In Hinweiler, seinem Heimatdorf kaufte er ein und trank an der Theke im Hotel Zur Post einen Schnaps. Dort sah und hörte er die Zivilisation. Man kannte ihn aber traf ihn selten.

Vieles erfuhr er aus dem Radio. Ein kleiner Empfänger in seiner Hütte. Er verriet, was unten im Tal und auf der Welt los war.

Warum sprach er nicht den Österreichischen Dialekt seines Vaters?

Der Vater war seit einem Jahr tot. Im Radio hörte er kein Österreichisch, nur selten. Er übte Hochdeutsch. Er sprach viele Sprachen. Nicht ausländisch. Es waren Dialekte, unterschiedliche Dialekte und Hochdeutsch. So verbrachte er seine einsame Freizeit. Er hatte viel Zeit. Er sprach mit Assya, seinen Schafen und sich selbst. Und manchmal mit dem alten Förster. Er liebte es, verkleidet zu sprechen und er liebte es, sich selbst zu verkleiden und sich zu maskieren.

 

Nils war froh, nach Tagen jemanden zu treffen. Er freute sich über das Zusammentreffen. Er verstand Julians Sprache. Er fühlte sich inzwischen ein wenig einsam. Zwei Tage und zwei Nächte traf er keinen Menschen, sprach mit niemandem.

Julian beeindruckte ihn. Wie der Wald, wie die Wiesen, wie die Berge. Er sah diesem alten Mann in sein faltiges, schmales Gesicht. Er dachte: Der muss nichts mehr lernen! Der ist alt! Der kann schon alles! Warum dachte Nils an Lernen?

Ihm fiel sein „schulischer Trott“ ein. Der ärgerte ihn. Er war jung und musste lernen. Seine grauen Gehirnzellen kratzten in seinem Kopf herum. Das taten sie so lange, bis sie irgendwo Zugang fanden. Sie nisteten sich ein. Sie lagerten zwischen, bis sie in schulischem Trott abgeprüft wurden. Danach hüpften sie wie Kobolde durch sein Gehirn. Sie schlugen gegen die Wände der Windungen und zerstörten dabei einiges. Gehässig lächelten die kleinen Grauen. Kreischend sprangen sie in eine riesige schwarze Blechtonne. Scheppernd stürzten sie hinab. Manche krallten sich innen am glatten Rand fest, versuchten wieder hinauf zu klettern. Es gelang nicht. Andere flogen von oben nach. Sie rissen die kletternden laut scheppernd mit in die Tiefe. Es war eine Mülltonne. Sie füllte sich täglich. In einer Ecke stapelten sich die vollen Tonnen. Die Grauen in den Tonnen lagen tot. Helfergraue versiegelten die Tonnen mit Schweißbrennern. Sie wuchteten sie auf die Stapel. Der Lagerplatz war begrenzt. Die Endlagerstätte bald überfüllt. Neue Graue, vollgestopft mit neuem Wissen brauchten einen Endlagerplatz.

Der Kopf des alten Julian musste über und über gefüllt sein. So alt wie der aussah! Trotzdem fand er noch Platz, Nils zu zu hören. Er interessierte sich für den Fremden in seinem Gebirge. Julian fragte, antwortete, erzählte, hörte zu.

 

Seine Schäferhütte war spartanisch eingerichtet. Wenig Mobiliar. Ein Holztisch in der Ecke. Eine Eckbank. In der Mitte ein Trog. Groß genug für einen Menschen um darin zu baden. Daneben ein großer alter Ofen. Der Großvater schleppte ihn zu Beginn des Jahrhunderts, zusammen mit anderen Schäfern und einem Lastenesel, aus dem Tal herauf. Das Ofenrohr ging nach oben durchs Dach hinaus. Niedrig. An Balken schlug sich Nils den Kopf an. Er vergaß sich zu bücken.

Draußen: Idylle. Saftig, grüne Bergwiesen. Ein umzäunter Getreideacker neben der niedrigen Hütte. Eine flache Wiese vor der Hütte. Eine gemütliche Bank vor der Hütte. Ein Plateau. Hoch oben, versteckt, weit hinter dem Bergwald. Weit abgelegen von den gewöhnlichen Pfaden eines Wanderers. Herrlicher Ausblick auf benachbarte Gipfel. Weitsicht. Hinter der Hütte eine riesige steile Felswand, die sich majestätisch erhob. Stand man vor ihr und blickte hinauf, sah man ihr Ende weit entfernt in den blauen Hintergrund stechen.

Ging man rechts entlang, kam man zu Julians Höhle. Sie war sein Lager. Lebensmittel, Holz, Heu, Stroh, Getreide. Kleidung aus Schafleder und Wolle, überhaupt, viel viel Schafwolle. Schafwolle und Leder steckte auch in der Hütte. Unter der Decke, an den Wänden, unter dem Boden. Es isolierte. Die Winter in den Bergen sind eisig. Stürmischer Herbst. Früher Schneeinbruch. Später Frühling. Kurzer idyllischer, trügerischer Sommer. Seine Schafe ließ er im Winter in die Höhle.

Ging man links entlang, stoppte man schnell, den das Plateau stürzte steil in die Tiefe. Man sah in eine dunkle Felsspalte.

Julian sagte: „Der letzte Wanderer kam hier vor drei oder vier Jahren vorbei“.

Julian war der letzte Schäfer in diesem Gebirgsteil. Das Leben war karg, der Beruf uneinträglich.

 

Julian sah aus wie ein Sechzigjähriger. So sah ihn Nils. Er trug einen Schäferbart. Bis zur Brust lang. Zerzaust. Ungepflegt, mit grauen Strähnen. Nicht wie ein Nikolausbart. Grau wie Schafwolle. Ein alter schwarzer Hut. Bogart. Darunter eine faltige Stirn. Graue Haare vielen seitlich aus dem Hut. Die rote Nase breit und rund. Seine Backen faltig, rötlich, herabhängend, zerfurcht. Kleine runde Augen, buschige Lieder. Braun. Kein Schäfermantel. Eine alte, zerschlissene Latzhose aus ehemals blauem Jeansstoff. Aufgerieben, durchlöchert und geflickt. Helle Lederfetzen. Ein Kariertes Hemd, rote Karos, alt, herunterhängend.

Er rannte abseits eines Wanderweges durch den Wald. Er versuchte es leise. Wollte wissen, ob er wie ein Reh übers Unterholz kam, ohne zu lärmen. Es knackte und krachte. Das Laub raschelte. Blätter wirbelten auf. Die Ruhe des Waldes war gestört. Er machte Lärm. Er rannte hektisch. In der Stadt wäre das leise gewesen. Im Wald war er ohrenbetäubend. An einem dicken Baum stoppte er. Hörte. Sein Rascheln und Knacken war verstummt. Er musste lange stehen, um das leise Rauschen des Waldes wieder zu hören.

Plötzlich, hinter seinem Rücken, schoss zufällig Assya die Hündin nah an ihm vorbei. Er erschrak. Sein Herz pochte, begann zu rasen vom Schreck. Rechts vom Baum sah er einen buschigen, grauen Schwanz übers Waldlaub fliegen. Assya jagte davon.

Der Erschrockene schwitzte heftig. Schweiß rann über die Innenseite der Arme, tropfte an den hängenden Händen hinab. War es ein Wolf? Ein Hund? Ein Fuchs? Wohin jagte es?

Nils rannte los. Es krachte und knallte unter seinen Füßen. Er war der Mensch im Wald. Es gab keine andere Möglichkeit. Er verfing sich im Unterholz, stolperte, stürzte. Er robbte auf allen Vieren, griff zur Baumrinde und arbeitete sich hoch. Zwei lange Beine machten ihn im Wald zu einem lahmen, stürzenden, unbeholfenen Wesen. Die Hände blutverschmiert, aufgerissen am scharfen Geäst. Er rannte weiter. Das Tier war längst weg. Nur die Spur, die Richtung in die der Schwanz verschwand, sah Nils. In seinem Kopf. Diese Richtung behielt er bei. Knackte, knallte, flog, rumpelte gegen Äste, Baumwurzeln, ganze Bäume. Stürzte über Büsche, blieb daran hängen, schlug kopfüber in einen Laubhaufen. Blieb, außer leichten Schürfungen, unverletzt, zog sich am Ast hoch, stürmte weiter. Unglaublicher Lärm, den er einfach ignorierte.

Das Ende: der Waldrand. Er stand oben. Trat blutend, dreckig, zerschürft, mit schmerzendem Knie heraus. Langsam schritt er am Waldrand entlang, sah was unten vor sich ging. Wischte mit der blutenden Hand an der Hose, danach im Gesicht.

Sein Schmerz lohnte sich. Es sah die Schafherde von Julian. Julian lag neben der Herde im Gras. Der Auslöser der panischen Jagd durch den Wald lag daneben. Ein Hund, grau wie ein Wolf.

Julian sah Nils sofort oben am Waldrand humpeln. Er stand auf, hob seinen Stock, winkte und rief: „he he, hallo hallo!“

Nils schrie runter, winkte zurück: „jaa, jaa!“ Er stieg durch die hohe Wiese ab. Er ging auf Assyas sichtbarer Spur.

 

Nils wusste nicht, was er von Julian wollte. Er blieb einfach bei ihm. Tagsüber wanderte er weiter durch die Wälder. Unbeobachtet übte er weiterhin, leise wie ein Reh zu rennen. Obwohl er wusste, dass es unmöglich war. Abends kam er zu Julians Hütte.

Sie saßen am Feuer, plauderten, aßen und tranken.

Romantik? Traumhafte Idylle? Etwas sehen. Vieles übersehen. Das war Nils.

Julian fühlte sich wohl in seinem Gebirge. Sein Leben genoß er. Die Ruhe brauchte er. Seine Schafe und seine Hündin liebte er.

Den Fremden lud er an sein Feuer ein. Er hörte ihm zu. Er wollte wissen, wer er war, was er im Gebirge wollte, was er dachte.

Nils sagte: „Ich weiß nicht was ich hier eigentlich will. Es könnte sein, dass ich hier bin, weil ich woanders nicht bleiben wollte. Vielleicht laufe ich gerade vor meinem Leben davon!“

„Das hört sich interessant an. Erstaunlich“, sagte Julian, „darüber müssen wir reden.“

Warum wollte Julian darüber reden? Nils hatte Tage mit niemandem gesprochen, und jetzt gleich so etwas gesagt. War Julian Esoteriker, Wunderheiler?

Nils kannte solche Leute nicht. Er wollte sie nicht kennen.

Warum sagte der Mann, den er nicht kannte, dass ihn das interessiert?

Daran war er, Nils, selbst Schuld!

Er hätte auf dessen Frage nicht solchen Quatsch antworten sollen. Vielleicht, so fürchtete er, ist der Typ wirklich Wunderheiler und will den „dicken Reibach“ machen. Die Geschäfte im abgelegenen Gebirge gehen für solche Leute nicht besonders gut. Da wird jeder einsame Wanderer, der in die ausgeworfene Schlinge tappt, sofort gefangen. Nils legte sich die Schlinge selbst aus.

„Guter Trick“, so viel es ihm wie Schuppen von den Augen: die Sache mit dem Hund, den man im Wald streunen lässt, bis ihm ein abenteuerbesessener Wanderer hinter her jagt.

Nils fand zurück in sein Leben. Es steckte voller Mißtrauen. Das Unbekannte war das gefährlichste. Es verunsicherte. Es durfte nicht sein. Wo es ging, beseitigte man es. Unsicherheitsfaktoren vermied man im Leben. Man schaltete sie aus, bevor sie einen ergriffen.

Die Erholung im Wald war vorbei. Die Einsamkeit war vorbei. Er begann wieder zu denken. Die Realität, wenn auch im Gebirge war zurück gekehrt.

 

Nils und Julian saßen mehrere Abende zusammen am Feuer. Sie sprachen miteinander. Nils erzählte die Story von seinen drei Freunden an der Autobahnraststätte und dem Tramper Harry.

Sie rauchten Julians Zigaretten. Den Tabak nannte Nils „Gebirgstabak Marke Eigenbau“. Eine neue Wortschöpfung für Julian. Er baute ihn neben der Hütte auf seinem Feld an. Dort wuchs er. Spärlich aber er wuchs. Nils schmeckte er. Es war die erste Zigarette aus echtem Österreichischem Gebirgstabak, die Nils in seinem Leben rauchte.

Julians Gesicht war rot in den Flammen. Die vielen Falten warfen leichte Schatten. Die Falten waren tief.

Er zog an der Zigarette. Er fragte: „Was willst du hier?“

Die Frage beantwortete Nils nicht klar. Er sagte zuerst nichts. Schwieg. Minutenlang. Starrte in die Flammen. Ohne auf zu blicken sprach er leise: „Ich habe das Gefühl in einem Film zu sein. Der Sinn ging verloren. Vielleicht gab es ihn auch nie.“

Patsch! Ein weiterer Fuß in der Schlinge des esoterischen Wunderheilers!

Julian antwortete: „Ich weiß nicht, was du damit meinst. Du vergleichst deine Situation mit einem Kinofilm. Ich kann dir nicht folgen. Ich war noch nie in meinem Leben in einem Kino.“

Noch nie in einem Kino gewesen! Unglaublich! Das konnte sich Nils nicht vorstellen.

Er sollte überlegen, wie es früher war, als auch er noch nie in einem Kino war. Das wusste Nils nicht mehr. Wie alt war er damals? Welcher Film war es? Keine Ahnung.

„Unglaublich!“, rief Julian, „das würde ich nie vergessen!“.

Ein Künstler

Julians Vorschlag war unvorstellbar. Nils dachte an einen Witz. Er saß am Feuer, lachte. Konnte nicht mehr sitzen vor Lachen. Stand auf. Lief um die Flammen. Hielt Bauch und Mund, wie sein Freund Rolf und lachte närrisch.

Der alte Greis Julian, mit tausend Falten im alten Gesicht wollte er sein? Wollte sich in ihn verwandeln? Lächerlich! Irrsinnig lächerlich, die Vorstellung!

Er, Nils würde gerne Julian sein! Ok. Der Wald, die Ruhe, die Berge, die Hütte, die Schafe, die Hündin Assya und Julian. Das alles gefiel ihm! Er kannte jetzt die Berge, Julian zeigte sie ihm. Er wusste jetzt, wie man Schafe hütet, wie man sie zusammen hält, wie man sie Abends zurück zur Hütte führt. Es machte ihm Spaß. Es entspannte. Der Lärm der Stadt, die Anspannung, der Mief, das fehlte ihm nicht. Gerne würde er bleiben. Doch, wie? Dieser alte Greis konnte nicht seine Rolle übernehmen! Sicher, er war nicht tattrig und klapprig. Er war beweglich. Wendig pirschte er im Wald einem Schaf hinterher, wenn eins flüchtete. Sofort sah er, wenn ein Schaf einem Felsspalt zu nahe kam. Er stürzte sich auf es, bevor es hinab stürze. Zerrte an Fell, Beinen und Schwanz, rettete das kreischende Tier vor dem sicheren Tod.

Er sah einfach alt aus. Sein Gesicht, gezeichnet vom gesunden Leben im Freien. Schon viele Jahre. Egal ob Sommer oder Winter.

Doch seine Idee war sein Ernst.

Tagelang führte er Nils durch die Berge. Spürte dessen Verunsicherung. Hörte die Worte, die er über die Stadt und sein Leben sprach. Hörte genau hin. Merkte, dass Nils sich bei ihm wohl fühlte, vielleicht sogar frei. Er sah, wie Nils sich in ein kleines Reh verwandelte, plötzlich geräuschlos hinter Bäumen hervor sprang. Wie ein Hase durch das Laub hoppelte. Hurtig auf einen Baum kletterte, um Wald und Berg von Oben zu überblicken.

Neben ihm stapfte Nils auf seinen alten Pfaden. Er zeigte sie Nils, wie das sein Vater tat. Wie sein Vater, blieb er mit Nils an jedem Hang stehen, wo vor Jahren ein Schaf hinunter stürzte. Er zeigte jede Höhle, die Unterschlupf bei Sturm und Gewitter bot. Erzählte die Geschichten vom Großvater, die er vom Vater hörte. Er sagte: „Stell dir vor, in dieser Höhle, hausten während des Krieges Menschen, die sich verstecken mussten. Mein Großvater führte sie her!“

Nils interessierte sich. Fragte nach jedem Detail. Wollte die Schafe scheren. Führte sie über steile Berggrate. Schwamm mit ihnen durch kalte Gebirgsflüsse. Zog sie einzeln an den Vorderfüßen über Felsbrocken, die den Weg durch enge Schluchten versperrten. Jede Wiese auf denen sie weideten sah er.

Glaubte er sich unbeobachtet, spielte er mit Assya. Tollte mit ihr durch den Wald. Warf Stöcke. Hoppelte wie der Hase. Spielte den Fuchs. Das war Nils.

Julian ahnte, worüber Nils sich ärgerte. Die Stadt. Die Zwänge. Die Strukturen. Die Ämter, denen er sich ausgeliefert fühlte. Das Stadtleben, ein unrhythmisches Hin und Her. Heute so, morgen anders, übermorgen ganz anders. Keine Harmonie. Keine Ruhe. Viele Häuser. Hohe Mauern. Viel Gestank. Und der Lärm. Unvorstellbarer Lärm!

Wie war das? Wie lebte man das? musste man es mühselig ertragen? Oder trug es sich von selbst?

Nils musste wegen seiner Idee lachen. Julian sah zu alt und verschrumpelt aus. Das war klar.

Warum war Nils plötzlich so naiv? Er passte sich dem Wald- und Wiesenleben des Schäfers an. Er öffnete seine Augen. Er sah alles. Fast. Seine Naivität öffnete ihn für alles, was Julian zeigte und sagte. Darauf konzentrierte er sich.

Sie verschloss seine Augen vor Julians Maskierung. Er sah ihn, wie er war. Wie er aussah. Alt. An etwas Trügerisches, Verunsicherndes, dachte er nicht. Die Natur war, wie sie aussah. Klar. Alles war, wie es war. Eindeutig. Julian lebte mit der Natur. Nils verschloss eine Schublade. Darin war Julian.

 

Julian wiederholte seine Worte: „Ich will wissen, wie du lebst. Ich will deine Stadt sehen, erleben. Ich verkleide mich. Ich gehe für dich zurück! Dann sehe ich es. Du bleibst hier. Du lebst für mich hier! Nur eine Zeit lang, dann komm ich wieder. Willst du?“

Assya stand auf. Wedelte ihren Schwanz wild. Rannte um die Flammen. Schnupperte an seinem Herrchen. Schnupperte an Nils. Hüpfte auf Nils Schoß. Sprang gleich wieder runter. Schlug ihm den Schwanz ins Gesicht. Schleckte sein Gesicht. Ihre Aufregung beunruhigte Nils. Abende lag sie ruhig. Jetzt sprang sie. Rannte, hüpfte, bellte. Es war Freude. Sie hatte zwei Herrchen. Nils war ihr vertraut. Die Hündin spürte das, bevor es Nils wusste.

 

„Aber wie soll das praktisch funktionieren? Es geht nicht einen Tag gut!“. Assya sprang ihn an, warf ihn um. Nils lag auf dem Rücken. Die verspielte Hündin stand über ihm und schleckte sein Gesicht. Nils ruderte, drehte sich und robbte im Gras. Rettete sich auf allen Vieren vor der Freude des Tieres. Beruhigte die Hündin. Setzte sich neben sie, streichelte und kraulte ihren Nacken. Nils war ihr Herrchen. Sie freute sich.

„Ich sehe anders aus als du. Ich habe ein viel schmaleres Gesicht als du. Du bist alt. Ich bin viel jünger als du!“

Julian stand auf. Hob Äste von einem Holzhaufen. Warf sie in das Feuer. Sofort flackerten helle Flammen auf.

„Wieso? Wie alt bis du denn?“

„Einundzwanzig Jahre jung!“

„Ich bin vierundzwanzig!“

Assya sprang jetzt Julian an. Der wehrte mit der Rechten ab. „Sitz!“ Das Tier saß. Julian kraulte.

Nils lehnte an einem Holzhaufen.

„Das glaube ich nicht. Du siehst älter aus. Viel älter.“

Seine Worte sprach er ruhig. Er wollte sich nicht aufregen. Er vertraute Julian. Was er sagte, musste stimmen. Die vergangenen Tage waren stimmig. Nils saß, schaute zu Julian auf, wartete gespannt.

Der Greis sagte: „Ich bin Künstler. Ein Teil meines Leben ist meine Kunst. Ich hüte meine Schafe. Pflanze meine Lebensmittel an. Pflücke im Wald Beeren. Koche aus meinem Getreide mein Gebirgsgofio. Das ist ein Teil meines Lebens.

Der andere Teil ist meine Sprache und mein Aussehen. Der alte Förster kommt alle zwei Monate. Er ist der Einzige, der mich hier oben besucht. Er erkannte mich nur einmal nicht. Aus der Ferne. Als er näher herantrat kannte er mich. Du erkennst mich nicht. Weil du mich nicht kennst. Für dich bin ich der Greis. Weil du mich nicht anders kennst.“

Assya saß neben ihrem Herrchen. Sie sah ihm aufmerksam zu. Ihr Schwanz lag nicht ruhig. Immer wieder wedelte er unruhig auf. So wartete sie. Es musste etwas kommen. In ihren Augen funkelte Vorfreude. Die rote Zunge fuhr ständig aus dem Mund, feuchtete die Nase.

„Ich bin Maskierungskünstler. Es macht mir Spaß, andere Gesichter zu tragen! Ich hab es für mich selbst erfunden. Meine Unterhaltung. Meine Freizeit. Ich tu es für mich. Ich lebe einsam. Keiner sieht es. Mir macht es Spaß!“

Unverändert lehnte Nils am Holzhaufen. Äußerlich.

Er spürte Verunsicherung. Zum Ersten Mal, seit seinem Anstieg ins Gebirge. Was war das für eine Kunst? Julian maskiert? Angabe? Kein Greis? Vierundzwanzig?

Nils Scherers Stadtdenken: Wo war er gelandet? Bei einem ausgeflippten Österreichischen Schafhirten? Ist die Gebirgsidylle echt? Perfekt nachgebildet? Animation? Julian vorgetäuscht? Computersimuliert? Alles Täuschung? Wie kam er hier her?

Ein Traum! Gleich das Erwachen! Im Traum denkt man nicht an Traum! Es musste kommen!

Es musste kommen! Nur noch wenige Sekunden.

Nils wartete.

Es kam nicht.

Der Traum ging weiter.

Plötzlich hielt Julian ein scharfes Messer in der Hand. In der Klinge blitzten die Flammen.

Nils saß regungslos.

Julian Schwieg. Nils schwieg. Assya wedelte nicht.

Schweiß lief aus den Achseln. Langsam. Eine kühle Bahn auf der Innenseite der Oberarme. Er tropfte herab an den Ellenbogen. Angewinkelt. Spitz standen sie über Nils Knie heraus. Seine Hände hielten seinen Kopf. Möglich, mit ihnen sofort die Augen zu verdecken.

Ein Messer!

Traum hör auf!

Hör endlich auf! Schluss! Aufwachen! Jetzt, sofort!

Nichts.

Nur Schweigen und Julian mit dem Messer. Knistern im Feuer, sonst Ruhe.

Kein Erwachen.

Julian stand regungslos.

Plötzlich hob das scharfe Messer. Richtete die glänzende Kling gegen sich. Der Hals, seitlich neben dem rechten Ohr.

Jetzt aufspringen Nils! Er darf das nicht tun! Im Sprung endet dein Traum!

Das frische Holz knisterte heftig. Funken flogen. Sonst Stille.

Nils blieb regungslos. Erstarrt.

Julian schnitt. Die scharfe Klinge fuhr in seine Haut. Er traf sie neben dem Ohr.

Nils saß. Tat nichts. Sein Mund weit offen. Spürte nichts. Nicht sein Gesicht, nicht seine Hände, nicht seine Beine. Nur den Schweiß, die Hitze seines Körpers. Sah was geschah.

Ein scharfer Schnitt um das Kinn. Der Bart löste sich, viel herab.

Nils zitterte. Heftig. Das kam plötzlich! Sein Kopf, seine Augen, seine Hände. Was spürte er noch? Nichts!

Plötzlich viel er auf die Seite. Wie ein Sack. Er lag. Reglos.

Julian ließ sein Messer fallen. Hüpfte Assya hinterher. Die schleckte schon in Nils Gesicht. Julian betastete den Hals. Die Ader schlug. Leicht. Leise röchelte Nils.

„Vielleicht bewusstlos“, beruhigte Julian Assya und kraulte sie.

Nils spürte nichts. Er war weg. Um ihn alles schwarz. Die totale Verunsicherung. Er schaltete ab.

Julian zog ihn vom Feuer weg. Legte seinen Schlafsack über ihn. Nils röchelte tief. Er schlief.

 

Es war keine Computeranimation, wegen der Nils zusammenbrach. Es war die Realität. Das Hobby Julians. Er demaskierte sich. Nils reagierte empfindlich. Spürte seinen Körper. War seinem Körper nah. Ließ die Natur an ihn heran. Nils verdeckte nichts. Ließ seinen Körper machen. Julian schockierte, verunsicherte schwer. Mitten in der Natur!

Nils schlief fest.

Stadtdenken von Nils Scherer: Wie in einem Horrorfilm! Ich hasse sie. Ich nehme die Fernbedienung. Ich schalte weiter.

Das geht nicht? Aha! Ich sitze im Kino. Ich vergaß!

Nein? Aha, eine dreidimensionale Computersimulation. Alles klar! Ich mitten drin in einer virtuellen Szene! Wahnsinn! Alles echt! Toll!

Trotzdem hasse ich Horror. Hasse Nervenflattern! Künstlich erzeugt! Einfach nervig! Ich hasse diese Unterhaltung. Diese miese Mystik. Diese irreale Darstellung.

Aber: Sie wirkt echt! Ich kann sie beeinflussen, bin voll dabei. Alles ECHT virtuell! Komm schon, tritt ihn nieder! Nimm ihm das Messer weg! Verhindere die Tat! Du kannst auch selbst Taten anrichten, wenn du willst!

 

Das war sein Ende. Er hob den Kopf. Die Nase voll Dreck. Grashalme wischte er weg. Das Feuer, ein riesiger Haufen Glut. Es funkelte. Es bewegte sich, wie ein rot glühender Haufen Ameisen. Hell und doch dunkel. Leichter Qualm stieg auf. Kein Knistern. Keine Geräusche. Nur ein Rauschen. Wie im Wald. Es war die Wiese, die Gräser rauschten im leichten Wind. Der war warm. Sommerlich. Am Himmel Wolken. Bedeckt. Keine Sterne, der Mond verschwunden. Finsternis, nur das rote Ameisenglühen. Er lag seitlich. Vom Schlafsack zugedeckt. Ein eigenartiger Tod. Ein Traumtod. Schmerzfrei. Unergründlich. Wie kam er? Wie war er? Wo spielte der Tod? Wo war er? Warum dieser Gluthaufen? Warum rauschende Gräser? Warum leichter Sommerwind? Warum Dreck auf der Nase? Warum Gräser in der Nase? Warum in seinem Schlafsack? Sein Kopf ging hoch. Ein Blick über die Glut. Absolute Finsternis. Spürte er Schmerzen? Spürte er irgend etwas?

Nein. Er lag matt. Er schloss die Augen. Der Schlaf ging weiter.

 

Nils saß hinten auf der Sitzbank. Neben Harry. Der sprach von seiner Oma. Sie war alt aber sehr lebendig. Sie beschützte ihn, kümmerte sich um ihn. Schon immer. Harry schaute Nils an. Blass war sein Gesicht. Er lächelte, schwärmte wegen seiner Oma, die er liebte. Die ihn stets rettete. Selbst diese Entführung wird er überleben. Die Oma holt ihn raus. Sie schafft es. Sie setzt alle Hebel in Bewegung. Es gibt viele Hebel. Die Oma kennt alle.

Ein Scheinwerfer blitzt durch die Windschutzscheibe. Nils geblendet, sieht nichts mehr. Harrys blasser Kopf weg. Einfach weg. Blut spritzt. Knallt an die Decke. Glassplitter schneiden in seinem Gesicht. Nils reißt die Arme hoch. Will die Augen schützen. Es geht nicht. Jetzt, ein lauter Knall. Rolf und Moritz fliegen an ihm vorbei. Rolf hält das Lenkrad in der blutigen Hand. Moritz hat einen Kopfhörer auf. Sein Gesicht blutig. Überströmt, die dicken Backen glänzen rot. Drei Menschen liegen blutend auf der Sitzbank. Die Windschutzscheibe auf ihren Körpern verteilt. Nochmal ein lauter Knall. Tiefer, dumpfer. Danach Ruhe. Keine Bilder mehr. Alles schwarz. Es ist vorbei.

 

Was geschah, während Nils schlief?

Julian steckte das Messer weg. Mit beiden Händen knetete er in seinem Gesicht.

Nils schnarchte laut. Assya sprang auf. Ging zu ihm, beschnupperte ihn. Setzte sich wieder neben Julian.

Der ergriff die Maske am Haaransatz. Einer Einschnittstelle. Langsam zog er sie herunter. Wie ein Pflaster. Sein Gesicht war bleich. Sofort sprang ihn Assya an und schleckte. Das war es, worauf sie sich freute.

Das Gesicht war jung. Vierungzwanzig Jahre alt.

Aus seinem Schaflederbeutel zog Julian eine rostige Blechdose. Der Geruch beleidigte Assyas Geruchsempfinden. Sie nahm Abstand. Legte sich neben das Feuer. Julian verteilte eine dunkle schwarze Masse auf seinem bleichen Gesicht. Es war seine Schutzcreme. Selbst hergestellt. Aus Baumrinden, Harz, Beeren, verschiedenen Blättern und Gräsern. Sein Gesicht färbte sich schwarz. Die Masse zog langsam ein. Sein Gesicht wurde wieder bleich.

„Na Assya, mit meinem echten Gesicht schaffen wir das auch nicht! Aber ich werde eine Maske auftragen, aus der ich ein schönes Nilsgesicht forme! Da wird er staunen! Was meinst du?“

Assya blickte unbeteiligt in die Flammen. Das laute Schnarchen von Nils zerriss die milde Luft. Julian kroch unter die Schlafdecke. Nils Lärm verdeckte die Waldgeräusche. Julian schlief ein.

Julian dachte an seinen Vater, Nils wachte wieder auf

Mit dem Sonnenaufgang standen Julian und Assya auf. Die Feuerstelle glühte noch. Sie trieben die Schafe einen schmalen Berggrat hinunter. Unten war eine flache Wiese. Die Schafe weideten, fraßen vom hohen saftigen Gras.

Der Platz lag nur eine Viertelstunde von der Hütte entfernt. Julian ließ die Tiere bereits im Frühjahr dort grasen. Er plante die Stelle erst im Herbst wieder aufzusuchen. Doch er nahm sie schon heute, denn er wollte schnell zu Nils zurückkehren. Wollte bei ihm sein, bevor er aufwachte. Wollte nicht, dass der Angst bekam.

Er wollte Nils nicht schockieren. Julians Gewissen war schlecht, wegen des Abends. Nils könnte krank sein. Julian trug die Schuld. Eine schwierige Situation.

Wachte Nils allein auf, musste er Angst kriegen, weil keiner da war. Wachte er im Beisein Julians auf, konnte er Angst kriegen, weil Julian völlig anders aussah.

Julian wollte ihn nicht allein lassen. Nahm eine Überraschung von Nils in Kauf. Wollte ihn schnell überzeugen, dass alles mit rechten Dingen zu ging. Wollte Vertrauen wieder herstellen.

Deshalb ging er schnell. Ließ Assya bei den Schafen zurück. Die Wiese war übersichtlich. Assya war geschickt.

Sechs Uhr, taghell, die Berggipfel glühten rot. Die Sonne kam hinter einem Felsmassiv hervor. Der Tag war klar. Die Sicht weit.

Julian warf kleine Äste in den Gluthaufen. Flamen loderten auf. Der verbeulte silberne Blechtopf baumelte langsam hin und her. Julian rührte drin herum, schüttete noch Tee nach. Der Löffel schabte im Topf.

Sein Frühstück: Gebirgsgofio. Ein Brei aus Getreide.

Vom Vater lernte er Zubereitung und Namen. Gofio ein Nahrungsmittel von Ureinwohnern. Sie hießen Guanchen. Sie lebten nicht mehr. Lange schon waren sie tot. Von Eroberern ermordet. Restlos. Das war das Leben: lange her und weit entfernt. „Doch glaube nicht, dass die Menschen heute keine Mörder und Eroberer mehr sind“, sagte der Vater. „Oft siehst du zuerst den Schein. Und der trügt. Sieh sie dir genau und lange an mein Junge! Wir Menschen lassen uns blenden. Die Nazis, von denen du in der Schule alles hörtest, blendeten! Großvater hat es erlebt und erzählt. Er selbst wäre fast ihr Opfer geworden. Zuerst sahen die Menschen ihren Schein, dann kamen die Taten, die ihr Schein überdeckte. Wer nur den Schein sehen wollte, sah ihn. Wer auch ihre Taten sehen wollte, sah sie. Großvater sah sie. Deshalb musste er leiden. Es waren nicht nur die Zeiten. Es waren auch die Menschen. Zeiten ändern sich schnell. Menschen tun das langsam. Sei auf der Hut mein Junge! Hör genau zu. Sieh genau hin. Entscheide dich erst, wenn du den blendenden Schein nicht mehr siehst! Geschichte und Geschichten haben sich oft wiederholt. Nicht wegen der Zeiten, wegen der Menschen.“ So sprach der Vater. Weise, dachte Julian. Er warnte vor neuen Nazis. Unter den alten litt der Großvater schrecklich. Neue können wieder kommen, sagte der Vater. Weil die Menschen sie nicht erkennen. Viele wollen es nicht.

Der Vater war vorsichtig und er war ängstlich. Seine Angst blendete ihn nicht. „Sie öffnet Augen“, sagte er.

Er wusste viel. Er las es. Das Rezept fand er gut. Der Brei war nahrhaft, eignete sich im Sommer wie Winter. Er sättigte und gab Kräfte. Das Getreide vom kleinen Feld war optimal genutzt. „Ureinwohner waren gescheite Menschen, sie zogen alle ihre Kräfte aus der Natur! Das vergaßen sie niemals!“, sagte der Vater.

Er erzählte alles was er wusste. Julian hörte zu und fragte. Er wollte genauso gescheit werden wie der Vater. Er wollte Wissen haben wie der Vater. Er wollte es einsetzen wie er. Für sein Leben. Deshalb hörte er zu, denn er spürte, dass die Worte des Vaters stimmten. Der Vater sprach, damit Julian lernte. Er gab ihm alles was er wusste. Er suchte auf jede Frage eine Antwort. Julian fragte viel.

Der Vater war zufrieden. Julian lernte alles. Schnell und gut. Er arbeitete wie der Vater. Kannte die Schafe wie der Vater. Lebte wie der Vater. War vorsichtig wie der Vater.

Auch die Schule im Tal brachte ihn davon nicht ab. Er musste sie besuchen, das wusste der Vater. Der Vater war gescheit. Er brachte ihn hin und holte ihn ab, bis er den Weg selbst ging. Der Vater sagte nichts gegen die Schule. Er sagte, dass sie gut ist. Er sagte: „Dort siehst du wie die Menschen sind! Hier in den Bergen ist das Leben zu einsam. Zu wenige Menschen. Sieh sie dir genau an!“

Jahre lang ging er in die Schule. Er sah sich die Menschen an. Lebte mit den Schulkameraden. Brachte sie mit hinauf auf den Berg. Vielen war der Weg zu weit, zu steil, zu steinig. Julian blieb in den Bergen bei Vater und Schafen.

Der Vater trank. Auch er begann zu trinken. Schnaps. Der Vater trank zu viel. Deshalb trank Julian weniger. Er lernte vom Vater. Er wollte nicht betrunken sein. Ein Schnaps, alle zwei Monate zusammen mit dem alten Förster. Das reichte. Der Förster gehörte auf die Bank vor der Hütte. Regelmäßig. Schon immer. Schnaps und Gespräche. Sie saßen Abends vor der Hütte. Sie redeten und tranken. Sie sahen die Schafe und den Sonnenuntergang. Dann ging der Förster. Stieg hinab ins Tal, erreichte das Dorf in der Dunkelheit. Er kannte den Wald, kannte die Berge, kannte alle Wege, wie Julian. Egal ob Tag oder Nacht. Er lebte schon immer hier, wie Julian. Er wohnte nicht oben, sondern unten im Tal. Streifte jeden Tag durch einen anderen Teil des Gebirges. Alle zwei Monate saß er bei Julian, nannte sein Kommen „dienstlich“, lachte und trank. Er war Forstbeamter. Das war sein Beruf, wie Julian der Schäfer war.

Als der Vater starb, vor einem Jahr, half der alte Förster. Er tröstete und trug den Toten mit Julian hinab ins Tal. Es war der Schnaps der ihn tötete. Das schrieb der Arzt auf den Schein. Der Vater trank zuviel.

Er saß am Tisch, die leere Flasche neben sich. Der Kopf lag auf den verschränkten Armen. Die grauen Haare vielen vorne herab. So saß er oft, Nachts. Schlief am Tisch bis die Sonne aufging. Die Petroleumlampe brannte leer. Eine knappe Stunde nur blieb es Dunkel in der Hütte, dann ging die Sonne auf. Julian lag auf seiner Pritsche. Schlief. Tageslicht schien durch die spärlichen Fensterluken. Der Vater weckte ihn nicht, stand nicht am Ofen und kochte das Gofio. Die Tür war verschlossen. Assya sprang von draußen dagegen, sprang in die Hütte, schnupperte am Vater, ließ den Schwanz hängen, kam zu Julian, schleckte sein Gesicht. Sie weckte ihn, nicht der Vater.

Julian weinte. Ließ es einfach laufen. Niemand sah oder hörte ihn. Er ließ es geschehen. Assya saß auf seinem Schoß. Bewegte sich nicht, blickte zum Vater, ließ den Schwanz hängen. Julian weinte seit Jahren nicht. Das letzte Mal nach einer Schlägerei im Schulhof. Der Vater war ein Grund zu weinen. Das war klar. Er weinte Stunden, es ging nicht anders, musste sein. Die Schafe konnte er nicht treiben an dem Tag. Ließ sie in der Koppel vor der Hütte. Mit Assya lief er hinab ins Tal, suchte den Förster.

Den Schafledersack hatte der Vater selbst genäht. Julian wusste, dass er den Vater darin hinunter tragen sollte. Der Vater wollte es. Er wurde verbrannt, mit dem Vater. Er musste ein Urnengrab mieten. Das war neu. Ein Gesetz vom Amt. Die Sozialkasse zahlte. Das Amt verbot das Ausstreuen der Asche auf den Bergen. Der alte Förster war Beamter. Er half bis zum Schluß. Er vertauschte die Urne des Vaters gegen die Urne voll Sand. Er stieg mit Julian auf den Gipfel. Julian suchte ihn aus. Es war der Lieblingsgipfel vom Vater. Sie saßen oft oben. Von dort überblickten sie alles. Der Wind blies den Vater langsam vom Berg.

So wollte es der Vater.

Der Förster kannte Julian von Kindesalter an. Egal, wie er aussah. Er erkannte ihn. Ließ sich nur einmal kurz täuschen, erkannte den maskierten aus der Ferne nicht.

Die Mutter?

Sie ging, als Julian noch klein war. Sehr klein. Es war ein Mann mit einem Auto. Der Vater sprach nicht darüber, aber der Förster erzählte alles. Der Mann war reich. Die Mutter, der Vater und Julian waren arm. Die Mutter litt unter der Armut und Einsamkeit in den Bergen. Sie war keine Schäferin, sie war Durchreisende im Hotel zur Post. Dort blieb sie hängen am Vater. Ging mit ihm in die Berge. Das Hotel Zur Post war es auch, das die Mutter wieder weg brachte. Der Reiche übernachtete nur eine Nacht. Sie fuhr mit ihm. Sie ließ Petroleum und Schnaps und einen Brief für den Vater bei Charlie dem Portier.

Der Förster fotografierte die Mutter mit Julian auf dem Arm. Es war die Taufe. Der Förster war Zeuge. Das Foto ist schwarz-weiß. Vergilbt inzwischen. Julian hat es in seinem Schaflederbeutel. Stieg Julian ins Tal ab, trug er ihn immer bei sich. Nachts hing er über seiner Pritsche in der Hütte.

 

Die Gesichtsmasken fertigte Julian aus einer eigenen Mischung. Harz, einem Lehm, der sich in einem bestimmten Gebirgsteil in den vielen vorhandenen Höhlen fand, und einem geringen Anteil Gebirgsgofio. Die Gesichtsfarbe kam aus einer aufgekochten Waldbeeren- und Gräsermischung. Die Masken hafteten fest im Gesicht. Sie ließen sich etwa einen Tag lang beliebig Formen. Danach nahmen sie eine hautähnliche, luftdurchlässige Konsistenz an. Alle Gesichtsbewegungen machte die Maske mit. Sie verformte sich nicht, sie fiel nicht runter. Nach zwei bis drei Monaten nahm Julian die Maske ab, weil sie porös wurde. Er schnitt sie aus seinem Gesicht. Er zog sie langsam ab. Reste kratzte er mit dem Messer ab. Die Gesichtshaut litt nicht. Die Maske war atmungsaktiv. Die Hautzellen wurden weiter versorgt. Das fehlende Licht bleichte das Gesicht aus. Nach der Demaskierung, beschmierte er sich mit einer selbst komponierten Schutzcreme. Das blasse Gesicht brauchte einen schützenden Übergang zu Tageslicht und Luft.

 

Nils drehte sich mehrmals um. Er röchelte leise und regelmäßig. Die ersten Sonnenstrahlen wärmten seinen dunklen Schlafsack. Wieder bewegte er sich. Im Sack wurde es zu warm. Er räkelte sich, drehte und wendete sich, verdrehte den Schlafsack, rang um Abkühlung. Sein Kopf pulte sich aus der Tüte. Das Schwarze Kopfteil bedeckte ihn. Julian sah seine Augen noch nicht. Nils öffnete sie. Schloss sie gleich wieder. Öffnete sie sofort wieder. Er sah die Wiese, den weißen Gluthaufen, er war klein, die braune Hütte, ihr Dach, einen Berggipfel, grau, den blauen Hintergrund. Seinen Kopf drückte er aus der Schlafsackkapuze. Er drückte die Augen nochmal kurz zu. Riss sie gleich wieder weit auf.

Die Schaflederschlappen von Julian. Sie bewegten sich auf und ab. Der Löffel schabte im Topf. Ein raues Kratzen. Rhythmisch. Julian trug keine Socken, Dünne behaarte Beine steckten in den Schlappen. Nils Augen schlossen sich nicht mehr. Sein Blick wanderte die dünnen Beine hinauf. Eine abgeschnittene Jeans. Ein graues T-Shirt. Eine Hand, Julians Hand. Sie rührte im hängenden dampfenden Topf. Der Oberkörper, der Hals, das war Julian. Wo war der Bart? Er hing nicht vor der Brust.

Ein junges Gesicht, bartlos, nur einige Stoppeln, bleich, sehr bleich!

Der Tod trat schmerzlos ein, zum Glück dachte Nils. Harry der Tramper war sicherlich auch Tod. Es war zu viel Blut auf der Rückbank. Die anderen drei Freunde? Vielleicht überlebten sie, schwer verletzt.

Wie ging es jetzt weiter? Was wollte der Junge, in Körper und Kleidern von Julian? War Julian auch gestorben? Nein, das konnte nicht sein. Er musste von Anfang an ein Toter gewesen sein. Aber warum plötzlich völlig verändert? Was ging hier vor?

Nils schob den Schlafsack weg. Saß im Schneidersitz. Lehnte am Holzhaufen. Sah Julians Körper mit fremdem Gesicht. Er blieb ruhig. Wartete ab.

Nichts geschah.

Julian blickte zu Nils. Er sagte: „Morgen Nils! Na gut geschlafen? Erholt von den Anstrengungen gestern Abend?“

Nils blieb sitzen. Fragte:

„Wer bist du? Warum hast du die Klamotten und den Körper von Julian? Warum sprichst du mit seiner Stimme? Was soll dieses Theater? Ich bin gestorben im Auto von Rolf. Wo komme ich hin? In die Hölle?“

Und zu sich selbst sprach Nils:

„Ich glaub das einfach nicht!“

„Ich auch nicht“, erwiderte Julian.

„Warum sprichst du mit der Stimme von Julian?“

Julian antwortete darauf nicht. Er fragte mit der Stimme von Julian: „Du glaubst, du bist tot?“

„Ja. Ein schwerer Autounfall. Mit Rolfs Schrottmühle. Ob die auch tot sind weiß ich nicht. Ich glaube Harry ist auch umgekommen. Wo ist er? Ist er hier?“

Julian: „Nein, den kenne ich nicht. Und du bist auch nicht tot. Ich bin Julian. Ich sehe nur anders aus. Ich war maskiert. Du hast einen Schock gehabt, gestern Abend. Bist eingeschlafen, als ich meine Maske abnahm.“

„Aber ich hab den Unfall gesehen, im Auto. Es hat gekracht und Scherben flogen. Harry hat geblutet, auch Rolf und Moritz.“

„Aber du lebst. Ganz sicher! Ich bin Julian, ich weiß es.“

„Wie soll ich mir das erklären?“, fragte Nils.

„Erinner dich doch! Ich hab’s dir erklärt. Ich bin Maskierungskünstler. Ich verkleide mich und maskiere mich. Meine Stimme hat verschiedene Klänge. Ich bin eine Art Schauspieler!“

Nils rieb sich den Schlaf aus den Augen. Aufmerksam beobachtete er den „neuen“ Julian.

„Du warst gestern einfach total überrascht. Total verunsichert. Du konntest nicht glauben, was geschah. Du hast einfach nicht damit gerechnet. Da bist du in eine Art Ohnmacht gefallen und eingeschlafen! Du bist nicht tot! Soll ich dir beweisen, dass du nicht tot bist?“

„Wie willst du das machen?“

„Na ganz einfach: Ich hau dir mit der Hand ins Gesicht. Zwicke dich ein paar Mal, brülle dir laut ins Ohr, gebe dir danach was zu essen und zu trinken. Du darfst an Schafkacke schnuppern. Dann überlege ich, was mir sonst noch so einfällt! Du wirst schon merken, dass du alle deine menschlichen Sinne noch beieinander hast. Das sollte dir Beweis genug sein.“

Darauf antwortete Nils: „Das kannst du dir sparen! Ich versuche, dir zu glauben. Jetzt erzähl mir mal, was gestern geschah. Habe ich geträumt?“

„Nichts davon war ein Traum“.

Julian erzählte alles ganz ruhig. Er wollte Nils nicht weiter beunruhigen. Nils musste sich an den neuen Anblick gewöhnen. Nils verstand, dass die Situation am Abend einfach ungewöhnlich war. So ungewöhnlich, dass sein Körper nicht mehr mitmachte. Sein Zusammenbruch, eine Schutzreaktion.

Er glaubte Julian alles. Der erklärte glaubhaft. Er nahm Nils die Verunsicherung. Versicherte, alles ging mit rechten Dingen zu. Nils musste glauben. Es ging nicht anders.

Trotzdem blieb Nils ein wenig unsicher, ein bißchen verunsichert. Sein Glaube an die Welt in der Natur der Berge, dem Leben dieses Schäfers war erschüttert. Seine traumhafte, verträumte, einfach träumerische Vorstellung von dieser Idylle, die er ein Stück mit erlebte, war zerbrochen. Auch hier stieß er auf Unsicherheit, auf sichtbares, das verwirrte. Es war nicht das künstliche, das bewegte, computersimulierte, virtuelle Leben der Stadt, das er als Angabe erkennen musste. Er musste es mitten in der gebirgigen Pampas erkennen. Mitten in der Natur, stieß er auf menschliches Suchen und herumirren. Auf einen neugierigen Menschen, der wie er, schaute, sich suchend umblickte, zweifelte, an sich selbst, und den Dingen die er wahrnahm.

Julian der Schäfer, der Naturverbundene, genauso suchend, wie Nils, der Städter, der an Lärm und an Abgase gewohnte, der beurteilte und verurteilende, der Wissen fressende und ausspuckende? Warum verließ Julian seine Haut? Warum maskierte er sich?

Suchte auch er? Wollte er jemand anderer sein? Litt er unter seinem Schäfersein?

Das Thema beschäftigte die beiden. Sie trieben die Schafe, saßen am Feuer und auf der Bank vor der Hütte, suchten nach Beeren im Wald. Dabei sprachen sie.

Julian wollte wissen, wie man anders lebt. Nils wollte das gleiche. Das wussten beide.

Julian übte Nils

Am dritten September standen Julian und Nils am Salzburger Bahnhof. Sie kauften eine Fahrkarte nach München. Gemeinsam standen sie am Zug. Etwas verkrampft. Letzte Überlegungen.

Welche Informationen vergaßen sie? Welche Instruktionen fehlten, waren in letzter Minute für Julian noch wichtig?

Außer wildem Herzklopfen und nervösem Auf- und Ablaufen am Bahnsteig kam nichts heraus. Trotzdem warteten sie gemeinsam auf Julians Zug nach München. Die Ferien waren noch nicht ganz vorüber. Es blieb noch eine Woche Zeit. Es wäre Zeit gewesen, noch einmal gemeinsam zurück zur Schäferhütte zu gehen. Man hätte die Abfahrt verschoben, wären Zweifel entstanden. Notfalls hätte man das Ganze aufgegeben.

 

War es nicht von vorn herein ein Wahnsinn? Eine verrückte Idee? Ein verrückter Film? Zwei orientierungslose Spinner? Die der Zufall zusammen brachte? Außerplanmäßig. Die zufällig zum gleichen Zeitpunkt die gleiche Identitätskrise durchlebten? Eine alte Idee in einem ganz miesen Film?

Darüber sprachen beide tagelang. Ihr Training unterbrachen sie immer wieder, wegen solcher Zweifel.

Durften sie ihr Vorhaben als Spiel sehen? Oder war es Ernst? Etwas, womit niemals gespielt werden darf? So wie Eltern dem Kind sagen: „Spiel nicht mit deinem Essen! Andere Kinder müssen hungern!“

„Spielt nicht mit eurem Leben! Was soll die Spinnerei?“

Solche Eltern waren nicht da. Julian und Nils reizte die Idee. Sie sahen es als Spiel. Warum nicht? Sie tauschten ihre Rollen, weil es möglich war. Julian konnte sich perfekt maskieren. Einmalig. Eine einmalige Gelegenheit im Leben. Warum sie nicht nutzen? Für einen befristeten Zeitraum. Sie vereinbarten drei Monate. Etwa bis Weihnachten. Zu den Weihnachtsferien sollte Julian zurück kommen. Genug Zeit, Nils Leben kennen zu lernen. Für Nils genug Zeit, Julians Leben kennen zu lernen.

 

Gemeinsam waren beide drei Wochen lang, nahezu täglich, in verschiedenen Orten im Tal unterwegs. Training für Julian. Er sollte das hektische Leben in größeren Orten, Städten kennen lernen. Assya hütete die Schafe. Täglich kehrten beide zurück, in der Dunkelheit.

Die Orte, die sie als „maskierte Touristen“ besuchten, lagen wegen des Zeitmangels nicht weit vom Heimatgebirge Julians. Nils trug eine Maske, die das Gesicht des sechzigjährigen Schäfers Julian, wie er ihn ursprünglich kennenlernte, darstellte. Dazu dessen Schäferbekleidung. Julian war Nils. Trug dessen Kleidung. Trug dessen Gesicht. Sprach dessen Sprache.

Das Training in den Dörfern im Tal war notwendig. Julian brauchte Gelegenheit zu erproben wie es ihm in der „Haut von Nils“ in belebten Ortschaften ging. Er wollte spüren, wie es in München sein werde. Nils Gesicht war kein Problem. Nicht die Sprache, nicht die Gestik, nicht die Mimik, nicht das typische Nilslächeln. Julian war geübt. Nils musste viel mehr üben.

Anstrengend war der Verkehr, der Lärm, der Gestank in den Orten. Nach Ablauf der ersten drei Tage quälte sich Julian mit starken Kopfschmerzen.

 

Nils sollte sich wie ein Sechzigjähriger verhalten. Das gab viel mehr Probleme. Und: es war schlecht durchdacht. Warum der Sechzigjährige? Warum nicht der vierundzwanzigjährige Julian? Gleich am ersten Tag erregte Nils Aufmerksamkeit.

Ein Gendarm am Busbahnhof. Nils und Julian verpassten ihren Bus zurück nach Hinweiler. Nils vergaß sein Alter. Rannte los. Seinen Stock unterm Arm. Julian griff nach seiner Hand, wollte ihn bremsen. Zu spät. Nils fetzte davon. Der Busfahrer gab Gas. Nils sportlich rennend, winkte mit dem Stock.

Plötzlich spürte er die beobachtenden Blicke. Ungläubige, überraschte Blicke der wartenden Menschen am Bahnhof. Wie konnte der graubärtige Opa noch so schnell losfetzen? Warum plötzlich der Stock unterm Arm? Vorher darauf gestützt. Fußkrank. Jetzt rennend, mit dem Stock winkend. Ein Greis? Reine Angabe! Maskerade! Der Junge und der Alte ein flüchtendes Gaunerduo?

Die Szene: absolut unglaubwürdig.

Deshalb musste Nils stürzen. Ein Greis, der sich überschätzte. Glaubte er könne noch, doch konnte nicht mehr. Seine alten Knochen ließ er auf den schwarzen Asphalt fallen. Stützte sich freilich ab, wie es ein Greis vielleicht nicht getan hätte. Das wusste Nils nicht. Wollte sich nicht verletzen. Nils war verunsichert. Merkte jetzt erst, dass es schwachsinnig war, den Sechzigjährigen zu spielen. Er wollte doch Julian sein! Der war in seinen Augen immer noch ein Sechzigjähriger! Nur weil er ihn so kennenlernte! Die perfekte Täuschung.

Wie bewegt sich ein Sechzigjähriger in der Öffentlichkeit? Er lag auf dem Asphalt, blickte nach oben. Das Interesse der Beobachtenden nahm zu. Keiner bot Hilfe an. Der Polizist eilte heran. Natürlich war auch Julian, der Enkel, zur Stelle.

„Hast du dich verletzt Opa? Tut das sehr weh?“

„Nein, ich glaube es geht. Nur eine leichte Prellung.“

„Ich helfe dir auf. Gib mir deinen Arm.“

Der Bus stoppte nicht. Der Lenker hatte Vorschriften. Klar. Was Nils wollte, war ausgeschlossen. Die Vorschriften verbaten es. Verspätetes Zusteigen nicht gestattet. Zu gefährlich. Ein Unfall möglich. Nicht versichert. Deshalb die Vorschrift auf deren Missachtung Nils hoffte. Nils Rennen deshalb unangebracht. Grundsätzlich. Nicht nur als Greis. Niemand durfte erwarten, dass ein Busfahrer stoppte. Ein Fahrgast hat pünktlich zu sein. Ein Bus fuhr pünktlich, alle zwei Stunden.

Sofort standen mehrere Menschen um den liegenden Greis. Interesse. Kein Angebot. Der Polizist wollte helfen. Dienstlich. Eine Amtsfigur in der Öffentlichkeit. Vorbildliches Verhalten.

Der Enkel winkte ab. Dankte. Der Opa dankte. Gestützt von Julian erhob er sich. Der Enkel tastete die alten Knochen des Großvaters ab. Der Großvater war unverletzt. Kein Problem. Nichts geschehen. Der Sturz hätte schlimmer enden können. Der Opa stand, lief langsam wieder. Die Aufmerksamkeit der Umstehenden schwand. Der Polizist verabschiedete sich freundlich.

Der Großvater wieder auf dem Stock gestützt. Fester Fuß auf dem Asphalt. Langsam gingen beide. Setzten sich in ein Café und warteten.

Danach erst war klar: Nils wollte nicht den Opa spielen, er wollte Julian spielen. Doch in seinem Kopf blieb Julian ein Opa.

 

Wegen solcher und ähnlicher Situationen ließen sich beide nicht von ihrer Idee abbringen. Ihre Rollen miteinander zu tauschen war schwer. Das musste so ein. Klar. Wem es schwer fällt, die eigene Rolle zu spielen, fällt es doppelt schwer, eine andere ein zu nehmen, dachte Nils.

 

Die Trainingszeit dauerte vier Wochen. Kurz, um das Verhalten und Denken eines anderen zu lernen.

Julian sollte Nils genau kennen lernen. Er musste wissen, wer Nils in seiner Stadt war. Wen er traf, wie er lebte. Wie er war. Was er sagte, wie er es sagte. Wann er lachte, wie er lachte. Wie er ging, wohin er ging.

Viele Menschen. Tausende Situationen. Für Nils war alles möglich. Doch er sah sein Leben trotzdem linear. Fast langweilig.

Es gab welche, die er traf und andere, die er niemals traf. Es gab tausende Widersprüche und eben so viel Klares. Millionen von Schubladen. Große, kleine.

Die Zeit war zu kurz. Nils Worte zu lang. Trotzdem versuchte er es. Beide spielten Theater. Nils erklärte. Sprang auf den Tisch in der Hütte. Hielt eine Rede. Gestikulierte. Saß ruhig. Gab Anweisungen. Dachte nach. War er so? Oder anders?

Jede erdenkliche Situation, auf die Julian treffen könnte, als Nils Scherer. Das ging nicht. Es waren Millionen.

Jetzt waren die Schubladen wichtig. Standardisierung. Was war am ehesten möglich? Wie sollte sich Julian am ehesten verhalten? Welche Situationen waren am wahrscheinlichsten? Nils Scherer standardisierte sich selbst. Das ging nicht. Trotzdem tat er es.

Er tat etwas, dass er hasste: Er packte sein Verhalten, sein Leben in überschaubare Schemen.

Wie ging sein Leben in der Stadt weiter? In den nächsten drei Monaten. Welche Varianten gab es? Welche waren die wahrscheinlichsten? Was war Zufall? Was steuerte er? Berechnende Reflexion. Keine Emotionen. Keine Gefühle. Menschliches Verhalten als Schema F. Überschaubar, gefühllos, gefahrlos, leblos.

Trotzdem ließ sich Nils ein. Es war zu interessant. Wie würde Julian zurecht kommen? Könnte er sein Leben ruinieren? Ja. Nein. Sie beschlossen sich zu vertrauen.

 

Täglich schrieb Julian in der Hütte bei Petroleumbeleuchtung etwa zehn Seiten Text. Nils diktierte. Tausende Worte, die in der Schule vorkamen. Julian schrieb alles auf. Nils erzählte von seinen Freunden, seinen Bekannten in der Stadt. Auf wen würde Julian dort treffen?

Julian lernte Nils Schrift. Lernte seine Unterschrift. Schreibend lernte er Namen und Gesichter. Schreibend sah er mit Nils Augen. Er stellte sich vor, malte sich aus. Sein Handgelenk schmerzte.

Von Nils Konto sollte er Geld abheben.

Täglich stießen sie auf neue Probleme, die sich ergeben konnten. Julian blieb optimistisch. Er wollte unbedingt wissen wie das Leben in der Stadt war. Er wollte wissen wie die Zivilisation war. Er wollte sehen, erleben, was er im Radio hörte.

Er lernte alles was Nils bat. Er lernte schnell und genau. Nur eines konnte er nicht lernen: seine Augen waren dunkelbraun. Die von Nils hellbraun. Die Stimme ahmte er perfekt nach. Die Tonlage war unerreichbar.

Julian auf Nils Spuren

Julian saß im Zug nach München. Er fühlte sich gerüstet für Nils Scherers Leben in der Stadt. Und er fühlte sich nicht gerüstet für dieses Leben. Das war Nils.

Die Ausweiskontrolle im Zug. Ein routinierter Beamter. Er blätterte zackig im Ausweis von Nils. Blickte Julian ins Gesicht. Kurz, routiniert. Dienstlich sein Blick. Bewegungslos. Nicht lächelnd, nicht fragend, nichts sagend. Keine Belästigung, keine Störung, überhaupt keine Zweifel. Alles klar, reine Routine. Das musste sein, vorschriftsmäßig. „Vielen Dank. Aufwiedersehen. Gute Reise Herr Scherer.“ Keine Fragen. Das Dokument war einwandfrei.

Im Abteil saß eine alte Dame. Mit Lesebrille, graue Haare, Dauerwelle. Hinter einer Tageszeitung. Sie blickte kurz hervor, nickte. Bestätigte Julians Frage. Alles kein Problem. Selbstverständlich darf er sich setzen. Sie verschwand hinter der Zeitung. Ruhe.

Gedämpftes Rattern. Ventilatoren. Die Fenster getönt. Verschlossen. Klimatisierte gedämpfte Atmosphäre. Die grüne Landschaft flog vorbei. Schnell. Kühe, Häuser, Autos, Straßen Bäume. Er fuhr auf einem Strich, den er von oben oft sah. Weit entfernt.

Die zweite Bahnfahrt. Die erste ratterte noch richtig. Sie schepperte, der Wagen schob sich ruckartig über die Weichen. Er und Nils hielten sich fest. Standen im Gang. Blickten in die Abteile. Eine kurze Fahrt. Zehn Minuten. Übungszweck. Wie fuhr man mit der Bahn?

In der Hütte erklärte Nils, wie sich Julian im Zug zu verhalten hatte. Das tat er nun.

Er ging durch den Wagen. Er öffnete die Tür eines Abteils. Ein unauffälliges Abteil. Möglichst eins mit älteren Herrschaften. Frauen, die waren zurückhaltend, verwickelten ihn nicht in Gespräche. Er öffnete. Lachte kurz. Fragte schnell, weiter freundlich lächelnd: „Entschuldigen Sie, darf ich mich setzen?“

Einen Platz in der Ecke. Nicht die Mitte. Den Rucksack nach oben. Über dem gewählten Platz. Keine weiteren Fragen. Nicht die Leute anblicken. Zum Fenster hinaus sehen. Durch Herausziehen der Zeitung, die Julian am Bahnhof erworben hatte, ein Gespräch verhindern.

Julian sprach nicht mit der Dame. Sie las Zeitung.

 

In München am Hauptbahnhof lief er schnell durch die Menge. Der Lärm, die vielen Leute, die vielen Züge, das alles interessierte nicht. Er wusste es. Nils erzählte es. Schnell ging er nach links. Durch die Halle, hinunter ins Untergeschoss.

Wie sahen die Leute ihn an? Fiel er auf? Wie wird ein Mensch von anderen in der Stadt angesehen? Was dachten diese Tausend, die ihn sahen, am Bahnhof? Nichts? An sich selbst? An ihre Jobs, von denen sie gerade nach Hause hektikten? Was für ne Hektik? Das war normal! Alle gingen eilig wie er! Jeder wusste, wo er hin wollte! Es war alles klar! Kein Chaos! Alles ordentlich. Jeder hatte sein Ziel, das er schnell und sicher zu erreichen suchte.

Unten stand er in der Schlange am Schalter. Nils erklärte alles genau. Julian traute sich nicht an den Automaten.

Vor ihm: gefärbte Haare, blond, lang gelockt. Kurze Sommerröcke, bunt geringelte T-Shirts. Männer in Muskel-Shirts, ebenfalls gefärbte Haare, schwarz, blond braun. Ein Rauschen. Nicht wie im Wald. Alles Stimmen. Laut, leise, hoch tief, aufbrausend, gelassen.

„Eine Blaue bitte!“ Unter der Glasscheibe schob er den Geldschein durch. „Danke!“

Auf dem Boden am Rand saßen bärtige Menschen mit schwarzen fettigen Haaren, auch grauhaarige, sie rauchten und hatten Flaschen in der Hand. Keine gefärbten Haare, keine Ringel-T-Shirts. Nichts buntes. Sie saßen auf dem Boden. Ihre Kleidung grau und schmutzig. Hüte oder Pappschachteln standen vor ihnen. Sie lehnten am Beton, neben der Bahnhofstoilette. Julian ging vorbei. Blickte nur kurz hinunter. Warf sein Restgeld von der Fahrkarte in eine Schachtel. Der Mann nickte und dankte. Es stank.

Es waren die Armen und Obdachlosen der Stadt. Auch von ihnen erzählte Nils. „Das tägliche Bild. Ganz normal. Du wirst es sehen, wenn du es sehen willst! Willst du es nicht sehen, wirst du es übersehen! Die Armen sitzen und saufen, während die Reichen in ihren offenen Karossen mit Funktelefonen protzen. Schlimm. Aber wo ist da der Unterschied? Keine Angst, die Stadt ist lange noch nicht so schlimm, wie andere Orte auf dieser Welt. Es gibt immer noch schlimmeres! Ganz klar. Eine einfache Logik! In München gibts keine Slums! Darüber freuen sich die Bewohner, wie die Politiker! Was für eine Welt? Mein Welt!“

Die blaue Karte knickte er. Schob sie hinein, wie Nils es sagte. Es klingelte, er zog sie heraus. Ein Stempel war drauf.

Die S-Bahn. Es gab nur eine Rolltreppe. Wie Nils sagte. Hinter ihm eilige Menschen mit Taschen und Aktenkoffern. Schwarze, rote, gelbe grüne. Waren es Hundert? Tausend? Er ließ sie vorbei. Wartete neben der Treppe. Er musste aufspringen. „Schau genau auf die Stufen! Geh drauf. Schieb die Füße genau so hin, dass beide auf einer Stufe stehen. Halt dich am schwarzen Gummigeländer fest, das fährt mit. Schau vor dich, damit du merkst, wann du unten bist. Dann runter steigen.“ Julian wollte das tun. Aber er traute sich nicht drauf. Wann sollte er aufspringen? Es kamen zu viele Stufen heraus. Zu schnell.

„Notfalls suchst du einen Aufzug.“

Wo war der? Julian ging und suchte. Entgegenkommende Menschen sahen ihn an. Oder sahen sie an ihm vorbei? Tausend Gesichter, tausend Masken. Unglaublich, aber wahr. Alles unter der Erde. „Die alltägliche Normalität besteht aus Hektik. Die Menschen laufen schnell und sprechen schnell. Wenn sie dich etwas fragen, dann antworte schnell, sonst gehen sie weiter. Sie haben keine Zeit. Das ist sowieso das wichtigste. Zeit. Das teuerste, was es gibt!“

„Die schnelle Hektik ist laut. Menschen reden, plärren fast. An jeder Ecke rattert es und brummt es. Baustellen. Es dröhnt und surrt die ganze Zeit. Autos, Busse, Lastwagen, Straßenbahnen. Am schlimmsten ist es, wenn es regnet. Die Autostraßen sind noch lauter, alles ist dreckig. Pass auf, dass du nicht naß gespritzt wirst.“

Auf dem Bahnhofsvorplatz knatterte und ratterte es. Eine Baustelle. „Vierzig Mark, ungefähr! Vielleicht fünfundvierzig!“, sagte der Taxifahrer. Er sprang aus dem Wagen und öffnete den Kofferraum für einen Mann mit Trenchcoat auf dem Arm und schwarzem Koffer in der Hand. Diesen nahm er, wuchtete ihn in den Kofferraum. Julian stand am Gehsteig, wurde nicht weiter beachtet. „Ja, selbstverständlich, City Hilton!“ Er öffnete dem Herrn die Wagentür, zeigte Julian den Rücken. Umrundete die Limousine vorderseitig. Sprang rein und war weg.

Also doch der Aufzug. Wo war er? Auf der anderen Straßenseite, neben dem Postamt, sah er ein kleines Häuschen glänzen. Das könnte er sein. An der Ampel drängten sich die Menschen. Einkaufstüten knisterten und rieben aneinander. Ätzende Abgase lagen in der Luft. Julian atmete nicht mehr voll durch. Atmete anders als in den Bergen. Grün. Die Masse ging los. Schnell. Er eilte mit. Drüben sprang er auf die Seite, eilte in Sicherheit. Trotzdem bekam er ein, zwei Stöße ab. Hielt sich am Geländer hinunter zur U-Bahn. Wurde nicht umgestoßen.

Der Glaskasten war der Aufzug. Viele Leute stiegen aus. Mit vier, fünf anderen schob er sich hinein. Stellte sich neben die Tür.

„Moanst mir kriang des im Hertie?“

„Ja, freilee, wenn need dann foama hoit zum Marienplotz! Do kriang mas sicha!“

„Jetz druck a moi, dass ma obee komma.“

„I hob scho druckt!“

„Jo warum foard a nan need?“

„Wos woas i?“

„Ah so! Jetzad! Sie passens auf! Eana Fuaß is in da Lichtschrankn!“

Der Schnautzbärtige schaute Julian an. Was wollte er? „Wie bitte?“

„Ja woos! Froangs hoit need so deppad! Dans a moi ernan Haxn aus da Tier!“ Julian verstand zwar, es ging ihm aber zu schnell. Nochmal fragte er: „Wie bitte?“

Der Schnautzbärtige griff Julian an der Schulter und zerrte ihn zu sich. Mit der rechten Hand zeigte er auf den Boden. Julian sah hinunter.

„Do schauns, jetzt gehts zua! Sie san in da Lichtschranken gstandn!“ Der Schnautzbärtige ließ von Julian ab.

„Da hätt ma ja no Stundn gwart! Nur zwengs am soichanen Deppen! Mir hamm unsa Zeit need gstoin!“

Unten stieg Julian aus dem Aufzug. Der Herr und seine Begleiterin eilten schnell davon. Der Aufzug fuhr nicht bis zur S-Bahn runter. Wieder stand er an der Rolltreppe.

Er gab sich einen Ruck, sprang drauf. Hielt sich am schwarzen Gummi fest. Es ging. Von hinten drängte die Masse hinunter. Sie überholten. Er stand falsch. Sie schoben ihn zur Seite. Jetzt stand er richtig. Unten sah er auf seine Füße. Stieg ab, sprang sofort zur Seite. Trotzdem wieder ein Stoß von hinten. Ein Mann, in grellem gelben T-Shirt, sprang in die stehende S-Bahn. Sein Rucksack klemmte in der Tür. Die Tür riss er nochmal auf. „Verdammte Scheiße!“ Hörte er von drinnen. Der Mann zerrte den Rucksack durch die Tür.

 

Die Bahn nach Solln war überfüllt. Schwarze, braune, silberne Aktentaschen. Parfüm- und Schweißgeruch. Karierte, weiße, bunte Hemden. Krawatten, Fliegen und Schleifchen. Kurze bunte Röcke. Bunte T-Shirts. Jacken über Schultern auf den Armen. Helle Flanellhosen. Gebügelte Falten. Ausgefranste Jeanshosen. Die Menschen drängten sich dicht an dicht. Man stand wie Sardinen in ihrer Büchse liegen. Haare, Hemden, Jacken, Arme, Nasen, Augen, Rücken, Brillen, T-Shirts, Schultern, Hälse dicht vor den Augen. Kein Entkommen. Leise ratternd durch die Dunkelheit. Neonbeleuchtung. Plötzlich wieder Tageslicht. Eine dreckige Betonmauer flog vorbei. Grausame Hitze. Schweiß lief an den Armen hinunter. Die Beine zitterten leicht.

Ruhe, keine Gespräche. Schweigende, stinkende, aneinandergedrückte Masse. An den Knien: Aktenkoffer, Einkaufstaschen, Rucksäcke, Taschen, Flanellhosen, Jeanshosen, Rockfalten.

Nur Kinder sprachen, sie brüllten laut.

„Du Peter, hast du so gepfurzt? Es stinkt nach einer ganzen Schafherde!“ Plärrendes Lachen. Julian sah nur die Brillen und Nasen vor sich. Seine Gesichtsfarbe wurde rot. Die Hitze unerträglich. Niemand sah das Rot unter der Maske. Die Betonmauer war zu Ende. Viele Gleise sah er draußen. Hackerbrücke. „Lassens uns bittschön aussteign!“, wurde von hinten gedrückt. Ein Mann vor Julian riss am Hebel, die Türen öffneten sich. Mit der Masse schob sich Julian durch die Tür. Mit ihr ging er langsam am Bahnsteig entlang. Ein Stoß von hinten. Auf einer Bank ließ er sich nieder.

Die Menge strömte vorbei. Bunt, viel zu bunt. Die Türen schlossen sich. Quetschten die Leute ein. „Verdammter Mist!“ An Aktenkoffern wurde gezerrt. Sie klemmten in der Tür. Surrend fuhr die Bahn ab.

Tausend Gleise, dazwischen bunte Werbepklakate. Viel Farbe. Die Plakate zeigten: Frauen in Unterwäsche. Sie rissen ihre Morgenmäntel auf, und standen zu allem bereit. Kein Gesicht, nur Haare. Fliegend. Männer in Unterhosen. Muskulöse Körper, die zerfurcht aussahen. Zerzauste Körper, die glänzten. Was wollten die Nackten auf den Plakaten in der Stadt? Andere Plakate: lachende Menschen mit Zigaretten und Biergläsern. Die Stadt im Hintergrund. Warum lachend? Wer lachte in dieser Stadt? Er sah noch keinen der lachte, außer den Plakaten.

 

Er blieb einfach auf der Bank sitzen. Eine Stunde lang, zwei Stunden. Beobachtete. Nils Rucksack neben sich. Die Bahngleise, Häuser, vorbeifahrende S-Bahnen, Züge. Menschen, eilige Schritte, herumirren auf dem Bahnsteig, in der Stadt. Die Nackten auf den Plakaten standen still. Der aufgerissene Morgenrock viel nicht zu. Die Frau drehte den Kopf nicht, damit man ihr Gesicht sah. Es war unwichtig. Es gab zu viele davon in der Stadt.

Lärm, Knattern, Rattern, Scheppern, Kreischen, Rufen, päng päng päng. Abgase, Autos, dumpfes Grollen der Straße über die Brücke. Donnern, Gas geben rrrrrr. Qualm, rauchende Menschen. Die lachten aber nicht, so wie die auf den Plakaten. Schnell, abgehetzt eilten sie. Ziele, große Ziele lagen vor ihren Augen. Sie mussten zeitig erreicht werden.

„Du nimmst meine Uhr. Vergiss nicht sie auf zu ziehen. Täglich. Sie ist alt, pass auf dass du sie nicht verlierst! Wenn du am Bahnhof bist, stell sie. Sie geht immer nach. Pünktlich musst du sein! Das Wichtigste ist Pünktlichkeit! Um Acht geht die Schule los. Wenn du zu spät bist, gibts Ärger. Mayer der Schulleiter fängt dich am Eingang ab. Er motzt und verteilt Verweise. Das sind Papiere, die schlecht und wichtig sind. Ein Wecker ist in einer meiner Kisten!“

Jetzt viel ihm ein, was er vergaß: „Im Bahnofsuntergeschoss siehst du gleich unten rechts einen Buchladen. Geh rein, kauf einen Stadtplan von München.“

Wie sollte er die Adresse in Solln und überhaupt die ganzen Orte finden, die Nils in München regelmäßig aufsuchte?

 

„Hei Nils, was machst du denn hier, ich denke du hängst unter Griechischen Palmen rum?“, rief eine hohe Stimme in dem Moment als er noch über den Stadtplan nachdachte. Er drehte sich um und setzte, noch bevor er nachzuforschen begann welche der von Nils geschilderten Personen nun vor ihm stand, das lange eingeübte freundliche Nilslächeln auf.

Sofort entfuhr ihm ein: „Aha Hallo!“, und weiter: „du bist es, na wie geht’s?“

Welches exakt richtig war, dann die sofortige Antwort lautete:

„Ja, mir geht’s gut und wie geht’s dir?“

Einen Bruchteil einer Sekunde bevor die Frau dies sagte, wusste Julian, wer es war. Christine. Die Beschreibung von Nils passte nur auf diese Frau. Schlank, ungefähr genauso groß wie er, blonde lange Haare, nach hinten abfallend, vorne Pony, schmales Gesicht, spitze Nase, hübsche dunkelbraune Augen, schmale Lippen, dazu eine hohe Stimme, ein wenig piepsig.

„Mir geht’s soweit ganz gut! Bin nur etwas früher zurückgefahren, als die anderen. Ich war nicht in Griechenland, hatte plötzlich die Schnautze voll. Ich habe einige Bergtouren in Österreich hinter mich gebracht. Super wars!“, antwortete Julian, im eingeübten Tonfall von Nils.

„Na das wundert mich ja nicht, dass du’s mit den Chaoten nicht sehr lange ausgehalten hast!“, zwitscherte Christine und setzte sich neben ihn.

„Wo solls denn hingehen?“

„Ich? Jetzt?“

Christine nickte.

„Ach ich düse nach Soll. Hab da mein Gerümpel in der Garage meiner Kumpels lagern. Weißt schon, bin doch aus der Autobahn-WG ausgezogen. Wegen diesem fertigen Vermieter. Der hat uns wie Weihnachtsgänse ausgenommen.“

„Ach ja, klar ich weiß schon. Und was machste heute in Solln?“, Christine fragte schnell. Zackig wie aus einer Pistole schossen ihre Worte in Julians Gesicht. „Du musst schnell reden und antworten. Immer wissen, was du willst, wohin du willst, was los ist. Für jede Frage eine Antwort parat haben. In der Schule und überhaupt! Antworte schnell, wie aus der Pistole geschossen. Das ist das Leben! Das ist die Stadt. Alles geht ruck zuck!“

Julian stammelte ein wenig verunsichert:

„Ich? Ach so,ja, äh, fahr da eben mal so hin, um nach dem rechten zu sehen. Ob mein Zeug da noch rum liegt und so weiter. Außerdem haben die mir vor den Ferien durch die Blume angeboten, ich könnte dort vorübergehend wohnen. Bis Ferienende zumindest. Die haben ein winziges Gästezimmer. Da wollte ich jetzt mal nachfragen. Vielleicht war das ja ernst gemeint.“

Julian wartete auf den nächsten Pistolenschuss. Er kam nicht. Christine fragte nichts.

Sie schnüffelte an Julian herum. Schnupperte das ausgeleierte T-Shirt von Nils ab.

Jetzt schoss Julian pistolenschnell: „Ich hab die letzten zwei Nächte in den Bergen in einem Schafeunterstand gepennt! Konnte bisher nicht duschen. Bin gerade schon einigen Kids in der S-Bahn grob aufgefallen. Deshalb sitze ich jetzt hier! Ich muss mich etwas lüften!“ Nilslächeln.

„Aha, Schaf!“ Stöhnte Christine. Sie stöhnte, als habe Julian etwas gesagt, dass sie schon lange wusste. Ein gelangweiltes Stöhnen. „Dacht ich’s mir doch!“

Sie wechselte das Thema: „Willste heute Abend zur Party von Helli kommen? Weist schon Helli Hauch, der spießige Streber, gleich vorne in der Mathestunde. Der immer direkt vor Gepharty unserm Mathenervier sitzt. Helli der Schleimer, weißt schon, kennste doch, den Typen!“ Sie meinte ein geplantes Fest bei Helmuth Hauch. Von dem erzählte Nils: „Ein immer perfekt gedresster Juppisohn! In der Mathestunde sitzt er direkt vor dem Lehrer, vorne in der ersten Reihe. Gephart. Dann fließt der Schleim. Der Typ singt mehr, als er spricht. Er schmeichelt sich ein, bezirzt und macht Gephart an. Er hofft auf gute Noten. Dabei helfen ihm die jungen Mädchen. Er versammelt sie um sich, in der ersten Reihe. Sie finden ihn toll. Er hat Geld. Jede Menge.“

Julian wusste, wer gemeint war. Er kannte die Sprache von Christine. Er wusste von ihr, was Nils sagte. Er sprach mit ihr, wie das Nils tat. Sie bemerkte nicht, dass er nicht Nils war. Zumindest sah das so aus.

War die Maskierung perfekt? Die gelungene Täuschung?

Christine deutete keine Zweifel an. Dazu sah und hörte er nichts von ihr. Sie fragte und sprach klar und schnell. Wie Nils es beschrieb. Sie fragte nicht, warum er so komisch aussehe. Sie sagte nicht, dass seine Hände oder Haare anders aussähen. Übersah sie das? Traute sie sich nicht? War sie zu sehr beschäftigt mit sich selbst und mit dem Leben in der Stadt?

Der Rollentausch war gelungen. Julian spürte Triumph. Er hatte es geschafft. Er war nicht nur Maskierungskünstler, der sich irgendwie maskierte. Er war Imitationskünstler! Er imitierte perfekt. Oder nahmen die anderen zu schlecht wahr? Sahen sie schlecht? Hörten sie schlecht? Oder verdrängten sie das Anderssein einfach? Vielleicht war es zu vieles, das man in der Stadt täglich sah. Die vielen Menschen, Autos, Krach und dann auch noch diese Plakate.

Vielleicht war die perfekte Täuschung deshalb einfacher.

„Bin ich überhaupt eingeladen?“

„Ja, ja klar bist du! Logisch. Die halbe Klasse ist eingeladen. Das macht Helli doch immer. Er traut sich gar nicht, bestimmte Leute nicht ein zu laden. Er ist doch reich und weltoffen. Er will seinen Reichtum vorführen. Und dabei ist er spendabel. Brauchst nichts mitbringen! Ralf und Mark kommen auch!“

Also fragte Julian nach der Adresse.

„Ich komme mit ziemlicher Sicherheit. Es sei denn, es kommt irgendwas gröberes dazwischen. Mal schaun!“

Bei Vereinbarungen von Terminen gehörte es zu seinem „Markenzeichen“, sich niemals eindeutig auf eine Sache fest zu legen. „Meine Freunde aus der Schule wissen das. Je weniger eindeutig ich mich festlege, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ich komme. Wenn ich sage: alles klar! Ich komme ganz bestimmt! Also bis heute Abend! Dann wissen die, die mich kennen, dass es eine sichere Absage ist.“

Christine gehörte zu denjenigen, die ihn genauer kannten. Sie verabschiedete sich. Sie legte ihre Hand kurz auf Julians Schulter, zog sie sofort wieder zurück.

„Also dann tschüsschen bis heute Abend, vielleicht, ich freue mich.“ Schon stand sie in der Tür einer S-Bahn.

Julian rief: „Alles klar, schauen wir mal wies läuft!“

Die Tür schloss sich.

Christine fuhr Richtung Innenstadt. Ein kurzes Gespräch. Keine Zeit zu fragen was Christine während der Ferien machte. Nicht gefragt wohin sie gerade unterwegs war. Nicht erfahren, wie es ihr ging. Keine Ahnung was sie wirklich von Helmut Hauch hielt. Keine Ahnung wer für sie Nils Scherer war.

Nils, der mit ihr immer wieder sprach, meist auf Festen und in Kneipen, wusste genauso wenig. Julian war überrascht. Nils sagte: „Das ist eben mal so in der Stadt. Das Leben läuft zu schnell. Zu viele Leute, um sich genauer auf sie ein zu lassen. Sprichst du fünf Minuten mit ihnen, sind sie schon wieder weg. Deshalb fange ich gar kein genaueres Gespräch mehr an. Da verwickelst du dich nur, und zack! Wird es wieder abgebrochen. Das ist das Leben.“

 

Er nahm den Rucksack, stand auf, ging zum Kiosk. Die nächste S-Bahn nach Solln war leerer. Die Berufsverkehrszeit war vorbei. Halb Acht. Er riß an der Tür. Automatisch ging sie auf. Er setzte sich. Sah zum Fenster hinaus. Der Morgenrock der Nackten war immer noch offen, weiß glänzte die Unterwäsche. Das Gesicht drehte sie nicht um. Es blieb unsichtbar. Ihre Haare wehten immer noch.

Häuser flogen. Drähte, viele Drähte. Sie glitten vorbei, auf und ab. Autos und Ampeln. Die Bahn zischte und surrte.

Die Zielhaltestelle fand er. Von dort aus lief er etwa fünfzehn Minuten. Den Weg hatte Nils genau erklärt. Der Stadtplan war unnötig.

Während der S-Bahnfahrt studierte er den Plan genau. Er suchte alle wichtigen Straßen. Die Autobahn-WG, die Schule, die er ab Dienstag zu besuchen hatte. Er wollte dort schon vorher hinfahren, um sich im Schulgebäude zu orientieren. Auch den Bahnhof fand er im Plan. In den nächsten Tagen musste er dort wieder hin. Er brauchte eine neue Monatsfahrkarte.

„Die Probleme wegen der Orientierung in der Stadt sind nicht so schlimm. Ich kenne mich da kaum aus. Bin ja erst seit einem Jahr dort. Wenn du dich verläufst, verfährst oder sonst was, schau auf den Stadtplan. Ich hab immer einen dabei, hab ihn aber verloren. Kauf deshalb einen neuen.“

Julian wartete auf Menschen, die Nils kannten

Julian ließ sich mit seinem Rucksack auf den Treppenstufen des Hauses in Solln nieder. Es glich einer Villa. Die Garage stand offen. Die Kisten von Nils waren noch da. Sauber aufeinander gestapelt, in der Ecke. Der Schreibtisch, sein Stuhl, die verpackte Matratze und die Stehlampe, das Mobiliar von Nils, alles da.

Julian läutete, es war niemand Zuhause. Er saß auf den Treppenstufen. Drehte eine Zigarette aus Gebirgstabak. Den Tabak pulte er aus Nils Tabakdose.

Das Haus: groß, hoch, mit vielen Rundungen und alt. Nils berichtete begeistert von diesem Haus. „Es ist eine alte Villa, voll gediegen! Fünf Studenten wohnen dort. Wohngemeinschaft. Sehr außergewöhnlich. Solche Villen werden nur von den oberen Zehntausend bewohnt. Privilegierte, abgesicherte Leute. Deren Kohle täglich einrollt. Natürlich schuften sie dafür. Sie hetzen sich von Morgens bis Abends ab. Das wirst du sehen. Sie stehen mit ihren Funktelefonen im Verkehrsstau. Alltag. Es gehört zum Leben. Anonym hinter getönten Scheiben. Selten fahren sie auch in der überfüllten S-Bahn.

Es ist gut, wenn sich dort nicht nur die Highsociety breit macht. Die Studenten sind locker drauf. Vielleicht kannst du wirklich dort wohnen.“

In der Schäferhütte spielten Julian und Nils vieles durch. Ein Zusammentreffen mit den Freunden aus der Schule im Café Notfall. Dort musste er sich mit der punkfrisurigen Regine, dem selbstsicheren Mark, dem lässigen Ralf, dem Bassisten Rolf und der hübschen Christine unterhalten. Er musste allgemeine, an die gesamte Runde gerichtete, Floskeln in die Runde werfen und die Reaktionen abwarten. Auf die musste er adäquat reagieren, so wie Nils es zu tun pflegte. Nils spielte jeweils die Rolle der Freunde am Tisch. Er gab Regieanweisungen. Stand auf dem Stuhl oder saß, brüllte oder sprach leise.

Assya hatte an den Theatereinlagen riesige Freude. Sie lag, saß oder stand auf der Eckbank und sah dem bunten Treiben schwanzwedelnd zu.

Je länger Julian die Rolle einübte, desto perfekter wollte er sie beherrschen. Mehr und mehr Details erkannte er. Plötzlich glaubte er, dass er nicht in der Lage war Nils Rolle zu lernen. Er war überzeugt, dass er es aller höchstens ausreichend lernen konnte. Dann sagte Nils:

„Es ist gar nicht erforderlich, dass du mich so genau kennst und nachahmen kannst. Denn wir haben den Vorteil, dass ich in der Stadt in keinen festen Bindungen lebe. Ich habe zwar Freunde, aber keine festen Freunde. Es sind eher lockere Bekanntschaften und man lädt sich hin und wieder unregelmäßig ein. Ich lebe in keiner Partnerschaft. Selbst meine Wohngemeinschaft an der Autobahn habe ich vor den Ferien aufgelöst. Du könntest vielleicht Michael, meinen ehemaligen Mitbewohner mal anrufen, musst es aber nicht tun. Wenn er sich bei dir meldet, oder du ihn zufällig triffst, dann machst du einfach eine lockere Kneipentour mit ihm. Am besten suchst du dir eine Bleibe, in der du allein lebst. Oder eine Wohngemeinschaft mit Leuten, die mich nicht kennen. Du wirst die Leute, die mich etwas besser kennen ja nur in der Schule, auf Festen, im Café Notfall oder zufällig treffen. Zwischendrin gibt’s genügend Zeit, wo du in deiner – eigentlich meiner – neuen Bude sitzt. – Wenn du eine gefunden hast. – Dort kannst du, falls notwendig, in Ruhe dein weiteres Verhalten trainieren und dich auf die nächste Begegnung vorbereiten.“

 

Diese bahnte sich gerade an. Das Gartentor öffnete sich. Auf Julian bewegten sich zwei junge Frauen zu. Eine schwarzhaarig, die andere blond. Beide lächelten. Die ersten Menschen in der Stadt, die lachten. Also gab es das doch! Nicht nur auf den Plakaten. Wer waren sie? Kannten sie Nils? Wohnten sie hier?

Julian stand auf. Er konnte sie keiner Beschreibung von Nils zuordnen.

„Wohnen sie hier?“, fragte die Schwarzhaarige. Sie kam so schnell auf ihn zu, dass sie bereits vor ihm stand. Julian reichte die Hand. Die Schwarzhaarige ergriff sie sofort, schüttelte heftig. Schnell ließ sie sie wieder los, damit die Blonde zugreifen konnte.

„Grüß Gott!, entgegnete Nils, „ich sitze hier und warte.“

„Wir alle sind Wartende und Suchende!“, darauf die Blonde.

Sie trat aus dem Schatten der Schwarzhaarigen hervor. Sie lächelte: „Sicherlich suchen auch Sie!“

Julian verstand nicht ganz.

„Wie bitte, ich suche? Woher wollen sie das wissen? Nein, ich sitze und warte!“

Die Schwarzhaarige stand nun neben der Blonden.

„Na unseren Herrn! Wir suchen ihn alle! Wir können Ihnen bei der Suche helfen!“

Sie sprach beinahe singend, lächelte dabei heiter.

„Welchen Herrn?“

Jetzt kam wieder die Blonde. Sie sang nicht. Sie sprach in einem langweiligen Gebetston.

„Ja, Gott unsern Herrn, der uns alle liebt, mein Sohn!“

Was war das plötzlich? Davon erzählte Nils nichts. Der Sohn! Die Mutter! Nichts erzählte er davon, dass seine Mutter auftauchen werde!

„Äh, Jawohl liebe Mutter. Äh, klar, unseren Gott, ja, ja klar, den kenne ich schon noch. Aber warum willst du jetzt über Gott mit mir reden?“

Warum war Nils Mutter noch so jung? Die war höchstens Fünfundreißig. Warum sprach sie so langweilig monoton? Sie hatte keine Ähnlichkeit mit Nils.

Die Schwarzhaarige:

„Nein, nein, wir wollen sie nicht verwirren! Wir bringen das Heil, die Ruhe, die Ordnung. Gottes Liebe auf Erden wollen wir predigen! Das ist nicht verwirrend, das ist klar! Ruhe und Frieden!“

Und die Blonde: „Nehmen Sie sich Zeit für uns.“

„Warum das „Sie“, Mutter? War das schon immer so?“

Die Blonde: „Sollen wir Du sagen? Wäre ihnen das lieber?“

„Tja, ich weiß nicht, wenn wir uns schon immer Sietzten, sollten wir’s vielleicht so lassen!“

Die Blonde: „Nein, nein, gerne können wir Du sagen. In unserer Gemeinde ist das üblich. Zwar nicht gleich am ersten Tag, aber wenn sie es so wollen, gerne!“

„Was für ein erster Tag?“

„Na, wir sehen uns doch heute den ersten Tag, Bruder!“

„Wieso plötzlich Bruder? Ich dachte Sohn?“

„Welcher Sohn?“, jetzt lachte sie wieder. „Ach so! Ich verstehe, das ist nur unsere Redensart, unsere Worte, wir sind doch alle Schwestern, Brüder und Söhne! Also nehmen sie sich etwas Zeit?“

Julian atmete durch. Das sind nur Worte! Nur Redensart! Ok alles klar Nils Scherer! Er stand auf. Sah kurz auf den Boden. Überlegte.

Zeit, das teuerste, was es gibt? Wenn stimmte, was Nils erklärte, wollten die zwei also gleich das teuerste. Wie kamen die darauf, das zu wollen? Sie konnten nicht wissen, dass er vom teuersten zu viel hatte. Julian war ratlos.

Die Schwarzhaarige, nicht mehr munter singend, sondern im Ton einer heilenden Krankenschwester:

„Dürfen wir uns einen Moment zu Ihnen setzen, mein Sohn?“

Julian nickte.

„Wir wollen mit ihnen über ihren Glauben sprechen.“

Zur Blonden: „Sind sie Nils Mutter?“

„Wer ist Nils?“

„Äh, ja, oha, das bin ich! Klar! Natürlich! Nils Scherer. Grüß Gott!“ Er reichte der Dame nochmal die Hand. Sie schüttelte nochmal.

Oh Gott, dachte Julian, meinen Glauben! Was geht die mein Glaube, – im Grunde nicht meiner, sondern der Glaube von Nils – an? Sie ist nicht seine Mutter! Das ist gut, sehr gut. Mit Nils Mutter war nicht zu rechnen, sie lebte weit entfernt. Aber, wer weiß, genau jetzt, wo sie am wenigsten zu brauchen wäre, konnte sie auftauchen. Alles war möglich.

Was sollte das mit dem Glaube? Nils erzählte Julian überhaupt nichts zu diesem Thema.

Was tun in so einer Situation?

„Abblocken! Wenn’s brenzlig wird, haust du die Bremse rein! Zuerst freundlich, sehr freundlich, aber bestimmt. Klappt das nicht, wirst du so sehr eingelullt, vereinnahmt, dass du kein Entkommen mehr siehst: frech werden! Werde motzig, aufdringlich, unangenehm!“

„Es mag sein, dass sie über meinen Glauben sprechen möchten, ich möchte es jedoch nicht!“ So rief Julian plötzlich, sprang einige Meter weg, drehte sich um und fixierte die Blonde. Sofort schaltete sich die Schwarzhaarige ein.

„Es ist aber unheimlich wichtig, über den Glauben zu sprechen. Das geht alle etwas an mein Herr! Wir sind offen, ehrlich und kompetent. Sie können mit uns über alles reden, was sie bedrückt.“

Und die Blonde: „Unser Herr ist gütig. Er lässt seine Schafe nicht im Stich!“

Julian überrascht. Trat zwei kurze Schritte näher. Stand vor der Blonden:

„Wieso plötzlich Schafe? Ist er Schäfer? Wie viele Schafe hat er denn?“

Die Schwarzhaarige: „Wir alle sind seine Schäflein. Er meint es gut mit uns, auch wenn wir einmal sündigen. Wir dürfen wieder heimkehren. Er führt uns Heim. Auch sie!“

Julian blickte ungläubig. Dachte kurz über seine Schafe nach.

„Schafe sündigen nicht! Schafe sind gefräßig, sie stinken und ich glaube, sie sind ziemlich dumm. Deshalb muss man immer hinter ihnen her sein, weil sie sonst irgendwo runter stürzen! Das ist das ganz normale Schafsleben! Ich glaube nicht, dass ich ein dummes Schaf bin. Ich glaube nicht, dass ich unseren Gott wegen meiner Schafsblödheit brauche! Menschen: dumm wie Schafe? Nur damit Gott Schäfer sein darf und einen Job hat? Das finde ich unglaubwürdig!“

Die Blonde: „Genau das ist es! Der Herr rettet uns immer wieder!“

„Ja ist er denn wirklich Schäfer?“

Die Schwarzhaarige: „Das kann man so sagen! Er sorgt sich um uns, wie der Schäfer sich um seine Schafe sorgt!“

„Aha, sehr gut, zwar vielleicht ein wenig dumm, aber echt gut!“, sagte Julian. Er trat wieder zurück.

Die Schafe lenkten ihn ab. Was sollte er jetzt tun?

Er sagte einfach:

„Ich will nicht über Schafe reden, auch nicht über den Schäfer, da kenn ich mich genügend aus! Bitte gehen sie!“

Die Blonde: „Aber darüber kann man nie genug sprechen!“

„Ja, aber nicht in der Stadt, wo es keine Schafe gibt und nicht mit mir. Bitte gehen sie jetzt.“

Die Blonde: „Dürfen wir ihnen unsere Karte da lassen?“

„Was für ne Karte?“

Die Blonde gab ihm ein kleines Stück weißes Papier. Darauf stand: „Die Zwölf Apostel“ Telefonnummer und Adresse. Julian schüttelte die Hände. Beide verließen das Grundstück.

Er atmete tief durch. Was es alles gab! Der Herr ein Schäfer? Warum hat er in der Schule davon nichts gehört? Geschlafen? Er nahm einen kleinen Schluck aus der Schnapsflasche. Wahrscheinlich ist es in der Stadt völlig normal, dass man von solchen Leuten angesprochen wird. Nils musste diesen Punkt einfach vergessen haben.

Julian traf Menschen, die Nils kannten

Kaum war die Schnapsflasche weggesteckt und die Zigarette im Mund, erschien erneut jemand am Gartentor. Ein junger Mann, etwa in Julians Alter. Der kam auf das Tor zu, öffnete es und klimperte mit einem Schlüssel herum. Das musste ein Bewohner sein.

„Hallo Nils, na wie war’s so bei den Griechen? Hat der Uzo gemundet?“

Christoph der Biologiestudent. Blond, klein, wenige gekräuselte Haare auf dem Kopf. Blasses, breites, rundes Gesicht. Dicke Hände, fette Finger. „Er nimmt sein Studium sehr ernst. Es ist für ihn das Wichtigste. Interessiert sich sonst für kaum was. Ist ein bisschen von oben herab, weißt schon…“

„Ja, äh, ich war eigentlich gar nicht bei den Griechen“, erwiderte Julian und folgte Christoph. Der drückte ihm im Vorbeigehen schnell die Hand.

„Ich habe mich spontan von meinen Schulfreunden auf der Autobahn getrennt und bin einige Wochen im Österreichischen Gebirge unterwegs gewesen.“

„Da haste Dir ja ’ne ordentliche Gesichtsbräune und einen deftigen Körpergeruch zugelegt! Wir haben für dich das Gästezimmer für zwei Wochen frei geräumt. Duschen kannste auch gleich oben. Kennst dich ja aus“, meinte Christoph darauf.

Julian bedankte sich. Ein freundliches Nieslslächeln. Gleich rechts fand er die Treppe. Die schritt er selbstsicher aber langsam hinauf. Dieses Treppenhaus gab es in seinem Kopf. Nils beschrieb es genau.

Julian wusste, wo das Gästezimmer war. Zweiter Stock rechts. Julian wusste, wer in welchem Zimmer wohnte. Die Namen der Bewohner kannte er. Deren gröbste Eigenarten auch. So wie sie Nils sah. Die Raumaufteilung des Gebäudes lag in seinem Kopf. Jetzt sah er sie wirklich.

Das sah völlig anders aus. Die Teppiche auf der Treppe waren zwar tatsächlich samtrot, aber darüber lag ein scheußlicher grauer Läufer. Der machte das schöne Samtrot zunichte. Die Räume waren viel höher als er es sich vorstellte. Zu lange lebte er in seiner niedrigen Schäferhütte.

Von unten rief Christoph: „Ich hab leider keine Zeit. muss an meiner Magisterarbeit brüten. Kennst dich ja aus. Bis später!“

Christoph riß die Kellertür auf. Seine Schlappen knallten auf die Steintreppe. Er rannte eilig runter in sein Zimmer.

In Ruhe sah sich Julian alles genau an. Die weißen Türen, die roten Teppiche. Schnell schlich er nochmal runter. Suchte die Küche, das Gemeinschaftszimmer. Er musste sich selbstsicher in den Räumen bewegen. Schließlich kannte Nils das Haus schon lange.

Im zweiten Stock öffnete er die rechte Tür. Tatsächlich das winzige Gästezimmer mit Dachschrägen über dem Bett.

Gegenüber fand er das Bad. Das andere Zimmer, zwischen Gästezimmer und Bad, war das von Regine, der Philosophiestudentin. Er kannte sie bereits, bevor er sie je sah.

Unglaublich, wie er schon über die Leute dachte, noch bevor er sie kennenlernte. War Christoph wirklich nur an seinem Studium interessiert? Was war das für ein Bild, das Nils von den Leuten gab? Subjektiv. Ganz klar.

Den Rucksack stellte er auf den Boden im Zimmer. Erleichtert ließ er sich auf dem Schreibtischstuhl nieder.

Er durfte in diesem Zimmer keinesfalls rauchen. Hier übernachtete der Hausbesitzer. Der kam regelmäßig zu Besuch. Mit dem wollte sich Nils nichts verscherzen. Die Bewohner hatten den überredet, sein Zimmer zu vermieten. Für ein bis zwei Wochen.

 

Wochen vor den Sommerferien lernte Nils den Hausbesitzer zufällig kennen. An einer Straßenkreuzung. Ecke Wolfratshauser-/Herterichstraße. Es war die Transportfahrt seiner Kisten in Rolfs VW-Bus. Der Vermieter stand neben einer dunklen Limousine auf dem Gehsteig. Eine Panne. Langsam näherten sich Rolf und Nils der Kreuzung. Genau als sie neben dem Vermieter standen schaltete die Ampel auf Rot. Nils kurbelte die Scheibe runter. Frech fragte er:

„Na was gibt’s werter Herr?“

„Tja, eine Panne. Ein platter Reifen. Leider!“

Zu Rolf flüsterte er:

„Der Knacker hat ne Panne! Solle ma helfe?“ Dummes Nilslachen.

Rolf: „Keine Zeit, zu viel Stress, das Übliche eben in der Stadt!“

Darauf Nils zum Fenster raus, zum Vermieter: „Sollen wir ihnen helfen werter Herr?“

„Sehr gerne, ich habe rechts vorne einen Platten. Ich finde meinen Wagenheber nicht. Radkreuz finde ich auch keines!“

Rolf brummte Nils an: „Was soll der Scheiß Mann?“

Grün. Hupen von hinten. Rolf fuhr langsam an und lenkte den Wagen vor die Limousine auf den Gehsteig.

Nils, ironisch lachend: „Brav, sehr gutmütig Rolfi! Man soll sich nicht hetzen lassen. Gerade wenn man noch so jung ist wie wir. Wir haben die Hilfsbereitschaft nämlich mit Löffeln gefressen. Gell?“ Breites Nilslachen.

Rolf nur noch abgeschwächt brummend, leicht ironisch: „Samariter sind wir scho, klar! Wir hamm kein Geld und brauchens auch nicht! Klar! Wir sind jung und leben von unserer Hilfsbereitschaft! Danach stecken wir unsere Hände wieder in den Mund. Davon leben wir!“ Er schlug Nils auf die Schulter, lachte und stieg aus. Unter dem Sitz zog er Wagenheber und Radkreuz hervor.

Beide wechselten den Reifen, während der Herr zu sah:

„Sowas hab ich noch nie gemacht! Toll, wie sie das können!“

Rolf brummte und schraubte: „Ja, ja, der rotzigen, frechen Jugend geht’s zu gut. Die hat zuviel Zeit, gell?“

Nils wuchtete den Reifen aus dem Kofferraum. Kräftig trampelten beide auf dem Radkreuz herum. Nach einer knappen halben Stunde war das Ersatzrad montiert und die Pfoten verdreckt. Keiner der beiden steckte die in den Mund. Stattdessen gab es großzügig hundert Mark. Nils lachte, Rolf brummte.

Sie fuhren weiter. Der Pannenwagen steuerte ihr Ziel an. Vor der Garage begrüßten sie den Vermieter erneut. Stellten sich vor.

Dieser Mensch, so warnte Nils in der Schäferhütte, ist strikter Nichtraucher.

 

Julian saß in der Wanne und schrubbte. Ausgiebig. Viel Schmutz floß ab. Die Seife schäumte kräftig. Die Haare wusch er vorsichtig. Sie waren kurz. Geschoren, wie die von Nils. Die letzte Tat in der Hütte. Die Frisuren mussten übereinstimmen. Nils schnippelte stundenlang. An dem Haarschnitt durfte nichts schief gehen. Die Frisuren sollten annähernd identisch sein. Das schwierigste: die Farbe. Julian mixte eigenartiges Zeug zusammen. Alles aus dem Wald. Das kochte er kurz auf, mixte dann nochmal. Die Färbung fand er gut. Annähernd die gleiche Farbe.

Die Farbe hält lange, lässt sich nicht raus waschen. Über die Gesichtsmaske durfte nicht zu viel Wasser strömen. Julian übte den Umgang mit dem Duschkopf. Nach der Dusche fühlte er sich wie neu geboren.

Er duschte das letzte Mal in der Nacht, vor über einem Jahr, nachdem er den toten Vater den Berg hinunter geschleppt hatte. Das war im Hotel zur Post im Tal. Er musste eine Übernachtung einlegen, um Tags darauf die notwendigen Formalitäten wegen der Urnenbeisetzung zu erledigen.

In der Schäferhütte badete er wöchentlich. Ein besonderer Akt. Er nannte ihn „Staatsakt“. Wenn er zu Assya sagte: „heute Abend ist wieder ein ausgiebiger Staatsakt fällig“, so begann die Hündin freudig mit dem Schwanz zu wedeln. Sie wusste, dass auch sie, nachdem ihr Herrchen in der Mitte der Hütte im dampfenden Trog gebadet hatte, hineinspringen durfte. Assya badete, für Hundeverhältnisse außergewöhnlich gerne. Der Staatsakt war die Abwechslung der Woche. Zehn große Blechtöpfe Wasser mussten auf dem schweren Holzofen erhitzt werden. Das dauerte eine knappe Stunde.

Die Seife machte er nach altem Rezept des Großvaters. Baumrinden, verschiedene Harze. Er zog einen Stöpsel und das Wasser strömte nach unten ab. Ein Loch im Trog- und Hüttenboden. Darunter eine alte Dachrinne. Der Vater erstand sie vor Jahren im Dorf von einem Bauarbeiter im Tausch gegen ein Schaffell.

 

Die feuchten Haare kämmte er vor dem Spiegel. Das Gesicht rieb er ein. Das musste sein. Es löste sich sonst zu schnell auf. Die Creme roch nach Schafsfett. Leider. Das ließ sich nicht vermeiden. Trotzdem musste sich der Schafsgeruch gemildert haben, wegen dem Bad.

Julian ging die Treppe runter, wollte zur Garage. Christoph hielt Julian im Treppenhaus auf:

„Willst du ’nen Happen mit essen? Es gibt klassisches Studentenfutter! Spaghetti al Olio, das Spargericht des Hauses! Dazu billigstes Bier Marke Hornabstoßer!“

Überrascht, diese Einladung von Christoph zu hören, blieb Julian stehen.

„Außerdem könntest du mir noch was von deinem Gebirgsurlaub erzählen!“

Der interessierte sich also doch für mehr als nur sein Studium. Julian: „Danke, gerne, aber nicht heute, hab mich gerade etwas aufgepeppelt wegen einer kleinen Juppiparty, zu der ich heute spontan eingeladen bin. Deshalb muss ich mir noch einige Klamotten aus der Garage holen. Um den Gebirgsgeruch endgültig ab zu legen.“

Christoph: „Aha!“ Das war der Tonfall, der sagte, dass man etwas schon lange kennt.

Christoph weiter: „Kaum aus dem Urlaub zurück, schon wieder auf Vergnügungstour! So ist das bei den Schülern. Sie haben noch nichts gescheites gelernt und lassen die Welt unreflektiert an sich vorbei rauschen!“

Was sollte das? Eine Provokation? Der angehende Akademiker?

Julian: „Ok, ok. Mir ist schon klar, dass das Studentendasein sicherlich der stressigste Part im Leben ist! Der unglaubliche Stress, den man als Student hat verbietet einen ausschweifenden Lebensstil. Ganz klar! Urlaub, Feiern und Vergnügen….solche Lächerlichkeiten gewöhnt man sich da ab! Logisch!“ Nilslächeln.

Und weiter:

„Als angehender Akademiker muss man gescheit sein. Oder zumindest muss man so wirken! Außerdem muss man die schwierige Kunst des Arrogantseins beherrschen. Dies übt sich am einfachsten an kleinen Leuten. Leuten, denen man überlegen ist. Das glaubt man zumindest. Aber aufgepaßt mein Herr. Manchmal täuscht man sich!“ Breites Nilslachen. „In diesem Sinne, viel Spaß noch mit den Spaghetti!“ Noch breiteres Nilslachen.

Was hatte er da daher geschwafelt? War das unverschämt? Zuviel? Mist? Er lachte weiter, wie Nils. Auch Christoph lachte. Der sagte nichts. War das die schnelle Pistole von Nils?

In der Garage wühlte er in den Kisten. Sie trugen Nils Handschrift. Inzwischen auch die Handschrift Julians. Er zog die Kiste mit der Aufschrift „Klamotten“ heraus, trug sie ins Haus.

Er schleppte sie die Treppe hinauf. Von unten rief Christoph:

„Ich habe mir einmal dein Fahrrad leihen müssen, weil an meinem das Licht defekt ist! Du hast vorne einen Platten. Hast du das gewusst?“

Julian, der nicht einmal wusste, dass Nils in der Garage auch ein Fahrrad abstellte, antwortete:

„Ja, ja, klar, das ist schon seit Wochen platt. Die Luft entweicht, aber ganz langsam. Man muss alle drei, vier Tage pumpen. Ich werde den Mantel mal flicken. Aber sonst läuft’s gut oder?“

„Ja“, sagte Christoph, „etwas rostig und klapprig die Mühle, aber für die zwei Kilometer zur S-Bahn reicht’s leicht.“

„Stellt man keine Ansprüche an den Fahrkomfort, ist es ein super Tourenbike“, sagte Julian.

Er schleppte die Kiste nach oben ins Gästezimmer.

Für den geplanten Besuch der Party von Helmuth Hauch sahen die Klamotten von Nils ungeeignet aus. Ausgeleierte Sweatshirts, grob verwaschene, geflickte Jeanshosen, ausgewaschene alte T-Shirts, leicht durchlöcherte Unterwäsche und schwer durchlöcherte Socken. Das ist also die Ausstattung eines Städters. Alles roch leicht modrig. Es lag schon über einen Monat in der Garage. Zwar war alles sorgfältig in blauen Müllsäcken verpackt, trotzdem kam Feuchtigkeit durch.

Julian zog sich eine verwaschene Jeanshose an, dazu ein hellblaues altes T-Shirt. Das sah noch am besten aus. Andere Leute, so dachte er, zögen es höchstens noch zum Streichen einer Wohnung an. Ein dunkelblaues Sweatshirt nahm er, falls es abends kälter werde. Er legte es über die Schulter. Den Geldbeutel von Nils und dessen Tabakdose stopfte er in die Taschen der verwaschenen, ausgefransten, durchlöcherten Jeansjacke.

Unten fragte er Christoph: „Wo sind eigentlich die anderen alle?“

„Urlaub! Die sind alle in Urlaub und kreuzen irgendwann in den nächsten Wochen wieder auf.“

„Ach ja, klar!“ Julian versuchte einen läppischen Tonfall. Auch er wollte einmal ausdrücken, dass er eh alles schon wusste, eh alles klar sei.

Er sagte: „Das stressige Studentenleben, verstehe! Also dann, schönen Abend noch, ich komme sicherlich erst spät wieder. Tschüs!“ Christophs Schlappen knallten wieder die Kellertreppe runter. Julian zog die gläserne Haustür zu. Er ging zur S-Bahn.

Julian feierte für Nils

Helmuth Hauch trug ein frisch gebügeltes weißes Stehkragenhemd. Darüber eine hell gestreifte, ebenfalls gebügelte weiße Weste. Eine dunkelgraue, gebügelte, weite Flanellhose. Unten glänzten schwarze, schmale Lackschuhe hervor. Sie waren aus feinem Leder, von einem Muster versehen.

Die linke Hand lag auf dem goldenen Türknauf der Haustür. Eine weiße Kassettentür. Die sah schwer aus, war groß und dick. Die behaarte Hand des Gastgebers schmückte ein Goldkettchen. Das sah schwer aus, es war groß und dick. Es hing herunter. Es hing tief. Auffällig. Sofort sah es Julian, dachte an glänzende Goldberge. Sehr gewichtig.

Die Hand ließ vom Türknauf. Schnell fiel sie hinunter. Neben der Bügelfalte baumelte sie. Die Goldkette, ein riesen Gewicht. Die Fallwirkung unglaublich. Ungebremste Begeisterung nach unten. Julian, der Beobachter: zuerst begeistert, dann von der eigenen Begeisterung erstaunt. Interesse am Kettchen? Oder Interesse an diesem Mann? Julian konnte nicht entscheiden. War die Goldkette etwas besonderes? Oder war es Herr Hauch? Oder beide?

Kurzfristig glaubte Julian, der Mensch, der diese Kette trug, müsse besonders interessant sein. War das das Ziel eines Werbekonzeptes? Hauch der Mann, der von Millionen Plakaten lächelte?

Das leicht rundliche Gesicht fand Julian wenig plakativ. Es erinnerte an eine Tomate. Nichts für Millionen bunter Plakate. Der Duft schon eher. Scharf entwich der dem Gesicht. Gab es riechende Plakate?

Rasierwasser. Julian roch nach Schaf und leicht moderig wegen Nils Scherers Garagenwohnsitz. Alles kein Problem. Hauch und Julian nebeneinander auf einem bunten Plakat. Sie stehen auf einem glänzenden Goldhaufen voll mit Schafen. Der Hintergrund: eine blaue Glasflasche mit Goldrand. Der Geruch war intensiv. Schafsrasierwasser. Der Fotograf fiel in Ohnmacht. Gerüche penetrant wie bunte Plakate. Überall in der Stadt. Darunter der billige Werbespruch: „Sheep for men on earth! Fleecy clouds in the sky!“ Der Fotograf erwachte auf dem Rücken liegend und sah die Schäfchenwolken am Himmel ziehen.

 

Julian öffnete das Gartentürchen. Ein weitläufiger, grüner Garten. Bunte Blumen, jede Menge. Auch Rosen. Das Gras geschoren, wie seine Haare. In der Mitte, ein Springbrunnen, weißes, helles Marmor. Daneben ein riesiges Wagenrad. Nicht aus Holz. Aus Marmor. Davor liefen Frauen, auch aus Marmor. Sie trugen Eimer zum Brunnen.

Der aufdringliche Geruch des Rasierwassers lag über dem Garten. Die Augen tränten. Julian ging langsam, sah nach rechts und links. Was war das? Eine Ausstellung? Alles leicht verschwommen. Die Augen tränten. Ordnung und Sauberkeit? Kein einziger Grashalm der Vorgartenwiese lag auf den Marmorfliesen. Die Fliesen glänzten. Julian sah hinauf zum Himmel. Dort hatten sich keine Schäfchenwolken zusammen gebraut.

Kurz vor dem Gastgeber: plötzlich Lärm. Dumpfes Stampfen. Musik drang aus dem Haus. Viele Gäste hatten die Fliesen bereits passiert. Warum waren sie so sauber?

Die Schuhe der Gäste waren sauber. Die meisten stiegen direkt aus ihren Wohnungen in ihre Autos. Und direkt aus den Autos in diese Wohnung. Die Stadt war sauber. Jedenfalls solange es nicht regnete. Und das tat es nicht. Es gab keinen Matsch, wie in Julians Bergen. Weiße Fliesen blieben weiß.

Der Gastgeber streckte den Arm aus. Er lächelte. Das zweite Lächeln, das nicht vom Plakat stammte. Es sah etwas aufgesetzt aus. Versucht freundlich. Helmuth Hauch liebte Nils Scherer nicht. Eindeutig. Das Tomatengesicht sagte es. Sofort. Verzerrt. Es wies ab. Begrüßte trotzdem. Es fragte: Was willst du denn hier? Dabei Händeschütteln.

„Grüß dich Nils, schon von den Griechen zurück?“. Die Worte waren gezwungen. Sie stolperten fast. Der Händedruck war sehr fest. Die Hand war groß. Sie zog. Langsam aber gewaltig. Julian musste ihr folgen. Gewalt zog ihn durch die Tür.

Eile des Gastgebers? Mit der Kettchenhand zog er die schwere Tür hinter Julian zu. Der Gastgeber erwartete keine Antwort. Trotzdem antwortete Julian:

„Bin leider heute erst zurückgekehrt, konnte deshalb nichts mitbringen, weil ich erst kurzfristig erfuhr, dass hier was abgeht“.

Helmuth Hauch sagte nichts. Er schob ihn mit der gleichen Gewalt einfach beiseite. Julian stand im Weg. Der Gastgeber wollte kein Gespräch. Er wollte schnell zurück ins Wohnzimmer. Er ließ Julian stehen. Er ging einen breiten weißen Gang hinunter, ins Wohnzimmer aus dem der Lärm dröhnte.

Das Interesse des Gastgebers an Nils Scherer war beendet. Sehr angenehm die Feste die Nils besuchte. Oder wäre der nie hergekommen?

Julian, vom Verhalten des Gastgebers leicht verunsichert, hängte seine Jacke nicht in die Garderobe. Legte sie lässig über die Schulter. Um wenigstens etwas bei sich zu haben.

 

Gemächlich schritt er auf die Wohnzimmertür zu. Hinter der sah er Helmuth Hauch verschwinden. Laute stampfige Musik. Der Zeitgeist? Die Generation? Sicherlich. Er kannte das aus seinem Radio. Da war von den „lärmenden Jugendlichen“ die Rede. Die Jugend, zu laut, zu anspruchsvoll. Einfach verzogen. Zigarettenbürschl. Zu viel Geld.

Die Tür ging kurz auf.

Dumpfes stampfen. Schnell. Laut. Düstere Rauchschwaden. Bunte Mädchen hüpften durch den Raum. Leicht bekleidet. Sie rissen die Arme in die Höhe. Hoppelten auf und ab. Sie warfen sich den stehenden, wippenden, hübschen Jünglingen um den Hals. Zogen sie tänzelnd durch den Raum. Sie drehten sich schnell, sprangen, gingen in die Knie. Sie warfen sich an die Jünglinge und küssten. Dann schwebten sie. Der Stampfbeat ebbte ab. Getragen schleppte er sich durch die Rauchschwaden. Die Jünglinge tapsten schüchtern. Die jungen Mädchen ergriffen Hände. Legten sie sich um die Schultern und Hälse. Sie traten eng heran. Schmiegten sich an. Getragen bewegten sich bunte Paare aneinandergepresst durch die Rauchschwaden. Plötzlich Ruhe. Man ließ von einander. Ein dumpfes Grollen. Es rollte. Schneller und schneller. Es schlug, das Grollen bildete jetzt einen Hintergrund. Langatmiger hochtoniger Singsang. Jetzt sprangen die Mädchen wieder. Hoppelten erneut auf die Jünglinge zu. Zerrten sie kurz an sich, warfen sie wieder von sich. Die Küsse, sehr kurz, sehr schnell. Kräftig. Die Tür viel wieder zu.

Die Mädchen waren in glitzernden und bunten Farben gedresst. Bunt wie die Plakate. Schwungvolle Bewegungen vermischten die Farben. Begeisterung. Er hörte Lachen und Schreien. Freude. War die von den Plakaten geklaut? Gibt es lärmende Plakate?

 

Julian wollte nicht in dieses Zimmer. Das Treiben war ihm zu bunt. Zu laut. Ausgelassene Mädchen, das kannte er nicht. Hatte er Angst vor dem Unbekannten? Wäre Nils da gleich vor gestürmt?

Julian fühlte sich unsicher. Er suchte nach was, woran er sich festhalten konnte. Ein Bierglas!

Links von ihm glänzte eine weiße Tür. Sie sah schwer aus. Er nahm sie. Er stand in der Küche. Riesige Fenster, hell beleuchtet, hoch, weiß. Unbekannte Gestalten am Küchentisch. Gläser, Geschirr, Besteck, Tabletts mit Kuchen, Wurst, Käse. Alles verteilt links und rechts auf den Ablagen. Zigarettenqualm, Rauchschwaden auch hier. Gespräche, die abrupt endeten. Er sagte: „Hi Leute!“ Keiner passte zu einer Beschreibung von Nils. Hinter dem Tisch erkannte er das braune Fass. Ging links vorbei, griff mit der Linken ein Glas, schob es unter den Zapfhahn und ließ es laufen.

Einige der Unbekannten grüßten zurück „hi!“, ihre Gespräche gingen weiter.

„Gestern hab ich sie montiert, Alu, sechshundert das Stück.“

„Wahnsinn, so günstig? Die für meinen 323er hamm achthundert gekostet!“, sagte ein beleibter Blonder. Sein Arm lag auf dem Faß, weiß, die Hand hing vorn runter, ein Goldkettchen. Dünner, leichter als das des Gastgebers.

„Und wie laufen sie?“

Ein Schwarzgelockter, er lehnte auf einem Küchenstuhl, ein Knie angewinkelt, aufs andere gelegt: „Super! Kaum wieder zu erkennen der Wagen! Mit hundertvierzig liegst du super in jeder Kurve!“

„Is ja echt geil Mann! Meiner zieht mit hundert schon leicht raus!“

„Kannst mal ne Runde drehn, wenn du willst! Kommt echt turbo!“

 

Niemand kannte Nils. Das Bierglas stellte er auf die Ablage, neben eine Batterie von Gläsern. Er zog seinen Tabak raus. Er wollte eine Zigarette haben. Er hoffte sich dann sicherer zu fühlen. Qualmend mit Bierglas Richtung Wohnzimmer, das sah gut aus. Nicht so nackt. Nicht so unsicher. Nicht so verloren. Lockerer.

Er sah auf den Tisch. Dort lagen goldene und weiße Zigarettenschachteln. Kein Tabak. Beim Drehen erntete er Blicke. Saubere Gesichter. Ordentlich frisierte Haare. Schwarz glänzend. Naß? Glatte Haut. Bübchengesichter, sehr gepflegt.

Die Gesichter sahen: seine Tat verachtend, völlig daneben, bist du Kiffer? Was drehst’n da Mann? Was soll das krümelige Gekurbele und Gekrame in der Tabaksdose? Wohl’n verkappter acht’nsechzger oder was?

Julians Gesicht unsichtbar rot. Schob die Dose in die ausgefranste Jacke zurück. Die Zigarette in den Mund. Mit Bierglas zum Tisch. Stand neben einem im weißen Hemd ohne Kragen. Aus dem ragte ein feines blasses Gesicht, leicht gepeelt, mit kurzer geröteter Nase. Die schwarzen Haare vielen feinstähnig, geelglänzend herab.

„Kann ich mal den Goldhaufen?“, Julian deutete neben eine weiße lange Zigarettenschachtel. Da lag ein goldenes Feuerzeug. Der Blasse blickte unverständig. „Darf ich mir mal eine zünden?“, fragte Julian weiter. Der Blasse verstand nichts. Julian griff zu, zündete und legte wieder hin. Dann verließ er die Küche mit seinem Glas. In der Küche saßen keine Freunde von Nils, das war klar. Sie verstanden ihn nicht.

 

Mit dem gefüllten Bierglas bewegte er sich langsam den Gang hinunter. Einen Schluck nahm er. Bis zum Wohnzimmer nur noch wenige Meter. Aus dem Raum schepperte und krachte es. Kein dumpfes Grollen mehr. Vielen hinter der Tür jetzt die Mädchen erschöpft scheppernd zu Boden? Oder brachen die Jünglinge vor ihnen laut knallend zusammen? Vielleicht ging der ein oder andere in die Luft? Darum die dichten Rauchschwaden.

Julian lächelte. Er dachte das, um sich zu vergnügen, seine Unsicherheit zu verschieben. Die Zigarette qualmte. Die Schritte wurden langsamer. War noch kein Freund von Nils da? Wo blieben die?

Genau jetzt, als er das dachte, öffnete sich zufällig die rechte weiße Kassettentür. Er stand gerade neben ihr. Er über sah sie fast.

Heraus kam: die Rettung der Situation.

Sie rettete ihn aus seiner Verunsicherung. Sie verhinderte, dass er ins Wohnzimmer musste. Er musste sich nicht durch die hoppelnden Mädchen und hübschen weißen Jünglinge schieben. musste nicht dichte Rauchschwaden durchblicken, suchend nach bekannten Gesichtern, die Nils beschrieb. Dem Gastgeber musste er nicht noch einmal begegnen. Es war Christine.

„Hallo Nils!“, kreischte sie laut, denn das laute Dumpfe war wieder da. Qualmende Kippe in der Rechten, leeres Bierglas in der Linken.

Leiser, weil dichter an seinem linken Ohr: „Auch schon eingetrudelt?“ Sie lachte! Echtes Lachen! Das erste echte! Kein Plakat! Bewegt, vergnügt, einfach lustig.

Deshalb lachte auch Julian. Ein Nilslachen. Julians schlechtes Gewissen setzte jetzt ein. Langsam. Er merkte es noch kaum. Es tapste vorsichtig in ihm. Er war nicht Nils.

Sie schnüffelte sofort das ausgeleierte T-Shirt ab:

„Na, Schafsgruch noch nicht ganz abgelegt?“

„Nee, ich bin auf Moder und Schaf umgestiegen! Kommt deftiger, einfach satter, der letzte Schrei der City!“ Nilslachen.

Christine: „Kein Problem! Absolut angemessen! Die ganze Bude hier riecht nach „Fleecy Clouds In Paradise“! Der Edelbrühe, die sich Helli als Rasierwasser gönnt! Da passt ein bisschen modrige Schafwolle ganz gut!“

„Wir sitzen im Kaminzimmer. Das Wohnzimmer hat Helli in einen nebligen Beautyaffenstall verwandelt. Mit abgespacetem Sound. Echt zum reingübeln!“

Sie empfahl Nils einen Ledersessel neben dem Kamin. Die „gestriegelten Äffchen“ könnte man sich später noch anschauen. Er kenne sie eh schon alle, die komplette erste Reihe aus der Mathestunde.

Hatte die Eile des Gastgebers gar nichts mit seinem unerwünschten Eintreffen zu tun?

Julian versuchte herablassend zu antworten:

„Ich werde mir die Tierschau später ansehen.“

Die gesamte Verunsicherung verschwunden. Gerade noch ängstlich hinter Bierglas und Zigarette. Sekunden später: herablassend, motzend, angepasst, urteilend, verurteilend. Nils Scherer?

 

Er betrat das Kaminzimmer. Die Beleuchtung dürftig, schummrig.

Hinten in der Raummitte, von grünen Fließen umrandet, der Kamin. Rechts und links, Menschen im Halbdunkel, auf Sofas, davor kleine Tischchen. Vor dem Kamin: klobige Ledersessel mit breiten Armlehnen.

Sofort erkannte er in den Sesseln zwei Personen. Mark und Ralf. Nils beschrieb gut.

Korpulent lag Ralf in einem hellbraunen Sessel. Ein zum Sessel passender, hellbrauner, spitz zulaufender Cowboystiefel lagerte auf dem Knie. Er saß zurückgelehnt. Er hob langsam den Arm, ließ den Ellenbogen auf der breiten Lehne. Sah, dass Julian ihn sah, ließ die Hand auf die Lehne zurückfallen. Die andere umklammerte sein Bierglas. Aus der Umklammerung qualmte die Zigarette.

Jetzt blickte auch der andere auf. Im Sessel neben Ralf. Mark. Sein Haar schwarz gefärbt. Sehr dunkel. Am Haaransatz nachwachsendes blondes Haar.

Langsam ging Julian an besetzten Sesseln und kleinen Tischen vorbei. Wie groß war dieser vernebelte Raum?

Mark drehte den Kopf zu Ralf, sagte etwas. Was? Schaute wieder zum herannahenden Julian. Zweifelte er daran, dass sich Nils Scherer auf ihn zu bewegte? Mark lächelte. Blickte wieder zu Ralf. Sprach einige Worte, sah wieder zu Julian.

„Na, der beschwerliche Gang nach Kanossa?“, fragte Mark. Was meinte er damit? Er lachte und streckte Julian die Hand entgegen.

Ralf reichte ebenfalls die Hand zum Gruß: „Na, nicht leicht, sich durch Hauchis gestriegelte Massen zu quälen, hä?“

Julian, geübt: „Hallo Leute! Geht schon, geht schon! Alles bestens, man gewöhnt sich an einiges!… Und wie ist die Lage?“

Julian setzte sich in einen schwarzen Sessel, der neben Ralf noch frei war.

„Du dürftest uns, deinen Freunden, wohl einiges zu berichten haben! Nachdem du unseren und deinen guten Freund Rolf einfach auf der Autobahn hast sitzen lassen! Das teilte uns dieser fernmündlich aus Griechenland, wo er immer noch in der Sonne glüht, mit!“

Ralf sprach, als stünde er auf der Bühne und trage einen Text, der die Hinrichtung des Hühnerdiebes verkündete, vor. Streng, ernst, laut, zweifelsfrei.

Gehässig grinste er plötzlich hinunter in sein Publikum. Zu Mark gewandt erklärte er, in einem nervigen Singsangton:

„Man lässt seine Kumpels nicht einfach auf wildfremden ausländischen Autobahnen sitzen! Man macht sich nicht, mir nichts, dir nichts, aus dem Staub! Man verspricht nicht seinen besten, teuersten Freunden, dass man unbedingt mit ihnen unter die glühende Sonne will! Wenn man in Wahrheit mit anderen glühen will!“

Das Publikum hob darauf sein Bierglas, nickte dem Redner verständig zu und nippte.

Der Angeklagte atmete tief ein, setzte zu einer Rede an. Wollte nicht um Gnade bitten. Wollte seine Schandtat ausschweifend rechtfertigen. Wollte den Urteilenden von seiner Unschuld überzeugen. Doch dazu war es noch zu früh.

Der Redner ließ kein Wort zu. Er rollte das Urteil aus. Blickte neben dem erhobenen Bierglas vorbei, dem Angeklagten unbewegt streng ins Gesicht. Sprach nun ruhig, monoton, ernst, wieder zweifelsfrei: „Das kostet dich, wenn Rolf wieder da ist, pro Nase, ein Bierchen im Notfall!“

„Also Leute, darf ich auch mal ein paar Worte sagen?“, plärrte jetzt Julian.

„Wenn es sich nur um ein Paar Worte handelt, dann schon“, antwortete Ralf. Er verließ die Bühne. Das Urteil war klar und gering. Nicht der Rede wert.

Er sprach gelassen und ruhig weiter: „Ansonsten waren wir gerade bei Wichtigerem: der Frage, woher Hauchi so viel Knete hat, dass er sich einen so protzig ausgestatteten Laden leisten kann.“

Julian, nippte, lehnte sich zurück, nickte: „Aha!“

„Mark vermutet dazu“, fuhr Ralf fort: „Hauchiboy hat das richtige Parteibuch! Er lässt sich von den entsprechenden bayerischen Parteifreaks sponsern! Er ist mit der Aufgabe betraut, als Spion die Direktoren und leitenden Lehrer der Schule zu bespitzeln. Hauchiboy checkt durch, ob die alles schulordnungsgemäß durchziehen! Sich keine Ausrutscher leisten! Hauchiboy der Superspitzel und Grösus! Da reimt sich doch einiges zusammen, oder?“

Julian, lag inzwischen wie Ralf im Sessel. Sie luden zum Liegen ein. Er drehte sich zu Ralf:

„Interessante Mutmaßung? Grobe Anmaßung? Oder gröblichste Vorurteile? Wie dem auch sei! Reden wir darüber! Die Story von meinem Alpenausflug wäre dagegen langweilig, wie ein einstrophiger Kirchenkanon!“

Mark jetzt in einem bekannten Tonfall, der sagte, dass er alles schon wisse und nichts hören wolle: „Gut, sehr gut, verzichten wir darauf!“ Dann winkte er Ralf, dass er fortfahren soll.

Darum sofort Julians Pistole: „Deshalb erkläre ich mich bereit auf längere Erlebnisschilderungen meiner Ferien zu verzichten. Abgesehen von einer wichtigen Information: Es war sehr schön! Ich hatte kein schlechtes Gewissen! Meine super guten Freunde fuhren gleich weiter! Sie hatten Auto, Zelte, Schlafsäcke, Rucksäcke und Geld. So ließ ich sie im Regen stehen! Grausam gell? Mich pritschelte es zwei Tage von oben kalt voll. Bis sich endlich ein Österreicher erbarmte.“

Jetzt piepste es:

„Erwartest du von uns Mitleid? Du armer, vereinsamter Tramper! Haben dich deine Reisebegleiter unfreiwillig an den Straßenrand gezwungen?“

Christine hob ihr Glas. Sie ließ es gegen Julians klirren, der seines nicht recht anheben wollte. Dann tat er es doch und trank.

Sie setzte sich in den Sessel neben Mark. Sie sagte:

„Oder willst du uns auf anderes aufmerksam machen? dass du am zweiten Tag im Regen am Straßenrand Wehmut und Reue für dein Tun empfunden hast?“

Was war mit der Frau? Warum ließ sie nicht Ralf und Mark weiter über Hauchiboy mutmaßen?

„Weder das eine, noch das andere“, entgegnete Julian. „Ich dachte, wir wollten über die Provenienz des Geldes unseres heutigen Gastgebers Helmut Hauch und seine politische Gesinnung reden?“

Jetzt krachte es. Hochtonig knallte Christine in diese Worte:

„Na typisch!“, sie stand kurz auf, setzte sich aber gleich wieder.

„Kaum wird dem Nils eine Frage oder ein Thema unangenehm, schon verfällt er in geschwollenen Sprachstil! Echt übel, wie billig du versuchst, von dir selbst auf andere Leute abzulenken!“

Julian lehnte nicht mehr gemütlich. Er saß nach vorn gebeugt. Ungemütlich. Er spürte Christines Aufregung. Das läppische Gequatsche über Hauchiboy war vorbei. Krampfhaft versuchte er es zurück zu holen.

„Der Vorschlag, über das Geld und die Parteifreunde von Hauch zu quatschen kam nicht von mir, sondern von den beiden Herren hier.“ Er deutete auf Ralf und Mark.

„Das hast du nur nicht mitbekommen, weil du gerade in der Küche beim Bierzapfen warst.“

Julian nahm einen tiefen Schluck aus seinem Bierglas. Zog den Tabak heraus, lehnte sich wieder zurück und begann eine Zigarette zu drehen.

Mark und Ralf sagten nichts.

„Wenn es Probleme gibt, in die du persönlich auch nur im Ansatz stärker hineingezogen werden könntest, damit meine ich Probleme, die dich als Person also eigentlich mich betreffen, also einfach etwas, wo’s persönlicher werden könnte…, verstehst schon, was ich meine oder?….dann versuche dich so schnell wie möglich, am besten durch geschicktes Ablenken auf ein anderes Thema zurück zu ziehen. Merkst du, dass das nicht klappt, wenn gröber und persönlicher weiter gebohrt wird, dann bereite dezent, unauffällig aber bestimmt, deinen Abgang vor! Ergreife jede sich bietende Gelegenheit um die betreffende Runde zu verlassen! Verschwinde, sobald möglich, sehr schnell. Lass dir Ausreden einfallen! Zieh die Notbremse: dir wird schlecht und du gehst!“

Diese Erklärung verstand Julian zwei Tage zuvor in der Schäferhütte als unterstützenden Ratschlag von Nils für die Maskierungsrolle. Ein hilfreicher Ratschlag in Notfällen. Die konnten jederzeit eintreten.

Wenn stimmte, was Christine jetzt andeutete, war Nils aber anders: er flüchtete nicht nur in Notfällen. Flucht war ein Prinzip. Jederzeit musste sie möglich sein.

Julian sagte zu Christine:

„Nein, nein, du interpretierst hier einiges falsch. Gerne bin ich bereit meine Urlaubserlebnisse und so weiter näher aus zu breiten! Echt! Die zwei Herren hier, wollten das eben nicht hören!“ Wieder zeigte Julian auf Ralf und Mark. Denen war das zu viel. Beide erhoben sich. Ralf hielt sein leeres Bierglas in der Hand, er sagte zu Mark:

„Schauen uns den Affenkäfig da drüben mal genauer an?“

Mark nickte, er sagte:

„Die zwei haben intimere Dinge zu besprechen.“

Pistolenschuss von Ralf: „Was gut ist, soll noch besser werden! Da wollen wir mal nicht stören!“

Dummes Lachen. Schon sah Julian die Rücken der beiden. Sie bahnten sich einen Weg zur Tür.

Julian dachte jetzt:

Wie würde sich Nils nun aus der Affäre ziehen? Er war noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden in München, schon saß er in mitten einer Juppiparty, die Nils vielleicht niemals besucht hätte. Im dicken Ledersessel, bereit zum Gespräch unter vier Augen mit einer Frau. Christine. Nils beschrieb sie als „nette Bekannte aus der Schulklasse“.

 

„Na, was haben wir beide denn so intimes miteinander zu besprechen?“, fragte Christine und lächelte. Das gab sie abrupt auf: „Die beiden sind wirklich bescheuert! Aber das macht nichts! Sie sind eben mal so! Männer! Wir sollten uns nicht die Köpfe darüber zerbrechen. Eigentlich unwichtig, was die zwei denken oder ob sie sich überhaupt irgend etwas denken. Jetzt erzähl du mal was! Wie war dein Gebirgstripp wirklich?“

Komisch, wie sprach sie mit Nils Scherer? Er war doch auch ein Mann? Ironie?

Er begann zu sprechen, dabei dachte er: im Grunde hat die Frau völlig recht. Wir sollten uns wirklich nicht den Kopf darüber zerbrechen, was die beiden, Ralf und Mark, sagten oder dachten. Vielleicht sollte er, Julian sich auch nicht die ganze Zeit darüber Gedanken machen, was sich Nils denken würde, oder tun würde. Wenn er diese Gedanken abschaltet, könnte er vielleicht freier handeln. Damit wäre mehr Spielraum.

 

Mit Christine unterhielt er sich lange und ausgiebig. Thema waren zuerst Österreichische Alpenwanderungen, Tierhaltung, speziell Schafe im Gebirge, Abgas- und Lärmbelästigung durch Autos in der Stadt, bunte, riechende, lärmende Werbeplakate, die aktuelle konservative Schul- und Bildungspolitik, die katastrophale Wohnraumsituation in München.

Kein Weltverbesserergespräch. Einfach nur ein ausgelassenes Herumgemotze. Das brauchte Christine. Und auch Nils brauchte das manchmal. Vieles ärgerte Nils Scherer in der Stadt. Und einiges betraf ihn persönlich. Beispielsweise das Problem mit der Wohnung.

Nach drei, vier Bieren sprach Julian locker, ausgelassen. Er sprach wie Julian. Freilich in der Rolle von Nils. Aber er überlegte nicht vor jedem Satz: was würde Nils jetzt sagen? Christine sprach angenehm. Sie war hübsch. Für Julian eindeutig.

 

Nach fünf Gläsern Bier wollte sich Julian von Christine, dem Gastgeber, Mark und Ralf verabschieden. Christine bot an, ihn mit ihrem Wagen nach Solln zu fahren. Julian lehnte zunächst ab. Schnell ließ er sich überreden. „Du bist besoffen, hackedicht!“, behauptete Christine. Und: „Draußen im Garten wirst du gleich über die Hauchschen Marmorgartenzwerge stolpern! Also, gehen wir zusammen?“

 

Beim Gang auf die Toilette, spürte Julian, dass er kaum mehr gerade laufen konnte. Er war schwer alkoholisiert. Im Wohnzimmer war es deutlich ruhiger. Die hüpfenden Mädchen sah er nicht mehr. Schwarze, undurchsichtige Rauchschwaden in der Luft. In den ledernen Sesseln lagen dunkle Gestalten. Sie schlürften aus ihren Gläsern. Die Party erreichte die Körperkontaktphase.

„Gegen Ende, liegt der Gastgeber mit mehreren, ihm unbekannten, Frauen im Bett. Die anderen Gäste kommen sich in den übrigen Räumen näher. Wirfst du zeitgleich einen Blick vor die Türe, siehst du aggressive Szenen. Frauen und Männer brüllen sich gegenseitig an. Sie sitzen in Cabriolets. Die Aggression des Mannes hörst du auch am Auto. Es röhrt laut, mehrmals gibt er kräftig Gas, dann donnert es tösend davon. Der Grund? Einfach: Die Frauen knutschten mit anderen, die Männer knutschten mit anderen, die zwei im Cabriolet knutschten miteinander nicht. Den ganzen Abend nicht. Jetzt fahren sie zusammen heim. So ist das Leben. Dann gibt es da noch Einzelpersonen. Du siehst sie auch in Luxuslimousinen. Auch sie geben kräftig Gas. Aber vorher öffnen sie noch die Tür. Durch einen Spalt kotzen sie dem Gastgeber auf den Gehsteig. Dann brausen sie ab. Auch das, das Leben.“

Die Wohnung war riesig, groß und hoch. Bis zur Toilette brauchte Julian Zeit. Er wankte, hielt sich an der weißen Wand. Vorbei an der Küche. Er hielt sich am weißen Türrahmen. Sah Mark und Ralf. Sie saßen am Küchentisch, lachten, tranken, redeten mit einem glänzenden Riesen im weißen Sakko.

Die Toilette war weiß. Glänzende Fließen. Geräumiger, als seine Schäferhütte, viel höher, viel heller. „Marmorambiente.“ Die Klotür weiß, Kassettentür, leichter als die Haustür, dennoch schwer. Julian öffnete sie zu kräftig, sie knallte gegen den Stopper und kam zurück. Er hielt sich am goldenen Griff.

Alles war rein. Lupenrein. Hell, nichts moderte in einer Ecke. Der Spiegel glänzte. Sein Gesicht sah riesig aus. Nils Scherer strahlte ihm entgegen. Nils sah aus wie immer. Nicht besoffen. Keine rote Nase. Keine geröteten Backen. Auch nicht bleich. Er sah aus, als hätte er nichts getrunken, als wenn ihm nicht schlecht wäre.

Draußen im Gang: alles weiß. Der Boden, die Wände. Keine bunten Bilder. Strahlende Deckenbeleuchtung. Hell, fast grell. Jeder Winkel war ausgeleuchtet. Jeder Fussel auf dem Boden sichtbar. Fussel? Da waren sogar welche! Endlich!

Die Zeit war gekommen, wo sich keiner mehr um sein Outfit kümmerte. Der Fussel auf dem weißen Boden war ein klares Zeichen! Der Lippenstift war alt und verschmiert. Die Schminke erblasst, sie triefte schon leicht. Das weiße Hemd verschwitzt. Das bunte Sommerkleidchen verschmiert von Wein und Bier. Es stank nach abgestandenem Bier, Sekt, Champagner, Qualm, sogar leicht nach Schaf. Bierflaschen und Sektgläser standen, lagen auf dem Boden nahe der Wand. Zerbrochene Gläser, umgefallene Aschenbecher, leergefressene, verschmierte Teller. Halbvolle Teller in denen Gabeln steckten und Messer darauf lagen. Daneben volle Aschenbecher, qualmend. Weiße Tischdecken: ergraut, auch braun, fast schwarz. Zerknüllte weiße, verschmierte Papierservietten. Die kleinen Designertischchen dreckig, Asche und Kippen. Halbvolle Gläser. Lippenstiftverschmiert.

Die ganze Wohnung, wie das Klo? Nein, das war sauber in sauberem weißen Stil gehalten. An den Wänden entdeckte Julian plötzlich mehrere goldumrahmte Spiegel. Er blieb stehen, lachte hinein, sah Nils lachen. Das war toll.

Der Abschied vom Gastgeber erübrigte sich, denn er war nirgends zu sehen. Die Bett-Theorie von Nils Scherer richtig? Vielleicht. Julian konnte das nicht prüfen. Es war ihm wurscht. Ihm war schlecht, er wollte abfahren.

Christine kam aus dem Kaminzimmer: „Alles klar?“

Julian nickte. „Dann packe mas!“, sie reichten Ralf und Mark die Hände, in die Küche. Wankend folgte Julian über den Marmorflies durch den Garten. Den Boden suchte er nach Gartenzwergen ab. Sie fehlten.

 

Die Fahrt nach Solln. Ein Erlebnis. Sie hielt das Steuer ihres gelben Käfers in der Linken. Rechts eine qualmende Kippe.

Das Steuer ging hin und her. Julian hielt sich oben an einem Gummigriff. Mit der qualmenden rupfte sie kräftig am Schalthebel auf und ab. Abruptes Bremsen, dann anfahren. Tausend Ampeln. Alle rot. Laut heulte das Gefährt von hinten. Scharf nach rechts, dabei kräftig aufs Gas, sofort nach links, scharf auf die Bremse, quietschen, rot. Ein kräftiger Zug an der qualmenden, sofort die Hand wieder auf den Schaltknüppel, grün, kräftig nach vorne rupfen, Gas, laut dröhnte es von hinten, das Lenkrad voll nach links, vorher schnell die Bremse, kräftig, wieder Gas, gleich stehen bleiben, rot.

Endlich eine breite Straße, tausend gelbe Lampen von Oben. Taghell die Stadt bei Nacht. Das Lenkrad blieb gerade. Von hinten röhrte es gleichmäßig laut. Sie Lampen reflektierten in der Scheibe. Sie flogen über sie hinweg. Von oben kamen Drähte runter und gingen wieder hinauf. Gleichmäßig. In der Ferne sah man das rote Licht. Sie ging vom Gas, drückte am Knüppel, rupfte nicht mehr, der Gang war draußen. Es wurde grün, sie schob, der Gang war drin, von Hinten dröhnte es wieder lauter, leichtes Gasgeben.

„Heute ist echt klar geworden, das Hauchiboy ein Juppi ist. Seiner Wohnung nach, hat er Kohle, wie andere Heu. Wahrscheinlich sponsern ihn seine Alten kräftig!“

Julian nickte: „Glaub ich auch, woher sonst das Heu?“

Christine: „Scheiß Erbschaften! Jungjuppis wie Hauchiboy leben zu gediegen. Sie verlieren den Bezug zur Realität. Eine Scheißentwicklung!“

Julian nickte: „Glaub ich auch: Erbschaften, woher sonst die ganzen Juppies? Scheißentwicklung!“

Christine: „Die einen ersaufen im Schampus und wissen nicht mal, wo der herkommt. Während die Haushälterin morgen die Kotze wischt!“

Julian nickte: „Ja, ja, Schampus in die Wäsche kotzen und Haushälterinnen wischen! Eine Hand wäscht die andere. So ist das Leben!“

Die Einfahrt zum Haus in Solln verpasste sie. Kräftig auf die Bremse. Einmal nach hinten gerupft. Ordentlich Gas. Surrend fuhr der Wagen rückwärts. Nochmal rupfen, Gas, scharf lenken und rein! Julian riß die Tür auf, atmete kräftig die Stadtluft durch. Das war geschafft! Glücklich erreichte er Nils Scherers Wohnsitz.

„Nein, vielen Dank Nils! Es ist schon so spät. Also Tschüßchen, bis bald!“

Christine bog schwungvoll, mit quietschenden Reifen aus der Einfahrt.

Julian wankte auf das Gartentor zu. Es war verschlossen. Er kletterte darüber, viel innen runter. Kein Problem. Geübt stützte er sich mit den Armen ab.

Alle guten Vorsätze vergaß er an diesem Abend. Er trank wie ein Loch. Er dachte nicht mehr an Nils. Er sprach mit Christine, wie Julian. Sein erster Abend in München.

Er konnte sich nicht erinnern, wann ihm jemals so schlecht war. Unvernunft. Die reine Unvernunft. Sonst nichts.

Nichts essen aber trinken. Das musste schiefgehen. Das Verhalten von Nils Scherer? Vielleicht.

Nun wurde es ärgerlich: Schussel? Ja! Aber nein, die Frage lautete Schlüssel? Nein! Natürlich nicht. Vergessen! Einfach nicht daran gedacht! Nils Scherer? Ja.

Seine Uhr zeigte halb Drei.

Ärgern: „Was bin ich für ein bodenloser Trottel! Anstatt Christoph beim Gehen nach einem Schlüssel zu fragen, sülze ich ihn mit allgemeinen Phrasen zum schweren Studentenleben voll!“

Dabei dachte er: Genau das wäre Nils auch passiert!

Er ging in die dunkle Garage. Die war immer offen. Er nahm Kisten vom Stapel und legte sich drauf.

Absoluter Schwachsinn! Einer, der Jahre im Gebirge lebte, seit Kind an, soll plötzlich mitten in der Stadt in einer Garage schlafen?

Raus in den Garten! Ein Feuerchen gemacht! Und daneben gelegt. Noch eine Zigarette, Blicke in die lodernden Flammen, hinauf zum Sternenhimmel. Wo war der große Wagen? Sah den Nils jetzt auch? Der saß am Feuer und dachte an Julian. So war es ausgemacht. Er saß aber schon Stunden vorher. Um diese Zeit schlief der längst. Der musste Morgens mit der Sonne aufstehen, die Schafe treiben.

Trauer wegen seinem Suff? Nein, wegen der Schafe und wegen Assya. Sie fehlten ihm. Jetzt schon. Klar, das musste kommen. Nie war er so weit weg von ihnen.

Das Feuer hielt er klein, trotzdem knisterte es laut.

 

Wie sollte er diesen Schmerz aushalten? Daran dachte er Tags zuvor nicht. Er sah nur seine Neugierde. Nach dem Stadtleben. Er wollte es spüren, wollte das Leben von Nils spüren.

Warum?

Das konnte ihm doch wurscht sein! Er hatte sein Leben, Nils ein anderes. Fertig!

Stimmt eigentlich! Wenn er es sich recht überlegt, dann stimmt das! Er wollte gar nicht Nils spüren, das konnte er gar nicht, völliger Mist!

Was dann?

Nils Scherer war nur ein Vorwand! Die Wahrheit: Er wollte in die Zivilisation, in die Stadt. Er traute sich einfach nicht. Deshalb auch seine Maskerade! Schon lange war er auf den Tag vorbereitet, an dem er das tun konnte. Er brauchte die Haut eines anderen, weil er allein zu feige war! Das war es!

Aber warum? Warum überhaupt wollte er in die Zivilisation? Er war doch glücklich bei seinen Schafen!

Das stimmt. Aber: Er spürte das Ende. Der Tod des Vaters, ein klares Zeichen. Warum lebte er plötzlich allein? Warum starb der Vater so früh? Weil die Zukunft schlecht aussah. Sein Beruf hatte keine Zukunft. Der Vater sprach darüber nicht mit ihm. Er zeigte alles, Julian lernte alles. Aber: Einsamkeit und Zurückgezogenheit waren damit verbunden. Er musste flexibler werden, wie jeder andere Mensch. Er musste sehen was die Welt sonst noch bot. Für den Tag X. Er musste wissen wie die Welt anderen Ortes aussieht. Am Tag X wollte er wissen, wohin. Deshalb die Maskerade.

 

Die Nacht schlief er unruhig. Autolärm der vielen Straßen rund um das Anwesen. Julian träumte, schreckte hoch, er rief: „Assya, Assya, wo bist du?“ Er wachte auf, sah, wo er war. Weder sein Geplärre, noch sein Feuer bemerkten die Anwohner. Mit der ersten Morgendämmerung setze er sich auf die Stufen des Hauseinganges.

Er starrte auf den Parkplatz vor der Garage.

Julian suchte ein neues Zuhause für Nils

Auf die Annonce des Maklers, der sich selbst als „studentenfreundlich“ und deshalb auch „schülerfreundlich“ bezeichnete, wies Christoph hin. Beide saßen zusammen am Frühstückstisch im großzügigen WG-Gemeinschaftszimmer.

Christoph kaute auf einem Butterbrötchen. Beim Beißen zeigte er rhythmisch die obere vordere Zahnreihe. Sie glänzte weiß. Leicht standen die Zähne nach vorne aus dem Mund. Der schmale, schwarze Oberlippenbart ging auf und ab. War der echt? Oder falsch, wie der Schäferbart in den Bergen?

„Der Makler hat oft erstaunlich günstige Angebote. Ruf den Knaben doch einfach mal an!“

Den goldenen Rand der schmalen Teetasse führte er unter den Oberlippenbart. Christoph ließ den hellen goldgelben Tee zwischen der oberen und unteren Zahnreihe über die Zunge laufen. Den schmalen Griff hielt er zwischen seinen dicken Fingern. Winzig wirkte die Teetasse. Der goldene Griff verschwand zwischen Daumen und Zeigefinger. Die übrigen drei Finger spreizte er ab. Sie stachen geradlinig neben der Tasse in die Luft. Der Oberlippenbart blieb trocken. Geräuschlos landete die Tasse auf dem goldumrandeten Unterteller. Ihr geschah nichts. Die große behaarte Pranke griff wieder zum Butterbrötchen. Auch das Tellerchen blieb unbeschädigt.

Julian: „Wie bitte?“

Christoph: „Rauch! Rauch heißt der Typ. Seine Nummer steht im Telefonbuch, ach nein, ich hab sogar noch ne Zeitung, mit seiner Anzeige!“

Er zog die Zeitung aus dem Regal.

 

„Ja klar, für Schüler und Studenten hab ich immer n Herz! Logisch! Kommen’s halt einfach mal vorbei! Heute noch! Aber hallo! Zack zack! In Eile hä? Logo! Heute geht’s! Adresse? Alles paletti!“, brüllte Fritz Rauch durch die Telefonleitung.

 

Vor dem Gartentor blieb Julian stehen. Er dachte: schon wieder ein Gartentor! Und tatsächlich: Weitläufig, grün, kahl geschoren, wie sein Kopf, so der Rasen. Daneben am Rand: Blumen, sehr bunt, sehr hübsch.

Hellweiße Damen flankierten den weiten rostroten Weg bis hinter zum schneeweißen Haus. Sie verbeugten sich ehrfürchtig vor dem Gast, der den Weg erhaben nahm.

Langsam tapste Julian über die rostroten Platten. Betrachtete die Marmordamen. Sie sahen unglücklich aus. Abgearbeitet, abgehetzt. Doch kein Schmutz im Gesicht. Sauber gepflegt. Poliert.

Die Haustür kam näher. Weißer Rahmen mit Glasscheibe.

Plötzlich ging es los! Julian zuckte zusammen. Ein Scheppern, fürchterlich laut und wuchtig. Dem folgte sofort: aggressives ohrenbetäubendes Kläffen und feindseliges Knurren. Der riesige Bullterrier hing weit oben an den Gitterstäben. Die vibrierten, schepperten klangvoll vor sich hin. Wie konnte dieses Viech so weit hoch springen? Oben waren die Stäbe nach innen gebogen.

Julian rannte zurück zum Gartentürchen. Sein Herz raste. Und: Aggression, Wut braute sich zusammen. Warum kläffte das Vieh so? Was hatte er getan? Assya kläffte nur wenn Feinde kamen, die kamen nie. War er ein Feind für dieses Drecksvieh? Julian war wütend wegen des Riesenschrecks. Ab jetzt hasste er Bullterrier! Das nahm er sich vor.

Die weißen Marmorfrauen von hinten: buckelnd, krumme abgeschuftete Rücken. Aber glänzend. Er stand wieder auf dem Gehsteig, schloss das Törchen. War es das?

Die Glastür ging auf.

Eine hochgewachsene, schmale, gelockte, blondhaarige Dame trat heraus. Sie trug ein rosafarbenes Kostüm. Die blonden Haare hatte sie hochgebunden, nur einige Locken vielen heraus.

Julian, wütend, wollte gehen. Das Herz immer noch rasend.

„Kommen sie nur näher, haben Sie einen Termin vereinbart?“ Tiefe Stimmlage, sehr tief, beinahe männlich tief. Zu welcher Frau passte diese Stimme? Im Radio hörte er einmal einen Filmausschnitt der deutschen Synchronisation von Laureen Bacall. Irgend ein Steifen mit Humphrey. Das war die Stimme!

Die Frau sprach tief, stand weit entfernt, der Terrier kläffte. Er haßte den Terrier! Sollte er gehen? Die Frau sah nicht abweisend aus. Die Stimme von Laureen Bacall? Freilich nur die deutsche Synchronisation! Ok. Er griff zum Tor öffnete. Schnell schritt er an den gebeugten Damen vorbei.

Einen Blick warf er nach rechts. Er wollte den Kläffer nochmal sehen. Er sah zuerst einen kleinen Springbrunnen in den eine männliche Marmorfigur pinkelte.

Dann den Hund, ein schwarz-weißer Riese. Er rannte erregt im Käfig hin und her. Endlich war Schluss mit dem Gekläffe. Plötzlich ging es schon wieder los! Kläffend prallte er gegen die Gitterstäbe. Krallte sich fest und knurrte.

„Kommen sie nur näher“, rief die Dame. Sie streckte ihm die helle schmale Hand entgegen. Rote Fingernägel.

Julian warf dem Tier ein freundliches Nilslächeln hin. Dann ergriff er die grüßende Hand der Dame. Löste den Griff sofort und folgte ins Haus.

„Er ist eigentlich immer sehr freundlich, unser Egon.“

„Ich dachte ich bin hier bei Fritz Rauch!“

Die Frau sah Julian an. Das schmale, feine Gesicht verzog sich. Die Backenknochen herausragend. Sie zog das Backenfleisch nach Innen. Was war das? Wütende Erstarrung? War er unverschämt?

„Nur manchmal attackiert er unwillkommene Besucher, sie wissen schon, Tiere können da halt nicht so unterscheiden…“

Julian entschied sich gegen eine Debatte über das Verhalten von Hunden.

Die Eingangshalle hielt sich in hellem Weiß. Der Boden war – und das langweilte Julian nun fast schon – in weißem Marmor gefliest.

„Bitte setzen sie sich“, sagte die Dame und deutete auf drei Stühle. Sie standen rechts an der Wand. Säuberlich in einer Reihe.

„Bitte füllen sie zunächst diese Selbstauskunft für uns aus“, forderte die Dame in eingeübtem, aufgesetztem, weichem Ton.

Die Synchronisation von Laureen Bacall war lockerer. Man merkte nicht, dass sie nur Theater war. Deshalb wollte er fragen: warum so aufgesetzt? Er unterließ es.

Anderes war wichtiger: Was sollte das? Wieso eine Laureen Bacallstimme, die eine Selbstauskunft forderte? Warum überhaupt Selbstauskunft? Auskunft über Nils Scherer? Wer war das? Welche Auskunft? Er kannte ihn erst seit vier Wochen.

Julian saß. Die Frau kam, drückte ihm einen Kugelschreiber in die Hand. Die Decke war weit entfernt. Der Raum hell, sehr hoch, weiß. Keine bunten Bilder an den Wänden. Hohe Glasscheiben. Mehr konnte er nicht sehen. Er sollte schreiben. Auskunft geben über Nils Scherer. Das Papier weiß. Es fragte nach allem. Alles wurde abgehakt. Geburtstag und -ort? Eltern? Keine Ahnung. Hatte Nils Scherer Eltern? Na klar! Wo waren sie, wer waren sie? Vorherige Wohnorte? Jetziger Vermieter? Julian wusste nichts über den, den er spielte. Bürgen? Was für bürgen? Warum Bürgen? Einkommen? Das Wichtigste! Viel Platz auf dem Blatt. Bürgen und Einkommen. Klein gedruckt, unten: Zwei Monatsmieten Provision. Ganz klar. Ganz normal. Logisch! Das war der Makler Rauch. Schüler- und studentenfreundlich. Julian, total naiv! Entlarvte die Marktlücke erst jetzt! Rauchs Marktlücke: Schüler und Studenten auf dem Wohnungsmarkt. Sehr einträglich die Nische. Gut. Er lebte nicht schlecht davon. Garten und Eingangshalle sahen nicht armselig oder verkommen aus. Schüler und Studenten: keine schlechte Einnahmequelle.

Julian verstand, erhob sich. Ging mit Zettel und Stift zur Laureen Bacall-Synchronisation. Die saß hinter einem riesigen Marmorschreibtisch mit weißem Monitor. Er legte beides auf den Tisch. Spürte Ungehaltensein und Ärger, nicht nur wegen Egon, vor allem wegen Fritz Rauch. Er versuchte etwas neues: ein freundliches Abschiedsgesuch. Dieses Ansinnen verlief nicht ganz erfolgreich. Seine Ungehaltenheit übermannte ihn ein wenig. Zu schnell und laut donnerte er seine Abschiedsansprache hin:

„Leider muss ich mich schon verabschieden! Ich hatte geplant für mich selbst zu bürgen. Mein Schülerdasein wird von Ihnen offensichtlich reichlich gering geschätzt! Ich brauche keinen Bürgen, der für mich Verantwortung übernimmt. Ich wünsche noch einen schönen Tag! Beste Grüße und Glückwünsche auch an den mir leider unbekannt gebliebenen, erfolgreichen Herrn Gemahl! Auf Wiedersehen!“

Julian wandte sich mit seinen letzten Worten bereits ab. Die Dame setzte zu einer Erklärung an. Er setzte zum Sprung durch die Türe an.

„Das ist alles reine Formsache. Wir müssen uns absichern. Das ist in unserer Brache üblich. Ein Makler hat ein Recht – und gegenüber den garantiert seriösen Vermietern – die Pflicht, Auskünfte über die Bonität und Seriosität der empfohlenen Mieter zu geben!“

Julian riss die Tür zu schwungvoll auf. Sie schlug gegen den Stopper. Deshalb ein schneller Sprung über drei Stufen hinab ins Gekläffe im Garten. Sofort knallte die Tür wieder zu. In großen Schritten sprang er vorbei an den gebückten, gestressten Marmorfiguren. Die letzten Worte der Laureen Bacall-Synchronisation klangen plötzlich wie tiefes hässliches Gebrumme.

 

Schnell ging er zur S-Bahn. Froh den Makler nie gesehen zu haben. Froh seine Wut beherrscht zu haben. Froh die blonde Sekretärin nicht angemotzt zu haben. Nils hätte das vielleicht getan. Julian blieb einigermaßen freundlich.

Trotzdem wütete es in seinem Kopf und Bauch. Warum ausgerechnet Schüler und Studenten? Warum der Garten, das Haus so bombastisch riesig, so reich? Warum der Köter so gehässig?

Rauch, ein Unbekannter den er hasste. Ein Monster mit dickem Bankkonto und weißer Weste. Er entwickelte sich vor seinen Augen. Sein Reichtum in Garten und Haus, sofort erkennbar. Das Monster sah er freundlich am Telefon singend. Lehnend in seinem Marmorthron hinter einem riesigen Schreibtisch. Zigarre im Mund. „Ja logisch für Studenten immer! Klar! Kommens vorbei!“

Zwei Mieten Provision. Nils Konto war leer. Das Zimmer sah er vor sich. Mickrig, dunkel, feucht. In den Ecken: Schimmel und Moder. 350 im Monat.

Das Monster lehnte sich zurück und zählte die Scheine. „O.k.! Super toller Service! Sauber, seriös, gut! Alles paletti!“ Die S-Bahn ratterte leise. Julian dachte: warum bezahlen nicht die Vermieter für den Service dieser Monster?

Julian ein naiver Schafhirte? Der Tag war grausam.

 

Nils erhielt monatlich 750 Mark Stütze. Sie lief immer zur Monatsmitte auf sein Konto ein. Das Geld zog Julian mit der Karte. Vorsichtig tippte er herum. Steckte die hundert Mark in Nils Geldbeutel. Auch einen Kontoauszug holte er. Der Drucker zischte. Alles klappte.

„Besonders teuer darf meine neue Bude nicht werden. Mein Lebensstandard ist mickrig. Spartanisch. Höchstens 350. Auf keinen Fall mein Konto überziehen. Ich hasse die Banken! Nur im äußersten Notfall überziehen!“

Wäre Nils je auf den Gedanken gekommen, wegen der Suche nach seinem Zimmer, in ernst gemeinter Absicht ein Maklerbüro auf zu suchen? So eine Aktion wäre für ihn höchstens als interessante Erfahrung in Frage gekommen. Eindrücke, Informationen, Unterhaltung. Animation? Aber keine ernst gemeinte Absicht. Kein Glaube, so wirklich ein Zimmer zu finden.

 

Also tat er, was Nils täte. Am nächsten Tag ging er zum Studentenwerk. Christoph erklärte wo es war, wie es da zu ging. Zimmerangebote auf Zettelchen im Fojer hinter einer Glasscheibe. Privatangebote. Keine Makler.

Julian notierte Telefonnummern. Sie versprachen Zimmer an Studenten zwischen 250 und 300 Mark. Von einer Telefonzelle im U-Bahnhof rief er die Nummern nacheinander durch. Das dritte Zimmer gab es noch.

Frau Nickel. Eine ältere Dame. Er, der sechste Anrufer, aber kein Problem! Vorbeikommen! Um vier Uhr Nachmittags. Frau Nickel Buchstabierte ihren Namen zum tausendsten Mal.

Julian hängte ein und wusste einiges über die Dame. Ratzinger Platz, kleines Häuschen, vermietet seit über dreißig Jahren, alleinstehend, sie liebte ruhige Studenten, Studentinnen kamen nicht in Frage.

Das dritte Gartentürchen am dritten Tag in der Stadt.

Das Haus lag in ruhiger, gepflegter Wohngegend. Kleine alte Häuschen. Der Garten: winzig, bunt. Der Gartenweg war vermoost. Granitsteinplatten. Gartenzwerge, tausende, überall.

Die Dame in der Tür: weißhaarig, klein, grüner flatternder Haushaltskittel, Hornbrille. Sie hob die Hand und winkte. Julian durfte das Türchen öffnen. Kurzes Händeschütteln.

Nils Scherer singend?:

„Grüß Gott Frau Nickel! Wir haben heute Vormittag telefoniert! Nils Scherer mein Name! Wie geht es ihnen?“

„Ja, mir ham heit scho g’sprocha! Kommen’s nur rein Herr Scheraa! Gehn’s nur vor und setzen’s erna da auf d‘ Eckbank niedaa.“

Schon saß Julian in der Küche. Eine grüne Mustertapete im finsteren Gang. Kartoffelsuppengeruch. Eine orangene Blümchentapete in der Küche. Graue Storvorhänge, daneben grüne dicke Lappen. Hellgrüne Hängeschränke. Sehr eng. Julian saß auf einem dunkelgrünen Polster. Es war an der Eckbank festgebunden. Eine dunkelgrüne Wolldecke auf dem Küchentisch.

Dämmerung in der Küche, wegen der Vorhänge. In der Ecke: ein Gasherd, darauf weiße Töpfe, dampfend. Ein mannshoher Kühlschrank. Eine Spüle, daneben tropfendes Geschirr.

Frau Nickel saß auf ihrem Stuhl vor dem Tisch. Auf dem Tisch: ein Papierblock, ein Stift. Sie nahm ihn. Sie sprach leise.

„Sie san ned der erste Student der si bei mir vorsteit. Seit dreißg Joar vermiet i des kloane Zimma. Oben glei nem da Treppen! Seit mei Moo g’storm is. Wos studiern’s denn?“

„Äh, ich studier noch nicht. Ich bin Schüler. Danach will ich studieren.“

„Aha Schüler san’s! Nach’m Bund woin’s studiern! Sie geh’n doch zum Barras? Odaa? Bevor’s des Studiern ofangaa? Odaa?“

Julian verunsichert. Nickte kurz. Leichtes Nilslächeln.

„Mei Sohn, des miassen wiss’n, is mittlerweil’n Oberstleitnant! Vo dem hear ih imma ois! Wia wichtig da Bund für de junga Leit is! Wei’s da a Disziplin lerna! Heit’z doag gibt’s koa Disziplin mehr! Wiss’ns? Ned in da Schui und scho goa ned bei de Student’n! I hob ja scho Zeig’l erlebt, wiss’ns…“

Endlich ein Punkt. Julian setzte an, versuchte einen interessierten Nilsblick.

„Ja, was haben sie denn alles erlebt?“

Jetzt erfuhr er die Geschichte eines Medizinstudenten. Der studierte garnicht. Er war arbeitslos. Und Maurer. Und faul! Und Schmarotzer! Und von der Polizei wurde er gesucht! Er war ein Dieb! Unglaublich! Klaute im Kaufhaus. Die Polizei hat’s erzählt. Alles!

„Mei, wos i scho ois erlebt hob, mit de Studenten!“

Die Geschichte von zwei schwulen Studenten.

„Des woarn Filosofen! De ham fui gsoffen!“

Frau Nickel lachte, herzlich. Aber leider nur ganz kurz. Ihre Erlebnisse waren ihr Alltag. Hart und Ernst. Sie sah wenig zu lachen.

„Des Zimma, ois voi mid laare Floschen! I hobs inflagranti dawischt! Jetz kenn i an jäädn schwulen Studenten scho beim Gartentierl! De Bursch’n kenn i jetzt olle raus! Des deafas glam! De ham in meim Haus nix mehr verlor’n de Saubuam de damischn!“

Ein kurzer Bericht über einen weiteren stehlenden Studenten.

Der vergriff sich an den Lebensmitteln in der Küche. Er nahm die Seife im Bad. Er stahl ihre Kohlen im Keller.

„Jo, so sans de Studenten! Koa Disziplin need!“

Die Schilderungen gingen weiter. Julian erkannte das traumhafte Leben der Studenten-WG in Solln.

Der Tag war frustrierend, wie der Vortag bei Rauch. In der WG machte er Gebirgsgofio. Abends saß er am Feuer im Garten. Niemand da, auch Christoph weg, bei seinen Eltern.

Nils hütete seine Schafe und spielte mit Assya in den Bergen.

Das ganze Unternehmen die totale Schlappe? Julian fühlte sich so.

Ein neues Zuhause für Nils.

Christoph war für drei Tage zu seinen Eltern ins „Schwabenländle“ verreist. So bewohnte Julian das große Haus ganz allein.

Christoph beim Abschied:

„Gut, dass du da bist. Hier in der Gegend wird oft eingebrochen! Zu viele Villen und so. Weißt schon. Es ist gut, wenn einer da ist und das Licht an macht. Also dann tschau!“

Einbrecher. Julian und Angst? In den Bergen hatte er das manchmal. Wenn’s brenzlig wurde, an steilen Berggraten.

Nils Scherer ein Angsthase?

Was sollte er tun, wenn solche Typen auftauchten? Vermummte Riesen mit langen Taschenlampen? Er stand in der Küche und spülte das Geschirr.

Laut läutete es. Er erschrak. Das Telefon. Scheppriges, nerviges Klingeln. Im Gang stand es. Er hob ab.

„Ja, hallo?“

„Bist du’s Nils?“, hell, hochtonig: Christine.

„Ja, ich bin’s!“

„Äh, ja hallo, ich bin’s Christine. Ich wollte dir zwei Sachen sagen: die eine ist, dass Andi, das ist einer aus der Parallelklasse, den kennst du glaub ich nicht: naja, er hat zufällig vorher angerufen und gefragt, ob ich noch ein Zimmer suche!“

Julian rief, wegen dem Begriff „Zimmer“: „Wie bitte, der Knabe hat ein Zimmer?“

Julians Hörer knallte auf den samtroten Teppich. Hoch hüpfte er wie im Wald. Immer wenn er ein Schaf vor dem sicheren Tod rettete, sprang er kurz in die Luft, wie ein Sack Flöhe. Er schlug Purzelbäume und Räder auf den Wiesen. Das ließ er jetzt. Griff zum Hörer:

„Hallo, hallo bist du noch dran?“

„Ja, ja, hier bin ich, alles klar, der Hörer ist mir entglitten, runtergekracht, aber alles ok!“

„Ja, also ein Kumpel von Andi. Der will aus seiner Schwabinger Bude raus. So schnell wie möglich. Braucht nen Nachmieter, am besten schon Gestern!“

Julian verstand, griff zu Nils Scherers schnellen Pistole:

„Ok, super, Telefonnummer?“

Julian notierte, Christine sagte nichts mehr.

„Und die zweite Sache, was war das?“

„Äh ja, ich wollte dich fragen, ob wir uns vielleicht mal wieder sehen könnten. Vielleicht einfach in ner Kneipe oder so ähnlich.“

„Ahm“, sagte Julian und dachte: um was geht es dabei? Nils Scherer? Wieder die Pistole:

„Ja ok, warum nicht! Wo und wann? Hast du schon eine Idee?“

„Wie wär’s mit morgen im Knittl im Westend?“

„O.k., alles klar um wie viel Uhr? Und wo ist das Knittel?“

„Das soll wohl ein Witz sein! Du weißt nicht mehr wo das Knittl ist? Da waren wir doch schon X-Mal mit Ralf, Rolf, Mark und Regine! Also treffen wir uns um halb acht, ok?“

„Äh ja, ach so das Knittl meinst du! Is klar, alles bestens! Passt schon! Dann bis morgen um halb acht.“

Christine: „Tschüsschen dann bis morgen und viel Glück mit der Bude!“.

Der Hörer knallte. Jetzt das Wagenrad, zuerst der Purzelbaum, ein Luftsprung, dann das Rad. Der Parkettboden im Gemeinschaftszimmer knarrte, dann knallte er. Keine Einbrecher mit Lampen!

Neben die Nummer schrieb er auf den Zettel: „Knittl Westend“.

 

Sofort griff er zum Hörer, wählte die Nummer.

Martin brüllte laut. Den Hörer riss Julian vom Ohr. Er hielt ihn mit Abstand und sprach weiter. Nach drei Minuten notierte Julian eine weitere Nummer: Der Vermieter.

Trotz Martins hoher Piepserei, seiner kreischigen hektischen Stimme, verstand Julian einiges: „Wohngemeinschaft „Zweck-WG“, drei Physikstudenten, Einzelmietverträge fürs jeweiliges Zimmer, der Vermieter trotzdem „ganz nett“, die Wohnung ohne Bad und ohne Küche, aber: eine Gemeinschaftstoilette im Gang, alles kein Problem! Duschen im Nordbad, fünf Minuten entfernt, alles kein Problem, super! Im Zimmer, ein Waschbecken, der absolute Luxus: mit Boiler! Das Zimmer: riesig, fast zwanzig Quadratmeter, hoch oben, fünfter Stock, hell, echt toll, man sieht den Himmel! Möbel? Super: Schrankbett, Tisch, Stühle, sogar Sofa, echt topp Mann! Dreihundert monatlich plus Heizung und Strom, echt zivil der Preis Mann! Ab wann? Ab Gestern Mann! Adresse? Ja du willst die Bude echt Mann? Na klar Mann! Unglaublich Mann!“

„Ohne Besichtigung?“, fragte Martin.

„Wenn das Zimmer so ist wie du es gerade beschrieben hast, unterschreibe ich den Mietvertrag sofort!“

„O.k., das ist gut! Herr Rattl, der Vermieter kommt morgen Vormittag zufällig um zehn Uhr vorbei. Ein Schaden an der Hausfassade und so weiter….“

 

Mitterwieserstraße 44 in Schwabing, U-Bahnhaltestelle Hohenzollernplatz.

Das Zimmer war groß und hell. Wie versprochen „zweckmäßig“ möbliert. Ein dunkelbrauner Filsteppich. Herr Rattl, ein hochgewachsener Herr. Rot kariertes Hemd, dunkelblaue Jeans, runde Nickelbrille. Pünktlich um halb elf stand Julian im fünften Stock vor ihm.

Ein dünnes schwarzes Aktentäschchen unterm Arm. Herr Rattl legte es auf den Tisch. Öffnete es. Papiere, weiß, ein Stift, schwarz.

Mietvertragsvormulare.

„Herr Scherer, können sie eine Kaution von zwei Monatsmieten bezahlen?“

Julian dachte: oh Gott! Er nickte heftig, lachte wie Nils und sagte freundlich:

„Selbstverständlich, das ist klar!“

„Gut, überweisen sie das Geld mit der ersten Miete. Sie kriegen es beim Auszug verzinst zurück, wenn alles o.k. ist.“

Schüler? Kein Problem! Bisherige Adresse? Julian wusste sie, kein Problem! Wohnen ab sofort, Mitte September. Miete ab ersten Oktober? Kein Problem!

Unterschriften unter die Blätter. Eins für mich, eins für Sie! Alles gute weiterhin in der Schule und viel Spaß mit den anderen Studenten in der Wohnung! Bis bald und tschüs!

Die Wohnungstür knallte.

Martin schüttelte Julians Hand. Er zahlte die Miete bis Monatsende. Übergab die Schlüssel und war weg.

Der Boden vibrierte, federte. Ein Altbau. Der Raum hoch genug, für einen Überschlag in der Luft! Die Landung allerdings so knallig, dass das Schrankbett herunter krachte und zum Hineinspringen bereit lag. Um Viertel vor elf Uhr lag Julian auf Nils Scherers gemietetem Schrankbett. Ein braunes Kunstledersofa stand an der Wand. Ein brauner Tisch stand davor.

War das Theater oder die Realität? Den Schlüsselbund ließ er klimpern, wie Christoph. Durch das offene Fenster schaute er fünf Stockwerke hinunter in den Innenhof. Nils Scherers neues Zuhause.

Julian saß für Nils in der Kneipe

Das Knittl im Westend fand er. Der Stadtplan war es. Um Viertel nach sieben Uhr saß er in einer Ecke der schummrigen Kneipe. Ein volles Bierglas vor sich, er freute sich über das unglaubliche Glück des Tages. Nils Scherer nicht mehr in der Garage!

Nach einem halben Bierglas kam Christine. Er winkte, sie sah. Sie lachte und ließ sich mit einem „Hallo“ gegenüber seinem Bierglas in einem Bistrostuhl nieder.

„Na wie war’s bei dir heute so?“

„Optimal dein Tipp! Ich hab die Bude. Es ist alles klar, der Vertrag schon unterschrieben!“

„Ist ja unglaublich! Wo ist das Zimmer?“

An diesem Abend tauschte er sich lange und intensiv mit Christine aus.

Sein schlechtes Gewissen formierte sich.

Er liebte sie. Das glaubte er zumindest. Was soll man auch mehr tun? Sie war hübsch, sympathisch, er liebte ihre Augen, ihr Sprechen. Und sie hatte Nils Scherer zum neuen Zimmer verholfen. Das war zu viel. Es musste geschehen. Er kam aus den weiten hohen Bergen, da gab’s kaum Frauen. Alles war eindeutig. Das musste passieren, doch keiner dachte daran. Ihre feinen Hände, ihre blonden Locken, ihr Lachen, ihre Grübchen, ihre Worte. Das war alles zu viel.

Julian saß und zitterte leicht, sein Herz ging schnell, ihm war warm.

Während Julian dies fühlte und erst langsam begann darüber nachzudenken, berichtete Christine, dass die „chaotischen Freunde“, wie sie Nils Kumpels nannte, wieder in München eingetroffen waren. Rolf rief sie an.

„Er wollte wissen ob du noch wohnungslos bist. Und wies dir geht. Ich habe ihm die Nummer gegeben“.

 

Gegen zehn Uhr war die Kneipe bis auf den letzten Stuhl voll. Die Geräuschkulisse hektisch laut. Reden, Plärren und Grölen. Hundert Leute mindestens. Rocksound aus den Boxen. Sie hingen oben. Nebelschwaden wie bei Helmuth Hauch. Kopfschmerzen.

Überfüllte verrauchte Kneipen, zu viel für Julian. Er wollte gehen.

„Mein „Markenzeichen ist es, in Kneipen zu palavern. Hin und wieder zu versumpfen. Du musst damit rechnen, dass sich meine Freunde mit dir dort treffen wollen. Dort spielt sich der unterhaltsamste Teil des Alltages ab. Das Leben an der Bar! Klar ist es ein Fehler, es kostet Geld. Ein Laster. Das halbe Leben besteht darin. Die Kneipe ist Kommunikation. Dort wird so mancher Deal im Leben entwickelt. Das ist wichtig. Es ist vollkommen egal ob diese „Deals“ jemals in die Realität umgesetzt werden. Am Kneipentisch werden Alltagsideen mit anderen Augen entwickelt. Die Realität spielt eine untergeordnete Rolle und das ist gut so. So kann neue Lebensenergie aufgebaut werden.“

Von dieser Energie spürte Julian im Knittl nichts. Er spürte die Kopfschmerzen. Vielleicht war die Energie des Abends seine Nähe zu Christine. Die spürte er.

In der Kneipe war er der einzige, dem es langsam schlecht wurde. An allen Tischen saßen Leute. Vier, fünf, sie unterhielten sich angeregt. Regelmäßig nippten sie an ihren Gläsern und zogen an Zigaretten. An der Bar standen die Menschen oder saßen auf Barhockern. Nippten ebenfalls, genossen den Abend. Niemand sah aus, als wollte er gleich gehen. Keiner saß kreidebleich am Tisch. Nur Julian. Doch das sah niemand, auch nicht Christine. Nils Scherer saß vor ihr.

„Können wir langsam gehen?“

„Aber klar! Noch ein Bier bei mir, würde ich sagen!“

Julian schlug das Angebot nicht ab. Vor der Tür atmete er tief die frische Stadtluft ein. Sie gingen zum Wagen. Bei jedem Schritt wurde es besser.

Im Wagen schwiegen beide. Er sah ihre gepflegten Hände. Sie umfassten das Lenkrad. Sie legten einen anderen Gang ein. Sie fuhren durch die blonden Haare. Er traute sich kaum nach links in ihr Gesicht zu blicken. Er fürchtete, sie könne irgendwas bemerken. Was wusste er nicht. Vielleicht ein anderer Gesichtsausdruck von Nils Scherer. Der konnte verraten, dass Julian für sie etwas empfand. Sollte das Liebe sein?

 

Christine wohnte mit Regine zusammen. Eine kleine Zweizimmerwohnung. Die Küche immerhin so groß, dass man bequem zu zweit in ihr sitzen konnte. Sie lotste den Menschen, den sie für Nils hielt, durch den engen Wohnungsflur in die Küche. Vorbei an ihrer Zimmertür auf der eine Porträtfotografie klebte. Lachend. Vorbei an der Zimmertür von Regine. Eine lebensgroße Photographie von Humphrey Bogart im Nadelstreifenanzug. Am Küchentisch saßen sie. Neben Kühlschrank und Elektroherd. Christine bot dunkles und helles Bier an. Musik von den „Talkingheads“, „The Clash“ oder „The Cure“?

Helles Bier und „The Cure“.

„Cure mag ich auch, aber nicht immer, vor allem nicht alles. Ich liebe Sound von Dire Staits, Joe Cocker, Neal Young, Joan Armatrading, Van Morrison, B.B. King, John Lee Hooker und noch einigen die mir gerade nicht einfallen. Der Sound ist bei meinen Freunden momentan nicht der große Renner. Macht nichts.“

Julian hörte hin und wieder in seiner Hütte nach den Nachrichten Musik im Radio. Selten. Zu selten um einen bestimmten Geschmack zu entwickeln.

Deshalb stellte er den Schallplattenspieler von Nils und dessen Schallplatten, es waren etwa dreißig Stück, aus der Garage in das Gästezimmer. Jeden Abend hörte er sich ein zwei Platten an.

Die Musik von „The Cure“ war gut für den Abend. Sie eignete sich nicht für eine romantische Atmosphäre. Er wusste nicht, warum Christine ihn in ihre Wohnung schleppte.

Vielleicht bildete er sich auch nur irgendwelche „Schwachheiten“ ein. Sollte die Küche eine sanfte Vorbereitung auf einen Ortswechsel innerhalb der Wohnung werden?

Nachdem die erste Seite der Cure-Kassette abgelaufen war, beendeten sie die ausgiebige Unterhaltung über Helmuth Hauch.

„Die Menschen in der Stadt denken politisch, das halbe Leben ist Politik. Du wirst es merken.“

Sie bemängelte die allgemein spießige Atmosphäre in der Stadt. Der Geldadel mache sie sich zu Eigen. Die Mieten apokalyptisch. In zehn Jahren könne sie keiner mehr zahlen. Wir haben jetzt schon kaum mehr Platz. Unsere Kohle: viel zu knapp. Unsere Wohnungen: Löcher ohne Komfort. Bad? Küche? Nix da! Luxus! Unnötig! Unbezahlbar! Studenten? Na klar, die Marktlücke! Heute die Provisionen an die Makler, morgen die Zinsen für ihren Unterhalt an die Banken! Alles Palletti, Bildung für jedermann!

Julian verstand einiges. Er erlebte schon drei Stadttage.

In vielen Jahren? Große Wohnungen für Studenten-WG’s, die reichen Eltern berappens! Die ham genug geerbt. Familien? Nix da! Wenn überhaupt, dann zu viert auf siebzig Qaudratmetern für zweitausend Lappen! Große Wohnungen? Viel zu teuer für die: entweder Juppies, Studenten-WG’s oder vereinzelte Alte, die sich’s vielleicht noch leisten können!

Christines Gründe für dieses Thema: Die Miete für die winzige Wohnung betrug über tausend Mark. Sie arbeitete dafür nach der Schule bei der Post. Regine in einer Kneipe. Eine Mieterhöhung stand an. Neue Fenster.

„Keine Ahnung, wie die zwei das schaffen! Die Schule ist stressig. Haufenweise Stoff wird dir verpasst. Darfst jede Menge büffeln. Nächstes Jahr die Abschlußklasse. Nebenbei nen Job? Das wär das sichere Ende meiner Schulkarriere!“

 

Ohne ihre Jobs müssten beide zu ihren Eltern zurück ziehen.

Christine: „Nur über meine Leiche gehe ich zurück in mein bürgerlich-konservatives-CSU-Politbüro! Ich hasse diese Heuchelei. Die totale Abhängigkeit und Unterwürfigkeit! Das gibts erst wieder in vierzig Jahren, wenn’s ab ins Altenheim geht! Ob’s die dann noch gibt?“

 

Nach dem zweiten Bier kam Regine und setzte sich zu ihnen. Sie war froh, nach einem anstrengenden Arbeitsabend in ihrer Kneipe, zwei Gesprächspartner an zu treffen. Sie schilderte ihre Tageserlebnisse.

Der Abend endete für Julian unangenehm. Ein kleiner Ausfall. Gegen halb zwei Uhr Morgens war es ihm schlecht, wie in der Kneipe. Zigarettenqualm und Bierkonsum. Er versuchte, den von Nils empfohlenen schnellen Abgang hin zu legen. Er schob den Vermieter vor. Behauptete Herr Rattl müsse ihn Morgens nochmal sehen. Formalitäten und so.

Er schüttelte die Hände, verabschiedete sich kurz.

Im Gehen zettelte sein Magen eine Art Rebellion wegen seinem ungesunden Verhalten an. Julian wackelte durch den engen Flur. Ging ins Treppenhaus. Ließ die Tür leise zufallen.

Die helle, hölzerne Treppe, die er zwei Stockwerke nach unten zu gehen hatte, erkannte er deutlich. Sie glänzte, hellbraun, war frisch gebohnert oder gewachst. Er betrat sie. Er bewegte die Füße. Wollte gehen wie immer. Runter.

Dann geschah es: alles um ihn herum drehte sich. Er verlor das Gefühl für Beine und Füße. Er verlor den Gleichgewichtssinn. Rumpelnd stürzte er vorn über. Der erste Treppenabsatz. Knall! Das Holz krachte. Knarr, knarr und nochmal knall! Die Arme und Hände konnte er noch bewegen. Zum Glück! Er riß sie vors Gesicht von Nils Scherer. Wumm! Der zweite Absatz. Er lag. Der Landeschlag war ernüchternd. Keine Bewusstlosigkeit. Klar sah er die braune Treppenhausdecke hoch oben.

Er griff ans Fensterbrett. Zog kräftig. Winkelte ein Bein an. Wum! Was war das? Es tat nicht weh!

Die Wohnungstür stand offen. Der geräuschvolle Schlag zweier hüpfender Känguruhs. Scheppernd sprangen sie auf Holzdielen. Beide hechteten, aus dem Türstock der Wohnung. Sie landeten sportlich in die Knie gehend vor der Wohnungstüre. Nochmal knall! Sie hüpften, jeweils zwei Stufen gleichzeitig nehmend, auf ihn zu. Knall,knall,knall. Und der letzte, ein Landeknall. Sechs Stufen und vor ihm standen sie.

„Um Gottes Willen, Nils!“, rief Christine. Sie ergriff seinen rechten Arm. Sie stützte den leicht Verletzten. Der humpelte die Treppe wieder hoch.

Sofort jammerte der Mann:

„Mir ist schlecht und etwas schummerig vor Augen geworden. Wohl die schlechte Luft, und der viele Alk.“

Dann lag er auf Christines Bett.

 

Alles äußerst peinlich, dachte Julian.

„Wenn’s irgendwie persönlich wird, dann fliehen!“

War das persönlich? Wie fliehen?

Eine entblößende Situation, dachte Julian. Zwei Frauen aus der Schulklasse stützten Nils Scherer. Julians dritter Abend in der Stadt. Ist ein Maskierungskünstler auch Überzeugungskünstler?

Die frische Luft tat gut. Sehr gut. Julian richtete sich entschlossen auf. Er fühlte sich wieder fit.

„Ich bin fit. Topfit! Also alles klar! Ich gehe jetzt. Diesmal klappt’s. Kein Problem.“

Entschlossen erhob er sich, schüttelte nochmal kurz Hände, dankte fürs Bier und ging.

Ein bodenloser Abgang, dachte er. Nils Scherer?

Er verließ die Wohnung gegen zwei Uhr morgens. Regine und Christine verzichteten darauf, ihn dumm, (so hätte er diese Frage an diesem Morgen empfunden, weil er sie nicht brauchen und hören wollte), nach einer S-Bahn, die um diese Zeit gar nicht mehr fuhr, zu fragen. Kein Angebot ihn nach Solln zu fahren. Sie ließen ihn gehen. Julian war froh. Er schlenderte gemütlichen Schrittes stundenlang durch die nächtliche Stadt. Hin und wieder, unter einer Straßenlaterne seinen Stadtplan studierend, erreichte er gegen sechs Uhr Morgens das Gästebett in der Sollner Wohngemeinschaft.

Julian saß für Nils in seinem neuen Zimmer

Drei Tage vor Beginn des Abschlußschuljahres wickelte er Nils Scheres Umzug ab. Eine Fahrt mit Rolf in dessen VW-Bus von Solln in die Mitterwieserstraße.

Rolf rief in der Sollner Wohngemeinschaft an. Er war nicht sauer auf Nils. Die Autobahnsituation hielt er ihm nicht vor. Er erzählte begeistert vom ganz tollen Urlaub. Nils hätte es sicher gefallen. Er verpasste jede Menge interessante Erlebnisse. Julian war davon überzeugt.

Rolf bot seine Unterstützung an.

„Umzug? Aber klar doch! Bei dir kein Problem, gerne!“

Er wusste wie viel Kisten das waren. Fünf.

„Donnerstag Nachmittag. Zwei Uhr. O.k.! Und Abends: traditionelles Treffen im Cafe‘ Notfall! Alles klar!“

 

Mittwoch.

Die letzte Nacht im Gästezimmer stand bevor. Christoph immer noch weg. Julian allein im Garten. Ein kleines Feuer. Schmerz.

Wie ging es Nils? Wie ging es Assya? Wie seinen Schafen?

Das Feuer loderte in einem alten rostigen Schubkarren. Julian zog ihn aus einem Haufen hinter der Garage.

„Was tue ich hier überhaupt? Feuer mitten in der Stadt? Kann ich hier leben? Wo ein Feuer machen, wenn ich in der Mitterwieserstraße wohne, mitten in der City? Pistolenschüsse durch den Kopf. Denken. Wer bin ich? Wo werde ich leben? Wie werde ich leben? Wer ist Nils Scherer? Wo und wie wird er weiter leben, wenn das alles vorbei ist? Etwas Geschehenes wegdenken? Warum weiter darüber nachdenken, wenn es irgendwann Vergangenheit ist? Nicht mehr denken. Oder: einfach mal denken, was man denken will! Und: nicht das denken, was man nicht denken will!

Warum ich und Nils Scherer? Ein Abenteuer? Ein Spaß? Freizeitvergnügen? Zufall?“

Ein schlechtes Gewissen. Jetzt fast fertig geformt. Rolf der nächste dem er glauben machte, er sei Nils Scherer.

Warum: Ein Reiz? Ein Kitzel? Lust auf Abenteuer, Überraschung, Täuschung?

Was täte er, wenn Rolf auf ihn zu käme und sagte: „Hei Nils, was ist mit dir los? Hast du dir ne Maske aufgesetzt? Du siehst so verschrumpelt aus!“

Rolf zog an der großen, vorgetäuschten Nilsnase. Kräftig riß er daran. Zack! Schon hielt er sie in der Hand. Julians blasse Nase strahlte zwischen Nils Scherers rauen Backen hervor.

Rolf plötzlich schockiert: „Teufel, wer bist du?“

Springt einige Meter von Julian weg. Sieht ihn genauer an. Enttäuschung, Misstrauen, Wut! Reißt den schweren Wagenheber aus dem Auto. Kommt auf Julian zu. Wutentbrannt. Rechts den Wagenheber.

„Wo ist mein Freund Nils? Wo? Wer bist du? Hast du ihn ermordet?“

Julian erstarrt. Kein Wort. Keine Bewegung.

„Du Schwein! Mörder! Du hast es getan! Gib es zu! Du hast in gekillt und sein Gesicht geklaut!“

Rolf im Gesicht rot. Zitternde Hände. Julian nach vorn gebeugt, schweigend. Keine Erklärung. Angst. Eisige Kälte. Rolf dunkel, ein Riese vor ihm. Hallende Schreie wie aus der Tiefe: „Du hast ihn ermordet! Du! Du warst es! Du!“

Rolf einen Meter zurück. Zitternd beide Arme in die Höhe. Schwarzer Stahl. Julian schaut hoch. Oben der Schwarze. Er stürzt herab. Krach im Kopf. Dumpfes heulen. Das schwillt an. Eine Sirene. Nochmal Krach im Kopf. Jetzt ein schrilles Läuten. Kein Schmerz. Dunkelheit.

„Rolf! Nein! Nein!“ Julian riß die linke Hand an sich. Eine leichte Brandwunde. Das Feuer knackste. Er blickte um sich. Hell erleuchtete Häuser um das Grundstück. Keine Menschen an den Fenstern. Keine Blicke. Ruhe. Nur das Dröhnen der Straße hinter den Blocks. Niemand interessierte sein Geplärre.

 

Der Umzug verlangte Organisation. Es waren nicht nur die fünf Kisten. Eine neue Adresse. Briefe schreiben. Nachsendeantrag, Bank, Krankenkasse, Schule. Nils erklärte alles. Julian saß in der Mitterwieserstraße an Nils alter grauer Schreibmaschine. Rolf polterte über die Holzdielen die hunderfünfundreißig Treppenstufen hinunter. Unten kam er an: Wumm! Die Tür des Hinterhauses krachte.

Julian tippte noch nie, fand es interessant, brauchte Stunden für vier Briefe. Dann fand er das Kohlepapier in der Kiste mit den Umschlägen. Dachte an den Vater. Die Formalitäten im Büro des Bestattungsdienstes vor der Urnenbeisetzung.

Den Tod.

Vor dem Tisch mit der Schreibmaschine das Fenster. Draußen graue Mauern. Gewohnte Höhe zwar, aber nicht in einem Gebäude. Blicke in die Tiefe kannte er. Hohe Felsvorsprünge. Er neigte sich vorsichtig darüber. Unten der Innenhof. Ein riesiger Kastanienbaum im Nachbarhof. Äste weit über die Mauer zwischen beiden Innenhöfen. Kein Grün. Pflastersteine. Ein Blechdach. Darunter Fahrräder. Auch Nils Fahrrad.

Der Garten in Solln: weg. Stattdessen Häuserfassaden, Mauern. Bedrohliche Mauern, schräg. Krumm, schief, hoch. Sie neigten sich in den Hof.

Plötzlich Donnern und Grollen. Die Mauern fallen um. Klar! Sie standen zu schief! Konnten nicht mehr lang so stehen! Lärm. Kein Autolärm, keine Lastwagen, sondern Schreie, kreischende Schreie. Schreie wegen der Schmerzen.

Aus der Höhe stürzende Menschen. Mörtel und Betonbrocken von oben. Dachbalken, Ziegel, Blechdächer. Alles stürzte nach unten. Dort: riesige Haufen. Trümmer. Panik und Verzweiflung. Frauen und Männer zerlumpt. Suchend.

Rauchschwaden, Feuer, ätzende Dämpfe. Zusammengebrochene Menschen auf grauen Schuttbrocken. Kniende Menschen. Humpelnde Menschen. Gebückte Menschen. Fetzen ihre Kleidung. Asche. Blutende Hände und Gesichter.

Flammen überall. Laute Donnerschläge. Gasexplosionen. Fliegende Steine, Fenster, Glassplitter, Presspanmöbel, Stühle, Stuhlbeine, polierte Marmorfiguren, glänzende Marmorplatten, weiße Monitore, eine fliegende Frau in rosa Kostüm, hinter ihr ein fliegender Bullterrier, eine fliegende Hand mit Goldkette.

Keine Luft mehr. Gestank. Verkokeltes Plastik, Kunststoff, Autoreifen, Holz, tropfender Lack, Elektrogeräte. Brennende, dampfende, ätzende offene Cabriolets.

Plötzlich wieder fahrend in Rolfs Bus: hinten Umzugskisten, vorne Autoschlangen, qaulmende, röhrende Blechrohre. Funktelefone an Köpfen hinter dunklem Glas. Hupen. Knallende Autotüren. Klingeln. Straßenbahnen. Röchelnde Alte auf Stöcken an roten Ampeln.

Plötzlich Rolfs Bus brennend oben auf einer Brücke. Darunter: Menschen in grauen schmutzigen Hosen mit schlabbernden Hosenbeinen. Sie sitzen lehnend an der Wand. Ein Lagerfeuer. Eine zerklirrende Weinflasche.

Auf der Brücke neben Rolfs Bus: Ein blutendes Gesicht auf dem Asphalt, daran ein Funktelefon. Daneben: schwarzes Glas. Daneben: ein abgerissenes Lederlenkrad. Verbrannte Haare. Ein schwarzer Lederhandschuh.

 

Ein lautes, schrilles Klingeln riß Julian hoch. Sofort erkannte er wo er war. Neben der Schreibmaschine. Sein Kopf auf dem Tisch. Vor ihm das offene Fenster. Fünfter Stock.

Telefon! Wo war das Telefon?

Er ging zur Zimmertür. Leichter Schwindel. Der Kreislauf. Griff zum Türknauf. Durch die milchige Glasscheibe sah er eine Person im Gang der Wohnung.

Die sagte:

„Ja hallo hier ist Harri.“

„Wen bitte? Nils? Kenne ich nicht!“

Julian riß die Tür auf. Vor ihm stand der beleibte Physikstudent Harri in rotem Ringelshirt.

„Hallo, ich bin Nils, dein neuer Mitbewohner!“

„Ach so, alles klar, ich wusste nicht, dass du hier bist und wie du heißt. Ich bin Harri. Telefon für dich.“ Kurzes Händeschütteln. Telefonhörerübergabe. Harri trug eine geringelte rote Hose. Verschwand rechts in sein Zimmer.

Der Hörer an Julians rechtem Ohr. Wer hatte die neue Nummer schon?

Christine: „Hallo! Na wie geht’s am ersten Tag in der neuen Bude?“

Von ihr war der Tip mit dem Zimmer, also war es für sie auch kein Problem die Telefonnummer ausfindig zu machen.

„Ja, ganz gut soweit, hab schon einiges ausgepackt, bin etwas überrascht, über den Anruf. Ich weiß selbst noch nicht mal welche Nummer dieses Telefon hat.“

„Tja, so geht’s halt manchmal im Leben. Es läuft nicht immer so wie man denkt. Manchmal läuft’s halt eben anders! Ich wollte dich fragen, ob du heute Abend im Notfall bist.“

„Ja, ich komme hin.“

„OK, dann wünsche ich dir noch viel Spaß beim Auspacken, bis heute Abend. Tschüsi!“

„Ja tschüs“, erwiderte Julian und Christine war schon weg. Er hängte ein.

Julian saß für Nils im Cafe Notfall

Das Café Notfall war eine Kneipe in der die Gäste saßen, als seien sie in einem Ladenschaufenster ausgestellt. Durch riesige Fenster sah man von draußen die Menschen. Die Beleuchtung war neongrell. An der Bar, inmitten der gefüllten Kneipe, saßen diejenigen Menschen, die tagsüber bewaffnet mit braunen und schwarzen Lederaktenkoffern auf der Modewoche, oder der Modemesse, oder irgend welchen anderen wichtigen modischen Meetings, ihre Leistungen bei einem Glas Sekt vorführten. Auf dem Laufsteg präsentierten sie „ihre“ Mädchen. Abends saßen sie mit ihnen im Notfall an der weißen Theke. Hier ging die Präsentation weiter. Dazu gab es Champagner und Pommery.

Draußen warteten Johann, James und Georg. Sie polierten Chromleisten. Später transportierten sie die Herrn mit den Damen in den offenen, glänzenden Karossen in das nächste Etablissement.

 

Julian stand in der Tür. Er überflog die Damen und Herren an der Bar. Sie sahen schwarz-weiß aus. Sein Blick wanderte in die Ecke. Er suchte Nils Scherers Schulfreunde. Er sah sie. Ralf, Mark, Rolf. Der winkte schon. Ein runder Tisch. Der hinterste Winkel der Kneipe. Vorsichtig bahnte sich Julian den Weg. An leicht bekleideten Damenrücken und weißen Herrenhemden schob er sich vorbei. Keine Berührung. In der Nase plötzlich „Fleecy Clouds In Paradise“.

Ein freier Stuhl neben Christine. Julian begrüßte alle so, wie Nils es sagte. Jeder bekam kurz seine Hand. „Keine überschwänglichen Umarmungen.“ Nilslächeln, ein kurzes Kopfnicken. Dazu die Frage: „Na, wie ist die Lage?“

„Von dem Laden halte ich nichts. Trotzdem bin ich dort. Vergnügliches Theater! Ein Juppitreff. Gewöhnlich und teuer. Der Zufall am ersten Schultag führte uns hin. Wir sind Exoten in dem Laden. Ein krasser Kontrast. Unsere Geldbeutel sind eigentlich zu klein. Es ist o.k., regelmäßig dort zu sitzen. So lange die uns noch reinlassen. Die versnopptesten Typen kannst du dort sehen. Alles sehr unterhaltsam. Abartig unterhaltsam. Man spart sich Geld fürs Kino.“

Julian fand die Kneipe einfach nur ungemütlich. Die grelle Beleuchtung, die Rauchschwaden, das Gekreische und Herumgeplärre von der Bar, die tollen offenen Nobelkarossen vor der Türe, die tollen Menschen hinter – und vor – der Theke, mit ihren Goldkettchen und geöffneten weißen Hemden, „Fleecy Clouds In Paradise“, die heraushängenden Brusthaare, die gebügelten lässigen Sakkos, das alles fand er abstoßend.

Julian saß. Mark sprach. Er berichtete von einem Bekannten. „Erich ist so ein schnieker Typ, wie die Typen an der Bar. Er lebt in einer unwirklichen Welt. Sein Verhalten ist affektiert. Er spricht unverständlich, für mich. Eine andere Sprache. Ein gesangsariges Tei..tei..tei.. Verfremdet. Theatralisch. Dabei immer perfekt gekleidet. Seinen Körper bewegt er perfekt. Eine Art Show. Erichs Welt ist perfekt und sauber. Er ist Manager von Modells. Er nennt sie „Püppchen“. Erichs Leben ist absolut funktional. Das ist eine Art Kunst. Es ist so künstlich wie die Modells, die er vermarktet.“

Mark erntete unverständige Blicke aus der Tischrunde.

„Irgendwie leben diese Leute in einer abstrahierten Scheinwelt. Alles künstlich angelegt, stets sauber. Weiß. Alles perfekt gestylt. Um sich herum bauen sie eine saubere Kunstwelt auf. Ihr Rahmen. Künstlich ist nicht nur der Rahmen, auch sie selbst: beispielsweise ihre Gesichter! Künstlich. Was nicht gefällt wird verändert, erneuert, ausgewechselt. Was nicht auswechselbar ist, wird dick übertüncht. Natürlich sehen die Leute verfremdet aus. Doch das stört nicht mehr. Es ist Normalität geworden. Künstliche, selbst komponierte Gesichter, künstliches Lachen. Alles kein Problem! Die Verkünstlichung des Körpers. Perfekt! Was alt und verbraucht ist, wird erneuert.

Erich fühlt sich wohl in der Brache. Die Brache ist genau die richtige. Mode und Werbung. Er sagt: alles lässt sich vermarkten, selbst das perfekt vor geheuchelte künstliche Leben. Bunt verpackt, nennen wir es Glückseligkeit und kassieren dafür Millionen.

dass, das wahre menschliche Leben aus einem Haufen von Makeln besteht, wird verdrängt. Überpinselt. So lange bis man glaubt, das Künstliche sei die neue Realität.

Dazu: Erfolgreich sein! Es ist wichtig. Ein Lebensziel. Doch was ist Erfolg? So viel von dieser Künstlichkeit wie möglich zu verkaufen? Ja! Genau das! So viel Geld wie möglich aus irgendwas zu schlagen. Erfolg wird dann zelebriert. Im Notfall an der Bar. Und anderen Ortes!“

Wie kam Mark auf die künstlichen Gesichter? Regte Julian den Gedanken an?

Niemand unterbrach ihn. Alle hörten geduldig zu. Das musste Politik sein, von der Nils sprach.

„Oder anders ausgedrückt: Erich hat ganz und gar das Gefühl, auf der Siegerseite des Lebens zu stehen. dass es auch Verlierer gibt interessiert ihn nicht. Er und seine Freunde wollen das nicht wissen. Und die borniertesten seiner Freunde glauben sogar, dass wer auf die Verliererseite gerät, daran garantiert selbst schuld ist.“

Christine wollte einen Themawechsel, sie wollte über die „Machoseite“ des Themas: „Juppies in unserer Gesellschaft“, (wie sie es nannte) reden. Auch Regine wollte darüber sprechen, sie sagte: „mit einigen von den Typen an der Bar da vorne habe ich schon ein oder zwei Sektgläser getrunken. Spätestens beim zweiten Glas wurde klar, dass deren Einstellung zu Frauen, sich nur unerheblich von ihrer Einstellung zu Autos unterscheidet: sie muss schön und schnell sein, ich meine sie muss schnell ins Bett zu bringen sein, und sie muss funktionieren.“

Die Frau müsse für die meisten dieser Leute eine vorgesehene Rolle einnehmen. Sie müsse dem Manne dienen und ihn zufrieden stellen. Sie müsse ihm, genauso wie sein Auto, als Prestigeobjekt dienen. Im Haushalt und im Bett müsse sie gut funktionieren. Dies benötige er, um seine Geschäfte langfristig erfolgreich abwickeln zu können. Im Rahmen dieser Geschäfte spiele die Frau keine verantwortliche Rolle. Sie diene der Repräsentation. „Eine hübsche Blondine an der Seite eines erfolgreichen Juppies ist das Sahnehäubchen auf der Karriere!“

 

Julian hörte interessiert zu. Manches kannte er von den Gesprächen mit Nils in der Schäferhütte. Der Treffpunkt im Café Notfall hatte den Zweck, das zu sehen, über das man sprach. Menschen über die gesprochen wurde, hielten sich im gleichen Raum auf.

Rolf war der Meinung, dass das nicht mehr lange gut gehe: „Ich wundere mich schon lange darüber, dass es hier noch keinen Türsteher gibt.“

Julians Kleidung, alte Jeans, zerfranste Jeansjacke und altes Sweatshirt war ein krasser Gegensatz zu den Menschen an der Bar in gebügelten Nadelstreifenanzügen und Seidenhemden.

 

Während Julian über seine optische Wirkung auf die Juppies im Notfall nachdachte, ließ ich die Eingangstür des Cafés hinter mir zu fallen. Es war bis auf den letzten Platz besetzt. Neonbeleuchtung zerschnitt Rauchschwaden in feine Streifen. Die Lautstärke der Manager und aufgetakelten Modells an der Bar war ohrenbetäubend. Zigarettengeruch, Mief von Sekt, Champagner und abgestandenem Bier lag in der Luft. Dazu: „Fleecy Clouds In Paradise“, ein angeblich neuer Duft. Ich überflog die Bar. Bunte Damen. Weiße Herren. Dahinter, in der linken Ecke sah ich zuerst Mark und Rolf, dann Regine und Christine. Ich erkannte Nils. War er abgemagert? Er musste abgenommen haben! Vier Wochen im Gebirge, da nimmt man wahrscheinlich ab.

Ich schob mich durch die Menschenmenge. Laut schwafelnde Personen. Weiße Stehkragenhemden und Sakkos. Auch Westen.

Am Tisch in der Ecke angelangt begrüßte ich die Runde allgemein. Die Frisur von Nils war etwas zu kurz. Seine Haare waren heller als sonst, sie vielen völlig anders. Seine Gesichtsfarbe war zu dunkel, überhaupt wirkte der Gesichtsausdruck etwas künstlich. Ich erkannte ihn kaum wieder. Erst als er zur Begrüßung sein typisches Nilslächeln aufsetzte, wusste ich, dass es tatsächlich Nils sein musste.

Für sein verändertes Aussehen machte ich den Trend der Zeit verantwortlich. Es war völlig normal, sich von Zeit zu Zeit optisch ein wenig zu verändern, oder gezielt aufzupäppeln. Das Aussehen wechselte, wie die Düfte. Früher war es „Good Old Paradise“, dann „Cold Dirty Sunrise“ und jetzt eben „Fleecy Clouds In Paradise“.

Selbst Mark hatte schwarz gefärbte Haare. Von Nils war ich dieses Verhalten nicht gewohnt. Das Leben der Menschen in dieser Stadt hatte – gerade in dieser Kneipe dachte ich mir das schon sehr oft – etwas künstliches. Die Menschen im Notfall wirkten künstlich. Sein Äußeres veränderte man durch Kleidung, Schminke, Haarfarbe, Hautfarbe oder gleich ein kleines Facelifting. Anderes Aussehen gehörte zum Alltag. Ich sah keinen Anlass für Rückfragen.

Ich wollte mich selbst nicht bloß stellen und dumme Fragen über die veränderte optische Erscheinung eines Freundes stellen. Es war einfach so, dass sich viele Dinge rasend schnell veränderten. So auch das Aussehen von Personen. Man gewöhnte sich daran, dass sich die Haarfarbe eines Schulfreundes innerhalb eines Schuljahres vier mal änderte. Das war kein Thema.

So dachte ich über Nils, er habe in seinen Ferien in den Bergen eben entschieden, einfach auch mal ein umfangreiches Körperveränderungsprogramm durch zu ziehen. Überrascht war ich nur darüber, dass mir seine Stimme ebenfalls leicht verändert vor kam. Ich wusste nicht genau was anders war. Aber irgend etwas hörte sich verändert an. Nils hatte keine Erkältung. Vielleicht war es seine äußere Erscheinung, die mich glauben ließ, die Stimme wäre anders. Das war meine Erklärung. Meine Wahrnehmung: ich sah etwas anders, also hörte sich, was ich sah, plötzlich auch anders an!

Ich verhielt mich wie immer. Ich verdrängte meine Zweifel, ob ich nun Nils oder jemand anderen vor mir hatte. Für diese Vermutung gab es keine vernünftige Erklärung. Weshalb sollte ich nicht Nils vor mir haben?

 

Christine, von der ich wusste, dass sie sich schon immer für Nils interessierte, war an diesem Abend besonders an ihm interessiert. Die Blicke, die sie mit Nils tauschte, waren nicht so wie immer. Sie waren intensiver, vertrauter. Zwischen den beiden musste sich etwas verändert haben. Nils war aufgeschlossener. Er war ihr näher gekommen.

Am Tisch entstanden Gespräche zwischen einzelnen Personen. Eine ungewöhnliche Situation im Notfall. Sonst saßen wir in gemeinsamer Runde und einer, meist Mark führte das Wort. Dem fügten die anderen etwas hinzu, lachten, oder kritisierten. Daraus entstanden Diskussionen und Meinungsbekundungen zur Situation in der Stadt.

dass an diesem Tisch individuelle Gespräche unter Einzelnen entstanden, war mir neu. Nils war mit Christine in ein Gespräch vertieft. Sie verstanden sich blendend. Ich sah Christine noch nie so viel lachen.

Ich diskutierte mit Rolf und Mark über die konservative Bayerische Bildungspolitik und dessen Auswirkungen auf den Schulbetrieb, der uns am Dienstag wieder erwartete.

Ich war nicht beim Thema, beobachtete Nils. Hat er auch sein Verhalten geändert? In meiner Vorstellung war es, nach den Erfahrungen im vergangenen Schuljahr, undenkbar, dass sich Nils im Notfall eine knappe halbe Stunde, intensiv mit einer Frau unterhielt. Stets diskutierte er mit uns über Gesellschaft und Politik.

Der Abend endete überraschend schnell: Gegen halb eins verkündete Mark offenbar etwas zu laut seine Meinung über die Verquickung zwischen CSU-Politik, Besetzung wichtiger Stellen im Bildungsbereich und den vielen mundtoten Schulabgängern und Studenten.

„Da kann doch nur so ein angepasstes Juppigesocks herauskommen, das nur an Kohle um jeden Preis denkt, wie man es hier sieht, eingenebelt von Fleecy Clouds In Paradise!“, brüllte er zu Regine über den Tisch. Die stimmte lachend zu und prostete mit ihrem Bierglas.

Ein alkoholisierter Mann in weißem Hemd, mit bunter Krawatte, Mitte dreißig, auf einem Barhocker, lief wegen dieser Worte wütend rot an. Er schwankte mit halbvollem Bierglas auf unseren Tisch zu. Schwankend hob er die rechte Hand. Mund geöffnet, rote Zunge sichtbar. Hand weit oben, ausgestreckter Zeigefinger. So wollte er los plärren. Und so stolperte er. Kurz vor unserem Tisch. Er knallte auf Marks Rücken. Regines Warnkreischen kam zu spät. Sie riss die Ellenbogen vors Gesicht. Sah ein fliegendes Bierglas auf sich zu kommen. Von vorne. Nichts schwappte heraus. Der Gegenwind. Es zischte über Marks Kopf. Der sah das Glas von Unten direkt über seinen Augen auf einer Bahn in der Luft. Jetzt verstand er den Warnschrei. Riss sich selbst vom Stuhl, rutschte nach rechts, saß auf meinem Stuhl. Trotzdem krachte der Mann auf den Rücken. Mark rückte noch ein Stück. Der Mann stürzte mitten auf den Tisch. Erst jetzt erkannten Christine und Nils was geschah. Zu spät. Halbvolle Biergläser und volle Aschenbecher vom Tisch flogen ihnen entgegen.

Mark stand sofort von meinem Schoß auf. Er packte den Besoffenen von hinten, schleifte ihn zur Bar und setzte ihn dort auf einen Barhocker.

Wir überprüften unsere Kleidung und befreiten sie von Zigarettenkippen. Mark:

„Wir sollten ganz schnell gehen, bevor ich mich soweit provozieren lasse, dass das ganze in einer Juppischlacht endet.“

Von uns hatte darauf keiner Lust. So standen wir schnell vor der Tür. Draußen löste sich die Runde im strömenden Regen auf. Beim Abschied sah ich, wie Christine Nils auf die Wange küsste.

Julian saß für Nils auf der Schulbank

Den Besuch des Schulgebäudes verwarf Julian weil die Schule in ein neues Gebäude umgezogen war. So war Julian am ersten Schultag nicht der einzige der nach dem Klassenraum suchte. Das neue Gebäude war hässlich, wie das alte. Beton, Stahl und Glas, glänzend. Vertreter der Stadt und der Architekt meldeten sich Tage zuvor in den Zeitungen. „Ein herausragender Prachtkomplex, eine architektonische Glanzleistung und, weil das Gebäude mehrere Schulen unter einem Dach vereinte, ein „bildungspolitischer Meilenstein“.

Der Meilenstein stank grauenvoll. Beton, Estrich, Teppich und Farbe. Julian nahm im Klassenraum einen Platz dicht am Fenster. Das riss er schwungvoll auf. Den abgerissenen Fenstergriff des Meilensteins legte er auf die Fensterbank.

Regine und Mark saßen rechts von ihm, links daneben Rolf, Ralf, die inzwischen hochschwangere Sofia, und Christine. Neben Christine fand ich meinen Platz. Zufällige Sitzordnung. Bei der blieb es. Die Tische standen in klassischer U-Eisenform. Das obligatorische Warten begann. „Man fühlt sich wider wie ein Grundschüler. Man hofft vergeblich auf eine Lehrkraft. Man wartet auf Stundenplan und Bücher. Dabei sollte man locker bleiben.“ Gespräche. Austausch über Ferien und so weiter. Mark, dem das jährliche, „wartende Gequatsche“, wie er diese Minuten nannte, sofort auf den Geist ging, vertiefte sich in eine Tageszeitung. Julian nahm einen Teil des Blattes. Rolf tauschte Urlaubserlebnisse mit Regine aus.

Ich sprach mit Sofia. Über ihre Situation, über ihr erwartetes Baby. Sie war im sechsten Monat. Sie war zuversichtlich von dem Schuljahr noch etwas mit zu bekommen. Die Oma werde sich kümmern während sie in der Schule ist. Den Vater nannte sie einen Trottel. Sich selbst nannte sie Trottelin, wegen des Vaters. Er verließ sie kurz nachdem klar war, dass sie das Kind bekomme. Sie wusste nicht wo er geblieben war. Trotzdem war sie glücklich: mit Rolf. „Das Beste ist meine Verwandtschaft! Sie lehnt nichts ab, sondern freut sich!“

Plötzlich betrat Helmuth Hauch das Zimmer. Es wurde laut und piepsig und begann sofort grausam zu stinken. Neuer Teppichbelag, trocknende Farbe und „Fleecy Clouds In Paradise“. Julian öffnete das nächste Fenster, legte auch den Griff auf die Fensterbank. Kreischende hüpfende Begleitung. Hochtoniges Lachen. Weiß stand er im Türrahmen. Ein kurzer Blick in den Raum. Kein Gruß. Die erste Reihe. Rechts und links begleiteten ihn die jungen, schönen, Blonden.

Er, strahlend weiß. Seidenhemd, Stehkragen, weit offen. Darunter schwarzes Kreuselhaar, darüber eine schwarze Weste. Dekoration: ein knall roter Seidenschal. Die rechte Hand: das schwere Goldkettchen. Links: eine breite goldene Uhr.

Seine Bewegungen: schauspielerisch, theatralisch. Schwungvoll wie in Kinowerbung. Betont locker. Das Seidenhemd und der Schal wehten leicht im Wind seines Schwungs. Der falsche Mann am falschen Ort. Er hatte sich verlaufen. Was suchte er? Miami Vice?

Sein Blick: Überlegen.

Niemand erwiderte ihn.

Niemand: Ich weiß auch nicht, was der Mann hier will.

Ich: Aber sein Erscheinen muss doch einen Grund haben!

Niemand: Naheliegend wäre, dass auch er etwas lernen möchte.

Ich: Aber deshalb so ein Outfit? So ein Auftreten?

Niemand: (ironisch) Wer schön ist muss was lernen!

Ich: Das heißt: Wer schön sein will muss leiden!

Niemand: Achso? Aber, wo leidet der Mann?

Ich: Hat er das schon hinter sich?

Niemand: Das ist es! Genau. Und jetzt will er noch was lernen!

Ich: Achso!

 

Die vier jungen Mädchen. Bunt, leicht bekleidet, wie zu einer Vergnügungsparty. Jubelnd schwirrten sie um den Mann herum. Kreischen, Lachen. Ein Sägen an den Nerven. Zur Feier des Tages: wasserstoffblonde Perücken! Sie ließen sich neben dem angebeteten nieder. Mehrere Wangenküsschen.

 

Mark blieb nicht ruhig. Die Zeitung schlug er zu. Die Arme verschränkte er. Lehnte sich im Stuhl zurück. Versuchte eine herablassende, ein wenig genervte Beobachterposse. Der Manager einer Schallplattenfirma, der sich den ganzen Tag lang schlechte Sänger anhören musste. Die nächsten fünfzig standen noch draußen.

Mark aus der hinteren Reihe in die erste: „Mir ist plötzlich schlecht. Ich glaub gleich muss ein verkotztes Seidenhemdchen wieder Heim gehen!“

Die Frauen gackerten, plärrten und kreischten. Sie biederten sich an. Helmuth Hauch war daran gewohnt. Brauchte er das? Mark überhörte er. Der stand auf. Legte die Schultasche auf den Tisch. Ging vor. Nah an Helmuth Hauch vorbei. Dort würgte er. Ging langsam weiter, verließ den Raum. Wortlos. Genervt.

Plötzlich trat Ralf auf. Seit einigen Minuten lag er, einen Cowboystiefel auf dem Knie angewinkelt, im Stuhl. Die Szene begutachtend. Der Besucher in einem miesen Theaterstück. Gehen wollte er nicht. Laut und deutlich brüllte er aus der letzten Reihe vor:

„Hey Hauchi! Wir brauchen hier keinen Graf Kotz mit Harem! Wenn du mit deinen Leibeigenen hier rummachen oder rumsabbern oder nur rumalbern willst, kannst du dich in deinen Protzerbunker nach Bogenhausen verzischen! Hier läuft die Sache anders! Klar?“

Überraschte Blicke wegen so viel Klarheit. Der ruhige Ralf plötzlich aggressiv, aufgeregt, zynisch, ironisch, motzig.

Die Worte konnte Helmuth Hauch nicht überhören.

Die Zimmertür öffnete sich in dem Moment, als er aufstand und sich Ralf zuwandte. Herein kam Mark. Seine Zeitung unterm Arm ging er auf Helmuth Hauch zu. Aus kurzer Distanz blickte er dem inzwischen rot angelaufenen gehässig ins Gesicht. Leise, deutlich sprach er: „Ich hasse Protzer! Ich hasse Spießer! Ich hasse den Geldadel, der von geerbter Kohle lebt! Kapiert?“

Helmuth Hauch wollte zur Antwort ansetzen. Mark war noch nicht fertig:

„Deshalb sehe ich nicht ein warum ich wegen dir nervigem Goldklunker das Zimmer verlassen soll. Du wirst draußen warten! Dort ist genug Platz um mit deinen Goldbatzen zu protzen. Dein Harem kann dich begleiten.“

Helmuth Hauch darauf ruhig:

„Darf ich das als Beleidigung verstehen?“

Mark aufgesetzt freundlich lächelnd:

„Wie Sie das verstehen mein Herr, vermag ich nicht zu sagen. Ich jedenfalls fühle mich wegen ihres überzogenen Gehabes gewaltig beleidigt. Also entweder zurückhaltend, am besten gar nicht protzig, oder vor der Tür draußen weitermachen! Klar?“

Noch bevor die Situation eskalieren konnte ging die Tür erneut auf. Gephart, der Mathematiklehrer trat mit drei großen Schritten ein. Er beachtete weder Mark noch Helmuth Hauch, noch die anderen Schüler. Seinen Silberkoffer stellte er auf seinen Tisch. Daumen dran und „klack“, das Schloß sprang auf.

Sofort roch Julian einen neuen Duft. „Fleecy Clouds In Paradise“ mischte sich mit „Cold Dirty Sunrise“. Der Grundgeruch nach frischer Wandfarbe und Teppichboden blieb. Julian öffnete ein drittes Fenster. Der Griff hielt diesmal was er versprach.

Mark stand noch neben Helmuth Hauch in der ersten Reihe. Er blickte zu Gephart, lachte wieder aufgesetzt diesmal etwas verzerrt. Plötzlich zerklirrte die aufgesetzte Freundlichkeit wie dünnes Fensterglas. Herein strömte eisige Kälte.

Laut, knapp, abgehakt, militärisch brüllte er, als stelle er einen Trupp von hundert Unterwürfigen vor: „Grüß Gott Herr Gephart!“ Der so begrüßte nickte. Wühlte weiter in der Aktentasche. Sagte nichts.

Beachtete niemand.

Niemand: Was ist jetzt das?

Ich: Unser Mathematiklehrer Gephart!

Niemand: Was will der hier?

Ich: Uns Mathematik lehren.

Niemand: Was sonst noch?

Ich: Nix weiter.

Niemand: Aha!

Mark ging zurück in die letzte Reihe. Setzte sich. Auch Helmuth Hauch und Gephardt saßen. Endlich fand der was er suchte. Ein weißes Blatt. Jetzt der erste Blick in die Reihen. Kurz, knapp:

„Wer da ist meldet sich zu Wort!“

Entönig und deutlich leierte er die Liste mit Namen herunter.

Danach erhob er sich wortlos. Ging zur Tafel. Malte einen Stundenplan hin. Das tat er sehr schnell. Er schien wenig Zeit zu haben.

Dann saß er wieder, zog ein weiteres Papier heraus.

„Mit dieser Bücherliste begeben Sie sich um elf Uhr auf Zimmer 310. Ich lasse die Liste hier liegen.“

Jetzt ging er wieder zur Tafel. Sprechend:

„Wer den Plan noch nicht fertig notiert hat kann dies nach der Stunde tun. Wie Sie dem Stundenplan entnehmen können, haben wir nun Mathematik.“ Er klappte die Tafel zu. Jetzt hörte er nicht mehr auf zu reden.

Niemand hörte genau zu.

Niemand: Integralrechnung.

Ich: Aha!

 

Gephart war ein kühler, absolut distanzierter Typ. Julian fühlte, seit Gephart das Zimmer betrat, eisige Kälte. Die Temperatur viel um mindestens fünf Grad. Durch sein Eintreffen verhinderte er zwar eine Eskalation. Dieser Zufall war aber nicht sein Verdienst.

„Er grüßt nicht, er verabschiedet sich nicht. Er leiert seine mathematischen Vorträge Stunde für Stunde runter. Er betont zwischendurch immer wieder, dass alles, was er erklärt absolut logisch ist. Auf Rückfragen von Schülern reagiert er vorwurfsvoll: es ist klar, dass wer zuhause nichts tut und lernt, in der Schule auch nichts kapieret. Oder er sagt: „was Sie fragen, ist völlig überflüssig, es wurde bereits einige Stunden zuvor ausführlich erklärt, sie sollten lieber mehr zuhause lernen, als hier dumm zu fragen“. Dafür wird er bezahlt.“

 

Der einzige in der letzten Reihe, der die Dinge, die Gephart erklärte verstand, war ich. Gephart fragte immer mich, weil er wusste, ich verstand. Das war mir peinlich. Die Gruppe war da. Die motzte zwar nicht, aber es gab sie, das reichte. Nach der dritten Mathematikstunde sagte ich deshalb:

„Hey Leute, es sieht so aus, als kapiert ihr nichts. Ich kapiere alles, also hab ich mir überlegt, dass ich euch Nachhilfe gebe! Ok?“ Die Angesprochenen lachten. Meine Idee: ein Witz?! Den Irrglauben rückte ich ins rechte Licht:

„Ich mache keinen Witz Leute, das ist mein Ernst! Am besten wir treffen uns ab und zu Nachmittags bei jemandem von euch. Da erklär ich das Mathezeug nochmal!“

Julian sprang auf diesen Vorschlag an. Er, der am wenigsten verstand, dachte, dies könnte die Rettung für Nils Scherer in diesem Schuljahr werden.

„Ich bin dabei! Eine super Idee! Ich kapiere hier nämlich nichts mehr!“

Eine vernichtende Selbsteinschätzung. Spontan schlossen sich alle in der letzten Reihe an. Soviel Offenheit öffnete Türen. Euphorie breitete sich aus. Wöchentlich Nachmittags wollte man sich bei Nils Scherer treffen. Der wohnte zentral und hatte Platz.

Julian war nicht Nils, er traf sich mit mir.

So kam es, dass Julian an einem verregneten Oktobernachmittag die gesamte letzte Reihe in seinem Zimmer erwartete. Auf mein Läuten, das ich nicht hörte, tat sich nichts. Ich wusste, dass sich die Wohnung im Hinterhaus befand. Auf erneutes Läuten, nach einer knappen Minute, erwartete ich kein Klingelgeräusch mehr. In diesem Moment summte es. Sofort warf ich meine Schulter fest gegen das braune, Meter hohe Holztor.

 

Im Innenhof warf ich einen kurzen Blick nach oben. Nils wohnte im fünften Stock. Mein Blick streifte das oberste Fenster. Das dauerte nur einen Bruchteil einer Sekunde. Er war es. Hinter der schmutzigen Fensterscheibe stand er und blickte hinunter. Meinen Blick bemerkte er. Sofort verschwand er vom Fenster.

Der Innenhof war grau und uninteressant. Rechts und links: graue hohe Mauern, kein Zugang, keine Sicht in die Nachbarhöfe. Pflastersteine. Mülltonnen, sauber aufgereiht. Fahrräder unter Blech. Darauf: prasselnder Dauerregen. Dicke Tropfen. Die klatschten im Hof.

Ähnlich sah der Innenhof vor vierzig Jahren aus. Die Fahrräder waren nicht so bunt. Die Aschentonnen waren aus grauem Blech. Menschen, die sich durch den Hof bewegten, kamen über Trümmerhaufen. Die lagen überall. Sie rauchten. Von vielen Häusern stand nur noch die graue Fassade. Wie durch ein Wunder blieb dieses Haus unzerstört. Die Nachbargebäude waren zerstört. Der Geruch von Feuer, verbranntem Holz, verbrannten Leichen lag im Innenhof. Elektrizität gab es nicht mehr, die Wasserleitungen waren geborsten. Die SS-Truppen jagten zwischen den Trümmern immer noch hinter Menschen her. Die waren in diesen Tagen alle gleich. Sie hatten nur ihr Leben. Trotzdem agierten die Nazis weiter. Das Ende sollte jeden treffen. Jetzt auch die, die sie nicht willkürlich zu anderen machten.

Die Eingangstür in das Hinterhaus war unverschlossen. Die Holzdielen im Treppenhaus knarrten. Es roch nach Kartoffelsuppe. Woher die Kartoffeln? Wer hatte sie erstanden? Wer hatte noch Zigaretten, um sie ein zu tauschen?

In Keller und Speicher lebten Juden. Der Geruch kam von oben. Die Flüchtlinge konnten das unmöglich sein. Immer noch war deren Leben gefährdeter als das aller anderen. Soforthinrichtungen der Alltag. Denunziation der Alltag. Täglich streiften Suchkommandos durch die Schutthaufen. Woher sollten die Kartoffeln haben?

Die Treppe stieg ich hinauf. Langsam. In Erwartung eines vergnüglichen, unterhaltsamen Nachmittags. Dem Suppengeruch folgte ich. Wer ihm damals folgte hatte Hunger und Angst. Kriegsangst, Angst vor den Nazi-Mörder-Trupps, Angst vor den Bomben der Befreier. Tägliche Leichen. Schreie der Gehetzten. Menschen vogelfrei. Unvorstellbar. Welche Gründe? Warum sich heute wegen des Kartoffelsuppengeruchs hineinversetzen in Menschen, die damals in diesem Haus lebten?

Ganz oben, der fünfte Stock. Der Kartoffelsuppengeruch kam von rechts. An der rechten Wohnungstüre stand in altdeutscher Schrift: „Maier“. Die linke Tür öffnete sich.

 

Nils begrüßte mich, er lotste mich durch einen unbeleuchteten winzigen Hausflur in sein Zimmer. Trotz der Dachschrägen, neben dem Fenster, war sein Zimmer groß. Die Wände waren kahl und weiß. Nils kein Freund von Bildern?

Der dunkelbraune Teppichboden sah nach unempfindlicher giftiger Chemie aus. Schmutzabweisende Kunstfaser. Die Möblierung war spärlich. Ein braunes Kunstledersofa, ein dunkelbrauner ovaler, Mahagoniwohnzimmertisch, drei unsystematisch herumstehende unterschiedliche alte Holzstühle. In der linken Ecke ein Doppelplattenkocher. Ein Waschbecken neben der Tür. Daneben ein deckenhoher brauner Schrank und vor dem Fenster, durch das man bei schönem Wetter den blauen Himmel sehen musste, ein brauner kleiner Schreibtisch. Auf dem stand eine alte Schreibmaschine mit eingespanntem Bogen Papier.

 

Nils bat mir Platz auf dem Sofa an. Er bot Bier, Wasser, Tee, Kaffee und Milch an. Ich sah auf meine Uhr, die zeigte Viertel vor Vier.

„Für ein Bierchen noch etwas zu früh am Tage. Wenn du einen Kaffee hättest, wäre ich gut bedient.“

Nils: „Ein Bier zu dieser Uhrzeit ist reine Einstellungssache.“ Er zog eine Tasse aus dem Schreibtisch. Darin goss er Instantkaffee auf.

Der Lebensstandard von Nils schien niedrig. Im Raum sah ich kein Fernsehgerät, keine Stereoanlage. In einer Ecke lag ein verstaubter alter Kassettenrecorder. Daneben stand ein grauer Plattenspieler, sechziger Jahre. Der Recorder diente als Verstärker für den Plattenspieler. Kabelwirrwar zwischen den Geräten. Nils sah meine Aufmerksamkeit und fragte, ob er etwas „Sound ein-tapen“ dürfe. Meine Antwort wartete er nicht ab. Schon kniete er vor dem Plattenspieler und zog aus einer blauen Hülle eine Scheibe.

Ein helles Knistern. Die ersten Töne. Gitarre, kaum hörbar im lauten Knistern.

„Once upon a time in the west.“

Es ging um die Musik dieser Band. Unsere Vorstellungen darüber, wie sie vor nicht sehr vielen Jahren in Londoner Clubs und kleinen Pubs vor wenig Publikum spielte. Begeisterung im Publikum wegen dem Sound, wegen der Atmosphäre. Freunde, keine kreischenden Fans. Nebel, Zigarettenqualm. Klatschen, freudiges Lachen im Publikum. Höchstens hundert Leute. Überschaubare Begeisterung, keine Massenhysterie. Atmosphäre.

Auf der Bühne: Leute, wie du und ich. Sie spielten und das machte Spaß. Sie bewegten sich im Rhythmus ihres Sounds. Sie lachten dabei. Sie stammten aus einem dreckigen kleinen Vorort. Arm und grau. Alltag. Morgens Kälte, Abends Finsternis. Trott.

Irgendeine Perspektive? Was ist das?

Musik! Vier Typen in einer feuchten Garage. Oder war es ein Keller? Egal. Jeden Tag fast. So oft es ging. Hoffnung. Noch keine Perspektive. Daran dachte niemand. Draußen: qualmende Schlote, grüne Landschaft, grauer Himmel, Gestank, lange Wäscheleinen, schwarze Regenwolken, hohe Häuser. Drinnen: Schlagzeug, Baß, Gitarre, Verstärker, Mikros, Gesang, Modergeruch.

Die vier Typen: völlig normale Menschen. Gestern noch in der Schule oder in der Fabrik. Nicht gedresst, nicht gestylt. Nicht verrückt. Noch nicht? Geld für Zigaretten: ja. Geld für neue Saiten: ja. Geld für neue Drummsticks: ja. Geld für ein Mikrokabel: ja. Geld für Cola: nein. Geld für neue Klamotten: nein.

Völlig normale Leute also. Was sie machten? Fast nichts. Zumindest nichts besonderes. Musik.

Romantik in der Garage? Nein Moder.

 

„Ich würde gerne ein Instrument engagierter lernen. Vom Rumgestümpere auf der Gitarre wegkommen.“

„Es ist schwer, vom Rumgestümpere weg zu kommen“, sagte Nils.

Er schenkte mir ungefragt in ein ehemaliges Senfglas ein Bier ein. Er stellte es vor mir auf den braunen Tisch. Er saß auf einem alten grünen Holzstuhl von dem der Lack abblätterte.

Er sprach kaum etwas. Er schien froh, dass ich soviel zu sagen hatte. Die Situation war ungewohnt. Wir saßen schon lange nicht mehr zu zweit und redeten.

Gespräche in der Gruppe waren die Regel. Sie bot Schutz.

„Where do you think you’re going?“

Ich: „Das weiß ich noch nicht genau. Wenn ich den Abschluß habe, kann ich studieren. Da gibts einige Möglichkeiten.“

„Communiqué.“

Nils: „Komisch, warum tust du etwas, wovon du nicht weißt, was du eines Tages damit anfangen wirst? Ich habe dich zielstrebiger, zielorientierter eingeschätzt. Ich dachte, du würdest deinen Weg genau planen und ihn heute schon kennen. Das ist bei vielen Leuten so. Hab mich wohl getäuscht.“

Ich: „Eben. Das ist die Frage. Die Täuschung. Der Anschein. Das Vormachen. Was ist das eigentlich?“

„Ladywriter on the TV.“

Nils schwieg. Ich antwortete mir selbst: „Ein Prinzip, das mich bisher durch’s Leben brachte. Anderen stets vermitteln, man wisse schon was man wolle und warum man etwas wolle. Das man stark ist. Die Wahrheit einzugestehen ist in unserem Leben meist unwichtig. Taktisch praktisch völlig daneben! Man gibt sich zu viele Blößen. Unmännlich. Nicht nur bei manchen Frauen vergibst du so deine Chancen. Man frage: was sind das für Damen?

Unklarheit und Unsicherheit sind scheiße! Du musst wissen, was du willst. Beispielsweise beruflich. Sag, du wirst Betriebswirt und alle sind zufrieden. Keiner bohrt weiter. Egal ob du das wirklich werden willst.“

 

Julian kniete neben dem Plattenspieler, drehte die Schallplatte um. Er dachte an Nils: vermutlich war Nils genau so ein Typ. Warum kam Nils zu ihm in die Berge, anstatt weiter mit seinen Kumpels in den Urlaub nach Griechenland zu fahren? Nils musste so ein Typ sein, der nicht wusste, was er will. Wer sonst würde sich auf einen Rollentausch einlassen?

„Angel of Mercy.“

Nils war so. Er hatte keine klaren Ziele vor Augen. Er war taktisch. Bedankte sich für alles. Wich aus. Suchte Ruhe. Er sagte immer was er wollte. Er gab es vor. Angabe. Praktisch völlig daneben!

Er sagte: „Ich werde Betriebswirtschaft studieren!“ So hatte er Ruhe, keine weiteren Fragen. Er sagte: „Ich fahre mit euch nach Griechenland, toll!“ Ruhe, keine weiteren Fragen.

Doch plötzlich sagte er: „Weiß noch nicht, ich fahr glaub ich nicht mit!“ Keine Ruhe mehr. Jetzt musste er handeln.

 

Julian fragte mich: „Und diese Leute, von denen du gerade gesprochen hast, die nicht wissen was sie wollen, was machen die den ganzen Tag? Die können sich doch nicht die ganze Zeit damit beschäftigen, so zu tun als wüssten sie genau, was sie wollen. Ich meine, auf welche Art versuchen sie heraus zu finden, was sie wollen?“

Darauf antwortete ich: „Das lässt sich pauschal nicht sagen.“

 

Das Gespräch war zu offen. Klar, ich hatte das forciert. Aber: das war nicht Nils. Er hätte blocken müssen. Nils fragt nicht so.

Die Frage galt als zu banal und uncool. Man sprach nicht über solch einfache Dinge.

Trotzdem sagte ich:

„Manchmal hat man verrückte Ideen. Aber eigentlich ist alles klar. Mir fällt zu deiner Frage nichts besonderes ein.“

Nils bohrte weiter, er fragte mich:

„Was sind das für verrückte Ideen?“

„Äh tja, mal überlegen, ob mir da so schnell was einfällt…, ja das geht halt in die Richtung, sich zu wünschen, nicht mehr sich selbst zu sein, sondern jemand anderes“.

„Single handeld Sailor.“

Jetzt runzelte Nils die Stirn. Er sah mich mit starrem, fixierendem Blick an. Nils lehnte sich in seinem grünen Stuhl zurück. Er schien auf etwas zu warten. Er nahm einen Schluck aus seinem Bierglas. Sein Gesichtsausdruck erstarrt, sein Stirnrunzeln verriet Nachdenklichkeit. Eine knappe Minute verging schweigend.

„Follow me home.“

Als wollte er, dass seine Worte passend zur Musik erklingen, sprach er:

„Ich bin nicht derjenige, für den du mich hältst!“

Jetzt lachte ich laut. Ich hatte schon zwei Bier getrunken. Ich nahm einen weiteren Schluck aus dem Glas:

„Was soll das heißen?“

„Du hältst mich für Nils, deinen Schulfreund, der ich nicht bin! Ich habe ihn bei meinen Schafen im Gebirge gelassen. Ich bin Julian ein österreichischer Schäfer. Mein Hobby ist die Maskierungskunst.“

In meinem Kopf klickte nichts. Ich dachte nicht ans Café Notfall und meine Zweifel zurück. Stattdessen verdeckte ich meine Verunsicherung.

„Was hast du dir da in dein Bier gekippt? Schnaps? Bist du besoffen? Du bist nicht Nils? Dann bin ich Gorbatschow! Nein, ich bin Breschnew und sogar von den Toten auferstanden!“

„Du kannst nicht Breschnew sein, denn du siehst nicht aus wie Breschnew! Wenn du aussehen würdest wie Breschnew, würde ich dir trotzdem nicht glauben, denn der ist lange tot! Es gäbe nur die eine Möglichkeit: du wärst wie ich Maskierungskünstler und hättest perfekt das Gesicht von Breschnew nachgeahmt. So wie ich das Gesicht von Nils perfekt nachahme!“

Bei mir klickte nichts. Ich verdeckte weiter.

„Das gibt es nicht! Das gibt es nicht! Du willst mich für verrückt verkaufen!“

„Nein“ sagte der Mensch vor mir. Dabei lachte er. In seinem Gesicht erkannte ich das mir wohlbekannte typische Nilslächeln: „die Welt ist ein Theaterspiel, die reinste Maskerade! Alles ist der absolute Witz, reiner Humbug! Jeder kann sein wer er will, das siehst du doch jeden Tag. Ich hab’s auch schon beinahe vier Wochen mit angesehen: wichtig ist hier nicht wer man wirklich ist, sondern wie man sich gibt! Ist doch ein alter Hut hier oder? Wenn man sich großkotzig gibt, dann ist man eben Mister Großkotz, siehe Helmuth Hauch!“

„Falsch !“ hakte ich hier ein: „Mister Großkotz kann nur sein, wer genügend Kohle hat, nur dann kann man sich das Großkotzigsein leisten! Wer es ohne das notwendige Kleingeld versucht, fällt schnell auf die Schnautze. Das passiert oft genug. An Käufern ohne Geld kann man Millionen verdienen. Überhaupt kann ich dir nicht zustimmen! Wichtig ist nicht in erster Linie, wie man sich gibt, sondern, zunächst ist wichtig, was man sich leisten kann, davon hängt ab, wie man sich geben kann. Klar?“

Julian war einverstanden. Er räumte ein, die exakten Zusammenhänge noch nicht so genau begriffen zu haben. Aus dem Bierkasten neben dem Schreibtisch zog er die dritte Flasche. Er öffnete sie geübt mit seinem Feuerzeug.

„Hast du das Öffnen der Flasche mit dem Feuerzeug im Urlaub im Gebirge gelernt? Das konntest du doch bisher noch nie.“

„Aha! Die erste Wirkung. Deine Wahrnehmung selektiert anders! Du erkennst Dinge an mir die nicht so sind wie du sie von Nils kennst. In meinem Verhalten ist das wahrscheinlich am schnellsten erkennbar. Wenn du dich bemühst und du sehen willst, dass ich nicht der bin für den ich gehalten werde, wird es dir gelingen!“

Er drückte mir die geöffnete Flasche in die Hand und fragte: „Was fällt dir noch auf, das anders ist an mir oder in diesem Raum, als du es von Nils kennst oder erwartest?“

Ich musterte die Person vor mir, von der ich immer noch glaubte, es handele sich um Nils.

„Mir ist aufgefallen, dass sich deine Haare, nicht nur in ihrer Länge, sondern auch Farbe und – wenn ich es genau betrachte – vielleicht sogar in ihrer Form, verändert haben.“

„Kein Wunder, denn es sind meine Haare und nicht die von Nils!“ Julian fuhr sich, in einer für Nils völlig untypischen Handbewegung durch sein Haar.

Ich sagte: „Heutzutage ist es normal, sich seine Haare zu färben und sie beliebig zu verändern. Den Hang zu Hairstyling hatte ich nur bei dir noch nie festgestellt. Für mich war das kein Anlass zur Beunruhigung.“

„Verstehe. Du kennst Nils noch nicht so lange, um zu wissen, dass er sein Haar noch nie färbte. Er ist kein Freund von solchem Veränderungsgeplänkele.“

Ich schwieg.

„Du sprichst meiner Maskierungskunst ein großes Lob aus.“

Ich: „Warum machst du sie nicht einfach ab?“

„Dann ist sie kaputt. Ich kann sie nicht erneuern, hab meine Maskierungsutensilien gestern in der U-Bahn liegen lassen. Wenn ich heute meine Maske zerstöre, muss ich morgen demaskiert, als Julian der Schäfer in die Schule gehen.“

Ich war verunsichert. Vielleicht war es tatsächlich nicht Nils.

Julian: „Ich sehe einige Probleme auf mich zu kommen.“

„Welche?“

„Ich hab mich verliebt!“

Ein neues Thema! Ich verdeckte weiter. Ich lachte und sagte: „Oh Gott! Das ist ja schrecklich!“

„Das ist es auch! Denn ich glaube, sie liebt mich auch!“

Jetzt lachte ich nochmal, heftiger:

„Das grauenvollste, das es gibt auf der Welt!“

„Es ist Christine.“

„Ach was? Wirklich?“ Ich lächelte weiter.

Nils sah mich ernst an. Keine Freude im Gesicht.

„Sie liebt Nils Scherer.“

„Is ja unglaublich!“ Leider lachte ich nochmal.

„Jetzt nimm mich mal etwas ernster! Wenn du mir schon nicht glaubst, dass ich ein anderer bin, dann stell es dir zumindest mal vor!“

Jetzt lachte ich nicht mehr: „Echt grausam die Vorstellung!“

„Tja, wirklich extrem dramatisch: Nils Scherer, verliebt in eine Frau, die er Klassenkameradin nennt!“

Ich: „Und er weiß davon nicht das Geringste!“

„Ein Desaster! Christine hat keinen blassen Schimmer!“

Ich: „Davon, dass du gar nicht Nils bist! Echt dramatisch die Vorstellung! Nicht zu wissen, wen man begehrt.“

„Bin ich ein Schwein?“

Leicht lächelte ich, es ging nicht anders wegen der Vorstellung.

„Wenn man die Sache so sieht: ein gewisses schon!“

„Aha, dachte ich’s mir doch!“

„Was?“

„dass ich mit der Zivilisation Probleme kriege. dass Nils dramatische Schilderungen in den Bergen stimmen könnten.“

Ich stöhnte, konnte wieder leichtes Lächeln nicht unterdrücken: „Tja, das zivilisierte Leben! Schwierig, schwierig. Leicht geräts aus den Fugen. Vor allem, der Unterschied zwischen den Geschlechtern! Ein ewiges Drama!“

„Du nimmst mich immer noch nicht ernst!“

Ich, nippte am Glas: „Äh, tschuldige!“

„Jetzt versetz dich endlich mal in mich, verdammt!“

Jetzt hatte ich die Idee. Ich stand auf, hob mein Glas und sagte:

„Ich hab es! Ich versetz mich in Christine!“

„Aha!“

Ich: „Ich lieb dich gar nicht! Was soll das? Kurzes freundschaftliches Küßchen hier und da, das war’s. Das ist nicht Liebe! Normale Gespräche! Sonst nix!“

„Glaubst du wirklich?“

„Ich bin Christine, ich weiß es. Das übliche Problem mit den Männern!“

„Äh, was für ein übliches Problem?“

„Sie nehmen Frauen nicht ernst!“

„Wie bitte?“

„Tja, sie glauben einfach nicht, dass Frauen, die keinen Wert auf Smalltalk legen, sondern gerne ernsthafte Unterhaltungen pflegen, nicht mehr wollen. Selbst wenn wir es deutlich sagen, glauben sie es immer noch nicht.“

„Meinst du wirklich?“

„Na klar! Schau dich an! Du glaubst, ich liebe dich, dabei will ich mit dir nur ganz normal reden! Kein Smalltalk, normal, mehr nicht!“

„Das ist unglaublich!“

„Siehste!“

„Sind Männer so?“

„Naja, einige, die meisten halt!“

„Aha!“

„Und plumps! Schon machste dir ein schlechtes Gewissen, wegen einer erfundenen oder eingebildeten Finte: Ich in dich verliebt! Das Drama! Dabei will ich nur keinen Smalltalk, das war alles!“

„Aha!“

„Ich rate dir: handle unkonventionell, wie Nils. Eigentlich kenne ich dich nur so! Keine Panik! Nichts passiert, garnichts! Ich lieb dich nicht! Reine Einbildung. Männerphantasien! Sonst nix!“

„Aha!“

„Du siehst die Frau zu sehr durch deine Mannsbrille: Liebe, Eifersucht, Drama und so weiter! Vergiss es!“

„Aha!“

„Denk mal an: die mag kein unterhaltsames Gelabere, sie sucht vernünftige Gesprächspartner. Sie will Kontakte wie jeder Mensch, nicht gleich Liebe und so weiter!“

„Aha. Is ja kaum vorstellbar!“

„Siehste!“

Julian saß still auf dem grünen Stühlchen. Er dachte nach.

Dann sagte er:

„Vielleicht doch ein bisschen zu einfach!“

Ich: „Gut! Kann sein! Das Leben ist kompliziert! Äußerst! Und das komplizierteste für Männer sind meist die Frauen! Ich weiß, was du sagen willst. Aber: manchmal, ich gebe zu, eher selten, ist es eben nicht so kompliziert. Der Mann verkompliziert es!“

„Aha!“

„Und ich sage dir: tu es nicht! Warum sollte ich dich lieben? Ich erinner dich: ich bin noch Christine! Kein Grund für Liebe! Weil du so ein toller Hecht bist? Pahh! Da gibt es genug! Da gäb ws tausend Fragen, alle kann ich mit „nein“ beantworten! Also: mal ganz einfach: nein ich lieb dich nicht, null!“

„Aha!“

„Immer noch schlechtes Gewissen?“

„Äh, ja!“

„Streichen!“

„Na gut.“

„Meist ist die dritte Möglichkeit richtig:

Sie liebt dich? Falsch.

Sie verliebt sich in dich? Falsch.

Sie denkt nicht daran, sich in dich zu verlieben, geschweige denn, dich je zu lieben? Richtig!“

„Und damit sind Probleme erst gar nicht auf dem Tisch!“

Jetzt erhob ich mein Glas, prostete ihm zu. Klirr! Klirr!

„Richtig!“

 

Es war kein laut eingestelltes Telefon. Es war die Klingel der Haustür. Sofort dachte ich, was man in solchen Momenten nicht denken sollte. Die da klingelt, ist diejenige, über die wir gerade sprachen! Es kann nicht anders sein. Denn so ist das Leben. Dies denkend sagte ich leicht unkontrolliert, lallend:

„Na, wahrscheinlich schaut Ralf noch auf ein Bier vorbei.“

Ralf sagte tags zuvor, als das Treffen vereinbart wurde: „Ich komm nur, wenn’s a gscheid’s Bier gibt!“.

Julian sah auf die Uhr: „Schon halb sieben. Bauernschlau der Bub! Kommt, wenn dein Mathegesülze vorbei ist und das bierselige Beisammensein losgeht!“

„Vielleicht erwarten deine WG-Kumpels noch Besuch?“

Harri klopfte bereits und brüllte, während er den Türöffner im Wohnungsflur drückte: „Jemand für dich Nils?“

Julian riß die Zimmertür auf: „Kann sein, kann auch nicht sein!“

Die Haustür des Hinterhauses knallte ins Schloß. Zu dritt standen wir erwartungsvoll in der offenen Wohnungstür. Wir hörten gemächlich näher kommende Schritte. Knacksende Dielen hallten herauf. Ich sah hinunter, konnte nicht erkennen wer da kam. Julian bewegte seine Finger nervös auf der Bierflasche. Das verriet, dass er gleiches dachte wie ich. Die Schritte waren ganz nah. Sie bog um den letzten Treppenabsatz. Schon lächelte sie uns entgegen. Harri verschwand in sein Zimmer.

„Hallo! Bin leicht verspätet, ich weiß, aber es ging nicht anders!“

Julian: „Ja hallo, grüß dich!“

Ich: „Ja, hi, ich bin grad am gehen, is schon spät, hab noch einiges vor, nach dem lehrreichen Nachmittag heute!“

Christine lachend um Luft ringend: „Aha, habt ihr munter vor euch hin gemathematikt?“

Ich: „Äh, ja, Nils kapiert schnell. Hab ihm ne satte Einzelstunde verpasst!“

Christine: „Die andern Chaoten waren nicht dabei?“

Julian schüttelte die Schultern: „Tja, unsere engagierten Schulfreunde, weißt schon… „

Ich hielt meine Jacke in der Hand. Schüttelte Christines Hand, danach die von Nils.

„Also dann, tschüsi, bis morgen!“

Polternd knarrte ich die Dielen runter.

Julian hörte in der Schule zu.

Am nächsten Schultag zog mich Nils, oder besser gesagt, der Nils, der von sich behauptete ein österreichischer Schäfer zu sein, beiseite.

„Feige, absolut inkorrekt dein Verhalten Gestern! Echt von übelster Sorte, dein zackiger Abgang. Grob daneben!“

Julian rauchend in der Aula: „Aber gut, das scheint das Leben zu sein!“

Ich: „Hin und wieder wird man übel im Stich gelassen! Das stärkt die Persönlichkeit.“

Julian: „Ha, ha, ha. Aber kein Problem! Nach einer Dreiviertelstunde ging Christine wieder. Sie hatte noch was vor.“

„Und, glaubst du immer noch, dass sie dich liebt?“

„Ja, leider!“

„Oh Gott! Des Dramas nächster Akt!“

Julian: „Nein, nein nichts dergleichen. Ruhe bewahren!“

Ich: „Wie bitte? Du willst ruhig bleiben?“

Julian: “ Ja. Können wir nach der Schule reden? Drüben in der Kneipe?“

„Ok! Um halb zwei. Beim Paul Zock, in der Trinkhalle an der Ecke.“

 

Gephart, der Mathematiklehrer trug an diesem Tag ein hellblaues, glitzerndes Hemd. Auf der Rückseite sah ich einen sportlichen Surfer. Der ließ eine schäumende Welle hinter sich. Ein zweiter überschlug sich schäumend. Jedes Mal, wenn sich Gephart zur Tafel drehte, glitzerte der Schaum.

Gephart vergaß zu Beginn des Unterrichtes die Anwesenheitsliste. Mitten in der Stunde viel ihm das ein. Plötzlich verließ er die Differentialrechnung und zog aus dem Klassenbuch ein Entschuldigungsschreiben. Sofia fehlte. Sie kämpfte mit Kreislaufproblemen und Übelkeit wegen ihrer Schwangerschaft.

Gephart fragte: „Wen haben sie zum Klassensprecher gewählt?“ Mark meldete sich.

Gephardt taktisch unklug: „Teilen sie Frau Röter mit, dass derlei Entschuldigungsgründe von mir und der Schulleitung, nicht akzeptiert werden! Wir erwarten von der Dame in Zukunft ärztliche Atteste. Wenn Frau Röter so weiter macht, riskiert sie ein Disziplinarverfahren. Ausschluß aus der Schule nicht ausgeschlossen.“

Gephart, militärisch korrekt und trocken wollte zurück zur Differentialrechnung.

Aber jetzt lief Regine wütend rot an. Ihr ging „das Messer in der Tasche auf“. Zuerst plärrte Mark, taktisch undurchdacht: „Das ist ja eine Unverschämtheit!“ Er stand auf, besann sich kurz anders und fiel in seinen Stuhl zurück.

Regine, taktisch völlig daneben, plärrte:

„Was ist denn das schon wieder für eine Machoscheiße?“

Dann ein schlechter Schachzug, weil zu tiefgründig:

„In zwanzig Jahren sind sie und Meyer pensioniert und kassieren ihre Beamtenrente ab! Steuern, die wir und unsere Kinder berappen müssen! Und heute pöbeln sie hier eine werdende Mutter mit der Schulordnung an! Tolle Militärcourage!“

Gephart interessierte das nicht. Der Tafel zu gewandt erklärte er weiter monoton die Kurvendiskussion.

Deshalb ging hinten die Diskussion richtig los.

Mark: „Der und Meyer haben keine Kinder! Sonst würden sie den Schwachsinn, der angeblich sogar in der Schulordnung verankert ist, nie so unreflektiert unterstützen.“

Christine: „Halt! Glaub ich nicht! Wer mit so protzigen, fetten, spießigen Nobelkübeln durch die Gegend brettert, wie der und Meyer, unterstützt alles!“

Dies war taktisch so schlecht, dass Gephart sich jetzt endlich umdrehte.

Abgehackt sagte er: „Was haben Autos mit dem Thema zu tun? Das sind undifferenzierte Vorurteile von irgendwelchen Pseudogrünen! Die von Atomstrom aus der Steckdose ganz gut leben!“

Plötzlich resümierte Regine: „Verhaltensreflexion von Meyer und Gephart: Note sechs! Ihr Herumgeprotze mit Nobelkarren und schweren Cabriolets: Note eins! Vorbildliches Spießergehabe für Kinder und Jugendliche: Note eins! Spießergesellschaft? Aber gerne! Konsumverhalten? Aber bitte, immer mehr! Militärpädagogik? Na klar, super gut!“

Gepart vergaß jetzt endlich die Differentialrechnung. Er drohte: „Nur weiter so. Ich werde sie wegen Beleidigung anzeigen!“

Mark: „Mit Anzeige drohen. Na klar! Schüler und Schülerinnen mundtot machen! Na klar!“

Regine: „Wenn Frauen ihre Kinder zu einem unpassenden Zeitpunkt kriegen, dann sollen sie eben aus der Schule verschwinden! Schulordnung. Echt toll. Juristisch, nicht angreifbar. Echt ausgeklügelt! Bayernlogik? Einen zu geringen IQ kann man ihnen nicht vorwerfen. Die Zukunft dieses Landes: konservativ, spießig, gut!“

Das Gespräch entwickelte sich zu einem ausgelassenen Meinungsaustausch zwischen Regine, Christine und Mark. Dem Lehrer und den anderen anwesenden Schülern der Klasse schenkten die drei keine Beachtung mehr.

Regine zu Mark gewandt: „Logisch! Da kommt doch eine klare „Grundmessage“ rüber: Frauen haben nur so lange etwas zu melden, so lange sie ihre Pflicht tun. Diese Pflicht spielt sich in der Küche, im Bett und im Haushalt ab! Diese Grundmessage personifiziert sich hier. Abends wird sie auf den Bildschirmen serviert!“

Christine: „Garniert mit wahlkampftauglichen Schlagworten: Chancengleichheit, Frauenförderung, Gleichbehandlung und solchem Popanz! Echt bärig, vielleicht auch bayerisch!“

Gephart intervenierte erneut.

Zuerst sein G 3: „Jetzt reicht es aber!“

Dann der Schützenpanzer: „Ruhe da hinten, oder sie verlassen sofort den Raum!“

Eine Abwehrrakete: „Das gibt einige deftige Verweise!“

Schließlich das Atomwaffenarsenal: „Einen Sammelverweis für alle da hinten!!“

Rolf störte die Atombombe nicht. In seinem Königreich kannte er sowas schreckliches nicht. Übermütig strahlte er:

„Ich finde, ihr stellt das ganze Problem etwas zu vereinfacht dar. Es ist eine komplexe, differenzierte Problematik. Die Grundmessage sehe ich auch. Aber sie wird nicht so subtil rüber gebracht. Man bemüht sich um frauen- und familienfreundliche Sprache. Das Grundgesetz wird angeführt. Deshalb erstaunt Gephart. Ich kann euch sagen: schlechte Taktik dieses Mannes!“

Ralf, ein herb lassender Kaufmann: „Familien und Kinder sind vor allem Marktobjekte! An denen lässt sich super verdienen! Warum meckert Gepi daran rum, dass Sofia ein gewinnträchtiges Marktobjekt kriegt?“

Kaufmännischer Blick zu Gephart: „Was is mit dem Wirtschaftsstandort Deutschland? Kinder bringen Cash! Später konsumieren sie kräftig!“ Er hob seinen teuren rechten Cowboystiefel und zeigte ihn Gephart.

Mark: „Genau: Millionen lassen sich verdienen: Windeln und der ganze Plastikfirlefanz! Spielzeug, Schulranzen, Wohnungsmieten und so! Warum das Gemotze mit ihrer Schulordnung?“

Regine: „Schließlich sollen auch wir keine Meckermäuler werden! Der Präsident hat’s gesagt, in seiner letzten Weihnachtsansprache! Und in der nächsten wiederholt er es! Wir sollen froh und dankbar sein in diesem Lande überhaupt leben zu dürfen. Wir sollen Leistung bringen! Komplizierte Wirtschaftsstrukturen sollen wir nutzen können. Aber wir sollen nicht zu tief schürfen. Skandale hat das Land genug.“

Christine zynisch: „Also Leute, kommt, verbeugt euch ehrfürchtig! Zeigt angemessene Dankbarkeit für das Glück, das euch Bildung hierzulande beschert! Und werdet keine Mütter, nicht zu früh!“

Regine: „Genau! Erst die Bildung, dann Kind und Herd!“

Gephart gab es auf. Er saß auf seinem Stuhl hinter seinem Aktenkoffer. Er hörte den einzelnen Stellungnahmen mit versteinerter Mine zu. Dann verließ er den Raum. Das Gespräch ging weiter.

Erst das Läuten zur Pause beruhigte die Gemüter.

Mark zum Abschluss: „Der Feigling räumt das Schlachtfeld, das er selbst eröffnete! Was für eine Taktik?“

Die Reaktion des Feiglings folgte später. Postalisch. Schriftliche Verweise und Abmahnungen für die letzte Reihe.

 

Donnerstag Abend im Cafe Notfall:

Mark investierte sein Geld in eine Flasche Sekt. Mit der stieß er auf die „Kommunikationskultur“ in der Klasse an. Es folgte ein kurze Tischrede.

Er betonte, dass die Schulleitung und der Klassenleiter froh sein sollten, es mit solch engagierten, gesprächsbereiten, differenzierten, denkenden Schülern zu tun zu haben. In wenigen Jahren werde das mit Waffen geregelt.

Dann sprach er von „Konsumscheiße“ und der „Verblödungstaktik der elektronischen Medien“.

Desinteresse mache sich breit.

Dann: die Gesellschaft ein „auseinanderdriftender Haufen“, in der sich jeder das „heraus grapsche“, was er ergattern könne.

Und: Aber immerhin ein Rechtsstaat! Alles geschehe auf dem Boden von Legalität und Rechtmäßigkeit. Vertuschung, und Taktik, das Wichtigste.

Dreck am Stecken? Gewohnheit. Kein Bürger regt sich über „korrupte Kleinigkeiten“ auf. Höchstens ein paar „linke Kritzler“. Zurückzahlen? Pahh! Nicht bevor der Tod eintritt.

Mark: „Wer will schon tote Menschen, die heute noch als tolle Menschen gelten, im nach hinein wegen deren korrupter Absahnerkleinigkeiten auseinandernehmen? Auf solche Transparenz legen die Bürger später keinen Wert mehr. Jahrestage und Staatsakte würden dadurch gestört. Wir brauchen aber Harmonie!“

Das war die Politik, von der Nils sprach. Eindeutig, dachte Julian.

Trotz der erteilten Verweise und Abmahnungen der Schulleitung war die Stimmung an diesem Abend ausgelassen und die Diskussion wie immer ausufernd.

Julian wollte wieder Nach Hause.

Der Nachmittag in der Kneipe bei Paul Zock an der Schulhausecke.

Julian: „Ich werde dich in meine Situation einweihen. Ich liebe Christine, das weißt du. Das werde ich in den nächsten Wochen niederbügeln.“

Ich: „Aha!“

„Ich kann eh nicht mehr lang in München bleiben, wegen meiner verlorengegangen Maskierungsutensilien. In der ersten Novemberwoche fahr ich nach Österreich. Das Spiel wird mir hier zu viel. Ich kenne jetzt, was ich sehen wollte.“

„Was meinst du damit?“

„Die Stadt, die Leute, die Liebe.“

„Aha!“

„Du glaubst mir immer noch nicht, dass ich nicht Nils bin?“

„Ja! Äh, nein!“

„Ok, versteh ich. Verunsicherung und so. Kein Problem.“

 

Nils kam nicht mehr ins Notfall.

In der Schule verhielt er sich unauffällig. Seine beiden letzten Wochen dort verliefen turbulent. Die Schulleitung und Gephart versuchten Mark, im Rahmen eines Disziplinarverfahrens, wegen Mißbrauchs der Klassensprecherfunktion, Beeinflussung der Schüler, politischer Agitation und Herausgabe einer nicht genehmigten Schülerzeitung, vom Besuch der Schule aus zu schließen. Das gelang nicht.

Die Schülerzeitung wurde außerhalb des Schulgeländes von vermummten Personen in regelmäßigen Blitzaktionen verteilt. Keine Namen. Echt feige. Deshalb keine konkreten Beweise.

Im Unterricht sprach Gephart nur noch mit den jungen Mädchen und Helmuth Hauch in der ersten Reihe. Er mied jeden Blickkontakt in die letzte Reihe. Er zog seine Mathematikstunden, begleitet von hektischem Gekritzel an der Tafel, durch. Die Anwesenheitsliste führte er nur noch schlampig. Nach der Anwesenheit von Sofia erkundigte er sich nicht mehr.

Mark: „Sehr gefährlich die Situation. Angespannt.“

Ein Blitzverfahren gegen die schwangere Sofia wurde in ihrer Abwesenheit durchgeführt. Von ihr wurden nur noch ärztliche Atteste akzeptiert.

Mark: „Wo sich irgend welche rechtlichen Schritte gegen irgend jemanden einleiten lassen, wird dies geschehen.“

Deshalb vielen die Äußerungen zum Schulgeschehen sowohl von Mark als auch allen anderen in der letzten Reihe, nur noch sehr spärlich aus.

Julian und ich am Donnerstag vor dem Allerheiligenwochenende.

Nils war drei Minuten nach Unterrichtsbeginn noch nicht anwesend. Eine Doppelstunde Mathematik. Gephart überflog flüchtig die Anwesenheitsliste. Er warf plötzlich einen Blick in die letzte Reihe. Das war ungewöhnlich. Überraschend fragte er:

„Wo ist denn der Lächler geblieben?“

Christine verstand, wen er meinte. Sie brüllte sofort:

„Seit wann belegen sie Schüler mit abqualifizierenden Spitznamen?“

Mark: „Lass nur, der Typ ist doch sowieso..“, hier brach er den Satz ab. Er bemerkte, dass Gephart eine neue Strategie anwandte. Er wollte provozieren bis jemand aus der letzten Reihe beleidigend werde.

Mark wütend, sprang auf, ging schnellen Schrittes auf die Zimmertür zu. Er musste raus. Um draußen gegen die Betonmauer zu schlagen. Gephart: „Wohin mein Herr?“ Mark ignorierte das. Die Tür stieß er mit einem festen Ruck auf. Von draußen ertönte ein lauter Schrei. Eine unbekannte Stimme. Der Klang von Julian dem Schäfer. Der wollte gerade eintreten. Mark laut: „Oha, sorry!“ Julian kam rein. Mark ging raus. Julians Nase von der Tür getroffen. Mit der Rechten hielt er sie.

Gephart, schadenfreudig grinsend: „Na, da is er ja“.

Julian fragte wütend:

„Seit wann duzen Sie mich?“

Jetzt der Fehler: er ließ die Hand von der Nase.

Der linke Nasenflügel viel herab. Er hing an einem Maskenfetzen und baumelte hin und her.

Kreischende Aufschreie in der ersten Reihe.

Ein weißer heller Fleck auf Julians Nase.

Das Kreischen wurde lauter. Das beunruhigte Gephart. Er sah Julian von Hinten. Erhob sich aus seinem Stuhl. Wollte den Grund des Geplärres sehen.

Julian hielt das für normal. Dachte, das Kreischen habe schon irgend einen Grund. Er ging weiter, als sei nichts.

Das Gekreische der Mädchen und Helmuth Hauchs ging deshalb weiter. Julian lernte, dass es uncool wirkte, sich in einer unübersichtlichen Situation irgend eine Anspannung anmerken zu lassen. „Cool bleiben. Panik und Aufregung hat selten mit dir zu tun.“ Er ging gemächlich wie jeden Tag durch den Raum. Beachtete das Geplärre um ihn herum nicht.

Ich sprang auf, schritt auf ihn zu und deutete mit meinem Zeigefinger auf meine Nase. Er verstand, berührte seine Nase. Dabei blieb er am hängenden Flügel hängen. Der riss ab und viel zu Boden. Das Gekreische wurde höher und lauter.

Ich stand dicht vor ihm, bückte mich, hob das heruntergefallene Teil auf. Julian legte die Hand auf die Nase. Ich rief, während ich den Nasenflügel in meine Jackentasche steckte:

„Hey Nils, bei dem Crash an der Türe is was passiert. Ein krasser Nasenbeinbruch! Nix wie ab ins Krankenhaus! Komm wir verduften!“

Gephart, erkannte immer noch nicht, was geschah. Er stand noch immer hinter ihm. Er versuchte Nils von hinten zu packen, vermutlich um ihn um zu drehen und in dessen Gesicht zu sehen. Ich griff Nils an seiner zweiten, noch freien Hand. Zerrte ihn mit einem festen Ruck zu mir. Drückte ihn schnell an der Schulter runter. Ich bückte mich. Gephart grapschte ins Leere. Ich schob einen Stuhl zu Gephart. Zog Julian über einen Tisch, den ich überstiegen hatte. So kamen wir an Gephart vorbei. Der kämpfte noch mit dem Stuhl. Ich zerrte Nils zur Tür. Die war schon von Mark, der wieder eintreten wollte, geöffnet. Ich schrie. „Komm wir fahren schnell ins Krankenhaus, mein Auto steht unten! Jetzt blutest du ja wie die Sau!“

Dann zerrte ich Julian vor mich, drückte ihn durch die Türe. Endlich verstand auch Julian, dass schnelles Verschwinden notwendig war. Wir rannten die Treppe runter. In der offenen Eingangstür stand Meyer. Sein Sport war es, Schüler die Morgens zu spät erschienen, zur Rede zu stellen. Er fragte: „Was ist denn jetzt los?“

Ich rief: „ein Notfall!“

Wir rannten vorbei, schubsten ihn leicht zur Seite. Im U-Bahnhof stürmten wir in die Toilette. Gemeinsam sperrten wir uns ein. Außer Atem zog ich das Teil seiner Gesichtsmaske aus meiner Jackentasche und sagte:

„Ok, ich glaube dir! Das hier sieht wirklich nach Maskerade aus. Wir müssen das Ding schnell wieder in deinem Gesicht anbringen und von hier verduften.“

„Das wird nicht so leicht gehen“, sagte Julian, dem ich den Nasenflügel an die Nase hielt.

„Wie wäre es mit Ankleben? Ich habe immer ein Stück Pflaster in der Jackentasche. Für krasse Notfälle, wie diesen!“

„Ok, super! Haste auch ’ne Schere?“

 

Julian sah, beim Verlassen der Toilette, aus wie nach einer Notoperation. Mit der U-Bahn fuhren wir in die Wohnung von Nils.

Julian packte eilig seine Tasche. Wir beschlossen mit dem nächsten Zug nach Salzburg ab zu reisen. Der „echte Nils“ musste so schnell wie möglich wieder auf der Bildfläche in München erscheinen. Nur so könnte versucht werden, den angerichteten Schaden so gering wie möglich zu halten. Nach dem Vorfall in der Schulklasse musste jeglicher Raum für wüste Spekulationen vermieden werden. Ich schlug vor, dass der „echte Nils“ in der kommenden Woche mit einem riesigen Pflaster auf der Nase erscheinen soll und dazu „die Story vom Pferd“ erzählen muss. Irgend eine akzeptable Begründung werde dem schon einfallen, dachte ich.

Durch eine Amtsstube nach Hinweiler.

Während der Zugfahrt erklärte Julian, er müsse die lädierte Maske im Gesicht behalten. Es befürchtete, dass der „echte Nils“ gerade heute in seinem Dorf im Tal, als Julian der Schäfer beim Einkaufen unterwegs war. Er vermied ein Risiko. Er müsse so lange Nils bleiben, bis er diesen gefunden habe.

Julian war angespannt und nervös. Auf keinen Fall sollten sich andere Reisende zu uns in das Abteil setzten. Deshalb nahm er zwei Bierflaschen mit. Trat jemand in unser Abteil, prosteten wir uns laut rülpsend und grölend zu. So saßen wir bis Freilassing allein.

Der Grenzbeamte musterte das lädierte Maskengesicht Julians im Zug misstrauisch. Auf seine Frage: „Wo woi’ds ihr zwoa denn hie?“, gaben wir an, einen kleinen Abstecher nach Salzburg zu machen. Kulturausflug. Wir beide sahen nicht danach aus. Die Auskunft und das lädierten Nilsgesicht wirkten unglaubwürdig.

Wir folgten dem Beamten am Bahnsteig in Salzburg.

Mit unseren Pässen wedelte er Luft in sein verschwitztes Gesicht.

Im Bahnhofspolizeirevier stand stickige, beinahe heiße Luft. Zigarrenqualm und Schweiß. Dieser Eindruck erstaunte mich. Draußen hatte es nur novemberliche fünf Grad und es regnete kalt herunter.

Plötzlich war mir völlig egal, was geschehen werde. Eine abgelaschte Wurstigkeit verbreitete sich. Warum?

Mir war etwas schlecht. Der Energieaufwand am Morgen in der Schule, die Abreise, die „wer ist nun der wahre Nilsangelegenheit“, nun das Polizeirevier, das war alles zu viel.

 

Willig folgten wir dem Beamten durch einen kahlen Gang. Er lotste uns in ein kleines, miefiges Zimmer. Dort gab es nur ein winziges, aber, so erkannte ich glücklich, geöffnetes Oberfenster. Seit Minuten rätzelte ich warum mir, seitdem uns dieser Beamte im Zug ansprach, so heiß geworden war. Ich hatte das Gefühl es sei heiß wie im Sommer.

Nebeneinander saßen Julian und ich auf einem kleinen, an der Wand angeschraubten, Holzbänkchen. Vor uns stand ein zerkratzter Holztisch. Auf dem eine alte Schreibmaschine, um den Tisch herum zwei hölzerne Klappstühle.

Ich dachte: Jetzt haben wir den Salat! Alles ist bereits über die Schulleitung fernmündlich an die Polizei weitergeleitet worden! Eine Großfahndung. Phantombilder. Beschreibungen der Mitschüler. Und ich war, wie üblich, zu dumm frühzeitig zu denken. Zu spät, das Land auf anderem Wege zu verlassen.

Wegen unserer gewöhnlichen Blödheit saßen wir nun im Verhörzimmer. Ungemütlich und stickig, dazu diese grelle Neondeckenlampe.

Die Tür öffnete sich und der rundliche, gewichtige Beamte trat ein. Er nahm, während er mit seinem linken dunkelgrünen Arm die Türe zuschob, die grüne Dienstmütze vom Kopf. Ich sah seine glänzende, sonnengebräunte glatte Kopfhaut mit dünnem, ergrautem Haarkranz. Behäbig bewegte er sich. Festen Bodenkontakt. Er stützte sich mit beiden dunkelgrünen Armen auf den Tisch. Dann sank er auf einen Klappstuhl. Seine behaarten Hände umgriffen die Tischkante. Sein Hintern fand nur knapp Platz. Links und rechts drückte die gespannte, dunkelgrüne Diensthose herunter. Er lehnte sich an. Der Klappstuhl knarrte leicht. Er zog eine Zigarre aus der Tasche seiner Jacke. Deren silbern glänzende Knöpfe waren offen. Plötzlich gab er die zurücklehnende Haltung auf. Schwerfällig erhob er sich. Die unangezündete Zigarre im Mundwinkel. Mit den Armen stützte er sein Körpergewicht wieder auf den Tisch. Ein leiser hoher Ton. Vier Tischbeine auf den dunkelbraunen Holzdielen.

Seine Bewegungen wie zelebriert. Zeitlupengeschwindigkeit.

Vom grauen Aktenschrank kehrte er zurück. Jeden seiner gewichtigen Schritte übertrugen die alten Dielenbretter. Jetzt verstand ich, warum die Bank auf der wir saßen, an der Wand angeschraubt war.

Papier spannte er ein, lehnte sich erneut zurück. Die Zigarre qualmte endlich.

„Woher kommen Sie?“

Ein tiefer Bariton. Überraschend steif, genau, dialektfrei. Nicht wie im Zug. Eine bürokratische Amtshandlung nahte. Vielleicht fehlte deshalb plötzlich der Dialekt. Der schwang noch ein wenig als unterdrückte, leise Hintergrundmelodie. Eine Selbstverstümmelung? Seit vielen Jahren im Verhörzimmer. Zu Gunsten von Perfektion und Genauigkeit bürokratischer amtlicher Handlungen. Sprache, die schon im Bauch der Mutter vertraut war musste weichen. Die gesamte Kindheit hindurch war sie da. Sie war die Sprache der Mutter, des Vaters, der Geschwister, der Verwandten, des ganzen Dorfes. Gewohnter Rhythmus musste weichen. Unbrauchbar für die offizielle Amtshandlung. Andere, bürokratische Rhythmen kamen. Die Alten brachen hin und wieder hervor. Sie beschwerten sich, wehrten sich gegen ihre Unterdrückung.

„Aus München“, gab ich zurück.

„Ich möchte gerne von Herrn Scherer hören, woher er kommt.“

„Ich komme ebenso aus München und beabsichtige ein wenig Salzburger Kultur kennen zu lernen, wovon sie mich derzeit abhalten“, antwortete Julian forsch.

„Einreise also aus Deutschland, von München kommend, Zielort in Österreich: Salzburg. Aufenthaltsdauer? Wie lange wollen sie in Österreich verweilen Herr Scherer?“

Der Beamte zog an seiner Zigarre, legte sie im Aschenbecher vorübergehend ab, begann, mittels mir bekannter „Ein-Finger-Such-Methode“ das in die Schreibmaschine eingespannte Formular zu bearbeiteten. Mit einem weißblau karierten Taschentuch, das er aus der Hosentasche zog, wischte er sich zwischendurch den Schweiß von Stirn und Gesicht. Auf Antwort von Julian wartete er. Er nahm die Hornbrille von der breiten, spitz zulaufenden Nase und wischte an dieser mit dem Tuch herum. Er beugte sich vor, stützte die Arme auf den Tisch. Der Stuhl knarrte leise.

 

Erst jetzt fragte ich mich, welches Verbrechen meinem Schulfreund Nils Scherer zu Last gelegt wurde. Was rechtfertigte die Festnahme? Reichte unser hektisches Verhalten beim Abgang am Morgen in der Schule? Vielleicht stießen wir den Schulleiter, in der Schulhaustür um. Anzeige wegen Körperverletzung? Deshalb gleich eine Festnahme an der Grenze?

Ich fragte Julian, flüsterte ihm ins Ohr.

Der Beamte: „Was soll das Geflüster?“

Ich: „Welche Straftat, Verbrechen oder sonstiges rechtswidriges Verhalten wird Herrn Scherer denn zur Last gelegt, um dieses Procedere hier zu rechtfertigen?“

Dies noch fragend, dachte ich an Ladendiebstahl, Raubmord, Mitgliedschaft in einer staatsfeindlichen oder verbrecherischen Organisation. Vielleicht trieb auch der „echte Nils“ inzwischen mit seinem wahren unmaskierten Gesicht, also dem Gesicht, welches Julian als Maske trug, in Österreich sein Unwesen. Deshalb die Verhaftung. Oder der „wahre Nils“ war Opfer eines Gewaltverbrechens. Gestern tot aufgefunden. Heute plötzlich mit mir zusammen am Grenzübergang, leicht lädiert, aber immerhin.

„Wie bitte?“, hörte ich mich jetzt zurückfragen.

Der Beamte hatte meine Frage inzwischen beantwortet und weitere Fragen an Julian gerichtet. Weder seine Antwort, noch der Inhalt der weiteren Befragung waren bei mir angekommen. Ich war kurze Zeit nicht in der Lage, dem Gespräch zu folgen. Meine Rückfrage deshalb unpassend, ohne jeden Zusammenhang.

Julian stieß mir den Ellenbogen in die Seite: „Pscht, wir verpassen sonst wirklich unseren Bus!“

Der Beamte fand sich inzwischen auf dem Tastenfeld der Maschine besser zurecht. Die persönlichen Daten von Nils ratterten wie aus einer Pistole geschossen durch den Raum. Er riß den Bogen aus der Maschine und bedeutete Julian, an den Tisch zu kommen. Eine Unterschrift.

„Also Herr Scherer: beim Rausgehen an der Kasse hundertvierzig Schilling oder zwanzig Deutsche Mark! Das nächste Mal wenn sie Österreich besuchen: Einreise mit einem Paß, der noch nicht abgelaufen ist und keine falschen Angaben mehr. Von wegen Kulturausflug nach Salzburg! Einen schönen Aufenthalt und gute Fahrt, falls sie ihren Bus noch erreichen!“

 

Am Busbahnhof blickte Julian in den Ausweis von Nils. Seit fünf Tagen ungültig.

„Dieser Nils ist doch ein Knaller!“, rief er und fragte mich:

„Was war das für ein Blackout, den du da drinnen hattest? Bist du nervlich am Ende? Wird das alles langsam zu viel für dich?“

Neben einer abwinkenden Handbewegung reagierte ich mit Kopfschütteln:

„Nein, kein Problem, ich hatte nur einen kleinen Müdigkeitsschub.“ Der Bus war fast voll. Kurvenreich tuckerten wir durch unzählige kleine Ortschaften. Der Wagen hielt an jeder erdenklichen Ecke. An einigen Haltestellen stiegen grölende Schülergruppen ein und aus. Während der Busfahrt unterhielten wir uns nicht. Weder mir, noch Julian viel ein Thema ein, das neutral genug gewesen wäre, um von anderen Fahrgästen mitgehört zu werden.

Nach eineinhalb Stunden Schaukelei hielt der Bus direkt vor dem Gasthof Zur Post. Ein Ruck von Julian und draußen waren wir.

 

Der Gasthof, ein riesiges, vierstöckiges Gebäude, in altem rustikalem Bauernhausstil. Zentrum des kleinen Ortes. Das Alter des Hauses: mindestens hundert Jahre. Ein verstaubter, grauhaariger, schmaler Portier, hinter einem Tresen. Die Rezeption im hinteren Teil des Hauses. Schummrig beleuchtet.

Vorher, ein riesiger Gästesaal. Voll besetzt. Schweinebraten. Alle Dorfmänner beim Mittagessen. Schnaps und Bier. Rauch und Österreichisch. Ich verstand nichts. Die Durchquerung: tausend Augen erreichten uns. Argwohn bei jedem Schritt. Fremde, was wollt ihr hier? Ein Fehltritt und es kracht! Vorbei an der grauen Tischdecke, aber langsam. Keine Katastrophe provozieren!

Julian eilte voraus. Vielleicht hatte er Angst von einem Dorfbewohner erkannt zu werden.

Unfreundlich knallte der Portier einen Schlüssel auf den Tresen. Die sechshundert Schillinge zählte er penibel nach. Mein Ausweis landete im Schlüsselfach hinter seinem Rücken.

„Um Elfe is a Rua im Haus, um Zehne bist‘ Moing wieda draus!“, nuschelte er und zwang sich ein kurzes Lächeln, wohl wegen seines lustigen Reimes auf sein schmales Gesicht.

Julian nahm den Schlüssel. Über knarrende Holzstufen stiegen wir in den vierten Stock hinauf. Das Treppenhaus war heruntergekommen. Im Zimmer angekommen, warf er die Tasche von Nils auf das Bett und stöhnte erleichtert:

„So das wäre erst mal geschafft! Ich wusste gar nicht, wie dumm man sich vorkommt, wenn man als Fremder durch einen voll besetzten Saal mit bekannten Menschen geht. Auch, dass Charlie, der Portier, zu Fremden so unfreundlich ist, ahnte ich nicht!“

Julian stieg in sein Gebirge, über die Stadt dachte er nach

Nach einer knappen dreiviertel Stunde erreichte Julian die Nebelgrenze. Er durchquerte ein Geröllfeld. Der Nebel war sehr dicht, die Sichtweite betrug etwa fünfzig Meter. Die Strecke war vertraut. Mehrere hundert, vielleicht sogar schon eintausend Mal legte er den steilen Aufstieg zurück. Meist allein. Der steinige Weg war glatt. Die Turnschuhe von Nils profillos, deshalb ungeeignet. Nach einer weiteren halben Stunde ließ er den Nebel unter sich. Schnell zogen dunkle Wolken auf.

Erleichterung und Freude. Das Leben als maskierter Maskierungskünstler in der Rolle eines Anderen ging zu Ende. Einer Belastung nahte ihr Ende. Zurückgekehrt in vertraute Umgebung.

Die war eiskalt. Erste Schneefelder bereits hinter ihm. Die Turnschuhe durchnässt.

Auf dem Abstieg würde Nils ihn begleiten.

 

Die Sonne hatte den höchsten Punkt des Tages schon lange überschritten. Seine Hütte wollte er noch vor Sonnenuntergang erreichen. Falls das nicht klappte: eine kleine Taschenlampe, die er im Rucksack von Nils trug.

Die Stadt veränderte ihn. Die Stille um ihn herum war ungewöhnlich. Die Luft zu kalt und frisch. Die Muskeln schmerzten. Die Bewegung ungewohnt, anstrengend. Das alles: erschreckend.

 

Seine Vorstellung der Stadtmenschen: Eine Vision, die er jetzt aufgab. Die meisten Menschen litten nicht unter dem Dreck, der verpesteten Luft, dem Tempo, oder dem Stress. Oder übersah er das Leid?

Die Enge, grauenvoll. Die Wohnungssuche: schrecklich. Leute wie Helmuth Hauch und der Makler Rauch rissen sich einiges unter den Nagel. Idiotie und Ungerechtigkeit? Nützlichkeit, Notwendigkeit und Zweck? Verschiedene Lebensentwürfe, Lebenssysteme. Ärgernis und Aufregung erst, wo die Entwürfe nicht mehr nur Privatvergnügen einzelner Personen blieben. Nils und Julian Betroffene von Privatvergnügen. Einfluss und Abhängig. Negative, subjektive Folgen: Druck und Enge.

Rauch nur ein plastisches Beispiel. Eins von Millionen. Seine finanzielle Absicherung, wie es jedem Menschen frei steht: Geldbeschaffung von Studenten, Schülern, Eltern. Platz und Raum der wahre Luxus der Zivilisation. Das Dach über den Köpfen: teuer, sehr einträglich. Rauchs „weißes Ambiente“ deshalb finanzierbar.

Das Privatvergnügen von Rauch, der freizügig lebt, dabei sein Geld verdient. Eine Schnittstelle? Einfluss des Maklers auf das Leben von anderen Menschen? Nils Scherer, wie jeder, auf den wahren Luxus angewiesen.

Warum nicht die Parkbank?

Nils Scherer will den wahren Luxus. Er braucht ihn! Er will was lernen. Das geht schlecht auf der Parkbank.

Wahrer Luxus für Nils Scherer!

Nils Scherer muss den freizügigen Makler Rauch aufsuchen. Kein Widerspruch. Ein sich ergänzendes System. Rauch diktiert die Preise für den wahren Luxus. Nils Scherer wird der Hals zu geschnürt.

Wahrer Luxus für Nils Scherer!

Wahrer Luxus nur durch Eigenleistung in Frieden und Freiheit für alle!

Nils Scherers Eigenleistung: ein Zufall.

Eine Kettenreaktion.

Natürlich war, wie üblich, kein Zusammenhang nachweisbar. Der uralte Förster suchte Julian vergeblich. Er kam schon in Julians Kindheit in die Berge. Mit dem Vater trank er regelmäßig einen Schnaps vor der Hütte.

Plötzlich statt Julian: Nils in der Hütte. Der Förster erkannte ihn trotz Maskierung. Ein schrecklicher Bruch. Julian einfach ausgetauscht, verschwunden. Der Förster beobachtete die Hütte zwei Tage lang. Er sah Nils mit Julians Schafen.

Der alte Förster kam nur vier, fünf Mal im Jahr. Er trank mit Julian und sprach mit ihm. Das war seine Rolle in Julians Leben. Ein gewohnter Rhythmus.

Das Zusammentreffen mit Julian, das Sitzen mit Schnaps vor dessen Hütte, die wenigen Worte mit ihm in dem abgeschiedenen Gebirge. Das alles war wichtig.

Julian war zurück in seinen Bergen

Nach den Erlebnissen in der Stadt war Julian in der Lage sich am Feuer über Systeme aufzuregen, wie Nils dies tat. Er würde dies, so dachte er, nicht tun. Das war nicht sein Leben. Er würde es tun, käme nicht daran vorbei sich aufzuregen, wenn das, was er gelebt und erkannt hatte sein Leben bleiben würde.

Julian stapfte durch ein langes Schneefeld.

Das sind meine Abhängigkeiten, dachte er: die Natur macht mir manchmal einen Strich durch die Rechnung. Oder eines meiner Schafe verhält sich unvernünftig.

Die Dämmerung setzte ein und er war froh um die Taschenlampe. Dichte, dunkle Wolkenfelder zogen nahe an den Berg heran. Die Turnschuhe: gefrorene Eisklötze. Der Aufstieg, trotz der Kälte schweißtreibend. Anstrengende tiefe Schneefelder.

Mehr als sechs Stunden vergingen.

Nach der Überquerung einer kleinen Anhöhe kam er in sein Tal. Sein Ziel lag nahe. Am Ende des Tals hinter einem Felsbrocken. Er prüfte die Windrichtung. Schwach blies er von hinten. Assyas feine Spürnase roch sein Kommen.

Schnelle Schritte und Vorfreude auf seine Hündin. Eine gefrorene Schneedecke. Innerhalb weniger Minuten war es dunkel. Der Kegel der Taschenlampe beleuchtete den verschneiten Pfad. Der Himmel war stark wolkenverhangen. Die Lampe notwendig. Neue Schneeflocken vielen herab.

Plötzlich hörte er hinter sich ein leises Laufgeräusch. Das Vorbeistreifen eines Tieres an einem Nadelbaum. Von der Taschenlampe aufgeschrecktes Wild? Nahe seiner vertrauten Schäferhütte: Angst. Die Stadt veränderte.

Schnell drehte er sich um und warf den Lichtkegel der Taschenlampe hinter sich. Deutlich erkannte er eine Spur, wie von einem Fuchs. Kleine Abdrücke kreuzten sich im Schnee. Er ging weiter.

Plötzlich lautes Rascheln am rechten Ohr: von der Seite sprang ihn ein Tier an. Das warf ihn zu Boden. Eine warme Zunge schleckte seine eiskalten Hände und seinen Hals. Assya! Freudig begrüßte Julian sie. Sie hüpfte schwanzwedelnd vor ihm hin und her.

„Ja hallo Assya, hier bin ich wieder. Hast mich schon vermisst, hä?“ Er warf sich dem Tier um den Hals. Dann hob er die Taschenlampe auf. Er streichelte Assya. Sie saß vor ihm im Schnee. „Na komm, wir gehen nach Hause!“

Julian wollte seinen Weg fortsetzen. Von Assya erwartete er, dass sie vorne weg laufe, wie immer. Assya aber blieb sitzen. Jammern und Winseln. Julian war bereits mehrere Schritte weiter gegangen. Er beugte sich zu ihr, streichelte sie und fragte: „Was ist denn, was hast du denn, komm wir gehen zur Hütte, zu unseren Schafen in der Höhle und zu Nils!“

Ihr Verhalten verriet, dass etwas nicht stimmte. Julian wurde heiß. Schnelle Schritte Richtung Hütte. Er brüllte Assya an, sie solle mitkommen. Die Hündin folgte zögerlich. Sie wedelte nicht mehr mit dem Schwanz. Den ließ sie hängen.

Schlechtes Gewissen und Vorwürfe. Nils war zu wenig auf das harte Leben im Gebirge unter winterlichen Verhältnissen vorbereitet. Erfroren vor der Hütte. Er sah Nils in einen Felsspalt gestürzt. Die Herde samt Nils lag unter einer Lawine begraben.

Nils ein Verrückter. Lebensmüde. Doch ein Spiel mit dem Leben? Nils der Verzweiflung nahe. Stress, Stadtleben, Belastungen, Zivilisation, alles zuviel.

Julian stapfte schnell durch den Schnee. Seine Hände zitterten, nicht vor Kälte, sondern wegen der Anspannung. Er, ein mieses Schwein, das sich auf Kosten anderer vergnügt. Nur wegen seiner Gefühle für diese Christine und dem Nasenvorfall kam er schon zurück.

Julian wurde beinahe schlecht. Zu sich selbst sagte er wütend: Du Idiot! Du Trottel! Du kennst die Menschen nicht, du lebst hier hinterm Mond!

Julian erreichte die flache verschneite Wiese vor der Hütte. Ungläubig sah er auf die schneeweiße Wiese. Die steile Felswand ragte grau in die Wolken. Der Lichtkegel der Taschenlampe erreichte sie. Er bahnte sich einen neuen Weg durch den dichten Schneefall. Wieder erreichte er die graue Felswand. Julian stapfte quer über die verschneite Wiese.

Assya atmete dicht hinter ihm. Er erreichte die Felswand. Er ging linker Richtung die Wand entlang. Mit der Taschenlampe leuchtete er in den verschneiten tiefen Felsspalt. Quer über die Wiese ging er zurück, dicht gefolgt von Assya. Unter der Schneedecke musste sein Getreide- und Gemüseacker sein. Er ging zurück zur Felswand. Links entlang bis zum Ende.

Das Gatter am verschneiten Höhleneingang! Hinter den drei dicht wachsenden hohen Tannen. Wie gewohnt mit dem dicken Holzprügel verschlossen. Den schnitzte er vor Jahren.

Er öffnete es. Mit der Taschenlampe leuchtete er in die Höhle. Auf dem Boden sah er deutlich Spuren seiner Schafe. Er war am richtigen Ort, das war sicher. Die Hütte und die Umzäunung seines Feldes neben der Hütte fehlten. Sie waren einfach weg!

Gemeinsam mit Assya ging er durch alle Verzweigungen der Höhle. Die einzelnen Kammern waren gefüllt mit Holz und Stroh für den Winter. Selbst die Lebensmittelkammer war unangetastet.

Von seiner Schafherde und von Nils fehlte, abgesehen von den Spuren am Höhleneingang, jede Spur.

Assya musste schreckliches miterlebt haben. Wo war Nils geblieben? Wo waren die Schafe? Wo war die Hütte? Brannte Nils die einfach nieder? Julian war verzweifelt. Seine Existenz fand er vernichtet. Warum hatte dieser Verrückte das getan?

Am Höhleneingang entfachte er ein riesiges Feuer um sich zu wärmen. Mit Assya verbrachte er eine lange, kühle Nacht in der Höhle. Die Maske von Nils schnitt er mit dessen Taschenmesser aus dem Gesicht. Er warf sie in das Feuer. Er und Assya sahen das Gesicht von Nils in Flammen aufgehen. In der Lebensmittelkammer fand er Schafsfett, mit dem er sein bleiches Juliangesicht einrieb. Auch zu Essen für sich und Assya fand er einiges. Mit Stroh und Schaflederdecken bereitete er sich und Assya ein Nachtlager am Feuer.

Das erste Morgengrauen weckte beide. Sie schleckte in seinem Gesicht. Auf das Feuer warf er dicke Holzprügel. Vor den drei Tannen am Höhleneingang viel dichter Schnee. Seine kalten Füße wärmte er. Anschließend zog er seine selbst gefertigten Schaffellschuhe an. Die Schuhe lagerten in der Höhle, wo er sie früher ausschließlich benutzte. Sie waren für die kalte Jahreszeit ungeeignet, für die kühle Höhle reichten sie. Er umwickelte sie mit Schafwolle.

Die Tasche von Nils und dessen Turnschuhe packte er in einen Alten Schafledersack aus der Lebensmittelkammer. Gemeinsam mit Assya trat er aus der Höhle.

Er sah die Wahrheit bei Tageslicht. Seine Hütte fehlte. Die Wiese war leer. Keine Hütte, kein Zaun. Mit Assya schritt er sie nochmal ab. Keine Spuren. Nochmal durch die Höhle. Vergeblich.

Durch anhaltend dichten Schneefall trat er, gefolgt von Assya den Rückweg hinunter ins Tal an.

Ein Bericht in einem grauen Aktendeckel.

Am Montag, den 31. Oktober 1984 entdeckte ich, im Verlauf eines Erkundungs- und Kontrollganges, auf einer Bergwiese oberhalb des Dorfes Hinweiler zwischen 1400 und 1500 Höhenmetern eine, in der Landschaftsschutzkarte Nummer 165 der Forstverwaltung für Oberösterreich, nicht verzeichnete, feststehende Holzhütte.

In den Unterlagen des, für diesen Landschaftsschutzabschnitt zuständigen, kürzlich verstorbenen Försters Obermeier, befand sich kein Hinweis auf eine Sondergenehmigung für das Bauwerk. Angrenzend befand sich ein, im Landschaftsschutzgebiet ebenfalls nicht genehmigtes, umzäuntes Getreide- und Gemüsefeld. Nähere Untersuchungen ergaben, dass das Anwesen von einem Schäfer, Namens Julian Winkler, nicht nur zum vorübergehenden Aufenthalt genutzt wurde. Ebenso wurde von mir eine Schafherde entdeckt, deren ständiger Aufenthalt im Landschaftsschutzgebiet in der Forstverwaltung nicht aktenkundig war.

Auf Anweisung der Oberforstdirektion (Az.507/01/11/84) wurde die Räumung des Anwesens befohlen. Dessen Abbruch veranlasst am 02.11.84, wurde fachgerecht durchgeführt am 03.11.84. Freundlichst unterstützt durch das Bundesheer. Die Tierherde wurde anweisungsgemäss der Veterinärverwaltung überstellt.

Den Schäfer überstellte ich, zum Zwecke der Personalienfeststellung, und der Feststellung der Schadenshöhe, der Bundesbehörde. Er verweilt in U-Haft im Salzburger Staatsgefängnis.

Anlage zum Wochenbericht der Landesverwaltung Oberösterreich

Hinweiler, am 04.11.1984

gez. Huber, staatl.gepr.Oberforstmeister

Nils und Julian in den Mühlen der Justiz.

Die Zelle, in der Nils im Trakt für Untersuchungshäftlinge, im Salzburger Gefängnis festgehalten wurde, war exakt so möbliert, wie er sich eine Gefängniszelle, die er noch nie von innen sah, schon immer vorstellte. Ein Bett: eine an der Wand hochklappbaren Pritsche. Eine Toilette in der Ecke. Ein vergittertes winziges Oberfenster. Ein kleines Waschbecken. Gegenüber der Klappritsche ein wackliger brauner Holztisch. Ein brauner Holzstuhl. An der Decke eine Glühbirne die um 22 Uhr erlosch.

Während Julian in Begleitung von Assya den Abstieg ins Tal antrat, hatte Nils bereits die zweite Nacht in der Zelle hinter sich.

Dem Abriss der Hütte musste er nicht beiwohnen. Der neue Forstmeister traf überraschend ein. Nils ließ die Schafherde ein letztes Mal vor dem Wintereinbruch im Schneeregen vor der Schäferhütte grasen. Nils saß in einem Schaflederlappen eingewickelt auf der Holzbank vor der Hütte. Er trällerte lauthals eines seiner gedichteten Liedchen, die ihm in den vergangenen Wochen die lange Zeit und die Einsamkeit vertrieben. Assya warnte ihn nicht vor dem Besuch. Sie streunte irgendwo herum. Täglich genoss sie zehn bis fünfzehn Minuten Herumtollerei im Wald.

Nils überrascht. Hörte auf zu trällern. Bemühte sich um Freundlichkeit. Er kannte den Mann nicht. Dachte es wäre der alte nette Förster von dem Julian erzählte. Dachte zwar: der sieht nicht nach einem gemütlichen Schnäpschen vor der Hütte aus! Verdrängte den Gedanken aber gleich.

Unfreundlich fragte der: „Was dean sie da herom? Zoangs a moi ernan Ausweiß! Des doo herom is fei a Landschaftsschutzgebiet! Tierhaltung fei streng untersagt! Woos soid de oide Hüttn da? Wohna sie da?“ Außerdem störe sein lautes Herumgegröle die Ruhe. Und die Massentierhaltung im Landschaftsschutzgebiet sei ein Hammer.

Nils, leistete gegen die Vorverhaftung durch den Forstbeamten keinen Widerstand. Julians Schafherde blieb zurück. Nils stieg mit der Tasche von Julian und einigen Schäferbekleidungsstücken und dessen Paß, den der Forstbeamte nicht wieder zurückgab, in das Dorf ab. Assya war weg. Sie rannte nicht schwanzwedelnd herbei. Sie stürmte aus keinem Gebüsch hervor.

 

Auf der Polizeiwache des Dorfes wurde die Identität des verhörten Nils Scherer eindeutig mit der von Julian Winkler festgestellt. Grundlage war dessen mitgeführtes, gültiges, amtliches Ausweisdokument. Das Foto stimmte annähernd mit seinem Aussehen überein. Der Beamte teilte Nils mit, dass gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen Verletzung des Österreichischen Landschaftsschutzgesetzes eingeleitet werde. Da er als wohnungslos galt, wurde er zunächst in Untersuchungshaft in das Salzburger Gefängnis überführt. Dort gab es einen Pflichtverteidiger für ihn.

Noch an diesem Tag sprach er mit dem. Einem gewissen Herrn Obermärzer. Ein hochgewachsener Mann mit dünnen Brillengläsern.

Nils etwas arrogant: „Wissen Sie, wen Sie vor sich haben?“

Der Anwalt: „Sie sind Herr Julian Winkler, wohnsitzlos, geboren am 23. April 1963 in, …Moment wie war der Name des Ortes…“, der Anwalt zog eine rahmenlose, mit rechteckigen dünnen Gläsern versehene Lesebrille aus der Westentasche. Mit ihrer Hilfe blickte er in die vor ihm auf dem Holztisch liegende graue Akte:

„…Hinweiler, ja genau, geboren in Hinweiler. Also, sie sehen, Herr Winkler, mir ist klar, dass ich sie vor mir habe!“

Der Pflichtverteidiger Obermärzer ließ Nils nicht zu Wort kommen und fuhr, weiterhin in die Akte blickend, fort:

„Ihnen wird eine massive Verletzung des Österreichischen Landschaftsschutzgesetzes zur Last gelegt. Sie sollen seit mehreren Jahren die, unter Naturschutz stehende Landschaft oberhalb ihres Heimatortes zu Wohnzwecken missbraucht haben. Ist das richtig Herr Winkler?“

„Nein! Ich habe niemals Landschaft missbraucht“, reagierte Nils. Militärisch, abgehackt, kurz, laut, schnell. Dann sah er Obermärzer durch die dünnglasige Brille in die Augen.

„Lassen sie doch diese Haarspalterei!“ Der Pflichtverteidiger war ungehalten. Er blätterte hastig in der vor ihm liegenden Akte. Er war derlei dumme Antworten nicht gewohnt. Er verteidigte Menschen die froh sein konnten – und es meist waren – dass er sich für sie überhaupt Zeit nahm.

„Hatten sie im Landschaftsschutzgebiet, oberhalb ihres Heimatortes in einer..“, er setzte erneut die Brille auf und las in der Akte: „feststehenden Holzhütte, nicht nur vorübergehend ihren Aufenthaltsort?“

Der Anwalt nahm die Brille wieder ab und sah Nils in Erwartung einer Antwort an.

„Nein, mein Aufenthalt dort war von vorübergehender Dauer! Auch ist ihre Behauptung falsch, ich sei wohnsitzlos! Ich habe einen Wohnsitz, in München“, antwortete Nils und stützte sich mit den Ellenbogen am Tisch auf. Er drehte eine Zigarette.

„Nicht ich behaupte etwas, das sie für falsch halten!“, reagierte der Anwalt endgültig ärgerlich. Er riß hastig die Brille aus seinem schmalen Gesicht und blätterte erneut in der Akte.

„Die in dieser Akte gegen sie erhobenen Vorwürfe entstammen der Landesforstverwaltung. Sie wurden an die Polizeidienststelle ihres Heimatortes, mit dem Auftrag der weiteren Ermittlung geleitet.“

Ernster Blick, ohne die Brille auf er Nase.

Nils, zog an der Zigarette, blickte zum Fenster hinaus und sprach nichts. Eine Minute Schweigen.

Ärgerlich ergriff Obermärzer erneut das Wort:

„Zu einem Katz- und Mausspiel, Herr Winkler, haben wir nun wirklich keine Zeit. Wenn sie meine Unterstützung wollen, so erwarte ich von ihnen Kooperation. Meine Zeit ist zu begrenzt. Um mir Erfindungen anzuhören ist sie zu knapp. Morgen haben wir wieder zehn Minuten. Überlegen sie bis dahin, ob Sie bereit sind, mir diejenigen Informationen zu geben, die zu ihrer Verteidigung erforderlich sind. Es geht eh nur um persönliche Daten und Angaben zu ihrem Aufenthaltsort in den vergangenen Jahren“.

Der Anwalt schlug die Akte zu, steckte sie in seinen schwarzen Koffer und verließ, ohne weitere Worte den Raum.

 

In Hinweiler:

Ein Bewohner eines Bauernhauses am Waldrand beobachtete Julian. Der durchquerte mit Assya ein umzäuntes Weidegelände. Durch ein Fernglas erkannte er ihn.

War der nicht am Vortag verhaftet worden? Der Bauer alarmierte die Gendarmeriedienststelle. Noch bevor Julian den Gasthof Zur Post erreichte, wurde er von einem Beamten gestellt. Der gleiche, der zwei Tage zuvor eine Person gleichen Namens, nahezu gleichen Aussehens mit gültigen, auf diese Person ausgestellten Ausweispapieren verhörte.

Am späten Vormittag des fünften November 1984 wurde auch Julian in einer engen Amtsstube der winzigen Gendarmeriestation vernommen. Dort stellte sich heraus, dass der an diesem Tag gefasste Julian Winkler seine wahre Identität verschleierte. Denn lediglich das Aussehen dieser Person, so notierte der Beamte in seinem Bericht, sei demjenigen des Julian Winkler von vor zwei Tagen ähnlich.

Die amtlichen Dokumente welche die Person mitführte, lauteten jedoch auf den Namen eines Nils Scherer, wohnhaft in München. Das Dokument, zwar ungültig, weil abgelaufen, stattdessen führte die Person ein gültiges Aufenthaltspapier, ausgestellt von der Gendarmeriedienststelle Salzburg, Bahnhof vom 4.11.84 mit. Die Identität der Person war somit zwar anhand der Dokumente eindeutig festgestellt, stimme jedoch mit dem tatsächlichen Aussehen des Verhörten nicht überein.

 

Julian wurde deshalb, noch am gleichen Tag, wegen des Verdachts des Diebstahls von Ausweispapieren und zum Zwecke der näheren Klärung des Zusammenhanges mit der Festnahme vom Vortag nach Salzburg gebracht.

 

Zu dem Zeitpunkt war Nils, wegen eines erneuten Gesprächstermins mit dem Anwalt Obermärzer im Verhörzimmer. Noch bevor der Anwalt seinen schwarzen Aktenkoffer öffnete begann Nils die Maske mit den Fingernägeln aus seinem Gesicht zu kratzen.

„Ich habe mich entschieden, kooperativ mit Ihnen zusammen zu arbeiten, deshalb möchte ich ihnen zunächst beweisen, dass ich nicht Julian Winkler bin.“ Er legte mehrere Teile der zerrissenen Maske auf den Tisch.

Obermärzer, auf diesen Vorfall nicht gefasst, zückte die Lesebrille. Sah nichts, zog aus der anderen Westentasche eine zweite Brille. Die machte das Sehen leichter.

Die Nickelbrille auf der Nase brüllte er: „Aufsichtsbeamter!“

Der riss die Tür auf. Trat mit gezückter Waffe ein.

Obermärzer brüllte den an: „Sehen sie, was ich sehe?“

Der konnte nicht sehen, was Obermärzer sah, weil Nils mit dem Rücken zur Tür, vor Tisch und Obermärzer saß. Der Beamte sprang zu Obermärzer. Sah und steckte die Waffe zurück in sein Lederhalfter.

„Der hod ja a Maskn auf! Des is ja a ganz a Anderner!“

Nils gelang es nicht die Maske mit den Fingernägeln vollständig zu entfernen. Schwer lädierten Gesichtes blickte er zum Anwalt:

„Ich hab’s mir reiflich überlegt. Ich will mit ihnen kooperieren. Mein Name ist nicht Julian Winkler, sondern ich bin Nils Scherer und auch nicht wohnsitzlos. Ich wohne in München und habe mich kurzfristig als Julian Winkler maskiert. Wir haben praktisch unsere Rollen vertauscht! Verstehen Sie?“

Obermärzer wollte nichts verstehen. Er antwortete: „nein!“ Erhob sich langsam, steckte die Brille in die Westentasche, nahm die ungeöffnete Aktentasche, befahl dem Beamten, Nils in die Krankenstation zu bringen. Dann verließ er, ohne weitere Abschiedsworte den Raum.

Nils sah zerstückelt aussah. Helle weiße Flecken im Gesicht. Keine Blutspuren. Der Arzt beseitigte die letzten Spuren der Maske. Die bleiche Gesichtshaut versorgte er mit einer Hautcreme. Er saß wieder in der Zelle.

 

Kurz darauf wartete Julian in einer anderen Zelle auf seine Vernehmung. Assya wurde ihm in Hinweiler von einem Beamten weg genommen und zur tierärztlichen Untersuchung gebracht.

Der diensthabende Hinweiler Beamte notierte dazu in seinem Bericht: Der Befragte konnte für seine Hündin, von der er angab, es handle sich um seinen Besitz, keine Meldekarte oder Steuermarke vorweisen. Das Tier wurde in entsprechenden Verwahr genommen.

Meine planmäßige Abreise aus Hinweiler.

Nachdem um vierzehn Uhr weder Nils noch Julian, den ich noch nie gesehen hatte, im Gästesaal des Hotels Zur Post erschienen, ging ich zur Bushaltestelle. Falls keiner der beiden erscheine, so war ausgemacht, sei alles klar gegangen. Nils werde sich sicher noch einige Tage aufhalten wollen, sich von den Tieren verabschieden und so weiter.

Mit dem zweiten und letzten Bus des Tages fuhr ich nach Salzburg.

Von den Vorgängen im Dorf, der Festnahme Julians am Morgen und dessen Abtransport nach Salzburg, bemerkte ich nichts, da ich bis Viertel nach Zwölf, die Zehn-Uhr-Regelung des Portiers mißachtend, im Zimmer blieb. Mein Magen spielte verrückt. Dem Portier schob ich dreihundert Schilling hin, für die er mir bereitwillig lächelnd meinen Ausweis zurück gab.

In Salzburg bestieg ich den Zug nach München.

Kurz dachte ich daran, dass was passiert sein könnte. Doch damit wollte ich mich nicht weiter auseinandersetzen. Ich fühlte mich in dem kleinen Dorf und vor allem in dem riesigen Gasthof äußerst unwohl. Mit den Menschen, die im Gasthof zu Mittag aßen und in, für mich unverständlichem, Dialekt herum grölten, wollte ich nichts zu tun haben. Ich hatte das Gefühl, nicht dort hin zu gehören. Am liebsten wollte ich nie dort gewesen sein. Vielleicht war mir auch die Atmosphäre zu ländlich. Die Menschen zu beobachtend. Keine Anonymität, kein Schutz, ich fühlte mich auffällig.

Selbst im Bus viel ich auf, da ich den Fahrer nicht verstand. Trotzdem hatte ich ein Recht mit zu fahren. Ich konnte den Fahrpreis bezahlen. Ich war ein Mensch. Kein Tier, das nicht mitgeführt werden durfte. Die Atmosphäre im Bus miefte provinziell wie das Hotel Zur Post und das ganze Dorf. Erst nachdem die Stadtgrenze Salzburgs erreicht war, fühlte ich mich deutlich wohler.

An die Situation und den Verbleib von Julian oder Nils dachte ich während der Busfahrt nicht. Die Vermutung, sie könnten in der Stadt im Knast sitzen, lag mir fern. Erst im Zug, nachdem die Österreichische Grenze passiert war, begann ich das Erlebte zu reflektieren. An den Sinn meiner Reise in dieses mickrige Dorf, dessen Name mir entfallen war, den ich in Wahrheit nie richtig Wahrgenommen hatte, konnte ich mich nicht mehr erinnern. Als Eingeweihter in die Situation von Julian und Nils fühlte ich mich verpflichtet den beiden dabei zu helfen. Doch weder die Person Julian noch die Person Nils war mir wirklich vertraut.

Im Dorf von Julian angekommen wollte ich nicht weiter. Ich war froh, wegen der klaren Rückzugsregelung. Die nutzte ich sofort. Mein Interesse endete. Ein Punkt an dem das Ganze über die reine Unterhaltung, den Zeitvertreib, die Distanz hätte hinaus gehen müssen.

Ich trat keinen Schritt vor, sondern trat den Rückzug an.

Alles was ich tat war legitim, denn es war so vereinbart. Niemand konnte mir einen Vorwurf machen.

Nils und Julian: Aussteiger auf freiem Fuß.

Nils und Julian wurden noch am gleichen Nachmittag überraschend entlassen. Was gegen beide Vorlag, sagte der Ermittlungsrichter, genügte nicht um sie länger fest zu halten. Ihre Ausweise waren nicht gefälscht, sondern nur vertauscht.

Der wohnsitzlose Julian sollte sich täglich auf einer Salzburger Polizeidienststelle melden, bis das Verfahren gegen ihn beendet werde.

Beide trennten sich am Salzburger Bahnhof. Der eine mit der Perspektive, dass er sich nun aus dem Nichts in seinem Heimatland eine neue Lebensgrundlage auf zu bauen hat, weil sein bisheriges Leben realitätsfern war und einem Traum glich, der wie eine Blase in einem Wasserglas zerplatzte.

Der andere saß mit der Perspektive im Zug, dass seine Schulkarriere beendet sein könnte, wegen des Vorfalls in der Mathematikstunde. Die Indizien im Rahmen eines Disziplinarverfahrens sprachen dafür, dass eine andere Person, wer auch immer so dumm war, sich darauf ein zu lassen, für ihn die Schulbank drückte. Dies reichte, um ihn von der Schule zu feuern, auch wenn nie nachgewiesen werden konnte, wer diese andere Person war.

In der Schule erschien Nils deshalb nicht mehr. Mark, Ralf, Christine, Regine, Sofia, Rolf und ich, die ganze letzte Reihe musste das Jahr, wegen zu schlechter Mathematikleistungen wiederholen.

Ich traf ihn noch einmal, Monate später, im Café Notfall. Das neue Schuljahr hatte bereits begonnen. Es war an einem verregneten Donnerstag Abend. Seine Aufenthaltsdauer lag unter fünf Minuten. Er kam an unseren Tisch, schüttelte jedem von uns kurz die Hand. Er verabschiedete sich mit den Worten: „Tschau Leute. Ich habe mit einem Österreicher zusammen in Griechenland eine Schafweide gekauft. Morgen reisen wir ab. Ich habe nicht vor hier nochmal zu erscheinen. Machts gut!“

 

Jetzt sprang Nils vom braunen Kunstledersofa auf:

„Was soll das? Das war doch anders! Ich bin null ausgestiegen!“

Ich: „Ja, ja, klar!“ Aber es hätte doch sein können! Oder? Die Sache geht noch weiter, hört zu:“

 

Das wäre ein denkbares und kurzes Ende der Geschichte von Julian und Nils und Assya. Ich denke: alles klar. Nils hat sich von der Idee Auszusteigen überzeugen lassen und es ist schön, dass die Drei, Julian, Nils und Assya, sich nicht voneinander trennten. Vielleicht sind sie ja nach dem Abschied in Salzburg gleich am nächsten Tag wieder zusammen gekommen, weil weder Nils, noch Julian es aushielten.

„Am besten wir beide finden uns zusammen und machen uns hier vom Acker! Versuchen wir gemeinsam ein romantisches Schäferleben, das wir uns anderen Ortes aufbauen.“ Nils Theorie, dass Schafe sehr sehr weit entfernt vom Heimatland zu züchten seien, hätte sich damit am Ende bewahrheitet.

Doch es war anders.

Das Ende der Geschichte von Julian und Nils und Assya

Von einem Ende der Geschichte kann nicht die Rede sein.

So lange Personen nicht sterben, enden deren Geschichten nicht.

 

Ihre offizielle Entlassung akzeptierten sie nicht. Deshalb versuchte man erfolgreich, beide hinaus zu werfen. Sie wurden von mehreren Polizisten vor das Gefängnistor getragen. Dort verblieben sie elf Stunden lang. In dieser Zeit baten sie zich Mal um Vorsprache beim Polizeichef und wurden drei Mal zu einem Beamten vorgelassen. So stellten sie ihren gemeinsamen Ausreiseantrag.

Nach dem üblichen dritten Mal, die Dunkelheit war bereits hereingebrochen, wurden sie wieder in die Zelle gesteckt. Das Nächtigen vor dem Knasttor war untersagt.

 

Erst nach mehreren Tagen verließen Nils und Julian das Untersuchungsgefängnis. Aber nicht ohne eine schriftliche, amtliche, gültige, echte, weil mit Dienstsiegel versehene, Genehmigung in Händen zu halten. Die bestätigte, dass beide zusammen mit der, inzwischen vorschriftsmäßig geimpften und amtlich erfassten Hündin Assya das Land verlassen durften.

Ein Nebeneffekt: eine weitere Strafverfolgung Julians war nicht möglich. Der Nebeneffekt, wurde Nils und Julian beim Suppeschöpfen, durch einen redseligen Wärter bekanntgegeben.

Ein Nachweis, Julian Winkler habe die Landschaft im Gebirge zu Wohnzwecken missbraucht sei nicht mehr möglich, auch die Kosten für den Abriss seiner Hütte müssten vom Österreichischen Staat getragen werden, da auch hier nicht nachgewiesen werden konnte, ob das Objekt von besagtem wohnungslosen Wanderer überhaupt genutzt wurde. Denn der Förster hatte ihn dort lediglich auf einem Holzbänkchen sitzend vor eine Schafherde angetroffen.

Bürokratischer Eifer führte zu vorzeitigem Abriss des Objektes. Der Förster glaubte die Ordnung im Landschaftsschutzgebiet sei noch vor dem hereinbrechenden Winter, so schnell wie möglich her zu stellen. Mit diesem Verhalten ging die Vernichtung von Beweismaterial einher, weshalb bereits ein Disziplinarverfahren gegen den Förster eingeleitet wäre.

 

Während der drei Zellentage fand Nils genügend Gelegenheit, sprechend und singend zu berichten, wie er die Zeit verbrachte. Nils grölte den ganzen Tag lang lauthals im Wald und auf den Wiesen und Abends in der Hütte herum.

Damit befreite er sich von Gefühlen der Einsamkeit. Er konnte endlich einmal lauthals „heraus krakehlen“, was er schon lange tun wollte, ohne dabei von irgend jemandem behindert, unterbrochen, zusammengeschissen oder sonst was, zu werden.

Er erklärte: „Assya haben meine Texte gefallen, sie wedelte, während ich sang, ununterbrochen mit dem Schwanz.“

 

Nils, Julian und Assya wohnten in Nils Zimmer in der Mitterwieserstraße. Den „Nasenvorfall“ in der Schule bog Nils mit einem riesigen Pflaster über dem Organ, das er drei Wochen trug, wieder hin. Er gab an, er habe einen Gesichtschirurgen an sich herangelassen. Das Ergebnis müsse noch verheilen. Alle anderen angeblichen Beobachtungen von Schülern der Klasse an besagtem Morgen, seien – anders könne er sich das nicht erklären – vermutlich Hirngespinste. Ein riesigen Hautfetzen sei wegen der knallenden Türe von seiner Nase gerissen worden. Wegen des Schocks habe das ganze erst eine knappe Minute später, auf dem Weg ins Krankenhaus, stark zu bluten begonnen. Die Ärzte und Chirurgen hätten bestätigt: „Das alles ist völlig normal!“

 

Während Nils die Schule weiter besuchte, bewältigte Julian das Unglaubliche: Nils lernte, dass Schafezüchten selbst in München möglich ist. Gleich hinter der Nymphenburgerschloßmauer entdeckte Julian einen Schäfer. Regelmäßig war er mit Assya dort.

Wenn man Sonntags dort vorbei spaziert findet man hinter der Mauer, zwischen Nymphenburger Park und Pasing, einen Schäfer bei seiner Schafherde. Er kennt Julian gut.

 

Mit der amtlichen Vernichtung seiner Existenz erlebte Julian einen gewaltigen Umbruch seines Lebens. Dieser Tag X wurde nicht zuletzt durch das Zusammentreffen mit Nils herbeigeführt. Vielleicht blieben sie deshalb auch zusammen.

Christine verliebte sich weiterhin nicht in Julian. Auch nicht in Nils. Das war das Leben. Trotzdem, oder vielleicht deshalb, blieb sie wichtig für die beiden.

Mein Verhalten, wurde von beiden kritisch betrachtet. Ich musste mir die Frage gefallen lassen, warum ich, wie vereinbart, aus dem Kaff von Julian verschwand.

 

Wovon lebten die beiden und Assya im teuren München?

Was ich gerade in meiner Hand halte, eine Schallplatte, trug ein wenig zur ihrer materiellen Absicherung bei. Sie nutzten die Gelegenheit, dass Nils bei seinen Sollner Kumpels Schlagzeug spielen konnte, dass Rolf Baß spielte und Ralf (der Typ mit den teuren Cowboystiefeln) den Blues liebte. Wie ich es befürchtete, griffen eines Tages alle gemeinsam zu Instrumenten und was das ergab, kann ich auf dieser Scheibe hören. Auch Julian singt mit!

Auf dem Cover sehe ich einen goldenen Hügel. Darauf eine Schafherde. Daneben zwei Typen. Verschwommen. Nicht erkennbar, um wen es sich handelt. Der Hintergrund eine blaue Flasche, riesig, mit goldenen Rand.

Die Aufnahme auf der Platte wurde live mitgeschnitten. Die Idee daraus eine Platte zu machen entstand erst, als sich die Freunde die Aufnahme später anhörten.

Der Auftritt fand statt, und das ist unglaublich: im Café Notfall!

Die Gäste an diesem Abend erschienen zahlreich. Die Stimmung war gut, das kann man auf der Platte hören. Das Ergebnis des Abends war – neben der Schallplatte – ein neuer Arbeitsplatz, die Einstellung eines Türstehers. Die Gäste waren Schüler, Schulfreunde und sonstige Freunde der beiden.

Angekündigt war das Konzert der „Fleecy Clouds In Paradise“ ab einundzwanzig Uhr. Durch Mundpropaganda in der Schule und überall wo möglich, sorgten wir dafür, dass die Kneipe schon um sechs Uhr Abends rappel voll war. Die Gäste brachten ihre Drinks größtenteils selbst mit. Der Wirt merkte es zu spät. Den Laden zu räumen, hätte Polizeigewalt erfordert.

Die Demoaufnahme, wegen welcher der Wirt das Konzert, in Erwartung gesetzter Champagnerstimmung an seiner Bar, zuließ hatte keine Ähnlichkeit mit der Livemusik.

Die Parkplätze vor der Türe und näheren Umgebung standen voll mit Rostlauben. Johann, Georg und James steuerten gleich die nächsten Etablissements an.

Die Idee, aus dem Lärm eine Platte zu machen wuchs auf Marks Mist.

Er bot sich als Manager an. Das brachte nicht viel Geld, aber es reichte, den Lebensstandard Julians, an den von Nils an zu passen.

 

Nils fand neben der Schule einen Job der ihm heute noch Spaß macht und ein wenig Geld für die Miete einbringt. Er schreibt Texte für und gegen das Leben, wie er es erlebt und brüllt sie sogar auf verschiedenen Bühnen aus sich raus. Häufig liegt dabei Assya gelangweilt neben ihm. Sie springt hin und wieder auf und wedelt mit dem Schwanz. Julian trinkt irgendwo im Publikum ein Bier. Er sorgt dafür, dass sich die Menschen weniger über den kritikwürdigen schlechten Darsteller auf der Bühne, als über den Geruch und das Leben von Schafen unterhalten.

Von dieser Arbeit können beide leben. Sie werden nicht reich werden.

 

Ende der Geschichte.

 

Nils knipste die Schreibtischlampe aus. Es war bereits taghell. Julian räkelte sich neben ihm im braunen Kunstledersofa.

Ich: „Noch eine letzte Frage an euch beide: Wie wird euer Leben weiter gehen?“

Julian: „Vermutlich werden wir uns wieder trennen. Wir sind zu unterschiedlich. Das ist das Leben. Nils ein Städter, ich ein Ländler. Der Tag X war hart für mich, obwohl ich ihn irgendwann erwartete. Brüche sind unser Leben. Ich liebe Schafe, Assya und die Berge. Die Stadt kann nur ein Übergang für mich sein.“

Nils: „Ich werde Betriebswirtschaft studieren. dass wir uns trennen sehe ich heute noch nicht. Aber vielleicht.

Trinken wir noch ein Bier?“