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Wenigstens Geburtstag – Erzählung

Am achtzehnten Geburtstag durchreist Bernado Wenigstens das Leben bei seinen Eltern, die für nur fünf Jahre seine Eltern gewesen waren. Einsam fährt der Achtzehnjärige an diesem Tag des Umzuges in seine neue Zukunft. Er reist von Station zu Station seines zu Ende gehenden Aufenthaltes bei den Eltern.

Der Geburtstag wird zu einem Tag der Suche nach Erklärungen und des Findens immer wieder gleicher Begründungen. Das geschieht in ständig abgewandelten Wiederholungen, was letztlich die Methode der Erzählung ist.

Eine Last wird am Geburtstag von Bernado Wenigstens erneut untersucht und erlebt: Der Bus in dem er sitzt, um in die Kreisstadt zu gelangen, kann gerade noch rechtzeitig Bremsen. Bernado Wenigstens wird deshalb übel. Das waren die Jahre bei den Eltern. Glück zu Unglück,  Gewissen zur Last.

Impressum
Bernd Thümmel
Wenigstens Geburtstag – Erzählung Erstveröffentlichung 2019, Aktualisierung und Veröffentlichung  als N-Book® am 30.08.2019

Titelgestaltung:  Bernd Thümmel
Alle verwendeten Fotos und Bilder: Bernd Thümmel
Alle Texte: Bernd Thümmel

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Alle Personen und geschilderten Ereignisse entspringen nicht nur der freien Phantasie des Autors. Personen und Handlungen sind vom Autor nicht nur frei erfunden und haben nicht ausschließlich keinen Bezug zu lebenden Personen oder realen Geschehnissen. Alle genannten Orte und geschilderten Geschehnisse an diesen Orten sind vom Autor teilweise frei erfunden, genauso wie alle geschilderten Häuser, Wohnungen, Landschaften, Städte, Dörfer, Bilder, Fotos usw.

1. Das neue Zimmer

Nachmittags war ich neben meiner Mutter auf dem ledernen Beifahrersitz von deren großer Limousine gesessen. Obwohl ich ein großer Jugendlicher war, kam ich mir im Ledersitz des luxuriösen Fahrzeuges klein vor. Die Mutter steuerte den schweren Wagen vorsichtig die steile Straße hinunter. Sie bremste, nachdem die Reifen ratternd die Bahngleise überwunden hatten. Sekunden später kam die steil abfallende Kurve. Vor Jahren war ich mit meinem Fahrrad über sie hinausgetragen worden.

Die Mutter hatte das Lenkrad stets sicher im Griff ihrer großen Hände. So auch während unserer letzten gemeinsamen Autofahrt. Sie fuhr schwungvoll aber nicht hastig. Sie fuhr zügig, raste aber nicht. Geübt überblickte sie bei jeder Bergfahrt die steilen Kurven, reduzierte die Geschwindigkeit, bevor ein schwerer Lastwagen in der Kurve zu nahe an ihren Wagen herankam.

Für die Mutter ist Sicherheit sehr wichtig. Das gilt nicht nur für das Autofahren. So wie es an dem Nachmittag darum ging, sicherzustellen, dass ich ab heute ein neues Zimmer habe, in dem ich wohnen kann, war es ihr in den zurückliegenden Jahren immer darum gegangen, dass ich in sicheren und geordneten Verhältnissen lebte.

Das Haus mit meinem neuen Zimmer liegt auf einer kleinen Anhöhe direkt an einer viel befahrenen Bahnlinie. Frau Stößer ist meine neue Vermieterin. Sie ist eine sonnengebräunte, wohlgenährte Dame, trägt ausladendes, dauergewelltes, rotbraunes Haar, dazu eine große, getönte Brille. Sie begrüßte meine Mutter und mich an dem sonnigen Nachmittag in bayerischem Dialekt. Ich kenne den Ton sehr gut, denn seit vielen Jahren lebe ich in Bayern.

Den Dialekt habe ich von den Klassenkameraden in Berchtesgaden bestens zu verstehen gelernt. Meine Zeit auf der Grundschule, der Hauptschule, der Realschule und nun auch in Traunstein, auf der Fachoberschule, war und bin ich mit diesem Dialekt konfrontiert. Ich selbst bin davon nicht verschont geblieben. Ich spreche den Dialekt nicht wirklich, sondern ich versuche mich an das Hochdeutsche zu halten. Treffe ich Leute, die nicht aus Bayern stammen, muss ich mir aber sagen lassen, dass ich mir einen arroganten Tonfall angewöhnt hätte. Das sei der Ton, den man aus dem Fernsehen von Franz Josef Strauß und Gerold Tandler kenne. Es schwinge eine verachtende Note mit. Seitdem ich das weiß, achte ich auf meine Aussprache.

Mit den beiden Herren möchte ich nicht gerne verglichen werden. Solche kenne ich aus der Schule. Es sind diejenigen, die Bayern nicht nur deshalb lieben, weil das Land schön und die Umwelt rein ist, sondern weil sie überzeugt sind, dass in dieses Land nur Menschen gehören, die es auch verdient habe. Fremde, wie ich, die aus einem anderen Bundesland stammen, oder gar Ausländer, gehören nicht dazu und werden entsprechend ablehnend behandelt.

In Berchtesgaden habe ich den Dialekt so gut zu verstehen gelernt, dass er mir heute geläufig in den Ohren klingt, wie das Hochdeutsche. Ich war sehr froh, dass mein Deutschlehrer in der Realschule großen Wert darauf gelegt hatte, dass Bayerisch nicht die deutsche Amtssprache ist. Auch er stammte nicht aus Bayern. Wahrscheinlich deshalb hatte er sich gegenüber manchem Schüler das Ziel gesetzt, ihn nicht aus seinem jahrelangen Unterricht zu entlassen, ohne dem eine gehörige Portion Hochdeutsch bei gebracht zu haben. Dafür eigneten sich deutsche Gedichte und das Vorlesen von Klassikern. Der Deutschlehrer fand sichtliche Freude daran, den arroganten Tonfall des Josef Hintermaier in unbeholfenes Hochdeutsch mit bayerischem Akzent zu verwandeln. Dass er im Schulbus der „hinterfotziger Saupreiß“ war, weil er „a Zuagroaster Dampfpauderer“ war, sagte dem Lehrer natürlich keiner. Dafür fehlte der „Schneid“ und das wäre der Arroganz dann doch zu viel gewesen.

Weil ich mit dem Hochdeutschen keinerlei Probleme habe, war ich gegenüber den bayerischen Klassenkameraden zumindest im Deutschunterricht oft im Vorteil. Wegen meiner klaren Aussprache hatte ich wenig Mühe. Deren Beschimpfungen im Schulbus galten auch mir, denn ich war der einzige, der fremd war.

Die bayerischen Klassenkameraden mussten sich bemühen, den Dialekt soweit zu mäßigen, dass der Deutschlehrer sie nicht bei jedem zweiten Satz um Wiederholung bat. Meine Probleme lagen eher in der Schriftform des Deutschen. Orthographie und Interpunktion waren Gründe, derentwegen ich nachmittags mit der Mutter am Esstisch saß. Sie übte mit mir das Diktatschreiben.

Auch in vielen anderen Schulfächern, wie Englisch und Mathematik bemühte sich die Mutter jahrelang jeden Nachmittag um mich. Bevor ich auf die Realschule wechseln konnte, war ich ein sehr schlechter Schüler. Grund- und Hauptschule waren nutzlos an mir vorüber gezogen. Erst als die Mutter in mein Leben trat, fanden Schule und Lehrinhalte einen Weg in meinen Kopf. Ich begriff Schule als Ort des Lernens erst, nachdem ich die siebte Klasse auf der Realschule wiederholen musste.

Weil ich zuvor nie sitzen geblieben war, war die Mutter überzeugt, dass ich in der Schule weit mehr zuwege bringen könnte. Deshalb begann sie, die Zeit am Nachmittag für mich zu verwenden. Meinetwegen hatte sie ihre Arbeit im Geschäft aufgegeben. Sie wollte helfen einen Weg zu finden meine Schulleistungen zu verbessern. Tatsächlich hatte ich begonnen, in meinem Gehirn Platz frei zu räumen für die Schule. Die Mutter hatte mit mir unendlich scheinende Geduld. Deren Geduld habe ich es zu verdanken, dass ich in der Schule zu lernen gelernt habe.

Wie mag es dazu gekommen sein, dass ein auffälliger Mensch, mit so einer breiten, ausladenden Frisur, eine solch piepsige, laute und schrille Stimme hat? Frau Stößer ist in meinen Augen allein schon wegen deren Frisur eine sehr auffällige Person. Da ist es doch nicht nötig, eine schrille, laute Stimme zu haben. Wäre sie klein und zierlich, das wäre etwas andres. Wäre sie nicht so eine stämmige Person, hätte sie nicht so eine riesige Mähne über dem breiten Gesicht, dann fände ich deren Gekreische verständlich, denn sie müsste versuchen, sich mit ihrer Stimme bemerkbar zu machen. Mit der Frisur und der getönten Riesenbrille, ist Frau Stößer nicht übersehbar. Das waren die Gedanken in meinem Kopf. Frau Stößer rief von deren Haustüre:

„Ja grüßt Sie Gott! Sie zwoa san bestimmt wega dem Zimmer da!“

Umständlich versuchte sie schlüsselklimpernd das mehrere Meter hohe, schmiedeeiserne Tor zu öffnen. Das liegt zwischen einer breiten Doppelgarage und einem mächtigen Gartenzaun. Ich war versucht, meine Hilfe anzubieten. Dachte an klemmende Schlösser, die ich alle schon geöffnet hatte. Es gab immer einen Kniff. Einmal musste der Schlüssel leicht nach oben, unten oder zur Seite gedrückt werden, oder eine klemmende Stelle musste durch sanften Drück in eine Richtung überwunden werden. In diesem Moment donnerte auf den Gleisen hinter uns ein Schnellzug, aus Salzburg kommend in Richtung München vorbei. Der Lärm war so ohrenbetäubend, dass Frau Stößer ihre begrüßenden Worte abbrach. Der Schnellzug und dessen dröhnender Lärm waren für mich vom ersten Tag an keine Belästigung.

Das war ein Augenblick der Erinnerung. Die Frau und der Lärm weckten ein Bild in mir. Mein Vater hatte die Stiefmutter vor Jahren geheiratet. Sie war breit und ausladend gebaut. Sie trug einen grünen, im Wind wehenden Haushaltskittel und sie war eine kreischende Person. In der Tasche ihres grünen Haushaltskittels klimperte ein dicker Schlüsselbund. Mein Vater hatte mit der Heirat die Hoffnung verknüpft, dass er mit den Kindern wieder in einer Wohnung oder einem Haus zusammenleben konnte. Aber die Stiefmutter hatte sich als unbeherrscht, jähzornig, giftig kreischend, auf die Kinder einschlagend entpuppt.

Der Vater konnte dem nichts entgegenstellen. Die Armut zwang ihn, täglich von frühem Morgen bis in den Abend hinein zur Arbeit zu gehen. Von der kreischenden Stiefmutter hörte er abends deren Beschwerden über die Kinder. Das waren stets die gleichen. Schlechte Schulleistungen, miserable Hefteinträge, saumäßige Schrift der Kinder, viele Fehler in den Schulheften. Später begann auch der Vater, angespornt von der Stiefmutter, abends auf die Kinder einzuschlagen. Kinder müssten regelmäßig geschlagen werden, denn sonst würde nichts aus ihnen. Es entstand ein Kreislauf in dem sich die Gewalt er kreischenden Frau, die Anforderung in der Schule und meine Leistungsunfähigkeit immer schneller um mich herum drehten. An Lernen für die Schule oder für das Leben konnte ich nicht denken.

Frau Stößer führte uns durch eine schwere, dunkelbraune Eichentür in ihr Haus. Neben der Haustüre stieg sie schwerfällig eine steile Steintreppe hinauf in den ersten Stock. Oben ist es heller als im Hauseingang. Die Dachschrägen sind mit hellem Holz verkleidet.

Sie lotste uns in mein neues Zimmer. Meine Mutter lächelte sehr zufrieden.Ich zeigte mich auch äußerst zufrieden. Wie meine Mutter lächelte und nickte ich, um Frau Stößer meine Zufriedenheit zu zeigen. Gesagt habe ich aber nichts. Das überließ ich der Mutter. Beide, die Mutter und Frau Stößer gingen durch das kleine Zimmer, während ich in der Tür stehen blieb. Die Mutter erklärte Frau Stößer, dass ich wegen dem Besuch der Fachoberschule nach Traunstein ziehen würde. Die Schule sei der Grund, sagte sie, und sie erklärte Frau Stößer, wo ich am besten meinen Schreibtisch, den Schrank und das Bett hinstelle.

Eine knappe Stunde zuvor, während der Fahrt im Wagen neben der Mutter, war mir klar geworden, dass ich mich mit dem Zimmer sehr zufrieden geben würde. Ich hatte mir in meinem Kopf vergegenwärtigt, dass ich dieses Zimmer, sollte die Vermieterin Frau Stößer es mir tatsächlich geben wollen, auf jeden Fall nehmen würde. Für mich war schon während der Autofahrt zu Frau Stößer klar geworden, dass dieses Zimmer, egal wie es aussehen mochte, von mir dankbar angenommen würde, weil es wohl das letzte Angebot sein sollte, das ich von der Mutter zu erwarten hatte.

Im Wagen, im großen Ledersitz neben der routiniert fahrenden Mutter war für mich zweifellos und vollkommen klar geworden, dass ich diese letzte Bemühung der Mutter, welche sie für mich unternahm, dieses kleine Zimmer neben der Bahnlinie im Haus von Frau Stößer zu organisieren, ihren arbeitsreichen Nachmittag ein letztes Mal für mich zu verwenden, um mit mir zusammen Frau Stößer einen Besuch abzustatten, dass diese Leistung der Mutter von mir dankbar angenommen werden muss. Deshalb hatte ich beschlossen, egal was Frau Stößer für ein Angebot an diesem Nachmittag machen würde, dieses dankbar anzunehmen. Im Sitz neben der Mutter hatte ich mich daran erinnert, dass ich es mir nicht leisten kann, eine Anspruchshaltung gegenüber den Leistungen der Eltern an den Tag zu legen. In den zurück liegenden Jahren war klar geworden, dass ich dafür dankbar zu sein habe, dass die Eltern mich in ihrem Hause aufgenommen hatten. Ich erinnerte mich daran, dass ich diese notwendige-, weil von den Eltern erwartete Dankbarkeit erst mühsam erlernen musste.

Nachdem ich im Alter von dreizehn Jahren in den Haushalt der Mutter und des Vaters gekommen war, musste ich vollkommen neu eingekleidet werden. Meine Bekleidung bestand aus heruntergekommenen, abgetragenen Kleiderspenden und sie war mir zu klein. Ich glaube das war der erste Nachmittag, den sie für mich frei genommen hatte. Die Mutter war mit mir einen Nachmittag lang in Bekleidungsgeschäften im Ort unterwegs gewesen. Dort hatte ich viele verschiedene Kleidungsstücke anprobiert. Die Läden verließen wir, nachdem für mich eine komplett neue Garderobe erstanden worden war. An diesem ersten Nachmittag, den die Mutter mit mir verbracht hatte, war mit mir etwas Seltsames geschehen. Im Laden hatte ich das eine oder andere Kleidungsstück, das ein Verkäufer hervorgezogen hatte, ablehnend beäugt. Ich konnte mir nicht vorstellen in solch auffällig farbenprächtigen neuen Klamotten in die Schule zu gehen. Ich war es nicht gewohnt gewesen, zusammen mit einer Frau, die erst Wochen zuvor meine neue Mutter geworden war, neue Kleidung einzukaufen. Ich war gebrauchte, abgewetzte Kleidung gewohnt, die in Säcken angeliefert wurde, aus denen ich mir etwas herausziehen durfte. Die Situation in den Läden war für mich fremd und verunsichernd.

Dass die Mutter von mir anstatt Unsicherheit oder gar Ablehnung der neuen Kleidung klare Zeichen oder Worte meiner Dankbarkeit erwartet hatte, konnte ich an diesem Nachmittag noch nicht ahnen. Dankbarkeit zu zeigen, zu äußern, dass mir die Kleidung gefällt, zu sagen, was meine Lieblingsfarbe ist, mich zu freuen darüber, dass ich endlich eine nagelneue Jeans bekomme und die neuen Schuhe gleich dazu, das war mir bis zu diesem Tag schlicht unbekannt. Ich spürte an diesem ersten Nachmittag mit der Mutter, dass mein Verhalten in den Läden für die Mutter enttäuschend gewesen war. Anstatt mich richtig zu freuen und bei ihr zu bedanken, hatte ich den Angeboten von Verkäufern und Mutter, den Empfehlungen für bestimmte Kleidung nur zugestimmt. Ich hatte der Erwartung zu danken nicht entsprochen. Ich hatte mich von Beginn an als undankbar erwiesen.

Vielleicht hatte schon an diesem ersten Einkaufsnachmittag mit der Mutter in den Bekleidungsgeschäften im Gebirgsort die Enttäuschung der Mutter begonnen. Vielleicht war bereits an diesem ersten Nachmittag ein kleiner Grundstein für das gelegt worden, was sich über die dann folgenden Jahre kontinuierlich zwischen die Eltern und mich gefressen hatte. Über die Jahre hatte das schließlich ein Ausmaß, eine Dimension erreicht, die zwischen den Eltern und mir eindeutig klar gemacht hatte, dass die Beziehung zwischen uns am heutigen Tag enden muss.

Im großen Ledersessel im Wagen neben der Mutter spürte ich an dem Nachmittag auf dem Weg zu Frau Stößer die tiefe Kluft, die zwischen den Eltern und mir von Beginn an durch mein enttäuschendes, verletzendes und undankbares Verhalten aufgerissen worden war. Ich hatte die Mutter von Anfang an enttäuscht. Ich hatte sie verletzt, weil ich nicht in der Lage gewesen war, die Erwartung der Eltern rechtzeitig zu erkennen. Ich hatte nicht rechtzeitig erkannt, dass ich verpflichtet gewesen wäre, für alles was die Eltern mir entgegengebracht hatten, regelmäßig und eindeutig meine Dankbarkeit zu zeigen. Ich glaube, es wäre für die Beziehung zwischen den Eltern und mir sehr wichtig gewesen. Es wäre außerordentlich wichtig gewesen, viel mehr dankbare Zurückhaltung zu zeigen. Das habe ich erst heute verstanden.

Frau Stößer freute sich über unsere zufriedenen Minen und die Worte der Mutter. Sie hatte gelächelt und gesagt: „Des is wirklich a wunderschöns Studentenzimmer geh? Nicht zu klein und nicht zu groß!“ Mit diesen Worten führte sie uns in einen Raum neben dem Zimmer. Es ist ein Badezimmer mit Toilette, Dusche und einem Waschbecken. Im Badezimmer hatte Frau Stößer erklärt, dass sie mit ihrem Mann unten wohne, wo sie noch ein weiteres Badezimmer habe. Deshalb würde dieses Bad zunächst nur mir zur Verfügung stehen, solange sie nicht ein weiteres Zimmer im Obergeschoss, das noch leer stünde, vermietet hätte. Dann waren wir ihr in einen weiteren Raum gefolgt. In diesem großen hellen Raum, seine großen Fenster weisen hinunter Richtung Tal und Stadtkern, findet sich eine kleine einfache Küchenzeile. Die Küche darf ich benutzen, wenn ich dafür Sorge, dass sie sauber bleibt. An einem Tag in der Woche, dem Dienstag, darf ich die Küche nicht benutzen. Dienstags lädt Frau Stößer in diesen großen Raum eine Gruppe von Damen ein. An einem großen Tisch in der Mitte des Raumes basteln die Damen mit Frau Stößer für Wohltätigkeitsbazare und den jährlichen Weihnachtsmarkt.

Weil Frau Stößer an diesem Nachmittag sofort festgestellt hatte, dass die Mutter und ich begeistert waren von ihrem Mietangebot, hatte sie uns auf ihre Terrasse in ihren Garten eingeladen. Dort servierte sie aus einem kleinen goldumrandeten Kännchen und ebensolchen Tässchen Tee. Vom Garten hat man einen herrlichen Blick über die Dächer der Stadt auf einen breiten Fluss, der die Stadt durchfließt. Im Hintergrund sieht man die hohen Berge. Zwischen denen liegt der Gebirgsort; in dem ich bis zum heutigen Tag wohne. Frau Stößer hatte bereits den Mietvertrag vorbereitet. Er hält fest, dass ich das Zimmer miete und Bad mit Küche „zweckgemäß“ mitbenutzen darf. Weil Frau Stößer an diesem Nachmittag sofort Vertrauen in mich und meine Mutter geschöpft hatte, und weil die Mutter und ich deutlich gezeigt hatten, dass dieses Zimmer für mich genau richtig ist, hatte Frau Stößer sofort den Vertrag angeboten. Ohne weitere Bedenkzeit unterschrieben wir alle drei.

Im Vertrag ist das heutige Datum als mein Einzugstag festgehalten.

2. Busfahrt in die nächste Kreisstadt

Neben mir schwitzt eine alte Frau. Seit der Abfahrt des Busses am Bahnhofsvorplatz hat sie mich keines Blickes gewürdigt. Weil ich mich neben die alte Frau gesetzt habe, musste sie zwei randvolle Einkaufstüten auf den Schoß nehmen. Vielleicht ist das der Grund für deren unbewegten Blick nach vorne. Ist es eine Erklärung dafür, dass sie auf meine höfliche Begrüßung kaum reagiert hat? Ich hatte „Grüß Gott“ gesagt und dabei freundlich gelächelt. Ich hatte die Frau genötigt, die Einkaufstüten vom freien Sitzplatz auf den Schoß zu zerren. Ich ließ mich neben ihr nieder, sagte leise „vielen Dank“.

Der Busbahnhof liegt gute zwanzig Minuten zurück. Der Bus hat sich seit Fahrtantritt bereits ein bisschen geleert. Meinen Sitzplatz habe ich noch nicht gewechselt. Die alte Dame muss weiter die beiden Einkaufstüten auf ihrem Schoß behalten. Ich habe das Gefühl, es könnte unhöflich sein, jetzt aufzustehen, um einen der freien Sitzplätze in den vorderen Reihen einzunehmen.

Ein schwüler, heißer Sommertag. Ich sitze in einer der hinteren Sitzreihen, in dem immer noch gut besetzten gelben Bus der öffentlichen Nahverkehrsbetriebe. Die Route führt mich durch den Ort über die Landstraße, durch mehrere grüne Täler, durch kleine Orte zur Kreisstadt. Bis dorthin sind es etwa zwanzig Kilometer.

Es könnte sein, dass die Frau ihren Blick so unbeweglich nach vorne richtet, weil ihr von der schnellen Fahrt auf der kurvenreichen Straße durch die gebirgige Landschaft inzwischen schlecht geworden ist.

Ich habe schon oft davon gehört, dass es bei Busfahrten hilfreich ist, den Blick nach vorne durch die Windschutzscheibe auf die Straße zu richten. Sehr hilfreich soll das vor allem dann sein, wenn die Fahrt ein flaues Gefühl in der Magengegend auslöst. Sollte der alten Frau neben mir tatsächlich ein wenig schlecht geworden sein, wegen des schwungvollen Lenkens des Busfahrers und wegen der Geschwindigkeit, die der Mann seinem monströsen Fahrzeug zumutet? Ich glaube dann könnte die Frau Abhilfe schaffen, indem sie ihren Sitzplatz wechselt, um einen der freien Sitzplätze weiter vorne zu erreichen.

Ich habe gehört, dass es bei einem so schwungvollen Fahrstil, wie ihn der Fahrer des gelben Busses pflegt, für die Fahrgäste hilfreich wäre, so weit als möglich vorne zu sitzen, weil dort das Gefährt weniger stark schaukelt. Vielleicht kann die Frau es gar nicht schaffen einen anderen Platz aufzusuchen. Ist ihr bereits so schlecht geworden, dass sie, wegen der Schaukelei nicht aufstehen kann? Dann bleibt ihr nur, den Blick starr auf die Fahrbahn nach vorne zu richten.

Ich frage sie nicht, ob sie sich auch so unwohl fühlt, wie ich, ob ihr wegen des Schaukelns vielleicht schlecht geworden ist. Starr schaue ich über die vielen Sitzreihen hinweg über die Köpfe der Fahrgäste. Ich blicke durch die riesige Windschutzscheibe hinaus auf die Fahrbahn.

Der Busfahrer benutzt die Motorbremse. Er schaltet einen Gang nach dem anderen hinunter. Die kurvige Straße fällt steil hinab. Sie ist zweispurig aber trotzdem eng. Auf der Gegenfahrbahn kommen Autos, große Lastwagen und Busse. Das nötigt den Busfahrer immer kräftig zu bremsen. In den engen Kurven sieht es aus, als seien nur Zentimeter zwischen Nahverkehrsbus und entgegenkommenden Lastwagen. Der harte Aufprall, den ich jeden Augenblick befürchte, bleibt aus.

Sekundenlang habe ich die Augen geschlossen. Ich öffne meine zwanghaft zusammen gepressten Augen. Vorne erkenne ich den Busfahrer. Er wirkt wie ein sportlicher Reiter, der jede steile Kurve mit diesem Monster von Bus bezwingt. In jede Kurve neigt sich der Mann, beide Hände am großen Lenkrad des Monsters festgekrallt. Mich erinnert das ein bisschen an einen Rodeoreiter. Der Fahrer sieht aus wie einer, der am Knauf des Sattels eines unbezwingbar wilden Pferdes festhält. Dabei scheint es fast egal zu sein, wohin dieses riesige Ross seinen Reiter zu schleudern versucht. Trotz der wilden Schaukelei schafft es der reitende Steuermann, sich heldenhaft in jede Kurve zu neigen, die das Monstrum vorzugeben scheint. Der Fahrer gibt die Kontrolle über Richtung und Geschwindigkeit nicht aus der Hand. Das Ungetüm schlägt nicht irgendeine beliebige Richtung ein.

Die Fahrgäste, drücken sich ängstlich in die braunen Kunstlederrückenlehnen. Hier im Bus reitet niemand wie auf einem Rodeopferd! Der Busfahrer kennt jede Reaktion, die dieses Riesenviech von sich gibt, während er es die Gebirgsstraße entlang treibt.

In den vergangenen Monaten war ich diese Strecke mehrfach mit einem Auto hinauf und hinunter gefahren. Ich war neben der Vorbereitung auf meine Abschlussprüfungen in der Schule, damit befasst gewesen, das Autofahren im praktischen, wie im theoretischen zu erlernen. Der Fahrlehrer hatte mich während der kurvenreichen Fahrt auf der Strecke die der Busfahrer gerade hinunter steuert, stets darauf aufmerksam gemacht, dass die Straße breit ist und sicher genug befestigt sei. Deshalb, so belehrte mich der Fahrlehrer, solle ich die Straße nicht im Schneckentempo befahren. „Sie dürfen ruhig die Bremsen des Autos ein wenig schonen“. Das waren mehrmals die Worte des Fahrlehrers gewesen, wenn ich die Anhöhe erreicht hatte.

Die Anhöhe liegt kurz vor den Bahngleisen über die der gelbe Nahverkehrsbus vor Minuten ungebremst gedonnert war. Unmittelbar nach diesen Gleisen führt die Straße in eine steile, stark abfallende Kurve. Vor dieser Kurve hatte ich in den Fahrstunden stets sofort das Bremspedal betätigt. Immer wenn ich diese Kurve sehe, denke ich daran, dass die Leitplanke das Fahrzeug keinesfalls davon abhalten würde die Böschung dahinter hinab zu stürzen. Ich kenne den steilen Abhang hinter der Leitplanke. Über scharfe Felsbrocken führt er etwa dreißig Meter hinunter in den Wald.

Einmal vor Jahren war ich auf meinem Fahrrad aus dieser Kurve getragen worden. Ich hatte versucht die Kurve ungebremst, wie dieser Busfahrer es eben getan hat, zu passieren. Deshalb war ich über die Leitplanke geflogen. Mein Fahrrad war zunächst scheppernd von der Leitplanke abgebremst worden, es flog schließlich hinter mir her. Ich war mit der Schulter auf einen großen Felsen gestürzt, einige Meter über die scharfen Kanten abgerutscht, und fand schließlich an einem kleinen Nadelbaum Halt. Ich hatte Glück im Unglück gehabt, denn ich hatte bei diesem Unfall nur grobe Schürfwunden davongetragen. Mein Fahrrad war vom Fels wie ein Gummiball abgeprallt und sauste in einem weiten Bogen über meinen Kopf und die kleine Tanne, an der ich mich festgekrallt hatte, hinweg.

An diesen Sturz dachte ich jetzt wieder, weil wir gerade die Kurve passiert haben. Deshalb habe ich im Sitz neben der unbekannten alten Frau, kurz bevor der Fahrer diese Kurve nahm, meine Augen wieder krampfhaft zugedrückt. Der Busfahrer hat diese Kurve ebenso routiniert und sicher bezwungen, wie alle anderen auf dieser mir gut bekannten kurvigen Bergstraße.

Seitdem mein Fahrlehrer festgestellt hatte, dass mich mein Sicherheitsbedürfnis vor dieser Kurve stets zu bremsen und zu vielleicht tatsächlich übertrieben langsamer Fahrt zwingt, war er mit mir in beinahe jeder Fahrstunde diese Strecke entlang gefahren. Jedes Mal vor dieser Kurve kehrt sofort meine Erinnerung an meinen Sturz vom Fahrrad wieder. Ich glaube der Fahrlehrer hat die Vorstellung, dass er seinen Schülern Ängste vor bestimmten Strecken nimmt, indem er sie möglichst oft auf diesen bestimmten Strecken fahren lässt. Wahrscheinlich glaubt er, dass seine Schüler durch viel Übung am besten lernen, solche gefährlichen Strecken sicher zu durchfahren. Bei mir wirkt das nicht. Ich glaube sogar, das Gegenteil ist der Fall. Das habe ich vor Minuten festgestellt. Kurz bevor der Busfahrer in diese Kurve gefahren war habe ich reflexartig meinen rechten Fuß angehoben. Vergeblich hatte ich versucht auf dem Boden vor mir ein Bremspedal zu betätigen, dabei hatte ich meine Augen kurz vor der Kurve ängstlich zugedrückt.

Nachdem wir vor Sekunden diese Kurve passiert haben, spüre ich jetzt in meinem Magen ein flaues Gefühl. Deshalb richte ich meinen Blick starr nach vorne und schaue durch die Windschutzscheibe. Mit beiden Armen stütze ich mich auf dem Sitz vor mir ab.

Draußen fliegen grüne Laub- und Nadelbäume vorbei. Die Straße schlängelt sich steiler und steiler hinunter. In den Kurven fliegen entgegenkommende Reisebusse und Lastwagen dicht an den Seitenscheiben des Nahverkehrsbusses vorbei. Ich spüre plötzlich ein Gefühl, wie ich es kenne, wenn ich mich auf einem Volksfest in ein Karussell setze. Weil ich das kenne, habe ich mich seit vielen Jahren nicht mehr in ein Karussell gesetzt, denn einmal war mir in einem Karussell so schlecht geworden, dass ich mich noch vor Fahrtende übergeben musste.

Jetzt höre ich ein lautes und sehr hohes Quietschen der Bremsen. Eine weitere scharfe Kurve steht bevor. Die Motorbremse reicht nicht aus. Ein Doppeldeckerreisebus kommt schwungvoll in der steil ansteigenden Kurve entgegen. Ich kenne diese Straße gut. Ich bin schon oft hier gefahren. Die Straße, so hatte der Fahrlehrer immer gesagt, ist breit genug. Zum ersten Mal erlebe ich es jetzt, dass sie nicht breit genug ist. Ich wünschte, der Fahrlehrer säße neben mir. Stattdessen sitz dort diese alte unbekannte Frau. Heute könnte ich mein Abbremsen vor der scharfen Kurve nach der Anhöhe gut begründen. Heute könnte ich seine Hinweise auf die Straßenbreite und seine Anspielungen auf mein überflüssiges Gebremse sehr gut begründet abschmettern. Dem Fahrlehrer würde heute buchstäblich Hören und Sehen vergehen, denn zum ersten Mal müsste er einsehen, dass die Straße eben nicht breit genug ist. Kommt der Bus endlich zum Stehen? Das Gequietsche ist ohrenbetäubend. Ich stemme mich gegen den Vordersitz. Ein Ruck geht durch den Bus. Ich glaube jetzt steht er. Das Geschaukle hat aufgehört. Das Gequietsche von den Bremsen ist vorbei. Ich höre nur noch das Rattern des Dieselmotors. Ich öffne meine Augen. Jetzt höre und sehe ich die Fahrgäste im Bus wieder. Ich glaube, sekundenlang hatten alle Mitfahrenden genauso wie ich die Augen geschlossen und den Atem angehalten. Ich glaube allen Menschen im Bus war sekundenlang klar geworden, dass der Bus jetzt entweder stehen bleibt, oder dass es kracht. Ich stehe nicht auf, wie viele andere Fahrgäste es jetzt neugierig tun. Ich bin nervös, aufgeregt und beunruhigt, wie alle anderen Fahrgäste. Trotzdem bleibe ich ruhig sitzen, genauso wie die alte schweigende Dame neben mir. Das tun wir, weil uns beiden sehr schlecht geworden ist. Ich lasse meinen Kopf weiterhin auf meinen Armen auf dem Vordersitz liegen und versuche an etwas anderes als diese Busfahrt zu denken. Mit Gewalt versuche ich mein Denken an einen anderen Ort zu entführen. Doch es mag mir nicht recht gelingen, denn ich bin zu aufgeregt. Ich schaffe es nicht, an etwas anderes zu denken als an das, was in diesen Minuten um mich herum geschieht. Ich nehme die Aufregung der Fahrgäste um mich herum wahr und ich nehme wahr, dass mir speiübel geworden ist.

Beinahe alle anderen Fahrgäste um mich herum erheben sich neugierig von ihren Sitzen. Sie blicken nach links durch die Fensterreihen hinaus. Auch die alte Frau neben mir will das jetzt tun. Sie will sehen, dass zwischen den beiden riesigen Vehikeln nur noch wenige Zentimeter Abstand sind. Ich glaube alle Fahrgäste im Bus, abgesehen von mir, der damit kämpft, sich von dem flauen Gefühl in seinem Magen und der Übelkeit abzulenken, wollen sehen, dass es nur wegen weniger Zentimeter die zwischen dem Lastwagen und dem Nahverkehrsbus geblieben sind, vor Sekunden nicht gekracht hat. Ich glaube die wenigen Zentimeter zwischen den Fahrzeugen haben wir dem scharfen und deshalb lauten Bremsen unseres Busfahrers zu verdanken. Ich will das nicht sehen, weil sich jetzt in mir alles zu drehen beginnt.

Die alte Frau will ihren Sitzplatz verlassen. Ich glaube, sie will jetzt endlich hinüber auf die linke Fensterseite, um sich, wie die anderen Fahrgäste, von dem minimalen Abstand zwischen beiden Fahrzeugen zu überzeugen. Deshalb knistert sie unruhig mit ihren Plastiktüten herum. Darauf reagiere ich noch nicht, denn ich habe das Gefühl als säße ich in einem immer schneller werdenden Karussell. Jetzt macht sie Anstalten aufzustehen. Ich bleibe trotzdem sitzen, weil ich spüre, dass ich im Sitz meines Karussells jetzt gleich den höchsten Punkt der Flugbahn erreichen werde.

„Is erna need guat?“ Das höre ich jetzt. Die Stimme der Frau klingt gebrechlich. Jetzt sieht sie mich von der Seite an. Ich vermeide ihr ins Gesicht zu blicken, denn ich weiß, dass ich käsebleich bin. Endlich spüre ich, dass das Karussell langsamer wird. Es muss diese einfache bayerische Frage der Frau sein, die mich jetzt anderes denken lässt. „Is erna need guat?“ Wie soll ich so eine Frage beantworten? In welcher Mundart soll ich darauf antworten? Soll ich zu erkennen geben, dass ich die Mundart dieser Frau kenne aber nicht beherrsche? Für wen hält sie mich, wenn ich nicht in dieser Mundart antworte? Für einen Touristen? Ich bin kein Tourist, wie die meisten anderen Fahrgäste. Ich bin aber auch kein Einheimischer, wie diese alte Frau, die sich gerade auf ihre Art um mein Wohlergehen erkundigt. Wer bin ich eigentlich in diesem Bus, in dieser gebirgigen Landschaft, auf dieser kurvenreichen Strecke zur nächsten Stadt? Wer bin ich in meinem Gebirgsort, den ich „meinen Gebirgsort“ nenne? Bin ich hier Zu Hause? Soll ich versuchen mich als einen „Einheimischen“ erkennen zu geben? Das könnte mir sehr leicht misslingen. Ich glaube, die alte Frau wird mich sofort als Fremdling in ihrer Heimat identifizieren. Ich fürchte es würde lächerlich wirken, wenn ich versuchte der alten Frau eine Antwort in ihrer Heimatsprache zu geben, die ich über viele Jahre meines Lebens in meinem Gebirgsort bestens kennen gelernt habe. Ich weiß nicht, wie ich mit der alten Frau reden soll. Geschweige denn, dass mir einfällt, welche Antwort ich der alten Frau auf ihre Ansprache hin geben könnte.

Weil in meinem Kopf jetzt diese vielen Gedanken wild herumgewirbelt werden, hat das Karussell schnell an Geschwindigkeit verloren. Mein Karussellsitz nähert sich langsam dem Boden. Deshalb schaffe ich es endlich, mich sehr langsam und vorsichtig von meinem Sitzplatz im Bus zu erheben. Jetzt lächle ich die alte Frau an. Ich antworte: „Nein, mir geht es gut. Vielen Dank. Aber ich glaub, ich werde mich jetzt weiter vorne hinsetzen.“

Langsam und vorsichtig arbeite ich mich durch die neugierig stehenden und hinaus schauenden Fahrgäste den Mittelgang entlang. Der Busfahrer hat inzwischen den Rückwärtsgang eingelegt. Er lässt den Motor aufheulen. Ruckartig bewegt sich der Bus einige Meter rückwärts die steile Bergstraße hinauf. Ich lasse mich in einem freien Sitz, nur wenige Reihen vom Fahrer entfernt nieder.

Auf dem Sitzplatz am Fenster neben mir sitzt ein Mann. Der Mann trägt bayerische Lederhosen. Weil sich jetzt das Karussell in mir wieder zu drehen beginnt, begrüße ich den Mann nur flüchtig. Sofort lasse ich mich neben ihm in gleicher Haltung wie zuvor neben der alten Dame nieder. Durch meine Ellenbogen auf dem Vordersitz, auf die ich meinen Kopf lege, sehe ich unten, nahe dem Fußboden den Bund der braunen Lederhose des Mannes neben mir. Ich sehe auch die grauen Wollsocken, und die schwarzen Haferlschuhe, die der Mann trägt. Ich denke, der Mann neben mir ist ein richtiger Bayer. Mein Karussell gewinnt langsam wieder an Fahrt.

Langsam rollt der Nahverkehrsbus an dem immer noch stehenden Doppeldeckerbus vorbei. Schnell erreicht der Fahrer das gleiche Tempo wie zuvor. Als sei nichts geschehen steuert er jetzt seinen Bus schwungvoll durch die nächste steil abfallende Kurve. Meine Karussellfahrt wird deshalb wieder sehr schnell.

Mir ist schlecht. Weil das so ist, versuche ich jetzt wieder an etwas anderes zu denken, als an diese Busfahrt auf der ich mich gerade befinde. Das ist meine Technik in solchen Situationen. Mit ihr versuche ich dem Problem Herr zu werden. Wenn mir richtig schlecht ist, wie jetzt, dann reicht es nicht aus, dass ich mich im Bus weit nach vorne setze und zum Fenster hinaus auf die Straße starre. Ich habe schon häufig erlebt, dass es gerade dann, wenn ich nach vorne hinausschaue, noch schlimmer wird.

Also versuche ich zunächst über den bayerischen Mann in Lederhosen neben mir nachzudenken. Ich kann ihn nicht genauer betrachten, denn würde ich jetzt aufblicken, müsste ich unweigerlich zum Fenster hinaussehen. Würde ich jetzt die draußen vorbeifliegende Landschaft sehen, könnte etwas passieren. Das Karussell, das in mir sehr schnelle Fahrt erreicht hat, würde noch schneller werden und das könnte eine Katastrophe auslösen. Ich müsste dem Busfahrer sehr schnell klar machen, dass er sein Fahrzeug stoppen muss, um mich sofort aussteigen zu lassen. Also denke ich an den bayerischen Mann neben mir und blicke dabei nicht zu ihm auf, um ihn genauer zu betrachten. Stattdessen sehe ich unten seine saubere Lederhose und seine glänzenden Haferlschuhe in denen seine grauen Wollsocken stecken.

Wahrscheinlich hat auch der bayerische Mann neben mir in der Kreisstadt einige Formalitäten zu erledigen, so denke ich jetzt. Vielleicht hat er dort einen besonders wichtigen Amtsgang vor sich. Möglicherweise steuert er, genauso wie ich, das Landratsamt an. Sicherlich, so denke ich, hat der bayerische Mann neben mir dort wichtigeres zu erledigen als ich. Sicherlich, so stelle ich es mir nun vor, um mich von meinem flauen Gefühl in meinem Magen abzulenken, sicherlich geht es bei den Geschäften denen der Mann in gepflegter Lederhose und glänzenden Haferlschuhen heute Vormittag nachgeht um viel Geld. Ich bin ganz sicher: Der bayerische Mann neben mir hat in der Kreisstadt etwas zu erledigen, dass mich gar nichts angeht. Es ist etwas, das mich nicht zu interessieren braucht, denn diesen Mann kenne ich nicht. Ich denke nur darüber nach, weil ich verhindern möchte, dass mir noch schlechter wird. Weil ich jetzt spüre, dass mein Ablenkungsversuch zu gelingen scheint, denn das Karussell in mir ist langsamer geworden, mein schummriges Gefühl aus der Magengegend ist abgeklungen, wage ich nun einen Blick nach vorne durch die Windschutzscheibe.

Endlich hat der Bus das Tal nahe der Kreisstadt erreicht. Die Kurven liegen hinter uns. Die Straße führt bei leichtem Gefälle in gerader Richtung vorbei an Feldern, Weiden, Gehöften, Landgasthöfen, Pensionen und Hotels. Am Straßenrand fliegen grüne Wiesen vorbei. Auf ihnen weiden Kühe. Rechts und links der immer flacher werdenden, schmalen Ebene erheben sich dicht bewaldete Berge. Je höher das Auge deren Gipfel erreicht, desto kahler werden die Wälder, um schließlich ganz zu verschwinden. Dort oben ragen schroffe, kahle Felswände in den Himmel empor: Dort oben entsteht bei den Menschen, die solche Wände erklimmen ein berauschendes Gefühl von schwindelerregender Höhe. Es ist das Gefühl, welches in einfachem Glück mündet, wenn man nach stundenlangem, schweißtreibendem Anstieg die kahlen Gipfel erreicht und dort nur noch das einsame Pfeifen des Windes und das penetrante Geplärre der Dohlen hört. Mancher Gipfel ist so hoch, dass selbst jetzt im Hochsommer weiße Schneeflecken auf ihnen zu erkennen sind.

Seit langer Zeit, so denke ich jetzt, ist diese Landschaft meine Heimat. Es ist sehr einfach das zu denken. Ich denke jetzt sekundenlang einfach so und fertig! Das ist doch ganz unkompliziert! Ich denke einfach und unkompliziert! Das hier, was du hier um dich herum siehst, ist deine Heimat! Das ist eine klare und einfache Sache! Es ist einfach das zu denken. Warum komplizieren, was sehr sehr einfach ist? Jetzt könnte ich Schluss machen mit dieser Geschichte, denn jetzt denke ich endlich mal ganz einfach. Wenn ich weiter so denken könnte, dann könnte ich jetzt mit dieser Geschichte aufhören: Ich lebe hier in meiner schönen gebirgigen Heimat, in der es mir gut geht! Tolle Sache, Basta, Schluss, Ende, Aus. Ich hasse Heimatromane. Weil es mir in meiner Heimat bestens geht, kann ich jetzt also Schluss machen, mit diesem Bericht. Das wär’s! Weil’s mir gut geht, und ich Heimatromane hasse, brauche ich nicht weiter zu berichten, denn unter solchen Umständen könnte nur ein billiger Heimatroman herauskommen!

Die Heimat findet sich hier. Sie liegt rund um die Strecke in die Kreisstadt, genauso wie rund um den Gebirgsort in dem der Bus vor einer halben Stunde losgefahren war. Unten im Tal erweckt die Landschaft in mir stets das Gegenteil derjenigen Gefühle, die ich auf den Gipfeln schon sehr oft erlebt habe. Unten im Tal habe ich das Gefühl zwischen den hohen Bergen eingekeilt zu sein und von der Enge zerquetscht zu werden. Unten im Tal habe ich die vielen Jahre, die ich dort bis heute verbracht habe stets den eingeschränkten Blick geliebt und gleichzeitig gehasst, der durch diese steilen Berge begrenzt wird. Unten im Tal fehlt das, was oben zur Freiheit oder gar zum Glück gehört: Die Weite. Vielleicht, so habe ich schon oft gedacht, muss ich unten im Tal mit dem Gefühl der Enge und Beschränktheit für das bezahlen, was ich oben am Gipfel genießen kann, den Blick und die Ruhe einer schier unendlich scheinenden Weite. Was davon ist mein wirkliches Leben? Das frage ich mich seit Jahren. Ist es die Weite, die sich von den Gipfeln öffnet oder ist es die Eingeschränktheit, die das enge Tal zwischen diesen Bergen vermittelt?

Jetzt lege ich meinen Kopf nicht mehr auf meine Arme auf den Vordersitz. Mein Blick bleibt vorne auf der Straße. In einiger Entfernung erkenne ich bereits die Ampel, sie steht kurz vor dem gelben Ortsschild. Ich kann nicht sagen, warum es mir jetzt wieder besser geht. Vielleicht liegt es daran, dass die kurvenreiche Fahrtstrecke zu Ende ist. Vielleicht hat es mit meiner Ablenkungstechnik in meinem Kopf zu tun. Ich weiß es nicht.

3. Amtsgang in der Kreisstadt

In der Kreisstadt gibt es direkt vor dem Landratsamt eine Bushaltestelle. Ich betätige den Signalknopf und erhebe mich, um dem Busfahrer frühzeitig zu zeigen, dass ich aussteigen möchte. Ich bin überrascht, dass ich der einzige Fahrgast bin, der beim Landratsamt aussteigt. Wenigstens von dem Bayern auf dem Sitzplatz neben mir habe ich geglaubt, dass auch der dieses Ziel hat.

Im Landratsamt kenne ich mich nicht aus. Noch nie hatte ich hier ein Geschäft zu erledigen. Bislang waren alle amtlichen Dinge, die ich zu erledigen hatte, im Rathaus meines Gebirgsdorfes ohne weiteres abzuwickeln gewesen. Das hört sich beinahe so an, als hätte ich häufig irgendwelche Dinge auf der Gemeinde zu erledigen. Das Gegenteil ist der Fall. Bislang führte mich mein Weg erst zwei Mal in die Gemeindeverwaltung des Gebirgsdorfes. Einmal hatte ich meinen Kinderausweis gegen einen Personalausweis eingetauscht, das zweite Mal, es war erst vor drei Wochen gewesen, hatte ich einen Reisepass abzuholen. Den Reisepass hatte ich beantragt, weil ich in vierzehn Tagen, während der kommenden Sommerferien, mit Freunden aus der Jugendgruppe, die ich im Gebirgsort regelmäßig besuche, eine Rucksackreise nach Griechenland unternehmen möchte.

Mein heutiger Amtsgang liegt nicht in der Zuständigkeit der Gemeindeverwaltung des Gebirgsortes. Weil ich mich im Landratsamt nicht auskenne, suche ich auf einem schwarzen Brett nach der Zimmernummer auf dem ich mich einzufinden habe. Breite Steintreppen führen durch die Stockwerke des alten Gebäudes. Schwungvoll laufe ich hinauf. Während ich jeweils zwei der niedrigen Stufen auf einmal nehme, denke ich daran, dass mir, seit ich den Nahverkehrsbus verlassen habe nicht mehr schlecht ist. Ich fühle mich wieder fit. An die Rückfahrt möchte ich jetzt noch nicht denken. Doch weil ich genau das jetzt tue, schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich wahrscheinlich spätestens bei der Rückfahrt in den Gebirgsort wieder mit meiner Übelkeit wegen dem Fahrstil eines Busfahrers zu tun bekommen werde.

Im zweiten Obergeschoss finde ich die Zimmernummer nach der ich suche. Ich öffne eine schwere Holztüre. Ich betrete einen hellen Raum mit großen, geöffneten Fenstern durch die ein heißer Luftzug herein zieht. Ich schließe hinter mir die Türe und bleibe an einem Tresen aus hellbraunem Holz stehen.

An einem Schreibtisch hinter dem Tresen sitzt mitten in dem Amtszimmer ein Mann mittleren Alters. Er blättert in einem Karteikasten. Offensichtlich sucht er nach einer bestimmten Karte. Ein anderer Mann sitzt an einem Schreibtisch vor einem der geöffneten Fenster. Er wirkt älter als der Mann in der Mitte, denn er trägt einen schwarzen Vollbart. Er tippt auf einer Schreibmaschine. Offenbar ist es ein Formular, das er zu bearbeiten hat, denn er tippt stets nur kurz und verstellt dann das eingelegte Papier um die Stelle zu suchen, ab der er weiter zu tippen hat.

Von mir haben die beiden Herren bisher noch nicht Notiz genommen. Weil beide weiterhin ihrer Tätigkeit nachgehen, bin ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt bemerkt haben, dass ich das Amtszimmer betreten habe. Weil keiner der beiden von mir Notiz nimmt, blicke ich mich weiter um. Auf dem Holztresen vor mir liegen grüne Schreibunterlagen. In einer Auslage neben dem Tresen sehe ich einige Formulare. Ich gehe an die Auslage und überprüfe, ob ein Formular dabei ist, dass ich vielleicht auszufüllen habe. Weil ich nichts Passendes für mein Anliegen finde, gehe ich zurück an den Tresen. Jetzt sehe ich in der Ecke auf dem Tresen einen an einer Halterung baumelnden Kugelschreiber. Daneben meine ich eine kleine Glocke zu erkennen, wie man sie an Hotelrezeptionen manchmal findet. Jetzt frage ich mich, ob die beiden Männer erwarten, dass ich diese Glocke kurz betätige. Weil ich glaube, dass dies der Fall sein könnte, nähere ich mich sehr langsam dieser Glocke.

Kurz vor ihr bleibe ich stehen, denn ich denke plötzlich, ich sollte sie lieber doch nicht betätigen. Weil ich der einzige Bürger bin, der jetzt in diesem Amtszimmer etwas erledigen möchte, glaube ich nicht dass dieses Gebimmel notwendig ist. Außerdem habe ich bei meinen wenigen Amtsgängen auf die Gemeindeverwaltung im Rathaus meines Gebirgsdorfes gelernt, dass man als Bürger sich während solcher Geschäfte in Geduld und Zurückhaltung zu üben hat. Bei meinem ersten Amtsgang, ich war gerade sechzehn Jahre alt geworden und war deshalb verpflichtet, den Kinderausweis gegen den Personalausweis einzutauschen, hatte ich eine sehr unschöne Szene in einem Büro, das diesem Amtszimmer in dem ich gerade warte sehr ähnlich sah, erlebt. Damals hatte sich ein junger Mann, der vor mir gewartet hatte, den Unmut eines Bediensteten zugezogen, weil er nervös auf dem Tresen der Amtsstube mit seinen Fingern herumgeklopft hatte. Ein Bediensteter, der ähnlich dem Bärtigen in diesem Amtszimmer auf einer Schreibmaschine tippte, hatte damals sein Getippe wegen des nervös Wartenden eingestellt, war flink hinter seinem Schreibtisch hervorgesprungen, und hatte sich vor dem nervösen jungen Mann aufgebaut. Dies tat er nicht, um ihn nach seinem Wunsch zu fragen, sondern der Bedienstete erklärte, dass wenn nicht sofort das nervöse Geklopfe aufhöre, garantiert niemand der geschäftig schreibenden und anderweitig arbeitenden Kollegen mit ihrer jeweiligen aktuell zu bearbeitenden Aufgabe fertig werden könne. Das erklärte der Mitarbeiter in bayerischer Direktheit und Deutlichkeit. Der junge nervöse Mann vor mir schrak sichtbar zusammen. Die zuvor nervös klopfende Hand krallte er jetzt in die Tischkante der Theke vor ihm. Verängstigt nickte er der Amtsperson respektvoll schweigend zu. Ich hatte schnell verstanden, dass ruhiges und verständiges Warten in einer Amtsstube sozusagen das A und O ist, wenn Mann nicht riskieren will, nicht bedient zu werden. Der Bedienstete konnte so in Ruhe seine Aufgabe beenden, bevor er die Zeit fand, den jungen Mann und danach mich zu bedienen. An diese Begebenheit erinnere ich mich jetzt. Deshalb interessiere ich mich nicht mehr für die Glocke auf dem Tresen vor mir. Ich habe Zeit. Ich habe Respekt, vor der Arbeit der in dieser Amtsstube Tätigen. Der Bärtige und der andere Mann sollen ihre Arbeit in Ruhe und gebotener Sorgfalt erledigen. Ich will die beiden nicht durch Gebimmel aus dem Rhythmus ihrer alltäglichen Geschäftigkeit bringen. Ich weiß nicht, warum diese kleine Glocke auf dem Tresen steht und ich will es auch nicht wissen.

Noch ein Grund fällt mir ein, das Gebimmel zu unterlassen. Auch das könnte die damalige Wut des geschäftigen Bediensteten in der Gemeinde des Gebirgsortes begründen. Der Bedienstete war ein alter, gestandener Bayer. Ähnlich wirkt heute der Bärtige hinter seiner Schreibmaschine auf mich. Vermutlich arbeiten diese Menschen schon seit zwanzig oder gar dreißig Jahren in diesen Amtsstuben. Wenn ein junger Mann, so wie ich es heute tue, in das Büro kommt und sich nervös klopfend oder bimmelnd an den Tresen stellt, dann könnte das eine Provokation für einen alt gedienten Bediensteten sein. Nervöses Geklopfe oder Gebimmel in solch einer Situation wäre quasi eine provokative Dreingabe für die schwer und konzentriert arbeitenden Amtspersonen. Es würde ein Fass zum Überlaufen bringen: Selbst noch nie im Leben was gearbeitet haben, aber im Amt einen Ausweis abholen wollen! Die Dienste anderer auf der Gemeinde im Rathaus in Anspruch nehmen wollen! Unglaublich diese jungen Rotzlöffel heutzutage! Allein die Situation, in der ich mich gerade befinde, mein Warten im Amtszimmer, mein Alter, das könnte bereits ausreichen, einen altgedienten Menschen ärgerlich zu stimmen. Früher hat‘s das nicht gegeben! Und dann auch noch nervös herumklopfen und bimmeln! Wo gibt’s denn so was? Früher hat ein normaler junger Mensch zunächst etwas Vernünftiges gelernt und gearbeitet, bevor er in eine Amtsstube gekommen ist, um eine Dienstleistung in Anspruch zu nehmen!

So denke ich und stehe aufgeregt und nervös vor dem Tresen. Aber ich rühre mich nicht. Weder klopfe ich nervös auf dem Tresen, noch benutze ich die Klingel, die vielleicht dafür vorgesehen ist. Ich bemühe mich meine Aufregung und Nervosität zu unterdrücken. Innerlich spreche ich zu mir selbst um mir Mut zu machen: Du bist hier, weil Du das, was Du heute hier zu erledigen hast heute unbedingt erledigen musst. Das Papier, das Du hoffst hier im Amt zu erhalten, brauchst Du unbedingt heute. Heute musst du wichtiges erledigen! Du kannst das aber nur schaffen, wenn Du dieses mühsam erworbene Papier von einem der beiden Bediensteten heute bekommst! Also, ganz Ruhig vor diesem Tresen stehen bleiben, schweigen und warten bis Du dran kommst. Irgendwann wird es soweit sein. Nur Geduld und keine nervösen Bewegungen oder gar Herumklopfereien auf diesem hohen Tresen!

Wahrscheinlich, so drängt sich jetzt ein Gedanke in meinem Kopf nach vorne, werden die beiden Bediensteten glauben, wenn sie gleich von mir hören, was ich hier in ihrem Büro will, dass ich dieses Papier zu meinem Vergnügen heute hier abholen möchte. Sicherlich, so wird es jetzt ganz klar in meinem Kopf, würden die beiden Bediensteten niemals glauben, dass ich heute etwas sehr wichtiges zu tun habe. Beide Amtspersonen, das sehe ich jetzt deutlich in meinem Kopf vor mir, haben nicht einen winzigen Funken Ahnung davon, welch für mich wichtige Aufgabe ich heute zu erledigen habe, die mich nun in dieses Amtszimmer geführt hat. Ich bin fast sicher, die beiden werden denken, dass mich Vergnügen oder gar Langeweile heute hier her führen um dieses Papier ab zu holen.

Endlich hört das Getippe auf der Schreibmaschine auf. Der bärtige Mann erhebt sich behäbig und schwerfällig aus seinem Schreibtischstuhl. Er kommt gemächlich zu mir an den Tresen heran. In der Hand hält er ein Formular, das er gerade mit kräftigem Ruck aus der Maschine gezogen hat. „Was brauchens denn?“ So höre ich jetzt seine tiefe Stimme. Der Mann fragt, ohne mich anzublicken. Er fragt beiläufig, eigentlich beinahe uninteressiert. Es ist berufliche Routine, die in seinen Worten durchschlägt. Es ist sein Alltag, voller Langeweile in dieser miefigen Amtsstube, den ich in den Worten zu erkennen glaube. Ein Alltag, der mir bisher weitgehend unbekannt ist. Es ist Gleichgültigkeit, gegenüber denjenigen, die er täglich hier zu bedienen hat, die ich in seinem Tonfall zu hören glaube. Während er so fragt, zieht er unter dem Tresen einen Ordner hervor. Den legt er auf den Tresen. Langsam öffnet er den Deckel. Knisternd blättert er sich durch mehrere Seiten von dünnem Durchschlagpapier. Irgendwo in dem Ordner findet er einen Platz, der dem Formular zugedacht zu seien scheint, dort heftet er das Formular ab. Schlagartig verschwindet der Ordner wieder unter dem Tresen. Der Mann blickt nun zu mir herab. Jetzt erst, wo der Mann erstmals Blickkontakt zu mir herstellt, spüre ich den tiefen, sonoren Klang seiner Stimme. Kurz glaube ich, der Tresen vor mir wackle und vibriere leicht. Der Schall, der mir sekundenlang in den Ohren nachklingt fliegt zum offenen Fenster hinaus.

Seit Minuten halte ich meinen Ausweis in den zittrigen Fingern. Ich lege ihn auf die grüne Unterlage auf den Tresen. „Ich möchte meinen Führerschein abholen.“ Ich höre plötzlich etwas dumpfes in meiner Stimme. Ich weiß, dass meine Stimme piepsig klingt. Ohne zu zögern schnappt sich der Mann meinen Ausweis. Mit ihm verschwindet er kurz hinter einem hohen Regal in der linken Hälfte des Zimmers.

Selbstverständlich ignoriert der vollbärtige Mann, dass heute mein Geburtstag ist. Ich hatte die Führerscheinprüfung vor mehreren Wochen abgelegt. Weil ich erst heute volljährig werde, war mein Führerschein so lange im Landratsamt geblieben. Erst heute darf er mir ausgehändigt werden. Ich unterschreibe auf einem Formular, das der Vollbärtige mir hin schiebt. Danach unterschreibe ich auf dem grauen Führerschein, den er mir ebenfalls über den Tresen zuschiebt.

Lange habe ich meine Unterschrift geübt. Trotzdem gelingt es nicht, sie auf dem Führerschein so hinzukriegen, wie ich es wünsche. Ich bin aufgeregt und habe verschwitzte Finger. Ich weiß, dass ich die Unterschrift nicht korrigieren kann. Meine Aufregung und Unsicherheit reicht so weit, dass ich, während ich meinen Namen schreibe, fürchte mich zu verschreiben. Zum Glück denke ich genau dieses in dem Moment des Unterschreibens. Deshalb konzentriere ich mich genau darauf meinen Namen richtig zu schreiben. Ich bin erleichtert, als ich merke, dass mir das gelingt.

Ich lächle den Vollbärtigen an und stecke den Führerschein und meinen Ausweis in meinen Geldbeutel. Ich piepse ein paar wenige Worte: „Vielen Dank. Aufwiedersehen.“ Ich verlasse schnell das Amtszimmer. Vor der Tür spüre ich Erleichterung, wie nach der Führerscheinprüfung. Mein Amtsgang ist beendet.

Mehr habe ich in der Kreisstadt nicht zu erledigen. Meinen Führerschein habe ich abgeholt, deshalb bin ich auf dem Rückweg zur Bushaltestelle. Trotzdem denke ich immer noch nicht an die Rückfahrt. Ich denke daran, dass es großes Glück ist, dass ich heute den Führerschein in meinen Geldbeutel stecken kann. Die Sitzbank an der Bushaltestelle ist von zwei Frauen mit Einkaufstaschen und einem Mann, der eine Plastiktüte auf dem Schoß hat, besetzt. Deshalb warte ich stehend auf den Bus.

Es waren nicht die kurvenreichen Fahrten im Fahrschulauto über die steilen Bergstraßen, oder das Einparken des Wagens in der Kreisstadt gewesen, wegen denen ich die Führerscheinprüfung nur mit viel Glück bestanden hatte. Es waren meine großen Konzentrationsprobleme gewesen, die ich an dem Tag gehabt hatte, als ich morgens um Viertel nach acht Uhr in dem Prüfungsraum über dem Fragebogen zu den Verkehrsregeln gesessen war. Ich war sehr nervös und aufgeregt gewesen an diesem Tag. Es war der Morgen des Tages gewesen, an dem ich nachmittags in den etwas weiter entfernten, angrenzenden Landkreis fahren sollte. Dort sollte ich in der großen Kreisstadt ein Zimmer besichtigen.

Dass ich am Prüfungstag dieses Zimmer besichtigen würde, hatte ich schon lange vor der Prüfung gewusst. Die Mutter hatte den Termin schon Wochen zuvor organisiert und sie hatte mir lange schon gesagt, wann es so weit sein würde. Dass dieser Tag trotz dieser frühzeitigen Ankündigung aufregend werden würde, und dass die Aufregung morgens während der Prüfung besonders groß sein würde, hatte ich nicht erwartet. Ich hatte gedacht, dass ich sowohl auf die Prüfung am morgen als auch auf die Zimmerbesichtigung am Nachmittag sehr gut vorbereitet sei, weil mir genügend Zeit für diese Vorbereitungen gegeben war.

So hatte ich wochenlang Zeit mich in meinem Kopf auf die Fahrt am Nachmittag nach der Führerscheinprüfung in die große Kreisstadt in den angrenzenden Landkreis vorzubereiten. Wochenlang hatte ich immer wieder darüber nachgedacht, was an diesem Nachmittag auf mich zukommen würde und wie es danach weitergehen würde. Ich hatte mir ausgemalt wie ich mich in der unbekannten Stadt zu Rechtfinden würde. Ich hatte mir lange ausgemalt wie das Haus aussehen würde. Ich hatte ein Bild in meinem Kopf entwickelt, wie das neue Zimmer aussehen würde. So hatte ich versucht mich auf diesen Tag vorzubereiten. Ich hatte gehofft, wenn ich bereits vor diesem Tag möglichst oft und intensiv darüber nachdenke, wäre ich während der Führerscheinprüfung am Morgen nicht in der Gefahr, daran denken zu müssen was am Nachmittag auf mich zukommen würde. Meine Hoffnung war nicht in Erfüllung gegangen. Weil dieser Tag mit dem Tag der Führerscheinprüfung zusammen gefallen war, hatte ich gleich nach dem Aufwachen am frühen Morgen an den nahenden Nachmittag und meine Fahrt in die große Kreisstadt gedacht. In meinem Kopf war die Führerscheinprüfung deshalb ein bisschen in den Hintergrund gerückt. Sie war zu einer Nebensache geworden. Wegen meiner geringen Konzentration, wegen meiner Aufregung erzielte ich ein sehr schlechtes Prüfungsergebnis. Hätte ich in dieser Prüfung nur einen Fehler mehr gemacht, so erklärte mir der Fahrlehrer mit einem leichten Lächeln auf den Lippen, dann hätte ich mir die kurvenreiche Prüfungsfahrt im Anschluss an die theoretische Prüfung sparen können. Ich wäre nämlich nicht zugelassen worden. Stattdessen hätte ich mich zur nächsten Prüfung anmelden können. Stattdessen hätte ich noch mehrere Pflichtstunden im Fahrschulauto nehmen müssen. Stattdessen wäre ich sicherlich noch mehrfach mit dem Fahrlehrer auf der kurvigen Strecke Richtung kleine Kreisstadt unterwegs gewesen um meine Ängste vor der Anhöhe und den folgenden Kurven abzubauen. Ich musste die Prüfung nicht wiederholen. Ich hatte Glück. Heute steckt mein Führerschein in meinem Geldbeutel.

Vor dem Landratsamt fährt jetzt der Nahverkehrsbus vor. Beim Busfahrer löse ich eine Fahrkarte für die Strecke zurück bis zum Bahnhof in meinen Gebirgsort. Diesmal setze ich mich gleich vorne in die zweite Sitzreihe.

Nachmittags, während der Fahrt im Wagen mit meiner Mutter war ich sehr nervös und gespannt gewesen. Meine Anspannung hatte seit der Prüfung am Vormittag nicht nachgelassen. In meinem Kopf hatte ich erneut versucht mir vorzustellen, wie das neue Zimmer wohl aussehen würde. Meine Mutter konnte meine Fragen im Wagen nicht beantworten. Auch sie hatte das Zimmer noch nicht gesehen. Sie kannte weder das Haus, noch die Vermieterin. Selbst die große Kreisstadt kannte die Mutter kaum, weil ihr Weg sie dort eigentlich nie hingeführt hatte, weil sie alle Erledigungen stets in der kleinen Kreisstadt ausführen konnte. Ich glaube die Mutter hatte das Zimmer über eine Zeitungsanzeige gefunden.

Während der Fahrt hatte ich mir deshalb das Zimmer wieder und wieder ausgemalt. In meinem Kopf war es ein winziges, leeres Zimmer mit Waschbecken und einem Fenster hinaus ins Grüne. Meine Vorstellung war sehr einfallslos. Ich glaube, das hatte daran gelegen, dass ich seit Jahren so ein Zimmer bewohne. Natürlich ist mein Zimmer nicht leer, sondern es ist mit Möbeln der Eltern ausgestattet. Ich hatte mir einfach ein kleines, leeres, etwas finsteres Zimmer vorgestellt, dass meinem Zimmer sehr ähnlich ist. Mein Zimmer ist etwa zweieinhalbe Meter breit und dreieinhalbe Meter tief. Das Fenster weist hinaus Richtung Waldrand.

Mein neues Zimmer in der großen Kreisstadt erwies sich an dem Nachmittag als ein winziges Stück größer, als ich es mir in meinem Kopf ausgemalt hatte. Tatsächlich hat es ein Waschbecken und ein Fenster, das etwa genauso groß ist, wie mein Fenster am Waldrand. Vor diesem Fenster liegt jedoch kein Wald, sondern dort verläuft in etwa dreißig Meter Entfernung eine vielbefahrene Bahnlinie. Auf dieser fahren rund um die Uhr viele Züge nach Österreich, Italien, Griechenland und in viele andere Länder.

Heute Nachmittag werde ich dieses neue Zimmer in der großen Kreisstadt beziehen. Daran denke ich jetzt, während der Busfahrer kräftig Gas gibt. Das Ortsendeschild der kleinen Kreisstadt hat der Bus schon passiert. Der Busfahrer holt jetzt Schwung, solange die Straße noch nicht steil ansteigt. Am Ende der langen Geraden steuert er das Vehikel schwungvoll in die erste Rechtskurve. Der Motor dröhnt sofort deutlich lauter, denn diese Kurve ist der Beginn einer merklichen Steigung. Die Steigung hält über viele Kurven an. Steil führt die Strecke hinauf, bis oben auf dem Berg Bahngleise an einer Bahnschranke über die Straße führen. Weil ich auf der Rückfahrt nicht wieder das Selbe erleben will, wie auf der Hinfahrt, versuche ich jetzt nicht an diese Fahrt zu denken. Ich denke auch nicht daran, dass ich ab heute meinen Führerschein in meinem Geldbeutel habe und deshalb selbst Autofahren darf.

Ich denke an mein altes Zimmer, das ich heute den letzten Tag bewohne und ich denke an mein neues Zimmer, dass ich heute den ersten Tag beziehe. Genau genommen werde ich in der kommenden Nacht voraussichtlich die erste Nacht dort schlafen. Ganz genau genommen ist mit dem heutigen Tag, meinem Geburtstag, die Zeit bei meinen Eltern beendet. Ich bin nicht sicher, ob ich das einfach so denken sollte oder gar sagen kann. Vielleicht sollte ich besser denken und zu mir sagen, dass die Zeit bei meinen Eltern mit dem heutigen Tag abgelaufen ist. Oder ist das einfach das Gleiche? Abgelaufen oder beendet. Vielleicht ist es Haarspalterei darüber nachzudenken welcher dieser Begriffe besser für das passt, was heute zwischen den Eltern und mir geschieht. Genau genommen, so formuliere ich das jetzt in meinem Kopf, doch da höre ich plötzlich wieder die laut quietschenden Bremsen des Nahverkehrsbusses, an dessen schnelle Fahrt ich eigentlich gar nicht denken möchte, der mich jetzt aber zwingt meine Gedanken an den heutigen Tag zwischen den Eltern und mir in meinem Kopf in eine Ecke zu verfrachten, weil der Busfahrer zu einem scharfen Bremsmanöver gezwungen ist, und das, obwohl die Strecke steil bergauf führt. Der Gedanke bleibt nicht in seiner Ecke, in die ich ihn wegen des riskanten Fahrstils dieses Busfahrers in meinen Kopf gezwängt habe. Sondern der Gedanke springt unvermittelt wieder aus seiner Ecke hervor. Genau genommen, so hört mein Denken nicht auf, obwohl ich jetzt einen großen Lastwagen in der engen Kurve entgegenkommen sehe, genau genommen habe ich ab dem heutigen Tag bei meinen Eltern nichts mehr zu suchen! Sicherlich sind auch dies die falschen Worte, für das, was ich meine. Aber sie gehen mir jetzt durch den Kopf. So formuliere und denke ich und bleibe dabei ruhig auf meinem Sitzplatz sitzen. Heute ist es endgültig vorbei mit meinem Leben bei meinen Eltern. Diesen Gedanken spuckt mein Kopf jetzt schnell heraus, bevor ich im Bus meine ganze Aufmerksamkeit auf das Geschehen um mich herum richte. Allein dieser Gedanke wäre genug Grund, von meinem Sitzplatz aufzuspringen und einen wütenden Tanz oder einen kleinen Trauermarsch aufzuführen. Aber das tue ich nicht, weil ich diesen Gedanken schon seit langer Zeit kenne. Deshalb schaffe ich es mittlerweile gut, meine Gefühle bei diesen Gedanken in mein inneres hinein zu stopfen, quasi selbst aufzufressen und jegliche äußerlich sichtbare Reaktion zu vermeiden.

Der Bus steht in einer scharfen Kurve. Die Motoren von Bus und Lastwagen höre ich laut dröhnen. Der Lastwagen vor uns steht aber noch nicht. Schrilles Quietschen der Bremsen des Lastwagens durchdringt die heiße Luft. Das Führerhaus des Lastwagens kommt endlich, nur Zentimeter vor der Fahrerkabine des Nahverkehrsbusses, zum Stehen. Die Lastwagenbremsen verstummen. Ein zischendes Geräusch der Druckluftbremse ertönt.

Um mich herum spüre ich die aufgeregte Spannung der Fahrgäste. Viele waren von ihren Plätzen aufgestanden. Mancheiner lässt sich nun wieder in seinen Sitz zurückfallen. Ich glaube, genau jetzt fangen diejenigen Fahrgäste, die genauso wie ich es getan habe, für Sekunden die Luft angehalten hatten wieder zu atmen an. Sie drücken sich in ihre Rückenlehnen und versuchen so die Anspannung abzulegen. Ich gehöre diesmal nicht zu denjenigen, denen richtig schlecht geworden ist. Ich habe sogar das Gefühl, als sei ich ganz ruhig, beinahe entspannt geblieben. In mir spüre ich eine seltsame Entspannung, als ließe mich das Geschehen im Bus beinahe unberührt. Vielleicht hat das mit meinen Gedanken zu tun, die mir gerade durch den Kopf gegangen waren. Ich glaube, meine Technik, die ich gerade ohne es zu planen angewandt hatte, ist tatsächlich wirkungsvoll. Wegen des Geschehens auf der Straße ist mir weder schlecht geworden, noch bin ich aufgeregt, wie die anderen Fahrgäste.

Auch der Busfahrer scheint nicht besonders angespannt zu sein. Ruhig greift er zum langen Schaltknüppel und legt einen anderen Gang ein. Routiniert findet er den Gang, den er sucht. Diesmal ist es ein schwerer Lastwagen, wegen dem er sein Gefährt langsam zurück rollen lässt. So macht er dem von oben entgegenkommenden, tonnenschweren Brummer Platz. Die Anspannung im Bus ist nun restlos verflogen. Die Menschen um mich herum beginnen jetzt, sich über die Situation aufzuregen. Die Aufregung unter den Fahrgästen ist größer als auf der Herfahrt. Ich höre Stimmen von norddeutschen Touristen. „Um Gottes Willen, das war knapp! Unglaublich mit welchem Tempo die hier entlang donnern! Das gibt’s doch nicht, wie die hier fahren! Da hat ein Engel eingegriffen! Wenn das mal immer so gut geht!“

Die Touristen erwarten in dieser gebirgigen Landschaft Erholung und keine abenteuerlichen Linienbusfahrten. Ich glaube die Aufregung der Touristen ist berechtigt. Der große, schwer beladene Lastwagen hatte in der zurückliegenden Kurve ein sehr geräuschvolles Bremsmanöver gemacht. Ein Bremsversagen auf dieser sehr steilen Straße wäre sicherlich katastrophal, für einige Mitfahrende vermutlich tödlich gewesen. Weil ich, wegen dieser neuer Gedanken in meinem Kopf langsam wieder ein flaues Gefühl aus meiner Magengegend spüre, beende ich dieses Denken. Der Busfahrer steuert den Bus weiter auf seine Weise den steilen Berg hinauf.

Ich kann jetzt noch nicht wissen, wie es sich zwischen den Eltern und mir weiterentwickeln wird. Tatsache ist, dass ich heute Nachmittag meinen spärlichen Besitz von meinen Eltern abholen soll, um damit mein neues Zimmer in der großen Kreisstadt zu beziehen. Klar ist auch, dass mir ab heute mein altes Zimmer bei den Eltern, das ich jahrelang bewohnt hatte, nicht weiter zur Verfügung steht. Dieses Zimmer verlasse ich heute für immer.

Darüber, dass mein heutiger Geburtstag ein Schuss-Strich ist, sind wir uns einig. Seit Wochen, Monaten, eigentlich seit mehr als einem Jahr hatten wir uns darauf geeinigt, dass heute zwischen uns Schluss ist. Das Leben bei meinen Eltern endet mit dem heutigen Tag. Darauf haben wir uns einvernehmlich verständigt. Über diese Frage hatten wir uns nicht gestritten. Die Frage, ab welchem Tag Schluss sein soll, hatte ich klar beantwortet und meine Eltern hatten das seit langer Zeit ebenso klar gesehen.

Weil zwischen uns schon lange Zeit klar geworden war, dass heute dieser Tag kommt, hatte meine Mutter sich sehr bemüht, dieses neue Zimmer in der großen Kreisstadt für mich aufzutreiben. Ich glaube, sie hatte sich sehr dafür verantwortlich gefühlt, dieses Zimmer aufzutreiben. Ich glaube, es war ihr sehr wichtig gewesen, sicher zu stellen, dass ich auch ab heute noch ein Dach über dem Kopf habe. Ich glaube das hatte sie getan, weil sie befürchtet hatte, dass sie sonst ihr Gewissen plagen würde. Ich glaube, dass sie mit ihrem Einsatz für mein neues Zimmer der Verantwortung für mich, die ihr immer sehr ernst gewesen war, ein letztes Mal gerecht werden wollte.

Während der Autofahrt neben meiner Mutter, an dem Tag meiner beinahe verpatzten Führerscheinprüfung, hatte ich meiner Mutter dafür gedankt, dass sie diese letzte Verantwortung für mich übernommen hatte. Ich hatte ihr während dieser Fahrt gesagt, dass ich darüber sehr froh bin, dass sie dieses neue Zimmer für mich organisiert hat.

Ich glaube, ich hätte einige Schwierigkeiten damit gehabt dieses Zimmer zu finden, denn ich hatte mich in den zurückliegenden Wochen auf meine Abschlussprüfungen in der Schule vorzubereiten. Nein, ehrlich gesagt, so drängt es mir mein Kopf nun auf, ich glaube, das ist nicht Grund genug! Das ist eine zu einfache Begründung! In den Augen meiner Mutter ist das ganz sicher eine viel zu einfache Begründung. Mein Kopf sagt mir, dass ich so einfach nicht denken, nicht so einfach begründen darf, dass es schwerwiegendere Gründe dafür geben muss, dass ich nicht in der Lage war, mir mein neues Zimmer eigenständig zu suchen. Während der Bus schon wieder in einer scharfen Kurve liegt, und mein Magen das Gefühl von Übelkeit erzeugt, weil sich das Vehikel bedenklich aus der Kurve neigt, dabei knarrt wie ein alter klappriger Stuhl unter der Last eines gewichtigen Menschen, und ich fürchte, der Bus könnte die Leitplanke streifen oder gar darüber hinaus getragen werden, denke ich trotzt der mir jetzt endgültig wahnsinnig scheinenden Raserei dieses Busfahrers, dass ich noch mal von Vorn beginnen muss das zu begründen.

Ich bin der Mutter dankbar, dass sie dieses Zimmer organisiert hat, weil ich sicher bin, dass ich niemals ein Zimmer gefunden hätte. Künftig werde ich von sehr wenig Geld leben. Meinen Lebensunterhalt verdiene ich noch nicht selbst. Geld werde ich, solange ich weiter eine Schule besuche, von der Sozialkasse erhalten. Das Geld reicht meiner Meinung nach aus um davon Lebensmittel und Kleidung zu kaufen und um die Miete zu bezahlen. Es reicht bestimmt aus um einigermaßen über die Runden zu kommen. Doch ich glaube, mit meiner Ansicht, dass dieses Geld für meinen Lebensalltag reicht, brauchte ich mich nicht für ein Zimmer zur Untermiete zu bewerben. Ich glaube, jetzt, wo der Busfahrer die letzte Steigung vor den Bahngleisen nimmt, habe ich einen passablen Grund gefunden. Deshalb habe ich meiner Mutter während der Autofahrt in die große Kreisstadt für ihren Einsatz um dieses Zimmer gedankt: Meine geringen Geldmittel hätten jeden Vermieter misstrauisch gemacht. Ich glaube mir hätte niemand ein Zimmer vermietet.

Die Mutter verfügt über genügend Geld, das sieht jeder Vermieter schon an der Kleidung, die sie trägt und dem Wagen, den sie fährt. Niemand weiß, dass ich künftig nicht auf die Geldmittel der Mutter zugreifen kann, wenn ein Engpass eintritt. Die Vermieterin hat sich nicht dafür interessiert, was heute zwischen den Eltern und mir geschieht. Sicherlich hat das Vertrauen in die Geldmittel der Eltern dazu geführt, dass die Vermieterin mir den Vertrag für das Zimmer gegeben hatte. Deshalb bin ich froh, dass meine Mutter diese letzte Verantwortung für mich übernommen hat.

4. Am Busbahnhof

Nach kurvenreichem Geschaukel in den Gebirgsort zurückgekehrt, warte ich nun verschwitzt und geduldig am Busbahnhof auf einen anderen Bus. Mit dem möchte ich auf einen der umliegenden Berge fahren. Dort oben wohnt Martina, eine Bekannte von mir. Mit ihr hatte ich vereinbart, dass sie mir heute ihren kleinen grünen Wagen leiht. Ein kleiner, leicht verbeulter Peugeot. Mit ihm möchte ich meinen bescheidenen Umzug in die große Kreisstadt machen.

Den Berg kenne ich sehr gut. Täglich war ich in den vergangenen vier Jahren auf diesen Berg hinauf gefahren um die Schule zu besuchen. Die Schule liegt in einer wunderbaren Aussichtslage. Von dort überblickt man die Bergketten rings um das Tal. Oft hatte ich in den zurückliegenden Jahren morgens durch die Fenster des Schulbusses die Sonne hinter den Berggipfeln aufgehen sehen. An vielen Tagen lag morgens das Tal unter einer Wolkendecke, die der Schulbus auf der steil ansteigenden Bergstraße durchquerte und unter sich zurückgelassen hatte. Oben am Berg angekommen wurde die Schulbusfahrt deshalb oft zu einer wunderbaren Aussichtsfahrt. Der Schulbus hatte über den Wolken im Tal noch mehrere Kilometer bis zur Schule auf der weit oben liegenden Höhenstraße zurückzulegen. So konnte ich an vielen Tagen in der Morgensonne hell erleuchtete Gipfel sehen, während unten im Tal eine dichte Wolken- und Nebelwand hing. An manchen Tagen haben sich Wolken und Nebel im Tal nicht aufgelöst, so dass ich die Sonne nur in der Schule sehen konnte.

Morgens, bevor ich meinen Weg zum Bahnhof und dem Schulbus angetreten hatte, spielte sich für mich täglich ein nahezu unveränderter Ablauf ab. Zu Hause war ich an den Werktagen täglich der erste gewesen, der sich an den Frühstückstisch gesetzt hatte. Ich war stets pünktlich aufgestanden, denn täglich war klar gewesen, dass der Schulbus auf diesen Berg, pünktlich um sieben Uhr auf dem Parkplatz hinter dem Bahnhof abfahren würde. Am Frühstückstisch saß ich zu der frühen Morgenstunde stets allein.

Das Geschenk in dieser herrlichen Naturlandschaft aufwachsen zu dürfen, und bei diesen Eltern leben zu dürfen, habe ich im Grunde nie richtig verstanden. Vielleicht habe ich mich mit diesem Geschenk zu wenig beschäftigt, vielleicht hätte ich, um es verstehen und annehmen zu können, viel stärker auf die Eltern zugehen müssen, vielleicht hätte ich mich viel mehr anstrengen müssen, um ein harmonisches Zusammenleben mit den Eltern zu erreichen. Die Harmonie und Schönheit eines Berggipfels kann man nur spüren, wenn man nach einem langen Aufstieg, der viel Schweiß und Mühe kostet, den Gipfel erreicht. Vielleicht habe ich mir in den zurückliegenden Jahren bei den Eltern zu wenig Mühe gegeben, um an den Gipfel heran zu gelangen.

An Schultagen hatte ich mir früh morgens in der kleinen Küche neben dem Esszimmer einen Becher Milch warm gemacht. Ich hatte das Radio auf dem Fensterbrett im Esszimmer eingeschaltet und mich auf meinen Platz gesetzt. Aufmerksam hatte ich morgens dem Radiosprecher zugehört. Täglich sagte der: „Guten morgen verehrte Hörerinnen und Hörer, es ist viertel nach Sechs.“ Der Ablauf, in meiner Einsamkeit am Frühstückstisch war fast täglich der gleiche. Nachdem der Radiosprecher „viertel nach Sechs“ gesagt hatte, setzte ich mich an den Tisch und blickte müde durch das Fenster. Dort draußen hatte ich, je nach Wetterlage und Tageslicht, beinahe täglich den Berg gesehen, den ich morgens um sieben Uhr mit dem Schulbus hinauf gefahren war. Nach dem ersten Musikstück aus dem Radio hörte ich das leichte Rauschen aus dem kleinen heißen Milchtopf lauter und lauter werden. Der Radiosprecher kündigte das nächste Musikstück an. Das war beinahe jeden Morgen der Augenblick in dem ich meine Augen vom Ausblick aus dem Esszimmerfenster löste, zum Küchenherd ging, den Topf mit der heißen Milch von der Platte nahm und einen Becher Kaba bereitete. Oft war das Gedudle aus dem Radio sehr langweilig gewesen. Der Radioempfang in diesem engen Tal ist sehr eingeschränkt. Es gibt nur zwei Sender, die ohne Rauschen zu empfangen sind. Deshalb schaltete ich das Radio, bevor ich begann mein Marmeladenbrot zu schmieren, ab. Obwohl mich die Musik aus diesem Radiosender jeden morgen gelangweilt hatte, unterließ ich es nie das Radio morgens kurz einzuschalten. Ich wollte hören wie spät es ist, um sicher zu gehen, dass meine Uhr stimmte und ich hatte die Hoffnung nie aufgegeben, aus diesem Radio morgens einmal etwas schwungvollere Musik zu hören. Diese Hoffnung hatte sich niemals erfüllt, jahrelang waren um diese Stunde morgens die immer gleichen, seichten Melodien zu hören.

Den dampfenden Becher Kaba in der Hand ließ ich mich auf meinem Platz nieder und begann mir das Marmeladenbrot zu schmieren. Durch die dünnen, dampfenden Schwaden aus dem Kababecher blickte ich während des Brotstreichens jeden Morgen aus dem Fenster. Ich hatte mich an diese Ruhe am Morgen über die Jahre gewöhnt.

Meist hatte ich nicht ganz die Hälfte des Marmeladenbrotes gegessen und etwa die Hälfte des Kabas getrunken, als ich die Türe des Elternschlafzimmers und die Badezimmertür hörte. Für mich war dieses Geräusch das Signal, mein Brot schneller zu kauen und den Kaba schneller zu trinken, denn die Eltern waren täglich genauso wie ich sehr pünktlich aufgestanden. Ab diesem Zeitpunkt begann ich täglich, meine Bewegungen zu beschleunigen. Ich kippte den Rest Kaba in mich hinein, erhob mich noch am Brot kauend vom Tisch, nahm Teller, Messer und Becher und räumte alles in der Küche in die Spülmaschine. Das Radio schaltete ich dann für Sekunden noch einmal ein, und tatsächlich ertönte jetzt auf dem Sender der Gongschlag, mit dem die Halbsiebenuhrnachrichten angekündigt wurden. Noch einmal überprüfte ich meine Armbanduhr, die stets richtig ging, und schaltete das Radio wieder aus. Das hatte ich immer getan, obwohl ich wusste, dass der Vater es später, wenn er zu frühstücken beginnen würde, wieder einschalten würde. Zuhause waren Geräte wie Radio oder Fernsehgerät niemals im Dauerbetrieb eingeschaltet. Das morgendliche Radiohören während des Frühstückens gab es nur während der Werktage. An Wochenenden, wenn in der Familie gemeinsam gefrühstückt worden war, blieb das Radio immer ausgeschaltet.

Über dem Waschbecken in meinem Zimmer putzte ich meine Zähne, danach verließ ich mit meiner Schultasche mein Zimmer. Das war beinahe täglich der Zeitpunkt, an dem die Eltern bereits voll bekleidet aus dem Bad gekommen waren. Wir begrüßten uns mit einem sehr knappen „guten Morgen“. Nach diesem kurzen Gruß war ich täglich schnell die Treppe hinuntergelaufen, um unten Schuhe und Jacke anzuziehen und das Haus Richtung Bahnhof zu verlassen.

Der Ablauf am Morgen hatte sich über die Jahre eingespielt. Jetzt, wo ich am Busbahnhof sitze und warte, fällt mir jedoch ein, dass dieser Ablauf nicht immer so gewesen war. Anfangs, vor fünf Jahren, als ich gerade ganz neu bei den Eltern eingezogen war, hatte ich unten im Ort die Hauptschule besucht. Damals war ich täglich später aufgestanden, denn ich musste nicht bereits um sieben Uhr am Bahnhof sein. Die Eltern waren auch damals, wegen ihres sehr gut gehenden Geschäftes, das sie im Gebirgsort betreiben, täglich zur gleichen Zeit aufgestanden. Vor fünf Jahren muss es demnach zunächst so gewesen sein, dass wir drei, Mutter, Vater und ich zeitgleich gefrühstückt hatten. Seltsam, dass ich mich an den Ablauf dieser gemeinsamen Frühstücke und Morgende heute kaum mehr erinnere.

Damals, als ich die Hauptschule im Ort besuchte, hatte mich mein Schulweg täglich bergab durch den Wald hinter dem Haus der Eltern geführt. Nachdem ich den Wald hinter mir gelassen hatte, durchquerte ich den Ort, um die Schule zu erreichen, sie liegt ganz unten an alten stillgelegten Bahngleisen. Jetzt erinnere ich mich wieder gut an meinen alten Schulweg und daran, wie es mir morgens gegangen war, als ich diesen Weg täglich zu laufen hatte. Ich hatte diesen Weg immer sehr genossen. Auf dem Schulweg hatte ich die Ruhe des Waldes und ich war allein unterwegs. So konnte ich in aller Ruhe mein Tempo gehen. Auf dem Schulweg bereitete ich mich innerlich auf den Schulvormittag vor.

In der Hauptschule im Ort war es mir nicht gut gegangen. Über den Wechsel auf die neue Schule oben auf dem Berg war ich damals froh gewesen, auch wenn mich mein neuer Schulweg anstatt durch die Ruhe der Waldes und des morgens noch verschlafenen Ortes, in einen lärmenden Schulbus führte. In meiner alten Schule unten im Ort hatte ich häufig Ärger mit Mitschülern gehabt, denn nachdem ich bei meinen Eltern eingezogen war, war es mit mir in schulischer Hinsicht sehr schnell steil bergauf gegangen. Über viele Jahre war ich in der Schule im Ort einer der schlechtesten Schüler in meiner Klasse gewesen. Meinen Eltern, vor allem meiner Mutter, habe ich es zu verdanken, dass ich innerhalb eines Schuljahres so gut geworden war, dass ich auf die Schule auf dem Berg wechseln konnte.

Schon immer hatten mich die Mitschüler in der alten Schule unten im Ort gehänselt. Der Grund war über viele Jahre mein damaliges Zuhause gewesen, das ich gehabt hatte, bevor ich bei den Eltern eingezogen war. Ich glaube, weil es für viele Kinder und Jugendliche damals in dieser Schule sehr befremdend gewesen war, dass ich und einige andere Mitschüler nicht „ganz normal“ bei ihren Eltern gelebt hatten, waren Kinder wie ich, häufiger als andere Kinder, zu Zielscheiben von Anfeindungen und zu einer Art Abladestelle für den Ärger von Mitschülern und manchmal auch deren Hass geworden.

Hass und Ablehnung hatte ich von einigen Mitschülern auch weiterhin gespürt, nachdem ich bei den Eltern eingezogen war. Der Grund, dass deren Hass und Ablehnung trotz dieses veränderten Umstandes kein Ende gefunden hatte, war mir lange Zeit nicht klar geworden. Nachdem ich bei den Eltern eingezogen war, hatte ich gehofft, dass ich mit den Klassenkameraden besser zu Recht kommen würde. Ich hatte geglaubt, dass ich von nun an besser zu den Mitschülern gehören würde, weil ich genauso wie sie mit Eltern zusammenleben würde. Während der ersten Monate bei den Eltern hatte ich diese Hoffnung langsam aufgegeben. Die Sache schien nicht so einfach zu sein. Die Erwartung, dass ich plötzlich für die Mitschüler ein normaler Mensch sei, weil auch ich Eltern gefunden hatte, war falsch. Anfeindungen, Ausgrenzungen und Hänseleien der Mitschüler wurden fortgesetzt, wie zuvor. Der Hass, den ich von einigen Mitschülern gespürt hatte wurde sogar noch stärker. Ich glaube, das hatte mit meinen schlagartig verbesserten Schulnoten zu tun.

In der Schule im Ort war ich ein gehasster und gehetzter Außenseiter, weil ich im Gegensatz zu den Klassenkameraden viele Jahre lang ohne Eltern gelebt hatte. Ich blieb weiterhin ein Außenseiter, weil sich meine Schulleistungen wegen der Förderung nach dem Einzug bei den Eltern schnell verbessert hatten. Ich war in den Augen vieler Mitschüler zu einem Streber geworden. Vor allen Dingen hatte ich das Problem einfach anders als sie zu sein. Das reichte. Es reichte, dass mein Leben bei Eltern stattfand, die nicht meine wirklichen Eltern sind. Weil ich einmal anders gewesen war, hatte ich keine Chance mehr dieses anders sein los zu werden. Alles was sich bei mir änderte, wie etwa der Einzug bei meinen neuen Eltern, blieb in den Augen der Mitschüler offenbar trotzdem oder gerade deshalb anders. Das reichte für tägliche Hänseleien. Die Mitschüler hatten mich über Jahre zum Außenseiter, zum Schuldigen für Diebstähle, zum gehassten Fremden gemacht. Ich war schuldig, weil ich anders gelebt hatte, weil ich keine Familie hatte. Nachdem die neuen Eltern für mich gefunden worden waren, nachdem ich bei ihnen eingezogen war, konnten die Mitschüler ihren zuvor entwickelten Hass nicht mehr ablegen. Ich lernte, dass einer wie ich, der einmal Ablehnung auf sich gezogen hatte, weiterhin Ablehnung erfährt, auch wenn die Umstände, die den Hass begründet hatten, längst nicht mehr bestehen.

Einmal war ich auf dem Heimweg nach der Schule durch den Ort hinauf zum Wald, von einer Gruppe von Mitschülern abgefangen worden. Sie hatten mich überrascht, als ich gerade am Waldrand angekommen war. Von dort hatten sie mich in das nahegelegene Haus eines Mitschülers gezerrt, dessen Eltern den ganzen Tag lang in einer Werkstatt in der Nähe gearbeitet hatten. In einem kleinen Zimmer fesselten sie mich an einen Stuhl. Sie bespuckten und beschimpften mich. Mehrfach traten sie mich in den Bauch und gegen die Beine. Zunächst weinte ich nicht, ich schrie oder wimmerte nicht. Ich zeigte nicht, dass ich Angst hatte. Sondern ich saß stumm und versuchte das alles über mich ergehen zu lassen, ohne dabei eine Mine zu verziehen. Ich glaube, weil ich nicht so reagiert hatte, wie die Mitschüler es erwartet hatten, wurden sie mehr und mehr böse. Einer, der mich besonders gehasst hatte, den auch ich deshalb besonders wenig leiden konnte, kam nun auf eine neue Idee. Der Knabe erhitzte einen Feuerhaken, den er aus dem Kachelofen im Wohnzimmer der Wohnung geholt hatte. Er legte den Hacken auf eine Kochplatte auf den Elektroherd in der Küche. Mit dem heißen Haken fuchtelte er vor meinen Augen herum. Dabei brüllte er mich an, bespuckte mich erneut und drohte mir den Haken auf die Backe und in die Augen zu drücken. Erst in diesem Augenblick hatte ich richtig Angst bekommen. Erst als ich diesen heißen Feuerhaken vor mir gesehen hatte, begann ich zu weinen und zu winseln. Ich versprach alles zu tun, was sie wollen, wenn nur der Feuerhaken wieder wegkäme. Ich glaube das war es gewesen, was sie von mir sehen und hören wollten. Ich glaube die Mitschüler wollten wissen, sie wollte spüren, dass sie mich in dieser Situation beherrschten, dass sie Macht über mich hatten, dass ich ihnen hilflos ausgeliefert war. Ich glaube, sie hatten einen Menschen wie mich gebraucht, an dem sie ausprobieren konnten, ob es möglich ist, einen Menschen soweit zu bringen, dass er alles täte, was sie verlangten. So weit hatten sie mich an diesem Nachmittag schließlich gebracht. Mehr hatten die Mitschüler an diesem Tag nicht ausprobieren wollen. Das war wohl mein Glück in diesem Unglück gewesen. Sie banden mich, nachdem sie meine Angst deutlich spürten wieder los. Bevor wie mich vor die Tür warfen drohten sie damit, mir „die Fresse zu polieren“, wenn ich zu Hause davon erzählte. Ich versicherte heulend, das ganz bestimmt nicht zu tun. So ließen sie mich durch den Wald nach Hause laufen.

Zu Hause hatte ich an dem Nachmittag der Mutter von dem Vorfall erzählt, obwohl ich mir auf meinem Nachhauseweg durch den Wald vorgenommen hatte, das Erlebnis zu verschweigen. Wegen der Drohungen mit dem Feuerhaken war ich jedoch sehr verstört zu Hause angekommen. Ich hatte richtig Angst. Noch auf dem Heimweg plagte mich die Frage, wie es künftig mit diesen Mitschülern weitergehen würde. Ich hatte gespürt, dass die Drohung mit dem Feuerhaken der erste Schritt zu weiteren noch schlimmeren Drohungen und Taten sein könnte. Mittags zu Hause hatte die Mutter sofort gemerkt, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Deshalb war sie, nachdem ich in meinem Zimmer begonnen hatte, wie an jedem Nachmittag meine Schularbeiten zu erledigen, zu mir gekommen. Sofort erkannte sie, dass ich zwar über den Hausaufgaben brütete, aber nicht in der Lage war, mich auf sie zu konzentrieren. Deshalb setzte sie sich mit mir auf mein Bett, dort hatte sie versucht mit mir über das, was vorgefallen war zu sprechen.

Wenn der Mutter an meinem Verhalten etwas Ungewöhnliches auffiel, hatte sie sich stets sehr bemüht herauszufinden was mir zugestoßen war. Sie war stets sehr bereitwillig gewesen auf mich einzugehen und ich glaube, es war immer ihre Absicht gewesen, mich zu trösten, wenn Trost notwendig war. Mir waren solche zweifellos gut gemeinten Absichten der Mutter, sich um mich zu kümmern, stets sehr unangenehm gewesen. Die Jahre bei den Eltern hatte ich immer versucht, diese Art Hilfe abzuweisen. Ich glaube, das hatte ich immer getan, weil ich mir niemals sicher gewesen war, ob solche Angebote der Hilfe von Erwachsenen wirklich ernst gemeint waren. Ich hatte nicht gewusst, dass Trost und Hilfe von Erwachsenen in solchen Situationen einem Kind und Jugendlichen wie mir vielleicht tatsächlich helfen könnten. Ablehnung und Hass die mir jahrelang in der alten Schule im Ort entgegenschlugen, fanden wenige Wochen nach diesem Ereignis schließlich deshalb sein Ende, weil ich die Schule wegen meiner besseren Leistungen verlassen durfte.

Am Busbahnhof fährt endlich der orangefarbige Nahverkehrsbus vor. Etwa ein Dutzend Menschen steigen aus. Einige von ihnen kenne ich. Es sind ehemalige Mitschüler aus der Schule auf dem Berg. Ich grüße sie lächelnd, nicke ihnen zurückhaltend zu. Die Mitschüler wohnen auf der Strecke hinauf zur Schule. Ich weiß an welchen Bushaltestellen wer von den Bekannten täglich in den Schulbus zusteigt. Von der täglichen Fahrt im Schulbus auf diesen hohen Berg kenne ich die Häuser am Straßenrand, in denen die Mitschüler wohnen.

Der Nahverkehrsbus ist jetzt leer. Die ersten Touristen, die offensichtlich mitfahren wollen um heute auf diesem Berg Wanderungen durch die Wälder zu unternehmen, haben den Fahrpreis beim Busfahrer schon entrichtet und nehmen Platz. Der Bus wird nicht voll werden. Zwischen fünfzehn und zwanzig Menschen steigen ein, die meisten mit Wanderstöcken und Bergschuhen ausgerüstet. Auch ich steige jetzt zu. Ich krame etwas umständlich zwei Mark und achtzig Pfennige aus meiner Hosentasche und gebe sie dem Fahrer. Dafür erhalte ich von dem ein weißes Zettelchen auf dem der Fahrpreis gedruckt ist. Das Zettelchen stopfe ich in meine Hosentasche. Ich setze mich in die zweite Sitzreihe hinter dem Fahrer in einen der dunkelbraunen Kunstledersitze am Fenster. Den Motor hat der Fahrer noch nicht angeworfen, denn der Bus fährt fahrplanmäßig erst in fünf Minuten ab. Der Busfahrer steigt aus, wohl weil momentan kein weiterer Fahrgast zusteigen will. Er verschwindet durch die hohen Flügeltüren in die Halle des Busbahnhofes.

In den vergangenen Jahren hatte ich mich gegenüber gut gemeinten Angeboten der Mutter oft sehr abweisend verhalten. Weil ich Hilfe oder Trost nicht annehmen wollte, weil ich immer versucht hatte alle Probleme mit mir selbst zu lösen, weil ich nicht dazu bereit gewesen war mich auf die Hilfe der Mutter einzulassen, – ich glaube auch deshalb hatte ich auf Dauer in der Familie eine schlechte Stimmung erzeugt. Zwischen mir und der Mutter und auch dem Vater war deshalb ein gewisses Misstrauen entstanden. Ich glaube, weil die Eltern für mich Verantwortung übernommen hatten, waren sie gewissermaßen verpflichtet gewesen, gerade dann herauszufinden was mit mir los gewesen war, wenn sie an meinem Verhalten ungewöhnliches beobachtet hatten. Aber gerade diese Situationen waren es gewesen, in denen ich mich vor den Eltern besonders gerne zurückgezogen hatte. Wenn ich zu Hause für Ärger gesorgt hatte oder wenn ich Probleme mitgebracht hatte, dann wollte ich diese Dinge nicht mit den Eltern besprechen. Vielleicht war dieses Verhalten von mir der Auslöser, dass zwischen den Eltern und mir ein Kreislauf in Gang gekommen war, der es verhindert hatte, dass zwischen uns Vertrauen entstehen konnte. Weil ich in den Jahren in der Familie mein Verhalten nicht geändert hatte, war ich erheblich daran beteiligt gewesen, dass dieser Kreislauf nicht unterbrochen werden konnte.

Nicht weil ich zu große Angst wegen der Androhung der Mitschüler gehabt hatte, wollte ich zu Hause nichts genaueres von dem Vorfall erzählen, sondern, die Wahrheit ist wohl, dass ich der Mutter nichts davon erzählen wollte, weil ich das Gefühl hatte, dass zwischen uns nicht das notwendige Vertrauen da gewesen war. Ich war in meinem Zimmer neben ihr gesessen und druckste herum. Schließlich hatte ich ihr die Geschichte doch erzählt. Aber ich erzählte sie etwas anders. Ich erzählte, dass ich auf dem Nachhauseweg bei einem Mitschüler gewesen sei, wir dort mit einigen andern ein bisschen getobt hätten und ich schließlich den Ellenbogen von einem in den Magen bekommen hätte. Deshalb hätte ich noch Schmerzen, die mich von den Hausaufgaben abhielten aber das würde schon wieder werden.

Der Mutter hatte meine Erklärung nicht gereicht. Ich glaube auf die Mutter hatte ich einen sehr verstörten Eindruck gemacht. Deshalb hatte sie weiter gebohrt und weiter nachgefragt. Schließlich hatte sie mich so weit gebracht, dass ich von den Fesseln erzählte, welche die Mitschüler mir angelegt hatten. Weil ich mich im Laufe des Gespräches beruhigt hatte, erzählte ich ihr, dass dies nur ein Spiel gewesen sei, und die Sache für mich erledigt wäre. Die Mitschüler seien schließlich weiterhin meine Freunde. Nachdem ich nicht geweint hatte, mich beruhigt hatte und alles erzählt hatte, gab sich die Mutter schließlich zufrieden. Sie bohrte nicht weiter. Ich war froh darüber gewesen, nicht auch noch über meine Ängste wegen dem Feuerhaken und meiner Befürchtungen möglicher weiterer Angriffe der Mitschüler mit der Mutter gesprochen zu haben.

Der Gebirgsort ist klein, die Eltern sind wegen ihrem Laden im Ort sehr bekannt. Vielleicht hatte sich auch deshalb nie richtiges Vertrauen zwischen uns entwickelt. Ich war nie sicher gewesen, was von den Dingen, die ich zu Hause erzählte, tagsüber im Geschäft oder abends am Telefon der Eltern wieder auftauchte. Mein Kontakt zu den Eltern wurde schlechter. Es entstand Misstrauen. Ich erzählte immer weniger und ich fühlte mich zunehmend beobachtet. Die Jahre hindurch spürte ich mehr und mehr, dass meine Schritte durch den Ort, mein Verhalten auf der Straße, in den Lebensmittelläden oder in der Schule oft von Augen verfolgt worden waren, die intensive Kontakte zu den Eltern pflegten. Deshalb hatte ich immer versucht mich so unauffällig wie möglich zu verhalten. Vertrauen in die Eltern war dabei nicht entstanden.

Oft spürte eine Angst davor, dass in dem kleinen Ort schnell die Runde machen würde, was für die Eltern nicht gedacht war. Deshalb war mein Verhalten überall stets sehr kontrolliert gewesen. Ich war kein spontanes und ein wenig emotionales Kind. Ich glaube das verstärkte das Misstrauen in der Familie. Ich misstraute der Mutter. Ich hatte Furcht, dass sie Dinge, die ich ihr vertraulich berichtete tagsüber im Geschäft im Ort weitererzählt. Natürlich nicht in böser Absicht, sondern aus Fürsorge, oder um mit den Eltern von Mitschülern bestimmte Dinge aufzuklären. Deshalb war ich keinesfalls sicher gewesen, ob der Vorfall mit den Klassenkameraden über meine Mutter deren Eltern erreicht hätte. Das hätte für mich noch mehr Angst vor den Klassenkameraden bedeutet. Deshalb bemühte ich mich, den Vorfall so gut es ging zu verharmlosen. Irgendwo und irgendwann müssen Unsicherheit und Misstrauen gegenüber der Mutter in mir entstanden sein. Ich weiß nicht wie und wo das angefangen hatte. Heute weiß ich zumindest, dass es eine schlechte Grundlage für den Aufbau von Vertrauen zwischen uns gewesen war. Die Jahre bei den Eltern in diesem Ort war ich stets darauf bedacht gewesen, nirgendwo unangenehm aufzufallen. Tatsächlich, so fällt es mir heute an meinem letzten Geburtstag in diesem Ort ein, war es mir in den zurückliegenden fünf Jahren gelungen, keinerlei Fehlverhalten an den Tag zu legen, dass dazu geführt hätte, dass die Eltern wegen mir bei irgend jemandem hier im Ort in Misskredit geraten wären. Mein Fehlverhalten hatte sich stets zu Hause bei den Eltern abgespielt. Außerhalb des Elternhauses hatte niemand Anlass gesehen, sich über mich zu beschweren.

Der Busfahrer kommt jetzt wieder. Er tritt aus der großen Schwingtüre der Bahnhofshalle. Beschwingt laufend setzt er sich eine dunkle Sonnenbrille auf. Er besteigt den Linienbus und lässt sich auf seinem Fahrersitz nieder. Zwei ältere Damen mit Wanderstöcken, die Minuten zuvor an der Bushaltestelle eingetroffen waren, steigen zu. Zweimal klingelt der Geldautomat des Busfahrers. Er reißt zwei winzige Zettelchen ab, die der Automat ausspuckt. Die Fahrscheine überreicht er den beiden Damen. Eine der beiden Damen hält dem Fahrer einen Geldschein hin. Daraufhin zückt der Fahrer eine schwarze Geldtasche, die er durchsucht. Weil er nicht findet, wonach er sucht, zieht nun auch die zweite Dame ihre Geldbörse heraus. Sie überprüft, ob sie ausreichend Kleingeld findet. Weil das nicht der Fall ist, erhebt sich der Fahrer. Er zwängt sich an den beiden Damen vorbei, verlässt den Wagen und schlendert, seine schwarze Geldtasche am Handgelenk, zurück in die Bahnhofshalle. Ich finde er tut dies betont langsam, denn die fahrplanmäßige Abfahrtszeit ist nun erreicht. Auf mich macht das den Eindruck einer gewissen Verärgerung des Fahrers. Ich glaube, er ist ein wenig sauer, weil diese beiden Damen so knapp vor Abfahrt erscheinen und kein passendes Kleingeld haben. Der Fahrer scheint sich für seine Mühe einen großen Geldschein in der Halle wechseln zu müssen, mit einer verspäteten Abfahrt bedanken zu wollen. Minutenlang ist von dem Busfahrer nichts zu sehen.

5. Busfahrt auf den Berg

Das Haus der Eltern liegt auf halber Höhe eines kleinen Berges. Das Haus hatte ich täglich um zehn Minuten vor sieben Uhr morgens verlassen. Im Eilschritt lief ich zunächst auf einem schmalen Trampelpfad hinunter durch ein kurzes Waldstück hinter dem Haus. Dann ging es auf der Pflasterstraße weiter bis zu einer abkürzenden Schotterpiste, die hinunter zu den Bahngleisen ins Tal führt. Eine alte Holzbrücke quert die Bahngleise. Laut trampelnd und tief atmend war ich täglich morgens über die dicken Holzbohlen gerannt. Meist war die Zeit sehr knapp gewesen, meine Eile war deshalb immer berechtigt. Am Ende der Holzbrücke geht es durch ein riesiges altes Gemäuer über mehrere Windungen führt eine große, finstere Steintreppe hinunter. In diesem Gemäuer war es stets kühl und es stank fürchterlich nach Urin. Am Ende dieser finsteren, kalten Treppe erreicht man den Bahnhofsvorplatz. Auf dem Parkplatz hinter dem Bahnhof erwartete mich täglich der überfüllte Schulbus.

Pünktlich um eine Minute vor sieben Uhr war ich beinahe jeden Morgen auf dem Parkplatz hinter dem Busbahnhof in den vollbesetzten Schulbus gestiegen. Vier Jahre lang hatte ich die Schule auf dem Berg besucht. Nicht ein einziges Mal habe ich die Abfahrt des Busses versäumt.

Nachdem ich in den Bus eingestiegen war, hatte ich jeden Morgen aus den Lautsprechern über den Sitzreihen des Reisebusses die ausklingende Erkennungsmelodie einer Radiosendung des bayerischen Rundfunks gehört. Meine Schultasche in den Händen arbeitete ich mich durch den vollen Mittelgang des Busses. Täglich presste ich die Schultasche dicht an meinen Körper und zwängte mich zwischen den vielen Schülern hindurch, die den Mittelgang verstopften. Meist fand ich im hinteren Teil des Vehikels einen Stehplatz. Die vorderen Stehplätze waren bei den Mitschülern beliebt, weil der Bus dort weniger schaukelte. Der Fahrer warf täglich genau dann den Motor an, wenn die Erkennungsmelodie aus dem Radio beendet war. Dann ertönte ein viermaliges Piepsen gefolgt von einem Gongschlag aus dem Radio. Den Gongschlag hörte ich verzerrt. In dieser Sekunde betätigte der Busfahrer den Zündschlüssel. Deshalb fehlte dem Radio eine Sekunde lang der Strom. Der Nachrichtensprecher sagte, dass es nun sieben Uhr ist, dann nannte er das Datum und den Wochentag und gab bekannt, dass nun Nachrichten folgen. Der Busfahrer lenkte den Bus vom Parkplatz auf die breite Straße, die parallel zu einem breiten Fluss verläuft und das Tal wie ein Strich aus Teer durchzieht. Jetzt war es soweit, die Schultasche auf den Fußboden des Mittelganges hinunter gleiten zu lassen. Während der rasanten Fahrt vom Parkplatz auf die breite Straße und der dann sofort folgenden Beschleunigung war es wichtig, beide Hände an der Gepäckablage über den Sitzplätzen zu haben, denn mehrere Ampeln auf der Straße durch das Tal passierte der Fahrer täglich bei Gelb. Hin und wieder entschloss er sich abrupt zu bremsen. Dann war ein sicherer Halt an der Gepäckablage unbedingt notwendig. Der Busfahrer war jeden Morgen schwungvoll durch das langgestreckte Tal gefahren. Er benutzte das leichte Gefälle an der Abfahrt des Parkplatzes als Beschleunigungsstrecke. So erreichte er täglich auf der Hauptstraße zwischen den Bahngleisen und dem breiten Gebirgsfluss ein beträchtliches Fahrttempo. Nach Möglichkeit versuchte ich mich an einem der Sitze anzulehnen. Das war nicht immer möglich gewesen, denn der Bus war häufig so überfüllt, dass die beliebten Stehplätze auf denen man sich anlehnen konnte, bereits besetzt waren. Noch während der fünfminütigen Radionachrichten bog der Bus in die steile Bergstraße nach rechts ab. Auf einer kurzen Brücke über welche die Straße den eiskalten Gebirgsfluss quert, legte der Busfahrer einen tieferen Gang ein. Von dieser Brücke aus musste der Motor richtig arbeiten. Tosend ging es eine sehr steile, kurvige Bergstraße hinauf. Gleich nach der Brücke ging es in eine enge Kurve, ihr folgte ein sehr steiles gerades Stück. Der Busfahrer schaltete noch einen Gang herunter um die Steigung zu bezwingen.

Der Linienbusfahrer kommt nun endlich mit dem Wechselgeld aus der Bahnhofshalle. Sein mürrischer Blick verrät Ärger. Die verspätete Abfahrt hat für andere Fahrgäste Vorteile. Ein älterer Herr und eine ältere Dame haben sich neben den beiden auf das Wechselgeld Wartenden eingefunden. Die Nachzügler haben Glück, denn sie müssen nicht auf den nächsten Bus warten, der erst in zwei Stunden fährt. Die Nachzügler halten das Fahrtgeld passend bereit. Schnell nimmt der grimmig dreinblickende Fahrer denen ihr Geld ab. Noch bevor die älteren Herrschaften ihren Platz erreicht haben, heult auch schon der Motor auf. Und, als gäbe es jetzt keine Sekunde Zeit mehr zu verlieren, rauscht der Bus in steilem Winkel aus seiner Parklücke heraus. Der Fahrer gibt kräftig Gas. Er brummt auf die rote Ampel an der Ausfahrt des Bahnhofs zu. Weil die rote Ampel nicht grün werden will, steigt er kräftig in die Eisen. Das quietscht schrill, laut und hoch, so dass ich ein Pfeifen höre. Jetzt finden die älteren Herrschaften gezwungener Maßen Platz. Sie lassen sich auf die nächstgelegenen Sitzbank fallen. Der Mann, der seine Begleiterin am Oberarm gepackt hat um sie zu sich auf die dunkelbraune Doppelsitzbank zu ziehen, ich glaube um sie so vor einem Sturz zu bewahren, ruft in Richtung des Fahrers: “Muss denn das sein?“ Mehr Aufbegehren gegen dieses unnötige Anfahren höre ich nicht. Der Fahrer reagiert darauf nicht. Vielleicht hält er sein unbeherrschtes Anfahren für berechtigt. Vielleicht beschweren sich die alte Dame und der Herr nicht stärker über den beinahe erlittenen Sturz, weil sie dankbar sind, überhaupt mit diesem Bus fahren zu dürfen.

Ich hätte froh und dankbar sein sollen, bei den Eltern leben zu dürfen. Anstatt meinen Dank dafür zu zeigen habe ich dort so gelebt, wie ich bin. Ich habe mich misstrauisch, manchmal sogar unzufrieden gezeigt. Wo Dankbarkeit angebracht gewesen wäre zeigte ich nichts in diese Richtung. Ich habe mir herausgenommen was mir nicht zusteht. Genauso wie diese älteren Herrschaften froh sein können überhaupt noch mit diesem Bus mitfahren zu können, hätte ich froh und dankbar sein können, überhaupt eine Familie gefunden zu haben. Diese Gedanken kommen mir jetzt. Die heutige viel zu späte Einsicht ist vielleicht Grund genug dafür, dass ich ab heute nichts mehr bei den Eltern zu suchen habe. Die Chance des Findens, die Zeit des Suchens, die einmalige Gelegenheit, die mir bei den Eltern geboten wurde ist heute abgelaufen. Fünf Jahre hatten sie mir Zeit gegeben und ihre Angebote unterbreitet. Ich hatte nicht begonnen anzunehmen, was sie mir geboten hatten. Ich hätte gar nicht suchen müssen, sondern ich hätte nur das Angebot annehmen müssen. Warum konnte ich nicht annehmen, was mir jahrelang geduldig, freundlich, gut gemeint angeboten wurde?

Die heutige Fahrt im Linienbus empfinde ich trotz des launischen Busfahrers viel angenehmer, als es jede Busfahrt im Schulbus auf den Berg in den vergangenen Jahren gewesen war. Grund ist der Sitzplatz auf dem ich jetzt die kurvige Bergstraße sitzend hinaufgefahren werde und die Ruhe, die unter den Fahrgästen herrscht.

Im Schulbus hatte immer Lärm geherrscht. Es waren bayerische Stimmen von Schülern aus allen Jahrgangsstufen die während der Busfahrt an meine Ohren drängten. Ein wildes Durcheinander von lauten Gesprächsfetzen, Fragen nach nicht erledigten Hausaufgaben, Berichte über die Höhepunkte des gestrigen Abendprogramms im Fernsehen, Zankereien und dazu die seicht vor sich hin dudelnde Unterhaltungsmusik eines bayerischen Radiosenders. Müde stand ich täglich im Mittelgang zwischen den Sitzen. Meine Hände krallten sich an der Gepäckablage fest. So erwartete ich täglich das Ende der Busfahrt. Das rückte in dem Augenblick näher, wenn ich den blauen Himmel und unten im Tal die Wolkenmassen sehen konnte. Dann konnte die Fahrt nicht mehr lange dauern, denn dann hatte der Bus den Anstieg auf den Berg geschafft und die Höhenlage erreicht auf der die Schule auf dem Berg liegt.

Weil ich in der Schulklasse unten im Ort oft die Zielscheibe für Fußtritte, Faustschläge, Stolperfüße oder Spucke gewesen war, war ich sehr froh darüber gewesen, dass ich es wegen meiner besseren Leistungen geschafft hatte, die Schule auf dem Berg zu besuchen. Die Schüler der Bergschule kamen aus unterschiedlichen Orten der Umgebung. In meiner Klasse der Bergschule hatte ich glücklicher Weise niemanden getroffen, den ich von der Schule unten im Ort bereits kannte. In vielerlei Hinsicht war diese Schule deshalb für mich eine neue Chance gewesen. Sie war nicht nur die Chance einen höheren Abschluss zu erreichen, sondern auch Hass und Abneigung der Mitschüler gab es dort nicht mehr, weil die ganze Klasse aus neuen Schülern zusammengewürfelt worden war, die sich alle zuvor nicht gekannt hatten. Die neue Schule war für mich deshalb Chance und Herausforderung. Ich hatte es schon nach einem Jahr bei meinen neuen Eltern geschafft, die Aufnahmeprüfung in die neue Schule zu bestehen. Trotzdem war keineswegs sicher, dass ich auch die neue Schule bestehen würde. Erst die Mutter hatte durch ihre Hilfe und Unterstützung dafür gesorgt, dass mir das Bestehen dieser Schule möglich wurde. Unermüdlich hatte die Mutter sich jeden Nachmittag mit mir darangesetzt, meine Hausarbeiten zu kontrollieren und diejenigen Dinge mit mir zu lernen, die ich in den vergangenen langen Schuljahren versäumt hatte. Sie hatte mir beigebracht für die Schule zu lernen. Erst durch sie hatten mich die Botschaften erreicht, die von den Lehrern seit Jahren erfolglos an mich herangetragen worden waren. „Wer etwas erreichen will muss lernen und Lernen will gelernt sein.“ Das war die Einstellung der Mutter.

Beinahe täglich war mir, wegen der Busfahrt in die Schule schlecht geworden. Ich hatte versucht meine mulmigen Gefühle, dieses flaue Gefühl in der Magengegend zu kontrollieren. Das war wegen dem Geschaukel im Bus sehr schwer. In der Anfangszeit in der neuen Schule war es fast täglich vorgekommen, dass ich beim Betreten des Schulhauses sauer aufstoßen musste und mich auf der Toilette übergeben musste. Aber ich lernte schnell mich von diesen widrigen Umständen nach der kurvenreichen Busfahrt nicht zu lange behindern zu lassen.

Weil ich in der Schule, wegen der täglichen Unterstützung der Mutter schnell meinen Weg gefunden hatte, gewann ich mehr und mehr an Sicherheit. Deshalb begannen sich Veränderungen einzustellen, die ich niemals erwartet hatte. Den Unterrichtsstoff hatte ich meist sehr schnell verstanden. Deshalb war ich im Unterrichtsgeschehen für die Lehrer zu einem Ansprechpartner in der Klasse geworden. Auch für die Mitschüler entwickelte ich mich zu einem Ansprechpartner, der während der Busfahrt und in den Schulpausen zu bestimmten Dingen befragt wurde. Mein erlerntes Wissen war zunehmend gefragt. So war es gekommen, dass sich Kontakte zu Gleichaltrigen ganz anders entwickelten als zuvor. In der Schule entwickelte ich mich zu einem aufmerksamen, guten aber kritischen Schüler. Ich glaube, die Mitschüler und viele Lehrer hatten das schnell gemerkt. Deshalb entstand das Gefühl, dass die mich ernst nehmen. Außerhalb des Elternhauses fühlte ich mich ernst genommen.

Weil die Eltern mich als unterstützungsbedürftigen Knaben aufgenommen hatten, der extrem schlechte Schulzeugnisse vorzuweisen hatte, war es ihnen sehr schwer gefallen, die Veränderungen, die sie an mir ausgelöst hatten auch wahrzunehmen. Ich glaube, weil es für die Eltern so schwer gewesen war, meine Veränderungen anzunehmen, hatte zu Hause der harte Kampf zwischen ihnen und mir begonnen. Es war der normale Kampf um die Ablösung von meinem neuen Zuhause gewesen. Dass es sich um einen normalen Kampf handelte und, dass dieser nicht ungewöhnlich war, konnten weder ich noch die neuen Eltern denken und wissen. Ich glaube, weil dieser Kampf für alle beteiligten in der Familie damals neu und unbekannt war, weil keiner darauf eingestellt war und weil keiner von uns diesen Kampf aufgrund eigener Erfahrung bereits gekannt hatte, war er im Laufe der Zeit beinahe zu einer Existenzbedrohung für die Eltern, vor allem für die Mutter geworden.

Ich konnte damals nicht so denken wie jetzt, auch die Eltern konnten das nicht. Auch heute, an meinem letzten Geburtstag bei den Eltern kann ich noch nicht wirklich so denken und die Eltern können das auch noch nicht.

Zu kurz ist die Zeit bei den Eltern vorbei, es sind erst Stunden. Heute beginnt eine neue Zeit. Heute beginnt die Zeit, in der die Zeit bei den Eltern vorbei ist. Diese Zeit wird täglich mehr. Wahrscheinlich braucht es Jahre, um das was gestern gewesen war, anders, klarer weil mit größerem Abstand von den nahe zurückliegenden Geschehnissen und deshalb vielleicht deutlicher sehen zu können. Vielleicht braucht diese heute beginnende neue Zeit noch sehr viele Gedanken in meinem Kopf um zu lichten, was ich heute nicht wirklich erkennen oder gar schon richtig deutlich und klar sehen kann. Es sind die Verletzungen, die ich den Eltern vor allem der Mutter mit meiner Art, die sie häufig „unverschämt“ genannt hatte, zugefügt habe. Es war meine Art, wie ich diesen Kampf geführt habe. Verletzend für die Mutter, niederschmetternd für den Vater. Meine Art diesen Kampf zu führen hat mich dot hin geführt, wo ich heute bin. Die Art, meine Art war falsch. Bei den Eltern war es der normale Kampf, den zu führen jeder Mensch einmal in seinem Leben als Aufgabe vor sich hat, wenn er, wie ich endlich Eltern gefunden hat oder wenn er seine Eltern aufgrund glücklicher Umstände nicht verloren hat und deshalb bei ihnen aufwächst. Meine Chance das zu erkennen beginnt heute, sie braucht Zeit.

Mein größtes Lebensglück war es gewesen, diese neuen Eltern zu finden. Bei ihnen war es mir möglich geworden Familie zu erleben. Wie schwer es ist, als Familie zusammen zu leben hatte ich zuvor nicht geahnt, auch die neuen Eltern hatten das nicht gewusst, da bin ich sicher. Um mich zu entwickeln, musste ich die neuen Eltern, die endlich für mich gefunden waren, sehr schnell wieder loslassen, denn ich war bereits so alt gewesen, dass es notwendig für mein Leben war, mich nicht zu stark an die neuen Eltern zu binden. Ich musste bei den neuen Eltern zu mir selbst finden. Ich musste lernen zu lernen. Ich konnte erkennen, dass ich bereits wusste, was richtig und was falsch ist, was gut und was böse ist, das mussten die neuen Eltern mir nicht mehr beibringen.

Zum Glück, so kann ich das heute schon sagen, gab es viele Dinge, die ich nicht erst bei den neuen Eltern lernen musste. Denn es wäre unmöglich gewesen, neben den vielen grundlegenden Dingen, den vielen Wissenslücken in der Schule, die es bei mir zu schließen gab, auch noch das alltägliche menschlich sein lernen zu müssen. Ich hatte bereits ein ausgeprägtes Denken über wichtige Fragen in meinem Kopf in das Haus zu den neuen Eltern mitgebracht. Schon vor den neuen Eltern hatte ich gelernt, im Alltäglichen zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit zu unterscheiden, den Besitz anderer zu respektieren, die Lehrer in der Schule ernst zu nehmen und zu respektieren, Erwachsenen gegenüber respektvoll zu sein und deren Anweisungen zu befolgen. Trotzdem hatte ich eine eigene Meinung entwickelt. Diese war meist nicht die gleiche, wie die Meinung, die ich von Erwachsenen zu hören bekam. Insbesondere die Meinung der Eltern hatte ich sehr selten geteilt. Trotzdem hatte ich immer Respekt gegenüber Erwachsenen. Aber es reichte mir nicht aus, Respekt zu haben, ich gebe zu, dass mir das nicht gereicht hatte. Ich wollte, dass auch meine Meinung ernst genommen wird. Ich wollte provozieren und gleichzeitig ernst genommen werden und mit Erwachsenen diskutieren und von ihnen lernen. All das konnte bei den Eltern nicht so gut funktionieren, wie es gegenüber den Lehrern in der neuen Schule auf dem Berg funktioniert hatte. Die neuen Eltern waren anders, sie waren meine neue Familie.

Hier könnte eines der hauptsächlichen Probleme zwischen den Eltern und mir entstanden sein. Es war nicht die konträre Meinung, die ich meist den Eltern gegenüber eingenommen hatte, sondern, vielleicht war das Hauptproblem, dass die Eltern nicht wahrgenommen hatten, dass ich mich grundsätzlich „in die richtige Richtung“ entwickelte. Die Eltern nahmen meine Entwicklung nur einseitig wahr, sie hatten meine vielen Versäumnisse in der Schule gesehen und begannen zu retten, was noch zu retten möglich war. Dass ich aber eindeutig nicht in der Gefahr war, mich zu einem Lügner, einem Dieb, oder einem gewalttätigen Menschen zu entwickeln, ich glaube, das erkannten die Eltern nicht. Im Verhalten der Eltern mir gegenüber erkannte ich stets eine gehörige Portion Misstrauen. Deshalb fühlte ich mich von den Eltern auf Schritt und Tritt in dem winzigen Ort und der Umgebung verfolgt. Stets wollten die Eltern wissen, wohin ich gerade unterwegs war, mit wem ich mich wo verabredete. Die Eltern hatten ein großes Interesse an Kontrolle, denn sie ahnten nicht, dass ich grundsätzlich ein vernünftiger Mensch war, der niemals solchen Mist bauen würde, dass den Eltern oder andern Menschen ernsthaft Schaden entstehen würde. Die Eltern waren in Sorge um mich und um sich selbst. Der alltäglich Kampf um die Ablösung aus der Obhut der Eltern hatte bereits eingesetzt, als die Eltern noch sehr besorgt um meine Entwicklung gewesen waren und keines Wegs überzeugt waren, dass ich begonnen hatte einen guten Weg einzuschlagen. Ich glaube, bis heute haben sie nicht wahrgenommen, dass ich einen einigermaßen vernünftigen Weg einschlagen werde. Ich lebte in einer Familie, ich lebte bis heute in ihrer Familie.

An den Nachmittagen mit der Mutter hatte ich mehr und mehr Widerwillen gespürt, gemeinsam mit ihr am Tisch zu sitzen und meine Hausaufgaben kontrollieren zu lassen. Auch das Abfragen von Vokabeln, die Übungen in Mathematik und Stenografie, das alles hatte mir wegen der Kontrolle und Unterstützung der Mutter bald gereicht. Ich war davon überzeugt, dass ich das alles nun selbst schaffen würde. Aber es war nicht einfach gewesen, das mit der Mutter zu besprechen. Weil die Mutter immer nachmittags dabei gewesen war und mit mir für die Schule gelernt hatte, war ich sicher, dass dieser normale Alltag nicht zu unterbrechen ist. Ich hatte nicht daran gedacht, die Mutter darauf anzusprechen, der Alltag war zu stark eingespielt gewesen, deshalb hatte ich mir das nicht zugetraut. Weil ich hilflos gewesen war, dieses Problem anzusprechen, war ich mit der Zeit wütend darüber geworden. Deshalb hatte ich irgendwann diese Unterstützung der Mutter als lästige Einmischung in meine Angelegenheiten empfunden.

An einem Nachmittag hatte mich der vereinbarte Termin mit der Mutter besonders geärgert. Deshalb hatte ich mir überlegt, einfach nicht da zu sein um mit ihr für die Schule zu lernen. Das Haus konnte ich nicht verlassen, denn sicherlich wäre mir die Mutter im Treppenhaus begegnet, oder sie hätte die Haustüre gehört und hätte mir dann vom Balkon aus zugerufen. Deshalb war ich in meinem Zimmer unters Bett gekrochen. Unter dem Bett hatte ich mich auf den Boden gepresst. Dort hatte ich gebannt auf meine Armbanduhr geschaut. Um drei Uhr hätte ich mich mit meinen Unterlagen im Wohnzimmer bei der Mutter einzufinden gehabt. Es war bereits einige Minuten nach drei Uhr gewesen. Um fünf Minuten nach drei hatte die Mutter mein Zimmer betreten. Ich presste mich auf den Fußboden unter meinem Bett und versuchte möglichst leise zu atmen. Im Zimmer war es absolut still gewesen. Die Mutter hatte die Tür hinter sich geschlossen und setzte sich an meinen Stuhl vor meinen Schreibtisch. Dort begann sie nicht meine offen daliegenden Hefte zu kontrollieren, sondern sie schrieb einen Brief an mich. Zehn Minuten später hatte sie das Zimmer wortlos wieder verlassen.

Ich glaube, die Mutter spürte schon lange, dass ich einen Widerwillen gegen die tägliche gemeinsame Lernzeit entwickelt hatte. Die Lernnachmittage waren immer unangenehmer geworden. Ich glaube nicht, dass ich während dieser täglichen Zusammenkünfte einen besonders glücklichen Eindruck gemacht hatte. Meine Ablehnung musste die Mutter lange schon gespürt haben. Mein unentschuldigtes Fernbleiben an diesem Nachmittag nannte sie in ihrem Brief „Undankbarkeit“ und „Unverschämtheit“. Die Mutter hatte geschrieben, dass sie sich von meinem Fernbleiben sehr verletzt fühlt. Von mir erwartet sie keine Dankbarkeit aber Aufrichtigkeit. Sie hat in ihrem Geschäft gemeinsam mit dem Vater sehr viel zu arbeiten, das wüsste ich doch. Deshalb ist es unverschämt, dass ich die teure Zeit die sie sich für mich nimmt einfach abschmettere, und ohne einen Ton zu sagen fernbleibe. Deshalb so schrieb sie, ist die Konsequenz von nun an, dass sie sich um meine schulischen Dinge nicht weiter kümmern werde.

Der Brief der Mutter hatte mich sehr getroffen. Ich hatte mich als undankbarer Ausbeuter ihrer teuren Zeit gefühlt. Aus dem Brief schloss ich, dass ich, derjenige der vom Geld der Mutter und des Vaters lebt, sich von ihnen unterstützen und helfen lässt, von ihnen Kleidung und Essen bekommt und sich materiell ausstatten lässt, die Unverfrorenheit besitze, die teure Zeit der Mutter zu vergeuden. Solches Verhalten, so verstand ich den Brief der Mutter, ist nicht zu entschuldigen. Deshalb hatte ich an dem Nachmittag ein sehr schlechtes Gewissen gehabt. Trotzdem war es mir nicht möglich gewesen, mit der Mutter darüber zu sprechen. Mit ihrem Brief in der Jackentasche hatte ich mich aus dem Haus geschlichen, um ihn im Wald noch einmal in Ruhe zu lesen. Abends hatte ich mich kaum getraut, mich an den Abendbrottisch zu setzen.

Seit diesem Vorfall hatte die Mutter ihre Unterstützung für die Schule komplett eingestellt. Ich hatte erreicht, was ich wollte. Allerdings war das nur auf Kosten unserer Beziehung und meines Gewissens möglich geworden. Ich war nicht in der Lage gewesen, die Mutter auf ihren Brief und auf mein Verhalten an dem Nachmittag anzusprechen. Über diesen Nachmittag wurde in der Familie nicht gesprochen. Ich glaube, die Mutter hatte gedacht, dass sie ihren Teil mit ihrem Brief erledigt hatte. Ich glaube sie dachte, dass es an mir wäre, mit ihr über die Sache ins Gespräch zu kommen. Ich sah mich nicht in der Lage, die Mutter selbständig auf ihren Brief anzusprechen. Ihr Vorwurf gegen mich, dass ich sie mein Fernbleiben so sehr enttäuscht hatte, hat mich so hart getroffen, dass ich nicht den Mut fand die Mutter darauf anzusprechen. Der Brief der Mutter war so formuliert gewesen, dass er es notwendig gemacht hätte, dass ich zunächst meine Schuld in vollem Umfang gegenüber den Eltern einräume. Es wäre erforderlich gewesen, dass ich erst einmal eingestehe, mit welch niederträchtiger Haltung ich in der Familie das von den Eltern entgegengebrachte Angebot der Hilfe und Unterstützung missbraucht und abgewehrt habe. Die Mutter hatte mit ihrem Brief eine hohe Barriere zwischen uns aufgebaut, die von mir nur durch das vollständige Eingeständnis meiner Schuld zu durchbrechen gewesen wäre. Ich hatte das Vertrauen der Mutter verletzt, so hatte sie geschrieben. Es war nicht darum gegangen zunächst einmal genau zu klären, welches Vertrauen die Mutter mir eigentlich entgegengebracht hatte, was sie damit exakt meint. Das hätte die Mutter als ironische Haarspalterei verstanden. Damit hätte ich der Frechheit nicht genug, noch eins drauf gesetzt.

Der Brief der Mutter hatte eine derartige Kraft, dass zweifellos klar war, dass es sich eindeutig um ihr Vertrauen gehandelt hatte, das ich gedankenlos verspielt hatte. Ich hatte einen Anschlag auf die Mutter verübt, das hatte die Mutter mit ihrem Brief klargestellt. Hätte ich es gewagt, die Frage nach dem Verständnis der Mutter von deren Vertrauen, das sie mir entgegenbrachte aufzuwerfen, anstatt zuerst ein vollständiges Schuldeingeständnis gegenüber der Mutter abzulegen, wäre dieses ein weiterer provokanter Angriff gegen die Mutter und die Familie gewesen. So gesehen war es unmöglich, die Mutter darauf anzusprechen, ohne weiteres Porzellan zu zerschlagen. Ich glaube, es war dieser Nachmittag gewesen, der die endgültige Eiszeit zwischen mir und den Eltern eingeleitet hatte. Weil ich die Leistung der Mutter mich in der Schule zu unterstützen nicht weiter annehmen wollte, und weil ich mich nicht getraut hatte mit der Mutter wegen dieses Nachmittags ins Gespräch zu kommen, war ein Stein ins Rollen geraten, der dazu führte, dass sich der Kontakt zwischen den Eltern und mir verschlechterte.

Langsam tuckert der Linienbus die steile Bergstraße hinauf. Obwohl er im Vergleich zu meinem früheren Schulbus beinahe leer ist, erreicht er trotz dröhnendem Motor nicht annähernd dessen Geschwindigkeit. Viele Fahrgäste sind inzwischen ausgestiegen. Noch einige steile Kurven stehen bevor, bis der Bus die Wendeschleife und Endhaltestelle erreicht. Von dort besteht die Möglichkeit in einen kleineren Bus umzusteigen, der die Straße bis kurz vor dem Berggipfel hinauffährt. Ich steige an der Wendeschleife aus. Jetzt habe ich noch etwa zwei Kilometer zu Fuß vor mir. Die meisten Touristen bezwingen die steile Bergstraße bis zur Wendeschleife in Reisebussen die von Touristikunternehmen gechartert wurden. Weil Hochsaison ist, steht der Busparkplatz hinter der Wendeschleife voll von Reisebussen. Rings um die Wendeschleife herrscht buntes touristisches Treiben. Massen von wartenden Touristen, die mit Kleinbussen bis nahe an den Gipfel heranfahren wollen, belagern die winzigen Buden rings um die Wendeschleife. Hier decken sie sich mit Ansteckern, Aufklebern, Wanderstöcken, bayerischen Hüten und allen nur erdenklichen Souveniren ein.

Ich arbeite mich durch die Menschentrauben, die sich vor den Ramschbuden stauen. Ich höre das Klicken von Fotoapparaten und das Surren von kleinen Filmkameras. Hin und wieder weiche ich einem zu weit abgewinkelten Wanderstock aus. Unten im Ort war es mir vor Jahren einmal passiert, dass mich so ein Tourist mit seinem ausgestreckten Wanderstock beinahe von meinem Fahrrad gestoßen hätte. In den Sommermonaten sind die Gehsteige von begeisterten Besuchern der Gegend völlig überfüllt. Hin und wieder geschieht es, dass einer mit seinem Wanderstock unvermutet vom Gehsteig auf die Straße ausschert. Ich hatte großes Glück, denn der Autofahrer hinter mir hatte das gesehen und sofort gebremst, so dass ich mit dem Fahrrad auf die Fahrbahn ausweichen konnte. Diese Menschen nennen die Ortsbewohner „Watzmannstecher“. Sobald sie den Watzmann am blauen Himmel erkennen reißen sie unvermittelt ihren Wanderstock in die Höhe, stürzen auf die Straße und stechen mit ihrem Stock auf den weit entfernten Berg ein. Dazu brüllen sie begeistert „des isser, des isser!“

6. Auf dem Berg

Im Ort und auf den umliegenden Bergen war ich stets sehr viel mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Das Fahrrad hatten mir die Eltern gleich zu meinem ersten Geburtstag, nachdem ich zu ihnen gekommen war, geschenkt. Es war ein rotes Herrenfahrrad, Felgengröße 28 mit einer Dreigangschaltung. Nie zuvor hatte ich so ein gutes Fahrrad besessen. Von diesem tollen Geburtstagsgeschenk war ich restlos begeistert. Ich nutzte das Fahrrad beinahe täglich und bei jedem Wetter. Ich pflegte das Fahrrad besser als mich selbst. Ich wienerte oft daran herum und reparierte jeden Schaden sofort. Die Dreigangschaltung an dem Fahrrad war für mich ein großer Luxus. Mit ihr bezwang ich beinahe jede Steigung. Nahezu alle Bergstraßen der näheren Umgebung hatte ich mit dem Rad in den vergangenen Jahren mindestens einmal bezwungen. Auch zur Buswendeschleife auf den Berg hinauf zur Schule war ich oft gefahren.

Den Waldweg, den ich jetzt in Richtung meiner ehemaligen Schule entlang laufe, war ich schon oft mit dem Fahrrad gefahren. Bei meinen Fahrradtouren durch die Umgebung hatte ich mir meist wenig befahrene Nebenstrecken gesucht. Die Eltern fanden es gut, dass ich nachmittags nach den Hausaufgaben und an Wochenenden viel mit dem Fahrrad in der Umgebung unterwegs war. Ich glaube, sie dachten dabei vor allem daran, dass ein junger Mensch wie ich sich sportlich betätigen sollte, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen.

Als ich eines Tages allerdings den Wunsch hatte, in den Ferien alleine eine Fahrradtour hinüber in das nahegelegene Nachbarland zu machen und im Zelt auf einem Zeltplatz zu übernachten, waren die Eltern nicht mehr so begeistert gewesen. Ich war damals sechzehn Jahre alt geworden und meiner Meinung nach, vernünftig genug, um für eine Woche auf Fahrradtour zu gehen. Von meinem Taschengeld hatte ich Landkarten besorgt, zum Geburtstag hatte ich Fahrradtaschen von den Eltern geschenkt bekommen.

Die Mutter hatte gesagt, dass ich einen Brief an meinen Vormund, dessen Adresse sie mir gab, schreiben sollte. Wenn der meinem Vorhaben zustimmen würde, hätte ich kein Problem. Dann könnte ich gerne in den Ferien mit dem Fahrrad losfahren. Den Vormund, der sich weit vom Gebirgsort entfernt aufgehalten hatte, kannte ich von seltenen Besuchen in früheren Jahren. Auf meinen Brief antwortete der prompt. Er wollte wissen, ob ich einen Fahrradführerschein hätte und ob ich die Verkehrsregeln vernünftig einhalten würde. Den Fahrradschein hatte ich vor Jahren in der Schule erworben. In meinem Antwortbrief schrieb ich selbstbewusst über langjährige Fahrradpraxis zu verfügen. Das und die Kopie meines Fahrradführerscheins hatten den Vormund überzeugt. Er stimmte zu. So war ich während der Ferien mit meinem Fahrrad und meinem winzigen Zelt, das ich von den Eltern zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, im nahen Nachbarland unterwegs. Den Eltern hatte ich während dieser Ferienunternehmung keinerlei Ärger gemacht. Die Tour war vollkommen reibungslos ohne Vorkommnisse verlaufen. Während der Ferien war ich aufgeräumt gewesen. Ich denke jetzt, während ich den Waldweg am Berghang entlang laufe, dass ich damals eigentlich gezeigt hatte, dass die Eltern sich auf mich verlassen können und ich keinen Mist bauen würde, wenn sie mich laufen ließen.

Die Eltern hatten mich damals durch ihr Verhalten unterstützt. Nachdem der Vormund zugestimmt hatte und damit quasi die Verantwortung für mein Vorhaben übernommen hatte, beschenkten mich die Eltern am Geburtstag mit Fahrradzubehör und Zelt. Ich glaube für die Eltern war der formelle Akt, dass die Verantwortung beim Vormund und nicht bei ihnen lag sehr wichtig. Durch diese Regelung entfiel jeglicher Streit. Die Frage, ob es angemessen war, als Sechzehnjähriger eine selbständige Radtour zu machen wurde zuhause nicht weiter diskutiert oder angezweifelt. Weil der Vormund zugestimmt hatte durfte ich fahren. Ich glaube nicht, dass die Eltern sich durch diese Entscheidung des Vormunds bevormundet fühlten. Sie wirkten wegen dieser Entscheidung nicht verärgert, sondern sie wirkten entlastet. Die Verantwortung lag beim Vormund, nicht bei ihnen. Das war den Eltern wichtig. Ob es fragwürdig war, dass ein mehrere hundert Kilometer entfernter Vormund diese Verantwortung übernahm, war für die Eltern kein Thema. Der Vormund hatte die Verantwortung schwarz auf weiß übernommen. Das verhinderte einen Streit zwischen den Eltern und mir.

Auf der Strecke durch den Wald erreiche ich nun einen lichten Fleck mit Aussichtspunkt. Wanderer mit Stöcken und festem Schuhwerk stehen am Holzgeländer, sie blicken Richtung Tal hinunter und sie fotografieren die Bergketten ringsum. Im Vorbeigehen werfe ich einen flüchtigen Blick hinunter ins Tal. Keine Wolke, kein Nebel trübt heute den Blick hinunter. Klare Sicht auf die Berge auf der andern Seite des Tals, so wie ich sie im Sommer aus dem Schulbus täglich sah.

Der Schulbus war täglich nur wenige Meter oberhalb des Wanderweges auf der breit ausgebauten Ringstraße entlanggedonnert. In einiger Entfernung von dem Aussichtsplatz bleibe ich an einer hohen Fichte stehen. Ringsum ist es ruhig. Kein Fahrzeug nähert sich auf der oben liegenden Ringstraße, keine Wanderer kommen mir auf dem Spazierweg entgegen. Meinen Blick richte ich hinunter ins Tal. Dort unten erkenne ich den Gebirgsort, den ich bis heute meine Heimat nenne. Ich suche am Ortsrand, dicht unterhalb eines vergleichsweise niedrigeren Berges, nach dem Haus der Eltern. Mit einem Fernglas wäre das Haus der Eltern heute sehr einfach zu finden. Die Sicht ist sehr klar. Auch ohne Fernglas glaube ich das Elternhaus jetzt gesichtet zu haben. Es ist ein winzig kleiner Punkt, den ich zwischen grünen Wiesen und Wald am Ortsrand ausfindig mache. Vor dem winzigen Punkt erkenne ich einen geraden Strich. Das ist die Straße am Berg vor dem Haus der Eltern.

Obwohl der Ort klein und überschaubar ist, obwohl das Haus der Eltern und die kleine Straße vor dem Haus noch aus kilometerweiter Entfernung gut zu finden sind, obwohl in diesem Ort und über den Ortsrand hinaus alles sehr übersichtlich ist, konnten die Eltern mich nicht einfach laufen lassen. Die Eltern hatten stets Kontrolle über die Wege gehabt, auf denen ich unterwegs war. Sie pflegen wegen ihres Geschäftes im Ortskern beste Kontakte zu sehr vielen Bewohnern im Ort und in den kleineren Orten rings herum. Ich bin sicher, die Eltern hätten umgehend Meldung erhalten, wenn ich von einem Bewohner im Ort auf Abwegen beobachtet worden wäre. Trotzdem blieb stets mein Gefühl, dass die Eltern nie sicher gewesen waren, ob ich nicht Unsinn anrichte, der ihrem Ansehen als Geschäftsleute schaden könnte. Ich glaube, die Eltern hatten ein Höchstmaß an Verantwortung für mich übernommen. Ich glaube, die Eltern fürchteten, dass bereits minimale Zweifel an ihrer Verantwortlichkeit ausgereicht hätten, um ihrem Ansehen im Ort als erfolgreiche Geschäftsleute schwer zu schaden.

Eigentlich hatten die Eltern immer gewusst wo ich mich gerade aufhalte. Die Geschäftsleute im Ort haben täglich Kontakt zu den Bewohnern des Ortes. Täglich überblicken sie, was auf der Straße vor ihren Läden geschieht. Täglich tauschen sich Geschäftsleute und Kunden miteinander aus. Die Geschäftsleute im Ort wissen am besten, wer gerade wo unterwegs ist. Wenn ich also im Ort irgendwo unterwegs gewesen war, war für die Eltern eigentlich immer klar gewesen, wo ich mich gerade aufhalte oder wohin ich als nächstes gehen würde.

Ich stehe am Waldweg auf dem hohen Berg neben der Fichte und überblicke das gesamte Tal. Unten, direkt vor, mir sehe ich den Ortskern. Links davon sehe ich einige Ansiedlungen. Es sind kleine Gemeinden, die ich alle kenne. Rechts vom Ortskern sehe ich andere kleine Gemeinden. Die gesamte Umgebung dieses Ortes, so finde ich, ist eigentlich sehr übersichtlich. Jetzt, wo ich das alles noch einmal vor mir sehe, wird mir klar, dass meine Eltern in den vergangenen Jahren keinen Grund hatten, mich nicht einfach gehen zu lassen. Weil die Eltern, wegen ihres Geschäftes sehr viele Kontakte haben, hätten sie, selbst wenn ich einmal verloren gegangen wäre binnen weniger Minuten per Telefon herausgefunden, wo ich mich gerade aufhalte.

Langsam gehe ich auf dem Höhenweg weiter. Hatten die Eltern ihre Verantwortung für mich zu ernst genommen? Vielleicht hatten die Eltern berechtigte Angst davor, dass ich Mist baue. Rechts neben dem Höhenweg sehe ich jetzt einen Bussard. Er fliegt parallel zum Höhenweg. Jetzt bleibt er in der Luft vor mir stehen. Vielleicht hat er unten Beute erspäht, die er gleich ergreifen wird. Mich im Ort oder der Umgebung zu finden wäre sicherlich keine schwierige Jägeraufgabe gewesen. Ich glaube nicht, dass eine besondere Spürnase oder gar Bussard- oder Adleraugen notwendig gewesen wären, mich an jedem beliebigen Tag der vergangenen fünf Jahre aufzuspüren. Jetzt stürzt der Bussard im Steilflug direkt vor meinen Augen vom Himmel herab. Kurz verschwindet er hinter den nahen Bäumen am steilen Hang unterhalb meines Weges. Nur Sekunden bleibt er verschwunden. Wild flügelschlagend peitscht er jetzt aus den Baumkronen unter dem Höhenwanderweg auf. In seinen Krallen hält er etwas, das ich nicht erkennen kann. Wahrscheinlich hat er einen guten Fang gemacht. Mit seiner Beute zwischen den Krallen verschwindet er aus meinem Blickfeld in rechter Richtung hinauf auf den Berg.

Ich glaube, die Eltern und ich, wir hätten uns viele unangenehme Zusammenstöße erspart, wenn den Eltern klar gewesen wäre, dass ich im Grunde in diesem Ort jederzeit von ihnen auffindbar gewesen war.

Das zunehmende Misstrauen zwischen den Eltern und mir war immer wieder durch weiteres Fehlverhalten von mir aufs Neue begründet worden. Ich hatte die größte Schuld daran, dass das Misstrauen der Eltern gegen mich und meine Schandtaten nicht geringer geworden war. Immer wieder hatte ich gezeigt, dass es notwendig war, einen Menschen wie mich auf Schritt und Tritt mit einem vernünftigen Maß an Misstrauen zu beobachten, wenn nötig zu verfolgen und dem Fehlverhalten zu begegnen. Eine meiner vielfältigen Verfehlungen trug sich an einem Wochenende zu. Ich glaube ich war gerade fünfzehn Jahre alt geworden. An einem Samstagabend war ich an einem Bettuch aus meinem Zimmer aus dem ersten Stock hinunter geklettert. Im wahrsten Sinne des Wortes hatte ich mich an dem Abend von den Eltern abgeseilt. In den Freizeiträumen unten in der Schule im Ort hatte an diesem Abend eine Musikgruppe gespielt. Die Musiker kannte ich alle von einer Jugendgruppe, in der ich Mitglied gewesen war. Den Eltern hatte ich von dem Konzert erzählt und ich hatte gehofft, dass ich bis Mitternacht dort bleiben könnte. Natürlich war es dumm von mir darauf zu hoffen, dass die Eltern mir für diese Musikveranstaltung bis zu so später Stunde die Erlaubnis geben würden. Solch eine Erlaubnis wäre nicht nur ein Vertrauensbeweis der Eltern gewesen. Mit ihr wäre auch verknüpft gewesen, dass die Eltern entgegen der gültigen Jugendschutzbestimmungen erlaubt hätten, dass ich mich bis mitten in die Nacht hinein dort aufhielt.

Die Eltern wussten, dass die Jugendlichen aus meiner Jugendgruppe alle vernünftige Menschen sind. Meine Eltern hatten die meisten Eltern der Jugendlichen gekannt, zu denen ich Kontakt pflegte. Die Musikveranstaltung fand in einem von der Gemeinde eröffneten Jugendhaus statt. Die Räume lagen im Schulhaus des Gebirgsortes, das den Eltern gut bekannt ist. Für die Eltern kam es aber trotzdem nicht in Frage ihre Einwilligung zu geben. Das Verantwortungsgefühl der Eltern für mich war groß gewesen. Es war ein Angriff gegen die Eltern, dass ich es gewagt hatte, darum anzufragen, dass die Eltern an diesem Abend ausnahmsweise die gültigen Jugendschutzbestimmungen außer Acht lassen. Vielleicht bestätigte allein diese Frage erneut, dass ein gehöriges Maß an Misstrauen und Überwachung meiner Wege berechtigt war. Die Eltern hatten es nicht erlaubt. Ich sollte um zehn Uhr abends zu Hause sein. Die Veranstaltung hatte aber bis zwölf Uhr gedauert. Meine Freunde waren gerade mitten in ihrem Spiel, als ich pünktlich, um zehn Uhr zu Hause angekommen war. Ich hatte keine Möglichkeit gesehen, mit den Eltern eine längere Uhrzeit auszuhandeln. Deshalb habe ich mich später an diesem Abend am Bettuch aus dem Fenster abgeseilt.

Im Ort hatte es damals nur sehr selten solche Veranstaltungen für Jugendliche gegeben. Der Genehmigung dieser Freizeiträume durch den Gemeinderat war ein langjähriger Kampf vorausgegangen. Meine Jugendgruppe war an diesem Kampf als Veranstalter beteiligt gewesen. Die Eltern hätten genau gewusst, wo ich mich bis zwölf Uhr aufhielt. Noch nie war es vorgekommen, dass über mich Beschwerden bei den Eltern eingingen. Fehlverhalten hatte ich immer nur zu Hause gezeigt.

Natürlich hatten die Eltern das verknotete Bettuch bemerkt und natürlich hatte es am nächsten Morgen großen Ärger gegeben. Mein Ausstieg aus dem Fenster war für die Mutter und den Vater ein unfassbarer Anschlag auf deren Vertrauen. In einem Brief an mich hatte die Mutter meinen nächtlichen Ausstieg aus dem Zimmerfenster und meinen Ausflug zu dem Musikkonzert, trotz des eindeutigen Verbotes, als tiefen Vertrauensbruch bezeichnet. Und in mir schon bekannter Weise hatte die Mutter unmissverständlich in ihrem Brief an mich dargelegt, dass mein Fehlverhalten einen nahezu unverzeihlichen Graben zwischen den Eltern und mir aufgerissen hat.

In mir weckte die Mutter mit solchen Briefen ein Schuldgefühl, dem ich nichts entgegen setzen konnte. Der Tatsache meiner Schuld waren keine Argumente entgegenzusetzen. Die Moral, welche aus den Briefen der Mutter sprach, war tief und sie wirkte auf mich wie ein naturgegebener, von nichts und niemandem anzuzweifelnder Richterspruch. Die Mutter war eine Instanz, welche stets die Wahrheit sprach. Werte und Moral, die mir die Mutter in ihren Briefen und ihren Worten vermittelte, hatten immer Gültigkeit. Die Moral, welche die Mutter mir eingeflößt hatte, sorgte dafür, dass mein Gewissen von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat, am Ende von Tag zu Tag schlecht geworden war. Meine Art die Dinge zu sehen, meine Art zu den Eltern zu sprechen, meine Art mit dem gutgemeinten Hilfeangebot der Eltern umzugehen, meine Art bei den Eltern zu leben. All das machte mir ein schlechtes Gewissen. Ich glaube diese – meine Art empfanden die Eltern als Angriff. Besonders schlecht war mein Gewissen, wenn ich einen Brief der Mutter auf meinem Schreibtisch vorfand. Dann hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil mir die Briefe der Mutter meist vorwarfen, dass ich die Unverfrorenheit besaß, mir nicht nur ein schönes Leben auf Kosten meiner selbstlosen Eltern in deren Haus zu erlauben, sondern neben dieser Tatsache legte ich in den Augen der Mutter auch noch eine unfassbar gemeine Art an den Tag, mit der ich mir erlaubte die hilfsbereite und selbstlose Erziehungsaufgabe welche die Eltern sich auferlegt hatten, zu erschweren, zu einer schier unmöglich zu bezwingenden Last zu machen, indem ich die Eltern etwa mit meinen egozentrischen Forderungen ärgerte solche Vergnügungsveranstaltungen besuchen zu wollen oder die Eltern in niederträchtigster Weise hintergangen habe indem ich das Haus auf solche Weise verlassen hatte.

Wöchentlich hatte ich im Ort eine Jugendgruppe besucht. Dort hatte ich in den vergangenen Jahren die meisten Kontakte geknüpft. Vertrauen zu anderen Menschen, das ich bei den Eltern und in der Schule nicht gefunden hatte, fand ich in der Jugendgruppe. Vielleicht hatte das in der Gruppe funktioniert, weil dort niemand versucht hatte Verantwortung für mich zu übernehmen, oder mich in eine bestimmte Rolle zu zwängen. In der Gruppe hatte ich das Gefühl willkommen zu sein ohne bestimmte Vorleistungen erbringen zu müssen. Mein schlechtes Gewissen, das mich im Kontakt mit den Eltern häufig geplagt hatte, entfiel in der Jugendgruppe.

Die Gruppe war für mich wichtig, auch weil wir uns in ihr oft wichtiger gefühlt und gemacht hatten, als es berechtigt gewesen wäre. Die Themen mit denen wir uns in der Gruppe befasst hatten und im Ort hin und wieder auf uns aufmerksam gemacht hatten, hatten mit unserem Leben in diesem Ort kaum etwas zu tun. So organisierten wir mehrfach Verkaufsstände von Waren aus der sogenannten Dritten Welt auf dem Marktplatz. Wir versuchten mit den Bewohnern im Ort über Themen wie „die Rolle multinationaler Konzerne auf dem Weltmarkt“, die geplante Stationierung von Mittelstreckenraketen oder die Lebensbedingungen von gefassten Terroristen in den Haftanstalten, zu diskutieren. Es waren die Themen, die Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger in der politischen Diskussion waren. Natürlich war meine Beteiligung daran eine riesige Provokation für die Eltern.

In der Jugendgruppe war ich auf Gleichaltrige und junge Erwachsene getroffen, die auf freiwilliger Basis Kontakt zu mir haben wollten. Dort habe ich Martina kennen gelernt, die mir heute Nachmittag ihren Wagen leihen will. Niemals würden mir die Eltern eines ihrer zwei Autos leihen, damit ich heute meinen spärlichen Besitz aus der Wohnung abtransportieren könnte. Das Vertrauen in mich fehlt. Nicht nur das Vertrauen in meine Fahrkünste, am heutigen ersten Tag als Führerscheinbesitzer. Ich glaube, in den Augen der Eltern fehlt mir das Recht dazu, meinen Auszug aus der elterlichen Wohnung heute mit einem ihrer Fahrzeuge zu machen. Das Konto der Verstöße gegen die elterliche Moral habe ich in den vergangenen Jahren, Monaten, Wochen und Tagen weit überzogen. Für mich gibt es keinen Kredit mehr bei den Eltern. Den Kredit, den die Eltern mir vor fünf Jahren gegeben hatten, als sie mich in ihr Haus aufnahmen, als sie uneigennützig und selbstlos gekommen waren, um ein dreizehnjähriges, freches, vorlautes, zappeliges, nervöses, armselig bekleidetes, mit miserabelsten Schulnoten daherkommendes, dummes Kind aus einem anonymen Kinderheim herauszuholen, diesen Kredit habe ich in nur fünf Jahren verspielt. Ich habe mich als undankbarer Mensch erwiesen.

Die Eltern hatten ein armseliges Würstchen aus den katastrophalen Verhältnissen eines unverantwortlich geführten Kinderheimes der siebziger Jahre befreit. Über Jahre hatten sie versucht mich in ihrem Hause zu lehren, wie ein normaler Mensch mit seinesgleichen und Erwachsenen zu sprechen hat. Sie hatten mich gelehrt, wie ein Schüler für die Schule zu lernen hat und sie lehrten mich, dass ein intelligenter Schüler nicht für die Schule, sondern für sein Leben zu lernen hat. Ich habe es ihnen nicht gedankt.

Selbst die Jugendgruppe und die Freundschaften, die sich daraus entwickelt hatten, habe ich den Eltern zu verdanken. Nur weil ich in ihrem Hause gelebt hatte, war es selbstverständlich gewesen, dass ich der Einladung eines jungen Jugendgruppenleiters folgen durfte. Keinen Menschen aus dem Kinderheim, welches vor den Eltern mein zu Hause gewesen war, habe ich in der Jugendgruppe wiedergetroffen. Auch dieses Geschenk der Eltern, die Erlaubnis, dass ich die Jugendgruppe besuchen darf, hatte ich angenommen, ohne dafür zu danken. Die Jugendgruppe war aus der Konfirmandengruppe entstanden. Gegen meine Konfirmation hatte ich aber Bedenken und Zweifel beim Pfarrer geäußert. Selbst damit hatte ich die streng gläubigen Eltern wieder einmal vor den Kopf gestoßen.

Martina hat offenbar Vertrauen zu mir. Für sie ist es selbstverständlich, dass ich den kleinen Wagen heute leihen darf um meinen mickrigen Besitz damit abzutransportieren. Martina hat mich nicht gefragt, warum ich nicht einen Wagen meiner Eltern benutze. Die Eltern haben ein viel größeres Fahrzeug. Statt das auszuleihen, werde ich all meine Sachen in den winzigen Peugeot von Martina zwängen. Martina hat Vertrauen. Sie weiß genau, dass sie von mir ihren Wagen unbeschädigt und pünktlich zurückbekommen wird. In der Jugendgruppe war ich auf Gleichaltrige getroffen, denen die Moral und die Maßstäbe, welche die Mutter mir täglich vermittelte, offenkundig egal waren. In der Jugendgruppe waren wir uns alle unheimlich wichtig vorgekommen. Dort haben wir uns mit Dingen beschäftigt, die uns im Grunde egal hätten sein können. Alles, was wir dort besprachen und machten hätte uns egal sein können: Der sogenannten „Dritte-Welt-Verkaufsstand“, den wir in der Fußgängerzone im Ort veranstalteten. Die Filmabende und Diskussionen zum Thema Rechtsradikalismus in Deutschland. Die Diskussionen über die Atomenergie. All das war uns wichtig. Sicherlich nicht nur der Sache wegen, sondern auch, weil sich jeder Einzelne aus der Jugendgruppe wichtig fühlte, weil man sich mit diesen Themen und Veranstaltungen wichtig machen konnte. Das stärkte unser Selbstbewusstsein. In der Jugendgruppe waren wir mit etwas Sinnvollem beschäftigt. Das hatten die Eltern freilich anders gesehen. Für sie schien von der Jugendgruppe eher Gefahr auszugehen. Was dort stattfand war für die Eltern zu viel Politik. In ihren Augen sollte die Kirche nicht solche kritischen Themen behandeln. Vor allem sollte das nicht in einer kirchlichen Jugendgruppe geschehen. Die Jugend ist doch viel zu leicht zu beeinflussen. Die Jugend ist doch viel zu unreif für diese Themen. Die Jugend hat doch kein Recht kritische Äußerungen zu tun oder gar Ansprüche zu stellen. Die Jugend weiß doch gar nicht, wie hart die Erwachsenengeneration gearbeitet hat, bis die heutigen Lebensgrundlagen erschaffen waren. Die Jugend sollte in der kirchlichen Jugendgruppe nicht zu diskutieren lernen. Sondern sie sollte die Bibel lesen. Die Jugend sollte beten und zu glauben lernen. Das ist Aufgabe einer kirchlichen Jugendgruppe. Die Jugend sollte sich nicht einmischen in etwas, das sie nicht beurteilen kann. Wer gegen Atomenergie ist, darf nicht mit einem Auto fahren. Er darf nicht das Licht einschalten. Er darf nicht fernsehen oder Radio hören. Er darf nicht hier leben. Die kirchliche Jugendgruppe war ein Frontalangriff gegen die Eltern. Was ich dort lernte und tat, empfanden die Eltern als Anschlag und Provokation gegen ihren Lebensalltag, gegen ihre Werte, gegen ihre Einstellung, gegen ihre Moral, gegen alles was sie lebten, gegen sich. Ich war jede Woche mindestens einen Abend und am Wochenende einen Tag lang mit der Jugendgruppe aktiv. Die Jugendgruppe war zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden. Sie hat sozusagen meinen geistigen Horizont um ein großes Stück erweitert. In ihr war ich auf Menschen getroffen, welche die Welt anders sahen, als die Eltern, als die Lehrer oder die Mitschüler.

Dort war ich auf Leute, wie Walter getroffen. Walter rennt mit Fotoapparat und Filmkamera herum, weil er Journalist werden will. Im Moment ist es sein größter Wunsch einen Artikel in der örtlichen Tageszeitung zu veröffentlichen. Welches Thema er dort abhandeln will, weiß Walter noch nicht. Er ist da sehr flexibel. Er könnte über den Besuch von Franz Josef Strauß im Bierzelt auf dem Volksfest im Gebirgsort genauso schreiben, wie er eine Kritik über die Aufführung der Laien-Theatergruppe des Gymnasiums oder einen Bericht über die erste und möglicher Weise letzte Musikveranstaltung im Jugendkeller unterhalb der Schule verfassen würde. Leider hat ihn die örtliche Tageszeitung bisher zu nichts dergleichen beauftragt. Seine unverlangt eingesandten Artikel hat Walter alle zurückbekommen, ohne Veröffentlichung. Das neuste Projekt von Walter ist es, einen Film zu drehen. Er will einen Dokumentarfilm über die Aktivitäten und das Engagement der Jugend im Gebirgsort machen. In dem Film will er zeigen, wie wichtig die „Sozialisation der Jugend“ ist. Er spricht gerne davon, dass die Jugend die Zukunft sei. Er liebt es entgegen zu setzen, dass wir es sind, die später die Renten zu bezahlen hätten, wenn er ältere Erwachsene gegen die nutzlose Jugend wettern hört, die im Wesentlichen aus kiffenden “Gammlern“ bestünde. Bei zahllosen Diskussionen auf dem Marktplatz an unserem Verkaufsstand für Waren aus sogenanntem fairen Handel hatte sich Walter oft in engagierte Debatten mit Erwachsenen verstrickt. Er ist redegewandt und hat immer schlagfertige Argumente. Die Jugend sei nicht faul und dumm, wie es gerne platt behauptet wird. Sondern sie ist der Kern der Demokratie in der Zukunft dieses Landes. Wer heute behaupte, so hörte ich Walter erst letzten Samstag am Verkaufsstand reden, die Jugend, das seien alles RAF – Sympathisanten, der riskiert, dass die RAF die Jugend zunehmend unterwandert. Diese Behauptung, so plärrte Walter einem aufgebrachten alten Mann ins Ohr, der zuvor unseren Verkaufsstand als „linke RAF-gesteuerten Propaganda“ abgetan hatte, sei nichts anderes, als dumpfer Populismus, der nicht ernst genommen werden kann aber leider zunehmend in unserem geliebten, konservativen Heimatland um sich greife.

Walter hat schon einen Film gedreht. Es war ein Kriminalfilm, den er mit einigen Jugendlichen im Gebirgsort abdrehte und eines Abends im Jugendkeller mit erstaunlichem Erfolg uraufführte. Jetzt hofft er darauf, dass seine Bekanntheit, die er durch den ersten Film im Ort erreichen konnte auch Publikum für seinen Dokumentarfilm bringen wird. Walter vertritt folgende These: „Man muss die Leute zuerst mit billigem Unterhaltungsschrott ködern, und auf diesem Wege ihr Interesse für ernsthafte Themen wecken.“ Am Abend der Uraufführung seines Krimis hat er deshalb mächtig die Werbetrommel für seinen neuen Dokumentarfilm gerührt. Er hatte sogar einen Termin für die Uraufführung seiner Dokumentation bekannt gegeben. Von dem Film hat er aber noch keinen Millimeter abgedreht. Walter ist ein Macher, der Charisma und Überzeugungskraft hat.

In der Jugendgruppe war ich neben Walter auf Martin getroffen. Er liebt das Gitarrespiel. Er besitzt mehrere E-Gitarren und spielt in einer Band. Davon kann ich nur träumen. Martin ist ein politisch denkender Mensch. Sein Thema ist der Krieg. Er lädt regelmäßig zu Diaveranstaltungen ein. Seine Diavorträge prangern die Grausamkeit von Krieg an. Sie handeln von den Opfern des Vietnamkrieges. Martin schafft ein Bild von dem Grauen des Krieges, den keiner von uns kennt. Er schafft Bewusstsein dafür, das es überall auf der Welt nach wie vor Krieg gibt. Er schafft Meinungen gegen den Krieg, der vom Gebirgsort sehr weit entfernt zu sein scheint. Martin kämpft mit immer wieder neu zusammengestellten Bildern, mit seiner Musik und seinen Worten dafür, dass in den Köpfen der Menschen ein Bild vom Krieg und eine Einstellung gegen Krieg entstehen. In seinen Diavorträgen zeigt Martin das Töten. Es ist die alltägliche grausame Tätigkeit des Krieges. Er zeigt das Töten als Arbeit der Soldaten im Krieg. Dabei zeigt er deutlich das Grauen, das mit dieser Arbeit entsteht. Er zeigt den Jugendlichen im Ort, dass etwas unvorstellbares weltweit weiterhin geschieht: Das Töten in den Kriegen auf der Welt. Martin sagt, dass es wichtig ist, davon auch im Gebirgsort zu wissen, auch wenn uns das alles sehr weit entfernt zu seien scheint. Aber, so sagt Martin, das ist nicht so weit entfernt! Wir leben und profitieren von so manchem Krieg, sagt Martin.

Die Eltern hatten stets befürchtet, dass meine Kontakte in der Jugendgruppe, meiner Entwicklung im Gebirgsort schaden könnten. Tatsächlich ging es aber um deren Angst, dass ich Meinungen und Einstellungen übernehme. Genau das ist geschehen. Die Menschen in der Jugendgruppe haben mich beeinflusst. Der Einfluss der Eltern dagegen war geringer geworden. Ich habe mich von den Eltern abgelöst. Das ist ein normaler Vorgang. So hatten die Eltern das aber nicht gesehen. Meine Art mich abzulösen, war eine Provokation. Weil ich mit meinem Interesse an Themen und Mitarbeit in der Jugendgruppe und mit meinem Verhalten die Eltern provoziert hatte, war ein Bruch mit den Eltern unausweichlich geworden.

Der Kontakt zu den Menschen, die ich in der Jugendgruppe kennen gelernt hatte, wirkte auf mich wie ein Befreiungsschlag. Ich knüpfte und pflegte Kontakte, die außerhalb der Zwänge von Schule oder Familie lagen. Ich erkannte, dass es um mich herum Gleichaltrige und junge Erwachsene gibt, die Kontakt zu mir haben wollten. In diesen neuen Kontakten spürte ich kein Gefühl von Misstrauen, wie ich es bei den Eltern kennen gelernt hatte. Während der vergangenen zwei Jahre verbrachte ich sehr viel Freizeit mit den Freunden aus der Jugendgruppe. Was die Eltern nicht gesehen hatten: Das sind junge Leute, die in schulischer Hinsicht einen wesentlich geradlinigeren Weg als ich vorzuweisen haben. Die meisten besuchten das Gymnasium am Rande des Ortes.

Es gab in der Jugendgruppe neben mir nur einen Jugendlichen, der nicht das Gymnasium besuchte. Gemeinsam mit Jörg besuche ich während der ersten drei Schuljahre die gleiche Schulklasse. In der Schule wie in der Jugendgruppe ist Jörg ein sehr zurückhaltender Mensch. Mir war Jörg wegen seiner zurückhaltenden Art in der Schulklasse nie aufgefallen. Meine Aufmerksamkeit hatte ich damals vor allem auf die Abwehr von Angriffen der lauten und angriffslustigen Mitschüler gerichtet. Deshalb war mir nie aufgefallen, dass auch Mitschüler wie Jörg meine Schulklasse besucht hatten. In der Jugendgruppe traf ich wieder auf Jörg, den ich zuvor schlicht übersehen hatte. Meine Art der Gestaltung von Kontakten änderte ich wegen der Jugendgruppe. Früher waren mir Menschen wie Jörg „irgendwie über den Weg gelaufen“. Ich hatte Jörg ignoriert. Ich war mit anderem beschäftigt gewesen. Menschen wie Jörg konnte ich nicht wahrnehmen. Erst durch die Gruppe fand sich Gelegenheit Menschen, die mir jahrelang über den Weg gelaufen waren zu begegnen und kennen zu lernen.

Jörg hatte jahrelang in einer Diskothek des Ortes Musik aufgelegt. Ich glaube damals war es die einzige Diskothek gewesen, die es im Ort gegeben hatte. So kam es, dass ich mich mit zunehmender Regelmäßigkeit samstags in dieser Diskothek aufhielt, um dort mit Jörg zu plaudern. Auch andere Tage der Woche entwickelten sich wegen der Kontakte, die ich über die Jugendgruppe geknüpft hatte, zu regelmäßigen Terminen. So wurde ich nicht nur zu einem regelmäßigen Diskothekenbesucher. Walter und andere junge Leute aus der Gruppe versammelten sich jeden Donnerstagabend in einer Kneipe. Dort wurde genauso wie in der Jugendgruppe über Gott und die Welt debattiert. So oft es mir meine Taschengeldkasse möglich machte, war ich Donnerstagabends mit dabei.

Kneipenbesuche und Discobesuche. Das waren objektive Gründe für die Eltern, mich auf einem gefährlichen Weg zu sehen. Zigaretten und Alkohol waren die Stichworte. Ich glaube, die Eltern sahen mich auf Abwegen, weil sie über meine Vergangenheit im Kinderheim zu wenig gewusst hatten. Als ich der vorlaute Schreihals, im Alter von dreizehn Jahren zu den Eltern gekommen war, hatten sie es als ihren Auftrag begriffen, einen Menschen der bedroht war „abzurutschen“ vor dem Untergang zu bewahren. Sie begriffen es als ihre Aufgabe mich von gefährlichen Lastern fernzuhalten. Die Eltern hatten es geschafft, mich schulisch auf das richtige Gleis zu bringen. Aber die dadurch gewonnene „geistige Beweglichkeit“ hatte ich außerhalb der Schule nicht im Sinne der Eltern weiter entwickelt. Ich hatte begriffen, dass ich mich im Jammertal der Schule freischwimmen kann. Das bewerkstelligte ich mit meinen verbesserten Leistungen. Die angriffslustigen Mitschüler waren verschwunden, weil ich auf die nächsthöhere Schule wechseln konnte. Dort war ich anerkannt, weil ich Eltern hatte und weil ich Wissen erlernt hatte. Das gefiel den Eltern. Außerhalb hatte ich mich auch freigeschwommen. Aber ich hatte mich den falschen Leuten angeschlossen. Das gefiel den Eltern nicht.

Meine Verselbständigung und Loslösung von den Eltern vollzog sich nicht in zu schnellem Tempo. Als Kneipe und Disco für mich interessant wurden, war ich bereits siebzehn Jahre alt geworden. Trotz Kneipe und Disco, trotz Alkohol und lauter Musik, die dort reichlich angeboten wurden und für Ablenkung vom Alltag gesorgt hatten, standen für mich die Kontakte zu den Freunden, die ich dort traf im Vordergrund. Es war mir stets darum gegangen Freunde zu finden. Für mich war immer selbstverständlich gewesen, dass ich mich auf keinerlei ernsthafte Dummheiten einlasse. So war ich weder an Drogen noch an Alkoholexzessen interessiert. Kriminellen Machenschaften jeder Art war ich nicht zugänglich. Weil während der Jahre bei den Eltern und auch in den Jahren zuvor nie irgend etwas derartiges vorgefallen war, woran ich beteiligt gewesen war, und deshalb den Eltern nie etwas unangenehmes über mich mitgeteilt worden war, hatte ich gedacht, dass den Eltern klar sein müsste, dass ich weit davon entfernt bin, von dem Weg auf den sie mich gebracht hatten, abzurutschen.

Wegen der weltoffenen Jugendgruppe und der dann folgenden regelmäßigen Disco- und Kneipenbesuche, so sagte es mir mein Gefühl, hatten die Eltern in ihrer Situation berechtigte Sorge um mich. Letztendlich war das Recht der Eltern, von mir nicht auch noch belogen zu werden, wenn sie mich fragten wohin ich abends gehe, naturgemäß schon deshalb gegeben, weil die Eltern vor fünf Jahren das Risiko eingegangen waren, ein gestörtes, unverschämtes, schreiendes, freches Bürschchen aus dem Kinderheim heraus zu holen. Meine Gegenleistung wäre es gewesen, das Risiko der Eltern abzumildern. Ich hätte mich ihnen und ihren Vorstellung besser anzupassen gehabt. Das wäre es vielleicht gewesen. Ich hatte mich in eine Art Bringschuld begeben indem ich mich von den Eltern aus dem Kinderheim herausholen ließ. Ich stand in der Schuld gegenüber den Eltern. Meine Leistung diese Schuld zu begleichen hätten Anpassung und Zustimmung sein müssen. Stattdessen kamen von mir Herausforderung und Provokation. Zwischen den Eltern und mir gab es eine schwere Last. Die Last meiner Vergangenheit. Für die Eltern war ich sozusagen die Katze im Sack, die sie sich freiwillig eingehandelt hatten. Ich brachte den Eltern Belastung mit einem unbekannten Wesen, für das die Eltern Verantwortung übernommen hatten.

Die Eltern hatten jede Menge Grund gehabt, sich wegen meiner Entwicklung Sorgen zu machen. Während der vergangenen fünf Jahren bestand Gefahr, dass ich in der Öffentlichkeit auffalle: Einen kriminellen Weg einschlage, nachts alkoholisiert durch den Ort irre, mich an Diebstählen beteilige, bei Schlägereien mitmische und überhaupt: Andern Menschen schade. Für das Ansehen der Eltern eine Katastrophe. Zweifellos wäre es denkbar gewesen, dass ein frecher Lümmel wie ich es mit dreizehn Jahren gewesen war, permanent von der Polizei nach Hause gebracht wird, weil er jede Nacht aus dem Fenster seines Schlafzimmers steigt, um seine dubiosen Freunde aus seiner noch dubioseren Jugendgruppe aufzusuchen. Aus der Jugendgruppe, auch das wäre denkbar gewesen, wird der schwer gestörte Rotzlöffel, (inzwischen ist er übrigens siebzehn Jahre alt geworden aber offenbar keinen Millimeter gescheiter) jede Nacht (zugekifft mit Drogen und zugedröhnt von Alkohol) durch die Polizei herausgeholt. Den Rest der Nacht verbringt er in der Ausnüchterungszelle. Die ist inzwischen zu einer Art zweiter Heimat für ihn geworden. Die Eltern, auch das wäre denkbar gewesen, hatten sich daran zu gewöhnen, sich gegenüber den Bürgern und Kunden ihres Geschäftes zu rechtfertigen. Sie hatten diesen schweren Missgriff getan. Sie hatten einen echten Lausebengel in ihrem Haushalt aufgenommen. Ein richtig verzogenes, verlogenes, versoffenes und obendrein arrogantes Bürschchen. Deshalb, auch das wäre denkbar gewesen, verbrachten die Eltern seit fünf Jahren keinen ruhigen Tag mehr. Ständig riefen irgendwelche besorgten Bürger und Kunden an. Aber meist kam gleich die Polizei im Geschäft der Eltern vorbei. Das Kind war schon vor vielen Jahren im Kinderheim in den Brunnen gefallen. Da war nichts mehr zu machen. Versaut und frech war das Bürschchen. Es musste täglich von der Polizei zu Hause abgeliefert werden. Täglich gab es einen neuen Polizeibericht, der von einer neuen gemeinen Schandtat dieses jugendlichen Saukerls berichtete.

Das Geschäft der Eltern, auch das wäre denkbar gewesen, war vor fünf Jahren in riesiger Blüte und voller Pracht gestanden. Inzwischen ist es heruntergekommen, weil gemieden von den meisten Bürgern des Ortes. Schuld daran ist einzig die Tatsache, dass der missratene und obendrein gar nicht echte Sohn riesiges Unglück über die selbstlosen Eltern gebracht hatte. Im Ort ist er zu einem Inbegriff des Schreckens geworden. Fast jedem der (inzwischen ehemaligen) Kunden der Eltern hat der teuflische Knabe strafrelevanten Schaden zugefügt.

Auch das wäre denkbar: Mit dreizehn Jahren war ich ein auffälliger Jugendlicher gewesen. In der Schule habe ich auch bei den Eltern nichts dazu gelernt. Außerhalb der Schule habe ich nichts dazu gelernt. Bei den Eltern entwickelte ich mein auffälliges Verhalten weiter. Ich bedrohte andere, kleinere Jugendlichen und wurde selbst von größeren bedroht. Ich erpresste andere und wurde selbst erpresst. Ich begann zu stehlen um meine Schulden zu bezahlen. So war ich zu einem kriminellen Menschen geworden. So war ich polizeibekannt geworden. So war ich zum Schrecken des Ortes geworden. So habe ich in nur fünf kurzen Jahren ruiniert, was die Eltern mühsam aufgebaut hatten. Ihr Geschäft im Ort wurde von den Kunden gemieden. Der Konkurs stand bald bevor. Stattdessen besaß ich die Frechheit, mich regelmäßig an beinahe politischen Aktionen, wie dem sogenannten „Dritteweltwarenverkauf“ auf dem Marktplatz oder an einer Befragung von Passanten über deren Haltung zur geplanten Stationierung von Mittelstreckenraketen in Deutschland zu beteiligen. Das war eine riesige Provokation für die Eltern.

Ich glaube, keiner von den jungen Leuten im Ort, mit denen ich für die Eröffnung einer Jugendfreizeitstätte gekämpft hatte, oder gegen die Ausrichtung des Gebirgsortes als Olympiastandort demonstrierte, oder Filmvorführungen gegen Rassenhass und Rechtsradikalismus organisierte, war ein wirklich politisch denkender Mensch. Ich glaube wir haben durch derartige Aktionen zum Ausdruck gebracht, dass wir ganz normale Jugendliche sind. Wir haben, nach unseren Möglichkeiten, unsere Meinung kundgetan. Auch bei der hitzigsten Diskussion, die wir in den Räumen unserer Jugendgruppe zum Thema Atomenergie organisiert hatten, war mein Gefühl geblieben, dass jeder von uns in erster Linie daran interessiert war, mit anderen ins Gespräch zu kommen.

Anstatt grölend und alkoholisiert mit Bierflaschen durch den Touristenort zu wanken haben wir eben einen Verkaufsstand für Waren aus der sogenannten dritten Welt organisiert. Oder wir machten einen Filmabend mit anschließender Diskussionsrunde über die braune Vergangenheit. Sicherlich hatten wir mit den Themen, die wir in Veranstaltungen im Ort immer wieder mal anrührten für gewisse Aufmerksamkeit gesorgt. Aber genau das könnte auch heißen, dass wir ein Thema berührt haben, das in dem Ort nicht sichtbar aber trotzdem wichtig ist und durch uns sichtbar gemacht wurde. Wir waren weit davon entfernt, damit wirklich größeres Interesse auf uns zu ziehen. Im Grunde, so sagt mir schon heute mein Gefühl, hat es im Ort eine Ära von Wichtigtuern gegeben. Ein paar harmlose Jugendliche dieser Jugendgruppe hatten sich zusammengefunden. Die haben sich für bestimmte Dinge, darunter auch politisches engagiert. Ich glaube, diese Zeit ist bereits heute dabei zu Ende zu gehen. Viele meiner Freunde aus der Jugendgruppe haben sich wieder in ihre elterlichen Höhlen zurückgezogen. Einige sind, so wie auch ich es heute tue, aus dem Ort weggezogen. Wegen und mit unseren Veranstaltungen im Gebirgsort zeigten wir, dass wir harmlose, vielleicht sogar lächerliche Exoten waren. Von Touristen und Einheimischen wurden wir, wenn überhaupt, bestenfalls zur Kenntnis genommen. Inhalte unserer Veranstaltungen haben, wenn sie überhaupt angekommen sind, höchstens diejenigen erreicht, die ohnehin über das jeweilige Thema informiert waren.

Ich vermute jetzt sogar, dass es in der Jugendgruppe nie ernsthaft um die Themen gegangen war. Wichtig war das Gefühl gewesen ernst genommen zu werden. Was wir getan haben war für viele Erwachsene im Ort, nicht nur für meine Eltern, eine gewisse Provokation gewesen. Dieses zu erleben war wichtig. In der Jugendgruppe hatte ich das Gefühl, etwas Vernünftiges zu tun. Das provozierte die Erwachsenenwelt um mich herum, das erregte deren Aufmerksamkeit und provozierte Auseinandersetzung. Darum ging es. Es ging um Zeichen. Es ging darum Ernst genommen werden. Das war notwendig und gut.

Unser Verkaufsstand auf dem Marktplatz im Ort passte nicht in das Bild des Touristenortes. Er erinnerte in all dem Reichtum an die Armut in der Welt. Das musste doch mindestens ein schlechtes Gewissen bei den Touristen und Bewohnern auslösen. Wir ließen es nicht beim Verkauf der sogenannten „Dritteweltwaren“, sondern wir verteilten Informationsmaterial, das selbstverständlich eine politische Färbung aufwies. Gerne verwickelten wir die Menschen im Vorbeigehen in sogenannte politische Diskussionen. Dafür hatten wir Walter, unseren „Frontman“. Wir wollten etwas uns sinnvoll erscheinendes tun. Das haben wir erreicht.

Die Eltern fürchteten ich könnte in eine politisch ungünstige Richtung abrutschen. Ungünstig war die Richtung, weil es nicht die der Eltern gewesen war. Deren politische Einstellung wurde mir täglich klarer. Der Vater ist seit Jahren im Gemeinderat.

7. Schöne Aussicht

Der Wanderweg führt mich an einer Ausflugsgaststätte vorbei. Eine Terrasse voll von Touristen. Sie genießen die wunderschöne Aussicht. Drüben sehe ich hohe Felsmassive. Unten liegt das enge, langgezogene, grüne Tal. Am ersten Tag als ich die Wohnung der Eltern betreten hatte, war mir zuerst die wunderschöne Aussicht aus der großen Fensterfront des Wohnzimmers auf die gigantischen Berge aufgefallen. Ich erinnere mich, dass mein erster Tag bei den Eltern ein wunderschöner Julitag gewesen war. Der Vater stand vor der Fensterfront im lichtdurchfluteten Wohnzimmer. Dort steht ein halb hoher alter Schrank. In einer Schüssel auf dem Schrank lagen Briefe, mit denen der Vater gerade befasst gewesen war. Der Vater hatte die Mutter und mich erwartet. Er war gerade damit beschäftigt, einen Brief zu öffnen, als wir das große Wohnzimmer betraten. Sofort hatte er den Brief zurück in die Schüssel vor den großen Fenstern gelegt. Lächelnd war er auf die Mutter und mich zugekommen. Mir reichte er die Hand und begrüßte mich.

Der Vater ist ein mittelgroßer Mann. Er hat einen drahtigen, sportlichen Körper. Sein helles rundes Gesicht strahlte auf mich an diesem ersten Tag Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit aus. Ich weiß nicht mehr, was in diesen ersten Sekunden Vaters Worte gewesen waren.

Ich bin sicher, der Vater war von Beginn an guten Willens mit mir. Ich bin sicher, weder Vater noch Mutter wollten mir böses. Das ist deshalb ganz sicher, weil beide mich freiwillig an diesem Tag vor beinahe genau fünf Jahren aufgenommen haben. Die Eltern hatten mich aufgenommen, weil sie mir Gutes tun wollten, weil sie mir helfen wollten, weil sie mich in meiner Entwicklung nach Kräften unterstützen wollten.

Gespräche zwischen dem Vater und mir hatte es bis heute nur wenige gegeben. Es gab sie ganz am Anfang, als ich in die Familie gekommen war. Damals hatte der Vater schnell festgestellt, dass es nicht einfach war mit mir ein vernünftiges Gespräch zu führen. Der Vater traf mich unvorbereitet. Er wusste, dass ich komme, trotzdem war er unvorbereitet. Kann man sich auf einen Menschen vorbereiten, den man noch nicht kennt? Kann man darauf vorbereitet sein, einen jungen Menschen, den man nicht kennt in seine Familie aufzunehmen? Der Vater war auf mich nicht vorbereitet gewesen. Mit meiner Sprache, meiner Art, meinem Auftreten hatte er nicht gerechnet.

Ich glaube nicht, dass der Vater sich das so schwer vorgestellt hatte. Wahrscheinlich hatte er erwartet, dass er mit einem dreizehnjährigen Jungen irgendwie zu Recht kommen werde. Mindestens hatte er gedacht, dass er mit einem dreizehnjährigen Knaben, den er zusammen mit seiner Frau aus einem schlechten, weil miserabel geführten Kinderheim befreit hatte, in seiner gewohnten Alltagssprache reden kann. Der Vater hatte sich getäuscht. Meine Sprache war nicht seine Sprache. Hatte er gehofft, dass ich mich automatisch an seine Sprache anpasse? Hatte er gehofft, dass er mit seiner Sprache leicht mit mir in Kontakt kommen würde? Hatte er gehofft, dass er sich automatisch an meine Sprache anpassen würde? Der Vater hatte versucht in seiner Sprache mit mir zu sprechen.

Ich weiß bis heute nicht welche Vorstellung der Vater von mir gehabt hatte. Ich weiß nicht, wie er sich das damals gedacht hatte, mit einem dreizehenjährigen Jungen Kontakt aufzubauen. Ich weiß nicht, welchen Plan der Vater gehabt hatte als er einen Knaben von Heute auf Morgen in seine Familie aufgenommen hatte. Ich sollte zusammen mit dem Vater und der Mutter leben. Der Vater hatte aber nicht gewusst, dass er mit mir nicht sprechen kann, weil seine Sprache eine andere war als meine. Die Gespräche hatten deshalb all die Jahre mit der Mutter stattgefunden. Schnell hatte der Vater begonnen mich zu meiden Schnell hatte ich begonnen den Vater zu meiden. Fünf Jahre lang hatten wir bis heute in der Familie zusammen gelebt.

Der Vater war von Beginn an nicht mit mir ins Gespräch gekommen. Deshalb war er mit mir nicht zu Recht gekommen. Auch ich war von Beginn an nicht mit ihm zu Recht gekommen. Ich bin überzeugt, dass der Vater alles in seinen Möglichkeiten steckende versucht hatte, Kontakt zu mir herzustellen. Aber die Möglichkeiten des Vaters hatten nicht ausgereicht. Der Vater konnte sich von seiner Sprache nicht lösen. Er konnte sich keinen Millimeter auf meine Sprache einlassen. Auch ich konnte mir die Sprache des Vaters nicht aneignen. Deshalb hatte ich ihn in den fünf Jahren nie verstanden. Heute verstehe ich ihn immer noch nicht. Am Anfang habe ich den Weg zu Vaters Sprache nicht gefunden, weil ich ihm nicht folgen konnte. Heute finde ich den Weg nicht, weil ich seine Sprache kennen und verstehen gelernt habe. Ich habe beschlossen, dass ich seine Sprache nicht lernen möchte.

Für den Vater muss es ein Schock gewesen sein. Ein dreizehn Jahre alter Mensch in seiner Familie. Dumm, laut, frech. Ein dummes Kind weil es in der Schule nichts versteht. Ein lautes Kind, weil es Angst hat, nicht gehört und nicht verstanden zu werden. Ein freches Kind, weil es jahrelang in einer Kinderheimgruppe gelernt hatte sich mit Frechheiten gegen Anfeindungen zu verteidigen, um zu überleben.

Viele Familien sitzen auf der sonnigen Terrasse. Die Ausflugsgaststätte ist voll. Ich sehe springende Kinder. Ich höre sie, wie sie sich laut mit ihren Eltern unterhalten. Ich beobachte, wie junge Menschen und Eltern miteinander reden. Ich sehe, wie Familien ganz normal miteinander umgehen.

Mein Verhalten war damals nicht schlimm gewesen. Ich war nicht lauter als das, was ich vor mir auf der Aussichtsterrasse des Ausflugslokals sehe. Meine Sprache war ungezogen. Ich war laut. Ich war dumm. War das nicht ganz normal? War es ganz anders, als das was sich hier auf der Terrasse der Ausflugsgaststätte gerade vor meinen Augen mit den vielen Familien abspielt? Es war mein alltägliches Verhalten gewesen. Ich hatte es über die Jahre im Kinderheim gelernt. Ich hatte eben lange Zeit nicht in einer Familie gelebt. Ich hatte damals eine schlimme Sprache gesprochen. Das hat der Vater sehr schnell gemerkt und das hatte er mir auch ganz schnell gesagt. So brauchte ich dem Vater nicht zu kommen. Mein dummes Gequatsche war das Letzte gewesen, was der Vater hören wollte. Mit dem Vater brauchte ich nicht so zu reden, wie mit den Kindern im Kinderheim. Ihm brauchte ich nicht so frech und vorlaut zu kommen, wie den Erwachsenen im Kinderheim. Der Vater hatte wichtigeres zu tun, als mein Gequassel anzuhören. Er hatte wichtige Arbeit zu erledigen. Er hatte keine Zeit, um zu versuchen, das zu verstehen, was ich sagte.

Meine Sprache hatte ich im jahrelangen Kampf in meinem Kinderheimleben gelernt. Meine Sprache hatte ich jahrelang gebraucht um mich gegenüber den Angriffen von älteren und stärkeren Kindern zu verteidigen. Ich hatte meine Sprache auch gebraucht, um die häufigen Angriffe von Erwachsenen zu ertragen.

Der Vater hatte nicht damit gerechnet, dass der Dreizehnjährige, eine so schnelle, vorlaute und freche Klappe hat. Meine hastige, schnelle Sprache war meine Mauer der Verteidigung. Sie war meine Mauer der Angst gegenüber dem Neuen. Sie war meine Angewohnheit aus dem Kinderheim. Sie zeigte, dass ich jahrelang im Kinderheim gegen meinen Untergang gekämpft hatte. Was ich dort mit körperlichen Kräften nicht zu verteidigen wusste, verteidigte ich mit meiner Sprache. Der Vater hatte davon keine Ahnung. Der Vater hatte nicht gewusst, dass im Kinderheim, in dem ich meine Kindheit zugebracht hatte, die Macht der körperlichen Überlegenheit und Gewalt geherrscht hatte. Deshalb war meine Sprache über die Jahre so schnell, so vorlaut und manchmal feindselig geworden. Das war meine einzige Waffe gegenüber älteren Kindern und Erwachsenen gewesen. Ich hatte sie geschmiedet um im Kinderheim durchzuhalten und zu überleben. Wegen meiner Sprache war auch ich im Kinderheim in der Lage gewesen meinen Aggressionen Platz zu verschaffen. Ich konnte nicht, wie andere Kinder und Erwachsene es dort oft getan hatten, einfach zuschlagen. Ein, vielleicht zweimal hatte ich das versucht. Jedes Mal hatte mich dann sofort mein schlechtes Gewissen gepackt. Immer wenn ich zugeschlagen hatte, waren es kleinere Kinder gewesen, die das traf. So hatte ich das an den anderen Kindern gesehen und an den Erwachsenen. Der Feind musste besiegbar sein. Besiegbar war er nur, wenn er schwächer war. Schwächer waren immer die kleineren. Aber ich konnte das nicht. Mein Gewissen hatte mich Tage und vor allem Nächtelang geplagt, wenn ich kleinere Kinder geschlagen hatte. Ich konnte das Leid der kleineren nicht ertragen. Ich konnte nicht ertragen, dass die Leiden müssen, weil ich nicht größere schlage, die mir etwas angetan hatten, sondern stattdessen auf die kleineren eintrete. So hatten das im Kinderheim aber alle gemacht. Vor allem der Heimleiter und sein Stellvertreter hatten dort jahrelang geprügelt. Ich hatte versucht das von denen zu lernen. Ich konnte das aber nicht lernen. Mit taten die kleinen Leid, die ich geschlagen hatte. Deshalb hatte ich meine Sprache entwickelt.

Ich konnte immer Reden. Zum Glück habe ich das niemals verlernt, so wie ich das bei manchem Kind im Kinderheim beobachtet hatte. Die Einschüchterung durch ältere Kinder und den Heimleiter und seinen Stellvertreter hat mir nie die Sprache verschlagen. Ich konnte immer laut schreien und schnell Reden. Andere Kinder fingen an zu Schweigen. Die Tritte von größeren Kindern, die Faustschläge des Heimleiters der Fußtritt des stellvertretenden Heimleiters, das hatte andere Kinder im Kinderheim zu Schweigen gelehrt. Die sagten jahrelang fast nichts mehr. Stattdessen schlugen sie ab und an auf die kleinen ein. Ich plärre und schrie und oft rannte ich davon und flüchtete.

Ich war zu schwach gewesen, die Schläge der älteren Kinder und die Schläge des Heimleiters durch meine Schläge zu erwidern. In der Welt des Kinderheims der siebziger Jahre war ich jahrelang von Erwachsenen und älteren Kindern geschlagen, getreten, bespuckt und gedemütigt worden. Die Regeln dieser Welt machten es beinahe überlebensnotwendig zurück zu schlagen. In dieser Welt galt das Prinzip des Stärkeren und Mächtigeren. Weil ich nicht schlagen konnte, war es meine Sprache geworden, die mir in dieser Welt Verteidigung und damit Überleben möglich gemacht hatten. Meine vorlaute Klappe, mein vorlautes Geschrei, das auf den neuen Vater wie das Geplärre eines Bengels von der Straße gewirkt hatte, war meine Schutzmauer gewesen. Nur mit ihr konnte ich die Jahre, bis ich die Familie kennen gelernt hatte, überstehen. Nur mit ihr hatte ich es geschafft trotz der täglichen Demütigungen die lange Zeit im Kinderheim zu überleben. Meine Sprache hatte auf den Vater wie ein Schlag in sein Gesicht, wie ein Angriff gegen seine Person gewirkt. Meine Sprache war die eines aufgewühlten, zappeligen Jugendlichen. Ich hatte Erwachsene nicht als Gesprächs- und Kontaktpartner gekannt, die es gut mit mir meinten. Erwachsene waren für mich Menschen, die mir jahrelang befohlen hatten, was zu tun ist. Sie hatten mich geschlagen, wenn ich das nicht tat. Sie hatten mir gesagt, wie ich mich zu verhalten habe. Sie hatten geschrieen und geprügelt, wenn ich mich anders verhielt. Sie waren Menschen, die sich nicht mit mir unterhalten wollten. Sie hatten mir nie beigebracht, mich an deren Sprache anzupassen. Niemals hatten Erwachsene im Kinderheim versucht Sprache für ein Gespräch zu verwenden. Die Sprache des Kinderheimleiters und seines Stellvertreters war Mittel um zu befehlen zu kontrollieren, Macht zu zeigen und zu demütigen.

Vielleicht wäre vieles bei den neuen Eltern viel besser geworden, wenn ich damals gelernt hätte, dass Sprache notwendig ist, um zu verstehen und nicht nur um anzugreifen oder zu verteidigen. Ich war nicht in der Lage gewesen, das schnell zu erkennen und zu verändern. Zu viele Jahre hatte ich von erwachsenen Menschen Befehle und Schläge erhalten. Zu lange Zeit hatte ich gelernt, mich von Erwachsenen fern zu halten. Zu lange Zeit hatte ich mit meinen Versuchen zugebracht, fürchterlichen Bestrafungen des Kinderheimleiters aus dem Weg zu gehen. Diejenigen Erwachsenen, die den Auftrag gehabt hatten, mich zu erziehen, hatte ich über viele Jahre als die schlimmsten Menschen erlebt. Sie hatten Macht und Gewalt skrupellos angewandt um zu erreichen, dass ein Kind tat, was sie befahlen.

Ich hatte gelernt mich vor Erwachsenen zu verstecken. Meine Verstecke waren im Wald, sie lagen auf dem Dachboden oder es gab sie irgendwo in einer verfallen Hütte. Immer wieder fand ich neue Verstecke um vor den Erwachsenen zu flüchten, und es gab meine Sprache. Mit ihr mauerte ich zu, was in mir steckte. Auf keinen Fall wollte ich riskieren, dass die prügelnden älteren Kinder oder der Leiter im Kinderheim erkennen konnten, wer ich wirklich bin. Es wäre sehr gefährlich gewesen, sich eine Blöße zu geben. Schwäche zu zeigen war die Einladung an den älteren oder erwachsenen Feind gewesen, zuzuschlagen. Demütigungen des Heimleiters hatten mich dort am empfindlichsten getroffen, wo ich Schwächen gezeigt hatte. Deshalb die riesige Schutzmauer meiner Sprache. Sie hatte oft verhindert, dass meine inneren Empfindungen, sei es nun Freude oder Angst gewesen, nach außen dringen konnten. Demütigungen, manchmal sogar Schläge konnten mich deshalb oft nicht erreichen. Sie prallten an meiner Oberfläche, an meiner Mauer, ab. Der machtlüsterne und prügelnde Heimleiter mit seinem Stellvertreter hatten es zu zweit nicht geschafft mein Inneres zu erreichen, um mich zu zerstören. Mit meiner Sprache hatte ich mich, unerreichbar für ältere Kinder und Erwachsene, in mich selbst eingeschlossen. Darin fühlte ich mich sicher. Sie konnten mich nicht knacken. Heimleiter und Stellvertreter wollten mich, meinen Willen, mein Denken, mein Fühlen, mein Hören, meinen Geist, mein Verstehen, meinen Kopf brechen, das verhinderte ich mit Sprache, Denken und Flucht zum rechten Zeitpunkt. Das kostete mich all die Jahre im Kinderheim meine ganze Kraft, deshalb rauschte der Schulunterricht damals an mir vorbei als gäbe es ihn nicht.

Weil ich meine Sprache nicht schnell ablegen konnte, weil ich mich nicht schnell umstellen konnte auf die neue Situation bei den Eltern, war von Beginn an kein Gespräch zwischen dem Vater und mir und damit auch keine gute Entwicklung für mich in der Familie möglich geworden. Genauso wie ich war auch der Vater nicht in der Lage gewesen, einer besseren Entwicklung die notwendige Zeit zu geben. Durch meine Sprache zerstörte ich von Beginn an das was zwischen dem neuen Vater und mir hätte entstehen müssen um unser Zusammenleben nicht nur erträglich, sondern schön zu machen. Wegen der Zerstörungen, die von Beginn an bei den Eltern eingetreten waren, das glaube ich heute, konnte der neue Vater Veränderungen in meiner Sprache, wie sie im Laufe der Jahre bei den Eltern sich eingestellt hatten, nicht mehr erkennen. Der Kontakt zwischen uns war von Beginn an wegen meiner Sprache schwer belastet gewesen. Deshalb konnte er nicht wachsen.

Auf der Sonnenterrasse beobachte ich Väter und Mütter. Ich sehe ihnen dabei zu, wie sie mit ihren Kindern reden, spielen und den sonnigen Tag und die herrliche Aussicht genießen. Zwischen mir und dem Vater hatten in den vergangenen fünf Jahren keine Gespräche stattgefunden. Für den Vater war es unmöglich gewesen auf meine Sprache einzugehen. Meine Sprache war die eines Jugendlichen gewesen. Bis zu meinem dreizehnten Geburtstag hatte ich gelernt in der Kinderheimgruppe Gleichaltriger zu Recht zu kommen. Dort musste ich mich vor Ellenbogen, Schlägen, Fußtritten, Taschengelddiebstählen, Erpressungen und der Gefahr von unberechenbaren Übergriffen Erwachsener und älterer Jugendlicher schützen. Das ungefährliche Leben in einer ordentlichen und sicheren Familie kannte ich nicht. Deshalb war es mir unmöglich, mich von Heute auf Morgen umzustellen. Wie soll ein junger Mensch eine neue Situation in die er von Heute auf Morgen hinein gerät sofort richtig meistern?

Ich glaube, die meisten Mütter und Väter auf der Sonnenterrasse der Ausflugsgaststätte erleben etwas ganz anders, als das was der Vater mit mir erlebt hatte. Das harmonische Bild vor mir erweckt den Eindruck, dass im familiären Zusammenleben gegenseitige Abwehr unnötig ist. Weil ich keine Ahnung von diesem Zusammenleben hatte, war ich davon ausgegangen, dass mein Abwehrverhalten gegenüber Erwachsenen weiter notwendig ist.

Für den Vater war meine Sprache Herausforderung und Provokation gewesen. Ich hatte gesprochen, wie es unter Jugendlichen damals für mich normal gewesen war. Für den Vater war das ein schockierendes Vokabular. Es war das Vokabular eines entwurzelten pubertierenden Jugendlichen. Wegen ihm war unsere Beziehung nie zustande gekommen. Schon nach wenigen Tagen hatte ich mich nicht mehr getraut ein Gespräch mit dem Vater zu beginnen. Der Vater hatte mir gesagt, dass er mein Gerede nicht hören will. Der Vater ist ein sehr gescheiter Mensch. Er möchte sich nicht mit einem Jugendlichen der eine so dumme Sprache spricht unterhalten. Deshalb hatte ich schnell begonnen, dem Vater aus dem Weg zu gehen. Ich wusste welche Sprache der Vater bräuchte. Die konnte ich aber nicht sprechen. Deshalb mied ich die Begegnung wo immer es möglich war. Mit dem Vater hatte ich jahrelang nur die alltäglichen Sätze gesprochen: „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“. Die vergangen Jahre hatten der Vater und ich nebeneinander her gelebt. Wir hatten nichts miteinander zu besprechen. Irgendwann hatte sich meine Anwesenheit in der Familie für den Vater zu einer Art „Duldung“ entwickelt. Ich war geduldet gewesen, bis zum heutigen Tag, an dem ich abgeschoben werde.

Auch meine Beziehung zur Mutter hatte sich mit den Jahren verschlechtert. Mit mir hatte es in der Familie nicht so funktioniert, wie es die Vorstellungen der Mutter gewesen waren. Ich glaube beide, Mutter und Vater hatten gedacht, dass sie auf mich mehr Einfluss nehmen könnten. Ich habe mich nicht so entwickelt, wie sie es sich gewünscht hatten. Anstatt mit sehr kurzen Haaren auf dem Kopf durch den Ort zu laufen, hatte ich stets längere Haare getragen. Anstatt am Wochenende mit in ein klassisches Konzert zu fahren, war ich lieber zu Hause geblieben. Anstatt im Geschäft einen ordentlichen Anzug auszusuchen, um mit in ein Theaterstück gehen zu können, hatte ich lieber eine Jeans gekauft. Die Eltern hatten von mir ganz anderes erwartet. Ich war zu einer Enttäuschung für sie geworden.

Alles wäre nicht so schlimm geworden, wenn nicht dieser Eindruck entstanden wäre: Die Eltern zu hintergehen. Mit fehlten von Beginn an Moral und Anstand. Davon hatte ich viel zu wenig. Die Eltern hatten davon sehr viel. Von mir hatten sie davon auch sehr viel erwartet. Für ein vernünftiges Leben ist ein hohes Maß an Moral und Anstand notwendig. Die Mutter war enttäuscht von meinen Eskapaden und meinen Einstellungen, die ich aus der Jugendgruppe nach Hause gebracht hatte. Die Eskapade, als ich mich aus meinem Zimmerfenster abgeseilt hatte war moralisch das schlimmste für die Eltern. Sie waren erschüttert, wegen der Tiefe dieses Vertrauensbruchs. Dass ich von Zuhause flüchte, ohne Erlaubnis einzuholen. Ich hatte die Eltern schlimm hintergangen. Das war der Gipfel der Verlogenheit. Die gesamten fünf Jahre bei den Eltern erscheinen der Mutter und dem Vater heute, an meinem achtzehnten Geburtstag, als ein einziger riesiger Vertrauensbruch. Das Vertrauen, das die Eltern in mich gesetzt hatten, indem sie mich in ihrem Hause aufgenommen haben, hatte ich über die vergangenen Jahre missbraucht und mit Füßen getreten. Mir fehlt jeder moralische Anstand.

Weil ich oft nicht so gewollt hatte, wie sie es von mir erwartet hatten, ist all das, was ich in den vergangenen Jahren getan hatte, für beide Eltern vollkommen verwerflich. Ich habe nicht, wie sie es vorgeschlagen hatten, eine Bewerbung für eine Ausbildung bei der Armee des Landes geschrieben. Stattdessen war ich in den vergangenen Jahren in einer Jugendgruppe an Aktionen beteiligt gewesen, die gegen weitere Atomraketenrüstung gerichtet waren.

Meine Konfirmation: Sie hatte im zweiten Jahr bei den Eltern stattgefunden. Sie war zu einem anstrengenden Streit zwischen uns ausgeartet. Anders als es die Eltern erwartet hatten, war ich von Beginn an nicht begeistert von der Idee gewesen mich überhaupt konfirmieren zu lassen. Ich wollte genau wissen was das bedeutet. Das war mein Problem. Eine Woche vor dem Termin hatte ich immer mehr Zweifel gehabt am Sinn dieser Sache. Ich wollte die Konfirmation um ein Jahr verschieben. Die Eltern hatten aber bereits Verwandte eingeladen. Die meisten von denen wollte ich am Tag der Konfirmation aber gar nicht sehen. Ich wusste nicht, was man da feiern soll. Warum? So fragte ich frech, warum feiern und Verwandte einladen, für eine Sache, an der man solch große Zweifel hat? Anstatt reibungslos an den Vorbereitungen für das Fest teilzunehmen, wie es der Wunsch der Eltern gewesen war, hatte ich grundsätzlich daran gezweifelt. Ewig habe ich herum überlegt. Viele Gespräche mit dem Sohn des Pfarrers habe ich geführt. In den Gesprächen war ich auf die Idee gekommen, dass ich das Ganze um ein Jahr verschieben sollte. Weil ich die bevorstehende Konfirmation viel zu ernst genommen hatte, entwickelte schließlich selbst der Pfarrer wegen meiner Zweifel Bedenken. Die Eltern waren schockiert. Was hatten sie da für einen missratenen Sohn aufgenommen? Der treibt es soweit, dass selbst der Pfarrer anfängt zu zweifeln! Unglaublich. Die Eltern besuchen regelmäßig, mindestens wöchentlich die Kirche. Meine Zweifel, die ich anstatt sie zu verbergen offen gelegt hatte, wirkten wie ein Anschlag gegen ihren Glauben. Es schockierte die Eltern, dass ich mit Zweifeln und Fragen versah, woran sie fest glaubten. Die Eltern konnten nicht verstehen, welche Zweifel ich hatte. In ihren Augen waren meine Zweifeln nicht ernst zu nehmen. Sie waren eine Provokation. Ich glaube für die Eltern war das eine der großen vielen Enttäuschungen. Wollte ich die Eltern provozieren? Ja, ich wollte sie dazu provozieren, mit mir über die Konfirmation offen zu reden. Dazu ist es nicht gekommen. Weil mir schnell klar geworden war, dass Reden nicht möglich war und dass es für die Eltern absolut nicht akzeptabel gewesen war meine Konfirmation aufzuschieben, hatte ich schließlich zugestimmt. Weil an dem Tag stattfand, was ich eigentlich nicht gewollt hatte, war ich schlechter Laune. Die eingeladenen Verwandten der Eltern waren begeistert gewesen von meinem Konfirmationsanzug. Ich trug den Anzug widerwillig. Das feierliche Kuchenessen mit den Verwandten fand nachmittags planmäßig statt. Die Eltern hatten an diesem Tag einen unwilligen, trotzigen Jugendlichen zu Hause. Der Tag war für uns alle fürchterlich.

Meine Sprache habe ich in den Jahren verändert. Die Mauer habe ich abgebaut. Ich will über die Dinge mit den Eltern ins Gespräch kommen. Um das zu erreichen habe ich ihre Sprache angenommen. Ich habe eingesehen, dass meine Sprache aus dem Kinderheim nicht weiter notwendig ist. Trotzdem ist bis heute kein Verstehen zwischen den Eltern und mir möglich geworden. Es reicht nicht aus die Mauer meiner Sprache zu durchbrechen. Ich müsste mich viel stärker an den Willen, an die Meinung, an das ganze Familienleben bei den Eltern anpassen. Ich glaube vieles bei den Eltern wäre leichter gewesen, wenn ich in der Schule und der Jugendgruppe nicht nur gelernt hätte zu reden und zu diskutieren, sondern wenn ich gelernt hätte gegenüber den Eltern nachzugeben. Wenn ich gelernt hätte, dass keinerlei Widerstand gegen die Eltern notwendig gewesen wäre, und wenn ich deren Leben in der Familie einfach friedlich und ruhig mit ihnen gelebt hätte, ich glaube, dann wäre es für uns alle einfacher gewesen. Ich glaube, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, dann würde ich heute nicht unterwegs sein um diesen Wagen zu leihen. Heute würde ich mit Freunden meinen Geburtstag feiern und anschließend zu den Eltern nach hause kommen, anstatt mein Leben bei den Eltern abzuschließen.

8. Ein geliehener Wagen

Den Höhenwanderweg durchtrennt eine schmale Schotterpiste. Nach rechts biege ich auf diese ab und laufe mit großen Schritten hinab. Die Schotterpiste führt steil hinunter. Nach fünfzig Metern erreiche ich eine scharfe Rechtskurve. Von hier führt parallel zum Berghang eine Einfahrt zum Haus von Martinas Eltern. Auf dem kleinen Vorplatz am Haus sehe ich schon von weitem den grünen, alten Peugeot.

Vielleicht beobachtet mich Martina von ihrem Fenster aus, wie ich in riesigen Schritten die Schotterpiste runter laufe. Ich habe es nicht eilig. Der heutige Tag ist nicht für Eile geeignet, so denke ich und nehme dabei die letzten großen Schritte auf der steil abfallenden Schotterpiste. Ich lausche dem Rhythmus meiner dunkelbraunen Halbschuhe, wie sie knirschend den groben hellen Kies des Weges bearbeiten. Den heutigen Tag sollte ich keineswegs eilig durchlaufen. Auf gar keinen Fall sollte ich rennen. Heute ist es mir wichtig noch einmal an meinem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen, was ich hier abschließe. Ich nehme mir die Zeit darüber nachzudenken, warum ich heute die Aufgabe habe die Eltern wieder zu verlassen. Den Schotterweg laufe ich trotzdem sehr schnell runter. Ich passe mich dem Tempo an, welches das steile Gefälle meinen Füßen vorgibt.

Auch das hatte ich in den Jahren bei den neuen Eltern gelernt und auch dagegen hatte ich mich gewehrt: Das wunderschöne gebirgige Land zu durchwandern und dabei den Laufschritt dem Rhythmus der gebirgigen Landschaft anzupassen. Die Wanderausflüge am Wochenende mit den Eltern hatten mir nur am Anfang Spaß gemacht. Es hatte mir Freude gemacht vorauszulaufen und dann an irgendeiner Ecke immer wieder auf die Eltern zu warten oder sie mit einem Sprung aus einem Gebüsch zu überraschen. Nach drei oder vier Ausflügen mit den Eltern hatte ich schließlich die Lust daran verloren, ohne dass ich einen Grund dafür finden konnte. Ich glaube, es könnte die Langeweile gewesen sein, die sich bei mir eingestellt hatte. Der Reiz nach einem schweißtreibenden Anstieg zusammen mit den Eltern oder schneller als die Eltern eine Berghütte zu erreichen war eines Tages verschwunden. Ich fand es langweilig, den herrlichen Ausblick mit den Eltern von einer Aussichtsterrasse über die Berggipfel in das Tal zu genießen.

Die Wirte der Hütten auf den Gipfeln waren den Eltern oft gut bekannt. Sie waren Kunden ihres Geschäftes. Die Eltern kannten viele einheimische Wanderer, die wir auf den Berghütten getroffen hatten. Die Eltern stellten mich diesen Menschen vor. Zu Beginn fand ich das noch ganz interessant. Später war mir das unangenehm geworden. Überall im Ort und auf den Bergen waren die Eltern wegen ihres Geschäftes bekannt. Welchen Gipfel auch immer wir erreicht hatten, stets gab es ein Gespräch mit einem Kunden oder einem Bekannten. Irgendwann war mir das zu viel. Ich wollte lieber mit meinen Freunden aus der Jugendgruppe durchs Gebirge wandern.

Das Leben der Geschäftsleute ist das Leben von Menschen die jeder im Ort kennt. Diese Art der Öffentlichkeit war mir unangenehm geworden. Die Eltern hatten für die Kunden ihres Geschäftes nicht nur in ihrem Laden zu sorgen. Bei Kunden die ein eigenes Geschäft oder eine Gaststätte betrieben, waren die Eltern regelmäßig zu Gast. Die Auswahl von Ausflugszielen, der Besuch zum Mittagessen in einer Gaststätte hatte oft den Hintergrund, dass der Betreiber einer Hütte oder Gastwirtschaft Kunde im Geschäft der Eltern war. Mir wurde das zunehmend unangenehm.

Das Wandern durch die Berge macht mir viel Spaß. Ich habe so viel Freude daran entwickelt, dass ich in den letzten zwei Jahren regelmäßig mit einem Freund, den ich durch die Jugendgruppe kennen gelernt hatte, lange Wandertouren über die Gipfel rund um den Ort unternommen habe. Vielleicht war mir der Spaß an den Ausflügen mit den Eltern vergangen, weil ich erkannt hatte, dass die Ziele von den Geschäftskunden bestimmt worden waren. Vielleicht hatte sich wegen der Gespräche der Eltern mit den Geschäftskunden auf den Berghütten oder in den Gaststätten, ohne dass ich es verhindern konnte, ein gewisser Neid oder gar eine Art Eifersucht bei mir entwickelt. Ich konnte nur schwer ertragen, dass die Eltern die Ziele der Ausflüge bestimmten, ohne mich bei ihren Entscheidungen mit einzubeziehen. Das könnte es gewesen sein, was mir schließlich den Spaß an den Unternehmungen mit den Eltern verdorben hatte. Es war nicht nur die Langeweile mit den Eltern zu wandern. Eine gewisse Eifersucht könnte eine Rolle gespielt haben. Die Eltern hatten sich stets bestens mit den Hüttenwirten oder Gastleuten unterhalten. Für die Eltern waren solche Gespräche selbstverständliche alltägliche Routine gewesen. Für mich war es langweilig dabei zu sitzen. Vielleicht hatte ich deshalb das Gefühl entwickelt, von den Eltern zu wenig Beachtung zu erfahren. Ich war eifersüchtig geworden auf die Geschäftsleute. Mit ihnen zu sprechen war den Eltern wichtig. Mit mir zu sprechen war nicht wichtig. Die Eltern wissen wie sie mit ihren Kunden umzugehen haben. Die Eltern haben gutes Gespür und eine gute Hand für die Pflege ihrer Kunden. Mit ihren Kunden waren die Eltern immer bestens zu Recht gekommen. Mit mir waren sie nicht zu Recht gekommen. Vielleicht hatte mir das den Spaß verdorben. Ich musste erleben und ertragen, dass Eltern bei ihren Kunden bekannt und beliebt sind. Im Ort genießen die Eltern einen sehr guten Ruf, den sie regelmäßig pflegen.

Ich war nicht auf die Idee gekommen, mir den guten Ruf der Eltern zu nutze zu machen. Wenn wir unterwegs waren und auf Kunden und Bekannte trafen, hatten die Eltern mich immer vorgestellt. Ich hätte eine Chance gehabt. Ich hätte mich an den Kontakten beteiligen können. Aber mir waren diese Kontakte unangenehm geworden.

Martina steht in der offenen Eingangstüre. Gemächlich nehme ich die wenigen Treppenstufen bis zu ihr hinauf. Martina erwartet mich. Ich reiche Martina lächelnd die Hand. Ich werfe dabei einen flüchtigen Blick auf meine Armbanduhr. Ich bin pünktlich. Minutengenau komme ich an, so wie ich es vereinbart hatte. Obwohl ich heute keine Eile habe bin ich pünktlich.

Zu spät zu kommen war nie meine Art gewesen. Geregelte Zeiteinteilung und Ordnung in meinem täglichen Alltag bei den Eltern musste ich nicht erst neu erlernen. In meinem Kopf hatte es schon immer eine Ordnung gegeben. Meine Ordnung hat mir stets geholfen, meinen Lebensalltag im Griff zu behalten. Neben meiner Sprache als meine Schutzmauer, war meine innere Ordnung ein wichtiger Pfeiler, der mich nie im Stich gelassen hat. Meine innere Ordnung habe ich im Kinderheim entwickelt. Ablehnung und Schläge, die ich dort erfahren hatte ordnete ich in mein Ordnungsprinzip in meinen Kopf ein. Dort hatte ich mir vielerlei Begründungen und Erklärungen zu Rechtgelegt. Dort hatte ich die Haltungen der Menschen, die mich und andere quälten gespeichert und geordnet. Meine innere Ordnung tickte viele Jahre lang, wie ein unzerstörbares Uhrwerk. Situationen tiefster Verzweiflung habe ich mit meiner inneren Ordnung bewältigt. Schläge des Heimleiters, Gewalt von älteren Jugendlichen, Hass und Chaos um mich herum, das alles ordnete ich in meinen Kopf ein. Meine Ordnung fußte auf einem einfachen Prinzip: Alles was ich erlebte musste begründbar sein. Konsequente Suche nach Gründen für das was ich um mich herum sah und erlebte schaffte Ordnung. Wenn ich in meinem Kopf sagen konnte, „der macht das, weil…“, dann hatte ich ein Stück Freiheit in meinem Kopf gefunden. Ich habe in meinem Kopf das, was ich erlebt hatte, was mir angetan wurde nach meinem Denken geordnet. Wenn ich da etwas nach meinem Denken geordnet hatte, dann ordnete ich mich nicht dem Vorhaben des gewalttätigen Heimleiters unter. Ich dachte trotz seiner Gewalttätigkeit weiter. Ich dachte vor allem deshalb weiter. Mit dem Denken kommt Freiheit und es verschwindet Hilflosigkeit. Damit verschwindet das Gefühl dem anderen ausgeliefert zu sein. Damit erscheint das Gefühl frei zu sein, denn ich weiß warum der andere tut, was er tut. Im Kopf hatte ich jahrelang für all das was geschah immer Begründungen gefunden. Mein Denken hatte mir zuverlässig dabei geholfen, nicht zu verzweifeln und aufzugeben, sondern immer wieder zu mir selbst zurück zu finden. Aus unerklärlichem Grund war mein Kopf immer pünktlich zur Stelle, um zu mir zu sagen, dass ich nicht aufgeben darf. Oft sagte ich zu mir selbst, dass ich deshalb beste Chancen habe das gewalttätige Leben in dem Kinderheim zu überstehen. Genau so ist es gekommen.

Ich weiß nicht wie meine innere Ordnung entstanden ist. In meiner Erinnerung an mein Leben in dem Kinderheim finde ich keine greifbare, sichtbare Erklärung. So zu denken, wie ich damals immer gedacht hatte, war meine Überlebensstrategie. In dem Kinderheim war für mich keinerlei Perspektive erkennbar. Trotzdem hatte kein Schlag in mein Gesicht und kein Fußtritt gegen mich dazu geführt, dass ich meine innere Ordnung aufgab.

Meine innere Ordnung hatte Auswirkung darauf, wie ich meine äußere Welt sah. Trotz vorgegebener Orientierung an Maßstäben von Gewalt, Macht und Hass gegenüber Kindern, welchen ich in dem Kinderheim über viele Jahre ausgesetzt war, hatte ich immer gewusst, wie ich das einzuordnen habe. Hatte ich mich daran beteiligt schwächere Kinder ungerecht zu behandeln, so wie es alltägliches Grundprinzip in dem Kinderheim gewesen war, beschwerte sich sofort meine innere Ordnung darüber: Wenn ich ungerecht gehandelt habe trat mein Gewissen auf den Plan. Aus meiner inneren Ordnung war über Jahre auch eine äußere Ordnung geworden. Pünktlichkeit im Alltag war mir nie schwer gefallen. Neben dem Chaos aus Macht und Gewalt gab es in dem Kinderheim auch vorgegebenen Uhrzeiten. An die hatte sich jeder zu halten. Alltägliche Verrichtungen waren immer an bestimmte Uhrzeiten geknüpft. Vom Aufstehen über das Zähne putzen, vom Frühstück über den Schulbesuch, vom Mittagessen, über die Hausaufgaben, war der ganze Tag in Uhrzeiten eingeteilt. Das hatte ich als Unterstützung empfunden. Vielleicht habe ich darüber zu meiner inneren Ordnung gefunden. Für mich war der immer gleiche Rhythmus des Tages ein fester Fels im Alltag meines Kinderheimlebens gewesen. Egal welche Gewalttaten ich tagsüber erlebt hatte, die Uhrzeiten von Frühstück, Schule, Mittagessen, Hausaufgaben, Schuhe putzen, Abendessen und zu Bettgehen, waren immer geblieben. Das ergab ein Bild der Sicherheit. Mein alltäglicher Tagesablauf war sicher gewesen. Täglich war er gleich geblieben. In meinen Kopf war ein klares Ordnungsprinzip entstanden.

In meinem Kopf ordnete ich die Gewalttaten des Heimleiters als vorgegebenen, alltäglichen Ablauf ein. Schläge, Tritte, Gehässigkeiten, Übergriffe, Beschimpfungen, Einsperren, Ausgangsverbote, Strafarbeiten. Das war alles alltäglich, wie Morgens um sechs Uhr aufzustehen und am Abend um neun Uhr das Licht zu löschen. Es gab keinen Menschen, der das verhindern konnte. Es gab keinen der das verhindern wollte. In meinem Alltag im Kinderheim war das normal gewesen. Es war auch normal gewesen, dass der Heimleiter seine Lieblinge hatte, die er vermeintlich besser behandelte. Es war normal und alltäglich gewesen, dass der Heimleiter, vielleicht als Gegenleistung dafür, dass er sie nicht schlug, gegenüber seinen Lieblingen immer zutraulicher geworden war. Und es war normal, dass kein Mensch da gewesen war, der das merkte und sagte, dass es nicht normal ist, dass der Heimleiter nachts im Zimmer einer Heimbewohnerin verschwand. Dass jemand Gewalt an Kindern in dem Kinderheim verübte, sich austobte und sich wie auch immer durch Gewalt befriedigte war für mich lange Zeit alltäglich und normal gewesen. In meinem Kopf war das genauso vorgegeben, wie die täglichen Uhrzeiten. Deshalb, so glaube ich heute, musste für mich damals immer klar gewesen sein: All die Gewalt um mich herum zertritt mich nicht wirklich. Wenn ich anderes gedacht hätte, hätte ich das wohl nicht überlebt vor Angst. Warum habe ich so gedacht und wie habe ich gedacht? Aus gleichem Grund, wie ich gelernt hatte, dass Uhrzeiten geschaffen waren, weil sie notwendig waren, lernte ich, dass auch Gewalt und Übergriffe geschaffen seien, weil sie der Ordnung wegen dazu gehörten. Ich glaube, so hatte ich damals darüber gedacht. Alltägliche Uhrzeiten und alltägliche Gewalt waren nicht wegen mir oder wegen anderer Kinder in dem Kinderheim geschaffen worden. Sie waren vorgegeben vom Heimleiter und deshalb normal, sie mussten von niemandem begründet werden. Sie entstammten einer höheren Ordnung. Diese Ordnung, so hatte ich damals gedacht, gab es nicht nur in meinem Kinderheim. Lange Zeit glaubte ich, dass solche Ordnung überall existiere. Tugenden wie tägliche Pünktlichkeit tägliche Ohrfeigen, Kopfnüsse, Schläge und Fußtritte sind die originären Maßstäbe im alltäglichen Umgang aller Menschen miteinander. Das glaubte ich, weil ich das nicht anders kannte. Weil ich das glaubte überlebte ich. Im Kinderheim war ich niemals auf die Idee gekommen, dass nicht rechtens ist, dass der Stärkere sich vom Schwächeren nimmt, was er gebrauchen kann.

Ich erinnere mich, dass ich damals geglaubt hatte, die Ordnung der Welt, dank der Ordnung in meinem Kinderheim gut verstanden zu haben. In den Nachrichten im Fernsehen hatte ich hin und wieder gesehen, dass es weltweit Kriege und Armut gibt. Wir, so hatte ich damals verstanden, hatten großes Glück im Reichtum zu leben. Genauso wie der Heimleiter die schwächeren Menschen, nämlich uns Kinder, regelmäßig verprügelte und daran seine Freude hatte, sah für mich die Ordnung der Welt in den Fernsehnachrichten aus. Wir, die Reichen in dieser Welt sind diejenigen, die sich bei den Armen der Welt holen, was wir meinen zu brauchen. Wenn die Armen sich dagegen wehren, so hatte ich damals die Nachrichten verstanden, gab es Krieg. Die Reichen wandten Gewalt an um sich zu holen, was ihnen der Ordnung nach zustand. Der Heimleiter holte sich bei den Mädchen, was ihm der Ordnung nach zustand. Er schlug auf uns Kinder ein, um sich Macht und Raum, die ihm der Ordnung wegen zustanden, zu verschaffen. Den klaren Regeln dieser einfachen Ordnung hatten wir Kinder zu folgen. Wenn wir der Ordnung nicht folgten gab es Tritte und Schläge, zu denen der Heimleiter berechtigt gewesen war, weil er diejenige Kraft und Macht besaß, die diese einfache Ordnung immer wieder durchsetzte. Im Krieg im Kinderheim war der Heimleiter der Reiche, der sich bei uns Kindern holte, was er glaubte zu benötigen, worauf er glaubte Kraft der herrschenden Ordnung Anspruch zu haben. Der Heimleiter, so glaubte ich jahrelang, tat nichts anderes, als der alltäglichen Ordnung unserer Welt zu folgen. Diese einfache Ordnung sah ich hin und wieder in den Fernsehnachrichten bestätigt. Weil es niemanden gegeben hatte, der auch nur geringste Zweifel an der Ordnung von Macht und Gewalt gegen die Kinder im Kinderheim äußerte, hatte ich keinen Zweifel daran, dass mein Schicksal darin bestand, mich Gewalt und Macht unterzuordnen.

Erst nachdem ich zu den Eltern gezogen war, begann sich die Sicht auf meine alltägliche Welt zu ändern. Die Eltern hatten mit dem, was ich im Kinderheim erlebt hatte nichts gemein. Bei den Eltern war das oberste Gebot nicht, dass ich mich unter zu ordnen hatte. Das wichtigste, so schien es mir, war dass ich lernte etwas zu leisten. Dass ich dazu in der Lage bin, hatten die Eltern schnell erkannt. Das bestätigte sich, weil ich dank deren Förderung binnen eines Jahres die Schule wechseln konnte.

Martinas Familie, ihre Eltern und ihre drei Geschwister waren vor einigen Jahren aus der Großstadt hier her gezogen. Martinas Eltern hatten die Gegend im Urlaub kennen gelernt. Mit dem Umzug erfüllten sie sich einen Traum. In Martinas Familie, das ist seit Jahren mein Eindruck, geht es locker zu. Die Kinder, inzwischen groß geworden, leben nach wie vor in der Familie. Freunde und Bekannte gehen täglich und selbstverständlich ein und aus. Dass ich für meinen Umzug den Wagen borgen kann ist in meinen Augen nicht nur ein Zeichen für Vertrauen, es ist auch ein Zeichen für die lockere Atmosphäre in Martinas Familie.

Ich folge Martina durch das Erdgeschoss hinaus auf die Terrasse. Dort bietet mir Martina eine Tasse Tee an. Ich nehme mir die Zeit für den Tee, denn ich habe sie. Auch Martina und ihre Familie gehören zu meiner Heimat. Der Duft des Tee erinnert mich an kalte Herbsttage. Im letzen Herbst war ich hier mehrmals zu Besuch. Im Wohnzimmer roch es Samstagnachmittags nach Tee. Ich roch den Tee schon, wenn ich im Hauseingang meine regennasse Jacke auszog. Der Tee passt nicht zum heutigen herrlichen Sommertag. Meine Heimat verlasse ich heute. Vielleicht ist es gut, dass Martina heute diesen Tee reicht. Vielleicht ist es gut, dass der Tee nicht zum heutigen Tag passt. Er gehört zu meinen Erinnerungen an die Bilder des Herbstes in diesem Haus. Vielleicht ist es gut, dass Martina diese Bilder jetzt schon durcheinander bringt. Weil ich diese Heimat heute verlasse, werden künftig andere Bilder von meiner Heimat in meinem Kopf entstehen. Alles, was bis heute meine Heimat gewesen war wird durcheinander geraten. Künftig werde ich im Ort Besucher sein. Ich werde nicht mehr bei den Eltern leben. Mein Bild vom Ort wird sich ändern. Ich werde eine neue Sicht einnehmen müssen. Meine Freunde in diesem Ort werde ich künftig aus anderem Blickwinkel sehen und erleben. Nach einem Besuch bei meinen Freunden werde ich künftig nicht mehr selbstverständlich in mein zu Hause bei den Eltern im Ort zurückkehren. Was bislang in diesem Ort für mich so ist, wie es ist, endet heute. Künftig wird es anders sein. Den Ort und die Menschen werde ich künftig ganz anders erleben als bisher.

Auch damals habe ich meinen Blickwinkel verändert. Nachdem ich vom Kinderheim zu den Eltern umgezogen war, hat sich mein Bild von diesem Ort und seinen Menschen verändert. Mein bisheriges Kinderheimleben war von einem auf den nächsten Tag abgebrochen. Obwohl der Ort der gleiche geblieben war, war für mich und mein Leben in diesem Ort alles anders geworden. Schläge und Gewalt, die in meinem Leben selbstverständlich gewesen waren, waren vorbei. Erwachsene, die mir immer Befehle gegeben hatten, und sich nicht dafür interessiert hatten, ob ich eigene Interessen habe, begannen nun meine Interessen zu suchen und zu fördern. Vorurteile, vor denen ich in der Schule jahrelang geflüchtet war, waren plötzlich verschwunden. Meine Schulzeugnisse, die bislang niemanden interessiert hatten, waren plötzlich wichtig geworden. Mein Kinderheimleben war zusammengebrochen.

Heute bricht wieder etwas zusammen. Diesmal ist es mein Leben bei den Eltern, das abbricht. Den heutigen Bruch verstehe ich besser, als den damaligen Abbruch. Weil ich älter geworden bin, kann ich heute schon mehr von dem erkennen, was auf mich zukommt, als es damals gewesen war. Die Entscheidung, dass heute ein Bruch stattfindet erlebe ich heute deutlicher, als den damaligen Wechsel vom Kinderheim zu den Eltern. Für mich wird heute keine ganze Weltordnung zusammenbrechen. Ich werde meine Sicht ändern müssen, Ansprüche zurückschrauben müssen, die Sicherheit der Eltern verlieren. Vermutlich wird daraus neues entstehen. Ich kenne das. Was nach dem Abbruch meines Kinderheimlebens entstand hat mir gut getan.

Auf der Terrasse schenkt mir Martina nicht nur Tee ein, sondern sie überrascht mich mit einem Geburtstagsgeschenk. Sie hat zusammen mit Karin, ihrer Freundin die ich auch durch die Jugendgruppe kennen gelernt habe, einen kleinen Wandteppich für mein neues Zimmer genäht. Ich freue mich riesig. Der Wandbehang wird der erste bunte Fleck in meinem Zimmer werden. Trotzdem ist mir das Geschenk auch ein bisschen unangenehm. Niemals könnte ich den beiden vergleichbares schenken.

Bei den Eltern war es mir stets schwer gefallen, geeignete Geburtstagsgeschenke für sie zu fertigen. Es war deren Anspruch von mir etwas selbst Gebasteltes geschenkt zu bekommen. Die Eltern verfügen über alles, was sie benötigen. Es wäre unglaubwürdig und lächerlich gewesen, wenn ich in einem Geschäft etwas für sie gekauft hätte, um sie an Geburtstagen oder an Weihnachten zu beschenken.

Trotzdem hatte ich dem Vater in den letzten Jahren mehrfach eine bestimmte Schokoladensorte, die er sehr gerne isst, gekauft. Weil der Vater selbst nie zum Einkaufen in den Ort geht, war es ein Leichtes für mich, ihm diese Freude zu machen. Dass er gerne diese Schokolade als Geschenk angenommen hatte, war für mich eine riesige Erleichterung gewesen, denn immer hatte ich größte Schwierigkeiten gehabt, mir für den Vater ein passendes Geschenk auszudenken. Etwas leichter war es bei der Mutter gewesen. Sie konnte ich mit einem selbst gebauten Gartengerät oder einem Gutschein für das Rasenmähen im Garten, oder das Ausstechen eines Gemüsebeetes beglücken. Weil die Eltern sehr wohlhabend sind konnten meine Geschenke keinen materiellen Wert haben.

Hatten meine Geschenke an die Eltern einen anderen Wert? Waren sie ein Zeichen meiner Zuneigung? Oder hatten sie lediglich der Befriedung zwischen uns gedient, weil sie nur den Zweck erfüllten, dass ich der geltenden Regel nachgekommen war, die Eltern an Geburtstagen oder Weihnachten zu beschenken? Diese Fragen waren mir oft durch den Kopf gegangen. Nie konnte ich eine Antwort darauf finden. Weil Martina mich mit einem Geburtstagsgeschenk überrascht finde ich diese Fragen wieder in meinem Kopf.

Ich hatte nie das Gefühl, die Eltern aus Zuneigung zu beschenken. Immer war mit dem Schenken das Gefühl verbunden, dass es sein musste. Es war nie ein ganz freiwilliger Akt. Stets flammten in mir Gedanken daran auf, wie die Eltern reagieren würden, welche Enttäuschung es wäre, wenn ich nichts schenken würde. Diese Gedanken, die Vorstellung davon wie das sein würde, führten in meinem Kopf oft zu einem Inferno. Es geschah etwas in meinem Kopf, das mir bis dahin unbekannt gewesen war. Am Ende hatte eine riesige Explosion stattgefunden, die viel Staub aufwirbelte. War der Staub verschwunden, sah ich in meinem Kopf nichts weiter als schwarze Finsternis. Es schien eine undurchdringliche Finsternis zu sein. Jetzt fällt mir dazu ein, dass dieses Bild vielleicht meine Vorahnung, von der abbrechenden Verbindung gewesen sein könnte, die heute zwischen den Eltern und mir beginnt. Vielleicht hatte ich in meinem Kopf schon immer einen Keil, den ich mehr und mehr zwischen mir und die Eltern trieb. Bevor ich bei den Eltern eingezogen war, hatte ich geglaubt, dass Schenken in erster Linie mit dem materiellen Wert des Geschenkes zu tun habe. Im Kinderheim hatte es die Regelung gegeben, dass ein Kind zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Geschenk im Wert von 20 Mark erhält. Diese Summe war von den Jugendämtern vorgegeben. Das jeweilige Geschenk hatte sich das Kind selbst zu besorgen. An Weihnachten war es dann von den Erziehern eingepackt und unter den Weihnachtsbaum gelegt worden. Am Geburtstag erhielt man das Geld vom Heimleiter und kaufte sich sein Geburtstagsgeschenk.

Schenken war ein Akt, der wie die übrige Ordnung geregelt und vorgegeben war. Es war um Spielzeug im Wert von 20 Mark gegangen, so war die Vorgabe. Um mehr ging es dabei nicht. Andere Bedeutungen waren mir unbekannt gewesen. Weil ich bei den Eltern neue Bedeutungen des Schenkens erkannt hatte, war das Schenken für mich zu einem Problem geworden. Ich habe bis heute nicht geklärt, welche Symbole hinter meinen Geschenken an die Eltern gesteckt hatten. Ich spürte, dass es nicht um den materiellen Wert meiner Geschenke an die Eltern ging. Ich erlernte eine neue Bedeutung des Schenkens. Ich lernte, die Eltern zu beschenken, weil dies in der Familie bei den entsprechenden Gelegenheiten eine feststehende Regel gewesen war. Meine Geschenke an die Eltern hatten eine weitere Bedeutung: Sie waren der Versuch, die von mir befürchtete Finsternis zwischen den Eltern und mir abzuwenden.

9. Die erste Autofahrt

Den Wagen kenne ich von einigen verbotenen Autofahrten. Martina hatte mich öfter ans Steuer gelassen. Es waren zusätzliche Übungsfahrten gewesen, die es mir ermöglicht hatten einige Fahrstunden für den Führerschein einzusparen. Martina hatte mich mehrfach ihren Wagen die steile Bergstraße hinauf steuern lassen. Sie hatte erstaunliches Vertrauen in meine Fahrsicherheit. Ich brauchte sie nicht groß zu überreden mich ans Steuer zu lassen. Während ich die steile Bergstraße hinauf, über die Höhenringstraße zum Haus ihrer Eltern gefahren war, saß sie immer ruhig auf dem Beifahrersitz. Nur einmal, es ist etwa zwei Monate her, war sie unruhig geworden, weil ich einem Reisebus, der die steile Strecke offensichtlich nur mit letzter Mühe bewältigte, zu dicht aufgefahren war.

Vielleicht hatte Martinas Vertrauen in meine Fahrkünste ohne Führerschein damit zu tun, dass sie mich seit Jahren aus der Jugendgruppe kennt. Dort hatte ich sie und ihre Geschwister vor vier Jahren kennen gelernt. Ich glaube, der Eindruck den ich in der Gruppe erweckt hatte, war der eines vernünftigen, ansprechbaren Jugendlichen, dem keiner zutraut, dass er sich auf verantwortungsloses Handeln einlassen würde. Dass ich Martina gebeten hatte, mich ihren Wagen steuern zu lassen, könnte man als verantwortungsloses Handeln bezeichnen. Genau genommen war es eine Anstiftung zu illegalem Handeln gewesen. Bei genauerer Betrachtung, kann man zu der Schlussfolgerung kommen, dass ich einen eindeutigen Gesetzesverstoß begangen habe, in den ich auch Martina verwickelt hatte.

Vielleicht, so denke ich jetzt, neige ich dazu hin und wieder Verbotenes zu tun. Vielleicht, so kommt mir der Gedanke, haben die Eltern so eine Neigung an mir wahrgenommen. Vielleicht habe ich einen gewissen Hang Gesetze und Regeln zu übertreten. Vielleicht habe ich die Eigenart, Gesetze und Regeln die mir im Alltag vorgegeben sind, immer wieder mal einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Vielleicht ist meine Art mit vorgegebenen und sicherlich notwendigen Regeln umzugehen, von einer äußerst kritischen Aufmerksamkeit geprägt. Vielleicht habe ich solche Art Aufmerksamkeit erlernt, weil alle mir Bekannten Regeln, die gesamte Ordnung aus dem Kinderheim plötzlich zusammengebrochen waren, als ich zu den Eltern gezogen war. Regeln und Maßstäbe, damals vom Heimleiter vorgegeben, erschienen bei den Eltern in völlig anderem Licht. Mit den Jahren bei den Eltern wurde mir zunehmend klar, dass die große Welt zwar tatsächlich von Macht und Gewalt regiert wird, dass aber die kleine Alltagswelt in diesem Land zu erheblichem Teil durch andere Gesetze geregelt ist. Der Heimleiter hatte solche Gesetze gebrochen, indem er die Ordnung der Welt, wie sie mir aus der Nachrichtenberichterstattung über die Kriege in unserer Welt bekannt gewesen war, in sein von ihm geführtes Kinderheim übertrug. Das erkannte ich erst Jahre später bei den Eltern.

Vielleicht neigt ein Kind wie ich dazu, wenn es solchen Bruch erlebt hat, eine vorgegebene Ordnung nicht mehr ganz so ernst zu nehmen. Wer sagt mir, dass die bei den Eltern vorgegebene Ordnung nicht eines Tages zusammenbricht? Vielleicht ist auch diese Ordnung einfach falsch? Vielleicht bin ich geschädigt, weil ich so denke. Vielleicht muss ich immer an vorgegebenen Regeln kratzen, weil ich bei den Eltern erkennen musste, dass eine Ordnung, die dem Kind jahrelang galt, nicht nur zusammenbricht, sondern gar nicht rechtens im Sinne der Gesetze dieses Landes war. Während der vergangen fünf Jahre hatten die Eltern vielleicht mit Recht erkannt, dass ich in der ständigen Gefahr lebe, wegen meiner Vergangenheit, wegen meines daraus resultierenden Denkens und Handelns, in das Leben eines Gesetzesbrechers abzurutschen.

Ich habe das damals beim Fahren ohne Führerschein nicht so gesehen und ich glaube auch Martina hat das nicht gesehen. Sie weiß wegen unserer Zeit in der Jugendgruppe, dass ich vernünftig bin. Deshalb war mein Fahren ohne Führerschein für Martina kein schlimmer Gesetzesbruch. Es war klar gewesen, dass ich ihren Wagen mit größter Vorsicht steuern würde. Das hatte ich immer getan. Martinas Vertrauen habe ich nicht enttäuscht, obwohl ich etwas Gesetzwidriges getan hatte. Es hätte für uns beide unangenehme Konsequenzen gehabt, wenn dabei etwas passiert wäre. Es war niemals etwas passiert. Es hatte uns niemals jemand dabei beobachtet. Niemand hat beobachtet, dass ich es gewesen war, der den kleinen grünen Peugeot fahrerseitig verlassen hatte. Das Fahrzeug habe ich oft samstags in der Dunkelheit der Nacht, nachdem ich Martina in der Disco bei Jörg getroffen hatte, auf dem Parkplatz vor dem Haus ihrer Eltern abgestellt.

Ich glaube, Martinas Eltern bieten ihre elterliche Unterstützung an, indem sie den Kindern notwendige Freiräume gewähren, ohne dass diese von den Kindern erkämpft werden müssen. Während sie das tun bleiben sie mit ihren Kindern in gutem Kontakt. So schaffen es Martinas Eltern viel Streit und Belastung von vorn herein zu vermeiden. So erreichen sie es, dass sie ihre Kinder nicht rauswerfen müssen. Martinas Eltern entwickeln nicht das Gefühl, dass die Kinder ihnen über den Kopf wachsen und der Kontakt zu den Kindern von Ohnmacht, Ratlosigkeit und vielleicht sogar Hass gezeichnet ist. So scheinen sie es geschafft zu haben, dass Martina, die bereits neunzehn Jahre alt ist, gerne bis zum Ende ihrer Schulzeit bei ihren Eltern wohnen möchte.

Es wäre gelogen, wenn ich jetzt, während ich im Wagen von Martina sitze, versuchen würde zu denken, dass Martina mich nur wegen der Jugendgruppe, in der wir beide Mitglieder waren, oder gar nur wegen ihres Autos, mit dem sie mir zusätzlich Fahrstunden gegeben hatte, interessiert. Es ist eindeutig, dass ich mich in sie verliebt habe. Während ich Martina vor wenigen Minuten auf der Terrasse ihrer Eltern gegenüber saß, und wir gemeinsam Tee tranken, hatte ich kurz daran gedacht. Ich saß zurück gelehnt im Stuhl und unterhielt mich mit ihr über den voraussichtlichen Ablauf des heute vor mir liegenden Nachmittags. Ich lehnte ihr Angebot ab, mir bei meinem Umzug zu helfen. Ich erklärte, dass ihre Hilfe nicht notwendig sei, weil es sich nur um eine spärliche Menge an Umzugsgut handle.

Vor Minuten, auf der sonnigen Terrasse, hätte ich die Frage aufklären können, ob auch Martina sich in mich verliebt hat. Vielleicht hätte ich gerade klären können, was zwischen uns beiden los ist. Am heutigen herrlichen Sommertag hätte ich es schaffen können, Martina zu sagen, dass es gut und schön wäre, wenn ich meinen heutigen Weg begleitet von ihr machen könnte. Dazu war ich nicht in der Lage. Stattdessen täuschte ich Sachlichkeit vor. Angeblich ist es nicht notwendig, dass Martina mir heute beim Umzug hilft. Angeblich habe ich heute zu wenig abzutransportieren. Das alles ist völliger Unsinn! Ich habe jede Menge abzutransportieren. Mein Leben bei den Eltern und mein Leben in diesem Ort habe ich heute abzutransportieren. Das ist jede Menge! Da könnte die Hilfe eines vertrauten Menschen nicht schaden. Im Gegenteil: Sie wäre gut. Martinas Hilfe würde mir einiges erleichtern. Vielleicht würde solche Hilfe einiges an Gewicht aus meinem Kopf nehmen, welches ich dem heutigen Tag beimesse. Sicherlich würde mir Martinas Begleitung am heutigen Umzugstag einiges leichter machen. Ihr Angebot habe ich abgelehnt. Martinas Wagen steuere ich gemächlich auf der Höhenstraße durch die breiten Kurven. Martinas Angebot mich am heutigen Tag zu begleiten abzulehnen hat einen Grund. Dass ich mich in sie verliebt habe ist völlig klar. Absolut nicht klar ist, dass auch Martina Gefühle für mich hat. Sie wollte mir beim Umziehen behilflich sein und mehr nicht. Es gibt eine freundschaftliche Beziehung zwischen uns. Martina ist diejenige von der ich heute ein Geburtstagsgeschenk bekommen habe. Ich sollte mich davor hüten, von mehr als einer freundschaftlichen Beziehung auszugehen. Auch Karin war an dem Geschenk beteiligt. Sie kenne ich ebenfalls durch die Jugendgruppe. Beide haben sich einfallen lassen, dass mir ein bunter Tupfer an den kahlen Wänden in meinem neuen Zimmer nicht schaden wird. Das tut er bestimmt nicht.

Es wäre schön gewesen, wenn zwischen den Eltern und mir in den vergangenen Jahren ein Stück mehr Vertrauen entstanden wäre. Ich glaube, zu Vertrauen zwischen den Eltern und mir war es nicht gekommen, weil für die Eltern die Verantwortung, die sie für mich übernommen hatten, so schwer wog, dass daraus anstatt Vertrauen Misstrauen erwachsen war. Misstrauen zwischen uns war entstanden, weil die Eltern sehr schnell von mir enttäuscht gewesen waren. Misstrauen entstand auch, weil ich anders gewesen war, als sie es sich erwartet hatten. Als ich zu den Eltern gekommen war, befand ich mich auf dem Wege einer schlechten Entwicklung. Ich glaube für die Eltern war ich ein armseliges und irgendwie gefährdetes Kind aus dem Heim. Die Mutter benutzt gerne das Wort „gefestigt“. Bei mir war damals nichts „gefestigt“. Eher war ich ein Risiko. Ich war ein schwer verunsicherter Jugendlicher und für die Eltern war mit meiner Aufnahme in ihr Haus eben solche Unsicherheit verbunden. Es wäre möglich gewesen, dass ich den Weg eines intoleranten Draufgängers zu mache. Es wäre möglich gewesen, dass ich mich im Haushalt der reichen Eltern zu einem arroganten und wohlstandsverwahrlosten Jugendlichen entwickle. Ich kenne solche jungen Menschen. Sie nehmen alles Materielle mit, das die Eltern ihnen bieten. Sie gewöhnen sich an diese Überversorgung. Das geht soweit, dass es den jungen Menschen regelrecht schadet, alles zu haben. Die Wertschätzung gegenüber den Eltern geht langsam verloren und die Wertschätzung gegenüber den materiellen Dingen. So entstehen Bindungslosigkeit, manchmal sogar Hass. Ich wurde nicht zu einem wohlstandsverwahrlosten Menschen. Ich zeigte oft meine Dankbarkeit gegenüber den Eltern. Aber ich glaube, meine Art wie ich dankte und dabei immer selbständiger wurde, war für die Eltern nicht geeignet. Meine Ablösungsschritte führten bei den Eltern zu Ängsten. Die Eltern befürchteten, dass ich abrutschen könnte und einen schlechten Weg nehmen könnte.

Das Misstrauen der Eltern war deutlich spürbar. Ich hatte es gespürt, wenn die Mutter mit mir nachmittags meine Hausaufgaben durchgesehen hatte. Ich spürte Misstrauen, wenn ich mit der Mutter mein Haushaltsgeld abgerechnet hatte, dass für den regelmäßigen Einkauf von Kleinigkeiten für Haushalt und Schule vorgesehen war. Vielleicht war das Misstrauen der Mutter berechtigt gewesen. Ab und an verspürte ich tatsächlich die Versuchung, die Kosten für von mir für den Haushalt eingekaufte Waren zu einem höheren Preis in mein Haushaltshefchen einzutragen, als es der Wahrheit entsprochen hätte. Dieser Versuchung war ich nie erlegen. Vielleicht gab es dafür nur einen Grund: Alle gekauften Waren musste ich unter Vorlage des Kassenzettels in mein Haushaltsheftchen eintragen. Regelmäßig rechnete die Mutter das Heftchen mit mir ab. Vielleicht hatte die Mutter meine Versuchung gespürt. Vielleicht bin ich wirklich ein hochgradig gefährdeter Mensch gewesen. Vielleicht hätte ich das Haushaltsgeld veruntreut. Vielleicht waren Misstrauen und regelmäßige Kontrolle meines Haushaltsheftes unabdingbar notwendig. Um mich vor dem Abrutschen in Kriminalität zu bewahren, um mich zu Ehrlichkeit und Genauigkeit im Umgang mit dem Geld zu erziehen, benötigte ich genaueste Kontrolle. Die Mutter musste erkannt haben, dass Geld in meinen Händen, für die Einkäufe im Haushalt, ein Risiko bedeutete. Aber sie hatte ebenso die wichtige Aufgabe erkannt, mich von der Gefahr zu lügen und zu betrügen abzubringen. Deshalb hatte sie mir einen Etat an Haushaltsgeld anvertraut. Allerdings nicht ohne meinen Umgang damit genau zu kontrollieren. Die Mutter musste es als ihre Aufgabe erkannt haben, mich zu verantwortlichem Umgang mit Haushaltsgeld zu erziehen. Die Mutter hatte mir ein, gemessen an meiner Vergangenheit im Kinderheim, riesig großes Stück anvertraut: Eigenes Haushaltsgeld. Die Mutter hatte mir einen Teil des Haushaltsgeldes regelmäßig anvertraut und das war gut so. Nur wegen dieser Art Vertrauen und der mütterlichen Art Kontrolle konnte ich lernen, dieses Geld nicht zu veruntreuen. So muss ich das sehen! Die Mutter hatte so gesehen Vertrauen in mich, dass sie regelmäßig durch Kontrolle überprüfte und stärkte, deshalb hatte sie mir einen Teil des Haushaltsgeldes anvertraut. So ist es gewesen! Die Mutter hatte das Geld mit mir alle zwei Wochen abgerechnet. Das war nicht allein deshalb notwendig, weil sie mir misstraut hatte. Sondern weil es vollkommen normal war, dass wir zusammen noch einmal meine Rechnungen überprüfen, um gemeinsam festzustellen, dass alles richtig war. Diese gemeinsame Feststellung war Voraussetzung dafür, dass mir die Mutter eine neue Summe anvertraut hatte. Mit dem Geld kaufte ich samstags oder nachmittags nach den Hausaufgaben, Lebensmittel für den Haushalt ein.

Vielleicht ist das Misstrauen zwischen den Eltern und mir entstanden weil ich denke, wie ich denke. Ist Misstrauen zwischen uns entstanden, weil ich damals genauso gedacht hatte, wie ich es noch heute tue? Vielleicht liegt darin ein entscheidender Schlüssel. Meine Art zu denken könnte mir viele Türen zu den Eltern verschlossen haben. Meine Art zu denken, ein Fehler. Woher kommt meine Art zu denken? Warum oft so viele Gedanken, wo vielleicht weniger besser wären? Vielleicht hätte ich nach dem Kinderheim erst einmal aufhören sollen zu denken. Vielleicht wäre es bei den Eltern besser gelaufen, wenn ich pausiert hätte. Meine Art zu denken, zu erklären, welche im Kinderheim gewachsen war, könnte für das Leben bei den Eltern genau falsch gewesen sein. Vieles bei den Eltern habe ich wahrscheinlich falsch in meinem Kopf erklärt. Ich habe zwar meinen Blickwinkel aus dem ich das Leben sah mit dem Umzug zu den Eltern geändert, aber nicht mein Denken. Mein Denken, das vielleicht im Kinderheim für mich überlebenswichtig gewesen war, könnte bei den Eltern tödlich gewesen sein.

Ich will versuchen anders zu denken. Vielleicht wäre es damals gut gewesen so zu denken: Die Mutter hat gutes Recht das Haushaltsgeld noch einmal mit mir durchzurechnen, obwohl ich bereits zweimal nachgerechnet habe. Eigentlich bin ich ja nur deshalb so genau und rechne zweimal nach, weil ich weiß, dass die Mutter noch einmal nachrechnet. Das schadet nicht, denn so lerne ich zu rechnen! Es ist nicht nur das Recht der Mutter sich zu vergewissern, dass ich das anvertraute Haushaltsgeld richtig berechnen kann, sondern es ist das Recht der ganzen Familie. Meine Einkäufe mit dem Haushaltsgeld dienen der ganzen Familie. Warum denke ich immer an Misstrauen, wo die Mutter nur tut, was recht und notwendig ist: Es ist notwendig und vollkommen rechtens, dass die Mutter mich, ihren neuen Sohn genau kontrolliert. Es wäre schlimm, wenn die neuen Eltern nicht kontrollieren würden, was ich tue. Vielleicht wäre es sogar gefährlich, würden sie mich nicht kontrollieren. Durch Kontrolle lerne ich mich richtig zu verhalten. Die Eltern erkennen durch Kontrolle, dass ich mich gut entwickele. Wenn sie das erkennen, können sie ihre Kontrolle lockern. So entsteht Vertrauen.

So hätte ich damals denken müssen! Aber durch ihre Kontrolle hatten die Eltern nicht festgestellt, dass ich mich gut entwickelte. Ihre Kontrolle konnten die Eltern nicht vermindern. Weiterhin musste ich kontrolliert werden.

Die Eltern hatten größte Befürchtungen, dass ich zu viel fernsehe. Ich glaube, sie haben bis zum heutigen Tag Angst, dass mein Charakter sehr schlecht werden könnte, wegen des Fernsehens. Die Eltern hatten immer befürchtet, dass ich mir im Fernsehen gerade diejenigen Sendungen am liebsten ansehen würde, die am dümmsten waren. Tatsächlich habe ich oft eine gewisse Neigung gespürt, mich auf dem Stuhl vor dem Fernseher einfach absacken zu lassen. Das Nichtstun vor der Glotzkiste, die ihre Bilder herauswirft, wirkt auf mich vor allem abends einschläfernd. Eine gewisse Flucht vor dem alltäglichen Leben kann ich nicht leugnen. Einfach einschalten, davor sitzen und langsam wegsacken. Und das ohne vorher das Fernsehprogramm zu studieren um eine sinnvolle Sendung auszusuchen. Das hatte ich manchmal gedacht und dann getan, wenn die Eltern abends zu Besuch bei Freunden oder Kunden oder im Konzert oder im Theater gewesen waren. Dass ich dann, wenn sie abends weggegangen waren fernsehe, hatten sie natürlich gewusst. An manchem Abend, wenn die Stimmung zwischen uns Bestrafung notwendig machte, hatten die Eltern den Schlüssel von dem Schrank in dem das Fernsehgerät steht abgezogen. Diese Strafe hatte mich immer getroffen. Die Suche nach dem Schlüssel habe ich immer schnell aufgegeben. An solchen Abenden legte ich mich frühzeitig ist Bett und hörte Radio. Vielleicht hatten die Eltern meine Neigung erkannt. Sicherlich hatten sie mich auch hier gefährdet gesehen: Berieselung durch Fernsehen, Gefahr durch Nichtstun und Abschalten. Nichtstun, Dösen, Faulenzen, Abschalten und vielleicht sogar nicht einmal mehr Denken. Das Fernsehen, eine riesige Gefahrenquelle der Volksverdummung. Gefahr besteht darin, dabei zuzusehen, wie andere etwas tun, während man selbst in Untätigkeit verharrt. Dabei lernt man nichts. Ich glaube darin hatte die Mutter für mich größte Gefahr gewittert.

Im sogenannten Kinderheim war das Fernsehprogramm die Attraktion des Tages gewesen. An beinahe jedem Abend war es die übliche Freizeitveranstaltung gewesen. Alle Kinder saßen abends mit dem Heimleiter vor der bunten Glotze. Auch ich saß jeden Abend still vor der Kiste. Ich bin sicher, dass ich dabei genauso aufmerksam gewesen war, wie alle anderen Kinder. Gebannt hatte ich meinen Blick auf die flimmernde Röhre gerichtet. Dabei hatte es mich niemals wirklich interessiert, was für ein Film oder was für eine Hitparaden- oder Volksmusiksendung um halb acht Uhr abends über den Bildschirm flimmerte. Ich saß still und gebannt, weil alle anderen um mich herum genauso saßen. Das Fernsehen bot Gelegenheit in Ruhe zu sitzen. Es war ungefährlich. Streit und Schlagen waren nicht vorhanden, weil jeder gebannt in die Röhre glotzte. Diese Sicherheit und Ruhe bewirkte Entspannung. Ich konnte sicher sein, dass keiner auf ein Kind einschlug, wenn abends das ganze Kinderheim vor der Glotze saß. So entspannte ich mich und sackte dabei ein wenig zusammen. Ich genoss die bunten Bildchen der Menschen, die über die Mattscheibe tänzelten. Das Programm war mir nie wichtig, deshalb ließ ich es an mir vorbei ziehen. Wichtig war, dass die Situation ungefährlich war. Was im Kinderheim alle Kinder täglich getan hatten, was dort Alltag gewesen war, abends vor der Glotze einfach abzuschalten, hatte meinen Kontakt zu den neuen Eltern belastet. Ich wollte bei ihnen weiterhin, so wie ich es über Jahre gelernt hatte, vor der Mattscheibe sitzen und Nichtstun.

Fünf Jahre lang habe ich es nicht geschafft, mein Verhalten so zu verändern, dass die Eltern Vertrauen anstatt Misstrauen in mich schöpfen konnten. Ich war nicht in der Lage gewesen ihnen besseres Verhalten zu zeigen. Ich habe es nicht geschafft, den Eltern meinen Wunsch nahe zu bringen, dass ich ihr Vertrauen eben nicht immer wieder enttäuschen möchte. Ich habe nicht erkannt, dass Familienleben sich auf der Grundlage von gegenseitigem Vertrauen entwickeln könnte. So eine Grundlage habe ich bei den Eltern nie erreicht. Vielleicht hatte ich dort von Beginn an verspielt.

Die Handhabung von Martinas grünem, altem Peugeot unterscheidet sich von dem Fahrschulauto, das ich gewohnt bin. Um Abzubremsen ist festerer Tritt notwendig. Die Gangschaltung ist technisch völlig anders aufgebaut. Es handelt sich um eine Lenkradschaltung. Die Höhenstraße ist großzügig breit. Sie sieht aus, wie von einem scharfen Messer in den Berghang geschnitten. Weil die Straße groß und breit ist, neigen viele Autofahrer dazu, sie als Rennstrecke zu benutzen. Ich fahre langsam, denn ich bin Fahranfänger und sitze in einem geliehenen Wagen. Ich fahre offenbar viel zu langsam. Ständig werde ich überholt. Trotzdem gebe ich nicht mehr Gas, trotzdem werde ich nicht schneller, denn ich habe Zeit. Ich versuche mich vom Tempo der anderen Autos nicht beeindrucken zu lassen. Ich versuche das auch durchzuhalten, wenn ich sie dicht hinter mir im Rückspiegel sehe. Fest aber unsicher habe ich das Lenkrad im Griff. Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Kurze Blicke, die ich in den Rückspiegel wage, sorgen für Anspannung. Da sehe ich aufblitzende Scheinwerfer. Sie nötigen mich schneller zu fahren als ich es möchte, als ich es kann. Ich halte mich soweit als möglich rechts. Die Leuchtsignale im Rückspiegel machen mich nicht schneller. Heute, zum ersten Mal, sitze ich legal am Steuer. Zum ersten Mal wage ich es, diesen Wagen bei Tageslicht zu fahren. Zum ersten Mal sehen mich andere Menschen dabei, wie ich diesen Wagen fahre. Ihre Blicke, die ich kurz sehe, wenn sie mich in einer längeren Lücke ohne Gegenverkehr überholen, sind abweisend. Sie sind böse. Wut steht in ihren Gesichtern, wenn sie dröhnend an mir vorbeiziehen. Hass glaube ich da zu erkennen. Autofahren ist kein Spaß, lese ich in den Augen eines bitter böse zu mir blickenden Mannes. Alle scheinen es sehr eilig zu haben. Ich bin es, der die Bergbevölkerung und die Touristen wegen langsamen Fahrens verärgert. Ich halte die Menschen auf der Touristenstraße auf. Ich bin im grünen kleinen Wagen von Martina ein Verkehrshindernis. Ich störe die alltägliche Hektik dieser breiten touristisch genutzten Straße. Durch dicke Brillengläser erkenne ich hasserfüllte Augen. „Host dein Führerschein im Lotto gewonnen?“ So plärrt ein Cabriofahrer beim Überholen zu mir. Die breite Straße bietet Höhepunkte atemberaubender Aussicht. Vielleicht sollte ich mich entspannen und die vielen Gipfel rund um die Bergstraße genießen.

Morgens und mittags hatte auf dieser wunderschön gelegenen Straße auch der Schulbusfahrer immer kräftig Gas gegeben. Den Busfahrer hatte genauso, wie die aufblinkenden Autofahrer in meinem Rückspiegel, die breite Straße zu schnellem Fahren verleitet. Die breite Straße ist ein übertrieben dicker Messerschnitt durch die grüne Natur an diesem Berg. Die Straße heißt Höhenringstraße, weil sie den riesigen Berg beinahe umrundet und dabei fast permanent eine gigantische Aussicht ins Tal und auf die umliegenden Berge bietet. Ich denke die Straße muss umbenannt werden. Die Landkarte, welche eine dicke grüne Markierung neben dieser Straße aufweist, um auf den landschaftlichen Reiz der Umgebung und die herrliche Aussicht hinzuweisen, muss geändert werden. Die Landkarte muss den Touristen, der sie benutzt dringend auf die Realität, auf den wahren Alltag an dieser Straße hinweisen. „Gefahrenstrecke!“ Genau das sollte in der Landkarte stehen. „Höhenring-Gefahrenstrecke!“ Das wäre doch ein guter Hinweis und Name. Da sollte nicht mehr stehen „landschaftlich reizvolle Strecke“. Das ist blanker Unsinn. Wer die herrliche Landschaft während der Autofahrt auf dieser Straße genießen will, hat Pech gehabt. Das muss auf der Rückseite der Touristenkarte, neben den Hinweisen auf diese Straße als touristisch interessante Strecke, unbedingt vermerkt werden. Wer auf der Höhenring-Gefahrenstrecke langsam unterwegs ist, so wie ich es heute bin, der sollte starke Nerven mitbringen. Jederzeit besteht die Gefahr in seinem Wagen von einem hinterrücks nahenden Geschoss in den Straßengraben geräumt zu werden. Jederzeit besteht die Gefahr, von einem metallic lackierten Geschoss durchbohrt und den steilen Abhang, hinter der niedrigen Mauer am Straßenrand, hinunter ins Tal katapultiert zu werden. Von solchen Geschossen gewahrt ein langsamer Fahrer, dessen Absicht es ursprünglich war, die Reize von Landschaft und Aussicht durch die Wagenfenster zu genießen, bestenfalls noch eine Abgaswolke. Die Todesgeschosse lenken routiniert beschleunigende Berganwohner, wütende und von Stress gemarterte Touristen. Während der langsame Autofahrer im Straßengraben hart aufschlägt oder den Berghang runter poltert, steuern die Unfallverursacher ihre Geschosse auf das nächste langsam am Straßenrand fahrende Auto zu. Die Gefahr sollte nach meiner Meinung in der Erklärung jedes Touristenführers zu dieser Straße vermerkt sein. Nachts, im Wagen am Steuer neben Martina, war auf dieser Straße nie etwas los gewesen.

Auf der Straße sind tagsüber zu viele Touristen unterwegs. Die Autos der Touristen füllen alle Parkbuchten an den Aussichtsparkplätzen. Oft genug parken sie auch unvermutet. Ihre asiatischen Kleinwagen parken sie direkt hinter einer Kurve. Weil die Straße breit ist, parken sie ihre Fahrzeuge in großzügigem Abstand zum Straßenrand. Wenn ich so etwas erkenne, versichere ich mich schnell im Rückspiegel, dass kein Geschoss naht. Sind solche Geschosse auch auf der Gegenspur nicht zu sehen, setze ich ordnungsgemäß den Blinker. Dann steuere ich über den Mittelstreifen an den Schlangen von bunten Touristenautos vorbei. Genau dann taucht im Rückspiegel plötzlich ein Geschoss auf. Dicht hinter mir scheint es an meiner Stoßstange fest zu kleben. Ebenso wie ich, hat auch der Fahrer in dem Geschoss den linken Blinker gesetzt. Wenn die Autoschlange rechts neben mir endet und ich ordnungsgemäß begleitet von Blinken den rechten Fahrbahnrand ansteuere, donnern mehrere Geschosse nacheinander laut röhrend links an mir vorbei. Angestrengte Blicke von Autofahrern strafen mich für meine Gemächlichkeit, welche ich hier an den Tag lege.

In jeder Kurve parken Fahrzeuge von Menschen, die mit Ferngläsern, Fotoapparaten, Filmkameras und Wanderstöcken ausgerüstet, meist genau in dem Augenblick ihr Fahrzeug verlassen, in dem ich mich mit dem grünen Peugeot nähere. Touristen verlassen ihre Autos stets fluchtartig. Eilig schlagen sie Autotüren zu. Sie sehen abgehetzt aus. Sie rennen mit Stöcken bewaffnet los, ohne sich genauer umzublicken. Die Straße überqueren sie immer blind. Es ist eine Art Zick-Zack-Lauf. Durch die Windschutzscheibe beobachte ich sie dabei, wie sie versuchen zu den Aussichtspunkten zu gelangen, die immer auf der anderen Straßenseite liegen. Touristen an dieser Straße scheinen Menschen zu sein, die einer unsichtbaren Regel folgend, offensichtlich befürchten, dass der schöne Ausblick einfach verschwinden könnte. Touristen, so scheint es, haben grundsätzlich nicht genügend Zeit. Touristen fehlt daher die Möglichkeit auf der Straße den rasenden Verkehr mit der notwendigen Vorsicht und Aufmerksamkeit zu beachten. Ich fahre bremsbereit und langsam. Abgehetzte, verbissene Menschen sind das, den Fotoapparat um den Hals, stehen sie Stock schwingend am Straßenrand. Manche sehe ich gefährlich nahe vor der Motorhaube des kleinen grünen Wagens. Wie am Start eines Marathonlaufes drängen sie sich. Im Rückspiegel sehe ich, wie sie losrennen. Sie überqueren die Straße springend, rennend, die Fotoapparate wippen im Laufschritt gegen ihre Bäuche. So sichern sie sich die besten Plätze an den Aussichtspunkten. Irgendwie unmerklich schleicht es sich ein, je länger man hier fährt: Ich gewöhne mich an die Verhältnisse auf dieser Straße. Das Treiben der Touristen an den Aussichtspunkten wird zu einem Geschehen, dass hier her gehört. Vor jeder Kurve denke ich daran, dass nach der Kurve viele Autos von Touristen stehen und Menschen gerade in Startposition stehen, über die Straße zu rennen. Hinter jeder Kurve finde ich was ich dort vermute. Touristen die ihre Autos verlassen.

Während der Schulbusfahrten war mir das rege Treiben an der Straße täglich aufgefallen. Das hektische Verhalten der Touristen auf diesem Berg hatte ich Jahre lang durch die großen Schulbusfenster gesehen. Sie sitzen in ihren Wagen. Ohne Blinkzeichen zu geben stoppen sie am Straßenrand. Ohne sich umzusehen wird die Fahrertür aufgerissen. Männer mit schweren Objektiven um den Hals vergessen im Gebirge, dass sie sich auf einer befahrenen Straße befinden. Erst auf dem Mittelstreifen scheint ihnen das wieder einzufallen. Aber falsch! Nicht um den Verkehr endlich zu beachten bleiben sie dort stehen. Fotografieren scheint von dort besonders aussichtsreich zu sein. Auf der Rückfahrt von der Schule fuhr der Busfahrer langsamer als frühmorgens. Häufig hatte der Fahrer die Hupe eingesetzt. Schon vor den Kurven vertrieb er so die Touristen in den Kurven von der Straße. Manchmal hatten sie ihren Fotoapparat trotzdem noch sekundenlang in beiden Händen vor ihren Augen gehalten. Erst wenn das ersehnte Urlaubspanorama im Kasten gebannt ist, macht man sich hier von der Straße um sich vor herannahenden Fahrzeugen in Sicherheit zu bringen.

Ich war täglich weit hinten im Schulbus gestanden. Durch die großen Seitenfenster des Busses sah ich Sekunden später die Touristen, die ich durch die Windschutzscheibe auf der Straße schon gesehen hatte noch einmal. Auf diesen schnell vorbei fliegenden Bildern sahen die Menschen verängstigt aus. Verwirrt standen sie im grünen Gras am Straßenrand. Durch die großen Busfensterscheiben hatte ich täglich viele solche verschreckte Blicke gesehen. Schutz suchend hechtete sich mancher Tourist am Straßenrand ins Gras. Arme und Hände mit den Kameras waren oft nach oben gerissen worden.

Wegen der vielen Touristen auf diesem Berg hatte die Rückfahrt im Schulbus mittags stets länger gedauert als morgens. Manchen Autolenker hatte der Busfahrer durch besonders dichtes Auffahren zum Abbiegen auf eine Nebenstrecke gezwungen. Obwohl ich jede Kurve der Strecke bestens kenne, waren die Busfahrten immer spannend geblieben. Manchmal waren sie riskant, meist waren sie zumindest aufregend gewesen. Sehr oft war mir mittags im Schulbus schlecht geworden. Niemals hatte ich mich im Bus übergeben. So habe ich mir angewöhnt, in dem Moment, in dem ich spüre, dass es mir schlecht wird, an etwas anderes als die Busfahrt zu denken. Meist habe ich damals an etwas gedacht das ich für die Schule zu lernen hatte. Die Ablenkung hatte immer geholfen. Beim Aussteigen am Bahnhof war mir zwar immer noch schlecht, aber Kotzen musste ich dort noch nicht. Vom Bahnhof lief ich schnell die gewohnte Strecke über die Brücke hinauf zum Wald. Erst im Wald ließ ich meinem Magen freien lauf. Oft hatte ich mich an einen Baum gelehnt um mich zu übergeben. Danach ging es mir schnell wieder gut. Zuhause angekommen war ich immer in der Toilette verschwunden. Nach dem Pinkeln spülte ich in dem kleinen Waschbecken Mund und Gesicht. Mit den Jahren war das Gekotze nach den Schulbusfahrten immer weniger geworden. Mehr und mehr gewöhnte ich mich an den Fahrstil im Gebirge. Mein täglicher Nachhauseweg vom Bahnhof über die Holzbrücke, den Schotterweg hinauf, über die Pflasterstraße auf den Pfad durch den Wald, wurde zu einer Übungsstrecke. In der frischen Luft, festen Boden unter den Füßen, gelang es mir im Laufe der Jahre immer besser die Busfahrten ohne mich danach zu übergeben zu verarbeiten. In den letzten zwei Jahren habe ich nach den Fahrten überhaupt nicht mehr gekotzt. Das gelang mir, obwohl ich glaube, dass ich nach dem Aussteigen am Bahnhof im Gesicht immer kreidebleich gewesen war. Im Wald, kurz vor dem Elternhaus, hatte ich gelernt die Bergluft zu genießen. Auf dem Weg normalisierte sich meine Durchblutung, Stabilisierte sich mein Kreislauf, beruhigte sich mein Magen. Weil ich immer alleine unterwegs war, konnte ich so langsam oder schnell laufen, wie ich das wollte. So lernte ich den Willen des Magens, der entleert werden will, zu kontrollieren. Im Wald hatte ich mir angewöhnt täglich an einer bestimmten Stelle stehen zu bleiben. Nicht um zu kotzen, sondern um kräftig durchzuatmen. Auch hatte ich mir angewöhnt die letzten Meter aus dem Wald über die Treppenstufen durch den elterlichen Garten hinauf bis zur Haustür, tief durchatmend in munteren Schritten zu laufen.

Nach der Schule erreichte ich das Haus der Eltern täglich gegen zwei Uhr mittags. Beide Eltern hatten bereits zu Mittag gegessen. Vater, oft auch Mutter waren um diese Zeit schon wieder im Geschäft. Dort verkauften sie teure Waren an Touristen und Einheimische. Die Mutter hatte das Mittagessen für mich jeden Mittag im Ofen warm gehalten. Weil ich die Schule am Berg besuchte, und deshalb einen langen Schulweg hatte, war ich mittags wie morgens allein am Tisch gesessen. Die Mutter kocht hervorragend. Niemals war es vorgekommen, dass ich etwas von ihr gekochtes nicht gegessen habe. Am Mittagstisch hatte ich nie, so wie ich es morgens gewohnt war, das Radio auf dem Fensterbrett eingeschaltet. Mit der Mutter gab es darüber keine Absprache. Weil aber mittags nie sicher gewesen war, wann die Mutter aus dem Geschäft wieder nach Hause kommen würde, und weil nie sicher gewesen war, ob sie tatsächlich im Geschäft war, war es jederzeit möglich gewesen, dass sie überraschend im Esszimmer erschien. Weil nie sicher gewesen war, dass der Ablauf am Mittagstisch der gleiche bleibt, war ich mittags immer ein bisschen unruhiger als am Frühstückstisch gesessen.

Oft war die Mutter gekommen. Nie hatte sie die Zeit, sich zu mir an den Tisch zu setzen. Darüber war ich nicht traurig gewesen. Damit hatte ich kein Problem. Im Gegenteil. Nach der unangenehmen Schulbusfahrt und dem Schulvormittag hatte ich die Ruhe am Mittagstisch immer genossen. Oft war die Mutter nur für kurze Zeit ins Esszimmer gekommen. Dann sagte sie mir, dass sie nachmittags Termine habe und wann sie von diesen zurückkommen würde. Mutters Termine haben stets bestimmt, wann ich mich zur Kontrolle der Hausaufgaben und zur Lernzeit bei der Mutter im Wohnzimmer einzufinden hatte. Meist war das zwischen drei und fünf Uhr Nachmittags gewesen. Ich war froh, als es endlich soweit gekommen war, dass die Nachmittage mit der Mutter nicht mehr notwendig waren. Erst nach Jahren bei der Mutter hatte ich endlich meine schulischen Angelegenheiten selbst in die Hand genommen.

Weil ich meine schulischen Angelegenheiten selbst in die Hand genommen habe, waren die Kontakte zur Mutter immer weniger geworden. Vielleicht war das der Anfang vom Ende bei den Eltern gewesen. Oft habe ich nachmittags gegen vier Uhr das Haus verlassen, um entweder zu einem Schulfreund zu gehen, im Ort für Zuhause einzukaufen, oder im Wald herum zu laufen. Oft war ich von meinen Ausflügen erst abends um halb sieben Uhr wieder zu Hause erschienen. Das war die Zeit, die in der Familie für den Abendbrottisch galt.

Das Verhältnis zwischen der Mutter und mir war, seitdem ich die Hausaufgabenzeit mit der Mutter zerstört hatte immer schlechter geworden. Ich glaube, so hatte sich bei der Mutter langsam das Gefühl und der Eindruck entwickelt, dass ich versuchte unser Familienleben auszunutzen. Ich spürte, dass sich die Mutter mehr und mehr von mir verletzt fühlte. Damals muss ich ein grauenvoller Egoist gewesen sein. Das merkte ich daran, dass die Mutter mir immer vorwurfsvoller begegnete. Unsere Gespräche hatten immer öfter den Geschmack eines Streites. Der Grund dafür wurde mir immer klarer: Zu Hause nahm ich mir zu viel und gab zu wenig. Meine Aufgaben in Haushalt und Garten, meine Einkäufe für die Familie, meine Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke, alles was ich zu Hause getan hatte war im Laufe der Jahre bei den Eltern zu wenig geworden. Zwischen der Mutter und mir war so der Vorwurf der Undankbarkeit zu einem hohen Berg angewachsen, so war es zu einer riesigen Kluft zwischen uns gekommen. Ich glaube, das führte dazu, dass mir nur noch die Chance der Flucht blieb. Mein heutiger Geburtstag ist der Tag meiner Flucht.

Obwohl ich weiterhin meine Aufgaben für die Familie erledigt hatte, spürte ich wie die große Enttäuschung, die ich der Familie gebracht hatte mehr und mehr anwuchs. Weiterhin hatte ich der Mutter in der Küche geholfen, weiterhin war ich abends mit meinem Fahrrad zum Milch holen zum Bauern gefahren und weiterhin hatte ich regelmäßig den Rasen vor dem Haus gemäht. Mehr und mehr hatte ich trotzdem das Gefühl, dass dies nicht mehr ausreicht. Alles was ich tat war irgendwann in diesen Jahren für die Eltern zu Verletzung und Enttäuschung geworden. Selbst meine gute Entwicklung in der Schule war für die Eltern eines Tages zur Verletzung geworden. Nicht weil ich begonnen hatte selbst zu denken, sondern weil ich nicht so gedacht hatte, wie es die Eltern gewünscht und erwartet hatten. Mein Denken, mein Handeln, mein Leben, meine Einstellung und meine Freunde, alles war für die Eltern enttäuschend, weil all das nichts mit ihrem Leben zu tun hatte. Ich hatte einen Weg eingeschlagen, der mich deutlich von den Eltern weg führte. Provokativ daran war, dass ich dabei nicht leise und unsichtbar war. Ich lebte weiter in der Familie, die Eltern sahen und hörten mich täglich, dabei besaß ich die Frechheit mich von ihnen zu entfernen. Es wurde immer deutlicher, dass ich anders war als die Eltern mich haben wollten, trotzdem blieb ich bis heute in der Familie. Für die Eltern war das eine verletzende Grenzüberschreitung. Auch meine Jugendgruppe war für die Eltern eine verletzende Provokation. Dort traf ich junge Menschen, die ich verstand und die mich verstanden. Für meinen Kontakt in die Jugendgruppe, für das, wie wir jungen Leute im Ort lebten, hatten die Eltern kaum Verständnis. Was hatten wir uns um die Probleme der sogenannten dritten Welt zu kümmern? Was hatten wir uns darüber zu beschweren, dass die Energie in Atomkraftwerken produziert wurde? Was hatten wir überhaupt für ein Recht, in einer Jugendgruppe über Leben und Politik zu diskutieren? Wer in seinem Leben noch nie etwas geleistet hat, hat auch kein Recht zu diskutieren. Das war die Meinung der Eltern. Ich glaube, es war zum Teil auch die Meinung der Politik über die Jugend. Für die Eltern war es schlimm, dass ich so war, wie die meisten Jugendlichen: Ich war einfach nicht wie die Eltern es wünschten. Ich war anders. Ich war enttäuschend anders. Das war schlimm für Mutter und Vater. Meine Interessen waren andere gewesen. Die Eltern haben mich so nicht gewollt.

Ich glaube es wäre gut gewesen auf die Eltern zuzugehen. Gut wäre gewesen, einen anderen Weg zu gehen. Mein Weg war falsch. Mehr Selbständigkeit! Aber auf anderem Wege! Das wäre gut gewesen. Welcher Weg hätte das sein können? Ein vernünftigerer Weg wäre notwendig gewesen. Der Weg den ich genommen hatte war für die Eltern zu unvernünftig.

Irgendwann war der Kontakt zwischen den Eltern und mir sehr schlecht geworden. Hin und wieder hatte ich mich sogar vom Abendbrot abgemeldet, weil ich den Abend in der Jugendgruppe verbringen wollte. Für die Mutter war das eine Unverschämtheit. Das Zuhause bei den Eltern hatte ich nie wie ein Hotel erlebt. Meine Mithilfe im Haushalt hatte ich niemals verweigert. Stets war ich bereit gewesen, die Mutter bei der Hausarbeit zu unterstützen. Ich glaube, die Eltern waren mehr und mehr wütend auf mich geworden, weil sie gesehen hatten, dass sie, wie eine Art Katalysator auf meine Entwicklung gewirkt hatten. Mein Entwicklung verlief ganz klar in eine Richtung, sie war die Ablösung von den Eltern. Die Eltern hatten diese Entwicklung dadurch beschleunigt, dass sie mir ihre Ablehnung immer deutlicher zeigten. Die Mutter schimpfte darüber, dass ich mich zu Hause verhalten würde wie in einem Hotel. Der Vater sprach schließlich gar nicht mehr mit mir. So wollten die Eltern erreichen, dass ich mich in ihrem Sinne bessere. Das Gegenteil geschah: Ich besserte mich nicht, ich entfernte mich von ihnen.

Wie ein Bumerang war auf die Eltern zurückgekommen, was sie in mir geweckt hatten. Wie in einer Kettenreaktion hatte ich die Impulse, die ursprünglich von der Mutter ausgegangen waren in Fähigkeiten für mich verwandelt. In der Schule und in der Freizeit hatte ich mich binnen kürzester Zeit genau an die jeweils herrschenden Anforderungen angepasst. Nach einem Jahr Förderung durch die Mutter, war ich nicht mehr der auffällige, vorlaute, dumme Schreihals gewesen. Ich war zu einem Kind auf dem Weg zum Jugendlichen geworden, der unauffällige, gute Leistungen in der Schule erbrachte und im Ort Kontakte zu Gleichaltrigen aufbaute und pflegte. Es war eine Entwicklung genauso wie sie viele andere Menschen in meinem Alter machten. Die Mutter hatte das in mir ausgelöst und auf den Weg gebracht. Mit der Zeit hatte sich das weiterentwickelt und schließlich hatte ich mich verselbständigt.

Ich glaube, „das Hotel“ und viele andere Vorwürfe der Mutter kann ich darauf zurückführen, dass meine Entwicklung so schnell und intensiv in Gang gekommen war. Die Mutter selbst muss davon überrascht gewesen sein. Obwohl das, was damals mit mir geschehen war im Nachhinein vielleicht einfach zu verstehen ist, glaube ich, dass die Mutter keine Chance gehabt hatte das zu begreifen. Weil die Mutter, genauso wie ich, mitten drin gestanden war in dem Geschehen, konnte sie nicht aus sich heraustreten und von Außen darauf blicken um auch die guten Seiten an dem Geschehen zu erkennen.

Bei den Eltern habe ich festgestellt, dass ich Fähigkeiten in mir trage, die in den langen Jahren bevor ich zu den Eltern gekommen war, immer unbeachtet in mir vor sich hin schlummerten. Unbeachtete oder bis dahin unbemerkte Fähigkeiten durfte ich erst bei den Eltern entwickeln. Zunächst war ich dabei sehr vorsichtig gewesen, denn ich hatte mich nicht recht getraut. Ich wäre gerne auf der alten Schule im Ort geblieben, trotz Hass und Widrigkeiten, die ich dort jahrelang erlebt hatte. Aus Bequemlichkeit hätte ich das alles weiter ertragen. Was dort stattfand gehörte zu meiner Ordnung, die ich ungern aufgab. Als mit Beginn meines Lebens bei den Eltern jedoch alles umgeworfen worden war, Elternhaus und Schule für mich unter völlig neuen, bislang unbekannten Grundregeln neu begonnen hatten, war für mich schnell spürbar geworden, dass ich es bin, um den es geht. Mein Leben geriet in Begriff, sich radikal zu verändern. Weil ich viele neue Fähigkeiten mit Hilfe der neuen Eltern entwickelt hatte, war es endlich möglich geworden, dass ich beginnen konnte Einfluss auf meinen alltäglichen Ablauf zu nehmen.

Im nahen Wald auf unserem Berg war ich oft gesessen. Ein Stück ab vom Weg hatte ich mir einen riesigen Felsen gesucht, auf dem ich nachmittags oft saß und nachdachte. Vor dem Felsen geht es steil über eine unbewachsene, scharfe, graue Felswand hinab. Von dort hatte ich wunderbare Sicht auf viele Häuser des Ortes. Ich sah auch die Häuser von einigen Klassenkameraden meiner früheren Schule unten im Ort. In deren Augen, so hatte ich an vielen Nachmittagen auf dem Felsen gedacht, musste ich damals ein dummer Kerl gewesen sein. Sie mussten von mir den Eindruck gewonnen haben, dass ich schwach und verletzlich bin. Deshalb, so dachte ich auf meinem hohen Felsen oft, während mein Blick über die grauen Blechdächer im Ort wanderte, war ich für diese Menschen vom Klassenkameraden zu einem Opfer geworden. Mich zu ärgern und zu bedrohen war für die Klassenkameraden jahrelang ein Leichtes gewesen. Das hatte sich schließlich zu einer Art Spiel entwickelt. Opfer dieser Klassenkameraden musste wohl genau so ein Mensch sein, wie ich es damals gewesen war. Ich war anders und ich war wehrlos. Das war schon gut aber noch nicht alles. Ich konnte mein Anderssein nicht verbergen. Dass ich aus dem Kinderheim kam wussten alle. Trotzdem versuche ich das zu verbergen. Mein hilfloser Versuch dieses zu verbergen war ein Fehler. Denn das spornte den Hass und die Abneigung der Klassenkameraden wohl noch mehr an mich verächtlich zu behandeln.

An vielen Nachmittagen auf dem Felsen im Wald war mir klar geworden, dass ich erst wegen der neuen Eltern gelernt hatte, mich selbst zu spüren. Zu spüren wer ich bin hatte mich gestärkt. Schließlich hatte ich beschlossen mich zu wehren. Weil ich begonnen hatte meine Fähigkeiten zu entwickeln war ich in der Zeit bei den Eltern nur noch einmal zum Opfer der alten Klassenkameraden geworden. Anstatt weiter das Opfer zu sein, war ich zu einem geworden, der in der Schulklasse und der Jugendgruppe mehr und mehr nach seiner Meinung gefragt wurde. Ich versuchte nichts mehr zu verbergen. Dass ich aus dem Kinderheim kam nicht und dass meine neuen Eltern nicht meine wirklichen Eltern waren. Ich hatte verstanden, dass ich eh nichts verbergen kann und dass mir das Verbergen eher schadet. Wer es wissen wollte, dem sagte ich, wie es ist. So wuchs ich in eine andere Rolle hinein. Die neuen Mitschüler begannen mich nach Hilfe zu fragen. Sie trauten mir brauchbare Antworten zu, ich wurde ernst genommen. Gespräche mit mir waren für die Freunde und Mitschüler interessant geworden. Auch die Lehrer in der neuen Schule hatten mich viel mehr gefragt und einbezogen als es auf der alten Schule gewesen war. Vielleicht hatten sie das getan, weil sie gewusst hatten, dass richtige Antworten oder passende Ideen die ihren Erwartungen nahe kommen, von mir kommen könnten. An den Nachmittagen auf dem Felsen hatte ich mir vorgenommen genau so weiter zu machen. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass sich damit das Verhältnis zwischen den Eltern und mir weiter verschlechtern würde.

Im grünen Wagen auf der Höhenringstraße bin ich in einen Stau geraten. Massen von Touristenbussen warten kurz vor der Abzweigung ins Tal. Sommerlich warme Bergluft mischt sich mit den Abgasen laufender Dieselmotoren. Damals im Wald war ich nicht auf den Gedanken gekommen, dass meine Distanz zu den Eltern sich entwickelt hatte, weil die Eltern vielleicht gar nicht bemerkt haben, was Klassenkameraden, Freunde und Lehrer aus der Schule an mir entdeckt hatten. Viele von denen hatten im zurückliegenden Jahr, es war das schlechteste zwischen den Eltern und mir, immer wieder bestätigt, dass man mit mir gut reden könne. Weil ich für viele Jugendliche im Ort zu einem guten Kontakt geworden war und weil meine Schulnoten gut geworden waren, hatte ich immer geglaubt, dass dies der richtige Weg für mich sein könnte. An Auswirkungen auf die Beziehung zwischen mir und den Eltern hatte ich dabei nie gedacht. Die Eltern haben nie gezeigt, dass man gut mit mir reden könnte. Bis heute haben die Eltern das einfach übersehen. Sie sehen die Dinge grundsätzlich ganz anderes als ich.

Jetzt erreiche ich im Stau hinter den Touristenbussen endlich die Abzweigung hinunter in Richtung Ort. Massen von Touristen sind dorthin unterwegs. Zahllose Reisebusse quälen sich langsam die Straße hinunter. Es scheint als seien sämtliche Busunternehmen der nächstgelegenen größeren Orte heute auf diesem Berg unterwegs. Weil ich nicht stundenlang im Schneckentempo hinter der qualmenden Buskolonne den Berg hinunter bremsen möchte, fahre ich an der Abzweigung ins Tal vorbei.