Archiv der Kategorie: N-Book® Wenigstens Zweifel – Erzählung

Wenigstens Zweifel – Erzählung

Die beiden ehemaligen Häuser des Kinderheims Salzberg (vorher „Stadlerlehen“) auf halber Höhe des Obersalzberges in Berchtesgaden sind Ausgangspunkt der Geschehnisse um Bernado Wenigstens, die Bernd Thümmel in der Erzählung „Wenigstens Zweifel“ schildert. Auf dem alten Foto sind beide Häuser zu sehen, wie sie ca. bis in das Jahr 1980 in der „Salzbergstraße“ am Obersalzberg standen. Dort wurden Kinder ca. von 1972 – 1980 durch Jugendämter in private Hände gegeben und von zwei Männern die das Kinderheim leiteten zum Teil erheblich misshandelt.

Am Vortag hatte die deutsche Mannschaft im Jahr 1974 damit begonnen, sich in das Endspiel  zu kicken. Der zehnjährige Bernado Wenigstens nutzt den ruhigen, frühen Morgen zur Flucht. Lange Zeit hatte der Bub an seinem Fluchtplan gearbeitet. Das Gelingen steht trotzdem in Zweifel, denn den Buben treiben Gedanken an seine Zukunft.

Das erste Ziel der Flucht, seine Großmutter, gerät wegen Zweifenl und aufkeimender Ängste, die in Gedanken des Kindes abgearbeitet werden, immer wieder in weite Ferne. Erlebnisse der Vergangenheit aber auch Gedanken an seine Verfolger, die das Kind an der Flucht hindern wollen, bewirken neben Zweifeln auch Gefühle der Hilflosigkeit des Kindes. Beides überwindet das Kind während der Flucht immer wieder von Neuem.

Zunehmend hinderlich am Gelingen der Flucht wird der Schmerz, der dem Jungen begegnet, während er sich darüber klar wird, dass seine Entscheidung an diesem Tag eine endgültige ist. Mühevoll gelingt es dem Knaben, seinen Schmerz wegen der Aufgabe seines Elternhauses zu überwinden.

Eine Autofahrt mit einem seiner Brüder gerät zum Abschied von Geschwistern und Vater. Seine Zukunft in einem Kinderheim wird in den Gedanken des Kindes zwischen Erinnerung und Hoffnung durchgespielt. Das Kind glaubt genau zu kennen, was auf es zukommt, denn es hat einen Teil seiner Zukunft bereits in der Vergangenheit erlebt. Die Entscheidung für diese Zukunft trifft das Kind in einer Abwägung zwischen Schlechtem und Schlechterem, zwischen Gewalt und mehr Gewalt.

Der Text gewinnt Dichte, weil die Perspektive des Kindes nicht verlassen wird. In einfacher und klarer Sprache werden Unsicherheit, Zweifel und emotionales Gewicht der Flucht für das Kind herausgearbeitet.

Denken und Erleben des Kindes stellen den Inhalt des Textes dar. Ständiger innerer Dialog des Kindes ist die Methode. Der Text ist das Kunstprojekt, die Gedanken des Kindes aufzuzeichnen, während dessen Flucht aus dem Elternhaus.

Impressum
Bernd Thümmel
Wenigstens Zweifel – Erzählung Erstveröffentlichung 2019, Aktualisierung und Veröffentlichung am 30.08.2019 als N-Book®

Titelgestaltung:  Bernd Thümmel
Alle verwendeten Fotos und Bilder: Bernd Thümmel
Alle Texte: Bernd Thümmel

Alle Musikstücke zu denen in diesem Werk zum Hören und Download zu Jamendo.com verlinkt wird, wurden komponiert, gespielt, gesungen und aufgenommen von Bernd Thümmel, alias Bernado und sind lizenziert unter Creative Commons Lizenz.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Alle Personen und geschilderten Ereignisse entspringen nicht nur der freien Phantasie des Autors. Personen und Handlungen sind vom Autor nicht nur frei erfunden und haben nicht ausschließlich keinen Bezug zu lebenden Personen oder realen Geschehnissen. Alle genannten Orte und geschilderten Geschehnisse an diesen Orten sind vom Autor teilweise frei erfunden, genauso wie alle geschilderten Häuser, Wohnungen, Landschaften, Städte, Dörfer, Bilder, Fotos usw.

I. Durch das Dorf – 1. Früh morgens

Es ist feucht draußen. Der Gartenweg ist dunkel, die Steinplatten glänzen. Grüne Blätter von einem Rosenstrauch glitzern nass. Ein Tropfen geht zu Boden. Meine Hand liegt auf dem schmiedeeisernen Türgriff. Ich drücke ihn hinunter. Langsam, kein Geräusch dabei. Ich spüre die Kälte an meiner Handfläche. Die Gartentür ist nicht verschlossen. Mir genügt ein schmaler Spalt. Ich bin dünn und klein. Jetzt stehe ich auf dem schmalen Bürgersteig. Von hier ziehe ich das Gartentürchen langsam zu. Ein Topfen rollt von einem Rosenstrauchblatt. Meine Augen lösen sich von dem Blatt. Ich sehe nicht, wie der Tropfen zu Boden geht.

Der große Rosenstrauch am Gartenzaun, der kurze Steinplattenweg, das Unkraut rechts und links davon, die Tulpen im Garten meiner Stiefmutter, das alte Bauernhaus meines Vaters, die schiefen Fenster, die braunen Fensterläden, der bröckelnde Putz an der schrägen Hauswand, das alte Schindeldach auf dem Haus, die niedrige Haustür, die graue Blechmülltonne. Vielleicht sehe ich das alles nie wieder.

Es ist früher Morgen. Weil er heute so früh für mich beginnt, ist alles anders. Ich höre keine Geräusche von Autos, von Motorrädern, von Mofas, von Traktoren. Ich höre keine Kuhglocken, nicht die Glöckchen einer Schafherde, nicht den Schäferhund, nicht die gackernden Hühner oder den krähenden Hahn vom Bauernhof neben unserem Haus. Alle Geräusche, die ich vor unserem Haus kenne, fehlen heute Morgen. Ich stehe nur wenige Sekunden auf dem feuchten Bürgersteig vor dem Gartentürchen. Ich höre die feuchten Blätter am Rosenstrauch. Sie rascheln im schwachen Wind.

Das erste Ziel ist jetzt erreicht. Ich stehe auf dem Gehsteig vor unserem Haus. Die schwere Haustür und das Gartentürchen sind überwunden. Mein Herz pocht schnell, die Schnürsenkel in meinen Schuhen sind offen, meine dünne Strickjacke liegt auf meinem rechten Arm.

Vor wenigen Minuten habe ich unser Zimmer verlassen. Meine beiden Brüder Christian und Matthias schlafen auch jetzt noch fest. Leise war ich zur Zimmertür getapst. Die Dielen knarrten, die Zimmertür hatte laut gequietscht. Matthias stöhnte tief und drehte sich um. Christian rührte sich nicht. Im finsteren Korridor war es kalt. Vorsichtig tapste ich weiter über die knarrenden Dielen vorbei an Küche und Esszimmer.

Dieser Morgen hatte in meinen Gedanken schon sehr oft stattgefunden. Vor Monaten hatte ich, in meinem erst zehn Jahre alten Kopf, begonnen drei Bilder von diesem heutigen Morgen zu malen.

Viele schlaflose Abende in meinem Bett neben Matthias und Christian dachte ich, dass der Vater mich windelweich prügeln wird, wenn ich es am heutigen Tag nicht schaffe. In unserem dunklen, kalten Kinderzimmer war ich in den vergangenen Monaten oft bis weit über die Mitternacht hinaus wach gelegen. Unter meiner dicken Bettdecke hatte ich gedacht, dass mein Plan sehr genau durchdacht und der Zeitpunkt gut sein muss, damit er heute gelingen kann. Stundenlang hatte ich viele Nächte mit meiner Angst davor gekämpft, dass der Vater schlagen wird, wie noch nie, wenn mein Plan Fehler hat und heute nicht gelingt. Deshalb mussten meine Bilder in meinem Kopf von diesem Morgen sehr genau und vor allem fertig werden. Ich hatte entschieden, so lange an den Bildern in meinem Kopf zu malen, bis jeder Pinselstrich seinen Platz gefunden hat. In meinem Kopf durfte kein Pinselstrich sein, wo er nicht hingehört.

Nachts in meinem warmen Bett waren nach vielen Monaten schließlich diese drei Bilder vom heutigen Morgen entstanden. Das erste Bild zeigt mich heute früh morgens in unserem Haus. Auf dem zweiten Bild nehme ich in der morgendlichen Kälte den Weg durch unseren kleinen Garten. Das dritte Bild zeigt mich auf dem Bürgersteig vor unserem Garten. Genau so, wie ich das monatelang in meinem Kopf gemalt hatte, geschah alles vor wenigen Minuten.

Das erste Bild:

Der dunkle Korridor von unserem Kinderzimmer ins kalte Treppenhaus liegt schon hinter mir. Ich öffne die Toilettentür. Langsam ziehe ich sie auf, denn nur so quietscht sie nicht. Unter meinem rechten Arm klemmen meine Kleider. Unsere Toilette ist schmal, lang, dunkel und kalt. Die Tür ziehe ich hinter mir zu. Die Holzbretter unter dem grauen Linoleumboden knarren. Sieben Schritte sind es bis zur Plumskloschüssel. Meine Kleidung lege ich auf den geschlossenen Klodeckel. Vor der Schüssel ziehe ich meinen Schlafanzug aus. Ich lasse ihn auf den Boden fallen. Unterwäsche, Socken, T-Shirt und Hose ziehe ich an. Die Strickjacke nehme ich als letzte vom Deckel. Sie behalte ich im rechten Arm. Ich pinkle in die Schüssel. Aus der Sickergrube stinkt es fürchterlich. Ich spüle nicht. Ich bücke mich, schließe dabei den Klodeckel, nehme mit der linken Hand den Schlafanzug und lege ihn über meinen rechten Arm auf meine Strickjacke. So gehe ich von der Toilette zurück ins Treppenhaus.

Der Moment zwischen der Klotür und der Treppe hinunter, ist der gefährlichste. Meine Augen fixieren deshalb eine Tür. Es ist die Zimmertür von Vater und Stiefmutter. Sie darf jetzt nicht aufgehen. Keiner der beiden muss jetzt auf die Toilette. Beide schlafen noch, wie meine beiden Brüder. Alle Hausbewohner, auch Paul, der Sohn der Stiefmutter, oben im zweiten Stock, schlafen fest. Jede Treppenstufe knarrt. Den Knauf von Vaters Schlafzimmertür behalte ich so lange im Blick, wie es geht. Er bewegt sich nicht. Die Tür bleibt geschlossen. Ich erreiche den unteren Treppenabsatz. Vaters Zimmertür sehe ich von hier nicht mehr. Alles geht jetzt sehr schnell und geräuschlos. Ich bücke mich und schlüpfe hastig in meine Schuhe. Von oben höre ich nichts. Vaters Zimmertür bleibt geschlossen. Meine Schuhbänder lasse ich offen. Ich ziehe an dem dunklen Haustürgriff. Der Schlüssel klemmt, das macht nichts. Ich kenne das seit bald einem Jahr. Solange wohnen wir in dem alten Haus. Ich drehe am Schlüssel und ziehe die Haustür auf.

Das zweite fertige Bild in meinem Kopf:

Kalte Morgenluft strömt mir entgegen. Draußen ziehe ich einmal kräftig am Haustürgriff. Das Schloss schnappt ein. Rechts neben der Haustür steht die Mülltonne. Der graue Blechdeckel quietscht leise. Ich schiebe etwas Müll beiseite. Meinen Schlafanzug lege ich hinein. Den Müll schiebe ich darüber. Das ist mein Versteck für den Schlafanzug. Wenn ich heute vom Vater erwischt werde, muss ich versuchen den Schlafanzug unbemerkt aus der Tonne zurückzuholen.

Das dritte und letzte Bild vom heutigen Morgen in meinem Kopf:

Noch stehe ich in meinem dritten Bild. Den glitschigen Gartenweg tapste ich vor Minuten behutsam und sehr schnell entlang. Dabei war ich nicht ausgerutscht. Jetzt stehe ich endlich draußen vor unserem alten Haus, auf dem feuchten Gehsteig und werfe einen gehetzten, flüchtigen Blick durch den Vorgarten hinüber auf das alte Gemäuer, meinem zu Hause.

Hoffentlich wird niemand meinen Schlafanzug in der Mülltonne frühzeitig finden. Wenn alles klappt, wird er wahrscheinlich nie wieder auftauchen. Er wird am Mittwoch von den Müllmännern abgeholt werden. Die werden wie immer die Mülltonne in ihren Wagen kippen. Keiner der Müllmänner wird wissen was er da in den Müllwagen kippt und zusammen mit dem anderen Müll auf die Müllkippe fährt. Kein Mensch wird sich für meinen Schlafanzug in der Tonne interessieren. Der Schlafanzug wird irgendwo auf einer Müllkippe liegen, unter Plastiktüten mit Haushaltsabfall, zwischen leeren Blechdosen. Langsam wird er in Mitten des Müllberges vermodern. Vielleicht habe ich heute die letzte Nacht im Haus von Stiefmutter und Vater in diesem Schlafanzug gezittert. Vielleicht werde ich nie wieder in diesem Schlafanzug im Bett liegen und Angst haben, weil ich den heutigen Tag in meinem Kopf male und plane. Niemand wird sich für die Geschichte dieses Schlafanzuges auf einer Müllhalde interessieren. Niemand weiß, warum ich ihn heute im Morgengrauen in unserer Tonne vergrub. Hoffentlich hat der Schlafanzug, obwohl er noch nicht alt und ausgeleiert ist, heute für immer ausgedient. Vielleicht werde ich ihn nie wieder anziehen.

Auf den drei Bildern in meinem Kopf fehlt etwas. Es ist mein leichtes Zittern, mein Schwitzen, mein immer stärker werdendes Zittern und die Kälte die ich dabei spüre. Jetzt vor dem Gartentürchen ist es wieder da. Es ist das, was ich auch unter meiner Bettdecke immer gespürt hatte. Es ist meine Angst davor, das in meinem Kopf lange Gemalte, das sorgfältig Geplante, das monatelang Gedachte heute endlich zu tun.

Seitdem ich im Haus bei Stiefmutter und Vater wohne, besuche ich die Dorfschule. Sie liegt oben im Dorf, nicht weit vom kleinen Dorfplatz. Mein Lehrer hatte einmal einen Satz aus einem Buch vorgelesen, an den ich immer wieder denken muss. Auch jetzt in den Sekunden auf dem Bürgersteig vor unserem Gartenzaun am feuchten Rosenstrauch, fällt mir dieser Satz wieder ein: „Angst ist ein schlechter Ratgeber.“

In meinem Kopf auf meinen drei klaren Bildern von diesem Morgen fehlt meine Angst. Ich kann sie im Kopf nicht malen, denn sie ist unsichtbar. Sie ist so unsichtbar, dass ich sie auf den drei Bildern in meinem Kopf nicht erkennen kann. Aber sie ist stets da. Sie treibt mich heute schon vor Sonnenaufgang aus meinem warmen Bett, aus unserem Kinderzimmer, aus unserem Haus, durch unser sauberes schwäbisches Gärtchen. Sie treibt mich auf den besenreinen Gehsteig. Sie wird mich heute vielleicht noch den ganzen Tag lang weiter treiben.

Ich glaube nicht, dass meine Angst mein Ratgeber ist. Sie treibt mich an, aber sie berät mich nicht. Ich bin zehn Jahre alt und mich berät mein Kopf. Mein Kopf ist nicht nur voll mit Angst, er ist auch voll mit meinem Denken.

Sehr lange habe ich darüber nachgedacht, was geschehen ist. Mein langes Nachdenken bringt mich heute Morgen vor dieses Gartentürchen. Ich muss es heute tun, weil ich so lange darüber nachgedacht habe und zu dem Ergebnis gekommen bin, dass ich es nicht mehr aushalte. Meine Angst treibt mich dabei an, sie begleitet mich hier her, sie wird mich heute weiter begleiten, aber ich glaube, sie berät mich nicht mehr.

Mein Denken in meinem Kopf verhindert, dass meine Angst mich berät oder gar darüber entscheidet, was ich heute tue. Weil ich so lange über den heutigen Tag nachgedacht habe, hat mein Denken die Angst schließlich besiegt. Nur weil das so gewesen war, gibt es auch Bilder, die ich vor dem heutigen Morgen in meinem Kopf niemals gemalt hatte. Hätte ich sie gemalt, stünde ich jetzt nicht auf dem feuchten Gehsteig vor unserem alten Haus. Jetzt aber, wo ich die ersten Schritte bereits gewagt habe, baut sich in meinem Kopf plötzlich eines dieser Bilder auf. Dieses Bild sieht so aus:

Der Vater liegt neben der Stiefmutter im Bett. Draußen dämmert es. Es ist Samstag, die Familie kann heute ausschlafen. Der Vater muss nicht früh raus. Heute braucht er nicht in seinem weißen Käfer im Morgengrauen zur Arbeit in die Fabrik zu fahren. Trotzdem wacht er genau so früh auf, wie an jedem normalen Arbeitstag. Im seinem Bett dreht er sich um. Er öffnet die schläfrigen Augen und sieht, dass es noch nicht ganz hell geworden ist. Sekundenlang glaubt er, dass er heute zur Arbeit müsse. Deshalb schreckt er auf, denn der Wecker hat nicht geläutet. Jetzt fällt ihm die gestrige Fußballübertragung im Fernsehen wieder ein. Die deutsche Mannschaft hat sich durch ein Vorrundenspiel gekämpft, ein toller Sieg! Hoffentlich werden wir Weltmeister. Das denkt er jetzt, genauso wie er es gestern Abend schon gedacht hatte. Nun weiß er auch wieder, dass heute Samstag ist. Also kann er im Bett liegen bleiben. Er dreht sich noch mal um. Neben sich im Bett sieht er die Stiefmutter. Sie schläft noch tief. Der Vater schließt die Augen, denn er möchte weiter schlafen. Das Wiedereinschlafen klappt aber nicht. Jetzt spürt er, dass er dringend auf die Toilette muss. Wegen ihrem gestrigen Fußballspiel kann die deutsche Mannschaft Fußballweltmeister des Jahres 1974 werden. Deshalb liegt ein langer Abend mit vielen Getränken hinter dem Vater. Das viele Getrunkene will jetzt wieder raus. Die Bettkante knarrt unter seinem großen Gewicht. Der Vater schlüpft in die braunen Pantoffeln. Die Dielen im Schlafzimmer knarren. Über den grauen Steinboden geht er durch das kalte Badezimmer. Schnell erreicht er die Badezimmertür. Sie führt ins Treppenhaus. Quietschend öffnet er sie. Da bleibt der Vater überrascht stehen, denn jetzt sieht er mich. Ich komme gerade aus der Toilette.

Eindeutig, dass ich mich auf der Flucht befinde! In voller Bekleidung sieht mich der Vater. Mein Schlafanzug liegt über der Strickjacke auf meinem rechten Arm. Eindeutig, dass ich das Haus noch vor Sonnenaufgang verlassen möchte. Auch ich sehe den Vater. Ängstlich erstarre ich auf der Treppe. Ich zittere zuerst wenig, dann wird mir sehr heiß, dann zittere ich kräftig, dann wird mir kalt. Schlafanzug und Strickjacke fallen auf die Treppenstufen. Der Vater ist sofort hellwach. Er schreit mich an: „Das gibt’s doch nicht! Was machst du denn hier? Wohin willst du, du freches Bürschchen?“

Ich bleibe, wie so oft in solchen Momenten, bewegungslos zitternd und schweigend stehen. Wie erstarrt stehe ich auf den ersten Treppenstufen vor dem Vater. Ich kann dem Vater keine Antwort geben. Ich glaube, der Vater erwartet gar keine Antwort auf seine laute Frage. Wütend und aufgebracht ist er. Sein Gesicht ist sehr faltig, und jetzt sehe ich, dass es ganz rot von seiner Wut auf mich geworden ist. So stürzt der Vater über die laut knarrenden, alten Dielen im kalten Treppenhaus auf mich zu. Dabei brüllt er zornig: „Die Faxen treibe ich dir jetzt endgültig aus Bürschchen!“

Ich spüre Vaters kalte, feste Hand an meiner Schulter. Sie wirft meinen Rücken gegen die schiefe Treppenhauswand. Ich falle auf die Stufen. Der Vater zieht mich, an meinen Schultern und meinem T-Shirt, über die Treppe zu sich hinauf. Verschwommen erkenne ich jetzt auch die Stiefmutter in der Badezimmertür. Ihr Blick ist hasserfüllt. Es ist der Blick, den ich seit einem Jahr täglich erlebe. Sie hilft dem Vater. Gemeinsam schleifen sie mich ins Wohnzimmer. Jetzt erkenne ich die niedrige, durchhängende Wohnzimmerdecke. Der Putz hat tausend Sprünge. Ich stolpere über die Türschwelle und falle zu Boden. An meinem T-Shirt und meiner Hose ziehen beide mich hoch. Die Stiefmutter schreit: „Du Bürschle brauchscht des einfach jeden Tag! Mir wern’s dir schon noch zoign!“

Der Vater verschwindet für kurze Sekunden. Ich liege auf dem Holzstuhl. Der Vater kommt zurück. Ich spüre seinen scharfen Gürtel. Jeder Schlag zwingt mich zu einem lauten Schrei. Meine Tränen tropfen auf den grauen Teppichboden.

Dieses Bild in meinem Kopf ist hier zu Ende. Ausgerechnet jetzt malt mein Gehirn so ein Bild! Gerade jetzt, in den Sekunden, die ich auf dem nassen Asphalt vor unserem Haus in der morgendlichen Kälte stehe. Dieses Bild kann ich nicht gebrauchen. Warum ist es trotzdem in meinem Kopf? Soll meine Angst jetzt schon zurückkehren? Will sie mich in letzter Sekunde abhalten, das lange Geplante heute endlich zu tun?

Im Jahr 2018 habe ich auf meinem Album „acoustic planet“ meinen Song „leave it“ in akustischer Version  nur mit Gitarre neu aufgenommen. Der Song behandelt die Situation vor der der zehnjährige Bub in der Erzählung steht, nämlich sein Elternhaus zu verlassen.

https://www.jamendo.com/track/1584511/09_leave_it_acoustic_version

2. Der Vorabend

Gestern Abend durfte mein älterer Bruder Christian noch etwas länger fernsehen. Weil das Fußballweltmeisterschaftsspiel gezeigt wurde, waren Stiefmutter und Vater guter Dinge. Meinen jüngeren Bruder Matthias und mich schickten Stiefmutter und Vater wie immer zur täglich gleichen Uhrzeit ins Bett. Wir standen vom Sofa vor dem laufenden Fernsehgerät im Wohnzimmer auf und gingen gemeinsam in unser Schlafzimmer. Dort zog ich meine Kleider sehr langsam aus. Ich legte sie betont ordentlich auf den Stuhl neben meinem Bett. Matthias verließ zuerst das Schlafzimmer. So plante ich das. Ich war einen kurzen Augenblick allein. So konnte ich die Maßnahmen für den heutigen Morgen treffen.

Frisch gewaschene Kleider nahm ich aus unserem Kleiderschrank. Ich versteckte sie unter meinem großen Kopfkissen. Dann verließ auch ich das Zimmer und ging zu Christian in den kalten Waschraum. Christian und Matthias hatten nichts von meinen Vorbereitungen bemerkt.

In der Nacht war ich nur sehr kurz eingeschlafen. Immer wieder wachte ich auf. In einer Art Halbschlaf döste ich vor mich hin. Ich spürte immer wieder meine Angst vor dem kommenden Tag. Deshalb malte ich wieder und wieder die drei Bilder des heutigen Morgens in meinem Kopf. Ich zitterte, schwitzte und fror. Den Plan, das Haus zu verlassen ohne dass es jemand bemerkt, spielte ich immer wieder von neuem durch. Ich fragte nach Fehlern in meiner Vorbereitung und fand keine. Ich überlegte, ob mein Weglaufen durch irgendeine Unbedachtheit zu früh bemerkt werden könnte. Mir fiel nichts ein.

Spät nachts hörte ich Christian. Er öffnete die Zimmertüre und knipste das Licht an. Er setzte sich auf sein Bett, zog seine Schuhe und seine Kleidung aus. Die legte er auf seinen Stuhl neben dem Bett. Seinen Schlafanzug zog er unter dem Kopfkissen hervor. Er zog ihn an, ging zur Zimmertür, öffnete sie und ging zur Toilette.

Durch die kurz geöffnete Zimmertür hörte ich die Stimmen der Stiefmutter und des Vaters. Was sie miteinander besprachen verstand ich aber nicht. Minuten später kam Christian wieder zurück. Die Stimmen der Stiefmutter und des Vaters in der Küche hörte ich nicht mehr. Christian knipste das Licht aus und verkroch sich unter seiner Bettdecke.

Matthias hatte schon lange geschlafen, er atmete schon tief bevor Christian gekommen war. Ich tat so, als schliefe auch ich. Zwei Mal hatte ich lautes Jubelgeschrei aus dem Wohnzimmer gehört. Die Deutschen hatten zwei Tore geschossen. Das Fußballspiel bescherte der Familie einen ruhigen Abend. Deshalb hatte es gestern Abend keine Zwischenfälle gegeben. Der Vater und die Stiefmutter schlugen gestern Abend nicht zu.

Nachdem Christian sich in sein Bett gelegt hatte, wurde es im Haus leise. Die ganze Nacht lang hörte ich nichts, außer den lauten Glocken der Dorfkirche. Bei jedem Glockenschlag zählte ich mit. So wusste ich, wie spät es war. Langsam wurde es in meinem Bett wärmer. Mein Zittern wurde trotzdem nicht weniger.

Irgendwann in der Nacht, als ich noch mal alles genau durchgedacht hatte, war ich mir sehr sicher geworden. Ein wenig Angst spürte ich trotzdem noch. Alles stand deutlich vor meinen Augen. Ich war mir über mein heutiges Fortgehen sicher geworden. Das war nicht mehr nur in meinem Kopf gemalt und geplant. Sondern das Geplante stand klar als eine wichtige Tat vor mir. Es war die nächste Aufgabe für mich. Die Tat stand vor meinen Augen, wie eine Aufgabe, die für den heutigen Tag selbstverständlich zu meinem Leben gehört. Mein Plan war zu etwas geworden, das unbedingt sein muss. Den Fluchtplan heute endlich zu verwirklichen, fühlte ich mich gegen Ende der vergangenen Nacht gezwungen. Die heutige Flucht schien mir genauso notwendig, wie ich täglich trinken und essen muss.

Zitternd wegen meiner Angst sagte ich schließlich zu mir: Du bist derjenige, der hier fortgehen muss. Gehst du nicht, wird alles bleiben wie es ist, und wie es ist, ist es schlecht.

Ich glaube, wegen diesem Satz überwand ich endlich die letzten Bedenken die wegen meiner Angst noch da waren. Der Satz meines Lehrers fiel mir auch vergangene Nacht wieder ein. In meinem Kopf antwortete ich meinem Lehrer: „Vielleicht war meine Angst bisher mein Ratgeber. Sie darf es nicht weiter bleiben! Seit Monaten schon bleibe ich nur deshalb hier, weil ich Angst davor habe, wie schlimm es wäre, wenn der Vater und die Stiefmutter mich beim Weglaufen erwischen würden. Heute Nacht überwinde ich diese Angst! Von ihr will ich mich nicht weiter leiten lassen.“

Schon in den vergangenen Wochen war meine Angst immer weniger hervorgebrochen. In meinem Kopf entstand mehr und mehr Platz für meinen Plan. Die Angst nahm einen immer kleineren Platz ein. Mehr und mehr entstand das Gefühl den Plan zwingend ausführen zu müssen. Es gab keinen anderen Weg oder eine andere Aufgabe mehr, für den heutigen Tag. Über die Umsetzung meines Plans dachte ich nicht weiter nach, als in diesen drei Bildern für den heutigen Morgen. Sie zu Denken kostete mich meine ganze Kraft.

Letzte Nacht gab es keinen Gedanken an die mögliche Endgültigkeit dieses Schrittes. Was danach kommen wird, hatte keinen Platz mehr in meinen Kopf. Gelingen oder Scheitern spielte ich in der vergangenen Nacht nicht durch.

Auch jetzt in den kurzen Sekunden auf dem Bürgersteig können mir die vielfältigen Möglichkeiten, die so ein Denkspiel in meinem Kopf offengelegt hätte, nicht einfallen. Hier draußen in diesen Sekunden in der frischen kalten Morgenluft vor unserem Haus kann ich nicht wissen, dass der heutige Tag nicht nur irgendein Fluchttag ist. Heute ist der Tag an dem ich meine Zukunft entscheide. Zu diesem Gedanken bin ich heute noch nicht fähig, weil ich noch viel zu klein bin, so etwas zu denken.

Meine zehn Jahre alten Füße haben mich gerade aus unserem alten kleinen Haus getragen. Sie werden mich gleich durch unser Bauerndorf tragen. Mein Kopf, mein Denken, das in mir steckt, wollte lange schon nicht mehr hier bleiben. Meine Angst war der Ratgeber, der nur noch meinen Körper in diesem Haus, in dieser Familie hielt. Mein Denken war schon lange weit weg von diesem Ort, von diesen Menschen, von dieser Familie. Lange ließ meine Angst die Umsetzung meines Denkens nicht zu. Das Denken hat jetzt das Übergewicht gewonnen. Meine Angst soll ab jetzt unter meinem Denken bleiben.

Ich glaube, vergangene Nacht war ich irgendwann doch noch eingeschlafen. Denn die Nacht war überraschend schnell vorbei. Durch das Zimmerfenster hatte ich den Nachthimmel beobachtet. Es war hell draußen, eine klare Vollmondnacht. Bereits in der Dunkelheit aufzustehen, um das Haus zu verlassen, hatte ich mich aber nicht getraut. Es war völlig klar, dass ich zu warten hatte bis der Morgen kam.

Morgens hörte ich Geräusche aus dem Stall des Bauernhofes neben unserem Haus. Der Bauer hat viele Milchkühe. Wir holen regelmäßig unsere Milch bei ihm. Noch bevor der Bauer heute Morgen in seinen Stall gehen würde, wollte ich bereits die Dorfstraße hinauf gerannt sein.

Die Kirchturmuhr hatte fünf Mal hintereinander geschlagen. Leise kroch ich unter meiner Bettdecke hervor. Ich richtete sie ein wenig auf. Ich wollte, dass sie so aussieht, als läge ich noch darunter. Unter dem Kopfkissen zog ich die frische Hose hervor. Vom Stuhl nahm ich T-Shirt, Unterhose und Socken. Mein Bett sah ich mir genau an. Es sah aus, als läge ich noch unter der dicken Decke. Ich verließ das Kinderzimmer.

3. Die ersten Schritte

Jetzt laufe ich los. Die schmutzige, steile Dorfstraße marschiere ich eilig hinauf. Die dünne Strickjacke ziehe ich im Laufen über. Immer noch fehlen alle Geräusche, die ich in diesem Dorf auf dieser steilen Dorfstraße täglich auf meinem Weg zur Schule beinahe ein Jahr lang gehört hatte.

Es herrscht Ruhe. Ich kenne den Geruch in der kalten Luft. Er kann zu dieser frühen Stunde nicht fehlen, so wie die Geräusche. Es ist der Geruch des Bauerndorfes. Das sind die vielen Kuhfladen auf der Dorfstraße, es ist die nasse Erde, die Treckerspuren vor mir, es sind die Misthaufen hinter den Bauernhäusern an der Dorfstraße. Es ist der Schweinestall unseres Nachbarbauern aus dem in einer Stunde die Schweine grunzen werden. Diesen Gestank sauge ich jetzt auf. Ich atme tief. Die Straße ist sehr steil. Hinauf brauche ich viel Luft.

Der Gestank des Dorfes ist mir sehr vertraut. Wenigstens etwas, das mir in diesen Sekunden vertraut ist. Aber der Mief beruhigt mich nicht. Ich höre meine stapfenden Schritte auf der Dorfstraße. Sie sind groß. Ich mache sie so groß wie ich nur kann. Ich renne aber nicht. Wenn ich renne, merke ich nicht was um mich herum geschieht. Ich möchte nichts Wichtiges übersehen oder überhören und ich möchte meine Kräfte sparen. Wenn ich renne, brauche ich viel Kraft aber ich habe einen weiten Weg vor mir.

Ich glaube, wenn ich jetzt losrennen würde, könnte ich wegen meiner offenen Schuhbänder in den feuchten Schmutz auf die steile Dorfstraße stürzen. Vielleicht falle ich jemandem auf! Einem Menschen der an der Dorfstraße wohnt und jetzt gerade aus dem Toilettenfenster blickt? Es ist sehr früh am Morgen, es ist noch nicht einmal richtig Tag. Ich laufe allein, mitten auf der leeren Dorfstraße. Ich gehe hier ohne meinen Bruder entlang, denn ich gehe heute nicht zur Schule.

Dass ich so früh im Dorf unterwegs bin, heute am Samstag, wo keine Schule ist! Das ist auffällig. Ich muss nicht noch mehr auffallen, indem ich renne. Ich glaube, um diese Uhrzeit schnell zu rennen auf der Dorfstraße, sieht verdächtig nach Flucht aus dem Dorf aus.

Wenige Meter auf der Dorfstraße liegen jetzt hinter mir. Mir ist schon ganz heiß. Wegen der Jacke, die ich anhabe? Nein, ich glaube es ist mein Denken, dass mich schwitzen lässt.

Es ist wegen dem Mann am Toilettenfenster, der mir gerade einfällt. Ich sehe keinen Mann an irgendeinem Toilettenfenster, denn meine ganze Aufmerksamkeit liegt bei meinen offenen Schuhbändern. Die Möglichkeit, dass mich im Dorf jemand sieht, um diese Uhrzeit, darf es nicht geben. Der Gedanke daran lässt mich schwitzen. Es ist im Grunde gleich, ob ich nun schnell laufe oder renne, beides ist sehr auffällig.

Jetzt darf niemand am Toilettenfenster Richtung Dorfstraße stehen und auf die Straße blicken. Im Dorf darf jetzt, neben mir, kein anderer Mensch unterwegs sein. Das Dorf ist sehr klein, ich kenne nur diese eine Straße, deshalb laufe ich auf ihr. Würde sich ein Bauer jetzt aus seinem Haus machen, muss er mir begegnen. Alle Dorfbewohner kennen mich. Jeder hier weiß, wer ich bin, und jeder weiß, wo ich wohne. Wenn ich jetzt von einem Bauern gesehen werde, ist das mehr als verdächtig.

Ich spüre mein Blut in meinen Adern. Es pulsiert sehr schnell. Ich kenne das aus dem Turnunterricht. Nach dem Laufen sollen wir uns an den Puls fassen und die Schläge zählen. Die Hitze wird fast unerträglich.

„Verdächtig!“

Dieses Wort reicht gar nicht!

Ich spüre das, weil mein Puls rast, obwohl ich noch nicht einmal hundert Meter auf der Straße hinter mir habe. Ein Bauer, jetzt am Klofenster oder auf der Dorfstraße, ich glaube, das wäre das sichere Ende meiner Flucht.

Jeder Bauer der mich jetzt hier laufen sieht, muss sich überlegen, warum er mich so früh laufen sieht. Ich denke an so einen Bauern an der Dorfstraße. Vor dem Toilettenfenster steht er und pinkelt in die Kloschüssel. Das kleine Klofenster ist offen. Verschlafen blickt er kurz hinaus auf die Dorfstraße. Da sieht der Bauer mich, wie ich hier auf der Dorfstraße laufe. Genau in diesem Augenblick eile ich vor seinem Toilettenfenster vorbei.

Sofort denkt der Bauer, dass ich um diese Tageszeit auf der Dorfstraße überhaupt nichts zu suchen habe. Hastig beendet er sein Pinkeln, denn er hat nur eine Idee im Kopf:

Das Telefon!

Der Bauer verlässt schnell die Toilette. Er spült nicht. Er hat nur noch das Telefon im Kopf. Seine Schlafanzughose zieht der Bauer im Laufen hoch. Die Klotür vergisst er zu schließen, auch die Wohnzimmertür lässt er offen stehen. Dort eilt er an das Telefon. Die Telefonnummer findet er sofort, denn im Dorf kennt jeder jeden.

Das Telefon im Wohnzimmer des Vaters klingelt laut und schrill. Es weckt jeden Bewohner im Haus. Heute Morgen muss es sehr lange läuten, denn Vater und Stiefmutter sind noch sehr müde, wegen des langen Fußballabends gestern. Der Bauer wartet. Den Telefonhörer hält er an sein Ohr, das Gerät in der anderen Hand, versucht er soweit zu gehen, wie es die Telefonschnur zulässt. Das reicht gerade bis zur Küchentür. Von dort kann er durch das Küchenfenster jetzt die Dorfstraße sehen. Ich laufe dort aber nicht mehr.

Ich bin schon vorbei an seinem Haus. Jetzt lässt der Bauer das Läuten sein, er hängt wieder ein. Er stellt das Telefon zurück in sein Wohnzimmer. Vielleicht denkt er, dass er nur geträumt hat von mir, dem laufenden Knaben auf der dreckigen Dorfstraße.

Der Bauer ist müde, wie alle Menschen an diesem Morgen im Dorf. Alle haben gestern Abend lange den Sieg der deutschen Fußballer gefeiert. Der Bauer geht zurück ins Schlafzimmer, er legt sich wieder in sein Bett.

Ein klingelndes Telefon. Ein aufgeregter Bauer in der Leitung, der den Vater auf den eilig marschierenden Sohn auf der Dorfstraße hinweist. Das wäre ein schlimmes Ende. Es wäre sehr traurig. Es wäre eine Katastrophe für mich. Warum denke ich jetzt genau daran?

Es ist ganz schlecht, daran zu denken, und trotzdem tue ich es. Und ich denke noch weiter: Der Bauer liegt wieder in seinem Bett. Er kann aber nicht mehr einschlafen, obwohl er nicht aufs Klo muss, denn da war er ja gerade erst gewesen. Was er vor Sekunden gesehen hatte, war vielleicht doch kein Traum. Wenn der Bauer das denkt! Jetzt fällt mir Vaters scharfer Ledergürtel ein. Da spüre ich sie wieder: Meine Angst vor schmerzenden Schlägen, vor der Wut des Vaters. Sie scheucht mich eilig durch das kleine Dorf. Noch nie zuvor war ich so schnell im Dorf unterwegs.

Meine Schuhbänder öffnen sich immer weiter. Ihre Enden klackern gegen die Schuhe. Sie machen: Zack, zack, zack, zack. Sie wollen gebunden werden. Die Schuhe lockern sich mehr und mehr. Das Binden geht jetzt noch nicht. Die Schuhe müssen noch warten. Sie müssen mich noch weiter fort tragen, bevor ich sie binden kann. Das Binden könnte mich zu viel Zeit kosten. Mich jetzt zu bücken, wo ich erst etwa das halbe Dorf durchquert habe, und die Bänder zu binden, das könnte zu früh sein. Gerade in dieser Situation, in diesen Sekunden, könnte mich ein Bauernblick entdecken.

Ein kleines, zehnjähriges Bürschchen mitten auf der Dorfstraße und das am Samstag, morgens um fünf Uhr! Gebückt bindet sich das Bürschchen die Schuhe. Nervös fummelt es an den Bändern herum, bleibt nicht still gebückt stehen, sondern macht noch im Binden und Bücken weitere Schritte die Dorfstraße hinauf. Wie komisch das aussieht! Schuhbinden, Bücken und Laufen gleichzeitig. Jetzt stürzt das Bürschchen fast! Was soll das? Warum so eilig? Warum steht der nicht in Ruhe auf einen Stein gestützt und bindet seine Schuhbänder? Warum Rennen, Binden und fast zu Boden stürzen? Der hechelt und ringt ja nach Luft! Der kann ja kaum noch atmen, so aufgeregt ist der! Wer ist denn das überhaupt? Was macht das Bürschchen so früh draußen auf der Straße? „Hee, was machst Du da? Wo willst’n hin? Hee, kenn ich dich nicht, bist du nicht ein Sohn vom alten …!“ Jetzt klopft mein Herz ganz schnell, ich platze fast vor Hitze, mein Gang wird von Schritt zu Schritt noch schneller.

Die Situation erinnert mich an Denunziation deren „innerliche Folgen“,  ich in meiner Kindheit oft spürte, aber nicht wusste, dass es die Angst des Verrates ist, die ich da spürte. Der Verrat durch meine Umgebung, die mich erschreckte, weil sie mir zeigte, dass ich offenbar fast ständig tat, was nicht erlaubt war.
Im Jahr 2019 habe ich den Song „wahrheit schmerzt“ auf meinem Album „nichts“ veröffentlicht. Darin geht es um den Mut, bis zum Rand zu laufen, sich zu wehren gegen Hass und plumpes Geschrei. Ich finde das Thema passt auch hier an dieser Stelle in meinem Buch Wenigstens Zweifel.

https://www.jamendo.com/track/1654754/wahrheit_schmerzt/lyrics

4. Dorfladen, Dorfplatz und Schulhaus

Links sehe ich jetzt den kleinen Dorfladen. Die braunen Fensterläden sind verschlossen. Die alte Frau Maier liegt in ihrem Bett über dem Laden und schläft. Vielleicht träumt sie von kleinen Dieben vor ihrem Laden. Dort sehe ich den Kaugummiautomaten. Er hängt neben der Eingangstür und er ist immer noch kaputt. Die Schublade steht offen.

Mein Bruder Christian und ich hatten das vor einigen Tagen angerichtet. Mit nur einem fünfzig Pfennigstück hatten wir das geschafft. Statt nur einem Päckchen, angelten wir zwei Päckchen aus dem Automaten. Das erste Päckchen nahm Christian heraus, nachdem ich die fünfzig Pfennig eingeworfen hatte. Er hatte die leere Schublade ganz langsam zugeschoben und sie auf halber Stellung festgehalten. Ich hatte mit meinen dünnen, langen Fingern hineingepult und die nächste Packung langsam herausgezogen. Matthias hatte am Rand der Dorfstraße Schmiere gestanden. Die Schublade lässt sich nicht wieder verschließen. Sie steht immer noch offen.

Jetzt, wo ich an Frau Maiers Laden und dem kaputten Automaten vorbeilaufe, denke ich: Warum kein Bauernblick aus einem Klofenster, während wir uns im Dorf am einzigen Kaugummiautomaten vor Frau Maiers Laden zu schaffen gemacht hatten? Gibt es Bauern, hier im kleinen Dorf, die so etwas sehen und sich trotzdem nicht dafür interessieren? Eigentlich dürfte es in diesem winzigen Dorf kaum möglich sein, dass uns am Kaugummiautomaten niemand beobachtet hatte. Denn oft habe ich das Gefühl, dass im Dorf jeder Mensch genau weiß, was die Nachbarn tun, vor allem glaube ich, dass die Erwachsenen im Dorf genau wissen, was wir Kinder den Tag lang tun. Doch vielleicht täusche ich mich. Vielleicht kommt es doch häufiger vor, als ich es glaube, dass in diesem Dorf kein Bauer irgendetwas sieht und hört!

Unsere lauten Schreie durch die dünnen, zugigen Fenster im Kinderzimmer fallen mir da ein. Weil der Vater abends ungestört seinen Gürtel benutzt, könnte es sein, dass ich mich mit meiner Vorstellung von diesem Dorf täusche. Niemals hatte ein Nachbarbauer an unserer Haustüre geläutet und nachgefragt, woher das Knallen dieses scharfen Lederriemens stammt und warum dazu dieses kreischende Kindergeschrei ertönt.

Vielleicht war es genauso auch mit diesem Kaugummiautomaten gewesen. Ein Bauer dieses kleinen Dorfes, der mich und meinen Bruder nachmittags am Automaten hantieren sieht, interessiert sich vielleicht nicht dafür. Ein Bauer, der Kinder laut schreien und weinen hört, interessiert sich für diese Geräusche aus unserem Haus vielleicht so wenig, wie für das Blöken der Schafe auf der Weide. Interessiert meine schnelle Flucht durch das Dorf? Vielleicht denkt kein einziger Bauer in diesem Dorf über uns Kinder am Kaugummiautomaten, oder über unsere Schmerzensschreie aus dem alten Bauernhaus, oder über einen flüchtenden Zehnjährigen um fünf Uhr morgens auf der Dorfstraße nach.

Ich weiß nicht, ob das so ist. Wenn es so ist, dann könnte ich jetzt, wo ich schon vorbei bin am einzigen Laden im Dorf, langsamer werden. Könnte ich mir mehr Zeit lassen? Vielleicht könnte ich gemütlich pfeifend die Dorfstraße hinaufschlendern. Ich könnte so tun, als wäre es normal, dass ich jetzt hier laufe. Wenn ich langsamer ginge, müsste ich nicht so sehr auf die vielen Kuhfladen und die rutschigen Treckerspuren auf der Dorfstraße aufpassen. Ich könnte auch die Häuser am Wegrand noch einmal genau betrachten.

Eigentlich bin ich ja nur ein winziges zehnjähriges Bürschchen, das zu Hause nicht mehr bleiben mag! Dass ich nicht mehr mag, ist für alle Bauern in diesem Dorf doch völlig uninteressant. Dass ich jetzt auf der Flucht bin, ist deshalb vielleicht gar kein Grund für meine Eile, denn sie interessiert niemanden.

Warum also meine innere und äußere Unruhe? Warum dieses schnelle, beinahe panische Herumhüpfen zwischen den matschigen Kuhfladen die steile Dorfstraße hinauf? Warum dieses hektische Ausweichen vor dem feuchten, glitschigen Dreck, der braunen Erde, den vielen Pferdeäpfeln auf der Dorfstraße?

Der Weg hinauf zum Dorfplatz wäre viel einfacher zu laufen, er wäre nicht so anstrengend, wenn ich langsamer ginge, wenn ich mir mehr Zeit ließe. Das geht nicht, ich kann es nicht! So denke ich. Ich muss schnell weg hier. Ich kann mir jetzt nicht erklären, warum ich das nicht kann. Vielleicht fällt mir später eine Erklärung ein. Jetzt, in diesen aufregenden Sekunden durch dieses Dorf, denke ich zwar kurz daran, dass meine Flucht eigentlich normal sein könnte, aber ich denke gleichzeitig auch an das andere.

Ich denke, dass dies, was ich hier um fünf Uhr morgens gerade tue, vielleicht notwendig und deshalb vielleicht für mich normal sein könnte, doch eines ist es sicherlich nicht für die Menschen in diesem Dorf: Mein Laufen hier und jetzt ist nicht alltäglich. Alltäglich in diesem winzigen, nach Stallmist stinkenden Dorf ist vielleicht das Schmerzensgeschrei von uns Kindern, das die Dorfbewohner täglich aus unserm Haus hören. Ich glaube, das ist in diesem Dorf ein Stück Alltag und damit Normalität für alle Dorfbewohner, weil es ebenso regelmäßig zu hören ist, wie das Zwölfuhrschlagen der kleinen Dorfkirche neben unserem Haus. Ich kann jetzt nicht gelassen sein. Das, was ich gerade tue, gehört nicht zum Alltag in diesem Dorf. Deshalb muss ich mich sehr beeilen.

Jetzt erkenne ich schon das große braune Haus. Es ist die Dorfkneipe. Die einzige Gaststätte im Ort. An ihr laufe ich hastig vorbei. Hastig? Ich merke, dass ich jetzt richtig renne. Meine offenen Schuhe fühlen sich an wie große Schlappen. Ich könnte sie verlieren. Deshalb werde ich wieder langsamer.

Es ist der winzige Dorfplatz vor der Kneipe. Wegen ihm bin ich so schnell geworden. Meine Augen tränen wegen der Anstrengung auf der steilen Straße. Mir war gerade, als sitze dort ein Mann auf der Bank am Platz. Deshalb denke ich sofort: Oh nein, auf dem Dorfplatz sitzt ein Betrunkener! Vielleicht hatte der es gestern Abend nicht bis nach Hause geschafft. Nach dem Fußballspiel hatte er als letzter betrunkener Gast die Dorfkneipe verlassen. Die Treppenstufen vor der Kneipe war er hinunter gestürzt. Mit schweren Kopfschmerzen hatte er sich auf der Bank am Dorfplatz wieder hochgerafft. Vielleicht ist es der Bauer vom letzten Bauernhof am Ende des Dorfes. Weil er den weitesten Weg nach Hause hat, hatte er sich, schwer betrunken wie er war, auf die Bank gesetzt. Nur fünf Minuten, so hatte der Mann gedacht, sollten es werden. Wenn er seine Kräfte wieder gesammelt hätte, wollte er weitergehen. Sofort war er trotz der kalten und mondhellen Nacht eingeschlafen. Er war zur Seite weggekippt und blieb die Nacht über auf der Bank am Dorfplatz liegen.

Kein Mensch liegt da auf der Bank am Dorfplatz! Es ist ein voller Kartoffelsack, der dort liegt. Weil ich das zu erkennen glaube, schnaufe ich tief durch. Ich wische mit meinem Jackenärmel über meine verschwitzte Stirn und meine Augen. Jetzt sehe ich noch weniger, doch ich bin froh, als ich ein wenig verschwommen erkenne, dass tatsächlich niemand auf der Bank beim Dorfplatz sitzt.

Warum setze ich mich nicht einfach hin? Warum nicht einfach gemütlich dasitzen und auf die alte Dorfstraße schauen? Vielleicht wird das mein letzter Blick vom Dorfplatz aus die Dorfstraße hinunter. Warum nicht jetzt, um kurz nach fünf Uhr morgens auf der Flucht, so tun als sei ich nur Tourist in meinem kleinen Dorf?

Ich weiß, was ein Tourist ist. Es ist jemand, der in einen Ort kommt, dort nur kurz bleibt und wieder verschwindet. Ich kenne das. Ich habe Jahre lang in einem gebirgigen Touristenort in Oberbayern gelebt. War ich nur für kurze Zeit hier im Dorf? Seit fast einem Jahr bin ich hier. Viel zu lang für einen Touristen und sicherlich zu kurz um es „mein Dorf“ zu nennen. Nein, ich bin kein Tourist in diesem Dorf. Ein Tourist kommt freiwillig, er bleibt freiwillig und er geht freiwillig wieder nach Hause.

Kam ich freiwillig in dieses Dorf? Ich erwartete Anderes hier, Schöneres. Ich erwartete meine Familie. Ich erwartete sie nicht im Originalzustand aber immerhin, was ich erwartete, war ein gehöriges Stück von ihr. Die Familie eben. Etwas das ich lange nicht gehabt hatte, etwas das ich in diesem Dorf bei meinem Vater und der Stiefmutter zu finden glaubte. Darauf hatte ich mich gefreut, als ich gekommen war. Somit ist es eindeutig: Ich war freiwillig gekommen, denn ich hatte geglaubt, hier etwas Schönes und Wichtiges für mich zu finden. Aber schon nach kurzer Zeit hatte ich gespürt, dass es mit der Freiwilligkeit, hier zu bleiben, immer schwieriger wurde. Mehr und mehr hatte ich mich zu bleiben gezwungen gefühlt. Mehr und mehr spürte ich auch meine Angst. Langsam hatte sie sich zum Grund entwickelt, der mich noch hier im Dorf bei der Familie gehalten hatte. Meine Angst hatte mich lange Zeit gezwungen, in diesem Dorf zu bleiben.

Heute gehe ich. Ich gehe freiwillig. Ich will heute gehen. Diese Freiwilligkeit ist anders, als meine Freiwilligkeit, mit der ich, vor etwa einem Jahr, zu Vater und Stiefmutter gekommen war. Ich meine, es ist eine sehr klare Freiwilligkeit. Denn im zurückliegenden Jahr habe ich Vater und Stiefmutter kennen gelernt. Nur deshalb entscheide ich mich heute für diese Flucht. Für mein Kommen, vor einem Jahr, hatte ich mich entschieden, ohne beide richtig zu kennen.

Tourist bin ich also sicherlich nicht. Vielleicht bin ich Sucher. Ich hatte hier nach einer Heimat und nach meiner Familie gesucht. Die Suche beende ich heute. War ich erfolglos? Ich fand meine Familie, aber sie wurde mir keine Heimat, sie war ganz anders, als ich es erwartet hatte. Sie war unerträglich.

Meine Schritte werden jetzt langsamer. Ich komme an der alten Dorfschule vorbei. Sehe ich sie heute das letzte Mal? Dann war gestern der letzte Tag, an dem ich sie besucht hatte. Vor der Mauer rings um die Schule bleibe ich stehen. Der steile Anstieg der Dorfstraße liegt jetzt hinter mir. Die Dorfstraße ist hier flach. Ich schaue über die Mauer. Dort sehe ich den gepflasterten Schulhof, in dessen Mitte das graue, hohe Schulhaus steht.

Warum stehe ich jetzt hier und schaue? Vor Minuten war ich noch beinahe panisch am Dorfplatz vorbei gerannt.

Meine Schule ist das größte Haus im Dorf. Es hat drei Stockwerke. Ganz oben, unter dem spitzen Dach ist ein Speicher. Allerlei Gerümpel liegt da herum. Mit meinem Lehrer war ich einmal dort gewesen. Verstaubte, riesige Landkarten hatten Matthias und ich vom Speicher hinunter getragen. Der Lehrer hatte sie im Klassenzimmer an die Wand gehängt. Er hatte uns genau erklärt, wo auf der Landkarte Deutschland liegt und wo wir in Deutschland unser winziges Dorf finden. Leider hatte mich das an dem Tag nicht besonders interessiert.

Erst heute vor dem alten Dorfschulhaus spüre ich, dass ich die Dorfschule gerne besucht hatte. Nicht nur deshalb, weil dort weder Vater noch Stiefmutter waren, sondern auch, weil der Lehrer damals erklärt hatte, wo wir hier in Deutschland leben. Wenn mich das an diesem Vormittag auch nicht interessiert hatte, so weiß ich deshalb doch, dass man auf der Landkarte auch den Ort finden kann, in dem ich lange Zeit gelebt hatte, bevor ich zu Vater und Stiefmutter hierher nach Baden Württemberg gekommen war. Ich glaube, diesen Ort, dieses Dorf hier werde ich mir noch lange merken. Wichtig ist der Ort, weil es der Platz ist, an dem ich dieses Jahr beim Vater gelebt hatte. Ich glaube einen Ort, in dem man lebte, wie ich hier bis heute beim Vater gelebt habe, so einen Ort vergisst man nie.

Weil hier im Dorf meine Familie war, weil ich bei meiner Familie gewesen war, zusammen mit meinen Geschwistern, weil wir hier alle zusammen gelebt hatten, wird der Ort wichtig bleiben für mich. Das spüre ich jetzt schon, wo ich nicht einmal eine Viertelstunde aus dem Haus des Vaters bin.

Schon jetzt ist in meinem Kopf das, was in diesem Ort gewesen war, zu etwas geworden, das vergangen ist. Schon jetzt beginnt die Erinnerung. Schon jetzt ist das Vergangenheit, worin ich noch vor einer halben Stunde mit Haut und Haaren gesteckt hatte. Warum spüre ich das jetzt schon? Habe ich hier etwas zu verlieren? Bin ich gerade dabei, hier in diesem Ort etwas Wichtiges zu früh aufzugeben? Ist es etwas, das ich nicht schon jetzt, heute, der Vergangenheit geben möchte? Was ist das, was mich jetzt so wehmütig macht?

Ich glaube es ist die Trauer um meine Familie, die ich in diesem Ort nicht finden konnte und die ich heute der Vergangenheit übergebe. Jetzt, in diesen Sekunden schon, spüre ich Trauer wegen der ich hier minutenlang am Dorfschulhaus stehen bleibe. Jetzt schon beginnt der schmerzliche Abschied, wo ich das Dorf meiner Suche noch nicht einmal ganz verlassen habe.

Ich spüre Schmerzen, obwohl der Vater nicht seinen Gürtel auf meinem Rücken und Hintern spielen lässt. Mein Schmerz kommt von innen. Er steigt langsam in mir auf. Es wird schmerzhafter, je länger ich hier stehe und denke, wie ich denke. Weil ich mein Denken nicht abschalten kann, spüre ich immer mehr Abschiedsschmerz. Es ist meine Trauer über das nicht Gefundene in diesem Ort. Jetzt werden meine Augen nass und ich erkenne mein Schulhaus nur noch schwer. Das alte Dorfschulhaus verschwimmt. An einem dünnen Baumstamm neben der Schulhofmauer, halte ich mich fest, denn ich glaube, ich könnte jetzt umkippen. Mein Herz rast, ich atme tief. Möchte ich doch noch länger hier bleiben?

Nein!

Ich kann jetzt nicht so weiter denken, ich muss aufhören mit dieser frühen Traurigkeit. Sie kommt zu früh, viel zu früh. Jetzt und heute ist der Vater noch sehr dicht hinter mir her. Ich bin noch lange nicht weit genug weg. Ich kann geschnappt und zurückgebracht werden. Mein Leben beim Vater in diesem Dorf ist heute noch nicht meine Vergangenheit. Was in diesem Dorf gestern für mich gewesen war, ist immer noch heute. So muss ich denken! Ich darf lange noch nicht wehmütig träumen. Ich darf lange noch nicht Schmerzen zulassen, wegen meiner Vergangenheit und Familie in diesem Dorf. Es ist noch nicht vergangen. Meine heutige Flucht muss erst noch gelingen.

Es ist gefährlich und sehr leichtsinnig von mir, so lange vor meinem Schulhaus zu stehen. Meine Gedanken und Gefühle vor der Dorfschule hätten mich vielleicht vor einer halben Stunde, in meinem warmen Bett liegen lassen. Vielleicht hätte ich so meinen Fluchtplan ins Wanken gebracht. Hätte ich schon vor eine halben Stunde im Haus des Vaters gespürt und gedacht, was ich jetzt hier vor dem Schulhof spüre und denke, vielleicht wäre dann der nicht umkehrbare Gedanke an meine heutige Flucht zusammengebrochen. Bestimmt wäre ich im warmen Bett im Haus des Vaters liegen geblieben.

Vielleicht hätte ich über diese Minuten, diese Schritte, vorbei am Laden von Frau Maier, dem Dorfplatz, der Dorfkneipe, der Dorfschule, viel genauer nachzudenken gehabt. Vielleicht habe ich noch nicht genug nachgedacht! Vielleicht bin ich doch noch zu klein, um so einen Schritt zu tun. Wie lange muss ein Kind nachdenken, um zu tun was ich heute tue? Wie viele Stunden, Tage, Wochen, Monate müssen es sein? Vielleicht wären Jahre nötig.

Ein ganzes Jahr bin ich beim Vater. Reicht das? Ich weiß es nicht. Vielleicht denke ich zu kurz, zu wenig, zu wenig genau. Warum glaube ich, schon nach einem Jahr, ich hätte genug darüber nachgedacht?

Wahrscheinlich ist alles völlig normal beim Vater und bei der Stiefmutter. Und überhaupt, wie ist das mit den Stiefmüttern? Warum werden sie immer schlecht gemacht, im Märchen wie in Wahrheit? Ich glaube, dass ich Stiefmütter nicht schlecht machen will. Ich glaube ich kann das gar nicht. Ich bin zu klein, um so etwas zu tun. Aber ich weiß, dass diese meine Stiefmutter wirklich schlecht ist. Ich habe das ein Jahr lang erlebt und täglich gespürt.

Obwohl ich nur diese eine, meine schlechte Stiefmutter kenne, denke ich, dass Stiefmütter in Wahrheit gute Mütter sind. Wahrscheinlich gibt es gar keine schlechten Mütter. Denn richtige Mütter und Stiefmütter wollen ihren Kindern Mütter oder Stiefmütter sein, schon deshalb tun sie sicherlich nicht absichtlich Böses.

Bei uns zu Hause ist das, glaube ich, etwas anderes. Ich glaube, dass die Stiefmutter uns gar keine Mutter sein will. Ich glaube sie will nicht mit uns zusammenleben. Deshalb ist sie so, wie sie ist. Sie ist unerträglich. Sie hasst uns. Im Haus des Vaters spüre ich den Hass der Stiefmutter täglich. Nur wer mich hasst, kann mich ansehen wie diese Stiefmutter. Es kann nur Hass sein, der diese Stiefmutter dazu brachte, auf mir herumzutrampeln, wie sie es täglich getan hatte.

Ich glaube das. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es nicht vielleicht normal ist. Vielleicht ist es einfach das normale Leben, das ich noch zu wenig kenne. Vielleicht muss es so sein, wie es hier ist, wenn man ein Kind ist. Vielleicht ist es normal so, wie ich es im Haus des Vaters täglich erlebe. Das alles ist vielleicht nicht so schlimm, wie ich es finde. Die schmerzlichen Schläge, das Schreien, das Weinen, es gehört täglich dazu, zu meinem Kinderleben.

Ich will es aber anders! Aber was soll das? Was du willst, ist nicht das Leben! Warum willst du das anders? Warum läufst du heute davon? Das geht nicht Freundchen! Hiergeblieben Kleiner! Jetzt habe ich wieder im Ohr, wie die Stiefmutter schreit:

„Du warts’t jetzt in dei’m Zimmer bis Abends dei Vadder kummt! Der wird’s da scho zoing!“

Das ist mein Kinderleben. Es ist nicht schlimm! Es gibt viel Schlimmeres! Was willst du denn? Dir geht es doch nicht schlecht! Millionen Kindern geht es viel schlechter! Die Welt ist riesig, das hatte ich auf den Landkarten in der Dorfschule gesehen. Da muss es unzählige Kinder geben, denen es viel dreckiger geht als mir.

Was jammerst du also so? Warum morgens um Fünf auf die Dorfstraße? Warum Flucht, wo es noch viel, viel Grauenvolleres gibt als diese Stiefmutter und mein Leben beim Vater?

Nein!

Das alles mag stimmen, aber daran zu denken darf jetzt nicht sein! Es darf nicht länger so bleiben, dass ich jeden Tag, den ich bei Vater und Stiefmutter lebe, daran denke und arbeite, an einem Tag wie heute zu fliehen. Dieser Tag ist nach einem Jahr gekommen. Der Tag ist heute. Ich darf nicht denken, dass ich doch noch bleiben sollte. Das hätte keinen Sinn, denn ich würde, wenn ich bliebe nur wieder ständig an die Flucht denken. Der Tag ist wirklich heute! So muss ich denken! Der Tag heute ist gut, es ist der beste Tag für meine Flucht. So denke ich ab jetzt!

5. Unser Versteck

Von der Dorfschule laufe ich jetzt schnell weiter. Aber schon nach wenigen Schritten bleibe ich wieder stehen. Ich sehe hinüber zu unserem Versteck. Es liegt hinter dem alten Gemäuer. Es ist eine alte Scheune. Sie liegt zwischen dem stillgelegten Freibad und dem Schulhaus. Vielleicht werde ich mich nie mehr dort oben auf dem morschen Dachboden, zwischen einem Haufen alter Bretter und vergessenen Strohballen verstecken. Langsam gehe ich weiter, fast normal gehe ich, gemächlich. Doch ich kann nicht munter pfeifen. Ich mache hier keinen Spaziergang. Ich sehe über die Backsteinmauer zur verlassenen Scheune. Gerne würde ich mich da oben hineinlegen und noch etwas schlafen. Nach der kurzen Anstrengung die Dorfstraße hinauf, bin ich jetzt sehr müde.

Die Scheune ist ein Platz den ich vermissen werde. Um die Scheune hatten wir Geschwister viel gespielt. Vor der Scheune hatten wir uns nachmittags oft mit anderen Kindern aus dem Dorf getroffen. Oben in der Scheune hatten wir uns vor der lärmenden Stiefmutter versteckt, wenn wir es mussten. Das mussten wir oft. Unser Versteck in der Scheune hatten wir vor der Stiefmutter geheim gehalten. Weil sie das Versteck nicht gekannt hatte, fühlten wir uns dort vor ihr sicher. Da hatten wir unsere gestohlenen Kaugummis gelagert, weil sie Zuhause zu schnell entdeckt worden wären.

Zuhause gibt es keinen Platz, den die Stiefmutter oder der Vater nicht regelmäßig durchstöbern. Misstrauisch durchsucht die Stiefmutter alle Schränke im Kinderzimmer, sie sucht unter unseren Matratzen. Was sie dort sucht, weiß ich nicht. Ihr traut keines meiner Geschwister, auch ich misstraue ihr. Deshalb ist es viel zu gefährlich Kaugummis in den Hosentaschen zu lassen. Die Stiefmutter würde sie sicherlich finden. Sie würde uns nicht einmal fragen, ob sie gestohlen sind. Stattdessen schlägt sie sofort zu. Wir bekommen kein Taschengeld, deshalb können wir nichts kaufen und deshalb ist klar, dass Kaugummis in unseren Hosentaschen gestohlen sein müssen.

Oben in der hohen Scheune hatte ich mit Christian zusammen meine ersten Zigaretten geraucht. Auch die waren gestohlen. Wo Christian sie gestohlen hatte, weiß ich nicht. Wenn wir nachmittags geraucht hatten, durfte die Stiefmutter davon niemals erfahren. Für uns hätte das eine unvorstellbare Katastrophe bedeutet. Trotzdem waren wir oft in unserem Versteck gewesen um dort zu rauchen. Wegen des Geruchs in unseren Mündern hatten wir auch die gestohlenen Kaugummis gebraucht.

Von der Scheune aus hatten wir beinahe jeden Nachmittag unser Schulhaus genau beobachtet. Dabei rauchten wir die Zigaretten. Unser Blick war täglich von da oben hinüber gewandert, über die große Wiese und den Schulhof, bis hinein in die helle Turnhalle. Dort übte nachmittags eine Kindertheatergruppe. Ich hatte keine Lust mitzuspielen. Die Nachmittage verbrachte ich lieber in der Scheune. Ich brauchte die paar wenigen Stunden. Ich brauchte die kurze Zeit und die Ruhe um unbeobachtet von der Stiefmutter zu sein.

Von der Scheune aus hatten wir auch die Bibelgruppe oft beobachtet. Nachmittags um drei Uhr hatte sie sich immer getroffen. Singende Kinder im Stuhlkreis waren in einem großen, hellen Klassenzimmer mit hohen Fenstern versammelt. Zwei Gruppenleiter hatten mit ihnen gesungen und gespielt. Nur einmal hatten Matthias und ich dort mitgesungen, es war in den ersten Wochen nachdem wir in das Dorf gezogen waren.

Wir hatten die Stiefmutter erst zwei Monate zuvor kennen gelernt und wir hatten ihr noch ein wenig vertraut. Deshalb hatten wir abends einfach von der spielenden Kindergruppe erzählt. Wir waren begeistert gewesen von den Kindern, die wir im Stuhlkreis kennen gelernt hatten. Die Gruppenleiter, das Spielen und das Singen im Kreis hatte uns Spaß gemacht.

Ich glaube, die Stiefmutter und der Vater hatten das nicht recht verstanden. Warum sonst hätten wir nicht mehr hingehen dürfen, wo es uns so gut gefallen hatte, wo wir Spaß hatten, wo wir Kinder aus unserem neuen Dorf kennen gelernt hatten? Das kann nicht der Grund gewesen sein, warum uns die Stiefmutter diese Gruppe einfach verboten hatte. Die Stiefmutter hatte keinen Grund genannt, auch der Vater nicht. Warum wir nicht wieder dort hin gehen durften, verstehe ich heute immer noch nicht. Zuhause hatten wir nie mehr über diese Gruppe gesprochen.

Ich fand das nicht so schlimm, denn ich hatte ja unser Versteck in der Scheune gefunden. Ich gewöhnte mich schnell an diesen Platz. Oft hatte ich mich dort auch alleine aufgehalten, wenn Christian im Konfirmandenunterricht war. In der Scheune hatte ich Zeit zu beobachten, was rund um die Dorfschule geschah.

Das Wichtigere aber war, dass ich in ihr die Ruhe gefunden hatte, um nachzudenken. Im Versteck in der Scheune hatte ich zum ersten Mal gespürt, dass ich die Aufgabe hatte, über mein Kinderleben nachzudenken. Ich hatte da oben zwischen den alten Strohballen die Ruhe gefunden, Gedanken zuzulassen, die im Laufe der Monate von selbst gekommen waren. Die sagten mir, dass etwas geschehen müsse. Dort oben zwischen den Strohballen hatte ich begonnen, den Fluchtplan des heutigen Tages zu schmieden.

Der Gedanke an die heutige Flucht war nicht sofort da gewesen. Der Gedanke war sehr langsam entstanden, er entwickelte sich über viele Tage, Wochen, Monate.

Wie war der Nachmittag in der alten Scheune gewesen, woran hatte ich an diesem Nachmittag gedacht, damit der Fluchtplan im meinem Kopf langsam in Gang kommen konnte? Wie kam die Idee langsam in meinen Kopf hinein, dass ich heute das Haus von Vater und Stiefmutter verlassen würde?

An diesem Nachmittag sitze ich oben in der Scheune auf einem alten Holzbrett, das rechts und links auf zwei Strohballen lagert. Ich sitze angelehnt an einer Bretterwand. Es ist November. In der Scheune ist es eisig kalt. Ich friere noch nicht, denn ich sitze noch nicht lange dort. Unten sehe ich das alte Schwimmbecken. Obwohl es so eisig kalt ist, denke ich daran, wie schön es wäre, in dieser Scheune zu wohnen.

Das alte Freibad vor der Scheune ist zugefroren. Ich könnte, wenn ich hier wohnte, jeden Tag darauf Schlittschuhlaufen. Wenn ich Schlittschuhe hätte, wäre das die Gelegenheit, um das Eislaufen so gut zu lernen, wie es die Kinder in meiner alten Schule beherrscht hatten. Ich könnte jeden Tag so lange üben, wie ich dazu Lust hätte. Es würden keine Kinder am Rand stehen, die sich lustig machten, wenn ich mal stürzte. Es wäre eine tolle Sache, denn hier könnte ich das Schlittschuhlaufen so gut lernen, dass ich in dem Eisstadion, in dem oberbayerischen Gebirgsort, wo meine alte Schule liegt, wieder auftauchen könnte. Dann könnte ich sogar in der Eishockeymannschaft mitspielen. Die übliche Show, die wir in dem Gebirgsort auf dem Eisplatz wegen der Mädchen abgezogen hatten, könnte ich mir hier, vor meiner Scheune, sparen weil ja keine Mädchen da wären. Hier könnte ich in Ruhe so lange das Eislaufen üben, bis ich so gut Eislaufen kann, dass ich den Mädchen überhaupt nichts mehr vorzumachen brauchte. Die würden schon von selbst sehen, dass ich auch so ein toller Schlittschuhläufer geworden bin, wie die anderen Kinder in meiner alten Schulklasse.

Ich glaube, so hatte es begonnen, mit meinen Gedanken in der Scheune. Jeden Tag war etwas mehr dazugekommen. Mein Denken entfernte sich so mit jedem Tag ein Stück mehr von diesem Dorf.

Vater und Stiefmutter erlauben mir nicht, Schlittschuh zu laufen. Das gibt es bei denen nicht. Das Geld dafür fehlt. Schlittschuhe kosten zu viel. Jeden Tag arbeitet der Vater zwar lange in der Fabrik, aber ich glaube, trotz seiner schweren Fabrikarbeit, verdient er fast nichts. Es reicht gerade für Essen, Trinken, Kleidung und unser altes Haus. Ich glaube, wir vier Kinder sind zu teuer für das wenige Geld, das der Vater in der Fabrik verdient. Die Stiefmutter hat kein Geld. Sie verdient nichts. Sie ist jeden Tag zu Hause.

6. Aus dem Dorf

Ich löse meinen Blick von der alten Scheune. Ich tue es ungern, aber es muss sein. Ich muss weiter fort von hier. Meine Schritte höre ich. Sie werden schneller. Die Schuhe sind immer noch nicht gebunden. Ich höre die offenen Schuhbänder, sie klackern wieder.

Rechts kommt jetzt schon die Raiffeisensparkasse. Gegenüber liegt das Haus, in dem Peter wohnt. Peter ist ein Spielkamerad. Seine Eltern sind Bauern. Sie stellen eigenen Apfelsaft her, den sie uns anbieten, wenn wir Peter besuchen. Rund um die Scheune und im Garten von Peter hatten wir oft getobt, wir spielten Fangen und Verstecken. Viele Nachmittage hatten wir bei Peter verbracht. Zu seinem Geburtstag hatte er von seinen Eltern ein richtiges Indianerzelt geschenkt bekommen. Beim Cowboy-und-Indianerspiel hatten wir viel Spaß mit Peter.

Für uns ist Peter ein toller Spielkamerad. Er hat Spielsachen, von denen wir nur träumen. Seine Eltern freuen sich, wenn meine Geschwister und ich zu Besuch kommen. Die Stiefmutter und der Vater wissen davon nichts. Zu Hause erzählen wir fast nichts mehr. Sicherlich würden sie uns unseren Freund Peter verbieten, genauso wie die Bibelgruppe.

Ich glaube, Peter geht es gut. Sein Vater arbeitet auch sehr viel und sehr lange, jeden Tag. Aber er schreit nicht so viel und schlägt nicht so wie meiner. Ich glaube, er spricht viel mit Peter. Einmal hatte ich sie miteinander reden hören. Das Wetter war sehr schlecht und Peters Vater war deshalb schon früh von der Feldarbeit nach Hause gekommen. Peters Vater hatte gesagt: „Hallo Peter! War’s schön heute in der Schule?“ Ich hatte meine Jacke übergezogen und war schon durch die Haustür hinaus, als ich Peters Vater noch fragen hörte: „Wie wär’s, wenn wir nachher eine Runde Karten spielen?“ Peter hatte gelacht und etwas geantwortet, das ich nicht mehr verstand, weil die Haustür bereits zugefallen war.

Solche Worte spricht mein Vater abends nicht. Er spricht mit der Stiefmutter. Sie erzählt ihm alles. Sie erzählt dem Vater, was wir Geschwister tagsüber wieder alles schlecht gemacht hatten. Sie erzählt dem Vater abends immer so schlechte Sachen von uns, dass der Vater mit einem oder zweien von uns ins Kinderzimmer geht, dort seinen Gürtel aus der Hose löst und auf uns einschlägt.

Endlich verlasse ich jetzt unser Dorf. Die Glocke der Dorfkirche schlägt einmal. Es ist also Viertel nach fünf Uhr. Die Dorfstraße verläuft nun in einem weiten Bogen nach links. Sie führt leicht bergab und stößt in Sichtweite auf die breite Landstraße. Die führt auf einen kleinen Hügel und durch einen Wald. Da muss ich so schnell wie möglich hin, denn dort kann ich die Landstraße wieder verlassen. Es gibt einen schmalen Waldweg, der nach rechts abgeht. Auf ihm sind Autos verboten, der Vater darf dort mit seinem Käfer nicht fahren.

Auf der Landstraße kann jederzeit ein Auto vorbeikommen. Wenn mich da ein Autofahrer sieht um diese Uhrzeit, ich glaube, das könnte sehr gefährlich für mich werden. Ich glaube, ein Erwachsener hinter einem Lenkrad, um diese frühe Tageszeit auf der Landstraße, würde wegen mir anhalten. Es müsste nicht einmal der Vater sein. Ein Zehnjähriger hat um diese Zeit nichts auf der Landstraße zu suchen, zumindest nicht allein, wie ich es bin. Das könnte das Ende sein.

Weil ich weiß, dass ich etwas tue, das Erwachsene deshalb aufmerksam macht, weil es verboten ist, fange ich schon wieder an zu zittern. Deshalb renne ich jetzt. Jetzt ist es mir egal, denn die Häuser des Dorfes liegen hinter mir. Bauernhäuser durch deren Fenster ich vielleicht beobachtet werde, sehe ich jetzt nicht mehr. Links und rechts sehe ich Wiesen, Bäume und Felder. Meine Schuhbänder schlagen ganz wild gegen meine Hose und die Schuhe. Ich achte jetzt sehr darauf, denn ich will nicht stolpern.

Das Ortsendeschild liegt hinter mir. Es muss hinter mir liegen, ich muss es wegen meiner offenen Schuhbänder übersehen haben. Jetzt ist es vorbei mit meinem Dorf. Vielleicht komme ich nicht wieder zurück. Vielleicht sehe ich unser altes Bauernhaus mit den schiefen Wänden nie wieder. Das ist unvorstellbar.

II. Unterwegs zur Stadt – 1. Am Waldrand

In meinem Kopf erscheint jetzt ein Bild. Ich erkenne mich in unserem alten Haus. In unserem Schlafzimmer ist es eiskalt. Es gibt dort keine Heizung. An den schiefen, grauen Wänden sehe ich die vielen Risse. Der Putz an der Decke ist brüchig. Ich werde den knarrenden Holzboden in dem Zimmer nie vergessen. Ich erkenne ihn ganz dicht vor meinen Augen. Ich sehe Tausende kleiner Risse in dem abgewetzten braunen Holz. Ich sehe kleine Staubfusseln, Haare und winzige Körnchen, die sich in den winzigen Ritzen des Holzbodens festkrallen. Mein Kopf hängt nur Zentimeter über diesem Boden. Bei jedem Schlag hebe ich ihn leicht an und sehe dann die gleichen Haare, die gleichen, feinen Körnchen, die gleichen Fussel auf dem rissigen Boden. Nach drei schnellen Schlägen sehe ich die Härchen, Staubkörnchen und Fussel kurz kleiner werden, dann werden sie sofort wieder größer. Jetzt, nach dem fünften heftigen Schlag, verschwimmen sie. Bei jedem Schlag hebe ich weiterhin den Kopf, aber ich erkenne jetzt kein einziges Haar oder Körnchen mehr. Ich sehe nur noch etwas Verschwommenes, etwas Braunes. Es ist der Zimmerfußboden.

Jetzt darf ich wieder aufstehen von dem Stuhl, auf dem ich liege. Tränen spüre ich in meinem Gesicht, sie laufen über meine Backen, erreichen meine Lippen. Sie schmecken salzig. Ich erkenne die Umrisse des Vaters vor mir. Er hat den Gürtel schon wieder in seiner Hose. Er zieht ihn und die Hose noch einmal zurecht. Sein Gesicht kann ich nicht erkennen, denn meinen Kopf lasse ich herunter hängen. Jetzt dreht sich der Vater um. Ich sehe seine dunkelbraune Cordhose, in der sein brauner Ledergürtel steckt. Er geht zur Tür, hinaus auf den Korridor.

Jetzt sehe das Zimmer, den braunen Boden, den grünen Stuhl, das weiße, dicke Bettzeug auf unseren drei Betten. Sie stehen nebeneinander aufgereiht. Ich glaube, es ist nicht möglich, das zu vergessen.

Ich muss ganz schnell da oben am Waldrand sein. Ich renne auf dieser gefährlichen Landstraße. Ich höre kein Motorengeräusch. Kein Auto nähert sich. Plötzlich höre ich ein lautes Geräusch! Es ist kein lauter Motor. Es kommt aus dem Wald. Es ist ein lautes Schreien. Regungslos stehe ich am Straßenrand. Ich denke nichts. Ich denke nicht daran, schnell weiter zu laufen. Ich denke nicht an den Vater und die Stiefmutter, vor denen ich fliehe. Sekundenlang kann ich gar nicht denken. Erschrocken stehe ich am Straßenrand. Ich kenne dieses laute Geräusch nicht. Es war laut und heftig, es kam aus dem nahen Wald. Da ist es schon wieder! Laut, es ist ein Schreien aus dem Wald. Ich höre sogar ein Echo. Ich darf hier nicht stehen! Jetzt gehe ich langsam wieder los. Mein Erschrecken löst sich auf. Jetzt kommt schnelles Herzklopfen, Zittern und Schwitzen. Ich kann wieder denken, deshalb kann ich jetzt wieder laufen. Schneller und schneller werde ich. Es muss mir egal sein, welches Geräusch da aus dem Wald kommt. Ich darf mich von meiner Angst, weil ich das nicht kenne, nicht aufhalten lassen. Ich muss weg von dieser gefährlichen Straße, weil jederzeit ein Wagen hier fahren kann. Mein Denken ist wieder da, das hilft mir dabei, noch etwas schneller zu werden. Wieder höre ich die Schreie aus dem Wald. Aber jetzt laufe ich weiter. Ich erschrecke nicht mehr. Ein Wildschwein muss es sein! Jawohl! Das ist es, das ist die Erklärung. Das Wildschwein hat mit mir nichts zu tun, es will nichts von mir, es will mir nichts Böses. Ich darf hier auf der Straße schnell weiterrennen. Das Wildschwein im Wald meint nicht mich mit seinen lauten Schreien. Es soll mich nicht von meinem Weg abbringen. Gut, dass mir einfällt, dass es ein Wildschwein ist, das da schreit.

Endlich erreiche ich den Waldweg. Aus dem Wald steigt Nebel auf. Das Wetter ist heute sehr klar. Noch ist es kühl, aber ich glaube, wenn ich hinter dem Wald wieder herauskomme, muss die Sonne schon zu sehen sein und dann wird es wärmer werden.

Meine Schuhe sind jetzt sehr weit geöffnet. Sie halten nicht mehr fest an meinen Füßen, sie hängen wie Schlappen an ihnen. Ich könnte schneller laufen, wenn sie gebunden wären. Aber ich will es noch nicht riskieren. Lieber noch nicht, lieber erst, wenn ich auf dem Waldweg ein Stück vorwärts gekommen bin. Die Landstraße ist immer noch sehr gefährlich, ein Autofahrer könnte mich von ihr aus noch sehen.

Mir ist sehr warm, obwohl die Luft kühl ist. Ich schwitze. Soll ich die Jacke wieder ausziehen? Nein, lieber nicht! Das mache ich auch erst, wenn ich von der Straße weit genug weg bin.

Das erste Ziel habe ich jetzt erreicht. Auf diesem Waldweg bin ich schon sicher. Kann ich mich hier schon sicher fühlen? Ist er wirklich bereits ein erstes Ziel? Was ist eigentlich mein Ziel? Was wünsche ich mir überhaupt? Ist es ein schönes Kinderleben? Ich glaube nein. Ich glaube, ich möchte nur einen erträglichen Platz für mein Leben finden. Ein erträgliches Kinderleben würde mir reichen. So wie ich es mir in der Scheune ausgemalt hatte. Das könnte mein Wunsch sein.

In der Scheune hatte ich mir einen Rahmen ausgemalt, in dem ich in Ruhe gelassen werde. Ein Rahmen ohne Angst davor, dass ein Erwachsener wie die Stiefmutter kommt. Ohne Angst vor dem Vater, der es uns wieder zeigen soll. Ohne meine ständige Angst und ohne das Schlagen, so wäre es erträglich, Kind zu sein. Das würde mir schon reichen, das wäre schön. Ein schönes Kinderleben. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Vielleicht suche ich das Gegenteil, von meiner jetzigen Welt. Nein. Nicht das Gegenteil, ich glaube ich suche einfach nur einen anderen Teil meiner jetzigen Welt.

Meine jetzige Welt ist eine Welt mit einem Kleinen, in einem kleinen Dorf, bei Stiefmutter und Vater. Die Stiefmutter und der Vater denken, dass ich, der Kleine nur diese winzige Welt, in der sie mich halten, brauche. Sie reicht mir, denken sie. Sie fragen sich: Was soll ein Kleiner schon brauchen? Es ist doch nur ein Kleiner, der nichts anderes kennt als die kleine Welt in seinem Dorf. Und jetzt, wo er noch so klein ist, braucht er auch nichts Anderes.

Aber die Stiefmutter und der Vater wissen nicht, dass er kleine Träume hat. Er träumt in seinem Versteck in der alten Scheune, er träumt morgens auf dem Schulweg, während des Unterrichts, beim Mittagessen, am Tisch der Stiefmutter, auf dem Weg zum Zigarettenkaufen für die Stiefmutter. Der Kleine träumt auf dem Bürgersteig vor dem alten Haus, den er jeden Samstagvormittag mit dem Reisigbesen sauber fegt. Er träumt beim Kehren auf dem braunen Holzfußboden im Kinderzimmer, und manchmal träumt er sogar, während der Vater mit seinem braunen Ledergürtel zu einem kräftigen Schlag ausholt.

Lange Zeit kann sich der Kleine den Inhalt seiner vielen Träume nicht erklären. Er weiß nach den Träumen immer nur, dass er von einem anderen Leben geträumt hatte. Wie dieses Leben ist, das er da träumt, weiß er aber nicht. Er weiß nicht, ob er das, wovon er da träumt, in sein Denken einbeziehen darf. Eines Tages, der Kleine sitz oben in seinem Versteck in der kalten Scheune, merkt er, dass er immer bevor er mit dem Träumen beginnt, an etwas denkt, das bei Stiefmutter und Vater ganz schrecklich ist. Seit diesem Tag geht sein denken immer weiter hinein in die Träume. Eines Tages wird ihm so, in seiner Scheune klar, dass es nichts nützt, nur zu träumen. Tage später träumt der Kleine tagsüber nicht mehr. Anstatt zu träumen, denkt er. Er denkt über sein Leben bei der Stiefmutter nach. Er träumt nur noch nachts in seinem Bett, aber auch dort wird sein Träumen immer weniger. Bald träumt er auch nachts nicht mehr. Bald kann er kaum mehr schlafen, weder tags noch nachts, weil er so viel denkt. Zu sehr beschäftigt ihn sein Denken über sein Leben bei Stiefmutter und Vater.

Der Kleine hat aber kein klares Ziel vor Augen. Er weiß nur, dass etwas anders werden muss. Der Grund ist, dass es bei Stiefmutter und Vater so ist, wie es ist.

Eines Tages geschieht mit dem Kleinen etwas. Es ist der heutige Tag. Der Kleine macht sich auf den Weg. Er tut das, obwohl er überhaupt nicht genau weiß wohin ihn sein Weg führen wird. Der Kleine betritt einen unbekannten Weg, der ihn vielleicht in eine andere Welt führen wird. Er möchte zu einem Platz kommen, an dem es für ihn anders ist, als bei der Stiefmutter und dem Vater. Der Kleine tut heute etwas, das sich Stiefmutter und Vater nicht vorstellen können.

In meinem Kopf sehe ich jetzt noch ein anderes Bild von mir: Ich bin nicht mehr der Kleine. Ich stehe auf dem Gehsteig gegenüber unserem alten Haus. Nein, das bin ja gar nicht ich. Ich sehe doch ganz anders aus! Doch, ich glaube, ich bin es. Aber ich bin nicht mehr der, der ich heute bin. Ich bin nicht mehr der Kleine. Ich bin jemand anderer. Ich bin groß und erwachsen. In diesem Bild bin ich unser erwachsener Nachbar auf der anderen Straßenseite. Ich blicke hinüber, über die kleine Dorfstraße mit den schmutzigen Treckerspuren. Es ist Samstag und meinen Gehsteig habe ich heute Vormittag sauber gekehrt. Auf der Dorfstraße sieht also alles normal aus. Trotzdem bleibe ich kurz stehen, auf dem gekehrten Bürgersteig, denn ich habe gerade laute Schreie von Kindern gehört. Sie kamen aus dem Haus gegenüber. Von dort habe ich schon oft diese lauten Kinderschreie gehört, täglich. Ich höre Weinen, Röcheln, dann Schluchzen, dann wieder lautes Schreien. Ich gehe weiter auf dem gefegten Bürgersteig. Nach links will ich, die Dorfstraße hinauf. Ich will in die Dorfkneipe. Ich will zu meinem Stammtisch, dort will ich ein Bier trinken. Die Kinderschreie höre ich jetzt nicht mehr, zu weit bin ich schon von dem Haus entfernt. Ich habe mir diese Schreie nicht eingebildet. Sie gehören zu meinem Alltag in meinem Dorf. Sie gehören dazu, wie das Schlagen der Kirchturmuhr. Trotzdem kommt es manchmal vor, dass ich wegen dieser Schreie auf dem Bürgersteig stehen bleibe. Dann frage ich mich kurz: warum wegen etwas Alltäglichem auf dem Bürgersteig stehen bleiben? Dann gehe ich weiter und denke: Es gibt einen Grund für diese Schreie, und weil es diesen Grund gibt, habe ich keinen Grund auf dem Bürgersteig wegen der Schreie stehen zu bleiben. Böse Kinder! Freche Kinder! Genau das ist es! Es sind freche Kinder, die ich da täglich schreien höre. Zucht und Ordnung braucht mein Land, braucht mein Dorf! Genauso denke ich. Deshalb ist alles in Ordnung in meinem Dorf. Deshalb höre ich jeden Tag diese Kinderschreie. Ich betrete meine Kneipe und setze mich an den Tresen. Das Fernsehen sendet heute die Fußballweltmeisterschaft. Ich bestelle beim Wirt ein Bier und blicke gebannt auf den Fernsehbildschirm über dem Tresen. Hoffentlich wird die deutsche Mannschaft Fußballweltmeister. Daran denke ich, darüber rede ich in meiner Kneipe, das ist Thema in meinem Dorf.

2. Auf dem Schotterweg

Lautes Knirschen. Es ist ein schmaler Schotterweg auf dem ich jetzt gehe. Meine Schuhe, immer noch nicht gebunden, schleifen wie Schlappen über diesen hellen Schotter. Jetzt ist es Zeit, die Schuhe zu binden. Ich bleibe stehen. Ich bücke mich. Ich höre auf meinen tiefen Atem. Ich atme schnell, fast hastig. Meine Luftzüge sind lang und tief. Sie sind unregelmäßig. Jetzt werden sie schnell und kurz.

Ich spüre den Schweiß auf meinen Armen. Er läuft an ihnen hinunter. Es ist viel Schweiß. Er läuft bis zu meinen Händen hinunter, mit denen ich die Schuhbänder zusammenbinde. Meine feuchten Hände fummeln hastig, nervös an den braunen Schuhbändern herum. Es will mir nicht gelingen, den rechten Schuh zu binden. Jetzt wird es ein Knoten. Ich drehe mich um, ich sehe nach hinten. Da sehe ich den menschenleeren Schotterweg. Es verfolgt mich niemand. Also setze ich mich auf den hellen Schotter. Der Knoten muss wieder weg. Es muss eine feste Schleife werden. Ich sitze, schaue noch mal auf den zurückliegenden Weg. Der bleibt menschenleer. Ich pule den Knoten auf. Alles ist feucht von meinem Schweiß. Endlich löst sich das feuchte Schuhband. Ich zittere und schwitze. Ich muss mich zusammennehmen. Ich versuche es, und konzentriere mich auf meine Hände. Jetzt werden die Hände etwas ruhiger. Sie zittern schwächer. Jetzt erinnere ich mich daran, wie ich vor Jahren, als ich noch ganz klein war, das Schuhbinden gelernt hatte. Genauso, wie ich es damals im oberbayerischen Gebirgsort, mit fünf Jahren, gelernt hatte, will ich es jetzt versuchen. Ganz langsam wickle ich das Schuhband um meine dünnen, nervösen Finger. Genauso wie damals schnüre ich das Schuhband jetzt ganz langsam zusammen. Ich erinnere mich daran, was mir eine Erzieherin damals gesagt hatte, nachdem sie mir das Schuhbinden beigebracht hatte: „Nur keine Eile beim Schuhbinden. Mach die Schlaufe ganz langsam. Du kommst schon rechtzeitig hinaus zum Spielen. Du kannst gleich losrennen, nach draußen auf den Hof. Aber jetzt musst du noch ruhig sitzen und eine ordentliche, feste Schleife machen, sonst löst sich die Schleife gleich wieder und du kannst draußen nicht lange herumspringen, weil du deinen Schuh verlierst. Dann musst du mit der Schlaufe wieder neu anfangen. Oder es wird ein Knoten!“

Die Erzieherin im oberbayerischen Gebirgsort hatte Recht. Schuhbinden funktioniert nicht, wenn man dabei zappelig von einem Bein aufs andere springt oder zittert, wie ich es jetzt tue. Es funktioniert auch nicht, wenn man mit verschwitzten Händen aufgeregt an den Bändern fummelt und sich ständig umblickt ob ein Mensch sich nähert. Deshalb schaue ich jetzt genau auf das Schuhband. Meine Hände zittern kaum. Endlich schaffe ich es. Die beiden Schleifen sind gebunden.

Ich marschiere weiter. Jetzt höre ich die Vögel zwitschern. Vielleicht stehen sie gerade auf. Die Steinchen unter den Schuhen knirschen laut. Meine Schuhe schleifen nicht mehr. Wieder werde ich schneller und schneller. Ich bin ja noch nicht sehr weit weg von zu Hause. Es sind höchstens zwanzig Minuten, seit ich das alte Haus verlassen habe.

Ich kenne den schmalen Schotterweg nicht. Hier bin ich noch nie gegangen. Nur den Anfang dieses Weges in der Kurve an der Landstraße im Wald kenne ich. Ich hatte ihn schon oft gesehen, vom Autofenster aus. Oft waren wir Geschwister Samstagvormittags auf der Landstraße mit dem Vater im weißen Käfer unterwegs gewesen in die Stadt. Wir hatten Einkäufe für die Familie zu erledigen. Dieser Schotterweg hatte lange schon zu meinem geplanten Fluchtweg gehört.

Ich schaue jetzt noch mal zurück. Kein Mensch folgt mir. Die bekannte Landstraße liegt schon weit zurück. Die bekannten Wege sind nun vorbei. Mein schon viele Monate alter Fluchtplan beginnt jetzt, hier auf diesem Schotterweg, mit dem unbekannten Teil. Bis hier kenne ich die Landschaft genau. Jetzt kommen unbekannte Wiesen, Felder, Bäume, Sträucher, Wege. Jetzt tauche ich ein in das Unbekannte. Der Weg ist mir fremd.

Ich muss hier gehen. Auf der bekannten Landstraße ist es zu gefährlich. Ich kenne die Richtung zur Stadt. Ich glaube, wenn ich immer in diese Richtung gehe, muss die Stadt irgendwann vor mir auftauchen.

Als ich das erste Mal von Zuhause weggelaufen war, lief ich nicht allein wie heute. Matthias war mitgekommen. Nach der Schule waren wir nicht nach Hause gegangen. Es hatte Zeugnisse gegeben und unsere Noten waren sehr schlecht gewesen. Deshalb hatten wir viel Angst vor der Stiefmutter, an die ich vormittags in der Schule die ganze Zeit gedacht hatte. Ich hatte sie in meinem Kopf, ich sah sie, wie sie zu Hause auf uns und unsere schlechten Schulzeugnisse wartete. Auch an den Vater hatte ich vormittags ängstlich gedacht. Ich hatte ihn in meinem Kopf, ich sah, wie ihm abends die Stiefmutter unsere schlechten Zeugnisse zeigte. Ich hatte Angst vor Stiefmutters festen Ohrfeigen und vor ihrem Schreien: „Jetzt wirds dir dei Vadder scho zoing!“ In der Schulpause hatte ich mich mit Matthias auf der Toilette kurz abgesprochen. Wegen unserer Angst hatten wir entschieden, dass wir nach der Schule abhauen werden. Wir waren, genauso wie ich es gerade hinter mir habe, die Dorfstraße entlang bis zur breiten Landstraße gelaufen. Auf der waren wir geblieben, weil wir wussten, dass sie in die Stadt führt. Wir waren nicht in diesen Schotterweg abgebogen, denn wir hatten Angst davor, uns zu verlaufen. Damals hatten wir nicht gewagt zu tun, was ich heute tue. Einen unbekannten Weg zu betreten. So etwas zu tun hatten wir nicht in unseren Kinderköpfen.

Am Rand der Landstraße waren wir ungefähr zwei Stunden lang unterwegs gewesen. Immer wieder hatten sich vorbeifahrende Autofahrer nach uns umgesehen. Ich glaube wir fielen ihnen auf, weil wir unsere Schulranzen auf unseren Rücken getragen hatten. Zwei kleine Buben mit Schulranzen, nachmittags alleine auf der Landstraße, unterwegs Richtung Stadt! Ich hatte zwar die Blicke der unbekannten Käferfahrer hinter ihren Windschutzscheiben gesehen, trotzdem hatte ich nicht daran gedacht, dass auch der Vater dabei sein könnte. Ich hatte mich um die Männer in den Autos einfach nicht gekümmert. Ich hatte immer nach vorne geschaut, Richtung Stadt. Dabei hatte ich an die schlechten Schulnoten auf meinem Zeugnis in meinem hellbraunen Schulranzen auf meinem Rücken gedacht. Mein Bruder war seit zwei Stunden dicht hinter mir am Straßenrand gelaufen.

Plötzlich hatte auf der anderen Straßenseite ein weißer Käfer gehalten. Er war aus der Stadt gekommen. Ich erkannte sofort, wer da hinter dem Steuer saß.

Heute noch sehe ich den Vater vor mir, wie er am Straßenrand auf uns zukommt: Sein Gesicht ist verzerrt. Ich sehe viele Falten. Es ist Wut, die ich in seinem Gesicht erkenne. Der Vater knallt die Käfertüre kraftvoll zu. Er bleibt noch dicht am Käfer stehen, wegen dem Verkehr auf der Straße. Er dreht seinen schwarzhaarigen Kopf nach rechts und links um und sieht, dass noch ein Auto kommt. Er lässt das Auto vorbei und rennt, kaum dass es vorüber ist, über die Straße. Schnell kommt er auf mich zu. Seine gekämmten schwarzen Haare fliegen im Laufschritt auf und ab. Sein Schritt ist schnell und schwer. Er trägt wieder eine dunkelbraune Cordhose. Seine breiten Hosenbeine schlagen heftig gegeneinander. Seine großen, schwarzen Schuhe sehe ich jetzt. Seine Füße sind leicht nach außen gekehrt. So trampelt der Vater am Straßenrand schnell auf mich zu. Dicht vor mir bleibt er stehen. Der Vater ist riesengroß. Sein Faltiges Gesicht ist rot vor Wut.

Ich stehe erstarrt vor dem Vater. Keine Bewegung, kein Wort. Ich zittere und mir ist heiß. Mein Erschrecken vor dem Vater hört nicht auf. Ich kann nicht denken. Ich sehe den Vater am Straßenrand dicht vor mir. Jetzt reißt er seinen Mund weit auf. Er schreit mich an, aber ich höre nicht, was er sagt. In seinem Gesicht sehe ich seinen Zorn und seine Wut. Jetzt kommt er noch näher. Blitzschnell hebt er die große, rechte Hand. Ich bleibe immer noch wie erstarrt. Keine Bewegung. Ich bin versteinert. Vaters Hand trifft mein Ohr. Heftig kommt ein zweiter Schlag. Wieder trifft er mein Ohr. Jetzt kippe ich zur Seite. Ich gehe langsam zu Boden. Erst jetzt spüre ich den Schmerz. Mein Ohr ist ganz heiß. Jetzt höre ich ein Pfeifen. Ich falle nicht zu Boden. Ich stürze nicht in den Straßengraben. Vaters fester Griff hält mich am Handgelenk.

Meinen Bruder und mich zerrt der Vater über die Landstraße in seinen Wagen. Auf der Fahrt zurück ins Dorf zitterten wir auf der Rücksitzbank. Wir sprechen nichts. Der Vater spricht nicht mit uns. Die Situation ist eindeutig. Darüber wird nicht gesprochen.

Die Stiefmutter steht in der offenen Haustür. Sie trägt einen grünen Kittel. Der flattert ein wenig im leichten Wind. Der Vater zerrt uns, vorbei am Gartentürchen, über den kurzen Gartenweg zur Stiefmutter. Das Gesicht der Stiefmutter ist verzerrt. Ich sehe Wut und ihren Hass auf uns Kinder. Die Stiefmutter tritt einige Schritte zurück ins Haus. Auf dem dunklen Steinboden im Hauseingang sehe ich an ihren Füßen ihre braunen Pantoffeln. Ich sehe ihre dicken, nackten Beine die unter ihrem grünen Kittel hervorschauen. Sie tritt noch ein kleines Stück zurück damit der Vater die Haustür schließen kann. Sie bleibt vor unseren Kleiderhaken und Schuhen im dunklen Eingang stehen. Der Vater schiebt uns weiter durch die Haustür. Ich höre die Haustür. Sie fällt ins Schloss. Jetzt ist es ganz dunkel im Hauseingang. Die Stiefmutter tritt dicht an mich heran. Zwei Schläge ihrer kleinen, dicken Hand treffen mein Gesicht. Sie treffen meine Backen, meinen Mund, meine Nase, meine Augen. Im dunklen Hauseingang erkenne ich jetzt die Stiefmutter kaum mehr. Ich verstehe nicht, was sie so laut und wütend kreischt.

Die Stiefmutter ist an diesem Nachmittag sehr wütend. Sie zerrt uns die Holztreppe hinauf. Der Vater folgt ihr. Sie schleift uns vorbei an Esszimmer und Küche. Sie schiebt uns in unser kaltes Kinderzimmer. Jetzt sehe ich den Vater in der Kinderzimmertür. Stiefmutter und Vater schreien gleichzeitig ihre Wut auf uns Kinder heraus. Ich verstehe kein einziges Wort. Der Vater hält seinen Gürtel in der Hand.

An diesem Nachmittag war die Strafe doppelt hart gewesen. Es gab zwei Gründe. Wichtiger als unsere schlechten Schulzeugnisse war unser gemeinsamer Versuch, von zu Hause wegzulaufen. Die ersten Gürtelschläge gab es wegen dem Weglaufen, die letzten Schläge wegen unserer schlechten Zeugnisse.

Der Schotterweg geht jetzt über in einen schmalen Feldweg. Rechts und links vom Weg sind Felder. Ich glaube, es sind Maisfelder. Wie ich es mir dachte, ist nun die Sonne tatsächlich da. Ich trage meine Strickjacke auf meiner Schulter. Ich gehe langsam, beinahe gemächlich. Ich atme nicht mehr so hastig, eigentlich atme ich wie immer. Der Weg führt leicht bergab. Er führt in Richtung der Stadt.

Rechts und links sehe ich jetzt grüne Wiesen mit bunten Blumen. Auf der rechten Seite erkenne ich einen kleinen See. Da stehen einige Autos. Graue und schwarze Limousinen und einige graue und weiße Käfer stehen am See. Also fahren Autos auf diesem Feldweg! Sofort gehe ich schneller.

Ich sehe zwei Männer am See. Sie halten Angeln in der Hand. Sie sind weit weg, sie können mich keinesfalls Laufen hören. Sie sehen nicht, dass ich gerade vorbeilaufe, denn ich sehe ihre Rücken.

Ich komme an einem Schild am Wegrand vorbei. Auf dem Schild sehe ich einen durchgestrichenen Angler. Hier ist das Angeln also verboten. Ich sollte mir die Autonummern aufschreiben und das der Polizei in der Stadt melden.

Die Männer, die hier angeln, tun etwas Verbotenes! Unglaublich. Sie tun es, obwohl das Schild da steht und obwohl sie bestimmt Strafe bezahlen müssten, wenn die Polizei käme. Ist es nicht zu gefährlich, etwas zu tun, was die Polizei verbietet? Was ist gefährlicher: zu tun, was die Polizei verbietet, oder zu tun, was der Vater verbietet?

In der Stadt kann ich gar nicht zur Polizei gehen. Heute Morgen bin ich vom Vater weggelaufen. Die Polizei wird mich zurückbringen, wenn sie mich findet.

An den Anglern bin ich nun vorbei. Sie haben mich nicht gesehen. Sie könnten mich jetzt von hinten sehen. Vielleicht sehen sie mich. Ich drehe mich nicht um. Ich will nicht wissen, ob sie mich sehen. Auch sie könnten mich zurückbringen. Sie könnten mich fragen, warum ich hier so früh am Morgen laufe. Bestimmt wären sie gegenüber der Polizei und gegenüber dem Vater im Recht, wenn sie mich zurück brächten. Polizei und Vater würde es nicht interessieren, wenn ich sagte: „Die Angler haben doch auch etwas Verbotenes getan. Ich habe es gesehen! Sie haben geangelt, obwohl am See das Verbotsschild steht!“ Ich glaube, das würde keinen interessieren. Ich wäre viel interessanter. Ich glaube, was ich heute tue, ist noch viel mehr verboten, als an diesem See zu angeln.

Mein Feldweg führt weiter bergab. Vor mir ist die Sonne gerade aufgegangen. Ich bin sehr müde. Wie spät ist es? Die Kirchturmuhr höre ich hier nicht mehr. Wie lange bin ich jetzt schon unterwegs? Ich hätte auf die Uhren in den Autos der Angler schauen können. Das fällt mir jetzt erst ein. Das ist gut so. Es wäre zu gefährlich gewesen. Ob es sechs Uhr ist? Ich glaube nicht, dass es schon später ist.

Ich werde noch etwas weiter gehen. Später will ich mich hinsetzen und mich ausruhen. Am besten gehe ich noch so lange, bis die Wiesen um mich herum trocken sind.

3. Mark verschwindet

Mein großer Bruder Mark war jeden Morgen sehr früh mit seinem Mofa in die Stadt gefahren. Es gibt nur einen öffentlichen Bus, der von der Stadt in unser Dorf und zurück fährt. Der Bus kommt aber nur dreimal am Tag. Er fährt nicht früh genug in die Stadt. Weil Mark sehr früh in seiner Arbeit sein musste, hatte dieser Bus für ihn keinen Nutzen. So war er täglich, auch bei eisiger Kälte im Winter, morgens um halb sechs, auf sein dunkelblaues Mofa gestiegen. Im Winter fuhr er immer besonders aufmerksam, wegen der glatten, eisigen, verschneiten Straßen. Einmal hatte ihn morgens, bei Finsternis und windiger Kälte, ein Lastwagen von einer schmalen Straße in den Graben gedrängt. Mark hatte Glück gehabt. Er blieb unverletzt. Sein verbogenes Mofa hatte er tagelang vor dem alten Haus, in der eisigen Kälte repariert.

Mark macht eine Lehre als Maurer. Da verdient er Geld. Ich glaube in der Lehre verdient man noch nicht viel. Mark musste an den Vater, weil er schon Geld verdiente, Miete für sein Zimmer im zweiten Stock bezahlen. Mark hatte von dem Wenigen, das er verdient, etwas Geld gespart. Er freute sich, weil es ihm gelungen war, etwas Geld zurückzulegen. In einem großen Möbelhaus hatte er von diesem Geld Möbel für sein beinahe leeres Zimmer gekauft. Die Möbel hatte er sich ausgesucht, weil sie ihm gefallen. Nachdem er sie in sein Zimmer hinaufgetragen hatte, lud er uns Geschwister gleich ein, damit wir seine neuen Möbel mit ihm ausprobierten und feierten. Er hatte zwei Sessel und ein Sofa gekauft.

Ich finde auch, dass es schöne Möbel sind. Sie sind durchsichtig, aus Plastik. Mark hatte sie bereits aufgeblasen und wir ließen uns, an diesem Samstagnachmittag, gemütlich in ihnen nieder. Marks aufgeblasene Möbel könnte man in einem Schwimmbad mit ins Wasser nehmen. Aber man darf keine spitzen Gegenstände auf sie legen. Das hatte Mark gleich erklärt, denn, wenn Löcher hineinkämen, würde die Luft entweichen und die Möbel würden zusammensacken wie eine kaputte Luftmatratze.

An diesem Samstagnachmittag waren wir vier Geschwister bequem auf Marks neuen Möbeln unterm Dach in seinem Zimmer gesessen. Aus Marks Gläsern hatten wir Saft getrunken, den Mark auch von seinem Geld gekauft hatte. So feierten wir seine neue Zimmereinrichtung. Ich war auf einem durchsichtigen Plastiksessel gesessen und wippte auf und ab. Mark und Matthias hatten zu zweit im Sofa Platz genommen, Christian saß in dem anderen Sessel. Wir lachten, redeten miteinander und freuten uns.

Kurz nachdem wir in dieses alte Haus gezogen waren, hatte sich Mark auch dieses Mofa gekauft. Ich glaube das Fahren macht ihm viel Spaß. Aber deshalb hatte er das Mofa nicht gekauft. Er brauchte es, um täglich zu seiner Lehrstelle zu fahren. Der Vater fährt jeden Morgen erst eine Stunde später mit dem Käfer zur Arbeit in die Fabrik am Rande der Stadt. Weil Mark nicht soviel Geld hatte, um das Mofa zu bezahlen, steuerten die Stiefmutter und der Vater die Hälfte der Kosten dazu bei. Seitdem er das Mofa hat, hatte Mark monatlich einen kleinen Betrag an die Stiefmutter und den Vater zurückbezahlt.

Nach diesem Nachmittag, an dem wir die neuen Möbel gefeiert hatten, stritten die Stiefmutter, der Vater und Mark heftig miteinander. Es ging um Geld. Sie wollten mehr Geld von ihm. Der Vater hatte ihn im Treppenhaus angeschrieen: „Die Faxen wer i dir scho no austreim! Wer neue Möbl kofen koon, der koon a sei Mofa schneller zahle!“ Auch die Stiefmutter hatte ihn deshalb angeschrieen. Sie glaubten, Mark würde zuviel Geld ausgeben, anstatt ihnen mehr davon zu geben. Der Vater brüllte laut und tief, die Stiefmutter laut und hoch. An diesem Nachmittag waren sie sehr aufgebracht und wütend gewesen wegen Mark.

Ich glaube, weil die Stiefmutter und der Vater Mark nicht danach gefragt hatten, woher er das Geld für die Möbel genommen hatte, konnten sie nicht wissen, dass Mark sich das Geld monatelang von seinem wenigen Lehrlingsgeld abgespart hatte. Die Stiefmutter hatte die neuen Möbel in Marks Zimmer gesehen und wurde sofort wütend. Sie hatte mit Mark gar nicht darüber gesprochen, von welchem Geld er die Möbel gekauft hatte. Stattdessen sprach sie abends mit dem Vater darüber.

Ich glaube beide hatten kein Geld mehr. Der Vater verdient wenig. Vielleicht hatten sie geglaubt, Mark habe mehr Geld, das er nicht hergeben wollte. Es könnte sein, dass sie kein Geld mehr hatten, um Lebensmittel einzukaufen. Es könnte auch sein, dass der Vater das Benzin für den Käfer nicht mehr bezahlen konnte. Ich weiß es nicht. Ich verstehe davon nichts. Ich weiß nur, dass es wenig Geld gibt, denn wir bekommen kein Taschengeld zu Hause.

Aber Mark hatte auch kein Geld mehr, das er ihnen hätte geben können. Die neuen Möbel hatten sein Erspartes gekostet. Mehr hatte er nicht. Das hatte Mark dem Vater an diesem Nachmittag, als beide ihn so anbrüllten, gesagt. Mark hatte keine Chance. Anstatt ruhiger zu werden, war der Vater noch wütender geworden. Er tobte und schrie, er war sehr wütend. Dann hatte er zugeschlagen. Er schlug Mark ins Gesicht. Ich hatte nie miterlebt, dass der Vater auch Mark schlägt. Immer hatte ich geglaubt, der Vater traue sich nicht, auch meinen großen Bruder Mark zu schlagen.

Mark hatte nicht geheult, so wie wir jüngeren Geschwister es immer taten. Seine Schmerzen hatte er dem Vater und der Stiefmutter nicht gezeigt. Er war noch eine Sekunde vor dem Vater wie erstarrt stehen geblieben. Nichts weiter geschah. Alle hatten geschwiegen. Das wütende Geschrei war vorbei. Es waren keine Worte mehr gekommen, weder vom Vater noch von Mark. Auch die Stiefmutter, sie stand neben dem Vater, hatte nicht mehr geschrieen. Dann hatte sich Mark abgewandt. Er lief die Treppe hinauf und verschwand in seinem Zimmer. Dort hatte er seine kleine Tasche vom Schrank genommen, einige Kleidungsstücke hineingestopft, und eine halbe Stunde später war er leise durch das Treppenhaus geschlichen. Er verließ das alte Haus und war in der dunklen Nacht verschwunden. Seit diesem Abend, vor zwei Wochen, habe ich Mark nicht wieder gesehen.

Die Eltern hatten es erst am nächsten Morgen bemerkt. Der Vater saß, wie jeden Morgen, mit seiner Zeitung am Frühstückstisch. Ich glaube, er dachte, Mark sei schon mit dem Mofa zur Arbeit gefahren. Der Vater ging hinunter vor die Haustür und stieg in seinen Käfer. Er fuhr um die Hausecke. Dort sah er das blaue Mofa von Mark. Er stellte den Motor ab, stieg aus dem Wagen und rannte hinauf in den zweiten Stock. Mark lag nicht in seinem Bett. Sein Zimmer war verlassen. Jetzt war das Geschrei groß. Matthias und ich putzten gerade unsere Zähne. Ich hörte, wie der Vater nach der Stiefmutter rief. Beide wussten sofort, dass Mark abgehauen war. Mit Marks Verschwinden hatten sie nicht gerechnet. Ich hörte die Stiefmutter. Sie brüllte: „Na warte, dich kriegen wir schon Bürschchen!“

Wir beeilten uns mit dem Anziehen und Frühstücken, denn wir wollten schnell aus dem Haus, in die Schule. Bevor wir das Haus verließen, drohte uns die Stiefmutter. Sie befahl uns, niemandem in der Schule davon zu erzählen. Ich verstand nicht, was sie damit meinte. Wir erzählten nie etwas in der Schule von zu Hause.

Ich vermisse Mark sehr. Ich hatte mich immer gefreut, wenn er abends nach Hause kam. Seit Marks Verschwinden hatte ich noch viel mehr Angst vor Stiefmutter und Vater. Mark ist unser großer Bruder. Matthias, Christian und mich hatte er immer beschützt. Oben in Marks Zimmer hatten wir uns gut aufgehoben und sicher gefühlt. Wir hatten da oben keine Angst, vom Vater oder der Stiefmutter geprügelt zu werden. Es gab nie Prügel, wenn Mark am Wochenende oder abends zu Hause war. Deshalb war ich immer froh wenn er abends von der Arbeit kam.

Leider war der Vater oft früher gekommen als Mark. Er sah sich die vielen Fehler in unseren Schulheften an. Dann scheuchte er uns ins Kinderzimmer. Dann nahm er seinen Gürtel und verprügelte uns. Wenn Mark zu Hause war, verprügelte er uns nie. Deshalb hatte ich gedacht, dass der Vater uns nicht schlagen kann, wenn Mark da ist, weil er genau weiß, dass Mark dazwischen gehen würde. Dass der Vater sich traute, auch auf Mark einzuschlagen, hatte mich sehr überrascht.

Mark hatte nichts davon gemerkt, dass der Vater und die Stiefmutter uns soviel schlugen. Wir hatten ihm niemals davon erzählt, denn Stiefmutter und Vater hatten es strengstens verboten. Weil wir soviel Angst vor beiden hatten, sprachen wir Geschwister untereinander niemals darüber, wie es uns in diesem Haus ging. Ich hatte immer genau gespürt, was ich mit Mark, mit Matthias und mit Christian besprechen durfte und was nicht. Weil Mark soviel arbeiten musste und so früh das Haus verließ, weil er abends später kam als der Vater, konnte er nie sehen, was in diesem Haus geschah. Mark hatte uns am Wochenende oft gefragt, wie es uns geht. Nie erzählten wir, dass es schlecht geht. Unsere Angst, zu sagen, was Stiefmutter und Vater verboten hatten, saß zu tief.

Mark musste von Zuhause abhauen. Auch er hatte unter Stiefmutter und Vater zu leiden. Sie zwangen ihn, diese Lehre zu machen. Diese Lehre wollte er nicht. Er könnte anderes lernen. Er könnte in einem Büro arbeiten. Aber sie hatten ihn gezwungen, sie sagten, dass man mehr Geld verdiene als Maurer. Vor allem in der Lehre verdiene man schon mehr als in anderen Berufen. Das hatte Mark verstanden. Aber trotzdem wollte er das nicht lernen, er wollte etwas, für das er sich wirklich interessiert. Mark hat viele Interessen, deshalb hatte er viele andere Ideen gehabt. Aber die Stiefmutter und der Vater interessierten sich nicht dafür. Sie zwangen ihn zu dieser Lehre.

Ich verstehe Mark, ich wäre auch weggelaufen. Was ist gegen den großen Vater sonst möglich? Die letzte Chance ist das Weglaufen. Ich weiß es, deshalb laufe ich heute weg. Ich glaube fast, ein ruhiges Gespräch, mit Stiefmutter und Vater, ist nicht möglich. Es gibt keine Worte zwischen uns Kindern und ihnen, ohne dass sie anfangen uns anzuschreien.