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Wenigstens Rückkehr

Einer schaut in die Vergangenheit um in Gegenwart und Zukunft zu bestehen.

Im April macht Bernado Wenigstens, der Protagonist der Erzählung, Urlaub, um einen neuen Arbeitsplatz anzutreten. In Berchtesgaden, dem Touristenort am Fuße des Obersalzberges, beginnt er Produktionsmaschinen in einer kleinen Fabrik zu bedienen. Auf seinem täglichen Weg zur Arbeit beobachtet er das ruhige Leben gegenüber dem Berchtesgadener Finanzamt. Auf der Fahrt im Wagen des Chefs, von Berchtesgaden Richtung Salzburg beobachtet er die vorbei fliegende Landschaft, wie in einem Film, um seinem Denken freien Lauf zu lassen, bevor er es in die täglichen monotonen Bahnen der Fabrikarbeit presst.

Im Juli gibt Bernado Wenigstens seine sichere Stelle in der Stadt auf, um unterhalb des Obersalzberges einen neuen Arbeitsplatz anzutreten. Er findet in die persönliche Geschichte eines Kindes zurück, das am Obersalzberg, in jungen Jahren Einsamkeit und Verlassenheit erlebt. Unweit vom Oberlehen, nahe der Bushaltestelle, bei der Pension Erika, wartet Bernado Wenigstens jeden Morgen auf den Bus. Während der gelbe Bus vom Obersalzberg kommend heran rollt, träumt er von seinem persönlichen „Irgendwo“. Er möchte in der Pension Erika am Obersalzberg wie ein Tourist wohnen, um mit seinen Eltern nach Hause zurückzukehren, wären da nicht die beiden Männer und die anderen Kinder. Eines Tages scheint die Zeit reif. Bernado Wenigstens findet sein „Irgendwo“, doch er ist kein Tourist und seine neuen Eltern müssen mit ihm auch nicht weit fahren, um ihn in sein neues Zuhause zu bringen, denn es liegt unten in Berchtesgaden.

Bernado Wenigstens gibt die monotone Beschäftigung auf und kehrt zurück in sein Leben in der Stadt. Dort trifft er Jahre später überraschend erneut auf seine Vergangenheit, die er aber längst neu eingeordnet hat.

Bernd Thümmel erzählt vom persönlichen Wagnis, in der Gegenwart die Vergangenheit aufzuarbeiten. Eine Rückschau, die im Alltag gerne den Stempel „sinnlos“ verpasst bekommt, weil sie der Gegenwart angeblich nichts bringt. Tatsächlich ist die Rückschau völlig ohne Risiko nicht möglich, denn sie braucht Zeit, die in der Gegenwart liegt. Doch das Risiko einzugehen, die Zeit der Gegenwart in die Vergangenheit zu investieren, lohnt sich, weil die Vergangenheit ohnehin Brücken in die Gegenwart findet. Darum ist es gut, vorbereitet zu sein. Der Protagonist Bernado Wenigstens nimmt sich die notwendige Zeit, um seinen Blick zurück zu wenden. So gelingt es, eine neue Ordnung zu schaffen, um in der Gegenwart und Zukunft besser zu bestehen.

Impressum
Bernd Thümmel
Wenigstens Rückkehr – Erzählung 2012, Neuveröffentlichung am 30.08.2019 als N-Book®

Titelgestaltung: „Ausflug am Hintersee bei Berchtesgaden“: Bernd Thümmel
Alle verwendeten Fotos und Bilder: Bernd Thümmel
Alle Texte: Bernd Thümmel

Umfang: ca. 324.000 Zeichen, 51.000 Wörter = ca. 230 Normseiten gem. VG Wort

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.

Alle Personen und geschilderten Ereignisse entspringen nicht nur der freien Phantasie des Autors. Personen und Handlungen sind vom Autor nicht nur frei erfunden und haben nicht ausschließlich keinen Bezug zu lebenden Personen oder realen Geschehnissen. Alle genannten Orte und geschilderten Geschehnisse an diesen Orten sind vom Autor teilweise frei erfunden, genauso wie alle geschilderten Häuser, Wohnungen, Landschaften, Städte, Dörfer, Bilder, Fotos usw.

1. April

Aus meinem Zimmerfenster habe ich morgens um sechs Uhr, bevor der kalte Aprilregen einsetzt, eine herrliche Aussicht. Draußen sehe ich grüne gebirgige Landschaft. Nebelbänke ziehen gemächlich durch das enge Tal. Für einen kurzen Moment strahlt die Sonne durch ein Wolkenloch. Ihre Strahlen hüllen die hohen Berggipfel rings um meine kleine Wohnung in rote Farbe. Spätestens um Viertel vor Sieben stehe ich jeden Morgen im Badezimmer. Ich rasiere mich und putze die Zähne. Dabei beobachte ich durch das Badfenster, wie sich draußen die Wolkendecke verdichtet. Langsam schieben sich dunkle Wolken an den Berggipfeln herab. Obwohl der Tag erst beginnt, wird es draußen dunkler. Um sieben Uhr beginnt es täglich zu regnen.

Seit wenigen Tagen bewohne ich eine Dreizimmerwohnung mit Aussicht auf das wunderschöne Tal. Vor der Wohnung liegt eine gepflasterte Straße. Es ist die Hochsteinstraße. Sie führt steil auf den Hochstein hinauf. Von den drei Zimmern in der Wohnung, bewohne ich ein Durchgangszimmer mit einem kleinen Balkon hinaus Richtung Hochsteinstraße und ein Schlafzimmer. Das dritte Zimmer ist unbewohnt. Die Wohnung stellt mir der Chef kostenlos zur Verfügung. In dessen Fabrik arbeite ich seit meiner Rückkehr nach Berchtesgaden.

In der kleinen Fabrik, hinten in dem wunderschönen Tal, produziert der Chef Körperpflegemittel. Heute weiß ich noch nicht, ob es sich lohnt meine sichere Stellung in der Stadt aufzugeben. Ich weiß noch nicht so recht, ob mir die Arbeit Spaß macht. Spaß während der Arbeit, egal welcher, hatte ich in meinem Leben bislang eigentlich noch nie gespürt. Im Grunde hatte ich mich bei keinem meiner vorherigen Arbeitsplätze gefragt, ob Spaß dabei wäre. Hauptsächlich war es um die Frage gegangen, ob die Arbeit erträglich ist. Auch hier in Berchtesgaden geht es also um diese Frage. Es ist meine Aufgabe, mir ernsthaft zu überlegen, ob ich meinen sicheren Schreibtisch in München aufgeben möchte, um in diesem herrlichen Gebirgstal zu leben. Leider ist der April eiskalt und verregnet. Doch das nasskalte Wetter soll meine Entscheidung nicht beeinflussen.

Mein neuer Arbeitsplatz liegt in einem winzigen Industriegebiet. In meinen Augen ist das, wie ich ein Industriegebiet eigentlich nicht nennen sollte; romantisch. Jeden Morgen finde ich es mitten im Grünen. Es liegt eingekeilt zwischen hoch aufragenden Bergen. Neben dem Industriegebiet fließt ein wilder, romantischer Fluss.

Die Arche ist zu einem braunen, reißenden Strom angeschwollen. Sie führt das eiskalte Wasser von zwei wunderschönen Gebirgsseen mit sich. Dem Hintersee und dem Königsee. Am Industriegebiet fließen die Wässer beider Seen vorbei, um sich in Österreich in die Salzach zu verdünnen und in Salzburg für einen momentan sehr hohen Wasserstand zu sorgen. Parallel der reißenden Arche führt eine breite Landstraße nach Salzburg. Über die Straße fahre ich täglich zur Arbeit.

An den ersten Tagen habe ich durch die hohen Fenster täglich die reißende Arche und die Natur rund um das Industriegebiet beobachtet. Ich richtete meine Aufmerksamkeit auf die grünen, dicht bewaldeten Bergfüße. Morgens sah ich draußen die hohen, von Nebel umhüllten Berge. Tagelang habe ich mich an der grünen Natur und der wilden Landschaft erfreut. Die viel befahrene Straße, hinter den dicht wachsenden Bäumen an der Arche, sieht im Frühling und Sommer nur, wer sie sehen möchte. In den ersten Tagen wollte ich Berge, Bäume und Gräser sehen, denn ich komme aus der Stadt.

Jeden Morgen um sieben Uhr stehe ich unter meinem schwarzen Regenschirm vor dem gelb gestrichenen Berchtesgadener Finanzamt in der Nonnenstraße. Das Amt liegt nur wenige Schritte unterhalb der Hochsteinstraße. Ich stehe auf dem Bürgersteig und warte. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite beobachte ich das Altenheim. Es ist ein rustikales Gebäude mit dunkelbraunen Holzbalkonen.

Täglich bleibt mir nichts anderes, als am Straßenrand zu stehen und das bisschen, was sich um die frühe Stunde tut, zu beobachten. Jeden Morgen stehe ich zwar nur wenige Minuten vor dem Finanzamt, doch ich genieße jede Sekunde unter meinem Regenschirm, denn ich brauche die Zeit der Stille, bevor ich im Wagen neben dem Chef sitzen muss, um zu meinem neuen Arbeitsplatz zu gelangen. Ich warte und sauge die Ruhe konzentriert in mich auf. Ich höre den Regen, wie er auf meinen Regenschirm hernieder prasselt. Ich denke daran, wie schön es wäre, in einem Zelt zu liegen, das Geräusch des Regens zu genießen, und einen ruhigen Urlaubstag auf einem verregneten Zeltplatz, ohne Aufgabe, ohne Vorhaben für den Tag, vor mir zu haben. Ich genieße den Gedanken so sehr, dass ich das Gefühl habe, den Geruch der Zeltwand, auf die der kalte Regen nun heftig nieder schlägt, in der Nase zu haben. Ich rieche den modrigen Geruch von Feuchtigkeit, der entsteht, weil das alte Zelt den Winter über im Kellerschrank lag.

Der Chef hat mir angeboten mich morgens in seinem Auto mitzunehmen. Er hat es sehr gut gemeint mit diesem Angebot. Weil er ohnehin jeden Morgen nahe dieser Straße unterwegs sei, mache es für ihn nur einen winzigen Umweg, mich am Finanzamt einzuladen. Es sei egal, ob er morgens dort vorbeifahre, oder auf der breiten Straße an der Arche bleibe. Das freundliche Angebot des Chefs konnte ich nicht abschlagen. Das hätte mir große Schwierigkeiten bereitet. Nachvollziehbare Argumente, nicht auf das gut gemeinte Angebot einzugehen, gab es nicht. Begeistert wie der Chef mir die Arbeit in seiner Fabrik erklärt hat, bietet er den winzigen täglichen Umweg an.

Durch die Fenster im Finanzamt sehe ich drei Beamte. Sie sitzen hinter leuchtenden Computermonitoren. Zwei andere fahren in weißen Kleinwagen auf dem Gehsteig vor. Schwarze Aktentaschen werden über zwei Fensterbänke im Erdgeschoss gehoben. Die Männer steigen aus ihren Dienstfahrzeugen. Sie holen die Taschen und verstauen sie in den kleinen Kofferräumen. Den Vorgang beobachte ich täglich nicht allein. Drei alte Damen stehen hinter den Fenstern ihrer Zimmer. Ich sehe deren Umrisse hinter weißen Vorhängen. Um besser beobachten zu können, schieben sie die Vorhänge ein winziges Stück beiseite. Die Frauen stellen fest, dass rund um das Finanzamt täglich alles beim alten bleibt. Die Beamten steigen immer pünktlich in ihre Kleinwagen und fahren los.

Weil ich seit einer Woche hier stehe, bin ich ein bisschen Alltag der alten Damen geworden. Ich gehöre noch nicht richtig dazu, so wie die Finanzbeamten, die schon seit vielen Jahren da sind, aber ich mische mich in ein alltägliches Bild. Ich warte geduldig im Regen. Ich bleibe so lange stehen, bis der Wagen des Chefs das leichte Gefälle vor dem Amt herunter rollt. Die drei alten Frauen verliere ich dann kurz aus den Augen. Stattdessen sehe ich den beiden Wagen der Finanzbeamten nach, wie sie tosend die Steigung der Hochsteinstraße nehmen. In der Mitte der Steigung begegnen beide dem Wagen des Chefs. Dessen schwere Limousine rollt sehr schnell heran, kommt am Straßenrand zum Stehen, damit ich einsteigen kann. Die alten Frauen sind kurz wieder in meinem Blickfeld. Ich sehe eine Dame im ersten Stock, während ich die Wagentür öffne. Sie zieht den Vorhang zu. Jetzt bücke ich mich, um in den Wagen zu steigen, die Dame im zweiten Stock zieht den Vorhang zu. Die dritte Dame sehe ich noch für Sekunden durch das Fahrerfenster, während ich dem Chef die Hand schüttle.

Weil ich gegenüber dem Chef keinen Eindruck von Müdigkeit entstehen lassen will, setze ich mich schwungvoll neben ihn in das schwarze Leder. Ich denke nicht an den herannahenden Arbeitstag in dessen kleiner Firma. Ich denke nicht an den Chef. Meine Gedanken sind noch bei den alten Frauen. Was tun sie den ganzen Tag, während ich hinter monoton lärmenden Abfüllanlagen und Verpackungsmaschinen stehe? Wie sieht deren Alltag im Altenheim gegenüber dem gelben Finanzamt aus? Steigen die dichten Wolkenmassen an den Bergen empor und geben mittags endlich den Blick hinüber zum Obersalzberg frei, damit die Damen eine schöne Aussicht genießen können? Werden die Damen heute im Ort spazieren, um etwas einzukaufen oder in einem Café zu sitzen? Ist ihr Leben in diesem schönen Ort interessant, vielleicht sogar schön?

Auf dem Weg zur Arbeit spüre ich, dass ich zu so früher Tageszeit sehr ungern spreche. Ich spüre, dass ich die Minuten, morgens zwischen meinem gemieteten Zimmer, dem Finanzamt und meiner neuen Arbeitsstätte am liebsten überspringen würde. Ich wünsche, sie wären nicht da, denn ich darf nicht allein sein auf dem Weg zur täglichen Arbeit. In der Stadt war ich diesen Weg immer allein gegangen. An jedem vorherigen Arbeitsplatz war ich morgens allein auf dem Weg. Es war noch nie anders. In Berchtesgaden ist es jetzt anders, ganz anders.

Ich sitze schweigend neben dem Chef und suche Gründe für mein Denken. Es sind Minuten der täglichen Besinnung und Beschaulichkeit. Minuten in denen ich an einem neuen Tag einen ersten Blick in mich selbst wage. Es könnten heute die einzigen Minuten sein, in denen ich noch allein bin. Noch keine Routinegespräche zwischen Vorgesetzten, Kollegen, Lieferanten und anderen Arbeitskräften. Deshalb sind es wichtige Minuten. Es könnten meine ruhigsten Minuten des Tages sein, denen mich der Chef beraubt.

Der Arbeitsalltag presst mein Gehirn in maschinelle, monotone Denkschemen. Mein Körper, meine Konzentration, mein Denken, all das zwingt der Arbeitsalltag in diese Firma. Schnelle Produktion, beste Qualität, hohe Maschinenleistung und Erfolg sind die Kriterien an die zu denken ist, die zu realisieren sind. Deshalb brauche ich die freien Minuten am Morgen! Das sind Minuten der klaren Gedanken. In ihnen ist ungezügeltes Denken noch möglich. Der Kopf ist noch frei. Er ist noch nicht von der täglichen Arbeit gemartert und beschnitten. Weil ich abends, nach dem langen Arbeitstag, immer müde bin, dass ich meist schnell einschlafe, sind es die letzten Minuten des Tages in denen mein Kopf noch klar ist und mein Denken noch frei. Sie verstreichen im Wagen neben dem Chef.

Vielleicht deshalb mein Schweigen am Morgen. Morgens im Wagen neben dem Chef erreiche ich nach wenigen Sekunden einen Tiefpunkt. Vielleicht ist das ein Zeichen dafür, dass an dieser Situation morgens im Wagen des Chefs etwas nicht stimmt. Vielleicht ist es sogar ein Anzeichen dafür, dass an meiner gesamten Situation, meiner Rückkehr in diesen Ort und meiner Arbeitsaufnahme in dieser Firma etwas nicht stimmt. Seit Tagen versuche ich herauszufinden was hier nicht stimmt. Bislang erfolglos.

Ich darf mit dem Chef in seinem Wagen in seine Fabrik fahren. Jeden Tag habe ich das Gefühl, dass der Chef für mich am wenigsten geeignet ist, für ein Gespräch. Weil seine kleine Fabrik so nah ist, vergeht die Autofahrt schnell. Mir fällt kein Gesprächsthema ein. Auch heute Morgen nicht. Ich weiß nicht, was zu der Situation in seinem Wagen, um diese Uhrzeit passt. Ich weiß nicht, was ich mit ihm zu besprechen hätte, das zu dem angesteuerten Ziel passt. Deshalb spreche ich in seinem Wagen nur das Nötigste. Deshalb denke ich jeden Morgen zunächst an die Finanzbeamten und die alten Damen, die ich vorher gesehen habe.

Ich weiß noch nicht wohin mein Denken mich führen wird. Im Moment habe ich Urlaub. Von meiner Dienststelle in der Stadt bin ich beurlaubt, um hier in dieser Fabrik zu arbeiten. Am fünften Arbeitstag meines geopferten Urlaubs im April denke ich nur noch wenige Sekunden an die alten Frauen hinter den Vorhängen. Die Finanzbeamten vergesse ich völlig. Auch über den Chef denke ich nicht nach. Die fünf Minuten Fahrzeit neben dem Chef nutzte ich fast vollständig um an mich zu denken.

Ich bin in diesen Ort zurückgekommen um zu arbeiten. Jeder Mensch in meinem Alter hat zu arbeiten, wenn er nicht krank ist. So begründe ich heute meine Anwesenheit hier in diesem Ort. Es geht um meinen Lebensunterhalt. Den bekomme ich nicht umsonst. Ich bin nicht zurückgekommen um die Landschaft zu genießen. Ich bin nicht hier, um die Menschen in Finanzamt und Altenheim morgens um sieben Uhr zu beobachten und über deren Alltag nachzudenken. Bin ich gekommen, um über etwas anderes nachzudenken? Bin ich wirklich nur zurückgekommen, um in dieser Fabrik zu arbeiten? Ich weiß es noch nicht.

Ich komme aus der Stadt. Dennoch bin ich kein Außenstehender in diesem Touristenort. Ich tauche wieder ein in das Alltagsleben dieser bayerischen Menschen. Ich tue das, weil ich arbeiten und Geld verdienen muss. So begründe ich das heute. Ich wohne zwischen beliebten bayerischen Gebirgsgipfeln mit Ausblick hinüber zum Obersalzberg. So schön kann ich in der Wohnung des Chefs wohnen! Er stellt sie mir zur Verfügung damit ich in seiner Fabrik arbeiten kann. Ich lebe und arbeite in einem Ort, von dem vielleicht mancher Mensch aus norddeutschen Industriestädten träumt, wegen der schönen Natur. Diese Landschaft diente so manchem erfolgreichen Heimatfilm als Kulisse. Ich opfere meinen Urlaub, um mitten in dieser idyllischen Landschaft zu arbeiten. Während ich so denke, gibt der Chef im Wagen kräftig Gas.

Ich glaube, dass ich in der Hauptsache zurückgekommen bin, um zu arbeiten. So denke ich am sechsten Arbeitstag und so denke ich immer noch am siebten. Vielleicht wähle ich diesen schönen Ort, weil ich insgeheim hoffe, mit dieser Wahl mein zwiespältiges Verhältnis zu Arbeit jeder Art zu ordnen? Vielleicht möchte ich in der Schönheit dieser Landschaft meine Einstellung zur Arbeit sogar verbessern? Daran denke ich am Morgen des achten Arbeitstages. Vielleicht hoffe ich insgeheim darauf, dass mir dies in der hübschen, reizvollen Kulisse gelingt?

Ich komme nicht als Tourist, das ist von Beginn an sicher. Der Ort ist sehr touristisch. Er liegt unterhalb des unrühmlich geschichtsträchtigen Obersalzberges. Er liegt eingekeilt zwischen Untersberg und Hohem Göll. Oder hat mein Zurückkommen doch mit Tourismus und Landschaft zu tun? Ich komme nicht als Saisonarbeiter. Ich wähle diesen Ort nicht als vorübergehendes Sommerquartier. Ich will hier nicht nur einige Monate einen finanziellen Reibach machen. Ich will überhaupt keinen Reibach machen, sondern geplant ist hier zu arbeiten und zu leben.

Ich erhoffe ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Leben. Deshalb stehe ich um sieben Uhr Morgens vor dem Finanzamt, warte auf den Wagen des Chefs und lasse mich dabei voll regnen. So denke ich schließlich am letzten Arbeitstag im April. Ich hoffe auf die Realisierung einer persönlichen Philosophie, einer Utopie. Ein ausgewogenes und positives Verhältnis zwischen beidem erwarte ich ausgerechnet in diesem Ort! Ein schönes Leben in herrlichster Landschaft mit guter Luft. Dazu die notwendige Arbeit. Das habe ich hier gefunden, so denke ich heute am letzten Tag meines geopferten Urlaubs.

2. Sommer

Monate später, morgens im warmen Juli, sitze ich wieder im Wagen neben dem Chef. Wie er es seit Jahren täglich tut, steuert er das Auto in Richtung Königseer Arche. Glaube ich tatsächlich an ein ausgewogenes Leben und Arbeit in diesem schönen Ort, ohne dass meine Vergangenheit, die ich in dieser schönen Landschaft erlebt habe, eine Rolle einnimmt? Lasse ich mich blenden von diesem Ort, der auf den ersten Blick wie ein, von den Problemen der Welt abgeschirmtes Paradies wirkt? Zweifel flammen erst auf, als es in Berchtesgaden sommerlich warm ist. Ich habe meine sichere Anstellung in der Stadt endgültig aufgegeben.

Nach wenigen Sekunden im Wagen des Chefs frage ich mich: Was sollte mein Träumen vor dem Finanzamt im April? Warum mein träumerisches Beobachten der trügerischen Idylle zwischen Finanzamt und Altenheim? Ich weiß es nicht. Im warmen Juli merke ich, dass ich die Zeit in dem Ort brauche, denn ich möchte genau das herausfinden, was ich nicht weiß.

Nach drei Tagen kenne ich die kleine Firma, wie im April. Ich kenne die Menschen, die in ihr arbeiteten, und die Maschinen, an die ich mich heran traue.
„Das alles ist keine Hexerei“, sagt der Chef mehrmals am Tag zu mir.

Ich habe das Gefühl, seit April nicht weg gewesen zu sein. Könnte das Hexerei sein? Warum fühle ich schon nach drei Tagen wieder die gleiche Langeweile? Ich muss mich sogar bemühen, dass mein gespieltes Interesse an der Fabrikarbeit nicht als klares Desinteresse entlarvt wird. Ich sehe mich schon nach drei Tagen auf einem Weg, den ich seit vielen Jahren aus der Stadt kenne. Dort bemühte ich mich täglich um das Schauspiel der Arbeit. Das Spiel besteht in der täglichen Übung, auf der Bühne etwas täuschend echt aussehen zu lassen, etwas perfekt vorzutäuschen, so gut, dass keiner auch nur daran denkt, dass ich ein Schauspieler bin.

Seit Jahren täusche ich Interesse daran vor, täglich die nahezu gleiche Arbeit zu verrichten: Ich finde sie immer noch interessant, obwohl ich sie kenne, und eindeutigen Widerwillen in mir spüre. Bloß nichts anmerken lassen, von dieser Langeweile! Ich bin engagiert und interessiert. Jeden Tag laufe ich mit wachen Augen durch meine Arbeitsstätte, mit täuschend echten Blitzen in den Augen, die ausstrahlen, dass ich ein zuverlässiger leistungsstarker Mitarbeiter bin. Mein perfektioniertes Spiel funktioniert. Es verschafft mir beste Zeugnisse und einen sehr guten Ruf. Mein Abschied von meinem Arbeitsplatz in der Stadt, wurde von allen Kollegen und den Chefs tief bedauert. Leistungsträger kommen und gehen. Wann ihre Zeit um ist, wissen sie selbst am besten. Auch das vorzutäuschen gehört zum Spiel.

Warum sollte die Arbeit in dieser Fabrik Hexerei sein? Täglich füllen die Maschinen monoton und laut ratternd ihre weiße oder bräunliche Masse in Cremedosen. Warum muss der Chef, der darauf hofft, dass ich in seiner Fabrik eine neue Heimat finde, oder meine alte Heimat wieder finde, betonen, dass Arbeit keine Hexerei ist? Sieht man mir an, wie ich über Arbeit denke? Bisher hatte ich nicht an Hexerei gedacht. Wie arbeitet ein Mensch, der so etwas denkt? Arbeitet er wie ich? Schnell, sauber, zuverlässig. Ein angepasster Stil, der Erwartungen nicht enttäuscht.

An Hexerei denke ich nie bei der Arbeit, vielmehr denke ich oft über den Sinn dieser Arbeit nach. Wo bleibt der Sinn stiftende Moment? Wo bleibt das, wovon ich täglich in den Zeitungen lese? Millionen von arbeitslosen Menschen, die keinen Sinn mehr sehen, weil sie keine Arbeit haben. So lese ich um sechs Uhr Morgens vor meiner dampfenden Kaffeetasse. Welchen Sinn haben diese Millionen verloren? Einen Sinn, den ich nicht einmal erkenne, obwohl ich in der Fabrik Arbeit habe! Mit der Suche nach Sinn bin ich überfordert, vielleicht bin ich mit der gesamten Arbeit in dieser Fabrik überfordert.

Was aber ist daran anders, als an meinem Arbeitsplatz in der Stadt? Vielleicht hängt meine Überforderung gar nicht mit der täglichen monotonen Arbeit zusammen, sondern mit der Frage, warum ich ausgerechnet in diesen Ort zurückgekommen bin, um zu arbeiten?

Draußen sehe ich treibende Nebelschwaden. Dichte aufeinander geschichtete Nebelbänke. Sie treiben gemächlich vom Grünstein, dem grünen Berg am Fuße des Watzmanns, durch den Berchtesgadener Talkessel. Über der kalten, vom anhaltenden Regen im Monat zuvor, vollen Arche treiben sie hinweg. Aus deren Wasser steigt er auf und verbindet sich mit den oben treibenden Schwaden. Die Nebelmassen treiben am Obersalzberg vorbei. Die undurchsichtige Menge nimmt ihren Weg durch das breiter werdende Tal Richtung Salzburg. Sie treibt meinem Arbeitsplatz entgegen.

Ich beobachte das Nebeltreiben vor meinem Zimmerfenster. Wie ein Kind denke ich jetzt daran, mich mit treiben zu lassen. Ich träume von der Schönheit des Landes aus dem Blickwinkel dieser langsam treibenden Nebelbänke. Unten stelle ich mir blumenreiche Wiesen zwischen den steil aufragenden, bewaldeten Berghängen vor. Ich erkenne da unten Kühe, wie sie auf den Wiesen grasen. Plötzlich sehe ich auch die breite Straße nach Salzburg. Ich schiebe etwas Nebel beiseite, um besser sehen zu können. Ich erkenne den geraden, grauen Strich mitten in den grünen Wiesen. Es ist die Straße. Bunte Autos flitzen dort hin und her. Laut dröhnt deren Lärm in meine Nebelbank herauf. Ich rieche eine stinkende Mischung aus feuchtem Nebel und den scharfen Abgasen. Ich lehne mich deshalb schnell zurück in meine Nebelbank und ziehe dichten Nebel vor mich. So träume ich einige Minuten lang und bedauere später sogar noch, dass ich nicht wirklich in einer Nebelwolke, als Beobachter von Oben sitzen kann.

Ich schalte das Radio ein. Es meldet sich der Deutschlandfunk. „Viertel nach Sechs, guten Morgen“, verkündet der Sprecher. Unglaublich, in diesem Gebirgstal den Deutschlandfunk zu hören. Das hatte es früher, in den siebziger Jahren, selbst Anfang der achtziger hier nicht gegeben. Damals konnte ich nicht einmal das dritte Programm des Bayerischen Rundfunks empfangen. Seit einigen Jahren gibt es in dem Tal alles zu empfangen, was die Menschen wollen. Den Grund dafür sehe ich täglich um Viertel nach sechs Uhr. Dann nämlich, wenn die Nebelschwaden im unteren Teil des Obersalzberges kurzfristig ein Loch bieten. Für Minuten habe ich dann freie Sicht auf die Mitte des Berges. Da oben erkenne ich einen riesigen Betonpfeiler. Ich frage Mitbewohner im Haus nach der Bedeutung dieses Betonriesen. „Des is zwengs am Radio und am Fernseher und wegen unserm Funktelefon.“ Ich freue mich, dass man die Welt nun auch in Berchtesgaden empfangen kann. Der Betonpfeiler auf halber Höhe des grünen Obersalzberges garantiert es. Er ist die Garantie, dass dieser Ort und der Berg kein abgeschirmtes Paradies sind.

Die erste Meldung des Deutschlandfunks ist, dass in Sebrenica ein Massaker an Zivilisten stattgefunden habe. Die UN habe das Morden trotz ihrer Präsenz nicht verhindern können. Details der Gräueltat seien noch unbekannt.

Krieg und Morden sind mitten in Europa jederzeit möglich. Ich lenke mich mit dieser Horrornachricht von meiner Aufgabe, derentwegen ich nach Berchtesgaden komme, ab. Ich stelle mir das unvorstellbare Leid der Menschen vor, die nur wenige hundert Kilometer südlich von hier leben. Dort habe ich in den siebziger Jahren als Kind die Ferien verbracht. Daran habe ich schöne Erinnerungen. Die Wochen am Meer in Istrien waren unbeschwert. Das Kinderheim, nein, diejenigen Kinder, wie ich, die nicht nach Hause zu ihren Eltern fahren konnten, wurden für zwei warme Wochen von Berchtesgaden nach Jugoslawien ans Meer gebracht.

3. Arbeit

Am Ende des Fließbandes krachen die verschlossenen Cremedosen aus der Maschine. Scheppernd knallen sie auf einen weißen Tisch. Ihr Aluminiumverschluss ist noch handwarm. Frauen in weißen Kitteln stehen um den Tisch. Sie leisten Akkordarbeit. Sie verschrauben eilig die Dosen mit weißen Plastikdeckeln. Vorher prüfen sie durch Handdruck, ob der verschweißte Aluminiumverschluss dicht hält. Die verschlossenen Dosen stapeln sie zu hohen Säulen. Andere Frauen verpacken die Dosentürmchen in Pappschachteln. Sind die Schachteln voll, stapeln sie die zu Kartonbergen auf bereitstehende Paletten.

Die Arbeiterinnen unterhalten sich während dieser Arbeit. Sie sprechen schnell und laut miteinander. Den lauten und monotonen Maschinenlärm in der Produktionshalle müssen sie mit ihren Stimmen übertönen. Durch die Halle rufen sie sich bayerische Sätze und Fragen zu, die ich nur in Bruchstücken verstehe. Das ist ihre Heimatsprache. Die Akkordarbeiterinnen leben und arbeiten in dieser Sprache. Mir kommt deren Sprache wochenlang fremd vor, bis ich verstehe, dass ich der einzige in der Fabrik bin, dem es so geht. Ich bin der Fremde, der in deren Heimat kommt und sprachlich nicht mithalten kann.

Täglich stehe ich stundenlang an Maschinen und drücke auf bunte Knöpfe. Die Arbeiterinnen kennen die Knöpfe, deren Funktion und die Maschinen seit Jahren. Obwohl ich die Maschinen kaum kenne, drücke ich schon nach wenigen Tagen Knöpfe. Warum kein Ärger darüber, dass ein Städter in das Industriegebiet im Tal zwischen den idyllischen Bergen kommt, und schon nach wenigen Tagen Verantwortung für die Maschinen übernimmt?

Ich bin überzeugt, dass die Akkordarbeiterinnen seit Jahren genau wissen, welche Knöpfe an den Maschinen zu drücken sind. Das Problem ist nicht ihre fehlende Kenntnis. Ich glaube, sie wissen alles, doch sie bedienen die Maschinen nicht, weil sie nicht dafür eingestellt worden sind. Sie sind für Akkordarbeit vorgesehen und nicht für das Knöpfedrücken an den Maschinen. Sie leisten das, wofür sie vorgesehen sind. Sie tun das, wofür der Chef sie eingestellt hatte. Sie respektierten, dass ein fremder Städter in ihr Tal kommt und Knöpfe drückt.

Ich habe das Bedienen der Maschinen nicht gelernt. Ich habe einen anderen Beruf. Trotzdem stellt mich der Chef zum Knöpfedrücken an. Ware zu verpacken und Dosen zu verschrauben ist nicht meine Aufgabe. Ich tue es nur, wenn in der Produktion jede freie Hand benötigt wird.

Die Frauen tun ihre Akkordarbeit jeden Tag. Sie sind glücklich, wenn sie nicht jeden Tag das gleiche verpacken. Das sagen sie zumindest. Ob das stimmt, oder ob sie das sagen, um es sich mit dem Chef nicht zu verderben, weiß ich nicht. Sie verpacken Dosen und dann Tuben. Sie packen in Kisten und Schachteln. Sie stellen Parfümfläschchen von einem Fließband auf ein anderes, sie schrauben Verschlüsse zu und stecken Kappen auf. Sie tragen verpackte Ware von einer Ecke einer Halle in die andere. Sie leisten schwere Fabrikarbeit, wie Millionen Menschen.

Ich stehe morgens vor dem Finanzamt und denke an meine idyllischen Vorstellungen von Arbeit. Vielleicht deshalb der Spruch des Chefs. Auf den Chef wirke ich so, dass er mich darüber aufklären muss, dass Arbeit keine Hexerei sei. Wenn er mich sieht, ob vor dem Finanzamt oder an der scheppernden, ratternden Produktionsmaschine, glaubt der Chef, dass ich Arbeit für Hexerei halten könnte. Deshalb informiert er mich darüber, dass ich falsch liege.

Es ist eine weiße, große Limousine. Sie sieht sehr schwer aus. Obwohl sie sich schnell nähert, scheint sie mit dem dunklen Belag der Straße fest verhaftet. Jede Unebenheit des Straßenbelages gleicht der Wagen geschmeidig aus, ohne dabei vom Boden abzuheben. Der Chef sitzt am Steuer, die linke Hand fest am schwarzen Lederlenkrad, die rechte auf seinem rechten Knie gelagert. Er sitzt aufrecht mit geradem Rücken, die Bodenunebenheiten scheint er im Wageninneren nicht zu spüren. Spätestens um fünf nach sieben Uhr rollt der Wagen die Straße zwischen Finanzamt und Altenheim herunter. Das Tempo der Limousine reduziert der Chef, nachdem die Leichtmetallfelgen die schwere Karosserie über die Straßenkuppe gleiten lassen, welche den steilen Anstieg hinauf auf den Hochstein markiert.

Auch heute steige ich wieder aufgeweckt, beinahe hastig zu, lasse mich in dem schwarzen Ledersitz nieder. Ich mag es nicht, morgens um diese Uhrzeit im schwarzen Ledersitz, im schweren Wagen neben dem Chef zu sitzen. Ob er das merkt? Er spricht mich nicht darauf an. Im Wagen herrscht Schweigen. Der Chef sagt nicht: „Ich weiß, das Sitzen in meinem Wagen, im schwarzen Ledersitz, um diese Uhrzeit ist kein Vergnügen!“

Er Chef merkt mir nicht an, dass ich darüber nachdenke, wohin ich in seinem schweren Wagen sitzend, gemütlich zurück lehnend, um diese Uhrzeit fahren könnte. Der Chef bemerkt nicht, dass ich darüber nachdenke, wie das Sitzen in seinem Wagen für mich zu einem Vergnügen werden könnte. Er erkennt nicht, dass ich daran denke, in seinem Wagen nach Salzburg zu fahren. Ich will vorbei am Industriegebiet, am liebsten Richtung Meer, am besten gleich bis nach Griechenland. Mit diesem Ziel vor meinen Augen würde die Fahrt für mich zu einem Vergnügen werden. Ich stelle mir den schweren, gepflegten Wagen des Chefs auf einem sandigen Griechischen Campingplatz, direkt am Strand vor. Ich berechne, bis wo hin ich in dem schweren Wagen komme, wenn ich morgens um sieben Uhr vor dem Berchtesgadener Finanzamt einsteige. Das Meer wäre leicht bis zum frühen Nachmittag erreichbar. Nicht das Griechische, sicherlich aber das Italienische. Der Chef sagt zu meinem Denken nichts.

Die Gedanken sind frei“. Das ist der Liedtext, der mir dazu einfällt. „Wer kann sie erraten?“ Das ist die kurze Strophe, die ich als Kind in Berchtesgaden zu singen lernte. Tatsächlich begann ich damals, meine Gedanken in Freiheit zu trainieren. Ich stellte mir oft schöne bunte Wiesen vor, malte in Gedanken Bilder vom Sonnenuntergang oder wähnte mich hoch oben in den Wolken, schwebend über dem Berchtesgadener Talkessel. In meinen Gedanken floh ich vor dem Leben, das ich in dem engen Tal und auf dem Obersalzberg erlebt habe. Wo für mich keine Sonne mehr schien, weil ich in mein Zimmer zum Stubenarrest geschickt wurde, malten meine Gedanken die Freiheit einer weiten bunten Landschaft.

Über was soll ich früh morgens reden, als sein Beifahrer auf den wenigen Kilometern, die sein Wagen eiligst verschlingt? Ich weiß es nicht. Ich sehe nach rechts durch das Wagenfenster hinaus. Dort sehe ich den wolkenumhüllten Obersalzberg, wie er vorbei fliegt. Unten sehe ich die reißende Arche. Braun und aufgewühlt vom vielen Regen rauscht sie unter der schweren Limousine mit den schwarzen Ledersitzen hindurch. Die Wischblätter gleiten langsam und regelmäßig über die Windschutzscheibe. Geräuschlos entfernen sie die Regentropfen. Die getönte Windschutzscheibe sieht makellos aus. Dicke Tropfen knallen auf das Glas wie tausend durchsichtige kleine Spiegeleier. Aus den tief hängenden, grauen Wolken stürzen sie herab, schlagen auf der Scheibe dieses makellosen Wagens auf. Sofort werden sie von dem riesigen Wischblatt beiseite geschoben. Der Fahrtwind verteilt sie in schmalen Bahnen auf den Türen des schnellen Autos. Im Wageninneren spüre ich eine unwirkliche Makellosigkeit. Schnell wäre es mit dieser Sauberkeit und dem teuren Lederambiente vorbei, wenn ich am Industriegebiet vorbei führe, um eine wochenlange Reise nach Südeuropa anzutreten.

Leise surren Klimaanlage und Heizung. Draußen fliegt grüne Landschaft vorbei. Sie wird von der breiten, nass glänzenden Straße zerschnitten. Spritzwasser von den Breitreifen des Wagens verschmutzen die kleinen Gräser am Straßenrand. Ich stelle mir dieses unschöne Geschehen vor. Ich denke an kleine Blümchen und Grashalme, stelle sie mir vom dreckigen Wasser aus Öl, Reifenabrieb und Bremsbelag besudelt vor.

Dunkle Regenwolken hängen tief über dem engen Tal. Die Sonne strahlt über den Wolken. Oben, nahe der schwarzen Wolken, überfliegen viele Menschen das Tal. Ich stelle sie mir angeschnallt in ihren Sitzen vor. Sie lächeln, denn sie sind auf dem Weg in den Urlaub am Meer. Der Chef steuert den Wagen schwungvoll um die Kurve auf seinen Parkplatz vor der Fabrik. Über den Wolken wird ein Fluggast jetzt von einer Dame gefragt: „Do you want Coffe or Tee?“

Mich fragt der Chef nichts. Er weiß nicht, was ich denke. Er fährt jeden Morgen sehr schnell. Er will pünktlich in seiner Fabrik sein.

Plötzlich spricht er über die Reifen seines Wagens. Ich bin überrascht, fühle mich aber nicht angesprochen. Er spricht mit dem Reifenmonteur und dessen Chef. Beide sitzen aber nicht im Wagen. Der Chef ärgert sich über diese beiden und über die breiten Reifen an seinem Wagen, weil die laut surren. Die Reifen sind falsch montiert und sie haben viel Geld gekostet. Das ist ärgerlich und deshalb genügend Grund für den Chef, morgens um kurz vor halb Acht darüber zu berichten.

Ich hasse die engen Umkleidekabinen. Dort stinkt es nach Schweißfüßen und Körpergeruch. Auch heute habe ich wieder kein frisches T-Shirt dabei. Deshalb ziehe ich das vom Vortag noch mal über. Es ist braun verschmiert von einer Tönungsgesichtscreme, die ich am Vortag in große Behälter abgefüllt hatte. Auch der Chef kleidet sich in der engen Kabine um. Täglich hat er ein neues, frisch gewaschenes, weißes T-Shirt. Er nimmt es von seinem Stapel auf einem Blechschrank. Ich glaube, dass der Chef seine Wäsche nicht selbst wäscht.

Vom Chef habe ich jeden Morgen mehrere Bilder in meinem Kopf. Sie entstehen, ohne dass ich beabsichtige, sie entstehen zu lassen. In seiner Fabrik arbeitet der Chef mit, wie jeder seiner Mitarbeiter. Er packt in der Produktion an und macht sich dabei Hände und Kleidung schmutzig, wie jeder seiner Arbeiter. Aber, so zeigt es das Bild in meinem Kopf, zu Hause tut er das nicht. Dort sind die Rollen klarer verteilt. Seine Frau ist für die Wäsche und die Küche zuständig. Wegen meines Kopfes und den Bildern, die ich darin vom Chef finde, bin ich morgens von Tag zu Tag mehr und mehr verunsichert. Der Chef packt überall in der Fabrik mit an. Er reinigt die verdreckten Container und Tonnen von Resten der Cremes und Salben, mit nacktem Oberkörper bedient er den Hochdruckreiniger. Er steht in einem mannshohen Aluminiumbehälter und schrubbt. Deshalb entsteht in meinem Kopf viel Unklarheit über dessen Rolle in seiner Fabrik. Vielleicht will der Chef die Unklarheit? Ich glaube, er will kein Chef hinter einem großen Schreibtisch sein, wie jeder andere Chef. Er will zeigen, dass er die Dreckarbeit in seiner Fabrik kennt und nicht scheut.

Die Verwaltung seiner Firma erledigt er nebenbei, am Wochenende und abends. Tagsüber steht er in der Produktion und bedient Maschinen. So hat der Chef seine Produktion unter Kontrolle. So erkennt er täglich die Arbeitsleistung seiner Mitarbeiter und kann sie kontrollieren. Vermutlich deshalb fällt ihm bei meinem Anblick in der Produktion der Satz mit der Hexerei ein.

Der Chef arbeitet und kontrolliert. Ich glaube, der Chef denkt, dass dieser Stil ein kluger, moderner Zug von ihm ist. Er will nicht, dass ein Mitarbeiter seiner Fabrik glaubt, dass der Chef in seiner Firma etwas besonderes ist. Doch dem Chef gelingt das nicht. Ein Blick auf mein Bild in meinem Kopf zeigt mir sofort, dass der Chef mit diesem Verhalten etwas zu verrücken versucht, was nicht zu verrücken ist: Er ist der Chef und damit ist er etwas besonderes.

Weil er der Chef ist, nimmt er es sich in der Produktion heraus, jeden Facharbeiter an den Maschinen so zu unterstützen, wie er es für richtig hält. Er unterbreitet Vorschläge, die er am liebsten selbst umsetzt. Er fragt den Maschinenführer nicht, warum etwas nicht funktioniert, sondern er begründet warum etwas gar nicht funktionieren kann. Er erklärt, dass etwas aus den und den Gründen und mit Sicherheit auch noch wegen der Tatsache, dass, … überhaupt nicht funktionieren kann. Der Chef greift zu Schraubenzieher und Schraubenschlüssel. Er greift in die Maschinen, er schraubt und dreht. Seine Hände sind mit Maschinenöl verschmiert. Der Chef kennt jede Maschine genau, schließlich hat er alle irgendwann beschafft. Was seine Mitarbeiter können, kann der Chef auch. Mit jeder Maschine hat er sich lange und intensiv befasst. Er bearbeitet seine Maschinen am Wochenende. Das tut er, damit montags die Produktion auf Hochtouren beginnen kann.

Der Chef führt einen Familienbetrieb und er ist begeistert davon. Seine Frau nennt die Firma sein Hobby, aber mein Bild in meinem Kopf zeigt mir deutlich: Die Firma ist sein Leben. Es begeistert den Chef zu sehen und zu hören, wie die Maschinen rattern und knattern und hunderte gefüllte Dosen oder Tuben oder Pröbchen auswerfen. Den Inhalt, die Cremes und Salben mischt der Chef am Wochenende in riesigen Mixern. Manche Creme entspringt seiner eigenen Rezeptur. Der Chef hat viele Ideen. Es sind Tonnen, die nach jedem Wochenende auf ihre Abfüllung in Tübchen und Döschen warten.

Vor Jahren war das vielleicht tatsächlich eine Spielerei, sein Hobby, dem er an kleinen Maschinen zu Hause im Keller nachging. Inzwischen hat er eine Fabrik daraus gemacht, in der er Arbeitsplätze schafft. Das kann kein Hobby, keine Spielerei mehr sein. Mein Bild vom Chef wird langsam fertig: Es ist ein großer Verdienst! Eine riesige Sache, vielleicht sogar das wichtigste im Leben. Es ist etwas, das nur ich nicht kapiere. Arbeiten! Dazu braucht man Arbeitsplätze, wie sie der Chef in seiner Fabrik schafft. Arbeitsplätze, die ein Chef wie er, auf seine Weise kontrolliert. Mein Bild ist endlich fertig: Der Chef gibt den Menschen in diesem Tal Arbeit und Brot, auch mir! Das wichtigste im Leben kommt vom Chef. Deshalb muss ich lernen, zu denken: Nimm das endlich ernst! Konzentriere dich endlich darauf, hier in dieser Fabrik gut zu arbeiten! Denke nicht immer an was anderes, wenn es an die Arbeit geht! Das zu denken versuche ich heute in der Fabrik. Ich hämmere es in meinen Schädel. Es fällt mir schwer, denn es ist ein Denken, das nicht hinein will. Die Gedanken sind frei, doch während der Arbeit sind sie in der Fabrik, der Chef gibt sie vor. Arbeit ist keine Hexerei, wenn die Gedanken, die der Chef hat, dabei sind.

4. Bilder

Der nächste Tag ist der erste Tag im Juli. Es ist der Tag an dem ich die Arbeit in der kleinen Produktionsfabrik „für immer“ beginne. So ist es mit dem Chef ausgemacht. Die Wochen im April, meinen geopferten Urlaub, nenne ich heute gegenüber dem Chef „positiv“. Ich kann mir gut vorstellen, in seiner Fabrik zu arbeiten. Nicht nur dies, ich erkläre dem Chef, ich wolle sogar gerne und langfristig bei ihm arbeiten. Das freut den Chef. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass ich die lebensnotwendige Arbeit und das Geld vom Chef nicht ausschlage. Der Chef strahlt mich an, obwohl ich ihm anstatt selbstverständlichen Dank, nur mein „positiv“ anbiete.

Für immer bleiben“ heißt bleiben, so lange das Arbeitsleben anhält. Ich kann mir das nicht wirklich vorstellen, obwohl ich es dem Chef zusichere. In meiner Kindheit gab es „für immer bleiben“ auf dem Obersalzberg in Berchtesgaden. Dort kamen Kinder aus deutschen Jugendämtern an. Sie wurden, wie ich, mit dem Ziel empfangen „für immer“ bleiben zu dürfen. Meine Kindheit war für mich, wie für jeden Menschen keine Zeit, die „für immer“ blieb. Doch damals begriff ich das noch nicht.

Wegen des verregneten Frühlings erwarte ich in diesem Jahr keinen Sommer. Durch die riesigen Fabrikfenster strahlt die Julisonne. Im ersten Stock der kleinen Firma wird es heiß.

Die Akkordarbeiterinnen stehen in weißen Kitteln an Transportbändern und schwitzen. Rechteckige, hellblaue Glasfläschchen kommen auf einem Förderband vorbei. Nicht einmal ein zehn Milliliter Rasierwasser werden von den Frauen schnell und geübt vom Fließband genommen. Auf den Sprühkopf der Fläschchen drücken sie kraftvoll einen goldfarbenen, dicken Plastikknopf. Die Fläschchen stellen sie in kleine Kisten, die sie mit Paketklebeband zukleben und auf einer Palette stapeln. Diese Tätigkeit beginnen die Frauen morgens um halb acht Uhr und beenden sie nachmittags um fünf.

Jahrelang hatte ich so getan, als wüsste ich nicht, dass in Deutschland noch so gearbeitet wird. Ich glaube, dass geringe Stückzahl und hoher Preis der Parfums und Rasierwasser, Cremes und Salben diese maschinenunterstützte Handarbeit möglich machen. Ich denke an Frauen in teuren Pelzmänteln. Adrett gekleidete Verkäuferinnen. In hell erleuchteten Parfümerien in der Münchner Innenstadt verkaufen sie die Fläschchen. Edle Fläschchen mit glänzenden Plastikköpfen finden in den Boutiquen gegenüber der Münchner Residenz reißenden Absatz. Sie glänzen in weißen Marmorbädern, sie finden weltweit auf großzügigen Ablagen in Badezimmern von Hotels platz.

„Das schafft Arbeitsplätze, deshalb ist es wichtig!“

Diese Überschrift nagle ich als Titel über mein Bild von der Tätigkeit des Chefs in meinen Kopf. Doch die Nägel halten nicht! Sie springen von selbst wieder heraus! Sie springen heraus, wie sich das ein Handwerker bei Abrissarbeiten auf einer Baustelle wünschen würde. Die Nägel hüpfen heraus, als wären sie schon alt und rostig. Sie fallen klirrend, verbogen und unbrauchbar zu Boden. Das riesengroße und schwere Brett mit der Aufschrift: „… schafft Arbeitsplätze … wichtig!“ kracht in meinem Kopf mit Getöse zu Boden und zerbricht. Warum?

Weil ich das nicht weiß, malt mein Kopf weiter. Er malt an einem neuen Bild. In dem Bild geht es um die Frage: Wieso genau dieser Arbeitsablauf in der Fabrik von Morgens bis Abends? Es entsteht ein Bild zu der Frage: Welchen Sinn sehe ich in dieser Arbeit? Ein riesiger Pinsel in meinem Kopf pinselt nervös und hastig an diesem Bild herum.

Der Chef erklärt mir alles. Er erklärt es, ohne dass ich ihn nach dem Sinn, des Arbeitsvorganges, den die Akkordarbeiterinnen acht Stunden täglich zu verrichten haben, frage.

Die Arbeiterinnen stehen links am Fließband. Dort machen sie das: Einen Karton von der Palette heben, auf die linke Seite der Maschine tragen, den Karton mit dem Rasiermesser aufschlitzen, drei leere Fläschchen pro Hand herausheben und nebeneinander auf das Transportband stellen. Rechts am Fließband stehen andere Frauen. Sie machen das: Ein gefülltes Fläschchen vom Band nehmen, einen Plastikdeckel mit der linken Hand greifen und auf die Flasche aufsetzen, fest aufdrücken, danach Fläschchen in die Kiste neben dem Band stellen.

Der Chef erklärt den Sinn durch seine Begeisterung wenn die Stückzahlen stimmen. Wenn die Maschinen reibungslos auswerfen, was verlangt ist, und die Arbeiterinnen reibungslos drei Fläschchen vorne aufs Band stellen und die gefüllten Fläschchen hinten vorsichtig und flink zu-stöpseln, dann lächelt der Chef. Er pfeift ein Liedchen. Er ist zufrieden. Das ist der Sinn! Das ist die Antwort auf meine Fragen in meinem Kopf! So sollte ich in meinem Kopf die Bilder malen! Wenn die Zahlen stimmen, und die verpackten Kisten auf den Paletten bis zur Decke wachsen, ist für den Chef die Welt nicht nur in Ordnung, sondern dann ist sie richtig gut. Der Produktionstag ist sinnvoll und gut! Ich weiß es! Endlich kann ich aufhören, zu denken!

Über das fertige Bild kommt die endgültige Überschrift auf einem großen Holzbrett: „Guter Produktionstag, gute Arbeitswelt!“ Gerade als ich den letzten Nagel fein säuberlich in das schwere Holzbrett über meinem Bild in meinem Kopf schlage, beginnt der unterste Nagel schon wieder mit nervösen Drehbewegungen. Und obwohl ich noch mal fest auf den letzten Nagel einschlage, klirren die Nägel einer nach dem anderen wieder unbrauchbar zu Boden. Das Bild „Guter Produktionstag, gute Arbeitswelt“ kann ich in meinem Kopf nicht fertig malen! Ich kann das Bild nicht mit seinem Titel versehen und in meinem Kopf einfach hängen lassen. Genauso, wie die anderen Bilder, bleibt es nicht an seinem Platz hängen, sondern stürzt zu Boden und zerbricht!

Weil das Bilder malen in meinem Kopf unerträglich zu werden droht, denn kein einziges der Bilder von der Fabrikarbeit gelingt mir, bekomme ich Angst. Tagelang geht es mir deshalb schlecht. Wie soll ich das Leben mit der Arbeit beim Chef leben, ohne Bilder in meinem Kopf malen zu können, deren Titel passen und die hängen bleiben? Ich verschwende viel Energie für das Malen von Bildern, die nicht fertig werden können. Meine Kraft schwindet mehr und mehr, deshalb fühle ich mich krank. Deshalb glaube ich, dass ich mit dem Malen im Kopf aufhören muss. Es droht mich aufzuzehren. Ich versuche mich abzulenken, um nicht mehr an die unfertigen Bilder in meinem Kopf zu denken.

Die Ablenkung versuche ich, indem ich morgens beginne, mir die Landschaft vor meinem Fenster genauer anzusehen. Ich versuche die unfertigen Bilder in meinem Kopf durch die vorhandene Landschaft vor meinen Augen zu überpinseln.

Jeden Tag sehe ich sehr genau hinüber, zum Betonpfeiler am Obersalzberg, gegenüber vom Hochstein, an dem ich wohne. Vom Frühstückstisch sehe ich den Obersalzberg mächtig auf der anderen Seite des Tals zum Himmel hinauf ragen. Der auffällige Betonpfeiler befindet sich etwa auf halber Höhe des Berges. Durch mein Fernglas erkenne ich, dass der Wald dort auf einem erheblichen Stück gerodet ist und ein eigener Zufahrtsweg zu dem Betonmasten führt.

Die Nebelschwaden ziehen auch im Juli morgens durch das Tal, sie sind aber viel dünner als im April und lösen sich, vom Watzmann kommend, kurz vor dem Obersalzberg auf. So habe ich täglich klare Sicht hinüber. Tatsächlich zeigt mein Ablenkungsversuch Wirkung. Schon nach zwei Tagen male ich in meinem Kopf keine unvollendbaren Bilder mehr vom Chef und der Arbeit in der Fabrik.

Nach einer Woche, jeden Morgen habe ich diesen Berg vor meinen Augen, glaube ich daran, dass es der Berg sein könnte, den ich wiedersehen wollte. Mein Denken über die Fabrikarbeit, das Finanzamt, das Altenheim, die Fahrt im Wagen des Chefs, mein Schweigen neben dem Chef: Alles reine Ablenkung von diesem Berg, von diesem Ort, von meiner Vergangenheit hier.

Am achten Morgen im Juli, um zwanzig Minuten nach sechs Uhr, denke ich, dass es kein Zufall sein kann, der mich in diesen Ort zurück führt, und dass es vielleicht auch kein Zufall ist, dass ich ausgerechnet so wohne, dass ich jeden Morgen ab sechs Uhr aufgefordert bin, weil ich keine unvollendbaren Bilder mehr im Kopf malen will, an meine Vergangenheit auf diesem Berg und in diesem Ort zurück zu denken.

Am neunten Morgen im Juli denke ich überhaupt nicht mehr an den bevorstehenden Arbeitstag. Die Arbeit ist so langweilig und eintönig, dass sie meine Gedanken nicht weiter beschäftigt. Ich habe meine sichere Stellung in der Stadt aufgegeben, für eine Arbeit, die mich schon am neunten Morgen nicht mehr beschäftigt? Eigentlich Wahnsinn, aber darüber denke ich am neunten Julimorgen nicht länger nach. Was in der Fabrik auf mich zukommt, jeden Tag, weiß ich genau. Es ist nicht spannend, nicht interessant, sondern langweilig aber sehr anstrengend.

Abends schmerzen mir Füße und Rücken. Wäre ich wegen der monotonen Arbeit abends nicht so abgearbeitet und müde, so denke ich am neunten Morgen, könnte ich mit dem Schreiben abends beginnen. Doch das ist wegen der anstrengenden Fabrikarbeit nicht möglich. Vielleicht können andere Menschen nach einem Tag monotoner Fabrikarbeit abends noch geistig arbeiten, ich kann es nicht. An manchem Abend bin ich so müde, dass ich schon um halb sechs Uhr auf dem grauen Sofa, mit Blick hinüber zum Obersalzberg einschlafe. Meine Augen fallen zu, die Zigarette fällt mir aus den Fingern und brennt ein Loch in den gemieteten Teppich. Das ist mein Leben an den Tagen nach lautem eintönigem Maschinenlärm. Es ist meine Unfähigkeit, nach einem langen Fabriktag, noch wach zu bleiben und zu denken.

Es gibt einen Grund für meine Rückkehr in diesen Ort, aber, wegen der anstrengenden Fabrikarbeit, kann ich abends, wenn Zeit dazu ist, nicht weiter über meine Rückkehr in dieses Tal und meinen täglichen Blick auf den Berg nachdenken. Über diesen Sinn der Fabrikarbeit ärgere ich mich nach dem zehnten Arbeitstag. Ich ärgere mich über Logik in meinem Alltag. Nach einem monotonen, anstrengenden Arbeitstag tue und denke ich nicht mehr viel. Das finde ich am Abend des zehnten Arbeitstages gemein.

Ich sitze auf dem grauen Sofa. Ich spüre, dass mein Kopf nicht mehr denken kann. Selbst mit starkem Kaffee gelingt es nicht. Ich bleibe zwar wach, aber ich kann nicht vernünftig denken. Eigentlich will ich wieder einschlafen, wie an den vergangenen Abenden, nach der Arbeit. Doch das verhindert nun der starke Kaffee.

Jetzt beginnt mein Kopf wieder Bilder zu malen. Ein Titel heißt: „Nach einem guten Produktionstag: Dumm sein und schlafen!“ Das schwere Brett mit diesem Titel bleibt hängen. Es kracht nicht, wie seine Vorgänger, herunter. Die Nägel für diesen Bildertitel halten. Endlich ein vollendetes Bild in meinem Kopf.

Am zehnten Abend, auf dem grauen Sofa im Zimmer an der Hochsteinstraße bleibe ich wach. Wegen einer starken Tasse Kaffee male ich in meinem Kopf ein fertiges Bild. Ich verstehe, dass ich nach Berchtesgaden nicht nur wegen der Fabrikarbeit und dem Chef zurückkomme. In beeindruckender Klarheit sehe ich täglich den Obersalzberg vor meinem Fenster. Der Grund für meine Rückkehr liegt an diesem Berg, in diesem Ort. Hier habe ich noch etwas zu erledigen.

Ich bin Fabrikarbeiter. Täglich wird mein Denken von der Monotonie und Langeweile dieser Arbeit behindert. Das Bild von diesem Berg, von diesem Ort, thront vor den Augen des Fabrikarbeiters. Dieses Bild schüttelt den müden Fabrikarbeiter wach. Es beflügelt sein Denken, es rüttelt ihn auf. Das Bild führt einen Kampf zwischen willen- und mutlos machender, monotoner Fabrikarbeit und dem verschütteten Willen des Fabrikarbeiters. Dessen Wille möchte unbedingt eine verborgene Erinnerung hervor kramen.

5. Ausflug

Am Morgen des zehnten Arbeitstages sitze ich schon um fünf Uhr am Frühstückstisch. Das tue ich, weil ich glaube, dass es die Stunde ist, in der ich am klarsten denken kann. Ich bin zwar noch sehr müde, aber ich bin noch nicht aufgearbeitet vom monotonen Fabriktag.

Ich will mich auf ein Experiment einlassen, denn ich bin überzeugt, dass ich gefunden habe, was mich hierher zurückgeführt hat. Etwas von meinem Leben, das vor Jahren an diesem Berg geschehen war, soll durch meinen Kopf wandern. Diesen Teil meines Lebens hält mein Kopf tief unten verborgen. Das soll jetzt ausgegraben werden. Es muss jetzt geschehen, bevor die Jahre meine Erinnerung mit neuen Erlebnissen derart überlagern, dass es mir unmöglich wird, die Erinnerungen festzuhalten.

Was verbindet mich mit diesem Berg und diesen Ort? Ich stamme nicht aus dieser Gegend, ich bin nicht einmal ein Bayer. Trotzdem verbringe ich viele Jahre hier im Ort und auf diesem Berg. Es ist in den siebziger Jahren. Ich bin Zwangsgast in den zwei Häusern, am Oberlehen, oben auf dem Obersalzberg. Dort verbringe ich meine Kindheit. Auf unbestimmte Zeit lebe ich dort. Vielleicht bleibe ich bis zu meiner Volljährigkeit, so sagt es mir die alte Heimleiterin.

Das Kinderheim am Oberlehen liegt etwa auf halber Höhe des Berges. Es besteht aus zwei alten Häusern und einen sauber gerechten Hof mit einer riesigen Eiche. Hinter dem Oberlehen gibt es steile Hänge und Wiesen, und oben den Wald, unseren riesigen Spielplatz. Das Oberlehen besteht aus zwei einstöckigen Gebäuden, dem Haupthaus und dem Nebenhaus. Große Teile meiner Kindheit lebe ich in diesen beiden Häusern. Heute gibt es die beiden alten Häuser nicht mehr. Stattdessen stehen dort zwei Neubauten.

Ich erreiche das neue Oberlehen über die steile Bergstraße. An der Station Erika lenke ich den Wagen nach rechts und fahre über die kleine Brücke, unter der die Rodelbahn hindurch führt. Ich erkenne die Gegend, doch alles sieht verändert aus. Nicht nur die Straße ist neu geteert, auch die wenigen alten Häuser am Straßenrand muss ich aufmerksamen Blickes suchen. Die Pension finde ich versteckt zwischen vielen Neubauten.

Die graue Mauer am Straßenrand ist noch da. Immer noch hält sie den Berg davon ab, auf die Straße zu stürzen. Am Ende der Mauer biege ich links ab. Jetzt sehe ich die beiden neuen Häuser, das neue Oberlehen. Ich fahre nicht bis vor das erste Haus. Den Wagen wende ich in einiger Entfernung der beiden Gebäude.

In diesem Moment verspüre ich Lust, den Wagen direkt auf dem Vorplatz am ersten Haus abzustellen, tue es aber nicht. Ich erinnere mich an mein Spiel vor etwa zwanzig Jahren auf diesem Vorplatz, vor dem alten Haupthaus. Dort hatte der Buchhalter seinen weißen Porsche und der Heimleiter seinen grünen Opel Rekord geparkt. Damals hatte ich sehr oft auf diesem Vorplatz zwischen deren Autos gespielt.

Ich bin elf oder zwölf Jahre alt. Ich sitze in einem roten Kettcar. In meiner Phantasie ist das Kettcar ein echtes Auto. Mit meinem Phantasieauto fahre ich vor meinem Kinderheim vor. Ich fahre rasant, mit laut brummendem Auspuff. Ich fahre, wie es der Buchhalter Birner, er ist Stellvertreter des Heimleiters, jeden Morgen tut. Meinen Sportwagen, das Kettcar, parke ich zwischen den Wagen des Heimleiters Helling und den des Buchhalters Birner. In meinem Phantasiespiel komme ich als Besucher in das Oberlehen. Ich wohne nicht dort, sondern ich reise aus der Stadt hinauf in das Kinderheim am Obersalzberg. Dort besuche ich meinen Sohn. Das ist selbstverständlich. Ich komme am Wochenende und in den Ferien, um meinen Sohn zu sehen.

In meinem Spiel tue ich das sehr oft, mindestens wöchentlich. Es ist selbstverständlich, dass ich meinen Sohn da oben wöchentlich besuche, denn damals weiß ich, dass er „für immer“ dort leben soll, weil er bei mir nicht mehr leben kann. Ich besuche ihn, um zu erfahren, wie es ihm geht, um sicherzustellen, dass es ihm gut geht. Wenn ich sehe, dass es ihm schlecht geht, spreche ich mit dem Leiter und dem Buchhalter darüber. Helling und Birner haben mir in meinem Phantasiespiel nichts zu befehlen, denn ich bin erwachsen. Deshalb grüße ich die beiden nur beiläufig. Ich sage: „Grüß Gott, die Herren!“

Dann betrete ich das Haupthaus, gehe hinauf in das Zimmer meines Sohnes. Der freut sich und lacht, weil ich schon wieder zu Besuch komme. Er zieht seine Jacke über, wir beide gehen die Treppe hinunter und verlassen das Haus. Wir steigen in mein Phantasieauto. Den Wagen wende ich schwungvoll und laut dröhnend. So, wie Birner es jeden Tag mit seinem Porsche tut, donnere ich in meinem Phantasiespiel im Kettcar, zusammen mit meinem Sohn, die abfallende Bergstraße hinunter. Mit meinem Sohn unternehme ich einen Ausflug in den Markt Berchtesgaden, anschließend gehen wir zusammen in die Berge.

In Berchtesgaden scheint es mir stets wichtig, zunächst genau zu suchen, ob nicht am Rand eines Grundstücks der Hinweis auf ein Privatgelände steht, der das Betreten verbietet. Ich bleibe deshalb im Wagen vor dem neuen Oberlehen sitzen. Durch die Windschutzscheibe sehe ich den Vorplatz meines ehemaligen Zuhauses. Ich suche ein Verbotsschild und finde keines. Deshalb steige ich aus. Ich gehe langsam einige Schritte, nähere mich dem Vorplatz am neuen Oberlehen. Auf dem geteerten Platz bleibe ich stehen. Ich betrachte die beiden neuen Häuser und die Wiesen hinter ihnen.

Der steile Hang hinter den beiden Häusern sieht nahezu unverändert aus. Es ist die Wiese, auf der wir täglich gespielt haben und im Winter Schlitten fuhren. Sie ist noch nicht mit neuen Häusern verbaut. Die beiden neuen Häuser interessieren mich nicht, denn es sind nicht mehr die, in denen wir Kinder gelebt hatten. Deshalb liegt mein Blick nur kurz bei ihnen. Sie sind modern und hässlich. Moderne, bayerische Rustikalität. Es ist die Bauweise der neunziger Jahre in Berchtesgaden. Das neue Haupthaus wirkt verschachtelt, vielleicht um keine Langeweile beim Anblick entstehen zu lassen. Die Fensterrahmen sind aus Aluminium.

Am Hang, hinter dem Haupthaus, steht die Holzhütte, in der die Ponys des Heimleiters standen. Sie wurde offenbar neu errichtet, steht an der selben Stelle auf der Wiese wie damals. Jetzt gehe ich einige Schritte in die Wiese. Ich halte an der Stelle, wo wir früher im Sandkasten gespielt haben. Von hier aus sehe ich, oberhalb auf der Wiese, die kleine Bretterhütte. Es ist der gleiche Bretterverschlag, der uns vor zwanzig Jahren als Ranch der Cowboys gedient hatte. Damals wurde der Verschlag regelmäßig von den Indianern überfallen. Das Gehege an dem steilen Hang, in dem der Heimleiter Rehe gehalten hatte, ist verschwunden. Beide Häuser beherbergen heute Berchtesgadener Familien. Ein Fenster öffnet sich. Eine Frau lehnt sich heraus. Sie ruft:
„Wos woins denn hier?“
Weil ich nicht recht weiß, was ich will, fällt mir nur der schöne Ausblick ein. Es ist die herrliche Sicht hinüber zum Untersberg, die ich aus meiner Kindheit kenne. Deshalb sage ich:
„Eigentlich gar nichts, es ist nur der wunderschöne Ausblick von hier oben!“
Mit meiner Antwort ist die Frau nicht zufrieden. Sie ignoriert sie einfach und fragt:
„Wen suachans denn?“
Ich verstehe, dass die Frau nicht versteht, dass ich nur den Ausblick genieße. Deshalb antworte ich:
„Ich suche niemanden, ich hab mich verfahren. Ich finde schon wieder runter nach Berchtesgaden. Danke schön, auf Wiedersehen!“

Weil ich einer fremden Frau nicht erklären möchte, dass ich mein ehemaliges zu Hause suche, laufe ich schnell die wenigen Schritte zurück zum Wagen. Ich steige ein, starte den Motor und rolle langsam an den Neubausiedlungen vorbei bis zur steilen Straße, die mich hinunter in den Markt führt.

Am nächsten Morgen sitze ich um fünf Uhr auf dem Stuhl vor meiner alten Schreibmaschine. Ich tippe meinen Besuch beim neuen Oberlehen. Die Erinnerung an das alte Oberlehen fällt mir dabei schwer. Ich hatte gehofft durch meinen Besuch am neuen Oberlehen, meine Erinnerung an mein Leben im alten Oberlehen zu beflügeln. Deshalb war ich abends, nach dem elften Arbeitstag, ungeachtet meiner Müdigkeit, der steilen Straße hinauf auf den Obersalzberg gefolgt. Auf die bayerische Frau, die das neue Aluminiumfenster geöffnet hat, war ich nicht vorbereitet. Jetzt denke ich, dass es nur verständlich war, dass ich diese Frau dort traf. Sie sei die Besitzerin, hatte sie noch gerufen, als ich in den Wagen stieg. Und dass das Betreten der Wiese verboten sei, weil es Privatgelände wäre.

Was habe ich anderes erwartet in Berchtesgaden? Hoffe ich, die Kinder wieder zu treffen, mit denen ich da oben gelebt habe? Da hätte ich zwanzig Jahre früher kommen müssen. Mit einer bayerischen Hausbesitzerin in einem Aluminiumfensterrahmen habe ich nicht gerechnet. Ganz schön naiv.

6. Alltag

Die Fabrikarbeit interessiert mich am zwölften Arbeitstag überhaupt nicht mehr. Ich arbeite an einer Abfüllmaschine. Die Maschine füllt ein grün gefärbtes Duschbad in lange Plastikflaschen. Der Chef arbeitet wenige Meter entfernt an einer anderen Maschine. Seine Maschine füllt in milchfarbige Glasfläschchen durchsichtiges Parfum das eine Münchner Firma für viel Geld an die Frau und den Mann bringt. Wie jeden Tag stehen die Akkordarbeiterinnen in ihren weißen Kitteln am Ende der Transportbänder. Sie nehmen die befüllten Fläschchen vom Förderband und stecken goldfarbene Plastikstopfen auf die Sprühköpfe. Die Fläschchen verpacken sie in Pappschachteln, die sie auf bereitstehende Paletten stapeln. An meiner Maschine stehen andere Frauen. Sie verschrauben die befüllten Duschbadflaschen. Sie leisten ihre alltägliche Akkordarbeit. Die Frauen arbeiten sehr genau. Schon ein minimaler Fehlgriff hat sehr unangenehme Auswirkungen. Kippt nur eine Flasche auf dem Band um, verschmiert die Flüssigkeit das Förderband und alle anderen Flaschen. Die Produktion muss gestoppt werden, das gesetzte Tagesziel wird unerreichbar. Der Chef arbeitet an der Maschine nebenan. Er sagt nichts aber beobachtet alles.

Mich interessiert das heute nicht mehr. Ich denke weder an Hexerei noch an den Sinn dieser Arbeit. Ich hebe große aber leichte Pappkisten von einem hohen Stapel. Ich schneide sie mit einem scharfen Messer auf, nehme vier längliche Plastikflaschen auf einmal heraus und stelle sie auf das Förderband. Wirft eine Akkordarbeiterin versehentlich eine gefüllte Flasche um, drücke ich sofort den roten Knopf. Das Förderband und die Abfüllmaschine stehen dann still. An diese Arbeit denke ich nicht. Ich tue sie von morgens um halb acht bis nachmittags um fünf Uhr. Ich denke an das Oberlehen in halber Höhe am Obersalzberg. In meinem Kopf sehe ich es unterhalb des neuen Betonpfeilers, der heute für guten Empfang im Tal sorgt.

Am zwölften Fabriktag bin ich endgültig überzeugt, dass ich nicht wegen der monotonen Arbeit im idyllischen Tal zurück gekommen bin. Ich komme nicht, um mir meiner utopischen Vorstellungen über Arbeit und Leben bewusst zu werden. Ich bin hier, um ein winziges Stück meines Lebens am Oberlehen auf dem Obersalzberg, wie ich es vor beinahe zwanzig Jahren erlebt habe, nicht verloren gehen zu lassen. Die Fabrik ist der Vorwand dafür, dass ich mich in diesem Ort aufhalte.

Morgens um fünf Uhr, ich sitze vor meiner alten Schreibmaschine, weiß ich am zwölften Tag, dass es notwendig ist, dass ich zwischen fünf und sechs Uhr morgens aufschreibe, was ich noch zurückholen kann. Ich muss versuchen, die Tageszeit der Klarheit am Morgen zu nutzen, um festzuhalten, was sich in meinem Gedächtnis noch findet. Ich kenne mein Gedächtnis und weiß, dass mir die genaue Erinnerung an lange Vergangenes immer schwerer fällt, je mehr Jahre vergehen. Deshalb bin ich heute hier. Zwanzig Jahre sind vergangen, mehr Zeit soll nicht verstreichen.

Sinn dieser Fabrikarbeit ist es, tagsüber zu arbeiten, um beschäftigt zu sein. So kann ich eine einleuchtende Antwort auf die Frage geben, warum ich an diesem Ort anwesend bin und was ich den Tag lang tue. Werde ich auf der Straße im Ort von alten Bekannten gefragt, was ich in Berchtesgaden tue, so arbeite ich in dieser Fabrik. Tagsüber bin ich mit Arbeit beschäftigt, das verstehen die alten Bekannten. Deshalb bin ich gekommen. Arbeit ist die beste Begründung, denn sie ist ein Muss. Von meinem Schreiben, morgens zwischen fünf und sechs Uhr, erzähle ich keinem meiner alten Bekannten auf der Straße:

„Ich bin zurückgekommen, um zu arbeiten. In der Fabrik, im Industriegebiet Richtung Salzburg, gibt es viel zu tun. Deshalb bin ich hier. Vielleicht werde ich bleiben und mich hier niederlassen.“

Das ist eine sehr gute Erklärung. Damit ernte ich zufriedene Blicke. Meine Sprache verstehen die alten Bekannten im Markt Berchtesgaden. Würde ich erklären, dass ich hier sei, um an das Oberlehen zu denken und alles aufzuschreiben, was mir dazu heute, beinahe zwanzig Jahre später noch einfällt, wäre deren Verwirrung perfekt. Ich würde höchstens ein mitleidiges Lächeln ernten.

Das alte Oberlehen interessiert die fragenden Bekannten auf der Straße nicht. Es ist vergangen, viel zu lange ist alles schon her, um noch irgendjemanden zu interessieren. Und außerdem, so kommt es mir heute Morgen, ich verlasse gerade das Haus an der Hochsteinstraße und laufe die steil abfallende Pflastersteinstraße langsam hinunter, es ist ja nur meine Vergangenheit. Warum sollte jemand in dem Ort verstehen, dass ich deshalb zurück komme?

Von der steilen Hochsteinstraße aus, sehe ich leuchtenden Schnee auf dem fernen Gipfel des Watzmanns. Zwei kleine Schäfchenwolken treiben sich in der Nähe des Gipfels herum. Ein sommerlicher, klarer Julitag in Berchtesgaden steht bevor. Ich sehe noch einmal hinauf zum Watzmann, bevor ich die Kehre unten, an der Hochsteinstraße zur Nonnenstraße erreiche. Dort drossele ich meinen Schritt, um Autos mit Berchtesgadener Nummernschildern vorbeifahren zu lassen. Ich warte einige Minuten, denn eine lange Autoschlange fährt morgens, um kurz vor sieben Uhr, auf der engen Straße durch das Nonntal. Nach einem roten Kleinwagen und vor einer, vom Rathaus herannahenden weißen Limousine laufe ich schnell über die Straße. Heute ist es ein schneller Stechschritt, in dem ich dem gelben Finanzamt entgegen strebe.

In diesem Tal, so denke ich während ich schneller und schneller werde, ist es nicht besonders sinnvoll, die Fragen der Bekannten nach dem Grund meiner Rückkehr mit dem Satz: „Ich beschäftige mich mit meiner Vergangenheit in diesem Ort“, zu beantworten. Viel wichtiger ist es, auf die Fragen alter Bekannter zu antworten, dass ich mich mit den Dingen der Gegenwart, wie der täglichen Fabrikarbeit, beschäftige. Arbeit brauche ich täglich, um zu leben. Wegen meines schnellen Stechschrittes und wegen meiner Gedanken, laufe ich auf dem Gehsteig Richtung Finanzamt einfach weiter. Ich frage mich gerade: Warum will ich an meine Vergangenheit denken und nicht an das tägliche Geld und Brot, das ich brauche? Da erkenne ich den lächelnden Chef am Steuer des Wagens neben mir. Ich verliere den Gedanken und steige zu.

Das gelbe Finanzamt fliegt rechts an mir vorbei. Der Tacho zeigt schnell fünfzig Kilometer an. Im Altenheim gegenüber dem Finanzamt sind die Vorhänge alle schon zugezogen. Ich glaube Tätigkeiten, die als Begründung für meine Anwesenheit in diesem Ort dienen, müssen einfach gegenwartsbezogen sein, um bei den alten Bekannten aus meiner Schulklasse und auch beim Chef auf Verständnis zu stoßen.

Ich lehne mich neben dem Chef ins Leder. Der Wagen rollt den Nonntalberg hinunter. Unten an der Kreuzung, gegenüber der schnell fließenden Arche, biegt der Wagen schwungvoll nach links Richtung Salzburg ab. Die Sonne geht gerade ganz hinten in dem langen, engen Tal über Markt Schellenberg auf. Ich denke kurz daran mit dem Chef über mein Thema zu sprechen. Das tue ich nicht.

Wir sprechen über das wunderbare Wetter. Minuten später, der Chef setzt den Blinker nach links und überquert die Arche hinüber zum Industriegebiet, ist es mir unangenehm überhaupt daran gedacht zu haben, den Chef in meine Art zu Denken, in mein Thema, in mein Projekt, über meine Vergangenheit am Oberlehen zu schreiben, einzuweihen. Für den Chef, so erlebe ich es täglich, ist das wichtigste im Leben die tägliche Arbeit. Die tägliche Gegenwart ist es, so denke ich, während ich dessen Firma betrete, die den Chef in erster Linie interessiert. Nur dessen tägliche Arbeit in der Gegenwart bringt den Chef soweit, zu produzieren und Mitarbeiter in Geld und Brot zu bringen.

Die tägliche Gegenwart kann ich gegenüber dem Chef jederzeit ansprechen. In sie lohnt es, Arbeitszeit und Kraft zu investieren. Was ich täglich zwischen fünf und sechs Uhr morgens tue, hat, gemessen an den Maßstäben der täglichen Arbeit in der Firma des Chefs, keinen Wert. Das erkenne ich heute Morgen, während ich in der engen, stinkenden Umkleidekabine ein frisches T-Shirt über ziehe. Weil der Chef sein Leben und das anderer Menschen an der täglichen Arbeit misst, kann ich mein Thema unmöglich mit ihm besprechen.

Ich arbeite in der Hitze im ersten Stock an einer lärmenden Abfüllmaschine und denke, dass mein Thema unproduktiv ist, denn es ist lange vergangen und spielt deshalb heute für niemanden eine Rolle, außer für mich.

7. Amerikaner

Meine Geschichte, an der ich von diesem Morgen an, täglich um fünf Uhr schreibe, hat mit der jüngsten historischen Rolle des Obersalzbergs nichts zu tun. Trotzdem fällt mir zuerst diese unrühmliche Rolle ein. Die Vergangenheit dieses Berges ist für mich nicht zuerst wegen meiner eigenen Vergangenheit unrühmlich, sondern wegen der Nazis, die sich den Berg nahezu vollständig angeeignet hatten, die auf ihm residierten, hohe Politiker empfangen hatten, und von ihm aus Massenmord, Krieg und Vernichtung betrieben.

Daran denke ich, denn dieser Tage erreichen mich mehr und mehr die Berichte des Krieges aus dem zerfallenden Jugoslawien. In ihm werden grauenvolle Tötungen verübt, Folter und Vergewaltigung als demoralisierende Kriegsverbrechen gezielt eingesetzt, die von der UN nicht verhindert werden können. Das Grauen erinnert mich daran, dass meine Geschichte eine harmlose ist, und es nährt den Gedanken, dass ich sie weiter verharmlosen könnte. Doch das gelingt mir nicht, denn sie drängt sich auf, weil es meine Vergangenheit ist, die ich nicht abspalten und ruhen lassen kann. Meine Geschichte am Oberlehen auf dem Obersalzberg beginnt fünfundzwanzig Jahre nachdem britische Bomber am 25. April 1945 den Obersalzberg erfolgreich bombardiert hatten, sie beginnt im Jahr 1970.

Das Oberlehen liegt etwa vierhundert Höhenmeter unterhalb des, von den Amerikanern renovierten und jahrelang als Hotel genutzten, ehemaligen Platterhofes. Es ist die Präsenz der Amerikaner an diesem Berg, weshalb ich seine Nazivergangenheit in meinem Bericht, morgens zwischen fünf und sieben Uhr, nicht unerwähnt lassen will.

Die Amerikaner erleben wir Kinder damals täglich. Riesige amerikanische Limousinen, Kleinbusse, Transporter und amerikanische Pendelbusse fahren täglich zwischen den US-Einrichtungen im Tal und dem General – Walker – Hotel am Obersalzberg, hin und her. Als kleiner Junge und noch als Jugendlicher finde ich den Anblick dieser riesigen Wagen toll. Ich interessiere mich für Autos. Ich spiele jeden Tag mit Matchboxautos auf dem Teppichboden im Aufenthaltsraum und draußen im Sandkasten. Amerikanische Modelle sind in den siebziger Jahren für mich sehr schwer zu kriegen. Deshalb ist es ein großes Erlebnis, die US-Wagen auf der Straße am Obersalzberg täglich zu sehen.

Im Fernsehen gibt es noch kein großes Angebot an amerikanischen Filmen, in denen solche Autos vorkommen. Das glaube ich zumindest, weil ich als zehnjähriges Kind im Kinderheim am Oberlehen wenige amerikanische Filme und Serien im Fernsehen sehe. Vielleicht gibt es die Filme und ich weiß das nur nicht. Abends auf der Mattscheibe sehen wir damals Hitparade oder Disco. Wir sehen die Stars, die Ilja Richter und Dieter Thomas Heck vorstellen. Das lenkt mich von meinem Kinderheimalltag ab. Amerikanische Wagen sehe ich nicht auf der Mattscheibe, sondern ich sehe sie täglich auf der Straße.

Heute, beinahe zwanzig Jahre später, morgens um sechs Uhr in der Wohnung an der Hochsteinstraße, wird mir klar, dass die Amerikaner eine gute Erinnerung an mein Leben am Oberlehen sind. Kurz bevor ich von meiner braunen Schreibmaschine aufstehe, um fünf nach sechs Uhr, fällt mir wieder ein, dass es mich damals immer gefreut hatte, wenn mir die Amerikaner aus ihren Limousinen zuwinkten und zulächelten.

Samstagmittags, kurz vor zwölf Uhr, überqueren die Kinderheimkinder vom Oberlehen auf der Schießstättbrücke die Arche in Berchtesgaden. Die Bergstraße führt kurz nach der Brücke um eine enge Kurve. Die Steigung ist am Straßenrand mit 24 Prozent angegeben. Wir marschieren auf der linken Straßenseite auf der Salzbergstraße hoch auf den Obersalzberg. Unser Ziel ist unser Zuhause, nahe der Bushaltestelle Station Erika.

Wir grüßen alle entgegenkommenden amerikanischen Fahrzeuglenker mit dem Victory – Zeichen. Deshalb lachen und winken die Fahrzeuglenker. Ich grüße mit diesem Zeichen, obwohl ich dessen Bedeutung nicht kenne. Ich mach es den älteren Heimkindern einfach nach. Auf unserem steilen Fußweg winken uns die Menschen aus ihren riesigen amerikanischen Autos jahrelang zu. Ich grüße die Fahrer mit diesem Zeichen, weil ich mich über deren Lachen freue und darüber, dass es viele erwachsene Männer sind, die uns hinter ihren Windschutzscheiben täglich so freundlich zulächeln. Ich glaube, alle Heimkinder tun das, wegen des freundlichen Winkens und Lächelns der Männer.

Wegen der lächelnden winkenden Amerikaner, und der täglichen Kinder aus dem Oberlehen, die nachmittags von der Schule hinauf laufen, und die Amerikaner in ihren großen Wagen freundlich grüßen, gibt es eines Tages ein Kinderfest, zu dem die Amerikaner eine Gruppe aus dem Oberlehen, in das General – Walker – Hotel auf dem Obersalzberg einladen.

Heute Morgen sitze ich schon wieder zu lange vor meiner Schreibmaschine. Es ist bereits Viertel nach sechs Uhr, als ich meinen Bericht beende. Morgens schalte ich das Radio nicht mehr ein. Ich will die schrecklichen Berichte aus dem Krieg im zerfallenden Jugoslawien nicht hören. Stattdessen denke ich während des Frühstücks über meine Erinnerungen nach. Ob es gute Kontakte gewesen waren, die sich zwischen dem Oberlehen und den Amerikanern entwickelt hatten? Ich weiß es nicht. Ich erinnere mich nur an eine einzige Einladung der Amerikaner.

Der Chef ist heute Morgen gut gelaunt, wie jeden Tag. Im Auto spricht er von einem „Traumsommer“. Ich stimme zu. Der Himmel ist jeden Tag strahlend blau. Die Sicht auf die Berge um das Tal ist täglich klar. Wälder und Wiesen stehen in sattem Grün vom Regen des Frühjahres.

In der kleinen Fabrik steht die Hitze. Mit Hochdruck arbeiten wir an großen Aufträgen von Parfümherstellern mit internationalem Bekanntheitsgrad. Seit Tagen leisten wir Überstunden, welche die Mitarbeiter selbstverständlich freiwillig leisteten. Morgens trägt sich auf einer Liste ein, wer Abends länger bleiben kann. Auch ich trage mich ein, denn ich will, dass Kollegen und Chef wissen, dass auch ich tatkräftig anpacke, wenn es gefragt ist. Ich arbeite daran, das Bild von der Hexerei zu zerstören. Die anstrengende Arbeit spüre ich täglich in meinem Rücken. Wegen der langen Arbeitstage schlafe ich nachts wie ein Stein.

Morgens wird das Aufstehen von Tag zu Tag schwerer. Mein Wecker läutet um Viertel vor fünf. Wie ein Brett liege ich matt im Bett. Ich bleibe nach dem Weckerläuten liegen, schlafe wieder ein und wache nur durch einen Zufall um kurz vor sieben Uhr auf. Der Chef sieht mir meine Müdigkeit nicht an. Eines Morgens sitze ich unrasiert neben ihm im Wagen. Ich wache um zehn vor sieben Uhr auf, stehe aber pünktlich um sieben Uhr vor dem Finanzamt und steige in den Wagen.

Eine Gruppe Kinder ist zu einem amerikanischen Kinderfest eingeladen. Im General – Walker – Hotel, oben an der breiten Höhenringstraße, gibt es an diesem Nachmittag jede Menge Süßigkeiten. Es sind Süßigkeiten, die ich noch nie gesehen habe. Orangen, rosa, grüne, blaue und bunte Torten. Kleine gefärbte Cremetörtchen und natürlich die klassischen Amerikaner.

„Alles total amerikanisch, echt super die Amis!“
So plärrt mein Freund Peter auf dem ersten und einzigen dieser Feste, an das ich mich erinnere. Wir sitzen gemeinsam mit anderen Kindern vom Oberlehen und vielen amerikanischen Kindern um einen riesigen Tisch mit weiß-blauer Papiertischdecke. Heute lernen wir die Kinder der lächelnden und winkenden amerikanischen Autofahrer kennen. Sie plappern laut und schnell. Sie schreien sich, über den großen, weiß-blau dekorierten Tisch hinweg, amerikanische Worte und Sätze zu, von denen wir nichts verstehen. Sie lachen permanent, beinahe hysterisch. Was sie sich zu erzählen haben, muss unvorstellbar lustig sein, denn noch nie habe ich so viel Kinderlachen an nur einem Nachmittag erlebt.

Peter sitzt neben mir. Er lädt sich einen Berg rosa Törtchen auf seinen Teller. Die Törtchen liegen auf kleinen bunten Hügeln in der Mitte des Tisches. Peter greift lachend zu den dort stehenden Coca-Cola-Flaschen. Er sieht mich an und brüllt:
„Echt einsame Spitze die Amis!“
Für mich sind seine Worte ein Startsignal. Ich mache einfach alles nach, was er tut. Was Peter gut findet, kann nicht schlecht sein. Er ist erfahren und sich seiner Sache immer sicher. An ihm orientiere ich mich seit langer Zeit. Ich greife also auch zur Cola-Flasche und lade meinen Teller kräftig mit bunten Leckereien voll.
„Echt toll die Amis!“
So plärre auch ich. Genauso wie Peter schiebe ich ein Törtchen nach dem anderen in meinen Mund.

Es ist ein traumhafter Nachmittag bei den Amerikanern. Im Kinderheim gibt es nie ein Fest, an dem es so viele süße Sachen und bunte Leckereien zu Essen gibt. Im Oberlehen gibt es auch Kinderfeste, aber nicht in solchen Dimensionen. Deshalb sind Peter und ich schwer begeistert. Noch Wochen nach dem Fest schwärmen wir gegenüber anderen Heimkindern, die nicht dabei waren, wie toll wir das fanden. Die süßen amerikanischen Törtchenberge werden von Erzählung zu Erzählung höher. Die amerikanischen Kinder sind die tollsten Kinder der Welt. Amerikanische Kinder erzählen ständig von den tollsten, spannendsten und gefährlichsten Abenteuern, die man sich nur vorstellen kann. Selbst im Kino gibt es keine so tollen Geschichten. Peter und ich erfinden ständig neue Abenteuer, welche wir in unseren Erzählungen über diesen Nachmittag, den amerikanischen Kindern in den Mund legen.

Die amerikanischen Kinder springen munter von ihren Plätzen auf, sie stopfen ihre Münder noch voller mit Cremetörtchen und Sahne, als Peter und ich das schaffen. Deren Zügellosigkeit beeindruckt Peter und mich. Sie stopfen so viel in sich hinein, wie nur geht und sie spülen mit Cola nach, wie mit Wasser. Mit voll gestopften Mündern rennen sie herum, sie klettern auf ihre Stühle und plärren amerikanisch von oben herunter.

Alle Kinder im Oberlehen wissen, dass man erstens nicht mit vollgestopftem Mund spricht, zweitens stopft man den Mund nicht so voll, drittens steigt man nicht auf seinen Stuhl, viertens plärrt man nicht so laut, als sei man ein zu laut aufgedrehtes Radio, dessen Empfang schlecht eingestellt ist und fünftens gibt es im Oberlehen nicht so viel buntes Zeug, das man hinein stopfen darf, bis man fast zerplatzt. Im Oberlehen geht es während Kinderfesten diszipliniert zu.

Im Kinderheim lernen wir Regeln, Disziplin und Zurückhaltung. Wir wissen deshalb genau, was wir nicht tun dürfen. Im Oberlehen ist klar, was geschehen wird, wenn wir tun was wir nicht dürfen. Amerikanische Kinder tun all das, was wir während solcher Feste niemals tun dürfen. Disziplinlosigkeit und Ausgelassenheit sorgen für laute Stimmung und viel amerikanischen Spaß. Animation, wie sie im Kinderheim die alte Heimleiterin auf ihrer Gitarre täglich bietet und Kinderspiele sind an dem amerikanischen Nachmittag überflüssig. Die amerikanischen Kinder vergnügen sich prächtig, sie feiern, wie sie es wollen. Freilich sehr ungesund, sehr süß und klebrig. Das nehmen Peter und ich staunend zur Kenntnis.

„Wahnsinnig toll! Das ist alles echt amerikanisch!“, plärrt mir Peter immer wieder ins Ohr. Nach einer Stunde auf dem Kinderfest finde ich, dass seine Stimme plötzlich genauso klingt, wie die der amerikanischen Kinder. Seine Worte aber bleiben deutsch. Peter versteht die Sprache der hüpfenden, herum tollenden amerikanischen Kinder genauso wenig wie ich. Trotzdem finden wir deren Sprache und den Klang dieser Sprache toll. Wir kennen sie von Popsongs, deren Texte wir nicht verstehen, aber gut finden, weil uns ihr Klang gefällt und weil sie nicht deutsch sind.

Englische und amerikanische Musik hören wir im Oberlehen häufig in Peters Radio. Sie begeistert Peter und mich. Für uns ist sie eine Gegenbewegung zu den deutschsprachigen Volksliedern, Schnulzen und Schlagern, die im deutschen Fernsehen präsentiert werden. Ich hasse die deutschsprachige Musik, weil ich deren Texte verstehe und peinlich finde. Abends verlasse ich deshalb oft den Aufenthaltsraum im Haupthaus des Kinderheims und gehe freiwillig frühzeitig ins Bett. Mich regen die romantischen Titel wie „Ich liebe Dich“, „Ich hab noch Sand in den Schuhen aus Hawaii“ oder „Der Junge mit der Mundharmonika“ auf. Ich finde die aufgedonnerten Sängerinnen und Sänger abstoßend und nervig. Mich regt die Welt auf, die durch die deutsche Samstagabendunterhaltung über das Fernsehen in den Aufenthaltsraum unseres Kinderheimes gebracht wird.

Manchmal fühle ich deshalb Aggression und Hass in mir aufsteigen, weil ich eine Welt auf der Mattscheibe sehe und höre, die ich im Kinderheim nicht sehe, die es für mich nicht gibt. Ich bin deshalb wütend auf die Darsteller auf dem Bildschirm und ich bin wütend auf das Kinderheim und den Heimleiter, weil die Welt, die ich am Oberlehen täglich erlebe, keine der Schönheiten bietet, die von den Stars in Glitzerkleidung besungen werden.

Ich glaube, dass Buchhalter und Heimleiter den Alltag im Oberlehen absichtlich niederträchtig gestalteten, um uns die schöne, bunte Welt vorzuenthalten. Ich weiß noch nicht, dass die schöne bunte Fernsehwelt, mit der Realität außerhalb unseres Oberlehens nichts zu tun hat. Ich weiß noch nicht, dass das bunte Fernsehprogramm dieser Zeit, vermutlich für viele Menschen genau einen Zweck hat: Von deren Alltag abzulenken. Ich weiß auch noch nichts davon, dass insgesamt das tägliche Fernsehprogramm dieser Zeit, den Charakter einer billigen Feierabendunterhaltung hat und gewissermaßen auf die Anspruchslosigkeit der Menschen abzielt. Ich glaube deshalb, dass es die schöne bunte Welt, in der die Menschen glücklich sind, und permanent lächeln, wie die Sänger und die Moderatoren im Fernsehen irgendwo geben muss. Warum sonst wird sie von den schönen Menschen auf dem Bildschirm Samstag für Samstag besungen? Irgendwo könnte eine schöne Welt sein. Mein „Irgendwo“ wird im Oberlehen zu meinem kindlicher Traum von meinem Zuhause, dass ich eines Tages zu finden hoffe.

Meine Kinderwelt im Oberlehen ist gewalttätig und laut. Es ist keine bunte Kinderwelt, sondern sie ist grau, dunkel und voll von Gebrüll erwachsener Männer. Ich hasse Buchhalter und Heimleiter, weil sie uns nicht vernünftig anleiten, sondern weil sie uns rücksichtslos regieren. Sie zwingen uns zu blindem Gehorsam. Kinder im Oberlehen haben grundsätzlich zu tun, was die beiden Männer sagen. Das ist noch nicht schlimm, aber weil sie das tun, ohne ihr Tun zu begründen, ist es schlimm. Was die Männer wollen, fordern sie, und sie bekommen es. Sie fordern in lautem Befehlston.

Der Heimleiter Helling ist nicht sehr groß aber kräftig. Er brüllt: „Du gehst heute ohne Abendessen ins Bett, du Armleuchter!“ Birner, der Buchhalter ist groß, schmaler als Helling aber sehr kräftig. Er ist sportlich und hat leicht behaarte, schmale Hände. Morgens fährt Birner vor dem Haupthaus am Oberlehen in seinem weißen Porsche vor. Was Birner tut, wirkt mächtig und stark. Das Auto ist ihm sehr wichtig. Es ist schnell und laut. Birner erzählt gerne, wie schnell er den Berg hinauf fährt und wie viele rote Ampeln er von seiner Wohnung unten im Tal, bis hinauf ins Kinderheim überfährt.

Birners Macht resultiert nicht nur aus dessen Stärke und Größe sondern auch daraus, dass er Buchhalter ist und unser Taschengeld verwaltet. Birner verteilt jeden Samstagvormittag das Taschengeld im Berchtesgadener Hallenbad. Die Taschengeldausgabe zelebriert Birner, sie wirkt, wie ein Ritual seiner Überlegenheit. Wer nicht tut, was Birner erwartet, wer im Verlauf der Woche Fehler begeht, bekommt nichts oder weniger Taschengeld am Samstag. Birner legt die Höhe des Taschengeldes, das uns zusteht, fest. Er benutzt es, um Abneigung und Überlegenheit gegenüber Kindern zu zeigen.

Birners Bestrafungen sind nicht begründet. Ich spüre, dass seine Schläge von der Loyalität abhängen, die ein Kind gegenüber seiner Person zeigt, oder nicht zeigt. Ich zeige keine Loyalität gegenüber diesem Mann. Meinen Hass gegen diesen Mann und seinen Heimleiter kann ich kaum verbergen. Deshalb laufe ich dem Mann oft in die Faust und schneide auch beim Taschengeld schlecht ab.

Helling und Birner missbrauchen ihre Macht, weil es beiden Männern nicht darum geht, zu klären, welches Kind die Salatschüssel auf den Boden geworfen hat und ob es absichtlich geschehen war oder ein Versehen. Anstatt Ereignissen genauer auf den Grund zu gehen, treffen sie schnelle Entscheidungen, die sie mit einfachen Mitteln, wirkungsvoll durchsetzen. Wen sie für schuldig erklären, ist schuldig. Einmal getroffene Entscheidungen setzen sie mit Fäusten und Schlägen durch.

8. Fernsehen

Ich verlasse die heiße Fabrikhalle. Die schwere Stahltür fällt hinter mir zu. Der ohrenbetäubende Lärm ist deshalb nur noch ein leises, entferntes, monotones Schlagen. Langsam steige ich die schwarze Steintreppe hinunter. Auf dem unteren Treppenabsatz im Erdgeschoss bleibe ich kurz stehen. Ich sehe hinauf zu einem großen Fenster. Der Himmel ist blau, ich sehe keine Wolken. Am Rand des Fensters sehe ich das Felsmassiv des Untersberges. Meine Hand liegt schon auf dem weißen Plastikgriff der Stahltür. Ich bleibe noch einige Sekunden stehen, denn ich spüre, dass sich in meinem Kopf etwas tut. Die steile Steintreppe erinnert mich an etwas. Ich sehe noch einmal zurück auf die steinerne Treppe zwischen Erdgeschoss und erstem Stock in der Fabrik.

Nachmittags werde ich blutüberströmt in unser Zimmer ins Nebenhaus getragen. Wegen eines Faustschlages fliege ich durch die dünne Milchglasscheibe der Tür. Ich stolpere über den hölzernen Türrahmen, der das milchige weiße Glas hält. Weil meine Hände nirgendwo an dem Türrahmen Halt finden, stürze ich die schwarze, steinerne Kellertreppe hinunter in den Schuhputzkeller. Unten bleibe ich auf dem dunklen Steinboden, vor der langen Reihe gelber Regenjacken liegen. Schmerzen von meinen Verletzungen spüre ich nicht. Sie kommen erst später, als ich im Nebenhaus im Zimmer auf meinem Bett liege.

Helling verpasst mir nachmittags einen kräftigen Faustschlag. Ich muss irgendetwas zu Helling gesagt haben, was der Auslöser war. Anfangs, nachdem Helling und der Buchhalter die Leitung am Oberlehen von der alten Heimleiterin übernehmen, fresse ich meine Wut noch nicht in mich hinein. Deshalb schlägt Helling auf mich ein. Meine Wut brülle ich an diesem Nachmittag einfach heraus.

Jahrelang lerne ich deren Sprache zu verstehen. Es sind laute Worte, verbunden mit heftigen Schlägen. Ich bin dumm, klein und schwach. Ich habe nichts zu sagen oder zu fordern. Ich kann nicht herausfinden, ob es draußen eine schönere Welt gibt, in der Menschen leben, die nicht unter Männern wie Helling und Birner leiden. Deren Verhalten ist mein normaler Alltag, ist meine Kindheit. Ich spüre mehr und mehr Hass auf die beiden.

Der deutsche Schlager, das deutsche Volkslied besingen jeden Samstagabend, im deutschen Fernsehen eine schöne Welt. Sonnabends sitzen Heimleiter Helling und dessen Kinderheimkinder im großen Aufenthaltsraum vor der Glotze. Er ist korpulent und klein. Seine Gesichtshaut ist leicht gebräunt und faltig. Die Haare sind schwarz, gewellt, fettig, stets gekämmt. An der Stirn hat er eine leichte Locke. Helling erhebt sich schwer von der braunen Holzbank. Behäbig tritt er an das Fernsehgerät. Er trägt eine braune Lederhose, einen roten Wollpullover, nein, es ist ein Pullunder. Darunter trägt er ein weißes Hemd und über dem Pullunder eine grüne, bayerische Wolljacke mit silbernen Knöpfen.

Vor den niedrigen Fenstern im Aufenthaltsraum sind die grünen Vorhänge zu gezogen. Ich höre gedämpfte Kinderstimmen. Ich höre Tuscheln, Piepsen, Flüstern, Lachen, Husten. An der Wand sind braune Holzbänke angebracht. Ich erkenne Stühle, alte Sessel, den Fußboden mit gemusterten Teppich, dessen Muster unseren Matchboxwagen als Straßen dient, der gesamte Raum voll mit Kindern. Die Stimmung im Raum ist erwartungsvoll. Kein Kind ist jetzt laut. Kein Kind drückt die gespannte Vorfreude auf das Fernsehereignis durch geräuschvolles Lachen, Johlen oder Herumhüpfen aus. Kein Kind will jetzt auffallen und damit riskieren, kurz vor Beginn der Sendung von Helling ins Bett geschickt zu werden.

Helling schaltet das Gerät ein. Sofort endet das gedämpfte Tuscheln der vierzig im Aufenthaltsraum. Sekundenlang herrscht gebanntes Schweigen. Achtzig glänzende Kinderaugen sind auf die noch dunkle Mattscheibe gerichtet, gebannt warten sie auf den Beginn der Sendung. Die Mattscheibe wird hell und bunt. Ein dünner Mann in weißem Hemd und dunklem Sakko hüpft durch einen großen Raum. Zu dessen Füßen sitzen Fans, die alle Perücken von Frisuren tragen, die sich nur in der Farbe voneinander unterscheiden. Der dürre Mensch lächelt vierzig Kindern aus dem Fernsehgerät entgegen. Vor seinem Mund winkt unruhig ein orangenfarbenes Mikrophon hin und her. Der magere Mann wartet bis das Klatschen der Fernsehstudiogäste zu seinen Füßen endet. Weil deren Begrüßungsklatschen nicht enden will, versucht er die Studiogäste zu beschwichtigen. Beide Hände, dabei in der rechten das orange Mikrophon, bewegt er auf und ab. Er lächelt ausdauernd aus dem Fernsehgerät. Das Klatschen ebbt endlich ab. Jetzt begrüßt er uns Fernsehzuschauer und seine Gäste im Studio.

Zwischen den vierzig Kinderköpfen vor dem Fernsehgerät ragen auch die Gesichter von Peter und mir hervor. Wir sitzen nebeneinander auf dem Teppichboden. Von meinem Platz sehe ich oben links Helling. Er lässt sich langsam und schwer auf der Holzbank, neben der weißen Milchglastüre zum Speisesaal nieder. Neben ihm sehe ich ein junges Mädchen mit blondem Haar. Jetzt höre ich die Stimme von Ilja Richter. Sie tönt laut aus dem Fernsehgerät. Ich kenne dessen Stimme gut, denn ich höre sie alle zwei Wochen am Samstagabend. Er plärrt schnell, beinahe hysterisch aus dem Gerät:
„Deshalb ist es mir wieder einmal ein besonderes Vergnügen, heute als ersten Gast, hier in der Disco ankündigen zu dürfen: Bernd Klüver mit seinem beliebten Titel und weltbekannten Hit: Der Junge mit der Mundharmonika“!
Auf der Mattscheibe erscheint ein Mann mit dunklem Haar und einer glitzernden Hose. Er trägt ein weißes, geöffnetes Hemd mit riesigem Kragen. Langsam wandelt er durch sitzendes und stehendes Publikum. In der rechten Hand hält er ein silbernes Mikrophon. Sein Gesang geht jetzt los.

Ich wende meinen Kinderblick vom Bildschirm ab. Ich sehe hinauf nach links. Dort sehe ich Helling. Er sitzt neben dem blonden Mädchen. Seine schwere gebräunte Hand lastet auf der Schulter des Mädchens. Jetzt erkenne ich das Mädchen: Es ist Sofia. Sie sieht hübsch aus. Die ist Italienerin. Ich sehe das faltige Gesicht von Helling dicht bei Sofias hübschen braunen Augen. Helling lächelt. Ich kenne sein Lächeln seit vielen Jahren. Seine Augen glänzen, wenn er so lächelt. Ich folge seinem Blick, vorbei an Kinderaugen, zum Fernsehgerät. Dort tänzelt der glitzernde Sänger.

Das Oberlehen liegt in herrlicher Traumlandschaft. Die Aussicht tröstet mich aber nicht. Wie ich im Heim regiert werde, gefällt mir trotz des paradiesischen Ausblicks nicht. Anstatt die herrliche Sicht über das Tal zu genießen, sammle ich Hass und Wut an. Aber ich bleibe immer beherrscht und diszipliniert.

Samstags, nach zwanzig Minuten der Sendung „Disco“ oder „Hitparade“ stehen Peter und ich gleichzeitig auf. Wir gehen in unser Zimmer. Dort legen wir uns ins Bett. Peter schaltet sein Radio ein. Peter stellt seinen Kassettenrecorder auf Aufnahme sobald ein englischer Popsong gespielt wird. Wir verstehen kein einziges Wort. Aber wir sind glücklich, dass es diesen einen Sender zu empfangen gibt, denn er sendet keine deutsche Schnulze und kein deutsches Liebeslied. Peter ärgert sich über die amerikanischen Ansager, deren Tonfall er zwar liebt, aber sie blenden jeden Song zu früh aus. Sie plärren hektisch und schnell in seine Kassettenaufnahme. Er nennt deren Sprache „amerikanischen Släng“.

Während des amerikanischen Kinderfestes warte ich den ganzen Nachmittag darauf, dass die Kinder endlich genauso los singen, wie die amerikanischen und englischen Popstars in Peters Radio, denn sie sprechen ja die gleiche Sprache. Die amerikanischen Kinder beginnen aber nicht zu singen. Stattdessen plärren, schreien und lachen sie. Sie stopfen den ganzen Nachmittag bunte Törtchen und Cola in sich hinein.

Später sind die Kinder satt. Deshalb beschmieren sie sich mit der orange, gelben, blauen und roten Sahne der Törtchen. Ich beobachte einen kleinen blonden Jungen. In seiner rechten Hand liegt ein rosafarbenes Törtchen. Er schleicht sich an ein kleineres, schwarzhaariges Mädchen heran. Sie steht am Fenster und blickt hinaus. Von hinten drückt er ihr ein Törtchen ins Gesicht. Das Mädchen schreit. Sie wehrt sich sofort. Sie greift in einen Törtchenberg auf dem Tisch, erwischt ein Stück roten Sahnekuchen. Der Junge rennt in Richtung Ausgangstür. Das Mädchen holt zum Wurf aus. Sie wirft und trifft. Die rote Sahne hängt am Hinterkopf des blonden Jungen und läuft über dessen Rücken hinunter. Die amerikanischen Kinder lachen und johlen. Jetzt beginnt zwischen dem Jungen und dem Mädchen eine wilde Verfolgungsjagd um die Tische.

Am Oberlehen erlebe ich derartige Szenen nie. Kein Kind im Oberlehen schmiert einem anderen einen Kuchen oder anders Essbares in die Haare. Im Oberlehen essen wir sehr schnell. Nur wer am schnellsten fertig ist, kann noch etwas bekommen. Nur wer seine Brotscheibe gegessen hat, darf sich eine weitere aus dem Korb nehmen. Eine zweite Scheibe schon vorher auf dem Teller zu sichern, ist verboten.

Abends in unserem Zimmer zweifle ich daran, dass der hektische Ansager vom amerikanischen Sender von irgendeinem Menschen auf der Welt verstanden wird. Ich glaube daran, dass alle Zuhörer genauso wie wir, dessen Tonfall gut finden.Erst die amerikanischen Kinder auf dem Kinderfest räumen mit meinem Glauben auf. Wegen deren Geschrei beginne ich abends neben Peters Radio, darüber nachzudenken, was die Ansager den amerikanischen Menschen wohl sagen.

Eines Abends habe ich das Gefühl, dass die amerikanischen Ansager das gleiche erzählen, wie die deutschen Radioansager. Peter findet diese Vermutung absurd. Er sagt:
„Oh no! Das glaube ich nie und nimmer! Schon die Musik ist ganz anders als die deutschen Schlager. Sie ist schneller und besser, also reden die auch was anderes!“ Was Peter sagt, glaube ich ihm. Ich glaube es, obwohl auch er nicht versteht, was die amerikanischen Radioansager erzählen.

Nach dem amerikanischen Kinderfest ist mir schlecht. Ich weiß jetzt, wie gut es den Kindern der amerikanischen Männer geht, die ich täglich in großen Wagen die steile Straße den Obersalzberg hinunter rollen sehe. Weil es den amerikanischen Kindern so gut geht, grüße ich deren Eltern, hinter den Lenkrädern weiterhin mit dem Victory – Zeichen, denn ich möchte, dass sie uns weiterhin anlächeln und uns zu winken. Das tue ich viele Jahre lang. Ich möchte, dass sie uns wieder einladen. Das tun sie nicht.

9. Witwe Bolte

In der kleinen Küche in der Hochsteinstraße gibt es ein Fenster. Morgens um halb sieben Uhr stehe ich dort und sehe hinüber zum Obersalzberg. In der Küchenschublade finde ich mehrere karierte Küchenhandtücher. Während ich mein Frühstücksgeschirr spüle, liegt das Abtrockenhandtuch auf meiner Schulter.

Das ordentliche Abspülen und anschließende Geschirrtrocknen habe ich im Oberlehen gelernt. Es ist selbstverständlich, dass ich in der gemieteten Küche, morgens um kurz vor sieben Uhr, die Ordnung wieder herstelle, bevor ich mich auf den Weg zur kleinen Fabrik mache. Es bereitet mir keine Schwierigkeiten in den Küchen, in denen ich lebe, Ordnung zu halten. Alles benutzte Geschirr landet nach Gebrauch und Reinigung wieder sauber an seinem Platz. Es ist nicht meine Art, Geschirrberge in der Küche aufzuhäufen. In früheren Studenten-Wohngemeinschaften musste ich erst lernen, dass das Aufräumen in der Küche nicht selbstverständlich zum Akt des Kochens gehört. Ich musste lernen, dass Aufräumen eine unangenehme Arbeit ist, die mancher Mitbewohner regelmäßig vor sich her schob. Im Kochunterricht in der Berchtesgadener Hauptschule und später auf der Realschule musste mir das Ordnunghalten in der Küche nicht beigebracht werden. Diese Aufgabe hatte die Köchin im Oberlehen erledigt.

Eine dicke Frau in großem weißem Kittel kocht täglich für uns. Ihre braunen Haare sind zu einem großen Dutt auf dem Kopf zusammengesteckt. Auf ihrer weißen breiten Schulter liegt ein kariertes Küchenhandtuch. In der großen Küche kocht sie, was der Kühldienst „Witwe Bolte“ täglich auf dem Hof vor dem Haupthaus auslädt. Die Kinder vom Küchendienst tragen viele Pappkisten eine steile Außentreppe am Haupthaus hinunter in den Keller. In zwei Kellerräumen, neben dem Schuhputzkeller, wird alles sorgfältig, nach Anweisung der dicken Köchin in Gefrierschränken verstaut.

Der Küchendienst ist kein beliebter Dienst. Er ist untrennbar mit der rabiaten Köchin und deren Kommandos verbunden. Sie scheucht uns um den großen Ofen, plärrt Kinder an, die zu dumm sind, Teller und Besteck vernünftig zu trocknen. Kommt es besonders schlimm, spüren die schlechten Abtrockner einen schnellen kräftigen Schlag ihres feuchten, blaukarierten Küchentuches.
„Pass auf Bub! So geht’s need!“
Blitzschnell zischt das feuchte Küchentuch von deren Schulter. Den nächsten Plastikteller muss ich sehr gut abtrocknen, denn sonst dreht sie fest an meinem Ohr und mein Kopf wird durch die kräftige dicke Hand der Frau auf den feuchten Plastikteller gedrückt, bis meine Nasenspitze die feuchte Telleroberfläche spürt.

Im Erdgeschoss, neben der großen Küche, liegt der Speisesaal mit hellblauem Linoleumboden. An den Decken hängen quadratische Leuchten mit Neonlicht. Eine Woche lang verteilt der Küchendienst morgens, mittags und abends, unter Aufsicht der Köchin weiße Plastikteller und rote Plastikbecher auf den Holztischen im Speisesaal.