Archiv der Kategorie: N-Book® Wenigstens Zweifel – Erzählung

4. Ausruhen am Wegrand

Jetzt komme ich auf eine schmale Teerstraße. Ein kleiner geteerter Feldweg. Auf den Wiesen neben dem Weg liegen große Strohballen. Wie weit ist es noch bis zur Stadt? Ich bin schon weit gelaufen. Ich laufe und pfeife ein wenig dabei. Obwohl ich vor dem Vater flüchte, kann ich jetzt sogar munter pfeifen! Vorher im Dorf konnte ich das noch nicht. Jetzt kann ich es, weil der Vater schon etwas weiter entfernt ist. Trotzdem fühle ich mich nicht wie ein „Wandergeselle“. Von solchen Menschen hatte der Dorfschullehrer manchmal aus Büchern vorgelesen. Die wanderten munter pfeifend von einem Dorf zum anderen, dort blieben sie einige Wochen, um zu arbeiten, dann wanderten sie weiter. Ich bin kein munterer Wandergeselle. Ich bin auf der Flucht.

Ich habe Hunger. Ich kann es eine Weile ohne Essen aushalten. Vor mir sehe ich jetzt Wald. Der Weg macht eine Biegung, dort sehe ich eine Bank. Auf die setze ich mich, um etwas auszuruhen. Bald werde ich die große Stadt erreichen. In der Stadt muss ich sehr vorsichtig sein. Ich glaube, sie werden mich suchen. Der Vater wird jetzt auch schon unterwegs sein in die Stadt. Dort muss ich besonders wachsam sein, denn an jeder Ecke kann er stehen und auf mich warten.

Das Wetter ist heute sehr klar. Der Himmel ist tiefblau, ich sehe keine einzige Wolke. Die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich liege auf der Bank am Wegrand. Ich spüre meine Müdigkeit, sie drückt mich auf die Holzbretter. Ich muss kurz hier ausruhen. Ich spüre meine Füße schon ein bisschen. Vergangene Nacht war ich lange wach gelegen, das zehrt jetzt an meinen Kräften. Ich fühle mich schwach. Ich werde immer schwächer, ich glaube, gleich schlafe ich ein. Ich döse auf der harten Holzbank, wie nachmittags, oben zwischen den Strohballen, im Versteck in der alten Scheune. Ich glaube, der Vater kann die Bank hier nicht finden, ich bin schon viel zu weit gelaufen. Wenn jemand vorbeikommt und mich anspricht, mich fragt warum ich hier liege, sage ich, dass ich hier auf einen Freund warte und dabei eingeschlafen bin. Oder soll ich lieber sagen, dass ich unterwegs nach Hause bin, nicht weit von hier wohne und nur kurz ein wenig hier ausruhe? Nein, wenn jemand kommt und mich anspricht, dann tue ich so, als spreche ich eine andere Sprache. Ich tue so, als spreche ich nicht Deutsch, sondern vielleicht Englisch, davon haben wir schon wenige Worte vom Dorfschullehrer gelernt. Ich tue so, als verstehe ich nicht. Dann kann ich ja schnell den Weg hier hinunter laufen und dabei so tun, als wohne ich da unten.

Oder sollte ich mich vielleicht besser auf die Wiese hinter die Holzbank legen? Wie falle ich einem Spaziergänger auf diesem Feldweg weniger auf? Ach nein, ich bleibe einfach auf der Bank, ich glaube da falle ich nicht besonders auf. Auf einer Bank kann man sitzen oder liegen. Ich lege mich einfach drauf, wenn jemand kommt, fällt mir schon irgendetwas ein, das ich erklären kann. Die Bank ist sehr hart. Ich liege auf ihr, obwohl ein Brett durchgebrochen ist, das macht nichts. Ich brauche kein Kopfkissen. Ich nehme meine Hände als Kopfkissen, das geht schon. Es ist jetzt sehr warm von der Sonne. Vielleicht ist es jetzt schon neun Uhr. Dann sind alle zu Hause schon aufgestanden.

Gestern hatten wir einen sehr ruhigen Tag zu Hause. Es war eigentlich kein schlimmer Tag. Der Vater und die Stiefmutter hatten nicht herumgeschrieen und sie schlugen uns nicht. Deshalb war es eigentlich ein richtig schöner Tag. Solche Tage sind selten. Für mich war es der richtige Tag, um unauffällig den heutigen Tag vorzubereiten. Niemand hatte meine Vorbereitungen im Kinderzimmer bemerkt. Ich glaube, das lag nicht nur an meiner Sorgfalt, es hatte auch mit der Stimmung dieses Tages zu tun.

Der Tag war sehr ruhig. Am Abend gab es keinen Streit. Der Vater kam früh von der Arbeit nach Hause weil gestern Freitag war. Unsere Schulhefte waren in Ordnung. Es standen keine Noten drin. Wir hatten keine Hausaufgabe auf, deshalb waren keine Fehler drin, deshalb gab es keine Prügel. Die Stiefmutter hatte nichts, um es dem Vater zu erzählen. Es gab nichts, was Grund gewesen wäre, uns anzuschreien und zu prügeln. Es war alles ruhig in der Familie.

Zum Abendessen gab es Spiegelei und Kartoffeln. Christian, Matthias und ich waren vor dem Abendessen in der Küche gesessen, dort wuschen wir die Kartoffeln. Die Stiefmutter stand am Spülbecken und trocknete Geschirr. Sie redete nicht mit uns. Zu Hause wird sehr wenig gesprochen. Wir Kinder haben mit den Erwachsenen nichts zu reden. Wir haben auf Fragen zu antworten. Wenn die Stiefmutter oder der Vater etwas wissen wollen, sind wir sogar gezwungen zu antworten. Wenn sie nichts von uns wissen wollen, müssen wir schweigen. So hatten wir das bei ihnen gelernt.

Beim Kartoffelschälen machten wir drei Geschwister kleine Späßchen miteinander. Wir spielten ein Spielchen. Wir ließen die geschälten Kartoffeln so in den Topf mit Wasser platschen, dass immer einer von uns nassgespritzt wurde. Jeder versuchte, die jeweils winzigste Kartoffel aus dem Wassertopf zu fischen. Zum Schluss blieben natürlich die fetten übrig. Auch von ihnen versuchte jeder, die kleinste zu nehmen. Weil man manchmal glaubte, eine kleinere Kartoffel im Topf zu sehen, ließ man seine Kartoffel wieder in den Topf platschen. Das spritzte dem anderen ins Gesicht. Es war ein Wettkampf. Sieger war, wer die kleinsten Kartoffeln rausgefischt hatte und am wenigsten schälen musste. Die Stiefmutter beachtete unser Spiel nicht. Immer wieder schaute sie durchs Küchenfenster auf den Hof hinter das Haus. Sie erwartete den Vater.

Schließlich war es soweit. Laut und deutlich hörte ich den Käfermotor. Jetzt überlegte ich, wie schlimm es gleich werden würde, wenn der Vater die Küche betritt. Ich fing aber nur leicht an zu zittern, denn mir fiel nichts ein, was die Stiefmutter zu berichten hätte. Wie an jedem Abend parkte der Vater den Käfer hinter dem Haus. Weil wir wussten, dass er gleich die kurze Treppe hinter dem Haus heraufsteigen und durch den Hintereingang in die Küche kommen wird, beendeten wir sofort unser Kartoffelspiel und wurden ganz still. Noch mal dachte ich nach, was die Stiefmutter ihm erzählen könnte. Mir fiel nichts ein, womit sie ihn dazu bringen könnte, uns zu verprügeln. Ich hörte die stapfenden, lauten Schritte des Vaters auf der Holztreppe. Die Küchentür knarrte, wie jeden Abend, wenn der Vater durch sie das Haus betritt. Der Vater brachte eine Pappkiste mit. Er hatte Getränke eingekauft für den Fußballabend. Tatsächlich hatte ich mich nicht getäuscht. Die Stiefmutter schwieg. Sie erzählte ihm nichts von uns. Sie drängte ihn nicht, dass er unsere Schulhefte ansieht, weil es nichts in ihnen zu sehen gab.

Manchmal hatte sie ihn abends auch aufgefordert, in unsere Hefte zu sehen, wenn keine Noten drin standen und wir keine Hausaufgaben auf hatten. An unseren Heften gab es immer etwas auszusetzen. Es gab immer Fehler, es gab immer meine krakelige Kinderschrift, die noch mal geschrieben werden musste und auch nach zehnmaligem Wiederholen nicht schön genug war. Nicht so gestern Abend. Die Stiefmutter sagte zum Vater nichts. Wir hatten großes Glück. Der Abend war sehr ruhig. Niemand ahnte, dass ich die Ruhe nutzte und damit mein Plan zur Flucht begann.

Warum lief ich heute Morgen weg, wo es doch gestern Abend so ruhig zu Hause war? Ich glaube, das war meine Taktik. In einem Abenteuerheft hatte ich einmal davon gelesen. Der Gegner soll den Feind angreifen, wenn alles ruhig ist. Am besten ist es dann, wenn der Feind sogar noch von irgendetwas anderem abgelenkt ist. Dann rechnet der Feind am wenigsten damit, dass etwas passiert. Ähnliches hatte ich gestern Abend im Wohnzimmer, während im Fernseher das Fußballspiel lief, gedacht. Einen so ruhigen Tag wie gestern könnte es Monate lang nicht mehr geben. Ich nutzte die Ruhe.

Ich kann nicht schlafen obwohl ich sehr müde bin. Von der harten Holzbank stehe ich wieder auf. Kein Mensch kommt auf dem Feldweg. Langsam gehe ich weiter. Ich lege mich später noch mal irgendwo hin. Auf dem Weg sehe ich einen Käfer. „Maikäfer flieg! Flieg schon du Maikäfer!“ Er klettert an meinem Zeigefinger nach oben und schon fliegt er tatsächlich davon. Der Feldweg führt bergab. Gleich gehe ich in einen Nadelwald hinein.

Zur Stadt kann es nicht mehr weit sein. Die Richtung stimmt. Die Straße, die wir mit dem Vater zum Einkaufen in die Stadt gefahren waren, führt kurz vor der Stadt einen steilen Berg hinunter. Der Weg, den ich hier laufe, führt schon lange leicht bergab.

Ich beiße auf meinen Fingernägeln herum. Wenn der Vater meine abgebissenen Fingernägel sieht, geht es mir schlecht. Ich darf nicht auf den Nägeln herumkauen und sie abreißen. Deshalb höre ich jetzt mit dem Kauen auf.

Vorne kommt eine Straße. Ich höre die Autos. Auf der Straße ist viel Verkehr. Weil heute Samstag ist, fahren heute viele Leute in die Stadt zum Einkaufen. Einkaufen ist sehr teuer. Der Vater hatte deshalb immer gesagt, dass wir sparen müssen. Wir kaufen in einem Großmarkt in der Stadt ein, weil das billiger ist.

Im Laden, im Dorf, bei Frau Maier kaufen wir keine Lebensmittel. Wir Kinder waren aber trotzdem oft im Laden. Wir hatten kein Geld für uns, sondern wir kauften Zigaretten für die Stiefmutter. Dabei stahlen wir Stifte und Radiergummis für die Schule. Manchmal war ein Stift in der Schule einfach verloren gegangen. Plötzlich war er verschwunden. Ich wusste nie, wo meine Stifte blieben. Hätte ich das zu Hause erzählt, hätte die Stiefmutter sofort zugeschlagen. Um neue Stifte und Radiergummis zu besorgen, mussten wir warten, bis wir wieder Zigaretten im Dorfladen holen sollten. Matthias und ich gingen in den Laden. Einer kaufte Zigaretten, und der andere nahm die Stifte aus dem Regal. Das Regal steht weit hinten in Frau Maiers Laden. Das Stehlen bei Frau Maier ist sehr einfach. Frau Maier hatte nie etwas bemerkt. Das glaube ich zumindest, bis heute. Jetzt allerdings, wo ich darüber nachdenke, frage ich mich, ob sie das vielleicht gar nicht bemerken wollte? Hatte sie gewusst, dass wir zu Hause kein Geld dafür bekamen? Vielleicht wusste sie das. Ihr Laden ist sehr klein. Frau Meier ist größer als wir. Von oben könnte sie unser Stehlen gesehen haben. Vielleicht wollte sie uns so helfen. Gab es Hilfe für uns Kinder in unserem Dorf? Davon hatte ich nie etwas bemerkt. Vielleicht hatte Frau Maier uns so geholfen. Vielleicht hatte sie uns nie wegen unserem Stehlen in ihrem Laden angesprochen, weil sie schon lange gewusst hatte, dass es uns zu Hause so schlecht geht, dass wir nicht einmal Geld für Stifte und Papier für die Schule bekamen. Ich glaube Frau Maier muss das gesehen haben.

Was Frau Maier nicht gewusst hatte: Wir hätten das Geld von der Stiefmutter vielleicht bekommen, aber wir hatten zu viel Angst davor, sie nach Geld für Stifte und Papier für die Schule zu fragen.

Auf meinem Album „acoustic planet“ habe ich meinen Song „healing“ nur mit Gitarre neu eingespielt. Darin geht es im Prinzip darum, dass das Leben manchmal keine heilende Wirkung hat.

https://www.jamendo.com/track/1584497/05_healing_acoustic_version

5. Wiesen, Felder und Hitze

Schnell laufe ich jetzt über die befahrene Straße. Der Feldweg geht auf der anderen Seite weiter. Ich renne ein Stück bis ich die Straße nicht mehr sehe und sie nur noch leise höre. Es ist die Landstraße in die Stadt. Meine Jacke trage ich unterm Arm, mir ist heiß. Ein Schwimmbad wäre jetzt schön. Seitdem wir bei der Stiefmutter und dem Vater wohnen, waren wir nie zum Baden gegangen. Auch das ist zu teuer.

Früher waren wir oft im Schwimmbad gewesen. Jeden Samstagvormittag waren wir ins Hallenbad, und im Sommer fast jedes Wochenende, ins Freibad gegangen. Das war toll. Obwohl es immer ein weiter Fußmarsch bis zum Freibad gewesen war. Das hatte mir nicht besonders gefallen. Aber dafür gab es als Belohnung dann ja das Freibad. Meist hatten wir den ganzen Tag dort verbracht. Wir vier Geschwister und alle anderen Kinder aus dem Kinderheim waren immer mit viel Spaß dabei gewesen. Das Freibad lag im Tal, in dem Oberbayerischen Gebirgsort, wo ich gewohnt hatte, bevor ich zur Stiefmutter und dem Vater gekommen war. Im Freibad tobten, schwammen und spielten wir. Es gab einen Kinderspielplatz und Tischtennisplatten.

Ich kann sehr gut schwimmen ich habe schon den „Freischwimmer“ und den „Fahrtenschwimmer“ gemacht. In einigen Jahren könnte ich sogar den „Rettungsschwimmer“ machen. Im Kinderheim wäre das sicher möglich. Hier beim Vater aber, geht das nicht. Wir sind ja nie im Schwimmbad. Im Kinderheim wohnen Kinder, die Mitglied im Schwimmverein sind. Da könnte auch ich mitmachen.

Mir ist nun endgültig zu heiß. Vielleicht weil ich gerade ans Schwimmbad denke. Ich bleibe stehen. Ich wische mit der Strickjacke über meine verschwitzte Stirn. Vor mir flimmert die Hitze über dem Feldweg. Es bläst kein Lüftchen. Weit und breit sehe ich keinen Baum am Wegrand, in dessen Schatten ich ein wenig ausruhen könnte.

Wieder mal ins Freibad gehen, das wär’s! Vor Jahren hatten wir in den Schulferien die Oma besucht. An einem heißen Tag gingen wir hier in der nahen Stadt in das Freibad. Wir vier Geschwister waren alleine unterwegs. Ohne Eltern, ohne Betreuer, ohne Erzieher. Vom Haus der Oma hatten wir sehr weit zu laufen, bis zum Freibad in der Stadt. Trotzdem war es ein toller Nachmittag. An dem Tag war es sicherlich genauso heiß gewesen, wie heute. Im Freibad schwammen wir und wir spielten Tischtennis. Es war fast genauso, wie im Freibad im Kinderheim. Nur das Wasser war nicht so schön. Es gab nur ein einziges Schwimmbecken. In dem war Chlorwasser. Nach dem Schwimmen brannten die Augen.

Im bayerischen Gebirgsort bei meinem Kinderheim, gibt es ein besonderes Freibad. Es gibt ein Becken mit Naturwasser. Das Wasser ist zwar sehr kalt, aber nach dem Schwimmen brennen deshalb die Augen nicht. Dort in dem Naturwasserbecken hatte es sogar Fische gegeben. Leider hatte ich vor denen oft Angst. Einmal berührte mich beim Schwimmen ein winziger Fisch. Ganz schnell schwamm ich zum Beckenrand und kletterte aus dem Wasser. Die winzigen Fische kannte ich, denn ich hatte sie schon oft durch meine Taucherbrille beobachtet. Trotzdem hatte ich Angst, mit ihnen in Berührung zu kommen. Das hatte ich den anderen Kindern im Kinderheim natürlich niemals erzählt. Stattdessen hatte ich damit angegeben, ein mutiger Fischjäger zu sein. Im Freibad hatten wir im Sommer jedes Wochenende Fischjagd gespielt. Wir taten so, als wären wir mit Harpunen und Messern bewaffnet. So sprangen wir ins Naturschwimmbecken. Wir jagten Haie. Auf unserem Rückweg, hinauf in unser Kinderheim, prahlten wir gegenseitig damit, wie viele hundert Haie jeder von uns im Freibad gefangen hatte.

Die Stadt kommt jetzt näher. Ich kann sie schon hören, es ist ein Rauschen aus der Ferne. Jetzt führt der Feldweg leicht bergan. Ich erreiche eine kleine Anhöhe. Um mich herum sehe ich abgemähte Wiesen. In einiger Entfernung erkenne ich einen Bauern auf seinem Traktor. Er fährt mit einer Heuwendemaschine über die gemähte Wiese.

Ich glaube, das ist ein guter Job. So einen Traktor zu fahren macht sicherlich viel Spaß. Das Heu braucht der Bauer bestimmt als Futter für seine Pferde im Winter. So kenne ich das aus dem Kinderheim im Gebirgsort. Vielleicht hat dieser Bauer hier, den ich gerade vor mir auf seinem tuckernden Traktor sehe, auch so ein Pony, wie es der Heimleiter in dem Schuppen neben unserem Kinderheim gehalten hatte.

Im Kinderheim war ich nur ein einziges Mal auf dem Pony gesessen. Auf dem Rücken des Ponys hielt ich mich nicht einmal eine Minute. Es war der Pfingstsonntag im vergangenen Jahr gewesen. Der Sonntag war warm und trocken, ein erster richtiger Frühlingstag. Wegen des schönen Wetters hatte das ganze Kinderheim einen Pfingstausflug hinunter ins Tal gemacht. Das Pony war dabei. Wir waren auf schmalen Feldwegen hinunter in den Ort gewandert. Auf der anderen Seite des Tals stiegen wir auf einen kleinen Berg hinauf. Unterwegs durfte immer ein Kind auf dem Pony sitzen. Ich war nicht der einzige gewesen, der sofort herunterfiel. Das Pony hatte keinen Sattel um sich daran festzuhalten. Es lag nur eine dicke Decke auf dem Rücken des Tieres. Ich versuchte mich an seiner Mähne und dem Halfter festzuhalten. Dabei versuchte ich, dem Pferd nicht weh zu tun. Mit einem kräftigen Sprung hatte ich mich auf den runden Rücken des Ponys hinaufgeschwungen. Auf dem Rücken des Pferdes versuchte ich, nach der Mähne zu greifen und Halt zu finden. Doch mein Schwung war zu heftig gewesen, so dass ich sofort auf der anderen Seite hinunter stürzte.

Auch in der Nähe unseres Dorfes gibt es einen Bauern, der ein Pony hat. Dessen Hof hatte ich manchmal zusammen mit Matthias besucht. Das Tier hatten wir auf der Koppel beobachtet. Es war mir viel kleiner vorgekommen, als das Pony vom Pfingstsonntag im Kinderheim. Vielleicht bin ich im vergangenen Jahr so viel gewachsen. Den Bauern in der Nähe unseres Dorfes hatten wir nie gefragt, ob wir auf seinem Pony einmal reiten dürften. Seit ich am Pfingstsonntag von dem Pony gestürzt war, hatte ich keine Lust mehr, auf Pferden zu reiten.

Jetzt fährt der Bauer mit seiner Heuwendemaschine ganz dicht an mir vorbei. Ich rieche das frische Heu. Es ist der Geruch, der mich an mein Kinderheim im Gebirgsort erinnert. Im Sommer hatten wir regelmäßig das trocknende Gras auf der steilen Wiese hinter dem Haus gewendet. Wenn das Heu oft genug gewendet war, wenn es grau und trocken geworden war, hatten wir es mit riesigen hölzernen Rechen zu großen Haufen zusammengeschoben. Weil das Kinderheim mitten im Gebirge liegt, ist die große Wiese hinter dem Haus sehr steil. Ein Traktor, wie ich ihn hier neben dem Feldweg gerade sehe, könnte dort gar nicht fahren. Er würde die Wiese hinunterstürzen. Deshalb hatten wir Kinder das Heu per Hand zu wenden und hinunter in den Ponyschuppen zu schaffen. Mit Hilfe von großen grauen Decken zogen wir das Heu vom steilen Hügel. Es war jeden Sommer sehr viel Heu. Genug für das kleine Pony, den Winter über zu fressen zu haben. Mit einer Heuwendemaschine, wie sie der Bauer hier über die Wiese zieht, hätten wir uns viele Tage an Arbeit gespart.

Manchmal mussten wir am Wochenende auf das Freibad verzichten. Wenn Regen gemeldet war und das Heu auf der Wiese schon schön trocken war, dann durfte kein Tag verloren gehen, um es in den Schuppen zu schaffen. Tagelanger Regen, den es in dem Gebirgsort oft gegeben hatte, hätte die Heuernte auf der Wiese vermodern lassen.

Das Heumachen auf der Wiese hinter dem Kinderheim, war ein Geschufte, auf das bald kein Kind mehr rechte Lust hatte. Ich erinnere mich, dass wir oft herumgemeckert hatten, wenn das Freibad wieder mal wegen des Heumachens ausfiel. Aber weil es zur Belohnung nach einem heißen Tag auf der Heuwiese immer eine kühle Flasche Limonade vom Heimleiter gegeben hatte, waren stets alle Kinder fleißig beim Heuwenden dabei.

6. Sicht auf die Stadt

Jetzt sehe ich die Stadt vor mir. Ich stehe auf einem Hügel. In welche Richtung geht es von dieser Stadt in den kleinen Ort zur Oma? In der Stadt muss ich eine bestimmte Straßenkreuzung suchen, von der es zur Oma geht. Auf dieser Kreuzung steht ein Schild mit dem Namen des Ortes, in dem die Oma wohnt.

Die Oma ist gar nicht meine richtige Oma. Aber das macht mir nichts aus. Sie hatte sich jahrelang, damals als wir noch im Kinderheim lebten, um meine Geschwister und mich gekümmert. In den Schulferien hatten wir sie oft besucht, und häufig hatte sie davon gesprochen, dass wir das Kinderheim vielleicht eines Tages wieder verlassen dürfen. Die Oma glaubte, dass wir ein viel schöneres Leben hätten, wenn wir hier beim Vater wohnten. Sie hatte auch daran gedacht, dass wir sie vom Vater aus viel öfter besuchen könnten, als von dem weit entfernten Kinderheim.

Weil sie glaubte, dass wir es beim Vater besser hätten und auch der Vater uns schon lange aus dem Kinderheim holen wollte, hatte sie ihn jahrelang dabei unterstützt. Ich glaube, die Oma hätte das nicht getan, wenn sie damals geahnt hätte, dass der Vater zu uns Kindern so ist, wie er ist. Die Oma konnte das unmöglich ahnen, denn wir hatten ja im Kinderheim und nicht beim Vater gelebt. Wenn wir zu Besuch gekommen waren, wohnten wir bei ihr und nicht beim Vater, weil dessen Wohnung zu klein gewesen war.

Im Haus von Oma ist viel Platz für Kinder und es ist wirklich schön. Bei ihr wohnen viele Kinder. Sie hat einen großen Garten, in dem ein alter Wohnwagen steht. Im Garten spielen die Kinder Versteckspiele und Fangen. Bei ihr ist immer was los. Auch Opa ist sehr nett. Beide mögen mich und meine Geschwister sehr gern. Oma und Opa hatten sich sehr gefreut, als wir endlich zu unserem Vater ziehen durften und nicht mehr im Kinderheim leben mussten.

Letztes Jahr, am Tag als uns der Vater aus dem Kinderheim abgeholt hatte, fuhren wir im weißen Käfer mit dem Vater zuerst zur Oma. Danach waren wir in das Haus der Stiefmutter und des Vaters gefahren. Seit diesem Tag hatte ich die Oma nie wieder gesehen.

Im Ort unterhalb des Hauses, in dem die Oma wohnt, hatten wir Anfang letzten Jahres einige Wochen mit der Stiefmutter und dem Vater in einer kleinen Wohnung gewohnt. Es war die Wohnung des Vaters. Er hatte sie jahrelang allein bewohnt, als wir Kinder noch im Kinderheim lebten. Diese Wohnung war zu klein für die Familie, deshalb hatte der Vater das alte Haus im Dorf gemietet.

Obwohl wir im Ort nur kurz gewohnt hatten, erinnere ich mich noch gut an die kleine Wohnung und an die Umgebung. Unweit der kleinen Wohnung liegt der Fußballplatz. Da hatten wir Geschwister täglich gespielt. Da hatten wir schnell andere Kinder kennen gelernt. Und es gibt da, gleich um die Ecke, eine kleine Eisdiele.

Jetzt, wo ich daran denke fällt mir ein, dass wir im vergangenen Jahr, als wir kurz in dem Ort beim Vater und der Stiefmutter lebten, noch Taschengeld bekommen hatten. Von diesem Geld hatte ich manchmal Eis in der Eisdiele gekauft. Aus den roten Automaten, von denen es in dem Ort beinahe an jeder Ecke einen gibt, kaufte ich von meinem Taschengeld Kaugummis. Ich glaube, damals hatten die Stiefmutter und der Vater noch nicht solch große Geldsorgen, wie später im Dorf.

Auch meine alte Schule liegt ganz in der Nähe der kleinen Wohnung. Zu Fuß hatte ich sie in wenigen Minuten erreicht. In diesem Ort gibt es auch ein Hallenbad, es liegt gleich neben der Schule. Im Sportunterricht hatten wir es oft besucht. Klassenkameraden und Lehrer hatten es ganz toll gefunden, dass ich so gut schwimmen kann. Das hatte ich gar nicht gekannt. Für mich ist es normal, gut schwimmen zu können. Im Kinderheim hatten alle Kinder gut schwimmen gelernt, denn wir waren sehr oft im Schwimmbad gewesen. Mein gutes Schwimmen war im Kinderheim nichts Besonderes.

Um zur Oma zu gelangen, muss ich diesen Ort finden. Er liegt einige Kilometer von der Stadt entfernt. Ich muss diesen Ort durchqueren. Zur Oma geht es einen steilen Berg hinter dem Ort hinauf.

7. Hinunter zur Stadt

Der Feldweg endet in einem schmalen Trampelpfad. Ihn steige ich jetzt hinunter. Er führt auf die Stadt zu. Da unten sehe ich einen großen, lang gezogenen Hügel. Es ist hoch aufgeschütteter Schotter. Dahinter erkenne ich eine Baustelle für eine neue Eisenbahnanlage. Ich sehe nagelneue Gleise. Es fahren noch keine Züge auf diesen Gleisen. Heute ist Samstag, deshalb ist auf der Baustelle alles ruhig.

Ich muss diese Gleise überqueren. Hinter ihnen beginnt die Stadt. Ich glaube, dass es schwer wird, die Straße zur Oma zu finden. Die Stadt sieht unübersichtlich aus. Vom Trampelpfad aus sehe ich viele Straßen.

Jetzt erreiche ich das Ende des Trampelpfades. Ich stehe vor dem langen Schotterhügel. Ich steige langsam hinauf. Oben setze ich mich auf die Steine. Ich suche ein Plätzchen, von dem aus ich nicht gesehen werde. Ich muss noch eine Zeitlang warten, bis ich in die Stadt hineinlaufe. Bestimmt ist der Vater dort unterwegs und sucht mich.

Von dem Schotterhügel aus kann ich alles sehr gut sehen. Ich glaube hier wird mich so schnell niemand entdecken. Auf der ruhigen Baustelle stehen Kräne und Maschinen. Auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise sehe ich eine Neubausiedlung. Die Straße ist noch nicht geteert. Ich sehe Staubwolken von fahrenden Autos.

Da drüben wohnen Familien. Ich sehe sie in ihren Gärten. Ich höre einen Rasenmäher. Heute arbeiten die meisten Familien in ihren Gärten. Heute werden die Gehsteige sauber gekehrt.

So ist es samstags bei der Stiefmutter und dem Vater. In unserem Garten im Dorf gibt es immer viel Arbeit. Kurz nachdem wir eingezogen waren, war der Garten noch verwildert. Gebüsch und Wiese wucherten über den Zaun. Das Gras stand meterhoch. Das Haus muss längere Zeit unbewohnt gewesen sein, deshalb blieb auch der Garten lange unbearbeitet.

Ich hatte nichts dagegen, dass es im Garten so wild aussah. Darüber regten wir Geschwister uns niemals auf. Die Stiefmutter hatte sich sehr darüber aufgeregt. Anfangs hatte ihr der Garten überhaupt nicht gefallen. Er war ihr viel zu verwildert und unordentlich. Deshalb hatte sie uns täglich hinunter geschickt, um Unkraut zu jäten. Später, nachdem wir das Gröbste beseitigt hatten, schickte sie uns nur noch am Wochenende in den Garten.

Das Unkraut hatte sie damals sehr geärgert. Es wucherte überall hervor. Es ärgerte sie, dass es auch zwischen ihren Tulpen und Geranien wucherte. Aber besonders hatte sie sich immer darüber aufgeregt, dass es auch zwischen den Steinplatten des Gartenweges wucherte. Schlimm für die Stiefmutter war auch das Unkraut, das unter der Treppenstufe vor der Haustür hervorsprießte.

Das alles musste säuberlich weggerissen werden. Die Stiefmutter hatte dieses Unkraut immer ganz schlecht gefunden. Es gehört nicht in ihr Bild, ihres Gartens, vor dessen Gartentürchen ein sauber gefegter Gehsteig liegt. Die Stiefmutter hatte dieses unordentliche Unkraut, diesen Schmutz im Bild unseres friedlichen Hauses mit seinem gefegten Gehsteig und dem sauberen Gartenweg nicht ertragen. Sie hatte uns gesagt, alles Unkraut müsse vernichtet werden, alles im Garten müsse sauber und ordentlich aussehen. Unkraut sehe unordentlich aus.

Unkraut im Garten und Schmutz auf dem Gehsteig hatten für die Stiefmutter etwas Anrüchiges. Ich glaube der Stiefmutter war es vor allem wichtig gewesen, dass unsere Nachbarn und die Dorfbewohner einen sauberen Garten vor unserem Haus sahen. Vielleicht musste der Garten wegen der Nachbarn sauber sein.

Manchmal hatte sie uns Kindern vorgeworfen, dass wir „nicht ganz sauber“ wären. Was sie damit meinte, hatte ich nie verstanden. Doch jetzt fällt mir ein, dass es vielleicht auch mit dem Garten zu tun hatte. Der saubere Garten sollte die Nachbarn und Dorfbewohner beruhigen. Niemand sollte denken, in unserer Familie sei etwas „nicht ganz sauber“ oder nicht in Ordnung. Ich glaube, die Stiefmutter hatte wirklich gedacht, das Unkraut wäre anrüchig. Vielleicht machte es ihr sogar Angst, weil es in ihren Augen so unordentlich ausgesehen hatte. Vielleicht wollte die Stiefmutter alles Unkraut weggerissen haben, weil sie Angst davor hatte, die Nachbarn könnten wegen eines ungepflegten Gartens auf uns aufmerksam werden. Vielleicht hatte sie Angst, dass dann die Nachbarn auf Vorgänge in unserem Haus aufmerksam werden. Die Nachbarn hätten vielleicht Rückschlüsse vom Garten vor unserem Haus auf mögliche Zustände in unserem Haus gezogen. Vielleicht hatte die Stiefmutter das mit dem penibel ordentlichen Garten, zu vermeiden gesucht.

Ob nun mit diesem sauberen Garten oder nicht, es fallen mir keine Anhaltspunkte dafür ein, dass bei uns zu Hause nicht alles so ist, wie es den normalen bürgerlichen Bedingungen irgendeiner anderen Familie dieses Dorfes entspricht. Tatsächlich glaube ich, dass es von den Nachbarn völlig falsch wäre, einem Irrglauben wegen unseres nicht ganz unkrautfreien Gartens zu verfallen. Nichts ist bei der Stiefmutter und dem Vater in unserem Haus „nicht sauber“. In unserem Haus ist alles sauber, weil alles von uns Geschwistern so gepflegt und gemacht wird, wie es die Stiefmutter befiehlt.

Jedem Befehl von ihr leisten wir Gehorsam. Zu Hause sind wir nicht aufmüpfig, wir sind nicht frech, wir sind nicht schmutzig und wir tun nichts, wenn es nicht befohlen wird. Wir unterbrechen Erwachsene nicht, wenn sie sprechen. Wir Kinder sprechen nur dann, wenn wir gefragt werden. Wir leben so, wie es die Erziehung von Stiefmutter und Vater fordert. Wir versuchen, uns genau so zu verhalten, wie sie es verlangen. Ich glaube, wir geben unser Bestes. Wir strengen uns an, den Forderungen von Stiefmutter und Vater gerecht zu werden. Wir sind absolut unterwürfig und folgsam.

Manchmal schaffen wir nicht alles, was verlangt wird. Zum Beispiel lernen wir das Schreiben in der Schule nicht so schnell und so gut, wie das in Deutschland vielleicht sein muss. Ein Grund für den Vater und die Stiefmutter, uns zu schlagen. Zu Hause tun wir alles, was Erwachsene verlangen. Zumindest versuchen wir es immer. Ich glaube, deshalb sind wir eine richtig gute normale Familie.

Es wäre wirklich ein Irrweg der Nachbarn, anderes zu denken. Was bei uns zu Hause los ist, ist alles völlig normal. Nichts widerspricht der Tradition der Nachbarsfamilien, des Dorfes oder dieses Landes.

Ich glaube, wir werden erzogen, wie die Stiefmutter und der Vater selbst erzogen wurden. Für uns gibt es keinerlei „Extrawürste“. Die Zügel werden aber auch nicht extrem fest angezogen. Die Zügel werden von der Stiefmutter und dem Vater in normaler, vielleicht „dorfüblicher“ Manier von Zucht und Ordnung gehalten. Ich glaube, es gibt keine außergewöhnlichen Abweichungen in unserem alten Haus im Dorf. Was zu Hause gilt, gilt ja auch in der Schule. Auch der Lehrer in der Dorfschule schlägt manchmal zu. Es ist nichts Besonderes. Wahrscheinlich ist das Schlagen des Vaters und der Stiefmutter völlig normal.

Das Unkraut im Garten und der Schmutz auf der Straße vor unserem Haus werden regelmäßig von uns restlos beseitigt. Die Nachbarn und das Dorf werden niemals auf unsere Familie aufmerksam werden. Meine Familie ist normal und unauffällig, wie jede andere Familie im Dorf. So gesehen, ist überhaupt kein Grund dafür erkennbar, warum ich jetzt hier auf diesem Schotterhügel sitze. Vielleicht gibt es keine vernünftige Begründung dafür, dass ich jetzt vor der Bahnbaustelle stehe und hinüber auf die große Stadt blicke. Ich glaube, das kann mit Vernunft nicht begründet werden. Vielleicht sehe ich das so, weil ich finde, dass, was täglich zu Hause geschieht, auch nicht vernünftig zu begründen ist.

Kein Nachbar im Dorf, vielleicht kein Mensch in diesem Land, der durch das kleine Dorf spaziert, könnte einen vernünftigen Grund für meinen heutigen Marsch zur Oma erkennen.

Trotzdem bin ich heute auf der Flucht.

8. Pfeifenrauch

Als wir im vergangenen Jahr eingezogen waren, standen im Haus noch mehrere alte Möbel. Der Vormieter hatte sie zurückgelassen. Einige von ihnen ließ der Vater stehen, andere transportierte er ab und warf sie auf den Müll. Ins Wohnzimmer stellte er die Möbel aus seiner alten, kleinen Wohnung und einige neu gekaufte Möbel.

Das Haus ist schon sehr alt. Die Wände sind schief, die Decken hängen durch, sie sind rissig, hier und da bröckelt der Putz. Es ist ein altes Bauernhaus. Ich glaube, früher hatte es eine Bauernfamilie bewohnt. Das Haus ist viel geräumiger als die kleine Wohnung des Vaters. Es hat sechs Zimmer und eine große Küche. Die Räume werden mit Holzöfen beheizt. In manchen Zimmern gibt es keinen Ofen. So in unserem Kinderzimmer. Im Winter ist es dort eiskalt. Deshalb haben wir sehr dicke Bettdecken. Wenn wir uns abends schlafen legen, kriecht jeder von uns Geschwistern so schnell wie möglich unter seine Bettdecke, um warm zu werden.

Es wäre möglich mehr Öfen im Haus aufzustellen, damit es im Winter nicht so kalt ist. Aber auch das kostet viel Geld. Und dafür fehlt dem Vater das Geld. So sitzen wir im Winter gerne in der Küche und schälen Kartoffeln oder wir spülen Geschirr, denn es ist der wärmste Raum im Haus.

Als wir hergezogen waren, hatten wir im Dorf kein einziges Kind gekannt. Kinder, die wir im Ort, wo Vaters kleine Wohnung liegt, kennen gelernt hatten, konnten uns im Dorf nicht besuchen. Das Dorf ist zu weit entfernt. Es fahren zu wenig öffentliche Busse. So hatten wir anfangs keine Freunde. Die Dorfkinder lernten wir in der Dorfschulklasse kennen.

In der Dorfschule gibt es nur zwei Klassen. Mein Lehrer, Herr Götz, ist ein sehr strenger Lehrer. Ich glaube, er ist schon sehr alt. Er schickt mich manchmal aus dem Klassenzimmer. Er bestraft mich oft. Manche Unterrichtsstunde muss ich still in der Ecke neben dem Waschbecken stehen. Es gibt immer unterschiedliche Gründe für die Strafen. Ein Mal fehlen die Stifte in meinem Federmäppchen. Ein anderes Mal ist es mein Zuspätkommen am Morgen. Oft habe ich meine Hausaufgabe wieder nicht vollständig erledigt. Meistens ist es meine unvollständige Hausaufgabe. An ihr fehlt immer etwas. Nachmittags sitze ich zu Hause am Küchentisch. Die Stiefmutter will wissen, was ich für Hausaufgaben habe. Weil ich Angst habe, erzähle ich ihr nicht, dass Herr Götz noch viel mehr zu Schreiben aufgegeben hat.

Nachdem die Schulglocke läutet, gehe ich kurz auf die Schultoilette. Dort ziehe ich mein Hausaufgabenheft aus dem Schulranzen. Die richtigen Seitennummern, die ich vormittags im Unterricht eingetragen hatte, radiere ich wieder aus und ersetze sie. Ich bin sehr schlecht im Schreiben. Meine Hände zittern zu stark. Weil ich für das Abschreiben von nur einer Seite aus dem Schulbuch, schon mindestens zwei Stunden nachmittags neben der schreienden Stiefmutter am Küchentisch sitzen muss, kann ich unmöglich die fünf oder sechs Seiten erledigen, die mein Lehrer Götz als Hausaufgabe aufgibt.

In der alten Dorfschule bekomme ich Ohrfeigen, wie von der Stiefmutter, wenn ich etwas tue, das den Lehrer Götz besonders aufregt. Meistens reicht schon die fehlende Hausaufgabe. Jeden Morgen betrete ich das große Klassenzimmer. In der Türschwelle weiß ich schon, dass es wieder eine Strafe von Herrn Götz für mich gibt. Als Hausaufgabe habe ich zu wenige Seiten aus dem Lesebuch abgeschrieben.

Einmal hatte ich etwas besonders Schlimmes getan. Morgens kam ich wie jeden Tag in mein Klassenzimmer. Ich stank fürchterlich. Herr Götz war schon hinter seinem Pult gestanden. Im dicken Lesebuch blätterte er. Er suchte die Seite, auf der er tags zuvor mit dem Lesen aufgehört hatte. Ich trat über die Türschwelle und lief schnell an ihm vorbei. Ich wollte nach hinten laufen zu meinem Platz. Im Vorbeigehen am Lehrerpult schnappte Herr Götz mich an meiner Jacke. Er zog mich dicht an sich heran. Er schnüffelte an mir herum. Ich hörte seine dumpfe, tiefe Stimme: „Kerle, das glaubscht doch selber nedde! Du Bürschle haschd doch ned ebbas graucht heut morge, scho vor da Schul? Oder nach was schtinkscht ’n du sonscht?“

Regungslos, wie sonst vor dem Vater, stand ich vor dem Lehrer. Das war der Moment, in dem der Lehrer heftig zuschlug. Den Vormittag lang hatte ich in der Ecke beim Waschbecken zu stehen.

Tatsächlich hatte ich mir an diesem Morgen etwas Unglaubliches geleistet. Als ich das Dorfschulhaus betrat, war mir schlecht. Ich ging zur Toilette, wo ich mich übergab. An diesem Morgen war die Stiefmutter mit dem Vater zusammen im weißen Käfer in die Stadt gefahren. Bevor ich mit Matthias das alte Haus Richtung Dorfschule verließ, nahm ich eine von Vaters Pfeifen vom Schrank. Ich stopfte die Pfeife, so wie ich es beim Vater oft beobachtet hatte. Bis zum Rand füllte ich sie mit Tabak und drücke den Tabak mit seinem silbernen Pfeifenstopfer fest. Ich rauchte sie auf unserer Toilette zu Hause.

Wir haben zwei Toiletten, eine ist im Haus und die zweite ist auf der Rückseite des Hauses, hinter der Küche. Dort kann man ein großes Fenster nach draußen öffnen. Nur Matthias und ich waren noch im Haus. Bei geöffnetem Fenster saß ich auf der Toilette und paffte vor mich hin. Heute, wo ich mich an diesen Morgen erinnere, wundere ich mich: Warum traute ich mich so etwas? Hatte ich an diesem Morgen keine Angst? Vaters Pfeife rauchen! Unglaublich! Trotzdem war es ein Spaß! Jetzt muss ich ein bisschen schmunzeln, über mich an diesem Morgen. Wie unglaublich dumm ich da war!

Schon nach den ersten Schritten auf der Dorfstraße Richtung Schule wurde mir sehr schlecht. Auch nachdem ich mich auf der Schultoilette übergeben hatte, wurde es nicht besser.

Zu Hause am Mittag war mir immer noch schlecht. Die Stiefmutter wusste schon, was los war. Der Lehrer hatte bereits angerufen. So ist es im Dorf. Es gibt keine Geheimnisse. Deshalb hatten wir in der Schule nie etwas von zu Hause erzählt. Es war niemals sicher, wen der Lehrer anruft. Es war niemals sicher, wann er anruft. Stets bestand die Gefahr, dass er die Stiefmutter bereits angerufen hatte. Auch an diesem Tag hatte sich diese Gefahr bestätigt.

Natürlich hatte der Lehrer auch bemerkt, dass ich in meinem Hausaufgabenheft oft herumradierte. Hin und wieder rief er deshalb die Stiefmutter an. Sie kontrollierte dann mein Hausaufgabenheft und prügelte die ausradierte Hausaufgabe aus mir heraus. So hatte ich nachmittags immer weniger Zeit. Die freie Zeit im Versteck, in der alten Scheune wurde immer weniger. Die Hausaufgabenzeit mit der plärrenden Stiefmutter wurde immer länger.

Zum Glück konnte sie an diesem Tag nicht wissen, dass ich Vaters Pfeife geraucht hatte. Ich hatte das in der Schule nicht dem Lehrer gesagt, so konnte der es ihr am Telefon auch nicht sagen.

Mittags empfing mich die Stiefmutter unten an der Haustür. Sie schlug so zu, wie ich es kannte. Sie schrie so, wie sie es beinahe täglich tat. Wegen ihrem hohen Geschrei verstand ich sie kaum. Es war klar, was sie wissen wollte. Ich hörte sie kreischen: „Wo hascht du die Zigaredden geklaud? Des Klaun und Lügn wer i dir no austreim!“

Auf dem Weg von der Schule hatte ich mit Matthias ausgemacht, dass er mich nicht verrät. Es war klar, dass die Stiefmutter versuchen würde, auch aus ihm etwas herauszuprügeln. Tatsächlich schlug sie bereits unten an der Haustür auch auf ihn heftig ein. Mit Matthias hatte ich ausgemacht, dass ich morgens auf dem Schulweg ein paar Zigaretten gefunden hatte, sie wären einfach vor mir auf der Straße gelegen.

Die Stiefmutter hatte uns die Treppe hinaufgezerrt. Im Korridor zum Esszimmer schlug sie weiter auf mich ein. Jetzt behauptete ich, dass ich die Zigaretten auf der Straße gefunden hätte. Das glaubte sie nicht. Es war der Anlass mich ins Kinderzimmer zu zerren und noch heftiger auf mich einzuschlagen. Sie plärrte: „Lügen und au no frech sein! Des werma dir scho no austreim! Dei Vadder wirds da heut abend scho zoign!“ Ich stand vor ihr, heulte und ich sagte, es sei nicht gelogen. Ich wiederholte, ich hätte eine Schachtel gefunden, in der noch zwei Zigaretten gewesen seien. Wo ich das Feuer her gehabt hätte, wollte sie wissen. Daran hatte ich nicht gedacht! Weil ich darauf nichts sagte, schlug sie noch heftiger auf mich ein. Sie wiederholte, dass sie sich nicht belügen lasse und dass der Vater es abends schon zeigen werde. Wieder schrie sie mich wegen des Feuers an. Jetzt antwortete ich. Ich sei schnell zurück nach Hause gelaufen. Ich hätte mir die erste Zigarette mit Vaters Feuerzeug angezündet. Das war eine Unverschämtheit! Vaters Feuerzeug zu benutzen! Sie schlug weiter zu. Ich konnte nicht mehr reden. Obwohl ich nichts mehr tun konnte, kreischte und schlug sie weiter.

Bei solchen Auseinandersetzungen hatte es zu Hause keinen frühzeitigen Abbruch gegeben, bevor nicht das Ziel erreicht war. Die Stiefmutter kreischte weiter, obwohl ich nicht mehr konnte. Sie schlug weiter auf mich ein, sie schrie weiter. Ich soll sie nicht anlügen, ich soll endlich sagen, woher ich die Zigaretten und das Feuer hätte. Ich konnte mich nur wiederholen, denn es wäre eine Katastrophe geworden, wenn ich zugegeben hätte, dass ich Vaters Pfeife geraucht hatte. Es sei die Wahrheit, die Zigaretten hätte ich gefunden, das Feuer sei von Vaters Schrank gewesen.

Obwohl Matthias unschuldig war, wurden wir beide bestraft. Das hatte die Stiefmutter, seitdem ich sie kenne, immer so gemacht. Ihr ist es wichtig, dass wir Geschwister alle Angst vor ihr haben. So will sie erreichen, dass wir uns gegenseitig verraten. An diesem Nachmittag hatte sie das nicht erreicht. Matthias verriet mich nicht. Er hielt sich an unsere Absprache, obwohl die Stiefmutter auch ihn heftig verprügelte. Das Haus durften wir an diesem Nachmittag nicht verlassen. Wir schrieben den ganzen Nachmittag über in unsere Hefte. Wir saßen neben der keifenden Stiefmutter am Küchentisch. So warteten wir, bis abends der Vater kam. Wir hatten genau gewusst, was dann auf uns zukam.

Zu Hause gibt es kein Entrinnen. Vater und Stiefmutter entkommt keiner von uns. Wir finden keine Ruhe vor den beiden. Im Laufe der Zeit wird es immer schlimmer. Denn mit der Zeit sammelt sich immer mehr an, was das Leben zu Hause unerträglich macht.

Ich war sehr froh, dass Matthias nichts von der Pfeife auf der Toilette erzählt hatte. Ich glaube, es wäre wirklich eine unbeschreibliche Katastrophe geworden, wenn das herausgekommen wäre, denn der Vater war abends sehr wütend gewesen. Ich hatte die Pfeife sauber geputzt in das Regal zurückgelegt. Als der Vater abends nach Hause gekommen war, erzählte ihm die Stiefmutter sofort alles. Der Vater fragte nicht lange weiter nach. Er verstand sofort, dass ich etwas sehr Schlimmes getan hatte und vor allem, dass ich die Stiefmutter belogen hatte.

Für den Vater ist Ehrlichkeit das Allerwichtigste in diesem Leben. Ich glaube, es ist für ihn unerträglich, zu wissen, dass seine Kinder lügen. Ich glaube, der Vater denkt, dass deshalb, weil wir manchmal lügen, aus uns Kindern, wenn wir erwachsen sind, schlimme Verbrecher werden. Mit seinem Prügeln will er erreichen, dass wir aufhören zu lügen. Mit seinen Schlägen erreicht er das niemals. Der Vater versteht nicht, dass ich lüge, weil ich Angst habe. Ich lüge nicht, weil ich andere bestehlen will oder gar Verbrecher werden will. Sondern ich lüge, weil mir nichts anderes einfällt, um mich vor dem Vater und der Stiefmutter zu schützen. Er versteht nicht, dass ich manchmal sogar lüge, weil ich fürchte, von ihm totgeschlagen zu werden. Wenn ich nicht die Wahrheit sage, wenn ich nicht verrate, dass ich morgens seine Pfeife geraucht habe, dann schlägt er nicht so fest zu. Nur dann wird er mich nicht totschlagen. Ich werde kein Verbrecher werden, weil ich lüge. Der Vater versteht das nicht.

Der Vater hatte abends zuerst mit der Hand auf uns eingeschlagen, dann zog er uns in unser Schlafzimmer. Der Gürtel aus der Hose lag schon in seiner Hand. Ich war als erster dran, denn ich hatte die Sache ja ausgefressen. Wie immer musste ich mich über den Stuhl legen. Der Vater schlug zu.

Der Vater schrie, er werde so lange schlagen, bis wir uns das Lügen abgewöhnten. Das Lügen hätten wir im Kinderheim gelernt. Bei ihm gäbe es so etwas aber nicht. Er werde uns zu ehrlichen Kindern erziehen.

Wir hatten ohrenbetäubend laut geschrieen an diesem Abend, denn die Schläge waren besonders kräftig. Mein großer Bruder Mark war noch nicht zu Hause gewesen. Den ganzen Nachmittag hatte ich gehofft, dass er vor dem Vater kommt. Er konnte nicht vor dem Vater zu Hause sein. Seine Arbeit hatte immer länger gedauert als die des Vaters, und mit dem Mofa konnte er nicht so schnell nach Hause fahren, wie der Vater mit dem Käfer.

9. Christians Geburtstag

Immer noch sitze ich oben auf dem Schotterhügel vor der Bahnbaustelle. Die Stadt sehe und höre ich vor mir. Eine Kirchturmuhr schlägt elf Mal. Ich bleibe hier, bis es Mittag wird. Dann werden die Geschäfte schließen und dann wird auch der Vater seine Suche nach mir in der Stadt aufgeben. Der Vater könnte auch bei geschlossenen Geschäften in der Stadt nach mir suchen. Also bleibe ich nicht wegen der Geschäfte bis zum Mittag hier sitzen. Ich bleibe hier, weil ich noch eine Zeit ausruhen muss.

Der heutige Tag ist mein dritter Fluchtversuch. Ich hoffe, dass das Sprichwort: „Alle guten Dinge sind drei“, heute für mich wahr wird und mein heutiger dritter Versuch klappen wird. Als ich das zweite Mal von zu Hause fortgelaufen war, war Matthias wieder mit dabei. Wieder waren wir nach der Schule nicht nach Hause gegangen. Aber wir hatten aus dem ersten missglückten Fluchtversuch gelernt und blieben nicht auf der Landstraße. Direkt unterhalb unseres Dorfes gibt es einen breiten Forstweg, den Matthias kannte. In einem kilometerweiten Bogen führt der Weg an der Stadt vorbei. Stundenlang waren wir auf diesem Weg unterwegs gewesen. Meine Zweifel wurden immer größer. Ich fragte Matthias immer öfter, ob er noch glaube, dass der Forstweg zu dem Ort führt, oberhalb dem die Oma wohnt. Ich hatte Angst, dass wir uns verlaufen. Matthias blieb zuversichtlich. Er hatte mich immer wieder beschwichtigt. Tatsächlich behielt er Recht. Nach vielen Stunden, als die Abenddämmerung schon eingesetzt hatte, endete der Forstweg an einer schmalen geteerten Straße.

Die schmale Straße führte einen steilen Abhang hinunter in ein kleines Tal. Von oben erkannten wir, dass unten tatsächlich der richtige Ort lag. Es war der Ort, in dem wir vergangenes Jahr die ersten Wochen beim Vater in seiner engen Wohnung gewohnt hatten. Auf der anderen Seite des Tals erkannten wir den Berg, auf dem das Haus von Oma liegt.

Unsere Freude war riesig. Die vielen Stunden auf dem Forstweg durch den Wald hatten sich gelohnt! Wir hatten uns nicht verlaufen. Schnell liefen wir die Teerstraße hinunter in den Ort. Als wir unten ankamen, war es bereits finster.

Ein kalter, aber sonniger Januartag lag hinter uns. Nach dem Sonnenuntergang wurde es eisig kalt. Es war der Geburtstag von meinem Bruder Christian. Doch das war mir erst am Ende dieses langen Tages eingefallen.

Unten im Ort wurden wir von einem Erwachsenen angesprochen. Er fragte, ob wir uns verlaufen hätten. Ich glaube, er sprach uns an, weil wir unsere Schulranzen mit uns trugen und es doch schon Abend geworden war. Wir antworteten brav. Wir erklärten, dass wir länger Schule gehabt hätten und wir behaupteten, dass wir gleich um die nächste Ecke wohnten. Der Erwachsene war mit unserer Antwort zufrieden und ging weiter. Auch wir gingen weiter.

Erst einige Minuten später bemerkten wir, dass es mit unserer Ankunft im Ort stockdunkel geworden war. Ich wusste, dass die schmale Straße hinauf zur Oma nachts unbeleuchtet ist. Das fiel mir wieder ein, als ich die Dunkelheit in dem Ort sah. Ich glaube, weil mir das eingefallen war, verlor ich plötzlich den Mut. Ich hatte Angst, weiterzugehen wegen der finsteren Straße hinauf zur Oma. Wir waren sehr abgekämpft und müde von dem langen Fußmarsch. Wir hatten Hunger, und es war eisig kalt und dunkel. Der ganze Mut, den wir oben am Hang noch gespürt hatten, weil wir richtig gelaufen waren, war plötzlich verschwunden.

In der Nähe kannten wir einen Kaugummiautomaten. Wegen unseres Hungers dachten wir darüber nach, ob wir hingehen sollten, um ihn aufzubrechen. Weil das sehr dumm und auffällig gewesen wäre, ließen wir es. Mit den Kaugummis hätten wir unseren Hunger nicht vernünftig stillen können. Der Automat hängt an einer Hausecke, direkt an der Hauptstraße. Hätten wir ihn geknackt, wären sicher alle Kaugummis auf die Straße gerollt.

Unser Mut war gewichen. Wegen unseres Hungers und der Kälte kamen uns solch dumme Dinge in den Sinn. Aber wir waren noch gescheit genug, so etwas Blödes nicht zu tun. Weil wir nicht wussten, was wir tun sollten, drückten wir uns auf dem Hof hinter irgendeinem Haus herum.

Dort dachten wir beide laut darüber nach, unsere Flucht aufzugeben. Aber keiner von uns traute sich, vorne an der Haustür des fremden Hauses zu läuten. So liefen wir eine Zeitlang verzweifelt in der Kälte hinter dem Haus auf und ab. Bereits nach wenigen Minuten entdeckte uns jemand. Eine Frau öffnete ein Fenster im ersten Stock. Von oben rief sie hinunter: „Was macht ihr denn da unten?“ Ich rief hinauf: „Nichts. Wir schauen hier nur ein bisschen herum.“ Es war eine sehr dumme Antwort, doch mir war nichts anderes eingefallen. Außerdem wollte ich, dass die Frau zu uns herunterkommt. Ich wollte, dass sie uns in ihre warme Wohnung holt. Ich glaube, Matthias wollte das auch. Er sagte nichts, sondern er nickte der Frau da oben nur freundlich zu. Die Frau rief hinunter: „Was gibt’s hier denn zu Schauen? Habt ihr da eure Schulranzen auf den Rücken?“ Wir beide nickten freundlich hinauf zu der Frau. Die Frau fragte: „Wo kommt ihr denn her, um diese Zeit, wo wohnt ihr denn?“ Ich rief laut hinauf: „Wir haben uns verlaufen, nach der Schule!“ Jetzt lehnte sich die Frau etwas weiter aus ihrem Fenster. Ungläubig rief sie zu uns hinunter in den dunklen Hof: „So lange habt ihr euch verlaufen? Das gibt’s ja gar nicht! Wo wohnt ihr denn?“ Jetzt war mir endgültig klar geworden, dass die Flucht an diesem kalten Tag mit Matthias gescheitert war. Wir scheiterten an der Kälte, an der Dunkelheit und an unserem Hunger. Ich dachte daran, dass wir von der Frau sicherlich etwas zu essen bekommen, wenn sie uns in ihre warme Wohnung hinauf holte, vielleicht würde sie uns sogar zur Oma bringen. Aus dem Hof rief ich zu ihr hinauf: „Wir wohnen in Zweiflingen! Wir sind in den Wald gelaufen und haben nicht wieder nach Hause gefunden!“ Die Frau hatte immer noch nicht verstanden, dass sie etwas für uns tun muss. Sie rief: „Ja in Zweiflingen! Das ist ja ein schönes Stück weit weg! Das gibt’s doch gar nicht!“ Die Frau lehnte sich noch weiter hinaus. Weil sie immer noch nicht sagte, dass wir zu ihr hinauf kommen sollten, rief ich: „Doch! In Zweiflingen wohnen wir! Und jetzt ist uns saukalt!“ Jetzt wusste die Frau über uns bescheid. Sie rief hinunter in den Hof: „Wartet da unten, ich komme runter!“ Sie Schloss ihr Fenster. Das Licht hinter dem Fenster ging aus. Nur Sekunden später erschien sie im Hof. Sie trug einen dicken Mantel. Sie sagte: „So, ich bringe euch jetzt zu einer Polizeistation!“

Mich hatte eine Polizeistation sehr interessiert, weil ich noch nie auf einer gewesen war, trotzdem antwortete ich der fremden Frau: „Wir wollen aber lieber zur Oma! Die wohnt nicht weit, da oben am Berg!“ Das interessierte die Frau nicht. Sie nahm uns beide an der Hand. Sie brachte uns über die Hauptstraße zur Polizei. Dort bekamen wir zu essen und zu trinken. Bei einem Polizisten warteten Matthias und ich in einem beheizten Zimmer. Die Polizeistation war uninteressant. Ich sah nur diesen einen Polizisten und dieses eine, langweilige Zimmer.

Nach einiger Zeit kamen zwei Leute, eine Frau und ein Mann. Wir kannten sie nicht. Sie fragten uns, warum wir von zu Hause abgehauen waren. Wir erzählten ihnen, dass wir zu Hause immer Angst hätten.

Schließlich brachten uns die Frau und der Mann in einem gelben VW-Passat zurück ins Dorf. Sie parkten ihren Wagen neben Vaters weißem Käfer. Sie gingen mit uns ins Haus. Sie verschwanden mit der Stiefmutter und dem Vater im Wohnzimmer. Dort sprachen sie eine Zeitlang miteinander. Mark war noch nicht zu Hause gewesen, aber Christian saß in der Küche.

Christian saß am Küchentisch. Er begrüßte Matthias und mich nicht. Stattdessen zog er ein Gesicht, wie ich es an ihm kenne, wenn er sehr wütend und sauer auf mich ist. Er war sehr beleidigt und er hatte einen guten Grund. Der Tag war sein Geburtstag.

Heute darf ich auf keinen Fall auf eine Polizeistation gebracht werden. Auch heute würde ich sicherlich ins Dorf zurückgebracht werden. Ich muss es diesmal unbedingt schaffen. Die Oma wird mir bestimmt helfen. Sie hatte uns früher schon so viel geholfen. Vielleicht kann ich bei ihr wohnen. Bei ihr wohnen ja noch mehr Kinder. Ich muss heute die Oma unbedingt erreichen, anders geht es heute auf keinen Fall.

Der Geburtstag war überhaupt nicht schön für Christian. Wegen des Ärgers, den Matthias und ich angerichtet hatten, tobte die Stiefmutter den ganzen Nachmittag durch das Haus. Der Vater hatte uns den ganzen Tag mit dem Auto gesucht. Christian bekam kein Geburtstagsgeschenk. Matthias und ich hatten seinen Geburtstag versaut.

Hätten die Stiefmutter und der Vater meinem Bruder Christian an diesem Geburtstag etwas geschenkt, wenn Matthias und ich nicht fortgelaufen wären? Christian muss es gehofft haben. Ich glaube, er hoffte auf ein winziges Geschenk. Vielleicht hatte er auf etwas Geld gehofft. Vielleicht hatte er an zwei Mark gedacht. Nein, das ist sehr unwahrscheinlich. Christian weiß, dass die Stiefmutter und der Vater kaum Geld haben. Vielleicht hatte er auf eine Tafel Schokolade gehofft, wie wir sie zu Weihnachten bekommen hatten.

Jeder von uns bekam zu Weihnachten eine große Tafel. Mich hatte das sehr überrascht, denn ich hatte nichts erwartet. An Geburtstagen gibt es zu Hause nie etwas Besonderes. Es gibt keinen Kuchen, keine Kerze und keine Geschenke. Deshalb hatte ich auch für den Weihnachtsabend nichts erwartet. Das einzige: Ich hatte auf einen ruhigen Abend gehofft, sonst nichts. Dass es eine Tafel Schokolade für jeden gab, freute mich deshalb sehr. Wir legten die Schokolade in unsere Kleiderschränke, ins kühle Kinderzimmer. Wir teilten sie uns gut ein, sie reichte wochenlang.

Jetzt fällt mir ein warum Christian am Abend seines Geburtstages so sauer gewesen war und Matthias und mich in der Küche mit so einem grimmigen Blick empfangen hatte. Ich stelle mir das so vor: Christian hatte an diesem Tag kein Geburtstagsgeschenk erwartet. Nein, ich glaube es ging ihm genauso, wie es mir an Weihnachten gegangen war. Er hatte nur auf etwas Ruhe an diesem Tag gehofft. Er hatte gehofft, dass die Stiefmutter und der Vater ihn an diesem Tag in Ruhe ließen, sonst nichts. Christian besucht schon die Hauptschule in der Stadt. Morgens fährt er mit dem Bus um kurz nach sieben Uhr dort hin. Nachmittags kommt er spät nach Hause. Immer hat er lange Unterricht. Er versucht, so spät wie nur möglich nach Hause zu kommen. Ich glaube, an seinem Geburtstag war er nachmittags schon früher unterwegs nach Hause gewesen. Weil er Geburtstag hatte, brauchte er sicherlich nicht in den Konfirmandenunterricht zu gehen. Auf dem Heimweg von der Bushaltestelle dachte er über den vor ihm liegenden Nachmittag nach. Vielleicht dachte er: Heute wird es ein ruhiger Nachmittag für mich werden. Denn heute habe ich ja Geburtstag. Die Stiefmutter wird heute nicht um sich schlagen, denn sie weiß: Ich habe Geburtstag. Das ist schön, darauf freue ich mich. Ich werde mich mit diesem kleinen Comicheftchen, das mir ein Klassenkamerad geliehen hat, ins Wohnzimmer neben den warmen Holzofen setzen. Ich werde den Nachmittag im Sessel sitzen und in Ruhe dieses Comicheftchen lesen können. Die Stiefmutter wird mich in Ruhe lassen, denn sie weiß, dass ich heute Geburtstag habe. Sie wird mich nicht ankeifen, sie wird mir nicht meine Schulhefte um die Ohren schlagen, sie wird mir nicht ins Gesicht schlagen. Es wird ein anderer Nachmittag sein als sonst. Deshalb komme ich schon so früh nach Hause. Die Stiefmutter wird mich in Ruhe sitzen und lesen lassen. Ich freue mich auf meinen ruhigen Geburtstagsnachmittag.

Jetzt stelle ich mir Christian vor, wie er an diesem Tag vor unserer Haustür steht. Seine Hand liegt schon am Griff, er möchte sie gerade aufdrücken. Plötzlich wird sie von innen aufgerissen. Da steht die Stiefmutter vor ihm. Sie trägt ihre dunkelbraunen Filzpantoffeln und den grünen Haushaltskittel. Sie begrüßt ihn nicht. Ihr Gesicht sieht nicht freundlich aus. Sie lächelt das Geburtstagskind nicht an. Ihr Gesicht sieht gehässig aus. Ihr Gesicht trägt tausend Falten. Doch es sind keine Sorgenfalten. Es sind Falten, in denen Christian den Hass dieser Frau sieht. Sie macht sich keine Sorgen um uns Kinder, sondern sie hasst uns. In der Haustür keift die Stiefmutter Christian an: „Hascht du deine zwee Brider gsähä? Die sin net hoim kumme, von da Schul!“

Eine Antwort von Christian erwartet sie nicht. Die Stiefmutter zerrt Christian, wie einen der etwas sehr Schlimmes angestellt hatte, am Jackenkragen ins Haus. Sie plärrt das Geburtstagskind auf der Treppe an: „Du hascht denen beschtimmt an Tip gäbä! Von aloi kumme die doch nede uf die Idee nochamal abzuhaua!“

Ich glaube, so könnte es gewesen sein an Christians Geburtstag. Christian hatte nichts erwartet. An seinem Geburtstag hatte er nur auf Ruhe gehofft.

10. Die Zeit ist abgelaufen

Mein Bruder Mark ist jetzt in einem strengen Erziehungsheim. Das hatten der Vater und die Stiefmutter in den letzten Wochen beinahe täglich erzählt. Auch wir kommen in ein Erziehungsheim, wenn wir noch mal abhauen, so hatten sie gedroht. Wir sollten uns nicht einbilden, dass wir wieder zurück in das normale Heim in den Gebirgsort kommen. Das sei für uns für immer gestorben. Wenn wir noch mal zu Hause abhauen, dann ginge es uns genauso dreckig wie unserem großen Bruder. Der hätte jetzt nichts mehr zu lachen. Der wäre jetzt für sein ganzes Leben „erledigt“. Der komme aus dem Erziehungsheim nie wieder heraus. Da werde ihm beigebracht, dass er gegenüber Erwachsenen nicht so frech zu sein habe, wie er es zu Hause gewesen sei.

Ich finde nicht, dass Mark zu Hause frech zu Stiefmutter und Vater gewesen war. Er war viel zu wenig zu Hause, um frech zu sein. Vielleicht hatte er zu wenig Geld hergegeben, vielleicht hatte er in seiner Maurerlehre nicht ordentlich gearbeitet, vielleicht war er manchmal zu spät zur Arbeit gekommen, aber frech? Das hatte ich nie beobachtet.

Ich hatte ihn meist am Wochenende gesehen. Da war er zu Hause und er war immer freundlich zu Stiefmutter und Vater gewesen. Er arbeitete wie wir im Haus, in der Küche, im Garten und er kehrte auf dem Gehsteig. Mit uns spielte er. Er hatte immer Ideen für interessante Spiele im Freien oder im Haus. Wenn Mark zu Hause war, blieb alles ruhig. Die Stiefmutter schrie nicht, der Vater schlug nicht. Mark war nicht frech zu Erwachsenen. Er war für uns, seine jüngeren Geschwister, der große Bruder. Wenn er im Haus war, hatten wir kaum Angst. Vielleicht war es das gewesen, was die Stiefmutter und der Vater meinten. Vielleicht meinten sie, dass Mark frech gewesen sei, weil er uns oft geholfen hatte, indem er einfach da gewesen war. Wegen ihm hatten sich die Stiefmutter und der Vater nicht getraut, hemmungslos auf uns einzuschlagen. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie ihn in dieses Erziehungsheim geschickt hatten.

Seit Mark weg gegangen war, war es zu Hause noch schlimmer geworden. Seit diesem Zeitpunkt hatten der Vater und die Stiefmutter uns jederzeit geschlagen, auch am Wochenende. Die Stiefmutter schlug mich auch am Samstag, wenn ich im Haus geputzt hatte, oder sie schlug auf mich ein, nachdem ich auf der Straße vor der Türe gekehrt hatte. Hatte ich das nicht ordentlich genug gemacht, und wie es ordentlich war, das bestimmte stets die Stiefmutter, dann gab es ihre Ohrfeigen, es gab Schläge und Tritte von ihr. Seit Mark weg gegangen war, hatte uns die Stiefmutter permanent beobachtet. Ich hatte das Gefühl, dass sie alles sah, was ich tat. Vor allem am Wochenende war sie stets dicht in meiner Nähe.

Oben im zweiten Stock, gegenüber dem leeren Zimmer von Mark, wohnt ihr Sohn Paul. Paul ist oft unterwegs. Ich weiß nicht wohin. Er fährt abends mit seinem Wagen, einem gelben Opel weg und kommt erst am nächsten Tag gegen Mittag wieder. Auch das Zimmer von Paul kehren wir am Samstagvormittag.

Es war am vergangenen Wochenende gewesen. Ich hatte oben im Zimmer von Paul gefegt. Die Stiefmutter hatte mich vom Treppenabsatz an Pauls Zimmertüre genau beobachtet. Unter dem Tisch hatte ich schlecht gekehrt. Die Stiefmutter sah dort Haare und Staub. Nachdem ich alles auf die Schaufel gekehrt hatte, sprang die Stiefmutter plötzlich ins Zimmer, sie griff unter den Tisch, hob dort etwas auf und hielt es mir vors Gesicht. Sie schrie: „Was isch das? Du hascht doch grad erscht da unde gekehrd, oder?“ Ich stand vor ihr mit meinem Besen. Ich sagte nichts. Sie schlug mir ins Gesicht. Ich nahm den Besen, schob ihn unter den Tisch und kehrte noch mal alles hervor. Den Dreck schob ich auf die Kehrschaufel und kippte ihn in Pauls Abfalleimer. Sie beobachtete mich genau.

Wäre Mark nicht weg gewesen, hätte sie nie am Samstagvormittag zugeschlagen. Am liebsten hätte ich ihr den Besenstil ins Gesicht geschlagen. Das ging nicht, dann hätte sie oder der Vater mich totgeschlagen. Also bemühte ich mich, alles so gut und richtig zu tun, wie ich es konnte. Es hatte ihr auch nicht gepasst, wie ich den Dreck in Pauls Mülleimer kippte. Ich zitterte, und es fiel etwas Sand daneben auf den gekehrten Fußboden. Sofort schlug sie mir von hinten auf den Kopf.

Ich hatte keine Chance mehr. Das wurde vergangenes Wochenende klar. Seit Mark gegangen war, gab es keinerlei Schutz mehr vor dieser Frau. Es gab keine Ruhepause mehr. Ich konnte machen, was ich wollte, alles war falsch gewesen. Alles was ich tat, war so schlecht gewesen, dass die Stiefmutter zuschlagen konnte, wann und wie sie wollte.

Meine Zeit im Haus von Stiefmutter und Vater war abgelaufen, nachdem Mark gegangen war. Es hätte nur eine Möglichkeit gegeben: zurückschlagen. Das allerdings wäre mein Ende gewesen.

11. Es geht uns gut

Jetzt sehe ich einen Mopedfahrer. Langsam kommt er näher. Er sieht mich nicht. Vielleicht sollte ich weiter gehen. Vielleicht sollte ich nicht bis Mittag auf dem Schotterhügel warten. Vielleicht sieht mich ja doch irgendjemand. Vielleicht taucht plötzlich der Vater im weißen Käfer auf. Ich stehe auf und gehe langsam weiter. Vielleicht steht drüben in der Neubausiedlung jemand hinter einem Vorhang und beobachtet mich schon die ganze Zeit. Das kann ich nicht wissen. Vielleicht ist die Polizei schon unterwegs wegen mir. Vielleicht fragt sich drüben, hinter der Bahnbaustelle, in irgendeinem Neubau ein Mensch hinter einem Storevorhang: „Was macht der kleine Bursche da oben auf dem Schotterhügel so lange? Warum sitzt der da? Warum glotzt der so lange runter auf die Baustelle, wo dort doch nichts los ist?“

Ich klettere den Abhang hinunter. Ich gehe am Schotterhügel entlang. Den Mopedfahrer höre ich. Jetzt sehe ich ihn. Er kommt mir entgegen. Falle ich ihm auf? Hoffentlich nicht. Ich grüße ihn, wenn er vorbeifährt. Der Mopedfahrer soll glauben, dass ich hinter den Gleisen in einem der Neubauten wohne. Ich latsche hier nur ein bisschen herum. Jetzt ist er schon ganz nah. Ob er stehen bleibt und fragt was ich hier mache? Was soll ich antworten? Ich sage, ich gehe hier spazieren. Nein, das ist zu einfach. Warum sollte ich hier spazieren gehen? Jetzt wird der Mopedfahrer langsamer. Sein Motor knattert. Jetzt sieht er mich an. Ich nicke und schaue freundlich. Auch er nickt. Ich sehe sein Gesicht nicht. Er trägt einen schwarzen Sturzhelm. Er fährt dicht an mir vorbei, ohne etwas zu fragen.

Ich klettere wieder den Hügel hinauf. Drüben steige ich hinunter. Schnell springe ich über die Gleise. Es kommt kein Zug. Die Gleise sind noch nicht in Betrieb. Bahngleise darf man nicht überqueren. Aber ich bin ja auf der Flucht. Hier kann kein Zug kommen. Ich erreiche einen schmalen Weg in der Wiese. Langsam schlendere ich auf dem Weg. Ich tue so, als wohne ich in diesen Neubauten. Ich habe keine Eile. Ich komme von der Bahnbaustelle. Die finde ich interessant, denn ich bin ein zehnjähriger Bub. Zehnjährige Buben interessieren sich für riesige Baumaschinen, wie sie dort stehen. Ich erreiche die ersten neuen Häuser. Auf dem gefegten Bürgersteig sehe ich niemanden. Ein Besen lehnt an einem Gartentor. Der Samstagvormittag ist jetzt vorbei. Der Bürgersteig ist gekehrt. Die Straße flimmert in der Sonne. Ich höre das Klappern von Geschirr. Familien sitzen beim Mittagessen. Kein Kind spielt auf der Straße.

Ich spüre meinen Magen. Er ist leer. Gerne würde ich jetzt etwas essen, aber ich habe nichts. Ich halte es leicht einen Tag ohne Essen aus. Ich hatte heute Morgen nicht daran gedacht, dass ich Hunger bekommen würde. Jetzt rieche ich gekochtes Mittagessen. Es riecht aus den geöffneten Fenstern. Ich habe Hunger.

Viel zu gefährlich wäre es gewesen, heute Morgen in die Küche zu gehen. In der Küche gibt es den Brotkasten. Es steht links auf dem Küchenbuffet. Aus der Küche hätte ich etwas zu Essen holen können. Mein Plan hatte die Küche aber nicht vorgesehen. In der Küche schläft Rati unser Dackel. Sicherlich wäre er aufgewacht. Er hätte Lärm gemacht. Das konnte ich nicht riskieren. Ich komme leicht einen Tag ohne Essen aus.

Vom Lehrer in der Schule hatte ich einmal von Kindern gehört, die in Afrika hungern müssen. Dort müssen die Kinder immer ohne Essen auskommen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie das geht. Weil ich zu Hause zu essen und zu trinken habe, geht es mir gut. Der Vater hatte das oft gesagt. Er hatte gesagt, dass es uns sogar viel zu gut geht.

Als der Vater so alt war, wie ich es heute bin, hatte er bestimmt schon schwer arbeiten müssen. Damals muss Krieg gewesen sein. Mark hatte es einmal erzählt. Im Krieg gibt es für Kinder nichts zu essen, hatte er gesagt. Es ist so wie für die Kinder in Afrika. Kinder müssen im Krieg arbeiten. Sie müssen den Erwachsenen beim Schießen helfen.

Ich glaube der Vater hatte damals sehr hart arbeiten müssen, um zu Essen zu bekommen. Heute müssen wir unser Essen nicht mit harter Arbeit verdienen. Wir bekommen es vom Vater. Uns geht’s wirklich viel besser, als es unserem Vater ging, als er ein Kind gewesen war. Mark hatte einmal erzählt, dass er froh ist, dass wir unser Essen nicht selber verdienen müssen. Mark trägt seinen Teil schon bei, mit seinem wenigen Lehrlingsgeld. Aber wir Geschwister sind wirklich noch zu klein. Vieles ist seit dem Krieg viel besser geworden, hatte Mark gesagt.

Ich kann mir nicht vorstellen wie grauenvoll der Krieg für die Menschen vor allem für die Kinder und den Vater gewesen war. Oft hatte es gar nichts zu essen gegeben. Es war kalt, alles war zerstört. Mark hatte das in der Schule gehört. An einem Samstagnachmittag hatte er davon erzählt: „Unser Vater war damals so klein wie wir heute. Er hat um sein Leben gekämpft. Nach dem Krieg waren alle glücklich, dass sie das Grauen überlebt haben. In den sechziger Jahren haben viele ihre Familien gegründet. Die vom Krieg zerschossenen Häuser und Straßen waren fast alle repariert. Das Leben wurde wieder viel besser, als es vorher im Krieg gewesen war. Uns geht es heute viel besser als den Kindern und dem Vater im Krieg!“

Das hatte Mark auf einem Samstagsspaziergang erzählt. Trotzdem hatte er es beim Vater nicht mehr ausgehalten. Trotzdem ließ er sich vom Vater ins Erziehungsheim stecken. Obwohl Mark weiß, dass es Kindern im Krieg viel dreckiger geht als uns hier in Deutschland, sitzt er jetzt im Erziehungsheim. Aus der Schule weiß Mark auch, dass es überall auf der Welt Krieg gibt, auch heute. Mark hatte an dem Nachmittag erzählt, dass es Millionen Kinder gibt, denen es sehr schlecht geht. Ich glaube, das stimmt. Mark hatte es in der Schule gehört. Man sagt so etwas nicht zum Spaß. Mark war, obwohl es anderen in dieser Welt viel schlechter geht als ihm, trotzdem von zu Hause weggelaufen. Mark hat entschieden, dass er beim Vater genug ausgehalten hatte.

Habe ich genügend ausgehalten? Wie schlecht geht es mir beim Vater? Bin ich zu empfindlich? Halte ich vielleicht zu wenig aus? Wahrscheinlich bin ich verweichlicht! Vielleicht bin ich verweichlicht, weil ich nie Krieg erlebt habe, wie es der Vater während seiner Kindheit erlebt hatte! Vielleicht brauche ich auch so schreckliche Kindheitserlebnisse im Krieg, wie sie der Vater damals erlebt hatte, damit ich mein Leben beim Vater gut finde. Ich weiß nicht, wie schlimm der Hunger, die zerstörten Häuser, Dörfer, Städte, die vielen ermordeten Menschen im Krieg sind. Das alles muss für den Vater und alle Menschen im Krieg sehr schlimm gewesen sein. Es muss so fürchterlich schlimm gewesen sein, dass ich mir das heute gar nicht vorstellen kann. Vielleicht kann ich den Wert meines Lebens beim Vater nicht schätzen, weil ich noch nie so etwas Grausames erlebt habe. Der Vater hatte das alles erlebt. Sehr schlecht war es dem Vater im Krieg gegangen. Beinahe wäre er gestorben, wie Millionen andere. Ich glaube, mein großer Bruder Mark hat Recht. Weil es dem Vater so schlecht ergangen war, will er, dass es uns viel besser geht. Der Vater hat das erreicht. Uns geht es viel besser. Unser Kinderleben heute ist viel besser, als das Kinderleben das der Vater während des Krieges erlebt hatte. Da bin ich mir ganz sicher. Weil ich mir ein wenig vorstellen kann, wie schrecklich das Kinderleben des Vaters während des grauenvollen Krieges gewesen sein muss, brauche ich keinen Krieg. Mir reicht die schreckliche Vorstellung. Ich glaube, kein Mensch braucht Krieg. Ich glaube, auch der Vater hätte die schrecklichen Erlebnisse des Krieges nicht gebraucht, um für sich zu entscheiden, dass es seinen Kindern gut, besser als ihm während seiner Kindheit gehen soll.

Ich bin froh, dass es uns so gut geht. Ich bin sehr froh, dass ich das Essen vom Vater geschenkt bekomme. Ich wüsste nicht, wo ich das sonst her bekommen könnte. Ich habe kein Geld, um es zu kaufen. Trotzdem habe ich Angst vor dem Vater.

12. Ursprünglich war es anders

Damals als der Vater uns im Gebirgsort im Kinderheim besuchte, hatte ich noch keine Angst vor ihm. Da hatte ich ihn sogar lieb. Ich hatte mich immer gefreut, wenn er uns besuchte. Wir hatten sehr selten Besuch. Er war der Einzige, der regelmäßig kam. Die Tage mit dem Vater waren damals sehr schön gewesen.

Der Vater konnte immer nur kurz zu Besuch bei uns bleiben. Häufig hatte er mit uns Ausflüge in die nahen Berge unternommen. Wir wanderten mit dem Vater durch die Natur und meist hatte er uns zum Mittagessen eingeladen. Damals hatte er immer davon erzählt, dass er uns zu sich nach Hause holen werde. Das freute mich sehr, denn ich war gern mit ihm zusammen. Der Vater sagte, sobald er eine Frau gefunden habe, würde er uns holen.

Im Kinderheim hatte ich oft davon geträumt, wie schön es werden würde, wenn der Vater uns nach Hause holte. Ich hatte mir ein friedliches Zusammenleben erhofft. Ich hatte geglaubt, es würde so schön werden, wie an den Tagen als der Vater uns besuchte. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass es gut werden würde.

Schließlich hatte der Vater diese Frau gefunden. Ich weiß nicht wie er sie kennen gelernt hatte. Der Vater erzählte nichts darüber. In unser Kinderheim hatte er die Frau nie mitgebracht. Vielleicht hatte er schon geahnt, dass sie mit uns, und wir mit ihr, nicht zurechtkommen würden. Vielleicht hatte der Vater befürchtet, wir Kinder könnten uns weigern, mit zu ihm nach Hause zu kommen, wenn wir diese Frau schon vorher kennen gelernt hätten. Ich weiß es nicht.

Ich hatte die Stiefmutter noch nicht gekannt, als der Vater uns zu sich holte. Der Vater hatte sie geheiratet. Ich glaube, weil die Stiefmutter nicht arbeitet, durften wir zu ihr und zum Vater ziehen. Sie hat Zeit, den Haushalt zu führen, sie hat Zeit, sich um uns zu kümmern. Vielleicht ist genau dieses unser Verhängnis?

Vielleicht wäre es besser, wenn sie arbeiten würde und der Vater zu Hause bliebe. Vielleicht hätte es der Vater nachmittags zu Hause anders mit uns versucht, als diese Stiefmutter. Weil ich, als wir letztes Jahr zum Vater zogen, noch keine Angst gehabt hatte, wäre das vielleicht gut gegangen. Der Vater hätte sich um uns gekümmert, während die Stiefmutter in ihrer Arbeitsstelle gewesen wäre. So hätte der Vater mehr Zeit gehabt zu sehen, was mit uns los ist. Er hätte sich nicht jeden Abend alles von der Stiefmutter sagen lassen müssen.

Weil die Stiefmutter abends eh schon immer sauer auf uns war, wurde der Vater auch jeden Abend gleich wütend. Das wäre anders gewesen, wenn der Vater tagsüber genau gesehen hätte, welche Schwierigkeiten wir aus der Schule mitbrachten. Der Vater hätte den Nachmittag zu Hause gestaltet. Der Vater hätte gesehen, dass wir uns anstrengten. Er hätte gemerkt, dass wir uns bemühten, soweit wir es konnten. Vielleicht hätte er geahnt, dass wir in der Schule und zu Hause nicht absichtlich alles falsch gemacht hatten. Vielleicht hätte er sogar irgendwann verstanden, dass wir die Stiefmutter und ihn nicht ständig ärgern wollten.

Der Vater hätte gesehen, dass wir vieles lernen wollten. Er hätte gemerkt, dass auch wir uns das Leben bei ihm anders gedacht hatten, als es schließlich geworden war. Vielleicht wäre dem Vater schnell klar geworden, dass wir uns dieses Leben alle schöner vorgestellt hatten. Wenn der Vater nachmittags zu Hause gewesen wäre, hätten wir es vielleicht mit ihm zusammen verändert.

Den Vater hatten wir alle schon lange Zeit gekannt. Wir wussten also, wie er es haben wollte mit uns. Bei seinen Besuchen im Kinderheim hatte er das oft genug erzählt. Auch er wusste, dass wir uns bei ihm ein schönes Leben vorgestellt hatten.

Ich glaube der Vater hat zu wenig Zeit, und Ruhe um zu sehen und um zu verstehen, wie es zu Hause ist. Er hat keine Ruhe, um zu erkennen, warum es zu Hause ist, wie es ist. Er hat zuwenig Zeit, um nachzudenken wie wir es zu Hause anders machen könnten. Vielleicht hat der Vater schon aufgegeben. Vielleicht glaubt er gar nicht mehr daran, dass es zu Hause so sein könnte, wie er es ursprünglich gewünscht hatte. Oder hat er vielleicht schon vergessen, wie er es sich ursprünglich wünschte?

Da ist die Stiefmutter. Warum kreischt sie so oft herum? Warum schlägt sie uns? Warum sagt sie das, was sie mit uns spricht, immer so gehässig? Warum schreit sie jeden Tag das gleiche: „Na ward Bürschle! Dei Vadder wirds da heut Abend scho zoing!“ Warum will sie, dass der Vater abends seinen Gürtel benutzt? Ich kann ihr nicht mehr zuhören. Zwischen ihr und mir ist es aus. Wenn sie spricht, spüre ich, dass sie mich am liebsten zum Fenster hinaus werfen würde.

Warum lebt sie mit uns zusammen? Was hatte sie sich ursprünglich gewünscht? Vielleicht hatte sie sich ursprünglich auf uns gefreut, obwohl sie uns noch nicht gekannt hatte. Sicherlich hatte sie sich alles auch ganz anders vorgestellt. Oder hatte sie von vornherein geplant, uns jeden Tag zu beschimpfen, anzuschreien und zu schlagen? Ich glaube nicht, dass sie das ganz freiwillig tut. Sie will es nicht. Das glaube ich. Vielleicht kann sie einfach nicht anders. Ich glaube jetzt, seitdem Mark fort ist von zu Hause, weiß auch sie, dass es vorbei ist, dass es nicht so weiter geht.

Den Hass zwischen ihr und mir hatte ich von Beginn an gespürt. Als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, merkte ich sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist. Obwohl sie nicht sofort gemein und gehässig zu mir gewesen war. Ich traf sie das erste Mal im Haus bei der Oma. Es war der Tag gewesen, als der Vater uns vom Kinderheim abgeholt hatte. Ich glaube, an dem Tag hatte sie nur so getan, als wäre sie nett. Heute glaube ich, dass sie uns im Haus der Oma an diesem Nachmittag etwas vorgespielt hatte. Sie hatte uns angelacht, sie hatte getan, als freute sie sich auf uns. Auch mit der Oma und dem Opa sprach sie ganz freundlich. Aber ich hatte gespürt, dass an ihrem Lachen und an ihrem freundlichen Grüßen und Reden irgendwas nicht stimmte. Ihr Lachen und Reden war sehr seltsam, sehr eigenartig. Es hatte etwas nicht zusammengepasst, doch ich kann heute noch nicht sagen, was das genau gewesen war, ich spürte das einfach. Schon von diesem ersten Tag an war mir die Stiefmutter unangenehm. Ich glaube schon von dieser ersten Begegnung an hatte der Hass zwischen uns begonnen, der sich im vergangenen Jahr ins Unermessliche steigerte.

Vielleicht war das mein Fehler gewesen, vielleicht hätte ich mich an diesem ersten Nachmittag gegenüber der Stiefmutter anders verhalten müssen, vielleicht hätte ich damals irgendwie verhindern können, dass dieser Hass zwischen uns entsteht. Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich hatte die Stiefmutter von diesem ersten Tag an schon gemerkt, dass ich sie nicht mag. Vielleicht war es schon dieser eine kurze Kennenslerntag bei der Oma gewesen, an dem die Stiefmutter sich entschieden hatte, mich zu hassen und mich zu schlagen.

13. Ordnung und Sauberkeit

Der Vater hatte sich schnell verändert. Er sprach nicht mehr genauso mit uns wie zuvor, als wir noch im Kinderheim gelebt hatten. Ich hatte das Gefühl, dass er sich nicht mehr so stark für uns interessierte. Und: Er war nicht mehr so nett zu uns.

Er sprach die ganze Zeit mit der Stiefmutter. Mit uns unterhielt er sich nur selten. Wenn er uns ansprach, hörte ich plötzlich einen neuen Ton in seiner Stimme. In seiner Stimme hörte ich nicht mehr, dass er von mir etwas hören-, etwas wissen wollte. Wenn ich den Vater reden hörte hatte ich das Gefühl, dass es ihn nicht mehr interessierte, wie es mir geht. Er sprach so, als erwarte er überhaupt keine Antwort von mir. Es war als wisse er eh genau, was mit mir los ist. Der Vater fragte seine Kinder nicht, sondern er befahl. Er sagte nur noch, was wir tun dürfen und was nicht. Das meiste durften wir nicht. Den gleichen Ton hörte ich von der Stiefmutter. Allerdings hörte ich diesen Ton von ihr viel öfter, denn der Vater war ja jeden Tag bei der Arbeit gewesen.

Wir Geschwister waren einiges gewohnt gewesen aus dem Kinderheim, in dem wir zuvor gelebt hatten. Die Nähe allerdings zu zwei Menschen, wie dem Vater und dieser Stiefmutter, denen wir zu Hause nicht entkamen, war uns neu. Wir hatten keine Chance, der Stiefmutter aus dem Weg zu gehen. Abends konnten wir auch dem Vater nicht aus dem Weg gehen.

Ich hatte das mit den Befehlen schon aus dem Kinderheim gekannt. Dort gab es viele Befehle und eine klare Ordnung. Das hatte mir nie etwas ausgemacht, oft fand ich das sogar gut, denn ich wusste genau, was verboten war.

Bei Stiefmutter und Vater war es anders. Sie befahlen und trotzdem war nicht zu verstehen, was genau verboten war und warum es verboten war. Trotz ihrer vielen Befehle verstand ich nicht, was sie eigentlich meinten. Eines hatte ich irgendwann gemerkt: Alles, was ich tat, war schlecht und falsch. In den vergangenen zwei Wochen, seit Mark fort ist, hatte ich gespürt: Es ist egal, was ich tue, denn alles, was ich tue, ist falsch.

Die Stiefmutter befiehlt. Ich tue, was sie befiehlt. Egal wie es mir gelingt, es ist immer etwas falsch, an dem was ich tue. Deshalb schlägt die Stiefmutter. Vor ihrem Schlagen gibt es kein Entrinnen. Abends erzählt sie dem Vater irgendetwas. Dann gibt es kein Entrinnen vor dem Schlagen des Vaters.

Braucht die Stiefmutter uns, damit sie schlagen kann? Braucht sie uns, damit sie sich ärgern kann? Braucht sie uns, weil wir vieles falsch machen, weil wir vieles nicht gut können, weil wir alles nicht so gut können, wie wir es sollten? Vielleicht braucht sie uns, damit sie tagsüber beschäftigt ist. Braucht sie uns als etwas, worüber sie sich aufregen kann? Ich weiß es nicht.

Die Stiefmutter spricht nie etwas Vernünftiges mit uns. Glaubt sie, dass wir dumm sind? Seit wir bei ihr und dem Vater wohnen, hat sie sich noch nicht mit uns unterhalten. Das einzige, was sie getan hatte, war, uns zu schimpfen und herumzuschreien. Für die Stiefmutter gehen wir Zigaretten kaufen. Für sie jäten wir das Unkraut aus dem Garten. Für sie fegen wir den Bürgersteig. Die Stiefmutter will Ordnung und Sauberkeit. Die Stiefmutter kontrolliert alles. Ist sie unzufrieden, kreischt sie und schlägt. Sie ist immer unzufrieden.

Einen Menschen wie die Stiefmutter hatte ich vorher nicht gekannt. Sie sagt nie, dass sie etwas gut findet. Ich glaube, etwas das sie gut findet, gibt es bei ihr nicht. Die hohe Stimme der Stiefmutter klingt schrecklich. Ich zucke sofort zusammen, wenn sie ertönt. Schlägt ihre Hand auf mein Ohr, höre ich ein Pfeifen. Manchmal höre ich das Pfeifen schon, bevor die Stiefmutter zuschlägt.

Ich weiß nicht, warum die Stiefmutter noch nie mit uns gesprochen hat. Ich weiß auch nicht, warum der Vater nicht mehr mit uns spricht.

III. Durch die Stadt – 1. Suche nach dem gelben Schild

Ich bin mitten in der Stadt. Es ist meine Geburtsstadt. Trotzdem kenne ich mich nicht aus. Es ist laut und es stinkt. Viele Autos fahren auf einer breiten Straße an mir vorbei. Ich bin an einer Kreuzung angelangt. Ich weiß nicht, welche Richtung ich einschlagen soll. Ich gehe nach rechts. Ich suche eine Straße hinaus aus der Stadt in den Ort zur Oma.

Ich laufe auf dem Gehsteig an Wohnhäusern mit kleinen Vorgärten vorbei. Aus offenen Fenstern höre ich das Klappern von Geschirr. Ich rieche Abgase von Autos und Geruch von Mittagessen. Schon wieder kommt eine große Kreuzung. Diesmal gehe ich geradeaus. Jetzt rieche ich das Mittagessen nicht mehr. Rechts und links am Straßenrand sind keine Wohnhäuser mehr. Dort sind jetzt Geschäfte, die bereits geschlossen haben. Ich glaube, in den Stockwerken darüber sind Büros, denn alle Fenster sind geschlossen.

Ich biege nach rechts ab in eine gepflasterte Straße. Kein Auto fährt hier. Jetzt kommen einige Fußgänger entgegen. Den heutigen langen Vormittag war ich ganz allein gewesen. Kein Mensch ging nahe an mir vorbei oder kam mir entgegen. Deshalb frage ich mich nun, ob ich einem der Fußgänger auffalle. Wird mich einer fragen, wer ich bin, wo ich hin will? Ich werde schneller. Ich gehe an vielen Fußgängern vorbei. Sie alle kennen mich nicht, sie grüßen mich deshalb nicht, sie wollen auch nicht wissen, wer ich bin, sie wollen nicht wissen, woher ich komme und wohin ich heute gehe.

Ich verlasse die Fußgängerzone. An der nächsten Kreuzung gehe ich wieder gerade aus. Ich erreiche eine Bushaltestelle. Dort warten einige Menschen. Ob ich mit dem Bus zur Oma fahren könnte? Ich habe kein Geld. Deshalb kann ich mit dem Bus nicht fahren, auch wenn er zur Oma fährt. Ich gehe weiter.

Metzgereien, Schuhgeschäfte, ein Fernsehgeschäft, eine Bäckerei, alle haben schon geschlossen. Es ist kein langer Samstag heute. Die Straße wird nun breiter. Lärm und Gestank nehmen wieder zu. In jedem weißen Käfer, der an mir vorbeifährt, könnte der Vater sitzen. Deshalb drehe ich mich nicht nach den Autos um. Ich glaube, der Vater erkennt mich sofort. Ich gehe ganz nah bei den Häusern und Geschäften. Ich blicke in die Schaufenster. Wenn der weiße Käfer mit dem Vater auf der Straße vorbeifährt, sieht der Vater nur meinen Rücken. Vielleicht fährt er zu schnell an mir vorbei. Er bemerkt nicht, dass ich vor dem Kaufhausschaufenster stehe und mir die Auslagen ansehe.

An jeder Kreuzung gehe ich geradeaus. Ich gehe langsam. Ich renne nicht so verrückt schnell durch diese Stadt, wie heute Morgen durch das Dorf. Es hätte keinen Sinn, schnell zu laufen. Ich fiele nur unnötig auf. Ich tue so, als bummle ich ein wenig durch die Straßen. Ich bin auf meinem Weg nach Hause zum Mittagessen.

Die Fußgänger beachten mich nicht. Das kenne ich nicht. Hier kennt mich keiner, das ist in der Stadt anders als zu Hause. Im Dorf kennt mich jeder. Da weiß jeder, wo ich herkomme und wo ich hin gehe. Im Dorf fragt mich jeder, was ich will, wenn er es noch nicht weiß. Ich war noch nie allein unterwegs in einer Stadt.

Ich sehe mir die großen Straßenschilder an. Auf einem Schild muss der Name des Ortes stehen in dem die Oma wohnt. Durch das Fenster in Vaters Käfer hatte ich es schon Mal gesehen. Wir waren zum Einkaufen in die Stadt gefahren. Ich hatte schon lange geplant wegzulaufen und ich dachte daran, durch die Stadt zu gehen. Ich hatte mir überlegt, dass der Vater sicherlich nicht vermuten werde, dass ich diesen Weg wähle. Mein dritter Fluchtversuch soll mich heute auf keinen Weg führen, den ich schon einmal versucht hatte. Heute Vormittag sollte es nicht der breite Forstweg sein und auch nicht die Landstraße. Ich hatte schon lange entschieden, dass mein Weg mich heute durch diese Stadt führen wird. Deshalb hatte ich damals aufmerksam verfolgt, welche Strecke der Vater zum Einkaufen mit dem Käfer durch die Stadt gefahren war. Die Geschäfte und Schaufenster in der Nähe der Kreuzung mit dem richtigen Schild, das ich jetzt suche, hatte ich versucht, mir genau einzuprägen. Die Häuser und Mauern an der Straße hatte ich mir genau angesehen. Ich war mir damals sicher gewesen, dass ich den Weg zu dem Schild an der Kreuzung heute suchen werde. Heute bin ich hier und suche. Bis jetzt erkenne ich kein Geschäft und kein Haus wieder.

Vielleicht weiß die Oma schon, dass ich heute weggelaufen bin. Vielleicht hat sie der Vater schon angerufen. Vielleicht hat er schon gefragt, ob ich bei ihr angekommen bin. Christian hatte erzählt, dass der Vater immer die Oma anrief, wenn wir weggelaufen waren. Der Vater brüllte die Oma am Telefon an. Er drohte mit der Polizei, die er bei ihr vorbei schicken wollte, wenn wir bei ihr wären und sie ihn zu belügen versuche. Ich glaube nicht, dass die Polizei bei der Oma vorbei gekommen wäre und uns dort abgeholt hätte. Ich glaube, die Oma hätte im Jugendamt angerufen. Sie hätte erklärt, warum die Polizei uns nicht zum Vater bringen soll.

Vielleicht könnte die Oma dafür sorgen, dass ich bei ihr wohnen kann. Bei ihr wohnen schon viele Kinder. Vielleicht zu viele. Sie hat keinen Platz mehr im Haus. In allen Zimmern wohnen schon Kinder. Die Oma hilft mir trotzdem. Der Polizei würde sie mich bestimmt nicht freiwillig übergeben.

Weit entfernt erkenne ich jetzt wieder ein großes, gelbes Schild. Vielleicht steht da endlich der richtige Name. Ich komme schnell näher. Es stehen viele Namen auf dem gelben Schild. Aber der richtige ist wieder nicht dabei. Ich gehe geradeaus weiter.

Viele Männer fahren heutzutage einen weißen Käfer, genauso wie der Vater. In Vaters Käfer sitze ich gerne direkt hinter dem Vater. Von da sehe ich gut zum Fenster hinaus, und ich kann mich an der Lehne aufstützen. In der Mitte sitze ich nicht so gerne. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit dem Vater. Es ist sehr lange her. Es war ein Ausflug. So etwas haben wir lange nicht mehr gemacht. Am Wochenende waren wir unterwegs zu Bekannten vom Vater. Nach langer Fahrt steuerte der Vater den Käfer auf einen Parkplatz. Meine Geschwister, die Stiefmutter, der Vater und ich, wir alle gingen auf die Toilette. Dann fuhren wir weiter.

Der Vater hatte die Fahrertür des Käfers nicht richtig zugeschlagen. Das erkannte ich sofort, denn wie immer saß ich hinter ihm. Die Tür war nur einen kleinen Spalt weit offen. Sie bewegte sich in den Kurven hin und her. Unten, durch den Türspalt sah ich in den Kurven die graue Straße. Die ganze Fahrt über beschäftigte mich die offene Tür. Ich dachte darüber nach, ob ich dem Vater sagen sollte, dass seine Türe offen ist. Ich hatte darüber nachgedacht, was geschehen würde, wenn die Tür plötzlich in einer scharfen Kurve aufspringt. Ich fragte mich: Stürzt der Vater dann hinaus auf die Straße, wird er gegen einen Baum geschleudert? Ich wäre schuld daran, weil ich die ganze Zeit lang gesehen hatte, dass die Türe nicht richtig geschlossen war. Ich hätte Schuld weil, ich nichts gesagt hatte. Die anderen würden mich fragen, ob ich nichts gesehen hätte. Sie würden sagen: „Du musst doch von deinem Sitzplatz etwas gesehen haben! Warum hast du nichts gesagt? Der Vater wäre noch am Leben, wenn du etwas gesagt hättest! Er hätte während der Fahrt nur kurz die Türe geöffnet und sie fest zugeschlagen. Dann wäre gar nichts passiert! Es wäre alles in Ordnung. Aber du hast einfach nichts gesagt. Du hast ihn weiterfahren lassen. Du hast so getan, als wäre nichts, als sei alles völlig normal. Nur du hättest ihm helfen können. Kein anderer wusste, dass die Türe aufgehen könnte. Du warst der einzige, der es schnell sagen hätte können und der Vater wäre noch am Leben, du bist Schuld daran!“

Dem Vater hatte ich während der Fahrt nicht gesagt, dass seine Türe nicht richtig verschlossen war. In den Kurven hätte sie aufspringen können. Es kamen sehr viele Kurven. Wir waren noch lange unterwegs. Die Türe war nicht aufgesprungen. Niemand hatte bemerkt, dass die Türe nicht richtig geschlossen war. Am Fahrtziel stiegen wir alle aus dem Auto aus, auch der Vater.