Archiv der Kategorie: N-Book® Wenigstens Schreiben – Erzählung

20. Gemeinsames Studieren

In den ersten Semesterferien fuhren wir zusammen in einen wochenlangen Urlaub nach Griechenland. Wir reisten mit Rucksäcken und fuhren per Bahn, Bus und per Anhalter. Regina hatte es geschafft. Sie hatte erreicht was sie wollte. Wir waren ein Paar geworden. Sie war richtig glücklich. Monatelang war ich überrascht wie sich das entwickelt hatte und wie schnell das alles gegangen war. Meine Überraschung aber verflog mehr und mehr. Regina entwickelte sich zu meiner Realität. Ich ließ mich darauf ein.

Sie hatte zwei befreundete Paare aufgetrieben mit denen wir gemeinsam die Reise antraten. Die beiden anderen Paare entpuppten sich als erstaunlich lockere Personen. Ich hatte nämlich zunächst Bedenken, denn ich wollte nicht, dass der Urlaub ein Stresspotential in Richtung Gruppendynamik entwickelte. Außerdem dachte ich, ist das ja immer so eine Sache mit Paaren im Urlaub. Was ich damit genau meinte wusste ich aber nicht, denn so einen Urlaub hatte ich noch nie erlebt. Regina war die erste Partnerin mit der ich so einen Urlaub plante.

Regina setzte sich durch. Tatsächlich gab es keinen Stress. Man einigte sich über die Etappenziele und Aufenthaltsorte. Alles verlief äußerst harmonisch und es kam zu keinerlei Streit. Jedes Paar verfolgte die eigenen Interessen soweit das möglich war. Die gemeinsamen Interessen kamen nicht zu kurz. Der Urlaub wurde zu einem gemeinsamen Ereignis das uns beide enger zusammenbrachte.

Im zweiten Semester war es Alltagsnormalität geworden, in Begleitung von Regina das Studium zu durchlaufen. Es war völlig normal, dass wir uns ständig sahen, miteinander arbeiteten und uns liebten. Ich schöpfte aus dem Kontakt sehr viel Energie die ich am Anfang des Studiums nicht gehabt hatte. Regina war eine tolle Frau an meiner Seite. Das lag vor allem daran, dass sie es perfekt beherrschte in jeglicher Hinsicht eine ungewöhnliche Souveränität auszustrahlen. Diese Souveränität, gepaart mir ihrer Intelligenz, beeindruckte mich. Ihre Unauffälligkeit bestand in ihrer Klarheit, in ihrer deutlichen Sprache, ihrer Gewandtheit sich an richtiger Stelle zum richtigen Zeitpunkt genau passend einzubringen. Sie hatte es in keinem Studienfach nötig sich in den Vordergrund zu spielen. Sie hatte es nicht nötig Aufmerksamkeit zu erregen, sie bekam sie. Dass ich auf ihrer Seite war weil sie mich ausgewählt hatte, schien ihr außerordentlich wichtig zu sein. Sie ließ daran keinen Zweifel. Mir schien ich gehörte in das Bild das sie von sich hatte.

Ich fühlte mich dabei sehr wohl. Es war nach dem gemeinsamen Urlaub mit den zwei befreundeten Paaren so, als gehörte ich schon immer zu ihr. Ich konnte mir keine andere Lebenssituation mehr vorstellen. Was ich zuvor getan hatte, wie ich gelebt hatte ohne sie, das war unvorstellbar für mich geworden. Ich verschwendete keine Gedanken daran, denn ich hatte das Gefühl in meinem Leben mit ihr zusammen angekommen zu sein in dem ich glücklich geworden war, so wie ich das niemals zuvor erlebt hatte. Wie das entstanden war, warum es sich entwickelt hatte oder wie das überhaupt gelingen konnte, diese Fragen stellte ich nicht. Es gab sie nicht denn sie waren unnötig. Es war mit Regina einfach so geworden wie es war und das war gut so.

Nach dem Urlaub schenkte mir Regina ein wunderschönes Foto von sich. Es war ein Schwarzweißfoto das sie vergrößern ließ und mir in einem hübschen Bilderrahmen überreichte. „Damit kannst du deine Studenten-WG-Bude etwas schmücken“, sagte sie lächelnd zu mir. Tatsächlich sah es in meinem winzigen Wohngemeinschaftszimmer nicht gerade edel aus. Das hübsche Bild platzierte ich an verschiedenen Stellen in dem kleinen Raum. Es wollte sich aber nicht gleich der richtige Platz dafür finden. Wegen der Dachschrägen wirkte das Zimmer kleiner als es ohnehin war. Ich wusste einfach nicht wohin mit dem Bild. Also räumte ich es in die Schreibtischschublade.

Ich legte mich auf das Bett und dachte nach. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich eine richtige Partnerin die mir nun auch noch ein hübsches Bild von sich geschenkt hatte. War das ein Traum oder die Wahrheit? Ich versenkte das Bild in der Schublade? Das ging gar nicht! Ich stand auf, setzte mich an den Schreibtisch und öffnete die Schublade. Da lag sie drin. Regina lächelte mir entgegen. Ich nahm das Bild wieder heraus.

Jetzt fand ich das Schreiben, den Brief, den Richards Onkel vor dem Schulabschluss im Jahr zuvor untersucht hatte. Seit dem Nachmittag im Laden von Richards Onkel lag es zwischen Papieren in meiner kleinen Schreibtischschublade. Ich hatte mich nicht weiter darum gekümmert. Es hing auf der Unterseite von Reginas Bild. Es hatte sich hinten am Bilderrahmen an einer Ecke eingekeilt.

Ich legte das Schreiben vorsichtig neben Reginas Bild auf den Schreibtisch. Ich saß und überlegte. Der Bilderrahmen war ein Standardrahmen mit Halterung für die Wand und ausklappbarem Fuß damit man es auf einen Tisch stellen konnte. Mit meinem Taschenmesser öffnete ich vorsichtig den Rahmen. Ich nahm die Vorderseite heraus. Auf die Rückseite des Fotos legte ich das Schreiben. Ich setzte den Bilderrücken wieder ein. Das Bild hängte ich an die Wand an einen Haken neben dem Bett. Vom Bett aus konnte ich es so gut sehen. Das schien mir ein sehr guter Platz für Reginas Foto.

Das Studium entwickelte sich mit Regina zusammen sehr gut weiter. Meine anfänglichen Konzentrationsschwächen wegen der Frau an meiner Seite waren im zweiten Semester endgültig verschwunden. Ich konnte wieder voll mithalten. Wir unterstützten und ergänzten uns gegenseitig. Was ich nicht wusste, wusste sie und manchmal auch umgekehrt. Weil wir ähnliche Interessen hatten konnten wir uns in der Fachauswahl bestens ergänzen.

Der Freundeskreis von Regina entwickelte sich wie selbstverständlich auch zu meinem. Das fing bei den beiden Pärchen aus dem Urlaub an und baute sich rapide weiter aus, so dass ich in Windeseile massenhaft neue Bekannte gefunden hatte. Reginas Stammkneipe war das Café Notfall in Haidhausen. Ich kannte die Kneipe aus früheren Zeiten, als ich noch die Schule besucht hatte. Deshalb wunderte ich mich darüber, dass ich Regina dort damals nie getroffen hatte. Das klärte sich auf. Regina hatte das Café Notfall erst mit Studienbeginn zu ihrer Stammkneipe erklärt. Wir trafen uns dort mehrmals wöchentlich mit all ihren und meinen neuen Freunden. Von meinen früheren Bekannten aus der Schule traf ich in der Kneipe erstaunlicher Weise niemanden mehr. Sie waren alle wie Richard wie vom Erdboden verschluckt.

Im Café Notfall hatten wir jahrelang sehr viel Spaß miteinander. Wir feierten stets, obwohl es eigentlich nie richtig was zum Feiern gab. Das Café entwickelte sich zu einem kultischen Treffpunkt, in dem wir beide bald bekannt waren wie bunte Hunde. Mit beinahe jedem Gast hatten wir mindestens einmal gesprochen. Es entwickelte sich zu einem zweiten Zuhause. Es wurde unser Kneipenzuhause. Wir wussten dort stets Kontakt zu finden. Das musste zuvor nicht telefonisch organisiert werden. Es war eine Wohltat nicht jeden Abend mit Freunden telefonisch die Kneipe vereinbaren zu müssen. Wir trafen uns automatisch im Café Notfall. So etwas hatte ich bis dahin in der Stadt noch nicht erlebt. Es war überaus angenehm und einfach.

Meine Mitbewohner aus der Wohngemeinschaft spielten letztlich auch wegen Regina wieder eine größere Rolle für mich. Regina besuchte mich oft. Sie war eine die sich abends in der WG mit an den Tisch setzte. Die Skatrunden spielte sie bis tief in die Nacht hinein enthusiastisch mit. Das war begeisternd. Denn meine Fähigkeiten beim Skat waren lange Zeit wahrlich begrenzt. Ich hatte damals meist ab elf Uhr Nachts einen schläfrigen, glasigen Blick in den Augen. Um zwölf Uhr nachts war es mir stets wichtig nach jeweils vier Runden für ein Minuten langes Nickerchen auszusetzen. Gegen ein Uhr Nachts konnte ich nur noch verlieren. Beim Ramsch war ich für die Mitspieler das optimale Verlierer-Opfer.

Das war mit Regina in den Skatrunden schnell vorbei. Ich konnte mich nicht weiterhin einfach so gehen lassen. Ich hatte mitzuhalten und ich konnte mithalten. Das war nicht nur für mich persönlich überraschend. Es wirkte sich auf die Mitspieler aus. Den ausgemachten Verlierer gab es nicht mehr. Nachts um drei saß ich am Skattisch und kannte die Blätter in den Händen der Mitspieler. Ich rechnete mit, als habe ich deren Blätter in meiner Hand. Keiner, am wenigsten ich selbst, hatte damit gerechnet. Die Skatrunde endete nachts nicht mehr vor drei Uhr. Ich war nicht mehr müde. Regina und ich waren spät nachts stets die letzten die immer noch weiterspielen wollten. Aber es gab in der Villen-WG keinen dritten Spielpartner der mit uns mithalten konnte.

21. Arbeiten

Mein Studentenleben finanzierte ich mit verschiedenen Jobs. In der Wohngemeinschaft gab es eine Doppelgarage mit einem großen Vorplatz. Dort reparierte ich Autos von Freunden und Bekannten. Seit ich nach dem Urlaub mit Richard die Bremsbeläge gewechselt hatte, merkte ich, dass mir die Bastelei an Autos lag. Das sprach sich schnell herum, so dass ständig mindestens ein Reparaturfahrzeug vor der Garage stand.

Nachmittags bastelte ich bis in den frühen Abend beinahe täglich an zu reparierenden Auspuffanlagen, schweißte an Löchern in Bodenblechen herum, baute defekte Lichtmaschinen aus, schraubte Zündkerzen rein und raus, zerlegte defekte Wasserpumpen oder reinigte Vergaser und ersetzte Filter. Die Mitbewohner der Wohngemeinschaft sorgten dafür, dass ich mir ein regelrechtes Kundenbüchlein anlegen musste, denn wöchentlich kam mindestens ein neuer Anruf von irgendeinem Studenten, der mir seine Rostlaube vorbei bringen wollte. Dass die Garage und der Parkplatz von mir binnen Monaten zu einer Werkstatt mit Schweißanlage, Auffahrrampe und jeder Menge Werkzeug verwandelt wurden, störte niemanden.

Die Bastelei an den Autos war ein traumhafter Ausgleich zum Studium. Aber ich verdiente dabei kaum Geld. Denn ich lernte, dass ich kein guter Verkäufer war. Meine Kunden hatten wie ich nur wenig Geld. Deshalb verkalkulierte ich mich beinahe bei jedem zu reparierenden Wagen. Ich war nicht in der Lage, die Preise nach oben zu verhandeln. Die Zeit die ich investierte, das Werkzeug das ich kaufte und die Ersatzteile die ich benötigte, fraßen beinahe immer die Zahlungen der Kunden komplett auf. Ich investierte viel Zeit. Ich war ja kein gelernter Mechaniker. Also war beinahe jedes Problem Neuland. Ich hatte mich stets neu einzuarbeiten. Das kostete Zeit und brauchte viel Geduld. Beides nahm ich mir. Für mich stand im Vordergrund selbst bestimmt, genau, aber nicht unbedingt schnell zu arbeiten. Ich arbeitete nach meinem Rhythmus. Das war ein Rhythmus der die Tüftelei, das Lösen eines Problems, wie etwa der Reparatur einer defekten Radnabe ohne Fachwerkzeug beizukommen war, in den Mittelpunkt stellte. Ich widmete mich den Herausforderungen der Schrottlauben der Studenten akribisch wie ein Forscher dem ständig neue Probleme begegneten.

Für manche Klapperkiste, an der ich viele Nachmittage herum schraubte, wäre es wesentlich effizienter gewesen einen Schrottplatz zur Endlagerung anzusteuern. Stattdessen ließ ich mich herausfordern den TÜV davon zu überzeugen, dass hoffnungslos durchgerostete Türschweller, Radläufe und sogar Achsaufhängungen so zusammengeschweißt werden konnten, dass sie höchstens optisch aber nicht technisch zu bemängeln waren.

Bei den Freunden wurde ich schnell bekannt als einer dem zu fast allen Problemen am Auto immer eine Idee einfiel und der mit viel Geduld keinen Aufwand scheute, wenn es darum ging den letzten Müllhaufen von Fahrzeug wieder in einen technisch ordentlichen, fahrbaren Untersatz zu verwandeln. Ich war für viele Studenten die ideale Werkstatt. Eigentlich konnten sich die wenigsten meiner Kunden ein Auto wirklich leisten. Deshalb brauchten sie eine Werkstatt wie mich.

Geld verdiente ich mit einem anderen Job. Den Nachtwächterjob hatte ich mit dem Bewerbungsbogen, den mir die Sekretärin geschickt hatte, erfolgreich in einen Wochenendjob, den ich samstags und sonntags tagsüber erledigen konnte, verwandelt. Die Fabrik war mit meiner Bewerbung einverstanden. Ich hatte mich zufällig unmittelbar nach dem Tod eines zuverlässigen Rentners der das bis zu seinem Ende gemacht hatte, für den Wochenenddienst interessiert.

Dort fand ich viel Ruhe um intensiv zu lernen. Die Tag-Schicht der Arbeiter fand am Wochenende in der Fabrik reduziert statt, der Bürobetrieb der Verwaltung fand gar nicht statt. Unfälle die in der Nachtschicht durchaus regelmäßig den Nachtwächter an der Pforte beschäftigten, gab es praktisch nicht. So konnte ich mit diesem Job nebenher jedes Wochenende alles aufarbeiten was ich während der Studienwoche nicht verstanden hatte.

Regina war zuerst nicht sehr begeistert davon, dass ich jedes Wochenende samstags und sonntags in der Pforte der Fabrik arbeitete. Das hinderte uns an gemeinsamen Wochenendausflügen und Unternehmungen mit Freunden. Ich verstand das gut, konnte mir jedoch keinen anderen Job vorstellen. Denn ich wusste genau, dass ich diese ruhige, regelmäßige Zeit benötigte um mir die Studieninhalte zu vergegenwärtigen. Meine Chancen, die regelmäßigen Semesterprüfungen zu bewältigen oder gar die Vorprüfungen zu meistern, wären ohne den Pförtnerjob am Wochenende rapide gesunken. Ich hätte mich niemals regelmäßig abends oder am Wochenende in der Wohngemeinschaft in meinem stillen Kämmerlein an den Schreibtisch gesetzt. Die Zeitstruktur des regelmäßigen Wochenendjobs war fix festgelegt. Das war für mich optimal um wirklich was zu lernen. Eine feste Zeitstruktur zum Lernen selbstständig festzulegen, hatte ich niemals gelernt.

Regina lernte ganz anders als ich. Sie hatte es nicht nötig in ihrer Studentenwohngemeinschaft in der Innenstadt zu sitzen um zu lernen. Sie lernte schon in der Vorlesung viel mehr und schneller als ich. Sie konzentrierte sich offenbar ganz anders. Das hatte mir unser erstes gemeinsames Prüfungserlebnis in dem mündlichen Kolloquium bewiesen. Während ich noch über irgendetwas sinnierte, hatte sie bereits klare eigene Sätze zum Thema im Kopf. Bis ich begriffen hatte worum es ging, war sie dazu übergegangen das Thema in eigenen Worten perfekt zu bearbeiten.

Regina finanzierte ihr Studium wie ich durch Arbeit. Auch sie erhielt zeitweise ein bisschen Studenten-BaföG, nahm das aber nicht weiter in Anspruch. Der Grund war einfach. Wir waren in eine Gesetzesreform der damaligen Regierung geraten. Die hatte es genau in unserer Studienzeit als geeignete Maßnahme der Bildungsförderung definiert, die BaföG-Förderung auf Volldarlehen umzustellen. Weil das aber bedeutete, dass jeder der diese Art Förderung in Anspruch nahm, nach dem Studium einen gewaltigen Schuldenberg vorfand, verzichteten wir beide darauf. Wir entschieden deshalb das Studium in die Länge zu ziehen und nebenher zu arbeiten um es zu finanzieren.

Regina startete im zweiten Semester eine lukrative und hoch interessante Aufgabe. Sie begann gemeinsam mit einigen Dozenten an der Hochschule bei der Umsetzung von deren Buchprojekten mitzuarbeiten. Für mich war das eine unvorstellbare Aufgabe. Wie konnte es ihr gelingen schon im zweiten Semester an so ein Projekt zu kommen? Noch im ersten Semester hatten wir gemeinsam den zugeknöpften Juristen eher zufällig, oder besser durch einen Glücksfall gerade noch so über den Tisch gezogen, da traf sie sich im zweiten Semester bereits mit Dozenten um an der Veröffentlichung von deren Buchprojekten mitzuwirken?

Hätte ich sie zu diesem Zeitpunkt nach dem ersten gemeinsamen Urlaub nicht schon sehr gut gekannt, ich hätte mich wahrscheinlich aus einer diffusen Angst heraus mit irgendeiner fadenscheinigen Begründung von ihr getrennt. Sie war eine die voll durchstartete. Nur weil ich wusste, dass sie mich wollte und weil ich spürte, dass sie mich liebte, konnte ich neben ihr so leben als sei alles was sie tat für mich völlig normal. Sie aber war auf ganz anderem Niveau als ich unterwegs. Ihr Weg verlief senkrecht nach oben.

Sie hatte das gesamte zweite Semester hindurch zusammen mit fünf Dozenten an der Gründung eines eigenen kleinen Verlages gearbeitet. Der wurde schließlich mit finanziellen Mitteln der Dozenten zum Semesterende gegründet. Es ging um die Idee eine praxisorientierte Buchreihe herauszubringen. Weil sich für diese Absicht auf dem Markt aber kein Verlag fand, gründeten die fünf zusammen mit Regina ihren eigenen kleinen Verlag.

Einer der beteiligten Dozenten war der zugeknöpfte Jurist. Letztlich war er wegen ihres Auftritts in dem Erstsemester-Kolloquium auf sie aufmerksam geworden. Regina hatte den Mann von sich überzeugt. Sie hatte nach Ansicht des Mannes das Zeug, Theorie und Praxis zu verbinden. Sie war in der Lage Texte auf ihre Schlüssigkeit und damit auch Praxistauglichkeit zu prüfen und bei Bedarf gar verständlicher zu formulieren als der Jurist.

In dessen Augen verfügte Regina über bessere Fähigkeiten praktikable Übersetzungen juristischer und anderer Texte zu liefern, als jeder Dozent. Woher der Mann diese Erkenntnis bezog, blieb mir unbekannt. Regina hatte, genauso wie ich, noch nie in der Praxis gestanden. Aber auch ich fand, dass sie wunderbar schnell in der Lage war, neue Dinge, Themen, Daten und Fakten zu erfassen und aufzubereiten. Sie erkannte die Absichten eines Autors oder Vortragenden manchmal schneller als dieser lesen oder vortragen konnte. Regina war in der Lage schnell ein schlüssig formuliertes Konzept zu einem Thema zu zaubern. Ihre Konzepte hörten sich innovativ und immer irgendwie neu an. Was sie vorlegte war immer logisch aufgebaut, frei von Brüchen und verständlich formuliert. Ihre Texte überzeugten.

Regina wusste, dass ich vollkommen anders gestrickt war. Sie respektierte meinen Wochenendjob nicht nur, sondern sie besuchte mich dort beinahe jeden Samstag und Sonntag. Das tat sie anfangs um mich dort bei meinem Lernen zu unterstützen. Außerdem besorgte sie immer ein kleines Mittagessen das wir gemeinsam in einer winzigen Teeküche neben dem Pförtnerbüro zubereiteten.

Dass wir unterschiedliche Jobs, mit weit auseinander klaffendem Niveau hatten interessierte sie nicht. Es war wie selbstverständlich, dass ich Nachmittags Autos zusammen schweißte, während Sie sich mit Dozenten traf, sich mit der Verlagsgründung beschäftigte und erste zu veröffentlichende Bücher redigierte. Es war kein Thema zwischen uns, dass sie mir samstags in der Pforte der Fabrik, den einen oder anderen juristischen Vortrag einer Vorlesung aus der Vorwoche anhand praktischer Beispiele erläuterte. Für sie war es klar mich zu unterstützen. Für mich war klar, dass ich ihre Unterstützung benötigte um das Studium überhaupt bewältigen zu können.

Die Prüfungen am Ende des zweiten Semesters wären ohne sie für mich nicht zu schaffen gewesen. Ich hätte vermutlich das Studium abgebrochen. Solche Idee stellte sich ihretwegen nicht. Ich schrieb die Prüfungen bei weitem nicht so gut wie sie. Aber Dank ihr hatte ich den nötigen Durchblick um es zu schaffen.

22. Familie

Im dritten Semester schlug Regina einen gemeinsamen Besuch bei ihren Eltern vor. Sie hatte ihnen von mir erzählt. Ich war von ihrem Vorschlag überrascht. Wir hatten so gut wie nie miteinander über unsere Familien gesprochen. Das kam mir wegen meiner familiären Situation sehr entgegen.

Durch den Vorschlag von Regina wurde mir klar, dass sie ahnte oder gar wusste, warum ich das Thema bislang umschifft hatte. Sie war mir entgegengekommen indem sie mich damit nie behelligt hatte. Meine familiäre Geschichte war kein Thema zwischen uns beiden. Sie hatte sich darauf eingestellt, dass ich keine Eltern zu bieten hatte. Wir hatten höchstens zwei bis drei Mal über meine Familie gesprochen. Sie wusste, dass ich meine Kindheit bei Birner am Obersalzberg zugebracht hatte.

Ich sah uns beide in unserer Studienausbildung, sah unser beider Freunde im Café Notfall und unsere jeweilige Arbeit. Darin bestand unser gemeinsames Leben. Das war für mich alles. Dass aber die Eltern gefehlt hatten die man sich in einer Beziehung wie wir sie zu dem Zeitpunkt pflegten wohl irgendwann einmal gegenseitig vorstellte, zu denen man Kontakt hatte, die folglich wussten, dass die Tochter sich in einer Partnerbeziehung befand, daran hatte ich nie gedacht.

Eltern relevante Termine, wie Weihnachten oder Geburtstage hinderten mich nicht daran, das Thema weiterhin auszublenden. Ich hatte schon vor Studienbeginn als ich noch auf die Schule gegangen war die Weihnachtstage alleine oder in der Wohngemeinschaft mit anderen Gestrandeten verbracht. Ich dachte nicht daran, dass diese Zeit im durchschnittlichen deutschen Haushalt gemeinsam mit Eltern zugebracht wurde. Ich fand es immer äußerst angenehm, dass in dieser Zeit so gut wie nichts los gewesen war. Keine Anrufe, keine unerwarteten Besuche, keine Autoreparaturaufträge, aber vor allem mal insgesamt Ruhe und keine Hektik auf den Straßen und Plätzen der Stadt. Die Hektik unserer von Stress geplagten Gesellschaft brach jedes Jahr in den Weihnachtstagen einfach in sich zusammen. Das fand ich sehr schön. Wo man sonst jemanden traf, z.B. im Café Notfall oder rund um die Uni war plötzlich beinahe niemand mehr. Ich fand das richtig toll. Ich glaubte jahrelang, dass es allen Menschen wie mir ging oder zumindest ganz ähnlich. Der Alltag war einfach mal abgeschaltet.

Dass es aber die Zeit von Eltern und Familie war, dass Paare sich in dieser Zeit bei Ihren Eltern einfanden, dass in dieser Zeit regelrechte Familientribunale bei Braten und Alkohol abgehalten wurden, dass Paare ihre persönliche und wirtschaftliche Familienbilanz in diese Zeit bei ihren Eltern abzuliefern hatten, dass Unausgesprochenes zwischen Kindern und ihren Eltern in dieser Zeit besonders oft ausgesprochen wurde, weil man das ganze Jahr über nie mit so viel familiärem Erfolgsdruck im Genick auf seine Eltern traf, dass Eltern überhaupt erwarteten, dass die Kinder sich in dieser Zeit bei ihnen blicken ließen, all das war mir über viele Jahre einfach unbekannt geblieben.

Das alles war von mir so weit weg wie die Vogelkundestunde im Sachkundeunterricht der zweiten Grundschulklasse. Es war quasi so, dass dieser mir eigentlich bekannte Vogel „Familientermin: Weihnachten oder Geburtstag“, jedes Jahr aufs Neue zu Weihnachten aus seinem Sommerrevier herein geflogen kam. Er setzte sich jedes Mal irgendwo auf ein Fensterbrett. Dort begann er mit seinem ruhigen Gesang. Ich sah diesen Vogel jedes Jahr und dachte mir: Der kommt mir irgendwie bekannt vor, der singt ja ganz angenehm beruhigend vor sich hin, da kann man ja richtig zur Ruhe kommen. Das war Weihnachten, das war für mich mein Geburtstag. Steckte unter dem hübschen Gefieder dieses Vogels nicht noch mehr? Da steckten doch noch Familiengeschichten und Familiendramen? Alles über den Vogel was ich in der Vogelkundestunde vor vielen Jahren mal darüber gelernt hatte, interessierte mich nicht mehr. Weihnachten und Geburtstage hatten nichts mit Eltern oder Familie zu tun.

Ich blendete das genauso aus wie die Idee mit Regina zusammen zu ziehen. Für mich und für sie war es niemals Thema, dass wir anstatt in unseren getrennten Wohngemeinschaften zu wohnen, auch zusammen in eine Wohnung ziehen könnten. Das war eher für unsere Freunde ein wunderbares Thema. Es war ein Punkt an dem wir beide nach außen erkennbar nicht perfekt im Mainstream unterwegs gewesen waren.

Wir verbrachten unsere Ausbildungen miteinander. Die Zeit meines Jobs verbrachten wir jedes Wochenende in der Pforte der Fabrik miteinander. Abends sah man uns zusammen im Café Notfall. In den Semesterferien fuhren wir zwei, wie beim ersten Urlaub, gemeinsam mit befreundeten Paaren nach Italien, nach Spanien, nach Griechenland, nach Frankreich, nach Sardinien, nach Korsika. Wir lebten zusammengeklebt wie ein altes Paar, das seit vielen Jahren miteinander auskam. Aber wir wohnten nicht zusammen.

„Klar!“, sagte ich, „dass können wir gerne machen!“
Reginas Eltern waren sehr ruhige, gelassene Menschen. Sie arbeiteten täglich in einem Bekleidungsgeschäft in der Innenstadt. Sie waren die Eigentümer des Ladens. Sie begrüßten mich nicht überschwänglich, aber herzlich. Beim Essen erzählten sie abwechslungsreiche Geschichten und die eine oder andere Anekdote aus ihrem Alltag im Laden. Dort verkauften Sie solide Herrenbekleidung an Geschäftsleute und Menschen die sich teure italienische Anzüge leisten mussten oder einfach leisten wollten. Sie wirkten auf mich wie ihre Tochter: Ruhig und intelligent. Ihre Geschichten aus dem Laden erzählten sie nicht wichtig, sondern alltäglich.

Ich war in solchen Situationen immer unsicher. Das war ich, obwohl mich Regina sehr gut vorbereitet hatte. Das Thema Bekleidung war etwas worauf ich noch nie in meinem Leben ein Augenmerk gesetzt hatte. Ich versuchte mich stets unauffällig zu kleiden. Dabei hatte ich immer mein sehr begrenztes Budget im Blick. Der Automechanikerjob brachte es manchmal mit sich, dass ich auf dem Weg zur Uni schnell noch ein Schräubchen hier und eine Mutter da anzuziehen hatte, was manchmal auch auf noch neueren Hosen zu unschönen Ölflecken führte.

23. Gespräche an der Oberfläche

Fast jeden Abend trafen wir im Café Notfall auf viele Freunde. Dort besprachen wir alle möglichen Themen die uns im Laufe eines Studentenlebens beeindruckten. Unsere Kommunikation wirkte intellektuell, war es aber nicht. Was ich sah und hörte war was ich in den achtziger Jahren über das Café Notfall und ähnliche Kneipen der Stadt in den Szeneblättern nachlesen konnte. Ich wusste nicht recht ob die Menschen im Café Notfall so waren weil das so in den Szeneblättchen geschrieben stand oder ob das was in den Blättchen geschrieben stand, tatsächlich von irgend jemandem beobachtet worden war bevor es geschrieben wurde.

Es gab dort offene Menschen, es gab Intellektuelle, es gab eine ganze Anzahl von Blendern, es gab sehr viele Redner, es gab eine Gruppe gestrandeter Journalisten, es gab Musiker, Künstler, Lebenskünstler, echte Künstler, Kunstliebhaber und es gab uns beide. Mein Gefühl war, dass Regina perfekt hineinpasste. Über mich selbst dachte ich, dass ich in diese Szene mit ihr irgendwie hinein gerutscht war.

Hin und wieder dachte ich daran, dass ich im Café Notfall in Haidhausen früher ganz andere Menschen getroffen hatte. Als ich neu in die Stadt gezogen war, um meine Schule zu besuchen, hatte ich doch neue Freunde kennengelernt: Wo waren die geblieben? Wo waren Sofia, Annette, Richard und Thomas geblieben? In der Stadt war es meine Realität geworden ständig neue Freunde zu gewinnen und zu verlieren.

Individuell und intellektuell zu wirken war die angesagte Linie. Das war der Trend im Café Notfall und der Szene. Darüber berichteten die Szeneblätter. Alle Beteiligten fühlten sich gut dabei. Jeder war begeistert und überzeugt, dass hier wichtiges stattfand. Die Zeit wurde hier gestaltet. Die Szene wurde hier entwickelt. Mein Eindruck war, dass die meisten Gäste im Café Notfall nicht sagen konnten was auch immer das bedeuten sollte. Darüber sprach man nicht. Darüber schrieben die Blättchen, in denen im Prinzip immer das gleiche belanglose Zeug zu lesen war.

Meine neuen Freunde im Café Notfall waren und blieben Reginas Freunde und Bekannte. Ich lief dort unter Reginas Namen irgendwie mit. Trotzdem fühlte ich mich irgendwann im Café Notfall wohl. Das Bild von mir zusammen mit Regina in dieser Kneipe gefiel mir immer besser. Eines Tages war mir das alles richtig angenehm geworden. Ich profitierte von ihrer Präsenz, ihrer Ausstrahlung und ihrem Niveau.

Niemals hätte Regina einen Hauch von Macht über mich, oder das Ansinnen ihre intellektuelle Überlegenheit mir gegenüber auszuspielen erkennen lassen. Das erleichterte alles. Ich liebte sie nicht nur, sondern wegen ihrer Souveränität verehrte ich sie. Ich war ein Abhängiger geworden. Den Freunden im Café Notfall war nicht entgangen, dass ich ihr im Grunde nicht das Wasser reichen konnte. Aber keiner der Freunde konnte das Ungleichgewicht nutzen um eine Störung in unserer Beziehung zu verursachen.

Es gab sehr viele die sich für Regina interessiert hatten. Niemals aber habe ich es erlebt, dass Regina auf deren Signale entgegenkommend reagiert hätte. Sie nahm die Signale wahr. Doch sie hatte sich ihren Partner bereits ausgesucht. Ihre Wahl hatte sie gezielt getroffen und dazu stand sie. Wir haben nie darüber gesprochen wie das bei ihr gewesen war an dem Tag als sie die Türschwelle zu dem Seminarraum überschritten hatte, um auf mich zuzugehen.

Im Café Notfall interessierte mich die Gruppe der gestrandeten Journalisten. Das waren drei Leute die allesamt an der deutschen Journalistenschule in München gescheitert waren. Trotzdem, so behaupteten alle drei von sich selbst, hatten sie den Beruf ergriffen und seien nun aktive unabhängige Journalisten geworden. Das fand ich interessant. Mich beeindruckte deren selbstbewusste überzeugende Art, die Fähigkeit das Abgewiesen werden in Kräfte zu verwandeln, die Ziele die sie aus der Abweisung durch sogenannte Profis entwickelten und wie sie darüber im Café Notfall sprachen. Ich fand es schier unglaublich, dass drei sich Journalisten schimpften, aber die Aufnahmeprüfung an der deutschen Journalistenschule nicht geschafft hatten. Sie hatten sich vorgenommen Journalisten zu werden und zogen dieses Ding durch. Das passte ins Café Notfall. Die Szene dort war voll von Machern und selbsternannten geistigen Höhenfliegern.

Die gestrandeten Journalisten hatten stets irgendwelche angeblich wichtigen Aufträge von Blättern für die sie in der Stadt recherchierten. Regina und ich waren für die drei deshalb interessant, weil wir nach deren Ansicht so unterschiedlich wie die Welt waren. Keiner von den Dreien konnte mir erklären was damit gemeint war. Nach vielen langen und Alkohol getränkten Gesprächen an deren Tisch begriff ich, dass sie als Grundlage in ihrem Job vor allem die genaue Recherche sahen. Danach erst kam der Artikel der im Grunde die geringste Arbeit darstellte.

Erst jetzt verstand ich, dass sich Regina mit ihrem Dozenten-Buch-Verlag-Job eine optimale Tätigkeit gesucht hatte. Denn die Recherche, das gesamte Material, alle Themen lieferten ihr die Dozenten fein säuberlich geordnet an. Sie musste daraus nur noch neue vor allem nach Innovation riechende Konzepte zusammen zimmern. Die baute Regina schlüssig auf. Das beste daran war wohl, dass die Konzepte nicht von ihr oder den Dozenten umzusetzen waren, sondern von den Praktikern die sich die Bücher kauften weil die genau solche Konzepte erwarteten. Ob die Konzepte wirklich umsetzbar waren oder funktionierten schien dabei nicht wirklich von sehr hohem Interesse zu sein. Wirklich wichtig aber war, dass die Texte das Funktionieren glaubwürdig und schlüssig wiedergaben.

Regina bemächtigte sich eines Teils der Kompetenz der Gestrandeten. Gegen ein Honorar das ein Bruchteil ihrer Vergütung durch die Dozenten im Buchverlag darstellte, vergab sie an die drei freien Journalisten befristete Rechercheaufträge zu Themen die sie für den Dozenten-Buch-Verlag bearbeitete. Das zeigte mir neben all ihren Fähigkeiten, dass sie zudem auch noch geschäftstüchtig war. Eine Kompetenz die mit völlig fremd war, was meine wirtschaftlich erfolglosen Autobasteleien bewiesen.

Regina traf sich über mehrere Semester immer wider mit den Gestrandeten. Irgendwann war von den Dreien nur einer übrig geblieben. Die anderen beiden hatten sich erneut an der deutschen Journalistenschule beworben und waren erfolgreich. Sie verschwanden aus der Szene und aus dem Café Notfall und versanken der Ausbildung.

Übrig geblieben war Holger. Er übernahm regelmäßig Aufträge von Regina. Daneben arbeitete er angeblich bei einem der Szeneblätter der Stadt. Ich sah das mit Zweifeln, denn ich kaufte mehrfach das Blatt über das er sprach, fand darin aber nie einen Artikel von Holger.

Regina erklärte mir den Zweck ihrer Aufträge an Holger immer genau. Es ging meist darum, und das fand ich am Anfang dieser Aufträge unglaublich, dass sie sich auf Grundlage einer neutralen Recherche der Richtigkeit bestimmter Inhalte der Bücher des Verlages vergewissern wollte. Ihr Wirken an den Büchern brachte es nämlich mit sich, dass auch sie namentlich in deren Autorenverzeichnis aufgenommen wurde. Sie wiederum erkannte bei aller Freude darüber, dass sie bei weitem nicht die Kompetenz besaß wirklich zu beurteilen ob alle Inhalte die sie auf Grundlagen der Dozentenvorgaben formulierte, auch stimmig waren. Also nutze sie die journalistischen Fähigkeiten von Holger um bestimmte Fragen und Themen abklären zu lassen.

Regina hatte mit Holgers Hilfe eine Versicherung installiert. Sie wollte der Gefahr begegnen, dass in irgendeinem der Bücher definitiv falsche Inhalte von ihr aufbereitet wurden. Für mich war das schier Unglaubliche, dass sie im Grunde daran arbeitete ihre spätere Karriere nicht durch derartige Fehler in den veröffentlichten Praxisbüchern zu gefährden oder zumindest schon frühzeitig zu beschädigen. Ihr Vertrauen in das Wissen ihrer fünf Dozenten im Buchverlag sah Regina durch den Sicherheitstrick nicht gefährdet.

Tatsächlich lieferte Holger hin und wieder wertvolle Erkenntnisse bei ihr ab. Auch da hatte Regina eine Sicherheitsschraube eingebaut. Holger war von ihr mit einem Honorarvertrag ausgestattet worden, den sie zuvor in juristischen Seminaren gleich von mehreren Professoren auf Aktualität und Wasserdichte hatte prüfen lassen. Es gab keine Möglichkeit für Holger aus den Aufträgen von Regina, während der Recherche oder danach, noch weiteren Profit herauszuschlagen. Er war hundertprozentig an seinen Auftrag gebunden. Sein Beitrag spielte für die Buchveröffentlichungen keine Rolle. Selbst wenn er einen Skandal gefunden und aufgedeckt hätte, wäre nicht er derjenige gewesen der aufdeckte, sondern seine Auftraggeberin. Anderes Verhalten wäre Holger sehr teuer zu stehen gekommen.

Holger fand nie einen Skandal. Was er fand waren Daten und Fakten, die in manchen Büchern an einigen Stellen zu Korrekturen führten, weil sonst Themen und Bereiche unzulässig miteinander verschränkt worden wären. Er trug so dazu bei, dass die trockene Materie der Theorie und deren Grundlage ab und an von Regina berichtigt werden musste. Seine Arbeit hatte aber auf keines der Praxiskonzepte wirklich eine Auswirkung.

Holger arbeitete immer sauber, zuverlässig und fristgerecht. Alle Verträge erfüllte er stets korrekt. Deshalb hielt Regina bis zum letzten Semester an der Zusammenarbeit mit Holger fest. Am Ende des Studiums veröffentlichte Regina ihre Magisterarbeit in einem Buch des Verlages. Selbst für diesen eigenen Auftrag hatte sie noch Holger eingesetzt.

24. Die dritte Prüfung

Die Jahre des Studierens liefen perfekt organisiert beinahe wie selbstverständlich vor sich hin. Wir hatten unser Leben ideal aufeinander abgestimmt. Regina und ich arbeiteten während der Semester jedes Wochenende in der Pforte der Fabrik miteinander an den Themen der anstehenden Semesterprüfungen, schrieben an Seminararbeiten und besprachen die Inhalte der zurückliegenden Studienwochen. Das konnten wir dort beinahe ungestört tun. Keiner der Mitarbeiter der Fabrik störte sich daran, dass die Pforte am Wochenende stets von uns beiden besetzt war. Die Firmenleitung, von der meist sonntags mehrere Vertreter in den Büros zur Arbeit erschienen, fand es sogar gut, dass wir die Zeit in der Pforte gemeinsam sinnvoll nutzten, anstatt sie totzuschlagen.

Dass Regina in der Fabrik gar nicht angestellt war, interessierte die Chefs nicht. Der oberste Chef selbst ließ für uns zwei ausgemusterte Computer in das Pförtnerbüro stellen, an denen wir am Wochenende an unseren Hausarbeiten schrieben und Regina ihre Texte redigierte. Unsere Daten sicherten wir damals auf Disketten und nahmen sie wieder mit nach Hause. Der Chef fühlte sich durch uns an seine eigene Studienzeit erinnert. Er meinte, dass die Arbeit in der Pforte wohl optimal sei, neben einem Studium und dass er alles dafür tun wollte, dass wir möglichst an der Sache dran blieben. Damit meinte er sowohl das Studium aber auch den Job am Wochenende in der Pforte in seiner Fabrik. Wir sollten uns bei ihm melden wenn wir eine Idee hätten wie er die Verbindung des Studierens mit dem Pförtnerjob noch verbessern könnte.

Regina entwickelte im Laufe der Jahre einige Ideen. Der Chef ging darauf so weit ein, dass schließlich regelmäßig Studierende verschiedener Fachrichtungen in unterschiedlichen Bereichen der Fabrik, von der Personalabteilung über das Controlling bis zum Maschinenbau, ihr studienbegleitendes Praktikum dort absolvierten. Die alten Computer der Firma wurden nicht weiterverkauft, sondern an Studenten über einen Service, den Regina zusammen mit Holger organisierte, zur Erarbeitung von Diplom- und Magisterarbeiten verliehen. Das war bis Mitte der zweiten Hälfte der Achtziger Jahre ein attraktives Angebot, weil die Preise dieser Geräte für die meisten Studenten unbezahlbar waren. Studentische Arbeiten wurden bis Ende der Achtziger Jahre überwiegend auf Schreibmaschinen, gelegentlich auf so genannten Schreibcomputern geschrieben. Der Computerverleih war deshalb der Renner. Der Chef war begeistert von Reginas Ideen und Tatendrang.

Meine eigentliche Arbeit in der Pforte bestand darin, alle drei Stunden einen zwanzig Minuten langen Rundgang durch die Firma zu absolvieren. Im Falle eines von mir auf dem Rundgang entdeckten Schadens hätte ich gemäß einem Alarmplan die Einsatzkräfte zu alarmieren gehabt. Dazu kam es nie. In der Fabrik wurde auch am Wochenende mit einer reduzierten Schicht von Arbeitern rund um die Uhr produziert. Deshalb wurden Schäden und andere Vorkommnisse immer durch den dienst habenden Vorarbeiter direkt gemeldet und geregelt. Die mit mir besetzte Pforte und meine Rundgänge durch die Fabrik hatten im Grunde eine reine Alibifunktion. Es ging darum, dass einige für die Fabrik bestehende Versicherungen die rund um die Uhr besetzte Pforte und die Rundgänge erforderten.

Regina erledigte beinahe ihre gesamte Arbeit für den Buchverlag samstags und sonntags in der Pforte. Sie hatte, genauso wie ich, in ihrer Wohngemeinschaft keinen Computer. Diese Geräte waren auch für uns beide unerschwinglich. In der Uni gab es sie natürlich, dort konnten wir sie regelmäßig benutzen. Unsere Disketten bearbeiteten wir nach den Seminaren in der Uni weiter. Regina war ihren Dozenten technisch gesehen weit voraus. Keiner von ihnen konnte seine Texte mit einem Computer bearbeiten.

Regina nutzte die an der Uni frisch installierten Computer und Scanner, um von studentischen Hilfskräften sämtliche Texte einlesen zu lassen. Diese wiederum bearbeitete sie am Wochenende in der Pforte und während der Woche in der Uni. Sie organisierte eine studentische Hilfskraft, die alle Fehler die der Scanner und seine mangelhafte Software produzierten, zunächst grob korrigierte. Diese Fassungen bearbeitete Regina danach weiter. Sie fand für den Buchverlag eine Druckerei die aus den unformatierten Texten die Druckvorlagen fertigte. Das war damals ein neues, sehr effektives und unglaublich modernes Vorgehen.

Regina baute das zu einem regelrechten Produktionsverfahren aus. Das Verfahren erklärte sie schnell, nachvollziehbar und überzeugend den Dozenten. Regina sammelte mit dem Verfahren wichtige Punkte, denn damit bewies sie ihre Geschäftstüchtigkeit. Das Erscheinen des ersten Buches bestätigte Reginas Arbeit nicht nur durch dessen aufbereiteten Inhalt, sondern auch durch hohe Qualität und im Vergleich sehr günstige Produktionskosten.

Der Verkauf verlief dank einer Werbekampagne die Holger gestaltete und organisierte so gut, dass die zweite Auflage schon nach einem halben Jahr produziert werden konnte. Das Projekt insgesamt war mehr als nur kosten deckend. Die Rückmeldungen waren teils begeistert, teils überschwänglich. Das Wichtigste waren respektvolle Erwähnungen in einigen Fachzeitschriften. Das Buch und die Idee dahinter eine Verknüpfung mit der Praxis zu erreichen, waren erfolgreich. Bis zum Studienende begleitete Regina vier weitere derartige Projekte. Sie liefen alle nach dem gleichen Erfolgskonzept ab und wurden durchgängig rentabel produziert. Alle fanden, wie das erste Buch, ihren Platz in den entsprechenden Fachzeitschriften.

Die Art und Weise wie wir zusammenlebten und zusammenarbeiteten zog sich das gesamte Studium hindurch. Deshalb waren für mich die Abschlussprüfungen einschließlich der Magisterarbeit im Grunde keine wirklich erwähnenswerten Herausforderungen. Alle vorherigen Prüfungen waren für mich stets mit Grenzerfahrungen verbunden gewesen. Aufregung die früher immer da gewesen war fehlte bei der Prüfung völlig. Ich hatte alles was ich wissen musste im Kopf. Erreicht hatte ich das durch disziplinierte Kontinuität mit der ich über Jahre hinweg jedes Wochenende gemeinsam mit Regina in der Pforte der Fabrik zusammengearbeitet hatte. Die Sicherheit mit der ich zum Schluss das Studium meisterte und beendete war zu einem einmaligen Ereignis geworden. Was da geschah hatte es für mich zuvor nie gegeben und es wiederholte sich danach nie mehr. Über Jahre hatte ich kontinuierlich das Wissen welches mir im Studium geboten wurde in mich aufgesogen und am Wochenende regelmäßig mit Regina weiterverarbeitet. Deshalb musste ich mich auf Semesterprüfungen immer weniger vorbereiten. Vorbereitung fand permanent statt. Eine Prüfung war nicht mehr im bisherigen Sinne eine Prüfung, sondern sie war ein Routinecheck an dem alles wiedergegeben und erneut verarbeitet wurde, was bekannt war. Prüfung war zur Alltäglichkeit geworden. Das war Nerven schonend und befreiend.

Am Ende des Studiums gab es eine rauschende Feier. Mit dem ASTA zusammen organisierten wir eine Riesenparty die vom frühen Abend bis in den späten Vormittag des nächsten Tages hineinreichte. Das Fest wurde von den Dozenten des Buchverlages reich unterstützt. Selbst der Chef aus der Fabrik ließ es sich nicht nehmen auf dem Fest zu erscheinen. Von Regina war eingefädelt worden, dass er dem Dekan einen Spendenscheck seiner Fabrik für die Anschaffung neuester Computertechnologie für die Uni überreichte. Holger hatte einen riesigen Presserummel organisiert, der die Scheckübergabe und das Fest erscheinen ließ, als sei es kein Studienabschlussfest, sondern ein Uni-Fest zur Millionenspende der Fabrik, obwohl es nur zehntausend Mark gewesen waren.

25. Abschied

Am Tag nach dem Abschlussfest besuchte ich Regina in ihrer Wohngemeinschaft. Es war ein sehr kühler, verregneter Sommertag. Deshalb kochte Regina Tee. Ich ließ mich auf dem Sofa in ihrem Zimmer nieder und blickte durch den Raum der bei dem Regenwetter beinahe wie im Herbst wirkte. Ich sah mir alles genau an. Ich ließ meine Augen vom Fenster über das Bett zum Schreibtisch über den Schrank, die Kommode zu den Bildern an der Wand gleiten. Ich saß sehr ruhig da, sehr gelassen, atmete langsam aber tief durch, entspannte mich bei dem ersten Schluck Tee. Ich sagte lange nichts. Ich saß einfach in ihrem Zimmer auf ihrem Sofa.

Dort hatten wir beide gemeinsam über die Jahre schon oft gesessen, denn wir trafen uns meist bei Regina, bevor wir ins Café Notfall gingen. Das Café lag nur wenige Straßenzüge von ihrer Wohngemeinschaft entfernt. Auf dem Sofa neben mir sitzend, hatte mir Regina so manchen Plan und manches Vorhaben erläutert über dem sie gerade mit ihren Buchprojekten brütete. Manchmal konnte ich ihr den ein oder anderen nützlichen Tipp oder eine gute Anregung geben. Oft habe ich in diesem Zimmer bei ihr übernachtet. Wir liebten uns immer nur dort, denn mein Wohngemeinschaftszimmer, vor allem aber mein Bett war viel zu klein. Seit Wochen hatte ich nicht mehr bei ihr übernachtet.

Regina setzte sich mit ihrer Teetasse auf die Bettkante gegenüber dem Sofa. Das war ganz anders als sonst. Wir beide hatten uns in diesem Zimmer nie gegenüber gesessen. Wir saßen immer dicht beieinander auf dem Sofa. Sie schwieg. Ich blickte jetzt langsam durch den Dampf meiner Teetasse, die ich mit beiden Händen hielt, zu ihr hinüber an das Bett.

Da sah ich sie wieder, die Frau die strahlend durch die Tür des Seminarraumes in der zehnten juristischen Vorlesung trat, sich umsah und schließlich gezielt auf mich zu kam. Ich sah sie wie sie das erste Mal Samstagmittags bei mir in der Pforte der Fabrik erschien, mit ihrem Fahrrad war sie dorthin gefahren. Aus ihrem Fahrradkorb nahm sie einen kleinen Picknickkorb mit dessen Inhalt sie in der winzigen Teeküche ein Mittagessen zubereitete. Ich sah sie wie sie zum ersten Mal mit dem Chef in der Fabrik sprach, der daraufhin zwei alte Computer für uns beide in die Pforte schaffen ließ. Ich sah sie wie sie im Urlaub trampend allein am Straßenrand stand und wie sie dem verdutzten Fahrer in perfektem Englisch versicherte, dass auch ich, ihr „Husband“ mitfahren würde.

„Wie lange läuft das schon?“
Ich fragte das sehr leise und blickte sie dabei an. „Seit einem dreiviertel Jahr.“ Sie sah mich nicht an. Sie blickte vor sich auf den Teppichboden. Sie wirkte dabei wie erstarrt. So hatte ich sie noch nie zuvor gesehen.

Ich wandte meinen Blick von ihr ab. Sah hinüber zum Fenster. Dort beobachtete ich sekundenlang die Wasserperlen wie sie sich langsam in Bewegung setzten, sich mit darunter liegenden Perlen vereinten, um schließlich so schwer zu werden, dass sie in schnellem Tempo nach unten rollten. Ich wandte mich jetzt wieder in ihre Richtung. Unsere Blicke trafen sich in Höhe ihres Schreibtisches.

„Wie machen wir jetzt weiter Regina?“

Ich spürte, dass meine Stimme an Ruhe verloren hatte. Ich bemerkte in ihr ein leichtes, sehr verunsicherndes Beben. Die innere Ruhe die in meinem Körper zuerst aufkam als ich mich sehr langsam auf das Sofa gesetzt hatte, war verschwunden. Der Tee stand neben mir auf dem Tisch. Er würde mich beruhigen. Doch ich traute mich jetzt nicht zur Tasse zu greifen weil ich fürchtete so sehr an den Händen zu zittern, dass ich den heißen Tee verschütten könnte.

Sie hatte mich nie belogen. Sie hatte alles in unserem Leben zu steuern gewusst, ohne dabei zu lügen. Sie brauchte nicht zu lügen, denn sie regelte alles auch das Komplizierteste und Widersprüchlichste. Sie war in meine Falle getappt. Ich hatte wieder gefragt was ich schon wusste. Das hatte ich seit sehr langer Zeit nicht mehr getan.

Schweigen von Regina hatte mir stets gesagt, dass ich meine Frage selbst beantworten konnte. Beim Lernen mit Regina in der Fabrikpforte hatte sie immer geschwiegen, wenn ich ein Thema ansprach und dazu eine Frage stellte, von der sie meinte, dass ich die Antwort selbst wusste. Sie musste nur lange genug schweigen. Tatsächlich kam die Antwort meist binnen weniger Minuten aus mir heraus. Das war ihre wunderbare Methode, die es mir ermöglichte alles aus mir herauszuholen was ich wusste. Durch ihre Methode merkte ich, dass ich fast alles bereits wusste, wonach ich sie fragte.

Gleiches bedeutete ihr Schweigen jetzt. Deshalb fragte ich mich in der Ruhe unseres Schweigens, was ich alles wusste. Ich wusste was ich gerade gefragt hatte selbst. Ich wusste, dass es nicht weiter gehen würde mit uns beiden. Als ich dieses Zimmer betrat wusste ich, dass es heute das letzte Mal sein würde. Ich wusste, dass wir beide uns nie mehr an die Hand nehmen würden, dass wir uns nie mehr küssen würden, dass wir uns nie mehr lieben würden. Ich wusste, dass wir nie mehr miteinander lernen würden, in der Pforte der Fabrik arbeiten würden und dass wir keinen Urlaub mehr miteinander verbringen würden.

Ich saß auf dem Sofa schloss meine Augen und spürte, dass da Tränen waren die raus wollten. Ich versuchte sie aufzuhalten, das gelang mir aber nicht. Deshalb nahm ich jetzt die Taschentücher vom Tisch neben dem Tee. Dabei bemerkte ich, dass meine Hände wieder ruhig geworden waren. Deshalb nahm ich die Teetasse in beide Hände und trank einige Schluck.

„Warum Holger?“

Meine Stimme zitterte wieder, obwohl ich sie mit dem Tee geölt hatte. Ich brachte die beiden Worte meiner Frage kaum heraus. Ich dachte daran weiter zu fragen. Ich wollte einfach nach den Dingen fragen, welche in solcher Situation, die für mich neu und deshalb ungeübt war, vielleicht üblich waren. Mir fielen die Fragen „warum gerade er?“, und „was hat er, was ich nicht habe?“, ein. Doch ich fragte nicht weiter. Ich saß und schwieg. Ich wusste, dass ich auch das bereits wusste. Ich nahm mir vor nicht mehr nach den Dingen zu fragen, die ich bereits wusste.

Holger war attraktiv, intelligent, selbstbewusst und sehr aktiv. Er war ein hoch agiler, in meinen Augen manchmal beinahe hyperaktiver Intellektueller. Was er organisierte hatte Hand und Fuß. Wo er auftrat scharten sich interessierte Menschen. Interesse der Menschen weckte er, indem er letztlich durch gezielte Propaganda für deren Interesse sorgte. In meinen Augen schaffte es Holger, dass die Menschen nicht merkten, dass deren vermeintliches Interesse an Themen die Holger propagandistisch bearbeitet hatte, in Wahrheit dessen Interesse war. Er war ein Demagoge. Ihm verfielen alle, denn er konnte gar nicht anders, als alle von sich zu überzeugen.

„Warum gerade er?“

Ich blickte sie bei dieser Frage die ich eigentlich nicht stellen wollte wieder an. Sie wich meinem Blick aus. Sie wandte ihren Blick zum Fenster, wo inzwischen alle Perlen verschwunden waren weil der Regen so stark geworden war, dass die Tropfen wie kleine Bächlein an der Scheibe hinunter liefen ohne dass sich zuvor Perlen bilden konnten.

Holger hatte schon seit langer Zeit mit ihr geschlafen. Das ging schon seit Jahren. Ich wusste das seit der ersten Begegnung mit den gestrandeten Journalisten im Café Notfall. Ich sah sie auf der Bettkante mir gegenüber sitzen, wie sie sich von mir abwandte und zum Fenster hinüber blickte.

Sie saß im Café Notfall am Tisch und sog die Signale von Holger aus der Gruppe der drei Gestrandeten auf. Holger war nicht zufällig der übrig gebliebene aus der Gruppe. Es war kein Zufall, dass er nicht genauso verschwand wie seine beiden Freunde. Seine Bewerbung an der deutschen Journalistenschule, sein Erfolg den er dort in Wahrheit hatte, war für ihn nicht, wie bei den beiden anderen, Anlass gewesen von der Bildfläche im Café Notfall zu verschwinden. Holgers Behauptung, er schreibe für das Szeneblättchen in dem ich seinen Namen nie fand, seine Ansage er gehöre zu den drei Gestrandeten und sei an der deutschen Journalistenschule gescheitert, gehörte zu Holgers Strategie. Holger nahm mich von Beginn an nicht ernst, er spielte sein Spiel, dessen Wahrheit ich mich nicht zu lüften traute, denn ich war ein Abhängiger.

„Was hat er, was ich nicht habe?“

Regina blickte zu Boden auf den Teppich vor dem Bett. Ich sah am Fenster, dass die einzelnen Bahnen des Regens verschwunden waren. Es war draußen dunkel geworden, weil ein schweres Gewitter über München lag. Der Regen schlug gegen die Scheibe, so dass keine Bahnen mehr zu sehen waren, sondern die Scheibe sah aus wie eine einzige Wasserbahn über die in einem glatten Bach der Regen hinunter lief.

Es war das was ich nicht hatte. Es war das was Regina über viele Jahre von mir nicht bekommen hatte. Dessentwegen war ich jahrelang im Anschluss an das Café Notfall, morgens um drei Uhr, nach Hause in meine Villen-WG gefahren. Holger war der über den wir beide nie sprachen. Seit der ersten Begegnung im Café Notfall war er immer präsent geblieben.

„Warum?“

Auch meine letzte Frage konnte ich selbst beantworten.

Draußen auf der Scheibe war jetzt eine Veränderung eingetreten. Der Regen hatte an Schärfe verloren. Es schlugen wieder einzelne Tropfen gegen die Scheibe. Jetzt sah ich die Perlen endlich wieder. Das Schauspiel begann erneut. Perlen liefen langsam hinunter, sie verbanden sich mit weiteren Perlen, so dass ihr Gewicht sie schnell nach unten trieb. Unten auf dem Fensterbrett zerplatzten sie.

Auf meinem Album „calling back“ aus dem Jahre 2016 habe ich den Song „noises“ veröffentlicht. Ich finde der Song beschreibt die innere Stimmung an dieser Stelle in meinem Buch ganz passend.

https://www.jamendo.com/track/1392039/05_noises

26. Urlaubsplanung

Die Villen-WG war mein neues altes Zuhause geworden. Dort verkroch ich mich tagelang. Ich lag auf dem Bett, hörte laute Musik und sinnierte wie früher über mich und mein Leben.

Am Samstag und am Sonntag schlug ich zum ersten Mal in der Pforte der Fabrik die Zeit tot. Ich saß am Tisch vor den beiden ausgeschalteten Computern und erlebte den Raum um mich herum völlig verändert. Es war eine Stille eingetreten die mich mit den Stunden mehr und mehr in eine fremde Welt zu ziehen drohte. Obwohl ich die Welt um mich herum bestens kannte, weil sie mir seit Jahren vertraut geworden war, traf ich in ihr jetzt unbekanntes, Befremdendes. Das verunsicherte mich. Die neue Fremde in vertrauter Umgebung machte mir Angst.

Das weckte in mir keine Neugierde. Es ging nicht darum entdeckt zu werden. Was ich in der Pforte nun empfand weckte keine Impulse in mir, ich wollte es nicht erforschen. Gefühle die gar nicht erforscht werden wollten, die nicht gefunden werden wollten, die am liebsten nicht vorhanden sein wollten. Wenn es nach mir ginge, so dachte ich nach Stunden an meinem Arbeitsplatz in der Fabrik, dann wünschte ich, dass alles wieder so wäre wie es noch vor zwei Wochen gewesen war.

Kein Anruf von Dozenten die mit Regina über den Verlauf ihrer Arbeit an einem Text sprechen wollten. Keine studentische Hilfskraft die eine Diskette mit korrigierten Texten vorbei bringen wollte. Kein Student aus dem ASTA-Büro der ein organisatorisches Detail wegen des Abschlussfestes klären wollte. Niemand wollte sich in die Warteliste des Studentischen Computerverleihs eintragen lassen. Nichts geschah, einfach nichts. Schließlich vermisste ich sogar den Anruf von Holger der Regina begeistert davon berichtete, wie vielen Presse- und Medienleuten er schon definitive Zusagen für das Abschlussfest an der Uni entlockt hatte, und vorschlug eine Lounge auf dem Fest für Redakteure und Journalisten einzurichten.

Ich schaltete beide Computer in der Pforte ein um deren Surren zu hören. Endlich ein vertrautes Geräusch in diesem Raum. Das Surren von zwei Lüftern der Computer. Jetzt brauchte ich es, um ein winziges Detail wieder herzustellen. Ich brauchte es, um ein weniges an meiner Situation, an meinem mir jetzt endlos lang scheinenden Arbeitstag richtig zu stellen. Aber schon nach Minuten fehlte mir das Geräusch des Tippens auf der Tastatur. Es fehlte das vertraute schnelle Tippen von ihr, die Leichtigkeit mit der sie die Tastatur bearbeitete um ihr einen Text zum Thema eines Buchkapitels zu entlocken den sie mir später als ersten Leser bekannt machte.

Mittags kochte ich zum ersten Mal nur das wofür die winzige Küche eigentlich vorgesehen war. Ich machte mir Tee, obwohl draußen längst wieder die sommerliche Sonne schien. Ich spürte trotzdem eine Kälte in mir die ich glaubte mit Tee vertreiben zu könnten. In der Küche stieß ich auf unsere Gewürze in der oberen rechten Ecke eines Hängeschrankes. Ich lehnte mich an die Wand der Küche vor dem offenen Gewürzschrank, schloss die Augen und hörte das Gurgeln des Wassers im Wasserkessel auf dem Herd. Ich sog den Geruch des Wasserdampfes und der Gewürze aus dem offenen Regal ein. Da sah ich sie wie sie in der engen Küche vor dem Herd stand. Sie rührte in einem Topf und einer Pfanne und erzählte von einem wunderbaren Rezept das sie heute einfach einmal ausprobieren wollte. Es ginge ganz schnell und benötige nur Topf und Pfanne, man könnte das tatsächlich in dieser Puppenküche machen. Ich sah sie wie sie mir von der Seite vor dem Herd zulächelte und mir schließlich einen leichten Kuss auf die Wange gab. Ich roch sie ganz nah bei mir und glaubte schließlich ihren Atem neben meinem linken Ohr zu hören und zu spüren.

Es klingelte ein Telefon. Das läutete schon länger. Ich nahm den Wasserkessel vom Herd und ging mit ihm und meiner Teetasse in das Pförtnerbüro. Ich stellte alles auf den Untersetzer auf den hohen Thekenschrank, setzte mich an den Pförtnerschreibtisch und hob den Hörer ab.

Der Chef meldete, dass er dieses Wochenende nicht ins Büro kommen werde, weil er in der Schweiz auf Geschäftsreise sei. Er bedankte sich für die große organisatorische Leistung des Universitätsfestes, vor allem aber für die feierliche Atmosphäre und die Dankesreden mit denen er bei der Scheckübergabe an den Dekan bedacht worden war. Er wollte mit Regina persönlich sprechen, denn ihm sei klar, dass die pompöse Ausrichtung des Festes und die dabei herausragende Scheckübergabe letztlich wohl ihr zu verdanken sei. Ich enttäuschte den Chef, sagte ihm lapidar, dass Regina heute leider verhindert sei. Er trug mir auf seinen Dank weiterzugeben. Schließlich dankte er auch mir und wünschte uns beiden einen wunderschönen und erholsamen Urlaub. Den hätten wir uns nach den Anstrengungen der Prüfungen, der schriftlichen Arbeiten und der gigantischen Organisation des Abschlussfestes ja redlich verdient. Ich bedankte mich für seine Wünsche und verabschiedete mich für die kommenden sechs Wochen.

Meine Urlaubsvertretung an den kommenden Wochenenden wurde von einer Firma organisiert die auch für die Nachtschichten an der Pforte zuständig war. Regina und ich hatten einen sechswöchigen Urlaub nach Griechenland geplant. Wir wollten eine Reise antreten die eine ganz ähnliche Route haben sollte wie unsere erste gemeinsame Reise mit den beiden befreundeten Paaren. Wir hatten uns vorgenommen die interessantesten Stationen von damals noch mal aufzusuchen. Wir wollten sehen was sich seitdem dort verändert hatte und wir wollten versuchen auf Leute zu treffen, die wir damals getroffen hatten. Regina erzählte mir sogar, dass sie sich vorstellen könnte darüber ein kleines Buch zu machen. Veränderungen die nach Jahren an einem Ort eingetreten sind, Menschen wieder zu begegnen die man vor Jahren getroffen hatte, das sei doch interessant für eine winzige Studie. Gemeinsam studierten wir vor Monaten noch Landkarten um die grobe Route abzustecken.

Mehr Reisevorbereitungen hatten wir nicht getroffen. Einzig die Urlaubsvertretung für die Fabrikpforte hatte ich organisiert. Im Vordergrund standen die Abgabe unserer Abschlussarbeiten und die Organisation des Abschlussfestes. Die Frage wie es mit dem Job an der Pforte für mich weitergehen sollte, nachdem das Studium beendet war, spielte gar keine Rolle. Ich hatte keinerlei Perspektive für mich entwickelt. Der Urlaub war in meinem Kopf verschwunden aber trotzdem anvisiert.

An meiner Abschlussarbeit hatte ich in den letzten Wochen auf Hochtouren getippt. Wir beide nutzten den frühest möglichen Abgabetermin. Die Prüfungen schrieben wir zum frühest möglichen Termin. Unsere Studienzeit hatten wir wegen unserer Jobs nicht in die Länge gezogen. Regina wäre eine Zeitverkürzung am liebsten gewesen. Das gab die Studienordnung aber nicht her.

Ich saß am Pförtnerschreibtisch, die Teetasse in beiden Händen, die Ellenbogen auf den Schreibtisch gestützt. So lauschte ich dem regelmäßigen Surren der beiden Computer am Tisch hinter mir. Durch das große Fenster das ich gekippt hatte, strömte warme Sommerluft herein. Draußen blies ein leichter Sommerwind. Die Sonne beleuchtete die in ihr glänzenden grünen Blätter riesiger Buchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ich sah ein sattes, kräftiges Grün in den Bäumen und dahinter eine von Blumen bewachsene hohe Wiese. Die war mir in all den Jahren gar nicht aufgefallen. Ihre Gräser und bunten Sommerblumen bewegten sich im leichten Wind. Ich hörte trotz des gekippten offenen Fensters wegen dem Surren der Lüfter in den Computern aber nichts von diesem Wind. Die Äste der Bäume und die Gräser bogen und legten sich in dessen Richtung.

Ich ging zu den Computern und zog deren Stecker aus der Steckdose. Jetzt stellte alle Pflanzen mit ihren Töpfen vom Fensterbrett weg auf den hohen Tresen. Ich öffnete das große Fenster beim Pförtnerschreibtisch und setzte mich wieder an den Schreibtisch und blickte nach draußen. Der Wind sorgte für ein leichtes Rascheln in den Blättern der riesigen Buchen. Das wurde nur manchmal vom Lärm vorbeifahrender Autos unterbrochen. Der Wind roch nach Sommer. Es war der Duft einer Welt die direkt vor mir lag.

Zum ersten Mal in diesem Sommer sah ich draußen zwischen den Gräsern surrende Bienen nach Nektar suchen und dabei den Blütenstaub von Blüte zu Blüte verteilen. Das erinnerte mich daran, dass dies die Lehrerin früher im Unterricht ausführlich erklärt hatte. Es hatte mich aber nie wirklich interessiert. Ich wollte gar nicht wissen, dass es wahr war, dass es tatsächlich geschah und in der Natur beobachtet werden konnte. Stattdessen war das zu einem Lernstoff für mich geworden, den ich damals an richtiger Stelle wiedergekäut ausspuckte.

Ich verließ die Pforte und setzte mich mitten in die Blumenwiese hinter der gegenüber liegenden Straßenseite. Dort erlebte ich minutenlang was vor sich ging. Es waren massenhaft Insekten unterwegs die ihrer alltäglichen natürlichen Beschäftigung nachgingen.

Was war meine Beschäftigung? Ich hatte keine Beschäftigung mehr, denn ich hatte sie in den Wochen zuvor erfolgreich abgeschlossen. Die Prüfungen waren geschafft, alle Arbeiten waren geschrieben. Auch wenn das Ergebnis der Abschlussarbeit noch aus stand, war sicher, dass ich es geschafft hatte. Was war meine Aufgabe? Ich erhob mich aus dem surrenden Leben in der Blumenwiese. Am Schreibtisch mit Blick auf das Leben überlegte ich und dachte an mich und an das was mein Leben inzwischen geworden war.

Abends lag ich mit offenen Augen auf meinem Bett in meinem kleinen Zimmer unter den Dachschrägen. Nachmittags hatte ich keine Antwort auf meine Frage gefunden. Ich war noch mehrmals über die Blumenwiese gestreift, hatte sie zweimal umrundet, hatte verschiedene Käfer, Ameisen und anderes kleines Getier gesehen.

Das Licht in meinem Zimmer schimmerte wie immer in einem matten gelblichen Ton. Von der Lampe auf dem Nachttisch wurde es über die schräge Decke an die Wand neben dem Bett geworfen. Dort warf es einen runden Schatten von der Ballondeckenleuchte die im leichten Sommerwind, der durch das offene Fenster blies, hin und her schwankte. Rechts von dem bewegten Schatten warf das Licht der Nachttischlampe eine beinahe rechteckige, erstaunlich hell erleuchtete Fläche an die Wand. In Mitten dieser Fläche sah ich Regina. Sie lächelte mich an. Ihre dunklen großen Augen blickten in linke Richtung genau zu mir. Ich richtete mich auf und sah ihr in die Augen. Sie hatte ein Lächeln auf den Lippen das ich seit vielen Jahren kannte. Ihre Augen waren klar, so wie sie es immer gewesen waren. Ihr Blick sagte zu mir, dass ich jetzt nichts sagen sollte. Ich sollte sie nichts fragen denn die Antwort kannte ich bereits. Ich sollte schweigen und nachdenken dann komme die Antwort von selbst. Das war alles.

Am Sonntag saß ich mit einer Straßenkarte von Deutschland die ich auf dem Weg zur Fabrik an einer Tankstelle gekauft hatte, mit dem Bilderrahmen aus dem Regina blickte, den ich von meiner Wand im Dachzimmer der Villen-WG genommen hatte und mit meinem Taschenmesser am Schreibtisch in der Fabrikpforte. Ich legte alles säuberlich auf die Schreibtischplatte. Mein Taschenmesser hatte ich in der hintersten Ecke meiner Schreibtischschublade nach langem Suchen gefunden.

Ich stützte beide Ellenbogen auf die Schreibtischplatte und versuchte vorsichtig die Klinge des Taschenmessers zu öffnen. Die saß hoffnungslos fest. In der Küche badete ich das Messer in heißem Wasser. Das brachte nichts. Das Messer wollte sich nicht öffnen. Also ging ich an unser Gewürzfach. Dort fand ich Olivenöl, das ich in das Messer träufelte. Ich legte es auf den Rücken damit das Öl in die Klinge und vor allem in die Mechanik des Messers laufen konnte. Ich ließ es minutenlang einwirken. Ich lehnte mich wieder an der Wand an. Jetzt roch ich unsere Gewürze aus dem offenen Fach. Ich sah dort alles stehen was Regina hier regelmäßig zum Kochen benutzt hatte. Ich öffnete den Mülleimer unter der Spüle, nahm ihn aus der Halterung und stellte ihn auf die Arbeitsplatte unterhalb unseres Schrankfaches. Die Gewürze schob ich klirrend und scheppernd in den Mülleimer.

Das Taschenmesser ließ sich wieder öffnen. Ich spülte es noch einmal heiß ab, bewegte die Klinge mehrfach hin und her. Ich wollte dass diese Übung dem Messer zeigte, dass mir dessen Funktion jetzt wieder wichtig geworden war. Vorsichtig schob ich die Klinge des Messers seitlich in den Bilderrahmen, drehte sie langsam hin und her um so die Rückwand des Rahmens möglichst unbeschadet von der kleinen Glasplatte mit dem Foto zu lösen. Zwischen der Rückwand und dem Foto fand ich das Schreiben genauso wie ich es vor Jahren dort hineingesteckt hatte. Ich legte es auf den Tisch neben die Landkarte. Das Foto von Regina ließ ich auf der Glasscheibe und schloss den Rahmen wieder.

Im Gang zum Büro des Chefs stand ein Fotokopierer. Den warf ich an und kopierte das Schreiben dreimal. Ich zog aus der Schreibtischschublade im Pförtnerbüro eine Klarsichthülle in die ich das Original des Schreibens vorsichtig hinein schob. Danach legte ich Hülle und Kopien in einen grauen Aktendeckel den ich zusammen mit Reginas Foto in meinem Rucksack verstaute.

27. Abreise

Morgens war die Sonne wie Feuer aus einem fernen Vulkan empor gestiegen. Am Horizont, an dessen Ende die Autobahn verschwand, sah ich einen Wolkenstreifen der sich nach oben wie dichter dunkler Rauch in der Atmosphäre verteilte. In der Mitte des Rauchs strahlten dunkelrote und gelbe Linien hinauf in den Himmel. Nach Minuten stieg ein Feuerkegel aus der weit entfernten Rauchwand empor, der den gesamten Qualm in ein rot-gelbes und orangefarbenes Meer verwandelte. Rechts sah ich plötzlich ein riesiges blaues Schild das mit dem entfernten Vulkan nichts gemein hatte. Ich blinkte und fuhr in dessen Richtung ab. Sein Pfeil führte mich auf eine leichte Anhöhe. Ein Parkplatz der sich einfach „Alp“ nannte.

Minutenlang saß ich in dem Wagen, einem geliehen VW-Käfer, orangefarben wie das Sonnenfeuer auf der Anhöhe dieses Parkplatzes. Ich starrte durch die Windschutzscheibe hinaus. Ich gähnte laut und intensiv vor mich hin. Das störte niemanden, denn ich saß allein im Käfer. Den hatte ich von Ulli, einem Villen-WG-Mitbewohner geliehen. Der plante die gesamten Semesterferien auf Reisen zu sein. Mit seiner Freundin zog es ihn nach Nordamerika, nach Mittelamerika, nach Südamerika und nach Patagonien. Ich versprach Ulli mich sehr gut um sein Auto zu kümmern.

Während es Ulli irgendwohin in die Weltgeschichte trieb gehörte sein Wagen mir. Ich dürfe damit herum fahren oder verreisen wenn die Kiste im Oktober zu Semesterbeginn repariert und fahr tüchtig wieder vor der Villen-WG stünde. Das garantierte ich. Es waren kleinere Reparaturen nötig die ich dem Käfer am Wochenanfang angedeihen ließ. Neuer Keilriemen, Ölwechsel, neue Zündkerzen, ein neuer Verteilerfinger, ein kleines Loch zu schweißen im linken Schweller. Der Experte vom TÜV war zufrieden. Der Wagen lief einwandfrei. Selbst die Heizung die sich beim Käfer üblicherweise im Sommer nicht abschalten ließ, konnte ich abschalten.

„Fast zwanzig Jahre alt die Kiste, x-mal über lackiert, aber technisch einwandfrei!“
Das meinte der Mann vom TÜV und klebte die ersehnte Plakette auf das Nummernschild. Ulli konnte zufrieden sein.

Nachts schlief ich nur kurz ein. Um drei Uhr morgens war ich aufgewacht. Ich wollte schnell auf die Toilette und danach wider einschlafen. Damit war aber nichts. Ich lag wach und schwitzte in der warmen Dachkammer. Ich schaltete das Nachttischlicht ein. Im hellen Schimmer an der Wand sah ich sie wieder. Sie strahlte mich von dort aus an, wie seit Jahren. Ich richtete mich an der Bettkante auf, nahm das Bild von Regina vom Haken, sah es noch einmal an und versenkte es in der Ecke meiner Schreibtischschublade, dort wo ich Tage zuvor mein Taschenmesser gefunden hatte.

Ich wollte mich von den Villen-WG-Mitbewohnern, die nicht wie Ulli in den Urlaub verreist waren, morgens noch verabschieden. Aber ich war viel zu früh dran. Am Abend zuvor hatte ich das Auto mit meinem Schlafsack und meiner Isomatte bepackt und vorne unter die Haube eine halbe Autowerkstatt eingeladen. Morgens steckte ich noch die Zahnbürste und einige Kleinigkeiten in meinen Rucksack. Den Rucksack und eine Tüte mit Proviant warf ich in der Dunkelheit in Ullis Käfer. Dann schmiss ich den Motor an und fuhr los.

Gähnend genoss ich den Blick über die schwäbische Alp hinüber auf die immer heller werdenden feurig roten Wolkenmauern am fernen Horizont. Die Luft auf der Anhöhe war klar und erfrischend. Ich rannte einige Runden wie ein Getriebener auf dem Grünstreifen am Parkplatz auf und ab. Danach setzte ich mich in den Käfer und kramte aus der Provianttüte eine Thermoskanne hervor.

Morgens hatte ich nicht darauf verzichtet in der Küche der Villen-WG so leise wie möglich meinen Kaffee zu kochen. Ich wusste, dass ich Stunden später unweigerlich darauf angewiesen sein würde. Die Thermoskanne hatte ich zusammen mit dem Proviant in einem riesigen Supermarkt einer großen Kette gekauft. Ich hatte die Kanne zufällig im Vorbeigehen gesehen. Weil man auf die Kanne direkt einen Kaffeefilter aufsetzten konnte, erschien mir das für meine Reise sehr praktisch. Also hatte ich den Filter einschließlich Filterbeutel und Kaffee gleich mitgenommen. Das alles hatte ich in die Gepäckablage hinter der Rücksitzbank geworfen.

Der Kaffee war meine Rettung. Ohne ihn wäre mein Weiterkommen nicht möglich gewesen. Ich warf den Motor an und setze meine Fahrt fort. Es war egal in welchem Reisetempo ich mich fortbewegte. Ich war deshalb auf höchstens einhundert Stundenkilometer fixiert. Der Kilometerstand auf dem Tacho des Käfers zeigte hundertachtundneunzigtausend an. Der Motor machte auf mich nicht den Eindruck, dass er das wirklich schon auf dem Buckel hatte. Ganz sicher war ich jedoch nicht, denn die fünf Vorbesitzer, die in den Papieren eingetragen waren, könnten deutsche Autopfleger gewesen sein. Regelmäßige Motorwäsche bewirkt viel. Deshalb wollte ich dem Motor auf keinen Fall zu viel zumuten. Ohnehin bedingte mein Fahrtziel ganz eindeutig, dass der Kilometerzähler irgendwann während dieser Reise Zweihunderttausend überschreiten würde. Das wäre für einen Vierunddreißig-PS-Käfermotor schon einiges.

Mein Fahrtziel war die ferne Ostseeküste. Auf der Straßenkarte hatte ich mir die schnellste Route mit einem roten Stift markiert. In den finsteren Stunden seit der Abreise war ich aber noch nicht sehr weit gekommen. Ich hatte die schlechte Beleuchtung des Autos unterschätzt. Der neue Keilriemen war dringend notwendig gewesen. Ich hatte aber nicht begriffen, dass er nicht das primäre Problem gewesen war. Das waren eher die Kohlenkontakte in der Lichtmaschine. Die hätte ich besser ausgewechselt. Die Beleuchtung war so schummrig schwach, dass sie eigentlich vom TÜV hätte bemängelt werden müssen. Da die Scheinwerfereinstellungen aber perfekt gewesen waren und alle Leuchten einwandfrei funktioniert hatten, war da nichts bemängelt worden. Ich war bislang mit dem Auto nie bei Stockfinsternis unterwegs gewesen. In der Stadt auf meinem Weg zur Fabrik am Wochenende, wofür mir Ulli das Auto manchmal geliehen hatte, war mir die schwache Beleuchtung nie aufgefallen.

In meinen Werkzeugkisten unter der Haube vermutete ich noch ein paar gebrauchte, aber nicht abgeriebene Kontaktkohlen von einer alten Käfer-Lichtmaschine die ich vor Jahren mal komplett erneuert hatte. Die alte Lichtmaschine war völlig durch geschmort und schließlich komplett abgeraucht. Ich musste sie wegwerfen. Zuvor hatte ich alle noch brauchbaren Teile abgebaut. Die Lichtmaschine stand als erste kleine Reparatur an Ullis Käfer auf meinem Reise-Reparaturplan. Die Fahrt bei Tageslicht verlief viel angenehmer als bei Dunkelheit. Tagsüber war ich mit dem Käfer kein Verkehrshindernis mehr.

Das Radio brachte leider nur rauschende knackende Sender hervor. Die Verkabelung schien keine korrekte Entstörung zu haben, denn ich hörte das Getöse des Motors deutlich im Radio. Das war ein surrendes an-und-ab schwellendes Brummen. Es würde die zweite Kleinreparatur an Ullis Käfer werden. Auf Dauer wurde etwas das bei kurzen Fahrten zwischen Villen-WG und Fabrik kein Problem gewesen war, zur nervigen Begleiterscheinung. Auf der langen Fahrt war ein Autoradio fast über-lebensnotwendig um nicht an einer tödlichen Dosis Langeweile oder an tief schürfender Gedankenpflege einen langsamen Lenkradtod zu sterben. Kurz nach Werneck Richtung Petersberg, Bad Hersfeld und Kassel fuhr ich an einem großen Parkplatz raus. Im Auto war es heiß geworden.

Auf dem Parkplatz öffne ich die Motorhaube und ließ sie offen stehen. Ich erhoffte mir von den letzten Kaffeetropfen, dass sie mir die Augen weit öffneten und mich wieder fit machten. Es gab leider keinen Grünstreifen auf dem ich auf und ab laufen konnte. Die Hitze hätte mir das wahrscheinlich auch kräftig verleidet. Ich zog zwei trockene Brotscheiben aus der Provianttüte, dazu gab es geschmolzenen Käse. Das schmeckte etwas eigenwillig war mir aber egal denn ich hatte richtig Hunger bekommen.

In der Raststätte kaufte ich teuren Süßkram den ich mir während der Fahrt einverleiben wollte. Zwei Flaschen Wasser kosteten mich unglaubliche drei Mark neunzig. Die mangelhafte Planung meiner Provianteinkäufe im neuen Einkaufsmarkt in der Nähe der Villen-WG kostete mich nun bares Geld. Wie selbstverständlich fiel mir bei diesen Gedanken im Laden der Autobahnraststätte Regina ein. Ihr wäre so etwas nicht passiert. Mit ihr wäre ein perfekter Einkauf vor der Abreise garantiert gewesen. Der Mist den ich in meiner Provianttüte dabei hatte, wäre ihr niemals zu kaufen eingefallen. Der billige Käse und dazu dieses trockene Brot: Mit Regina unmöglich.

Martin trug ein dunkelgraues Baseballkäppie. An der Kasse in der Raststätte war er mir aufgefallen. Ich hatte ihn dabei beobachtet wie er eine rot-weiße Schachtel Zigaretten in seinen ausladenden Hemdsärmeln verschwinden ließ. Er trug ein orange braun gesteiftes, sehr weites Hemd, dessen lange Ärmel er nicht nach oben gekrempelt hatte. Das fiel auf, denn die Hitze des Tages verleitete die Menschen dazu, sich von möglichst vielen Kleidungsstücken zu befreien oder zumindest die von denen man sich nicht befreien konnte oder wollte, möglichst hoch zu krempeln.

Der Diebstahl wurde von der Kassiererin nicht bemerkt. Ich beobachtete ihn von hinten aus der wartenden Schlange an der Kasse. Das hatte er nicht sonderlich geschickt gemacht. Außer mir warteten noch weitere Kunden an der Kasse mit Blick auf Martin, die nach meiner Meinung Selbiges beobachtet haben mussten. Keiner der Kunden einschließlich mir machte die Kassiererin auf Martin und seine Tat aufmerksam. Alle die vor mir in der Kassenschlange warteten, verließen den Laden ohne ihre Beobachtung der Kassiererin anzuzeigen.

Draußen sah ich Martin wieder. Er stand hinter Ullis Käfer und begutachtete rauchend den geöffneten Motor.
„Luftkühlung?“, fragte er und blies mir dabei lässig den Qualm seiner Kippe von der Seite ins Gesicht.
Ich wedelte das beiseite während ich nickte. Ich stellte die Wasserflaschen auf dem heißen Autodach ab, schloss die Beifahrertür auf und warf den gekauften Süßkram ins Handschuhfach.
„Ich bin Martin und hätte da mal so ne Frage.“
Er reichte mir die Hand, die ich ergriff und schüttelte.
„Schieß los Martin, mit deiner Frage.“

Zusammen mit Martin fuhr ich den immer heißer werdenden Nachmittag lang im Käfer auf der Autobahn Richtung Kassel. Er hatte beim Einsteigen nicht nur die Ärmel seines Hemdes hoch gekrempelt, sondern er zog das Ding gleich ganz aus und warf es zusammen mit seinem, wie das Hemd, orange-braun gestreiften Rucksack auf die Rücksitzbank. Sein Ziel lag in einem Ort nördlich von Kassel. Er war von Stuttgart kommend an der Raststätte abgeladen worden. Sein „Lift“, wie er das nannte, konnte ihn wegen eines anderen Fahrtziels nicht weiter im Wagen behalten. Er hatte sich mit dem Fahrer beratschlagt und die Raststätte als guten Umsteigepunkt gewählt. Drei Stunden lang hatte er nach einem weiteren „Lift“ Richtung Kassel Ausschau gehalten.

Die Einzigen die bereit gewesen wären ihn mitzunehmen, seien einige „Ossis in ihren Klitschen“ gewesen, die ja seit letztem Jahr „rübergemacht“ hätten und die nun die Raststätten überrannten, weil sie offenbar nur noch auf Reisen wären. In so eine „Schaukel“ wollte er aber nicht einsteigen.

Warum er das nicht wollte konnte mir Martin nicht sagen. Martin äußerte handfeste Vorurteile. Die richteten sich gegen „die Ossis“, weil die ihm wohl an dem Tag auf der Raststätte besonders aufgefallen waren. Die Wiedervereinigung war für Martin ein unverständliches Drama, mit dem er niemals gerechnet hatte. Natürlich hätten die Menschen gleiche Rechte wie wir, doch warum so fragte Martin, musste deshalb die Mauer fallen und die Grenze geöffnet werden? Jetzt könnte er nicht mehr so schön mit seiner Schwester hinüber fahren und seiner Tante östlich von Berlin, die leckeren Schokoladen mitbringen, über die sie sich jahrelang immer so gefreut habe. Die Schokolade könnte sich die Tante jetzt selbst kaufen.

„Warum das alles?“

Das war eine schöne Frage von Martin, auf die ich mich aber nicht einließ. Das war auch gar nicht nötig, denn er erwartete von mir keine Antwort. Er sprach die Frage aus wie eine Erkenntnis, die er aus seinem Inneren hervorgehoben hatte. Er formulierte sie als Frage, meinte das wohl aber eher rhetorisch. Seine Frage war eigentlich eine schlichte Mitteilung. Sie war eine nebensächliche Erwähnung in einem längeren Bericht, im Grunde einem Redeschwall ohne Punkt und Komma.

Dass ich diesen Menschen von der Raststätte mitgenommen hatte brachte mir zunächst als einzigen Vorteil, dass er mich wach hielt, weil er unentwegt sprach, über sich selbst laut lachte und auf seine Fragen offenbar grundsätzlich keine Antworten erwartete. Diese Art der Unterhaltung mit Martin auf der Autobahn kam mir, bei allem Unsinn den der von sich gab, sehr entgegen. Ich war auch mit den Rauchpausen die wir jede halbe Stunde einlegten sehr zufrieden, denn die Hitze des Nachmittags war in dem Käfer fast unerträglich geworden.

Martin hatte erstaunlicherweise gar nicht vor in dem Käfer zu qualmen. Er sprach von einer Sache des Anstands gegenüber dem Chauffeur. Er wollte mir aber eine „gute Offerte“ unterbreiten. Es sei ihm sehr daran gelegen um regelmäßige Pausen zu bitten, damit er seinen „Nikotinbedarf“ decken, aber mich vom Rauchen im Auto verschonen könnte. Für mich war das Angebot das mir mein Fahrgast unterbreitete eine gut anzunehmende „Offerte“.

Anfangs war ich von Martins gewählter Ausdrucksweise überrascht. Die passte so gar nicht zu seinem Auftreten an der Kasse in der Raststätte, zu seiner Kleidung und zu seinen anfänglichen Sprüchen über die Menschen aus Ostdeutschland. Im Laufe der Fahrt mit ihren qualmenden Pausen merkte ich aber, dass Martin mit seiner Sprache eine Art Lebensgefühl ausdrückte. Ich verstand das als eine Art alltägliches Theaterspiel das Martin permanent betrieb, das in seiner Sprache ihren Ausdruck fand. Damit lockerte er den heißen Nachmittag im Käfer auf.

Mein Kopf kochte vor Hitze. Schweiß lief mir den Rücken runter. Länger als eine halbe Stunde den Wagen zu steuern war unmenschlich geworden. In meinem Genick spürte ich eine schmerzliche Versteifung die wahrscheinlich mit den geöffneten Fenstern zu tun hatte. Bei geschlossenen Fenstern wäre die Fahrt aber unmöglich gewesen. Schon deshalb waren die halbstündigen Pausen für mich wichtig, um mich am Nacken ein wenig zu massieren und dem Zug des Fahrtwindes zumindest kurzzeitig zu entgehen.

Meinen Geldbeutel hatte ich mir in die Hosentasche gesteckt, was beim Sitzen eher unangenehm war. Doch ich musste mich davor schützen, dass Martin sich daran vergriff, während ich auf die Toilette ging. Den Wagen konnte ich unmöglich absperren, die Türen mussten auf dem Parkplatz offen stehen. Die Hitze hätte sich darin so gestaut, dass die Weiterfahrt ein sicheres Hitzeschlagprogramm geworden wäre. Ich rekapitulierte welche Wertsachen ich in meinem Rucksack im Wagen hatte. Mir fiel aber nichts wirklich wertvolles ein so dass ich dass Risiko, dass Martin einen Blick in meinen Rucksack werfen konnte, einfach einging.

Stunden und Massen von Schweißperlen später passierten wir Kassel. Die Sonne stand schon recht tief, glühte aber immer noch. Martin war mit seinem Unterhaltungsprogramm am Ziel seiner Reise angekommen. Seine zauberhafte Schwester habe zu einer „tollen Geburtstagsfete“ in ihre „Datscha“ geladen. Der Ort nördlich von Kassel sei ein verschlafenes Kaff in das es ihn nur einmal im Jahr, eben zu Schwesters Geburtstag ziehe. Dieses Jahr gäbe es eine außerordentliche Veranstaltung, weil die Schwester zweiundzwanzig Jahre alt werde. Das sei ja wohl ein Grund zum runden Feiern!

Ich verstand nicht ganz was Martin an dieser Zahl rund fand. Aber das war wohl er. Für ihn war rund was groß angekündigt war. Martin sprach von mindestens einhundert Leuten die zur Fete am heutigen Abend geladen seien. Ich fand es etwas eigenartig für Donnerstagabend eine rauschende Geburtstagsfeier anzusetzen wo doch der Freitag hierzulande schon immer ein Arbeitstag gewesen war. Ich rechnete den Kalender durch, fand aber keinen Feiertag der auf den morgigen Freitag fiel. Dann begann ich mit der Rechnerei von neuem, weil ich mir plötzlich unsicher geworden war ob nicht doch schon Freitag war. Aber ich kam zu dem Ergebnis, dass ich mir genau drei Tage Zeit genommen hatte, um Ullis Käfer fit zu machen. In der Zeit hatte ich noch einen anderen Wagen, einen Golf, für einen ehemaligen Kommilitonen mit einer neuen Auspuffanlage ausgerüstet. Ich war mir ganz sicher, dass Donnerstag sein musste. Warum donnerstags groß feiern, wenn freitags kein Feiertag war um auszuschlafen?

Martin war jetzt soweit gekommen mir den genauen Weg zum Kaff seiner Schwester zu erklären. Es sei wirklich nicht weit dorthin. Wenn ich ihn dort hin bringen würde könnte ich sogar die Nacht über bleiben und mich ein bisschen an deren „coolen Pool“ entspannen. Da horchte ich gebannt auf. Meine Frage ob denn der Wochentag stimmte, hatte ich nicht gestellt. Martins Worte klangen in meinem überhitzten Kopf richtig gut. Denn ich klebte am ganzen Körper vor Schweiß. Jetzt antwortete ich Martin das erste Mal seitdem wir zusammen diese Reise im Käfer fortsetzten. Es war erstmals möglich auf ihn zu reagieren, weil ich an dieser Stelle den Raum einer Pause in Martins Redeschwall fand. Er war ruhig geworden. Martin schwieg sekundenlang.

„Ist das wirklich möglich? Ich schwitzte nämlich wie ein Elch!“
Die Frage und mein Spruch waren für Martin genau richtig. Ob Elche schwitzen wusste ich nicht, den Spruch hatte ich aber schon öfter an heißen Tagen von Kommilitonen an der Uni gehört.
„Na klar, das ist gar kein Problem!“
Martin rief das mehr zum Fenster hinaus als in meine Richtung. Danach setze er seinen Redeschwall, den er für diese Klärung unterbrochen hatte, fort. O.k. dachte ich mir. Bei dieser Hitze die am späten Nachmittag ihren Höhepunkt erreicht hatte, war ein kühler Gartenpool genau das was ich brauchte!

Die Strecke über die Landstraße zog sich. Erst mit Einbruch der Dunkelheit erreichten wir schließlich das Kaff von Martins Schwester. Die spärliche Beleuchtung am Käfer, die sich mir bei der Durchfahrt des beinahe unbeleuchteten Dorfes in Erinnerung rief, deutete an, dass ich mich wohl vor Tagesanbruch aus dem Kaff nicht mehr wegbewegen würde. Beim Aussteigen vor einem schmucken Einfamilienhaus spürte ich meine Klamotten an meinem Körper. Wie von einem Eimer heißen Wassers übergossen klebten sie an mir. Mein Kopf glühte von der Hitze. Ich hatte Kopfschmerzen und fühlte mich wegen des langen, heißen Tages und des dröhnenden Käfermotors wie benommen.

Für eine riesige Fete die hier von Martin angesagt worden war, lag das Haus erstaunlich ruhig, beinahe finster da. Auch der Gehsteig vor dem Haus war leer, wo ich doch auf Kilometer von parkenden Fahrzeugen gefasst war. Hinter einer dunklen hohen Hecke erkannte ich auf dem Grundstück das Wichtigste. Dezent beleuchtet lag er da, der versprochene Swimmingpool. Martin schien die Ruhe rund ums Haus und die fehlenden parkenden Autos der Gäste nicht zu stören. Er schlenderte in seinem weiten, offenen Hemd, seinen gleichfarbigen Rucksack auf dem Rücken, zielstrebig zur Haustür. Dort läutete er meiner Meinung nach etwas zu enthusiastisch, schien dabei aber die Ruhe selbst zu bleiben. Nach nur wenigen Sekunden wiederholte er sein Läuten. In dem erkannte ich nun die exakte rhythmische Wiederholung des Ersteren: „Ba baba bapp“.

Jetzt wurde die gewellte Milchglashaustür von einer schwarz haarigen jungen Frau geöffnet, die Martin und auch mich um zwei Köpfe überragte.
„Ja kommt ihr denn heute schon?“
Das rief die Frau Martin entgegen, während sie ihm sogleich um den Hals viel.
„Wir sind doch erst für morgen zum Feiern verabredet!“
Martins Schwester begrüßte auch mich. Sie fragte ob Martin unterwegs irgendwelche Dummheiten angestellt hätte. Der warf einen skeptischen Blick zu mir. Ich schüttelte überzeugend den Kopf.

Dass auf der Reise dieser Martin auftaucht, erinnert mich an meinen Song in meinem Album „the wrong song“. In diesem Song spreche ich von vergangener Zeit an einem schönen Ort und davon dass die guten Zeiten vorbei seien. Aber ich finde mein Song kling auch ein wenig so, als könne jeder Zeit wieder was gutes auftauchen, etwas wie dieser Martin, der einen völlig anderen Wind mitbringt als der Wind der bisher blies.

https://www.jamendo.com/track/1590404/summer_from_the_wrong_song_

28. Reisetempo

Die Schwester entpuppte sich als gesprächige Person wie Martin. Sie schien ihrem Bruder allerdings in jeglicher Hinsicht überlegen zu sein. Nach einer ausgiebigen, eiskalten Dusche servierte sie uns beiden ein reichhaltiges Abendessen mit einer Vielzahl von frischen Salaten, die sie für ihren Geburtstag am nächsten Tag vorbereitet hatte. Sie erwartete nicht ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag, sondern es war der siebenundzwanzigste. Eine Zahl die noch weniger rund war. Das interessierte Martin aber gar nicht. Für ihn stand am nächsten Tag ein Runder an.

Wir saßen bis tief in die Nacht im Garten vor dem Pool am Abendbrottisch. Um zwölf Uhr stießen wir mit der Schwester auf ihren Geburtstag an. Wir ließen uns von Martin unterhalten dem eine lustige Geschichte nach der anderen aus seiner Wohngemeinschaft einfiel. Er wohnte seit Jahren nahe bei Stuttgart. In Martins Geschichten tauchte irgendwann auch der Tag unserer heutigen gemeinsamen Autofahrt auf. Er habe auf der Autobahnraststätte mal einen coolen Typen kennen gelernt, der ihn in dessen „Mobil“ stundenlang bei glühender Hitze durch die Landschaft gekarrt habe. Den habe er schließlich nach Hause zu seiner Schwester gelotst, obwohl der eigentlich wo anders hin wollte. Er habe ihn den halben Tag lang im Auto voll gequatscht, wurde von dem deshalb aber nicht raus geschmissen, so wie zuvor von anderen, die ihn mitgenommen hatten. Er durfte sogar jede halbe Stunde eine lässige Zigarette in Pausen auf dem Parkplatz rauchen. Das wäre richtig cool gewesen.
„Was ist denn daran so cool gewesen?“, fragte ich Martin.
„Bist einfach ’n cooler Typ“, antwortete der darauf. Er lachte mich jetzt nicht nur an, wie er es Nachmittags im Auto die ganze Fahrt über immer wieder getan hatte, sondern er fiel mir jetzt regelrecht um den Hals.
„Mit dir könnte ich ne Weltreise machen, in deinem super Bluesmobil!“
„Ich will aber nur bis zur Ostseeküste.“
„Macht gar nichts, ist ja auch ein großes Meer. Ich liebe das Meer!“
Martin lachte und fiel mir nochmal um den Hals.
Die Schwester sagte:
„Lass mal Martin, lass den Mann mal in Ruhe sein Bierchen trinken.“
„Ist kein Problem. Das tue ich ja schon den ganzen Abend lang.“
„Ich liebe das Meer, ist echt cool der blaue weite Teich! Das ist toll da wo du hin willst.“

Mit Martins Schwester kam ich am frühen Morgen gegen zwei Uhr ein wenig ins Gespräch. Martin hatte sich auf eine Liege vor dem Pool gelegt, wo er eingeschlafen war.
„Er ist wirklich ein lustiger, aber manchmal gibt ’s auch Probleme. Vor allem dann, wenn er in seinen Geschichten zu maßlos übertreibt und er damit dubiose Leute anlockt. Aber er ist echt o.k.“

Ich nickte bestätigend denn der heiße Nachmittag im Wagen mit Martin war insgesamt völlig unproblematisch. Von seinen Geschichten hatte ich profitiert weil ich es nur durch sie so lange in der Hitze hinterm Lenkrad ausgehalten hatte und nun sogar eine frische Dusche, ein herrliches Abendessen und kühle Getränke in einem Garten am Pool genießen konnte.
„Bleiben Sie morgen noch hier?“
„Bitte nicht schon wieder „Sie“, ich bin Bernado, das hatten wir doch schon geklärt.“
Christine erzählte, dass sie am nächsten Tag etwa zwanzig Leute erwarte und dass mittags auch ihr Mann endlich wieder nach Hause komme. Der sei viel auf Reisen. Er verkaufe weltweit komplizierte Elektronikbauteile für Produktionsanlagen.
„Ich weiß noch nicht recht.“
„Martin würde sich echt freuen. Der hat Sie, äh Dich, glaube ich irgendwie lieb gewonnen.“
„Tja das glaube ich auch. Obwohl ich bislang kaum zu Wort gekommen bin.“
„Das gehört zu Martin, der quatscht am Anfang jeden voll. Das ist seine Art der Kontaktaufnahme. Aber man merkt, dass Du bei ihm gelandet bist. Sonst würde er ganz anders reden. So wie über die anderen Autofahrer die ihn rausgeworfen haben.“
„Hmm, kann schon sein.“
Ich nickte, denn ich kannte ihren Bruder ja erst einen knappen Tag lang.
„Wenn Martin jemanden schätzt, lässt er sich von dem auch mal etwas sagen. Manchmal geht er nämlich ein bisschen zu weit, dann muss man ihn bremsen. Ich glaube Sie hätten da gute Chancen.“
“Ich musste ihn bisher aber noch nicht bremsen.“

„Ich kenne meinen Bruder seit siebenundzwanzig Jahren. Ich habe immer für ihn gesorgt. Seitdem er in dieser Wohngemeinschaft lebt, geht es ihm viel besser als früher, denn da kann er so leben wie er möchte. Zuvor verbrachte er einige Jahre in einem größeren Heim, das war nichts für ihn, denn von da kam er kaum mehr raus. Deshalb habe ich für ihn diese Wohngemeinschaft gesucht. Das funktioniert viel besser. Manchmal übertreibt er es, so wie heute. Er hätte eigentlich erst morgen kommen sollen und er hätte mit dem Zug fahren sollen. Weil er aber das Autofahren so cool findet, hat er sich mal wieder an die Autobahnauffahrt gestellt. Deshalb ist er auch schon so früh losgefahren, denn manchmal nimmt ihn keiner mit. Dann hätte er eventuell meinen Geburtstag morgen verpasst und er hätte dafür gesorgt, dass wir anstatt zu feiern eine Vermisstenanzeige aufgeben und eine Suchaktion nach ihm hätten starten müssen!“

„Dann hat er mir ja während der Fahrt absichtlich was schönes auf die Nase gebunden.“
„Was denn?“
„Er hat erzählt, dass der Geburtstag heute wäre, dass es ein runder wäre und dass eine riesige Fete mit hundert Gästen steigt.“
Sie lachte jetzt schallend.
„Genau das ist Martin! Er weiß was er zu erzählen hat damit er erreicht was er erreichen will. Er wollte mit Dir hier auftauchen. Das war sein Ziel. Da war es für ihn kein Problem Dir das vorzugaukeln.“
„Das hat ja sehr gut geklappt. Immerhin seine Werbung mit dem kühlenden Pool war richtig.“
„Übrigens hätte er das nicht mit jedem gemacht. Du hast bei ihm schon irgendeinen Stein im Brett, er findet Dich wirklich cool. Warum weiß nur er und er wird es dir ganz bestimmt nicht sagen. Aber er weiß auch, dass du mitkriegen wirst, was mit ihm los ist, weil er Dich mit hierher gebracht hat und Du jetzt mit mir sprichst. Das erlaubt Martin nur coolen Leuten.“ „Immerhin ist von dem was er erzählt hat wahr, dass du jetzt tatsächlich Geburtstag hast. Ich glaube ich werde morgen noch bleiben. Ich habe es eigentlich nicht wirklich eilig. An die Ostsee komme ich auf jeden Fall.“
Wir reichten uns die Gläser zum prost.
„Das findet Martin bestimmt richtig cool.“

Am nächsten Tag wachte ich auf einem Bettsofa das Martins Schwester für mich bezogen hatte im Zimmer von Martin auf. Martin röchelte auf dem Rücken liegend in seinem Bett. Da hinein hatte er sich früh morgens, als wir zu Bett gingen, mit letzter Kraft von seiner Pritsche am Pool geschleppt. Durch das Fenster zum Garten sah ich einige Sonnenstrahlen herein blitzen die den feinen Staub im Zimmer in klaren Streifen in die Luft malten. Auf meiner Armbanduhr erkannte ich, dass der Mittag schon weit voran geschritten war. Es war halb vier Uhr Nachmittags geworden. Ich hatte geschlafen wie ein Stein. Das Zimmer war bis jetzt kühl geblieben. Es lag auf der Nordwestseite des Hauses, beschattet von hohen Bäumen durch die offenbar erst Nachmittags einige Sonnenstrahlen ihren Weg in den Raum fanden.

Das Geburtstagsfest wurde nicht zuletzt wegen Martin sehr lustig. Er unterhielt sich mit allen Gästen, hatte für jeden einen heiteren Spruch auf den Lippen, tobte sich im Pool aus und peitschte abends als Diskjockey hinter dem Plattenteller die Stimmung nach oben. Christines Mann war ein ruhiger Typ der sich hinter dem Gartengrill platzierte und den Gästen jeden Grillwunsch erfüllte. Spät nachts, als die letzten Gäste sich verabschiedet hatten, saßen wir zu viert am Tisch neben dem Pool.

„Irgendwann ist auch das schönste Fest zu Ende.“
„Tja leider!“, meinte Martin und zog sekundenlang eine aufgesetzte Trauermimik.
„Fährst du denn Morgen wirklich an die Ostsee?“
„Klar! Das ist mein Reiseziel.“
„Wann willst Du denn losfahren?“
„Schätze mal etwa so um zehn Uhr.“

Am nächsten Morgen weckte mich meine Armbanduhr um viertel nach neun Uhr auf. Im Zimmer von Martin war es wegen des Schattens der Bäume noch relativ finster. Ich drehte mich auf den Rücken und versuchte mich auf Martins Röcheln zu konzentrieren. Aber es war nicht da. Ich richtete mich auf und sah, dass Martin gar nicht in seinem Bett lag.

Unten am Frühstückstisch saßen Christine und ihr Mann. Sie boten mir Kaffee an, den ich dankend nahm.
„War ja eine ziemlich kurze Nacht, da brauche ich dringend einen starken Kaffee, hab ja eine weite Reise vor mir heute.“
Ich setzte mich und begann mir ein Butterbrötchen zu schmieren.
„Wo ist denn eigentlich Martin geblieben?“
„Der sitzt seit halb Neun bei Dir im Auto.“
„Wie bitte?“
„Der hat sich da rein gesetzt mit Schlafsack, Isomatte, Rucksack und bockt.“
„Was will er denn da?“
„Der will an die See. Er will mitkommen mit Dir.“
„Oje das ist ja was!“
„Der lässt sich nicht davon abbringen. Er hat keine Lust heute oder morgen mit dem Zug nach Stuttgart zurück zu fahren. Er will mit dir zusammen in den Urlaub an die See weil er jetzt sowieso Ferien hat und meint das wäre die ideale Gelegenheit endlich ans Meer zu kommen.“
„Was machen wir denn da?“
„Keine Ahnung. Wenn der eine Idee im Kopf hat, kann ’s echt schwierig werden.
„Dann brauchen wir gute Argumente dagegen.“
„Puhh. Welche könnten denn das sein?“

Ich nahm einen tiefen Schluck aus der Kaffeetasse der wirklich gut war. Ich spürte meine Müdigkeit langsam schwinden. Ich merkte, dass mein Hirn jetzt langsam begann in Schwung zu kommen.
„Ich habe oben an der Ostsee nichts gebucht, ich habe dort keine Unterkunft, ich weiß nicht genau wohin mich meine Reise an die See führen wird. Sind das gute Argumente?“
Kopfschütteln bei Christine und ihrem Mann.
„Ich brauche Ruhe und Luft an der Ostsee, ich will die frische See genießen.“
Erneutes Kopfschütteln.
„Ich wollte eigentlich alleine reisen. Ich bin ein Einzelgänger, ein Individualist und mein Auto ist klein und eng.“
Wieder Kopfschütteln.
„Ich kenne Martin eigentlich gar nicht, zumindest hatte ich ihn vorgestern noch nicht gekannt.“
„Kein Grund ihn jetzt nicht richtig kennenzulernen.“
Das sagte der Mann von Christine unvermittelt. Die sah ihren Mann überrascht an und schüttelte den Kopf.
„Warum eigentlich nicht?“, fragte ich.

Nach einer halben Stunde Fahrt auf der Autobahn steuerten wir den ersten Parkplatz an. Martin lehnte lässig am Wagen und paffte eine lange Zigarette, die er aus seiner rot-weißen Schachtel gepult hatte.
„Hab‘ ein cooles Tape dabei. Ist mein Lieblings-Tape! Können wir das nachher mal einwerfen?“
„Äh, ich hab‘ keine Ahnung ob das Ding überhaupt funktioniert. Das Auto gehört nicht mir, hab es von einem Kumpel geliehen der Ulli heißt. Das Radio läuft das hab ich schon getestet. Aber der Kassettenrecorder? Das weiß ich nicht. Hast du denn mehr Kassetten als nur deine Lieblingskassette dabei?“
„Ja! Vier Stück, alle toll und cool, von meiner lässigen Lieblingsband!“
„O.k. Martin. Aber wir sollten sicherheitshalber erst den Kassettenrecorder mit einer schlechten Kassette testen. Denn wenn das Ding kaputt ist, dann frisst die Maschine vielleicht eine deiner Lieblingskassetten und macht aus dem Band Knittersalat. Die Kassette wäre dann wohl futsch und das wäre echt schade oder?“
„Alles klar das will ich nicht! Dann testen wir das Ding erst mal! Hast ‚e so eine miese Kassette zum Ausprobieren dabei, mit der wir das testen könnten?“
„Nein ich hab gar keine dabei. Wir fahren am besten beim nächsten Ort raus und kaufen in einem Supermarkt irgendwo eine billige, leere Kassette. Damit testen wir das Gerät.“
„Bisschen kompliziert, oder?“
„Nö, wieso? Damit gehen wir auf Nummer sicher, dass der Rekorder in Ullis Autoradio deine Kassetten nicht ruiniert.“
„Alles klar hab schon kapiert! Wenn meine Kassetten kaputt gehen kriegt dein Ulli satten Ärger mit mir!“

Der nächste Ort lag dreißig Kilometer entfernt. Dort steuerten wir einen großen Supermarkt am Ortsrand an. Auf dem Parkplatz meinte Martin, dass er jetzt dringend auf die Toilette müsste. Weil es die dort nicht gab, verschwand er seitlich von einem breiten Grünstreifen in ein kleines Wäldchen.

Ich nutzte die Zeit um mir die Lichtmaschine im Motorraum von Ullis Käfer mal genauer anzusehen. Mir war eingefallen, dass die Stromversorgung während der Fahrt gefährdet sein könnte, wenn wir Ullis Autokassettenrecorder in Gang setzten. Ich öffnete zunächst den Kofferraum vorne und fand nach minutenlangem Suchen tatsächlich die nur leicht abgeriebenen Kontaktkohlen der alten Lichtmaschine in einem meiner Werkzeugkästen. Dann begann ich, hinten im Motorraum an der eingebauten Lichtmaschine herum zu fummeln. Es war ein Leichtes den alten Kontakt herauszunehmen und den gebrauchten, neuen einzusetzen. Während ich die Gehäuseschrauben an der Lichtmaschine wieder anzog, ertönte plötzlich ein schallend lauter Sound. Das war ein bekannter, aber meiner Meinung nach sehr schlechter Schlager. Irgend ein Spinner übertrieb es wohl mit der Lautstärke seines Autoradios. Das Getöse war ohrenbetäubend laut. Ich erschrak davon so sehr, dass ich hektisch den Kopf nach oben riss und mir an der Kante des Motorraumdeckels den Hinterkopf anschlug.

Jetzt sah ich, dass Martin schon wieder im Wagen saß. Genau von dort hörte ich den miesen Schlager aus meinem Auto dröhnen. Ich sprang in den Wagen, schlug die Tür zu, drückte auf den Off-Knopf des Kassettenrekorders und brüllte Martin ins Gesicht:
„Spinnst Du denn jetzt völlig?“
Der erschrak davon so, dass er einen Arm vor sein Gesicht riss als würde ich ihn schlagen wollen. Er nahm den Arm nicht weg sondern begann leise zu weinen.
„Ist schon gut Martin. Hör mal auf zu weinen. Ich wollte dich nicht anbrüllen. Ist nur so raus gerutscht weil ich nicht damit gerechnet habe, dass du im Auto sitzt und dass du schon eine Kassette eingelegt hast.“
„Ich mag nicht wenn mir einer so laut ins Gesicht schreit! Da krieg ich Angst und später werde ich böse.“
„War keine Absicht Martin. War nur mein Schrecken. Hab mir vor Schreck den Kopf angehauen. Hör schon auf zu heulen.“
„O.k., sind wir wieder quitt?“
Martin hielt mir die platte Hand zum Zusammenschlagen hin.
„Na klar sind wir das!„
„Alles o.k. Kumpel, dann lass uns mal einschlagen.“
Patsch.
Ich öffnete die Autotüre und kurbelte die Scheibe herunter. Die Hitze begann wie auf der Fahrt vor zwei Tagen stechend von oben herunter zu glühen.
„Warum hast Du denn das Tape jetzt schon eingeworfen?“
Martin lachte mich schlitzohrig an.
„Ist nicht Deine Lieblingsmusik oder?“

Ich hoffte inständig darauf und schwor demütiges, dankbares Abbitten, wenn Martin diese Frage bejahte. Denn diese Musik war der sichere geistige Tod. Sie würde auf der langen Autofahrt nichts menschliches in meinem Gehirn übrig lassen. Ich würde wohl zum Gorilla mutieren, wenn ich bis zur Ostseeküste damit gefoltert würde.

Martin brüllte jetzt vor Lachen. Aber er sagte nichts sondern hielt sich die rechte Hand vor den Mund. Mit der linken Hand deutete er durch das Beifahrertürfenster nach draußen. Dort stand eine Reihe geparkter Autos. Etwa in der Mitte dieser Reihe sah ich ein großes Cabriolet.

Ich sah Martin an.
Der sah mich an.
Wir beide nickten.
Jetzt versuchte ich eine Mimik, als wollte ich ihn wieder anschreien.
Darauf zuckte er zurück. Ich flüsterte, versuchte dabei aber auszusehen als schrie ich wie zuvor:
„Spinnst Du denn jetzt völlig?“
Martin lächelte und nickte.
„O.k.“, sagte ich.
„Wir sollten zusehen, dass wir schnell von hier verschwinden. Wir können doch hier nicht mit diesem Ohren-Terror den Parkplatz bedröhnen. Vor allem nicht, wenn jederzeit der Eigentümer der Kassette zu seinem dicken Cabriolet zurückkommen kann. Der hört diesen Krach doch!“
Martin verstand und nickte.

Ich räumte das Werkzeug vorne wieder auf, schloss hinten die Motorhaube und fuhr auf der Autobahn bis zum nächsten Parkplatz. Dort warfen wir den Kassettenrecorder mit dem Test-Tape an. Die Lautstärke hatte Martin beim Einschalten versehentlich auf volle Lautstärke verstellt. Sie ließ sich zum Glück einwandfrei regulieren. Die Kassette war fürchterlich. Das lag aber an der Musik und nicht am Rekorder Alles funktionierte, selbst das Hin- und Herspulen der Kassette.
„Alles klar!“
Ich warf die Kassette aus und gab sie Martin.
„Hier Dein Lieblingsband!“
Martin nahm das Ding und schlenderte damit in seinem offenen orange-braun gestreiften Hemd mit einer Kippe im Mundwinkel zu einem kleinen, grünen Mülleimer. Dort ließ er die Kassette hinein plumpsen.
„Jetzt aber mal Abfahrt!“, rief ich „wir wollen doch noch an die Ostsee.“
Martin steckte eine seiner vier Lieblingskassetten in den Rekorder und drückte die Rückspultaste. Fünf Minuten später, so langsam spulte der Kassettenrecorder von Ulli, klickte es. Dann ertönte der satte Bluessound mit den fetten Bläsersätzen der Bluesbrothers.

Jetzt wurde mir klar warum Martin Ullis Käfer gestern „Mobil“ genannt hatte und einmal das Wort „Bluesmobil“ benutzte. Jetzt wusste ich auch warum er so gerne Auto fuhr. Er liebte die Bluesbrothers.

Eine halbe Stunde später, kurz vor der Ausfahrt zur nächsten Raststätte steckte sich Martin die übliche Kippe in den Mund. Aus den Boxen schallte der Song „she caught the katy“. Martin griff zum Zigarettenanzünder. Der funktionierte aber offenbar nicht. Bevor ich mich versah, hatte er ihn schon durch das offene Fenster hinausgeworfen.

Ich schrie diesmal wieder richtig laut. Allerdings nicht in Martins Richtung, sondern aus meinem offenen Fenster hinaus. Wegen des Lärms ging mein Geschrei im Fahrtwind und dem Krach der Musik unter.
„Ja spinnst Du denn jetzt endgültig? Das ist kein Bluesmobil! Die Karre gehört meinem Kumpel Ulli! Der Anzünder gehörte auch ihm!“
Martin blickte mich lächelnd von der Seite an und fragte ruhig und langsam:
„Ulli ist kein cooler Typ so wie du einer bist oder?“

29. Ankunft

Vier jeweils neunzig Minuten lange Bluesbrotherskassetten und zwölf Zigarettenpausen später erreichten wir in der Dämmerung unser Ziel. Die Ostsee lag im Licht des abnehmenden Mondes spiegelnd und glatt vor uns. Oberhalb der Dünen hatte ich an einem weiten Strand mitten in der Flensburger Bucht einen kleinen Parkplatz gefunden. Martin und ich saßen im Wagen auf dem Parkplatz und überblickten unten einen weitläufigen, im Mondlicht hell schimmernden, breiten Sandstrand. Auf ihm verteilten sich hunderte verstreuter kleiner schwarzer Punkte. Das waren Strandkörbe die tagsüber von Badegästen bevölkert wurden die bei der Hitze in diesen Wochen bestimmt die kühle Ostsee zu schätzen wussten. Martin war begeistert. Er schrie neben dem Auto stehend zum Strand:

„Ich liebe das Meer!“

Wir liefen in der Dunkelheit am Wasser einige hundert Meter auf und ab. Martin hüpfte wie ein riesiges Kind zwischen Wasser und Strand hin und her. Dabei juchzte er vergnügt und sang immer wieder lauthals „I’m a soulman – baa, baba, bapp“! Als ich Martin so in der Dämmerung des Mondscheins am Meer herum springen sah und ihn dabei diesen rhythmischen Song trällern hörte, erkannte ich, dass er sich den Rhythmus von „Soulman“ und den Beat des Bläsersatzes in dem Lied als Tür-Klingel-Rhythmus zu eigen gemacht hatte. Während der Ankunft bei seiner Schwester hatte er vorgestern nämlich genau zweimal hintereinander exakt in diesem Rhythmus an deren Haustüre geläutet.

Jetzt versuchte Martin am Strand ein Rad zu schlagen. Ich traute meinen Augen nicht. Denn schließlich wog er mindestens achtzig, vielleicht sogar neunzig Kilo. Aber er schaffte es. Schließlich sprang er auf mich zu. Er überschlug sich dabei dreimal und kam genau vor mir zum Stehen. Das wirkte akrobatisch und einstudiert. Als er genau vor mir zum Stehen kam, kurz bevor er mir um den Hals fiel und vor Freude weinte, wurde mir klar woher er diese Akrobatik übernommen hatte. Es war das Springen aus dem Bluesbrothersfilm. Jake und Ellwood brachten in ihrer Musikshow in dem Film genau solche nach vorne gewandten springenden Überschläge auf die Bühne.

„Hey Martin, jetzt beruhige dich mal wieder. Wir sind nur an der Ostsee!“
„Ja, ich bin ja ganz ruhig. Bin völlig entspannt. Ist echt cool hier am riesigen Teich!“

Am Strand aßen wir ein paar Brötchen und Salate, die uns Martins Schwester vom Fest eingepackt hatte. Die waren wegen der Hitze des Tages bedenklich in sich zusammengefallen, was man in der Dunkelheit aber gut übersehen konnte. Geschmacklich waren sie noch einwandfrei. Wir tranken jeder zwei Flaschen warmes Bier und legten uns schließlich in zwei nebeneinander stehende Strandkörbe. Hinter uns rauschte leise das Meer und über uns strahlte der Mond. Ideale Bedingungen um schnell in unseren Schlafsäcken einzuschlafen.

Morgens war das Geschrei groß:
„Was seid ihr denn für zwei freche Lüdden?“
Da stand eine große Frau. Beide Arme in die Hüften gestemmt, musterte sie uns, die wir verschlafen aus unseren Schlafsäcken zu ihr auf glotzten.
Martin fragte mich:
„Was sind den solche zwei frechen Lütten?“
Ich fragte in Richtung der Frau:
„Entschuldigen Sie bitte! Aber wüssten Sie vielleicht eine schöne, preiswerte Pension für zwei Lüdden?“
„Da kann ich Euch zween schon weiterhelfen!“
„Du weißt, was das ist, so ein Lüttchen?“, so fragte mich Martin und gähnte dabei lauthals, ohne auch nur den Ansatz zu unternehmen sich die Hand vor den aufgerissenen Mund zu halten.
„Wir sind das!“
„Wir sind freche Lüttchen?“
„Lüdden!“, rief jetzt die Frau.
„Ihr seid wohl kaum von hier oder?“
„Nein wir sind weit gereist, gestern mit unserem Bluesmobil das dem Ulli gehört der aber nicht so cool ist wie der hier.“
Martin zeigte jetzt mit dem Zeigefinder auf mich.
„Lass das jetzt mal Martin! Wir müssen sehen, dass wir hier wegkommen glaube ich. Sonst könnte es vielleicht Ärger geben.“
„Das glaubste nicht nur meen Jung, das ist so! Der Korb ist nämlich Privatbesitz, auch wenn er nicht verschlossen ist!“
Wir beide standen auf, warfen uns die Schlafsäcke über die Schultern und suchten nach unseren Schuhen.
„Ne Müllkippe ist das hier erst recht nicht!“
„Klar! Wir nehmen alles wieder mit.“
„Ganz logisch werte Madam!“
Das rief jetzt Martin.
„Da sind wir ihnen einiges schuldig. Und deswegen sind wir auch ganz Gentleman. Darf ich mich vorstellen? Martin mein Name. Was sind wir Ihnen schuldig? Wir lassen es uns selbstverständlich nicht nehmen unseren geschuldeten Obolus für die klare Nacht an dieser herrlichen weiten See ihres wunderschönen Landes in ihrem gemütlichen Strandkorb zu entrichten.„
So reichte er der Frau die Hand und neigte den Kopf ehrfurchtsvoll nach vorne, während er mit der anderen Hand an seine Gesäßtasche griff und seinen Geldbeutel hervorholte.
„Wie war gleich Ihr werter Name?“
Mit dieser Frage blätterte er in seiner geöffneten Geldbörse, die er der Frau unter die Nase hielt.
„Ich geb Dir gleich was! Macht Euch mal lieber hurtig in den Wind ihr zwee!“
Martin sah die Frau verständnislos an. Jetzt drehte er sich um, schob die Geldbörse wieder in die Gesäßtasche und blickte auf das Meer.
„Ich liebe das Meer! Soweit sind wir gereist in Ullis Blues-Klitsche! Kein Weg war uns zu lang, bis wir dich spät nachts endlich hier finden konnten!“
Und zur Frau gewandt: „Das ist doch wirklich wie ein Traum hier! Oder werte Madame?“
„Jetzt aber mal hoplahopp!“
Ich schlug Martin leicht auf die Schulter.
„Komm Martin, wir müssen. Haste dein Zeug alles beisammen?“
„Ernas Blickfang fiele mir da ein.“
„Was ist das?“, fragte ich die Frau.
„Eine kleine Pension. Gleich da oben auf der Düne.“
Die Frau deutete in die Richtung.
„Ist echt nett die Erna. Sind von hier ungefähr fünfhundert Meter.“
„Aha! O.k. das wäre vielleicht was für uns oder Martin?“
„Erna? Hört sich echt cool an.„
Martin wandte sich der Frau zu:
„Madame! Es war uns eine Ehre! Wir stehen in Ihrer Schuld. Bis auf bald!“
Er verneigte sich noch mal leicht und trat zwei Schritte zu Seite, als würde er von einer Bühne abtreten.
Die Frau schüttelte den Kopf während sie ihre Badetasche auf die Fußablage des Strandkorbes stellte und ihr Handtuch im Korb ausbreitete.

Ernas Blickfang war ein wunderschönes mit Holz verkleidetes Haus das direkt über dem Strand zwischen den Dünen auf einer schönen kleinen Aussichtsanhöhe stand. Das Haus war ein wirklich hübscher Blickfang. Die Aussicht vom Haus aufs Meer aber war berauschend.

Martin schien bei unserer Ankunft dort wieder kurz vor einem Freudentaumel zu sein. Deshalb fragte ich ihn ganz offen, ob er nicht noch schnell, bevor wir versuchen in Ernas Blickfang einzuchecken, ein paar Freuden-Purzelbäume hinter den Büschen unterhalb der Düne schlagen wollte.

„Spinnst Du denn jetzt endgültig?“
Das fragte mich Martin. Dabei äffte er mich in Stimme und Gestik nach, so wie ich ihn im Auto auf dem Parkplatz, nach der Sache mit dem Cabriolet, angebrüllt hatte. Dann trat er an die Haustür und läutete:
„Baa, baba, bapp!“

„Alles klar, ist echt spitze, wirklich cool!“
So rief Martin und schüttelte Erna die Hand. Wir standen mit der Pensionswirtin in einem herrlichen Doppelzimmer. Draußen vor dem breiten Zimmerfenster sah man die weite Ostsee, die hellen Dünen und den riesigen Strand auf dem wir übernachtet hatten. Das Zimmer war preiswert und sehr sauber. Ernas Pension war von guter Hand geführt. Ein Gast hatte seine Reservierung Tags zuvor wegen Erkrankung zurückgezogen. Wir waren also ein Glücksfall. Auch für Erna, denn sie sagte:
„Das trifft sich hervorragend, dass Sie beide heute hier auftauchen. Ich hab da für ne Woche noch ein Zimmer frei. Wie der Zufall es will, ist es gestern frei geworden und ab heute beziehbar!“
Martin fiel der Frau um den Hals. Ich musste ihn von ihr wegziehen.
„Ist schon gut Martin. Du kennst die Frau doch noch gar nicht.“
Das gefiel Erna. Sie lächelte Martin an und sagte dabei:
„Rauchen ist hier drin und auf meinem Grundstück strengstens verboten! Wegen Gestank und Brandgefahr in der Düne.“
„Alles klar Madame!“

Wir bezogen das Zimmer, bekamen ein leckeres Mittagessen und machten es uns nachmittags am Strand gemütlich. Martin tobte im Meer wie ein großes Kind.