Archiv der Kategorie: N-Book® Wenigstens Schreiben – Erzählung

10. Die neue Schulklasse

Die Schulklasse war neu zusammengewürfelt worden. Nur wenige Jugendliche in der neuen Klasse kannten sich aus früheren Schulen. Fast alle hatten wie ich eine Prüfung abgelegt um die neue Schule besuchen zu können. Vom ersten Tag an hatte ich auf der Schulbank das Gefühl einer erfolgreich gemeisterten, besonderen Anstrengung. Lehrerinnen und Lehrer vermittelten den Unterrichtsstoff anders. Was sie sagten wirkte intensiver als ich das von meinem Lehrer in der Bacheischule kannte. Nach Wochen verstand ich warum: Lehrer und Mitschüler nahmen mich ernst.

Lernen war hier genauso wenig wirklicher Spaß für mich wie auf meiner alten Schule. Aber es bedeutete etwas ganz anderes. Es ging um Zukunft und nicht darum Ärger auszuweichen. Nicht erledigte Aufgaben bedeuteten, dass ich eine Chance verpasst hatte. Als das der Direktor erklärte, verstand ich etwas ganz neues: Wenn ich eine Hausaufgabe nicht erledigte, hatte ich es verpasst etwas dazuzulernen! Das hatte ich zuvor noch nie gehört, aber es stimmte, denn ich hatte die Prüfung bestanden weil ich bei der Lehrerin neues gelernt hatte und damit eine Chance nutzte. Ich konnte die Schule nur deshalb besuchen, weil ich bereit war, neues zu lernen. Ich hatte die Chance was neues zu erreichen! Ich wollte nicht zurück in die Bacheischule, wo Michael Kopfnüsse verteilte. Ich wollte die neue Schule schaffen.

Die Schule war schwer. Sie vermittelte Dinge, deren Gebrauch in meinem Alltag weit entfernt schienen. Vieles paukte ich stur in mich hinein, ohne es richtig zu verstehen oder den Funken einer Idee zu haben, für welches praktische Gebiet das Wissen gedacht war. Trotzdem blieb es mein klares Ziel die Schule zu schaffen. Diese Schule gut abzuschließen war für mich die Eintrittskarte in meine Zukunft.

Die Lehrer forderten mich heraus. Wenn Aufsätze geschrieben wurden oder Themen bearbeitet wurden, merkten sie, dass ich Hintergrund und Zielrichtung schnell begriff. Im Unterricht kam ich deshalb mehr und mehr zu Wort. Es gelang mir sogar nicht der verhasste Streber zu sein. Bald stand ich gegenüber Klassenkameraden als einer da, der sein gelerntes Wissen und die Ergebnisse aus begriffenen Zusammenhängen gerne weitergab.

Auf der Schulbusfahrt nach oben auf den Obersalzberg schrieben sie aus meinen Hausaufgaben ab. Manche schätzten mich sehr und andere weniger. Es gab keine gehässigen Bemerkungen und Kopfnüsse auf dem Schulhof. Mit der Zeit lernte ich immer schneller. Zu Hause bei Birner musste ich immer weniger wiederholen, denn ich wiederholte und erklärte ständig im Schulbus gegenüber den fragenden Mitschülern.

Die Lehrer erkannten, dass etwas in mir steckte, sie bemühten sich darum es herauszuholen. Der Schuldirektor unterrichtete mich in den Fächern Deutsch, Religion und Geschichte. Er bemühte sich besonders stark und anhaltend. Ich spürte, dass er mich und die anderen Schüler ernst nahm. Das funktionierte indem er einfach zuhörte. Ich merkte, dass er von uns etwas hören wollte. Meine Beteiligung am Geschehen in der Schule und im Unterricht nahm zu. Ich meldete mich, fand Gehör und hatte das Gefühl, mehr und mehr zu wissen.

Mein Wissen war an vielen Stellen viel geringer, als das von manchem Mitschüler, denn ich hatte zuvor in der Bacheischule vieles nicht gelernt. Meine Stärke lag aber darin, schnell zu erkennen, worauf ein Lehrer hinaus wollte. Das hatte ich im Haus von Birner gelernt. Dort durchschaute ich worum es ging. Ich wusste, welche Absichten verfolgt wurden und fand Wege, dessen Schlägen und Anfeindungen aus dem Weg zu gehen. Das machte ich mir an der neuen Schule zu nutze.

In den Unterrichtsstunden versuchte der Direktor mit Gespräch und Diskussion die Themen zu bearbeiten. Den Mitschülern war die Methode neu. Ich erinnerte mich an die Lehrerin. Das Reden fiel mir zunehmend leichter. Mehr und mehr Mitschüler beteiligten sich. Dadurch wurden meine Aufsätze immer besser. Themen, über die zuvor in der Klasse mit dem Direktor diskutiert wurde, konnte ich besser behalten und im Aufsatz argumentieren. Der Direktor besprach die Themen ernsthaft mit uns. Er fand ständig Beispiele aus unserem Alltag. Er wollte wissen was wir dachten.

Der Schulunterricht hatte wenig mit meinem Alltag bei Birner zu tun. In der Schule spielte eine anderen Welt. Die neue Schule blieb für mich wie eine Schublade, die ich morgens öffnete und Nachmittags wieder schloss. Mit den Hausaufgaben flackerten Themen aus der Schule kurz in mein Leben am Obersalzberg ins Haus von Birner. Sie spielten dort aber keine größere Rolle.

Ich durfte meine Hausaufgaben an dem kleinen Tisch in Hartwigs und meinem Zimmer erledigen. Das war ein Privileg. Ich saß nicht mehr in dem lauten Hausaufgabenraum mit allen anderen Kindern. Am Ende der täglichen Hausaufgabenzeit ging ich in das Hausaufgabenzimmer und ließ meine Arbeiten dort von einer Erzieherin kontrollieren. Dieses Privileg hatte ich, weil ich eine andere Schule besuchte. Auf meiner Schule musste ich mehr leisten, deshalb wurde mir für die Hausaufgaben mehr Ruhe zugestanden, deshalb erhielt ich eine Sonderbehandlung. Das brachte mir im Haus von Birner keine neuen Freunde.
Mit meiner neuen Rolle in in der neuen Schule hatte für mich eine neue Zeitrechnung begonnen. Meine Zukunft trat in meinen Blick, sie schien nicht aussichtslos zu sein.

11. Das Mädchen

Die Zwölfjährige trug ein wunderschönes helles Sommerkleid. Die Tante hatte es ihr aus luftig leichten Stoffresten genäht. Das Mädchen wirkte darin wie eine Prinzessin im Sommerwind. Sie hüpfte auf den Fußabstreifer, rannte über die Türschwelle, während der warme Sommerwind ihr so in das Kleid blies, dass sie aussah wie ein großer Luftballon, der über die Türschwelle des Gehöftes getragen wurde.

„Tante, Tante! Gibt es heute wieder so leckere Klöpse und als Nachtisch Birnenkompott so wie gestern?“
Das Mädchen warf sich auf den Stuhl vor dem riesigen Küchentisch, so dass der laut auf dem harten Steinboden schabend einige Zentimeter nach hinten rutschte, dabei ein fürchterlich kratzendes Geräusch von sich gab, wie die Kreide an der Tafel, weshalb die Tante einen bösen Blick zu dem lachenden Mädchen warf.

„Heute gibt es Kartoffelpuffer mit Apfelkompott aus der frischen Ernte! Kannst du mir bitte aus der Speisekammer ein kleines Einwegglas Apfelmus holen?“
„Lecke, lecker!“, rief das Mädchen, sprang vom Stuhl der laut kratzend vom Tisch abrückte. Sie stürmte mit fliehendem, wehendem Kleid um den Tisch herum, rannte in die auf nördlicher Seite der großen Küche liegende Speisekammer, wo sie abrupt vor einem decken hohen Regal stoppte. Da reihten sich hunderte von Einweckgläsern.

Die Gartenernte aus dem Vorjahr hatte die Tante mit Hilfe des Mädchens den ganzen Sommer über, bis tief in den Herbst hinein, eingekocht. Alle Gläser waren mit handgeschriebenen Etiketten versehen. Die waren im Jahr zuvor vorsichtig in Wasser gelöst worden. Sie wurden auf einem Handtuch an der Fensterbank getrocknet, um Tags darauf in der rechten Schublade des Küchenbuffets zu verschwinden. Dort warteten sie auf ihre erneute Verwendung.

Die Tante suchte für jedes neu eingemachte Glas aus dem Stapel in der Schublade das passende Etikett. Das wurde dünn mit Zuckerwasser befeuchtet und an das neue Glas geklebt. Klebstoff gab es nur für viel Geld und war für diesen Zweck auch nicht notwendig. Denn der Zuckerkleber schmeckte dem Mädchen wunderbar. Sie half besonders gerne beim Kleben. Ihre feuchte Zunge war ein süßer Befeuchter. Jedes Etikett wurde von ihr säuberlich wie eine Briefmarke abgeschleckt. Mit feinem Zucker bestreut, war es eine Aufgabe, die dem Mädchen ein genießendes Lachen in ihr rundes Gesicht zauberte.

Sie half der Tante täglich beim Kochen in der großen Küche. Sie lernte die Tante bei allen anfallenden Aufgaben zu unterstützen. Besonders lieb aber war es ihr geworden, bei Arbeiten zu helfen, die anschließend eine süße Belohnung bereithielten. Das Einkochen war immer süß. Selbst Gemüse aus dem Garten, Salate, Gurken und alles andere wurde beim Einkochen zum leckeren süßen Vergnügen, wegen der zu klebenden Etiketten.

Das Mädchen lernte auf dem Hof von Tante und Onkel alles was für die Haushaltsführung notwendig war. Nach den täglichen Hausaufgaben am Küchentisch hielt die Tante eine Aufgabe bereit, für die sie die Hilfe des Mädchens benötigte. Jeden Tag ging es um das Vorkochen und Vorbereiten des Abendessens zu dem der Onkel etwas deftiges erwartete, weil er in seine tägliche Arbeit immer nur eine Dose mit zwei kleinen Broten, einer Karotte und einem Apfel mitnahm.

Das Putzen der Böden, der Waschbecken, des Badezimmers und der Toiletten lernte das Mädchen. Sie wusste wie die Wäsche in dem Waschkessel eingeweicht wurde und wie das im Feuer unter dem Kessel erhitzte Wasser möglichst gut für die unterschiedlichen Wäschegänge genutzt wurde. Sie lernte sogar den Ofen im Winter ein zu heizen und das vom Onkel klein geschlagene Holz im Schuppen noch kleiner zu spalten.

Die Tante brachte das Mädchen über die Jahre dazu, sich für die Haushaltsführung mit viel Bereitschaft und Spaß zu interessieren. Später wurde das Kochen an festgelegten Abenden zur alleinigen Aufgabe des Mädchens. Sie briet die Kartoffeln in der Pfanne, kochte die Suppe, dünstete das Gemüse und lernte von der Tante einen Braten zu Festtagen zuzubereiten. Der Ekel vor dem Rupfen der im Stall über einem Eimer ausgebluteten Hühner und Gänse war bald vorbei. Die Tante hatte eine Art damit umzugehen, die normal war wie das Sitzen am Küchentisch vor einem großen Topf zu pellender Kartoffeln. Das Mädchen lernte punktgenau einen dampfenden Wildbraten mit Kraut, Beilagen und Soße auf den Tisch zu stellen, so dass der Onkel sich abends nach der schweren Arbeit zufrieden am Esstisch auf seinem Stuhl zurück lehnte.

12. Wohnen bei der Ferienmutter

In dem Augenblick, als ich unten auf der schmalen Straße den schweren Mercedes vorfahren sah, klingelte die Eieruhr.

„Da kommen sie!“, rief ich zur Ferienmutter von der Terrasse im ersten Stock in die Küche.
„Wunderbar!“, hörte ich die Ferienmutter aus der Küche rufen.
„Der Braten ist gerade fertig!“

Die Begrüßung zwischen der Ferienmutter und ihren Eltern war herzlich. Sie reichte beiden die Hand und umarmte sie. Wir setzten uns an den edel gedeckten Tisch. Die Ferienmutter hatte mir aufgetragen, die goldenen Serviettenringe mit einem Lappen und einer hellen Paste zu putzen. Ich bemühte mich, doch ich schaffte es nicht den Ringen zu dem erwarteten Glanz zu verhelfen. Schließlich hatte sie selbst diese Aufgabe übernommen, während sie mich vom kalten Terrassentisch, an dem sie das Silber putzte, anwies wie der Tisch zu decken war. Ich hatte meine Mühe damit. Weder Tischordnung, noch Gedecke richtig zu legen waren mir jemals beigebracht worden. Im Haus bei Birner wurde der Teller hingestellt, das Besteck daneben gelegt und fertig. Das war bei der Ferienmutter ganz anders.

Ich war in deren Haushalt eingezogen und begann neben der Schule, in der fast alles für mich neu gewesen war, nun auch dort alles neu zu erlernen. Sie hatte klare Vorstellungen davon wie Haushalt und Küche zu organisieren waren. In der Küche gab es eindeutige Strukturen und Zeitpläne, die exakt eingehalten wurden. Das hatte ihr die Tante nach dem Krieg Jahre lang auf dem Gehöft ihrer Eltern beigebracht. Der Esstisch war stets nach der gleichen Ordnung zu decken. Die Ordnung wurde noch penibler geprüft, wenn hoher Besuch angemeldet war. Die Eltern der Ferienmutter waren allerhöchster Besuch.

Tischdecken, Gläser, Besteck, Serviettenringe, alles hatte in exakter Ordnung seinen Platz auf dem Tisch und es hatte sauber zu blitzen. Die Ferienmutter bemühte sich darum mich in diese Ordnung einzuführen. Sie ließ keinen Zweifel daran, dass die Ordnung auch wenn ich sie nach zwei Jahren in ihrem gut geführten Haushalt immer noch nicht richtig gelernt hatte, unverzichtbar in einen zivilisierten Haushalt gehörte. Dass ich das wohl nicht mehr lernen würde, offenbarte sich von Jahr zu Jahr stärker. Das war für sie aber kein Grund, ihre Bemühungen um mich einzustellen. Im Gegenteil: Ich wurde immer wieder aufs Neue eingewiesen.

Wenn der Feriengroßvater von der weiten Ostsee zu Besuch kam, dann verdiente er es einen Teil des Regimentes im Haushalt der Ferienmutter zu übernehmen. Das Tischgebet, sonst von der Ferienmutter gesprochen, war Angelegenheit des Feriengroßvaters. Sein Dank für die Speisen auf dem Tisch galt Gott allein. Den machte er ausführlich für alle Gaben verantwortlich von denen ein guter Mensch in schlechter aber vor allem guter Zeit profitierte.

Der Feriengroßvater sprach am Tisch nicht mit mir. Er unterhielt sich mit seiner Tochter über mich. Es sei ein bewundernswert löblicher Zug einen Menschen der offensichtlich dringend Hilfe benötigte aufzunehmen. Er und die Feriengroßmutter, die lächelnd zustimmte, sahen ein breites Lernfeld das ich unbedingt benötigte. Die Feriengroßmutter sagte wenig. Sie vertrat größtenteils schweigend die gute Meinung ihres Mannes. Einzig als der Dank an Gott besprochen wurde, sagte sie, dass es der Tochter sicher sei, eines Tages in den Himmel zu kommen, weil sie letztlich meiner Aufnahme nicht nur zugestimmt habe, sondern sich sehr aktiv bei Birner dafür eingesetzt hatte.

Das Wildmenü schmeckte den beiden vorzüglich. Dunkles Fleisch so zart zuzubereiten, dass es beinahe auf der Zunge zergehe, sei eine hohe Kunst. Der Feriengroßvater berichtete ausschweifend von der letzten Jagd, die leider erfolglos verlaufen war, nachdem sein sicher geglaubter Treffer sich beim Annähern an das Reh als Streifschuss erwies. Das Tier war vor seinen Augen verletzt in den Wald geflüchtet, noch bevor er seine Büchse erneut auf es anlegen konnte.

Abends auf dem Gehöft genoss der Onkel das feine Birnenkompott. Am Abendbrottisch berichtete er, dass in der Arbeit ein neues Räumkommando und ein Räumungsplan für die kommende Woche beschlossen worden war. Das wäre endlich die lange erwartete Freigabe für den riesigen Kartoffelacker am Waldrand hinter dem Gehöft. Wenn alles gut ginge und keine Blindgängerbombe den breiten Acker in einen tiefen Krater zersprenge, dann könne der Gemüseanbau schon in der übernächsten Woche beginnen.

Die Tante war von dieser Nachricht begeistert. Sie freute sich darauf das riesige Feld bald zu bewirtschaften. Die Versorgungslage war katastrophal. Zwar hatten alle Menschen auf den umliegenden Höfen wegen ihrer kleinen Gemüsegärten genug zu essen, doch im Ort gab es noch viele Menschen die nach wie vor hungerten. Nächtliche Einbrüche in den Höfen, vor allem in deren Speisekammern, waren häufig. Erst in der Vorwoche wurde ein junger Mann beinahe zu Tode geprügelt, weil er auf dem Nachbarhof beim Eierdiebstahl erwischt worden war. Seine schwer kranke Mutter hatte ihn beauftragt auf dem Markt einzukaufen, doch die Preise waren so gestiegen, dass der Speiseplan unmöglich zu bezahlen war.

Das Mädchen hörte den Gesprächen von Tante und Onkel am Tisch jeden Abend aufmerksam zu. Sie freute sich, wenn der Onkel eine Geschichte aus der Arbeit mitbrachte, die die Tante lächeln ließ. Solche Geschichte gab es selten.

Der Räumungsplan, um eventuelle Blindgänger aus den Feldern und Wäldern aufzuspüren und zu entfernen, war so eine Geschichte. Die ganze Umgebung des Hofes war für das Mädchen und für die Arbeiterinnen auf dem Feld tabu. Täglich las die Tante in der Zeitung von Unfällen auf Grund von Explosionen. Bauern die keine Geduld aufbrachten, die Räumungspläne mit ihren Kommandos abzuwarten, fuhren mit ihren schweren Traktoren und Pflügen, manchmal auch nur mit einem Handpflug oder Pferdekarren auf Blindgänger auf.

Den unsäglich vielen sinnlosen Toten des Krieges, so sagte der Onkel am Abendbrottisch, folgten noch unsäglich viele Unvernünftige nach. Das waren solche die entweder selbst Hunger litten, nicht selten aber auch welche die Hungernden ihre Lebensmittel auf dem Markt für viel Geld verkaufen wollten. Einen Bauern aus der Nachbarschaft zählte der Onkel dazu. Er hatte Wochen zuvor seinen Sohn verloren, weil er ihn auf ein Feld geschickt hatte. Dort zerfetzte die Bombe den Sohn so, dass der unauffindbar in einem Krater unter gesprengten Erdmassen verschluckt von braunen Steinen und Lehm begraben worden war.

Manchmal erschrak das Mädchen wegen solcher Geschichten. Aber der Onkel sagte, dass es wichtig sei das zu hören und zu wissen. Denn solange nicht geräumt und freigegeben war lauerten tödliche Gefahren auf den Feldern und in den Wäldern. Das Mädchen bewegte sich Nachmittags nicht weg vom Hof. Vormittags zur Schule ging sie stets auf dem befestigten Weg der vom Hof hinunter zum Deich an die Ostsee führte.

Der Onkel wurde von den Besatzern als Experte für Logistik, Strategie und für die Planung der Räumung eingesetzt. Seine Erfahrung als anfänglich hoher Befehlshaber im zurückliegenden Krieg hatte ihn dazu befähigt. Er galt den Besatzern als jemand, der seine Karriere aus Überzeugung nicht weitergeführt hatte. Sie gewannen ihn als Partner für die Aufgabe.

Im Krieg war er von seinen Ämtern nicht suspendiert worden, sondern er wurde schlicht nicht weiter eingesetzt. Er hatte sich in seinem Amt so weit zurückgezogen, dass andere an seiner Stelle in militärische Würden versetzt wurden. Zuletzt war er straf versetzt worden und so trotz seines hohen militärischen Ranges endgültig in militärische Bedeutungslosigkeit geraten.

Einzig sein Bruder hatte ihn weiterhin in seinem militärischen Rang gesehen. Noch zu Kriegsende hatte ihn der Bruder am Mittagstisch in strengem Ton als verantwortungslosen General beschimpft. Die Sache des Führers und Sieges, so der Bruder, sei noch lange nicht verloren. Verrat werde letztlich jeden sträflich treffen der sich aus Verantwortung und Pflicht am Volke ohne Not entbunden habe.

„Was willst Du damit behaupten?“, schrie der Onkel seinen Bruder an.
Es war eines der letzten Gespräche auf dem Gehöft zwischen beiden, kurz vor dem Kriegsende. Die Tante erschrak so, dass sie kurz die Augen schloss, sich aber gleich wieder fand. Sie stand vom Tisch auf um in der Speisekammer nach einer Glasschüssel mit Kompott vom Vortag zu sehen.

„Damit sage ich Dir, dass wir diesen Krieg dem Endsieg entgegen führen werden und nicht Ruhe geben bis erreicht ist wozu wir uns dem Führer verpflichtet haben: Den Bolschewisten endgültig auszurotten um uns und den Führer in die Freiheit von diesem Teufelsjoch zu führen!“
Der Bruder hatte geschrien, als habe er einen Verurteilten vor sich, dem er die letzten belehrenden Worte eines Urteils um die Ohren warf.
„Und das mit Millionen Toten und nichts als Rauch und brennender Landschaft in ganz Europa?“
Der Onkel hatte das sehr ruhig gefragt und seinem Bruder dabei fest in die Augen gesehen. Der aber bebte vor Wut. Er erhob sich vom Tisch, riss die Tischdecke ein Stück mit sich, packte seine Frau bei der Hand, die sich daraufhin sofort mit ihm vom Mittagstisch erhob.
„Komm wir gehen! Wir haben im Haus eines Deserteurs, der sich immer noch General schimpft, aber in Wahrheit ein feiger Fahnenflüchtling ist, endgültig nichts weiter verloren!“

Der Onkel blieb wortlos am Tisch sitzen, während der Bruder zusammen mit seiner Frau eilig stampfend die Wohnung verließ. Das war die letzte Begegnung zwischen beiden Brüdern vor Kriegsende gewesen. Der Bruder und Vater des Mädchens verschwand wenig später in einem Gefangenenlager. Sein Schicksal blieb jahrelang ungewiss.

Nach Kriegsende sah sich die Mutter des Mädchens nicht in der Lage das Kind alleine zu erziehen. Sie war über die Kriegsgefangenschaft ihres Mannes schwer krank geworden. Deshalb bat sie die Tante und den Onkel um Hilfe. Beide zogen auf das Gehöft, wo sie sofort bereit waren das Kind aufzunehmen. Die verbitterte Mutter lebte jahrelang in einer Wohnung im Ort, wo sie die Rückkehr ihres Mannes aus der Kriegsgefangenschaft abwartete. Als der viele Jahre nach Kriegsende zurückkehrte, bezogen beide wieder das Wohnhaus auf dem Gehöft.

„Ist es richtig, dass Du Deine besten Jahre jetzt für die Erziehung dieses Buben aus einem Kinderheim opferst?“
Auf seine Frage bei Tisch erwartete der Feriengroßvater von der Ferienmutter keine Antwort. Die reichte ihm die Schüssel mit der Nachspeise.
„Ob sich Dein Opfer lohnt, das werden wir wohl erst in Jahren erfahren. Wie ich höre macht der Junge aber schon deutliche Fortschritte?“
Nun erwartete er eine Antwort. Die Ferienmutter sagte:
„In der Schule hat er es zu wirklich guten Noten gebracht, binnen nur eines Jahres stehen da heute nur noch Zweien im Zeugnis.“
Die Ferienmutter sah mich ermunternd an, während sie dem Feriengroßvater weiter antwortete:
„Es ist halt mühsam das Lernen jeden Nachmittag. Aber die Mühe zahlt sich mehr und mehr aus.“

Ich nickte und lächelte. Tatsächlich waren meine Noten, seitdem ich in den Haushalt zur Ferienmutter gezogen war, viel besser geworden. In der Schulklasse war ich zu einem der besten Schüler geworden. Jeden Nachmittag saß ich zusammen mit der Ferienmutter über meinen Schularbeiten. Sie erzog mich zu regelmäßigem, stundenlangem Lernen in meinem kleinen Zimmer. Dort hatte ich einen kleinen Schreibtisch und jeden Nachmittag viel Ruhe. Täglich erhielt ich ab Punkt vier Uhr Nachmittags ihre Unterstützung. Sie fragte mich Vokabeln ab und sie korrigierte mit mir gemeinsam meine vielen Fehler in den Schulheften. Die Fehler wurden immer weniger.

„Dann wird ja hoffentlich ein ordentlicher Junge aus dir.“
Jetzt sah der Feriengroßvater mich an. Er hatte mich angesprochen. Ich nickte und lächelte, antwortete aber nicht.
„Es ist schlimm genug, was in diesem Land mit jungen Menschen geschieht. Da ist jeder der vor dem Abgrund gerettet wird wichtig. Denn man kann sich heute ja kaum mehr hinaus auf die Straße trauen. Das junge Gesindel, das überall bedrohlich zunimmt, weiß nichts mit sich anzufangen! Das ist erschreckend und es ist eine große Gefahr. Aggression gegen Alte, die ihr Leben lang gearbeitet haben, ist da nicht weit!“
„Das wollen wir bei dir mal nicht hoffen“, sagte jetzt überraschend die Feriengroßmutter. Sie hatte das Mittagessen hindurch geschwiegen.
Sofort übernahm der Feriengroßvater wieder das Wort.
„Genau solche Gefahr: Das unnütze herum Gammeln der Jugend habe ich hier im Ort schon oft gesehen. Deshalb ist es wirklich Pflicht dem Buben zu helfen, damit etwas aus ihm wird!“

Die Räumung der Felder um das Gehöft brachte es mit sich, dass eine Vielzahl von Fahrzeugen, schwerem Gerät und ein großer Räumtrupp tagelang auf dem Gehöft und in dessen Ställen einquartiert wurde. Die Tante und das Mädchen hatten eine Woche lang für mehr als zwanzig Menschen zu kochen.

Vor Beginn der Unterbringung und der Arbeiten des Räumtrupps mussten im Haus alle Spuren der Kriegsvergangenheit des Vaters des Mädchens, der in Kriegsgefangenschaft war, beseitigt werden. Der Onkel fürchtete nämlich, dass der Räumtrupp die Spuren im Haus fälschlicher Weise ihm zuordnen könnte. Das hätte die Zusammenarbeit mit dem Räumtrupp behindert, weil es ihn unnötig in Erklärungsnot gebracht hätte.

Vor dem Eintreffen des Räumtrupps wurden ein ganzes Wochenende lang Uniformen, Kleidung, alte Fotos, kistenweise Schriftstücke und eine Vielzahl militärischer Dinge wie Helme, aber auch Orden hinauf auf den Speicher gebracht. Im Wohnhaus wurden Schränke abgebaut und auf dem riesigen Speicher wieder aufgestellt. Darin wurde alles verstaut, was zuvor aus Schränken und Zimmern in Erdgeschoss und erstem Stock des Hauses zusammengetragen worden war.

Der große Speicher lag versteckt hinter einer Tür im ersten Stock. Der Onkel ließ die Holzverkleidung im Treppenhaus und die Speichertüre von der Tante frisch streichen. Der Speicher wurde vom Onkel gut verschlossen. Nichts im Haus sollte an seinen Bruder und dessen Überzeugung erinnern. Die Aufklärungen nach dem Krieg waren bei weitem nicht abgeschlossen. Der Onkel wollte auf keinen Fall, dass ein Verdacht, der im Grunde seinem Bruder zuzuordnen war, auf ihn gelenkt wurde. Er war überzeugt von der Wichtigkeit seiner Arbeit. Ihm war es wichtig gewesen, möglichst schnell die Räumung gefährlicher Blindgänger zu organisieren, weil davon der normale Lebensalltag der Menschen in der Gegend und deren Versorgung abhängig waren. Ein falsches Gerücht, wegen alter Kriegsgegenstände im Haus, hätte die Zusammenarbeit mit dem Räumtrupp gefährdet.

Ein Prozess der dem Bruder in Kriegsgefangenschaft galt, hatte kurz vor Beginn der Räumungsarbeiten begonnen. Der Onkel musste mehrfach in die Stadt fahren um sich dort verhören zu lassen. Er wurde als Zeuge vernommen.

Dem Bruder und drei Soldaten die unter dessen Kommando standen, wurde vorgeworfen, kurz vor Kriegsende zwei junge Burschen nicht vor deren sicheren Tod bewahrt zu haben. Der Vorwurf lautete, dass die Burschen wegen Feigheit von den drei Soldaten erschossen worden seinen, was wiederum der kommandierende Bruder angeordnet habe. Nichts ungewöhnliches im Krieg. Entscheidend in dem Prozess war aber, dass zu dem Zeitpunkt, als der Bruder den Tod der zwei Burschen anordnete, der Krieg schon vorbei gewesen war. Hauptklärungsfrage in dem Prozess war gewesen, ob der befehlshabende Bruder, oder die befehlsausführenden Soldaten wussten, dass der Krieg beendet war. Zu dieser Klärung konnte der Onkel keinen Beitrag leisten.

Abends am Tisch erzählte der Onkel von den Belastungen aus dem Prozess. Das Mädchen hörte aufmerksam zu. Der Onkel betonte, dass sein Bruder und Vater des Mädchens formal kein Unrecht getan habe. Außer Pflichterfüllung sei ihm nichts vorzuwerfen. Der Onkel berichtete dem Gericht zwar von unterschiedlichen Meinungen, die hin und wieder in Gesprächen zwischen den Brüdern aufgetaucht seien, das sei aber normal zwischen Geschwistern. Politisch seien die Auseinandersetzungen zwischen den Brüdern während des Krieges nie gewesen. Grundsätzlich glaubte er nie und nimmer, dass seinem Bruder das vorgeworfene Verhalten ernst gemeint zur Last gelegt werden dürfe. In seinen Augen sei er kein Überzeugungstäter gewesen, sondern gehorsamer Befehlsempfänger. Folglich sei es wohl sehr unwahrscheinlich, dass der Bruder, wenn dem bekannt war, dass der Krieg vorbei war, noch Befehle zur Erschießung Fahnenflüchtiger erteilt habe.

Das Räumen der Felder war mühsam aber lohnend. Es wurden drei Blindgänger gefunden die vor Ort entschärft werden konnten, weil ihre Lage in der Erde so gut war, dass sie zum Entschärfen nicht bewegt werden mussten. Es gab keine Sprengung. Der Wald, der Tümpel, die Felder und die gesperrten Feldwege wurden allesamt nach einer Woche freigegeben. Sofort begann der Onkel unterstützt durch Nachbarn mit dem Anbau auf den Feldern. Die Arbeit erledigten die Bauern aus der Nachbarschaft, während der Onkel weiter die Räumungen in anderen Gebieten plante. Die Versorgungslage in der Gegend wurde von Jahr zu Jahr besser. Mehr und mehr Bauern konnten ihre Felder und Höfe wieder bewirtschaften.

Das Mädchen war bei Onkel und Tante erwachsen geworden. Sie half nach Kräften in der Landwirtschaft. Daneben besuchte sie die Schule und machte schließlich Abitur. Die spätere Rückkehr ihres Vaters aus der Kriegsgefangenschaft brachte der Familie nicht nur Freude. Sofort brachen zwischen dem Onkel und dem Bruder alte Streitigkeiten auf. Der Bruder war überzeugt, dass der Krieg moralisch rechtens gewesen war und der sichere Sieg nur von feigen Fahnenflüchtlingen und Kollaborateuren des Feindes vereitelt worden war. Er schimpfte über das Unrecht das er in Gefangenschaft erlebt hatte.

Onkel und Tante mussten wegen der vielen Streitigkeiten mit dem Bruder schließlich aus dem Gehöft ausziehen. Das Mädchen wohnte zu dem Zeitpunkt schon ein Jahr lang in der Stadt, wo sie mit einem Studium begonnen hatte. Viele Jahre später stieß sie auf mich, den Bedürftigen aus Birners Haus am Obersalzberg, um zunächst meine Ferienmutter beim sommerlichen Besuch ihrer Eltern auf dem Gehöft an der Ostsee zu sein, und um mich wenig später für einige Jahre bis zu meinem Volljährigkeitsalter in ihr Haus aufzunehmen.

13. Wohngemeinschaft

Am ersten Schultag in der Fachoberschule spürte ich den Wunsch in Berchtesgaden geblieben zu sein. Dort hatte ich Sicherheit gehabt. Sie bedeutete Routine und Gespräche. Manchmal war das dumpfe bayerische Geplapper und Geplärre der Mitschüler, das ich seit Jahren kannte, nervig aber es war alltäglich. Das fehlte nun völlig denn ich kannte in der neuen Schule niemanden. Mir blieb deshalb Zurückhaltung und Beobachtung.

Richard war ein Blondschopf. Er trug leicht gewellte helle Haare, hatte lange Arme mit riesigen Händen und eine laute tiefe Stimme. Er begann einfach mit den Leuten um sich herum zu sprechen. Eine Gruppe von etwa dreißig Schülern in einem grauen Neonlicht beleuchteten Flur vor verschlossenen Klassenzimmern. Ich stand beobachtend etwas abseits von wo ich Richard hörte:

„In welchem Club sind wir denn hier gelandet?“
Ein kleinerer Typ mit runder John-Lennon-Nickelbrille antwortete Richard, wohl weil er direkt neben ihm stand:
„Das wird doch nicht der Club der grauen Betonköppe sein, so wie die Bude hier aussieht?“
Richard daraufhin:
„Na, na, na, sind wir mal froh, dass die uns hier überhaupt rein lassen. Hast Du auch so eine dämliche Absage bekommen mit Nummer und Option auf einen Platz in dieser Schule?“

Das war mir passiert. Weil ich nicht aus München stammte und das Angebot an Schulplätzen begrenzt gewesen war, hatte ich zunächst eine Absage erhalten. Erst eine Woche vor Schuljahresbeginn fand ich die Zusage im Briefkasten.

Der Typ mit der Nickelbrille hieß Thomas. Er ärgerte sich über den Bau und den finsteren Flur in dem wir warten mussten. Zum Gespräch der beiden, das ich als pauschale Lästerei über das Gebäude, die Schule und die Schulverwaltung erkannte, gesellten sich nun zwei junge Mädchen. Annette und Sofia. Annette wirkte aufgedonnert, ihr blondiertes Haar stand ihr zu Berge. Ein Anfang der achtziger Jahre üblicher Stil zwischen Punk und New Wave. Sie war groß, sprach laut und lachte laut. Ich fand etwas zu laut. Das wirkte herablassend beinahe gehässig. Vielleicht waren ihre Worte sarkastisch? Ich hörte leider nicht was sie Thomas und Richard zu sagen hatte, denn ich stand noch zu weit entfernt. Sofia war klein, schwarz haarig, sie trug sackartige Kleider, die in bunten Farben leuchteten. Sie sprach viel leiser als Annette. Von ihr hörte ich nicht einmal ihr Lachen, während das von Annette unkontrolliert durch den grauen Gang schallte.

Die Gruppe der vier interessierte mich. Sie waren die einzigen unter den neuen Klassenkameraden, die sich an dem Morgen in einem Gespräch näher kamen. Darin sah ich eine Chance. Ich wollte endlich der gespenstischen Ruhe, die sich seit meinem Umzug nach München in mir breit gemacht hatte, entkommen. Ich sagte mir: Du bist nun dran! Ich näherte mich der gesprächigen Gruppe. Jetzt hörte ich was gesprochen wurde. Es war Ärger darüber, dass wir so lange vor der Klassenzimmertür warten mussten.

Auch ich hatte hier zu warten. Ich mischte mich ein. Ich schloss mich dem Schimpfen der vier an. Ich erfand Beispiele dafür, was ich in dem Augenblick besseres zu tun hätte, wenn ich nicht gezwungen wäre vor der Türe in dem grauen Betonflur zu waren. Ich hatte nichts zu tun. Es gab an dem Tag nichts für mich was sinnvoller gewesen wäre. Trotzdem ärgerte ich mich zusammen mit den Viren über die sinnlose Warterei. Der Inhalt unseres Gespräches war Nebensache, er war belangloses Gequatsche. Ich hatte es geschafft. Ich sprach mit den ersten neuen Freunden in meiner neuen Stadt.

Vor meiner Wohngemeinschaft hatte ich ein altes Auto stehen. Darüber sprach ich, denn ich wollte diese alte Karre reparieren, hatte aber keine Ahnung, wie ich das anstellen könnte. Das Auto hatte ich nahe Berchtesgaden bei einem Schrotthändler gekauft. Die technische Überprüfung war jetzt fällig geworden. An der Rostlaube gab es jede Menge Reparaturbedarf.

„Ruft da mal bei Mikes Ersatzteilrampe an“, hörte ich von Thomas.
„Mike schlachtet die Dinger aus und verkauft gebrauchte Teile für jeden Typ. Ein Käfer ist überhaupt kein Problem, dafür hat Mike alles da. Die Telefonnummer kann ich dir aufschreiben.“
Das Auto zu reparieren, war die einzige Beschäftigung, die mir einfiel, die für mich gerade an stand. Ich wollte den Wagen wieder fit machen und verkaufen.
„Wir könnten deine Rostmühle mal zusammen anschauen, wenn du willst. Habe schon einige derartige Schrottlauben repariert.“
Das war ein Angebot. Ich nickte Thomas zu und erklärte ihm wo meine Wohngemeinschaft lag.

Im Klassenzimmer standen die Tische in U-Eisenform. Das ermöglichte es, dass fünf Personen in gesprächiger Nähe zueinander Sitzplätze fanden. Wir setzten uns an eine Ecke dieses U-Eisens so dass Blickkontakt möglich war. Am Ende des ersten Schultages saß ich zusammen mit den vier neuen Klassenkameraden in einer Kneipe. Annette hatte die Kneipe vorgeschlagen. Es war ihr Arbeitsplatz, an dem sie täglich ab siebzehn Uhr anzutreten hatte. Sie bediente dort jede Nacht bis ein Uhr früh. Erst in der Kneipe wurde mir bewusst, dass es tatsächlich ernst zu nehmende Alternativen gab, Zeit zu verbringen. Annettes Alternative war es, die halbe Stunde des sinnlosen Wartens am Morgen vor dem Klassenzimmer einfach länger zu schlafen. Sie war permanent sehr müde wegen des Kneipenjobs. Für mich war die sinnlose halbe Stunde gut. Jetzt hatte ich Kontakt.

In der Kneipe war ich damit beschäftigt meine Verunsicherung zu überspielen. Arbeit diente der Sicherung des Lebensunterhaltes. Annette hatte ihren Job bitter nötig. Sie lebte von dem Geld das sie damit verdiente. Nur mit dieser Arbeit, von Nachmittags bis spät in die Nacht hinein, konnte sie die Miete für ihr Zimmer in ihrer Wohngemeinschaft und Lebensmittel bezahlen. Annette wollte in zwei Jahren den Abschluss an der Fachoberschule schaffen, um dann zu studieren. Ich staunte innerlich, denn sie war in meinem Alter. Ich aber hatte noch nie richtig gearbeitet.

Logik die Annette hinter ihrem Schulbesuch sah, das Ziel, die Klarheit, mit der sie wegen des Geldes für ihren Lebensunterhalt ihren Kneipenjob erledigte, all das war mir fremd. Ihre Eltern hatten sie in der Luft hängen gelassen. Von denen erzählte sie, war für sie nichts mehr zu erwarten. Sie lebte schon seit knapp drei Jahren in einer Wohngemeinschaft mit drei Studenten. Alles was sie täglich benötigte verdiente sie selbst. Von den Eltern komme sie nichts, weil die für sich selbst kaum genügend Geld hätten.

Ich hatte in München ein Zimmer in einer kleinen Wohngemeinschaft gefunden. Es war eine sogenannte Zweckwohngemeinschaft. Davon sprach man, wenn die Bewohner außer dem Zweck des Zusammenwohnens keine weiteren Absichten miteinander verfolgten. Man könnte auch sagen, dass die Bewohner nicht miteinander befreundet waren.

Christian, ein Bekannter aus Berchtesgaden war wie ich nach München gezogen. Er hatte mich wegen der Zweck-WG angesprochen. Er habe eine kleine Dreizimmerwohnung an der Hand. In diese wolle er mit einer Bekannten einziehen. Es würde aber noch ein Mitbewohner fehlen um die Miete zu berappen. Für mich war das Angebot ideal. Ich brauchte mich um nichts weiter als meinen Umzug zu kümmern. Weil ich in München noch niemanden gekannt hatte fand ich Christians Angebot gut. Was eine Zweck-WG war lernte ich erst im Laufe der Zeit.

Ich fuhr meinen kleinen Hausstand in dem schrottreifen Käfer von Berchtesgaden nach München. Die Zweck-WG lag am südöstlichen Stadtrand, direkt an der Autobahn. Vor meinem Fenster im ersten Stock rasten Autos und LKW auf sechs Autobahnspuren Tag und Nacht dahin. Das machte mir nichts aus. Auch Christian störte der Verkehrslärm nicht. Er fiel nach der Arbeit kaputt in sein Bett.

Christian arbeitete abends in einem Fitnesscenter und besuchte tagsüber eine Berufsoberschule. Die tägliche Arbeit neben der Schule war kein Spaß. Das begriff ich wegen Annette und Christian. Ich konnte mir nicht vorstellen beides unter einen Hut zu bringen. Christian arbeitete genauso wie Annette jeden Tag bis tief in die Nacht.

Ich stellte mir einfach vor, beide hätten mit ihrer Arbeit neben dem Schulbesuch einen Weg eingeschlagen, der die Flucht sowohl in das eine als auch das Andere ermöglichte. Wenn es in der Arbeit nicht gut lief, konnte die Schule ein Grund dafür sein, lief die Schule schlecht, war Grund dafür die Arbeit. So dachte ich darüber. Ich suchte nach Gründen die rechtfertigten, dass ich neben der Schule nicht arbeitete.

Arbeit war kein Zeitvertreib, genauso wenig wie die Schule. Damals fragte ich mich nämlich oft, wo denn der rechte Sinn meines Schulbesuchs lag? Ich sah darin überwiegend den Zeitvertreib. Was sonst sollte ich tun? Ich hatte Birners Haus am Obersalzberg hinter mich gebracht, ich war der Bacheischule in Berchtesgaden entkommen und hatte auf dem Obersalzberg die Realschule geschafft. Annette und Christian hatten ganz andere Motive zu arbeiten und die Schule zu besuchen. Sie hatten ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Diese Wahrheit war für mich neu.

Ich stellte mich in der neuen Schule zu einer Gruppe und stieg in die gesprächige Runde um Richard, Thomas, Sofia und Annette ein. War mir die Lust danach, klinkte ich mich wieder aus. Ich ließ mich von Christian in die Zweck-WG aufnehmen und lebte dort neben der Autobahn dahin. Warum ich dort lebte, dass ich nicht arbeitete um die Schule zu besuchen, warum ich den Lärm neben der Autobahn nicht hörte, das wusste ich nicht. Ich sah mich um und hörte zu. Ich stellte mich dazu und beobachtete das Leben und Geschehen um mich herum.

14. München

Die Stadt tobte um mich herum. Ich kannte das nicht. Sie bedeutete eine riesengroße Umstellung. Berchtesgaden mit seinen Bergketten war ein abgelaufener Film. Er war weg wie eine Vision die nach einem Filmabend im Kopf noch kurz weiterlebt. Er war weg wie auch das Gefühl nach dem Kino weggeht in eine andere Welt getaucht zu sein.

Die Stadt war gewöhnungsbedürftig. Sie forderte mich. Nicht weil es in ihr stank und lärmte, auch weil sie voll war von Menschen und weil sie über den Haufen warf, woran ich zuvor naiv geglaubt hatte. Geld und Kommerz waren wichtig in der Stadt. Einkaufen gehörte zu den Hauptbeschäftigungen von Christian und seiner Bekannten.

Die Bekannte sah ich kaum. Sie schien ihr Zimmer in der Zweck-WG als Kleiderlager zu nutzen. Dort stapelte sie im Laufe der Woche einen Berg Kleidung. Christian erzählte mir, dass sie einen Freund habe bei dem sie wohne. In der Zweck-WG erschien sie meist kurz vor sieben Uhr abends um sich umzuziehen. Am Wochenende kam sie samstags mit großen Einkaufstüten, in denen sich neu eingekaufte Kleidung befand. Die sortierte sie in ihre Schränke. Sie verstaute in ihren Einkaufstüten die im Laufe der Vorwoche gestapelte schmutzige Wäsche und verschwand. Montags ging das Spiel von neuem los. Sie erschien um neunzehn Uhr, zog sich in ihrem Zimmer um und verschwand wieder.

Das Leben in der Stadt schien mit meinem Leben zuvor nichts zu tun zu haben. Was die Bekannte von Christian tagsüber machte, warum sie in der Zweck-WG ein Zimmer gemietet hatte, warum sie ständig neue Kleidung kaufte und täglich kam um sich umzuziehen? Keine Ahnung, das musste mit dem Leben in der Stadt zusammenhängen. In der Stadt ging es anonym zu. Da konnte man wohnen, ohne dass jemand nach dem Zweck des Wohnens fragte. Wichtig war vor allem, dass die Bekannte von Christian dafür bezahlte.

Christian interessierte sich nicht dafür was seine Bekannte tat. Er wusste weder wo ihr Freund lebte, noch ob seine Bekannte tagsüber einer Arbeit nachging, zur Schule ging oder nichts dergleichen tat. Das war ihm völlig egal solange sie die Miete für ihr Zimmer regelmäßig an den Vermieter seiner Zweck-WG überwies. Im Gegenteil, nach einigen Wochen des Zusammenlebens hatte ich das Gefühl, dass Christian es gut fand, seine Bekannte in der Wohnung so selten zu sehen.

Christians Hauptbeschäftigung am Wochenende war das Einkaufen. Dafür nahm er sich viel Zeit. Während der Woche hatte er wegen seines Schulbesuchs und seiner Arbeit dafür keine Zeit. Er kam täglich mittags gegen vierzehn Uhr von der Schule kurz nach Hause, zog sich um und verschwand schon um fünfzehn Uhr wieder. Er erledigte Hausaufgaben und Lernen für die Berufsoberschule offenbar irgendwie neben seiner täglichen Arbeit im Fitnesscenter. In der Zweck-WG erschien er abends nach der Arbeit gegen dreiundzwanzig Uhr.

Samstags fuhr er gegen neun Uhr morgens los, um genügend Zeit für das Einkaufen zu haben. Die Stunden bis um vierzehn Uhr die Geschäfte schlossen, graste er alle möglichen größeren und kleineren Möbelmärkte rund um die Stadt ab. Das tat er zusammen mit seiner Freundin die jedes Wochenende am Freitagabend in die Zweck-WG einzog. Jeden Samstag nahmen sich die beiden ein neues Gewerbegebiet irgendwo am Stadtrand vor.

Genauso wie Christian war dessen Freundin begeisterte Einkäuferin. Es ging ihr hauptsächlich um Kleinigkeiten, die aber wohl entscheidend waren. Ein kleines Deckchen hier, ein Kissen dort, ein Farbtupfer auf dem Fernsehgerät, ein hübsches, dekoratives Stückchen auf dem Fensterbrett. Das alles war reine Geschmackssache. Es bewies ihren Stil. Wegen Kleinigkeiten lohnte es sich, am Samstag immer weiter wegzufahren, um in einem neuen Möbelmarkt hübsche Dinge, die sie Accessoires nannte, einzukaufen. Daran konnte sie sich mit Christian zusammen freuen. Das war deren Lohn der Arbeit.

Ich sah die beiden wenig miteinander lachen. Ich hatte oft den Eindruck sie ärgerten sich über ihren Einkauf. Die Qualität der Waren gefiel meist nicht. Das Objekt war oft doch nicht der erhoffte Schlager, weil die Farbkomposition auf dem Fensterbrett an der Autobahn nicht ganz mit dem Ton des Vorhangs harmonierte. Der Verkäufer hatte meist falsch beraten. Er hatte vom ursprünglich angedachten Objekt abgeraten, was sich in der Zweck-WG an der Autobahn stets als „Geschmacks-Katastrophe“ erwies. Das Resultat: Der eigene Geschmack ist doch am verlässlichsten! Die Beratung im Geschäft war mal wieder ein großer Reinfall! Das Objekt wird nächstes Wochenende umgetauscht!

Wohnen in der Stadt war nicht wohnen weil man halt ein Zimmer oder eine Wohnung brauchte in der man wohnte, von der aus man lebte. Es schien eher eine Stilfrage zu sein. Es ging darum die Anonymität der Stadt zu nutzen. Es schien darum zu gehen sich selbst zu zeigen, dass man konnte wie man wollte. Zu können wie man wollte bedeutete frei zu sein. Geld das er verdiente konnte er ausgeben wie er das wollte. Das war seine Freiheit. „Tinnef“, den er zusammen mit seiner Freundin einkaufte war beider Glück. Deren Glück wurde getrübt, wenn beide sich nach jedem Einkauf konsequent über die erworbenen Stücke und die Verkäufer ärgerten. Das wiederum gehörte zu der Art, wie beide Freiheit definierten. Einkaufen und über das Eingekaufte meckern. Das war der Kick! Freiheit war, wenn Waren durch Umtausch am folgenden Wochenende gekrönt wurden.

Dagegen war mein Alltag in der Stadt sehr einfach: Ich fuhr täglich zur Schule. Zuerst fuhr ich mit einem Stadtbus, stieg danach in die U-Bahn um und nahm anschließend noch einen Bus. Ich saß bis dreizehn Uhr im Unterricht und kam täglich um halb drei Uhr zurück in die Zweck-WG. Dort traf ich manchmal auf Christian der um diese Zeit das Haus verließ um zur Arbeit zu fahren. Nachmittags saß ich im kleinen Wohnzimmer. Dort lernte ich und erledigte Aufgaben für die Schule. Am Wochenende besichtigte ich die neuesten Einkäufe und hörte den Einkaufsgesprächen zwischen Christian und seiner Freundin zu. Das war ’s.

15. Umzug

Nach einem halben Jahr in der Zweck-WG tauchte eine weitere Bekannte aus Berchtesgaden auf. Ich traf sie eines Abends in einer Studentenkneipe. Sie erzählte, dass sie in der ehemaligen Wohnung ihrer Eltern eine Wohngemeinschaft mit ihren drei Geschwistern starten wollte. Es sei ein altes villenartiges Haus am Stadtrand. Ihre Eltern hatten sich in Berchtesgaden endgültig niedergelassen und das Haus in der Stadt aufgegeben. Die alte Familienvilla würden sie nun für die nächsten Jahre den Kindern überlassen so lange diese noch studierten.

Die Bekannte bot an mir das Ganze zu zeigen. Im zweiten Stock in der Villa sei noch ein kleines Zimmer frei. Ich war begeistert. Ihr unverbindliches Angebot machte ich sofort zu etwas Verbindlichem. Ich vereinbarte einen Termin gleich für den nächsten Abend. Ich traf pünktlich in der Villa ein. Dort traf ich auf die Geschwister der alten Bekannten. Ich kannte sie alle aus Berchtesgaden.

Mein Zimmer war winzig. Es war eine gemütliche, kleine Dachkammer. Dachschräge, Fenster, ein in die Dachschräge hinein gebauter Schreibtisch und sogar eine winzige Nebenkammer. Das war ein begehbarer Schrank unter dem Dach. Die Miete war traumhaft niedrig. Es ging nur um die Kosten für Heizung, Strom und anfallende Nebenkosten. Diese wurden anteilig nach der jeweiligen Zimmergröße berechnet. Ein Topangebot. Ich sagte sofort zu.

Die Villen-WG war interessanter als die Zweck-WG. Ob es auch eine Zweckwohngemeinschaft sein würde, wusste ich noch nicht. Zeitweise wohnten dort zehn Leute. Es waren Studenten die unterschiedlichste Fächer studierten und unterschiedlicher nicht sein konnten. Einkaufen als Freizeitbeschäftigung gab es nicht. Einkaufen war lästige Pflichtübung die zum Alltag gehörte. Es gab eine WG-Kasse in die jeder einzuzahlen hatte. Die Einkaufsrechnungen wurden daraus beglichen. Die Einkaufsmengen waren gigantisch. Die WG hatte ein Auto das ihr die Eltern und Hauseigentümer überlassen hatten. Ein Traum. Mit dem Wagen, einem großen Kombi, ging es am Samstag in einen Einkaufsmarkt wo alles besorgt wurde was sich im Laufe der Woche auf einer langen Einkaufsliste am Küchenschrank angesammelt hatte.

Die Freizeitbeschäftigungen der WG-Bewohner waren unterschiedlich. Im Gegensatz zur Zweck-WG an der Autobahn wurden teilweise am Wochenende auch gemeinsame Dinge unternommen. Das ging von Wandertouren in die Berge über Schwimmbad, Kino usw. bis zu gemeinsamen Campingurlauben in den Semesterferien. Je nach Interessen setzten sich die Personen für solche Unternehmungen zusammen.

Bei vielen Dingen mischte ich mit, andere ließ ich. Es machte mir Spaß in dem großen Garten zu arbeiten, den Rasen zu mähen, Laub zu rechen. Das wollten andere gar nicht. Ich hielt mich dafür beim Kochen zurück. Das Ganze war für studentische Verhältnisse luxuriös. Mein kleines Dachzimmer war ein Glücksfall.

In die Villen-WG konnte ich Schulkameraden einladen. Es gab dort nämlich genügend Platz in einem riesigen Wohnzimmer und dem großen Garten mit breiter Terrasse. Es war ein sehr altes Haus. Die Mitschüler Richard, Thomas, Annette und Sofia lud ich nach wenigen Wochen ein. Wir gründeten eine so genannte Lerngruppe für die Schule. Die traf sich in der Folge ausschließlich bei mir in der Villen-WG. Der Platz war wegen der großzügigen Atmosphäre sehr gut. Unsere gemeinsame Lernarbeit dagegen war oft nicht sonderlich effektiv. Die Treffen endeten meist spät abends. Dabei kam es zu Alkoholkonsum, begleitet von lauter Musik aus dem Plattenspieler. Der Spaß schob sich mit jedem Treffen weiter in den Vordergrund. Trotzdem brachten diese Treffs auch etwas für die Schule. Gerade vor wichtigeren Tests und Prüfungen gab es Absprachen in der Lerngruppe, wodurch wir besser vorbereitet waren.

Richard fand oft heraus was zur Prüfung an stand und von wo Informationen zu den Prüfungsfragen zu bekommen waren. Er nutzte einen Kontakt in die Staatsbibliothek. Dort kannte er eine Sekretärin. Über die beschaffte er manchen Text den sich Lehrer für die Englischprüfung oder den Test in Deutsch von dort holten.

Meine Beiträge für die Lerngruppe waren dünn. Mein Wissen war eher auf mein Bemühen beschränkt. Meine Kontakte in der Stadt waren gleich Null. Interessant war, dass manche mir fehlende Wissensgrundlage auch Thomas, Richard, Sofia oder Annette fehlten.

Beim Grübeln über ein mathematisches Grundsatzproblem erinnerte ich mich an die Lehrerin. Ich erinnerte mich daran, dass die mathematische Problemlage bereits von der Lehrerin in ihrem Büchlein behandelt worden war. Also erklärte ich der Lerngruppe, dass ich eine Idee hätte unser Problem zu lösen. Ich suchte nach dem Büchlein, fand es aber nicht und verschob deshalb die Problemlösung bis zum nächsten Treffen.

Die nächste Lerngruppe fand drei Tage später statt. Zu dem vereinbarten Termin war aber nur Richard gekommen. Das zu lösende Problem hatte Richard bereits untersucht und uns in der Schule auf sein Ergebnis aufmerksam gemacht. Ich hatte das Büchlein in einer alten Schuhschachtel verwahrt. Die hatte ich in meiner winzigen Dachkammer in dem kleinen begehbaren Kleiderschrank auf einem Regal in der hintersten Ecke verstaut. Richard wollte wissen was ich da für ein Büchlein hatte. Ich hatte das Problem und dessen Lösung in dem Büchlein zuvor tatsächlich gefunden. Ich wollte die Lösung präsentieren, doch Richard interessierten stattdessen schon Detailfragen. Ich blätterte im Büchlein, suchte nach der Seite auf der das Problem geschildert wurde. Richard war ungeduldig. Ich las und versuchte zu erklären. Für Richard war die Lösung längst klar. Ich las etwas von Pythagoras, Richard gähnte und sagte er wollte sich das selbst mal ansehen.

Er griff nach dem Büchlein. Ich wollte es ihm nicht sofort geben, denn in dem Augenblick glaubte ich das entscheidende Detail gefunden zu haben. Richard hatte den Buchdeckel erfasst und zog. So riss das uralte blaue Packpapier auf. Richard entschuldigte sich. Ich klappte das Büchlein zu, legte es auf den Tisch, versuchte den Einband zu glätten. Das ging nicht, denn das Packpapier war so alt, dass es mehr und mehr riss.

„Das macht gar nichts, ich entferne es einfach komplett.“

Ich zog das Packpapier vom Buch. Übrig blieb auf der Buchrückseite ein Stück Papier. Es war das Schreiben. Graues, vergilbtes, sehr dünnes Papier. Es war am Buchrücken fest geklebt.

„Was ist denn das?“, fragte Richard und zeigte auf das Stück Papier.
„Das ist doch absolut uralt!“
Richard nahm mir das Buch ab, hielt den Buchrücken an das helle Fenster, blies seitlich an den Buchrücken, so dass das Papierstück leicht flatterte. „Ist das ein alter Brief?“
„Ich weiß es nicht, es ist ein uraltes Schreiben.“
„Woher stammt das und warum klebt es an diesem Buch?“
„Ich habe es vor fast acht Jahren im Urlaub auf einem alten Dachboden gefunden.“
„Aha und deshalb klebt es auf dem Buchrücken dieses mit uraltem Papier eingewickelten Schlaubergerschulbüchleins? Hast du eine feine Pinzette und ein glattes Stück sauberes, weißes Papier?“
„Was willst du denn damit?“
„Ich will das fein säuberlich ablösen, ohne dein Schreiben zu ruinieren.“
Richard sah mich neugierig an.
„Ich interessiere mich für solche uralten Sachen, von alten Dachböden.“
„Das sollten wir uns wirklich vorsichtig anschauen. Das Schreiben muss uralt sein. Ich weiß das noch von damals, als ich es das letzte Mal gesehen habe und in dem Packpapier auf dem Buchrücken versteckt habe.“

Ich ging ins Bad und sah mich dort nach einer Pinzette um. Die fand ich im Waschbeutel einer WG-Mitbewohnerin. Richard hob mit der Pinzette vorsichtig eine Ecke des gefalteten Papiers an und schob eine Seite glattes, weißes Schreibmaschinenpapier zwischen Ecke und Buchrücken. Mit dem weißen Bogen löste er langsam das Papier vom Buchrücken.

„So das hätten wir. Aber das Entfalten wird schwierig.“
„Wieso?“, fragte ich.
„Weil das Ding offenbar irgendwie zusammenklebt. Wenn wir das einfach so auseinander ziehen, reißen wir wahrscheinlich auch die Schrift mit ab, und wenns ganz schlecht läuft, reißen wir sogar das Papier ein.“ Ich sah Richard fragend an. „Ich habe einen Onkel der sich mit alten Geldnoten beschäftigt und alte Bücher über Geldnoten sammelt. Der kennt sich aus mit altem Papier. Der hat Erfahrung und Werkzeuge und eine kleine Papierwerkstatt. Da flickt er auch alte Geldnoten wieder zusammen. Vielleicht könnte der das Papier so öffnen, dass der Text erhalten bleibt. Außerdem können wir mit dem Text eh nichts anfangen. Der scheint so alt zu sein, dass wir die Schrift wohl gar nicht entziffern können.“
„Du meinst, dein Onkel könnte das vorsichtig öffnen und vielleicht sogar die Schrift für uns entziffern?„
„Glaub schon, dass der das drauf hat.“
„Wann und wo?“

16. Ein alter Onkel

Richards Onkel hatte in einem finsteren Hinterhof in der Innenstadt ein kleines Büro. Über ein paar Außenstiegen ging es hinauf und durch eine schwere Holztür in einen schummrigen Raum. Das Büro war nur wenig größer als meine winzige Dachkammer. Es war voll mit Regalen, in denen sich Bücher stapelten. In transparenten Plastikhüllen steckten alte Geldnoten. Sie lagen stapelweise auf einem kleinen Tisch. Es roch wie auf einem alten Speicher. Ich erinnerte mich an den Geruch, der mir aus der alten Kiste entgegen gekommen war. Altes bedrucktes, verstaubtes Papier.

Der Onkel saß auf einem hohen Hocker hinter einem dunklen schweren Tresen. Dort stand eine beleuchtete große Lupe. Von einer Schnur an der Decke hing ein Lampenschirm. Auf dem Tresen lagen verschiedene Kleinwerkzeuge. Auch hier stapelten sich transparente kleine Plastikhüllen mit alten Geldnoten.

Er blickte freundlich wie ein Zirkusdirektor. Sein Sprechen erinnerte mich an einen früheren Deutschlehrer in Berchtesgaden. Er trug eine Nickelbrille und hatte einen zwirbeligen Schnurrbart.
„Na, da habt ihr mir ja was Hübsches gebracht!“
Wir setzten uns auf zwei Hocker vor dem dunkelbraunen Holztresen. Neugierig sahen wir den Onkel an. Den Brief hatte er in eine größere Plastikhülle gesteckt die auf dem Tresen lag. Daneben hatte er eine Kopie gelegt.
„Ich hab euch das Ganze mal kopiert.“
Er tippte mit einem Zeigefinger auf die Kopie.
„Der Brief ist genau das, woran ich sofort dachte, als Richard dieses gefaltete Papier hier im Büro aus dem Umschlag gezogen hatte. Wehrmachtspost. Ich kenne das selbst noch von früher. Habe damals auch solche Briefe geschrieben. An meine Mama. Genau so ein Brief ist das! Wo hab ihr den denn her?“

Der Onkel fixierte mich, denn Richard hatte ihm natürlich gesagt wer hinter der Sache steckte. Ich wurde sofort rot. Das passierte mir leider oft. Vor allem passierte es wenn eine vernünftige Antwort von mir erwartet wurde.
„Ich habe ihn vor Jahren auf einem Speicher in einer alten Kiste gefunden.“
Die Worte brachte ich kaum raus, verfiel in ein Stammeln, begann zu husten und musste mir von Richards Onkel ein Glas Wasser geben lassen, um den trockenen Hals zu spülen.
„Alles halb so wild“, versuchte der Onkel mich zu beruhigen.
„Das ist ja kein Verhör hier, interessiert mich halt einfach, weil ich damals selbst solche Post geschrieben habe. Der Brief ist vierzig Jahre alt. Genauer gesagt wurde er wohl am dreizehnten Achten fünfundvierzig geschrieben.“
Der Onkel hob die Kopie hoch und deutete auf das dort geschriebene Datum.
„Der Brief muss also kurz vor der Kapitulation und damit dem Kriegsende geschrieben worden sein.“
Richard und ich blickten den Onkel gespannt an.
Anstatt weiter zu berichten, fragte der Onkel mich:
„Also weiter! Woher hast du den Brief und wieso kommt ihr zwei erst jetzt damit zu mir?“
Ich sah Richard an. Der sagte aber nichts, sondern nickte nur. Damit meinte er, ich sollte erzählen was Sachlage ist.
„Ich habe den Brief über etwa acht Jahre im Buchrücken eines Lehrbuches, das ich mit blauem Packpapier eingebunden hatte, vergessen.“ Der Onkel sah mich befremdet an.
„Du hast den Brief also versteckt und behauptest nun ihn vergessen zu haben, verstehe ich das richtig?“
„Ja, so ungefähr.“
Ich trank aus dem Glas Wasser um nicht noch mal zu husten oder gar meine Stimme zu verlieren. Richard nickte seinem Onkel zu.
„Dass der Brief offenbar vergessen war, hab ich mitgekriegt, der flog aus dem Buch wieder raus, weil ich das Packpapier versehentlich abgefetzt habe. War alt und morsch das Zeug, aber der Brief ist dabei zum Glück nicht zerlegt worden.“
„Ok, ok, aber warum hast Du den Brief überhaupt versteckt?“
„Naja, damals war ich erst vierzehn, als ich den gefunden hatte. Ich hatte eben Schiss. Weil ich den Brief auf dem Speicher aus einer Kiste mitgenommen habe, in der ich nichts zu suchen hatte.“
„Was für eine Kiste? Was für ein Speicher? Gibt ’s da noch mehr Briefe?“

Richards Onkel sah mich kritisch an und füllte das Wasserglas nochmal auf.
„Keine Ahnung, das ist schon ewig her. Es war eigentlich ein Versteckspiel. Ich hatte Angst vor dem Feriengroßvater, weil wir auf diesem Speicher eigentlich nicht spielen durften.“
Richard und der Onkel tauschten sich per Blick aus. Beide schauten ungläubig drein.
„Was erzählst Du hier für eine dubiose Kindergartengeschichte? Soll ich die wirklich glauben?„
„Was anderes kann ich dazu nicht sagen. Ich erinnere mich genau. Der Feriengroßvater hatte uns auf dem Speicher beim Versteckspiel erwischt, ich hatte gerade diesen Kistendeckel geöffnet und ihn dann vor Schreck fallen lassen. Dabei flog wohl der Brief heraus, den ich aufhob, zusammenknüllte und in meine Hosentasche stopfte.“
Der Onkel und Richard blickten sich fragend an. Beide nickten sich zu.
„Aha!“
„Wieso Aha? Da gibts nicht mehr dazu zu sagen. Schon damals hatte ich den Fetzen vergessen. Erst nachdem die Sommerferien vorbei waren, tauchte er zu Hause am Obersalzberg wieder aus meiner Hosentasche auf. Er fiel heraus und ich hatte mich daran erinnert, dass ich einen Diebstahl begangen hatte. Vorsichtshalber versteckte ich ihn deshalb im Buchrücken. Das wars.“
Der Onkel sah mich ungläubig an. Richard sah den Onkel ungläubig an. Ich trank aus dem Wasserglas.

„Na gut!“
Der Onkel zog ein Taschentuch aus der Hosentasche und rotzte schnaubend hinein. Das Taschentuch stopfte er zurück in die Hosentasche.
„Jedenfalls schreibt in dem Brief ein junger Mensch, der dürfte damals etwa so alt wie ihr es heute seid, gewesen sein. Es ist mehr oder weniger ein Abschiedsbrief.“
Richard sah seinen Onkel neugierig an. Ich versuchte unbeteiligt zu blicken, denn ich war froh meine Geschichte überhaupt herausgebracht zu haben ohne eine neue Hustenattacke zu bekommen.
„Ich glaube hier verabschiedet sich ein junger Mensch von seiner Mama. Der hat den Brief geschrieben und war sich nicht sicher ob er das, was damals vor ihm stand, überleben würde. Deshalb verabschiedete er sich.“
Richard und ich blickten uns an, dann wandten wir unseren Blick zum Onkel.
„Übrigens der Brief ist echt, da bin ich sicher. Sogar die Adresse der Mutter hat der Knabe im Brief nochmal notiert. Da, schaut: Hier am Ende steht sie. Das scheint irgendwo in Norddeutschland zu sein. Hört sich jedenfalls so an, der Name von diesem Kaff.„
Der Onkel hielt uns den Brief hin und zeigte auf eine Zeile am Ende des Schreibens.
„Der wollte wahrscheinlich sicher sein, dass sein Brief auch zugestellt wird.“

17. Die zweite Prüfung

Die Abschlussprüfungen fanden nach den Osterferien statt. In der Lerngruppe hatten wir vereinbart einen gemeinsamen „Lernurlaub“ zu machen. Die Idee stammte von Richard, auch das Ziel stammte von ihm. Mit dem Villen-WG-Kombi fuhren wir nach Südfrankreich.

Richard war ein begeisterter Starkwindsurfer. In Südfrankreich kannte er einen Campingplatz an einem windigen See. Dorthin verschleppte er uns. Ich erzählte Richard, dass ich das Windsurfen gelernt hatte. Jahre nach dem Ostseeaufenthalt hatte ich einen Kurs belegt und die Technik erlernt. Ich war aber kein begeisterter Starkwindsurfer wie Richard geworden. Mir reichte mittelmäßiger Wind und schönes Wetter. Richard hatte mich mit dem Surfen für den Urlaub geködert. Thomas, Sofia und Annette waren von der Idee „Lernurlaub“ in Südfrankreich sofort begeistert. Also war die Sache klar. Richard hatte ein schrottreifes Kleinfahrzeug, das wir für diesen Urlaub gegen den Kombi der Villen-WG eintauschten. Thomas fuhr mit einem Kumpel in seinem R4.

Zu der Urlaubsgruppe hatten sich noch mir unbekannte Freunde von Annette und Sofia angemeldet. So waren wir insgesamt zehn Personen geworden. Es gab einige Absprachen über die Autos in denen wir das Ziel ansteuerten, den Campingplatz und ein großes Zelt, das Annette aufgetrieben hatte. Sie hatte über ihre Arbeit in der Kneipe einen Menschen kennen gelernt, der bei einem Zeltverleih arbeitete. Von dort lieh sie kostenlos ein riesiges Zelt, das für Partys verliehen wurde. Die unbekannten Freunde von Annette und Sofia fuhren in einem metallic lackierten, getunten VW-Käfer. Dass ein Käfer so aussehen konnte war mir neu. Ich hatte meinen Schrottkäfer ein letztes mal durch den TÜV gefahren und verkauft. Ich finanzierte den Urlaub aus dem Erlös.

Obwohl das geliehene Auto aus der WG stammte in der ich wohnte, ergriff Richard Besitz von dem Wagen. Dass die WG meine WG war und ich das WG-Auto von den Geschwistern geliehen hatte, interessierte Richard nicht. Er hatte eine selbstverständliche Art das Auto zu vereinnahmen und eine noch selbstverständlichere Art seine Insassen in Richtung Südfrankreich zu steuern. Richard prügelte den Peugeot-Kombi dorthin. Wir fuhren nachts und nur auf Landstraßen weil Richard die Autobahnmaut nicht bezahlen wollten. Eine Nacht und einem Tag später erreichten wir unser Ziel nahe Montpellier. Thomas, der das Zelt von Annette transportierte, kam erst fünf Stunden später in der Dunkelheit dort an.

Unter dem Einfluss der Freunde von Annette und Sofia war in Frankreich keine Rede mehr davon, dass wir irgendetwas für die bevorstehenden Prüfungen lernen wollten. Stattdessen ging es darum, möglichst cool durch Tag und Nacht zu stolpern. Die Sache wurde anstrengend und feucht. Das Wetter war kühl und stürmisch. Der Campingplatz verwandelte sich eines Nachts bei Sturm in ein Schlammloch. Das einzige Zelt das den heftigen Sturm überstand war unseres. Grund dafür war, dass es schwer und massiv dastand und dass ein Schlammbach quer durch das Zelt verlief jedoch genau so, dass die Verankerungen nicht unter spült wurden. Dafür hatte Richard beim Aufbau gesorgt. Er hatte den Stellplatz für unser Zelt offenbar nach den Kriterien Starkwind, Bodenneigung und Wasserverlauf bei Regen ausgesucht.

Er hatte in der Gegend schon manchen Sturm erlebt. Ihm war klar gewesen, dass zu dieser Jahreszeit mindestens ein heftiger Sturm kam. So plante Richard ohne mit uns darüber zu sprechen. Richard sorgte dafür, dass wir das Zelt in der Dunkelheit, nachdem auch Thomas mit seinem R4 eingetroffen war, so aufbauten, dass man in den großen Zelteingang von einem geteerten Weg mit dem Auto hineinfahren konnte. Genau dies tat Richard während der Sturm tobte. So konnten wir alles trocken in den Wagen laden. Wir zogen für den Rest der stürmischen Nacht in einen Bungalow im oberen Teil des Zeltplatzes. Am Tag nach dem nächtlichen Sturm schien die Sonne wieder. Es wurde langsam wärmer. Schon Nachmittags konnten wir wieder in das getrocknete große Zelt einziehen.

Ich lernte Richard besser kennen als in den zurückliegenden zwei Schuljahren. Er war ein Macher. Er war ein sehr unruhiger und getriebener Zeitgenosse. Sein Starkwindsurfen war wie sein Autofahrstil. Schnell, ein bisschen riskant und ein bisschen besessen. Richard war immer sehr direkt. Er stieg nur dann auf sein Surfbrett, wenn dunkle Wolken ein Gewitter ankündigten und deshalb ein gutes Erlebnis sicher war. Er setzte stets seinen Kopf durch. Kritische Rückfragen kamen erst dann auf, wenn die betreffende Situation bereits erledigt war und deshalb nicht mehr der Rede wert schien.

Dass er auf der Reise die ganze Nacht und den folgenden Tag am Steuer saß und den Kombi über die Landstraßen jagte, wurde von seinen Begleitern nicht in Frage gestellt. Auf welche Weise das Ziel erreicht wurde, welches eigentlich Richards Ziel war, bestimmte er ohne lange darüber zu diskutieren. Ich dachte nicht daran mich einzumischen.

Abends fuhr Richard in jeweils andere Orte, wo wir bis Mitternacht in Kneipen saßen. Dort unterhielt ich mich jeden Abend mit Thomas, dessen Kumpel Mike und Richard. Annette und Sofia waren jeden Abend mit ihren Freunden unterwegs. Tags darauf wurde im Café auf dem Campingplatz darüber gesprochen was man abends zuvor gemacht hatte. Es war stets das Gleiche. Sofia und Annette erzählten, dass sie mit ihren Freunden in irgendeinem Ort in der Kneipe herum gesessen hatten. Wir berichteten in welchen Kneipen wir herum gesessen hatten.

So vergingen die Tage des Urlaubs zwischen See, Campingplatz, Café und Kneipe. Ein, zwei Mal unternahmen wir kleine Spaziergänge. Einmal fuhren wir nach Montpellier. Hin und wieder versuchte ich mich auf Richards Surfbrett. Der Wind war mir aber insgesamt zu stark, so dass ich es nach dem vierten oder fünften Versuch ganz aufgab. Auf der Heimreise prügelte Richard den Kombi über die Autobahn. Die Bremsen des Wagens waren schwer angeschlagen. Der Bremsbelag war soweit abgefahren, dass bei jedem Bremsmanöver das Schaben von Metall auf Metall zu hören war.

Zurück in der Villen-WG wurde es schließlich mein Job, das Fahrzeug von außen und innen zu reinigen und neue Bremsbeläge zu montieren. Richard hatte damit nichts zu tun. Er übernahm wieder seinen schrottreifen Kleinwagen. Annette brachte das Zelt zurück zu ihrem Partyzeltverleih. Thomas transportierte in seinem R4 eine riesige Batterie Weinflaschen aus Südfrankreich in die Villen-WG. Die hatte ihm Richard in Frankreich unbemerkt in den R4 geladen. Richard hatte den Wein unter der Zeltplane im Auto verstaut. Im Hof vor der Villen-WG lud Richard seinen Wein in seinen Kleinwagen um und verschwand. Der Urlaub ging so belanglos vorbei, wie er begonnen hatte. Die Freunde von Annette und Sofia verschwanden unbekannt, so wie sie zu der Reisegruppe gekommen waren. Ich sah sie nie wieder. Die Reise der Lerngruppe entsprach dem Stil, wie ich die Zeit Mitte der Achtziger Jahre erlebte: Unverbindlich und belanglos. Menschen trafen sich und trennten sich.

Kurz vor den Abschlussprüfungen wurde in der Schule das neue Schwimmbad eröffnet. Das Schulgebäude war ein Neubau der ein dreiviertel Jahr zuvor bezogen worden war. Die Fertigstellung des Schwimmbades hatte sich verzögert. An einem regnerischen Tag hatten sich Richard, Thomas und ich in einer Unterrichtspause in dem neuen Schwimmbad auf einer Sitzbank am Beckenrand niedergelassen.

Der Zugang dorthin war offen, jedoch war es wohl nicht erlaubt, sich da einfach hinzusetzen. Das Wasser war am Tag zuvor eingelassen worden. Wir saßen auf der Bank und unterhielten uns. Nach wenigen Minuten erschien der Hausmeister der Schule. Zu Recht wies er darauf hin, dass das Schwimmbad nicht betreten werden dürfe, schon gar nicht mit Straßenschuhen. Deshalb erhoben wir uns und machten Anstalten, das Schwimmbad Richtung Eingang wieder zu verlassen. Dort aber stellte er sich uns in den Weg.

„Solches Studenten- und Schülerpack wäre früher längst vergast worden!“
„Das meinen sie doch nicht wirklich?“
„Ihr seid ’s doch solche Deppen, da hätten ’s früher längst kurzen Prozess gemacht.“
Richard wurde rot vor Wut. Er schrie den Hausmeister an:
„Wie bitte?“
„Euch hättens früher nicht alt werden lassen, des sag ich Euch!“
Richard schnaubte vor Wut.
„Das kann doch wohl nicht sein!“
Thomas und ich waren am Hausmeister durch den Eingang der Schwimmhalle schon vorbeigegangen, Richtung Aula der Schule. Richard aber war direkt vor dem Hausmeister stehen geblieben. Fassungslos stand er vor ihm. Er stemmte die Arme in die Hüften. Er sah dabei aus, als würde er am ganzen Körper zittern. Er bebte vor Wut.
„Das können Sie unmöglich ernst meinen!“
Der Hausmeister schob Richard jetzt an der rechten Schulter weg. Er versuchte ihn so in unsere Richtung zu bewegen. Richard schlug die Hand des Hausmeisters von seiner Schulter und versuchte den Mann von sich weg zu stoßen.
„Lang mich nicht an, du Sau-Bub du damischer!“
„Ich habe Sie nicht als erster angefasst!“
So schrie Richard den Mann nun an. „Dich hätten ’s als ersten erschossen, du Hunds-Krüppel, du depperter!“
So schrie der Hausmeister Richard an.
Richard drehte sich um, so dass er dem Hausmeister nun erneut direkt gegenüber stand. Er war wütend. Sein Gesicht war rot geworden. Er sah den Mann an, sagte aber nichts. Der Hausmeister packte Richard jetzt an der Schulter. Er versuchte ihn zur Eingangstür zu schubsen. Richard schmetterte jetzt dessen Hand von sich. Er schubste den Hausmeister kraftvoll an den Schultern von sich. Das tat er eins, zwei, drei Mal. Der Hausmeister wich zurück, ein, zwei drei Schritte. Vielleicht waren es fünf, sechs Meter. Jedenfalls reichte das bis zum Beckenrand. Da stand er nun und blickte Richard in die Augen:
„Das tust du nicht, du mieser Sau-Hund!“
Richard verpasste dem Hausmeister einen letzten leichten Schubs mit der rechten Hand. Platsch! Der Mann stürzte ins Wasser. Er ruderte im Wasser hin und her und schrie Richard zu:
„Das hat Konsequenzen, ihr Sau-Pack!“ Richard drehte sich um. Er kam zu uns in die Aula. Zusammen gingen wir zurück in unser Klassenzimmer im Obergeschoss.

Noch in der gleichen Woche wurde Richard von der Schule suspendiert. An der Abschlussprüfung konnte er nicht teilnehmen. Er hatte sich in einem Disziplinarverfahren und einem Strafverfahren wegen Körperverletzung zu verantworten. Nach seiner Entlassung aus der Schule habe ich ihn nur ein einziges Mal wiedergesehen. Es war in einem Gerichtsverfahren, in dem Thomas und ich als Zeugen über den Vorfall aussagen mussten. Richard wurde zu einer Geldbuße verurteilt. Er meldete sich bei mir nie wieder. Auch Thomas und die anderen Freunde hörten nichts mehr von ihm. Er war wie vom Erdboden verschluckt.

Die Prüfungszeit war schnell gekommen. Ich hatte mich zuvor noch vier, fünf Mal mit Thomas getroffen. Er konnte mir wichtige Tipps in Sachen Mathematik geben. Mit seiner Hilfe habe ich mich erfolgreich durch die Prüfung gekämpft. Ich machte das ganz schematisch. Bei jeder Aufgabe arbeitete ich soweit ich konnte genau nach einem Schema das Thomas mir beigebracht hatte. Das funktionierte zumindest soweit, dass ich die Prüfung bestehen konnte. Die Logik die sich hinter der tatsächlichen Lösung der Aufgaben verbarg, hatte ich bis zum Abschluss der Schule nicht wirklich verstanden. Ende Juni hielt ich ein mittelmäßiges Abschlusszeugnis in Händen. Ich hatte es gerade noch geschafft!

18. Studium

Es war ein Glücksfall. Viel zu viele Bewerber hatten sich für einen Studienplatz beworben. Die zentrale Vergabestelle hatte mich unter Tausenden ausgewählt für einen Studienplatz in der Stadt. Das Schreiben der zentralen Vergabestelle hätte andere Menschen in Begeisterung versetzt. Bei mir war es anders. Ich hatte nicht recht gewusst was ich eigentlich studieren sollte mit meinem mäßigen Abschlusszeugnis. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen meiner mangelnden Interessen wusste ich das nicht. Ich hatte keine Ahnung wo meine wahren Interessen eigentlich lagen.

Nach dem Schulabschluss hatte ich mir einen Job als Nachtwächter besorgt. Nächtelang saß ich an der Pforte einer großen Fabrik herum. Dort sinnierte ich über mein Leben und meine Zukunft. Dabei entstand außer der Idee mich für diesen Studienplatz zu bewerben, allerdings nichts. Ich war froh, dass ich den Job an der Pforte gefunden hatte. Er brachte mir wegen der Nachtschichtzulagen durchaus eine hübsche Summe Geld ein. Aber er entfernte mich von den Mitbewohnern in der Wohngemeinschaft, denn tagsüber schlief ich.

Die Freunde aus der Schule waren nach einem rauschenden Schulabschlussfest schnell von der Bildfläche verschwunden. Ich hatte innerhalb eines knappen viertel Jahres von Juli bis Studienbeginn im Oktober keine neuen Freunde kennengelernt und hatte das Gefühl, alle bisherigen Freunde verloren zu haben. Die einzigen die blieben waren die Mitbewohner zu denen ich wegen der Nachtarbeit aber kaum mehr Kontakt hatte.

Der Studienbeginn brachte mich vom ersten Tag an zurück in die reale Welt. Plötzlich tummelte ich mich täglich in lauten, aufgewühlten Massen von Erstsemestern. Tagelang fühlte ich mich wie geschockt in dieser Menge junger Menschen die sich in Einschreibungs-Schlangen vor Hörsälen und Seminaren drängten. Nach einer Woche stellte ich fest: Ich kenne niemanden. Wo waren meine früheren Mitschüler geblieben? Keinen traf ich im ersten Semester wieder. Zwei Wochen lang bewegte ich mich wie traumatisiert durch die Seminare und Vorlesungen. Ich fühlte mich wie nach einem Jet-lag. Die Umstellung von Nachtbetrieb an der Pforte auf Tagesarbeit als Student kostete mich die ersten zwei Studienwochen.

Ich verstrickte mich schließlich in Zweifel ob so ein Studium für mich überhaupt richtig wäre. Ich dachte darüber nach das Ganze schnell wieder hinzuschmeißen. Ich telefonierte mit der Fabrik und fragte im Personalbüro an ob der Nachtwächterjob, den ich wegen dem Studium aufgegeben hatte, noch frei wäre. Der war aber bereits besetzt.

Die Sekretärin fragte mich verdutzt ob ich denn nun doch nicht mit dem Studium begonnen hätte. Ich erklärte, dass ich mir daneben die Mitarbeit in der Pforte der Fabrik weiterhin vorstellen könnte vor allem auch aus finanziellen Gründen. Sie versprach mir einen Bewerbungsbogen zu schicken.

Tage verbrachte ich in meinem Wohngemeinschaftszimmer unter der Dachschräge. Ich hörte laute Musik und gammelte vor mich hin. Die unbekannten Menschen im Studium hatten mich verunsichert. Die Dozenten wirkten wie Experten von einem anderen Stern die unbekanntes, nicht nur in unbekannter Sprache, sondern auf bis dato vollkommen unbekannte Art und Weise in einer mir fremden Form der Artikulation wiedergaben.

Auf dem Bett in meinem WG-Zimmer hörte ich den Sound von Bands wie Little-Feat und sinnierte darüber, dass ich versuchen sollte den Nachtwächterjob wieder zu bekommen. Ich sah es als Fehler an den Vertrag nur befristet bis zum Studienbeginn geschlossen zu haben und träumte von der Vorstellung, dass dieser Job für mich meine Zukunft bedeuten könnte. Ich überlegte welche Chancen ich hätte die Sekretärin zu überreden den Personalchef dahin zu beeinflussen den neuen Mitarbeiter zu entlassen und mich wieder zu nehmen. Ich schmiedete an einem Argumentationsplan der schlüssig darstellen sollte wie es dazu kam, dass ich den Job mit dem Studienbeginn vereinbarungsgemäß beendet hatte und nun aber wieder einsteigen wollte.

Nach drei Tagen auf dem Bett mit Musik in meinem sonst stillen WG-Dach-Zimmer wunderten sich meine Mitbewohner darüber, dass ich morgens nicht mehr zum Frühstück erschien. Bei der abendlichen Skat-Runde fragten sie mich schließlich wie es denn mit dem neuen Studium so laufe. Da blieb mir nichts anderes als zu behaupten, dass ich ein geistiges Bedenkpäuslein eingelegt hätte. Daraufhin erhielt ich eine Unzahl von gut gemeinten Tipps und Ratschlägen. Die Skat-Runde wurde meinetwegen sogar für diesen Abend ausgesetzt. Ich war darüber nicht traurig, denn mein Skatspiel war trotz häufigen Übens mit den WG-Mitbewohnern auf niedrigstem Interesse für diese Leidenschaft hängen geblieben.

Mit mir wurde nun diskutiert. Es wurden studentische Meinungen zu Engagement und Studienbegeisterung, zu didaktischen Dozentenqualitäten und der Hochschulausstattung, zu studentischer Mitverwaltung, aber vor allem Mitverantwortung für den teuer zu erwerbenden Abschluss besprochen. Zum Schluss der Lehrstunde wurde mir bewusst, dass ich die zurückliegenden drei Tage auf Staatskosten in meinem Bett zu lauter Hippiemusik vor mich hin meditiert hatte. Tagelang hatte ich die einmalige Gelegenheit ignoriert mich in einem gebührenfreien Bildungsbaukasten zu bedienen. Mein Hirn hatte ich der Gefahr ausgesetzt frühzeitig zu vergreisen, indem ich ihm die feil gebotene, zum Gourmetmenü aufbereitete, Nahrung verweigerte. Der Bildungsgourmetbetrieb, aus welchem ich meine Birne nähren könnte, so lernte ich an dem skatspielfreien Abend in der Wohngemeinschaft, sei heute ein qualitativ hochwertiges Produkt unserer Zeit. Ein WG-Mitbewohner verstieg sich zu der Vermutung, dass unsere Bildungszeit von nachfolgenden Generationen vermutlich als „goldene Achtzigerjahre der kostenlosen Bildung“ gelobt werde. Deshalb gäbe es, wenn ein Mensch wie ich den Zugang zum Bildungssystem gefunden hätte, keinen vernünftigen Umstand die goldene Eintrittskarte grundlos zu verspielen!

Das Wohngemeinschaftstribunal befand nach stundenlanger Anhörung, dass ich keinerlei glaubwürdige Argumentation vorzuweisen hatte, die nachvollziehbar begründen könnte, dass ich mein WG-Zimmer auch tagsüber während Studienveranstaltungen frequentierte. Vor allem nicht um mich unnützer Träumereien jedweder Art hinzugeben.

Das war meine Wohngemeinschaft! Von ihr hatte ich ein viertel Jahr lang nichts mehr gespürt weil ich meine Schule abgeschlossen hatte, das Studium noch nicht begonnen hatte, ich mir die Nächte mit dem Job als Nachtwächter um die Ohren geschlagen hatte, um die Tage zu verschlafen.

19. Zusammenspiel

Im juristischen Seminar wurden wir von einem zugeknöpften hundertprozentigen Juristen unterrichtet. Das Rechtsseminar galt als Studienbrecher Nummer eins. Ihm fielen die meisten Studenten zum Opfer. Das hing wohl damit zusammen, dass zur Zwischenprüfung das juristische Material aus vier Semestern zur Prüfung an stand. Ich hatte den Eindruck, schuld daran könnte auch der unterrichtende Jurist haben, gegenüber dem sich automatisch eine gewisse Abwehrhaltung breit machte. Diese wiederum könnte zu einer Lernhemmung bei den Studenten führen. Das blieb meine Hypothese.

Der Mann bereitete das ohnehin trockene Material buchstabengetreu gemäß den zu unterrichtenden Gesetzen auf. Der Praxisbezug, der in dem Studiengang in anderen Fächern durchaus Relevanz hatte, schien im juristischen Seminar, wenn überhaupt, nur nebenbei hin und wieder von Wichtigkeit. Selbst die der Juristerei innewohnende Logik, anhand derer ein Lernender sich einen Zugang zu diesem Gebiet verschaffen könnte, schien dem Dozenten eher im Weg zu stehen. Er nutzte die Fülle der Gesetzestexte um sie umfangreich so zu zitieren, so als unterrichte er in einem philosophischen Seminar. Das war durchaus beeindruckend, denn letztlich stellte sich heraus, dass der Mann manches Gesetzbuch auswendig rezitieren konnte.

In der zehnten juristischen Vorlesung dieser Art fanden sich einige neue Studenten ein, während andere nicht mehr erschienen. Das war ganz normal, denn zu Beginn des Studiums war es noch unklar, wer in dem Studium bereits richtig gelandet war. Andere wiederum hatten ihren Weg in das Studium deshalb noch nicht gefunden, weil sie als Nachrücker auf irgend einer Liste von der zentralen Vergabestelle einen Studienplatz an der Uni der Stadt erhielten.

An dem Tag nahm ich im Seminarraum an einen Tisch Platz der ansonsten noch völlig leer war. Neben mir, vor mir und hinter mir gab es weitere freie Plätze. Das Seminar war insgesamt schwach besucht. Minuten vor Beginn der Vorlesung stand eine Studentin in der Türschwelle die ich bis dahin nicht gesehen hatte. Sie musterte kurz den gesamten Raum. Schließlich bewegte sie sich zielstrebig in meine Richtung. Sie setzte sich neben mich. Nicht nur das, sie lächelte mich an, reichte mir die Hand und sagte:
„Hallo, ich bin Regina.“
Da war ich platt und antwortete:
„Hallo, ich bin Bernado.“
Mehr hatte ich dazu nicht zu sagen.

An diesem Tag verstand ich den Juristen immer weniger. Ich versuchte konzentriert und interessiert zu wirken, beschäftigte mich aber vor allem mit der Frage was es bedeuten könnte, dass sich eine Regina ausgerechnet neben mir niederließ, obwohl doch der halbe Raum leer gewesen war.

In den folgenden Seminaren wiederholte sich das. Sie setzte sich einfach auf den Platz neben mir. Das entwickelte sich zur Normalität. Sie saß neben mir. Bald sah das so aus, als sei es unsere Normalität. Keiner in den Seminaren wusste, dass wir uns vor der zehnten juristischen Vorlesung noch nie begegnet waren. Ich musste nichts tun, es ergab sich stets, dass sie neben mir im Seminar saß.

Sie war von Anfang an interessant. Ich hatte sie in der Türschwelle gesehen und dachte mir genau das: Interessant. Später erkannte ich, dass es Gründe dafür gab wie sie wirkte. Sie war intelligent und stellte oft genau die richtigen Fragen an richtiger Stelle. Sie hatte wohl ein starkes Selbstbewusstsein. Sie interessierte sich für mich, das war klar. Sie ging nicht nur auf mich zu, nein da war noch viel mehr. Sie hatte sich mich ausgesucht. In dem Seminarraum wären genug andere Studenten gewesen, trotz der vielen freien Plätze. Sie hatte sich für mich entschieden.

Nach diesem Erlebnis war der Jet-lag vom Studienbeginn für mich endgültig Vergangenheit. Ich war hellwach geworden. Die Nachtschicht in der Fabrik, die ich auf den Tag im Studium verlegt hatte, war vorüber. Ich hatte eine intelligente Regina kennen gelernt. Nein, sie hatte mich genommen um mich kennen zu lernen. Ich musste ab diesem Zeitpunkt zeigen wer ich war denn ich wurde von ihr täglich gesehen. Das war das Ende meiner Tagträume. Es ging nun darum Regina zu beweisen, dass ich ihr in Sachen Intelligenz nicht all zu weit nach stand, dass sie eine Wahl getroffen hatte, die ihrem geistigen Level entsprach.

Die Sache zwischen uns entwickelte sich rasant. Sie wurde für mich zu einer guten Freundin und später zu einer Partnerin. Noch im ersten Semester entwickelte sich eine Freundschaft die schnell an Intensität gewann, von der ich bald den Eindruck gewann, dass wir beide uns seit langer Zeit kannten, so dass wir jederzeit zusammen Pferde stehlen könnten weil wir ein gut aufeinander eingespieltes Team waren.

Der hundertprozentige Jurist hatte zum Abschluss von einem seiner vier Rechtsseminare ein mündlich zu absolvierendes Kolloquium als Prüfung angesetzt. Bei der Einschreibung für die Prüfung fiel uns beiden auf, dass der Prüfungstermin rechtlich gesehen gar nicht zulässig war, weil er außerhalb der in der Studienordnung vorgesehenen Prüfungszeiträume lag. Wir wunderten uns darüber nicht lange, sondern begannen gleich danach zu forschen, welchen Grund der zugeknöpfte Jurist dafür wohl haben könnte.

Außer uns beiden schien diese Ungereimtheit niemandem aufzufallen oder zu interessieren. Regina ermittelte dank ihres Charmes die Gründe bei einem Sekretär im Vorzimmer des Dekans. Der Volljurist plante in der offiziell angesetzten Prüfungszeit einen umfangreichen Vortragsmarathon an einer Schwesteruniversität im deutschsprachigen Ausland. Deshalb hatte er das Prüfungs-Kolloquium einfach außerhalb der Prüfungszeit angesetzt. Ein klarer Verstoß gegen die Prüfungsordnung. Für einen Juristen eine erstaunlich freie Rechtsauffassung aber vor allem eigennützig und daher markant menschlich meinte Regina.

Wir beide meldeten uns am Semesterende zu einem der ausgeschriebenen Themen bei dem Juristen zur Kolloquiums-Prüfung an. Allerdings wählten wir ein Thema das wir auf dem Prüfungsplan fanden, von dem wir noch nie etwas gehört hatten. Das schien uns außergewöhnlich reizvoll. Dass wir das Thema nicht kannten war spannend und deshalb für unser Vorhaben sehr gut.

Regina fragte mich:
„Wie konnte dieses Thema in die Prüfung geraten? Plant der Mann tatsächlich etwas zu prüfen das im Semester niemals Erwähnung gefunden hatte?“

Wir ließen den Prüfungstag mit dem Kolloquium auf uns zukommen ohne uns auf das Thema vorzubereiten. Unsere Absicht war klar. Wir wollten Pferde stehlen. Kurz vor der Prüfung bekamen wir aber ein wenig Angst. Regina fragte mich ob wir das Ding jetzt wirklich einfach durch ziehen sollten.
Ich nickte und sagte:
„Jetzt ist „ab und durch“ angesagt weil ’s eh schon zu spät ist.“

Im Prüfungsraum saßen wir beide dem Professor gegenüber der sofort begann einen Gesetzestext zu zitieren. Nach drei Minuten fragte er wie der Text im Kontext des gewählten Prüfungsthemas nun juristisch einzuschätzen sei. Wir saßen vor dem Mann und schwiegen. Das taten wir etwa zwanzig Sekunden lang.
Schließlich sagte ich:
„Wir sind heute gekommen um mit Ihnen zu verhandeln.“
Darauf antwortete der Jurist:
„Aha! Das ist ein interessanter Einstieg in diese Materie!“
Regina:
„Wir haben Ihnen etwas wirklich interessantes anzubieten.“
Der Jurist:
„Ah ja, ich weiß schon worauf Sie hinaus wollen und das trifft die momentane, aber vor allem wohl künftige, Debatte rund um diese juristische Thematik wohl schon ziemlich genau.„
Ich:
„Wir haben uns auf diese Verhandlung selbstverständlich sehr gut vorbereitet. Wir erlauben uns frei heraus alles zu gestehen. Zu dem Thema selbst können und wollen wir aber nichts weiter sagen. Wir haben Ihnen ein Handelsangebot in beiderseitigem Interesse zu unterbreiten.“
Der Jurist:
„Genau das trifft die Sache! Solches gibt das Strafrecht heutzutage nun wirklich nicht her! Es wird aber mehr und mehr, und das ist erschreckend, selbst von eingefleischten Juristen in höchsten Ministerien gefordert.“
Regina:
„Der Handel den wir für Sie mitgebracht haben basiert auf unserem reuevollen Geständnis: Wir haben uns nur auf das Verhandeln mit ihnen vorbereitet nicht aber auf das eigentliche Thema. Ein konsensfähiger Deal zwischen uns beiden dient letztlich unserem beiderseitigen Gewinn!“
Jetzt holte der Jurist voll aus:
„Damit haben Sie das Thema im Kern erfasst! Das deutsche Strafrecht schließt genau dieses aus. Das Gericht verhandelt mit dem Angeklagten nicht! Es verurteilt nach einer souverän geführten, geordneten Beweisaufnahme gemäß den Buchstaben des Gesetzes. Es wird nicht verhandelt, es ist im Sinne geltender Gesetze zu verurteilen! Das meint der „Inbegriff der Verhandlung“ im Sinne der Strafprozessordnung, dass eine Verurteilung nicht auf dem Einverständnis des Verurteilten beruht, sondern auf Wahrheit und Gerechtigkeit!“

Der Jurist blickte uns beide angestrengt an. Er erwartete keine Antwort. Er setzte die Brille ab. Atmete dabei tief ein, womit er wohl seinen drei letzten Worten zu schwerem Gewicht verhelfen wollte. Einige schweigende Sekunden später setzte er die Brille wieder auf als wollte er in einen Text lesen. Er fixierte uns seine beiden Prüflinge und fuhr nach erneutem tiefem Einatmen mit harter Stimme fort:

„Die Wahrheit wird das Gericht aber durch einen Deal nicht herausfinden! Eine Verurteilung, ohne dass sich die Schuld des Verurteilten zu einer gewachsenen Überzeugung des Strafgerichtes stabilisiert, verbietet sich vor dem Hintergrund des strafrechtlichen Verfassungsrechtes. Demnach sind wir keine Verhandlungspartner! Sie die Angeklagten sind mit allen Instrumenten der Strafjustiz zu belehren, zu beraten, zu verteidigen und schließlich zu verurteilen. Alles andere entspringt letztlich einer fatalen Fehlentwicklung von Rechtsstaatlichkeit die das deutsche strafrechtliche Verfassungsrecht keinesfalls zulässt. Ihr Deal ist dorthin zu verbannen wo er hingehört: Auf den Jahrmarkt!“

Regina und ich saßen schweigend vor dem Juristen. Der hatte sich offenbar in einen Richter verwandelt. Unser Schweigen dauerte Sekunden. Es waren Sekunden die sich wie Minuten anfühlten. Mein Kopf war leer. Ich glaubte, dass wir beide mit unserer Nummer vom Pferde stehlen in einen völlig falschen Film hineingeraten waren. Wir hatten uns in ein unkontrollierbares abseits manövriert. Die Ausführungen des dozierenden Juristen waren fünfmal so umfangreich wie der Beitrag von uns beiden. Angesichts eines Prüfungs-Kolloquiums schien mir der von uns wiedergegebene Textbeitrag zum Thema extrem kurz geraten. Wohin hatten wir uns verstiegen? Mit wem hatten wir uns hier angelegt? Wie soll das nun weitergehen? Keine Ahnung. Das war alles was mein Hirn dazu zu sagen hatte.

Regina brach das Schweigen. Sie sagte:

„Sie sprechen noch kein Urteil über uns! Wir ziehen unseren Vorschlag zurück. Nichts haben wir Ihnen anzubieten, denn wir sind keine Handelspartner von Ihnen. Diese Rolle steht uns nicht zu, denn es gibt sie gar nicht. Wir fügen uns, denn wir wissen wohl, dass der Richter am deutschen Gericht kein Schiedsrichter ist. Das Gerichtsurteil ist als wahr in der von Ihnen getroffenen Feststellung und als gerecht betreffend des vom Gericht verhängten Strafmaßes letztlich nur von Ihnen Herr Richter allein zu verantworten! „

Volltreffer! Der Jurist war von unserer Show schwer beeindruckt. Er war überzeugt, dass wir das von ihm gestellte Thema aufgelockert und ungewöhnlich präsentieren wollten. Wir mussten unsere eigentliche Absicht Pferde zu stehlen gar nicht in die Tat umsetzen. Wir brauchten dem Mann nicht damit zu drohen, ihn mit seiner außerhalb der Prüfungszeit angesetzten Prüfung auffliegen zu lassen. Wir mussten mit ihm nicht über das verhandeln, was er uns für unser Schweigen anzubieten hatte, weil er uns für unsere Show ohnehin eine gute Note gab. In dessen Augen hatten wir den Kern des Prüfungsthemas getroffen.

Regina hatte sofort begriffen worum es ging. Mit Ihren Schlussworten hatte sie den zugeknöpften Juristen schwer beeindruckt. Für Studenten im ersten Semester schien ihre Show dem Thema zu begegnen perfekt inszeniert. Der Zugeknöpfte war hoch zufrieden damit zwei Erstsemester-Prüflinge vor sich zu haben, die seine Prüfung in eine Art Schauspiel verwandelten. Dass der Jurist den Hauptbeitrag dazu selbst geliefert hatte, spielte keine Rolle. Ich glaube er war einfach sehr begeistert davon, dass er in dem Rollenspiel den Richter spielen durfte.

Regina hatte nicht nur den Juristen, sondern auch mich schwer beeindruckt. Ich hatte zum Schluss geschwiegen, weil mir schlicht nichts eingefallen war. Ich wusste nicht wie wir aus dieser Szene wieder herauskommen. Regina aber hatte durchschaut worum es ging. Sie hatte die Sekunden unseres Schweigens genutzt, um ihre Sätze im Kopf zu sortieren. Sie ließ sich nicht beirren. Schon gar nicht versetzte sie sich selbst, so wie ich es getan hatte, in einer Art geistige starre. Sondern sie nutzte die Sekunden um eine souveräne, geordnete und überzeugende Antwortet zu geben. Ich fand in meinem Kopf nur Leere. Ich fand tiefes Unverständnis darüber was nun zu sagen war. Ich fand sogar Angst darüber wohin was wir angerichtet hatten führen könnte. Deshalb verlor ich in dem Gespräch die Fähigkeit zu führen. Regina führte uns.