Archiv der Kategorie: N-Book® Wenigstens Rückkehr- Erzählung

10. Seife

Das Oberlehen ist ursprünglich ein Erholungsheim, in das Kinder aus verschiedenen Orten in Westdeutschland für einige Wochen zur Erholung in die herrliche Berglandschaft oberhalb Berchtesgadens geschickt werden. Anfang 1970 wird es für Kinder wie Peter, Hartmut und mich zu unserem neuen Zuhause. Wir sollen, im Gegensatz zu den Erholungskindern, „für immer“ die frische Luft auf dem Obersalzberg einatmen. Uns schicken deutsche Jugendämter dort hin. In unseren Familien gibt es unterschiedliche, Probleme, weshalb wir nicht bei unseren Eltern leben dürfen. Deshalb werden wir im Oberlehen bei Heimleiter Helling und dem Buchhalter Birner untergebracht.

Von den Problemen in meiner Familie weiß ich damals nichts. Ich bin 1970 gerade mal sechs Jahre alt. Deshalb interessiere ich mich nicht für Probleme. Ich interessiere mich dafür, wie es mir dort geht, wohin mich mein Jugendamt hin bringt. Noch bevor ich 1971 in der Bacheifeldschule in Berchtesgaden eingeschult werde, lerne ich, dass die zwei Männer, die sich am Oberlehen meiner Erziehung annehmen, sehr ungehobelte Kerle sind. Beide mögen Kinder nicht besonders. Ihre Haltung können die beiden nicht verbergen. Ich habe das Gefühl, dass die beiden, Kinder nicht nur nicht mögen, sondern sie scheinen sie zu hassen, warum sonst schlagen sie so oft auf mich und die anderen Kinder im Oberlehen ein?

In Berchtesgaden beginnt der August. Die ersten Tage sind heiß und trocken. Die Hitze in der kleinen Fabrik ist beinahe unerträglich. Die Arbeit läuft wegen der umfangreichen Aufträge von Herstellern edler Parfüms auf Hochtouren. Mehrarbeit ist täglich notwendig.

In der Wohnung an der Hochsteinstraße wohne ich seit ein paar Tagen nicht mehr allein. Herbert, ein Student, ist eingezogen. Er wohnt im Zimmer neben den beiden Räumen, die ich seit Wochen bewohne. Herbert kommt aus Norddeutschland. Er absolviert im Rahmen seines Wirtschaftsstudiums ein Praktikum in der kleinen Firma.

Auf Herberts Ankunft bin ich nicht vorbereitet. Sie wird vom Chef und dessen Frau frühzeitig angemeldet, und es wird mit mir vereinbart, dass Herbert in das freie Zimmer zieht. Trotzdem spüre ich, als er ankommt, dass ich nicht darauf eingestellt bin. Eine fremde Person benutzt Wohnung, Bad, Küche und Toilette mit. Eine Wohnung, die ich allein bewohne, bewohne ich anders, als eine Wohnung, die ich mit einem fremden Mitbewohner teile.

In Studentenwohngemeinschaften hatte ich keinerlei Probleme. Ordnung ist für mich kein Problem. Deshalb findet Herbert in Bad und Küche genügend Platz für sich. Auf den Ablagen und Regalflächen breitet er sich aus. Er verteilt Cremes und Körperpflegemittel. Ich lerne, dass ein gepflegter Mensch davon unvorstellbar viel benötigt.

Am Tag seiner Ankunft stellt Herbert mir seine Freundin und sich selbst vor. Beide sind sehr gepflegt und dick geschminkt. Als ich den beiden gegenüberstehe und deren feine Hände schüttle, habe ich das Gefühl schmutzig und ungepflegt zu sein. Die tägliche Dusche scheint mir plötzlich zu wenig. Mein Stück Seife und mein Haarwaschmittel auf der Ablage im Bad, mit dem ich bislang meinen Körperreinigungsbedarf gedeckt sah, scheint mir nicht mehr ausreichend.

Herbert ist Sportler. Mehrere Fahrräder lädt er aus einem Transporter und stellt sie unter dem Vordach zur Wohnung ab. Täglich ist er nachmittags ab halb sechs Uhr im engen, gelben Trikot auf den Bergstraßen unterwegs. Herberts umfangreiche Reinigungsbatterien im Badezimmer erkläre ich mit seinem höheren Bedarf wegen des Fahrradsports, und mit einem gewissen Wettbewerb, dem er sich aussetzt, weil ihn eine stets perfekt gepflegte Freundin begleitet. Deshalb denke ich nach drei Tagen, dass meine Seife und mein Haarwaschmittel weiterhin für mich reichen. Weil Herbert und ich nicht nur aus optischen Gründen nicht zusammenpassen, er eine Sache die ich für die menschliche Fortbewegung als sinnvoll und geeignet betrachte als Extremsport betreibt, aber vor allem, weil wir keine gemeinsamen Themen haben, außer unserem gleichzeitigen Aufenthalt in einer Wohnung, lebt Herbert in seinem Zimmer und ich in meinen beiden.

Herbert ist täglich mit Fahrradfahren, seiner Freundin und der Körperpflege genug beschäftigt, um sich nicht um mich zu kümmern oder zu interessieren. Trotzdem sehe ich heute Morgen, nachdem Herbert die erste Nacht in der Wohnung übernachtet hat, mein Projekt gefährdet. Ich sitze nicht vor meiner kleinen, alten Schreibmaschine. Es hat sich etwas verändert. Meine Gedanken an das alte Oberlehen, an mein Leben auf dem Obersalzberg, kann ich heute Morgen um fünf Uhr nicht sammeln. In der Wohnung lebt ein Mensch, der mich jederzeit fragen kann, wer ich bin, woher ich komme, was ich in diesem Ort zu tun habe.

Ich möchte, was ich tue, was ich schreibe, warum ich zurück komme an diesen Ort, keinem fremden Menschen mitteilen. Ich sehe Herbert, der mit seinem Praktikum in der Fabrik ein klares Ziel vor Augen hat. Es ist sein Studium, dazu gehört dieses Praktikum. Welche Antwort könnte ich dem fremden Mitbewohner geben, sollte er mich auf meine Ziele in Berchtesgaden, in der Fabrik ansprechen? Und der Chef? Welchen Kontakt hat Herbert zum Chef, dem Fabrik und Wohnung gehören, in der nun auch Herbert arbeitet und wohnt? Diese Fragen sehe ich heute Morgen, deshalb tauchen meine Erinnerungen an das Oberlehen nicht auf.

Es rumort in meinem Kopf. Wegen Herbert verschwindet das Oberlehen. Meinen momentanen Alltag in dieser Wohnung, und die Fabrikarbeit, habe ich mir als Legitimation für tägliche Erinnerungsversuche gesucht. Morgens die frühe Stunde vor der Schreibmaschine in meiner Vergangenheit, danach die Fahrt im Wagen des Chefs, täglich die stundenlange Fabrikarbeit und abends meine Müdigkeit auf dem braunen Sofa in meinem Zimmer mit Blick zum Obersalzberg. Das ist eine wunderbare Konstruktion, um die Erinnerungen an mein Leben im Oberlehen vor zwanzig Jahren zu wecken, einzuordnen und abzuschließen. Heute Morgen sehe ich die Konstruktion gefährdet. Ich lebe in Berchtesgaden einen unwirklichen Alltag. Ich blende die Realität um mich herum aus, genauso wie die täglichen Meldungen des Deutschlandfunks über das Morden im zerfallenden Jugoslawien. Mein Alltag scheint plötzlich fern der Realität zu liegen.

Für das Erinnern, Zusammentragen und Aufschreiben der Bruchstücke meiner Vergangenheit reserviere ich die geringste Zeit des Tages. Gewiss habe ich herausgefunden, um welche Zeit ich am besten daran arbeiten kann, welche Zeit des Tages die wertvollste für diese Arbeit ist. Der größte Zeitfresser des Tages bleibt die anstrengende Fabrikarbeit. Sie frisst meine Kräfte, macht mich müde. Die Fabrik passt nicht zu meinem Denken und sie passt nicht zu der Aufgabe, die ich jeden Morgen für eine Stunde angehe. Das ärgert mich mehr und mehr.

Wie ein marodes Gebäude bricht heute Morgen mein Alltag in meinem Kopf zusammen. Widersprüche der Fabrikarbeit, das Erinnern und Aufschreiben, mein tägliches Tun und Denken prallen in meinem Kopf aufeinander. Am Frühstückstisch sehe ich meine Erinnerungsarbeit in einer dicken Staubwolke verschwinden. Sie ist undurchschaubar. Das alte Oberlehen finde ich heute Morgen nicht.

Ich laufe dem gelben Finanzamt entgegen. In meinem Kopf finde ich Gedanken der Angst um mein Projekt. Wegen der Widersprüche habe ich Zweifel am Sinn der Erinnerungsarbeit. Hastig tapse ich die gepflasterte Hochsteinstraße hinunter, bis zur Nonnenstraße. Der Watzmanngipfel ist heute Morgen von Wolken umhüllt. Ich lasse, wie jeden Morgen, eine Autoschlange passieren. Sie durchquert täglich um diese Uhrzeit über die Nonnenstraße den Ort in Richtung Salzburg. Der weiße Wagen rollt an mir vorbei. Ich bin wieder zu spät dran. Jetzt renne ich. In Sekunden bin ich beim Wagen des Chefs.

Mein Laufen verändert mein Denken; Ich werde mein Projekt in diesem Ort zu Ende führen. Morgen früh werde ich meinen Rhythmus des täglichen Schreibens und Erinnerns wieder aufnehmen. Zweifel und Ängste, wegen meines Alltags, wegen meiner Zukunft ohne Arbeit in der Stadt, werde ich zurück drängen. Von meinem neuen Mitbewohner Herbert werde ich mich nicht aus meinem Konzept bringen lassen. Den Zweck meiner Rückkehr habe ich geklärt. Den Alltag in diesem Ort brauche ich, um meine Erinnerung zu beflügeln. Die Konsequenzen aus der Zeit, die ich in diesem Ort brauche, sollen mich erst später beschäftigen. Ich werde in der Fabrik weiterarbeiten. Das Aufschreiben der Vergangenheit kann nur jetzt und hier geschehen. Sinn oder Unsinn in meiner Aufgabe gibt es nicht. Sie muss getan werden!
Ich lasse mich schwungvoll, wie jeden Morgen, im schwarzen Ledersitz im Wagen neben dem Chef nieder.

Um halb fünf Uhr läutet mein Wecker. Draußen dämmert es. Vor dem Obersalzberg hängen Nebelschwaden. Unter der Dusche denke ich an den gestrigen Morgen. Ich denke an Herbert, der mein Denken erschüttert und Zweifel auslöst. Er kommt mir morgens in der Wohnung nicht in die Quere. Er steht später auf. Ich weiß nicht, ob er überhaupt frühstückt. Er verlässt die Wohnung lange vor mir. Er fährt mit dem Fahrrad in die Fabrik. Ich hole Kaffee aus der Küche. Ich setze mich vor meine Schreibmaschine. Draußen steigen die Nebelschwaden schnell am Obersalzberg hinauf. In meinem Kopf zwinge ich mich zurück ins alte Oberlehen.

11. Sommer

Helling und Birner übernehmen die Leitung des Oberlehens von einer alten Frau, die jahrelang das Erholungsheim geleitet hatte. Mit dem Eintreffen der beiden Männer werden wir vom Haupthaus ins Nebenhaus verlegt. Das Nebenhaus liegt über einen Hof mit feinem Kies und einer riesigen uralten Eiche, etwa zwanzig Meter vom Haupthaus entfernt. Mit Hartmut und Peter beziehe ich ein Zimmer. Es liegt im ersten Stock des zweistöckigen Gebäudes. Das Haus besitzt keinen Speicher mehr, weil dieser mit einem Duschraum und Toiletten, Birners Büroraum, unserem Aufenthaltsraum und einer winzigen Bastelwerkstatt ausgebaut ist. Unser Zimmer ist etwas besonderes, denn es ist direkt von draußen aus dem Freien erreichbar.

Über eine hölzerne Außentreppe am Nebenhaus erreiche ich die Eingangstür zum ersten Stock. Ich gehe an ihr vorbei. So komme ich zu einer milchfarbigen Glastür. Das ist unsere Zimmertür. Ich betrete das Zimmer. Links steht ein hoher Kleiderschrank, gegenüber steht ein hölzernes Stockbett. Dort schlafe ich oben. Das Bett unter mir bleibt leer. Rechts der Tür steht ein zweites Stockbett. Oben schläft Peter, darunter Hartmut. In der rechten Ecke, auch das ist etwas besonderes, gibt es ein Waschbecken. Vor dem Fenster, das dem Obersalzberg zugewandt liegt steht unser Tisch mit drei Stühlen. Auf ihnen liegen nachts unsere Kleider.

Ich verlasse unser Zimmer. Draußen gehe ich die hölzerne Brüstung entlang, bis zur Glastür, die in den Waschraum und ersten Stock führt. Unten im Hof sehe ich Kinder, die den Kies im Hof mit Harke und Rechen bearbeiteten. Die riesige Eiche ist hell grün. Es ist also Frühling oder schon Sommer. Der Steinplattenweg zu Hellings Wohnungstür, sie liegt unter der Holzbrüstung, wird von zwei Kindern gefegt. Das sind Hartmut und Peter. Weil ich beide erkenne, lehne ich mich über die Brüstung. Minuten lang sehe ich ihnen beim Kehren zu.

Peter schlägt den Besen schwungvoll über die Steinplatten. Dabei wirbelt er Staub und Schmutz auf. Hartmut, er ist mit einer kurzen Lederhose und einem orangenfarbenen Wollpullover mit grünem Bündchen bekleidet, trägt Handfeger und Kehrschaufel zu einem kleinen Häufchen. Peter schiebt das Häufchen mit seinem Besen auf Hartmuts Kehrschaufel. Der größte Teil des Schmutzes fällt dabei daneben.

Unmittelbar unter mir höre ich plötzlich lautes Quietschen. Es ist eine Tür, die sich öffnet. Das muss die schwere Eingangstür in Hellings Wohnung sein. Sie liegt direkt unter mir, im Erdgeschoss. Von der Brüstung blicke jetzt vorsichtig nach unten. Dort sehe ich zwei Köpfe. Von oben erkenne ich auf dem einen Kopf einen hellen, kurzen Haarschnitt, mit dünnem, glattem Haar und eine gewellte, dunkle Frisur. Das sind die Köpfe von Birner und Helling! Ich merke, wie mein Herz schnell zu rasen beginnt. Beide kommen aus der Wohnung von Helling. Weil ich von den beiden nicht gesehen werden will, wende ich mich um zur Glastür hinter mir. Schnell öffne ich sie, trete ein und schließe sie leise. Ich stehe im Durchgangswaschraum des Nebenhauses. Ich bewege mich sehr langsam weiter, obwohl ich Angst spüre, von Helling oder Birner verfolgt zu werden. Ich weiß nicht, welcher Tag heute ist und was mir bevor steht. Ich merke aber, dass etwas kommen wird, den meine Hände zittern.

Rechts und links an der Wand reihen sich unsere Waschbecken. Morgens und abends stehen wir hier dicht gedrängt nebeneinander und waschen uns. Ich gehe sehr langsam, weil ich mir alles genau ansehen will. Ich will sehen, wo ich hier wohne. In mir spüre ich Angst vor den beiden Heimleitern, die ich vor Sekunden unten an Hellings Wohnungstüre sah. Ich habe heute etwas getan, was beide bestrafen wollen. Deshalb sind meine Beine ganz wackelig. Gemächlich durch unseren Waschraum und durch das Treppenhaus des Nebenhauses laufen? Plötzlich, auf der Schwelle zwischen Waschraum und Treppenhaus, fällt es mir ein: Beim Abendbrot hat mich Birner aus dem Speisesaal gejagt.
„Sofort in dein Zimmer und ab ins Bett, du Armleuchter!“
Birners Fußtritt traf mich an der Türschwelle zum Speisesaals. Deshalb Unruhe und Angst, deshalb zitternden Hände und wackelige Beine. Deshalb der Schmerz am rechten Unterschenkel. Birners Fußtritt traf mich brutal, das wird kräftig anschwellen. Ich müsste längst im Bett liegen. Trotzdem laufe ich weiter. Irgend etwas beunruhigt so sehr, dass ich es wage, trotz Birners brutlem Fußtritt und klarem Befehl, nicht in meinem Zimmer und Bett zu sein. Was ist heute für ein Tag, was ist heute noch passiert, wovor habe ich solche Angst? Ich gehe weiter.

Im rechten Zimmer wohnen Meiko, sein Bruder und noch drei andere Jungs. Ich gehe an den Toiletten vorbei. Meikos Zimmer ist hell. Ein Fenster liegt Richtung Berchtesgaden. Durch das sehe ich hinüber zum Untersberg. Die tief stehende Sonne scheint herein. Sie wird gleich hinter dem Untersberg verschwinden.

Das Abendbrot ist vorüber, sonst wären Hartmut und Peter nicht im Hof und würden kehren, auch Helling und Birner wären nicht aus Hellings Wohnung gekommen. Alle, außer mir, der seine Strafe zu verbüßen hat, säßen sonst noch am Abendbrottisch im Haupthaus. Was ist heute nur los mit mir? Warum laufe ich noch im Haus herum, statt Birners Befehl zu folgen und im Bett zu sein?

Meiko sitzt rechts neben der Tür auf seinem Bett. Daneben steht sein Aquarium, das ihn mit Stolz erfüllt. Von seinem Taschengeld kauft er samstags Fische. Die sucht er vorher aus Büchern aus, die er ebenfalls vom Taschengeld kauft. Seine Fische sind ihm sehr wichtig. Wöchentlich reinigt er penibel sein Aquarium. Regelmäßig kauft er Futter für die Tiere. Mir kommt es nicht in den Sinn, samstags nach dem Hallenbad, mein Taschengeld für so etwas sinnvolles auszugeben. Stets verpulvere ich mein Geld für Süßigkeiten und Donald-Duck-Heftchen.

Meiko sitzt mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Seine Hände liegen auf seinem Radiokassettenrecorder, der auf seinen Knien steht. Ich gehe auf Meiko zu, weil ich ihn etwas fragen möchte. Vielleicht bekomme ich einen Tipp von ihm, um mich an den heutigen Sommertag im Oberlehen zu erinnern und heraus zu finden, warum ich so ängstlich durchs Haus laufe, statt meine Strafe zu verbüßen. Meiko stoppt mich sofort. Er zischt:
„Psst, psst, Mann, hör dir mal diesen super Song an, den ich gerade aufnehme!“
Ich bleibe vor Meikos Bett stehen. Ich lausche der Musik aus seinem Radio. Es ist die Gruppe Sailor mit dem Titel „Glas of Champagne“. Der Titel gefällt mir und dass Meiko ihn auf Kassette aufnimmt, finde ich sehr gut. Bei ihm im Zimmer kann ich dieses Lied künftig öfter hören. Jetzt fällt mir ein, dass mein Kassettenrekorder seit Monaten kaputt ist, weil er mir aus dem Stockbett gefallen war. Deshalb komme ich öfter bei Meiko vorbei, denn er lässt mich sein Aquarium ansehen und er lässt dazu seine aufgenommenen Musikkassetten laufen.

Ich gehe drei Schritte zum Fenster neben Meikos Bett und schaue auf den Hof hinunter. Dort stehen Helling und Peter. Er hat Peter den Besen abgenommen. Er zeigt ihm, wie er den Weg kehren soll. Ich gehe zurück zur Türe, spüre Eile, weil ich jetzt am ganzen Körper zittere, wegen meiner Angst. Ich verlasse Meikos Zimmer, vergesse ihn zu fragen, was ich fragen wollte.

Was war mir in Meikos Zimmer gerade aufgefallen? Ich stehe in der Tür zum Waschraum, auf dem hellgrauen Linoleumboden. Ich bin klein, nicht einmal elf Jahre alt. Meine Haare sind fast noch blond. Ich sehe aus, als denke ich nach. Das Zittern hat aufgehört. Ich trage den beigefarbenen Nickipullover mit dem roten Bündchen, den ich vor Monaten aus einem Altkleiderberg gezogen habe. Regelmäßig liegen solche Berge nach dem Abendessen auf dem Fußboden im Haupthaus. Sie stammen von Kleiderspenden, die für uns abgegeben werden. Immer noch verweile ich im Gang zwischen Durchgangswaschraum und Toiletten. Endlich fällt es mir ein! Ich gehe zurück zu Meikos Zimmer. Ich betrete es nicht noch einmal, sondern stecke meinen Kopf durch den Türrahmen.

Ich möchte Meiko nichts fragen. Ich möchte etwas sehen. Ich schaue auf seine Hände. Das ist es. Der Radiorekorder! Das gleiche Radio von Grundig sehe ich Jahre später auf dem Fensterbrett im Esszimmer der Wohnung meiner neuen Eltern. Ich erinnere mich deshalb jeden Morgen an Meiko, wie er auf seinem Bett neben dem Aquarium sitzt und Musik hört. Ich bin sechzehn Jahre alt, sitze täglich um kurz vor sechs Uhr morgens am Frühstückstisch, schalte das Radio ein, um Nachrichten zu hören.

Ich drehe mich um und gehe zurück zum Durchgangswaschraum. Plötzlich höre ich lautes Trampeln von der Holztreppe draußen. Sofort beginnt mein Herz zu rasen, mir wird heiß. Der Lärm muss mit mir zu tun haben. Ich renne den Gang des Hauses entlang, vorbei an den Zimmern der anderen Kinder. Ich stürme die Holztreppe hinauf in den zweiten Stock. Oben renne ich durch den Duschraum und sperre mich in einer Toilette ein. Ich öffne das winzige Toilettenfenster und schaue hinunter auf die Holzbalustrade. Unten erkenne ich Michael, den Berliner.

Jetzt weiß ich welcher Tag heute ist. Es ist der Sommertag im Oberlehen, an dem nicht nur Birner mich bestraft, sondern auch der Berliner ist hinter mir her. Er sucht mich in meinem Zimmer, in meinem Bett. Weil er mich dort nicht findet, knallt er wütend die Glastür zu. Wegen ihm liege ich nicht im Bett, wie Birner es befohlen hatte. Direkt unter mir sehe ich ihn. Schnaubend vor Wut reißt er die Eingangstür ins Nebenhaus auf. Er knallt sie hinter sich zu.

Er will mich verprügeln. Er und alle anderen Heimkinder wissen, dass ich nicht mutig genug bin, eine Anweisung und die Strafe von Birner einfach zu ignorieren. Umso wütender ist Michael jetzt, weil er mich nicht in meinem Zimmer findet. Heute ist meine Angst vor ihm größer als die vor Birner. Ich bin nicht im Bett, doch das hat nichts mit Mut zu

Michael handelt im Oberlehen mit gestohlenen Fahrrädern und anderem. Er verleiht sie und kassiert Miete. Weil er mein ganzes Wochentaschengeld für die Miete eines Fahrrads in der Vorwoche kassiert hat, bin ich immer noch sauer auf ihn. Ich verstehe seine teuren Preise und seine Art zu rechnen nicht. Ich kapiere immer noch nicht, warum letzte Woche mein gesamtes Taschengeld dafür drauf gegangen war. Nach meiner Rechnung wäre es nur die Hälfte gewesen. Trotzdem hat Michael alles von mir verlangt und bekommen.

Heute Nachmittag habe ich meiner Wut auf ihn freien Lauf gelassen. Ich habe mich an diesem Kerl gerächt. Auf der Terrasse am Oberlehen habe ich mich unbeobachtet gefühlt. Blitzschnell packte ich eines von Michaels frisch lackierten Fahrrädern. Mehrere standen an der Brüstung der Terasse, um dort in der Sonne zu trocknen. Er lackiert die gestohlenen Fahrräder, damit sie von ihren Besitzern nicht wiedererkannt werden. Ich schleuderte ein rotes Fahrrad in hohem Bogen über die Brüstung die steile Wiese vor dem Nebenhaus hinunter. Das war eine tolle Sache. Ich war erleichtert. Endlich dem brutalen Kerl einen Schaden zufügen. Mein Herz raste vor Aufregung. Ich war sicher, von niemandem beobachtet worden zu sein. Ich rannte die steile Wiese hinter dem Haus, hinauf in den Wald. Dort setzte ich mich in unser Versteck. Ich freute mich sehr, über den gelungenen Racheakt.

Michael hat mich beobachtet. Er stand in seinem Zimmer am Fenster Richtung Untersberg. Von dort sieht er wunderbar auf die Terrasse. Doch er konnte nicht sofort einschreiten. Birner war genau in dem Augenblick, als er sah, wie ich das Fahrrad über die Brüstung warf, in Michaels Zimmer gekommen. Er sprach mit Michael über die Fahrräder, wollte genau wissen, woher er die hatte und wie viel er dafür bezahlt hat. Birner und Helling ist es sehr wichtig, dass es keinen Ärger gibt, der außerhalb des Heims Wogen schlägt. Birner hatte den Verdacht, dass Michael Fahrräder stiehlt, deshalb ließ er sich von dem genau vorrechnen, was die Räder gekostet haben und wovon er die bezahlt hat. Für Michael kein Problem, aber ein ganz schlechter Zeitpunkt.

Abends kam ich heute ganz pünktlich zum Schuhe putzen aus dem Wald zurück. Das überwacht Helling täglich im Schuhputzkeller. Michael fand keine unbeobachtete Gelegenheit, mich zu verprügeln. Deshalb versucht er es jetzt.

Das Erdgeschoss ist finster. Die Fenster sind sehr klein, die Räume sind niedrig, wie in einem alten Bauernhaus. Hier hat Helling seine Privatwohnung. Die Lage des Oberlehens in der ländlichen Idylle am Obersalzberg, mit Ausblick auf die wunderschönen Berge, unterstreicht Helling durch die Gestaltung seiner Wohnung.

Ich betrete sie. Überall an den Wänden auch über dem Eingang hängen Hirschgeweihe. Neben ihnen sehe ich Felle von erlegten Rehen und Hirschen. Der Fußboden in Hellings Wohnzimmer, das ich über einen finsteren Korridor mit roten Steinkacheln erreiche, liegt voll von Fellen erlegter Tiere. In der Wohnung steht altes Bauernmobiliar, teilweise ist es bemalt. Durch die winzigen Fenster sehe ich draußen die wunderbare Gebirgskulisse des Untersberges mit vorgelagerter Kneifelspitze.

Helling ist Hobbyjäger. Er ist ein Mann, der bewaffnet durch die Wälder oberhalb Berchtesgadens streift. Dort erlegt er Hirsche. Deren Felle und Geweihe stellt er in seiner Wohnung im Kinderheim als Trophäen aus. Ich weiß davon nichts, sondern glaube einfach, dass alles was ich an Decken und Wänden in der Wohnung hängen sehe, und alle Felle, die auf dem Boden liegen, von Helling gekauft wurden.

In meinen Augen ist er Heimleiter und kein Jäger. Beides passt für mich nicht zusammen. Ich stehe auf der Türschwelle zu Hellings Wohnzimmer. Obwohl ich viele Gewehre an der Wand hängen sehe, kommt mir kein Gedanke, dass Helling die Waffen benutzt.

Für mich lebt ein Jäger im Wald in einer ruhigen, einsamen Blockhütte, die in Mitten einer von Sonnenlicht durchfluteten grünen Lichtung steht. Von dort macht er sich täglich mit seiner alten Schrotflinte auf den Weg, um Hasen zu erlegen, die er sich als Mittagessen vor seiner Hütte auf einem lodernden Feuer zubereitet. Zum Mittagessen besucht ihn der Förster, der in einer grünen Jacke steckt. Beide sitzen nebeneinander auf einer sonnigen Bank vor der Jägerhütte. Sie sprechen miteinander und essen gemeinsam. Nach dem Essen geht der Förster munter pfeifend wieder zurück in seinen Wald, während der Jäger mit der schwarzen Schrotflinte noch einmal das Unterholz durchkämmt, um einen weiteren Hasen für den Abend zu jagen. Die Schrotflinte hängt in meiner Vorstellung auch in dessen Haus. Sie hängt an der Wand, über dem Bett.

Ich öffne die Tür, meine Knie zittern, ich soll mich bei Helling melden, das hat er befohlen. Der Fernsehapparat im Wohnzimmer ist eingeschaltet. Zwei Mädchen sitzen auf den Fellen am Fußboden. Sie sehen zur bunten Mattscheibe. Sie interessieren sich nicht für mich. Es sind Heimbewohnerinnen. Eine der beiden ist Sofia, die andere erkenne ich nicht. Jetzt sieht mich Helling in der geöffneten Wohnzimmertür. Schwerfällig erhebt er sich aus einem großen Ohrensessel. Behäbig kommt auf mich zu. Ich springe ein kurzes Stück zurück in den dunklen Korridor. Plötzlich kommt Helling aber sehr schnell an mich heran. Ich versuche ihm auszuweichen. Helling greift schnell und zielsicher nach meinem rechten Ohr. Ich will weg springen, da zieht er fest an meinem Ohr. Er schreit mich an. Ich bekomme eine Woche Hausarrest. Er schleift mich über den dunklen Korridor zur Haustür hinaus. Dort lässt er endlich los. Ich flitze zur Holztreppe, trample sie hastig hinauf, stolpere, schlage mir die Knie auf renne an der Holzbalustrade entlang und verschwinde hinter der Milchglastür im Zimmer.

Der Berliner erwischt mich zuvor oben auf der Toilette. Mit mehreren kräftigen Fausthieben schlägt er mir die Nase blutig. Helling hört mein Geschrei, es hallt durchs ganze Haus. Deshalb beauftragt er ein Mädchen aus seinem Wohnzimmer, das neben Sofia vor seinem Fernseher am Boden sitzt. Sie rennt die Treppe hinauf, reißt oben die Klotür auf. Dort schlägt der Berliner auf meinen Kopf ein, den er in die Kloschüssel hält. Das Mädchen brüllt:
„Du sollst sofort runter zu Helling kommen und mit dem Geschrei aufhören!“
Sie schlägt die Türe zu, rennt schnell die Treppe hinunter, zurück in Hellings Wohnzimmer. Sie möchte nichts von dem Film versäumen, der im Fernseher läuft.

12. Dauergäste

Mit den Fellen, Geweihen und den Gewehren an der Wand im Wohnzimmer von Helling kann ich nichts anfangen. Meine Jägervorstellung entstammt dem romantischen Kinder- und Volksliedersingsang, der mir vom täglichen Gesang der alten Heimleiterin im Ohr liegt.

Ich liebe die alte Heimleiterin. Sie ist eine groß gewachsene Frau. Ich sehe ihr braun gebranntes Gesicht. Sie ist schwarzhaarig und trägt eine große, dunkle Sonnenbrille. Sie spielt Gitarre und sie singt so laut, dass sie auch das am lautesten falsch singende Kind nicht verleitet, eine Melodie falsch zu singen. Im Sommer sitzt sie täglich abends mit uns und den erholungsbedürftigen Kindern im Hof, zwischen den beiden Häusern. Wir sitzen in einem großen Stuhlkreis um die riesige Eiche. Sie singt täglich das gleiche Programm an Volks- und Kinderliedern. Die Lieder hasse ich noch nicht. Sie passen zu der Frau und deren Stil. Jäger und Wandersleute, grüne Wiesen und hohe, gelben Wagen, Müller und Schornsteinfeger, Vögel, Hühner und Kühe, die in den Liedern vorkommen, passen zum Leben bei der Heimleiterin im Oberlehen.

Die Frau zeigt uns und den Erholungskindern die Natur rund um unser Heim und sie weist uns auf die herrliche Landschaft hin. Sie wandert mit uns durch die Wälder, über Wiesen und Flüsse und auf die Berge, die sie genau erklärt und abends besingt. Anstatt abends vor dem Fernsehapparat zu sitzen, verbringen wir viele Abende im Stuhlkreis draußen um die riesige Eiche, wo wir singen und spielen. Die Frau singt deutsch und mir gefällt das, auch Peter macht es Spaß. Im Stuhlkreis ist es lustig, laut und deutsch. Alle Kinder plärren begeistert mit.

Weil wir monatelang das gleiche Liedgut von der alten Heimleiterin erleben und die Erholungskinder im Stuhlkreis alle vier bis sechs Wochen andere sind, können wir mit deren, immer wieder neuen Begeisterung bald nicht mehr mithalten. Die Lieder am Abend unter der Eiche fangen an, Peter und mich zu nerven. Nicht wegen der deutschen Sprache oder wegen Widersprüchen zu unserem Heimleben mit der Heimleiterin. Das alles passt gut zusammen. Es ist einfach langweilig, jeden Abend die gleichen Lieder zu singen, weil wir das Programm auswendig kennen.

Die Heimleiterin bemerkt und versteht unsere Langeweile. Nach drei Monaten kennen wir alle Lieder. Deshalb brauchen abends nicht mehr zu singen. Es genügt der Leiterin, wenn wir neben ihr sitzen und ihre Melodien summen. Das aber müssen wir tun. Darauf achtet sie genau. Sie hört, obwohl sie selbst laut singt und auf ihre Gitarre einschlägt, ob wir neben ihr mit summen oder nicht.

Die Erholungskinder wechseln permanent, fast täglich reisen neue Kinder an und alte ab. Die Heimleiterin aber bleibt. Zwischen ihr und mir entsteht deshalb ein Verhältnis von Abhängigkeit. Ich verhalte mich brav und angepasst, wie nie zuvor und niemals mehr danach. Ich habe keinen Grund, mich zu ärgern, frech zu sein oder gar, wie ich es bei Helling und Birner mache, Wut aufzustauen. Ich tue alles, was die Heimleiterin sagt. Es macht mir Spaß das zu tun, und ich tue es freiwillig. Ich denke nie darüber nach, warum ich alles tue, was sie von mir verlangt. Sie verlangt es freundlich aber bestimmt. Welche Konsequenzen Verweigerung oder Trotz hätten, erfahre ich nicht, weil ich nie aus der Reihe tanze.

Peter und ich putzen und schrubben das Haus, wenn sie es will, wir ziehen die Betten in Zimmern von Erholungskindern ab, die abgereist sind, und wir bereiten die Zimmer für Neuankömmlinge vor. Wir helfen überall im Heim mit. Wir trocknen in der Küche Geschirr, schrubben den Keller und die Toiletten. Die Heimleiterin weiß immer, wo ich bin, was ich tue. Sie kann sich hundertprozentig darauf verlassen, dass ich stets befolge, was sie aufträgt und dass ich niemals aufsässig bin oder gar freche Antworten gebe.

Die alte Heimleiterin arbeitet mit meiner Angst. So lange die Situation, vor der ich Angst habe, nicht eintritt, bereitet mir das keine Schmerzen. Auf die Wirkung meiner Angst verlässt sich die Heimleiterin. Die Wirkung ist mein absoluter Gehorsam. Ich habe Angst davor, dass eines Tages auch die Leiterin abreist, wie ich es täglich mit den Erholungskindern erlebe. Peter hat die gleiche Angst, denn auch er befolgt alles. Wir arbeiten an der Organisation des Alltags der Erholungskinder mit. Erst als Helling und Birner die neuen Leiter sind, werden wir unzufriedener und aufsässiger.

Ich habe nicht das Gefühl, mit der Heimleiterin in einem familiären Verhältnis verbunden zu sein. Sie fordert Gehorsam, Disziplin und Mithilfe, dafür gibt sie Zuneigung, die sie genau dosiert. Es entsteht keine vertrauliche Bindung. Stattdessen gibt es Regeln der Gleichheit, die sie aufstellt. Alle Kinder in ihrem Oberlehen sind grundsätzlich gleich. Auch Peter und ich, obwohl wir „für immer“ bleiben sollen. Wir sind also eindeutig nicht gleich.

Mit der Regelung, dass grundsätzlich alle Kinder gleich sind, schafft sie den Raum, Peter und mir hin und wieder winzige „Zuckerl“ zukommen zu lassen. Damit hält sie uns gehorsam, und sie umgeht eine emotionale Beziehung zwischen ihr und uns aufzubauen. An winzigen Punkten dürfen wir anders sein, obwohl alle Kinder gleich sind. So dürfen wir im großen Stuhlkreis auf dem Hof zu ihren Volksliedern summen. Wir müssen nicht mitsingen, während sie genau darauf achtet, dass alle anderen Kinder singen, und so ihre Lieder lernen.

Wegen solcher Kleinigkeiten, die für Peter und mich wichtig und groß sind, entsteht das Gefühl, dass sie mich gern hat. Weil Peter und ich nicht gleich sind, wo alle anderen Kinder am Oberlehen gleich sind, ist die Leiterin für mich sehr wichtig. Und sie ist wichtig, weil sie nicht einfach weggeht, wie die Erholungskinder.

Helling, der neue Heimleiter und dessen mitgebrachter Buchhalter, Birner, sprechen stundenlang mit der alten Leiterin. Peter erzählt mir in der Pause in der Schule, dass die beiden der „Ersatz“ für die Leiterin seien. Das glaube ich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es „Ersatz“ für die Leiterin geben kann. Der neue Leiter und sein Buchhalter interessieren sich zunächst nicht für uns.

Die letzten Erholungskinder sind noch nicht abgereist. Ich glaube, die beiden wissen deshalb noch nicht, wer Peter und ich sind, und dass wir als die ersten Dauergäste im Oberlehen bleiben. Die alte Leiterin mit ihrer Gitarre und ihren Erholungskindern verschwindet, ohne sich von mir zu verabschieden. Der Tag an dem sie geht ist schrecklich.

13. Keine Regeln

Tagelang ist es ruhig im Oberlehen. Ruhe, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Im Hof unter der Eiche rührt sich nichts. Abends ist der Hof leer, kein Stuhlkreis, kein lautes Mittag- und Abendessen im Freien mehr.

Die letzten dreißig Erholungskinder holt ein Reisebus ab. Ihre Zimmer bleiben leer, kein neuer Reisebus mit neuen, erholungsbedürftigen Kindern kommt den Berg hinauf gefahren. Ich fühle mich einsam. Ich glaube, ich spüre das zum ersten Mal in meinem Leben. Obwohl Peter da ist, spüre ich die Einsamkeit. Wir sprechen in diesen Tagen wenig miteinander. Ich glaube immer noch nicht daran, dass Helling und Birner die neuen Herren sind, die uns von nun an sagen, was wir zu tun oder lassen haben. Die Veränderung kann und will ich mir nicht vorstellen.

An einem Abend erklärt mir Peter, dass er und ich die „Vorhut“ sind, von vielen anderen Kindern, die auch „für immer“ im Oberlehen wohnen sollen und dass das Oberlehen als Erholungsheim ausgedient hat. Es ist der Abend an dem Peter mit einem gestohlenen, kleinen Kofferradio aus Berchtesgaden hinauf ins Oberlehen kommt. Peter hat wie ich große Probleme mit der plötzlichen Ruhe. Sein neues Kofferradio dreht er in unserem Zimmer auf, um die Ruhe im Oberlehen zu unterbrechen.

Wir sprechen an dem Nachmittag nicht über unsere Situation. Wir sprechen über dieses geklaute Radio. Ein Diebstahl, den Peter wegen seiner Verzweiflung am Nachmittag ausgeführt hatte. Im Geschäft wurde er nicht erwischt, aber er hat Angst, dass der Diebstahl im Heim herauskommen könnte. Wegen unseres Gesprächs über das Radio, wegen unserer Überlegungen, wie wir den Diebstahl verbergen können, werden wir uns unserer Situation gewahr. Wir wissen, dass der Diebstahl niemandem auffallen wird, dass niemand bemerken wird, dass Peter dieses Radio erst seit diesem Nachmittag hat.

In der Ruhe des Abends spüren wir, dass wir nichts zu verlieren haben. Alle bisherigen Regeln sind nämlich außer Kraft gesetzt. Der Mensch, die alte Heimleiterin, von der die Regeln bisher festgelegt und überwacht worden waren, ist endgültig nicht mehr da. Weil die Heimleiterin verschwunden ist, endet die Beziehung zwischen ihr und uns abrupt. Deshalb diese unerträgliche Ruhe. Sie ist das eindeutige Zeichen für die Veränderung. Ich spüre, dass es in meiner Nähe niemanden mehr gibt, den es ernsthaft interessiert, was ich tue. Es gibt niemanden, den es interessiert, wie es den Kindern am Oberlehen geht. Es gibt niemanden der ein Auge darauf hat, dass wir nicht tun, was wir nicht tun dürften. Ich spüre, dass mit dem Weggang der alten Heimleiterin, die einzige Person verschwunden ist, die immer an uns gedacht hatte. Die Person, an der ich mich orientiert habe, an deren Urteil ich dachte, wenn ich in Gedanken die Idee entwickelte, gegen eine Regel zu verstoßen, ist verschwunden.

Den Gedanken des Verlustes kann ich nicht zulassen. Deshalb träume ich nachts und denke tagsüber, dass sie nur, wie sie es früher oft getan hat, in ihrem Wagen hinunter in den Ort gefahren war. Die alte Heimleiterin sehe ich nie wieder.

Eine neue Idee kommt, wegen der spürbaren Einsamkeit und der Ruhe, durch die ein Loch entsteht, das die verschwundene Leiterin und deren fehlende Regeln und Gesetze auf reißt. Gut an Peters Diebstahl ist, dass es ein Radio ist. Wir benutzen es, um zu konsumieren was gesendet wird. Aber es hat noch eine andere Funktion. Peters Radio unterbricht das unerträgliche Schweigen, die Ruhe in unserem Heim. Es stopft das Loch, das nicht gestopft werden kann wenigstens ein bisschen. Niemals zuvor hat Peter etwas gestohlen.

Es gibt keine Regeln mehr, die Kinder und die Leiterin sind plötzlich weg, Peter und ich wissen deshalb nicht mehr, wie wir uns zu verhalten haben, was wir zu denken und zu sprechen haben, was wir zu tun haben. Natürlich gehen wir täglich weiter in die Schule. Dort gelten weiter die bisherigen Regeln, die Lehrerin bleibt, auch die Schüler bleiben.

Nachmittags sitzen wir im Aufenthaltsraum im Oberlehen. Eine neue Erzieherin kommt. Sie betreut uns bei den Hausaufgaben. Morgens weckt sie uns, macht Frühstück, mittags und abends kocht sie.

Eine Woche später kommen die ersten neuen Kinder. Die Erzieherin erklärt, dass die wie wir „für immer“ im Oberlehen wohnen. Helling und Birner sind von nun an täglich im Oberlehen. Die Erzieherin verschwindet eines Tages plötzlich. Neue Erzieher kommen, bleiben für einige Monate und verschwinden. Helling und Birner verschwinden nicht, sie bleiben „für immer“.

14. Wettschwimmen

Unter den neuen Ankömmlingen ist Hartmut. Helling und Birner verteilen die neuen Kinder auf deren Zimmer. Hartmut schicken sie zu uns. Hartmut ist Bettnässer. Ein Problem, das er ins Oberlehen mitbringt, ein Problem, das sich erst dort für ihn zu einem wirklichen Problem entwickelt.

Schnell gewöhnen sich Peter und ich an die Neuankömmlinge nicht aber an den Umgangsstil der Heimleiter. Helling und der Buchhalter Birner strahlen Brutalität und Gewalt aus. Für beide sind Schläge mit der Faust ins Gesicht oder die Magengrube alltägliche Erziehungstechniken.

Von nun an besteht eine neue Ordnung am Oberlehen. Gewalt gegen Kinder und Beschimpfungen wie: Du Armleuchter! Du Volltrottel! Du Arsch mit Ohren!. Du hirnamputierter Depp! Du Pisser! Helling und Birner bringen Orientierung, sie verschaffen sich Respekt durch tägliche Demonstration von Muskelkraft und erniedrigenden Worten, mit denen sie uns betiteln. Deren Überlegenheit und ihre Macht stärken beide täglich indem sie sich Respekt verschaffen mit regelmäßigen Kopfnüsse, Ohrfeigen, Faustschlägen. Innerhalb weniger Wochen krempeln beide das Oberlehen um.

Helling, ein kleiner, korpulenter, kräftiger Mann, bringt uns schnell bei, ihn zu fürchten Er ist unberechenbar. Dessen Schläge kommen oft im Affekt. Der Faustschlag, der mich durch die Glastür schleudert und die Kellertreppe hinunter stürzt, kommt völlig überraschend. Helling schlägt in Momenten zu, in denen ich nicht mit solcher Gewalt rechne. Es sind seine Überraschungsangriffe und Übergriffe, die ich fürchte. Wenn er den Aufenthaltsraum betritt, schrecke ich innerlich zusammen. Ich denke sofort darüber nach, welchen Anlass ich ihm gegeben haben könnte, um wieder unvermittelt zuzuschlagen.

Auch wenn Helling kein Wörtchen sagt, wenn er seine Hand nicht zum Schlag erhebt, spüre ich Angst vor dem Mann. Er hat Macht durch Kräfte, die er benutzt, um mich ganz klein zu kriegen. Obwohl ich schon ganz klein geworden bin, schlägt er weiterhin auf mich ein. Offenbar bin ich einer, der für Helling eine permanete Herausforderung ist. Es kann sein, dass er mich nochmal schlägt, für etwas das er bereits vor Tagen bestraft hat. Obwohl er mich schon am Ohr durch den Flur geschleift hat, mir eine Woche Stubenarrest gegeben hat, wegen meines Geschrei im Klo des Nebenhauses, als Michael mich in die Kloschüssel drückt, kann es sein, dass er mich deshalb im Vorbeigehen, Tage später nochmal kräftig ohrfeigt. Ich bin einer, auf den Helling immer wieder einprügelt. Ich bin ein Kind.

Weil Hartmut Bettnässer ist, nennt ihn der Heimleiter „Pisser“. Helling betitelt alle Kinder mit Spitznamen. Dessen Spitznamen werden zu unseren neuen Namen. Mit ihnen rufen wir uns gegenseitig. Hartmut wird seinen Spitznamen „Pisser“ am Oberlehen nicht mehr los. Kein Kind entkommt der Rolle, die Helling durch einen Spitznamen zuweist. Helling merkt nicht, dass Hartmut nach Jahren längst aufgehört hat, einzunässen.

Manche Erzieherinnen verheimlichen vor Helling, wenn sie morgens feststellen, dass Kinder im Oberlehen einnässen. Sie verhindern, dass Helling diese Kinder auch mit solchen Spitznamen wie Hartmut beschimpft. Sie helfen den Kindern dabei, morgens ihre nasse Bettwäsche heimlich in die Waschküche zu schaffen. So schützen sie uns vor Hellings Hass, Wut und dessen Unberechenbarkeit. Doch keine Erzieherin schafft es, uns wirklich zu helfen, denn Helling und Birner schicken sie stets nach Monaten wieder davon und holen neue Erzieherinnen.

Hellings Regeln und dessen Worte akzeptieren wir am Oberlehen sofort. Dem Respekt vor Hellings Schlägen entkommt kein Kind. Widerstand ist zwecklos. Helling und Birner geben uns keine Chance. Sie überwachen alles. Irgendwann glaube ich sogar, dass beide Männer alles wissen. Sie scheinen zu wissen, was ich denke.

Eines Tages lässt mich Birner in seinem Büro antreten. Ich ahne nicht warum. Dann spricht er von einem neuen Kassettenrecorder, den ich mir vom Taschengeld kaufen möchte. Ich weiß nicht, wie er auf diese Idee kommt. Aber ich habe daran tatsächlich gedacht, denn mein alter Rekorder ist schon lange Zeit kaputt. Birner muss wissen, was ich denke, was ich will. Er erklärt, dass ich keine Chance habe, auf einen neuen Rekorder zu sparen, denn ich müsse noch lange Zeit für die Glasscheibe bezahlen, die ich kaputtgemacht habe, als Helling mich mit einem kräftigen Hieb durch sie gestoßen hat.

Ich verstehe, das es um das Siegen geht und dass Sieger nur derjenige sein kann, der die entsprechende Kraft und Macht hat. Buchhalter und Heimleiter sagen: Was zählt in diesem Leben, ist Kraft und Stärke. Entscheidend ist, wer der Stärkere ist. Siegen wird stets der Mächtigere.

Schläge der Heimleiter Helling und Birner bedeuten Knochenbrüche, Prellungen, blaue Augen und solche Dinge. Das schlimmste aber ist, dass keine Auflehnung, keine Solidarität unter uns entsteht. Stattdessen regiert mich meine Angst vor den beiden.

Heimleiter und Stellvertreter entwickeln und unterstützen unsere kindliche Brutalität. Wir sind „Schlappschwänze, Halbstarke oder Sandkastenrocker“. Muskelkraft ist die wichtigste Sache im Leben. Gewalt und Brutalität unter uns sind beste Maßstäbe, um voran zu kommen. Im Oberlehen geht es Kindern am besten, die, wie der Berliner Michael, die Kraft haben, ein System von Fahrraddiebstahl und Abkassieren schlagkräftig durchzusetzen. Wie Helling und Birner, setzen Kinder im Oberlehen die eigenen Interessen wirkungsvoll mit Gewalt durch. Der Lebensstil von zwei Männern ergreift uns, und lässt uns nicht mehr los.

Kinder bekämpfen sich gegenseitig. Courage, Mut oder gar Widerstand gibt es nicht. Aufstacheln und Ärgern anderer Kinder sind gute Taten. Schwäche zeigen ist verboten, denn das provoziert Gewaltausbrüche andere Kinder. Uns regieren Hass und Ablehnung. Wir brüllen uns gehässig an und verprügeln uns. Helling und Birner finden das gut. Beide behalten uns damit im Griff.

Helling legt sich mit meinem Freund Peter an. Es geht um die jungen Mädchen, die im Heim wohnen. An die macht sich Helling abends vor dem Fernseher heran. Die nimmt er in seinem grünen Opel Rekord mit, um irgendwo hinzufahren. Mit ihnen verschwindet er in seine Wohnung im Erdgeschoss des Nebenhauses.

Morgens sehe ich Helling, die Sonne ist gerade aufgegangen, wie er zusammen mit einer jugendlichen Heimbewohnerin hinter dem Haus die Wiese herunter läuft. Am Vorabend fand oben am Berg ein Lagerfeuer statt. Ich bin gerade auf dem Weg zur Toilette. Draußen, vor meinem Zimmer, verstecke ich mich um halb sechs Uhr für Sekunden unter der Holzbrüstung. Von dort sehe ich, wie Helling mit dem Mädchen in seiner Wohnung verschwindet. Über meine Beobachtungen mache ich mir keine weiteren Gedanken, denn ich bin froh, dass Helling mich nicht sieht. Das wäre Anlass für ihn mir wieder Schläge und kräftige Kopfnüsse zu geben.

Helling weiß, wessen Eifersucht er herausfordert, wen er ärgert, wem er seine Überlegenheit und Macht demonstriert, indem er vorführt, dass er sich ein Mädchen aus der Heimgruppe einfach nehmen kann. Es ist mein Freund Peter, den er damit ärgert. Was Helling mit den Mädchen in seiner Wohnung macht, weiß ich nicht. Samstags sehe ich ihn, wie er abends vor dem Fernseher seinen schweren Arm auf die Schultern von Heimbewohnerinnen legt.

Weil Helling sehr unsportlich, klein und korpulent ist, verliert er beim Wettschwimmern im Hallenbad immer. Wir sind gut trainiert, denn wöchentlich gehen wir mit der Schulklasse ins Schwimmbad. Jeder von uns hat verschiedene Schwimmabzeichen. Helling verliert das Wettschwimmen, zu dem er uns heraus fordert. Er ist beleidigt wie ein Kind. Weil er kein Kind ist, sondern der erwachsene Heimleiter, fordert er keine Revanche.

Er wartet, bis Peter, gegen den er das Wettschwimmen an diesem Samstag verliert, vom tiefen Wasser in das seichte kommt. Im seichten Wasser spielen wir im Stehen mit Wasserbällen. Peter denkt nicht mehr an das Wettschwimmen, sondern konzentriert sich auf das Ballspiel. Helling nutzt die Gelegenheit. Er schleicht sich von hinten heran und packt Peter. Ein typischer Überraschungsangriff, der zu Hellings Unberechenbarkeit gehört. Er rächt sich, wenn man nicht damit rechnet, weil man an das, wofür er sich rächt, nicht mehr denkt. Helling erträgt es nicht, wenn er einem untergebenen Kind im Wettstreit unterliegt. Er ist nachtragend und er ist das älteste und stärkste Kind unter uns. Ihm sind wir ausgeliefert.

Er presst Peter in den „Schwitzkasten“. Peters Kopf wird von Hellings kräftigem Oberkörper zur Seite gedrückt. Dann reißt Helling den Kopf kräftig unter Wasser. Ich sehe Hellings zynisches Lächeln, es spielt immer rund um seine Lippen, wenn er der Sieger ist. Hellings leicht eingefallenes Gesicht wirkt durch dessen zynisches Lächeln noch faltiger.

Peters Kopf bleibt so lange unter Wasser des Berchtesgadener Hallenbads, bis irgendetwas in dessen Trommelfell passiert. Nachdem Heimleiter Helling von Peter ablässt, platscht Peter benommen ins seichte Wasser. Er verliert kurz den Gleichgewichtssinn. Er liegt im Wasser und scheint langsam unterzugehen. Obwohl er mit den Füßen den Boden berührt, sinkt Peters Körper. Helling dreht sich weg. Er klettert an der Treppe aus dem Wasserbecken. Jetzt watet ein anderer Junge durch das Wasser zu Peter. Er zieht dessen Kopf aus dem Wasser. Tagelang klagt Peter über starke Kopfschmerzen und Schmerzen in einem Ohr. Nach knapp einer Woche wird er im Berchtesgadener Krankenhaus wegen eines Badeunfalls behandelt.

Im Oberlehen ist nicht mehr die Gruppe im Stuhlkreis wichtig, in der sich die Kinder abends erzählen, was sie tagsüber erlebt haben. Es werden keine Lieder zu singen gelernt. Wichtig ist nun, wer der stärkste und schnellste ist und wer vom Heimleiter und seinem Stellvertreter am wenigsten mit Schimpfworten, Kraftausdrücken, Spitznamen und Schlägen belegt wird. Wichtig ist, unverletzt davon zu kommen. Menschen, wie die alte Heimleiterin, die Abends Gitarre spielt und singt, sind Schwachköpfe, die Helling und Birner „bescheuert“ nennen, wie Kinder.

15. Sandkasten

Ich wache auf. Auf dem grauen Teppichboden erkenne ich ein Trinkglas. Es liegt neben dem braunen Fuß des kleinen Wohnzimmertisches. Bevor ich einschlief, habe ich ein Glas Wasser getrunken. Ich liege auf dem Teppichboden in der Wohnung in der Hochsteinstraße. Ich höre Verkehrslärm, der heute besonders laut ist, weil es stark regnet. Ein schweres Gewitter liegt seit Stunden über Berchtesgaden. Der kurze Fußweg von der Kreuzung unten am Ende des Nonntals hat gereicht, um mich komplett zu durchnässen. Ein Angebot eines Kollegen, mit dem ich täglich nach der Arbeit zurück nach Berchtesgaden fahre, habe ich ausgeschlagen. Kaum war ich aus dem Wagen gestiegen fielen schon die ersten dicken Regentropfen. In der Wohnung zog ich mir trockene Klamotten an. Ich schaltete die Kaffeemaschine ein und setzte mich, mit einem Glas Wasser in der Hand, auf das graue Sofa. An den Kaffee erinnere ich mich nicht. Er muss noch auf der Maschine in der Küche stehen. Die Müdigkeit wegen der Fabrikarbeit hat mich derart ergriffen, dass ich sitzend einschlief. Auf dem Sofa kippte ich zur Seite, das Glas fiel aus meiner Hand, rollte auf den Boden.

Draußen ist es dunkel. Ich habe etwa zwei Stunden geschlafen. Der Lärm einer Feuerwehrkolonne hat mich geweckt. Sie donnerte vor Minuten vom Rathaus, der Feuerwehrstation, die Nonntalstraße hinunter Richtung Salzbergwerk.

Ich stehe auf und gehe in die Küche. Herbert ist offenbar trotz des schweren Regens mit seinem Sportfahrrad unterwegs. In der Küche hängt starker Kaffeegeruch. Den Kaffee kippe ich ins Spülbecken. Durch das Küchenfenster sehe ich ein trübes Bild. Berchtesgadener Straßen und Häuser bei regnerischem Wetter. Trotz der schlechten Sicht ins Tal, erkenne ich links im Fenster eine von Scheinwerferlicht hell erleuchtete Großbaustelle. Dort wird bis spät abends auf Hochtouren gearbeitet. Das Berchtesgadener Hallenbad wurde kürzlich abgerissen, an dessen Stelle entsteht auf der Baustelle das neue Berchtesgadener Erlebnisbad.

Birner bezahlt uns jeden Samstagvormittag, nach dem Schwimmen im Hallenbad, unser Taschengeld. Kurz vor meiner Ankunft und Arbeitsaufnahme in der kleinen Fabrik im April wird das alte Hallenbad abgerissen. Die Wohnungsnachbarn erklären, dass es einem neuen Hallenbad zu weichen habe, von dem sich der Ort weniger Verluste erwarte. Der marode Platten- und Betonbau, in dem Helling jeden Samstag die Wettschwimmen gegen Jugendliche aus dem Oberlehen verliert, sei heute nicht mehr rentabel. Eine Ortsbesichtigung, um meine Erinnerung zu beflügeln, ist nicht mehr möglich. Ich bin nicht, wie bei meinem Besuch am neuen Oberlehen, um Jahre zu spät dran. Nur um Monate habe ich mich verspätet.

Am nächsten Tag nehme ich Urlaub von der Fabrikarbeit. Ich habe Formalitäten wie meine Anmeldung auf der Gemeinde zu erledigen. Wenn ich einen Tag frei nehme, muss ich das gut begründen. Es geht nicht so einfach, wie es an meiner Dienststelle in der Stadt ging. In der kleinen Fabrik geht es persönlicher zu. Mein Gefühl sagt mir, wo es persönlicher zugeht, brauchen solche Dinge Gründe, die gesagt werden sollten. Ich überzeuge den Chef und die Sekretärin im Büro, dass es berechtigt ist, wenn ich einen freien Tag bekomme, nicht weil ich erholungsbedürftig bin, sondern wegen der zwingenden Formalitäten, die nur tagsüber erledigt werden können.

So laufe ich gegen zehn Uhr bei herrlichem, klarem Sommerwetter die Nonntalstraße in Richtung Berchtesgadener Schloss zum Rathaus hinauf. Auf dem kurzen Fußweg dort hin kommt mir ein Gedanke, der sich im Rathaus, auf dem Einwohnermeldeamt verstärkt. Das liegt an Martina, die ich nicht gleich wiedererkenne. Martina sitzt an einem Holztisch auf dem eine grüne Arbeitsunterlage und ein Formular liegen. Sie bearbeitet das Formular. Ich betrete den Arbeitsraum und ziehe die Tür langsam hinter mir zu. Martina legt ihren Kugelschreiber auf das Formular. Sie erhebt sich und bewegt sich langsam auf mich zu. Ich stehe vor dem dunkelbraunen Tresen, sage selbstverständlich „Grüß Gott“ und warte. Ich erwarte nicht, dass mich jemand kennt. Sie streckt ihre weiße Hand über den Tresen und sagt:
„Grüß dich Bernado, wie geht’s?“
Ich bin überrascht, weil mich erkennt, wen ich nicht erkenne. Deshalb schaue ich Martina verwirrt an. Martina bemerkt meine Verwirrung und stellt sich namentlich vor. Jetzt erinnere ich mich an eine Klassenkameradin in der Grundschule. Sie war in der Schule stets unauffällig, so unauffällig, dass meine Erinnerung an sie nur bis in mein Fotoalbum reicht. Dort habe ich ein Foto der zweiten Grundschulklasse. Eine der etwas dicklichen Mädchen auf dem Foto hat im Gesicht Ähnlichkeit mit dieser Frau. Wegen Martina, die offensichtlich in meiner Grundschulklasse in diesem Ort gewesen war, festigt sich mein Gedanke, meine alte Schule aufzusuchen.

Das Schulgebäude hat sich von außen kaum verändert. Der Neubau sieht inzwischen auch alt aus. Er war damals, als ich die Grundschule besuchte, noch nicht ganz fertiggestellt. Das Gebäude betrete ich nicht. Ich habe dort nichts zu suchen. Was soll ein Mensch wie ich nach so langer Zeit noch in seiner alten Schule finden? Weil ich das denke, gehe ich nach einer Umrundung des Schulhauses wieder zurück in die Wohnung.

An diesem Nachmittag sitze ich vor der alten Schreibmaschine, ohne zu fürchten, dass Herbert die Wohnung betritt und an meiner Zimmertür klopft. Das kann einige Stunden lang nicht passieren. Meine Angst, er könnte mich fragen, was ich täglich in die Maschine tippe, ist nicht da. Herbert arbeitet in der Fabrik, und ich habe einen Tag Urlaub. Ein freier Nachmittag an dem ich meinen Kopf von Gedanken an meinen Mitbewohner frei habe und meiner Erinnerung an mein Leben in diesem Ort freien Lauf lasse.

Im Rechenunterricht kann ich mich nicht konzentrieren. Mein Klassenzimmer liegt im zweiten Stock des Altbaus. Durch das Fenster sehe ich hinunter auf den Schulhof mit dem hellen Kies. Dahinter führt eine stillgelegte Bahnlinie nach Salzburg. Ich sehe den Fußweg über die Bahnlinie hinüber Richtung Schießstättbrücke, den wir Kinder immer gehen, nachdem wir samstags unser Taschengeld im Ort ausgeben.

Heute trainiert mein Lehrer mit uns das Kopfrechnen. Wir stehen vor unseren Tischen, jeder Schüler, der zum dritten Mal die richtige Lösung der Rechenaufgaben am schnellsten heraus brüllt, darf sich setzen. Ich stehe als letzter immer noch da. Ich kann mich auf das Rechnen nicht einlassen, denn ich denke an anderes. In allen Schulfächern ist das so. Meine Schulnoten sind deshalb sehr schlecht.

Ich denke vormittags in der Schule daran, was nachmittags oben im Oberlehen geschehen wird. Ich überlege, wie ich Helling und Birner am schnellsten aus dem Weg gehen kann. Im Schulunterricht denke ich nicht an die Schule. Der Unterricht prallt an mir ab. Die Zeit in der Schule, die Ruhe, weil Helling und Birner nicht dort sind, nutze ich, um zu überlegen, was ich nachmittags tun kann, um beiden zu entkommen. Wenn ich in der Schule nicht an Helling und Birner denke, träume ich von einem schönen Leben mit Peter und anderen Kindern. Ich träume davon, mit Peter in unserer Baumhütte oben im Wald oberhalb vom Oberlehen zu wohnen. Ich träume davon, mit den beiden Heimleitern nichts mehr zu tun zu haben. Die Lehrer in der Schule erreichen mich deshalb nicht. Mein Kopf ist voll mit meinem Denken und Träumen, für Rechenaufgaben ist kein Platz mehr.

Nach Unterrichtsschluss fahren wir täglich im orangenfarbenen Schulbus auf den Obersalzberg bis zur Station Erika. Wir laufen ein kurzes Stück auf der Rodelbahn und biegen rechts ab, zum nahen Oberlehen. Nachmittags reche und fege ich mit Peter den Hof und die Wege rund um die beiden Häuser. Unser Dienst nennt sich „Sauberkeit ums Haus“, er ist bei den Heimkindern nicht besonders beliebt, weil er immer mit viel Arbeit verbunden ist.

Zwischen den beiden Häusern muss Ordnung gehalten werden. Der feine Kies soll täglich gerecht werden und sämtliche Papierschnipsel, Glasscherben und ähnliches müssen aufgehoben werden. Der gepflasterte Weg zwischen den Häusern muss täglich gekehrt sein, genauso wie die Betonterrasse. Birner läuft die Strecken mehrmals täglich ab. Er scheut sich nicht davor, mich abends aus dem Waschraum oder meinem Bett zu holen, wenn noch Kieselsteine, Papierschnipsel oder anderes auf den Pflastersteinen liegen.

Diese Woche haben Peter und ich zusammen diesen verhassten Dienst. Ich hasse den Dienst, weil ich ihn von Birner verpasst bekomme. Und ich hasse ihn, weil Kinder mit denen ich gerade zerstritten bin, die Gelegenheit nutzen, um Abfall rund um die beiden Häuser zu verteilen. Es ist eine einfache Möglichkeit, sich an mir zu rächen. Freudig stacheln sich manche Kinder gegenseitig dazu auf, den Hof und das Gelände zu verschmutzen.

An diesem Nachmittag spielt sich eine „Aufwieglerszene“ ab, von der Birner abends spricht, mit der er sein Eingreifen beim Abendessen rechtfertigt. Nach dem Kehren und Rechen im Hof spiele ich mit Peter im Sandkasten. Das hat für uns, obwohl wir schon zwölf Jahre alt sind, immer noch großen Reiz. Mit unseren Matchboxautos, die unter den Sandkörnchen leiden, kurven wir auf Sandpisten die Berchtesgadener Berge auf und ab. Unsere Phantasiereise im bunten Matchboxflitzer führt uns an diesem Nachmittag hinauf auf die Höhenstraße eines hohen Sandberges. Wir nennen unseren Sandkastenberg den Obersalzberg. Von der Höhenstraße an unserem Obersalzberg fahren unsere Matchboxflitzer weiter hinauf zum Kehlsteinhaus. Von ganz oben rauschen wir durch zwei Sandtunnels hinunter. Unterwegs besuchen wir Kinder, die im General – Walker – Hotel, am Obersalzberg bei der Höhenstraße bei den Amerikanern wohnen. Die Kinder sprechen kein Deutsch. Peter erklärt, dass sie in „amerikanischer Sprache“ unterrichtet werden. Unsere Matchboxautos parken wir auf dem sandigen Parkplatz. Gegenüber liegt ein faustgroßer Felsbrocken. Im Sandkasten ist er das General – Walker – Hotel. Dort begrüßen uns freundliche, amerikanische Erwachsene und deren Kinder. Sie laden uns zu Limonade, Cola und Sahnetörtchen ein. Wir feiern, essen und lachen mit den Amerikanern. Nachdem wir alles gegessen haben, verabschieden wir uns mit den Worten: „Yea ok, ok allreit bei, bei tschau, tschau!“

In unseren Matchboxflitzern rasen wir weiter den steilen Berg hinunter. Auf etwa halber Höhe unseres Sandkastenobersalzberges biegen wir nach links ab. Wir fahren auf einen Parkplatz, der von Kindern sauber gefegt wird. Wir begrüßen diese Kinder freundlich. Sie schütteln uns die Hände und werfen sofort ihre Besen in die Ecke, denn sie freuen sich stets über Besuch.

Sie leben im Kinderheim. Selten kommen Fremde vorbei, die sie fragen, wie es ihnen geht. Peter und ich steigen aus unseren Matchboxwagen und fragen, wie es geht. Deshalb versammeln sich viele Kinder um unsere Autos im Sandkasten am Oberlehen. Die Kinder sehen nicht so fröhlich aus wie die Amerikaner, die wir zuvor gesprochen hatten. Sie laden uns nicht zu bunten Sahnetörtchen ein, stattdessen klagen sie uns ihr Leid. Peter und ich erkennen, dass es diesen Kindern schlecht geht.

Sie Kinder erzählen uns, dass sie von zwei erwachsenen Männern am Oberlehen nicht wie Kinder behandelt werden. Die würden sie schlagen und herumtreiben. Das finden Peter und ich interessant. Wir wollen mit diesen Kindern weiter sprechen, auch wenn es nichts Süßes bei ihnen gibt. Peter und ich steigen aus. Wir lehnen uns lässig an unseren Matchboxwagen an und hören den Kindern zu.

Die jammern und erzählen, begründen und fluchen. Ihr Fluchen verändert sich nach einigen Minuten. Es geht über in Ärger und Wut auf diese „gemeinen Männer“. Peter erzählt, dass wir erst Minuten zuvor, weiter oben am Berg fröhliche amerikanische Kinder besucht haben. Wir fragen, warum es den Kindern am Oberlehen nicht auch so gut geht. Die Antworten der Kinder wollen Peter und ich nicht glauben. Sie sagen, die beiden Männer würden dafür sorgen, dass es ihnen richtig schlecht gehe. Es wäre deren Meinung, dass es den Kindern am Oberlehen schlecht gehen müsse, nur wenn es schlecht ginge, wären sie auch brav. Peter und ich staunen ungläubig. Die Kinder erzählen mehr und mehr, und sie werden dabei wütender und wütender. Erst durch unseren Besuch erfahren sie, dass es anderen Kindern viel besser geht und dass diese Kinder trotzdem brav sind. Schließlich brüllen und schimpfen die Kinder ihre Wut ungezügelt aus sich heraus. Sie schimpfen die beiden Männer „Schweine“ und „Arschlöcher“. Schnell steigen Peter und ich deshalb wieder in unsere Matchboxautos. Wir fahren die steile Bergstraße hinunter zur Schießstättbrücke. Dort parken wir unsere Matchboxwagen auf einem sandigen Parkplatz neben der Brücke. Wir ruhen uns ein wenig aus. Wir setzen uns an die schnell fließende Arche und werfen Steine ins Wasser. Dabei beruhigen wir uns. Die Wut der Heimkinder, oben an unserem Sandkastenobersalzberg, hat uns angesteckt. Wir verstehen deren Wut.

Birner verfolgt unser Phantasiespiel. Er steht einige Zeit hinter der Garage, neben dem Sandkasten. Er beobachtet uns und er hört zu. Auch neue Heimkinder, die vor wenigen Tagen angekommen waren, sitzen im Sandkasten und verfolgen aufmerksam mein Spiel mit Peter. Die meisten wütenden Worte stammen von mir. Je stärker ich mich in meine Phantasie steigere, desto lauter und wütender wird mein Schimpfen gegen Birner und Helling. Meine Wut führt mich vom Parkplatz an der Arche noch mal laut plärrend mit meinem roten Matchboxsportwagen die steile Bergstraße am Sandkastenobersalzberg hinauf zum Kinderheim. Dort schreien die wütenden Heimkinder noch mal laut ihre Wut heraus.

Gegenüber den neuen Heimkindern spüre ich eine gewisse Verantwortung. Deshalb ist mein Spiel an dem Nachmittag so laut und ausgelassen. Es ist meine Wut über die Zustände in meinem Heim. Ich will, dass die Neuankömmlinge gleich einen ersten Eindruck vom Oberlehen gewinnen, ich will sie vor Helling und Birner warnen.

Das Phantasiespiel mit Peter erleichtert mir mein alltägliches Kinderheimleben. Auch Kinderspiele im Wald, oberhalb des Oberlehens sind für mich entlastend vom täglichen Heimalltag. Die Gruppen, in denen wir durch den Wald streifen, in denen wir uns gegenseitig verfolgen und jagen, haben immer das Ziel, die Bösen zu besiegen. Unter der Gruppe der Bösen sind stets Helling und Birner. Meist werden sie zum Schluss von mir und anderen Kindern hingerichtet. Helling ist die dicke Tanne gegen die ich mein Taschenmesser schleudere. Birner ist die Birke neben der Tanne. Ihn bespuckte ich und traktierte ihn anschließend mit meinem Taschenmesser. Die gespitzten Pfeile unseres Indianerspiels schießen wir, im Anschluss nach einer aufregenden Verfolgungsjagd, auf die Birke Birner und die Tanne Helling.

Weil mich die neu im Oberlehen angekommenen Kinder heute fragen, was für ein komisches Spiel ich im Sandkasten mit den Matchboxautos spiele, erkläre ich es ihnen so:
„Wenn du nicht sofort parierst, sobald die beiden Männer etwas von dir verlangen, wenn du ihre Befehle nicht sofort befolgst, kriegst eins in die Fresse! Birner schlägt brutal zu, deshalb Vorsicht! Wenn du ihn in deiner Nähe siehst: sofort das Maul halten! Auch Helling ist brutal! Er braucht nur etwas länger, bis er zuschlägt. In deinen Hintern wollen dir Helling und Birner treten. Das ist ein beliebter Spaß von denen, du wirst ihn kennen lernen. Wenn du nicht sofort verschwindest, treten sie kräftig zu. Am besten kommste hier durch, wenn du deine Klappe hältst und alles, was hier los, ist hinnimmst und alles tust, was verlangt wird. Hier brauchst du nicht selbst zu denken. Wenn du anfängst zu denken oder versuchst, dich gegen die zwei zu wehren, haste schon verloren. Die machen dich fertig, wenn du was gegen die sagst oder tust!“

Birner springt rot vor Wut hinter dem Holzschuppen vor. Er richtet seinen eisernen Blick auf mich. Riesig steht er vor mir im Sandkasten. Er trampelt auf unserem Obersalzberg herum. Mein roter Matchboxwagen versinkt im Sand unter Birners großem Schuh. Die Schießstättbrücke liegt zusammengebrochen neben Peters gelbem Sportwagen. Für Sekunden steht mir Birner übermächtig gegenüber. Es herrscht Schweigen.

Für mich sind es schlimme Sekunden, die ich kenne, aber mich nicht an sie gewöhne. Ich habe das schon oft erlebt. Birner löst das in einem gewaltigen Schlag gegen mich auf. Die anderen Kinder sind verschwunden, geflüchtet, auch Peter. Anspannung, Schweißausbruch, glühende Hitze um meinen Kopf. Beben und Zittern am Körper. Ich kenne das seit Jahren. Hautnahe Übermacht die in Ohnmacht mündet. Die ein oder zwei Sekunden des Schweigens versuche ich, zur Flucht zu nutzen. Ich habe das Gefühl, dass Birner immer schneller wird, denn die Sekunden werden immer kürzer.

Ich gehe leicht in die Hocke, versuche mir so Schwung zu geben, um nach rechts aus dem Sandkasten zu springen. Birner erkennt das, setzt deshalb sofort seinen linken Fuß vom zertretenen Obersalzberg auf den Sandparkplatz neben der zerstörten Schießstättbrücke. Ich vor Birner in die Knie im Sand, befinde mich im Absprung. Ich kann meine Körperbewegung nicht stoppen, sehe Birners riesigen Fuß direkt vor meiner Sprungrichtung. Ich springe. Plötzlich wird es dunkel. Mein Absprungbein schlägt gegen etwas hartes, wahrscheinlich Birners Knie. Ich spüre einen heftigen Aufschlag am Kopf. Ich lande nicht sofort im Sand. Birners Faust rifft hart auf mein Auge. Ich keinen Schmerz, sondern ich spüre, wie meine Hände in den Sand greifen. Jetzt schlägt mein Kinn im Sand auf. Ich höre nichts, sehe nichts, spüre keine Schmerzen. Es ist vorbei.

Peter stützt mich hinauf in unser Zimmer. Mein rechtes Auge schwillt an und schmerzt. Ich lege mich in mein Bett. Peter reicht mir einen kalten Waschlappen. Mein Magen schmerzt fürchterlich, mir ist schlecht. Birners Magenschwinger hat mich nicht ganz genau getroffen. Eine Rippe ist blau und schwillt an.

Heute ist Mittwoch. Inzwischen ist es Abend. Unsere Schuhe putzen wir um fünf Uhr im Schuhputzkeller. Mittwochabend gibt es „Strammer Max“. Eine Scheibe Brot mit Schinken und Spiegelei. Das beliebteste Abendessen, das ich im Kinderheim kenne. Alle Kinder finden sich pünktlich an ihren Sitzplätzen ein. Helling leiert das täglich gleiche Gebet herunter.
„Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“
Helling brüllt „Amen!“, sofort beginnt ohrenbetäubendes Messer und Gabelklappern. Der „Stramme Max“ wird hastig auf den zerkratzten Plastiktellern zerteilt. Wer noch einen zweiten „Strammen Max“ möchte, muss als erster fertig sein, denn es gibt nicht für jedes Kind einen zweiten.

Für mich und Peter gibt es heute nichts zu essen. Noch bevor Helling seinen Platz vor der Milchglastür erreicht, von wo er täglich sein Gebet in den Raum ruft, kommt plötzlich Birner in den Speisesaal. Helling faltet die Finger bereits zum Gebet. Birners aufgebrachte Worte an Peter und mich wartet er noch ab. Im Speisesaal herrscht in diesen Sekunden wegen des „Strammen Max“, der auf unseren Plastiktellern dampfend auf Verzehr wartet, hungriges Schweigen.
„Ihr beiden bescheuerten Sandkastenrocker! Für euch gibt’s heute nichts! Verschwindet! Aber sofort! Vor morgen früh will ich euch hier nicht sehen. Der Hof ist nicht gescheit gerecht, gleich nochmal an die Arbeit und danach ins Bett, sonst trete ich euch in den Hintern!“
Strafe durch Essensentzug gehört neben Birners Schlägen zum gewohnten Programm. Einerseits rechnen wir damit, dass Birner uns raus werfen wird, wegen dessen Gewalt vom Nachmittag, andererseits hoffen wir darauf, dass Birner es vergisst. Leider hat Birner abends nicht frei. Er ist da, obwohl sein Porsche nicht auf dem Hof vor dem Haupthaus parkt.

Peter und ich zucken zusammen. Ich rutsche schnell ein Stück von der Holzbank. Birners eiserner Blick trifft mich. Er brüllt irgendwelche Sätze und kommt schnell auf mich zu. Peter springt von der Holzbank, läuft links an Birner vorbei. Er wartet an der Milchglastür neben dem Klavier auf mich. Für Peter und mich ist im Bruchteil von Sekunden klar, dass wir den Raum so schnell wie nur möglich zu verlassen haben. Es geht darum, geschickt an Birner vorbei zu rennen, den Ausgang des Saals zu erreichen, um hinaus auf den Hof zu gelangen. Peter ist schneller als ich. Er befreit sich schneller von seinem Sitzplatz. Ich bin noch zwischen Holzbank und Tisch eingekeilt. Ich renne erst Sekunden später los. An Birner komme ich nicht in ausreichendem Abstand vorbei. Birners Hand erwischt mich. Sie packt mich fest an meinem linken Ohr. Birner zerrt mich die wenigen Meter zur Milchglastür. Peter rennt hinaus auf den Hof. Ich schreie, weil ich Birners harten Griff spüre. An der Tür lässt er von mir ab. Weil mein rechtes Auge noch stark angeschwollen ist, spüre ich brennenden Schmerz wegen meiner Tränen. Den Hof und Peter erkenne ich kaum. Birner brüllt, als ich schon den Kies vom Hof unter meinen Schuhen knirschen höre:
„Jetzt winseln wie eine Ratte, aber sonst halbstark das Maul auf reißen und Lügen verbreiten! Raus hier, du Penner!“
Sein Fußtritt verfehlt mich, denn in dem Moment, als er von meinem Ohr ablässt, renne ich sofort los Richtung Nebenhaus, wo ich Peter erkenne. Leise höre ich aus dem Speisesaal die drei ersten Worte von Hellings Gebet, das alle Kinder laut mitsprechen. Die anderen Kinder am Tisch haben Grund zur Freude, denn sie dürfen den strammen Max von mir und Peter verspeisen.

16. Gute Aussicht

Peter glaubt, dass Birner für seine Aufgabe im Oberlehen der falsche Mann ist. Er sagt einfach:
„Wer so brutal wie Birner ist, kann kein guter Erwachsener sein.“
Auch von Helling meint er, dass der mit Kindern nicht umgehen kann:
„Helling kann mit Kindern, außer dass er uns beschimpft und unkontrolliert auf uns einschlägt, nichts anfangen.“
Peter hört am Oberlehen von älteren Jugendlichen, wie Meiko, dass beide aus einem Heim für sogenannte schwer erziehbare Jugendliche zu uns kommen. Deshalb sagt er:
„Die beiden haben sich ihren brutalen Stil wahrscheinlich bei den schweren Jungs angewöhnt. Dass wir keine schweren Jungs sind, sondern ganz normale Kinder, wollen die zwei nicht begreifen oder sie sind zu doof es zu begreifen. Vermutlich werden die das nie begreifen. Solang die zwei hier regieren, haben wir keine Chance!“

Ich versuche genau zuzuhören, wenn Peter in unserem Versteck, zwischen den Matratzen auf dem Speicher erzählt. Ich merke, dass er sehr viel mehr über die zwei Männer nachdenkt, als ich. Er hat weniger Angst vor den beiden. Beide haben ihn noch nicht so oft verprügelt, wie mich. Ich begreife nur langsam, was Peter über beide denkt und wovon er spricht. Mit „schwach anreden“ meint Peter die alltägliche Wortwahl Hellings. Der diffamiert und demütigt uns. Er lacht zynisch. Er freut sich, wenn er Wut und Hilflosigkeit in unseren Gesichtern sieht, nachdem er uns als „Pisser“, „Maulaffe“ oder „Hosenscheißer“ beschimpft. Peter begreift das. Er spricht nicht mit den beiden, aber er scheint sie sehr genau zu beobachten. Er liest in deren Gesichtern, was beide denken, während sie auf Kinder einprügeln oder wütend auf uns sind.

Abends, wenn es dunkel in unserem Zimmer ist, und wir in unseren Stockbetten liegen, spricht Peter darüber, was tagsüber am Oberlehen los war. Er erklärt, wie er die Situation sieht. Helling hat ein fieses Lächeln auf den Lippen, wenn er Hartmut „Pisser“ nennt. So ein Lachen hat Peter einmal im Fernsehen gesehen, in einem Kriminalfilm. Der Mann mit dem Lächeln, war in dem Film ein Mörder, der mehrere Menschen umgebracht hat, immer bei Nacht und Nebel.

Ich liege in meinem Bett, höre Peter zu und bekomme Angst. Peters Vergleich ist schauderhaft. Was Hartmut denkt, weiß ich nicht. Er liegt unter Peter im Stockbett und sagt nichts, obwohl Peter von ihm spricht. Peter ist es egal, ob Hartmut ins Bett macht, oder nicht. Er scheint das zu kennen. Es scheint ihm aber wurscht zu sein. Ich finde Hartmuts Bettgepisse sehr unangenehm. Ich mag es nicht, dass morgens unser Zimmer stinkt, wie auf dem Klo. Ich hasse Helling, der die Zimmertür aufreißt, laut brüllt wegen „dem Pisser“, Hartmut die Decke wegreißt, so dass es noch mehr stinkt, die Zimmertür offen lässt, so dass eisige Luft von draußen herein kommt.

Spricht Peter abends nicht über das, was er über Helling und Birner denkt, dann beginnt er eine erfunden Gruselgeschichte zu erzählen. Das ist unser Spiel. Nach einigen Minuten muss Hartmut weiter erzählen, danach bin ich mit der Fortsetzung dran. Schon nach Peters ersten Sätzen liege ich zitternd im Bett. Peters Geschichten fangen fast immer mit Birner oder Helling an. Ich liege in meinem Bett und kann mir gut vorstellen, dass einer der beiden unser Zimmer betritt, um einen von uns, vielleicht mich, umzubringen.

Eine von Peters Geschichten geht so:
Ein Kind liegt nachts in seinem Bett. Das Bett ist zu klein für das Kind, deshalb hängen die Füße des Buben hinten herunter. Bevor das Kind ins Bett geht, sieht es im Fernsehen einen Film. Der Film war nicht lustig, sondern sehr ernst. Er handelte von den Eltern eines Jungen, die schon gestorben sind. Der Film heißt „Die Nacht der reitenden Leichen“.

Hier stoppt Peter und Hartmut ist dran, der weiter erzählt:
Der Vater des Jungen in dem Film ist Helling. Er ist schon tot, weil ihn ein Kind aus dem Oberlehen mit einer seiner Jagdgewehre erschossen hat, während er mit einem Mädchen in seiner Wohnung vor dem Fernseher saß. Seitdem ist Helling auf dem Friedhof der „reitenden Leichen“ begraben. Heute Nacht kommt der Junge zum Friedhof, denn in der Stadt haben sie ihm gesagt, dass heute in der Vollmondnacht die Leichen auferstehen. Am Friedhof öffnet sich tatsächlich das Grab von Helling. Er kommt blutig, wie er erschossen wurde, heraus. Der Junge möchte mit ihm reden, schließlich ist Helling sein Vater. Helling aber schlägt ihm mit dem Gewehrkolben ins Gesicht, so dass der Junge sofort tot ist. Dann reitet Helling mit seinem Pony und dem Jagdgewehr zum Oberlehen, wo er das Ponny im Schuppen neben dem Sandkasten abstellt. Er schleicht sich in das Haus und das Zimmer des Jungen, dessen Bett zu klein ist. Hellig greift mit seinen riesigen, blutverschmierten Händen zu den Beinen des Jungen und zerrt ihn aus dem Bett.

Jetzt endet Hartmuts Fortsetzung und ich bin dran. Ich zittere in meinem Bett so vor Angst, dass ich kein Wort raus bringe und schweige.

Peter glaubt, dass der Schaden, den Helling und Birner anrichten, unsichtbar bleibt. Nur manchmal sieht man ihn. Die geschwollenen Augen, Wunden und Blutspritzer, die man sieht, verschwinden aber wieder. Was Peter mit dem unsichtbaren Schaden meint, kann er mir nicht genau erklären. Er sagt, es wäre etwas, das in uns passiert. Angst und Hass wären schlimm für uns. Beides würde schaden, weil wir nicht wissen, ob es vorüber gehen wird. Peter glaubt, davon würde etwas in uns für immer bleiben und das wäre für unsere Zukunft schlecht.

Vom Oberlehen haben wir eine wunderbare Aussicht. Wir blicken hinunter auf das Berchtesgadener Tal. Wir sehen den Ort Berchtesgaden und auf der anderen Seite des Tals den Untersberg. Links sehen wir den meist leicht verschneiten Watzmann. Die schöne Aussicht genießen wir aber nicht. Im Gegenteil, manchmal hasse ich sie. Ich hasse sie, weil ich denke, sie sei mein Gefängnis. Ich denke, mit der Aussicht bezahle ich dafür, dass ich mit diesen beiden Männern am Oberlehen leben muss.

Im Markt Berchtesgaden gibt es viele Touristen. Sie wollen diese Aussicht genießen und bezahlen dafür. Wenn sie nicht mehr wollen, gehen sie wieder und bezahlen danach auch nicht mehr. Ich kann nicht gehen, muss bleiben und bezahle später. So denke ich. Die Aussicht ist wunderschön. Aber für gefangen gehaltene Kinder, ist der Blick auf die schönen Berge, wegen der Überwachung durch Birner und Helling eine Gemeinheit.

Besucher am Oberlehen betört die Bergwelt. Deshalb bleiben deren Augen vor anderem verschlossen. Der Besucher sieht am Oberlehen Sauberkeit und Ruhe. Helling und Birner verhalten sich freundlich und zurückhaltend. Sie stehen mit den Besuchern von deutschen Jugendämtern auf der Terrasse. Von dort genießen sie die Aussicht auf die wunderbare Bergwelt. Sie machen einen Rundgang durch die beiden aufgeräumten Häuser. Dann unterhalten sie sich bei einer Tasse Kaffee und blicken über die weißblauen Bergketten.

Ist ein Jugendamt zu Besuch im Oberlehen oder kommen Eltern zu Besuch, ist es friedlich im Heim. Die Begeisterung der Besucher von unserem schönen Heim, in der überwältigenden Panoramalage einer einzigartigen Bergwelt, steht in deren Gesichtern geschrieben. Peter glaubt, die Besucher kommen in unser Heim, um schönes zu sehen. Berchtesgaden kennen viele von Fotos, Postkarten, Zeitungsartikeln. Peter weiß, dass es ein beliebter Ausflugs- und Touristenort ist, an dem wir leben. Deshalb kommen sie gerne von weit entfernten Jugendämtern angereist. Sie wollen sehen in welch schöner Lanschaft und Luft wir leben.

Die Frauen und Herren von den Jugendämtern saugen die Ruhe des Tages am Obersalzberg in unserem schönen Heim in sich auf. Im Ruhrpott, von wo Hartmut stammt, stinkt es erbärmlich nach Abgasen. Sie kommen aber auch von einem Jugendamt aus Hessen oder Baden Württemberg, wo die Landschaft nicht gebirgig ist, wie in Berchtesgaden und die Luft nicht so klar. Auch aus Berlin kommen sie, von dort stammt Michael.

Peter meint, weil sie von so weit her kommen, wollen sie genießen, was es in ihren Städten nicht gibt: Die sonnige Aussicht vom Obersalzberg ist einmalig. Alles im Heim ist sehr gut auf den Besucher eingestellt und perfekt vorbereitet. Nur ein sehr aufmerksamer Besucher, der die Optik der Bergwelt außer acht lassen würde, könnte mit viel Mühe an unseren Gesichtern ablesen, wie wir von den beiden Männern geleitet werden. Zu solchen Beobachtungen kommt es nicht. Peter beobachtet jeden Besucher ganz aufmerksam. Er liest aus den Gesichtern der Mitarbeiter deutscher Jugendämter. Er sieht deren Begeisterung und Freude, weil sie endlich mal nach Berchtesgaden kommen dürfen, um hier atemberaubende Ruhe und Landschaft zu sehen. Ein Mensch, der hier unglücklich ist, kann nur ein sehr undankbares Kind sein.

Helling und Birner beschäftigen den Jugendamtsbesuch von dessen Anreise bis zur Abreise. Sie holen ihn am Berchtesgadener Bahnhof ab und bringen ihn dort hin zurück. Die romantische Bergwelt und die freundlichen Worte der Heimleiter überzeugen. Den Kindern am Oberlehen muss es sehr gut gehen.

17. Müdigkeit

Peter ist ein paar Jahre älter als ich. Ich glaube, deshalb und wegen seiner Erfahrungen sieht und versteht er mehr. Von den beiden Männern, Birner und Helling, fühlt er sich oft verletzt. Unser Leben am Oberlehen nennt er eines Tages „Terror“. Ihm fallen Worte für unser Kinderheimleben ein, die ich nicht kenne. Er sagt:
„Ich finde, wir sind Gefangene. Wir sind dem Terror dieser beiden Männer beinahe wehrlos ausgeliefert. Ich kenne das. So ein Leben habe ich vor Jahren bei meinem Vater kennen gelernt. Dort habe ich ein Jahr lang gelebt. Von ihm bin ich fortgegangen, weil er und die Frau, mit der er zusammenlebt, auch auf mich einschlugen und mich kontrollierten, beinahe so, wie Helling und Birner es hier im Oberlehen tun. Ich und du, wir alle müssen versuchen, irgendwie mit diesem Terror zurechtzukommen. Ich glaube, es gibt keinen anderen Platz für uns, wo wir leben könnten. Wir müssen hier lernen, mit diesen Männern klar zu kommen, denn wahrscheinlich sind alle erwachsenen Männer ganz ähnlich.“

Ich liege in unserem finsteren Zimmer in meinem Stockbett. Ich höre Peter zu. Ich versuche mir vorzustellen, was Peter schon alles erlebt haben mag. Aber ich merke, dass ich das gar nicht so genau wissen möchte.

Was am Oberlehen passiert, finde auch ich schlecht. Ich weiß aber nicht genau, warum ich es so schlecht finde, und ich bin mir nicht sicher, ob es richtig ist, dass ich es schlecht finde. Peter ist sich sicher. Er weiß, dass es am Oberlehen schlecht ist, und er findet es richtig, das auch festzustellen. Das schlechte Leben kennt er von dem Jahr, das er bei seinem Vater verbracht hat. Davon erzählt er abends im Bett. Das vergleicht er mit unserem Leben bei Helling und Birner am Oberlehen. Ich liege unter meiner warmen Bettdecke und höre Peter zu:
„Ich glaube, wir haben ein Recht zu leben. Ich glaube auch, dass wir ein Recht darauf haben, festzustellen, ob es uns hier im Oberlehen gut geht oder schlecht. Nur wenn wir das feststellen, können wir vielleicht etwas verändern. Ich kenne das, denn bei meinem Vater war mein Leben schlecht. Nur weil ich das festgestellt habe, konnte ich etwas verändern. Ich habe mich entschieden, ihn zu verlassen. Ich habe im Jugendamt erklärt, dass ich von ihm für immer fort gehen will. Dann bin ich drei mal ins Jugendamt in die Stadt geflüchtet. Erst nachdem sie mich zwei mal zurück gebracht haben, haben sie mich hier her gebracht. Das andere Heim, in dem ich einmal war, wollte mich nicht mehr haben. Von hier kann ich nicht mehr fortgehen, denn ich kenne keinen anderen Ort, wo ich leben könnte. Birner und Helling sind lange nicht so schlimm, wie das Leben bei meinem Vater war. Den beiden können wir täglich aus dem Weg gehen. Wir können uns im Wald und auf dem Dachboden in unseren Verstecken vor ihnen verkriechen. Das war bei meinem Vater nicht möglich. Bei dem und seiner Frau war ich Tag und Nacht bedroht. Ich konnte mich nirgendwo verstecken. Die wussten immer wo ich war. Ich konnte mich nicht ausruhen.“

Ich verstehe Peter erst viele Jahre später. Trotzdem spricht er abends im Bett immer mehr davon. Manchmal höre ich ihm nicht genau zu. Die Gedanken von Peter machen mir Angst. Ich fürchte, das stimmt, was er erzählt. Peters Vorstellungen vermischen sich mit meiner Phantasie und meinen täglichen Erlebnissen. Beim Einschlafen entstehen Träume, aus denen ich nachts hoch schrecke. Die Träume enden oft mit der Vorstellung, unser Leben am Oberlehen könnte sich so schlecht weiterentwickeln, wie es bei Peters Vater gewesen sein muss. Wenn Helling und Birner unsere Verstecke finden, oder wenn sie versuchen, uns nachts umzubringen, dann werden Peter und ich das Leben bei diesen beiden Männern nicht mehr aushalten.

Es gibt aber kein anderes Leben für uns. Mit solchen Gedanken wache ich nachts auf und kann nicht mehr einschlafen. Ich spüre, dass wir am Oberlehen schlecht behandelt werden, ich kann aber nicht genau erkennen, was konkret das schlechte ist. Vielleicht möchte ich es auch nicht erkennen. Manchmal spüre ich, dass ich mich einfach gehen lassen will. Eigentlich will ich über mein Leben am Oberlehen nicht nachdenken. Ich will täglich diesen beiden Männern aus dem Weg gehen und meine Ruhe vor deren Gewalt haben. Darauf versuche ich mich jeden Tag zu konzentrieren, dafür verwende ich all meine Kräfte.

Peter will auch Ruhe haben, aber gleichzeitig will er genauer nachdenken und erkennen, was am Oberlehen vor sich geht. Peters Schlussfolgerungen sind von Abend zu Abend radikaler. Mir fällt es mehr und mehr schwer, ihm zuzuhören, denn ich habe Angst. Er sagt:
„Eigentlich versuchen Helling und Birner, uns zu töten. Sie wollen dich nicht töten, indem sie dein Leben beenden. Das ist ihnen zu wenig. Sie wollen töten, was in dir steckt. Deinen Willen wollen sie brechen. Sie wollen dein Denken brechen. Dann wollen sie, dass du denkst, was sie es befehlen. So darfst du dann weiterleben.“

Peters Gedanken kann ich mir nicht vorstellen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie so etwas funktionieren soll.

Plötzlich, an einem Abend, als Peter wieder so spricht, in unserem Zimmer, kommen meine Gedanken vom Sterbenwollen. Es ist der Abend nach meinem geschwollenen, blauen Auge im Sandkasten und dem von Birner gestrichenen „Strammen Max“. Ich bin sehr wütend auf Birner und jammere von meinem Stockbett zu Peter:
„Dieses Schwein Birner. Ich hasse ihn! Wenn ich ihn umbringen könnte, täte ich es! Leider geht das nicht!“
Ich komme auf eine Idee:
„Also bringe ich mich selbst um!“
Zu Peter:
„Komm Peter, wir machen’s gemeinsam. Dann haben wir alles hinter uns, und wir haben endlich unsere Ruhe!“

Meine Idee überrascht Peter nicht. Er versteht meine Wut sehr gut. Das aber kommt für ihn nicht in Frage. Wenn wir uns umbringen, erklärt er, dann haben die beiden Männer ihr Ziel erreicht. Sie haben zwar nicht unseren Willen gebrochen, aber sie wären doch die Sieger über uns.
„Helling und Birner sind kein guter Grund, um zu sterben. Die beiden sind unseren Tod nicht wert! Ich weiß, was für ein fieses Spiel beide mit uns spielen.“

Peter erklärt das Spiel. Es sei dasselbe, das er auch bei seinem Vater erlebt habe. Peter glaubt, es ginge Helling und Birner nur um den eigenen Vorteil. Sie wollten möglichst wenig mit uns zu tun haben, und es ginge ihnen um Macht. Auch die Ehre sei starken Männern wichtig. Sehen beide ihre Ehre gefährdet, würden sie sich wehren, als wären sie Tiere im Kampf ums Überleben. Solche Tiere schlagen unkontrolliert um sich. Grundsätzlich wollen sie aber ihre Ruhe haben. Würden wir sterben, hätten sie uns endlich los und damit Ruhe. Sie hätten was sie wollen.

Manchmal denke ich, dass ich noch viel zu klein bin, um das alles zu verstehen. Manchmal will ich zu klein sein, um es nicht zu verstehen. Ich will meine Welt am Oberlehen nicht so radikal zerstört sehen. Peter will das auch nicht, sondern er versucht alles zu erklären. Ich will die Kinderidylle an meinem Oberlehen behalten. Manchmal verstehe ich Peters Worte so wenig, wie die Worte meiner Lehrer in der Schule.

Peter geht mit seinem Denken ein Wagnis ein. Er lässt einen riskanten Kitzel zu, den ich nicht bis zum Ende zulassen kann. Irgendwann höre ich nicht mehr zu und verlasse ihn und sein Denken. Ich will niemanden provozieren, indem ich nachdenke und wie Peter herausfinde, was am Oberlehen los ist. Auch ich will in Ruhe gelassen werden. Ich glaube, ich kann am Leben im Oberlehen nichts verändern.

In der Wohnung in der Hochsteinstraße riecht es ein bisschen nach Moder. Im Winter muss es darin feucht und kühl sein. Heute ist wieder so ein klarer Morgen. Es ist halb fünf Uhr. Ich sitze vor meiner kleinen Schreibmaschine. Den langen, monotonen Arbeitstag in der kleinen Fabrik sehe ich jetzt noch nicht vor mir.

Stattdessen ist mein Kopf voll von den Gedanken meines Freundes Peter. Aber ich kann dessen Gesicht oder seinen Gang nicht erkennen. Ich sehe ihn zwar über den säuberlich gerechten Hof zwischen beiden Häusern, unter der Schatten spendenden Eiche hindurch laufen, aber so sehr ich mich auch anstrenge, ich kann mich nicht an sein Aussehen, seinen Gang oder seine Bewegungen erinnern.

Das Wichtigste erkenne ich. Es ist das, was Peter seit dem Tag, an dem die alte Leiterin mit ihrer Gitarre und der riesigen, dunklen Brille verschwunden war, für mich am Oberlehen bedeutet. Von diesem Tag an ist Peter für mich mein Freund, meine Orientierung. Mit ihm vereine ich mich. An ihm halte ich mich fest. Ich verstehe, dass ich die alte Leiterin geliebt habe, aber auch, dass sie mir nie wieder gegenüberstehen wird und nie wieder, ohne mit mir zu sprechen, wissen wird, wie es mir geht. Diese Rolle übernimmt Peter.

Ich sehe Peter im Bett in unserem Zimmer im Oberlehen. Ich erinnere mich an die langen, dunklen Abende in unseren Stockbetten. Das schimmernde Licht der Nacht fällt durch die Milchglastür herein. Ich liege oben, verkrieche mich, wie jeden Abend, tief bis zur Nase unter meiner Decke. Ich bin sehr müde, so dass ich manchmal schon nach wenigen Sätzen von Peter in ein Dösen verfalle. So höre ich Peter täglich in einer Art Halbschlaf von Helling und Birner sprechen. Peter beschützt mich vor den zwei Männern, denn er weiß genau, das die tun und warum sie es tun. Er kann in deren Tun ablesen, was sie denken. Damit beschützt er mich, denn wenn Peter herausfindet, dass sie uns umbringen wollen, wird er rechtzeitig Bescheid geben, damit wir fliehen können.

Ich erkenne nicht, dass es ein „für immer“ in diesem Kinderheim nicht geben wird. Im Oberlehen begreife ich noch nicht, dass meine Kindheit von vorübergehender Dauer ist und dass wir, wenn wir erwachsen sind, von Helling und Birner befreit sein werden. Peter spricht in Zeitvorstellungen, die für mich unvorstellbar sind. Peter überrascht mich eines abends mit folgender Idee:
„In zwanzig Jahren werden wir uns nur noch dunkel an diese beiden Männer mit ihrer Hölle aus Macht und Gewalt erinnern. In dreißig Jahren haben wir die beiden wahrscheinlich sogar vergessen.“
Um fünf Uhr morgens sitze ich an meiner kleinen Schreibmaschine und denke nicht an den kommenden Arbeitstag in der Fabrik? Stattdessen denke ich an Helling und Birner. Beinahe zwanzig Jahre sind seither vergangen. Die beiden Männer habe ich noch nicht vergessen.

Peter fügt seiner Idee, dass Helling und Birner darauf warten, dass wir uns selbst töten noch etwas hinzu:
„Die beiden töten, indem sie nicht töten! Das ist eine Sache, die ich von meinem Vater kenne. Aber mein Vater hat es nicht geschafft, mich zu brechen. Ich habe seinen Versuch, dies zu tun, überlebt. Seitdem ich von Helling die Worte gehört habe:
‚Dich werde ich schon weich kochen‘, vergleiche ich die beiden Männer mit meinem Leben bei meinem Vater.“
Ist Peter in Fahrt, kann ihn nichts stoppen. Im dunklen Zimmer liegt er auf seiner Matratze, starrt zur Zimmerdecke und denkt über Begründungen und Entwicklungen nach:
„Ich finde, was Helling und Birner wissen müssten, aber nicht wissen wollen, ist das Schlimmste an unserem Leben hier im Oberlehen: Es ist ein Schaden unter dem wir Kinder erst später zu leiden haben werden. Sie zerstören unsere Zukunft. Deren Terror macht uns müde und kaputt. Weil die beiden dumm sind, schicken sie uns nicht auf höhere Schulen. Weil sie uns schlagen und anbrüllen, verheizen sie unsere Kräfte. Weil wir täglich überlegen müssen, wie wir ihnen entkommen können, werden wir schwächer und schwächer. Kräfte, die wir heute dafür verbrauchen, fehlen uns als Erwachsene. Müde vom Terror unserer Kindheit kommen einige von uns als Erwachsene gar nicht richtig auf die Beine.“

18. Sauberkeit

Wieder bediene ich heute in der Fabrik eine Abfüllmaschine. In milchfarbene, längliche Plastikflaschen fülle ich eine grün gefärbte Flüssigkeit, es ist ein Duschbad. Mit einem orangenfarbenen Hubwagen gehe ich gemächlich durch das Lager. Den Hubwagen ziehe ich hinter mir her. Die eisernen Rollen des Wagens schlagen gleichmäßig gegen die Fugen zwischen den schwarz gefliesten Steinplatten auf dem Fußboden im Lagerraum. Ich schlendere den dunklen Gang entlang. Das gleichmäßige Rattern des Hubkarrens habe ich im Ohr.

Das spärlich beleuchtete Lager erinnert mich an unser Versteck auf dem Dachboden am Oberlehen. Dort liegt jede Menge Gerümpel herum. Zwischen alten Matratzen haben wir uns ein Versteck gebaut. Wenn wir den Dienst „Sauberkeit ums Haus“ haben, müssen wir neben der Ordnung um das Oberlehen auch für genügend Toilettenpapier auf den Toiletten sorgen. Dieses lagert auf dem Speicher. Unseren täglichen Gang dort hinauf nutzen wir für eine halbe Stunde in unserem Matratzenversteck.

Im Lager des Chefs schiebe ich jetzt meinen Hubwagen etwas umständlich, weil mir die Übung diesen Hubkarren zu rangieren fehlt, in eine Lücke zwischen Paletten mit Parfümfläschchen. Ich denke nicht an die Arbeit in der Fabrik. Ich denke an das Matratzenlager auf dem Speicher und an unser Versteck im Oberlehen.
Plötzlich tritt Jo aus einer dunklen Ecke im Lager hervor. Ich erschrecke, denn innerlich bin ich nicht hier. Jo zerrt mein Denken abrupt zurück in das Lager des Chefs. Er ist ein kleiner und manchmal sehr lauter Mann. Er ist der Lagerist. Er wird vor allem dann laut, wenn Arbeiter und Maschinisten ihre Paletten einfach irgendwo abstellen, wo sie im Lager gerade Platz finden.

In Jos Lager herrscht Ordnung. Dessen Ordnung ist für mich aber nicht zu durchschauen, weil das Lager eigentlich immer bis unter die Decke voll gestopft ist. Platz muss man sich hier meist erst schaffen. Weil ich in der Fabrik einfacher Arbeiter bin und zu den „Nichtlageristen“ gehöre, stelle auch ich meine Palette gerne dort ab, wo sie nicht hingehört, wo aber Platz ist.

Aus dem Mundwinkel von Jo hängt eine glimmende Zigarette. Ich weiß nicht wer von uns beiden schreckhafter ist. Ich überrasche Jo dort, wo er eigentlich nicht sein sollte, und bei einer Tätigkeit, die er im Lager nicht tun sollte. Ich habe sein Versteck entdeckt, weiß jetzt, wo er sich aufhält, wenn man ihn nicht findet, und wo er raucht.

Peter und ich bleiben auf dem Speicher im Oberlehen in unserem Versteck stets unauffindbar. Niemals werden wir dort beim Zigarettenrauchen überrascht. Helling und Birner finden uns dort nicht, weil sie uns nie suchen. Sie lassen uns dann in Ruhe, wenn wir uns nicht in deren Blickfeld aufhalten. Am Oberlehen verhalten wir uns so unauffällig, dass es keinen Grund gibt, nach uns und unseren Verstecken zu suchen.

Nie kommen wir zu spät zu unseren Hausaufgaben, die wir täglich machen. Zum Schuhe putzen, um fünf Uhr nachmittags und zu allen Mahlzeiten erscheinen wir stets pünktlich. Weil wir so sind, haben Helling und Birner keinen Grund nach uns zu suchen. Wir sind unauffällig. Wir finden wir uns mit unserer Kindheit am Oberlehen ab.

Wenn wir uns über Helling und Birner aufregen und meckern, tun wir dies nicht, um beide zu provozieren. Wir meckern, wenn wir glauben, dass beide nicht in unserer Nähe sind. Im Sandkasten, oben im Wald, in unserem Versteck auf dem Dachboden muss unsere Wut auf die beiden einfach raus. An diesen Orten fühlen wir uns sicher und unbeobachtet. Dass der Sandkasten nicht sicher und nicht unbeobachtet ist, um meiner Wut freien Lauf zu lassen, habe ich gelernt. Dort meckere ich seit dem Tag, als Birner mich brutal schlug nicht mehr.

Die beiden Männer lassen uns die Chance, ihnen aus dem Weg zu gehen. Nachmittags sind wir oben im Wald. Wir können unbemerkt auf den Speicher gelangen, wir ziehen uns abends frühzeitig, während die anderen Kinder fernsehen, in unsere Betten zurück.

Dass wir im Oberlehen die Freiheit haben, uns zurückzuziehen, ist gut. Das denke ich jetzt, weil ich Jo im Lager in seinem Versteck überrasche. Der große Vorteil im Oberlehen ist, dass Peter und ich nicht permanent den beiden Männern ausgesetzt sind. Es ist gut, dass wir den beiden Männern in Wahrheit völlig egal sind. Wir versuchen so oft wie möglich aus deren Blickfeld zu verschwinden.

Peter übertreibt, wenn er von Terror spricht. Wir haben Erholungspausen von beiden Männern. Deren Terror hat Lücken, die wir für uns nutzen, denn wir können ausweichen. Weil wir Pausen nehmen, indem wir uns verstecken halten wir es so viele Jahre am Oberlehen aus. Peter hatte bei seinem Vater keine Pausen vor dessen Gewalt. Das war Terror. Deshalb ist er froh, am Oberlehen zu sein.

Helling und Birner sind Ruhe und Ordnung sehr wichtig. Sobald Ruhe herrscht, ist deren Ziel erreicht. Ob wir nun im Versteck auf dem Speicher oder im Wald sind, oder eine Strafe im Zimmer absitzen. Beide wollen nichts mit uns zu tun haben, aber sie müssen. Es ist ihr Beruf. Deshalb schlagen sie uns, denn sie mögen uns nicht, sie hassen uns und sie hassen ihren Beruf, zu dem wir gehören.

Jo steht paffend, vor mir. Ich versuche zu tun, als habe ich nicht kapiert, dass ich Jo in seinem Versteck überrasche. Ich ignoriere, dass er aus einem Winkel im Lager erscheint, wo im Grunde nichts zu tun sein kann. Auch seine Zigarette ignoriere ich. Stattdessen frage ich ihn, und versuche mich dabei im alltäglichen Tonfall des Fabrikarbeiters:
„Ist der Platz hier richtig für das grüne Badezimmerzeug?“
Weil Jo sofort begreift, dass ich mit ihm nicht darüber reden will, warum er mit brennender Zigarette aus dem hintersten Winkel des Lagers vor mir erscheint, geht er sofort zur geschäftigen Routine des Fabrikalltags über. Er brummt mich routiniert an:
„Na, na aber wirklich need! Des Zeigl passt da need her! Aber des macht nix. I schaffs scho da hi, wos hi ghört.“
Das ist mir sehr recht, denn ich finde in dem Lager eh keinen Platz und spare mir dank Jo die Zeit nach Platz zu suchen. Die qualmende Zigarette schiebt Jo hektisch im Mundwinkel hin und her. Sie ist ihm lästig, denn er weiß, dass sie im Lager nicht in seinen Mund gehört. Da sie aber nun mal da ist und qualmt, ändert er nichts daran, sondern versucht, ihr Vorhandensein durch geschäftiges Agieren zu überspielen. Mit der rechten Hand winkt er in Richtung des Lagerkorridors, den ich gerade hinter mir habe. Er zeigt auf den Platz, wo er die Palette unterzubringen gedenkt. Mit der anderen Hand entreißt er mir den Griff des Wagens, dabei schiebt er mich sanft, aber bestimmt beiseite. So übernimmt er das Kommando in seinem Lager. Eilig läuft er durch die dunkle Lagerhalle, zerrt den Hubwagen mit meiner Palette ratternd hinter sich her.

Langsam schlendere ich entlang dem Lagerkorridor zurück in die Produktionshalle. Ich denke an den Dienst „Sauberkeit ums Haus“. Wir erledigen ihn stets nachmittags, nach den Hausaufgaben. Nach dem Abendessen holen wir das Toilettenpapier vom Dachboden. Die Sache mit den Haushaltsdiensten rund um das Oberlehen ist eigentlich nicht schlecht. Durch sie sind wir beschäftigt, wenn wir uns nicht verstecken dürfen. Wir lernen uns um alltägliche Hausarbeit zu kümmern. Wir lernen, dass Ordnung und Sauberkeit nicht selbstverständlich sind, sondern von uns geschaffen werden.

Ich rege mich trotzdem oft über die Dienste auf. Helling und Birner machen eine Show daraus, sie jeden Freitagabend nach dem Abendessen zu verteilen. Die Show nutzen sie, um ihre Größe und Macht zu demonstrieren. Damit treffen sie aber nur die Kinder, die das auch bemerken. Peter merkt genau, warum sie eine Show daraus machen, die Dienste zu verteilen. Es ist deren wöchentliche Gelegenheit, Kommentare und Schimpfworte an uns zu richten. Damit treffen sie uns. Damit lösen sie Hass aus. Die gehässige Art, wie Helling Hartmut „Pisser“ nennt, ihn bis zum Schluss warten lässt, um ihm dann den Dienst zu geben, den keiner machen möchte, verpasst Hartmut jeden Freitag einen neuen Schlag. Alle anderen Kinder nennen ihn weiter „den Pisser“. Helling gibt „dem Pisser“ den verhassten Abspüldienst in der Küche. Das macht er mit der gehässigen Bemerkung „damit du mal was anderes zu tun hast“, und „Zischen ist besser als Pissen!“. So fordert er die anderen Kinder vom Küchendienst auf, sich dem zischenden Schlagen der Köchin mit feuchten Abtrockenhandtüchern jederzeit anzuschließen, damit Hartmut viel arbeitet und „parriert“. Beide Männer haben die Macht, uns während der Erledigung der Dienste zu kontrollieren. Das tun sie, indem sie uns aufeinander hetzen. Deren Ordnung nehmen wir an. Verstehen tun wir sie nicht.

Reicht den beiden ihre Hetze gegen Hartmut nicht. Zwingen sie ihn, den Hof nochmal zu rechen. Auch ich muss oft zusätzliche Aufgaben erfüllen. Sie werden mir spontan aufgetragen. Wenn ich einem der Beiden begegne, schicken sie mich nochmal in die Küche zum Abspülen oder in den Keller zum Aufräumen im Lager. Oft habe ich das Gefühl, dass sie mich zur Wiederholung einer Arbeit nicht wegen meiner schlechten Arbeitsergebnisse zwingen, sondern um deren Überlegenheit zu demonstrieren.

Während Helling im Affekt handelt, ist Birner extrem launisch. Er ist besessen von der Idee so häufig wie möglich Macht zu demonstrieren. Fühlt er sich in seiner Ehre und seiner Machtposition als Buchhalter, stellvertretender Heimleiter und Mann durch ein Kind wie mich verletzt, schlägt er aus der Laune heraus zu. Fühlt er sich einmal provoziert, lässt er nicht mehr ab. Deshalb sind Peter und ich immer auf der Hut vor Birner. Er hat uns in der Hand hat. Das lässt er uns spüren. Er tut das, indem er Dienste beliebig oft wiederholen lässt, das Abendessen streicht, mich ins Zimmer schickt. Es ist sehr wichtig, Birner und Helling immer dann aus dem Weg zu gehen, wenn keine unbedingte Pflicht besteht, ihnen unter die Augen zu treten. Das beste ist es, nachmittags und am Wochenende so schnell wie möglich in unsere Verstecke zu verschwinden.

Der Chef ist heute nicht in der Firma. Wegen Terminen mit Auftraggebern ist er unterwegs. Deshalb fühle ich mich unbeobachtet. Deshalb scheint mir heute die Atmosphäre in der überhitzten Produktionshalle angenehmer als sonst. Es stört nicht, dass ich zur Abfüllanlage mit leeren Händen zurückkomme. Wegen meiner Gedanken und Erinnerungsversuche vergesse ich die einfachsten Dinge in der Fabrik. Deshalb schlendere einfach zurück in das Lager zu Jo. Von ihm lasse ich mich mit einer Palette leerer Duschbadflaschen ausstatten. Gelangweilt schleiche ich mit dem Hubwagen an deckenhohen Stapeln von Kartons und Verpackungsmaterial vorbei, zurück zur Produktionshalle.

Ich bin wieder im Matratzenlager auf dem Speicher im Oberlehen. Ich liege dort oben neben Peter auf einer alten Matratze. Es ist Sommer. Es ist heiß. Es müffelt nach alten Matratzen und den uralten Balken des Dachstuhls. Durch das winzige Fenster im Dachgiebel, es liegt hinaus Richtung Untersberg und Markt Berchtesgaden, fallen feine Sonnenstrahlen. Sie durchleuchten den riesigen Speicher und malen gerade Striche in den Staub der Luft. Peter hat das Fenster gekippt. Er richtet sich auf der Matratze neben mir auf und pafft an einer Zigarette. Den Qualm bläst er durch den Fensterspalt nach draußen. Es gelingt ihm nicht, alles hinaus zu blasen. In den Sonnenstrahlen sehe ich Staub und Rauch langsam den langen Speicher entlang der links und rechts gestapelten Matratzen, durch den Raum ziehen. Peter bläst jetzt Rauchringe in die staubige Speicherluft. Er spricht heute sehr langsam, beinahe bedächtig.
„Du musst versuchen, deine Wut über Birner zu vergessen. Irgendwie musst du das schaffen! Ich rate es dir. Tu so, als hätte dir Birner das blaue Auge niemals geschlagen! Darüber wütend zu sein, nützt dir nichts! Es kostet dich nur sehr viel Energie. Die Energie, die du heute in deinen Ärger über die Macht dieser Männer steckst, ist verpulvert für nichts. Vergiss deshalb möglichst schnell alles, was hier täglich passiert. Du musst Energie sparen. Deine Energie brauchst du, wenn du hier entlassen wirst!“

Peters Logik kann ich nicht folgen. Ich kann ein angeschwollenes Auge in meinem Gesicht nicht einfach vergessen. Trotzdem nicke ich. Trotzdem stimme ich Peter zu. Ich will mehr von ihm hören. Peters Worte strahlen Kraft und Sicherheit aus. Sie helfen mir, über das brutale Zuschlagen von Birner hinweg zu kommen. Sie helfen mir, denn sie klingen vernünftig. Ich kenne das aus der Schule. Worte die vernünftig klingen, die ich aber nicht ganz verstehe, höre ich dort gerne. Mit Peters Worten ist es das gleiche. Weil Peter sie ernsthaft vertritt, weckt er mein Interesse und beruhigt mich. Ich nehme ihn ernst, wie meine Lehrerin und meinen Lehrer, aber ich verstehe eben nicht alles.

Peter durchschaut unser Kinderheim. Ich bin der einzige, den er daran beteiligt. Peter denkt an die Zukunft. Ein Wort, das ich aus seinem Mund zum ersten Mal höre. Er glaubt an seine Zukunft. Er ist überzeugt, dass es eine Zukunft ohne die beiden Männer Helling und Birner gibt. Die Zukunft bereitet er in seinem Kinderkopf vor. Für seine Zukunft will Peter „Energie sparen“.

Mit meiner Palette von Kartons leerer Flaschen komme ich wieder an der Abfüllmaschine an. Erst heute, ich glaube es ist in dem Moment, als ich den grünen Startknopf der Abfüllanlage betätige, wird mir klar, dass Peters Denken im Oberlehen hilft, es dort auszuhalten. Durch ihn weiß ich, dass wir am Oberlehen jahrelang erwachsenen Männern unterworfen sind, die nicht vernünftig sind, wie es erwachsene Menschen sein sollten. Peter ist schockiert über diese Erkenntnis. Er erwartet von erwachsenen Menschen Vernunft und Köpfchen. Das ist Peters kindliche Vorstellung von Erwachsenen. Peters Vater und diese beiden Männer zerstören seine Vorstellung radikal. Erwachsene Männer am Oberlehen sind nicht vernünftig, sondern sie denken vor allem an sich selbst. Dass sie Verantwortung für Kinder übernommen haben, ist ihnen lästig. Peter begreift das. Kinder am Oberlehen können nichts von all dem begreifen. In meiner Kindheit ist es für mich an dem Ort, wo ich bin, einfach so wie es ist. Es ist am Oberlehen einfach so, wie es ist. Wir sind Kinder und diese Männer sind die Erwachsenen, mit denen wir leben müssen.

Genauso wie ich, spürt Peter jahrelang seinen Ärger über die beiden Männer. Aber dabei belässt er es nicht. Er geht einen Schritt weiter. Peter denkt über etwas nach, worüber Kinder nicht nachdenken. Er versucht zu begreifen, warum es am Oberlehen ist, wie es mit diesen beiden Männern ist. Weil ein Kind das nicht begreifen kann, nimmt Peter seine Erinnerung an das eine Jahr, das er bei seinem Vater erlebt hatte zur Hilfe. Das bringt ihn auf die Idee, wie das Oberlehen und diese beiden Männer zu begreifen sein könnten.

Sie tun einfach nur, was ihnen persönlich recht ist. Sie tun, was sie für richtig halten. Vor allem tun sie das, was ihre Bedürfnisse und Meinungen befriedigt. Auch wenn sie für Kinder am Oberlehen verantwortlich sind, tun sie nur das. Am nächsten ist ihnen, so zu sein und zu leben, wie sie sind: Brutal, Gewalttätig und dumm. Helling und Birner verstehen ihre Aufgabe am Oberlehen anders als Peter und ich es uns wünschen. Auch Peters Vater war anderes näher gewesen, als sich um das Kind zu kümmern.

Nach den ersten drei Duschbadflaschen schlage ich kräftig auf den roten Knopf. Die Abfüllmaschine stoppt, das Förderband hält an. Die Akkordarbeiterinnen, in den weißen Kitteln, stehen wie jeden Tag am Ende des Bandes. Sie warten dort auf die gefüllten Flaschen. Jetzt sehen sie mich überrascht an. Ich habe mir von Jo die falschen Flaschen geholt. Sie sind zu klein. Die ersten drei abgefüllten Flaschen laufen deshalb über. Das Transportband ist verschmiert mit grünem Duschbad. Mein schneller Schlag auf den roten Notknopf kann das nicht verhindern. Die Produktion muss ruhen. Die Anlage muss gereinigt werden.

Heute ist nicht mein Tag. Zumindest nicht für die Fabrikarbeit. Der Chef ist aber nicht da, deshalb macht mir das nichts aus. Schnell schnappen sich die Frauen große, weiße Tücher. Damit wischen sie das Förderband ab. Das gleicht einer Sisyphusarbeit, weil das Plastiktransportband tausend kleine Ritzen hat, durch die grüne Brühe tropft. Während die Frauen putzten, ziehe ich erneut mit dem Hubwagen scheppernd über die Steinplatten Richtung Lagerhalle zu Jo.

Von Erwachsenen erhofft sich Peter Gerechtigkeit. Dass Erwachsene brutal wie Helling und Birner auf Kinder einschlagen, weil ihnen ihre eigenen Interessen am nächsten sind, bleibt für Peter unbegreiflich. Deshalb sucht er fieberhaft nach Erklärungen. Weil er bei seinem Vater eine gewalttätige Welt kennen lernen musste, war er in das Oberlehen gekommen. Er hofft, dass der Umgang von Helling und Birner mit Kindern nicht normal sein könnte. Auch die Gewalt seines Vaters begriff er als nicht normal:
„Wir müssen vernünftige Erwachsene werden, trotz Helling und Birner. Wenn das hier alles vorüber ist, dann müssen wir noch Energie zum Leben haben.“ Ich lausche Peters Worten, die klingen wie ein Resümee, das er aus dem Leben bei seinem Vater und unserem Leben am Oberlehen zieht. Er ist einer, der die Hoffnung nie aufgibt.

19. Schießstand

Helling ist leidenschaftlicher Jäger. In der Nähe des Obersalzberges, wenige Kilometer entfernt in der Oberau, unterhält er ein privates Jagdgebiet. Dorthin fährt er regelmäßig mit dem roten Kleinbus des Kinderheimes. Dort erlegt er Hirsche und Rehe. Von dort stammen die Felle und Geweihe in seinem Wohnzimmer.

In einer Nacht, Jahre nachdem mich Michael der Berliner in der Toilette wegen seines frisch lackierten Fahrrades verprügelt hatte, liege ich oben in meinem Stockbett und schlafe. Plötzlich wache ich auf. Hartmut höre ich unten im Stockbett schnarchen. Von Peter höre ich nichts. Den Wasserhahn in der Ecke höre ich leise ins Waschbecken tropfen. Von draußen schimmert durch das milchige Türglas Licht herein. Es ist eine helle Mondnacht. Gegenüber an der Wand erkenne ich die Umrisse von Peters Stockbett. Oben schläft Peter, er liegt verkrochen unter seiner Bettdecke. Nichts rührt sich, ich höre keine Geräusche, nur das Schnarchen und den Wasserhahn. Die Uhrzeit kann ich nicht feststellen, ich besitze keine Uhr. Hartmut hat eine Uhr. Aber er steckt den Arm immer so unter sein Kissen, dass ich die Zeit an seiner Armbanduhr nicht ablesen kann. Ich weiß nicht, warum ich aufgewacht bin. An einen Traum erinnere ich mich nicht. Deshalb drehe ich mich zur Seite und versuche weiter zu schlafen.

Plötzlich höre ich Geräusche von draußen. Es sind Stimmen. Ich glaube, sie stammen von erwachsenen Männern, die sich laut unterhalten. Jetzt höre ich Gelächter. Ich hebe den Kopf, um besser hören zu können. Doch die Geräusche sind schon verstummt. Ich glaube, eine Tür war kurz geöffnet worden und ist nun wieder zugefallen. Den Lärm der Erwachsenen habe ich deshalb nur ganz kurz über den Hof bis in unser Zimmer gehört. Das denke ich und ich denke auch, dass sich im Haupthaus gegenüber etwas abspielt. Deshalb drehe ich mich um. Ich sitze und stütze mich auf meine Ellenbogen. Ich konzentriere mich auf weitere Geräusche. Nichts, nur der tropfende Wasserhahn und gleichmäßiges Schnarchen. Ich sehe hinüber zu Peter. Jetzt erkenne ich, dass auch er wach ist. Er sitzt wie ich in seinem Bett.
„Haste das gehört?“
Ich nicke und frage:
„Waren das Stimmen von drüben?“
„Glaub schon, da scheint irgendwas los zu sein.“
„Was kann da los sein? Welche Leute lachen und quatschen da drüben mitten in der Nacht so laut?“
„Keine Ahnung, wahrscheinlich veranstaltet Helling wieder irgendeine Sauferei.“

Ich habe Helling schon öfter nachts draußen im Hof laut und unkontrolliert herum brüllen gehört. Meist kommt Birner dazu und versucht Helling zu beruhigen. Nur selten gelngt ihm das, weil er Helling immer laut und vorwurfsvoll anbrüllt, wenn der besoffen ist, worauf Helling stets mit noch lauterem Geschrei reagiert. Einmal, es war auch mitten in der Nacht, hatten Peter und ich einen Streit zwischen beiden ganz nah verfolgt. Hellings Stimme hörte sich unkontrolliert, tief und lallend an. Auf dem kalten Holzboden, vor unserer Zimmertüre kniend, versteckten wir uns unter der Holzbrüstung und hörten beiden zu. Plötzlich verpassten sie sich knallende Ohrfeigen. Wir wagten es nur einmal für Sekunden, über die Brüstung zu blicken. Ich sah, dass Helling auf dem Kies im Hof am Boden lag. Birner stand vor ihm. Er sagte etwas, das ich nicht verstand. Schließlich verschwand Birner im Haupthaus. Helling blieb im Hof liegen. Peter und ich schlichen leise zurück in unser Zimmer zurück. Am nächsten Morgen lag Helling nicht mehr da.

„Sollen wir mal schauen, was da drüben los ist?“
Meine Frage meine ich nicht ernst, denn ich habe Angst.
„Meinst du das ernst oder soll das ein Witz sein?“
Peter kennt mich gut. Er weiß, dass ich ein Angsthase bin. Ich bin von mir selbst überrascht. So etwas Mutiges frage ich sonst nie. Wegen Peter glaube ich, dass der Sinn unseres Lebens am Oberlehen auch ist, zu lernen mutiger zu werden. Er ist mutiger als ich. Ich versuche, das zu übernehmen.
„Na klar ist das ernst gemeint. Wir sollten uns leise rüber schleichen und einfach mal sehen, was da drüben vor sich geht!“
„Ok!“
Das sagt Peter sofort.
„Aber Vorsicht, wir dürfen uns von niemandem erwischen lassen. Auf Prügel von Helling und Birner bin ich heute nicht mehr scharf!“

Peter steigt langsam aus seinem Stockbett. Hartmut röchelt unten weiter. Auch ich steige aus meinem Bett. Mein Körper zittert, mir ist sehr heiß. Wir ziehen unsere Schlappen über. Peter hebt die Türklinke mit beiden Händen an, dann reißt er die Tür schnell auf. Deshalb quietscht sie nur kurz. Die Nacht ist sehr frisch. Mein Zittern und Schwitzen wegen meiner Angst, geht in ein Frösteln über. Drüben im Haupthaus sehe ich, dass hinter der gläsernen Eingangstür Licht schimmert. Wir bücken uns unter die hölzerne Brüstung. Peter zieht unsere Zimmertüre wieder zu. Beim Schließen quietscht sie nicht. Wir bleiben in der Hocke hinter der Brüstung. Peter geht voraus. Die Holztreppe arbeiten wir uns gebückt hinunter. Sie endet an der betonierten Terrasse neben dem Hof. Dort verharren wir gebückt hinter dem Treppengeländer.

Im Hof unter der Eiche sehen wir keinen Menschen. Die Nacht ist klar. Der Mond scheint so hell, dass ich ein paar Papierschnipsel auf dem Kies erkenne. Auf ein Startzeichen von Peter überqueren wir schnell den Hof. Mein Herz rast. Am Hals spüre ich das Blut in den Adern pulsieren. Mir ist wieder heiß, mein ganzer Körper zittert. Das ist Mut, denke ich. Wir wagen es zu schauen, was Helling mitten in der Nacht für einen Lärm im Haupthaus macht! Noch bevor wir an der Milchglastür ankommen, hören wir das laute Lachen mehrerer Erwachsener. Ich zucke zusammen, mein Mut verschwindet sofort. Jetzt würde ich gerne über den Hof zurück rennen und oben in unserem Zimmer unter meiner Bettdecke verschwinden. Ich kenne das. Ich wünsche immer, nicht dabei zu sein. Am nächsten Tag, wenn alles gut überstanden ist, bin ich froh, mitgemacht zu haben.

Wir stehen vor der Milchglastür. Langsam öffnet Peter die Tür, das Licht im Eingang brennt. Links neben der Tür führt eine steile, dunkle Steintreppe hinunter in den Keller. Von dort tönen Stimmen und Lachen herauf. Ich erkenne die Stimme von Helling.
„Pass auf, den knall ich ab!“
Ich glaube, er ist wieder betrunken, denn in seiner Stimme schwingt dieses tiefe Lallen. Zweimal hintereinander kracht es laut. Ich erschrecke und zucke zusammen. Auch Peter erschrickt. Er lässt die Glastür zufallen. Sie klappert ins Schloss. Genau in diesem Moment knallt es noch ein drittes mal aus dem Keller herauf.

„Sollen wir wirklich da runter schauen?“
Meine Stimme bebt vor Angst. Von unten höre ich Helling lachen. Peter nickt, zieht die zugefallene Glastür langsam wieder auf. An der Kellertreppe sehe ich Rauchwolken heraufziehen. Es stinkt wie an Silvester. Auf meine Frage erhoffte ich von Peter ein klares „Nein“. Meine Knie zittern heftig. Ich weiß nicht, wie lange ich mich noch auf sie verlassen kann. Ich stehe neben Peter an der Treppe. Vorsichtig steige ich die ersten beiden Stufen hinunter. Weil ich auf den Stufen abrupt stehen bleibe, sieht Peter mich fragend an. Jetzt erkennt er die Angst in meinem Gesicht.
„Nein, lassen wir das Ganze lieber.“
Peter drückt entschlossen an meinem Arm. Er schiebt mich die beiden Stufen hinauf und durch die Tür hinaus auf den Hof. Aus dem Keller knallen zwei weitere Schüsse. Ich spüre Erleichterung. Schnell tapsen wir über den Kies zurück zur Holztreppe am Nebenhaus. Gebückt arbeiten wir uns hinter der Holzbalustrade die Treppe hinauf zu unserer Zimmertür. Wir sind noch nicht ganz an der Tür angelangt, da hören wir Hellings lallende Stimme. Er spricht mit einem Begleiter. Es ist nicht Birner, sondern es scheint einer seiner Jägerfreunde zu sein. Wie erstarrt knien Peter und ich hinter der Brüstung. Wir hören die Schritte der Männer im Kies. Sie laufen über den Hof. Sie kommen sehr schnell näher. Hoffentlich steigen sie nicht die Treppe hinauf. Jetzt stehen beide direkt unter, nahe der Eingangstür zu Hellings Wohnung.
„Der letzte war doch a besonders guater Schuss, oder?“
Ich höre die quietschende Wohnungstüre. Sie fällt laut ins Schloss. Im Hof ist es still. Gebückt tapsen wir unter der Holzbalustrade weiter bis zu unserer Zimmertüre. Peter drückt die Klinke langsam runter und öffnet leise die Tür. Schnell verkriechen wir uns in unsere Betten.

Ich atme tief durch, Ich bin sehr froh, dass Peter meine Angst auf der Kellertreppe erkannt hat und wir nicht weiter runter gegangen sind. Helling hätte uns erwischt. Peter flüstert zu mir:
„Ich glaube, dass Helling im Keller mit seinem Jägerfreund einen Schießstand aufgebaut hat. Morgen früh, wenn wir im Keller unsere Jacken und Schuhe anziehen, schauen wir uns das einfach mal genauer an. Wir haben mords Glück gehabt, dass wir schnell umgedreht sind, sonst wären wir jetzt erledigt.“

Was Peter meint ist klar, wir wären Helling direkt in die Arme gelaufen, so schnell wie der plötzlich mit dem anderen Mann im Hof war. Was Peter morgen im Keller genauer anschauen will, kann ich mir nicht vorstellen, der Rauch da unten ist bis morgen doch längst verzogen.