Archiv der Kategorie: N-Book® Wenigstens Geburtstag – Erzählung

10. Auf der Schnellstraße

Ich habe eine andere Abfahrt von der Höhenringstraße genommen. Die endet nach einer stark abfallenden Geraden an einer Kreuzung. Hier mündet sie auf eine breit ausgebaute Schnellstraße. Sie verbindet den Gebirgsort mit einer Stadt im naheliegenden Nachbarland. In diese Stadt waren die Eltern häufig unterwegs gewesen, weil es dort große Theaterbühnen gibt und weil es dort an interessanten klassischen Konzerten nicht mangelt.

Ich stehe an der Kreuzung und habe den Blinker vorschriftsmäßig nach links, Richtung Gebirgsort gesetzt. Ich überzeuge mich davon, dass weder rechts noch links ein Fahrzeug naht. Langsam lasse ich die Kupplung kommen, dabei gebe ich Gas und steuere nach links. Aber der Wagen will nicht so, wie ich mir das vorstelle. Der Wagen hoppelt mitten auf die Straße. Deshalb trete ich sofort wieder auf die Kupplung. Trotzdem stirbt der Motor sofort ab. Ich habe Glück, denn der Wagen rollt noch. Die breite Straße verleitet viele Autofahrer im Bereich dieser Abzweigung zu überhöhtem Tempo. Der Wagen rollt langsam über die Mittellinie. Ich drehe am Zündschlüssel, höre den Anlasser, bleibe auf der Kupplung, gebe Gas, aber der Motor springt nicht an. Ich sitze, lenke, schwitze und hoffe, dass ich es bis zum Straßenrand schaffe. Der Wagen rollt langsam, aber er rollt. Ich setze den Blinker nach rechts, schalte ihn wieder aus und schalte, wie ich es gelernt habe, die Warnblinkanlage ein. Jetzt nehme ich den Gang raus und lasse langsam vom Kupplungspedal ab. Sogleich löse ich den Sicherheitsgurt, öffne die Fahrertüre und springe schnell auf die Fahrbahn. Die Rechte am Lenkrad, die Linke am Türholm unterstütze ich das Rollen des Wagens durch meine Kräfte. So schaffe ich es den Wagen auf den Seitenstreifen der breiten Straße zu bewegen. Jetzt donnert das erste schnelle Fahrzeug auf der Fahrbahn an mir vorbei. Ich setze mich wieder in den grünen Peugeot und betätige die Zündung. Ich versuche das drei vier Mal, doch der Wagen will nicht anspringen. Erst als ich höre, dass der Anlasser bei jedem Zündversuch schwächer und schwächer durchdreht und schließlich nur noch ein jämmerliches Heulen von sich gibt, höre ich mit den Zündversuchen auf. Ich steige aus, öffne den Kofferraum. Dort finde ich tatsächlich, worauf ich hoffe. Ein hellgrüner Benzinkanister. Leider leer. Den Wagen sperre ich ab. Den leeren Kanister schwenkend laufe ich auf die gegenüberliegende Straßenseite. Hinter der Einmündung der Bergstraße, die ich vor Minuten herunter gerollt war, stelle ich mich an den Straßenrand. Ich halte meinen Daumen heraus, sobald sich ein Fahrzeug nähert. Die nächste Tankstelle kenne ich. Sie liegt in etwa drei Kilometern Entfernung in Richtung der Landesgrenze. Weil sich die Mittagszeit nähert ist der Verkehr auf der sonst stark befahrenen Straße nur gering. Vereinzelt donnern schnelle Fahrzeuge an mir vorüber. Ich laufe nicht los, denn ich kenne die Straße. Die Kreuzung ist gut geeignet, einen Tramper zusteigen zu lassen. Ich stehe auf einem breiten Seitenstreifen. Wegen der Kreuzung ist höchstens eine Geschwindigkeit von siebzig Kilometern erlaubt.

Zwanzig Minuten stehe ich am Straßenrand, bis sich ein grauer, langer Wagen nähert. Es ist ein viertüriger Kombi. Der Fahrer hat den Blinker nach rechts gesetzt und wird langsamer. Noch bin ich nicht sicher, ob er das wegen mir und meinem grünen Benzinkanister und meinem Daumen, den ich der Fahrbahn entgegenstrecke tut, oder ob er auf die Bergstraße abbiegen möchte, vor deren Auffahrt ich mich am Straßenrand postiert habe. Tatsächlich reduziert der Fahrer sein Tempo wegen mir. Der Wagen bleibt stehen. Ich öffne die Beifahrertür. Ein langer Kerl sitzt am Steuer. „Wo wuist‘n hi?“ Anstatt eine Antwort zu geben halte ich den grünen Kanister hoch. Der lange Kerl löst seine riesige rechte Hand vom Lenkrad und deutet mir, schnell einzusteigen. „Hast koan Saft mehr oder wos?“ Ich setze mich in den schwarzen Kunstledersitz und nicke bestätigend. Der Kerl gibt kräftig Gas, so dass die Wagentür zuknallt. Das sagt mir, dass der Mensch in Eile ist. Vielleicht will er die Sekunden an Zeitverlust, welche durch mich entstanden sind, schnell wieder rein zu holen. Ich greife zum Sicherheitsgurt, ziehe ihn vor mich und suche links nach dem roten Einraster. Erst jetzt erkenne ich, wen ich da neben mir habe.

Ich sitze im Wagen neben Michael, der kräftig Gas gibt. Michael war in meiner alten Schule einer der Klassenkameraden. Vor Jahren war er daran beteiligt gewesen, als mich er und andere Klassenkameraden mit dem heißen Feuerhaken bedrohten. Für Michael scheint völlig klar zu sein, wen er da zur nächsten Tankstelle mit nimmt. Obwohl wir uns Jahre nicht gesehen haben, erkennt er mich sofort wieder. Jetzt begrüßt er mich lächelnd und nennt dabei meinen Namen. „Servus Bert!“ plärrt er mir ins linke Ohr. „Wia schauggt‘s bei dir aus?“ schreit Michael. Aus dem Radio dröhnt ein Abba-Song. „Supertruper“ heißt der glaube ich, zumindest verstehe ich das. Das passt ja richtig super, denke ich. Ist wirklich „supertruper“, dass ich jetzt ausgerechnet auf den alten, halbstarken Klassenkameraden Michael treffe! Ausgerechnet heute! Auch ich schreie wegen „Supertruper“ so laut wie mir möglich: „Passt scho, laft scho, geht scho!“

Den Vorfall mit dem Feuerhaken, die Abneigung zwischen uns während der damals verbleibenden Zeit, die ich auf der Schule im Ort noch zugebracht hatte, scheint Michael wohl vergessen zu haben. Denn er lacht mich von der Seite an. Ich finde er lacht nicht frech oder gar gehässig. Diesem Menschen und den anderen beteiligten war ich nach der Sache mit dem Feuerhaken stets aus dem Weg gegangen. In der Schulklasse konnte ich damals erreichen, dass mich der Lehrer in die andere Ecke des Klassenzimmers neben den ruhigen und zurückhaltenden Oliver aus Helgoland umsetzte. Oliver war damals so wie ich ein Außenseiter gewesen. Oliver war der einzige Mensch in der Schulklasse gewesen, von dem ich einmal nach Hause eingeladen worden war. Oliver hatte mich eingeladen, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt sogar noch im Kinderheim gelebt hatte. Damals hatte ich mit Oliver einen wunderschönen Nachmittag in einem Haufen von Spielzeug verbracht. Mehr als dieser eine Nachmittag hatte zwischen uns aber nicht stattgefunden. Bis zu dem Erlebnis mit dem Feuerhaken war ich stets bemüht gewesen, meine Fremdheit und die Ablehnung der Mitschüler die mir entgegen schlug, dadurch zu überwinden, dass ich verzweifelt trotzdem Kontakt zu denjenigen suchte, die mir seit Jahren gezeigt hatten, dass sie mich ablehnten. Das wollte ich nicht aufgeben. Ich wollte erreichen, dass auch ich dazugehörte. Oliver hatte ich deshalb genauso wie es die Mitschüler getan hatten jahrelang links liegen gelassen. Selbst nach dem Erlebnis mit dem Feuerhaken war zwischen Oliver und mir kein Kontakt oder gar Freundschaft entstanden. Wir waren lediglich Leidensgenossen geworden, die sich eine Schulbank miteinander teilten. Nach meinem Wechsel auf die neue Schule hatte auch Oliver die Schule verlassen. Er war mit seinen Eltern zurück nach Norddeutschland umgezogen.

Michael spricht mit mir, als sei ich ein alter Schulfreund. Ohne dass ich ihn danach gefragt habe, erzählt er von denjenigen Dingen die momentan seine Hauptbeschäftigung zu sein scheinen. In den wenigen Minuten bis zur Tankstelle komme außer noch zwei, drei mal „passt scho“, geht scho“, „laft scho“ nicht zu Wort. Darüber bin ich froh, denn ich spüre in den wenigen Minuten neben Michael, trotz seines freundlichen Lächelns, dass Widerwillen in mir aufkeimt, mit Michael ins Gespräch zu kommen. Während Michael brachial die Gänge rein haut um andere Autos zu überholen und hastig an einer qualmenden Zigarette zieht, schreit er an mich gerichteten Sätze vor sich hin. „Laft wiada supa de Hochsaison! Woast scho, draußt glei neba am Riedl-Wirt hinter da Tanke, wost du glei ausse wuist, woast scho, wost aussteigts“, ich nicke verstehend, „da wos hinauf geht, woast scho, aufe geht’s da zur Höin! Da drom, jeden Tag bin i dorten! Fünfe oder sechse von de Führungen, woast scho, soichane für Touristen mach i dorten! Woast scho durch de Eishöl! Da jag i`s durch de Deppen de depperten!“ Ich sage „passt scho“ und „sauber sag i!“ und lasse Michael weiter schreien. „Madel! Woast scho de Touristinnen! Geil sans wieder drauf heuer! Auf’t Nacht geht’s wieder auf! Hint in der Disco beim Seimi!“

Michaels Geschrei gegen die Windschutzscheibe ist nicht zu bremsen. „Supertruper“ ist vorbei, ein Radiosprecher kündigt jetzt „Mexico“ den Hit der „Less Humphrie Singers“ an. Aus dem Lautsprecher dröhnt ein erstes „Meeegsicooo“. Ich stehe vor Michaels Wagen und versuche mich durch das offene Beifahrerfenster zu bedanken und zu verabschieden. Das kommt bei Michael aber nicht an. Selbst als ich mich in Richtung der Tankstelle abwende ruft Michael mir durch das Fenster hinterher: „Auf jeden Fall schaugst heit auf`t Nacht im Seimei vorbei! Do konst wos erlem!“ Ich hebe aus einiger Entfernung von Michaels Auto grüßend den leeren Kanister zu Michaels offenem Beifahrerfenster und rufe: „passt scho!“ und „merce dir! fürs mitnehmen, servus!“

Die Disco liegt im Keller eines kleinen Jugendhotels. Es ist die Disco in der ich mich oft mit Martina und anderen aus der Jugendgruppe getroffen hatte. Dass die Touristinnen in dieser Disco, so wie es Michael mir gerade ins Ohr gebrüllt hatte, angeblich darauf warten, von Typen wie ihm abgeschleppt zu werden, davon hatte ich von Jörg noch nie gehört.

Mit meinem Kanister gehe ich an die Zapfsäule. Genau fünf Liter fülle ich ein. An der Kasse kaufe ich noch einen Kaugummi, von dem ich mir, wieder draußen auf der Straße, einen in den Mund stecke. Mit dem gefüllten Kanister laufe ich einige hundert Meter am Straßenrand entlang Richtung Gebirgsort. Kurz vor der Ausbuchtung für den Linienbus bleibe ich am Straßenrand stehen und halte wieder den Daumen raus.

Michael hatte sich offenbar zu einem Menschen entwickelt, dem ich gerne aus dem Weg gehe. Hinten in seinem Wagen würde er die Touristinnen „flach legen“, so plärrte er, und dass die Saison besonders gut sei in diesem Jahr. Seine Lehre als Automechaniker habe er abgebrochen, zugunsten dieses Touristenführerjobs. Im Winter habe er immer Arbeit als Skilehrer. Ich bin froh, dass die Tankstelle so nah liegt und ich deshalb seinem Gequatsche nicht länger zuhören musste. Ob ich jemals wieder in der Disco erscheinen werde bezweifle ich jetzt sehr.

Ein Nahverkehrsbus rollt heran. Der Fahrer wirft einen kritischen Blick auf mich. Der gefüllte Benzinkanister weckt vermutlich sein Misstrauen. Weil ich keine Anstalten mache in den Bus zu steigen, kein Fahrgast aussteigen möchte und neben mir kein weiterer Fahrgast an der Haltestelle steht, gibt der Busfahrer sein Blinkmanöver auf und rauscht ohne anzuhalten an der Haltestelle vorbei.

Michaels überraschendes Erscheinen als Mitfahrgelegenheit zur Tankstelle bringt meine Gedanken zurück in das Schuljahr, als ich noch die Schule im Ort besucht hatte. Trotz der deutlichen Verbesserung meiner Schulleistungen war ich damals nicht von selbst auf die Idee gekommen, die Eltern zu bitten mich auf der anderen, auf der „höheren“ Schule auf dem Berg anzumelden. Ich hatte zwar gewusst, dass man sich auf der Schule anmelden kann, wenn man sich durch gute Leistungen für so eine „höhere“ Schule qualifiziert, doch dass auch ich dafür geeignet sein könnte, darüber hatte ich mir damals keine Gedanken gemacht. Die Mutter war es, die letztlich ohne meinen Wunsch abzuwarten dafür gesorgt hatte, dass ich an der Aufnahmeprüfung teilnehmen konnte. Aus eigenen Kräften wäre ich damals nicht in der Lage gewesen so eine große Veränderung, wie diesen Schulwechsel in die Wege zu leiten.

Einerseits wusste ich, dass meine Schulnoten gut genug geworden waren, um die „höhere“ Schule zu besuchen. Andererseits hatte ich Angst davor, die gewohnte Schule zu verlassen. Obwohl ich wegen Mitschülern wie diesem Michael jahrelang viele Probleme in der Schulklasse gehabt hatte, war der Schulbesuch dort, zu einem Stück Kontinuität für mich geworden. In der Schule hatte ich genauso wie im Kinderheim gelernt, welche Überlebensstrategie mir hilft dort zurechtzukommen. Ich versuchte unauffällig zu sein. Das könnte dort zu meinem Verhängnis geworden sein. Mein Schulbesuch war verbunden mit der ständigen Flucht vor unberechenbaren, aggressiven Mitschülern, die sich Menschen suchten, die anders waren. Ich war anders, weil ich lange Zeit im Kinderheim gelebt hatte. Deshalb gehörte ich zu denjenigen die geschlagen werden durften, auf die man sich im Streitfall schneller stürzen durfte, weil sie andere Menschen waren und das bedeutete irgendwie wohl auch, dass sie schlechtere Menschen waren. Menschen wie ich waren, weil sie anders waren, schutzloser. Gewissermaßen war ich für Kinder wie Michael wie Freiwild zum Abschuss freigegeben. Mein Alltag in der Schulklasse ähnelte dem im Kinderheim. Allerdings waren es in der Schule nicht die Erwachsenen, so wie es im Kinderheim der Heimleiter gewesen war, die auf mich einprügelten, mich einschüchterten und Angst verbreiteten. Kinder wie ich hatten keine Eltern, die wegen dreckiger, zerrissener Schulkleidung oder einem Bluterguss nach einer Schlägerei im Schulhof oder Wald bei Eltern von Mitschülern anriefen. Wegen mir hatte nie ein Erwachsener den Versuch unternommen, herauszufinden, warum ich von der Schule mit verdreckten Klamotten oder einem blauen Fleck nach Hause gekommen war. Im Kinderheim hatte das nicht interessiert. Erst die Mutter war es gewesen, die Gründe erforschen wollte, wenn ich nach dem Schulbesuch einen verstörten Eindruck auf sie gemacht hatte.

Für mich waren die Schultage, genauso wie der tägliche Ablauf im Kinderheim, zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden. Ich war daran gewöhnt, Anfeindung, Ablehnung und Gewaltandrohung von Mitschülern aus dem Weg zu gehen. Ich wusste welche Mitschüler unberechenbare, jähzornige Menschen waren und wer in der Klasse ein ausgeglichener und ruhiger Mensch war. Ich hatte meine Einschätzung von jedem Mitschüler. Ich wusste welche kleinen Grüppchen sich schnell zusammenrotteten, wenn die Situation geeignet war, um einen Mitschüler wie mich zu malträtieren. Ich wusste, wer welche Situation nutzen würde, um mich in der Schulklasse gegenüber den Lehrern zu Denunzieren. Ich hatte über Jahre in der Schule und im Kinderheim gut gelernt solche Abläufe und Gefahren schnell zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu gehen. Ich wusste genau, was ich anzustellen hatte, um einem Angriff zu entkommen. Das gab mir oft Sicherheit. Oft gelang mir die Flucht.

Vermeintliche Sicherheit war manchmal auf Kosten anderer Mitschüler entstanden. Oft war es nur dann möglich gewesen Angriffe abzuwehren, wenn andere den Angriffen ausgeliefert wurden. Dies in Kauf zu nehmen war viele Jahre Teil meiner Überlebensstrategie gewesen. Es war eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass einer immer das Opfer sein musste. Wenn Michael im Sportunterricht sauer gewesen war und wieder begonnen hatte, seine Hasstiraden gegen „unsportliche, lahmarschige Saupreißen“ loszulassen, wusste ich sofort, dass es so weit war. Schnell hatte Michael ein Grüppchen von drei, vier anderen um sich. Leise und gezielt näherten die sich. Zu viert standen sie vor mir und versperrten den Weg in die Umkleidekabine. Im Flüsterton hieß es: „Elendiglicher Saupreiß, jetzt ziang ma dir dei Preißen-Hosen aus und grilln di unter der hoaßen Dusch wia a Händl!“ In solchen Momenten musste ich schnell sein, sonst war es aus. Ich zeigte mit ausgestreckter Hand durch die offene Tür auf den Sportplatz. Ich plärrte: „Was macht denn der Oli wieder für an Mist!“ Der rannte auf der Aschenbahn. Beim Training für den Hundertmeterlauf war Oliver von unserem alten Sportlehrer gezwungen worden in seiner gerippten kurzen Unterhose zu laufen, weil er mal wider seinen Turnbeutel vergessen hatte. An den vier Angreifern in der Tür zur Umkleidekabine rannte ich schnell vorbei, weil die ihre Blicke kurz zur Aschenbahn gewandt hatten. Draußen krümmte ich mich und lachte gemein, wegen Oliver in seiner Unterhose auf der Aschenbahn. Das reichte um die Aufmerksamkeit von Michael und seinen Freunden auf Oliver zu lenken. Der Fremde aus Norddeutschland war oft auch gut genug. Nach dem Lauf ließ Michael seine Wut an ihm aus. Das verschonte mich. Oliver wurde von Michael im Eingang zur Umkleidekabine ein Bein gestellt. Die drei anderen Burschen rissen ihm die Unterhose weg. Sie zerrten ihn unter die Dusche. Oliver bekam die Unterhose erst im Klassenzimmer wieder zurück. Michael stopfte sie in seinen leeren Joghurtbecher, den er in der Pause gegessen hatte. Den stellte er vor Oliver auf die Schulbank.

Oft war Entkommen nur möglich gewesen, wenn andere Kinder wie Oliver oder Heimkinder aus anderen Klassen da waren, auf die ich die Aggression der Mitschüler umlenken konnte. Michael und seine Freunde hatten sich zu ihrem Vergnügen Fremdlinge wie mich gesucht um sich jahrelang auf deren Kosten zu amüsieren. Vor Leuten wie Michael war ich nicht nur auf der Flucht, sondern ich hatte stets andere Menschen gebraucht die Prügel einsteckten, die eigentlich für mich gedacht waren.

Oliver hatte erst spät gespürt, dass er manchmal einstecken musste, was für mich gedacht war. Vielleicht hat er mich deshalb nur einmal zu sich nach Hause eingeladen. Zwischen Oliver und mir war wahrscheinlich deshalb nie eine echte Freundschaft entstanden. Meine Angst vor Leuten wie Michael in der Schule war zu groß gewesen. Die Prügel der Mitschüler konnte ich nur abwenden, wenn ich jemand anderen bieten konnte, den sie schlagen konnten. So war ich meinen Leidensgenossen oft in den Rücken gefallen. Andere Heimkinder, die in der Pause im Schulhof herum standen, wurden ihres Pausenbrotes oder ihres Taschengeldes erleichtert, weil Michael und seine Freunde erst durch mich auf diese Kinder aufmerksam gemacht worden waren. Auf dem Weg durchs Treppenhaus hinunter in den Schulhof pirschte sich ein Freund von Michael von Hinten an mich heran. Er packte meine Hand und bog meinen Arm über meinen Rücken. Schmerz gekrümmt ging ich in die Knie und flüsterte: „Ich weiß jemanden, der was hat, ich weiß jemanden für heute!“ Von Michaels Freund so am Arm gepackt, wurde ich über den Pausenhof in einen Ecke geschoben. Von dort sah ich mich nach Heimkindern um von denen ich glaubte, dass es möglich sein könnte, dass sie noch Reste von ihrem Taschengeld vom Wochenende bei sich hatten. Während mir der Arm weiter über den Rücken gedrückt wurde, erfuhr Michael durch Blickkontakt über den Schulhof von meinem Peiniger, welches Heimkind Geld dabei haben könnte. Zu diesem Kind schickte Michael einen anderen seiner Freunde. Von weitem sah ich wie das Heimkind in die gegenüber liegende Ecke des Schulhofes gedrängt wurde. Dort wurde es malträtiert. Durch ein Zeichen erfuhr Michael, ob von dem betreffenden Kind Geld zu holen war. Wenn das zutraf wurde ich losgelassen. Traf es nicht zu, wurde mir der Arm ruckartig auf dem Rücken Richtung Hinterkopf gedrückt. Wilder Schmerz zog über Rücken und Nacken hinauf in den Kopf. Ich spürte, wie mir das Blut in den Kopf schoss. Mir wurde heiß und kalt. Wenn ich schwindlig zusammensackte, zog der Knabe kräftiger. Ich versuchte möglichst gerade zu stehen. Schnell musste ich ein anderes Heimkind nennen, das Geld dabei haben könnte. Wenn die Pausenglocke ertönte und ich bis dahin kein Kind finden konnte, dem Michael sein Geld gab, wurde ich von meinem Peiniger in den Schwitzkasten genommen. Der würgte mich, bis ich versprach am nächsten Tag das Geld für eine Cola mitzubringen, die Michael in der Pause aus dem Automaten ziehen wollte. In der ersten Pause des nächsten Schultages musste ich dann sofort an den Getränkeautomaten gehen und das Geld für eine Cola einwerfen. In der Schlange hinter mir stand Michael. Ich musste so tun, als habe der Automat mein Geld nicht angenommen. Ich musste schnell verschwinden. Danach tat Michael so, als werfe er Geld ein. Er öffnete das Flaschenfach und zog die Cola, die ich bezahlt hatte. Das Geld hatte ich manchmal nachmittags bei anderen Kindern im Kinderheim gestohlen. Nur selten hatte ich noch etwas von meinem eigenen Taschengeld übrig, womit ich die Cola bezahlen konnte.

Vielleicht wollte ich meine alte Schule nachdem ich zu den Eltern gezogen war, nicht aufgeben weil sie das einzig sichtbare blieb, das von meinem Lebensalltag im Kinderheim übrig geblieben war. Mein Wille daran festzuhalten schien meine Ängste vor Mitschülern wie Michael überstiegen zu haben. Heute bin ich sehr froh darüber, dass die Mutter mich damals für die Aufnahmeprüfung angemeldet hatte. Es wäre wirklich dumm von mir gewesen, weiterhin auf dieser Schule zu bleiben. Ich glaube dort wäre ich solchen Dummköpfen, wie diesem Michael auf lange Sicht nur schwerlich aus dem Weg gekommen.

Die heutige Möglichkeit künftig eine andere weiterführende Schule in der großen Kreisstadt zu besuchen, habe ich dem damaligen Schulwechsel und deshalb letztlich der Mutter zu verdanken. Mit dem Schulwechsel hatte sich damals endgültig alles an meinem Lebensalltag geändert. Das wichtigste an der Veränderung war für mich, dass ich nicht mehr täglich solchen Menschen wie Michael begegnen musste. Wegen der Eltern, wegen meines Schulwechsels konnte ich damit aufhören die vermeintlich Starken auf andere Außenseiter, wie ich es einer gewesen war, zu hetzen. Ich musste nicht mehr meine komplette Aufmerksamkeit auf mögliche Gefahrenquellen in den anderen Menschen richten. Nur weil ich die Jahre bei den Eltern geschenkt bekommen habe, konnte sich bei mir so vieles verändern.

Jetzt hält ein Wagen an. Diesmal ist es ein Kleinwagen mit einem Kennzeichen des nahe gelegenen Nachbarlandes. Die Fahrerin ist eine zierliche Person. Sie trägt eine kleine Nickelbrille in ihrem schmalen Gesicht. Sie nimmt mich mit bis zu meinem liegen gebliebenen Wagen. Sie unterhält sich während der kurzen Fahrt mit ihrem Kind das hinten sitzt. Beide wollen im Gebirgsort das Salzbergwerk besuchen. Während ich aus dem Wagen aussteige erkläre ich der Frau den Weg dorthin.

In den letzten Sommerferien hatte ich für sechs Wochen einen Ferienjob im Salzbergwerk. Ich hatte in der Bekleidungskammer gearbeitet. Den ganzen Tag lang war ich hinter einem langen Tresen gestanden. Hinter mir hingen in übersichtlichen Reihen, nach Kleidungsgrößen geordnet die schwarzen Kleidungsstücke. In viertelstündigen Abständen drängte je eine Gruppe von etwa einhundert Touristen in die große Bekleidungskammer. Sehr schnell hatte ich in diesem Ferienjob gelernt die Kleidergrößen der Menschen abzuschätzen. Nach meiner Einschätzung jeweils passende Klamotten nahm ich von den Kleiderbügeln hinter mir und legte sie den Touristen auf den Tresen. Das war von morgens neun- bis abends achtzehn Uhr meine Aufgabe.

Das verdiente Geld aus diesem Ferienjob habe ich in meinen Führerschein investiert. Die Hälfte der Kosten dafür hatte mir die Mutter schon lange vorher versprochen. Ihr Versprechen hatte sie vom Bestehen der Abschussprüfung auf der Schule auf dem Berg abhängig gemacht. Ich glaube, dass die Mutter sich über dieses frühe Versprechen bald geärgert hatte. Das Verhältnis zwischen uns hatte sich vor allem im vergangenen Jahr sehr schlecht entwickelt. Die Mutter hat ihr Versprechen trotzdem gehalten. Eines ihrer Prinzipien ist es, stets zu ihren Worten zu stehen. Der Schulabschluss ist mir gelungen. Weil die Mutter ihren versprochenen Teil für meinen Führerschein bezahlt hatte, habe ich jetzt von dem verdienten und gesparten Geld aus dem Ferienjob im Salzbergwerk noch etwas Geld übrig. Das werde ich auch brauchen. Ich glaube, das erste Geld für meinen künftigen Lebensunterhalt, für die Zimmermiete und den weiteren Schulbesuch werde ich von der Sozialkasse erst Mitte des kommenden Monats erhalten.

Das Benzin sprudelt durch den Einfüllstutzen in den Tank. Den Kanister verstaue ich im Kofferraum. Der Wagen springt sofort an. Darüber bin ich sehr froh. Tatsächlich hat nur Benzin gefehlt, aber die Batterie war schon schwach. Ich habe noch nie an einem Automotor nach einem Defekt gesucht.

11. Ein Umweg

Der Motor läuft einwandfrei. Die Tankanzeige scheint defekt zu sein. Sie zeigt voll gefüllt an. Auf der breiten Straße Richtung Ort komme ich in der Nähe eines Sees vorbei. Dort habe ich in den letzten Wochen jeden Nachmittag einen bezahlten Job gehabt. Das war mein vierter Ferienjob. Kurz nach den Pfingstferien waren die Abschlussprüfungen beendet. Seither habe ich in einem Bootshaus am See gearbeitet. Es war mein Job Touristen beim Einstieg und Ausstieg aus den Ruderbooten zu helfen. Trotz der miserablen Bezahlung habe ich diesen Job gerne gemacht. Es war der einzige Job gewesen, den ich finden konnte. Die Sommerferien hatten noch nicht begonnen. Die besser bezahlten Ferienjobs gab es aber erst ab Ferienbeginn. Die Arbeit ließ sich gut mit meinen letzten Fahrstunden verbinden. Ein anderer Fahrschüler wohnt in der Nähe des Sees. Am Ende meiner Fahrstunde hat mich der Fahrlehrer deshalb immer zur Wohnung des anderen Schülers gelotst. Von dort wurde ich zum Bootshaus gefahren. Ein toller Service für mich, auf den sich der Fahrlehrer gerne eingelassen hatte. Die Arbeit im Bootshaus war sehr schlecht bezahlt, weil nie absehbar war, wie viele Boote tagsüber an Touristen verliehen werden konnten. An manchem Sommertag scheint der Touristenstrom an den See nicht abzureißen. An Schlechtwettertagen findet kaum einer den Weg dort hin. An manchem Regentag habe ich kein einziges Ruderboot verliehen. Hin und wieder, wenn der Regen stark und anhaltend war, habe ich mich vor Arbeitsantritt telefonisch beim Chef gemeldet. Der sagte mir dann, dass sein Bootshaus geschlossen bleibt. An solchen Tagen hatte ich natürlich keinen Verdienst. Das Wetter war seit Pfingsten außergewöhnlich warm und trocken, so dass der Job für mich trotz schlechten Stundenlohns einträglich war, denn beinahe täglich konnte der Chef alle zur Verfügung stehenden Bote verleihen.

Die Mutter hat es unterstützt, geradezu gewünscht, dass ich in den Ferien, einem bezahlten Job nachgehe. Der Mutter war wichtig, dass ich aus eigenen Kräften ein Ziel erreiche. Bei den Ferienjobs war das Ziel Geld zu verdienen von dem ich das kaufen konnte, was ich für notwendig hielt. Es war Ziel die Summe zusammen zu kriegen, die für die Hälfte des Führerscheines notwendig war. Das Ziel habe ich erreicht. Der Führerschein ist zur Hälfte von der Mutter und zur anderen Hälfte von mir bezahlt worden. Während der vier Jobs, die ich in der Zeit bei den neuen Eltern angetreten habe, ist bei mir das eingetreten, was der Mutter wichtig gewesen war. Ich habe gelernt meine Kräfte zu benutzen um Geld zu verdienen. Ich habe jetzt davon Kenntnis, wie anstrengend es ist täglich zu arbeiten.

Die Mutter hat großen Einfluss auf mich ausgeübt. Ihre Lebenseinstellung zu Leistung in Schule und Arbeit ist mir im Laufe der Jahre immer klarer geworden. Ich glaube, die Mutter selbst ist dazu erzogen worden, dass Leistung und Arbeit die der Mensch in seinem Leben vollbringt, zum Schluss entscheidende Dinge sind, anhand derer das Leben dieses Menschen in Erinnerung bleibt. Leistung und Arbeit sind die wesentlichsten Tugenden. Um sie herum Gruppieren sich alle anderen Tugenden, die Voraussetzung sind um im Leben etwas zu leisten und zu Arbeiten. Die anderen Tugenden sind: Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit aber auch Unterwürfigkeit und vor allem die Dankbarkeit. Ich denke, für die Mutter ist letzteres in aller erster Linie der Schlüssel zu einem einigermaßen erfüllten Leben. Wenn ein Mensch wie ich in diesem Leben diejenigen Karten gezogen hatte, wie ich sie eben habe, wenn jemand schon so wie ich ins Pech hinein geboren zu sein scheint, dann sollte er wenigstens lernen Dankbarkeit dafür zu zeigen, wenn dieses Pech eine Wende zum Besseren nimmt. Das Bessere fällt nicht vom Himmel. Dafür gibt es Menschen, wie die Eltern. Sie haben mir zweifellos dabei geholfen meinem Leben eine Wendung zum Besseren, zum Guten zu geben.

Die Mutter, daran denke ich jetzt, ist sehr gut erzogen worden. Ich glaube sie hat eine sehr klare Erziehung von ihren Eltern erlebt. Ihre, in allen Punkten des familiären Lebens wohl beinahe militärisch korrekten Eltern, haben alle Tugenden welche die Mutter heute ohne jeden Zweifel vertritt, und an mich und andere weitergibt, ebenso an ihre Tochter vermittelt. Mutters Vater und ihre Mutter habe ich in den Sommerferien auf deren Hof in Norddeutschland besucht. Im Winter haben sie uns oft hier in den Bergen besucht. Ich glaube, sie haben die Mutter zu Anstand, Moral, Dankbarkeit, militärischer Korrektheit, absoluter Genauigkeit, Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Fleiß erzogen. Ich glaube, die Ausstrahlung der Mutter ist so sehr von diesen und vielen anderen Tugenden behaftet, weil sie das alles von ihrem Vater, einem hoch dekorierten General und ihrer sie liebenden Mutter gelernt hat.

Die Eltern der Mutter haben mich bei den Besuchen immer sehr anständig und äußerst korrekt behandelt. In den Ferien durfte ich mir auf dem Hof ein zusätzliches Taschengeld verdienen indem ich die Scheunentore mit neuem Anstrich versah. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Meine Fähigkeiten hatten die Großeltern eher im Handwerklichen gesehen. Mich nannten sie „Malermeister Klecksel“. Abends beim Abendbrottisch erhielt der „Malermeister Klecksel“ vom Großvater ein großzügiges Lob für seinen ergiebigen Fleiß. Das spornte mich an, am nächsten Tag gleich das nächste Scheunentor zu streichen. Ich war ein armes, dummes Kerlchen, das durch den guten Willen der gut erzogenen Mutter, eine Chance auf eigene Leistung und Arbeit erhielt. Die Großeltern behandelten mich deshalb wie ein Familienmitglied, wenn auch nicht wie ein vollwertiges. An die, wie mir scheint in militärischer Tradition stehende, adelige Familie war ich nur durch den klaren Willen der Mutter geraten. Sie wollte einem Kind das ins Unglück hinein geboren wurde Hilfe gewähren. Die Bindung, die in den fünf Jahren bei den Eltern entstand, war aber nicht zu dem herangewachsen, was die Mutter und vielleicht auch ihre Eltern sich erhofft hatten. Die Bindung wird deshalb heute wieder aufgeknotet und gelöst.

Der Job im Bootshaus war der leichteste Job, den ich bis heute hatte. Es war zugleich mein letzter Ferienjob, den ich noch bei den Eltern wohnend angetreten habe. Vielleicht habe ich den Job deshalb als den letzten angetreten, weil ich darüber gegenüber den Eltern keine Rechenschaft mehr schuldig war. Der Job hat mich wahrlich wenig Anstrengung gekostet. Während der Arbeitszeit war es möglich im Bootshaus auf einem Stuhl zu sitzen und Zeitung zu lesen. Der Chef, der täglich am Eingang des Bootshauses an der Kasse saß, hatte nichts dagegen, dass ich die Zeit in der keine Touristen mit Booten zu bedienen waren, mit dem Zeitungslesen totschlug. Der Chef selbst saß an seiner Kasse vor einer Zeitung.

Der Mutter gegenüber musste ich diesen Job nicht mehr erklären, denn mein Auszug am heutigen Tag stand fest. In den letzten Wochen gab es keine Gespräche mehr mit mir in der Familie. Zu Hause war Ruhe eingekehrt. Wir schwiegen uns gegenseitig an. So warteten wir auf den heutigen Tag. So musste ich der Mutter weder erzählen, was ich den Tag über gearbeitet hatte, noch hatte sie Interesse daran von mir zu erfahren, mit welchen Ergebnissen ich die Abschlussprüfungen in der Schule geschaffte hatte. Natürlich weiß die Mutter das alles. Sie weiß genau, dass ich bestanden habe, wahrscheinlich weiß sie sogar, wie ich bestanden habe. Und sie weiß auch, dass der Ferienjob am See für mich ein lockeres Vergnügen war. Mit Arbeit, wie sie die Mutter versteht, hatte mein Ferienjob am See nichts zu tun. In diesem Ort weiß die Mutter immer genau was ich tue und was ich lasse.

Dass wir in den letzten Wochen in der Familie nicht mehr geredet haben, war für mich nicht unangenehm gewesen. Ich konnte täglich in Ruhe am See arbeiten, ohne begründen zu müssen, warum ich jeden Tag so einer leichten Aufgabe nachgehe oder gar mit der Mutter darüber reden zu müssen, warum ich diesen Faulenzerjob überhaupt angetreten hatte. Ich glaube, diese Fragen hatte die Mutter längst für sich selbst beantwortet. In den Gesprächen die in den Jahren in der Familie zwischen uns stattgefunden hatten, war mir oft der Gedanke gekommen, dass die Mutter ihre Fragen an mich, für sich selbst bereits beantwortet hatte. Sie wusste immer genau, warum ich etwas Bestimmtes getan hatte. Über meinen Weg, über mein Leben, über meine Beweggründe, über meine Faulheit, über meine Schwächen, über meine Dummheit, über alles an mir war die Mutter bestens in Kenntnis. Wenn sie mit mir gesprochen hatte, dann gab es immer die Absicht der Mutter, Verbesserungen an mir in ihrem Sinne zu erreichen. Ihr war wichtig, dass ich in der Schule nicht den einfachsten Weg ging, sondern den schwierigeren, holprigen, weil ich auf dem mehr lerne. Sie wollte nicht, dass ich den leichten Ferienjob mache, sondern den schweren, damit ich besser begreifen kann, wie viel Arbeit notwendig ist, um Geld zu verdienen.

Mir war bewusst, dass die Mutter genau wusste, dass ich mir mit dem Job am See den leichten Job gesucht hatte. Weil aber die Mutter aufgehört hatte, mich auf solche Dinge anzusprechen, passierte mit mir etwas neues: Ich wusste genau, wie die Mutter über meinen Faulenzerjob dachte, weil sie ihre Meinung darüber aber nicht mehr im Gespräch mit mir kundtat, musste ich mein Verhalten auch mir selbst gegenüber weniger kritisch überprüfen und begründen. In dieser neuen Situation ging es mir in der Familie besser als je zuvor. Mein schlechtes Gewissen gegenüber den Eltern, wegen dem allzu leichten Weg, den ich gewählt hatte, war leichter geworden. Manchmal in den letzten Wochen war es völlig verschwunden. Obwohl ich ganz eindeutig Tugenden der Mutter missachtet hatte, war mein Gewissen plötzlich nicht mehr der Plagegeist, wegen dem ich mich zuvor täglich quälte.

Das Thema mit den Tugenden war in der Familie abgeschlossen. Es war während der Jahre bei den Eltern klar geworden, dass ich die Tugenden der Familie nicht lernen werde. Die Situation, dass die Mutter nichts tugendhaftes mehr zu mir sagte, sondern mich deshalb gewähren ließ, weil ich in der Familie ohnehin schon lange gescheitert war, wirkte auf mich wie eine Befreiung von einer großen Last. Ich konnte die Schule und die Abschlussprüfung in Ruhe beenden, den Führerschein machen und einen einfachen Job haben. Dabei ging es mir in den letzten Wochen nicht schlecht. Ich ließ es mir gut gehen. Tagsüber am See, hin und wieder traf ich Freunde abends in einer Kneipe im Ort, oder ich besuchte sie zu Hause, nebenbei die Führerscheinprüfung. Ja, die Führerscheinprüfung. Das war der Tag, der mich in den letzten Wochen am stärksten belastete. Vormittags die knappe Führerscheinprüfung, nachmittags die gemeinsamen Fahrt mit der Mutter zu Frau Stößer wegen meines neuen Zimmers in die große Kreisstadt. Das war das anstrengendste Erlebnis für mich in den letzten Wochen. Davon abgesehen ging das Leben während der letzten Wochen in der Familie recht ruhig von der Hand. Das Schweigen in der Familie wirkte wie ein verlässlicher Vertrag. Beide Seiten hatten miteinander abgeschlossen und gönnten sich eine abschließende ruhige Zeit miteinander, um den heutigen Tag, an dem der Vertrag endet, in Ruhe zu erreichen und in Ruhe vorüberziehen zu lassen.

Vor drei Jahren hatte die Mutter mir einen Ferienjob vermittelt. Tante Gretel und ihr Mann sind Pächter einer bekannten Berghütte. Kurz unterhalb des ersten Gipfels eines riesigen Bergmassivs findet sich das Übernachtungshaus von Tante Gretel. Auf dem Weg zu einer Gipfelbesteigung kommt man an Tante Gretels Hütte als Übernachtungsstation nicht vorbei. Man schafft den Aufstieg zum Gipfel und den Abstieg nicht an einem einzigen Tag. Selbst ortskundige, durchtrainierte Kenner der Route legen bei Tante Gretel eine Übernachtung ein. Vor zwei Jahren habe ich zwei Wochen lang auf der Hütte gearbeitet. Auch im vergangen Jahr war ich oft über das Wochenende zur Hütte aufgestiegen, um dort zu arbeiten. Tante Gretels Bezahlung für meine Mitarbeit war sehr schlecht gewesen. Trotzdem war ich im vergangenen Jahr über die Sommermonate beinahe jeden Freitagnachmittag auf die Berghütte hinaufgestiegen und am Sonntagabend kurz vor der Dämmerung wieder abgestiegen. Die Eltern haben es gerne gesehen, wenn ich mein Taschengeld durch regelmäßiges Arbeiten aufbesserte. Täglich viel und schwer zu arbeiten, das ist der Mittelpunkt des Alltags der Eltern.

Dass es den Eltern materiell gut geht hängt unmittelbar mit deren sehr gewinnbringenden Geschäft zusammen. Das Geschäft liegt an einer belebten Straße im Ort in zentraler Lage. Ich glaube, den Eltern war sehr daran gelegen, dass ich nicht nur in meinem Kopf, sondern durch eigene Erfahrung ein Bild davon entwickle wie anstrengend es ist Geld zu verdienen.

Den Eltern war immer sehr daran gelegen mich nicht mit unnötigen Dingen zu versorgen, mich nicht materiell zu verwöhnen. Deshalb hatten sie bestimmte Wünsche von mir nicht einfach erfüllt, obwohl es ihnen möglich gewesen wäre. Das taten die Eltern auch dann nicht, wenn sie davon überzeugt gewesen waren, dass mein Wunsch ein guter, weil sinnvoller Wunsch ist. So war mein Wunsch den Führerschein zu machen in den Augen der Eltern ein vernünftiger, denn beide Eltern sind der Meinung, dass ein Führerschein heutzutage unentbehrlich sei. Trotzdem war es für die Eltern selbstverständlich, dass ich für einen erheblichen Teil der Kosten selbst aufkommen sollte. Es war den Eltern immer wichtig, dass ich lerne den Wert der Dinge richtig einzuschätzen.

Für mich war es selbstverständlich, dass ich an die Eltern keine materiellen Forderungen richtete. Das schon deshalb nicht, weil sie ohnehin für meinen Lebensunterhalt sorgten. Meine Ansprüche waren bescheiden. Aus dem Kinderheim war ich es gewohnt, kein neues Spielzeug zu besitzen. Ich war daran gewöhnt kein neues Radio geschenkt zu bekommen und keine neue Kleidung zu tragen. Diese Dinge waren stets bereits von anderen Kindern benutzt worden. Für mich hatte das keinerlei Problem dargestellt. Die Haltung der Eltern hat dazu geführt, dass ich weiterhin sparsam mit meinem Taschengeld und meinem selbst verdienten Geld umging. Sie hat meine Sparsamkeit und Bescheidenheit weiter unterstützt. Ich glaube deshalb bin ich bestens gerüstet auch künftig in der großen Kreisstadt mit dem bescheidenen materiellen und finanziellen Rahmen, den ich habe zu Recht zu kommen. Materielle Geschenke der Eltern waren für mich stets mit einem unangenehmen Beigeschmack behaftet. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen. Auch wenn ich mich über den neuen Radiorecorder zur Weihnachten, dem Fahrrad und die neue Uhr zum Geburtstag gefreut und bedankt hatte, auch wenn ich mir die neuen Fahrradtaschen und das Zelt gewünscht hatte, in meinem Gefühl blieb zurück, dass es mir aus welchem Grund auch immer, vielleicht auf Grund meiner Erfahrungen aus dem Kinderheim, eigentlich naturgegeben nicht erlaubt gewesen wäre einfach solche teuren und unbenutzten Geschenke anzunehmen. Ich war verunsichert. Ich wusste nicht woher ich plötzlich das Recht bekommen hatte, Geschenke der Eltern anzunehmen. Dankbar habe ich das alles angenommen. Ich habe versucht mich auch an diese neue Situation zu gewöhnen. Trotzdem blieb ich unsicher, weil ich jahrelang nicht solch neue Dinge geschenkt bekommen hatte.

Die Meinung der Eltern, ich könnte Gefahr laufen nicht die richtige Einstellung zu Arbeit und Geldverdienen zu erlernen, was den Einkauf solcher materiellen Werte erst ermöglicht, war glaube ich unberechtigt. Ich wusste damals genauso gut wie heute, dass Dinge, die man neu kauft sehr viel Geld kosten. Ich hatte lange bevor ich die Eltern kennen gelernt habe schon erlebt und gelernt, dass ich mir in meiner Situation keineswegs neue Dinge leisten kann. Für mich hatte jahrelang ein gebrauchtes Fahrrad, oder ein defektes Radio, das ich aus dem Abfallberg hinter einem Elektroladen zog um es zu reparieren, einen riesigen Wert. Für mich ist es heute noch unschätzbar wertvoll, wenn es mir gelingt, einen demolierten Schallplattenspieler wieder in Gang zu setzen und noch viele Jahre weiter zu benutzen. Ich habe im Kinderheim gelernt, mit sehr wenig Geld auszukommen. Dort habe ich gelernt einen alten Kassettenrecorder aus einer Mülltonne zu ziehen, zu zerlegen und den Defekt zu finden. Mein Bruder hat mir im Kinderheim gezeigt, wie man mit einem alten Lötkolben, den er ebenfalls aus dem Müllkübel hinter einem Fernsehgeschäft gezogen hatte, die zerkratzten Verbindungen auf Platinen wieder herstellt. Im Kinderheim habe ich gelernt die Geduld vieler Stunden aufzubringen, um in einem Radio sämtliche Widerstände, Kondensatoren, Transformatoren, Kabel- und Platinenverbindungen zu überprüfen, bis der Fehler festgestellt war. Bei der Reparatur solcher Geräte hat mir mein Bruder im Kinderheim gezeigt, wie man mit Phantasie, Improvisation und einem gehörigen Maß Mut zum Risiko die Defekte in den Geräten so weit mindert, dass der Plattenspieler wieder einsetzbar war. Für mich war es die größte Freude gewesen, benutzte Sachen die andere weggeworfen hatten, so aufzumöbeln, dass sie gut weiterhin benutzt werden konnten. All das hat mich wohl deshalb so stark interessiert und begeistert, weil ich den Wert des Geldes schon lange zu schätzen wusste. Mir war immer klar gewesen, dass ich nie das Geld haben werde, um solche Dinge neu anzuschaffen.

Auf der Berghütte bei Tante Gretel war ich für das schmutzige Geschirr in der Küche und für die Reinigung der Matratzenlager und vermieteten Zimmer zuständig. Die Arbeit hatte mir Spaß gemacht. Probleme gab es dabei nicht. Ich arbeitete schnell und ordentlich. Probleme gab es mit der Tante. Sie hat mich stets bei der Arbeit beobachtet. Sie kontrollierte genau, wie sauber und ordentlich ich arbeitete. Sie unterwies mich jedes Wochenende neu in meine Aufgaben. Die Unterweisungen der Tante waren exakt. Der lehrreiche Ton der Tante war scharf und deutlich. Die Kommandos der Tante wiederholten sich jedes Wochenende so als sei ich zuvor noch nie zur Arbeit auf der Hütte erschienen. Nach zwei Monaten hatte ich das Gefühl, dass die kommandierende, strenge Tante jetzt wissen müsste, dass ich bereits kenne, worin sie mich jedes Wochenende erneut einwies. Doch die Tante dachte nicht daran. Jeden Freitagnachmittag, wenn ich durchgeschwitzt die Berghütte erreicht hatte, war die Tante sofort zur Stelle, um mir aufs Neue zu erklären, dass ich das Haus vom Matratzenlager unter dem Dach abwärts über die Zimmer im ersten Stock bis in den Keller sauber zu machen habe. Das erklärte mir die Tante jedes Mal wieder so genau und detailliert, dass ich eines Freitags dachte, dass die Tante, aus welchem Grund auch immer, davon überzeugt sein musste, dass sie einen sehr dummen Jugendlichen vor sich hat.

Wegen dieser Idee war mir der Gedanke gekommen, dass die Tante in ihrer strengen Art der permanenten Unterweisungen einen Auftrag der Mutter übernommen haben könnte. Weil die Tante ein Familienmitglied ist, war ich sicher gewesen, dass die Tante mit der Mutter hin und wieder über mich gesprochen hatte. An besagtem Freitagnachmittag fegte ich gründlich, wie es stets meine Art gewesen war vom Matratzenlager bis zum Keller durch jedes Zimmer des Hauses. Meine Gedanken waren dabei auf die Frage gestoßen, welche Absprachen wohl zwischen Mutter und Tante getroffen worden waren. Die Genauigkeit und Kontrolle der Tante, ihre kommandierende Art, das mag ihr eigen gewesen sein. Ihr Verhalten mir jedes Wochenende aufs Neue das bereits detailliert erklärte noch mal vorzukauen, dem kann nur die Annahme zu Grunde liegen, dass ich von einem Wochenende aufs nächste vergesse, was und wie ich auf der Hütte zu arbeiten habe. Andererseits, so dachte ich, während ich über die Fensterbänke im Matratzenlager wischte und durch das Glas die herrliche Aussicht über die weitläufigen Hochgebirgsketten unter dem strahlend blauen Julihimmel sah, andererseits konnte ich mir nicht vorstellen, dass die Mutter der Tante verkauft hatte, dass ich zu dumm wäre, die mir zugeordneten Reinigungsarbeiten eigenständig zu erledigen und mir binnen einer Woche zu merken, um welche Reinigungsarbeiten es sich handelte.

Wahrscheinlich hatte die Tante mit der Mutter mehrfach über mich gesprochen. Wahrscheinlich hatte diese Tante, die Informationen der Mutter auf ihre Weise ausgewertet. Wahrscheinlich behandelte mich die Tante so dumm, wie es ihr persönlicher Eindruck von mir gewesen war. So habe ich schließlich an dem Nachmittag gedacht, während ich mit feuchtem Lappen und Putzeimer den kalten Keller wischte. Vielleicht hatte sie von der Mutter den Auftrag erhalten, mich während meiner Arbeit genau zu kontrollieren. Sicherlich hatte die Tante nicht den Auftrag, mich wie einen dummen Jungen zu behandeln.

Letztes Jahr, während der Schulferien über Pfingsten, sollte ich zwei Wochen lang in der Hütte arbeiten. An meinem freien Nachmittag hatte ich mir eine Fernsehsendung angesehen. Es gab ein kleines Aufenthaltszimmer für die Mitarbeiter. Dort stand ein winziges Fernsehgerät, das für die Mitarbeiter zugänglich gewesen war. Das Fernsehen war jedem Mitarbeiter in seiner Freizeit erlaubt. Eines Nachmittags hatte die Tante mich in dem Zimmer vor dem Fernsehgerät aufgespürt. Es sei eine Unverschämtheit von mir, faul vor dem Fernsehgerät zu sitzen. Sie scheuchte mich aus dem Zimmer. In ihrem gewohnten Komandierton hielt mich die Tante zur Arbeit an. Dass ich einen freien Nachmittag gehabt hatte, der im Schichtplan eingezeichnet war, interessierte die Tante nicht. Meine Erklärung war für die Tante unnütz, weil in ihren Augen ungültig. In ihren Augen fehlte mir die Berechtigung für eine Erholungspause vor dem Fernsehgerät. Freie Nachmittage, so hatte sie kurz und deutlich gesagt, gäbe es nur für diejenigen Saisonarbeiter, die den gesamten Sommer durcharbeiten würden. Ferien- und Wochenendbeschäftigte wie ich, hätten keine freien Nachmittage. Der Sohn der Tante war der offizielle Hüttenwirt. Er hatte mich angestellt und mit mir den Arbeitsvertrag und die Schichtplanung gemacht. Mit ihm waren meine zwei freien Nachmittage während der vierzehntägigen Schulferien vereinbart. Leider war der Sohn in dieser Zeit nur selten auf der Hütte zu sehen. Die Tante führte das Regiment.

Die Situation, als die Tante mich vor dem Fernsehapparat ertappt hatte, erinnerte mich an die Mutter. Vielleicht hatte die Mutter der Tante gesagt, dass ich auf der Berghütte arbeiten sollte, aber auf keinen Fall fernsehen dürfe. Vielleicht wäre die Tante weniger rabiat aufgetreten, wenn ich anstatt vor dem Fernsehgerät zu sitzen, in einem Buch gelesen hätte. Wahrscheinlich, so hatte ich mir das Auftreten der Tante damals erklärt, hatte die Tante betreffend dem Fernsehen die gleiche Einstellung, wie die Mutter. Ich glaube, die Mutter hatte Angst davor, dass ich vom Fernsehen süchtig werden könnte und in absolutes Nichtstun verfallen könnte.

Den Befehlen der rabiaten Tante habe ich mich nicht widersetzt. Ich hatte die zwei Wochen durchgearbeitet und auf meine zwei freien Nachmittage verzichtet. Allerdings habe ich nach diesen Ferien nicht wieder auf der Hütte gearbeitet. Mit der Mutter konnte ich über die Arbeit und die Tante auf der Hütte nicht sprechen. Ich war mir sicher gewesen, dass sie im Austausch mit der Tante stand. Hätte ich versucht mit ihr über die Tante zu sprechen, wäre bei diesem Gespräch nichts anderes als die mir bereits bekannte Haltung der Mutter erneut zu Tage getreten, denn sicherlich war sie bereits über mein Verhalten aus Quelle und Sicht der Tante informiert gewesen. Die Vorstellung, mit den Eltern über das Auftreten der Tante auf der Hütte zu sprechen, war mir unmöglich. In meinem Kopf fand ich Angst davor, dass meine Haltung in so einem Gespräch vermutlich Befürchtungen der Eltern bestätigen könnte, dass mir eine, gemessen an den Tugenden der Eltern taugliche Einstellung zu Arbeit und Geldverdienen nach wie vor fehlt. Dass mich die Tante gerade an einem Ort an dem ich mich zum Zwecke der Arbeit aufhielt, ausgerechnet vor dem Fernsehgerät erwischt hatte, war für die Eltern sicherlich schlimm genug gewesen. Ich glaube, das hatte Befürchtungen der Eltern bestätigt. Es hatte bestätigt, dass ich nach wie vor hochgradig gefährdet war. Ich war gefährdet Vergnügen und Faulheit, Dreistigkeit und Frechheit, Ungeheuerlichkeit und Unverschämtheit ausgerechnet an einem Ort zu fronen, wo Tugenden wie Fleiß, Unterwürfigkeit, Dankbarkeit und die Bereitschaft Opfer zu bringen, indem man auf eine Pause zugunsten engagierter, beinahe selbstloser Arbeit verzichtet, bedingungslos notwendig gewesen wären. Denn an diesem Ort, auf Tante Gretels Hütte, war ich nicht zu meinem Vergnügen gewesen, sondern ich war dort oben gewesen, um das zu erlernen, was für die Eltern den Lebensmittelpunkt darstellt: Arbeit.

Den Wagen von Martina steuere ich mit mäßiger Geschwindigkeit Richtung Gebirgsort. Links am Straßenrand sehe ich eine beschilderte Abzweigung Richtung See. Dort habe ich bis vor wenigen Tagen im Bootshaus gearbeitet. Der Bootshausbesitzer hatte zugesichert mir den letzten Teil meiner Bezahlung in den nächsten Tagen zu geben. Er wollte mich zu Hause anrufen, um mir zu sagen, wann ich das Geld abholen kann. Ab heute wird er mich zu Hause nicht mehr erreichen. Es wird also schwierig für den Chef, mir zu sagen wann ich das restliche Geld abholen kann. Ich setze den Blinker und biege langsam in die Straße zum See ab.

Auf dem Dachboden im Haus der Eltern gibt es eine riesige elektrische Modelleisenbahn. Der Vater hatte diese Anlage Jahre bevor ich in die Familie gekommen war gekauft. Nachdem mich die Eltern im Alter von dreizehn Jahren aufgenommen hatten, fand ich diese Anlage äußerst interessant. Sehr viele verregnete Wochenendnachmittage habe ich auf dem niedrigen Speicher an der Modelleisenbahn zugebracht. Im alter von fünfzehn und sechzehn Jahren war mir das Basteln an der Modellbahn zunehmend langweiliger geworden. Anstatt an der Modellbahn zu basteln hatte ich eines Nachmittags begonnen, mich auf dem Speicher genauer umzusehen. Allerhand altes Gerümpel das die Mutter dort lagerte, hatte ich dabei gefunden. Mein Interesse wurde von einem alten, tragbaren Schwarzweißfernsehgerät geweckt. Das Gerät kramte ich unter einem Berg von Kartons, Koffern und Plastiksäcken mit Kleidung hervor. Die Mutter hatte mir oft verboten nachmittags oder am Wochenende fernzusehen. Ich glaube, weil das Fernsehen in den Augen der Mutter ein grundsätzliches Übel ist, hatte sie es für richtig gehalten, dass ich abends wenn überhaupt, dann höchstens Nachrichten im Fernsehen sehe. Danach wurde das Gerät in der Regel ausgeschaltet.

Durch das gefundene alte Fernsehgerät auf dem Dachboden wurden für mich die Nachmittage bei der Modelleisenbahn wieder interessant. Ich versteckte das Gerät in einer Ecke neben einem kleinen Regal. Das Gerät funktionierte einwandfrei, der Empfang war allerdings schlecht. Während des Fernsehens ließ ich die Eisenbahn stets laufen. Ich dachte daran, dass die Mutter, unten an der Speichertreppe auf keinen Fall andere Geräusche hören darf, als das gewohnte Fahrgeräusch der Modellbahn. Es war dumm von mir gewesen, zu glauben, dass die Mutter nicht sehr schnell Verdacht schöpft. An den folgenden Wochenenden war ich lange Zeiten auf dem Speicher verschwunden. Zuvor war ich kaum mehr länger als eine Stunde auf dem Speicher bei der Eisenbahn geblieben. Vielleicht hatte die Mutter schon in früheren Zeiten hin und wieder die Speichertreppe hinauf geschaut, um sich davon zu überzeugen, dass ich an der Eisenbahn bastelte. Ich hätte ahnen können, dass sie schnell durchschauen würde, welchem Interesse ich auf dem Speicher nachging.

Jetzt lenke ich den grünen Wagen auf den gut gefüllten Parkplatz am See. Der Wächter am Parkplatz ist ein Mitschüler aus der Schule am Berg. Ich darf den Wagen kostenlos auf den Plätzen für Bedienstete abstellen. Länger als eine viertel Stunde werde ich nicht bleiben. Deshalb gibt mir der Mitschüler den Schlüssel für das Schrankenschloß. Beinahe routiniert lenke ich den Wagen auf den Parkplatz und rangiere ihn rückwärts in eine freie Lücke. Das alles wird von dem Mitschüler hinter der Glasscheibe sehr genau und mit vielleicht berechtigt sorgenvollem Blick verfolgt. Schließlich bin ich Fahranfänger. Ausgerechnet mich lässt er auf dem Mitarbeiterparkplatz herum kurven. Im Rückspiegel sehe ich den Mitschüler, wie er durch die Glasscheibe in seinem Kassenhäuschen über den vollen Parkplatz zu mir hinüber starrt. Das Auto habe ich ordentlich zwischen zwei andere Kleinwagen geparkt. Keine Schramme, keine Beule, nichts. Dem Mitschüler schiebe ich lächelnd den Schlüssel unter der Glasscheibe hindurch zurück. „Alles klar, merci dir.“ Das sage ich. Es bestätigt, dass der Mitschüler zwar seine Kompetenz überschritten hat, weil er mich hier parken lässt, das aber damit keinerlei Risiko für ihn verbunden ist. Ob der Mitschüler darüber genauso denkt wie ich, weiß ich nicht. Der Mitschüler nimmt den Schlüssel an sich, er lächelt und nickt. Ich gehe los in Richtung See. Ich laufe an Kiosken und Verkaufsständen vorbei, die mir von meinem Weg zur Arbeit im Bootshaus bekannt sind. Vor ihnen drängen sich Trauben von Touristen. Der heutige Geschäftstag ist gut.

Das Fernsehen auf dem Speicher muss für die Mutter eine meiner schlimmsten Missetaten gewesen sein. Mein Fehlverhalten war eine riesige Unverschämtheit. Ein Vertrauensbruch, der an Hinterlistigkeit nicht zu überbieten war. Das Haus hatte ich an diesem Nachmittag sofort zu verlassen. Die Eltern bestraften mich nicht mit Hausarrest. Ihre Strafe war das Gegenteil. Ich hatte hinauszugehen an die frische Luft. Die Stubenhockerei war schlecht für mich, deshalb schickten sie mich hinaus. Es hätte ihrer Grundauffassung widersprochen, mich in mein Zimmer zu verbannen. Ich sollte nach draußen gehen und dort irgendwo herumlaufen, das würde mir gut tun. Damit hatten die Eltern tatsächlich recht. Es war wesentlich gesünder und besser mich hinaus zu schicken, als mich zu Stubenarrest zu verdonnern. Im Wald war genügend Ruhe und Freiraum um bei frischer Luft über alles nachzudenken. Auf meinem Felsen im Wald überblickte ich die Dächer des Ortes und dachte über mein Fehlverhalten nach. Vor dem Abendessen brauchte ich mich, am Besten ausgerüstet mit einer ehrlich gemeinten, anständigen Entschuldigung, nicht wieder zu Hause blicken zu lassen. Ich glaube, die Mutter und der Vater hatten fürchterliche Angst davor, dass ich wegen des miserablen Fernsehprogramms zu verwahrlosen drohe. Ich kann mir das Auftreten der Eltern an dem Nachmittag nicht anders erklären. Die Mutter war fassungslos gewesen. Sofort hatte sie den Vater hinzugezogen. Der war genauso fassungslos gewesen. Das Gewicht der Schuld gegenüber den Eltern, wegen meines hinterlistigen Fernsehens auf dem Speicher schien mir an diesem Nachmittag so schwer, dass ich es kaum ertragen konnte allein auf dem Felsbrocken im Wald zu sitzen. Beide Eltern hatten mich, weil ich ihnen unentschuldbar in den Rücken gefallen war, ihres Hauses verwiesen. Beide Eltern erwarteten am Abend eine fundierte Entschuldigung für mein Fehlverhalten. Schließlich lief ich ziellos durch den Wald. Nach einer Viertelstunde saß ich wieder auf meinem Felsen. Dort hielt ich die Ruhe aber nicht lange aus. Nach wenigen Minuten lief ich durch den Wald zum Haus der Eltern zurück. Die Garagentür steht immer offen. Ich holte mein Fahrrad aus der Garage und fuhr zurück in den Wald. Ich fuhr den ganzen Nachmittag auf verschiedenen Bergstraßen auf und ab.

Zum Abendbrot hatte ich mich nicht nach Hause getraut, trotzdem war klar, dass ich irgendwie nach Hause kommen musste. Meine Fahrradstrecke auf den Bergstraßen habe ich an dem Nachmittag von Stunde zu Stunde immer näher an das Haus der Eltern verlegt. Das Haus der Eltern habe ich mit meinem Fahrrad mehrfach auf verschiedenen Straßen umrundet. Dabei habe ich die Entfernung der Straßen um das Haus immer geringer gewählt, bis ich schließlich dem Haus so nahe gekommen war, dass keine Straße mehr daran vorbei führte. Die letzte Straße, es war die Straße direkt vor dem Haus der Eltern, habe ich so gewählt, dass ich genau um fünf Minuten vor halb sieben Uhr abends auf sie ein bog. Langsam rollte ich, die Pedale kaum mehr tretend, die am Hang verlaufende Straße Richtung Elternhaus entlang. Auf der Straße war nichts los. Die Nachbarskinder hatten an dem Nachmittag nicht auf der Straße gespielt. Das Regenwetter, das meine Kleidung im Lauf des Nachmittags durchweicht hatte, war Schuld. Das Leben auf der Straße, die Ballspiele, die Versteckspiele, die Laufspiele mit den Nachbarskindern an denen ich oft beteiligt gewesen war, das alles, und damit das ganze Leben schien an diesem Nachmittag für mich still zu stehen. Ich hatte ich einen Schuldigen gefunden. Es muss der Regen gewesen sein! Nur wegen ihm hatte ich nicht auf der Straße mit den Nachbarskindern gespielt. Wegen ihm war ich auf dem Speicher bei der Eisenbahn gesessen. Es war das scheußliche Regenwetter gewesen. Das hatte mich dazu verleitet, auf den Dachboden hinauf zu steigen und dort das Vertrauen der Eltern wieder auf das Tiefste zu missbrauchen. Der Regen hatte den ganzen Tag versaut. Er hatte dafür gesorgt, dass ich auf dem Dachboden gewesen war, dass ich dort fern gesehen hatte, dass ich schließlich ein schlechtes Gewissen wegen meines Vertrauensbruches gegenüber den Eltern bekommen hatte, dass ich durchnässt durch den Wald gerannt war, dass ich verfroren aufs Fahrrad gestiegen war und Stunden lang durch die Gegend gekurvt war, um schließlich mit immer noch schlechtem Gewissen abends kurz vor halb sieben Uhr wieder zu Hause anzukommen. Meine Antwort für die Mutter war der Regen. Meine Entschuldigung war nicht ich und mein schlimmes Verhalten. Ich war es nicht gewesen. Nicht ich war schuld. Der Regen war es.

Pünktlich um halb sieben Uhr war ich zu Hause angekommen. Das war die Uhrzeit zu der täglich zu Abend gegessen wurde. Um nicht noch mehr Schaden anzurichten war ich absolut pünktlich gekommen. Mein Gewissen gegenüber den Eltern war sehr schwer belastet. Ich entschuldigte mich für mein unverschämtes Verhalten vom Nachmittag. Ich versuchte das so ehrlich, wie es mir möglich war. Erst im Treppenhaus hatte ich es geschafft, meine Gedanken an die Schuld des Regens abzudrängen. In meinem Kopf zerrte ich mein schlimmes Verhalten vom Nachmittag hervor. Das was ich dem Regen zuvor an Schuld in die Schuhe geschoben hatte, ordnete ich auf dem Absatz zum Esszimmer im Kopf endlich mir selbst zu. Damit hatten die Eltern erreicht, was sie wollten. Ich sah, wenn auch spät, meine tiefe Schuld ein. Mein niederträchtiges Verhalten war an allem schuld gewesen. In meinen Worten erklärte ich den Eltern, dass ich einsehe, welche Schuld ich auf mich geladen hatte. Ich versprach, dass es nie wieder vorkommen werde, dass ich die Eltern nie wieder so niederträchtig hintergehen werde. Es war nie wieder vorgekommen. Abends im Wohnzimmer der Eltern habe ich auch nach diesem Nachmittag weiterhin immer dann ferngesehen, wenn sie ins Konzert, oder ins Theater gefahren waren. Die Eltern hatten das immer gewusst. Die Mutter hätte den Fernsehschrank versperren können. Das hatte sie nicht getan.

Das von der Mutter so gehasste und auch nach meiner Meinung sehr schlechte Fernsehprogramm, war für mich weiterhin erreichbar geblieben. Dass ich abends fernsah, wenn die Eltern außer Haus waren, war niemals in der Familie besprochen worden. Die Eltern hatten diese Tatsache stillschweigend hingenommen. Vielleicht war das eine Taktik der Mutter gewesen? Für mich war diese Taktik undurchschaubar geblieben. Während verschwiegen wurde, was alle gewusst hatten, dass ich fernsehe wenn die Eltern abends weg waren, bestand ein unausgesprochenes Verbot, dann fernzusehen, wenn abends alle zu Hause waren. Um das Medium Fernsehen hatte ein jahrelanger Kampf zwischen den Eltern und mir stattgefunden. Vielleicht konnte das deshalb geschehen, weil wir nie gemeinsam fernsahen. Vielleicht wäre das alles ganz anders verlaufen, wenn zu Hause über die Inhalte, die das Fernsehen zeigte nicht geschwiegen worden wäre.

Langsam laufend arbeite ich mich durch Menschenmassen an den See heran. Aus den Küchen der Hotels und Restaurants am Straßenrand rieche ich, dass es nahe der Mittagszeit ist. Ich habe keine günstige Uhrzeit gewählt um den Besitzer des Bootshauses aufzusuchen. Zwischen elf und dreizehn Uhr war er an der Kasse immer von seinem Sohn vertreten worden. Weil das auch heute so ist, treffe ich dort den Sohn an. Ich hinterlasse meine neue Adresse in der großen Kreisstadt. Ich bitte darum, dass der Chef mir das Geld dorthin schicken möge. Der Sohn sichert zu, dass sein Vater das bestimmt tun werde. So laufe ich entgegen dem Touristenstrom zurück Richtung Parkplatz.

Niemals habe ich im Geschäft der Eltern mitgearbeitet. Nur einmal, kurz nachdem ich bei den Eltern eingezogen war, hatte ich dem Vater in einem kleinen Lager, dass er damals nahe dem Bahnhof angemietet hat, beim Einlagern von Kisten geholfen. Es war darum gegangen angelieferte Ware in dem Lager zu verstauen und bestimmte Waren, die der Vater im Geschäft benötigte, auszupacken. Das war das einzige Mal gewesen, dass ich dem Vater bei seiner Arbeit geholfen hatte. Vielleicht war es nur einmal dazu gekommen, weil es mir lieber gewesen war, wo anders einen Ferienjob zu machen, um der Kontrolle der Eltern zu entgehen.

12. Mittagszeit im Gebirgsort

Ich steuere den Wagen vom Parkplatz am See zurück auf die Straße, die inzwischen bis zur Parkplatzzufahrt dicht an dicht mit Autos voll geparkt ist. Langsam fahre zwischen den gedrängt parkenden Autos zurück zur breiten Hauptstraße. Die Tankanzeige bewegt sich nicht. Sie zeigt, egal ob Gefälle oder Steigung, stets voll an. Auf der breiten Straße erreiche ich das Ortsschild. Ich biege rechts ab. Die Hauptstraße durch den Ort führt vorbei am Rathaus, der Kirche, dem Marktplatz und dem Geschäft der Eltern. Ich fahre langsam, denn ich sehe viele Touristen auf den Gehsteigen. Ich rechne jederzeit damit, dass einer von ihnen unvermutet auf die Straße vor den Wagen springt. Auf meiner Armbanduhr sehe ich, dass es viertel vor ein Uhr Mittags ist. Die meisten Geschäfte, auch das der Eltern sind bis zwei oder halb drei Uhr geschlossen. Jetzt fahre ich langsam am geschlossenen Laden der Eltern vorbei. Das Geschäft öffnet um vierzehn Uhr wieder. Das war jahrelang genau die Uhrzeit gewesen, zu der ich von Bahnhof und Schulbus nach Hause angekommen war. Weil die Eltern jetzt nicht in ihrem Geschäft stehen, denn sie sitzen zu Hause beim Mittagessen, möchte ich noch nicht nach Hause fahren, um meine Sachen aus der Garage in das Auto einzuladen. Ich könnte das tun, aber ich glaube nicht, dass es besonders geschickt von mir wäre.

Als ich heute Morgen das Haus der Eltern verlassen habe, um in die große Kreisstadt zu fahren, war ich im Treppenhaus der Mutter begegnet. „Wirf deinen Schlüssel in den Briefkasten“, hatte sie mir nachgerufen. Das war der Abschied zwischen uns beiden. Der Abschied war schon lange Zeit eingeleitet. In den vergangenen Wochen und Monaten waren wir uns kaum mehr begegnet. Heute Morgen haben wir uns nicht die Hände geschüttelt, um uns von einander zu verabschieden. Wir waren bereits verabschiedet.

Die Mutter hatte den Briefkasten erwähnt. Das bedeutet, dass sie davon ausgeht, mich heute nicht wieder zu sehen. Warum sonst hätte sie mich bitten sollen, den Schlüssel einzuwerfen? Wollte sie mich heute noch einmal sehen, wollte sie sich von mir verabschieden, und meine Schlüsselrückgabe für den Abschied nutzen, dann hätte sie heute morgen nicht so gesprochen. Die Mutter will mich heute nicht mehr sehen. Gleiches gilt für den Vater. Den habe ich heute noch nicht gesehen. Zwischen den Eltern und mir sind der Worte genug gewechselt. In den letzten Monaten waren es vor allem Worte des Kampfes zwischen uns. Meine unqualifizierten Worte mit denen ich den Eltern vor fünf Jahren begegnet war, hatten von Beginn an den heutigen Abschied eingeleitet. Jetzt, wo ich im Wagen auf der Straße hinauf zum Haus der Eltern unterwegs bin, glaube ich, dass sich von Beginn an entwickelt hatte, was heute wahr wird. Meine Zeit bei den Eltern läuft mit dem heutigen Tag ab.

Mein Abschied am heutigen Tag ist so gesehen perfekt vorbereitet. Wegen seiner jahrelangen Geschichte ist der heutige Abschied eindeutig klar. Der Abschied ist so eindeutig klar, dass heute keine Worte des Abschieds zwischen uns notwendig sind. Kann das sein? So frage ich, während ich Gas gebe um mit dem Wagen die Steigung auf der Pflasterstraße zu nehmen, die jahrelang ein Teil meines täglichen Schulweges zum Bahnhof gewesen war.

Mit dem Auto sind es jetzt nur noch wenige Sekunden, bis die Straße zum Haus der Eltern nach rechts abgeht. Mit dem Wagen kann ich hier nirgendwo stehen bleiben, um noch mehr Zeit für meine Überlegungen, für die Frage zu haben, ob sein kann, was ich gerade denke. Nur Sekunden bleiben, in denen ich entscheiden muss, ob ich abbiegen sollte, um in die Straße der Eltern zu gelangen, um mich jetzt von ihnen zu verabschieden. Kann es sein, dass Abschied nach so langen Jahren nicht nötig ist? Ist das ein Abschied?

Wer soll sich von wem verabschieden? Wahrscheinlich sollte ich mich verabschieden, denn ich war Gast im Haus dieser Eltern gewesen. Ich bin derjenige, der heute wieder weg geht, auch wenn klar ist, dass ich gehe, weil ich im Haus der Eltern nicht länger geduldet werde. Wahrscheinlich sollte ich mich nicht nur ordentlich verabschieden, sondern ich sollte mich auch herzlichst bedanken, für alles, was ich in den vergangenen Jahren von den Eltern erhalten habe. Schließlich habe ich von den Jahren profitiert. Schließlich sind die Eltern es gewesen, wegen denen ich die Schule geschafft habe und mit hoher Wahrscheinlichkeit eines Tages einen Beruf haben werde und auf eigenen Beinen stehen werde. Ihnen habe ich zu verdanken, dass ich nicht weiterhin dumm auf der alten Schule geblieben war. Vielleicht habe ich den Eltern zu verdanken, dass ich nicht so dumm bin, wie Michael, der mich heute einige Meter in seinem Wagen mitgenommen hat, so dass ich erleben musste, dass Michael heute wohl nicht viel gescheiter ist, als er es früher gewesen war. Vielleicht wäre ich ohne diese Eltern weiter zum Opfer der Gewalt von dummen Mitschülern und Erwachsenen geworden. Vielleicht wäre auch ich inzwischen zu einem dummen Gewalttäter geworden. Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, dass ich mich eigentlich verabschieden und bedanken sollte, denn ich habe Grund genug dies zu tun. Trotzdem fahre ich an der Straße der Eltern vorbei. Ich fahre weiter den steilen Berg hinauf. Ich bin nicht in die Straße der Eltern eingebogen. Würde ich jetzt schon meine wenigen Kisten, den Schreibtisch und die Schrankbretter aus der Garage der Eltern einladen, müsste ich noch ein letztes Mal hinauf ins Haus gehen. Dort müsste ich mich verabschieden und bedanken. Dabei würde ich mir heute aber heuchlerisch vorkommen. Tue ich es nicht, ist das eine weitere Unverschämtheit von mir.

Ich traue mich nicht heute einfach Aufwidersehen zu den Eltern zu sagen und ihnen die Hand zu reichen nach den langen Jahren. Heute habe ich wieder ein sehr schlechtes Gewissen gegenüber den Eltern. Ich habe Angst, die Eltern würden mein Auftreten, jetzt zur Mittagsstunde in ihrem Haus, als letzte Provokation empfinden. Ich glaube, dass es für die Mutter unmöglich wäre, etwas Gutes daran zu finden. Würde ich jetzt in einem von Freunden geliehenen Wagen vorfahren, um einzuladen und Abschied zu nehmen, die Eltern fänden abermals bestätigt, dass ich keinerlei Anstand besitze. Die Mutter würde glauben, dass es mir heute nicht schlecht dabei geht, ihr Haus zu verlassen. Deshalb fahre ich mit dem Wagen zunächst an der Straße der Eltern vorbei! Oben auf dem kleinen Berg biege ich in eine Nebenstraße. Dort bleibe ich am Waldrand im Schatten stehen. Ich bleibe minutenlang im Wagen sitzen. Draußen sehe ich im Wind wippende Äste riesiger Laubbäume. Ich entschließe mich auszusteigen und ein bisschen auf dem Waldweg entlang zu laufen. Es ist ein Weg, den ich schon oft gelaufen oder mit dem Fahrrad gefahren war.

Die Mutter soll nicht den Eindruck gewinnen, dass es mir heute gut geht. Es geht mir nicht gut. Es geht mir aber auch nicht schlecht. Ich tue heute was lange klar geworden war. Ich verlasse das Haus der Eltern, ohne dabei viele Worte loszuwerden, weil alles zwischen uns bereits gesagt worden war. Zumindest scheint aus heutiger Sicht alles gesagt. Ob das was heute geschieht gut oder schlecht für meine Zukunft ist, werde ich merken. Vielleicht spüre ich es morgen schon, vielleicht in Tagen, vielleicht Wochen, Monaten. Es kann sogar sein, dass es Jahre dauern wird, bis ich entscheiden kann, ob es mir im Zusammenhang mit den Jahren bei den Eltern mit dem heutigen Ende gut oder schlecht geht. Deshalb wäre es völlig falsch, wenn die Mutter heute glauben würde, es ginge mir gut dabei zu gehen.

Ich glaube, auch die Eltern werden erst in Jahren merken, ob es sich gelohnt hat, in mich zu investieren. Auch für sie wird meine Anwesenheit in ihrem Hause verblassen. Vielleicht wird das Gewicht der Verletzungen die ich ihnen wegen meines Fehlverhaltens zugefügt habe, im Laufe der Jahre sogar abnehmen. Vielleicht wird die Mutter eines Tages nicht mehr so erbost sein, wenn sie sich daran zurück erinnert, welches Unglück ich in ihr Haus gebracht habe. Hoffentlich werden die Eltern eines Tages sehen, dass aus mir kein schlimmer, gewissenloser Verbrecher geworden ist, obwohl ich nicht zu dem geworden bin, den sie sich gewünscht hatten.

Ich stehe vor dem Wagen, wenige hundert Meter oberhalb es Hauses der Eltern. Noch ist der Tag an dem ich sie verlasse nicht vorüber, und ich denke schon darüber nach, wie die Eltern und ich all das was geschehen ist in vielen Jahren vielleicht einmal sehen werden. Ich denke daran, dass wohl sehr viele Jahre vergehen müssen, bis meine Entwicklung, mein Scheitern in diesem Elternhaus für uns alle überwunden sein wird. Heute schon, wo ich die Eltern nicht einmal richtig verlassen habe denke ich daran, dass viele Jahre vergehen müssen, bis ich dieses Haus vielleicht wieder betreten werde.

Der Waldweg führt zunächst leicht, später steil bergab. Auf Höhe des Elternhauses quert er einen andern Waldweg, den ich morgens immer ein Stück in den Wald hinein gelaufen war, um zum Busbahnhof zu gelangen. Ich laufe langsam. Dabei sehe ich mir den Weg an. Ich kenne jeden winzigen, abzweigenden Pfad genau. Immer steiler werdend führt der Waldweg hinunter in den Ort. Er endet an einer steilen Teerpiste. Nach mehreren hundert Metern führt die nahe dem Marktplatz auf die gepflasterte Fußgängerzone.

Dort gibt es eine Gaststätte, in der ich in den Osterferien vor zweieinhalb Jahren den ersten Ferienjob meines Lebens angetreten hatte. In der Küche hatte ich zwei wochenlang alles gemacht, was mir vom Küchenchef aufgetragen wurde. Morgens um neun Uhr ging es meist mit Kartoffelschälen, Gemüseputzen und Salatwaschen los. Nachmittags um drei Uhr durfte ich nach dem Abspülen und Abtrocknen für drei Stunden nach Hause gehen. Von sechs Uhr abends bis neun Uhr ging es wieder ans Abspülen und Trocknen. Meine Klamotten hatten abends entsetzlich nach Hotelküche gestunken. Zum Lüften habe ich sie in den Nachmittagsstunden und über Nacht auf den Balkon gehängt. Die Arbeit hatte mir Spaß gemacht, obwohl sie anstrengend war. Während der Nachmittagspause hatte ich immer geschlafen. Abends war ich täglich um halb zehn Uhr nach Hause gekommen. Todmüde vom Gemüse putzen und Geschirr spülen war ich immer schnell im Bett verschwunden. In meiner Erinnerung hatte es während dieser zwei Wochen keine Probleme zwischen den Eltern und mir gegeben. Wahrscheinlich war ich von der Arbeit so müde gewesen, dass ein Aufbäumen, welcher Art auch immer, gar nicht mehr möglich war.

Vielleicht wäre es zwischen den Eltern und mir besser gegangen, wenn ich damals eine Ausbildung angefangen hätte. In einer Lehrstelle hätte ich täglich lange und schwer zu arbeiten gehabt. Die Zeit um zu Hause Streitereien und Konflikte auszutragen, etwa nachmittags die Lernzeit mit der Mutter, hätte es nicht gegeben. Ich wäre beschäftigt mit der Arbeit gewesen. Es hätte weniger Berührungspunkte mit der Mutter wegen der Schule gegeben. Ich hätte andere gleichaltrige Freunde gehabt. Ob das am Kontakt und der Beziehung zu den Eltern wirklich etwas verbessert hätte ist nicht sicher. Ich weiß, dass die Eltern sehr viel arbeiten. Ob aber ein arbeitender Auszubildender in die Familie gepasst hätte, das weiß ich nicht.

Weil ich glaube, dass zwischen dem Vater und mir unsere unterschiedliche Sprache vieles gar nicht möglich gemacht hatte, wäre eine Lehre vielleicht wenig hilfreich gewesen. Durch die Schule hatte ich schnell die Möglichkeit eine bessere Sprache zu erlernen. Für das Gespräch zwischen mir und dem Vater reicht das allerdings bis heute noch nicht. Die Anstrengungen einer Lehre hätten vielleicht dazu geführt, dass ich meine Mithilfe im Haushalt, in der Küche, das Rasenmähen, das Kehren des Gartenweges, das Aufräumen der Garage oder das Schneeräumen im Winter eingeschränkt hätte. Das hätte für die Mutter schlimmes bedeutet, wo sie ohnehin schon gesagt hatte, dass ich mich wie in einem Hotel verhalten habe. Wäre ich täglich einer Lehre nachgegangen, wäre ich noch weniger zu Hause gewesen. Wahrscheinlich wäre ich, genauso wie es in der Schule gewesen war, während der Woche allein am Frühstückstisch gesessen. Mittags wäre ich nicht nach Hause gekommen. Abends wäre ich müde gewesen und hätte wohl kaum mehr zu Hause bei der Hausarbeit mit geholfen. Vielleicht hätte ich mich weniger in der Jugendgruppe aufgehalten. Wegen der anstrengenden Lehre, wäre ich dort sicherlich nicht mehr oft hingegangen. Das wäre es vielleicht gewesen! Hätte ich eine Lehre begonnen, anstatt der neuen Schule, wären die Ideen, auf die ich wegen der Jugendgruppe gekommen war, ganz sicher wesentlich weniger einflussreich für mich gewesen. Die Jugendgruppe, der Ort, der mir unter Gleichaltrigen viel Sicherheit vermittelt hatte, wäre vielleicht beinahe ausgefallen. Kräfte, die ich dort gesammelt hatte, hätte ich nicht mit nach Hause zu den Eltern gebracht. Eine Entwicklung, die ich in der Gruppe gemacht hatte, wäre ausgefallen. Vielleicht wäre das gut gewesen, denn die Gruppe hatte großen Einfluss auf mich. Meine besten Freunde habe ich dort kennen gelernt. Weniger oder gar keine Zeit für diese Gruppe hätte ganz sicher eine andere Entwicklung für mich und wahrscheinlich für die Beziehung zu den Eltern bedeutet.

13. In der Straße der Eltern

Erst um viertel nach zwei Uhr steige ich wieder in den Wagen und wende ihn umsichtig. Ich fahre im zweiten Gang die steil abfallende Straße langsam hinunter. Gleich nach einer Baustelle für einen großen Hotelkomplex biege ich nach links in die Straße ein, in der ich fünf Jahre lang im Haus der Eltern gelebt habe.

Der Rohbau auf der Baustelle für das mehrstöckige Hotel ist bereits fertig. Der Dachstuhl ist fertiggestellt, oben erkenne ich einen winzigen Baum, das Richtfest war bereits gefeiert worden. Früher war hier eine schöne Wiese mit einem alten großen Baum. Auf dieser Wiese hatte ich vor fünf Jahren die ersten Kinder in meiner Straße bei den Eltern kennen gelernt. Von den Nachbarskindern war ich schnell in ihr Spiel aufgenommen worden. Im ersten Sommer, den ich hier gewohnt hatte, waren wir schwer damit beschäftigt gewesen, auf der hohen Buche am Rand des Grundstücks eine Baumhütte zu bauen. Die alte Buche suche ich jetzt vergeblich. Sie musste dem Neubau weichen. Auf diesem Grundstück hatten wir im Sommer jeden Nachmittag Verstecken und Fangen gespielt. Über die wenig befahrene Straße hatten wir ein altes Seil gespannt und Ballspiele gemacht. Das Grundstück war mehrere Jahre lang der tägliche Treffpunkt für die Kinder in der Straße gewesen. Dort habe ich nachmittags immer Nachbarskinder zum Spielen gefunden. Den Nachbarskindern war es egal, ob es zu Hause mit den Eltern gut oder schlecht lief. Was zu Hause war, war hier kein Thema. Hier ging es um Toben, Rennen, Schreien, Spielen, Gewinnen oder Verlieren. Ob zu Hause Streit war, spielte auf dem Spielplatz Straße und auf dieser Wiese keine Rolle. Mich fragte keiner wie es geht, sondern nur, ob ich mitspiele. Ich habe immer mitgespielt.

Heute Nachmittag ist hier kein Kind unterwegs. Von der Baustelle dröhnt der Lärm der Betonmischer. Auch der Baum an dem wir unsere Schnur befestigt hatten fehlt. Dort führt nun eine geteerte Einfahrt hinunter in eine Tiefgarage für die künftigen Hotelgäste. Der Ort ist vom Tourismus geprägt. Unsere alte Spielstraße bleibt davon nicht verschont.

Schon in den vergangenen zwei Jahren, ich war dem Alter für die Spiele auf der Straße längst entwachsen, hatte ich auf der Straße kaum mehr Kinder gesehen. Das Spielen auf der Straße und auf diesem Grundstück hatte ich mit fünfzehn Jahren aufgegeben. Ich hatte andere Interessen. Auch bei den früheren Spielgefährten, sie waren alle in meinem Alter, war das so gewesen. Die Nachmittage auf der Straße waren, ohne dass wir das geplant hätten eines Tages vorbei, als wären sie einfach eingeschlafen. Hin und wieder hatte ich die Nachbarskinder später noch getroffen. Ich sah sie im Ort beim Einkaufen, oder ich grüßte sie auf dem Schulweg nach Hause beiläufig. Die Interessen der Nachbarskinder haben sich anders entwickelt. Das Spiel auf der Straße war vorbei und keines der Nachbarskinder habe ich in der Jugendgruppe wieder getroffen. Dort habe ich neue, andere Jugendliche kennen gelernt. Ich weiß nicht, wie die Nachbarskinder ihre Freizeit verbracht haben, nachdem das Spiel auf der Straße vorbei gewesen war.

In der Straße der Eltern ist es heute Nachmittag ruhig. Kein Mensch ist unterwegs um diese Zeit. Langsam fahre ich an den bekannten Häusern meiner früheren Spielgefährten vorbei. Ich sehe niemanden auf dem Gehsteig. Auch in den Hauseingängen oder in den Fenstern sehe ich niemanden. Die Straße wirkt wie ausgestorben. Am Ende der Straße, es ist eine Sackgasse, erreiche ich das Haus der Eltern. Das Haus liegt einige Meter oberhalb der Straße. Man erreicht es über Treppenstufen und einen ansteigenden Weg. Ich steuere den Wagen am Straßenrand vor die offene Garage. Die Garage ist in einen kleinen Hang eingemauert, auf dem das Haus der Eltern steht. Sie ist stets offen, denn es gibt hier keine Diebe. Meine wenigen Kisten finde ich genauso vor, wie ich sie gestern an der Wand in die Garage gestapelt habe.

Ich lade die Kisten in den Kofferraum und auf die Rückbank des Autos. Die Bretter von meinem Kleiderschrank lade ich auf den Dachträger. Das schwerste Stück ist mein kleiner Schreibtisch. Mit Mühe schaffe ich es, auch ihn auf das Autodach zu wuchten. Ihn und die Bretter schnüre ich mit Gurten fest die mir Martina mitgegeben hat. Das Auto sieht schwer beladen aus. Der Schreibtisch auf dem Dach macht einen etwas riskanten Eindruck. Seine Füße ragen in den blauen Himmel. Vor dem Hintergrund der Bergketten und dem strahlend blauen Himmel darüber, betrachte ich sekundenlang diesen beladenen, kleinen, grünen Wagen. Das wäre ein hübsches Foto vom Ende meiner Zeit hier. Die Gurte ziehe ich gut fest, sie sind für schwere Lasten geeignet. Trotzdem macht die Ladung auf dem Dach einen wenig gesicherten Eindruck. Der Stuhl muss noch auf den Beifahrersitz. Also lade ich die dortigen Kisten noch mal aus. Zuerst den Stuhl auf den Sitz, dann zwei Kisten zwischen die aufragenden Stuhlbeine. Die dritte Kiste muss irgendwie noch in den Kofferraum. Der lässt sich jetzt nicht mehr ganz schließen, ich binde ihn mit einer Schnur fest. Endlich habe ich alles verstaut. Der Wagen sieht aus, als sei er mit einer Fuhre Gerümpel für den Sperrmüll beladen. Dass dies mein Umzug sein soll, finde ich einen Moment lang lächerlich. Das ist mein Umzug. Ich habe alles eingeladen. Ein kleines, altes Auto reicht für meinen spärlichen Besitz. Kritisch rüttle ich an den Schrankbrettern. Vorne ragen sie über Windschutzscheibe und Motorhaube heraus. Die Fahrt geht los.

Behutsam steuere ich den Wagen durch die Kurven hinunter zur Hauptstraße. Ich bin froh, dass ich nicht mitten durch den Ort vorbei am Geschäft der Eltern fahren muss. Mein Umzugsvehikel sieht auffällig aus. Sicherlich würden die Menschen an der Hauptstraße im Ort einen neugierigen Blick auf den Fahrer werfen, der mit so einer Gerümpelfuhre unterwegs ist. Ich glaube, einige neugierige Menschen auf der Straße könnten erkennen, dass ich es bin, der hier eine Ladung Sperrmüll abtransportiert. Ich fahre nach rechts Richtung Ortsausgang. Dort beschleunige ich behutsam.

14. Umzugsfahrt

Obwohl ich nach dem Ortsendeschild schneller fahren dürfte, bewegt sich die Tachonadel zwischen sechzig und siebzig Kilometern. Mit der Ladung auf dem Dach will ich nichts riskieren. An der ersten Bushaltestelle bleibe ich stehen und kontrolliere die Ladung und die Gurte. Nichts hat sich verschoben, die Gurte sind fest.

Mit sechzig Stundenkilometern fahre ich durch verschiedene kleine Orte, die ich alle kenne. Langsam kriecht der Wagen den Berg hinauf zu den Bahngleisen, die am Bahnübergang über die Straße führen. Hier fahre ich auf den Seitenstreifen, um eine lange Autoschlange vorbei zu lassen, die sich hinter mir gebildet hat. Erst als kein Fahrzeug mehr kommt fahre ich langsam in die erste Kurve. Die Straße fällt steil ab. Im zweiten Gang halte ich das Auto auf niedriger Geschwindigkeit. Die Bremse benutze ich deshalb kaum. Im Rückspiegel sehe ich einen Reisebus. Dicht fährt der Bus auf. Vor jeder Kurve höre ich seine Bremse laut quietschen. Ich versuche mich davon nicht irritieren zu lassen. Ich will dass meine Ladung auf dem Dach bleibt und nicht in einer Kurve über die Leitplanken und die Felsen stürzt. Deshalb fahre ich gleichmäßig langsam, ohne unnötige Bremsmanöver vor den Kurven.

Kaum habe ich das Tal erreicht, in dem die kurvenreiche Bergstrecke in einer langen Geraden ausläuft, unternimmt der Busfahrer hinter mir sein geplantes Überholmanöver. Um nicht länger ein Verkehrshindernis zu sein, und weil ich die Nerven der Fahrer in der langen Autoschlange, die ich im Rückspiegel sehe nicht länger strapazieren möchte, setze ich frühzeitig den Blinker nach rechts und fahre an einer Bushaltestelle am Ende der Geraden auf die Seite. Wieder kontrolliere ich meine Ladung auf dem Dach. Dort ist alles in Ordnung.

An der kleinen Kreisstadt führt eine Umgehungsstraße vorbei. Ich fahre auf eine Nebenstrecke, die weniger befahren ist. Dort biege ich in Richtung große Kreisstadt ab. Der leere Tank fällt mir wieder ein. Kurz vor der Abzweigung auf die Nebenstraße finde ich eine Tankstelle. Das Benzin ist hier billiger als in meinem Gebirgsort. Den Wagen tanke ich nicht voll, das wäre mir immer noch zu teuer und für die Entfernung, die ich vor mir habe auch übertrieben.

Die Nebenstrecke kenne ich, weil die Mutter mit mir in einem Landgasthof auf dieser Strecke einen Kaffee getrunken hatte und wir eine Kleinigkeit gegessen hatten. Es war der Nachmittag gewesen, als wir das neue Zimmer besichtigt hatten. Weil weder die Mutter noch ich an diesem Tag etwas zu Mittag gegessen hatten, war die Mutter auf die Idee gekommen auf die Nebenstrecke abzubiegen um in dem Landgasthof eine kurze Pause einzulegen. Die Mutter äußerte sich über Frau Stößer sehr angetan. Sie war der Meinung, dass ich in deren Hause gut untergebracht sein werde. Die Miete für das Zimmer sei angemessen und das Haus sei in sehr ordentlichem Zustand. Es sei wirklich Glück, dass gleich das erste Angebot so vertrauenswürdig ist. Das spare uns viel Zeit und weitere Mühe. Der Meinung der Mutter habe ich mich in allen Punkten angeschlossen.

Frau Stößer hatte auch auf mich einen guten, irgendwie bürgerlichen, reichen, strebsamen und geschäftstüchtigen Eindruck gemacht. Dass ich mir eine lockerere Vermieterin gewünscht hätte und dass ich auch mit einem alten Haus, anstatt eines Neubaus, sehr zufrieden gewesen wäre, wollte ich der Mutter an dem Nachmittag nicht sagen. Es hätte wenig Sinn gehabt mit der Mutter über Frau Stößer, das Haus und das Zimmer zu diskutieren. Es wäre überhaupt nicht sinnvoll gewesen an dem Nachmittag im Landgasthof einen ehrlichen Austausch mit der Mutter über das neue Zimmer zu suchen. Auch wenn ich überzeugt war, das dies das richtige Zimmer für mich ist, wären kritische Worte von mir über Frau Stößer und ihr Haus nicht gut gewesen. Ich glaube, das hätte einen unnötigen Streit zwischen der Mutter und mir gegeben. Wenn ich der Mutter im Landgasthof geantwortet hätte, dass ich die Zukunft zwischen Frau Stößer und mir in einem neutralen Mietverhältnis sehe und es mir deshalb vollkommen egal ist, ob Frau Stößer auf die Mutter einen guten Eindruck gemacht hat, das wäre sehr schlimm gewesen. Stattdessen war mir der Eindruck der Mutter wichtig. Es war wichtig und richtig, dass ich bei Frau Stößer gut aufgehoben sein werde. Es war gut, dass die Mutter diesen Eindruck gewonnen hatte und dass ich mich sofort auf das Mietangebot eingelassen hatte. Für mich ist es wichtig, dass Frau Stößer dieses Zimmer an mich vermietet und wir miteinander als Mieter und Vermieter zurechtkommen. Gerne hätte ich mit der Mutter darüber diskutiert, was an Frau Stößer den vertrauenswürdigen Eindruck bei der Mutter ausgelöst hatte. Weil so eine Frage und Diskussion für die Mutter reine Provokation gewesen wäre, habe ich das unterlassen. Stattdessen habe ich ihr zugestimmt. Die Zeit der Auseinandersetzung mit den Eltern war abgelaufen. Weil meine Zukunft ohne die Eltern greifbar nahe gerückt war, habe ich seit einigen Wochen in den Gesprächen mit den Eltern immer eine zustimmende Haltung eingenommen.

Anstatt mich weiter mit den Eltern und dem Zuhause auseinander zu setzen, war ich mehr und mehr mit mir selbst beschäftigt. Immer stärker hörte ich in mir die Frage, wie ich den bevorstehenden Bruch zwischen den Eltern und mir überstehen werde. Seit der Besichtigung des Zimmers, habe ich begonnen dem stärker nach zu spüren. Jeden Abend dachte ich vor dem Einschlafen daran, dass sehr bald ganz andere Dinge als die bisherige Auseinandersetzung zwischen den Eltern und mir wichtig werden. Heute, wo ich langsam in meinem Umzugswagen diese Nebenstraße Richtung große Kreisstadt entlang fahre, beginnt die Auseinandersetzung mit mir selbst. Kampf findet ab heute nicht mehr zwischen den Eltern und mir statt. Ich selbst bin es, mit dem ich ab heute zu kämpfen habe. Heute geht dieser Kampf los. Gedanken in meinem Kopf gelten ab heute meiner Zukunft an der die Eltern nicht beteiligt sind. Jetzt geht der Kampf schon los. Ich muss weiter kommen, ohne die Eltern. Ich muss mich durchkämpfen, ohne die Eltern. Ich muss einen Weg finden, ohne die Eltern. Ab morgen werde ich alleine leben. Ab morgen wird alles, was in den vergangenen Jahren zwischen den Eltern und mir nicht richtig funktioniert hatte, alles was zwischen uns zu Streit geführt hat, all meine Fehlleistungen der letzten fünf Jahre, das alles wird mir in einem völlig andern Licht erscheinen, weil ich ab morgen mit mir selbst zu kämpfen habe.

In meinem täglichen Alltag wird all das was zwischen den Eltern und mir gewesen war nicht mehr sichtbar sein. Es wird vorbei sein. Es ist aus. Es ist abgelaufen. Vielleicht ist es auch irgendwie überstanden. Was bleibt ist nicht erkennbar. Ich kann es nur mit Mühe beschreiben. Obwohl es nicht mehr da ist, ist es schwer. Das schwere habe ich überall mit dabei. Ich trage es mit mir. Ich kann es aber eigentlich nirgendwo gebrauchen. Trotzdem muss ich es mit mir tragen. Ich muss die Kraft aufwenden das zu behalten. Es ist meines, deshalb kann ich das nicht an irgendeiner Ecke abladen. Ich trage also etwas schweres überall hin mit mir herum, mit dem ich in dem Moment, in dem ich es dabei habe eigentlich nichts anfangen kann. Ich kann es auch nicht her zeigen. Das geht nicht, denn eigentlich habe ich es gar nicht mehr. Es ist einfach vorbei. Es ist nichts, das ich her zeigen kann. Trotzdem muss ich es weiter tragen. Es gehört zu meinem Leben. Das kann ich nie abgeben. Ich kann mir das nicht erklären. Es ist all das, was von dem bei mir bleibt, das zwischen den Eltern und mir jahrelang entstanden und gewesen war. Ich glaube ab morgen wird es für mich wichtig werden, dass ich lerne mein neues Leben irgendwie gut zu meistern.

15. Die Ankunft

Die Nebenstraße führt durch mehrere Täler in denen sie kleinere Ansiedlungen und Ortschaften durchquert. Ich fahre nicht schneller als sechzig Kilometer. Wieder bleibe ich stehen, um Schreibtisch und die Schrankbretter auf sicheren Halt zu überprüfen. Was ich hier transportiere ist alles, was ich besitze. Rechts am Straßenrand fahre ich an einem Hinweisschild vorbei. Bis zur großen Kreisstadt sind es noch sechs Kilometer. An einer Abzweigung steht ein Mann mit einem Fahrrad. Der Mann hält den Daumen raus. Ich bleibe stehen, obwohl mein Wagen schon voll beladen ist. Der Mann, jetzt erkenne ich, dass er jung ist, er dürfte in meinem Alter sein, kommt an mein geöffnetes Fahrertürfenster.

„Wo soll’s denn hin gehen?“ So frage ich. „Nur drei Kilometer in diese Richtung“, der Mann zeigt Richtung der großen Kreisstadt, „und dann noch einen Kilometer nach links ab, wenn’s recht ist.“ So spricht er und lacht. Lächelnd läuft er eine Runde um mein Vehikel. Kritisch begutachtet er meine Ladung. Dabei lacht er. Er lehnt sich an mein geöffnetes Fenster. „Das dürfte doch wohl kein Problem sein. Im Wagen ist doch noch reichlich Platz.“ Während er so spricht, zeigt er auf den von Holzstuhl und Kisten beladenen Beifahrersitz. Erwartungsvoll lächelt er mich an. „Na dann wollen wir mal einladen“, sage ich und steige dabei aus. „Hervorragend“, ruft der Tramper. Er reicht mir seine Hand, die ich ergreife und schüttle. „Manfred heiß ich, stamme nicht aus diesem herrlichen Bayernland, lebe aber schon seit Jahren hier, fühle mich dabei noch immer wohl, komme grad aus der Werkstatt und hab nen Platten am Rad’l. Freu mich weil ich nun bald, vielleicht sogar noch vor dem Regen trockenen Fußes zu hause bin.“ Weil Manfred mich mit so einem überschwänglichen Redeschwall begrüßt, antworte ich darauf: „Bert mein Name, stamme auch nicht aus dieser Gegend, komme gerade eben von den Bergen, mache heute meinen Umzug und plane mich ab sofort in der großen Kreisstadt niederzulassen.“ Während wir ausladen und wieder einladen erfahre ich, dass Manfred eine Schreinerlehre macht und vor zehn Minuten an der Abzweigung auf seinem Heimweg von der Arbeit, mit seinem Uraltfahrrad in einen winzigen nach oben stehenden Nagel gefahren war.

Wir brauchen die Zeit einer knappen halben Stunde, um auszutüfteln wie wir die beiden Umzugskisten in den vollen Kofferraum laden und den Stuhl zusammen mit Manfreds großem, schwarzen Opafahrrad auf das Dach zwischen die Tischbeine meines Schreibtisch schnallen. Manfred ist ein höchst geduldiger Mensch. Meine Umzugskisten passt er, wie es vielleicht nur ein geübter Handwerker schaffen kann, in den voll beladenen, kleinen Kofferraum. Natürlich funktioniert das nur, weil Manfred den Kofferraum zunächst ganz leer räumt. Die Hälfte meines Umzugsgutes sehe ich minutenlang am Straßenrand der einsamen Nebenstraße stehen. Der Himmel über uns ist inzwischen düster geworden. Meine wenigen Kisten lehnen gestapelt an einem Straßenbegrenzungspfosten. In diesen Sekunden wird mir wieder klar, wie wenig das ist. Meinen spärlichen Besitz räumt Manfred in aller Ruhe, nachdem er die Größe jeder einzelnen Kiste mit seinen Augen vermessen hat, sorgfältig in den Kofferraum. Der Kofferraum lässt sich genauso wie zuvor nicht schließen, aber er sieht nicht voller aus als zuvor, obwohl Manfred zwei Kisten mehr darin verstaut. Sorgfältig wie die Kisten im Kofferraum bringt Manfred den Holzstuhl samt seinem Fahrrad zwischen den Schreibtischbeinen auf dem Dach unter.

Manfred wohnt nur wenige Fahrminuten entfernt. Ein kleiner, holperiger Feldweg führt links von der Nebenstraße hinauf zu einem Gehöft. Über den Holperweg erreichen wir ein altes Bauernhaus. Es ist das Haus seiner Eltern. In dem Augenblick, als wir auf einen kleinen Hof vor dem Haus fahren öffnet der Himmel seine Schleusen. Manfred springt schnell aus dem Wagen. Er läuft zu der riesigen Scheune gegenüber dem Haus. Er schiebt ein hohes Rolltor auf und winkt mich heran. Mit dem beladenen Auto fahre ich durch das Tor in die Scheune.

Es gießt in Strömen. Es Blitz und kracht sofort. Ein gewaltiges Gewitter entlädt sich in unmittelbarer Nähe. Manfred lädt mich ins Haus ein. Wir laufen durch dichte Regenfaden zwischen Pfützen, die sich schnell gebildet haben von der Scheune zum Haus. Vor dem Hauseingang erkenne ich im Regen allerlei hohe Krüge, Schalen, Blumenübertöpfe und andere Gefäße aus Ton. Es scheint keine Rolle zu spielen, dass diese Dinge vom schweren Regen getroffen werden. Manfred lotst mich durch eine niedrige Eingangstüre. Entlang einem finsteren Korridor folge ich Manfred in die Küche. Dort bietet mir Manfred auf einer Eckbank an einem großen, runden Holztisch einen Platz an. Wir trinken kalten Tee.

Manfreds Eltern betreiben hinter der Scheune eine Töpferei. Während Manfred den Tee einschenkt erzählt er. Seine Eltern bieten Töpferwaren in einigen Geschäften in der großen Kreisstadt und auf den Wochenmärkten der umliegenden kleineren Gemeinden an. Obwohl ich Manfred erst vor Minuten am Straßenrand kennen gelernt habe erzählt er von seinem zu Hause, als würde er mich schon lange Zeit kennen. Dass er den Fahrer des Wagens, der ihn die wenigen Kilometer mit nach Hause genommen hat, in der Küche zum Tee einlädt, scheint für Manfred normal zu sein. Ich bin froh, die Unterstellmöglichkeit in der hohen Scheune für das Auto zu haben. Ich habe nicht daran gedacht, dass der Nachmittag ein Sommergewitter bringen könnte. Während der Autofahrt habe ich nicht darauf geachtet, dass sich da etwas zusammengebraut hatte. Niemals hätte mir die Zeit gereicht, das Autodach bei Frau Stößer so schnell leer zu räumen. Schreibtisch und Schrankbretter wären nicht trocken geblieben.

Manfred interessiert sich dafür, wo ich in der großen Kreisstadt ein Zimmer gemietet habe. Er will auch wissen, welche Schule ich dort besuchen werde. Er kennt die Stadt gut. Er erklärt mir, welche Einkaufsmöglichkeiten er von meinem künftigen Zimmer aus kennt und welche Kneipen er für gut hält. Beinahe zwei Stunden lang unterhalte ich mich mit Manfred am Küchentisch seiner Eltern. Als wir in der Scheune Manfreds Fahrrad abladen hat der Regen schon lange aufgehört.

Manfreds Eltern kommen in die Scheune. Dort lagern diverse frisch gebrannte Töpferwaren auf Holzbrettern. Manfred stellt mich seinen Eltern vor. Lachend nennt er mich einen Einwanderer in diesen Landkreis und die große Kreisstadt. Ich sei heute auf einer strapaziösen Umzugsreise auf ihn getroffen. Er habe mich an der Straßenkreuzung kennen gelernt, weil ich der einzig gewesen sei, der vorbeigekommen war. Nur mir habe er zu verdanken, dass er trotz Plattfuß an seinem Fahrrad, trockenen Fußes nach Hause gekommen sei. Während er seinen Eltern so Bericht erstattet, lächeln die und er scherzhaft. Manfred entschließt sich spontan, mit mir zusammen in die große Kreisstadt zu fahren. Dort habe er ohnehin noch einiges zu erledigen. Weil sein Fahrrad außer Betrieb ist, wolle er gerne die Mitfahrgelegenheit in Anspruch nehmen. Eine viertel Stunde später fahre ich zusammen mit Manfred vor dem Haus meiner Vermieterin hinter der Bahnlinie vor. An der Klingel finde ich einen weißen Briefumschlag. In dem steckt der Schlüssel für die Haustüre. Auf dem Briefumschlag schreibt Frau Stößer, dass sie erst spät abends nach Hause kommen wird. Sie wünscht mir einen schönen ersten Tag in meinem neuen Zimmer. Diese Art der Begrüßung finden Manfred und ich sehr nett. Frau Stößer scheint keine Bedenken zu haben, dass so ein Schlüssel in einem Umschlag an der Wohnungstür von einer Person auch missbräuchlich genutzt werden könnte.

Manfred findet mein Zimmer klein, aber gemütlich. Das Haus von Frau Stößer hält er für ein „architektonisches Verbrechen“, weil es ein typischer Neubau unserer Zeit sei. Die große Doppelgarage, das hohe, schmiedeeiserne Tor, die hohen, umzäunten Hecken, den fein geschnittenen Rasen, den Springbrunnen im Garten, das alles hält Manfred für das Ambiente neureicher Menschen. Manfred vermutet, dass die entweder von einer Erbschaft leben, oder durch gewinnbringende Geschäfte schnelles Geld gemacht haben. Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Wie meine Vermieterin ihr Geld verdient weiß ich nicht. So kann ich Manfreds Vermutungen nicht bestätigen, aber auch nicht entkräften. Dass Frau Stößer für mich den Haustürschlüssel im Umschlag an ihre Klingel klebt, passt jedenfalls nicht zu ihrem Haus. Das finde ich gut. Es passt auch nicht zu ihrem Garten, den großen Autos, die in der Doppelgarage parken und auch nicht zu ihrem Auftreten in dem Gespräch, als ich mit der Mutter das Zimmer besichtigt habe. Das finde ich auch gut.

Wir laden zunächst das Dach des Wagens ab und tragen alles vorsichtig hinauf in mein Zimmer. Weil die Treppe sehr eng ist, sind wir besonders aufmerksam mit den Schrankbrettern und dem Schreibtisch. Auf keinen Fall möchte ich riskieren, mit meinem Zeug ein Bild von der Wand im Treppenhaus zu stoßen, oder einen Streifen an der Wand zu hinterlassen. Manfreds Hilfe ist Gold wert. Ohne ihn hätte ich den Schreibtisch niemals über die enge Treppe in den ersten Stock hinauf tragen können. Deshalb lade ich ihn, nachdem wir alles hinauf geschafft haben, zu einem Tee ein. Den trinken wir in meinem, von meinem gesamten Besitz gefüllten, aber trotzdem noch leeren Zimmer. Weil mein Mobiliar nicht ausreicht, setzen wir uns auf den Fußboden. Aus einer Kiste krame ich meine zwei Tassen und den einzigen Topf den ich habe hervor. In der kleinen Küche koche ich das Teewasser. Aus einer Kiste ziehe ich die Teebeutel.

Manfred findet mein beinahe leeres Zimmer gemütlich. Ich schaue mich um und bemühe mich das auch zu tun. Das einzige Mobiliar sind Schreibtisch und Stuhl. Als Bett habe ich in einer Kiste eine Isoliermatte und einen Schlafsack. So werde ich die erste Zeit hier leben. Das denke ich und schenke Manfred noch einen Schluck Tee in seinen Becher. Manfred verabschiedet sich. Er gibt mir seine Telefonnummer und er schreibt sich die Rufnummer von Frau Stößer auf. Ich bedanke mich für seine Umzugshilfe. Manfred erklärt mir eine Abkürzung vom Haus hinunter durch den Wald in die große Kreisstadt. Dort wird er jetzt hinunter laufen. Wir verabreden, dass wir uns kommende Woche wieder sehen werden.

16. Im neuen Zimmer

Jetzt sitze ich allein in meinem neuen Zimmer. Ich höre die Züge, die nur wenige Meter vor meinem Fenster am Haus vorbei rauschen. Die Strecke ist sehr befahren. Viertelstündig, manchmal bereits nach zehn Minuten rauscht der nächste Zug vorbei. Ich schraube den Schrank zusammen und schiebe ihn in eine Zimmerecke. Dann sitze ich auf meinem Stuhl. Ich höre die neuen Geräusche in meinem neuen Zimmer. Wenn kein Zug fährt, scheint es vollkommen still im Haus zu sein.

Aus dem Fenster sehe ich auf die Straße vor dem Haus. Die Straße liegt zwischen Haus und Bahnlinie. Nichts ist dort los. Kein Wagen fährt vorbei. Kein Fußgänger ist unterwegs. Wenn kein Zug vorbei fährt scheint auch draußen völlige Ruhe zu herrschen. Minutenlang bleibe ich am Fenster stehen. Ich weiß, dass dies der neue Ausblick ist, den ich ab heute täglich haben werde, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze um für die Schule zu arbeiten. Weil mir mein neues Zimmer und der Blick aus dem Fenster fremd vorkommen, glaube ich sekundenlang nicht daran, dass dies meine neue Realität sein soll. Deshalb verlasse ich das Zimmer. Ich gehe über den breiten Flur. Dort liegt heller Parkettboden. Durch schräge Dachfenster fällt abendliches Sonnenlicht. Ich sehe durch die offene Tür ins Badezimmer. Über das helle Parkett im Flur gehe ich weiter und betrete einen großen Raum. Ich darf diesen großen Raum betreten, weil dort die kleine Küchenzeile ist, die ich benutzen darf. Aber nicht deshalb betrete ich jetzt diesen hellen, großen Raum. Ich betrete ihn, um durch die breite Fensterfront, sie weist hinaus Richtung Stadt, einen Blick zu werfen. Von hier aus sehe ich den gepflegten Rasen mit dem Springbrunnen in Frau Stößers Garten. Manfred hält den Garten und den Springbrunnen für übertrieben und neureich. Hinter der gepflegten Hecke, die den Garten begrenzt, fällt der Hang steil ab. Dort bietet sich ein traumhafter Ausblick hinunter auf die Stadt. Die Abendsonne beleuchtet die Stadt. Ich sehe rot getränkte Häuser. Ein breiter Fluss schlängelt sich durch die Stadt. Im Hintergrund sehe ich entfernte, rot scheinenden Bergketten. Da hinten, in fünfzig, sechzig Kilometer Entfernung wähne ich meinen Gebirgsort, der bis vor wenigen Stunden mein Heimatort gewesen war.

Der weite Ausblick über die Stadt bis zu den entfernten Bergen wäre mir viel lieber, als die Aussicht aus meinem Zimmerfenster auf Straße und Bahnlinie. Weil Frau Stößer nicht im Hause ist, wage ich es die große Balkontüre zu öffnen. Verbotener Weise trete ich einige Schritte hinaus auf den Balkon. Dort stütze ich mich an der Holzbrüstung auf, und genieße die warme Luft und den Ausblick an diesem herrlichen Sommerabend.

Minutenlang bleibe ich einfach stehen. Meine Augen kleben an den entfernten Bergen. Dann wende ich meinen Blick nach links. Dort erkenne ich das Nachbarhaus. Es scheint mir, als sei es im gleichen Stil wie das von Frau Stößer erbaut. Dort sehe ich eine ältere Dame. Sie steht dort, genauso wie ich im ersten Stock auf dem Balkon. Ich glaube, die Dame hat mich schon länger beobachtet. Jetzt, wo ich meinen Blick nicht mehr auf die Berge sondern auf sie richte, treffen sich unsere Blicke. Sofort kommt der Gedanke, dass ich hier eigentlich nicht stehen darf. Dieses große Zimmer habe ich nicht gemietet. Ich darf nur die kleine Küchenzeile auf der anderen Seite an der Wand benutzen. Vor allem habe ich nicht diesen Balkon gemietet. Ich denke sofort, wie ich oft über die Mutter gedacht habe. Ich denke an Kontrolle. Vielleicht hat Frau Stößer diese Nachbarin beauftragt. Vielleicht hat die alte Dame, diese Nachbarin von Frau Stößer den Auftrag, heute Abend einen genaueren Blick auf das Nachbaranwesen zu werfen. Weil ich heute hier einziehe und weil Frau Stößer den Abend lang nicht da ist, soll die alte Dame ein Auge auf Vorgänge im und am Haus haben. Weil ich das jetzt denke und dabei immer noch tue, was ich nicht tun dürfte, winke ich der alten Frau einfach lächelnd zu. Freundlich lächle ich zu der Dame auf dem Nachbarbalkon hinüber und rufe ihr zu: „Ein herrlicher Sommerabend heute!“ Grüßend winkt die Frau nun auch mir zu. Meine Worte bestätigt sie nickend, und dabei lächelt auch sie. Noch einmal hebt sie die Hand. Das scheint ihr Abschiedsgruß zu sein, denn sie verlässt den Balkon. Sie verschwindet im Haus. Auch ich verlasse jetzt den Balkon und gehe zurück in mein gemietetes Zimmer.

Dort stehe ich wieder am Fenster. Vielleicht ist es dumm von mir, mich gleich am ersten Abend zu verhalten, wie ich es gerade getan habe. Hoffentlich war diese Frau nicht tatsächlich von Frau Stößer beauftragt worden, deren Haus zu beobachten. Ich sollte mich vorsichtiger verhalten. Ich sollte nicht noch einmal etwas riskieren. Vielleicht würde für Frau Stößer das was ich gerade getan habe bereits ausreichen, um den Mietvertrag zwischen ihr und mir wieder zu lösen. Künftig werde ich mich also bemühen absolut nichts zu tun, was Frau Stößer Anlass zu so einem Schritt sein könnte. Der heutige Ausrutscher, der Ausblick auf die entfernten Berge vom Balkon, den ich nicht gemietet habe, muss der einzige bleiben.

Vor dem Fenster donnert ein Zug vorbei. Es ist ein langer Personenzug. Er ist leiser, als die langen, schweren Güterzüge. Mein Fehlverhalten bei den Eltern muss insgesamt schwerwiegend gewesen sein, sonst wäre ich jetzt nicht hier in diesem fremden Haus, in diesem fremden Zimmer. Hoffentlich, so denke ich, als draußen schon wieder ein Zug vorbei donnert, ich glaube, es ist ein Intercity denn er kommt mir schneller vor als der vorhergehende Personenzug. Hoffentlich bin ich kein Mensch der grundsätzlich überall Ärger bekommt, weil er überall wo er sich aufhält, wegen seines Fehlverhaltens sofort auffällt. Vielleicht ist die Tatsache, dass ich vor Minuten in dem mir noch fremden Haus schon auf einem mir verbotenen Balkon stand, ein deutlicher Hinweis, dass der Ärger der Eltern über mich immer berechtigt gewesen war. Viel Ärger habe ich über die langen Jahre bei ihnen angerichtet. Heute lande ich hier in diesem fremden Haus. Seit nicht einmal drei Stunden bin ich hier. Schon habe ich die erste Grenze überschritten und den Ausblick auf die rot erleuchtete Stadt und die fernen Berge von einem verbotenen Balkon aus genossen.

Ich sehe mich in meinem Zimmer um. In der Ecke steht mein schäbiger Kleiderschrank. Er besteht aus weiß lackierten Press-Spanplatten. Vor dem Fenster, ich sitze auf dem Fensterbrett, sehe ich meinen zerkratzten Schreibtisch stehen. Vor fünf Jahren, im Alter von dreizehn Jahren habe ich den Schreibtisch in meinem winzigen Zimmer bei meinen Eltern vorgefunden. Damals war ich bei den Eltern eingezogen. In meinem Zimmer dort hatte ich diesen Schreibtisch und ich hatte diesen Schrank. Beides habe ich seit heute von den Eltern geschenkt bekommen. Das Bett konnte ich nicht haben denn es war in dem kleinen Zimmer bei den Eltern fest eingebaut. Vor dem Schreibtisch steht mein roter Holzstuhl. Auf dem grauen Linoleumfußboden sehe ich sechs Kisten. In denen befindet sich mein Besitz, den ich heute in einem geliehenen Wagen hier her transportiert habe. Manfred findet mein neues Zimmer gemütlich. Weil ich die Jahre bei meinen Eltern gelebt hatte, kommt es heute dazu, dass ich jetzt in diesem gemütlichen, kleinen Zimmer auf der Fensterbank sitze.

Draußen lärmt wieder ein Zur vorbei. Deshalb schaue ich zum Fenster hinaus. Diesmal ist es ein langer Güterzug. Die Waggons rollen langsam vorüber. Vielleicht ist es das gleiche Fehlverhalten, das ich vor Minuten hier im Haus von Frau Stößer an den Tag gelegt habe, das meine Eltern über die Jahre so sehr geärgert hatte. Vielleicht ist es ein und dasselbe Fehlverhalten, das ich immer und überall an den Tag lege. Ständig neige ich dazu Grenzen zu überschreiten. Ständig nutzte ich Menschen und Situationen für meine Interessen aus. Ständig bin ich auf der Suche nach meinem Vorteil. Ohne nachzudenken nehme ich, was ich kriegen kann. Ohne Dank nutze ich, was mir gar nicht zusteht. Der Blick vom verbotenen Balkon steht mir nicht zu. Den habe ich nicht mit diesem Zimmer gemietet. Trotzdem habe ich ihn mir verschafft. Vielleicht muss wegen diesem Verhalten heute der Schlussstich bei den Eltern gezogen werden.

Mein Schlussstrich endet heute in der Einsamkeit des fremden Hauses, des fremden Zimmers mit Blick auf die Bahnlinie. Auf ihr rollen ständig Züge vorüber. Die Züge sind unterwegs in weit entfernte Orte. Es sind viele Züge mit fremdländisch anmutenden Waggons. Fahrgäste in diesen Zügen sind unterwegs in eine mir fremde Ferne. Heute bin ich nur fünfzig oder sechzig Kilometer weit gereist. Trotzdem bin ich mit meinem Umzugsgut an einem Ort angekommen, der mir sehr weit entfernt von meiner bisherigen Heimat scheint. Ich bin einer, der sehr weit gereist ist. Ich bin einer, der eine lange Reise heute beendet. Die weite Reise zu den Eltern ist heute hier beendet. Das Ende findet heute Abend an diesem fremden Ort in diesem fremden Haus statt. Wegen der Fremdheit in diesem neuen Zimmer wirkt das für mich plötzlich so, als habe es die Jahre bei den Eltern gar nicht gegeben. Jetzt schon scheinen die Eltern für mich weit weg, weil ich in einem fremden Raum gelandet bin. Das Bild in meinem Kopf vom Leben bei den Eltern, von der langen Zeit im Gebirgsort verschwimmt plötzlich in meinem Kopf. Übrig bleibt ein Gewirr von Fäden, die ich nicht greifen kann.

17. Musik und Schuhplattler

Der grüne Wagen von Martina steht leer geräumt vor der Haustür. Weil ich ihn durch das Fenster unten auf der Straße sehe, schaue ich auf meine Armbanduhr. Es ist noch zu früh, um wieder in den Wagen zu steigen und zurück zu fahren.

Ich sitze auf dem Stuhl an meinem Schreibtisch. Wohin fahre ich, wenn ich später wieder zurückfahre? Dort wo Martina lebt, der Gebirgsort, in den ich ihr den Wagen zurückbringen werde, das ist ab heute nicht mehr meine Heimat. Meine neue Heimat ist ab heute hier. Ab heute bin ich auf mich selbst gestellt. Ab heute ist meine Heimat dort wo ich sie wähle, dort wo ich meine Zelte aufschlage, wo ich mit meinem spärlichen Besitz auftauche. Heute bin ich hier, in diesem Zimmer in der großen Kreisstadt. Hier tauchte ich vor wenigen Stunden auf um das Zimmer zu beziehen, um meine neue Heimat hier aufzubauen. Ob ich mich hier eines Tages beheimatet fühlen werde, ob ich es schaffen werde mich hier irgendwie und irgendwann zu Hause zu fühlen, das weiß ich jetzt noch nicht.

Um mich zu beschäftigen, vielleicht auch um mich von diesen Gedanken abzulenken, packe ich Kisten aus. Ich verstaue meine Kleidung in dem Schrank. Ich schalte mein altes Radio ein, um mich von ihm eine wenig von meinen Gedanken weg bringen und ablenken zu lassen. Das funktioniert nicht. Trotz des Lärms aus dem Radio, trotz des Lärms der vorbei rauschenden Züge muss ich daran denken, dass ich hier in dieser Stadt ab heute zu Hause und allein bin.

Freunde aus dem Gebirgsort werde ich hier nicht treffen. Einen Treffpunkt, wie die Jugendgruppe, oder „Eriks – Kneipe“, die in den letzten Monaten mehr und mehr zum Treffpunkt geworden war, habe ich hier nicht. „Eriks – Kneipe“ war im Gebirgsort zu einem Platz geworden, an dem ich ohne mich verabreden zu müssen immer auf Freunde und Bekannte traf. Die kleine Kneipe liegt am Rande meines ehemaligen Schulweges hinunter zum Busbahnhof. Erik, den Kneipenpächter kenne ich selbst nicht. Aber ich hatte von Freunden aus der Jugendgruppe gehört, dass er sich mit der Eröffnung dieser Kneipe einen Traum erfüllt habe. Erik hatte den Wunsch, in dem kleinen Gebirgsort, zwischen den vielen Touristen-Gaststätten, ein anderes Lokal zu eröffnen. Erik hat das mit seiner winzigen Kneipe geschafft. Seine Kneipe ist zu einem Treffpunkt geworden. Die Preise in seiner Kneipe sind für den schmalen Geldbeutel geeignet. Seit Eröffnung von Eriks Kneipe hat sich ein gewichtiger Teil meines abendlichen Freizeitlebens vor allem an den Wochenenden dort hin verlagert. Die Jugendgruppe hat sich nicht nur weil ich und andere ihr entwachsen waren aufgelöst. Zu Gunsten des Feierabendvergnügens in Eriks Kneipe hatte sich die Auflösung der Jugendgruppe beschleunigt. So hatte der Konsum von Alkohol und Zigaretten vermehrt Einzug in das Leben meiner Freunde und in mein Leben gefunden.

Es war den Eltern nicht entgangen, dass ich im letzten Jahr mehr und mehr von meinem Taschengeld und das Geld, das ich durch die Jobs, wie dem Ruderbootverleih verdient hatte, in „Eriks – Kneipe“ ließ. Weil ich aber immer pünktlich zu Hause gewesen war, blieb den Eltern wenig Grundlage mein Verhalten zu kritisieren. Dass ich mehr und mehr zur Zigarette griff, war für die Eltern Anlass zu großer Besorgnis. Diese Sorge zeigte mir, dass die Eltern sich nicht nur wegen meines Verhaltens sorgten sondern, dass sie auch um meine Gesundheit Sorge hatten. Mein Gewissen gegenüber den Eltern war deswegen noch schlechter geworden. Das Rauchen hatte ich nicht aufgegeben. Für die Sorge der Eltern war ich voll von Verständnis. Den Eltern war an meiner Gesundheit gelegen. Diese Sorge der Eltern war frei von Werten, Normen und Bewertungen. Dass ich meine Gesundheit achten und pflegen sollte, habe ich als allgemein gültige und wertfreie Auffassung der Eltern betrachtet. Diese Sorge der Eltern habe ich als vollkommen berechtigt gesehen. Trotzdem war ich weiterhin Raucher geblieben. Auch das Trinken von Alkohol war den Eltern ein Dorn im Auge. Weil ich aber niemals betrunken nach Hause kam, gab es keinen Anlass zu befürchten, dass ich wegen Alkoholkonsum gefährdet wäre. In „Eriks – Kneipe“ trank ich wenig Alkohol. Oft habe ich nur alkoholfreie Getränke getrunken, obwohl die Abende dort am Wochenende manchmal sehr lang geworden waren.

Meinen Freundeskreis habe ich in dieser Kneipe erheblich erweitert. Weil ich mir im vorletzten Jahr bei den Eltern das Gitarrespiel beigebracht hatte, war ich an Kontakt zu Kneipengästen interessiert, die auch Musik machten. Solche Leute traf ich in „Eriks – Kneipe“. Die Eltern hatten meine musikalischen Interessen nie gefördert. Sie hatten in den vergangenen fünf Jahren keine Instrumente gespielt, wenngleich sie dazu in der Lage gewesen wären. In der Jugendgruppe hatte ich mehrere Gitarristen kennen gelernt. Durch sie war meine Idee entstanden, dieses Instrument zu lernen.

Vom Geld meines ersten Jobs, es war der Job in der Küche einer Kneipe, hatte ich mir in der kleinen Kreisstadt eine billige, aber angeblich gute Gitarre gekauft. Um die Gitarre zu kaufen war ich in die kleine Kreisstadt gefahren, weil im Gebirgsort die Preise wegen der Touristen sehr überteuert sind. In „Eriks – Kneipe“ habe ich die „Musikszene“ für Jugendliche kennen gelernt. Das waren Jugendliche, die vor allem Blues- und Rockmusik spielten. Sie spielten und traten nicht nur für Touristen öffentlich auf. Für Touristen gab es im Ort eine eigene Volksmusikszene. Es gab Bühnen auf denen Volksmusik gespielt wurde und die örtlichen Vereine, die Schuhplattler – Darbietungen und Volksstücke aufführten. In „Eriks – Kneipe“ habe ich einen Musiker kennen gelernt, der in der kleinen Kreisstadt in einem Musikalienladen arbeitet. Bei ihm habe ich meine erste Gitarre gekauft.

Das Gitarrenspiel habe ich mir geduldig in meinem Zimmer bei den Eltern beigebracht. Die Eltern haben mein Spiel zwar nicht direkt unterstützt, aber sie hatten es für gut geheißen. Ich glaube, es war für sie eine gewisse Überraschung gewesen, dass ich mein Geld und Zeit in das Gitarrespiel investierte. Nach einem Jahr regelmäßigen Übens erkannte ich, dass mir Thomas, der Musikwarenverkäufer eine sehr schlechte Gitarre verkauft hatte.

„Eriks – Kneipe“ war der Treffpunkt gewesen, in dem ich Thomas näher kennen gelernt hatte. Zu seinem Verkauf an mich, konnte ich ihm dort meine Meinung sagen. Thomas hatte in „Eriks – Kneipe“ den „MOB“, die „Musiker – Organisation – Bergdorf“ gegründet. Der „MOB“ ist eigentlich ein zusammengewürfelter Haufen von Gästen aus „Eriks – Kneipe“. Die Mitglieder machen entweder selbst Musik oder sie sind zumindest an Musik interessiert. Im vergangenen Jahr hatte Thomas mehrere Musikveranstaltungen für die Jugend des Ortes mit Hilfe des „MOB“ organisiert. Der „MOB“ ist nicht daran interessiert, durch die Musikveranstaltungen Geld zu verdienen. Die Geschäftstüchtigkeit, die Thomas in seiner Arbeit im Musikalienladen zeigte, lag ihm beim „MOB“ fern. Die jugendlichen Besucher der „MOB – Konzerte“ hatten alle einen sehr kleinen Geldbeutel in ihren Taschen. Der „MOB“ hat die Aufgabe übernommen, dass im Ort mehr für junge Leute geboten wird. Das alltägliche Freizeitangebot im Gebirgsort ist auf Touristen zugeschnitten. Im „MOB“ hatten sich Jugendliche zusammengeschlossen, die für andere Jugendliche etwas bieten wollten. Das gab es bislang im Gebirgsort nicht.

Im „MOB“ war ich ein Mitläufer. Ich hatte keine tragende Rolle, weil ich musikalisch ein Anfänger gewesen war. Mein Gedudel, die paar Akkorde, die ich mir auf der Gitarre beigebracht hatte, waren bei Weitem nicht genug, um in einer Band mitzuspielen. Trotzdem war ich im „MOB“ aktiv. Ich fand es gut, dass es im Gebirgsort auch nach dem Ende der Jugendgruppe Leute und Aktivitäten gab, denen ich mich anschließen konnte.

Die Eltern hatten zu solchen Aktivitäten immer geschwiegen. Vielleicht hatten sie Angst davor, dass zuviel Jugend an einem Platz versammelt auch Aufregung und Unruhe im Ort bedeuten könnte. Vielleicht hatten sie Bedenken, dass durch meine Beteiligung an derlei harmloser Organisation ein schlechtes Licht auf sie fallen könnte. Vielleicht hatten sie Sorge, dass ihr Geschäft in Mitleidenschaft gezogen würde. Jedenfalls haben sie mich nicht darin unterstützt, dabei mitzuhelfen, laute Jugendaktivitäten im Gebirgsort zu organisieren.

Bevor des den „MOB“ gab, hatte ich mich neben der Jugendgruppe noch in einer Gruppe betätigt, die sich im Ort für die Gründung eines Jugendzentrums engagierte. Über das Ziel dieser Gruppe hatte ich in den vergangenen Jahren zwei Mal mit dem Vater gesprochen. Die Interessengruppe hatte viele Jahre lang für ein Jugendzentrum gekämpft. Schließlich hatte der Gemeinderat den Beschluss gefasst, tatsächlich ein Jugendzentrum zu eröffnen. Vor zwei Jahren war es soweit. Allerdings hatte die Gemeinde nicht im Sinne der Interessengruppe gehandelt. Die Satzung des neuen Jugendzentrums sah vor, dass nur Jugendliche dieses Haus betreten durften, die in den örtlichen Vereinen, wie den Schuhplattlern, der Jugendfeuerwehr, dem Trachtenverein und anderen Gruppen organisiert waren. Die Gemeindeverwaltung nannte das Ganze nicht Jugendzentrum, sondern Jugendheim. Für mich und viele andere Jugendliche gab es dort keinen Platz. Die Satzung hatte uns den Zutritt verwehrt, weil wir keinem der vorgesehenen Verein angeschlossen waren. Ich hatte zweimal mit dem Vater darüber gesprochen, weil der im Gemeinderat saß. Der Vater hatte zwar verstanden, was mich am „Jugendheim“ gestört hatte, aber verändern konnte und wollte er die Satzung des Hauses nicht.

Für mich und die Freunde aus dem „MOB“ war klar, dass es eine Frage der Zeit sein wird, bis die Gemeinde die Satzung des Jugendheims abändern wird. Die Zeit wird kommen. Gestern habe ich in der regionalen Zeitung gelesen, dass ab dem kommenden Monat alle jungen Leute zu den Öffnungszeiten ins „Jugendheim“ kommen dürfen. Allerdings nur, sofern sie noch nicht volljährig sind. Für die Interessengruppe des Jugendzentrums und für den „MOB“ kommt das zu spät. So wie ich es heute werde, sind alle Mitglieder inzwischen volljährig geworden. Ich glaube in den nächsten Jahren wird „Eriks – Kneipe“ im Gebirgsort weiter der wichtigste Treffpunkt zumindest für meine Altersgruppe bleiben. Irgendwann wird auch das vorbei sein.

Ich sitze auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch. Mein Kopf liegt auf meinen Armen auf der Schreibtischplatte. In meinen Gedanken an „Eriks – Kneipe“ und den „MOB“ war ich für kurze Zeit eingedöst. Draußen rauscht ein Güterzug vorbei. Seine Stahlreifen schlagen rhythmisch und hart gegen die Schwellen der Gleise. Das Schlagen holt mich zurück in mein neues Zimmer. Draußen ist es dunkel geworden. Ich gehe zum Fenster und öffne es. Unten auf der Straße ist es finster, abgesehen von einer Straßenlaterne. Ich gehe zur Zimmertüre und betätige dort den Lichtschalter. Es geschieht nichts. Ich habe noch keine Lampe an der Decke angebracht. Eine Zimmerlampe muss ich mir erst noch kaufen.

Weil kein Licht im Zimmer ist, ich aber noch einige Dinge einpacken muss, öffne ich die Zimmertür und schalte im Gang das Licht ein. Im Schimmer des Lichtes vom Flur, packe ich eine kleine Tasche mit meiner Zahnbürste und einigen Kleidungsstücken, sowie meinem Schlafsack zusammen. Ich gehe die Treppe hinunter, lösche das Licht und verlasse das Haus. Die Haustür sperre ich zweifach zu. Ich möchte, dass Frau Stößer den Eindruck gewinnt, dass mir an Sicherheit für ihr Haus gelegen ist. Draußen ist es angenehm warm. Es ist eine der seltenen warmen Sommernächte. Auch das schmiedeeiserne Tor sperre ich ordentlich ab. Ich setze mich in den kleinen grünen Peugeot starte den Motor, schalte das Licht ein und fahre langsam los.

18. Rückweg

Gemächlich steuere ich den Wagen auf der kleinen Straße parallel der Bahnlinie entlang. Etwa zweihundert Meter von Frau Stößers Haus entfernt führt rechts eine steil abfallende, schmale Straße hinunter Richtung Stadtmitte. In diese Straße biege ich ein. Weil ich mich in der Stadt noch nicht auskenne, fahre ich ab der Kreuzung der blauen Beschilderung in Richtung Autobahn. Zur Autobahn sind es nur wenige Kilometer. Auf der Autobahn fahre ich etwa zwanzig Kilometer Richtung Süden. Danach fahre ich etwa die gleiche Entfernung auf einer breiten Umgehungsstraße. Sie führt mich an der kleinen Kreisstadt vorbei. Später folge ich einer kurvenreichen Straße, die auf und ab nahe an die Bergketten heran führt. Irgendwann wird der Berg von der kurvigen Straße einfach durchschnitten.

An einer Bushaltestelle, kurz bevor der kurvenreiche Abschnitt beginnt, sehe ich einen Anhalter. Natürlich bleibe ich stehen und nehme ihn mit. Der Mensch dort könnte auch ich sein. Ich habe kein Auto. Ich sitze in einem geliehenen Wagen. Es stellt sich heraus, dass der Anhalter das gleiche Ziel hat. Er möchte in den Gebirgsort. Nach einigen Gesprächsminuten stellt sich heraus, dass auch er den heutigen Abend in „Eriks – Kneipe“ verbringen möchte. Dort, so erzählt mir der Tramper, der aus der kleinen Kreisstadt stammt, habe eine Gruppe junger Leute, die sich „MOB“ nenne, für den heutigen Abend einen Auftritt einer Band organisiert. Er sei sehr gespannt auf das, was die heute Abend bei Erik bieten. Der Tramper kennt die Mitglieder der Band. Es seien Lehrer von Schulen aus der Umgebung. Die haben sich vor Jahren zu dieser Formation zusammengeschlossen. Das sei eine „Rentnerband“. Die würde sich „Second-Spring“ nennen. Was der redefreudige, Mensch erzählt, weiß ich bereits. Trotzdem lasse ich ihn erzählen und in dem Glauben, keine Ahnung zu haben.

Ich kenne einen in der Rentnerband. Der Mann, der bei den Bluesnummern die Mundharmonika spielt. Er ist Lehrer an der Schule, die ich bis vor wenigen Wochen besucht hatte. Er unterrichtet Deutsch. Was er im Unterricht sagte, hatte er immer deutlich, aber mit einer gewissen Zurückhaltung gesagt. Er hatte den Schülern Freiräume gelassen, die notwendig sind, um das vom Lehrer gesagte mit eigenen Gedanken zum Thema zu verbinden. Die Art, wie er in dieser „Rentner-Band“ auftritt hat gewisse Ähnlichkeit mit seiner Art den Schulunterricht zu gestalten. Immer wieder tritt er in den Hintergrund, um die anderen Musiker zum Zuge kommen zu lassen. Ist er aber mit seinem Solo an der Reihe, steht er im Vordergrund. Wenn ein anderer auf der Bühne mit ihm musikalisch spricht, räumt er Platz dafür ein. Ähnlich gestaltet er auch seinen Unterricht. Jedem Schüler gibt er die Möglichkeit mit ihm zu reden und so seinen Unterricht mit zu gestalten.

Den grünen Wagen steuere ich die dunkle Straße hinauf. Die engen Kurven nehme ich langsam. Im zweiten Gang kriecht das Auto beinahe. Die Beleuchtung ist schlecht. Ich möchte nichts riskieren, fahre deshalb langsam, denn ich merke, dass mir die Fahrpraxis fehlt. Der Tramper neben mir ist jetzt still geworden. Ich fürchte, dass er mich auf meinen Fahrstil ansprechen könnte. Um ihn von meinem Fahren abzulenken habe ich ihm eine Zigarette angeboten, die er sich gerade anzündet.

Vor Jahren, es war als ich noch nicht bei den Eltern gelebt hatte, war ich in der Schule im Gebirgsort von einer Lehrerin unterrichtet worden. Sie hatte großes Interesse an meiner Herkunft und meiner Lebenssituation. Sie unterrichtete ein Nebenfach, so dass ich sie nur zwei Mal in der Woche gesehen habe. Später hat sich herausgestellt, dass sie mit dem Lehrer zusammenlebte, der mich in der Schule auf dem Berg im Fach Deutsch unterrichtete.

Irgendwann habe ich herausgefunden, dass diese beiden Lehrer versucht hatten, mich in ihrem Haushalt aufzunehmen. Niemals hatten die beiden mich darauf angesprochen. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich herausgefunden habe, dass die beiden versucht hatten mich aus dem Kinderheim heraus bei sich aufzunehmen. Die beiden Lehrer waren damals zu Jung gewesen. Die zuständige Behörde hatte das Gesuch dieser beiden jungen Lehrer abgelehnt. Sie seien zu jung und nicht lang genug verheiratet, deshalb sei ihnen nicht zuzumuten, einen Dreizehnjährigen bei sich aufzunehmen. Das Risiko sei zu hoch. Ein Dreizehnjähriger braucht mehr Führung und Erziehung als junge Lehrer dies bieten können.

Anstatt dieser jungen Lehrer hatten mich meine neuen Eltern aufgenommen. Ich glaube, das zuständige Amt hatte sich für sie entschieden, weil sie noch nicht zu alt und auch nicht zu jung gewesen waren und weil sie seit vielen Jahren in dem Ort in soliden Verhältnissen gelebt hatten. Die beiden jungen Lehrer waren erst wenige Jahre im Ort. Sie waren aus Norddeutschland gekommen und hatten sich im Gebirgsort niedergelassen, weil hier damals einige Stellen an den örtlichen Schulen zu besetzen waren. Das zuständige Amt hatte sich für meine neuen Eltern entschieden, obwohl wir uns damals nicht gekannt hatten.

Ich steuere den Wagen jetzt durch die letzte Kurve vor dem Bahnübergang. Der Übergang ist spärlich beleuchtet. Ratternd passiere ich ihn. Danach geht es geradeaus weiter, deshalb gebe ich nun wieder mehr Gas und schalte in den dritten Gang. Es geht wieder bergab. Der Tramper neben mir schweigt.

Ich glaube, entscheidend war, dass meine neuen Eltern seit vielen Jahren ordentliche Verhältnisse, auch in materieller Hinsicht vorweisen konnten. Die Behörde muss ihnen mehr zugetraut haben. Die Eltern waren in der Lage, sich um einen Dreizehnjährigen zu kümmern.

Jetzt fahre ich parallel zu dem breiten Fluss, der den Gebirgsort durchquert.

Die Eltern haben es geschafft. Sie haben sich ausreichend um mich gekümmert. Bis zum heutigen Tag haben sie alles versucht, was in ihren Möglichkeiten steht. Bei den Eltern bin ich nicht abgestürzt. Im Gegenteil. Ich habe eine beachtliche Entwicklung gemacht. Das wird mir für mein Leben sehr von Nutzen sein. Die Entscheidung der Behörde ist sicherlich nicht falsch gewesen.

Jetzt passiere ich das gelbe Ortsschild. Nach einer langgezogenen Kurve fahre ich auf einen kleinen Parkplatz. Der Parkplatz liegt oberhalb des Schotterweges. Er führt hinunter Richtung Bahnhof zu „Eriks – Kneipe“.

19. Der Geburtstagsabend

Von dem Tramper verabschiede ich mich am Wagen. Er will sich in einem Fastfood – Restaurant, das es seit kurzer Zeit im Ort gibt, mit einigen Dingen versorgen. Also laufe ich alleine den Schotterweg hinunter. Meine kleine Tasche und meinem Schlafsack habe ich unter dem Arm. Noch vor der Kneipe höre ich schon die Musik der „Rentner-Band“. Ich betrete die Kneipe. Dichte Rauchschwaden von Zigarettenqualm kommen mir entgegen. Die Kneipe ist übervoll. Das Publikum ist von der Musik begeistert. Es applaudiert und singt mit. Mühsam dränge ich mich durch die dicht stehenden Menschen bis zum Tresen. Bis dorthin habe ich etwa zehn Gäste beiläufig begrüßt, die ich kenne. Martina und ihr Freund stehen hinter dem Tresen. Sie bedienen die Gäste. Ich begrüße Martina, gebe ihr den Wagenschlüssel zurück, und bitte sie meine Tasche und den Schlafsack irgendwo unter dem Tresen abzulegen. Weil der Lärm ohrenbetäubend ist, muss ich Martina beinahe anschreien. Martina schenkt mir ein Bier ein. Mit meinem Bier arbeite ich mich durch die Menge Richtung Bühne.

Die Übernachtung

Ich liege auf kaltem Steinfußboden. Es ist in meinem ehemaligen Jugendgruppenraum. Jörg hat mir den Schlüssel für diesen Raum in „Eriks – Kneipe“ für eine Übernachtung gegeben. Meinen Schlafsack habe ich ausgebreitet und mich in ihm verkrochen. Es ist späte Nacht. Ich kann nicht einschlafen. Ich muss weiter über mein Leben nachdenken, das mit dem heutigen Tag und der heutigen Nacht hier zu Ende geht.

Ich war ein auffälliges, schwieriges Kind gewesen. Ich war ein nervöses, unruhiges Bürschchen gewesen. Ich hatte ständig an meinen Fingernägeln herumgekaut. Gegenüber Erwachsenen war ich ängstlich gewesen. Um diese Ängste zu überspielen hatte ich mich hin und wieder respektlos und vorlaut verhalten. Ich hatte eine Sprache gesprochen, die manchmal giftig und herablassend gewesen war. Meine Sprache hatte der Verteidigung und Abwehr gegenüber Erwachsenen, auch gegenüber den Eltern gedient.

Im Haus meiner neuen Eltern war ich eine Provokation gewesen. Vielleicht war ich das gewesen, weil die Eltern selbst keine eigenen Kinder gehabt hatten. Vielleicht war ich auch deshalb so eine Provokation für sie gewesen, weil sie es nicht gewohnt gewesen waren, wie man mit einem Dreizehnjährigen unter einem Dach zusammenlebt. Ich glaube, die Eltern hatten keine Ahnung davon gehabt, was auf sie zukommt. Sie hatten keinerlei Unterstützung gehabt, sich darauf vorzubereiten. Sie hatten keinerlei Begleitung gehabt, um sich während der Zeit, als ich bei ihnen gelebt hatte, beraten zu lassen. Deshalb glaube ich, dass die Eltern eigentlich eine Aufgabe angenommen haben, die nicht zu bewältigen war. Vielleicht bin ich deshalb im Leben der Eltern bis zum heutigen Tag zu einer großen Herausforderung geworden, die sich zu einer der großen Enttäuschung für sie entwickelt hat.

Ich hatte mich sehr schnell an den Wechsel zu den neuen Eltern gewöhnt. Es war für mich keine Frage gewesen, dass ich bei ihnen bleiben würde. Eine Rückkehr war für mich ausgeschlossen. Der Lebensalltag in meiner neuen Familie hatte sich in der Hauptsache um die viele Arbeit in dem Fachgeschäft der Eltern gedreht. Weitere Arbeit hatte der Vater abends zu Hause im Arbeitszimmer für das Geschäft zu leisten. Und noch weitere Arbeit hatte er stets über das Wochenende für sein Geschäft geleistet. Meine Mutter hatte täglich mindestens genauso viel gearbeitet, wie der Vater. Auch sie war täglich in dem Fachgeschäft hinter dem Verkaufstresen gestanden. Zusätzlich hatte sie die Rolle der kochenden, waschenden und für Sauberkeit und Ordnung im Haushalt sorgenden Hausfrau. Dafür dass ich, der dreizehn Jahre alte Bengel einen einigermaßen vernünftigen Weg einschlage, war in der Hauptsache meine Mutter zuständig gewesen.

In ihrer Freizeit hatten meine neuen Eltern die Kontakte zu guten Kunden des Geschäftes gepflegt. Sonntagmittags waren wir sehr oft zum Mittagessen zu guten Kunden gefahren.

Meine neuen Eltern, vor allem meine neue Mutter waren besten Willens gewesen, für mich eine gute Entwicklung zu gewährleisten. Nach einiger Zeit war mir klar geworden, dass die neuen Eltern von mir, für all das Gute was sie mir angedeihen ließen Dank, Respekt und Anerkennung erwarteten. Diese Erwartung hatte ich nie ausreichend erfüllt. Vielleicht hatten die Schwierigkeiten zwischen den Eltern und mir etwas damit zu tun, dass ich viel zu spät bemerkt habe, dass die Eltern so viel Gutes für mich taten. Dafür zeigte ich viel zu wenig Dankbarkeit.

Die Eltern sind in der Lage anderen Menschen zu helfen. Weil sie materiell in jeder Hinsicht bestens versorgt sind, hatten sie damals die Möglichkeit mich ohne weiteres in ihren Haushalt aufzunehmen. Dass dieses ein riesiger Glückstreffer für mich gewesen war, hatte ich nicht schnell genug verstanden. Anstatt dankbarer zu sein, war ich im Laufe des letzten Jahres bei den Eltern zunehmend auf Abstand zu den Eltern bedacht. Keineswegs war ich dabei glücklich gewesen. Aber in der Familie war mehr Ruhe eingekehrt. Weil ich gespürt hatte, dass ich die Erwartung der Eltern nicht erfüllen kann, dass ich nicht dankbarer sein kann, als ich es bereits die ganze Zeit über gewesen war, war mein Gewissen gegenüber den Eltern bald so schlecht geworden, dass ich dauerhaft versuchte, ihnen aus dem Weg zu gehen. Die Eltern haben in mir einen Weg in Gang gesetzt, der mich dazu zwang, mich immer weiter von ihnen zu entfernen. Weil ich mich immer weiter von ihnen weg bewegt hatte, konnte ich immer weniger Dankbarkeit zeigen.

Ein Mensch, der von anderen immer weiter weggeht, kann diesen Menschen gegenüber keinen Dank ausdrücken. Weil ich immer weniger fähig gewesen war, der Mutter und dem Vater dankbar zu sein, hatte der Vorwurf der Eltern mehr und mehr an Richtigkeit gewonnen. In den letzten Wochen im Haus der Eltern, hatte ich das Gefühl, dass zwischen uns genau das entstanden war, was sie mir immer vorgeworfen hatten. Weil der Abstand zu den Eltern riesig groß geworden war, hatte ich kaum mehr mit ihnen gesprochen. Ich hatte mich nur noch zu Hause aufgehalten, wenn es ausdrücklich erwünscht war. So war ich zu einem geworden, der nicht mehr dankbar war und der bei den Eltern ein- und ausging, als lebte er in einem fremden Hotel. Was die Mutter mir schon lange vorgeworfen hatte, war in den letzten Wochen tatsächlich geschehen.

All das, was die Eltern im Laufe der Jahre zwischen uns gesehen hatten, schien in den letzten Wochen tatsächlich in Erfüllung gegangen zu sein. Ich war zu einem regelmäßigen Kneipenbesucher geworden. Ich habe meine Schule nur noch nebenbei auf die Reihe gebracht. Ich habe also einen völlig unangemessenen Weg betreten. Ich lebe über meine Verhältnisse. Ich gebe mein Geld für Kneipe und Zigaretten aus. Ich habe die Vorstellungen der Eltern von Familienleben nicht erfüllt.

Weil meine Gedanken noch nicht enden wollen, wälze ich mich auf dem Fußboden im Jugendraum in meinem Schlafsack hin und her. Ich kann noch nicht einschlafen, weil ich immer noch an die vergangene Zeit denken muss. Was ab morgen werden wird, daran werde ich wohl erst ab morgen denken.

Weil ich Unruhe ins Haus der Eltern gebracht hatte, und es mir nicht gelungen war diese Unruhe auf das von den Eltern geforderte Maß zu begrenzen und weil die Eltern mit ihrem Maß bei mir nicht angekommen waren, ist der heutige Abschiedstag gekommen. Die Eltern haben ein Recht darauf, heute denjenigen gehen zu lassen, der noch nie bei ihnen leben wollte. Dass für mich die Frage niemals offen gewesen war, ob ich bei ihnen leben wollte, spielt heute genauso wenig eine Rolle, wie sie in der Vergangenheit eine Rolle gespielt hatte. Für mich hatte es nie eine Alternative gegeben. Ich hatte mich mit dem unwahrscheinlichen Glück abzufinden, dass ich überhaupt Eltern haben durfte. Für dieses Glück bin ich dankbar. Ohne dieses Glück wäre ich nicht wer ich heute bin.

Ich glaube solche späte Erkenntnis wäre den Eltern nicht genügend Dank. Ich glaube diese Art Dankbarkeit ist für die Eltern keine vollständige Dankbarkeit. Dieser Erkenntnis fehlt die absolute Anerkennung dessen, was die Eltern auf sich genommen hatten, um mich zu einem verantwortungsvollen Menschen zu machen. In den letzten Tagen bei den Eltern war mir klar geworden, dass der Dank den sie erwarten, ein absoluter Dank sein muss. Ich glaube für die Mutter war mein Dank nie ehrlich genug gewesen. Weil ich erkenne, dass ich keine andere Wahl gehabt hatte, fehlt meine Fähigkeit zu absolutem, bedingungslosem, unterwürfigem Dank. Das was da fehlt bedeutet den Eltern aber sehr viel. Würde ich versuchen, meine Art Dank zu erklären, würde das die Eltern schon wieder enttäuschen.

Nach dem Einzug bei den Eltern schien es keine Rolle mehr zu spielen, woher und warum ich zu ihnen gekommen war. Mein altes Leben schien zusammengebrochen zu sein. Es war unauffindbar verschwunden. Die Eltern hatten mich darauf nie angesprochen. Ich habe sie darauf nie angesprochen, weil ich froh gewesen war, dass ich bei ihnen ein neues zu Hause gefunden hatte. Vielleicht war das der Anfang vom Ende gewesen. Vielleicht konnte das gar nicht funktionieren. Vielleicht kann kein Mensch einen gewichtigen Teil seines Lebens von heute auf Morgen auslöschen, indem er und die Menschen in seiner Umgebung darüber überhaupt nicht mehr sprechen. Es könnte sein, dass ich mich deshalb zu einem undankbaren Bewohner im Haus der Eltern entwickelt hatte. Vielleicht hätte ich den Eltern dankbarer sein können, wenn die mit mir über mein Leben vor dem Leben in der Familie gesprochen hätten. Vielleicht wäre Vertrauen gewachsen, wenn mein Leben das vor den Eltern gewesen war bei den Eltern eine Rolle gespielt hätte.

Ein letztes Mal wälze ich mich in meinem Schlafsack hin und her. Jetzt nehme ich mir fest vor, gleich einzuschlafen. In meinem Kopf wirbeln noch ein paar letzte Fetzen derjenigen Dinge, die ich heute im Laufe meines Geburtstages durchdacht habe herum. Morgen wird wieder ein neues Leben für mich beginnen. Das alte Leben bei den Eltern ist heute abgeschlossen. Morgen werde ich genügend Zeit haben, über mein altes und meine neues Leben weiter nachzudenken.

In meinem warmen Schlafsack, auf dem kalten Steinfußboden meines ehemaligen Jugendgruppenraumes, tauchen die letzten Bilder an die ich heute gedacht habe noch einmal mal wie winzige Lichtblitze in meinem Kopf auf. Ich spüre, dass mich die schwere meiner Müdigkeit wie ein Stein immer tiefer in den Schlaf zieht.

Es war ein privates Busunternehmen das uns in Ausflugs- und Reisebussen täglich die steile Bergstraße hinauf zu unserer Schule gefahren hatte. An der Gepäckablage über den Sitzen hatte ich mich stets gut festgehalten, denn die Straße auf den Berg ist kurvenreich. Beinahe täglich war mir während der Busfahrt schlecht geworden. Niemals hatte ich mich im Bus übergeben. Das hatte ich nach der Busfahrt fast jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn auf der Schultoilette getan. Damals war ich in jeder Hinsicht kontrolliert und angepasst gewesen. Meine Kontrolle war so weit gegangen, dass ich, obwohl mir im Bus bereits nach wenigen Kurven schlecht geworden war, dem Brechreiz erst freien Lauf ließ, als ich um viertel vor acht Uhr die Schultoilette erreicht hatte. Im Schulbus war täglich Vorsicht vor den älteren Mitschülern geboten. Es herrschte die Ordnung des Stärkeren. Ich glaube hauptsächlich während der täglichen Zeit im engen, überfüllten Schulbus hatte ich damals gelernt meine Rolle unter Gleichaltrigen zu finden. Die Rolle habe ich gehasst. Trotzdem habe ich mich angepasst. Stets hatte ich versucht, mich unauffällig und zurückhaltend zu verhalten. In Schlägereien und Streitereien hatte ich mich nie eingemischt. Im Schulbus und in der Schule hätte ich mich gerne öfter eingemischt. Gerne hätte ich manchem schwächeren, der in meinen Augen grundlos verprügelt worden war, geholfen. Dieses Eingreifen war stets mein Wunschtraum geblieben. Im Schulunterricht hatte ich manchmal zu gut verstanden, was den Lehrern wichtig gewesen war. Im mündlichen Unterricht hatte ich mir deshalb eine zurückhaltende Art angewöhnt, denn von manchen Mitschülern hatte ich Groll und Wut gegen mich gespürt. Wegen diesen Mitschülern war es mir stets wichtig gewesen, nur ein Mittelmaß zu erreichen, um von ihnen nicht als „Streber“ abgestempelt zu werden. Trotz meiner Anpassungsfähigkeit war ich auch in der neuen Schule auf dem Berg ein Außenseiter geblieben. Vielleicht hatte das mit meiner Herkunft zu tun. Weil ich nicht aus dem Ort stamme, weil ich keine normale Familie hatte, war ich von Beginn an auffällig gewesen, weil ich anders gewesen war. Schon wegen meiner Sprache war ich unter den gleichaltrigen Mitschülern anders gewesen. Auch bei den Eltern war meine Sprache ein Problem gewesen. Deshalb war es gut, dass ich gelernt habe, mich stets zurückzuhalten. Toleranz gegenüber mir, dem Fremden konnte nur entstehen, weil meine Anpassung so stark geworden war, dass ich beinahe nicht mehr aufgefallen war.