Archiv der Kategorie: N-Book® Wenigstens Entlassung – Erzählung

Oma und Opa

In Omas Haus hat sich wenig verändert. Oma und Opa sind viel älter geworden. Acht Jahre sind vergangen, seitdem ich zwei schöne Wochen bei ihnen verbracht hatte. Damals war ich zu ihnen geflüchtet, weil ich es bei meinem Vater nicht mehr ausgehalten hatte. Dessen brutale Schläge waren mir zu viel geworden.

Oma begrüßt meinen Bruder und mich freundlich. Sie umarmt uns herzlich. Auch Opa umarmt uns. Seine Rasur kratzt mich genauso wie damals beim Abschied. Opa hatte mich an einem schönen sonnigen Frühlingstag 1974 ein letztes Mal in seinem grauen Käfer die Bergstrasse nach Pfedelbach hinunter gefahren.

Von dort ging es in die Stadt zum Jugendamt. So begann meine Reise zurück ins Heim auf den Obersalzberg in Berchtesgaden, was ich damals wie eine Reise in die Vergangenheit, also einen Schritt zurück empfand. Ich wurde zusammen mit meinem Bruder in ein Auto gesetzt und dorthin zurück gebracht, wo ich lebte, bevor der Vater neu geheiratet hatte und deshalb seine Kinder wieder zu sich nahm. Ich wusste damals nicht, dass es eine Reise in meine Zukunft war. Ich war erst zehn Jahre alt und hatte meinen Kopf voll von Angst vor meinem Vater, weshalb ich froh war, dass meine Flucht von ihm weg gelang und ich vorübergehend bei Oma und Opa Unterschlupf gefunden hatte, bevor es ins Heim zurück ging.

Wir setzen uns in die Küche an den Tisch. Dort serviert Oma frisch gebrühten Kaffee und einen leckeren selbst gebackenen Apfelkuchen mit Streußeln. Die Äpfel hat sie vom eigenen Baum im Garten. Sie lagerten den Winter über im Keller. Es sind die letzten Äpfel aus dem letzten Herbst. Im Garten steht der Apfelbaum bereit zur neuen Blüte.

Alles, so sagt Oma, fängt in der Natur jedes Jahr neu an. Jeder hat, wie der Apfelbaum im Frühling, immer wieder eine neue Chance. Die Oma weiß warum sie mir das sagt.

Zu ihr hatte ich in den Jahren immer wieder Kontakt. Ich sparte jede Woche von meinem Taschengeld eine Mark. Damit lief ich am Sonntagnachmittag vom Kinderheim am Oberlehen zur Bushaltestelle, der Station Erika an der Straße die hinauf auf den Obersalzberg führte. Dort stand eine gelbe Telefonzelle. Omas Telefonnummer habe ich heute noch im Kopf. Ich wählte mit der grauen Wählscheibe deren lange Nummer und sah dabei meiner Mark zu, wie sie hinter der gläsernen Scheibe des Telefons in einer Metallschiene fest hing und darauf wartete, bis sechshundert Kilometer entfernt Oma den Hörer abhob, um mit einem metallischen „Klick“ in Richtung des im Telefon angebrachten Münzenbehälters, auf einer weiter unten angebrachten Metallschiene davon zu rollen. Oma hob stets nach fünf mal Läuten ab. Mein Gespräch dauerte jeden Sonntag eine Mark lang. Das waren etwa acht Minuten wöchentlicher Zeit, in der ich Oma von meinen Ängsten und Träumen erzählte und sie mich tröstete. Oma und Opa waren mein weit entfernter Rettungsanker, an dem ich mich fest hielt, um die beiden Männer zu ertragen, die mich und andere Kinder am Obersalzberg über viele Jahre in ihrer Obhut hatten.

Nach meiner Entlassung aus der Gewalt der beiden Männer vom Obersalzberg, durfte ich bei neuen Eltern einziehen. Die hatten sich bereit erklärt, einen vierzehnjährigen ungebildeten und aufmüpfigen Jungen aufzunehmen. Ab dieser Zeit wurde leider das Telefonieren mit Oma sehr selten. So verlor ich sie und Opa aus meinem Blick. Oma war sehr froh, als sie gehört hatte, dass ich neue Eltern bekomme und dass ich deshalb nicht länger in diesem, wie sie sagte „Horror-Heim auf dem Berg“ leben musste.

Doch von den neuen Eltern aus, durfte ich sie kaum mehr angerufen. Die Eltern wollten nicht, dass ich alte Kontakte pflegte. Sie hatte Angst, denn sie wussten, dass ich aus widrigen Verhältnissen kam und sie glaubten, dass alle Kontakte aus dieser Zeit für mich nicht nützlich, vielleicht sogar schädlich seien. Die Eltern sprachen mit mir nie über meine widrige Vergangenheit, stattdessen sorgten sie dafür, dass ich möglichst wenig Kontakt dorthin zurück hatte, woher ich stammte.

Opa fährt immer noch seinen grauen Käfer. Er sagt, dass er gar kein anders Auto will. Der Käfer sei nicht tot zu kriegen. Mit meinem Bruder spricht er über dessen Auto. Es ist ein Opel. Ein riesiger Wagen. Opa fragt wie viel Sprit der frisst. Jede Menge, meint mein Bruder. Aber das sei nicht so schlimm, schlimm sei die teure Versicherung. Deshalb wolle er die Kiste bald wieder verkaufen.

Mich fragt Opa nicht, ob ich ein Auto habe. Ich bin darüber froh. Er kommt nicht auf diese Frage, denn ich kam zusammen im Auto meines Bruders zu dem Besuch. Im Grunde kann es sich keiner von uns beiden wirklich leisten. Mein Bruder, der regelmäßig zur Arbeit geht und Geld verdient sagt, dass das Auto sein gesamtes Geld fresse. Was soll ich da zu Opa sagen? Ich leiste mir einen gelben Opel Kadett, für den ich sechshundert Mark Versicherung pro Halbjahr zahle, wo ich doch vom Staat lebe, um zu Schule zu gehen. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Opa das wüsste.

Das Gespräch am Küchentisch dreht sich lange Zeit um Autos. Mein Bruder kennt sich aus. Er erklärt, was er an seinem Auto schon alles reparieren musste. Der Kühler, die Antriebswellen, die Lenkung, der Motor. So ein altes Auto ist ständig defekt. Ich weiß das, denn mein Kadett lenkt ja von selbst nach rechts. Ich bin sehr froh, dass ich es in der Klapperkiste von Traunstein ohne Panne zu meinem Bruder geschafft habe.

Wie mein Bruder weiß ich, dass wir uns mit den Autos Freiheit vorgaukeln. Mein Bruder fährt täglich früh morgens zur Arbeit. Aber das Auto nutzt er auch viel in der Freizeit. Abends und am Wochenende kann er hinfahren, wohin er will. Das ist seine Freiheit. Für die arbeitet er, um von seinem Geld Ersatzteile zu kaufen, die er am Wochenende in das Auto baut, damit es fahren kann.

Ich finde diese Freiheit seltsam. Doch ich sage am Küchentisch nichts dazu. Ich beobachte meinen Bruder, wie er leise berichtet, ich sehe Opa zu, wie er verständnisvoll nickt, denn er scheint die technischen Dinge alle zu kennen. Ich sehe Oma zu, die vom Kaffee nippt, den Kuchen auf unsere Teller verteilt und der Unterhaltung folgt. Ich glaube, dass ich zu jung bin, um wirklich zu begreifen, warum das Thema so wichtig ist. Ich denke darüber, dass es Quatsch ist, sich für eine fahrbare Schrottmühle auf vier Rädern den ganzen Tag lang in eine lärmende Fabrik zu stellen.

Ich kenne das von mir. Deshalb mische ich mich in das Gespräch zwischen Opa und meinen Bruder nicht ein. Ich denke oft, dass um mich herum unsinniges geschieht und gesprochen wird. Ich weiß nicht recht, ob ich vieles einfach nicht begriffen habe.

Mein gelber Opel-Kadett hat mich heute zu meinem Bruder gebracht. Morgen bringt er mich wieder zurück nach Traunstein. Sicherlich bringt er mich demnächst auch wieder nach Berchtesgaden, um dort alte Bekannte zu besuchen. Jeder Zeit kann ich einsteigen und losfahren. Dafür nimmt mein Bruder in Kauf, dass sein ganzes Geld draufgeht. Was ich daran verstehe ist, dass diese Art von Freiheit zusätzliche Arbeit zu schaffen scheint. Warum noch zusätzliche Beschäftigung, wo der Mensch eh nur wenig Zeit ohne Beschäftigung hat, die ihm neben der täglichen Fabrikarbeit bleibt?

Zum Schluss des Nachmittags bei Oma erfahren wir, dass der Vater seit einigen Monaten ganz in der Nähe eingezogen ist. Er lebe allein, sei von seiner Frau geschieden. Das finde ich wirklich interessant. Das wäre ein Thema für den Nachmittag gewesen! Warum sprechen wir den ganzen Nachmittag über Autos und Beschäftigung? Warum erwähnen Oma und Opa den Vater erst, als wir schon dabei sind, uns zu verabschieden? Was mich interessiert kommt erst zum Schluss und dann auch nur ganz kurz zur Sprache. Das finde ich schade. Aber ich schaffe es nicht, gleich zu Beginn des Besuches nach dem Vater zu fragen.

Immerhin erfahre ich, das Vater sich von dieser Frau getrennt hat. Das finde ich gut, denn ich konnte sie nicht ertragen. Sie hat damals wie ein Furie um sich geschlagen und geschrien.

Beim Abschied kommt der Gedanke, den Vater zu besuchen. Darüber spreche ich mit Oma und Opa nicht. Bestimmt denken sie nicht daran, dass ich die Idee haben könnte, den Vater nach allem was damals geschehen war, zu besuchen. Ich denke daran, weil es lange her ist, weil ich weit weg wohne und weil klar ist, dass „Damals“ vorbei ist, auch wenn es nie vergessen sein wird. Ich denke daran, weil es mein Vater ist.

Der Abschied ist herzlich. Wir versprechen Oma und Opa, bald wieder zu kommen. Ich bin sehr froh über den gemeinsamen Besuch mit meinem Bruder, denn ich weiß nicht, wann „bald“ sein wird.

Vater

Ich finde ihn. Er wirkt unverändert. Klar, er ist wohl etwas älter geworden, aber sonst? Die schwarzen Haare mit einer Welle, die nach vorne fällt, die schwarze Hornbrille, die leicht gebeugte Statur, selbst die braune Cordhose und die karierte Jacke, die er trägt. Alles unverändert, wie damals. Die Jacke trug er immer, dazu dieses karierte Hemd. Er riecht nach Pfeifentabakrauch und nach „Kurmark“. Er sieht aus wie damals vor acht Jahren, im Frühsommer 1974, als ich ihn das letzte Mal sah.

Niemand weiß, dass ich ihn heute besuche. Selbst meinem Bruder habe ich das nicht gesagt. Gestern Abend waren wir noch lange unterwegs. Wir haben Freunde meines Bruders besucht. Ich konnte da nicht mit ihm über meine Idee, den Vater zu besuchen sprechen. Wir haben Musik gehört und uns über alles mögliche unterhalten, nicht aber über die Familie. Heute schliefen wir bis in den frühen Nachmittag hinein. Ich verabschiedete mich von ihm, der eigentlich wollte, dass ich noch bleibe und erst abends fahre. Aber ich will nicht in die Nacht kommen. Ich bin unsicher wie lange die Beleuchtung am Opel-Kadett noch funktioniert. Die Lichtmaschine ist laut und schwach. Ich möchte nicht im Dunklen auf der Autobahn liegen bleiben. Das verstand mein Bruder, so verabschiedete ich mich und fuhr los.

Kurz vor der Autobahnauffahrt kam meine Idee von gestern wieder. Ich bog nicht auf die Autobahn ab, sondern fuhr gerade aus weiter. Ich fuhr nach Pfedelbach und von dort hinauf auf den Berg, bis zur letzten Kurve vor das Haus, von dem Oma gesagt hatte, dass dort kürzlich der Vater eingezogen sei.

Mein Läuten bleibt ohne Reaktion. Ich läute noch einmal. Keine Reaktion. Nach dem dritten Läuten denke ich daran, es aufzugeben. Da höre ich von drinnen ein Poltern. Es sind schwere Schritte. Sie poltern und knarren sehr langsam eine Holztreppe hinunter. Schlüssel klimpern. Ein rostig metallisch kratzendes Türschloss. Eine schwere dunkelbraune Holztür wird langsam nach innen aufgezogen.

Vor mir steht ein kleiner Mann mit gewelltem, fettig glänzendem, schwarzen Haar, das ein paar graue Stellen zeigt. Er trägt eine Jacke, die so aussieht, als sei es die gleiche wie damals. Er hat ein kariertes rötliches Hemd an und trägt wie damals eine schwarze Hornbrille. Er trägt seine braune Cordhose und steckt in dunkelbraunen Filzpantoffeln. Er blickt mir ins Gesicht. Ich sehe im ins Gesicht. Ich spüre nichts, nur ein leichtes Zittern meiner linken Hand. Ich reiche ihm meine rechte Hand.

Ich bin es.“

Ich merke, dass ich stottere, was ich noch nie getan habe. Meine Stimme ist schwergängig, was ich von mir nicht kenne. Meine wenigen Worte sind eintönig, ohne jede Regung drücke ich sie stotternd aber völlig gleichmäßig heraus, was mich seltsam unberührt lässt.

Das gibt’s doch nedde! Komm rein!“

Jetzt erst erkenne ich den Vater vollständig. Dessen schwäbischer Ton hat mir so wenig gefehlt, dass ich ihn völlig vergessen hatte. In meinen Gedanken an die Töne von damals, gab es nur dessen damalige Ehefrau und deren kreischende Stimme. Der Vater sprach auch damals ein schweres Schwäbisch. Abends, wenn er den schwarzen Gürtel aus der Hose nahm und mich über den Holzstuhl im Kinderzimmer legte, schrie er mit seiner nicht besonders kräftigen Stimme, immer eine schwäbische Hasstirade voll von Wut über mich heraus. Seine Stimme und deren Tonfall, habe ich bis heute vergessen. Jetzt ist die Erinnerung vollständig wieder da.

Der Vater weicht ein paar Schritte zurück in das dunkle Treppenhaus, um mich herein zu lassen. Ich folge langsam die steile Holztreppe hinauf. Oben klimpert wieder der Schlüsselbund. Der Vater öffnet eine weiß gestrichene Wohnungstür, an der sich ein Oberfenster befindet, das von einem vergilbten Storevorhang verdeckt wird.

Die Treppe zu Vaters Wohnung in Pfedelbach war so eng, dass ich nur seinen gebeugten Rücken sah, während er klimpernd an der kleinen Tür das Schloss öffnete. Damals war ich froh aus dem Kinderheim am Obersalzberg zum Vater entlassen zu werden. Im Heim am Obersalzberg hatte ich die Schläge zweier Männer zu ertragen. Ich wusste damals, als ich mit dem Vater zum ersten Mal dessen Wohnung betrat nicht, dass es bei ihm viel schlimmer werden sollte, denn die Männer, die im Kinderheim am Obersalzberg schlugen, waren eben nicht mein Vater.

In dem finsteren Raum stehen Tisch und Sofa, Fernsehapparat und in der Mitte ein elektrisches Klavier. Dorthin bewegt sich der Vater.

Ich spiele gerade.“

Er weist mir mit der rechten Hand einen Stuhl am Tisch, neben dem kleinen Klavier zu. Er lässt sich am Klavier nieder. Von dort blickt er in meine Richtung. Er sieht mich nicht mehr an. Vor sich hat er sein Klavier. Seine Stimme klingt wie früher. Es ist keine wirklich unangenehme Stimme. Sie ist leise. Früher schrie der Vater abends, wenn er nach der Arbeit nach hause kam. Seine Stimme war laut und wütend. Jetzt wirkt sie ruhig. Unsicher, fast zitternd wirkt das, was ich in der Luft in dem Raum zwischen uns spüre. Er Vater fragt nichts. Ich frage nichts. Sekundenlanges Schweigen.

Soll ich dir was vorspiele?“

Wenn du willst.“

Der Vater beginnt zu spielen. Seine Augen richtet er konzentriert auf ein Notenblatt, das auf dem Notenhalter auf dem Klavier klemmt. Ich erkenne die Melodie eines Schlagers, den der Vater früher oft gehört hat. Er besaß viele kleine Schallplatten und massenweise orangene, von ihm selbst aufgenommene, säuberlich beschriftete Musikkassetten. Alles hatte er in einer Musiktruhe, in der sich ein Radio, ein Schallplattenspieler und ein Kassettenrekorder befanden. Es waren seichte und eingängige Melodien, wie sie jeden Samstagabend im Fernsehprogramm serviert wurden.

Ich sehe dem Vater bei dessen konzentrierten Spiel zu. Mein Inneres folgt seiner Melodie. Ich weiß genau wie die Melodie weitergeht. Vaters Spiel ist perfekt. Aufgerichtet sitzt er da, die Augen durch die Brille starr auf das Notenblatt gerichtet.

Jetzt stockt die bekannte Melodie, die ich im Kopf weiter singe. Die Geschwindigkeit stimmt nicht mehr und ein falscher Ton schleicht sich ein. Der Vater blättert das Blatt vor sich um. Doch anstatt weiter zu spielen, beendet er sein Spiel. Es schaut zu mir herüber, sieht mich aber nicht an. Ich versuche zu lächeln.

Sehr gut.“

Mehr bringe ich nicht heraus. Der Vater erhebt sich. Ich denke plötzlich, dass es keine gute Idee war, ihn heute zu besuchen. Ich denke das, denn mir fällt nichts ein, worüber ich mit ihm sprechen soll. Eigentlich gibt es nichts zu reden, denn eigentlich ist zwischen uns alles klar. Der Vater hatte mich schwer misshandelt, deshalb kam ich zurück in das Kinderheim, deshalb hatte ich neue Eltern bekommen, deshalb war ich ohne ihn aufgewachsen. Damit ist alles gesagt. Warum also mein heutiger Überraschungsbesuch?

Du gäähscht noch zur Schul gell?“

Ja, die Fachoberschule in Traunstein. Ich will auch noch ein Studium machen.“

I kriiieg immer so Briefe vom Bafögamdt. Geschdern erscht is wieder oiner im Briefkaste drinne gwääse!“

Ah ja? Was wollen die denn von Dir?“

Ha ja! Hundertfünfadreißigg Margg zahl i mooonadlich für Dich wääge Deiner Schul!“

Der Vater reicht mir ein Papier. Er kommt aus Bayern. Es ist ein Bescheid in dem steht, dass der Vater monatlich für meine Ausbildung zu bezahlen hat.

Willschd du Kaffeeä?“

Jetzt stehe ich auf.

Nein danke. Ich wollte nur einmal kurz vorbei kommen. Ich muss wieder weiter.“

Ich merke, dass ich die Vorstellung hatte, mit dem Vater ein Gespräch über die Vergangenheit zu führen. Doch das ist unmöglich. Mein Besuch ist eine zu große Überraschung für ihn und für mich. Nach allem was früher gewesen war, heute einfach so vorbei zu kommen! Ich kann jetzt mit dem Vater unmöglich über das Geld sprechen, dass er für mich bezahlt. Deshalb gehe ich langsam zur Wohnungstür. Der Vater folgt. Ich höre Schlüssel klimpern in seiner Hosentasche.

Ich öffne einfach die Tür, sehe mich nicht nach dem Vater um, sondern steige langsam die steile Treppe hinunter. Der Vater folgt mir. Die Tür unten war zuvor ins Schloss gefallen, deshalb komme ich nicht raus. Der Vater schiebt sich am Treppenabsatz an mir vorbei. Sein Schlüssel klimpert in seiner Hand. Wir stehen ganz eng beieinander in dem finsteren, engen Korridor. Ich rieche den Vater. Er riecht wie früher. Es ist nicht nur „Kurmark“ sondern es ist der Geruch von schwerer Arbeit, die den Vater sein ganzes Leben lang begleitete. Ein leicht süßlicher Schweißgeruch. Ich kenne das von früher. Ich roch das, wenn er vor mir stand um mir feste Ohrfeigen zu geben. Ich roch es, wenn er seinen schwarzen Gürtel kräftig auf meinen Rücken trieb.

Die Tür öffnet sich. Ich gehe am Vater vorbei, mehrere schnelle Schritte hinaus in das helle Licht der Frühlingssonne. Ich bin schon Meter weit weg vom Vater. Dann nähere ich mich schnell noch einmal und reiche ihm meine rechte Hand. Die Hand des Vaters ist rau von Arbeit, doch ich merke, dass sie nicht so kräftig und groß ist, wie früher.

Auf Wiedersehen.“

Lass dich mal wieder blicken!“

Ich drehe mich weg vom Vater. Schnell und zielstrebig laufe ich zurück zur Straße. Ohne mich um zu blicken laufe ich bis die erste Kurve hinter mir liegt. Dort steige ich in den gelben Opel-Kadett und fahre los, ich will nach hause. Das ist dort wo ich mein kleines Dachzimmer habe im Haus von Frau Stößer.

Nachts

Der gelbe Opel-Kadett bringt mich heil zurück in meine bayerische Kreisstadt. Keine Panne, keine Probleme mit dem Wagen. Das Auto fährt einwandfrei.

Abends um halb neun, gerade zum Einbruch der Dunkelheit steige ich die Steintreppe im Haus von Frau Stößer hinauf, um mein kühles einsames Zimmer zu betreten.

Das Wochenende bei meinem Bruder ist vorbei. Ich koche in der winzigen Küche Tee und schmiere mir Butterbrote auf die ich Tomatenscheiben verteile, die ich leicht salze. Ich liebe den Geschmack von Butterbrot mit Tomate.

In der kleinen Küchenzeile, sie liegt angrenzend zu einem großen Raum, darf ich mir kleine Mahlzeiten zubereiten. Der schöne Dachgeschoßraum mit großen Fenstern hinaus Richtung Traunstein steht abgesehen von einem Tag pro Woche leer. An diesem Tag treffen sich darin etwa zehn Frauen. Sie sitzen dann plappernd an dem ovalen Tisch in der Mitte des Zimmers und Basteln für den Traunsteiner Weihnachtsmarkt.

Von unten höre bayerische Stimmen aus der Wohnung von Frau Stößer. Vor der Haustür parken große Limousinen. Sie gehören den Gästen von Frau Stößer. Ich bin todmüde, lasse mich auf meinem alten Sofa vor dem großen schwarz-weiß Fernseher nieder.

Den großen Fernsehapparat habe ich von den Pflegeeltern meines ein Jahr jüngeren Bruders geschenkt bekommen. Sie hatten mich gefragt, ob ich für das Gerät, das leider nicht mehr ganz in Ordnung sei, Verwendung hätte. Deren Anfrage hatte mich sehr gefreut. Denn sie bewies, dass die Pflegeeltern meines jüngeren Bruders, es für völlig normal hielten, dass ein junger Mensch, der einsam in einem Zimmer in einer Stadt wie dem Oberbayerischen Traunstein gelandet ist, einen Fernseher brauchen kann. Das monströse Gerät, ich holte es in Berchtesgaden an einem regnerischen Wochenende ab, passte gerade in den Kofferraum des Opel Kadett. Nachdem ich das Monstrum die steile Treppe durch Frau Stössers Haus hinauf geschleppt und in meinem Zimmer angesteckt hatte, funktionierte es nicht. Der Transport im Auto und das Herumschleppen waren zu viel für die Kiste. Ich war überzeugt, dass so eine uralte schwarz-weiß-Bildröhre viele Stunden Ruhe brauchte, um wieder funktionieren zu können. Ich kümmerte mich einfach nicht weiter um das Monster und siehe da: Abends genau um 19:00 Uhr meldete sich die heute-Sendung, nachdem ich die Kiste um 18:55 Uhr angeschaltet hatte. Das Gerät brauchte fünf Minuten, bis sich nach dem Einschalten die Bildröhre erleuchtet zeigte und der verstaubte Lautsprecher ertönte.

Das Gerät ist Gold wert, denn mit ihm verschwindet an Abenden wie heute die Einsamkeit. Das ist seltsam, ich wohne allein, doch trotzdem bringt das Fernsehgerät etwas von dem Gefühl, in meinem Traunsteiner Zimmer nicht völlig allein gelassen zu leben.

Ich sehe und höre den Nachrichtensprecher, denke dabei an den Vater und meinen Bruder, an Oma und Opa und daran, dass ich in einer Stadt lebe, mit der mich außer weniger Menschen noch nichts verbindet. Neues und Altes treffen zusammen, ständig geht es weiter, so wie es Oma vom blühenden Apfelbaum im Frühling erklärt hatte. Heute trifft mein Leben in Traunstein bei Frau Stößer und dem einsamen Zimmer auf das was ich früher erlebt habe. Was mir 1982 auf dem alten Sofa einsam erscheint, wird zur Erinnerung werden an einen Teil in meinem Leben. Die Schläge von Vater sind heute nur noch Erinnerung an einen kleinen Teil meines Lebens. So denke ich weiter und weiter und merke dabei nicht wie ich einschlafe.

Nachts wache ich auf. Auf dem grünen, kleinen Metallwecker erkenne ich in der Dunkelheit dessen grün schimmerndes Ziffernblatt. Es ist viertel nach Drei Uhr. Der Wecker wird um viertel vor Sieben läuten. Er hat oben zwei grüne Metallglöckchen und dazwischen einen winzigen Metallklöppel. Der sorgt täglich dafür, dass ich aufwache.

Der Wecker tickt in zwei unterschiedlichen Tönen. Tick ist ein dumpfer Ton, der mich an einen leisen Schlag eines Teelöffels gegen einen vollen Keramikteebecher erinnert. Tack dagegen klingt etwas höher. Es ist der leise Schlag des Teelöffels gegen ein halb volles Glas Wasser. Dem folgt ein kurzes gläsernes Abklingen. Ich liege auf dem Rücken. Ich höre das regelmäßige Keramikteebecher- und Wasserglasschlagen: „Keramik – Wasser, Keramik – Wasser, Keramik – Wasser“ Tick, tack in einem fort neben meinem Kopf. Während des Zuhörens spüre ich unter meinem Rücken die drei Teile aus denen meine Matratze besteht. Ich konzentriere mich darauf, denn ich möchte weg von Tick und von Tack.

Es sind drei alte Federkernmatratzen. Ich habe sie aus dem Jugendkeller in Berchtesgaden mitgenommen. Ich habe sie im Zimmer bei Frau Stößer, rechts an der Seite in eine Nische auf den Boden gelegt. Die dreiteilige Matratze passt dort genau hinein. Von diesem Bett aus sehe ich durch die Balkontür hinaus. Von dort scheint ein schwacher Schimmer von Licht herein, der auf den Dachschrägen in meinem Zimmer einen finsteren Schatten wirft. Schatten und Schimmer bewegen sich in einer Linie an der schrägen Decke über meinem Bett.

Minutenlang beobachte ich deren Bewegung. Darin erkenne ich einen Rhythmus. Es ist der Takt einer bedeutungslosen Linie an der Wand. Ihr widme ich meine Aufmerksamkeit. Ein Lichtschein vom Balkonfenster aus der Dunkelheit. Nichts weiter als ein nächtliches Schimmern durch mein Balkonfenster. Was ist das?

Ich weiß es nicht, doch es erinnert mich an mein Leben in dieser kleinen Stadt, es wippt unregelmäßig dahin und doch bildet es eine unscheinbare Linie. Mein Alltag fließt ruhig, normal. Täglich bewege ich mich vom Zimmer bei Frau Stößer zur Schule, zu neuen Freunden, die ich in der Kreisstadt suche und finde.

Langsam tapse ich in der Dunkelheit die Wendeltreppe hinunter ins Erdgeschoss. Ich sperre die Haustür leise auf. Kühle, feuchte Luft strömt mir entgegen. Vorbei an dem schweren, schmiedeeisernen Tor, dem Zaun und der Garage von Frau Stößer knöpfe ich meine Jacke zu.

Rings um mich herum höre ich schwere Regentropfen von den Bäumen fallen. Die großen Limousinen der Gäste von Frau Stößer sind verschwunden. Vor dem schwarzen Gartentor steht mein gelber Opel-Kadett. Er leuchtet im Mondschein. Schwarze Wolken treiben am Himmel. An der Hausecke, hinter Frau Stößers Doppelgarage, schlägt mir eiskalter Wind entgegen.

Dort Richtung Osten, am Waldrand hinunter in die Stadt, steht ein sehr altes Haus. In roter Leuchtschrift erkenne ich verschwommen von Regentropfen „Moulin Rouge“ über der breiten Eingangstüre. Vor dem Puff parken schwere Wagen.

Die Straße ist eine Sackgasse. Der Jugendleiter brachte mich nach lange gewordenen Abenden oft in seinem Auto nach hause. Stets fuhr er langsam auf den Parkplatz. Er fuhr einen weiten Bogen, um im Schein der Autoscheinwerfer die Fahrzeuge zu erkennen. Er kannte die Namen aus der lokalen Politik. Er nannte mir die Herren alle. Mich interessierte das nicht. Es war mir peinlich, dass ich direkt neben dem Puff wohnte. Der Jugendleiter fand das lustig.

Hinter dem Moulin Rouge führt ein schmaler Pfad bergab durch den Wald Richtung Traun. Ich laufe ihn langsam hinunter. Der kalte Wind bringt viel Bewegung und Lärm in den Wald. Ich habe meine Winterstiefel angezogen. Der Boden ist von Laub übersät und er ist matschig. Rechts neben dem Fußweg fließt ein kleines Rinnsal, das sich dort wegen dem schweren Regen der Nacht gebildet hat. Einmal rutsche ich mit dem rechten Fuß leicht nach unten ab, kann mich aber sofort wieder fangen.

Mich fröstelt am ganzen Körper. Hätte ich den dicken, gestrickten Wollpullover anziehen sollen? Zu spät. Der Fluss brüllt wie ein tobender Bär. Kein Auto fährt um diese Uhrzeit. Im Licht einer Straßenlaterne werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Viertel vor vier.

An der Kreuzung überquere ich den Fluss. Dort steige ich im Windschutz der Brücke eine glitschige Wiese hinunter. Unterhalb der Brücke, nahe dem tobenden Wasser der Traun, bläst der Wind mit voller Wucht. Ich laufe einen schmalen Pfad flussaufwärts. Der Fluss dröhnt links von mir. An scharfen Felsen, die aus dem Wasser ragen, sehe ich helle Stellen schäumender Gischt. Ich rutsche immer wieder aus.

Meine Feuerstelle unter einer Brücke im Wald ist vom Wind zerwühlt, doch nicht von der Traun über spült. Im letzten November stand das Wasser nach einem Herbststurm gut drei Meter höher als normal. Ich habe mein gesammeltes Holz unter einer grünen Plane versteckt. Der Sturm hat einen Zelthaken weggerissen. Die lose Ecke der Plane schlägt im Wind auf und ab. Mit der Taschenlampe suche ich den Boden ringsum ab. Der Hacken ist noch da. Er liegt von Matsch verschmiert neben dem Pfeiler. Ich schlage den Haken mit einem Stein samt Ecke der Plane in den glitschigen Boden.

Morgens um viertel vor sieben scheppert mein grüner Blechwecker. Ich greife nach beiden grünen Glocken oben am Wecker. Das Scheppern wird ein gedämpftes Rasseln. Ich darf nicht wieder einschlafen, denn ich muss in die Schule gehen. Im Zimmer ist es finster. An den Dachschrägen sind Schatten und Licht verschwunden. Ich fühle mich matt und müde. Regen trommelt auf das Dach.

Vormittags

Wenn Sie das bis heute noch nicht gelernt haben, dann sind Sie fehl am Platz hier! Das hatte ich ihnen doch letzte Woche schon gesagt!“

Der brüllende Mann ist mittelgroß und drahtig. Er trägt eine eng anliegende Jeans und ein glänzendes, dunkelblaues, oben weit offenes Hemd. Sein Gesicht ist leicht gebräunt. Er trägt glatte, kurze, schwarze Haare.

Ich spüre dass mein Bauch sich zusammen zieht und mir das Atmen schwer fällt. Ich finde es seltsam, dass automatisch funktionierendes, etwa mein Atem, in Situationen, wie dem hasserfüllten Getöne dieses Technologielehrers, überraschend spürbar wird, weil der Atem nicht mehr richtig zu funktionieren scheint. Vielleicht verstärkt das meinen Hass auf diesen Typen. Ich verbinde ihn plötzlich sogar mit polternden bayerischen Politikern, in deren Arroganz offensichtliche Abneigung gegenüber Menschen die „anders“ sind liegt.

Mein Tischnachbar ist „anders“. Ich spüre an Ihm etwas, das zu ergründen ich mir vorgenommen habe. Ich werde herausfinden, was ihn in meiner Schulklasse zum Objekt macht, das den Hass des Lehrers trifft und warum er sich dem nicht widersetzt. Bis jetzt weiß ich nicht viel über ihn. Es bleibt nur ein Gefühl, das ihn „anders“ erscheinen lässt als die Klassenkameraden. Er ist kein Techniker, er ist ein ruhiger, zurück gezogener, ein eher in sich gekehrter Mensch. Er wirkt verschlossen, denn er spricht wenig und tritt in der Schulklasse im Prinzip nicht in Erscheinung. Er ist da, wirkt aber so, als gäbe es ihn nicht.

Vor der grünen riesigen Tafel bewegt sich der Lehrer wie ein Tennisspieler. Gerade hat er einen Matchball hin geknallt. Das von ihm unterrichtete sei logisch und deshalb logischer Weise selbsterklärend, da braucht es nur das nötigste, nicht viele Worte, so meint der sportliche Mann. Mein Banknachbar wird heute mal wieder vom Platz gefegt. Noch blickt er angestrengt nach vorne, erfasst den Drahtigen, setzt alle Kräfte in Gang um volle Konzentration und Aufmerksam Richtung Sportler zu lenken. Sein Blick in gerader Linie, Auge in Auge mit dem Gebräunten, doch er sagt nichts. Heute fragt er nichts, denn noch bevor er zu seiner heutigen Frage ansetzten kann, knüppelt der Matchball meinen Nachbarn nieder. Zahlenkolonnen und Formelreihen in einer großen Tabelle schüttet der Mann dem vermeintlich Fragenden hin. Der verzieht keine Mine, sondern sticht starren Blicks auf die Augen des großen da vorne ein.

Ich sitze auf meinem Platz am Tisch neben ihm und versuche es ihm jetzt genau gleich zu tun. Ich versuche einen ganz ernsten, aber unbeteiligten Blick nach vorne zur Tafel direkt in die Augen des oben weit offenen Hemdes zu richten. Ich suche dessen Augen, finde aber schwarze Haare, die aus dem weiten Hemd heraus stehen. Dann endlich hab ich seine Augen, in die ich sofort tief hinein steche. Mit einem Pfeil tue ich das, vorne gehärteter spitzer Stahl, solcher von dem der Technologielehrer in der heutigen Materialkundestunde doziert. Den jage ich dem eng anliegenden Jeansträger mit solcher Wucht in die Augen, dass es daraus zu qualmen scheint. Ein Geräusch wie aus einer dampfenden Pfanne, die ein kalter Wasserstrahl erreicht.

Was führt der tänzelnde Schöne heute im Klassenzimmer vor? Er hat ein dünnes Stahlrohr, das er über die Flamme eines Bunsenbrenners hält, um es nach gewisser Zeit in einem Wasserbecken auf seinem Tisch ab zu kühlen. Er dreht sich während der Vorführung immer wieder zur Tafel, um dort Formeln und unverständliche Textkürzel in die Spalten und Reihen einer Tabelle zu platzieren.

Ich schreibe alles aus der Tabelle ordentlich in mein Technologieheft. Ich bin äußerst interessiert an dem Text, der nicht im Sinne eines Textes zu sehen ist, sondern eher einem verklausulierten Bild gleicht, das der gebräunte Sportler vorne an der Tafel aufzuführen scheint. Das Bild einer mächtigen Person, die Schülern die Technologie erklärt. So unverständlich wie irgend möglich, in Kürzeln und geheimen Zifferncodes. Zweck dahinter ist die Abschreckung derjenigen Menschen, die in der Schulbank nichts verloren haben. Das offene Hemd meint mich und meinen Tischnachbarn.

Mein Gegenhalten heißt „nicht auffallen“. Ich verstehe mindestens so wenig wie mein Tischnachbar, aber stelle keine Fragen. Er dagegen hatte den gebräunten Profi schon in den ersten Stunden so viel gefragt, und damit wohl provoziert, dass dieser anfing, von Stunde zu Stunde mit immer mehr Kürzeln, unverständlichen Ziffernfolgen und Formeln dagegen zu halten.

Mich interessiert prinzipiell die Antwort auf das, was mein Banknachbar fragt sehr. Doch im Gegensatz zu ihm wurde mir in der ersten Unterrichtsstunde bei dem arroganten Kerl klar, dass ich besser nachmittags in den Schulbüchern nach Antworten suche. Antwort auf Fragen zu geben ist für den Technologielehrer halt nicht üblich.

Mittags um halb zwei laufe ich von der Schule hinunter zum Fluss, der Traun. Das Haus von Frau Stößer liegt auf der andern Uferseite. Mein Weg führt dort durch den Wald hinauf an die Bahnlinie. In der Stadt kaufe ich zuvor bei einem Discounter Lebensmittel. Von monatlich siebenhundert Mark habe ich nach Abzug der Miete noch vierhundertfünfzig. Deshalb kaufe ich im Discounter stets das billigste. Brot, Nudeln, Dosentomaten und so weiter.

Beim Einkaufen meiner Lebensmittel denke ich daran, dass die Dinge, welche ich an Wochenenden für das Jugendbüro verkaufe, zum Teil das fünf bis sechsfache von dem kosten, was ich mir zum Beispiel für Kaffee leisten kann. Ich werbe mit Informationsbroschüren gegen Waren wie Kaffee aus herkömmlichem Verkauf. Ich kaufe diesen Kaffee aber selbst. Ich kann mir nichts anderes leisten.

Mein Leben ist ein wackeliger Rhythmus von Gegensätzen. Der brüllende bayerische Ministerpräsident abends auf meiner schwarz-weißen Mattscheibe, der Ausländer zurück in Hunger und Bedrohung schicken will, aber selbst hier bleiben möchte, obwohl er ja nur per Zufall hier in Bayern zur Welt gekommen war und nicht etwa in Afrika, der Lehrer an der Technologieschule der mit weit geöffnetem Hemdskragen den Tennisprofi miemt, während er seinen Job verweigert, der Stadt- und der Landkreispolitiker im Puff neben meinem Zimmer im Haus von Frau Stößer.

Nichts ist wie es sein sollte, weil halt der Schein das eigentliche ist. Obwohl alles anders ist, glaube ich immer noch daran, dass es „normaler Weise“ sein sollte, wie es ursprünglich mal gedacht war. Der Ministerpräsident, der gerne Flugzeugführer wäre und sein Amt missbraucht um ein Flugzeug in Moskau zu landen, anstatt politisch den Armen und geflüchteten Menschen in Bayern Hilfe zu geben. Der Lehrer will gerne anderes sein und vermeidet deshalb zu lehren, weil ja eh alles logisch ist, was er zu lehren hat. Da taucht bei mir die Frage auf: Wozu braucht es dann noch einen Lehrer? Wozu braucht es Politiker, wenn die im Dienst lieber ein Flugzeug führen anstatt dem Land und den Leuten zu helfen? Wahrscheinlich bin ich das Problem, denn ich denke viel zu einfach, vielleicht sogar naiv. Es ist alles wie es ist, nämlich ganz anders als ich glaube.

In der kleinen Küchenzeile haue ich ein paar Eier vom Discounter in die Pfanne. Ich schneide von einem weichen hellen Brot ein paar Scheiben ab, schäle ein paar Karotten und würze die Eier in der Pfanne.
Wie gut, dass niemand weiß was ich hier tue. Auf der Realschule, noch letztes Jahr bei meinen Pflegeeltern, hatte ich Kochunterricht gehabt. Ich nehme die Pfanne von der Platte. Ich gehe in mein Zimmer, wo ich mich mit diesem Mittagessen auf das Sofa vor dem kleinen, braunen Tisch setze. Von unten höre ich Frau Stößer. Sie ruft nach mir.

Das Telefon steht vor der Eingangstüre in Frau Stößers Wohnung im Erdgeschoss. Es ist in Ordnung, dass ich mich bei Frau Stößer anrufen lasse. Telefonieren darf ich aber nicht.

Es ist Karin aus Berchtesgaden.

Guten Tag der Herr! Alles im Lot?

Ja klar, passt schon.

Wie sieht es bei Dir heute Nachmittag aus? Ich komme nach Traunstein, weil ich bei Erich übernachte. Sollen wir uns vorher treffen?

O.k. Wo?

Könnte bei dir vorbeikommen!

Alles klar, wann?

Um halb sechs?

O.k.

Erich der Busfahrer ist viele Jahre älter als sie. Der Mann lebt in der Nähe von Traunstein. Weil ihre Beziehung zum „alten“ Erich nicht von Karins Eltern gesehen werden soll, bin ich einverstanden für Karin den Lügner zu spielen. Sie übernachtet bei Erich, ist für ihre Eltern aber bei mir in Traunstein. Karins Eltern haben Frau Stößers Telefonnummer. Sie haben mich aber noch nie angerufen.

Nachmittags Zuhause

Weil ich nach dem Mittagessen todmüde bin kippe ich auf dem alten, dunkelgrünen Sofa einfach um und schlafe ein.

Matthias, mein Tischnachbar in der Unterrichtsstunde bei dem Tennisplatzfeger hat endlich seine Meinung geändert. Ich hatte zuvor mindestens zwanzig Mal in den Schulpausen mit ihm vernünftig zu sprechen versucht. Anfangs, als ich ihn erstmals sah, wirkte Matthias auf mich wie ein Bayer fast genauso wie der uns vom Platz fegende Lehrer. Arrogant und von oben herab. Doch im Laufe der ersten Wochen an der Schule merkte ich, dass er anders war. Es war seine bayrische Sprache, derentwegen ich verleitet war, ihn in die gleich Schublade wie den Lehrer zu stecken. Hinter der Sprache spürte ich einen Menschen, der wie ich auf der Suche zu sein schien.

Matthias richtete seine Aufmerksamkeit auf die feinen Kleinigkeiten. Wenn der Technologielehrer ins Klassenzimmer kam, sah ich an Matthias Blick und Körperhaltung, dass er in sehr aufmerksamer hab Acht Haltung war. Erst wenn er erkannte, dass der Lehrer keine Angriffslust hatte, um ihn oder einen Anderen zu verunsichern, gerieten seine Gesichtszüge in entspannten Normalzustand.

Ich bin froh, dass Matthias nach so vielen Gesprächsversuchen endlich mit mir spricht. Endliche sehe ich uns beide, wie wir auf einer der Sitzbänke in dem kleinen Grünstreifen hinter der Schule in der warmen Sonne sitzen und uns angeregt unterhalten. Ich erzähle dass ich in Berchtesgaden zwei Lehrer kennen lernen konnte, die ganz anders gewesen waren. Ich finde es erstaunlich, dass in Traunstein, das nicht so tief im verwinkelten Gebirge liegt wie Berchtesgaden, kein Lehrer zu unterrichten scheint, der die Schüler nicht in Wahrheit raus schmeißen will. Ich wundere mich über Gehässigkeit und Ausgrenzung, denen ich in Traunstein begegne. Das hatte ich an der Schule nicht erwartet. Matthias hat endlich verstanden, dass ich darüber mit ihm reden möchte.

Matthias weiß endlich, dass ich ihn nicht ausnutzen will. Ich will mir nicht sein Wissen zu Eigen machen. Ich will mich nicht mit fremden Federn, seinen Federn, seinem Wissen vor der Schulklasse und den Lehrern schmücken. Ich will nur mit ihm darüber reden, wie es in der Schulklasse täglich ist. Ich will wissen, was er über diese Schule, über diese Lehrer, über diese Mitschüler denkt. Ich möchte hören wie es ihm dabei geht, wenn er von Morgens bis Mittags, nicht fragen darf, ohne zu riskieren als dumm diffamiert zu werden.

Das Gefühl der Denunziation vor der Schulklasse von fünfundreißig Mitschülern kennt er wie ich. Dem Lehrer zuhören zu müssen, wie der eindringlich klar macht, dass die Frage dumm und völlig Fehl am Platz ist. Das möchte ich mit Matthias besprechen. Was fühlt er, was denkt er, während er erstarrt nach vorne zur Tafel blickt?

Wie geht es Dir Matthias? Was fühlst Du, während Du die Worte dieses gebräunten, erholten Gebildeten, der vor der grünen Tafel tänzelt, hörst? Ich will das wissen, weil ich klären will, ob ich mit Dir gemeinsame Sache machen kann. Wenn ich von Dir erfahre, wie Du darüber denkst, kann ich Dich unterstützen, könnten wir uns gegenseitig unterstützen, weil ich dann weniger Angst davor hätte auch von diesem gebildeten Denunzianten bloß gestellt zu werden.“

Ich will nicht länger wie die andern Mitschüler ein schweigendes, braves, dummes Lamm spielen. Auch ich möchte in der Schule etwas wissen. Ich würde gerne nachfragen, doch ich traue mich nicht.

Matthias sitzt still in der Frühlingssonne neben mir auf der Parkbank. Wir sprechen lange miteinander. Zu lange, mir kommt das jetzt sehr lang und sehr ruhig vor. Ist die Schulpause nicht längst vorbei? Ich blicke auf meine Armbanduhr. Das tue ich langsam und etwas verdeckt, denn ich will nicht, dass Matthias denkt, dass ich es eilig hätte. Ich habe Zeit ihm zuzuhören, denn jetzt hat er endlich zu sprechen begonnen. Ich konzentriere mich auf seine Worte, denn er spricht sehr bayerisch. Ich verstehe das kaum. Aber ich spüre seine Erleichterung.

Er scheint zu merken, dass ich nicht länger sein Konkurrent sein will, wie es in der Schulklasse, wo jeder gegen jeden sticht, alltäglich ist. Matthias sagt endlich was er denkt. Er will genauso wie ich, dass Lehrer Fragen ordentlich beantworten. Er will gemeinsam mit allen Schülern in der Klasse weiterkommen. Er will dass wir in der Schulklasse miteinander reden und Probleme die ein Mitschüler erkennt besprochen werden. Er sieht, dass dieses dumpfe „Schleicht’s Eich, wenn’s des immer no need kapiert’s!“, des bayerischen Lehrers an dieser Schule jedem Mitschüler in der Klasse schadet.

Auch Matthias brütet wie ich nachmittags allein Zuhause über den Büchern. Er erzählt mir von den Büchern. Er versucht zu verstehen, was in den Büchern steht. Er versucht aus den Büchern zu holen, was er mit Hilfe des Lehrers, oder mit Hilfe eines Gesprächs in der Klasse viel besser kapieren würde. Das geht aber in der Klasse nicht, weil sich dort jeder selbst am Nächsten ist. Das sagt Matthias! Endlich einer der das sagt! Ich bleibe ganz ruhig neben ihm sitzen, freue mich aber riesig, dass der so denkt. Er sagt mir, dass er schon oft gedacht hat, dass diese Bücher sehr schlecht sind. Es ist kaum möglich zu kapieren, was da drin steht. Nicht weil wir dumm sind, wie die Lehrer dieser Schule es täglich behaupten, sondern weil diese Schulbücher ohne Gespräch und Austausch über den Inhalt und ohne Fragen und Erklärungen gar nicht zu verstehen sind. Das habe ich bisher noch nie gedacht! Aber es könnte stimmen. Matthias könnte richtig liegen, die Bücher sind dafür gedacht, dass über den Inhalt gesprochen wird. Bisher glaubte ich tatsächlich, ich sei blöd. Ich brütete über mancher Erklärung im Buch stundenlang und fand des Problems Lösung trotzdem nicht. Das könne nur an mir liegen. So dachte ich bisher. Ich schaffe das Niveau der Schule einfach nicht! So war mein Denken bis heute. Matthias sieht das anders.

Jetzt zeigt mir Matthias ein Beispiel. Er hält das dicke Physikbuch vor mein Gesicht und überdeckt damit die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Frühlings. Wo hat er plötzlich das Physikbuch her? Ist die Schulpause immer noch nicht vorüber? Matthias fährt mit dem Finger über einen Text und zeigt mir dazu eine Abbildung in dem Buch. Dass die in dem Buch das Problem so kompliziert erklären! Da brauchst du Stunden, bis du durchblickst, wie der Autor tickt. Matthias schreit jetzt fast. Manchmal sagt Matthias habe er gedacht, dass er richtig spinne. Erst nach vielen Stunden am Abend habe er dann kapiert welche Denke der Autor habe und warum er das Problem im Buch so schildert, wie er es schildert.

Matthias dreht mir jetzt kurz den Rücken zu. Ich höre ein Rauschen, wie Wasser, wie Tropfen oder vielleicht ein Fluss. Das sind wahrscheinlich die ersten Blätter im Frühlingswind, so denke ich. Sein Wissen, dieses Verstehen, so Matthias, werde er aber niemand anderem geben. Denn damit kann er im Physiktest beweisen, dass er was verstanden hat. Matthias knallt das dicke Physikbuch plötzlich auf die Parkbank. Er rutscht ein gutes Stücken von mir weg. Das Rauschen wird lauter, es hört sich wie Trommeln an. Jetzt sieht er mich an, er fixiert mich. Mit seiner Hand, sie sieht schwer aus und ist groß, stützt er sich auf das Physikbuch.

Du willst was von mir? Ausgerechnet Du? Du willst mein Wissen, meine schwere Arbeit, die ich nachmittags vor den Büchern investiere! Das wollt ihr doch alle! Matthias schreit jetzt aufgebracht, die Ruhe ist verflogen, stattdessen höre ich Trommeln und Rauschen. Nix da Bürschen, daraus wird aber nichts! Jeder hier ist seines Glückes eigener Schmied! Matthias spricht eindeutiges Hochdeutsch. Was ist mit seinem Bayerisch passiert? Jetzt rücke ich an den äußersten Rand der Parkbank, beinahe falle ich von der Bank. Erschrocken sehe ich Matthias an. Der lacht. Es ist ein gehässiges, schäbiges Lachen. Mit dem Zeigefinger, der dünn und lang ist, wie ein Stock, fuchtelt Matthias vor meinem Gesicht herum. Jetzt zeigt er mit dem langen Finger auf die Wiese vor unserer Parkbank. Die ist zu einer grünen Tafel geworden. Mit dem langen Finger kritzelt er weiße Rechenformeln auf die Tafel. Die große Tafel schreibt er ganz schnell voll. Ab und zu blickt er zu mir auf. Er lacht mich gehässig an. Er fragt mich, ob ich weiß, was er da schreibt. Ich versuche den Eindruck vorzutäuschen, dass ich alles gut verstehe. Das gelingt mir aber nicht. Stattdessen laufen mir plötzlich Tränen aus den Augen. Ich kann die Tränen nicht aufhalten. Es sind dicke Tränen. Sie tropfen auf die grüne Tafel. Die weißen Formeln verlaufen. Meine Tränen werden stärker. Sie Trommeln jetzt auf die Tafel. Die weiße Kreide verschwimmt. Ich versuche Matthias zu erkennen. Der sitzt ganz weit entfernt von mir, er sieht nass aus.

Regen trommelt auf das Hausdach. Wind peitscht gegen die Balkontür in meinem Zimmer in Frau Stößers Haus. Ich stehe langsam von dem dunkelgrünen Sofa auf, ich fühle mich schwer und matt. Ich ertaste meine Armbanduhr, im Zimmer ist es fast finster. Ich kann das Ziffernblatt nicht lesen, gehe deshalb zum Licht an der Balkontüre. Beinahe zwei Stunden lang habe ich geschlafen. Draußen geht ein schwerer Wolkenbruch nieder. Ich nehme mein Mittagsgeschirr vom Tisch vor dem Sofa und spüle es in der kleinen Küchenzeile.

Besuch

Karin ist pünktlich. Auf sie ist verlass, sie kommt nie zu spät. Sie bringt mir ein kleines, grünes Büchlein mit. Es ist ein Kochbuch für Junggesellen. Das ist keine Provokation von Karin, obwohl sie es natürlich lustig findet, mir so etwas mitzubringen. Sie erklärt mir, dass die Portionen, die das Buch beschreibt für eine Person bemessen seien. Das sei beim Kochen eine große Hilfe. Karin ist trotz ihrer jungen Jahre eine gestandene Hausfrau. Sie wirkt bodenständig und strahlt Zuversicht aus. Sie lacht viel.

Sie ist verheiratet. Sie hat aber wohl leider den falschen Mann geheiratet. Der Busfahrer wäre wohl der richtige für sie gewesen. Sie hat aber einen jungen Menschen ihres Alters geheiratet, den ich aus meiner früheren Jugendgruppe im Gebirgsort kenne. Ich glaube, sie hat einfach zu schnell und zu früh geheiratet. Ihr Mann hat das Heiraten zu schnell von ihr gewollt. Vielleicht hatte er gemerkt, dass er nicht der richtige ist und hat sie deshalb zu einer zügigen Hochzeit gedrängt. Das rächt sich nun für ihn aber auch für Karin. Sie lebt nun mit einer schweren, belastenden Lüge. Sie liebt den Busfahrer, nicht ihren Mann. Ihr Mann wiederum lebt in dem Glauben, er habe es geschafft Karin an sich zu binden.

Zum Glück kennt sie einige wenige Menschen denen sie ihr Geheimnis anvertrauen kann. Das macht die Sache für sie leichter. Einer davon bin. Und sie hat eine gute Freundin. Ich muss gar nicht viel tun, um Karin zu unterstützen. Es reicht, wenn sie mich hin und wieder besuchen kommen kann und wenn sie ihren Eltern und ihrem Mann erzählen kann, dass sie in der Kreisstadt bei mir zu Besuch vorbeischaut und bei mir im Haus von Frau Stößer übernachtet. Ich bin für ihren Mann offenbar ungefährlich und für ihre Eltern glaubwürdig. Erstaunlich daran ist, dass ich weder mit ihrem Mann noch mit ihren Eltern über Karins Besuche bei mir je gesprochen habe. Die haben bisher noch nie bei mir angerufen, um zu fragen, ob Karin tatsächlich hier ist, um das zu überprüfen. Ich habe nichts weiter zu tun, als Karins Anweisungen und Vorschläge in dieser Sache zu befolgen und sie gewähren zu lassen.

Sie kommt und erzählt mir, dass sie sich mit ihrem Busfahrer trifft. Sie sagt mir exakt, um wie viel Uhr sie zu hause im Gebirgsort losgefahren ist und wann sie in der Kreisstadt angekommen ist. Sie sagt mir genau, um welche Zeit sie von mir weg fährt und wann sie wieder im Gebirgsort ankommen wird. Sie erklärt exakt, was sie in der Kreisstadt alles gekauft hat, in welchen Geschäften sie um welche Uhrzeit vorbei schaut oder ob Sie sich mit anderen Personen zum Beispiel aus der Jugendgruppe trifft. Meist kauft Karin in der Kreisstadt Wolle unterschiedlichster Art, in verschiedenen Geschäften. Sie strickt sehr viel, weil das auf sie beruhigend wirkt. Ich schreibe mir alles sauber in einen Block. Den halte ich auf meinem Schreibtisch griffbereit. Wenn Frau Stößer wegen einem Telefonanruf nach mir ruft, nehme ich immer diesen Block mit hinunter zum Telefon. Im vorderen Teil habe ich Notizen, Termine und Telefonnummern, die ich am Telefonapparat bei Frau Stößer notiere. Im hinteren Teil des Blockes habe ich, von hinten angefangen, genau mit Datum und Wochentag notiert, wann Karin in der Kreisstadt war, um wie viel Uhr sie kam, wann sie wieder fuhr und was sie eingekauft hat. Noch nie hat ihr Mann oder haben ihre Eltern bei Frau Stößer angerufen um mich danach zu fragen.

Karin sieht blass aus. Sie lacht zwar aber sie wirkt abgehetzt. Sie bittet mich den Zeitplan ihres Aufenthaltes in meinem Block zu notieren. Sie sieht auf ihre Armbanduhr und sagt, sie habe nur eine halbe Stunde Zeit. Der Busfahrer habe dann einen Schichtwechsel und sie könnte bei ihm zusteigen.

Der Mann wohnt außerhalb der Kreisstadt in einem winzigen Nest. Ich biete ihr eine Tasse Tee an, den sie gerne nimmt. Karin sitzt mir gegenüber vor dem kleinen Tischchen in dem orangenen Schaumstoffsessel, den ich aus meinem Zimmer im Gebirgsort mit in die Kreisstadt umgezogen habe. Ich sitze auf dem grünen Sofa. Das Sofa habe ich erst vorletzten Samstag auf dem gleichen Flohmarkt gekauft, auf dem ich auch das Waschmaschinen-Ei erstanden hatte. Karin mustert das Sofa. Etwas schäbig findet sie, aber irgendwie passend zu dem Mobiliarsammelsurium in meinem Zimmer. Das Sofa habe ich für nur drei Mark erstanden. Der Verkäufer hatte es auf der Ladefläche eines Anhängers. Eigentlich wollte er das gar nicht verkaufen, sondern zum Sperrmüllsammelplatz bringen. Der Platz hatte aber am Samstagvormittag schon um zwölf Uhr dicht gemacht. Also nahm er das Ding zum Flohmarkt mit, auf dem er grundsätzlich nicht vor halb eins auftauche. Das alles erklärte mir der Verkäufer und:  Weil um diese Uhrzeit der Verkauf am besten laufe.
Als ich ihn fragte, was das Sofa auf seinem Hänger kosten sollte, lachte der Mann herzlich. Schließlich verständigten wir uns auf drei Mark. Ich musste dem Verkäufer um halb fünf beim Abbau seines Standes helfen, als Gegenleistung fuhr der Verkäufer mit mir zum Haus von Frau Stößer. Er half mir sogar dabei, das Sofa hinauf in mein Zimmer zu schleppen.
Montagnachmittags, als Frau Stößer mit ihrem großen Mercedes zum Einkaufen in die Stadt gefahren war, schob ich das Sofa auf den Balkon hinaus. Dort bearbeitete ich es mit einem Teppichklopfer. Das staubte wie eine riesige Rauchwolke.

Karin lächelte mich an, nachdem ich alles brav in den Block notiert hatte. Sie hat immer Neuigkeiten aus dem Gebirgsort dabei. Darüber fängt sie stets in der gleichen Weise zu berichten an.

Weist du schon das Neuste?

Nein.

Willst du es denn überhaupt wissen?

Na klar, schieß los.

Dorit ist schwanger.

Nein!

Ich sehe Karin verblüfft an.

Wie ist das gegangen?

Wenn Du es nicht weißt, ist klar dass sie nicht von Dir Schwanger ist.

Karin lacht verschmitz.

Sie hat vor einem halben Jahr, gleich als es mit Euch beiden vorbei gewesen war, einen neuen Mann kennen gelernt. Der ist wohl der stolze Vater. Er war auf der Durchreise im Ort. Beide haben sich gleich ineinander verguckt.

Oje.

Ich stöhne ein bisschen vor mich hin, ob dieser Nachrichten. Ich versuche entspannt und unbeteiligt zu wirken. Ich lehne mich in das grüne Sofa zurück, schenke Karin noch etwas Tee nach. Dabei sehe ich wie meine rechte Hand zu zittern beginnt. Ich stelle deshalb die Kanne, nachdem die Tasse nur halb gefüllt ist, zurück auf das Stövchen.

Eine echte Überraschung für Dich geh?

Karin lächelt.

Das scheint ja alles recht schnell gegangen zu sein mit den beiden.

Diesen Satz versuchte ich möglichst einsilbig und unbeteiligt zu sprechen. Das gelingt mir aber nicht.

Bist doch wohl nicht eifersüchtig auf ihren Liebhaber, den du nicht einmal kennst?

Nein, nein.

Ich schüttle den Kopf. Ich weiß einfach nicht was ich sagen soll.

Noch ne Nachricht, oder reicht das schon?

Karin lacht beinahe frech.

Nein, das genügt völlig.

Ich hab auch gar nichts weiter anzubieten.

Sind die zwei denn noch beieinander?

Das sieht schon so aus. Der Typ, der im Übrigen ganz nett ist, plant in den Ort zu ziehen. Die suchen sich eine Wohnung und in knapp sechs Monaten ist es dann soweit.

Dorit wollte doch studieren?

Ich glaube, das hat die jetzt erst mal abgehakt, unter den Umständen.

Aha.

Karin erhebt sich aus dem Sessel.

Ich glaub ich muss jetzt, sonst verpasse ich am Busbahnhof den Schichtwechsel.

Ich begleite Karin hinaus über den Gartenweg durch das große Schmiedeeisentor bis zu ihrem Auto. Es kam noch nie vor, dass sie mit dem Auto ihres Mannes zu mir fuhr. Sie fährt sonst immer mit dem Zug und dem Bus. Weil sie aber das Auto früh am nächsten Morgen in die Werkstatt zur Inspektion bringen will, hat sie ihrem Mann vorgeschlagen damit zuvor noch zu mir in die Kreisstadt zu fahren, um von hier aus morgen früh direkt in die Autowerkstatt zu fahren. Karin steigt ein, wendet den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge und braust winkend davon.

Ich steige die Treppenstufen im Haus von Frau Stößer langsam hinauf, gehe in mein Zimmer und nehme auf dem Sofa platz. Ich hatte Dorit zwei Monate vor meinem Wegzug aus dem Gebirgsort kennen gelernt. Der Kontakt entstand über einen Freund in der Jugendgruppe, der mit ihr in einer Schulklasse saß. Es war eine Abiturklasse. Der Freund hatte mich gefragt, ob ich mit ihm und einigen Schulfreunden im Sommer für ein paar Wochen eine Reise nach Griechenland unternehmen wolle. Unter den Schulfreunden war Dorit. Wir hatten uns zwei, drei mal getroffen um die geplante Reise zu vereinbaren, eine Route und den Termin gemeinsam festzulegen. Von da an besuchte ich Dorit, die am Rande des Gebirgsortes, etwas außerhalb in einer Mehrfamilienhaussiedlung bei ihren Eltern wohnte, regelmäßig. Wir verstanden uns gut. Dorit ist sehr gebildet und sehr vielfältig interessiert. Sie erzählte gerne von politischen Sendungen und satirischen Beiträgen, die sie gerne im Fernsehen sah. Sie nahm seit Jahren Tanzunterricht, ihr Berufswunsch ist das Tanzen, das man offenbar studieren kann. Deshalb strebte sie das Abitur an, dass sie sehr gut bestanden hat.

Abends war ich bei meinen Pflegeeltern in den letzten Wochen in deren Haus nur noch ganz selten zu hause. Ich kam immer sehr spät nach Hause. Ich besuchte Dorit, hatte aber nie bei ihr in ihrem Zimmer in der Wohnung ihrer Eltern übernachtet. Ich war oft mit dem alten, aber guten Moped aus der Garage bei meinen Pflegeeltern zu ihr gefahren. Das Moped durfte ich eigentlich nicht benutzen. Meine Pflegeeltern hatten mir das nicht erlaubt. Ich habe es mir abends trotzdem oft genommen. Die Pflegeeltern haben das entweder nicht bemerkt oder sie ließen mich einfach gewähren, weil mein Aufenthalt bei ihnen ohnehin auf nur noch wenige Wochen begrenzt gewesen war. Das Moped verwendete ich gegenüber Dorit stets als Vorwand, wegen dem ich spät abends immer wieder nach Hause zu fahren hatte, damit es früh morgens in der Garage stand. Wegen ihrer täglichen Arbeit waren die Pflegeeltern stets sehr früh am Morgen unterwegs. Das fehlen des Mopeds wäre aufgefallen.

Der Urlaub in Griechenland mit der Abiturientengruppe und Dorit war schön. Es war mein erster Urlaub nach Volljährigkeit und Auszug bei den Pflegeeltern. Ich hatte den Urlaub mit Geld bestritten, das ich zuvor bei einem Ferienjob verdient hatte. Es war sehr wenig Geld, reichte aber. Die Gruppe Abiturienten war auch deshalb sehr angenehm, weil keiner von denen hohe Ansprüche hatte. So war es in der Gruppe kein Problem für mich, mit meinem wenigen Geld auszukommen. Wir waren mit Rucksäcken von Ort zu Ort unterwegs. Wir haben Händchen gehalten und uns bestens miteinander verstanden. Mehr wurde daraus aber nicht. Ich war mir nicht sicher. Sie war sich sicher. Wir reisten per Zug aus Griechenland zurück. Vor diesem Urlaub hatte ich meinen Umzug in die Kreisstadt organisiert. Am Bahnhof verabschiedete sich die Gruppe voneinander. Dorit und ich blieben allein am Bahnhof stehen. Sie fragte mich, ob sie mit mir mitkommen dürfe, in die große Kreisstadt. Ich nahm ihre Hand, sah sie an und versuchte zu lächeln. Dann ließ ich sie los. Seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen.

Abends Zuhause

Das Fernsehprogramm ist grauenvoll. Ich empfange mit der alten Kiste drei deutsche Sender und einen Sender aus Österreich, in dem ständig dicker Schnee rieselt. Ich versuche mich von meinen Gedanken, die seit Karins Besuch kommen und nicht verschwinden wollen, abzulenken. Mein Abendbrot habe ich hinter mir, ich knabbere an Salzstangen aus einer Knistertüte herum. Meine Schularbeiten habe ich nicht erledigt. Ich müsste für morgen noch einiges tun. Aber die Bücher kommen mir ganz weit entfernt vor, obwohl sie auf einem ordentlichen Stapel neben dem Sofa auf dem Schreibtisch liegen.

Neben Dorit gibt es da eine andere Frau, Martina. Von ihr hatte ich das Auto geliehen, mit dem ich meinen Umzug vom Gebirgsort in die große Kreisstadt gemacht hatte. Ich glaube, sie habe ich wirklich geliebt. Martina hat mich aber nicht geliebt. Sie war mit mir lange Zeit irgendwie befreundet. Dann kam Dorit. Sie liebte mich. Was hätte ich besser machen können? Warum liebt mich nicht die richtige Frau? Oder würde ich Martina niemals geliebt haben, wenn sie mich, wie Dorit von Anfang an geliebt hätte?

Jetzt wäre es gut, wenn Frau Stößer von unten hoch rufen würde, dass ich einen Anruf hätte. Jetzt wäre es gut, wenn Martin oder Thomas anrufen würden. Heute Abend habe ich kein Arbeitsgruppentreffen mit dem Arbeitskreis, den Thomas rund um die Verkaufsstände der Waren aus der sogenannten Dritten Welt gegründet hatte. Das wäre jetzt eine ausgezeichnete Ablenkung für mich. Die Arbeitsgruppe findet leider erst morgen am Dienstag statt. Jetzt wäre es gut, wenn der Jugendgruppenleiter vorfahren würde, um mich ins Auto einzuladen, mit mir den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge zu wenden, und wie Karin davon zu düsen, um mit mir zu einem politischen Arbeitskreis in die Großstadt zu fahren. So ein Termin mit dem Jugendgruppenleiter steht aber erst wieder nächste Woche an.

Da hat mir Karin ja was hübsches eingebrockt, mit dieser tollen Nachricht von Dorits Schwangerschaft in dem Gebirgsort. Wäre es gut gewesen, mit ihr zusammen zu bleiben, obwohl ich nicht sicher gewesen war? Ich werde jetzt ein bisschen wütend auf Karin. Die kommt hier her, erzählt mir was und verschwindet wieder. Danach sitze ich da und komme davon nicht mehr los. Karin hat mir mal erzählt, dass ihr das Stricken hilft, aber auch das Putzen. Wenn es schwierig wird, tut sie entweder das eine oder das andere. Ich stehe vom Sofa auf, schalte den Fernsehapparat ab und gehe ins Bad. Wenn putzen hilft, hilft vielleicht auch Wäschewaschen. Ich stopfe Klamotten in das silberne Wäsche-Ei. Oben durch den Deckel lasse ich warmes Wasser hinein und gebe Waschmittel dazu. Danach fange ich zu kurbeln an.

Nachts um drei Uhr wache ich auf. Der Wecker gibt wieder sein gleichförmiges Keramikbecher und Wasserglas-Ticken von sich. Ich sehe an der Dachschräge die Linie am Rande des Lichtes, das durch die Balkontüre fällt und sich in dem dunklen Schatten an der Wand bewegt. Die Bewegung scheint langsamer geworden zu sein. Der Sturm draußen hat sich gelegt. Ich stehe auf und sehe durch die Balkontür hinaus. Der Mond nimmt zu. Es ist sternenklar. Unten sehe ich die Lichter der Kreisstadt. Der Fluss schlängelt sich in der Dunkelheit wie eine Gischtschlange durch die Stadt. Der Wasserstand hat erneut zugenommen. Ich ziehe meine Klamotten an. Ich ziehe den dicken Wollpullover, den mir Karin und Martina gemeinsam gestrickt hatten und zu Weihnachten geschenkt haben über. Sie haben dafür die dickste Wolle verwendet, die zu bekommen war. Der Pullover ist schwer und warm. Das Balkonthermometer zeigt minus drei Grad an. Hoffentlich ist das die letzte Frostnacht in diesem Frühjahr. Ich nehme die Jacke und tapse leise die Wendeltreppe ins Erdgeschoss hinunter. Draußen ist es kalt aber trocken und windstill. Der Parkplatz vor dem Moulin Rouge ist voller als in der Nacht zuvor, ich zähle zehn große Limousinen. Ich laufe den Waldweg hinunter Richtung Stadt. Das muss komisch sein, wenn man da reingeht, die Leute müssen sich doch kennen. Der Puff neben dem Haus von Frau Stößer ist im Grunde winzig, die Kreisstadt ist überschaubar. Die Kennzeichen der Autos weisen auf die Kreisstadt und den Landkreis hin. Aber auch der Landkreis ist klein und überschaubar.

Der Fluss steht nun fast bis zum Fußweg auf dem Hochufer. Die Feuerstelle ist wieder über spült, so wie im November. Aber Holz und Plane sind noch da. Beides liegt einige Meter höher als die Feuerstelle. Ich kann kein Feuer machen, so lange der Fluss so hoch steht. Vielleicht fällt der Pegel bereits. An dem unteren Betonpfeiler der Brücke nahe der überspülten Feuerstelle sehe ich einen gefrorenen Wasserabdruck. Vielleicht war der Pegelstand tagsüber dort oben. Das Getöse des Flusses unter der Brücke ist ohrenbetäubend. Ich prüfe die grüne Plane über dem Holz und die Heringe im Boden. Der Hering, den ich vergangene Nacht befestigt hatte fehlt, ich suche und finde ihn. Ich schlage die Plane erneut in den matschigen Boden.
Auf dem Rückweg nehme ich die Straße, denn die Taschenlampe hat schlapp gemacht. Ich sehe trotz des Mondscheines die kleinen Eisschollen im Matsch und auf den Felsen des Pfades sehr schlecht. Auf der Straße kommen mir mehrere Autos entgegen. Es sind große Limousinen, die ich zuvor auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge gesehen hatte. Außer ihnen fährt um diese Uhrzeit kein Auto durch den Wald. Am Flussufer unterhalb des Hauses von Frau Stößer biege ich von der Straße ab und laufe hinauf durch den Wald. Der Parkplatz ist leer. Das Licht am Eingang des Moulin Rouge schimmert finster, die helle Beleuchtung an dem Haus, die zuvor noch eingeschaltet war, ist aus. In der Eingangstür ins Haus von Frau Stößer ziehe ich meine verdreckten Winterstiefel aus. Ich tapse im Haus leise die Treppe hinauf und verschwinde in meinem Zimmer. Die schmutzigen Stiefel stelle ich auf den Balkon neben die Balkontüre.

Ich gehe ich die winzige Küche und setzt Wasser auf. Ich setzte mich auf einen Stuhl in dem Zimmer, das ich eigentlich nicht betreten darf. Die Stühle stehen rund um einen großen Tisch. Dahinter liegt die kleine Küchenzeile. Auf der anderen Seite des Zimmers ist eine Fensterfront mit Balkontüre hinaus auf den gleichen Balkon auf den auch meine Balkontüre führt. Ich sitze in der Finsternis und Stille dieses großen Raumes und warte bis das Wasser kocht. Frau Stößer empfängt an diesem großen Tisch einmal pro Woche nachmittags zehn bis zwölf Damen, die alle etwa in ihrem Alter sind. An diesen Nachmittagen geht es in diesem Zimmer, das neben meinem Zimmer liegt, richtig lebhaft manchmal sogar laut zu. Das ist ungewöhnlich in diesem Haus, in dem es abgesehen von seltenen Besuchen, die Frau Stößer in ihrer Wohnung empfängt, sehr ruhig ist.
Die Damen sind ein Bastelkreis. Frau Stößer erklärte mir das, als sie mich in ihr Haus einführte. Ich könne die Küchenzeile nutzten, wenn ich sie sauber hielte und wenn ich sie bitte nicht gerade an dem Nachmittag betrete, an dem die Damen kommen. Gebastelt wird das ganze Jahr über wöchentlich einen Nachmittag lang für einen gemeinnützigen Verkaufsstand auf dem Weihnachtsbazar. Seitdem Thomas den Arbeitskreis rund um die Verkaufsstände der Dritte-Welt-Waren gegründet hat, geht es auch bei mir im Zimmer einmal pro Woche etwas lauter zu. Die Lautstärke ist aber wohl nicht zu vergleichen mit Frau Stößers Damengruppe. Jeden Dienstag treffen wir uns am Abend in meinem Zimmer um die Verkaufsstände zu organisieren, aber auch um zu diskutieren oder um Handzettel und Informationsbroschüren für die Verkaufsstände zu erarbeiten. Unser Kreis besteht aus Ida und Pete, zwei Mädchen, die Thomas aus seiner früheren Schule kennt und aus Martin, Thomas und mir.

Bevor der Wasserkessel zu pfeifen beginnt nehme ich ihn von der heißen Platte. Ich prüfe ob der Stuhl an dem Tisch in dem Zimmer steht wie zuvor. Mit dem heißen Wasser gehe ich zurück in mein Zimmer. Ich brühe mir einen starken Kaffee auf. Mit dem dampfenden Becher setze ich mich an den Schreibtisch. Ich nehme mir zuerst die Einträge der letzten Physikstunde vor. Damit beginnt mein nächster Schulvormittag. Bis am frühen Morgen der grüne Blechwecker zu scheppern beginnt, arbeite ich mich am Schreibtisch durch den bevorstehenden Schulvormittag. Den Bücherstapel habe ich in der Reihenfolge der heutigen Schulstunden sortiert und packe ihn jetzt in meine Tasche. Ich gehe ins Bad, putze meine Zähne, stehe kurz unter der Dusche, setze Wasser für den Tee auf, schmiere mir zwei Marmeladenbrote, setze mich mit dem Tee und den Broten auf das Sofa und lese nochmal etwas in dem Materialkundebuch nach.
Ich kann mir das einfach nicht merken. Woran das wohl liegen mag? Die Technik ist im Moment nicht meines. Die gesamte Theorie dahinter erscheint mir leblos. Die Unterrichtsstunden an dieser Schule könnten das lebendig machen. Das Gegenteil aber ist der Fall.

Mein Gebüffle jeden Tag scheint immer weniger zu nützen. Der Champion kann mir sofort erklären woran das liegt: Kurz bevor mich der gebildete Bavarese im glänzenden Hemd mit einem kräftigen Matchball von meinem Schulplatz fegt. Es liegt an mir und  meiner Art zu lernen. Was ich heute Nacht gemacht habe bringt zum Beispiel gar nichts. Es ist sonnenklar, dass einer der todmüde in die Schule kommt dort nichts zerreißen kann. Es ist berechtigt, wenn er mir von der Tafel aus zu ruft: „Sie verschwenden hier in der Schui bloß unsere und erna Zeit! Suachens erna an anderen Zeitvertreib! Am besten lassens erna glei einglasen!“

Schulvormittag

Im Physikunterricht am Morgen wird eine spontane Extemporale über ein Teilgebiet der Lasertechnik geschrieben. Ich habe Glück, denn tatsächlich kann ich die Fragen verstehen. Sie haben mit denjenigen Inhalten und Dingen zu tun, die in der letzten Stunde in der Vorwoche am Donnerstag behandelt worden waren und über die im Physikbuch unter dem entsprechenden Kapitel nachzulesen war. Der Physiklehrer verteilt vervielfältigtes, gelbliches, ein Wenig glänzendes Papier. Er hat die Ex mittels des immer seltener gebräuchlichen Linoleumdruckverfahrens vervielfältigt. Blaue Tintendruckschrift auf gelblich glänzendem Papier. Das Papier hat die Eigenschaft, rechts und links nach unten zu fallen, dabei auch schnell mal abzuknicken, wenn man das Blatt in der Mitte hoch hebt. Das Papier und der Druck erinnern mich an meine alte Schule im Gebirgsort. Dort war alles, was die Lehrerin im Unterricht verteilt hatte in solcher Weise auf solchem Papier gedruckt. Die Lehrerin kurbelte das Papier und ihre Vorlage selbst durch die Maschine, die aus zwei Walzen und der Druckvorlage bestand. Auf die Walzen wurde mit einem Schaber möglichst gleichmäßig die Tinte aufgebracht. Dass der Physiklehrer das moderne Thema mittels Vervielfältigung anhand der inzwischen veralteten Drucktechnik abfragt, finde ich gut. Was er da abfragt finde ich schwierig. Wie der Lehrer dabei auftritt finde ich unmöglich. Es ist das typische Auftreten der Lehrer die mich an dieser Schule unterrichten, solches Auftreten kannte ich von keiner meiner vorhergehenden Schulen.

Der Mann betritt morgens den Klassenraum ohne einen Schüler auch nur anzusehen, geschweige denn die Schulklasse zu begrüßen. Den großen, schwarzen Aktenkoffer stellt er auf seinen Lehrertisch und knipst klackernd die Verschlüsse auf. Einen Schüler aus der ersten Reihe, dessen Name er offenbar nicht kennt und wohl nicht kennen lernen will, weist er zu sich. Dem drückt er einen Stapel Papier in die Hand, den er mit einem festen Griff aus seinem Aktenkoffer hebt.

Verteilen!

Alle Unterlagen vom Tisch!

Das plärrt er in den Klassenraum, spricht damit aber keinen von uns an, meint uns aber eindeutig mit dieser Ansage.

Sie benötigen nur ein Schreibgerät!

Sofort packen die Mitschüler und ich alles was vor uns auf dem Tisch liegt in die Schultaschen. Übrig bleibt nur ein Stift.

Im Zimmer herrscht totenstille.

Der Verteiler beeilt sich die Blätter auf dem Kopf liegend auf den Tischen zu verteilen. Ich berühre das Blatt nicht. Ich berühre es selbst dann nicht als es droht, wegen dem Wind den der Verteiler im Vorbeihuschen macht, vom Tisch zu fliegen. Ich kenne dieses Spiel aus dieser Schule. Wer das Blatt vor dem Befehl des Lehrers berührt hat verloren. Meine Arme verschränke ich vor meiner Brust.

Der Verteiler ist fertig und liefert beim Physiklehrer den Rest Blätter ab. Jetzt schaut der Physiklehrer angestrengt auf seine riesige silberne Armbanduhr. Er drückt auf einen Seitenknopf an der Uhr. Er blick auf, starrt in den Klassenraum auf einen Punkt den ich nicht sehe. Sein breiter Mund öffnet sich:

Ab jetzt hamms zwanzig Minuten!

Jeder dreht sofort das Papier um. Sämtliche Schüler im Zimmer beginnen ohne Zeitverzögerung auf dem Papier herum zu kritzeln. Auch ich fülle das Papier oben rechts mit meinem Namen und blicke die nächsten zwanzig Minuten nicht mehr von diesem Papier auf. Ich rattere eine Frage nach der nächsten durch. Schreibe zu jeder frage so schnell wie möglich so viel wie mir dazu einfällt hin. Und tatsächlich fällt mir etwas ein. Es sind diejenigen Dinge, die ich wenige Stunden zuvor, nachts an meinem Schreibtisch im Physikbuch gelesen hatte. Alles woran ich mich erinnern kann, was zu den jeweiligen Fragen passt, schreibe ich jetzt hin. Dabei achte ich darauf, dass ich mich bei jeder Frage höchstens drei Minuten lang aufhalte. Es sind sieben Fragen. Bei zwanzig Minuten Zeit kann ich mir mehr Zeit pro Frage nicht leisten. Weil jede Frage mit Punkten bewertet wird, glaube ich daran, dass es effektiv ist, möglichst alle Fragen ab zu klappern anstatt mich an einer fest zubeißen.

Bei diesen Tests unter diesem Zeitdruck geht es nicht darum tatsächlich etwas verstanden zu haben. Die Materie wurde mir nie verständlich erklärt. Sie wurde vergangene Woche von diesem Lehrer an die Tafel gekritzelt. Ich habe sie heute Nacht im Physikbuch gefunden. Verstanden habe ich sie auch beim Lesen nicht. Ich erinnere mich aber an den Inhalt, den habe ich heute Nacht vielfach wiederholt. Darum geht es. Glücklicher Weise habe ich das Kapitel im Physikbuch heute Nacht angestrengt und verbissen gelesen. Ich habe es in mich hinein gezwungen. Die Methode ist mein Alltag. Die Schule und ihre Methoden sind mein Alltag. Ich lese Sätze und Formeln und wiederhole sie so oft bis ich das Gefühl habe, dass ich das behalten kann. Um das zu erreichen muss ich die Inhalte mit Gewalt und Kraft in mein Hirn hinein prügeln. Ich muss einen inneren Widerstand überwinden, das wissen zu wollen. Wenn das geschafft ist, muss ich alles stupide so oft wie möglich wiederholen. Das habe ich heute Nacht getan. In meinem Alltag geht es darum, möglichst schnell und möglichst viel Wissen „wieder zu käuen“ und in solchen Prüfungen wie heute Morgen einfach wieder aus zu spucken.

Ich höre leises rascheln am Tisch von rechts neben mir. Ich höre ein Flüstern. Es ist kaum hörbar. Aber es ist deutlich vorhanden. Da will einer was von mir wissen. Ein Nachbar von rechts, es ist nicht Matthias, der sitzt links von mir. Der da was von mir will, den kenne ich nicht, obwohl ich schon ein knappes halbes Jahr in dieser Schule sitze. Mit dem habe ich noch nie gesprochen. Ich kann dem Flüsterer nicht helfen. Der gefährdet mich, wo ich doch heute mal was weiß. Ich neige meinen Kopf noch dichter herunter zu dem Blatt auf das ich schreibe und lese und schreibe und lese. Ich muss so viel wie möglich von dem Wissen an das ich mich aus dem Kapitel erinnere hier auf dieses gelbliche Blatt kritzeln. Der Lehrer ruft jetzt laut einen Namen. Wer ist das, den er da ruft? Es ist der Namen meines rechten Nachbarn.

Vortreten und abgeben!

Ich höre leise Flüche. Ich weiß nicht ob der Nachbar mich meint. Er rückt seinen Stuhl nach hinten. Jetzt geht er mit seinem Papier in der Hand vor zum Physiklehrer.

Das verstehe ich nicht.

Ruhe!

So brüllt der Physiklehrer ihn an.

Gebens her!

Er entreißt meinem Nachbarn sein Papier. Nun weist er ihn mit dem linken Arm, an dessen Hand die schwere Armbanduhr hängt, zur Tür.

Raus, in elf Minuten sand’s wieder da, oder sonst brauchans nie mehr kemma!

Ich gehe zu Frage Nummer vier. Für die verbliebenen vier Fragen sind nur noch elf Minuten übrig. Ich lese, schreibe, schreibe und schreibe.

Schluss jetzt, sofort die Schreibgeräte neben dem Papier ablegen!

Ich und alle Mitschüler tun was der Physiklehrer befiehlt. Der winkt wieder dem unbekannten Mitschüler in der ersten Reihe zu.

Einsammeln!

Schnell geht der Mitschüler Reihe für Reihe durch, sammelt alle Papiere ein und liefert sie vorne ab. Die Klassentür öffnet sich, herein kommt mein rechter Nachbar, der mir zuvor von zugeflüstert hatte. Der Lehrer würdigt ihn keines Blickes. Der Mitschüler setzt sich rechts von mir an seinen Tisch. Er starrt nach vorne Richtung grüner Tafel.

Die Anspannung, welche ich wegen dieser kurzen Prüfung spüre, interessiert den Lehrer nicht. Ich spüre sie wegen meinem schnellen Atmen und ich spüre auch das Atmen der Mitschüler ringsum. Der Lehrer steckt den Papierstapel in seine Aktentasche. Er schlägt im Physikbuch eine Seite auf, öffnet die Tafel und beginnt dort einen Text zu notieren. Laut referiert er in Richtung der Tafel über das nächste Kapitel welches im Physikbuch im Anschluss an die Lasertechnologie behandelt wird. Bis zum Ende der Stunde schreibt er die Tafel voll. Dann teilt er die Aufgabennummern aus dem Physikbuch mit, welche bis zur ächsten Physikstunde in diesem Zusammenhang zu lösen sind. Der Gongschlag ertönt. Der Lehrer lässt sein Physikbuch in seiner schwarzen Aktentasche verschwinden und verlässt wortlos das Klassenzimmer. Meine Mitschüler und ich verräumen sämtliche Unterlagen dieser Stunde in unseren Taschen. Der Tisch wird nun vom nächsten Buch belegt, das ist Mathematik. Nach wenigen Minuten, ich spreche in dieser Zeit niemanden an und werde nicht angesprochen, sondern blicke einfach nur zum Fenster hinaus, erscheint der Platzfeger in seinem blau glänzenden, weit geöffneten Hemd.

Setzens erna, und sans ruhig.

Musterung

Bereits um halb zwölf Uhr verlasse ich heute das Schulgebäude. Mit einer Kopie des Musterungsschreibens, das mir im Sekretariat abgenommen, und vor meinen Augen in meiner Schulakte abgeheftet wird, verabschiede ich mich. Das Kreiswehrersatzamt finde ich in einem runter gekommenen, vom Straßenverkehr grau verschmutzten Gebäude an einer viel befahrenen Kurve im unteren Teil der Kreisstadt. Im ersten Stockwerk dieses Hauses betrete ich durch eine weiße Schwingtür einen decken hoch gefliesten Raum, der mit einem Tresen ausgestattet ist, dem gegenüber an der Wand eine Stuhlreihe steht. Dort sitzen junger Männer. Die meisten von ihnen haben ein Schreiben wie ich es in meiner Schultasche habe, in der Hand. Ich setze mich auf einen freien Stuhl. Hinter dem Tresen befinden sich hohe Regale und ganz oben sehe ich ein paar Fenster, die mit gewelltem Milchglas verschlossen sind. Dass draußen jetzt die Sonne scheint lässt sich in dem hohen Raum nicht nachvollziehen. Das wenige Licht, das da oben einfällt bleibt unsichtbar, weil der gesamte Raum von der Eingangstüre bis zur Türe am Ende des langen Raumes mit drei Reihen Neonröhren durchzogen ist.

Hinter dem Tresen laufen drei Frauen mittleren Alters auf und ab. Sie sortieren graue Papiere in den Regalen hinter sich in unterschiedliche Ordner ein. Hin und wieder holen sie aus einem Ordner ein Papier heraus, das sie auf den Tresen legen. Eine Frau sitzt an einem Tisch hinter dem Tresen, wo sie eine Schreibmaschine bearbeitet. Vor dem Tresen, nahe der Eingangstür, steht ein junger Mann. Er ist offenbar gerade an der Reihe. Er überreicht sein Musterungsschreiben. Er kramt in einer kleinen Tasche nach seinem grauen Personalausweis, den er auf den Tresen legt. Die Frau prüft beides und schickt den jungen Mann weiter zur nächsten Frau. Diese übergibt dem Mann einen Plastikbecher und ein Papier. Sie deutet auf die Tür am Ende des Raumes. Durch die verlässt der Mann den Raum. Die Frau an der Schreibmaschine erhält nun von ersterer das Musterungsschreiben. Sie spannt einen neuen Bogen in die Maschine. Sie tippt Daten, die sie von dem Musterungsschreiben abliest, zieht anschließend den Bogen aus der Maschine, erhebt sich und übergibt den beschriebenen Bogen einschließlich dem Musterungsschreiben der Frau am Tresen. Die verschwindet nun mit beidem ebenfalls durch die Tür am Ende des Raumes. Wenige Minuten später erscheint sie wieder. Sie begibt sich hinter den Tresen, wo sie eine in einer Klarsichthülle steckende Liste studiert. Dann hebt sie den Blick zu der Stuhlreihe, auf der die jungen Männer einschließlich mir sitzen. Sie ruft meinen Namen.

Zwei Räume weiter ziehe ich mich bis auf die Unterhose aus. Ich werde von einem Arzt, der nebenher Notizen in einem Formular macht, von Kopf bis Fuß vermessen und gewogen. Der Mann fragt mich nach Alkohol und Drogen, nimmt mir Blut ab, biegt mir beide Arme um, schlägt mir mit einem Hämmerchen gegen die Knie, leuchtet mir in die Augen und schickt mich zum Schluss auf die Toilette. Das Becherchen mit meinem Urin stelle ich dem Arzt Minuten später auf den Schreibtisch. Er weist mich an, mich wieder anzuziehen, die Untersuchung ist abgeschlossen. Er drückt mir sein Formblatt in die Hand und sagt lächelnd, dass ich voll tauglich sei, ich sollte nur darauf achten, mehr zu essen. Er winkt mich hinaus aus seinem Untersuchungszimmer, das in diesem Moment vom nächsten jungen Mann betreten wird.

Draußen setze ich mich wieder auf einen Stuhl in der Stuhlreihe vor dem Tresen. Dort warte ich eine knappe halbe Stunde, bis ich von einer der Frauen an den Tresen gerufen werde. Ich lege das Formblatt mit den Untersuchungsergebnissen auf den Tresen. Die Frau gibt mir ein anderes graues Papier. Es ist eine abgestempelte Bestätigung, die beweist, dass ich heute hier bin. Der Stempel am rechten Ende des Papiers erinnert mich an den Reichsadler, den ich aus Geschichtsbüchern meiner früheren Schule kenne. Kurz finde ich es seltsam, dass die heute immer noch diese Symbole verwenden. Beim Falten des Blattes sehe ich da genauer hin und erkenne, dass es der Bundesadler ist. Wie ich das finden soll, weiß ich nicht. Ich stecke das gefaltete Papier in meine Schultasche.

Ich verlasse das Gebäude. Draußen lärmt die Straße. Schnell gehe ich durch die Kurve den Berg hinauf in den oberen Teil der Stadt. Das wäre nun also geschafft. Ich weiß noch nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein soll. Das Ergebnis, dass ich für den Waffendienst voll tauglich sein werde, war mir von vorn herein klar. Ich bin drahtig und nicht völlig unsportlich, wenngleich ich den Sportunterricht an der Schule hasse, weil der einem militärischen Drill gleichkommt. Es war mir klar, dass Fälle von Untauglichkeit im Grunde nur bei attestierten, klaren oder chronischen Leiden vorkommen, oder bei festgestellten körperlichen oder anderen Behinderungen.

Der Wehrdienst wurde vom Bundestag mit Beschluss durch die neue Regierung erst kürzlich auf künftig fünfzehn Monate verlängert. Prophezeit wird eine weitere Verlängerung in den kommenden Jahren auf voraussichtlich vierundzwanzig Monate. Das ist mehr als genügend Zeit um völlig zu verblöden. Mein früherer Freund im Gebirgsort, Thomas erzählte mir oft Geschichten von seiner Kompanie. Da ging es um irgendwelche sinnlosen Saufgelage, Wachschichten, Nachtschichten und irgendwelche Leute, die wegen irgendeinem Unsinn in eine Zelle gesperrt wurden. Die Langweile, die sich in den Monaten nach der Grundausbildung einstelle, die sich ausbreitende Sinnlosigkeit, so Thomas, das sei das schlimmste für ihn am Wehrdienst. Deshalb war Thomas froh, dass er mich und andere junge Leute im Gebirgsort kennen lernte, die mit seinem Wehrdienst nichts zu tun hatten.

Sinnlosigkeit und militärischer Drill ist das letzte, was ich brauche, so denke ich während ich im Discounter Käse, Butter und Tomaten einkaufe. Mit der Vorstellung, dass ich täglich den Umgang mit so einem schweren Gewehr lernen muss und üben soll, damit auf Pappfiguren zu schießen, die dem Klischee nach den klassischen Russen darstellen, kann ich nichts anfangen. Diese Vorstellung ist von mir sehr weit entfernt. Heute ist sie zum ersten Mal sehr nahe an mich herangerückt. Ich muss mich damit auseinandersetzen.

Gruppe

Pünktlich um sieben Uhr abends kommen Pete, Ida, Thomas und Martin. Sie sitzen auf meinem Sofa. Pete sitzt in meinem orangen farbigen Sessel und ich sitze auf dem einzigen normalen Stuhl, den ich habe. Wir sitzen rund um meinen kleinen Wohnzimmertisch auf dem ich in fünf Keramikbecher Tee aus schenke. Der Fußboden rund um den Tisch ist bald übersäht von Papieren. Wir besprechen den Inhalt von neuen Handzetteln, mit denen wir über die Menschenrechtssituation in Lateinamerika informieren wollen. Von dort stammt der Kaffee, den wir an den Verkaufsständen am Wochenende anbieten.

Thomas hat einen Schreibblock auf den Knien, er führt das Protokoll der Besprechung. Am kommenden Samstag steht ein Verkaufsstand auf einem Marktplatz in einer nahe gelegenen Gemeinde an. Thomas hat die amtlichen Formblätter der Gemeinde dabei. Der Jugendleiter hat die Genehmigungen eingeholt. Vor dem Treffen hatte Thomas sich das alles beim Jugendleiter abgeholt. Ein Problem besteht darin, dass der Bus des Jugendleiters am Samstag nicht zu haben ist, weil der damit auf ein Seminar fährt. Ich erkläre, dass sei kein Problem, weil ich nun ein Auto hätte. Das löst in der Runde Staunen und Lachen aus.

Der gelbe Schrotthaufen vor dem Gartentor da draußen gehört also Dir! Und ich dachte schon, Deine Vermieter seien finanziell am Ende und haben ihren Fuhrpark gegen diese Rostlaube tauschen müssen.

Thomas lacht mich an.

Passt denn in den Kübel alles rein?

Ich hoffe es. Ausprobiert habe ich es nicht.

Ich könnte noch das Auto von meinem Vater leihen.

Das wäre sehr gut.

Thomas ist ein aufgeschlossener Typ, der eigentlich ständig lacht. Er war der erste Mensch, den ich in der Gegend der Kreisstadt kennen gelernt hatte. Ich traf ihn auf meiner Umzugsfahrt, er trampte. Ich hatte ihn bis zum nahe gelegenen Hof seiner Eltern am Rande der Stadt mitgenommen. Von diesem Tag an, habe ich ihn regelmäßig getroffen. Im Herbst letzten Jahres ist er aktiv in die Verkaufs- und Informationsarbeit an den Dritte-Welt-Verkaufsständen eingestiegen. Er ist am häufigsten dabei, im Grunde jedes Wochenende. Ich glaube er ist ein sogenannter „Alternativer“. Aber er ist kein Freak. Sondern er lebt sehr bewusst, isst nur bestimmte Dinge, macht eine Schreinerausbildung und hilft seinen Eltern oft in deren Töpferei. Ida und Pete hat Martin eines Tages mit zu den Verkaufsständen gebracht. Sie sind Geschwister und wirken auf mich manchmal fast noch kindlich. Sie sind begeistert davon in der Arbeitsgruppe mitzumachen. Seit Martin sie mitgebracht hatte, sind sie auch sehr häufig bei den Verkaufsständen dabei. Ich glaube ihnen gefällt es, dass wir in der Gruppe etwas tun, das sich ganz allgemein gesagt, gegen die Ungerechtigkeit in dieser Welt richtet. Zudem glaube ich, dass Ida in Thomas verliebt ist. Ich glaube Thomas weiß das, aber er ist sich nicht sicher, ob er deren Liebe erwidern will.

Martin habe ich im Jugendbüro kennen gelernt. Er macht dort Zivildienst. An seinem ersten Arbeitstag hatte der Jugendleiter mich gebeten, mit Martin durch den Keller unterhalb des Jugendbüros zu stöbern. Ich habe ihm den Materialkeller gezeigt, in dem wir die Verkaufswaren der Dritte-Welt-Verkaufsstände lagern und ihm die Ordnung dort erklärt. Martin ist Einzelhandelskaufmann. Er hat die Ausbildung in der Großstadt gemacht. Nach seinem Zivildienst soll er in der Holzverarbeitungsfirma seines Vaters am Rande der Kreisstadt einsteigen. Martin ist sich noch nicht sicher ob er das wirklich machen will. Sein Vater spekuliert darauf, dass er die Firma eines Tages übernimmt. Martin aber möchte lieber Musikinstrumente verkaufen als Hölzer. Er sagt, dass er die Zeit seines Zivildienstes nutzen wird, um zu überlegen, welche Entscheidung für ihn die beste ist und wie er das mit seinem Vater bespricht. Ida und Pete leben mitten in der Kreisstadt in einer kleinen Wohnung bei ihrer Mutter. Wo deren Vater geblieben ist, weiß ich nicht, ich habe mit beiden darüber noch nicht gesprochen. Beide besuchen ein Mädchengymnasium. Ida schließt die Schule voraussichtlich in diesem Jahr ab, während Pete nächstes Jahr dran ist.

Ich bin sehr froh diese Leute kennen gelernt zu haben. Am Anfang in der Stadt, vor etwas mehr als einem halben Jahr, hatte ich mich eine Zeitlang richtig einsam gefühlt. Das ist jetzt nicht mehr so schlimm, wegen dieser Bekannten und den regelmäßigen Treffen.

Um kurz nach drei Uhr Nachts liege ich wieder wach auf meinen drei kleinen Matratzen aus dem alten Jugendkeller. Der Wecker tickt aber seltsam. Ich höre nur ein leichtes klack, klack, klack. Er zeigt elf Uhr an, auf meiner Armbanduhr ist es aber viertel nach Drei. Ich ziehe den Wecker auf und stelle ihn auf viertel nach Drei. Im Zimmer und im Haus ist es absolut still. In einer Minute muss der drei Uhr sechzehn Zug Richtung Österreich hinter dem Haus vorbei donnern. Ich bleibe noch liegen und finde an der Wand wieder die Linie von Licht und Schatten. Sie bewegt sich heute kaum. Es ist ein ganz feines Wippen das ich nur erkenne, weil ich länger hinsehe. Jetzt kommt der Zug. Auf seinem Weg ins Ausland lärmt er durch die Nacht.

Heute Nacht ist im Moulin Rouge wenig los. Auf dem Parkplatz stehen nur zwei Autos. Erstmals seit einer Woche entfache ich wieder ein kleines Feuerchen. Meine Steine rund um die Feuerstelle sind nicht weg gespült worden. Der Platz unter der Brücke ist noch voll von Schlamm, der aber im Laufe des Tages getrocknet ist. Das Holz unter meiner Plane ist im Laufe der stürmischen Woche feucht geworden. Das Feuerchen ist etwas widerspenstig. Als es endlich brennt, beginnt es zu qualmen. Aber das ist um diese Uhrzeit wohl egal, denn oben auf der Brücke fährt kein Mensch um diese Zeit. Die Nacht ist stockdunkel, der Mond kommt erst um vier, bis dahin ist das Feuer warm genug und es raucht nicht mehr. Die Taschenlampe ist mit den neuen Batterien, die ich im Discounter bekommen habe, fast zu hell.

Ich setzte mich auf meinen kleinen Felsbrocken, direkt vor das Feuer. Aus meinem kleinen Rucksack nehme ich das Buch und beginne zu lesen. Die Lampe ist zu hell. Die Seiten reflektieren so stark, dass ich sie kaum lesen kann. Das Licht vom Feuer reicht um zu lesen. Trotzdem zünde ich noch die dicke Stumpenkerze an, die ich an ihren Platz auf dem Felsen neben dem Feuer stelle. Ich schlage das Kapitel im Buch auf, das morgen dran kommt. Der Text ist trocken und langweilig. Ich spüre, wie wenig mich das interessiert. Aber es muss sein. Jeden Satz lese ich zwei Mal. Es ist eine absolut trockene Materie. Materialkunde die Beschaffenheit verschiedener Werkstoffe, deren spezifische Gewichte, deren Dichte und so weiter. Ich merke, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Ich lese jeden Satz, jede Maßangabe drei, vier Mal und versuche mir die Zuordnungen zu den beschriebenen Materialien einzuprägen. Langsam wird es besser und klarer in meinem Kopf. Ich fange noch mal von vorne zu lesen an. Ich stelle fest, dass ich das gerade eben bereits gelesen habe. Es muss also etwas hängen geblieben sein. Ich spreche jetzt laut mit. Ich muss mir diesen ganzen Mist doch merken können! Andere können das doch auch!

Es ist halb fünf. Ich lege noch mal Holz nach. Aus meinem Rucksack nehme ich jetzt das Physikbuch und den großen Rechenblock. Ich schlage die gestern am Ende der Stunde markierte Seite auf. Dort finde ich die Übungsaufgaben, von denen der Physiklehrer gesprochen. Jetzt arbeite ich eine Aufgabe nach der nächsten ab. Um viertel nach sechs hole ich den alten Blechkübel. Ich stülpe ihn über die kleine Feuerstelle, die ich zuvor ein bisschen mit einem Stock zusammen schiebe. Auf den Blechkübel lege ich den großen Stein. Mit der Taschenlampe leuchte ich den Boden ab. Dann mache ich mich auf den Rückweg. Um kurz vor sieben stehe ich unter der Dusche in Frau Stößers Haus. Draußen ist es hell geworden.