Archiv der Kategorie: Bernd Thümmel: Texte & Erzählungen als N-Book®

Zuhause

Die Mutter war abends oft erst sehr spät aus der Kirche zurückgekehrt. Er hörte sie kommen, als die Geschwister schon im Bett lagen. Polternd stieg sie die Treppe hinauf. Ihren Schlüssel warf sie in ein Fach neben der Küchentür. Sie verschwand in die Küche. Schnell war wieder Ruhe eingekehrt.

Die Mutter hatte vom restlichen Haushaltsgeld mehrere hundert Kerzen gekauft. Mit denen war sie in die Kirche gegangen, um sie dort alle aufzustellen und ihren geliebten Heiland zu ehren. Den Abend verbrachte sie in einer Art Dämmerzustand betend vor dem Altar. Später fühlte sie sich vom Hausmeister der Kirchengemeinde bedroht, weil der sie mit sanfter Gewalt vor die Kirchentür befahl, um das Gotteshaus für die Nacht abzusperren.

Stundenlang harrte die Mutter deshalb auf den Treppenstufen vor der Kirche aus, ohne sich ihrer kleinen Kinder zu erinnern. Die hatten den Tag zu Hause allein, völlig ohne Versorgung zugebracht. Nachbarn waren wegen Geschrei aus der Wohnung auf die Kinder aufmerksam geworden.

Die Nachbarin versorgte die Kinder an ihrem Küchentisch mit einem warmen Abendessen. Sie verständigte die Polizei, die sich auf die Suche nach der vermissten Mutter machte. Die Kinder wurden von der Nachbarin abends um halb sieben Uhr dem Vater übergeben, als der von der Arbeit nach Hause gekommen war. Die Mutter wurde gegen einundzwanzig Uhr von einer Polizeistreife auf den Treppen vor der Kirche entdeckt. Sie war nicht ansprechbar. Sie weigerte sich den Ort, an dem sie sich ihrem verehrten Heiland am nächsten fühlte, zu verlassen. Von den Beamten wollte sie sich nicht nach Hause bringen lassen. Ein Notarzt brachte sie schließlich in eine Klinik.

Die Kapelle in der Klinik war sehr klein. Sie war voll von Menschen. Die Mutter konnte diese Nähe nicht lange ertragen. Sie hatte eine andere Vorstellung davon, wie der Herr zu ehren sei. Eine Menschenmenge in einer winzigen Kellerkapelle konnte dabei niemals von Nutzen sein. Es hatte in Ruhe und Einsamkeit zu geschehen. Danksagungen an das Leben für das geschenkte Glück von drei Kindern und einem arbeitsamen Ehemann, konnten den Herrn nicht erreichen, wenn dreißig Menschen einen kleinen Raum füllten und gemeinsam beteten. Der Herr sollte einzig und allein ihrer sein. In den Sekunden ihres Danks wollte sie dem Herrn stets allein gegenüber stehen. Wie schon so oft verließ sie deshalb auch diesmal die Klinik nach wenigen Tagen.

Der Jüngste, vor Tagen drei Jahre alt geworden, hatte von früh Morgens bis spät abends immer wieder quälende Schmerzen. Er weinte den Tag lang in Schüben, die, wenn sie sekundenlang vorüber gegangen waren, sich langsam erneut ihren Weg bahnten. Schmerz zog vom aufgedunsenen Magen des Kleinen hinauf in dessen trockenen Mund. Jede Menge Papierfetzen hatte das Kind schon verschlungen. Die Wände in dem Kinderzimmer waren leer. Nur ein Bild hing da. Doch das Kind vermochte nicht hinauf zu greifen.

Zwei Stunden lag der Kleine schreiend auf dem Rücken. Stechender, quälender Schmerz zog vom ausgetrockneten Mund die Speiseröhre hinab in den Magen. Der aufgequollene Bauch des Kindes schmerzte wie nie zuvor.

In dem Zimmer stank es fürchterlich nach Urin und Kot, den das Kind fünf Stunden zuvor auf dem Fußboden und den Wänden verschmiert hatte. Das Kind ließ nicht ab weiter zu schreien. Sein Schreien brauchte all seine Kräfte. Die Augen waren dabei geschlossen. Der Körper gab keine Träne mehr her.

Die Mutter war mit den beiden Geschwistern zur Tante gefahren. Die Freundin werde sich um den Jüngsten kümmern, sie werde ihn dort wieder abholen. Der Vater war tagelang auf Montage einer riesigen neuen Werkshalle, die in einem Hafen an der See neu errichtet wurde. Er hatte eine neue Anstellung gefunden. Der Bau der Werkshalle war eine erste Bewährungsprobe.

Die Mutter hatte sich entschieden. Es war ihr schwer gefallen, doch sie hatte sich befohlen für den Herren ihr Glück zu beschneiden. Nach Jahren in der Gemeinde war sie jetztz endlich soweit. Sie wollte sich selbst und dem Herrn gegenüber einen endgültigen Beweis erbringen. Ihr Opfer sollte schmerzlich sein. Nur großer Schmerz bewies die Wahrheit, die in ihrem tiefen Glauben steckte.

Der Dreijährige war bewusstlos geworden, als er in die Intensivstation der Klinik eingeliefert wurde. Der Kampf um sein Leben schien anfangs aussichtslos. Die Ärzte gaben alles um das Kind zu retten. Nachts um vier Uhr brachten sie das Kind per Hubschrauber in eine Spezialklinik.

Morgens um sieben Uhr läutete es an der Wohnungstür. Die Tante hatte gerade das Teewasser vom Herd genommen. Die Beamten sprachen kaum, sie folgten der Tante in die Küche, wo sie am Tisch die Geschwister sahen. Beide tranken warme Milch und aßen süße Brote mit Marmeladenaufstrich.

Die Mutter betrat die Küche an diesem Morgen nicht mehr. Am Treppenabsatz zum ersten Stock des Hauses wurde sie von einem der Beamten begrüßt. Der Bub war vom Frühstückstisch aufgestanden. Durch einen Spalt der angelehnten Küchentür sah er die Mutter. Sie sprach kein Wort. Die Tante, neben der Mutter stehend, war plötzlich blass geworden. Die Beamtin fragte die Mutter etwas, die antwortete aber nicht. Sie senkte den Kopf nach unten, so dass die frisch gewaschenen Haare ihr Gesicht verbargen. Die Mutter wurde von den zwei Beamten zur Haustüre hinaus begleitet. Die Tante nahm die Hand vor den Mund und ihr Blick ging wie der der Mutter zu Boden.

Schnell setzte sich der Bub zurück an den Küchentisch zu seinem Bruder. Er biss von seinem Marmeladenbrot ab und trank aus dem Milchbecher. Die Tante kam begleitet von einer Beamtin in die Küche. Beide setzten sich zu den Kindern. Die Tante begann langsam zu den Kindern zu sprechen. Der Bub hörte aufmerksam zu. Der jüngere Bruder fragte, ob er noch einen Becher Milch bekommen könnte.

* Empfehlung vom Autor Bernd Thümmel:

Ein Song von meinem Album „acoustic planet“: „god ist dead“

 

Autofahrt

Von Traunstein bis Berchtesgaden, wo ich damals gelebt hatte, sind es knappe fünfzig Kilometer. An Wochenenden war ich im Jahr 1982 und 1983 manchmal dorthin unterwegs. Ich fuhr gerne auf der kurvigen Landstraße über Teisendorf, Piding und Bad Reichenhall. Das war eine schöne Strecke. Freunde verstanden nicht, dass ich nicht die Autobahn nahm. Meine Bekannten waren größtenteils darauf getrimmt, so schnell als möglich von Punkt A nach B zu kommen. Ich hatte es nicht eilig. Ich lebte in Traunstein allein zur Untermiete bei meiner Vermieterin Frau Stößer. Ich hatte nur ganz wenige Freunde. Alle waren alle in ihren Familien eingebunden. Keiner hatte damals so viel Zeit wie ich.

Frau Stößer empfing oft laute Freundinnen, die gemeinsam auf der Terrasse im Garten bei Kaffee und Kuchen saßen. Das hörte ich gezwungenermaßen, denn ich wohnte oben. Das Haus war zwar ein Neubau doch trotzdem hellhörig, dass ich auch die täglichen Telefonate von Frau Stößer im Erdgeschoss nicht ausblenden konnte. Die Wochenenden verbrachte ich meist allein, während meine Bekannten in ihren Familien dem deutschen Wochenendalltag nachgingen.

Auf manchem Spaziergang durch Traunstein beobachtete ich, wie das deutsche Wochenende ging. Ich sah die wöchentliche Autowäsche vor der Einfamilienhaustür, den Besuch der Groß- oder Schwiegereltern zum Sonntagskaffee und den gemeinsamen sonntäglichen Gang zum Kirchenbesuch. Abends sah ich in den dunklen Straßen den Fernsehabend hinter Storvorhängen. Menschen strebten auf den Gehsteigen dem familiären Theaterbesuch im Volkstheater entgegen oder bestiegen Autos Richtung dem klassischen Konzert im nahe gelegenen Salzburg. Ein vereinsamter junger Mensch wie ich, gewann auf seinen Spaziergängen durch die kleine Stadt das Gefühl, dort wie ein Verbrecher herum zu schleichen, weil er nicht am Leben teilnahm. Es war dessen Strafe ausgeschlossen zu sein. Wegen seiner Einsamkeit hatte er unfreiwillig einen geschärften Blick für das, was an familiärem Leben hinter beleuchtenden Fenstern, auf den Straßen und Plätzen geschah.

Ich war achtzehn Jahre jung, lebte allein, hatte kaum Geld. Da war es mein Luxus, dass ich mir von meinen monatlich 700 Mark, die ich als Fall des Jugenwohlfahrtsgesetzes erhielt, neben der Miete von 250 Mark an Frau Stößer, den gelben Opel Kadett leistete. An den einsamen Wochenenden lief ich wie ein leiser Störenfried in der beschaulichen, und wie ich vielfach fand, ziemlich spießigen deutschen Welt meiner Bekannten umher. Ich wandelte ziellos durch die Kreisstadt Traunstein um zu sehen, ob dort nicht doch etwas war, dem ich mich anschließen konnte. Ich suchte etwas, um das Gefühl der Isolation in der Bayerischen Provinzstadt ein bisschen zu entschärfen. In der kleinen Stadt aber fand ich damals nichts. Mich interessierte der Bauernmarkt nicht, die Bauernmalerei in den Läden wollte ich mir nicht ansehen. Ich kaufte das nötigste bei einem Discounter ein. Ich kannte niemanden der mich ins Kino für das ich ohnehin kein Geld hatte begleitet hätte. So blieb es Wochenende für Wochenende bei Spaziergängen mit auf Dauer immer den gleichen Beobachtungen. Wenn ich mal nach Berchtesgaden fuhr, war das etwas besonderes. Ich hatte Zeit, um mit dem gelben Opel gemütlich die Landstraße zu nehmen, ich wollte das Fahren, das ich mir von meinem Lebensunterhalt ab sparte erleben und genießen.

Heute ist die Strecke von Traunstein nach Berchtesgaden zu einer breiten Rennstrecke ausgebaut. Vor wenigen Wochen war ich dort, wollte aus „Nostalgiegründen“ nochmal auf früheren Wegen fahren. Die Strecke ist so breit ausgebaut, dass ich sie nicht wieder erkannte.

Ich finde, es trifft das Wort zu, dass man Orte oder in diesem Fall Wege, die man in bestimmter Erinnerung hat, heute nicht mehr besuchen sollte. Ich finde im Jahr 2012 auf dem Weg nichts als Raserei von riesigen Autos. Es macht keinen Sinn zu versuchen die Abzweigung wieder zu finden, an der ich vor dreißig Jahren, ich zog von Berchtesgaden nach Traunstein, mit einem geliehenen Peugeot völlig überladen unterwegs gewesen war. Ein Tramper mit plattem Fahrrad stand da. Wegen ihm hatte ich mein Mobiliar am Straßenrand aus dem kleinen grünen Wagen geladen. Ich tat das, um dessen Fahrrad und den Tramper selbst, nebst meinem Mobiliar im kleinen Peugeot unter zu bringen. Manfred war der erste neue Freund auf den ich 1982 am Straßenrand traf. Für mich mich begann auf der Umzugsfahrt von Berchtesgaden nach Traunstein an diesem Tag meine Entlassung in meine Zukunft.

Vater

Er war vor knapp zehn Jahren 1973 in seinem Käfer auf genau dieser Autobahnstrecke unterwegs gewesen. Während ich im gelben Opel Kadett das nach rechts strebende Lenkrad fest hielt, stellte ich mir vor, dass der Vater Zigaretten rauchend am Steuer gesessen war. Ich steckte mir eine Kippe an. Mein Vater rauchte „Kurmark“. Das ist eine Zigarettensorte, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, denn seitdem hatte ich den Vater nicht mehr gesehen. Ich kannte außer ihm niemanden der das Zeug rauchte. Erst als ich zwanzig Jahre später 2002 die Wohnung des toten Vaters zusammen mit meinem Bruder betrat, um dort zu sehen, wie viel Arbeit wohl notwendig war, um die Wohnung zu räumen und zu renovieren, um sie dem Vermieter zu übergeben, sah ich „Kurmark“ wieder. Der Vater hatte sie offensichtlich bis zu seinem Tod, im Alter von Vierundsiebzig, geraucht.

Ich erinnerte mich daran, wie er die Kippenschachtel aus der Hemdtasche zog, während er das Käferlenkrad hielt, den Zigarettenanzünder drückte, aus der Schachtel eine Kippe schüttelte, sie mit dem Mund aufnahm, die Schachtel zurück in die Hemdtasche schob um mit dem Anzünder die Kippe zum Qualmen zu bringen. Ich sah ihn, wie er aufmerksam durch die Gläser seiner dicken Hornbrille blickend, den Kilometerstand des Käfers stets berechnend, genau wissend, wann der nächste Ölwechsel fällig würde, genau darauf achtend nicht schneller als hundert Stundenkilometer zu fahren, um den geringst möglichen Spritverbrauch bei gleichzeitiger Schonung des Käfermotors herauszufahren.

Obwohl ich ihn während der Fahrt auf der Autobahn fast wie früher vor mir sah, fand ich das frühere Gefühl für den Vater nicht wieder. Es hatte mich damals hin und her geworfen. Es warf mich oft beinahe um. Ich schwankte zwischen Sicherheit und Unsicherheit. Ich sah oft hinauf zu ihm. Aber ich fand damals nicht heraus welche Dinge dem Vater wichtig waren.

Trotzdem forderte er in meinem Kopf stets Begründungen für alles. Was ich tat musste einen Grund haben, der den Vater zufrieden stellte. Gründe für den Vater zu finden war irgendwann zu einer meiner wichtigsten Aufgaben geworden. Der Vater verlange Begründungen ohne Worte. Später, der Vater war schon lange für immer weg, ertappte ich mich oft trotzdem noch bei der Frage: Was sagst du dem Vater? Wie begründest du ihm das, was du gerade tust oder gerade zu tun gedenkst?

1982 auf der Autobahn im gelben Opel Kadett kam plötzlich wieder diese Frage. Ich antwortete, dass ich fuhr um an diesem Wochenende meinen Bruder zu besuchen, der in der Nähe von Vaters Wohnung lebte. Ich aber lebte weit vom Vater entfernt in Traunstein. Das liegt nur etwa fünfzig Kilometer von Berchtesgaden, wo du uns Geschwister früher manchmal im Kinderheim besucht hattest. Das war meine Begründung für die Fahrt im gelben Kadett Richtung Pfedelbach, dem Ort im Hohenlohekreis, wo ich und die Geschwister im Jahr 1974 glaubten, das ein neues Leben beim Vater beginne.

Berchtesgaden: Das waren für mich die siebziger Jahre. Es war die Zeit meiner Kindheit. Mein Leben beim Vater war für mich bereits nach einem Jahr 1974 vorbei, denn bei ihm war alles schief gelaufen. Ich verstand deshalb nicht, warum mich der Vater 1982 im Kopf, während ich im gelben Kadett saß, um nach Heilbronn zu fahren, immer noch beschäftigte, indem er fragte was ich heute aus welchem Grund gerade in diesem Augenblick tat.
Ich antwortete ihm: Es ist weit, das weißt du doch, es ist beinahe die gleiche Strecke, die du selbst früher gefahren warst, als du uns im Kinderheim auf dem Obersalzberg besucht hattest.

Um den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen hatte der Vater von früh morgens bis abends täglich in einer Maschinenfabrik gearbeitet. Jeden Morgen, meist war es noch dunkel, warf er hinter dem Haus den Käfermotor an. Er fuhr in die Fabrik, während seine Kinder noch fest schliefen. Abends, wenn der Vater wieder nach Hause kam, waren die kleineren Kinder schon im Bett. Der Vater ließ sich stets schwerfällig am Abendbrottisch nieder. Er erzählte vom schweren Fabrikarbeitstag, während die Mutter und der Älteste schweigsam am Tisch saßen und aufmerksam zuhörten.

Gerne hätte der älteste Bub dem Vater davon erzählt, was er Nachmittags bei der Bäckersfrau oder der Metzgersfrau erlebt hatte. Das waren eigentlich immer die gleichen Erlebnisse. Der Bub glaubte, er würde den Vater am Abendbrottisch damit langweilen. Es war damals nicht üblich, dass ein Bub am Abendbrottisch begann, den Vater mit seinen Geschichten zu belästigen. Die Mikymaushefte, die er Nachmittags am Kiosk gesehen hatte, die Geldbörse mit Briefmarken, mit der er von der Mutter zu Frau Mayer geschickt worden war, das gelbe Heftchen in das die Metzgersfrau den Betrag notiert hatte, die Freundin der Mutter, die Nachmittags mit ihren Heften zu Besuch gekommen war, der Pfarrer, der Abends angerufen hatte, um zu fragen, ob die Mutter endlich wieder zu Hause angekommen sei, das alles konnte der Bub am Abendbrottisch nicht berichten. Das wären Berichte und Geschichten aus dem Alltag gewesen, die der Vater Abends nicht hören wollte, denn er war Abends immer Müde, er hatte den ganzen Tag schwer gearbeitet.

Für den Alltag zu Hause war die Mutter zuständig. Darin wurde der Vater von der Mutter aber schwer enttäuscht. Das bemerkte der Vater viel zu spät, denn er war ja immer in der Arbeit und am Abendbrottisch wollte er nichts hören. Die Kinder blieben tagsüber meist allein in der Wohnung zurück, während die Mutter in der Kirche Kerzen entzündete oder bei der Freundin Hefte mit der Aufschrift „Der Wachturm“ kaufte. Deshalb war die Nachbarin zu einer täglichen Anlaufstelle für die Kinder geworden.

Daran, dass die Kinder im Heim auf dem Obersalzberg leben mussten, war die Mutter schuld. Das erklärte er 1974, als er die Kinder aus dem Heim holte. Die Kinder kamen schon nach einem Jahr zurück auf den Obersalzberg. Der Vater war immer zur Arbeit gegangen.

Ich fuhr einen Teil der Strecke, welche der Vater damals gefahren war. Ich tat das auch, um meine innere Vorstellung dorthin zu bringen, wo der Vater damals mit seinem weißen Käfer unterwegs gewesen war. Abends zuvor hatte ich mich entschlossen, morgens sehr früh aufzustehen, so wie es der Vater damals tat, wenn er uns auf dem Obersalzberg im Kinderheim mit seinem weißen Käfer besuchte.

Bei Dunkelheit war ich losgefahren. Im Osten sah ich einen langsam heller werdenden Schimmer am Horizont. Im Radio hörte ich etwas von der neuen Bundesregierung. Die alte Regierung war im September des Jahres 1982 im Rahmen eines sogenannten Misstrauensvotums abgesetzt worden. Ich hörte aus dem Radio, dass die neue Regierung plane die Bafögzahlungen an Studenten auf Darlehensbasis umzustellen. Das bedeutete, dass ich Geld, welches ich für mein Studium von diesem Staat erhoffte, wieder zurück zu bezahlen hatte.

Eine völlig normale Sache. Ich stellte mir deshalb meine Schulden vor. Ich sah wie sie in den Jahren des Studiums zu einem hohen Berg anwuchsen. Das Studium würde ich noch besser planen, als ohnehin geplant, denn es muss zwingend erfolgreich, vor allem aber sehr schnell verlaufen, um am Ende möglichst wenig Schulden beim Staat wegen des Bafögs zu haben.

Ich lauschte den Worten eines Regierungsmitglieds im Radio. Ich drehte den Mann lauter, um das Motorengeräusch des Autos zu übertönen. Der Politiker begründete das Vorhaben. Dessen Worte bestanden im Prinzip darin, ein bekanntes Sprichwort auszulegen: Noch nie habe die Jugend in diesem Land so viele Chancen gehabt wie heute. Viele junge Menschen nutzten ihre Chancen aber gar nicht. Sie zögen es stattdessen vor, „einfach vor sich hin zu gammeln“. Was der Mann damit genau meinte, wurde mir aber nicht klar. Er sprach von „jugendlichen Gammlern“, als gehörte dieser Begriff zum alltäglichen Sprachgebrauch. Ich fand dessen Worte eher ungewöhnlich. Er meinte einfach, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Das war der Hintergrund. Jeder ist sich selbst sein Glück und muss halt gut schmieden, egal wie und wo er aufwuchs. So verstand ich das.
Doch das sagte er nicht wirklich, stattdessen so der Mann, sei das „Gammeln der Jugend keinesfalls auf Staatskasse möglich“. Jahrelang hätte die sozialliberale Vorgängerregierung junge Menschen studieren lassen, die mit Bildung eigentlich nichts am Hut hätten. Die Studienzeiten seien deshalb unglaublich in die Länge gezogen worden. Wer aber Bildung eigentlich ablehne oder dieser nicht zugänglich sei, sollte gefälligst arbeiten anstatt zu studieren. Solche jungen Leute sollten sich Bildung erst einmal angemessen verdienen. Sie sollten beweisen, dass sie es wert seien, sie überhaupt zu erwerben. Bester Beweis sei ein Schuldenberg, der nach dem Studium ab zu tragen ist. So verstand ich den Mann.

Mich beschlich das Gefühl, ich gehörte zu denjenigen, die sich Bildung nicht mehr lange leisten konnten. Aber darüber sprach der Politiker nicht wirklich. Trotzdem erreichte mich dessen Botschaft: Junge Leute wie ich, waren mit dem Regierungswechsel 1982 keine erwünschten Studenten in diesem Land.

Ich schaltete das Radio aus.

Kinder

Der Bub hatte den Jungen geschlagen. Er wollte dass sein Bruder das Geburtstagspäckchen, das die Tante geschickt hatte, alleine öffnete. Der Junge aber hatte trotz Warnungen des Buben nicht aufgehört, den kleinen Bruder von der Holzbank hinter dem Tisch weg zu schubsen. Er stieß den Kleinen beiseite, begann sich an den Paketschnüren, die das braune Paketpapier umschlossen, zu schaffen zu machen, während er dem Kleinen gehässige Blicke zuwarf.

Der Bub konnte das nicht zulassen. Er konnte nicht dulden, dass ein anderes Kind das Geburtstagspäckchen seines kleinen Bruders öffnete. Der Bub hatte den Jungen schon zweimal von dem Paket weg geschoben. Beim zweiten Mal hatte er ihn kräftiger als beim ersten Mal von der Holzbank gestoßen. Doch die Warnung reichte dem Jungen nicht.Trotzdem versuchte der nochmal, sich über das Geburtstagspäckchen des Bruders herzumachen. Das machte den Buben wütend. Er griff den Jungen an den Armen, riss ihn von Paket und Tisch weg, versetzte ihm einen festen Hieb in den Magen, um damit ein eindeutiges Signal zu setzen, dass nun endgültig Schluss sei. Der Schlag war für den frechen Jungen zu viel, er übergab sich. Er spie alles von sich, was er zuvor am Mittagstisch eilig verschlungen hatte.

Deshalb wurde nun eine Erzieherin aufmerksam. Sie tröstete den Jungen. Den Buben identifizierte sie als Streithahn, der gewalttätig geworden war und bestraft werden musste. Deshalb ordnete sie nächtlichen Kellerarrest an. Wer so brutal sei, so erklärte sie, müsse die Nacht im kalten Keller verbringen. Zuvor aber sollte der Bub den restlichen Nachmittag allein im Zimmer sitzen. Deshalb durfte er dem jüngeren Bruder nicht zusehen, wie der endlich in Ruhe sein Geburtstagspäckchen auspackte.

Zur Strafe gehörte auch, dass für den Buben das Abendessen ausfiel.

Den Nachmittag war langweilig, der Bub lief zwischen den Stockbetten auf und ab. Er musste sich bewegen denn er war in einem Fußballspiel auf der Wiese hinter dem Haus eingeplant gewesen. Das Spiel verfolgte er vom Zimmerfenster aus. Einige Szenen spielte er zwischen den Stockbetten im Zimmer nach. Dabei benutzte er einen unsichtbaren Fußball, der nur in seiner Phantasie existierte. Sein jüngerer Bruder spielte in einer Mannschaft, die auf einem kleineren Spielfeld im rechten Teil der Wiese kickte. Auch aus dessen Spiel hatte er zwischen den Stockbetten die jeweils spannendste Spielszene nach gespielt.

Um fünf Uhr Nachmittags war es draußen auf der Fußballwiese ruhig geworden. Der Bub legte sich gelangweilt auf sein Bett. Die Gipsschale mit den Gurten versteckte er zuvor in der hintersten Ecke in seinem Fach in dem riesigen Kleiderschrank. Der Arzt hatte ihm die Rückenschale vor Monaten verordnet. Seither musste er sie jeden Abend umbinden. Er wurde jede Nacht gezwungen mit ihr auf dem Rücken liegend zu schlafen. Das wurde von einer Erzieherin kontrolliert.

Der Schrank war ein schlechtes Versteck, aber ein anderes gab es in dem Zimmer nicht. Er hoffte darauf, dass wenn ihn abends die Erzieherin mit seiner Bettdecke in den Keller schickte, vielleicht die Gipsschale in Vergessenheit geriet, weil die Erzieherin sie nicht auf seinem Bett liegen sah.

Er hasste die Nächte im Keller. Das Einschlafen in der harten Schale auf der Holzbank war immer sehr schwierig. Meist fror er trotz der Bettdecke auf der kalten Kellerbank. Die Bank war so hart, dass er auf ihr in der Schale liegend, immer wieder von Schmerzen geplagt aufwachte. Die Kälte des Kellers war mit dem Erwachen sofort spürbar. Die Nacht brachte viele blaue Flecken, die schmerzten tagsüber an den Knochen.

Bis neuen Uhr abends hatte der Bub allein in dem finsteren Zimmer gewartet. Die Stockbetten malten an der Wand krakelige Schatten im Licht, das über den Hof durch das Fenster einfiel. Um halb neun Uhr war der Mond aufgestiegen. Licht von unten aus dem Hof mischte sich mit Licht vom Mond, so dass er die Schatten an der Wand doppelt sah.

Um Punkt neun Uhr ging das Licht in dem Zimmer an und der Lärm begann. Sechzehn Kinder rannten auf und ab, suchten Schlafanzüge und warfen Kleidung auf Holzstühle, die gegenüber dem großen Schrank, rechts von den Stockbetten, aufgereiht standen. Jetzt verhielt er sich, als gehörte er dazu, als sei die Bestrafung bereits abgegolten. Er zog seinen Schlafanzug an, legte seine Kleider auf seinen Stuhl und rannte gemeinsam mit den anderen Kindern zum Waschen und Zähneputzen in das riesige Badezimmer. Zurück im Zimmer, legte er sich wie alle anderen Kinder in sein Bett.

Um halb zehn Uhr erschien die Erzieherin vor seinem Bett. Sie riss ihm die Decke vom Körper. Er sprang sofort aus dem Bett.

Wo ist deine Gipsschale?“, schrie die Erzieherin, sie starrte auf die leere Matratze im Bett. Der Bub rannte sofort zum Schrank und holte die Gipsschale heraus. Er hörte gemeinsames lautes Lachen von fünfzehn Kindern. Die Gipsschale unter dem Arm, folgte er der Erzieherin.

Der Keller lag zwei Stockwerke tiefer. In ihm hingen feuchte Regenjacken an einer langen Reihe von Haken. Darunter war an der Wand eine Holzbank angeschraubt. Sie diente als Sitzbank, um sich die Straßenschuhe, die unter ihr standen, anzuziehen. In der auf den Rücken gebundenen Gipsschale musste er dort liegen. Nachts um halb eins kam sein kleiner Bruder. Er brachte drei Scheiben Brot vom Abendbrottisch. Der Bub freute sich, umarmte den Kleinen und aß gierig.

Er begleitete den kleinen Bruder nach oben in dessen Schlafsaal. Der Kleine war das Risiko eingegangen in dem riesigen Haus unterwegs aufgehalten zu werden. Nachts machten Erzieherinnen Kontrollgänge. Der Kleine wäre bestraft worden. Deshalb ging der Bub mit, denn auch diese Strafe hätte er auf sich genommen. Das Brot war ein Diebstahl. Es war verboten Brot vom Essenstisch mitzunehmen. Das war eine Grundregel.

Weil der Kleine dem Buben trotzdem immer Brot in den Keller gebracht hatte, waren die Geschwister von den Heimkindern „Diebesbande“ genannt worden. Wenn etwas als gestohlen gemeldet worden war, wurde der Schrank des Buben von einer Erzieherin durchsucht. Nie fand sich etwas. Der Kleine stahl nur essbares vom Abendbrottisch und von Tellern, die nach dem Abräumen zurück in die Küche gebracht wurden.

Nachts waren die Rückenschmerzen in der harten Gipsschale unerträglich geworden. Nach der ersten Kontrolle der Erzieherin, die wohl glaubte er schlafe, riss er sich die Gipsschale vom Leib. Er versteckte sie einige Meter entfernt, dort wo die Jacken hingen. Er verbarg sie hinter einer gelben Regenjacke an der Wand. Ohne der Schale schlief er auf der Seite liegend auf der schmalen Holzbank ein.

Plötzlich wachte er auf. Es war eiskalt. Er zitterte am ganzen Körper. Die Decke war verschwunden. Die Schlafanzughose war nass. Wieder hatte er geträumt, dass er auf der Toilette sei. Wohl deshalb hatte er es laufen lassen. Zitternd tastete er Hemd und Schlafanzughose ab. Das Hemd klebte nass und eiskalt an seinem Körper. Er richtete sich auf der Holzbank auf. Wo war seine Bettdecke geblieben?

Er sah sich in dem dunklen Keller um. Da erkannte er die beiden. Zwei standen vor dem Kellerfenster nahe der Treppe. Einer der Zwei trug einen Eimer in der Rechten. Jetzt hörte er deren Lachen. Er hatte nicht eingenässt. Beide Burschen haben einen Eimer Wasser über ihn geschüttet. Dreckig lachend rannten die zwei die Treppe hinauf. Der Bub suchte nach der Bettdecke. Die hatten sie ihm offenbar weggerissen. Der nasse Schlafanzug tropfte. Er fand sie in einer Ecke. Sie war trocken.

Monate zuvor war er schon einmal nachts im Keller von einer eisigen Wasserfontäne übergossen worden. Da hatte er nicht so fest geschlafen und konnte den Tätern rechtzeitig die Gipsschale zuwenden. Er war kaum nass geworden. Das hatte großen Ärger mit der Erzieherin gegeben. Die Gipsschale war vom Wasser so beschädigt, dass sie erneuert werden musste. Niemand glaubte dem Buben, dass er nicht absichtlich versucht hatte sie mit Wasser zu zerstören.

Bis um halb sechs Uhr das Licht an ging, saß der Bub auf der Holzbank unter seiner Bettdecke. Das automatische Licht im Keller war Signal und Erlaubnis, in den Schlafsaal zurück zu kommen. Dort angekommen, legte er Decke und Gipsschale auf sein Bett, zog wie alle anderen Kinder seine Kleidung an, brachte den Schlafanzug in die Wäschekammer im Erdgeschoss, wo er ihn in die Schmutzwäschetonne warf. Die Strafe der langen kalten Nacht im Keller war vorüber gegangen.

Wohnen

Obwohl mein neues Zimmer bei Frau Stößer größer und heller war, als das alte Zimmer nebenan, blieb die Miete gleich. Frau Stößer sagte, dass sich der Größenunterschied der Zimmer wegen der Dachschrägen, die mein neues Zimmer habe eh wieder ausgleiche. Ich fand das gut, denn das Zimmer war real viel größer, viel heller und es hatte einen schönen Balkon mit Blick auf die Stadt Traunstein! Frau Stößer plante, mein bisheriges kleines Zimmer zu einem Gästezimmer ausbauen lassen. Es sei dafür bestens geeignet weil es eben keine Dachschrägen habe.

In meinem Zimmer im Haus von Frau Stößer in Traunstein fühlte ich mich wohl. Das neue große Zimmer bot zudem diesen wunderbaren Ausblick auf Stadt und Berge. Frau Stößer hatte sich als sehr angenehme Vermieterin erwiesen. Meine anfänglichen Vorurteile, hatten sich ganz schnell in Nichts aufgelöst.

Frau Stößer interessierte sich nicht dafür, welchen Besuch ich bekam. Es war ihr egal, dass ich ein altes schrottreifes Auto fuhr. Sie fragte nicht, warum ich spät Nachts hin und wieder das Haus verließ. Sie erlaubte, dass mich ab und an Manfred oder Pete besuchten, die das Haus als spießig und rustikal empfanden. Es schien ihr nicht ungewöhnlich, dass ich den gelben Kadett direkt neben ihrer großen Doppelgarage, in der ihr Mercedes stand, abstellte. Es machte ihr auch nichts, dass ich oft angerufen wurde, was Frau Stößer jedes Mal zwang aus ihrer Erdgeschosswohnung ins Treppenhaus zu kommen, um nach mir zu rufen. Oft schrieb sie mir Zettel wenn jemand angerufen hatte, die legte sie mir auf die Treppe hinauf zu meinem Zimmer.

Um meine Angelegenheiten kümmerte sie sich nicht. Sie war die Hausbesitzerin und Vermieterin. Meine anfängliche Befürchtung, sie könnte eine gelangweilte Hausfrau sein, die mich nervte, weil sie hinter mir her spionierte, bewahrheiteten sich nicht.

Es interessierte Frau Stößer auch nicht, dass ich mit der Mutter, die das Zimmer vor einem halben Jahr für mich angemietet hatte, seit meinem Einzug gar nichts mehr zu tun hatte.

Sie war nicht meine leibliche Mutter. Mein Kontakt zur Mutter endete mit meiner Volljährigkeit an dem Tag meines achtzehnten Geburtstag, als ich zur Untermiete bei Frau Stößer einzog. Aber all das interressierte Frau Stößer nicht. Und das fand ich sehr gut.

Niemals hatte sie mich auf die Frau angesprochen, die mir die Miete des Zimmers vermittelt hatte. Sie hatte meine Mutter ein knappes halbes Jahr zuvor, beim Mietvertragsabschluss kennen gelernt. Beide hatten sich offenbar sofort wunderbar verstanden. Sie fragte nie, warum meine Mutter seither niemals zu Besuch gekommen war.

1982 in Traunstein war mein schönes Zimmer mit Blick über die Traun auf die Stadt ein schönes Privileg für einen achtzehnjährigen Menschen, der von der Stütze durch die deutsche Jugendwohlfahrt auf Grundlage des Jugendwohlfahrtsgesetzes lebte. Ich war also vom Land nicht einfach fallen gelassen worden. Ich war zwar aus meinem Elternhaus, ich sage mal „unehrenhaft“ entlassen worden, doch in meiner Freiheit, die in Traunstein begann, wurde ich vom Land in dem ich geboren wurde, unterstützt. Ich hatte gute Chancen diese Unterstützung in den Abschluss einer Schulausbildung so zu investieren, dass ich zusätzlich die Berechtigung zu studieren erlangte. Das war gut. Das Gute verhinderte aber nicht, dass ich damals in meiner Freiheit oft recht einsam war. Ich konnte die Freiheit nicht wirklich genießen. In Traunstein besuchte ich 1982 die Fachoberschule für technische Berufe. Mein Ziel war es, alle Hürden zu überwinden, die sich mir dort in den Weg stellten, um die Schule trotz vieler dortiger Widrigkeiten zu schaffen, um später zu studieren.

Weniger der Unterrichtsinhalt und das Lernen, vielmehr aber die Konkurrenz zwischen den Schülern und den Lehrern an der Fachoberschule in Traunstein waren 1982 große Hürden für mich. Negative Konkurrenz und offener Hass von Lehrern beherrschten das Klima im technischen Zweig der Fachoberschule in Traunstein.

Zum Besuch dieser Schule hatte mich die Mutter bewegt. In technischen Dingen, so hatten sie oft zu mir gesagt, hätte ich meine hauptsächlichen Begabungen. Ich war 1982 noch nicht frei genug, um zu entscheiden, dass ich die Welt dieser technischen Schule für mich verändern kann. Ich ging dort hin, weil ich geschickt wurde und weil ich angebliche Begabungen hatte, die von der Mutter an mir beobachtet worden waren.

Das reichte aber nicht um die Brutalität auszuhalten, die mir von den Organisatoren und Akteuren an der technischen Fachoberschule in Traunstein 1982 entgegen geworfen wurde.

In der Schule lief es völlig anders, als zuvor an der Realschule in Berchtesgaden. Es ging darum, möglichst wenig zu fragen. Wer den Lehrer der Technologie, der Physik, der Mathematik, der Werkstoffkunde oder der Optik nach technischen Zusammenhängen fragte, sagte in deren Augen damit: „Ich bin dumm“. Das begriff ich schnell. Es war ein Grundprinzip an der Fachoberschule Traunstein. Konkurrenz beherrschte die Mitschüler und sorgte für Angst untereinander das Gesicht zu verlieren. Wenn ich fragte, wonach ich Wissensdurst hatte, war ich verloren. Das Prinzip des „raus geschmissen Werden“ musste ich 1982 dort neu lernen. An der Realschule wurde ich gefördert, an der technischen Fachoberschule diffamiert, offen gehasst, schickaniert.

Die Technologie, der Lernstoff war klar. Glasklar stand alles in den Büchern. Wer da nachfragte, hatte zu hause eindeutig zu wenig nachgelesen. Wer nachfragte, obwohl er zu hause gelesen hatte, dem fehlte grundsätzliches Verständnis für die Sache. Wer nicht verstand, war in der Schule für Technologie völlig fehl am Platz. Wer fehl am Platz war, sollte sich schnell von dort entfernen. Wer sich nicht selbst entfernte, wurde entfernt. Lernen funktionierte dort anders, als ich es noch von meinem Leben in der Realschule kannte. Wie Lernen dort funktionierte, verstand ich nicht. Bei mir funktionierte es erst mal gar nicht. Unter diesen Umständen lernte ich nichts. Deshalb entwickelte ich in den ersten Monaten auf dieser Schule zunächst eine ganz neue Methode um dort zu überleben.

Eltern

Bei den Eltern konnte und durfte ich mich nicht mehr melden. Wenige Wochen nachdem ich dort ausgezogen war, hatte ich ein letztes mal telefonischen Kontakt aufgenommen. Aber sie sagten, dass es vorbei sei. Wenn ich Wäsche waschen wollte, sollte ich das bei meinen neuen Freunden tun. Dass die Wäsche nur ein Teil meines Anrufes gewesen war, interessierte meine ehemaligen Eltern nicht. Wäsche war ein Thema. Sie war ein Anhaltspunkt, wie ein Anker, etwas worüber ich mit ihnen reden konnte. Meine Wäsche begründete sozusagen meinen letzten Kontaktversuch.

Die Klarheit in der Ablehnung meiner Eltern, trotz meines Auszugs aus deren Wohnung weiterhin Kontakt zu halten, war wie eine sauber geputzte Glasscheibe. Ich sah hindurch und bemerkte die Scheibe nicht, was bedeutete, dass ich für immer entlassen worden war.

Sie waren nicht meine leiblichen Eltern, hatten sich aber über Jahre zu meinen Eltern entwickelt. Ich wohnte fünf Jahre lang bei ihnen. Ich hatte sie im Alter von vierzehn Jahren, zu Beginn der Ferien kennen gelernt. Seither waren sie für mich die Eltern. Ich war von ihnen abhängig.

Ich verbrachte meinen Alltag in deren Haus, verdankte ihnen meinen Schulbesuch, mein Schlafzimmer, meine Ernährung. Der „Waschmaschinenanruf“ wurde zum lebenslänglichen Abschied von ihnen. Ich war draußen. Die Unterstützung durch die Eltern für mich war abgeschlossen. Ich kannte solches Denken damals nicht. Ich war in meinem Alltag unterwegs und dachte nicht darüber nach, dass es zum Leben gehörte, Beziehungen zu anderen Menschen zu beginnen, zu pflegen oder zu beenden. Bei den Eltern war ich naiv von „für immer“ ausgegangen.

Eltern waren damals für mich lebenslängliche Begleiter. Ich merkte Monate nach meinem „Waschmaschinenanruf“ bei den Eltern, dass ich falsch lag. Darin war ich aber noch unsicher. Vielleicht stimmte, was ich bislang gedacht hatte trotzdem? Mein Fall lag anders. Ich hatte Eltern, die gar nicht meine Eltern waren. Vielleicht deshalb nicht lebenslänglich?

Ich hatte keine Waschmaschine. In der Kreisstadt Traunstein gab es damals keine öffentliche Wäscherei. Ich hatte noch keine Freunde gefunden. Und selbst wenn ich gehabt hätte: Neuen Freunden bringt man nicht gleich seine Wäsche.

Auf dem Flohmarkt sah ich ein seltsames, silbern farbiges Metall-Ei mit einer Kurbel. Es sah aus wie ein kleines Raumschiff. Nein, es sah aus wie ein astrologisches Beobachtungszentrum in Modellbauformat. Das, so überzeugte mich der beherzte Verkäufer, war eine Handwaschmaschine.

Billiger geht ’s nicht! Braucht keinen Strom, wenig Wasser, wenig Waschmittel aber Du hast saubere Wäsche!“

Klar, dass ich das gekauft habe. Fünf Mark wollte der Verkäufer haben. Am Nachbarstand plärrte eine Frau:

Das Ding braucht heute doch kein einziger Mensch mehr!“

Ich war der einzige der es brauchte. Also habe ich es für drei Mark fünfzig gekauft. „Metalldeckel auf, Wäsche, Waschmittel und warmes Wasser rein. An der Handkurbel fest kurbeln. Die Maschine funktioniert. Nur nicht zu viel Wäsche einfüllen.“

Jede Woche wusch ich ab diesem Tag meine Wäsche mit diesem Ding.

Junge Menschen sollten ihre großen Chancen nutzen!“

Das hatte der Sprecher im Bayerischen Rundfunk gesagt, als ich das „Wäsche-Ei“ im Haus bei Frau Stößer zum erstem mal in Betrieb nahm. Ich stelle das Ei in die Dusche und wusch damit, wie vom Verkäufer beschrieben. Ich hatte mein kleines Kofferradio ins Bad gestellt, denn ich dachte, das Wäschewaschen mit dem Ei seil langweilig, da könne Unterhaltung aus dem Radio gerade recht sein. Doch schon den ersten Satz des Radiosprechers und das Thema „Generation No future? – Heutige Chancen für Junge Menschen in Bayern“, fand ich so abstoßend, dass ich vergeblich einen anderen Sender suchte und deshalb das Radio sofort abschaltete.

Beim Kurbeln am „Waschmaschinen-Ei“ arbeitete mein Kopf: Mein Lernen in der Schule war eine legale, sogar in Bayern allseits anerkannte Methode des sinnvollen Zeitvertreibs junger Menschen. Es ging dabei um meine Zukunft, nicht um „No future“, sondern um die Sicherung der Renten und das wiederum berechtigte überhaupt erst meine Existenz. Die Aussicht auf sinnvolle Arbeit, die Sicherung meines Einkommens und der künftigen Renten! Das war es! Deshalb war die Jugend auch in Bayern nicht ausschließlich verhasst, weil sie gegen Wackersdorf und Pershing 2 lauthals rumorte, sondern, Norbert Blüm hatte sie auch dabei im Auge, wenn er seinen Spruch „Die Rente ist sicher“ auf sämtliche Litfass-Säulen kleben ließ. Das begriff ich beim Wäschewaschen mit der Kurbelmaschine. Das Kurbeln sicherte nicht meine Existenz, sondern es war anstrengend und stumpfsinnig, doch dabei fand ich Zeit zu denken. Das monotone langsame Kurbeln brachte mir viele neue Gedanken.

Während des Kurbelns an der Waschmaschine begriff ich, dass ich lebenslänglich frei geworden war. Ich hatte keine Bindungen. Deshalb musste ich meine Wäsche mit dem „Kurbel-Ei“ waschen. Ich hatte niemanden, zu dem ich sie sie bringen konnte.

Lebenslängliches Lernen nicht nur in der Schule sondern auch an der Kurbelmaschine war richtig wichtig geworden. Ich kapierte an der Waschmaschinenkurbel, dass Gelerntes am Dienstagvormittag in der Physikprüfung verständlich und gut wieder zu geben war. Dort musste ich unter Beweis stellen, dass die Bildungsbemühungen, die mir in Bayern zugute kamen Früchte trugen. Ich war darauf angewiesen zu zeigen, dass ich es wert war zur Schule zu gehen.

Von „No future“ war bei mir keine Rede. Ich war von den Eltern entlassen worden, hatte lebenslänglich bekommen und war darüber von ihnen nur mangelhaft informiert worden. Ich wusste nicht viel davon, wie die Welt überhaupt tickte. Ich hatte viel zu lernen, wozu gehörte, meine Wäsche in dem kleinen Ei zu waschen. Gegen Wackersdorf und Pershing 2 zu demonstrieren, hatte ich keine Zeit. Ich war da zwar auch irgendwie dagegen, weil ich Atomenergie gefährlich und Wettrüsten scheiße fand, doch mir ich glaubte, mir fehlten Wissen und Mut, um mich deshalb von der Polizei verprügeln und mit Wasserwerfern weg pusten zu lassen. Ich musste erst begreifen, was für mich lebenslänglich bedeutete.

Strafe lebenslänglich

Er musste nach dem Waschen und dem Zähneputzen, wie alle Kinder sein Bett machen. Das Zimmer wurde jeden Morgen von den Kindern noch vor dem Frühstück gekehrt. Unter den Betten sollte täglich Dreck und Papier entfernt werden, das kontrollierte die Erzieherin besonders genau.

Er hatte die feuchte Seite der Bettdecke nach unten gewandt und in sein Bett gelegt, so wollte er vermeiden, dass die Erzieherin das nasse Bettzeug bei ihrem Kontrollgang sofort finden konnte. War ein nasses Bett von der Erzieherin entdeckt worden, wurde zur Bestrafung des Kindes das Frühstück an diesem Morgen gestrichen.

Deshalb hatte er den ganzen Vormittag in der Schule Magenschmerzen. Es war, als würde der leere Magen verzweifelt nach Essbarem suchen. Das fühlte sich an, als würde er beginnen an sich selbst herum zu nagen, als würde er versuchen, sich selbst auf zu fressen. Die Schmerzen waren wie er sich beißende Wölfe vorstellte. Gierig zogen sie an seinem Magen, zerrten und rissen. Dabei blähte sich sein Bauch auf, als wäre er restlos voll gefressen.

Gegen Mittag, auf dem Schulweg zurück in sein Kinderheim, kamen schmerzende Stöße aus dem Bauch. Es entstand ein starkes Brennen, das vom Bauch aufwärts ging, bis hinein in den Mund. Da kam dann dieser saure beißende Geschmack, den er seit langer Zeit so sehr zu hassen gelernt hatte.

Er spülte sich vor dem Mittagessen minutenlang den Mund, während sich alle anderen Kinder um ihn herum die Hände wuschen. Er säuberte seinen Mund, weil er den sauren beißenden, manchmal sehr bitteren Geschmack los werden wollte. Seltsamer Weise saß er danach am Mittagstisch und brachte vom Mittagessen keinen Happen runter, obwohl er den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Er hatte stattdessen das Gefühl, als sei er völlig voll gefressen.

Sein Hals brannte fürchterlich, so dass er nachmittags so viel Wasser trank, wie nur möglich. Die Magenschmerzen zogen sich den ganzen Tag hin. Abends aß er immer noch nichts. Darüber freuten sich die anderen Kinder am Tisch, denn sie durften dann mehr essen. Erst nach dem Schlafen waren die Schmerzen morgens besser, so dass er am Frühstückstisch wieder essen konnte.

Das war eine schlimme Strafe. Diese zu bekommen machte ihm Angst. Deshalb durfte die Erzieherin die nasse Bettdecke nicht finden. Auch wenn er gar nicht ins Bett gemacht hatte, sondern die Bettdecke wegen dem Wassereimer, den die Jungs ihm nachts im Keller drüber geschüttet hatten, nass geworden war, weil er sich danach mit der Bettdecke in dem eiskalten Keller gewärmt hatte. Die Erzieherin interessierte das nicht. Eine nasse Bettdecke war nass, weil das Kind eingenässt hatte. Das war verboten, deshalb musste das Kind bestraft werden und bekam kein Frühstück. Stattdessen musste es die nasse Bettwäsche in die Waschküche bringen, sich im Keller Jacke und Schuhe anziehen und im Erdgeschoss warten, bis alle Kinder zur Schule los gingen.

Die Gipsschale hatte er auf seine Bettdecke gelegt. Das wollte die Erzieherin so. Wenn sie den Tag lang auf dem Bett lag, war klar, dass das Kind sie abends nicht vergaß. Die Gipsschale musste das Kind jede Nacht tragen, um den Haltungsschaden, den der Arzt diagnostiziert hatte, zu korrigieren.

Auch das Fach im Schrank wurde täglich von der Erzieherin überprüft, ob dort alles ordentlich zusammengelegt worden war. Sie inspizierte die gemachten Betten, sah bei Kindern, die sie schon oft als Bettnässer erwischt hatte, unter die Bettdecken und überprüfte alle Schränke. Nur wenn alles in Ordnung gewesen war, durfte das Kind das Zimmer verlassen und zum Frühstück in den Speisesaal gehen. Die Erzieherin fand jeden Morgen mehrere nasse Bettdecken. Die Bettdecke auf der die Gipsschale lag hob sie an diesem Morgen nicht an.

Nach dem Frühstück ging es in einer langen Kolonne zur Schule. Der Schulweg war lang und steil. Die Kinder liefen hintereinander im Gänsemarsch. Der Weg führte auf einem Fußweg neben der Straße hinunter in den Ort.

Der Bub saß am Fenster in seiner Schulbank, von dort konnte er den Hof sehen. Täglich um halb zehn Uhr spielten da die Kindergartenkinder. Sein Bruder tobte in einer lauten Gruppe, sprang von den Sitzbänken in den Sandkasten, kletterte auf das Gerüst, rutsche und schaukelte. Manchmal hörte der Bub im Klassenzimmer das piepsige Lachen des Kleinen. Dem machte es viel Spaß im Herbst, wenn das Laub von den hohen Buchen im Schulhof fiel, in die vom Hausmeister zusammen gefegten riesigen Laubhaufen zu springen.

Die Lehrerin hatte das große Klassenzimmerfenster gekippt, so dass um halb zehn Uhr das Geschrei der Kinder aus dem Hof besonders laut ins Zimmer drang. Plötzlich knallte es, als würde mit Platzpatronen geschossen. Die Kinder in der Schulklasse und der Bub reckten neugierig die Köpfe Richtung Fenster. Dort sah der Bub den Kleinen, wie er wild von einer Sitzbank zur nächsten sprang. Auf der Bank stehend, schoss er mit einer Spielzeugpistole um sich. Die Pistole hatte der Kleine von der Tante mit dem Geburtstagspäckchen bekommen. Es knallte laut und aus dem Revolver. Mit jedem Schuss stieg leichter Qualm auf. Die anderen Kinder rasten in einer wilden Verfolgungsjagd über den Schulhof hinter dem Kleinen her. Sie juchzten und schrien, ließen sich, von dem Kleinen getroffen, in Laubhaufen fallen, während der Kleine immerfort auf sie schoss.

Minuten später rannte eine Erzieherin auf den Kleinen zu. Auch auf sie gab er mehrere qualmende Schüsse ab. Sie entriss ihm die Pistole. Darauf verfiel der Kleine in ein piepsendes Heulen. In dem Moment wurde es im Klassenzimmer vollkommen ruhig. Die Lehrerin hatte das gekippte Fenster geschlossen.

Der Bub überlegte, woher wohl der kleine Bruder die qualmende Munition für die Spielzeugpistole hatte. Die Tante hatte keine Munition mitgeschickt. Beim ersten Schuss wäre die Pistole dem Kleinen sofort von der Erzieherin weggenommen worden. Der Kleine musste sie irgendwo besorgt haben. Dafür kam nur der winzige Laden im Ort, nahe der Schule in Frage. Dort brachten die Heim-Kinder regelmäßig ihr Taschengeld durch. Der Kleine bekam aber gar kein Taschengeld. Trotzdem war er oft in dem Laden dabei.

Wenn Du Deinem Bruder die Munition nicht von Deinem Taschengeld gekauft hast, bleibt nur die Möglichkeit, dass er sie gestohlen hat!“, brüllte der Erzieher.

Zitternd saß der Bub auf dem Holzstuhl. Das Zimmer war sehr hoch, lang und finster. Licht fiel nur durch ein kleines Fenster hinter dem großen Schreibtisch ein. Da saß der Erzieher auf einem hohen Stuhl. Dessen harter Blick traf den Buben, so dass der sich ganz klein machte. Er fühlt sich in dem langen dunklen Raum wie gefesselt. Der Bub wusste, dass er die heutige Nacht wieder im Keller verbringen würde.

Trotzdem dachte er daran, zu behaupten, dass er die Munition für den kleine Bruder gekauft habe. Der Erzieher brüllte fürchterlich, dass der Bub seinen Gedanken nur schwer weiter denken konnte. Plötzlich fror er, merkte, dass er zitterte als sitze er draußen im Schnee. Sein Magen rumorte, denn er hatte kein Mittagessen bekommen. Auf dem Heimweg von der Schule wusste er schon, dass er ins Zimmer des Erziehers geschickt würde. Dort musste er zwei Stunden lang auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch warten, bis der Erzieher vom Mittagessen und von der Zimmerkontrolle vor der Hausaufgabenzeit kam.

Der Erzieher würde ganz genau nachrechnen. Er würde unten im Ort, im Laden bei Frau Mayer nachfragen, wann der Bub dort zuletzt gewesen war und ob er die Munition wirklich gekauft habe. Er würde zu dem Ergebnis kommen, dass es eine glatte Lüge war. Die Strafe für den Buben wäre fürchterlich. Hausarrest für mindestens eine Woche. Drei Nächte hintereinander im Keller. Oder mehrere Tage lang weder Frühstück, Mittagessen, noch Abendessen. Irgend etwas in diese Richtung würde der Erzieher verhängen. Dazu gäbe es eine ganze Menge kräftiger Ohrfeigen, wegen Lügen und Stehlen.

Sein Taschengeld hatte der Bub vollständig für Lutscher und Brause ausgegeben. Er war gemeinsam mit seinem kleinen Bruder im Laden bei Frau Maier. Lutscher und Brause hatte er mit dem Bruder geteilt. Frau Maier würde sich ganz genau erinnern. Er hatte Süßigkeiten gekauft. Das gleiche wie immer. Der Kleine war wie immer dabei.

Der Kleine musste die Munition gestohlen haben. Keiner hatte das gemerkt. Der Bub war sicher, dass sein Bruder gestohlen hatte. Wie auch immer der Kleine das geschafft hatte. Es gab keine andere Möglichkeit.

Ich hab das Zeug letzten Samstag bei Frau Meier im Edeka geklaut!“

Der Erzieher sprang von seinem Schreibtischstuhl auf. Wie ein Riese stand er vor dem winzigen Fenster, so dass es in dem Raum ganz finster geworden war.

Sechs Lutscher und sechs Brausetütchen hab ich vom Taschengeld gekauft! Die Munitionsdöschen habe ich einfach genommen und in meine Hosentasche gesteckt!“

Die Wut des Mannes war grauenvoll. Er warf den Buben mit heftigen Ohrfeigen vom Stuhl. Der war zu Boden gestürzt, von wo ihn der Mann hoch zog, um ihm weitere heftige Ohrfeigen zu geben und schrecklich anzubrüllen.

Der Bub verstand den Mann nicht, denn er heulte und der Schmerz aus dem Magen schien unerträglich geworden zu sein. Der Mann hatte ihn wieder auf den Stuhl gesetzt. Doch der Bub konnte nicht sitzen. Er rutschte wie ein Sack zu Boden, wo er zwischen dem schweren Schreibtisch und dem Stuhl, der umgefallen war, liegen blieb.

Er spürte kaum mehr Schmerz, stattdessen fühlte er sich unendlich müde. Er begann an einen grauen Wolf zu denken, dessen Foto die Lehrerin im Klassenzimmer einmal her gezeigt hatte. Der graue Wolf stand einsam auf einer großen verschneiten Wiese. So eine Wiese lag wenige Meter hinter dem Kinderheim. Sie reichte bis an den Waldrand. Dort sah er sich jetzt hinein rennen. Er war auf der Flucht, denn der einsame Wolf war plötzlich böse geworden. Die Lehrerin war verschwunden, so dass der Bub nun ganz allein dem Wolf ausgesetzt war. Er sah in die Augen des Wolfs und spürte dabei einen tiefen Hass, denn der Wolf wollte ihn lebenslänglich in den Keller sperren, wo er ab sofort jede Nacht verbringen sollte.

Eine Tür wurde zugeschlagen. Der Bub spürte feste Handgriffe. Sie zogen ihn hoch, zerrten ihn zurück auf den Stuhl.

Du bleibst heute den Rest des Tages hier sitzen!“

Der Bub sah zu dem Erzieher hinauf. Dort erkannte er die Augen des Wolfes. Es war nicht der einsame Wolf der Lehrerin, sondern er sah den Hass eines Mannes, den der Bub durch seinen Diebstahl enttäuscht hatte. Deshalb der Hass, deshalb die Strafe. Der Mann verließ das Zimmer, ließ den Buben allein sitzen. Abends kam die Erzieherin und schickte ihn in den Keller. Nachts kam der Kleine Bruder und brachte ihm gestohlenes Brot vom Abendbrottisch.

Oma und Opa

In Omas Haus hat sich wenig verändert. Oma und Opa sind viel älter geworden. Acht Jahre sind vergangen, seitdem ich zwei schöne Wochen bei ihnen verbracht hatte. Damals war ich zu ihnen geflüchtet, weil ich es bei meinem Vater nicht mehr ausgehalten hatte. Dessen brutale Schläge waren mir zu viel geworden.

Oma begrüßt meinen Bruder und mich freundlich. Sie umarmt uns herzlich. Auch Opa umarmt uns. Seine Rasur kratzt mich genauso wie damals beim Abschied. Opa hatte mich an einem schönen sonnigen Frühlingstag 1974 ein letztes Mal in seinem grauen Käfer die Bergstrasse nach Pfedelbach hinunter gefahren.

Von dort ging es in die Stadt zum Jugendamt. So begann meine Reise zurück ins Heim auf den Obersalzberg in Berchtesgaden, was ich damals wie eine Reise in die Vergangenheit, also einen Schritt zurück empfand. Ich wurde zusammen mit meinem Bruder in ein Auto gesetzt und dorthin zurück gebracht, wo ich lebte, bevor der Vater neu geheiratet hatte und deshalb seine Kinder wieder zu sich nahm. Ich wusste damals nicht, dass es eine Reise in meine Zukunft war. Ich war erst zehn Jahre alt und hatte meinen Kopf voll von Angst vor meinem Vater, weshalb ich froh war, dass meine Flucht von ihm weg gelang und ich vorübergehend bei Oma und Opa Unterschlupf gefunden hatte, bevor es ins Heim zurück ging.

Wir setzen uns in die Küche an den Tisch. Dort serviert Oma frisch gebrühten Kaffee und einen leckeren selbst gebackenen Apfelkuchen mit Streußeln. Die Äpfel hat sie vom eigenen Baum im Garten. Sie lagerten den Winter über im Keller. Es sind die letzten Äpfel aus dem letzten Herbst. Im Garten steht der Apfelbaum bereit zur neuen Blüte.

Alles, so sagt Oma, fängt in der Natur jedes Jahr neu an. Jeder hat, wie der Apfelbaum im Frühling, immer wieder eine neue Chance. Die Oma weiß warum sie mir das sagt.

Zu ihr hatte ich in den Jahren immer wieder Kontakt. Ich sparte jede Woche von meinem Taschengeld eine Mark. Damit lief ich am Sonntagnachmittag vom Kinderheim am Oberlehen zur Bushaltestelle, der Station Erika an der Straße die hinauf auf den Obersalzberg führte. Dort stand eine gelbe Telefonzelle. Omas Telefonnummer habe ich heute noch im Kopf. Ich wählte mit der grauen Wählscheibe deren lange Nummer und sah dabei meiner Mark zu, wie sie hinter der gläsernen Scheibe des Telefons in einer Metallschiene fest hing und darauf wartete, bis sechshundert Kilometer entfernt Oma den Hörer abhob, um mit einem metallischen „Klick“ in Richtung des im Telefon angebrachten Münzenbehälters, auf einer weiter unten angebrachten Metallschiene davon zu rollen. Oma hob stets nach fünf mal Läuten ab. Mein Gespräch dauerte jeden Sonntag eine Mark lang. Das waren etwa acht Minuten wöchentlicher Zeit, in der ich Oma von meinen Ängsten und Träumen erzählte und sie mich tröstete. Oma und Opa waren mein weit entfernter Rettungsanker, an dem ich mich fest hielt, um die beiden Männer zu ertragen, die mich und andere Kinder am Obersalzberg über viele Jahre in ihrer Obhut hatten.

Nach meiner Entlassung aus der Gewalt der beiden Männer vom Obersalzberg, durfte ich bei neuen Eltern einziehen. Die hatten sich bereit erklärt, einen vierzehnjährigen ungebildeten und aufmüpfigen Jungen aufzunehmen. Ab dieser Zeit wurde leider das Telefonieren mit Oma sehr selten. So verlor ich sie und Opa aus meinem Blick. Oma war sehr froh, als sie gehört hatte, dass ich neue Eltern bekomme und dass ich deshalb nicht länger in diesem, wie sie sagte „Horror-Heim auf dem Berg“ leben musste.

Doch von den neuen Eltern aus, durfte ich sie kaum mehr angerufen. Die Eltern wollten nicht, dass ich alte Kontakte pflegte. Sie hatte Angst, denn sie wussten, dass ich aus widrigen Verhältnissen kam und sie glaubten, dass alle Kontakte aus dieser Zeit für mich nicht nützlich, vielleicht sogar schädlich seien. Die Eltern sprachen mit mir nie über meine widrige Vergangenheit, stattdessen sorgten sie dafür, dass ich möglichst wenig Kontakt dorthin zurück hatte, woher ich stammte.

Opa fährt immer noch seinen grauen Käfer. Er sagt, dass er gar kein anders Auto will. Der Käfer sei nicht tot zu kriegen. Mit meinem Bruder spricht er über dessen Auto. Es ist ein Opel. Ein riesiger Wagen. Opa fragt wie viel Sprit der frisst. Jede Menge, meint mein Bruder. Aber das sei nicht so schlimm, schlimm sei die teure Versicherung. Deshalb wolle er die Kiste bald wieder verkaufen.

Mich fragt Opa nicht, ob ich ein Auto habe. Ich bin darüber froh. Er kommt nicht auf diese Frage, denn ich kam zusammen im Auto meines Bruders zu dem Besuch. Im Grunde kann es sich keiner von uns beiden wirklich leisten. Mein Bruder, der regelmäßig zur Arbeit geht und Geld verdient sagt, dass das Auto sein gesamtes Geld fresse. Was soll ich da zu Opa sagen? Ich leiste mir einen gelben Opel Kadett, für den ich sechshundert Mark Versicherung pro Halbjahr zahle, wo ich doch vom Staat lebe, um zu Schule zu gehen. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Opa das wüsste.

Das Gespräch am Küchentisch dreht sich lange Zeit um Autos. Mein Bruder kennt sich aus. Er erklärt, was er an seinem Auto schon alles reparieren musste. Der Kühler, die Antriebswellen, die Lenkung, der Motor. So ein altes Auto ist ständig defekt. Ich weiß das, denn mein Kadett lenkt ja von selbst nach rechts. Ich bin sehr froh, dass ich es in der Klapperkiste von Traunstein ohne Panne zu meinem Bruder geschafft habe.

Wie mein Bruder weiß ich, dass wir uns mit den Autos Freiheit vorgaukeln. Mein Bruder fährt täglich früh morgens zur Arbeit. Aber das Auto nutzt er auch viel in der Freizeit. Abends und am Wochenende kann er hinfahren, wohin er will. Das ist seine Freiheit. Für die arbeitet er, um von seinem Geld Ersatzteile zu kaufen, die er am Wochenende in das Auto baut, damit es fahren kann.

Ich finde diese Freiheit seltsam. Doch ich sage am Küchentisch nichts dazu. Ich beobachte meinen Bruder, wie er leise berichtet, ich sehe Opa zu, wie er verständnisvoll nickt, denn er scheint die technischen Dinge alle zu kennen. Ich sehe Oma zu, die vom Kaffee nippt, den Kuchen auf unsere Teller verteilt und der Unterhaltung folgt. Ich glaube, dass ich zu jung bin, um wirklich zu begreifen, warum das Thema so wichtig ist. Ich denke darüber, dass es Quatsch ist, sich für eine fahrbare Schrottmühle auf vier Rädern den ganzen Tag lang in eine lärmende Fabrik zu stellen.

Ich kenne das von mir. Deshalb mische ich mich in das Gespräch zwischen Opa und meinen Bruder nicht ein. Ich denke oft, dass um mich herum unsinniges geschieht und gesprochen wird. Ich weiß nicht recht, ob ich vieles einfach nicht begriffen habe.

Mein gelber Opel-Kadett hat mich heute zu meinem Bruder gebracht. Morgen bringt er mich wieder zurück nach Traunstein. Sicherlich bringt er mich demnächst auch wieder nach Berchtesgaden, um dort alte Bekannte zu besuchen. Jeder Zeit kann ich einsteigen und losfahren. Dafür nimmt mein Bruder in Kauf, dass sein ganzes Geld draufgeht. Was ich daran verstehe ist, dass diese Art von Freiheit zusätzliche Arbeit zu schaffen scheint. Warum noch zusätzliche Beschäftigung, wo der Mensch eh nur wenig Zeit ohne Beschäftigung hat, die ihm neben der täglichen Fabrikarbeit bleibt?

Zum Schluss des Nachmittags bei Oma erfahren wir, dass der Vater seit einigen Monaten ganz in der Nähe eingezogen ist. Er lebe allein, sei von seiner Frau geschieden. Das finde ich wirklich interessant. Das wäre ein Thema für den Nachmittag gewesen! Warum sprechen wir den ganzen Nachmittag über Autos und Beschäftigung? Warum erwähnen Oma und Opa den Vater erst, als wir schon dabei sind, uns zu verabschieden? Was mich interessiert kommt erst zum Schluss und dann auch nur ganz kurz zur Sprache. Das finde ich schade. Aber ich schaffe es nicht, gleich zu Beginn des Besuches nach dem Vater zu fragen.

Immerhin erfahre ich, das Vater sich von dieser Frau getrennt hat. Das finde ich gut, denn ich konnte sie nicht ertragen. Sie hat damals wie ein Furie um sich geschlagen und geschrien.

Beim Abschied kommt der Gedanke, den Vater zu besuchen. Darüber spreche ich mit Oma und Opa nicht. Bestimmt denken sie nicht daran, dass ich die Idee haben könnte, den Vater nach allem was damals geschehen war, zu besuchen. Ich denke daran, weil es lange her ist, weil ich weit weg wohne und weil klar ist, dass „Damals“ vorbei ist, auch wenn es nie vergessen sein wird. Ich denke daran, weil es mein Vater ist.

Der Abschied ist herzlich. Wir versprechen Oma und Opa, bald wieder zu kommen. Ich bin sehr froh über den gemeinsamen Besuch mit meinem Bruder, denn ich weiß nicht, wann „bald“ sein wird.

Vater

Ich finde ihn. Er wirkt unverändert. Klar, er ist wohl etwas älter geworden, aber sonst? Die schwarzen Haare mit einer Welle, die nach vorne fällt, die schwarze Hornbrille, die leicht gebeugte Statur, selbst die braune Cordhose und die karierte Jacke, die er trägt. Alles unverändert, wie damals. Die Jacke trug er immer, dazu dieses karierte Hemd. Er riecht nach Pfeifentabakrauch und nach „Kurmark“. Er sieht aus wie damals vor acht Jahren, im Frühsommer 1974, als ich ihn das letzte Mal sah.

Niemand weiß, dass ich ihn heute besuche. Selbst meinem Bruder habe ich das nicht gesagt. Gestern Abend waren wir noch lange unterwegs. Wir haben Freunde meines Bruders besucht. Ich konnte da nicht mit ihm über meine Idee, den Vater zu besuchen sprechen. Wir haben Musik gehört und uns über alles mögliche unterhalten, nicht aber über die Familie. Heute schliefen wir bis in den frühen Nachmittag hinein. Ich verabschiedete mich von ihm, der eigentlich wollte, dass ich noch bleibe und erst abends fahre. Aber ich will nicht in die Nacht kommen. Ich bin unsicher wie lange die Beleuchtung am Opel-Kadett noch funktioniert. Die Lichtmaschine ist laut und schwach. Ich möchte nicht im Dunklen auf der Autobahn liegen bleiben. Das verstand mein Bruder, so verabschiedete ich mich und fuhr los.

Kurz vor der Autobahnauffahrt kam meine Idee von gestern wieder. Ich bog nicht auf die Autobahn ab, sondern fuhr gerade aus weiter. Ich fuhr nach Pfedelbach und von dort hinauf auf den Berg, bis zur letzten Kurve vor das Haus, von dem Oma gesagt hatte, dass dort kürzlich der Vater eingezogen sei.

Mein Läuten bleibt ohne Reaktion. Ich läute noch einmal. Keine Reaktion. Nach dem dritten Läuten denke ich daran, es aufzugeben. Da höre ich von drinnen ein Poltern. Es sind schwere Schritte. Sie poltern und knarren sehr langsam eine Holztreppe hinunter. Schlüssel klimpern. Ein rostig metallisch kratzendes Türschloss. Eine schwere dunkelbraune Holztür wird langsam nach innen aufgezogen.

Vor mir steht ein kleiner Mann mit gewelltem, fettig glänzendem, schwarzen Haar, das ein paar graue Stellen zeigt. Er trägt eine Jacke, die so aussieht, als sei es die gleiche wie damals. Er hat ein kariertes rötliches Hemd an und trägt wie damals eine schwarze Hornbrille. Er trägt seine braune Cordhose und steckt in dunkelbraunen Filzpantoffeln. Er blickt mir ins Gesicht. Ich sehe im ins Gesicht. Ich spüre nichts, nur ein leichtes Zittern meiner linken Hand. Ich reiche ihm meine rechte Hand.

Ich bin es.“

Ich merke, dass ich stottere, was ich noch nie getan habe. Meine Stimme ist schwergängig, was ich von mir nicht kenne. Meine wenigen Worte sind eintönig, ohne jede Regung drücke ich sie stotternd aber völlig gleichmäßig heraus, was mich seltsam unberührt lässt.

Das gibt’s doch nedde! Komm rein!“

Jetzt erst erkenne ich den Vater vollständig. Dessen schwäbischer Ton hat mir so wenig gefehlt, dass ich ihn völlig vergessen hatte. In meinen Gedanken an die Töne von damals, gab es nur dessen damalige Ehefrau und deren kreischende Stimme. Der Vater sprach auch damals ein schweres Schwäbisch. Abends, wenn er den schwarzen Gürtel aus der Hose nahm und mich über den Holzstuhl im Kinderzimmer legte, schrie er mit seiner nicht besonders kräftigen Stimme, immer eine schwäbische Hasstirade voll von Wut über mich heraus. Seine Stimme und deren Tonfall, habe ich bis heute vergessen. Jetzt ist die Erinnerung vollständig wieder da.

Der Vater weicht ein paar Schritte zurück in das dunkle Treppenhaus, um mich herein zu lassen. Ich folge langsam die steile Holztreppe hinauf. Oben klimpert wieder der Schlüsselbund. Der Vater öffnet eine weiß gestrichene Wohnungstür, an der sich ein Oberfenster befindet, das von einem vergilbten Storevorhang verdeckt wird.

Die Treppe zu Vaters Wohnung in Pfedelbach war so eng, dass ich nur seinen gebeugten Rücken sah, während er klimpernd an der kleinen Tür das Schloss öffnete. Damals war ich froh aus dem Kinderheim am Obersalzberg zum Vater entlassen zu werden. Im Heim am Obersalzberg hatte ich die Schläge zweier Männer zu ertragen. Ich wusste damals, als ich mit dem Vater zum ersten Mal dessen Wohnung betrat nicht, dass es bei ihm viel schlimmer werden sollte, denn die Männer, die im Kinderheim am Obersalzberg schlugen, waren eben nicht mein Vater.

In dem finsteren Raum stehen Tisch und Sofa, Fernsehapparat und in der Mitte ein elektrisches Klavier. Dorthin bewegt sich der Vater.

Ich spiele gerade.“

Er weist mir mit der rechten Hand einen Stuhl am Tisch, neben dem kleinen Klavier zu. Er lässt sich am Klavier nieder. Von dort blickt er in meine Richtung. Er sieht mich nicht mehr an. Vor sich hat er sein Klavier. Seine Stimme klingt wie früher. Es ist keine wirklich unangenehme Stimme. Sie ist leise. Früher schrie der Vater abends, wenn er nach der Arbeit nach hause kam. Seine Stimme war laut und wütend. Jetzt wirkt sie ruhig. Unsicher, fast zitternd wirkt das, was ich in der Luft in dem Raum zwischen uns spüre. Er Vater fragt nichts. Ich frage nichts. Sekundenlanges Schweigen.

Soll ich dir was vorspiele?“

Wenn du willst.“

Der Vater beginnt zu spielen. Seine Augen richtet er konzentriert auf ein Notenblatt, das auf dem Notenhalter auf dem Klavier klemmt. Ich erkenne die Melodie eines Schlagers, den der Vater früher oft gehört hat. Er besaß viele kleine Schallplatten und massenweise orangene, von ihm selbst aufgenommene, säuberlich beschriftete Musikkassetten. Alles hatte er in einer Musiktruhe, in der sich ein Radio, ein Schallplattenspieler und ein Kassettenrekorder befanden. Es waren seichte und eingängige Melodien, wie sie jeden Samstagabend im Fernsehprogramm serviert wurden.

Ich sehe dem Vater bei dessen konzentrierten Spiel zu. Mein Inneres folgt seiner Melodie. Ich weiß genau wie die Melodie weitergeht. Vaters Spiel ist perfekt. Aufgerichtet sitzt er da, die Augen durch die Brille starr auf das Notenblatt gerichtet.

Jetzt stockt die bekannte Melodie, die ich im Kopf weiter singe. Die Geschwindigkeit stimmt nicht mehr und ein falscher Ton schleicht sich ein. Der Vater blättert das Blatt vor sich um. Doch anstatt weiter zu spielen, beendet er sein Spiel. Es schaut zu mir herüber, sieht mich aber nicht an. Ich versuche zu lächeln.

Sehr gut.“

Mehr bringe ich nicht heraus. Der Vater erhebt sich. Ich denke plötzlich, dass es keine gute Idee war, ihn heute zu besuchen. Ich denke das, denn mir fällt nichts ein, worüber ich mit ihm sprechen soll. Eigentlich gibt es nichts zu reden, denn eigentlich ist zwischen uns alles klar. Der Vater hatte mich schwer misshandelt, deshalb kam ich zurück in das Kinderheim, deshalb hatte ich neue Eltern bekommen, deshalb war ich ohne ihn aufgewachsen. Damit ist alles gesagt. Warum also mein heutiger Überraschungsbesuch?

Du gäähscht noch zur Schul gell?“

Ja, die Fachoberschule in Traunstein. Ich will auch noch ein Studium machen.“

I kriiieg immer so Briefe vom Bafögamdt. Geschdern erscht is wieder oiner im Briefkaste drinne gwääse!“

Ah ja? Was wollen die denn von Dir?“

Ha ja! Hundertfünfadreißigg Margg zahl i mooonadlich für Dich wääge Deiner Schul!“

Der Vater reicht mir ein Papier. Er kommt aus Bayern. Es ist ein Bescheid in dem steht, dass der Vater monatlich für meine Ausbildung zu bezahlen hat.

Willschd du Kaffeeä?“

Jetzt stehe ich auf.

Nein danke. Ich wollte nur einmal kurz vorbei kommen. Ich muss wieder weiter.“

Ich merke, dass ich die Vorstellung hatte, mit dem Vater ein Gespräch über die Vergangenheit zu führen. Doch das ist unmöglich. Mein Besuch ist eine zu große Überraschung für ihn und für mich. Nach allem was früher gewesen war, heute einfach so vorbei zu kommen! Ich kann jetzt mit dem Vater unmöglich über das Geld sprechen, dass er für mich bezahlt. Deshalb gehe ich langsam zur Wohnungstür. Der Vater folgt. Ich höre Schlüssel klimpern in seiner Hosentasche.

Ich öffne einfach die Tür, sehe mich nicht nach dem Vater um, sondern steige langsam die steile Treppe hinunter. Der Vater folgt mir. Die Tür unten war zuvor ins Schloss gefallen, deshalb komme ich nicht raus. Der Vater schiebt sich am Treppenabsatz an mir vorbei. Sein Schlüssel klimpert in seiner Hand. Wir stehen ganz eng beieinander in dem finsteren, engen Korridor. Ich rieche den Vater. Er riecht wie früher. Es ist nicht nur „Kurmark“ sondern es ist der Geruch von schwerer Arbeit, die den Vater sein ganzes Leben lang begleitete. Ein leicht süßlicher Schweißgeruch. Ich kenne das von früher. Ich roch das, wenn er vor mir stand um mir feste Ohrfeigen zu geben. Ich roch es, wenn er seinen schwarzen Gürtel kräftig auf meinen Rücken trieb.

Die Tür öffnet sich. Ich gehe am Vater vorbei, mehrere schnelle Schritte hinaus in das helle Licht der Frühlingssonne. Ich bin schon Meter weit weg vom Vater. Dann nähere ich mich schnell noch einmal und reiche ihm meine rechte Hand. Die Hand des Vaters ist rau von Arbeit, doch ich merke, dass sie nicht so kräftig und groß ist, wie früher.

Auf Wiedersehen.“

Lass dich mal wieder blicken!“

Ich drehe mich weg vom Vater. Schnell und zielstrebig laufe ich zurück zur Straße. Ohne mich um zu blicken laufe ich bis die erste Kurve hinter mir liegt. Dort steige ich in den gelben Opel-Kadett und fahre los, ich will nach hause. Das ist dort wo ich mein kleines Dachzimmer habe im Haus von Frau Stößer.

Nachts

Der gelbe Opel-Kadett bringt mich heil zurück in meine bayerische Kreisstadt. Keine Panne, keine Probleme mit dem Wagen. Das Auto fährt einwandfrei.

Abends um halb neun, gerade zum Einbruch der Dunkelheit steige ich die Steintreppe im Haus von Frau Stößer hinauf, um mein kühles einsames Zimmer zu betreten.

Das Wochenende bei meinem Bruder ist vorbei. Ich koche in der winzigen Küche Tee und schmiere mir Butterbrote auf die ich Tomatenscheiben verteile, die ich leicht salze. Ich liebe den Geschmack von Butterbrot mit Tomate.

In der kleinen Küchenzeile, sie liegt angrenzend zu einem großen Raum, darf ich mir kleine Mahlzeiten zubereiten. Der schöne Dachgeschoßraum mit großen Fenstern hinaus Richtung Traunstein steht abgesehen von einem Tag pro Woche leer. An diesem Tag treffen sich darin etwa zehn Frauen. Sie sitzen dann plappernd an dem ovalen Tisch in der Mitte des Zimmers und Basteln für den Traunsteiner Weihnachtsmarkt.

Von unten höre bayerische Stimmen aus der Wohnung von Frau Stößer. Vor der Haustür parken große Limousinen. Sie gehören den Gästen von Frau Stößer. Ich bin todmüde, lasse mich auf meinem alten Sofa vor dem großen schwarz-weiß Fernseher nieder.

Den großen Fernsehapparat habe ich von den Pflegeeltern meines ein Jahr jüngeren Bruders geschenkt bekommen. Sie hatten mich gefragt, ob ich für das Gerät, das leider nicht mehr ganz in Ordnung sei, Verwendung hätte. Deren Anfrage hatte mich sehr gefreut. Denn sie bewies, dass die Pflegeeltern meines jüngeren Bruders, es für völlig normal hielten, dass ein junger Mensch, der einsam in einem Zimmer in einer Stadt wie dem Oberbayerischen Traunstein gelandet ist, einen Fernseher brauchen kann. Das monströse Gerät, ich holte es in Berchtesgaden an einem regnerischen Wochenende ab, passte gerade in den Kofferraum des Opel Kadett. Nachdem ich das Monstrum die steile Treppe durch Frau Stössers Haus hinauf geschleppt und in meinem Zimmer angesteckt hatte, funktionierte es nicht. Der Transport im Auto und das Herumschleppen waren zu viel für die Kiste. Ich war überzeugt, dass so eine uralte schwarz-weiß-Bildröhre viele Stunden Ruhe brauchte, um wieder funktionieren zu können. Ich kümmerte mich einfach nicht weiter um das Monster und siehe da: Abends genau um 19:00 Uhr meldete sich die heute-Sendung, nachdem ich die Kiste um 18:55 Uhr angeschaltet hatte. Das Gerät brauchte fünf Minuten, bis sich nach dem Einschalten die Bildröhre erleuchtet zeigte und der verstaubte Lautsprecher ertönte.

Das Gerät ist Gold wert, denn mit ihm verschwindet an Abenden wie heute die Einsamkeit. Das ist seltsam, ich wohne allein, doch trotzdem bringt das Fernsehgerät etwas von dem Gefühl, in meinem Traunsteiner Zimmer nicht völlig allein gelassen zu leben.

Ich sehe und höre den Nachrichtensprecher, denke dabei an den Vater und meinen Bruder, an Oma und Opa und daran, dass ich in einer Stadt lebe, mit der mich außer weniger Menschen noch nichts verbindet. Neues und Altes treffen zusammen, ständig geht es weiter, so wie es Oma vom blühenden Apfelbaum im Frühling erklärt hatte. Heute trifft mein Leben in Traunstein bei Frau Stößer und dem einsamen Zimmer auf das was ich früher erlebt habe. Was mir 1982 auf dem alten Sofa einsam erscheint, wird zur Erinnerung werden an einen Teil in meinem Leben. Die Schläge von Vater sind heute nur noch Erinnerung an einen kleinen Teil meines Lebens. So denke ich weiter und weiter und merke dabei nicht wie ich einschlafe.

Nachts wache ich auf. Auf dem grünen, kleinen Metallwecker erkenne ich in der Dunkelheit dessen grün schimmerndes Ziffernblatt. Es ist viertel nach Drei Uhr. Der Wecker wird um viertel vor Sieben läuten. Er hat oben zwei grüne Metallglöckchen und dazwischen einen winzigen Metallklöppel. Der sorgt täglich dafür, dass ich aufwache.

Der Wecker tickt in zwei unterschiedlichen Tönen. Tick ist ein dumpfer Ton, der mich an einen leisen Schlag eines Teelöffels gegen einen vollen Keramikteebecher erinnert. Tack dagegen klingt etwas höher. Es ist der leise Schlag des Teelöffels gegen ein halb volles Glas Wasser. Dem folgt ein kurzes gläsernes Abklingen. Ich liege auf dem Rücken. Ich höre das regelmäßige Keramikteebecher- und Wasserglasschlagen: „Keramik – Wasser, Keramik – Wasser, Keramik – Wasser“ Tick, tack in einem fort neben meinem Kopf. Während des Zuhörens spüre ich unter meinem Rücken die drei Teile aus denen meine Matratze besteht. Ich konzentriere mich darauf, denn ich möchte weg von Tick und von Tack.

Es sind drei alte Federkernmatratzen. Ich habe sie aus dem Jugendkeller in Berchtesgaden mitgenommen. Ich habe sie im Zimmer bei Frau Stößer, rechts an der Seite in eine Nische auf den Boden gelegt. Die dreiteilige Matratze passt dort genau hinein. Von diesem Bett aus sehe ich durch die Balkontür hinaus. Von dort scheint ein schwacher Schimmer von Licht herein, der auf den Dachschrägen in meinem Zimmer einen finsteren Schatten wirft. Schatten und Schimmer bewegen sich in einer Linie an der schrägen Decke über meinem Bett.

Minutenlang beobachte ich deren Bewegung. Darin erkenne ich einen Rhythmus. Es ist der Takt einer bedeutungslosen Linie an der Wand. Ihr widme ich meine Aufmerksamkeit. Ein Lichtschein vom Balkonfenster aus der Dunkelheit. Nichts weiter als ein nächtliches Schimmern durch mein Balkonfenster. Was ist das?

Ich weiß es nicht, doch es erinnert mich an mein Leben in dieser kleinen Stadt, es wippt unregelmäßig dahin und doch bildet es eine unscheinbare Linie. Mein Alltag fließt ruhig, normal. Täglich bewege ich mich vom Zimmer bei Frau Stößer zur Schule, zu neuen Freunden, die ich in der Kreisstadt suche und finde.

Langsam tapse ich in der Dunkelheit die Wendeltreppe hinunter ins Erdgeschoss. Ich sperre die Haustür leise auf. Kühle, feuchte Luft strömt mir entgegen. Vorbei an dem schweren, schmiedeeisernen Tor, dem Zaun und der Garage von Frau Stößer knöpfe ich meine Jacke zu.

Rings um mich herum höre ich schwere Regentropfen von den Bäumen fallen. Die großen Limousinen der Gäste von Frau Stößer sind verschwunden. Vor dem schwarzen Gartentor steht mein gelber Opel-Kadett. Er leuchtet im Mondschein. Schwarze Wolken treiben am Himmel. An der Hausecke, hinter Frau Stößers Doppelgarage, schlägt mir eiskalter Wind entgegen.

Dort Richtung Osten, am Waldrand hinunter in die Stadt, steht ein sehr altes Haus. In roter Leuchtschrift erkenne ich verschwommen von Regentropfen „Moulin Rouge“ über der breiten Eingangstüre. Vor dem Puff parken schwere Wagen.

Die Straße ist eine Sackgasse. Der Jugendleiter brachte mich nach lange gewordenen Abenden oft in seinem Auto nach hause. Stets fuhr er langsam auf den Parkplatz. Er fuhr einen weiten Bogen, um im Schein der Autoscheinwerfer die Fahrzeuge zu erkennen. Er kannte die Namen aus der lokalen Politik. Er nannte mir die Herren alle. Mich interessierte das nicht. Es war mir peinlich, dass ich direkt neben dem Puff wohnte. Der Jugendleiter fand das lustig.

Hinter dem Moulin Rouge führt ein schmaler Pfad bergab durch den Wald Richtung Traun. Ich laufe ihn langsam hinunter. Der kalte Wind bringt viel Bewegung und Lärm in den Wald. Ich habe meine Winterstiefel angezogen. Der Boden ist von Laub übersät und er ist matschig. Rechts neben dem Fußweg fließt ein kleines Rinnsal, das sich dort wegen dem schweren Regen der Nacht gebildet hat. Einmal rutsche ich mit dem rechten Fuß leicht nach unten ab, kann mich aber sofort wieder fangen.

Mich fröstelt am ganzen Körper. Hätte ich den dicken, gestrickten Wollpullover anziehen sollen? Zu spät. Der Fluss brüllt wie ein tobender Bär. Kein Auto fährt um diese Uhrzeit. Im Licht einer Straßenlaterne werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Viertel vor vier.

An der Kreuzung überquere ich den Fluss. Dort steige ich im Windschutz der Brücke eine glitschige Wiese hinunter. Unterhalb der Brücke, nahe dem tobenden Wasser der Traun, bläst der Wind mit voller Wucht. Ich laufe einen schmalen Pfad flussaufwärts. Der Fluss dröhnt links von mir. An scharfen Felsen, die aus dem Wasser ragen, sehe ich helle Stellen schäumender Gischt. Ich rutsche immer wieder aus.

Meine Feuerstelle unter einer Brücke im Wald ist vom Wind zerwühlt, doch nicht von der Traun über spült. Im letzten November stand das Wasser nach einem Herbststurm gut drei Meter höher als normal. Ich habe mein gesammeltes Holz unter einer grünen Plane versteckt. Der Sturm hat einen Zelthaken weggerissen. Die lose Ecke der Plane schlägt im Wind auf und ab. Mit der Taschenlampe suche ich den Boden ringsum ab. Der Hacken ist noch da. Er liegt von Matsch verschmiert neben dem Pfeiler. Ich schlage den Haken mit einem Stein samt Ecke der Plane in den glitschigen Boden.

Morgens um viertel vor sieben scheppert mein grüner Blechwecker. Ich greife nach beiden grünen Glocken oben am Wecker. Das Scheppern wird ein gedämpftes Rasseln. Ich darf nicht wieder einschlafen, denn ich muss in die Schule gehen. Im Zimmer ist es finster. An den Dachschrägen sind Schatten und Licht verschwunden. Ich fühle mich matt und müde. Regen trommelt auf das Dach.