Freitag, 13.07. 08:30 Uhr, Energie


Ich merke eine Energie bei der Therapeutin, die darauf gerichtet ist, uns abzuholen und in eine energiegeladene Welt mitzunehmen. Ich sehe lachende Patienten, die mir vorkommen wie normale Menschen, die Spaß miteinander haben wollen. Die Therapeutin begrüßt mich freundlich und spricht mit mir, so dass es mir ganz leicht fällt, in die neue Gruppe unbekannter Menschen hineinzukommen, ohne mit denen ein Wort gesprochen zu haben.

Wir sollen sagen, was unsere Stärke ist. Meine Stärke ist, dass ich mich durchbeißen kann. Ich kann lange an einer bestimmten Sache dran bleiben. Die Stärke der Therapeutin ist es, dass sie Menschen begeistern kann. Damit habe ich so meine Schwierigkeiten. Jeder sucht sich ein Instrument, das ihm gefällt und setzt sich wieder auf seinen Stuhl. Jetzt erklärt die Therapeutin, was wir machen. Jeder spielt auf dem Instrument seine Stärke vor.

„Oje“ denke ich, jetzt wird es schwierig. Jetzt weiß ich auch wieder, warum das hier Therapie heißt. Ich hatte mir ein Bongo genommen. Ich soll also auf dem Bongo vorspielen, dass ich lange an einer Sache dran bleiben kann? Ich bin froh, dass ich nicht der erste bin, der vorspielt. So habe ich viel Zeit, zu hören, dass es keineswegs darum geht, das Instrument wirklich spielen zu können. Das beruhigt mich.

Ich bin sehr überrascht, dass ich von den unbekannten Gruppenmitgliedern höre, dass sie in meinem Bongo-Spiel meine Stärke gehört haben wollen. Dass die Therapeutin das bestätigt, wundert mich nicht, denn ich meine, das ist ihr Job. Das aus der Gruppe zu hören, kann ich noch nicht so recht einordnen. Ich denke daran, dass viele der Teilnehmer wohl schon sehr viel Therapieerfahrung haben und deshalb auch gerne mal in die Therapeutenrolle schlüpfen. (9) Ich bin sehr froh, dass die Stunde so locker abläuft.

(9) „In die Therapeutenrolle schlüpfen“. Bei mir läuft das so:
Mein innerer kritischer Onkel zeigt mir meine Vorurteile und meine Arroganz. Er behandelt mich von oben herab, was ich auf meine inneren Urteile über andere Menschen übertrage. Ich bin also innerlich damit beschäftigt, von anderen permanent zu denken, sie würden mich genauso kritisch betrachten, wie mich mein innerer Kritiker ansieht. Von positiven Äußerungen bin ich dann sehr überrascht, weil ich kein positives Feedback annehmen kann, weil mir das mein innerer Kritiker verbietet.

10:35 Uhr
Ich komme 20 Minuten zu spät zu einer Einführung von neuen Patienten, um zu hören, wie ein Blutdruckmessgerät funktioniert, wo eine Waage steht und dass man sich im Erdgeschoss in eine Liste für Wäsche und Bügeln eintragen kann.

Freitag, 13.07.2012, 13:00 Uhr, Versammlung der Kranken

Weil heute Freitag ist, findet eine Versammlung der Patienten der Station mit den Therapeuten und Ärzten statt. Zu meiner Überraschung wird die Versammlung von einer Patientin moderiert. Es ist eine Frau, die heute Vormittag auch in der Musiktherapiegruppe war. Sie macht die Moderation auf sehr lockere und angenehme Weise. Ich finde das sehr gut und mutig. Nachdem sie alle Patienten, die in den nächsten Tagen die Klinik verlassen, aufgefordert hat, kurz aufzustehen und ein paar verabschiedende Worte zu sprechen, kommt sie zu Punkt zwei der Versammlung: Neue Patienten möchten sich doch bitte kurz vorstellen und dabei sagen, was sie in die Klinik geführt hat.
Keiner beginnt, stattdessen sehe ich etwa siebzig Leute auf ihren Stühlen sitzen. Ich gebe mir einen Ruck und stehe auf. Ich sage, wie ich heiße und dass ich in München wohne. Da höre ich ein Lachen, von dem ich mich aber nicht verwirren lasse, weil ich mir sage, dass es nichts mit mir zu tun hat. Ich sage, dass ich einen schweren Unfall gehabt habe und dass ich nun hier sei und hoffe, dass ich hier die Hilfe bekomme, die ich brauche. Ich bedanke mich fürs Zuhören und setze mich wieder.
Weil es üblich ist, dass nach jedem Redebeitrag auf dieser Versammlung geklatscht wird, höre ich nun das Klatschen der ganzen Station. Ich bin froh darüber, dass ich den Mut gefunden habe, mich vorzustellen. Nachdem ich den Anfang gemacht habe, stellen sich auch alle anderen neuen Patienten vor.

16.07.2012, 08:45 Uhr, Gips und Krücke

Jürgen, den nur ich für Jürgen halte, denn er heißt in Wahrheit J., was ich kurzzeitig vergaß, weshalb ich ihn gestern im Vorbeigehen mit Jürgen begrüßte, hat alle Ärzte schon hinter sich. Die sollten bei ihm ermitteln, warum er Herzrythmusstörungen hat. Sein Hausarzt hatte nach dem „zigsten“ EEG gesagt:
„Sie haben etwas anderes, da sollten Sie einmal hinsehen.“
Dann erzählt er folgende „ärztliche Räubergeschichte“:
„Eines Tages, ich war wieder bei meinem Hausarzt und wollte wegen meines Herzrasens und meines unregelmäßigen Herzens ein EEG, gab mir der Arzt eine Pille in die Hand. Er sagte, ich solle diese nehmen und ihn im Laufe des Tages anrufen, und sagen, ob es mir besser gehe. Ich verließ die Arztpraxis. Ich nahm die Pille nicht und rief ihn auch nicht an. Stattdessen ging ich in den folgenden Monaten zu Herzspezialisten und Magen-Darm-Spezialisten. Ich ließ mich von mehreren durchchecken. Nachdem keiner der Spezialisten etwas finden konnte, ging ich wieder zu meinem Hausarzt. Dort hatten sich inzwischen Berge von Befunden angesammelt von den Spezialisten. Erst jetzt war mir klar geworden, dass ich etwas anderes haben musste, als das, wonach die Spezialisten gesucht hatten.“

Eine andere Patientin erzählt, dass sie diese „Glückspillen“ nicht brauche, die ihr von den Ärzten empfohlen werden. Sie wolle das Zeug deshalb nicht nehmen, weil sie damit ihre Trauer, wegen ihres verstorbenen Mannes, nicht weg schieben wolle.

Ob die von der Dame so genannten „Glückspillen“ wirklich glücklicher machen bezweifle ich. Ich habe eine Psychophamakatherapie begonnen und merke nichts von Glück. Was ich feststelle ist, dass ich den Stress nach dem Unfall, und die Zeit auf der Intensivstation mit stoischer Ruhe ausgehalten habe. Es war, als sei ich ferngesteuert. Es war wie ein Programm, das ich abspule. Von Glück war da keine Spur.

Ich nehme die Medikamente, weil ich mit dem Wahnsinn des Unfalls und den Folgen zurechtkommen muss. Um damit klar zu kommen brauche ich eine innere Ruhe, die ich ohne die Medikamente momentan nicht erreichen kann. Ich bin sicher, dass ich eines Tages ohne die Hilfe der Medikamente meine innere Ruhe habe. Das lerne ich mit Übungen, welche ich mir in der Klinik aneigne.

Dass nicht jeder Mensch wegen eines gebrochenen Beines Gips und Krücke braucht, sondern eventuell nur eine Schiene nötig ist, trifft auch bei Psychopharmaka zu. Nicht jeder braucht sie, um an seinen Problemen zu arbeiten. Ich weiß, dass die Probleme auch mit Psychopharmaka bleiben und bearbeitet werden müssen. Die Krücke hilft aber dabei. Ohne sie würden der Unfall und mein völlig aus dem Tritt geratenes Leben momentan keine innere Ruhe geben, damit ich jedes einzelne Problem genau betrachten und eine Lösung finden kann.

J. sagt, ihm habe die Krücke sehr geholfen, sein Leben wieder zu ordnen und die für ihn notwendigen Schritte zu unternehmen, damit er seine Probleme bearbeiten und lösen kann. Darauf hoffe auch ich. Ich glaube, dass ich mein Leben wegen „secret gun“ neu sortieren muss.

Dienstag, 17.07. 08:10 Uhr, Tresorübung

Herr Dr. A. übt mit mir, „eine belastende Situation in einen Tresor weg zu packen“. Ich nehme die Situation, als mich kürzlich auf der Wiese vor unserer Wohnung ein fremder Hund gebissen hat. Es geht darum, dass ich mir das als einen Film vorstelle, so bildlich, wie möglich. Weil das Ereignis für mich abgeschlossen ist, habe ich damit kein Problem. Ich sehe mich und den fremden Hund, der mich in die Hand beißt, weil ich mich völlig unprofessionell in einen Konflikt zwischen ihm und Nemo einmische. Dieses abgeschlossene Ereignis läuft als Film vor meinem inneren Auge ab. Ich spule den Film zurück, nehme die Filmrolle aus dem Projektor und lege sie in eine schwarze Schachtel. Die lege ich in einen Tresor, den ich mit einem schönen Tresorschlüssel verschließe.

Genau diese Übung schlägt Herr Dr. A. nun vor, für den Unfall. Ich bin dazu aber nicht in der Lage. Ich habe Angst, denn ich hatte erst letzte Nacht das brutale „Taracktaracktarack“ des galoppierenden Pferdes in meinem Rücken gehört. Ich traue mich nicht, den Unfall als Ereignis zu betrachten, das ich mir als Film ansehen, zurück spulen, wegpacken und einschließen kann. Es gibt zu viele Lücken. Ich war auf dem Acker gestorben. Dabei ist etwas passiert, was mir noch nicht völlig klar ist, woran ich mich nicht erinnern kann. Es muss außerdem einen Grund dafür geben, warum immer wieder die Unfallbilder und Geräusche auftauchen. Diese Dinge muss ich suchen und finden, um das Ereignis abzuschließen und weg zu packen.

Herr Dr. A. schlägt mir eine schönere Übung vor. Für die soll ich mir einen ganz sicheren Ort einfallen lassen. Daran scheitere ich heute, denn mir fällt kein sicherer Ort für mich ein. Ich kann mich nicht konzentrieren. Die Schmerzen nehmen plötzlich stark zu. Ich brauche eine Pause, lege mich aufs Bett und beginne in langen Atemzügen tief und langsam zu atmen. Das gelingt mir, so dass ich später einen sicheren Ort finde, zu dem ich in Gedanken hin laufe, um dort zu verweilen und meine Angst, es könnte etwas schlimmes passieren, nicht mehr spüre. (10)

(10) Imaginationsübungen spielen in der Therapie, die mir helfen könnte eine erhebliche Rolle. Ich habe dabei folgendes Buch als sehr hilfreich empfunden:
Luise Reddemann (2001) Imagination als heilsame Kraft / Zur Behandlung von Traumafolgen mit ressourcenorientierten Verfahren, Pfeiffer bei Klett-Cotta, 2001 / ISBN 3-608-89691-0. Die Autorin hat folgende Webseite: http://www.luise-reddemann.info/index.htm

Retraumatisierung

Nachdem ich von dem galoppierenden Pferd auf das Feld geschleudert worden war, erlebte ich mehrere Situationen bewusst oder unbewusst, wach oder nicht wach, das weiß ich nicht, in denen ich glaubte, das sei mein Tod.

Das wiederholt sich heute in meinem Kopf. Ausgelöst wird es von den Worten einer Mitpatientin, die aufgebracht vom Tod eines Menschen erzählt, der in einem Krankenwagen abtransportiert wurde.
Plötzlich schießen mir Gedanken durch den Kopf, die sehr mächtig sind. Ich kann mein Todeserleben auf dem Feld nicht beenden. Ich spüre den Schmerz, welchen ich auf dem Acker hatte. Ich habe extrem angeschwollene Augen. Ich kann nichts mehr sehen. Ich höre nichts. Es ist ruhig. Kein Mensch ist da. Plötzlich habe ich keine Schmerzen mehr. Mein zerbrochener Kopf tut nicht mehr weh, ich glaube sogar, er ist gar nicht mehr da. Hier gibt es nichts mehr. Ich bin völlig allein im Stockdunklen. Jetzt bemerke ich einen bitteren Geschmack in meinem Mund, von Tränen, Blut und Erde.

Ich sitze wie gelähmt in der Therapiegruppe. Ich funktionierte weiter. Ich folge dem Gespräch der Gruppe, ohne dass ich verstehe, was da gesprochen wird. Ich wende meinen Kopf zu denjenigen, die gerade sprechen und gebe Signale, deren Sprechen zu folgen, aber ich tue das Gegenteil. Ich verstehe nichts. Denn ich liege sterbend auf dem eiskalten dunklen Feld. Jetzt höre ich Geräusche. Es ist eine Schere. Sie schneiden mir meine Kleidung vom Körper. Ich rieche den eisigen Wind, der den bitteren Geruch der Erde, den ich in meinem Mund schmecke, aufwirbelt.

Jetzt ist wieder das „Taracktaracktarack“ eines galoppierenden Pferdes da. Es ist ein riesiges Pferd mit schwarzen Füßen. Ich sehe es direkt vor mir. Rechts und links stehen lange Beine ab und oben drauf ist ein Kopf mit fliegenden Haaren. Ich bin hilflos. Alles ist wieder da. Ich schluchze leise vor mich hin. Ich will aufstehen aber ich kann mich nicht bewegen und ich sehe nichts. Mein Mund ist voll von Erde, Blut und Tränen.

Zum Schluss der Sitzung fragt die Therapeutin, mit welchem einzigen Wort die heutige Sitzung für mich endet. Mir fällt ein Wort ein: „Tod“. (11)

(11) Retraumatisierung kann bereits geschehen, wenn ich eine Geschichte höre, in der vom Sterben oder von Unfällen die Rede ist. In der Klinik lerne ich, mich davor zu schützen. Ein sehr hilfreiches Buch zum Trauma habe ich hier gefunden: Luise Reddemann (2007), Trauma: Folgen erkennen, überwinden und an ihnen wachsen, Verlag: Trias; 3. vollständig überarbeitete Auflage (24. Oktober 2007), ISBN-10: 3830434235, ISBN-13: 978-3830434238.

Montag, 12. November 2012, der erste Gutachter

Der Gutachter ist ein routinierter Mann in diesem Fach. Ich sitze vor seinem breiten Schreibtisch. Meine Hände zittern ein wenig, wegen des heutigen Termins. Ich spüre die brennenden Schmerzen in meinem Gesicht. Heute sind sie seit fünf Uhr morgens da. Ich hatte mich nachts mit Zopiclon betäubt, denn der Schmerz hat mich nicht in Ruhe gelassen.

Ich beantworte brav jede Frage des Herrn Dr. D. Ich fühle mich matt und bin sehr unkonzentriert. Deshalb muss ich mich mehrmals entschuldigen, denn mir fallen die Daten, nach denen der Mann fragt, plötzlich nicht mehr ein. Als er fragt, wann denn der Unfall war und feststellt, dass der ja bald ein Jahr her sein müsse, fällt mir sogar das Datum 26.11.2011 nicht mehr ein.

Ich darf mich auf die Pritsche legen, die rechts im Zimmer steht. Die Fragen des Herrn beantworte ich von dort aus.

Ob ich denn bei meinem Arbeitgeber wieder arbeiten wolle. Das würde ich sehr gerne, wenn die Schmerzen es mir erlauben. Doch wann das soweit ist, weiß ich nicht.

Ob ich denn seit dem Unfall nicht gearbeitet hätte.

Nein, ich habe seitdem nicht gearbeitet, weil meine Gesichtsschmerzen so stark sind, dass ich nicht länger am Stück arbeiten kann. Ich brauche zu viele Pausen und Aufregung oder gar Stress und Druck verstärken die Gefahr von starken Schmerz-Attacken.

Was ich denn den ganzen Tag lang tue.

Jetzt trifft der Mann voll ins Schwarze, denn ich denke seit Wochen, dass ich eigentlich nichts tue und fast nichts mehr schaffe, weil ich mich ziemlich schwach fühle.
Ich stehe so früh wie möglich auf, denn für Zähneputzen, Rasieren und Waschen brauche ich viel Zeit. Die Schmerzen können sehr heftig werden, auch beim Essen, denn die obere Zahnreihe tut ständig weh. Ich versuche täglich spätestens um 08:30 Uhr mit Nemo nach draußen zu gehen.

Was ich denn danach tue.

Ich denke nach. In meinem Kopf ärgert mich der Gedanke, dass ich nichts tue. Deshalb sage ich jetzt zu dem Gutachter:
Eigentlich nichts, denn ich schaffe kaum etwas. Ich frühstücke sehr langsam, denn die obere Zahnreihe tut mir dabei weh. Ich will nicht gleich morgens von einer schweren Attacke getroffen werden. Der „Herr Brutal“ ist unerbittlich. Danach versuche ich den Haushalt in Ordnung zu halten. Dann gehe ich mit Nemo wieder hinaus, wir spazieren zu unserem Garten, der zu Fuß etwa eine halbe Stunde entfernt liegt.

Wer dieser Herr denn sei.

Das ist mein ständiger Begleiter geworden. Ich achte sehr genau darauf, ihm nicht so in die Quere zu kommen, dass er unkontrolliert zuschlägt. Ich weiß inzwischen ganz gut, das ich aufpassen muss, vor allem mit Berührungen, kalten und warmen Getränken, kaltem Wind, falschen Bewegungen und einer ganzen Menge weiterer solcher Sachen. Ich versuche zu vermeiden, was den „Herrn Brutal“ veranlassen könnte, einen Schub der Gewalt loszutreten.

Und das funktioniert?

Ich bemühe mich sehr, meinen Tag so zu ordnen, dass „Herr Brutal“ keinen Anlass findet brutal zuzuschlagen, denn mir reichen schon die dauerhaften Gesichtsschmerzen jeden Tag. Ich will so wenig heftige Schmerzattacken wie möglich haben. Doch leider funktioniert das nicht immer.

Was ist, wenn eine Attacke kommt?

Ich versuche mich sofort hinzusetzen oder hinzulegen, denn mein schneller, flacher Atem muss gestoppt werden und weil ich schon viele Kreislaufzusammenbrüche erlebt habe, bin ich vorsichtig geworden. Ich konzentriere mich auf meinen hektischen, flachen Atem. Meine Atemzüge müssen tief, lang und gleichmäßig werden. Das dauert unterschiedlich lang, je nachdem wie stark der Schmerz, der immer rund um das Auge beginnt, anhält.

Für die Atmung brauche ich etwa zehn bis fünfzehn Minuten. Wenn ich einen tiefen, gleichmäßigen Atem erreicht habe, konzentriere ich mich auf meinen Körper. Ich versuche eine Region zu spüren, an der ich keinen Schmerz habe, zum Beispiel mein linkes Knie. Das habe ich leider noch nie wirklich geschafft, denn die Schmerzen in meinem rechten Auge sind so heftig, dass ich nicht ablassen kann, genau dort hin zu spüren. Das lasse ich zu. Ich versuche mir vorzustellen, dass der Schmerz zu mir gehört, wie alles andere meines Körpers. Ich sage mir, dass der Schmerz normal ist. Er wird nicht verschwinden. Ich brauche etwa eine Dreiviertelstunde Ruhe. Zum Schluss schaffe ich einen sogenannten Body-Scan zu machen. Ich beobachte meine Körperempfindungen, indem ich meinen Körper vom Kopf bis zu den Zehenspitzen langsam durchgehe. Wenn ich das schaffe, bin ich ganz beruhigt, denn das heißt: Ich habe die Attacke überstanden. Ich stehe langsam auf und gehe nach Hause, denn dort fühle ich mich sicher. (13)

(13) Die sogenannte Achtsamkeitsmeditation habe ich in der Klinik täglich geübt. Sie bedeutet, dass ich mich auf meine Körperempfindungen konzentriere. Ich versuche mit voller Aufmerksamkeit und Konzentration meinen Körper und meine Empfindungen wahrzunehmen. Das hilft mir dabei, zu einer neuen Körperwahrnehmung zu finden, die den Schmerz integriert anstatt zu versuchen ihn zu ignorieren. Da die Konzentration bei diesen Übungen sehr hoch ist, erreiche ich auch, dass ich zu einer inneren Ausgeglichenheit und Ruhe finde, die ich brauche, um die Folgen des Unfalls aktiv neu einzuordnen.

Freitag, 16. November 2012, mein Anwalt

Mein Anwalt erklärt mir am Telefon, dass sich nichts getan hat. Der Richter wird vermutlich weiterhin versuchen den Zeugen, der das Auto fuhr, der mich am 26.11.2011 um 14:33 Uhr nach dem Weg gefragt hatte, aufzutreiben. Allerdings sei das schwierig, denn der Mann lebe in einem Afrikanischen Staat.
Eine perfekte Sache für die Zermürbungs- und Verzögerungstaktik der Tierhalterhaftpflichtversicherung. Deren Anwalt besteht darauf, diesen Mann als Zeugen anzuhören. Das verlangt er, obwohl die Reiterin in der Beweisaufnahme im September 2012 vor Gericht ihre bisherige Zeugenaussage, die sie auch der Polizei gab, nochmals exakt vorgetragen hat. Deren Darstellung deckte sich genau mit meiner Aussage, nämlich, dass ich keine Chance hatte, dem rasenden Pferd auszuweichen, weil es mich in der Sekunde sofort überrannte, als ich es sah.

Trotzdem besteht der Anwalt des Versicherungskonzerns darauf, dass der Zeuge her muss. Der hatte bereits am 26.11.2011 der Polizei gegenüber ausgesagt. In der Akte der Staatsanwaltschaft München (die geschlossen wurde und dort in den Keller gelegt wurde) bestätigt er genau das gleiche, wie die Reiterin, nämlich, dass alles sehr schnell geschah und kein Ausweichen vor dem riesigen Pferd möglich war. Weil der Mann aber in Afrika ist, und deshalb sehr schwer aufzutreiben ist, verzögert die Forderung nach erneuter Befragung dieses Zeugen das Verfahren enorm. Genau das passt ideal in die Zermürbungstaktik des Versicherungskonzerns. Jede Gelegenheit der zeitlichen Verzögerung des Verfahrens zu nutzen, gehört zur Taktik, denn je länger das Verfahren der Beweisaufnahme dauert, desto später kann das Gericht irgendetwas entscheiden und desto wahrscheinlicher ist es, dass das Opfer finanziell ausblutet, klein bei gibt und einem billigen Vergleich zustimmt. Auf diesen Zeugen verzichtet der Anwalt der Versicherung deshalb nicht, denn auch er hofft darauf, dass ich irgendwann aufgebe meine Forderungen an die Versicherung zu richten. Das könnte geschehen, wenn mir das Geld zum Leben und zur Finanzierung meines Anwalts für das Verfahren aus geht. Zeit ist ein wesentlicher Baustein der Zermürbungstaktik des Versicherungskonzerns. Wäre ich ein Unternehmer mit einer kleinen selbständigen Firma, müsste ich wegen dem Unfall längst Insolvenz anmelden.

Mein Anwalt erklärt, dass der Versicherungskonzern die Akte bei der Staatsanwaltschaft (aus dem Strafantrag und Keller) angefordert hat. Auch das gehört zur Taktik. Erst nachdem die Versicherung durch deren Anwalt die Behauptung ins Gericht trägt, ich sei in das Pferd gesprungen, wird die Akte besorgt, in der alle schriftlichen Aussagen aller Unfallzeugen zu finden sind, aus denen eindeutig hervor geht, dass ich keine Chance hatte, dem Tier auszuweichen.