14:33 Uhr, Galopp


Ein großes Pferd galoppiert nicht gerne auf einer geteerten Straße. Ich höre das. Es hört sich schmerzhaft an. Immer wenn ich das höre, denke ich, dass es dem Pferd sehr weh tut, denn das Geräusch ist sehr laut und es wirkt äußerst schwerfällig. Sein hohes Gewicht nimmt dem Tier auf der geteerten Straße die Leichtigkeit, die dem schnellen Galopp inne wohnt, wenn es in hohem Tempo über flaches Land galoppiert. Das schwere Schlagen der Pferdehufe auf einer Teerstraße dagegen ist laut, wie ein brutales Trommeln.

So ein Trommeln liegt mir seit dem Unfall immer wieder im Ohr. Ich lerne damit umzugehen. Ich muss mich, wenn das trommelnde Galoppieren los geht, sofort von meinen dann kommenden Gedanken an die Gefahr die mir droht, lösen. Ich muss mich umschauen und an etwas in meiner Umgebung festhalten. Das kann ein Haus sein, das ich beim Spazierengehen sehe. Es kann die Farbe eines parkenden Autos sein, es kann alles sein. Ziel ist es, dass ich mich in die Realität zurück hole. Das Hier und Jetzt muss es sein, wohin ich mich zurück bringe, damit das trommelnde Galoppieren in meinem Kopf und in meinen Ohren so schnell wie möglich aufhört. Ich habe das in der Klinik lange geübt. Mit viel Aufmerksamkeit und Willen funktioniert es.

Die Reiterin bringt das Tier dazu, von dem weichen Feldweg in vollem Galopp auf die geteerte Straße zu rennen. Das Pferd, wenn es schon gezwungen ist, in diese Richtung zu laufen, will aber lieber in dem platten Acker neben der geteerten Straße rennen. Was man tun muss, um das zu verhindern, wie man das Pferd zwingt auf dem harten Teer zu galoppieren, statt direkt neben der Straße auf dem Acker? Ich weiß es nicht, denn ich reite nicht.

Es ist durchgegangen. Irgend etwas hat das Tier wohl aufgeschreckt und in Panik versetzt. Es flieht. Die Reiterin scheint die Kontrolle verloren zu haben. Ihre Haltung sieht aus, wie die eines unkontrollierbar hinauf wirbelnden Haarschopfes. Es ist kein Sitzen, was die Reiterin da macht. Es sieht aus, als versuche sie sich mit aller Macht, vielleicht sogar mit Gewalt, auf dem Pferd zu halten. Auf den Galopp scheint sie keinen Einfluss mehr zu haben.

Die Reiterin ist im Umgang mit Pferden gut ausgebildet. Jetzt versucht sie alles, um das Pferd zu stoppen. Sie will das Tier wieder kontrollieren. Doch es rast weiter auf dem Feldweg. In dieser Richtung mündet der Weg auf eine kleine Straße. Die Reiterin nimmt das in Kauf. Ihr Pferd rennt jetzt schwer galoppierend auf den harten Teerbelag der Straße.

Sie hat das Pferd von einer Freundin geliehen, die sie auf einem anderen Pferd begleitet. Am sonnigen Samstagnachmittag sind die beiden Frauen mit den Pferden unterwegs. Der Novembertag ist trocken, die Sonne steht am frühen Nachmittag schon tief im Süden.

Mein Weg führt mich in Richtung Süden und Sonne. Ich lasse den Feldweg hinter mir und laufe mit Nemo, meinem Hund, einige Schritte auf der kleinen Straße. In der Sonne glänzt ein Auto. Es nähert sich langsam. Es bleibt in der Mitte der Straße, direkt neben mir stehen. Ich glaube, der Fahrer will eine Frage an mich richten. Plötzlich läuft mein Hund schnell und flink sehr weit voraus. Das ist mir viel zu weit. Er rennt am rechten Straßenrand in Richtung Sonne davon:
„Nemo! Nemo! Hiiieer! Hiiier! Sofort zu mir!“

Ich höre den Fahrer im Wagen neben mir. Er fragt mich:
„Wo geht es denn hier zum Zentrum?“

Merkt der denn nicht, dass ich gerade nach meinen Hund rufe? Ich sehe Nemo am rechten Straßenrand. So weit und so schnell rennt er sonst nie davon.

Die Unfallstelle nahe der nordwestlichen Münchner Stadtgrenze. Fotografiert am 13.12.2011.
Hier soll nicht genügend Platz sein, um ein galoppierendes Pferd durch eine erfahrenen Reiterin auf das freie Feld neben die Straße zu führen, damit das Pferd nicht mit mir kollidiert, während ich auf dieser Straße neben einem Auto stehe.
Mein Leben hing am Samstagnachmittag am seidenen Faden, weil auf dieser Straße eine qualifizierte Reiterin auf einem durchgegangenen Pferd namens „secret gun“ galoppierte. Sie hat das deutsche Reitabzeichen. Sie hat versucht das Tier zu stoppen. Mein Strafantrag landet im Keller der Münchner Staatsanwaltschaft. Die Reiterin hat alles richtig gemacht, dass sie mich auf öffentlicher Straße überrennt ist für die Münchner Staatsanwaltschaft keine fahrlässige Körperverletzung.

Im Februar 2019 sieht es an der Unfallstelle so aus. Ob die Münchner Staatsanwaltschaft heute auch wieder feststellen würde dass ein hier mit einem Pferd galoppierende Frau keine Fahrlässigkeit begehe, wenn Sie vor dem neuen Kindergarten einen Menschen wie mich am 26.11. einfach überrennt und lebensgefährlich verletzt? Das muss ich wohl glauben, denn das hat die Staatsanwaltschaft München in meinem Fall ja schon einmal getan.

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14:00 Uhr, in die Klinik

Heute bringt mich meine Frau in die Klinik. Zuvor sehen wir uns das Haus von Frau Schlosser in der Nähe an. Dort kann meine Frau übernachten, wenn sie mich am Wochenende besucht. Der Abschied von ihr und von unserem Hund fällt mir sehr schwer. Aber ich weiß, dass die Klinik wichtig für mich ist. Wir haben das lange besprochen.


15:00 Uhr

Ich beziehe ein schönes kleines Zimmer. Es ist hell und sehr sauber. Leider sehe ich nicht hinaus zum See, denn ich bin Kassenpatient. Immerhin habe ich Blick auf grüne Bäume. In der Nähe höre ich eine Straße.


15:30 Uhr

Ich bin aufgeregt. Frau S. Ist sehr ruhig. Das beruhigt auch mich. Deshalb denke ich, dass alles gut wird. Ich werde lernen, mich hier zurechtzufinden. Das zu denken beruhigt mich. Ich erfahre einiges über den Klinikablauf, bekomme viele Papiere, die ich lesen werde, und Papiere, die ich unterschreiben werde. Ich höre, dass ich gegen 17:30 Uhr von einem Mitpatienten abgeholt werde. Der soll mich zum Abendessen begleiten. Das sei doch eine sehr gute Idee, findet Frau S. Das Aufnahmegespräch mit Frau S. finde ich angenehm.

16:30 Uhr

Ich lese in der Präambel der Klinik, dass es im gegenseitigen Umgang der Mitpatienten sehr wichtig ist, freundlich zu sein. Die Zimmer der Patienten sind deren Rückzugsraum. Da hat kein anderer Patient Zutritt. Ich lese, dass Rauch und Alkohol Suchtmittel sind, welche die Arbeit an der Krankheit erschweren. Ich versuche nicht daran zu denken, dass ich, was ich lese als Anschlag auf meinen geistigen Anspruch begreifen könnte. Ich denke daran, dass mein Geist, vor allem dessen Niveau seit dem Unfall anders geworden ist.
Alkoholkonsum ist also verboten, das Rauchen geht nur in einer Raucherzone außerhalb des Klinikgeländes. Ich denke nicht daran, dass dies in einer Klinik selbstverständlich ist, sondern versuche mir Menschen vorzustellen, die das nicht denken. Beides, Rauch und Alkohol, brauche ich nicht. Ich bin deshalb mit dem Selbstverständlichen voll einverstanden.

Ich sehe durch meine Leselupe, dass Beziehungsarbeit und dafür nötiges Vertrauen sehr wichtige Dinge sind. Da denke ich „aha“. Viele Patienten haben negative Erfahrungen betreffend Beziehungen gemacht. Deshalb sei die Fähigkeit zur Abgrenzung dringend von Nöten. Das könne dazu beitragen, im Falle einer intensiven Beziehung zwischen Patienten, den Übergang zu einer sexuellen Beziehung zu verhindern. Ich denke „oh ja?“. Denn Sex zwischen Patienten werde keinesfalls geduldet. Kein Patient kann weiter in der Klinik verbleiben, der zu einem Mitpatienten eine sexuelle Beziehung habe. Ich denke „soso“. Meine Frau hat gesagt, dass die Sache mit dem „Kurschatten in solchen Kliniken“ durchaus ernst zu nehmen sei. Ich denke jetzt nicht an meinen Kopf und dem was darin vorgeht, sondern ich spüre meine Schmerzen an meinem Kopf, unterschreibe die Präambel und lege mich aufs Bett.


17:35 Uhr

J. bietet mir das Du an und meint, dass das auf der Station ganz üblich sei. J. macht einen entspannten Eindruck. Ich bin einverstanden. J. führt mich durch die verschiedenen Bereiche der Klinik. Er ist seit 5 Wochen da und findet das ganz wunderbar. Neuankömmlinge haben damit leichter die Möglichkeit, das Haus und die Abläufe kennen zu lernen.
Ich denke er meinte seine fünf Wochen waren ganz wunderbar. Ich merke, dass Missverständnisse, denen ich seit dem Unfall ständig begegne, manchmal gleich von mir bemerkt werden. Ich frage deshalb, ob J. die fünf Wochen in der Klinik auch wunderbar findet.
Mein Hirn wurde zum Glück nicht verletzt. Zumindest nicht offensichtlich. Ob das Schädel-Hirn-Trauma vielleicht eine Vielzahl von feinsten elektronischen Nervenverbindungen durcheinander gebracht hat, wurde bei mir nicht untersucht. Ich merke aber seit dem Unfall oft, dass ich Leute wie J. und deren Witze weniger verstehe, als vor dem Unfall. Weil ich das erkenne, bemühe ich mich sehr genau zuzuhören, um die Menschen wieder besser zu versehen und an der ein oder anderen Stelle wieder mit lachen zu können.

Ich erfahre von J., dass er begeisterter Musikliebhaber ist. Leider spielt er kein eigenes Instrument. Im Ergometerraum empfiehlt J. das Strampeln auf diesen Fahrrädern. Eine leichte Sportart, wie das Radfahren wäre vielleicht was für mich. Der Unfall lässt es tatsächlich nicht zu, dass ich bewegungsintensiven Sport treibe, denn dabei wird mir schnell Schwindelig. J. meint, er kenne jemanden mit einer Neuropathie, das „muss schon sehr heftige Schmerzen machen“.

Zum Schluss bring mich J. zum Abendessen in den Speisesaal, wo er mir den Ablauf erklärt, und mich der Buffet-Chefin vorstellt. Die weist mir einen Platz zu. Dort sitze ich allein, denn die drei anderen Tischgenossen sind schon mit dem Abendessen fertig.

19:00 Uhr

Ich fühle mich in einer anderen Welt. Die Klinik, meine Ankunft hier, hat mich aus dem Alltag Zuhause genommen. Ich bin in einem geschlossenen System gelandet. Es ist ein bisschen, wie nach dem Unfall in der Unfallchirurgie. Hier herrschen eigene Regeln, die mit der Außenwelt nicht besonders kompatibel sind. Ich fühle mich sogar wieder ein wenig mehr krank, als ich es bin.

Ich lenke mich von meinen Gedanken ab, gehe hinaus und repariere am Fahrrad herum, das ich mit gebracht habe. Ich schließe die Vorderradbremse wieder an und drehe ein paar entspannende Runden am nahen See und am Hafen. Ich bin froh, dass ich das Rad dabei habe, es erinnert mich an Zuhause. Dort übe ich das Radfahren täglich um meinen Gleichgewichtssinn zu trainieren. Mit dem Rad gewinne ich einen schnellen Überblick über den Ort und die Umgebung.

Wie die Möwen, die ich am See bei der Klinik sehe, habe ich mich für den Klinikaufenthalt startklar gemacht. In der Klinik packt mich jetzt aber doch meine Aufregung über das, was mich dort erwartet. Ich will dort lernen, was mit mir geht, um gesunder zu werden. Ich habe schon viele Fortschritte gemacht. Die Klinik ist dringend nötig, denn sie soll mir darüber mehr Klarheit bringen, wie ich mit den Unfallfolgen in meinem Alltag künftig besser umgehen kann.