26.11. 14:00 Uhr, „secret gun“

Aktualisiert Februar 2019

Auf der schmalen Straße sind samstags Kinder mit Spielsachen unterwegs. Bobbycars und Roller, Mütter schieben Kinderwägen. Manche schieben zwei Kinderwägen nebeneinander. Sie sind in Richtung Kindergarten unterwegs, der dreihundert Meter entfernt an der Straße liegt. Dort gibt es einen schönen Spielplatz. Alte Leute, Jugendliche auf Rollerblades, ein Rollstuhlfahrer bahnen sich langsam ihren Weg. Ich sehe das täglich aus dem Wohnzimmerfenster. Links von meiner Wohnung liegt an die Straße angrenzend ein großer grüner Hügel auf dem im Winter die Kinder Schlitten fahren. Heute sehe ich auf der Wiese Jugendliche, die dort herum lungern, rauchen und sich lautstark unterhalten. Wenige hundert Meter entfernt, auf der anderen Seite des weitläufigen Ackers, in unmittelbarer Nähe der Unfallstelle, am Straßenrand, liegt eine große Wiese mit zwei Fußballtoren. Da sind Kinder, die mit ihrem Vater das Bolzen üben.

Pferdehöfe sind in der Gegend wie Pilze aus dem Boden geschossen. Das ist ein lukratives Geschäft. Reiten hat sich für junge Mädchen und junge Frauen aus der Stadt auf dem nahen flachen Land im Münchner Norden zu einer Art Volkssport entwickelt.

Plötzlich prescht eine der vielen Frauen galoppierend auf „secret gun“, einem panisch rennenden, riesigen Pferd, die kleine Straße vor meiner Wohnung entlang. Hört sich schlimmer an, als es juristisch ist. Der reale Horror erweist sich juristisch auf dem Papier für die Unfallverursacherin auf dem Pferd als unproblematisch. Das musste ich in den Monaten nachdem ich von „secret gun“ überrannt wurde, zu kapieren lernen:
Wird ein Mensch von einer, mit „secret gun“ galoppierenden Reiterin in den Acker neben der Straße geschleudert, um schwer verletzt in der schwarzen Erde liegen zu bleiben, fehlt diesem Ereignis die juristische Relevanz, um das Galoppieren der Frau auf der Straße fahrlässig zu nennen. Die Reiterin und deren Freundin, von der sie für den Ritt „secret gun“ am sonnigen Samstagnachmittag geliehen hat, sagen nämlich, dass die Reiterin Erfahrung im Reiten habe und dass sie alles versucht habe, um den Zusammenprall mit mir, dem Spaziergänger, zu verhindern. Deshalb gibt es keinen Grund meinen Strafantrag gegen die junge Reiterin, wegen fahrlässiger Körperverletzung auf öffentlicher Straße, überhaupt zu verfolgen. Das Verfahren wird von der Staatsanwaltschaft am Landgericht München eingestellt. Das Galoppieren auf „secret gun“ auf der Straße vor meinem Wohnzimmerfenster, und meine schweren Kopfverletzungen, haben keine juristischen Konsequenzen für die Reiterin. (2)

(2) Mit Verfügung vom 17.02.2012 stellt der zuständige Richter am Landgericht München II gem. § 170 Abs. 2 StP0 das Ermittlungsverfahren gegen die galoppierende Reiterin ein. Begründet wird das damit, dass
„ …in strafrechtlicher Hinsicht ein Nachweis eines Fahrlässigkeitsvorwurfes im Hinblick auf die Verletzungen des Geschädigten nicht zu führen ist …“

Überleben heißt weiter machen

Weil ich überlebt habe, kann ich anderer Meinung sein, als die Staatsanwaltschaft am Landgericht München II. Weil ich überlebt habe, kann ich dieses Buch schreiben.

Am Samstag, 26.11.2011 war ich um 14:34 Uhr draußen auf der kleinen Straße vor meinem Wohnzimmerfenster unterwegs. Heute kann ich wieder lesen. Das tue ich, indem ich mir das formelle Schreiben der Münchner Staatsanwaltschaft vom 17.02.2012 mit Hilfe meiner Leselupe, die ich seit dem Unfall brauche, genau ansehe.

Heute kann ich wieder in meiner Wohnung an der Straße, auf der ich von einem Pferd überrannt wurde, sitzen und hinaus auf die vorbei laufenden Menschen blicken, denn meine Schädelbrüche wurden erfolgreich im Münchner Schwabinger Krankenhaus operiert. Nachdem mich die junge Reiterin mit ihrem Pferd überrannt hatte, endete meine Hirnblutung im Krankenhaus zu meinem Glück nicht tödlich. Meine Retter waren schnell am Unfallort um mir die Kleidung vom Leib zu schneiden, mir die nötigen Infusionen anzulegen und mich in das Krankenhaus zu bringen. Deshalb kann ich heute lesen, dass es eine junge Frau war, die auf der kleinen Straße mit „secret gun“ galoppierte und mich, von hinten schnell heran rasend, einfach überrannte. Ich lese und bin froh, dass ich wieder sehen und lesen kann, auch wenn ich die Brille wegen der Schmerzen im Gesicht nur für sehr kurze Zeit aufsetzen kann.

Zwei Chirurgen schneiden mich am 30.11.2011 um 14:30 Uhr über meinen Kopf von einem Ohr zum anderen auf. Ein Teil meines „Skalps“ wird mir nach vorne über das Gesicht gezogen. So können sie meine eingebrochene Augenhöhle rechts, meine Brüche oberhalb der Augenhöhle links, eine Folie hinter meinem rechten Augapfel, mein Nasenbein, Brüche in meiner Schädeldecke und das Loch in meinem Kopf mit dem Metall Titan zusammenflicken.

Ein „Bügelschnitt“ wird am Kopf von einem Ohr zum anderen geführt. Damit kann an der vorderen Schädeldecke operiert werden. Die Haut und die Haare werden sozusagen, als würde man „skalpiert“, nach vorne ins Gesicht „abgelöst“ um die Brüche im oberen Gesichtsbereich und am Auge zu operieren. Eine knappe Woche nach der OP, am 05.12.2012 sehe ich deshalb so aus.

26.11.

14:34 Uhr, Zufall

https://www.jamendo.com/track/1590407/riding_from_the_wrong_song_

Mit dem Song „riding in my head“ versuche ich auszudrücken, was ich seit dem Unfall im Kopf habe und was sich seitdem für mich immer wieder wiederholt. Ihr könnt mich den Song singen und spielen hören, wenn ihr den Link bei dem Foto von mir anklickt.

Mein Überleben spielt keine beabsichtigte Rolle. Es ist reiner Zufall. Ich lerne am 26.11.2011, dass es keine Garantie gibt, es nicht sofort zu verlieren. Das Leben könnte also tatsächlich ein Geschenk von irgendjemandem sein. Das Geschenk kann ausgelöscht werden, obwohl ich es immer gepflegt habe. Es kann trotzdem sein, dass ich Samstagnachmittags in der Sonne des Novembertages spazieren gehe und plötzlich alles vorbei ist. Darüber habe ich mir noch nie ernsthafte Gedanken gemacht. Am Morgen des 27.11.2011 ist es soweit. Ich wache im Münchner Schwabinger Krankenhaus in der Intensivstation der Unfallchirurgie auf. Ich merke, dass ich lebe. Ich habe kaum Schmerzen, denn ich hänge an der Infusion mit Cortison. In meinem gebrochenen Kopf habe ich an meinem ersten Tag, nach dem ich mir sicher war, gestorben zu sein, genau diese Gedanken.

Das Münchner Landgericht erkennt in der Verfügung vom 17.02.2012 zur Einstellung meines Strafantrages wegen fahrlässiger Körperverletzung folgendes:
Das Pferd „secret gun“ galoppiert am Samstag 26.11.2011 um 14:34 Uhr, samt junger Reiterin auf schmaler Straße am nördlichen Münchner Stadtrand. Die Reiterin versucht alles, um „secret gun“ zu stoppen. Sie hat Reitabzeichen, Reitpässe und Papiere, die sie qualifizieren so ein großes Pferd zu reiten. Sie ist eine, die Pferde zur Dressur ausbildet.
Genug Beweis, dass deren Galoppieren mit „secret gun“ auf der öffentlichen Straße keine Fahrlässigkeit darstellt. Für die Münchner Staatsanwaltschaft soweit erledigt, um meinen Strafantrag abzuweisen und meine Akte zu schließen.

Das Landgericht München II legt am 17.02.2012 meinen Strafantrag zu den Akten:
„… ein Nachweis eines Fahrlässigkeitsvorwurfes ist im Hinblick auf die Verletzungen des Geschädigten nicht zu führen.“
Es liegt nicht in öffentlichem Interesse, dass strafrechtlich verfolgt wird, wenn ein Mensch auf der Straße von einer Reiterin mit Pferd so zugerichtet wird, wie ich am 26.11.2011 um 14:34 Uhr zugerichtet wurde.

Eine Sekunde:

Meine zertrümmerte Armbanduhr, die ich von der Krankenhausverwaltung in einer Klarsichthülle zurück bekomme, zeigt den Zeitpunkt am 26.11.2011 exakt an. Eine schreckliche Sekunde für mich, aber auch für die Frau auf dem hohen Ross und für „secret gun“. Sie verändert mein Leben, „secret gun“ reitet heute weiter, genauso wie die Reiterin. Statistisch gesehen gibt es meinen Unfall marginal selten. Juristisch bleibt er folgenlos. Es ist der größte Crash meines bisherigen Lebens. Ich lebe weiter, ein sehr schöner Zufall.