12.07. 15:40 Uhr, der Tod kommt beim Zuhören zurück


„Tod“. Das ist mein Wort, das ich heute um 16:20 Uhr nenne, als die Therapeutin, Frau Dr. B.C., fragt, welches abschließende Wort mir zur heutigen Sitzung im Kopf herum geht.

Begonnen hatte es mit deren Frage, was ich zur heutigen Gruppensitzung (meiner ersten) mitgebracht habe. Ich habe das Thema aus der heutigen Meditation mitgebracht. Nämlich, dass ich mir meine Schmerzen ansehe, sie spüre, aber nicht versuche sie beenden zu wollen, oder gar versuche sie zu verdrängen, denn beides kann ich nicht wirklich. Deshalb lohnt es nicht, dafür Energie zu verschwenden. Ich will lernen, zu beobachten, ohne meine Schmerzen zu bewerten und hoffe darauf, dass ich das eines Tages schaffe und mir das hilft mit ihnen zu leben.

In der Gruppe gibt es allerlei Schmerzen:
Den dauerhaften Nackenschmerz, den Rückenschmerz, die Kopfschmerzen, bis schließlich der junge Co-Therapeut meint, dass er auch Schmerzen habe, seine Stimme sei wegen einer starken Erkältung geschädigt, weshalb er froh sei, heute nichts sagen zu müssen.

Ich merke, dass ich Gefahr laufe, mich zu wichtig zu nehmen. Ich nehme die anderen nicht ganz ernst, weil ich glaube, mein Schmerz im Gesicht sei so unerträglich, dass es der schlimmste sein müsse. Ist das schon wieder mein „bescheuerter innerer Onkel“? Die anderen Teilnehmer in der Gruppe haben bestimmt auch fürchterliche Schmerzen! Mir steht es nicht zu, über sie zu denken, was ich denke! Oder doch? Jetzt halt mal die Klappe du blöder „innerer kritische Onkel“! Der Onkel meint: „Denken kann ich, solange ich nicht sage, was ich denke!“ O.k., jetzt sei aber mal endlich ruhig!

Eine Teilnehmerin berichtet, dass ihr Mann zu Besuch war und sie ihm nichts von ihren Gedanken erzählt habe, sich von ihm trennen zu wollen. Eine andere Teilnehmerin beginnt daraufhin zu weinen. Frau Dr. B.C. fragt genau nach. Die Frau weint, weil sie zwei Jahre lang eine Therapie mit monatlichen Sitzungen gemacht hatte, aber nie ihrem Mann davon erzählte. Jetzt sei es zu spät. Ihr Mann sei kürzlich gestorben.

Das zu hören reicht, um mich innerlich umzuwerfen. Das galoppierende Pferd rennt einfach über mich weg. Dessen Kräfte schleudern mich auf den Acker. Ich sehe mich dort liegen, als sei ich nicht mehr ich. Plötzlich ist da nichts mehr. Ich sehe nichts. Meine Augen sind von den Verletzungen so geschwollen, dass ich blind bin. Ich spürte meinen Körper nicht. Ich versuche zu sprechen, versuche zu sehen, versuche zu schmecken, zu reden. Da ist nichts. Das ist mein Tod, denn das kenne ich nicht.

Auf dem kalten Acker liegend denke ich an meine Frau und an unseren Hund. Von denen will ich mich verabschieden. Ich denke, dass ich sie nie wieder sehe. Ich schluchze und merke, dass in meinem Mund ein bitterer Geschmack ist. Es sind meine Tränen, Blut und die Erde vom Acker.

Der Acker auf dem ich schwer verletzt lag schmeckte bitter. Ich spürte seine Kälte, schmeckte den bitteren Geschmack von Tränen, Blut und Erde, dachte aber trotzdem, dass ich tot sei, denn in mir war alles still und dunkel.

https://www.jamendo.com/track/1654764/nichts

Mit dem Song „nichts“ habe ich es endlich 2019 geschafft, acht Jahre nachdem ich von dem Pferd der Reiterin auf das Feld geschleudert wurde, diese Kälte, das von dem ich spürte und glaubte es könnte mein Tod sein, musikalisch zu erfassen.