Zuhause

Die Mutter war abends oft erst sehr spät aus der Kirche zurückgekehrt. Er hörte sie kommen, als die Geschwister schon im Bett lagen. Polternd stieg sie die Treppe hinauf. Ihren Schlüssel warf sie in ein Fach neben der Küchentür. Sie verschwand in die Küche. Schnell war wieder Ruhe eingekehrt.

Die Mutter hatte vom restlichen Haushaltsgeld mehrere hundert Kerzen gekauft. Mit denen war sie in die Kirche gegangen, um sie dort alle aufzustellen und ihren geliebten Heiland zu ehren. Den Abend verbrachte sie in einer Art Dämmerzustand betend vor dem Altar. Später fühlte sie sich vom Hausmeister der Kirchengemeinde bedroht, weil der sie mit sanfter Gewalt vor die Kirchentür befahl, um das Gotteshaus für die Nacht abzusperren.

Stundenlang harrte die Mutter deshalb auf den Treppenstufen vor der Kirche aus, ohne sich ihrer kleinen Kinder zu erinnern. Die hatten den Tag zu Hause allein, völlig ohne Versorgung zugebracht. Nachbarn waren wegen Geschrei aus der Wohnung auf die Kinder aufmerksam geworden.

Die Nachbarin versorgte die Kinder an ihrem Küchentisch mit einem warmen Abendessen. Sie verständigte die Polizei, die sich auf die Suche nach der vermissten Mutter machte. Die Kinder wurden von der Nachbarin abends um halb sieben Uhr dem Vater übergeben, als der von der Arbeit nach Hause gekommen war. Die Mutter wurde gegen einundzwanzig Uhr von einer Polizeistreife auf den Treppen vor der Kirche entdeckt. Sie war nicht ansprechbar. Sie weigerte sich den Ort, an dem sie sich ihrem verehrten Heiland am nächsten fühlte, zu verlassen. Von den Beamten wollte sie sich nicht nach Hause bringen lassen. Ein Notarzt brachte sie schließlich in eine Klinik.

Die Kapelle in der Klinik war sehr klein. Sie war voll von Menschen. Die Mutter konnte diese Nähe nicht lange ertragen. Sie hatte eine andere Vorstellung davon, wie der Herr zu ehren sei. Eine Menschenmenge in einer winzigen Kellerkapelle konnte dabei niemals von Nutzen sein. Es hatte in Ruhe und Einsamkeit zu geschehen. Danksagungen an das Leben für das geschenkte Glück von drei Kindern und einem arbeitsamen Ehemann, konnten den Herrn nicht erreichen, wenn dreißig Menschen einen kleinen Raum füllten und gemeinsam beteten. Der Herr sollte einzig und allein ihrer sein. In den Sekunden ihres Danks wollte sie dem Herrn stets allein gegenüber stehen. Wie schon so oft verließ sie deshalb auch diesmal die Klinik nach wenigen Tagen.

Der Jüngste, vor Tagen drei Jahre alt geworden, hatte von früh Morgens bis spät abends immer wieder quälende Schmerzen. Er weinte den Tag lang in Schüben, die, wenn sie sekundenlang vorüber gegangen waren, sich langsam erneut ihren Weg bahnten. Schmerz zog vom aufgedunsenen Magen des Kleinen hinauf in dessen trockenen Mund. Jede Menge Papierfetzen hatte das Kind schon verschlungen. Die Wände in dem Kinderzimmer waren leer. Nur ein Bild hing da. Doch das Kind vermochte nicht hinauf zu greifen.

Zwei Stunden lag der Kleine schreiend auf dem Rücken. Stechender, quälender Schmerz zog vom ausgetrockneten Mund die Speiseröhre hinab in den Magen. Der aufgequollene Bauch des Kindes schmerzte wie nie zuvor.

In dem Zimmer stank es fürchterlich nach Urin und Kot, den das Kind fünf Stunden zuvor auf dem Fußboden und den Wänden verschmiert hatte. Das Kind ließ nicht ab weiter zu schreien. Sein Schreien brauchte all seine Kräfte. Die Augen waren dabei geschlossen. Der Körper gab keine Träne mehr her.

Die Mutter war mit den beiden Geschwistern zur Tante gefahren. Die Freundin werde sich um den Jüngsten kümmern, sie werde ihn dort wieder abholen. Der Vater war tagelang auf Montage einer riesigen neuen Werkshalle, die in einem Hafen an der See neu errichtet wurde. Er hatte eine neue Anstellung gefunden. Der Bau der Werkshalle war eine erste Bewährungsprobe.

Die Mutter hatte sich entschieden. Es war ihr schwer gefallen, doch sie hatte sich befohlen für den Herren ihr Glück zu beschneiden. Nach Jahren in der Gemeinde war sie jetztz endlich soweit. Sie wollte sich selbst und dem Herrn gegenüber einen endgültigen Beweis erbringen. Ihr Opfer sollte schmerzlich sein. Nur großer Schmerz bewies die Wahrheit, die in ihrem tiefen Glauben steckte.

Der Dreijährige war bewusstlos geworden, als er in die Intensivstation der Klinik eingeliefert wurde. Der Kampf um sein Leben schien anfangs aussichtslos. Die Ärzte gaben alles um das Kind zu retten. Nachts um vier Uhr brachten sie das Kind per Hubschrauber in eine Spezialklinik.

Morgens um sieben Uhr läutete es an der Wohnungstür. Die Tante hatte gerade das Teewasser vom Herd genommen. Die Beamten sprachen kaum, sie folgten der Tante in die Küche, wo sie am Tisch die Geschwister sahen. Beide tranken warme Milch und aßen süße Brote mit Marmeladenaufstrich.

Die Mutter betrat die Küche an diesem Morgen nicht mehr. Am Treppenabsatz zum ersten Stock des Hauses wurde sie von einem der Beamten begrüßt. Der Bub war vom Frühstückstisch aufgestanden. Durch einen Spalt der angelehnten Küchentür sah er die Mutter. Sie sprach kein Wort. Die Tante, neben der Mutter stehend, war plötzlich blass geworden. Die Beamtin fragte die Mutter etwas, die antwortete aber nicht. Sie senkte den Kopf nach unten, so dass die frisch gewaschenen Haare ihr Gesicht verbargen. Die Mutter wurde von den zwei Beamten zur Haustüre hinaus begleitet. Die Tante nahm die Hand vor den Mund und ihr Blick ging wie der der Mutter zu Boden.

Schnell setzte sich der Bub zurück an den Küchentisch zu seinem Bruder. Er biss von seinem Marmeladenbrot ab und trank aus dem Milchbecher. Die Tante kam begleitet von einer Beamtin in die Küche. Beide setzten sich zu den Kindern. Die Tante begann langsam zu den Kindern zu sprechen. Der Bub hörte aufmerksam zu. Der jüngere Bruder fragte, ob er noch einen Becher Milch bekommen könnte.

* Empfehlung vom Autor Bernd Thümmel:

Ein Song von meinem Album „acoustic planet“: „god ist dead“