Vater

Er war vor knapp zehn Jahren 1973 in seinem Käfer auf genau dieser Autobahnstrecke unterwegs gewesen. Während ich im gelben Opel Kadett das nach rechts strebende Lenkrad fest hielt, stellte ich mir vor, dass der Vater Zigaretten rauchend am Steuer gesessen war. Ich steckte mir eine Kippe an. Mein Vater rauchte „Kurmark“. Das ist eine Zigarettensorte, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, denn seitdem hatte ich den Vater nicht mehr gesehen. Ich kannte außer ihm niemanden der das Zeug rauchte. Erst als ich zwanzig Jahre später 2002 die Wohnung des toten Vaters zusammen mit meinem Bruder betrat, um dort zu sehen, wie viel Arbeit wohl notwendig war, um die Wohnung zu räumen und zu renovieren, um sie dem Vermieter zu übergeben, sah ich „Kurmark“ wieder. Der Vater hatte sie offensichtlich bis zu seinem Tod, im Alter von Vierundsiebzig, geraucht.

Ich erinnerte mich daran, wie er die Kippenschachtel aus der Hemdtasche zog, während er das Käferlenkrad hielt, den Zigarettenanzünder drückte, aus der Schachtel eine Kippe schüttelte, sie mit dem Mund aufnahm, die Schachtel zurück in die Hemdtasche schob um mit dem Anzünder die Kippe zum Qualmen zu bringen. Ich sah ihn, wie er aufmerksam durch die Gläser seiner dicken Hornbrille blickend, den Kilometerstand des Käfers stets berechnend, genau wissend, wann der nächste Ölwechsel fällig würde, genau darauf achtend nicht schneller als hundert Stundenkilometer zu fahren, um den geringst möglichen Spritverbrauch bei gleichzeitiger Schonung des Käfermotors herauszufahren.

Obwohl ich ihn während der Fahrt auf der Autobahn fast wie früher vor mir sah, fand ich das frühere Gefühl für den Vater nicht wieder. Es hatte mich damals hin und her geworfen. Es warf mich oft beinahe um. Ich schwankte zwischen Sicherheit und Unsicherheit. Ich sah oft hinauf zu ihm. Aber ich fand damals nicht heraus welche Dinge dem Vater wichtig waren.

Trotzdem forderte er in meinem Kopf stets Begründungen für alles. Was ich tat musste einen Grund haben, der den Vater zufrieden stellte. Gründe für den Vater zu finden war irgendwann zu einer meiner wichtigsten Aufgaben geworden. Der Vater verlange Begründungen ohne Worte. Später, der Vater war schon lange für immer weg, ertappte ich mich oft trotzdem noch bei der Frage: Was sagst du dem Vater? Wie begründest du ihm das, was du gerade tust oder gerade zu tun gedenkst?

1982 auf der Autobahn im gelben Opel Kadett kam plötzlich wieder diese Frage. Ich antwortete, dass ich fuhr um an diesem Wochenende meinen Bruder zu besuchen, der in der Nähe von Vaters Wohnung lebte. Ich aber lebte weit vom Vater entfernt in Traunstein. Das liegt nur etwa fünfzig Kilometer von Berchtesgaden, wo du uns Geschwister früher manchmal im Kinderheim besucht hattest. Das war meine Begründung für die Fahrt im gelben Kadett Richtung Pfedelbach, dem Ort im Hohenlohekreis, wo ich und die Geschwister im Jahr 1974 glaubten, das ein neues Leben beim Vater beginne.

Berchtesgaden: Das waren für mich die siebziger Jahre. Es war die Zeit meiner Kindheit. Mein Leben beim Vater war für mich bereits nach einem Jahr 1974 vorbei, denn bei ihm war alles schief gelaufen. Ich verstand deshalb nicht, warum mich der Vater 1982 im Kopf, während ich im gelben Kadett saß, um nach Heilbronn zu fahren, immer noch beschäftigte, indem er fragte was ich heute aus welchem Grund gerade in diesem Augenblick tat.
Ich antwortete ihm: Es ist weit, das weißt du doch, es ist beinahe die gleiche Strecke, die du selbst früher gefahren warst, als du uns im Kinderheim auf dem Obersalzberg besucht hattest.

Um den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen hatte der Vater von früh morgens bis abends täglich in einer Maschinenfabrik gearbeitet. Jeden Morgen, meist war es noch dunkel, warf er hinter dem Haus den Käfermotor an. Er fuhr in die Fabrik, während seine Kinder noch fest schliefen. Abends, wenn der Vater wieder nach Hause kam, waren die kleineren Kinder schon im Bett. Der Vater ließ sich stets schwerfällig am Abendbrottisch nieder. Er erzählte vom schweren Fabrikarbeitstag, während die Mutter und der Älteste schweigsam am Tisch saßen und aufmerksam zuhörten.

Gerne hätte der älteste Bub dem Vater davon erzählt, was er Nachmittags bei der Bäckersfrau oder der Metzgersfrau erlebt hatte. Das waren eigentlich immer die gleichen Erlebnisse. Der Bub glaubte, er würde den Vater am Abendbrottisch damit langweilen. Es war damals nicht üblich, dass ein Bub am Abendbrottisch begann, den Vater mit seinen Geschichten zu belästigen. Die Mikymaushefte, die er Nachmittags am Kiosk gesehen hatte, die Geldbörse mit Briefmarken, mit der er von der Mutter zu Frau Mayer geschickt worden war, das gelbe Heftchen in das die Metzgersfrau den Betrag notiert hatte, die Freundin der Mutter, die Nachmittags mit ihren Heften zu Besuch gekommen war, der Pfarrer, der Abends angerufen hatte, um zu fragen, ob die Mutter endlich wieder zu Hause angekommen sei, das alles konnte der Bub am Abendbrottisch nicht berichten. Das wären Berichte und Geschichten aus dem Alltag gewesen, die der Vater Abends nicht hören wollte, denn er war Abends immer Müde, er hatte den ganzen Tag schwer gearbeitet.

Für den Alltag zu Hause war die Mutter zuständig. Darin wurde der Vater von der Mutter aber schwer enttäuscht. Das bemerkte der Vater viel zu spät, denn er war ja immer in der Arbeit und am Abendbrottisch wollte er nichts hören. Die Kinder blieben tagsüber meist allein in der Wohnung zurück, während die Mutter in der Kirche Kerzen entzündete oder bei der Freundin Hefte mit der Aufschrift „Der Wachturm“ kaufte. Deshalb war die Nachbarin zu einer täglichen Anlaufstelle für die Kinder geworden.

Daran, dass die Kinder im Heim auf dem Obersalzberg leben mussten, war die Mutter schuld. Das erklärte er 1974, als er die Kinder aus dem Heim holte. Die Kinder kamen schon nach einem Jahr zurück auf den Obersalzberg. Der Vater war immer zur Arbeit gegangen.

Ich fuhr einen Teil der Strecke, welche der Vater damals gefahren war. Ich tat das auch, um meine innere Vorstellung dorthin zu bringen, wo der Vater damals mit seinem weißen Käfer unterwegs gewesen war. Abends zuvor hatte ich mich entschlossen, morgens sehr früh aufzustehen, so wie es der Vater damals tat, wenn er uns auf dem Obersalzberg im Kinderheim mit seinem weißen Käfer besuchte.

Bei Dunkelheit war ich losgefahren. Im Osten sah ich einen langsam heller werdenden Schimmer am Horizont. Im Radio hörte ich etwas von der neuen Bundesregierung. Die alte Regierung war im September des Jahres 1982 im Rahmen eines sogenannten Misstrauensvotums abgesetzt worden. Ich hörte aus dem Radio, dass die neue Regierung plane die Bafögzahlungen an Studenten auf Darlehensbasis umzustellen. Das bedeutete, dass ich Geld, welches ich für mein Studium von diesem Staat erhoffte, wieder zurück zu bezahlen hatte.

Eine völlig normale Sache. Ich stellte mir deshalb meine Schulden vor. Ich sah wie sie in den Jahren des Studiums zu einem hohen Berg anwuchsen. Das Studium würde ich noch besser planen, als ohnehin geplant, denn es muss zwingend erfolgreich, vor allem aber sehr schnell verlaufen, um am Ende möglichst wenig Schulden beim Staat wegen des Bafögs zu haben.

Ich lauschte den Worten eines Regierungsmitglieds im Radio. Ich drehte den Mann lauter, um das Motorengeräusch des Autos zu übertönen. Der Politiker begründete das Vorhaben. Dessen Worte bestanden im Prinzip darin, ein bekanntes Sprichwort auszulegen: Noch nie habe die Jugend in diesem Land so viele Chancen gehabt wie heute. Viele junge Menschen nutzten ihre Chancen aber gar nicht. Sie zögen es stattdessen vor, „einfach vor sich hin zu gammeln“. Was der Mann damit genau meinte, wurde mir aber nicht klar. Er sprach von „jugendlichen Gammlern“, als gehörte dieser Begriff zum alltäglichen Sprachgebrauch. Ich fand dessen Worte eher ungewöhnlich. Er meinte einfach, dass jeder seines Glückes Schmied sei. Das war der Hintergrund. Jeder ist sich selbst sein Glück und muss halt gut schmieden, egal wie und wo er aufwuchs. So verstand ich das.
Doch das sagte er nicht wirklich, stattdessen so der Mann, sei das „Gammeln der Jugend keinesfalls auf Staatskasse möglich“. Jahrelang hätte die sozialliberale Vorgängerregierung junge Menschen studieren lassen, die mit Bildung eigentlich nichts am Hut hätten. Die Studienzeiten seien deshalb unglaublich in die Länge gezogen worden. Wer aber Bildung eigentlich ablehne oder dieser nicht zugänglich sei, sollte gefälligst arbeiten anstatt zu studieren. Solche jungen Leute sollten sich Bildung erst einmal angemessen verdienen. Sie sollten beweisen, dass sie es wert seien, sie überhaupt zu erwerben. Bester Beweis sei ein Schuldenberg, der nach dem Studium ab zu tragen ist. So verstand ich den Mann.

Mich beschlich das Gefühl, ich gehörte zu denjenigen, die sich Bildung nicht mehr lange leisten konnten. Aber darüber sprach der Politiker nicht wirklich. Trotzdem erreichte mich dessen Botschaft: Junge Leute wie ich, waren mit dem Regierungswechsel 1982 keine erwünschten Studenten in diesem Land.

Ich schaltete das Radio aus.