Oma und Opa

In Omas Haus hat sich wenig verändert. Oma und Opa sind viel älter geworden. Acht Jahre sind vergangen, seitdem ich zwei schöne Wochen bei ihnen verbracht hatte. Damals war ich zu ihnen geflüchtet, weil ich es bei meinem Vater nicht mehr ausgehalten hatte. Dessen brutale Schläge waren mir zu viel geworden.

Oma begrüßt meinen Bruder und mich freundlich. Sie umarmt uns herzlich. Auch Opa umarmt uns. Seine Rasur kratzt mich genauso wie damals beim Abschied. Opa hatte mich an einem schönen sonnigen Frühlingstag 1974 ein letztes Mal in seinem grauen Käfer die Bergstrasse nach Pfedelbach hinunter gefahren.

Von dort ging es in die Stadt zum Jugendamt. So begann meine Reise zurück ins Heim auf den Obersalzberg in Berchtesgaden, was ich damals wie eine Reise in die Vergangenheit, also einen Schritt zurück empfand. Ich wurde zusammen mit meinem Bruder in ein Auto gesetzt und dorthin zurück gebracht, wo ich lebte, bevor der Vater neu geheiratet hatte und deshalb seine Kinder wieder zu sich nahm. Ich wusste damals nicht, dass es eine Reise in meine Zukunft war. Ich war erst zehn Jahre alt und hatte meinen Kopf voll von Angst vor meinem Vater, weshalb ich froh war, dass meine Flucht von ihm weg gelang und ich vorübergehend bei Oma und Opa Unterschlupf gefunden hatte, bevor es ins Heim zurück ging.

Wir setzen uns in die Küche an den Tisch. Dort serviert Oma frisch gebrühten Kaffee und einen leckeren selbst gebackenen Apfelkuchen mit Streußeln. Die Äpfel hat sie vom eigenen Baum im Garten. Sie lagerten den Winter über im Keller. Es sind die letzten Äpfel aus dem letzten Herbst. Im Garten steht der Apfelbaum bereit zur neuen Blüte.

Alles, so sagt Oma, fängt in der Natur jedes Jahr neu an. Jeder hat, wie der Apfelbaum im Frühling, immer wieder eine neue Chance. Die Oma weiß warum sie mir das sagt.

Zu ihr hatte ich in den Jahren immer wieder Kontakt. Ich sparte jede Woche von meinem Taschengeld eine Mark. Damit lief ich am Sonntagnachmittag vom Kinderheim am Oberlehen zur Bushaltestelle, der Station Erika an der Straße die hinauf auf den Obersalzberg führte. Dort stand eine gelbe Telefonzelle. Omas Telefonnummer habe ich heute noch im Kopf. Ich wählte mit der grauen Wählscheibe deren lange Nummer und sah dabei meiner Mark zu, wie sie hinter der gläsernen Scheibe des Telefons in einer Metallschiene fest hing und darauf wartete, bis sechshundert Kilometer entfernt Oma den Hörer abhob, um mit einem metallischen „Klick“ in Richtung des im Telefon angebrachten Münzenbehälters, auf einer weiter unten angebrachten Metallschiene davon zu rollen. Oma hob stets nach fünf mal Läuten ab. Mein Gespräch dauerte jeden Sonntag eine Mark lang. Das waren etwa acht Minuten wöchentlicher Zeit, in der ich Oma von meinen Ängsten und Träumen erzählte und sie mich tröstete. Oma und Opa waren mein weit entfernter Rettungsanker, an dem ich mich fest hielt, um die beiden Männer zu ertragen, die mich und andere Kinder am Obersalzberg über viele Jahre in ihrer Obhut hatten.

Nach meiner Entlassung aus der Gewalt der beiden Männer vom Obersalzberg, durfte ich bei neuen Eltern einziehen. Die hatten sich bereit erklärt, einen vierzehnjährigen ungebildeten und aufmüpfigen Jungen aufzunehmen. Ab dieser Zeit wurde leider das Telefonieren mit Oma sehr selten. So verlor ich sie und Opa aus meinem Blick. Oma war sehr froh, als sie gehört hatte, dass ich neue Eltern bekomme und dass ich deshalb nicht länger in diesem, wie sie sagte „Horror-Heim auf dem Berg“ leben musste.

Doch von den neuen Eltern aus, durfte ich sie kaum mehr angerufen. Die Eltern wollten nicht, dass ich alte Kontakte pflegte. Sie hatte Angst, denn sie wussten, dass ich aus widrigen Verhältnissen kam und sie glaubten, dass alle Kontakte aus dieser Zeit für mich nicht nützlich, vielleicht sogar schädlich seien. Die Eltern sprachen mit mir nie über meine widrige Vergangenheit, stattdessen sorgten sie dafür, dass ich möglichst wenig Kontakt dorthin zurück hatte, woher ich stammte.

Opa fährt immer noch seinen grauen Käfer. Er sagt, dass er gar kein anders Auto will. Der Käfer sei nicht tot zu kriegen. Mit meinem Bruder spricht er über dessen Auto. Es ist ein Opel. Ein riesiger Wagen. Opa fragt wie viel Sprit der frisst. Jede Menge, meint mein Bruder. Aber das sei nicht so schlimm, schlimm sei die teure Versicherung. Deshalb wolle er die Kiste bald wieder verkaufen.

Mich fragt Opa nicht, ob ich ein Auto habe. Ich bin darüber froh. Er kommt nicht auf diese Frage, denn ich kam zusammen im Auto meines Bruders zu dem Besuch. Im Grunde kann es sich keiner von uns beiden wirklich leisten. Mein Bruder, der regelmäßig zur Arbeit geht und Geld verdient sagt, dass das Auto sein gesamtes Geld fresse. Was soll ich da zu Opa sagen? Ich leiste mir einen gelben Opel Kadett, für den ich sechshundert Mark Versicherung pro Halbjahr zahle, wo ich doch vom Staat lebe, um zu Schule zu gehen. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Opa das wüsste.

Das Gespräch am Küchentisch dreht sich lange Zeit um Autos. Mein Bruder kennt sich aus. Er erklärt, was er an seinem Auto schon alles reparieren musste. Der Kühler, die Antriebswellen, die Lenkung, der Motor. So ein altes Auto ist ständig defekt. Ich weiß das, denn mein Kadett lenkt ja von selbst nach rechts. Ich bin sehr froh, dass ich es in der Klapperkiste von Traunstein ohne Panne zu meinem Bruder geschafft habe.

Wie mein Bruder weiß ich, dass wir uns mit den Autos Freiheit vorgaukeln. Mein Bruder fährt täglich früh morgens zur Arbeit. Aber das Auto nutzt er auch viel in der Freizeit. Abends und am Wochenende kann er hinfahren, wohin er will. Das ist seine Freiheit. Für die arbeitet er, um von seinem Geld Ersatzteile zu kaufen, die er am Wochenende in das Auto baut, damit es fahren kann.

Ich finde diese Freiheit seltsam. Doch ich sage am Küchentisch nichts dazu. Ich beobachte meinen Bruder, wie er leise berichtet, ich sehe Opa zu, wie er verständnisvoll nickt, denn er scheint die technischen Dinge alle zu kennen. Ich sehe Oma zu, die vom Kaffee nippt, den Kuchen auf unsere Teller verteilt und der Unterhaltung folgt. Ich glaube, dass ich zu jung bin, um wirklich zu begreifen, warum das Thema so wichtig ist. Ich denke darüber, dass es Quatsch ist, sich für eine fahrbare Schrottmühle auf vier Rädern den ganzen Tag lang in eine lärmende Fabrik zu stellen.

Ich kenne das von mir. Deshalb mische ich mich in das Gespräch zwischen Opa und meinen Bruder nicht ein. Ich denke oft, dass um mich herum unsinniges geschieht und gesprochen wird. Ich weiß nicht recht, ob ich vieles einfach nicht begriffen habe.

Mein gelber Opel-Kadett hat mich heute zu meinem Bruder gebracht. Morgen bringt er mich wieder zurück nach Traunstein. Sicherlich bringt er mich demnächst auch wieder nach Berchtesgaden, um dort alte Bekannte zu besuchen. Jeder Zeit kann ich einsteigen und losfahren. Dafür nimmt mein Bruder in Kauf, dass sein ganzes Geld draufgeht. Was ich daran verstehe ist, dass diese Art von Freiheit zusätzliche Arbeit zu schaffen scheint. Warum noch zusätzliche Beschäftigung, wo der Mensch eh nur wenig Zeit ohne Beschäftigung hat, die ihm neben der täglichen Fabrikarbeit bleibt?

Zum Schluss des Nachmittags bei Oma erfahren wir, dass der Vater seit einigen Monaten ganz in der Nähe eingezogen ist. Er lebe allein, sei von seiner Frau geschieden. Das finde ich wirklich interessant. Das wäre ein Thema für den Nachmittag gewesen! Warum sprechen wir den ganzen Nachmittag über Autos und Beschäftigung? Warum erwähnen Oma und Opa den Vater erst, als wir schon dabei sind, uns zu verabschieden? Was mich interessiert kommt erst zum Schluss und dann auch nur ganz kurz zur Sprache. Das finde ich schade. Aber ich schaffe es nicht, gleich zu Beginn des Besuches nach dem Vater zu fragen.

Immerhin erfahre ich, das Vater sich von dieser Frau getrennt hat. Das finde ich gut, denn ich konnte sie nicht ertragen. Sie hat damals wie ein Furie um sich geschlagen und geschrien.

Beim Abschied kommt der Gedanke, den Vater zu besuchen. Darüber spreche ich mit Oma und Opa nicht. Bestimmt denken sie nicht daran, dass ich die Idee haben könnte, den Vater nach allem was damals geschehen war, zu besuchen. Ich denke daran, weil es lange her ist, weil ich weit weg wohne und weil klar ist, dass „Damals“ vorbei ist, auch wenn es nie vergessen sein wird. Ich denke daran, weil es mein Vater ist.

Der Abschied ist herzlich. Wir versprechen Oma und Opa, bald wieder zu kommen. Ich bin sehr froh über den gemeinsamen Besuch mit meinem Bruder, denn ich weiß nicht, wann „bald“ sein wird.