Nachts

Der gelbe Opel-Kadett bringt mich heil zurück in meine bayerische Kreisstadt. Keine Panne, keine Probleme mit dem Wagen. Das Auto fährt einwandfrei.

Abends um halb neun, gerade zum Einbruch der Dunkelheit steige ich die Steintreppe im Haus von Frau Stößer hinauf, um mein kühles einsames Zimmer zu betreten.

Das Wochenende bei meinem Bruder ist vorbei. Ich koche in der winzigen Küche Tee und schmiere mir Butterbrote auf die ich Tomatenscheiben verteile, die ich leicht salze. Ich liebe den Geschmack von Butterbrot mit Tomate.

In der kleinen Küchenzeile, sie liegt angrenzend zu einem großen Raum, darf ich mir kleine Mahlzeiten zubereiten. Der schöne Dachgeschoßraum mit großen Fenstern hinaus Richtung Traunstein steht abgesehen von einem Tag pro Woche leer. An diesem Tag treffen sich darin etwa zehn Frauen. Sie sitzen dann plappernd an dem ovalen Tisch in der Mitte des Zimmers und Basteln für den Traunsteiner Weihnachtsmarkt.

Von unten höre bayerische Stimmen aus der Wohnung von Frau Stößer. Vor der Haustür parken große Limousinen. Sie gehören den Gästen von Frau Stößer. Ich bin todmüde, lasse mich auf meinem alten Sofa vor dem großen schwarz-weiß Fernseher nieder.

Den großen Fernsehapparat habe ich von den Pflegeeltern meines ein Jahr jüngeren Bruders geschenkt bekommen. Sie hatten mich gefragt, ob ich für das Gerät, das leider nicht mehr ganz in Ordnung sei, Verwendung hätte. Deren Anfrage hatte mich sehr gefreut. Denn sie bewies, dass die Pflegeeltern meines jüngeren Bruders, es für völlig normal hielten, dass ein junger Mensch, der einsam in einem Zimmer in einer Stadt wie dem Oberbayerischen Traunstein gelandet ist, einen Fernseher brauchen kann. Das monströse Gerät, ich holte es in Berchtesgaden an einem regnerischen Wochenende ab, passte gerade in den Kofferraum des Opel Kadett. Nachdem ich das Monstrum die steile Treppe durch Frau Stössers Haus hinauf geschleppt und in meinem Zimmer angesteckt hatte, funktionierte es nicht. Der Transport im Auto und das Herumschleppen waren zu viel für die Kiste. Ich war überzeugt, dass so eine uralte schwarz-weiß-Bildröhre viele Stunden Ruhe brauchte, um wieder funktionieren zu können. Ich kümmerte mich einfach nicht weiter um das Monster und siehe da: Abends genau um 19:00 Uhr meldete sich die heute-Sendung, nachdem ich die Kiste um 18:55 Uhr angeschaltet hatte. Das Gerät brauchte fünf Minuten, bis sich nach dem Einschalten die Bildröhre erleuchtet zeigte und der verstaubte Lautsprecher ertönte.

Das Gerät ist Gold wert, denn mit ihm verschwindet an Abenden wie heute die Einsamkeit. Das ist seltsam, ich wohne allein, doch trotzdem bringt das Fernsehgerät etwas von dem Gefühl, in meinem Traunsteiner Zimmer nicht völlig allein gelassen zu leben.

Ich sehe und höre den Nachrichtensprecher, denke dabei an den Vater und meinen Bruder, an Oma und Opa und daran, dass ich in einer Stadt lebe, mit der mich außer weniger Menschen noch nichts verbindet. Neues und Altes treffen zusammen, ständig geht es weiter, so wie es Oma vom blühenden Apfelbaum im Frühling erklärt hatte. Heute trifft mein Leben in Traunstein bei Frau Stößer und dem einsamen Zimmer auf das was ich früher erlebt habe. Was mir 1982 auf dem alten Sofa einsam erscheint, wird zur Erinnerung werden an einen Teil in meinem Leben. Die Schläge von Vater sind heute nur noch Erinnerung an einen kleinen Teil meines Lebens. So denke ich weiter und weiter und merke dabei nicht wie ich einschlafe.

Nachts wache ich auf. Auf dem grünen, kleinen Metallwecker erkenne ich in der Dunkelheit dessen grün schimmerndes Ziffernblatt. Es ist viertel nach Drei Uhr. Der Wecker wird um viertel vor Sieben läuten. Er hat oben zwei grüne Metallglöckchen und dazwischen einen winzigen Metallklöppel. Der sorgt täglich dafür, dass ich aufwache.

Der Wecker tickt in zwei unterschiedlichen Tönen. Tick ist ein dumpfer Ton, der mich an einen leisen Schlag eines Teelöffels gegen einen vollen Keramikteebecher erinnert. Tack dagegen klingt etwas höher. Es ist der leise Schlag des Teelöffels gegen ein halb volles Glas Wasser. Dem folgt ein kurzes gläsernes Abklingen. Ich liege auf dem Rücken. Ich höre das regelmäßige Keramikteebecher- und Wasserglasschlagen: „Keramik – Wasser, Keramik – Wasser, Keramik – Wasser“ Tick, tack in einem fort neben meinem Kopf. Während des Zuhörens spüre ich unter meinem Rücken die drei Teile aus denen meine Matratze besteht. Ich konzentriere mich darauf, denn ich möchte weg von Tick und von Tack.

Es sind drei alte Federkernmatratzen. Ich habe sie aus dem Jugendkeller in Berchtesgaden mitgenommen. Ich habe sie im Zimmer bei Frau Stößer, rechts an der Seite in eine Nische auf den Boden gelegt. Die dreiteilige Matratze passt dort genau hinein. Von diesem Bett aus sehe ich durch die Balkontür hinaus. Von dort scheint ein schwacher Schimmer von Licht herein, der auf den Dachschrägen in meinem Zimmer einen finsteren Schatten wirft. Schatten und Schimmer bewegen sich in einer Linie an der schrägen Decke über meinem Bett.

Minutenlang beobachte ich deren Bewegung. Darin erkenne ich einen Rhythmus. Es ist der Takt einer bedeutungslosen Linie an der Wand. Ihr widme ich meine Aufmerksamkeit. Ein Lichtschein vom Balkonfenster aus der Dunkelheit. Nichts weiter als ein nächtliches Schimmern durch mein Balkonfenster. Was ist das?

Ich weiß es nicht, doch es erinnert mich an mein Leben in dieser kleinen Stadt, es wippt unregelmäßig dahin und doch bildet es eine unscheinbare Linie. Mein Alltag fließt ruhig, normal. Täglich bewege ich mich vom Zimmer bei Frau Stößer zur Schule, zu neuen Freunden, die ich in der Kreisstadt suche und finde.

Langsam tapse ich in der Dunkelheit die Wendeltreppe hinunter ins Erdgeschoss. Ich sperre die Haustür leise auf. Kühle, feuchte Luft strömt mir entgegen. Vorbei an dem schweren, schmiedeeisernen Tor, dem Zaun und der Garage von Frau Stößer knöpfe ich meine Jacke zu.

Rings um mich herum höre ich schwere Regentropfen von den Bäumen fallen. Die großen Limousinen der Gäste von Frau Stößer sind verschwunden. Vor dem schwarzen Gartentor steht mein gelber Opel-Kadett. Er leuchtet im Mondschein. Schwarze Wolken treiben am Himmel. An der Hausecke, hinter Frau Stößers Doppelgarage, schlägt mir eiskalter Wind entgegen.

Dort Richtung Osten, am Waldrand hinunter in die Stadt, steht ein sehr altes Haus. In roter Leuchtschrift erkenne ich verschwommen von Regentropfen „Moulin Rouge“ über der breiten Eingangstüre. Vor dem Puff parken schwere Wagen.

Die Straße ist eine Sackgasse. Der Jugendleiter brachte mich nach lange gewordenen Abenden oft in seinem Auto nach hause. Stets fuhr er langsam auf den Parkplatz. Er fuhr einen weiten Bogen, um im Schein der Autoscheinwerfer die Fahrzeuge zu erkennen. Er kannte die Namen aus der lokalen Politik. Er nannte mir die Herren alle. Mich interessierte das nicht. Es war mir peinlich, dass ich direkt neben dem Puff wohnte. Der Jugendleiter fand das lustig.

Hinter dem Moulin Rouge führt ein schmaler Pfad bergab durch den Wald Richtung Traun. Ich laufe ihn langsam hinunter. Der kalte Wind bringt viel Bewegung und Lärm in den Wald. Ich habe meine Winterstiefel angezogen. Der Boden ist von Laub übersät und er ist matschig. Rechts neben dem Fußweg fließt ein kleines Rinnsal, das sich dort wegen dem schweren Regen der Nacht gebildet hat. Einmal rutsche ich mit dem rechten Fuß leicht nach unten ab, kann mich aber sofort wieder fangen.

Mich fröstelt am ganzen Körper. Hätte ich den dicken, gestrickten Wollpullover anziehen sollen? Zu spät. Der Fluss brüllt wie ein tobender Bär. Kein Auto fährt um diese Uhrzeit. Im Licht einer Straßenlaterne werfe ich einen Blick auf meine Armbanduhr. Viertel vor vier.

An der Kreuzung überquere ich den Fluss. Dort steige ich im Windschutz der Brücke eine glitschige Wiese hinunter. Unterhalb der Brücke, nahe dem tobenden Wasser der Traun, bläst der Wind mit voller Wucht. Ich laufe einen schmalen Pfad flussaufwärts. Der Fluss dröhnt links von mir. An scharfen Felsen, die aus dem Wasser ragen, sehe ich helle Stellen schäumender Gischt. Ich rutsche immer wieder aus.

Meine Feuerstelle unter einer Brücke im Wald ist vom Wind zerwühlt, doch nicht von der Traun über spült. Im letzten November stand das Wasser nach einem Herbststurm gut drei Meter höher als normal. Ich habe mein gesammeltes Holz unter einer grünen Plane versteckt. Der Sturm hat einen Zelthaken weggerissen. Die lose Ecke der Plane schlägt im Wind auf und ab. Mit der Taschenlampe suche ich den Boden ringsum ab. Der Hacken ist noch da. Er liegt von Matsch verschmiert neben dem Pfeiler. Ich schlage den Haken mit einem Stein samt Ecke der Plane in den glitschigen Boden.

Morgens um viertel vor sieben scheppert mein grüner Blechwecker. Ich greife nach beiden grünen Glocken oben am Wecker. Das Scheppern wird ein gedämpftes Rasseln. Ich darf nicht wieder einschlafen, denn ich muss in die Schule gehen. Im Zimmer ist es finster. An den Dachschrägen sind Schatten und Licht verschwunden. Ich fühle mich matt und müde. Regen trommelt auf das Dach.