Mutter

Nachmittags schickte die Mutter den Siebenjährigen zum Metzger. Sie gab ihm einen Zettel auf dem sie alles vermerkt hatte. In seine Geldbörse steckte sie aber kein Geld. Es waren Briefmarken, die sie da hinein tat. Das Geld war ihr am Tag zuvor aus gegangen, denn sie hatte viele Hefte gekauft. Eine langjährige Freundin hatte sie besucht. Beide lasen sich Vormittags gegenseitig aus den Heften vor. Mittags kaufte die Mutter der Freundin alle Hefte ab. Die Freundin trennte sich nur ungern davon, konnte der Mutter aber deren Wunsch nicht verwehren.

Täglich erleuchteten hunderte Kerzen die Kirche. Die Mutter und deren Freundin hatten sie entzündet. Beide hatten in den Heften darüber gelesen, dass brennende Kerzen in der Kirche ein gutes Opfer an den Herrn seien. Das Opfer, die vielen Kerzen zu kaufen, so hatten beide das verstanden, sei vor allem dann besonders groß, wenn man, so wie die beiden, nur wenig Geld besaß. Das sei ein gutes Opfer für den Herrn. Zu teilen oder her zu geben, wovon man nur wenig besitze, das liebe der Herr besonders. Herzugeben wovon man kaum besitze, verursache viel Schmerz, dessentwegen das Opfer erst ein dem Herrn würdiges Opfer werde.

Die Mutter glaubte fest daran, dass es eine Fügung des Herrn sei, dass sie ihre Freundin kennen lernen und so oft treffen durfte. Genauso war es eine Fügung des Herrn, dass die Freundin die Mutter in die Kirchengemeinde eingeführt hatte.

Sie war vor Jahren mit den drei Kindern und dem Vater in den Ort gezogen. Auch das war in den Augen der Mutter eine Fügung des Herrn, genauso wie der Ehemann, den der Herr der Mutter geschenkt hatte, so wie die drei Kinder.

Neben dem uralten Schloss, unweit des Schlossplatzes, hatte die Familie eine Wohnung im ersten Stock gefunden. Das war eine göttliche Fügung. Der Vater hatte auf eine Tafel im Rathaus des Ortes einen Zettel geheftet: „Familie sucht dringend kleine, preiswerte Wohnung“. Wochen später hatte sich beim Vater eine Frau gemeldet. Ihre Nachbarwohnung sei frei geworden und die Miete sei günstig. Sofort war der Vater zur Stelle und sorgte dafür, dass die Familie binnen weniger Wochen in den Ort umzog. Der Umzug verkürzte den Weg des Vaters zu seiner täglichen Arbeitsstelle in einer Konservenfabrik um eine knappe Viertelstunde. Das sparte nicht nur Zeit, sondern auch Geld, denn der VW-Käfer brauchte täglich weniger Sprit.

Die Metzgersfrau schickte den Buben nicht nach Hause. Stattdessen gab sie ihm von der Gelbwurst, die der Junge gierig verschlang. Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer der Mutter. Die Nummer schien sie im Kopf zu haben. Der Bub beobachtete, wie sie mit Rechts zackig die Wählscheibe traktierte, während sie mit der anderen Hand kräftig an der Fleischwolfkurbel arbeitete.

Zwanzig mal ließ sie es läuten. Aber die Mutter hatte das Haus bereits verlassen. Sie war mit der Freundin unterwegs zur Kirche. Die Metzgersfrau schlug den schweren Hörer klangvoll auf die schwarze Gabel. Sie stopfte einen Batzen roten Fleisches oben in den Fleischwolf und kurbelte weiter, während sie nun mit einem Holzpropfen das Fleisch in den glänzenden Trichter presste.

Mit dem Buben sprach sie kein Wort. Hinter der Verkaufstheke hatte sie ihm den Rücken zugewandt, griff immer wieder in den Fleischberg neben dem Fleischwolf, während sie mit der Rechten weiter kurbelte. Minuten später war der Fleischberg abgetragen. Die Reste kratzte sie mit den Händen zusammen, um auch sie in den Trichter zu stecken.

Schließlich wandte sie sich dem Jungen zu, der geduldig vor der Verkaufstheke wartete. Sie nahm den Zettel, den der Bub ihr gegeben hatte, und blickte angestrengt drauf. Schließlich begann sie von unterschiedlichen Würsten auf zu schneiden.

Der Metzger kam hinter dem Vorhang, rechts der Verkaufstheke hervor. Er sah den Jungen, warf deshalb einen grimmigen Blick zu seiner Frau. Die ignorierte das. Der Metzger verschwand mit einem großen Messer hinter dem Vorhang. Die Metzgersfrau packte den Aufschnitt in eine Papiertüte. Sie notierte einen Betrag in ein kleines Heft, das neben dem Telefon lag.

Der Junge nahm die Tüte und reichte der Metzgersfrau die Geldbörse, die die Mutter ihm mitgegeben hatte. Die Frau sah darin eine spärliche Anzahl von Briefmarken. Sie nahm nichts davon heraus, sondern gab die Börse dem Kind zurück. Der Bub verneigte sich jetzt fast.

Vielen Dank!“ Schon war er zur Tür hinaus, hüpfte auf dem Gehsteig am großen Ladenfenster vorbei.

Bis zum nächsten Mal!“ Das rief er ohne dass es die Metzgersfrau noch hörte, denn er hatte sich auf dem Gehsteig schon mehrere Meter vom Laden entfernt.

Der Weg nach Hause führte das Kind am Bäckerladen vorbei. Dort war Frau Mayer beschäftigt den Fußboden mit einer groben Bürste zu schrubben. Das tat sie jeden Mittwoch um diese Uhrzeit. Der Junge presste seine Nase an das große Fenster der verschlossene Ladentür.

Das Kind beobachtete Frau Mayer. Deren dicker Hintern bewegte sich in ihrem hellblauen Kittel hin und her. Die Frau kniete, bewegte die grobe Bürste in einem fort auf dem grauen Steinboden von rechts nach links. Sie klatschte die Bürste in einen großen Stahlkübel. Da spritzte Wasser heraus. Sie wrang einen grauen Lappen über dem Eimer aus. Mit dem wischte sie über die zuvor gebürstete Fläche. Den Lappen warf sie schließlich in den Metalleimer, rückte auf dem Boden einige Zentimeter rückwärts Richtung Ladentür, um den Lappen erneut aus zu wringen. Der Junge presste die Nase fest an die Glasscheibe. Die Frau schlug die grobe Bürste spritzend in den Wassereimer. Der Bub klopfte an das Ladentürglas.

Als wüsste die Frau, dass der Bub schon minutenlang beobachtend auf dem Fußabstreifer vor dem Laden wartete, griff sie in ihre Kitteltasche. Dort fand sie den Ladentürschlüssel. Schwerfällig erhob sie sich. Lächelnd kam sie dem Jungen entgegen, nahm an der Tür eine braune Papiertüte, die sie dort in der Schaufensterauslage deponiert hatte. Klimpernd sperrte sie die Ladentür auf.
„Na, ist zu Hause alles in Ordnung?“
„Ja, ja“, nickte der Bub, der die Frau unbekümmert anlächelte.

Frau Mayer drückte dem Kind die Papiertüte in die Hand. Wortlos drehte sie sich um. Sie versperrte die Tür von innen und widmete sich weiter ihrer Putzarbeit. Der Bub presste nochmal sekundenlang die Nase an die Scheibe.

Er schlenderte, nun rechts und links beide Tüten schwenkend, Richtung nach Hause. Am Zeitungskiosk blieb er stehen. Dort weckten seine Blicke, die auf bunte Mickymaushefte trafen, Interesse nicht nur an den farbigen Bildern, die das Kind gierig aufsog, sondern dort wurden auch die neusten Geschichten mit Donald Duck angekündigt, die zu lesen ihm aber noch lange verwehrt blieben. Er verweilte vor der Auslage mit den Heften. Das neuste Heft wird sein Klassenkamerad Wochen später an den Buben ausleihen. Darauf freute er sich schon heute Minuten lang. Wie ein echter kleiner Kunde, der überlegte seine fünfzig Pfennige Taschengeld zu investieren, verweilte er vor der Glasscheibe. Er fand es toll Tick, Trick und Track gemeinsam mit deren aufgebrachten Onkel Donald zu sehen, wie die drei von Onkel Dagobert angetrieben, dessen gieriger Dollarblick auf eine golden Statue gerichtet, bereits oben auf einem hohen Berg standen. Schweißgebadet versuchte auch Donald den Berg zu erklimmen.

Nie konnte der Bub so ein schönes Heftchen kaufen, denn Taschengeld bekam er keines. Doch seine Freude am Anblick des neusten Abenteuers aus Entenhausen brachte die Idee, dass er zu Hause unter dem Bett nachsehen wird, welches der dort liegenden geliehenen Hefte es lohnt, nochmal gelesen zu werden.

Der Junge folgte, jetzt schöne Gedanken an Donald ausmalend, seinem Weg vorbei an der Glaserei, über den Schlossplatz, wo er in einen hüpfenden Ausfallschritt verfiel, der seine einzige Freude im Sportunterricht der Schule war. Er hasste eigentlich die Sportstunden wegen des Gestank der muffigen Umkleidekabine und den kalten Gummigeruch. Körpergeruch von vierzig Kindern, darunter er selbst, in der eisigen Kälte der Turnhalle, dazu die Gymnastikübungen der Lehrerin, die sie immer an der Wand vorführte, dabei alle Kinder im Blick, Verwarnungen an diejenigen heraus schreiend, die den Übungen nur mangelhaft folgten.

Als eines Tages die Lehrerin einen großen Kreis und einen kleinen in der Mitte der Turnhalle bilden ließ, kam endlich was neues. Sie begann plötzlich zu klatschen und ließ die Kinder in hüpfendem Schritt, den sie zuerst vorführte, im Kreis laufen. Das war eine lustigste Übung, die Spaß machte.

Beide Papiertüten hatte er fest im Griff. Seine Schritte wurden langsamer. Wenige Meter vor der Haustür war er stehen geblieben. Die Gedanken an die Mikymaushefte waren verflogen. Das Kind drückte den Finger fest auf den Klingelknopf. Die Mutter öffnete nicht. Stattdessen ließ der jüngere Bruder den Buben herein.

Der Siebenjährige räumte die Wurst in den großen Kühlschrank. Danach setzte er sich an den Küchentisch. Dort schnitt er für die beiden Geschwister vom Brot ab, das Frau Mayer ihm mitgegeben hatte.

Abends bereitete der Bub den beiden Jüngeren das Abendbrot zu. Später las er aus einem Buch vor. Weil er in der Schule das Lesen noch nicht vollständig gelernt hatte, zeigte er den Brüdern die Bilder aus dem Buch. Dazu erfand er Geschichten, die sich jedes Mal änderten. Die beiden jüngeren Brüder fragten nie, warum die Geschichten immer andere waren, während die Bilder dazu gleich blieben.