Autokauf

Der Motor lief ruhig. Der Tacho bewegte sich auf die Einhundert zu. Schneller wollte ich an diesem Tag keinesfalls fahren. Die Autobahn war finster. Die Beleuchtung des Wagens schimmerte in gelblichem Licht auf dem schwarzen Asphalt. Der weiße Mittelstreifen reflektierte die gelbe Scheinwerferbeleuchtung in einem matten Ton. Der schien so schwach zu sein, als drohte jeden Augenblick die Gefahr, er könnte erlöschen, genauso wie eine schwache Taschenlampe. Das Auto war zehn Jahre alt.

Baujahr zweiundsiebzig, aber Top in Schuss“, das hatte der stolze Verkäufer gerufen. Ohne mein Zutun schlug der Wagen permanent eine Rechtskurve ein. Der Verkäufer hatte das wohl aber nicht gewusst. Sein Sohn hatte nachts zuvor das Auto benutzt. Er hatte dem Wagen einen schweren Schaden zugefügt.

Die Lenkung des Autos war irreparabel defekt. Das Lenkrad hielt ich deshalb fest und sicher mit beiden Händen umgriffen. Der Wagen zog ständig nach rechts. Die Fahrzeugachse war verzogen. Die Reifen zeigten deutliche Spuren wegen der einseitigen Belastung, der sie durch das Gegenlenken ausgesetzt waren. Gegenlenken war nötig um das Auto in gerader Fahrtrichtung zu halten.

Der Verkäufer, ein bayerischer Vater in mittlerem Alter, hatte keine Ahnung davon, dass der Sohn nachts zuvor den Wagen gegen einen Randstein gesetzt hatte. Der Mann war sehr stolz auf seinen zuverlässigen, aber in die Jahre gekommenen Opel Kadett. Deshalb war er mir in dem Verkaufsgespräch richtig böse geworden. Schon nach wenigen Metern hatte ich den Verkäufer ganz ruhig gefragt:

Was ist denn mit der Lenkung passiert?“

Der Mann aber war von der Verkehrssicherheit seines gelben Opel vollkommen überzeugt. Jahrelang hatte er das Auto selbst gefahren. Regelmäßig hatte er es gewartet, gepflegt und gehegt. Seit zwei Jahren benutzte sein Sohn das Auto.

Der Mann dachte, ich wollte ihn mit meiner Frage nach der Lenkung provozieren. Er glaubte, ich sei ein Autokäufer der versuchte einen besonders schlauen aber dummen Trick anzuwenden. Den Preis wollte ich drücken. Der Mann glaubte, ich war gekommen um seinen zuverlässigen Wagen zuerst schlecht zu reden und dann zu kaufen.

Solches aber hatte ich nicht im Sinn. Ich war überrascht vom Drang des Wagens auf die rechte Straßenseite. Ich hatte noch nie in meinem Leben ein Auto gekauft. Deshalb lag es mir fern, irgendeinen Trick anzuwenden. Der Mann war sauer geworden.

Sofort anhalten und aussteigen!“

Der Mann brüllte das in mein rechtes Ohr. Ich erschrak. Ich tat wie befohlen, setzte den Blinker nach rechts und steuerte an den Straßenrand. Dort stellte ich den Motor ab und stieg schnell aus.

Steigen ‚S aus, steigen ‚S aus!“

Das rief der Mann, obwohl ich schon ausgestiegen war. Wütend knallte er die Beifahrertür zu, umrundete den Wagen und blieb mit rot glühendem Kopf neben dem Auto stehen. Ich hatte mich inzwischen einige Meter entfernt.
„Such dir einen Anderen der dir was verkauft! Bei mir zieht das nicht!“

Der Mann riss die Fahrertür auf. Er warf mir einen wütenden letzten Blick zu. In seinem hochroten Gesicht sah ich wilden Zorn. Er schäumte vor Wut darüber was ich mir gerade erlaubt hatte.
„Ich lass mich doch nicht von einem daher gelaufenen Schulbuben verarschen!“

So schrie mich der Mann durch das herunter gekurbelte Fahrerfenster an.

Der Wagen ist super in Schuss. 600 Mark sind fast geschenkt! Da brauch ich keinen Deppen, der mir einen Schmarrn von irgend einem Fehler an der Lenkung verzapft!“
Der Mann gab kräftig Gas. Er ließ den Motor laut aufheulen. So rauschte er davon.

Ich stand ziemlich verdutzt am Straßenrand. Meine erste Probefahrt war also beendet. Der Autokauf geplatzt.

Langsam lief ich am Straßenrand entlang. Sekunden lang dachte ich, dass ich mich geirrt haben musste. Die Lenkung musste in Ordnung sein. Ich hatte seit zwei Wochen kein Auto mehr gefahren. Der alte rote Fordtransitbus vom Jugendbüro, mit dem ich schon mehrmals Jugendliche in Wochenendferienhäuser gefahren hatte, fuhr keine automatische Rechtskurve.

Oder doch? Habe ich das bislang nicht bemerkt? Habe ich so wenig Fahrerfahrung, dass ich einfach vergessen habe, wie sich ein Fahrzeug lenkt? Ich dachte so und tapste langsam am Fahrbahnrand Richtung Bushaltestelle. Ich fand keine Erklärung.

Morgens war ich mit dem Linienbus aus der Kreisstadt in den kleinen Ort gefahren. Telefonisch hatte ich mein Interesse am Kauf und der Probefahrt angemeldet. Vielleicht sollte ich das Autokaufen erst noch lernen? Mein Blick auf meine Armbanduhr sagte mir, dass laut Fahrplan in fünf Minuten der Bus zurück in die Kreisstadt fuhr. Deshalb rannte ich los.

Nach einer engen Kurve erreichte ich die Bushaltestelle. Dort sah ich den gelben Kadett und den Verkäufer wieder. Außerdem sah ich da noch einen anderen Wagen stehen. Ein Mann war gemeinsam mit dem Verkäufer daran, mit Hilfe eines Abschleppseils und dem anderen Wagen, den gelben Kadett aus einem frisch gepflügten Acker zu ziehen.

Der Verkäufer war erst jetzt, nach seinem Unfall an der Bushaltestelle überzeugt, dass etwas nicht stimmte. Der Wagen fuhr automatisch nach rechts. Er hatte das Lenkrad nicht fest genug im Griff gehabt. Er hatte kräftig beschleunigt. Vorderradantrieb und Zug des Autos nach rechts. Das waren Kräfte, denen der Mann nicht gewachsen war. Das Auto war in der Kurve weit über den Fahrbahnrand hinaus geschossen.

Der Verkäufer war nicht mehr rot vor Wut. Seine Wut auf mich war verflogen. Stattdessen war er käsebleich geworden. Erst Tags zuvor sei er mit dem Auto in die große Kreisstadt zum Einkaufen gefahren. Da sei mit dem Auto noch alles in bester Ordnung gewesen.

Ich durfte die Probefahrt, in dem vom Acker verdreckten Kadett, fortsetzen. So stellte ich fest, dass sich der Wagen ganz normal fuhr. Während der Fahrt sprach ich kein Wort mehr mit dem Mann. Der wischte sich mit einem grünen Stofftaschentuch die Stirn. Das Auto wollte nur gemächlich beschleunigt werden. Abgesehen von der Lenkung war der Wagen aber völlig in Ordnung.

In seinen Augen und seinem Gesicht erkannte ich, dass er seinen Rausch noch nicht richtig ausgeschlafen hatte. Während er die Schrauben des Ersatzreifens vorne rechts kontrollierte und mit dem Radkreuz noch einmal nachzog, hörte der bleiche Vater seine Geschichte. Seine Hände waren schwarz von Wagenschmiere. Den ruinierten Reifen hatte der Sohn am frühen Morgen mühsam abmontiert und im Kofferraum verstaut. Gegen fünf Uhr früh war er in dem beschädigten Fahrzeug nach Hause gekommen.

Die kaputte Lenkung und der demolierte Reifen halbierten den Kaufpreis. Für dreihundert Mark war ich 1982 stolzer Besitzer eines gelben Opel Kadett geworden.