Autofahrt

Von Traunstein bis Berchtesgaden, wo ich damals gelebt hatte, sind es knappe fünfzig Kilometer. An Wochenenden war ich im Jahr 1982 und 1983 manchmal dorthin unterwegs. Ich fuhr gerne auf der kurvigen Landstraße über Teisendorf, Piding und Bad Reichenhall. Das war eine schöne Strecke. Freunde verstanden nicht, dass ich nicht die Autobahn nahm. Meine Bekannten waren größtenteils darauf getrimmt, so schnell als möglich von Punkt A nach B zu kommen. Ich hatte es nicht eilig. Ich lebte in Traunstein allein zur Untermiete bei meiner Vermieterin Frau Stößer. Ich hatte nur ganz wenige Freunde. Alle waren alle in ihren Familien eingebunden. Keiner hatte damals so viel Zeit wie ich.

Frau Stößer empfing oft laute Freundinnen, die gemeinsam auf der Terrasse im Garten bei Kaffee und Kuchen saßen. Das hörte ich gezwungenermaßen, denn ich wohnte oben. Das Haus war zwar ein Neubau doch trotzdem hellhörig, dass ich auch die täglichen Telefonate von Frau Stößer im Erdgeschoss nicht ausblenden konnte. Die Wochenenden verbrachte ich meist allein, während meine Bekannten in ihren Familien dem deutschen Wochenendalltag nachgingen.

Auf manchem Spaziergang durch Traunstein beobachtete ich, wie das deutsche Wochenende ging. Ich sah die wöchentliche Autowäsche vor der Einfamilienhaustür, den Besuch der Groß- oder Schwiegereltern zum Sonntagskaffee und den gemeinsamen sonntäglichen Gang zum Kirchenbesuch. Abends sah ich in den dunklen Straßen den Fernsehabend hinter Storvorhängen. Menschen strebten auf den Gehsteigen dem familiären Theaterbesuch im Volkstheater entgegen oder bestiegen Autos Richtung dem klassischen Konzert im nahe gelegenen Salzburg. Ein vereinsamter junger Mensch wie ich, gewann auf seinen Spaziergängen durch die kleine Stadt das Gefühl, dort wie ein Verbrecher herum zu schleichen, weil er nicht am Leben teilnahm. Es war dessen Strafe ausgeschlossen zu sein. Wegen seiner Einsamkeit hatte er unfreiwillig einen geschärften Blick für das, was an familiärem Leben hinter beleuchtenden Fenstern, auf den Straßen und Plätzen geschah.

Ich war achtzehn Jahre jung, lebte allein, hatte kaum Geld. Da war es mein Luxus, dass ich mir von meinen monatlich 700 Mark, die ich als Fall des Jugenwohlfahrtsgesetzes erhielt, neben der Miete von 250 Mark an Frau Stößer, den gelben Opel Kadett leistete. An den einsamen Wochenenden lief ich wie ein leiser Störenfried in der beschaulichen, und wie ich vielfach fand, ziemlich spießigen deutschen Welt meiner Bekannten umher. Ich wandelte ziellos durch die Kreisstadt Traunstein um zu sehen, ob dort nicht doch etwas war, dem ich mich anschließen konnte. Ich suchte etwas, um das Gefühl der Isolation in der Bayerischen Provinzstadt ein bisschen zu entschärfen. In der kleinen Stadt aber fand ich damals nichts. Mich interessierte der Bauernmarkt nicht, die Bauernmalerei in den Läden wollte ich mir nicht ansehen. Ich kaufte das nötigste bei einem Discounter ein. Ich kannte niemanden der mich ins Kino für das ich ohnehin kein Geld hatte begleitet hätte. So blieb es Wochenende für Wochenende bei Spaziergängen mit auf Dauer immer den gleichen Beobachtungen. Wenn ich mal nach Berchtesgaden fuhr, war das etwas besonderes. Ich hatte Zeit, um mit dem gelben Opel gemütlich die Landstraße zu nehmen, ich wollte das Fahren, das ich mir von meinem Lebensunterhalt ab sparte erleben und genießen.

Heute ist die Strecke von Traunstein nach Berchtesgaden zu einer breiten Rennstrecke ausgebaut. Vor wenigen Wochen war ich dort, wollte aus „Nostalgiegründen“ nochmal auf früheren Wegen fahren. Die Strecke ist so breit ausgebaut, dass ich sie nicht wieder erkannte.

Ich finde, es trifft das Wort zu, dass man Orte oder in diesem Fall Wege, die man in bestimmter Erinnerung hat, heute nicht mehr besuchen sollte. Ich finde im Jahr 2012 auf dem Weg nichts als Raserei von riesigen Autos. Es macht keinen Sinn zu versuchen die Abzweigung wieder zu finden, an der ich vor dreißig Jahren, ich zog von Berchtesgaden nach Traunstein, mit einem geliehenen Peugeot völlig überladen unterwegs gewesen war. Ein Tramper mit plattem Fahrrad stand da. Wegen ihm hatte ich mein Mobiliar am Straßenrand aus dem kleinen grünen Wagen geladen. Ich tat das, um dessen Fahrrad und den Tramper selbst, nebst meinem Mobiliar im kleinen Peugeot unter zu bringen. Manfred war der erste neue Freund auf den ich 1982 am Straßenrand traf. Für mich mich begann auf der Umzugsfahrt von Berchtesgaden nach Traunstein an diesem Tag meine Entlassung in meine Zukunft.