Wochenendbesuch

Das Treffen am Wochenende kann jetzt stattfinden. Immer wieder hatten wir es verschoben. Jetzt, wo ich am Wochenende nichts mehr für die Schule lerne, weil ich die Zeit dort neben dem leeren Stuhl von Matthias nur noch absitze, um am Schuljahresende eine vollständige Schulbesuchsbestätigung für das Amt zu erhalten, habe ich Zeit. Martin hat vorgeschlagen, auf dem Balkon vor meinem Zimmer zu grillen. Das ist eine gute Idee. Frau Stößer meinte dazu, dass ihr das egal ist, solange wir dort oben kein wildes Gegröle veranstalten und mit dem Grill sorgsam umgehen. Sie leiht mir sogar ihren Grill, der elektrisch funktioniert. Ich wundere mich ein bisschen über so viel Freundlichkeit, denn nie hatten wir seit meinem Einzug mehr miteinander zu tun gehabt als kurze Gespräche wegen Anrufen für mich auf ihrem Telefon. Liegt es daran, dass ich mein Zimmer zum Monatsende gekündigt habe?

Ich spreche mit Martin darüber, dass ich auch Ida, Thomas und vielleicht sogar Pete einlade. Das findet Martin super. Er wird Würstchen einkaufen und sogar einen Kartoffelsalat von seiner Mutter mitbringen.

Von der gelben Telefonzelle am Discounter erreiche ich Ida. Obwohl es regnet und recht frisch geworden ist, schwitze ich. Mir ist richtig heiß. Das ist immer so, wenn ich aufgeregt bin. Ich hätte genauso gut Pete erwischen können. Ida hat Zeit und sie weiß, dass auch Thomas Zeit haben wird. Pete habe vielleicht Zeit, genau wisse sie dass nicht, aber sicher wird sie es ihr sagen.

Martin findet die Idee nicht so gut den Elektrogrill zu benutzen. Er könnte einen guten Holzgrill mitbringen. Ich sage ihm: Das lassen wir lieber, denn ich weiß gar nicht wohin ich vom Balkon aus die Grillkohle entsorgen soll. Darüber macht Martin einen Witz. Haben die Stößers nicht einen Pool im Garten? Weil ich darüber nachdenke, wie ich es am besten erkläre, dass ich wegziehe, schaffe ich es nicht, darüber zu lachen. Ich sage nur: Ja den haben sie.

Pünktlich um sieben Uhr stehen alle zusammen vor der Tür. Pete ist tatsächlich mitgekommen. Es fällt mir sehr schwer sie anzusehen. Sie lacht mich an, wie während der Autofahrt. Wir stellen das Sofa einfach auf den Balkon. Der ist doch groß genug und hat ein schönes Dach, meint Thomas. Martin übernimmt die Grillerein mit dem Elektrogerät. Ich habe Bier besorgt, wir stoßen miteinander an und Pete fragt völlig unbefangen, im gleichen Tonfall in dem Sie mich im Auto gelöchert hatte: Was haben wird denn heute Schönes zu feiern? Alle sehen mich an. Die machen mir das aber leicht. Ich werde wegziehen, ich ziehe bald in die Großstadt.

Nein, wirklich? Ich sehe Pete jetzt sehr genau an. Sie sieht nicht traurig aus, sondern sie ist genauso überrascht, wie alle anderen. Das finde ich einerseits sehr gut, andererseits spüre ich, dass ich mir ein bisschen Traurigkeit gewünscht habe. Lange habe ich sie nicht gesehen, nichts war zwischen uns, trotzdem wünsche ich das. Es hätte mir gezeigt, dass sie nicht mit einem anderen zusammen ist. Das denke ich jetzt. Was ist das? Ist das mein verletzter Stolz? Ich hätte ihr am Feuer sagen können, dass ich sie liebe. Das habe ich nicht getan, also habe ich sie auch nicht geliebt. Dass sie mich zu diesem Zeitpunkt geliebt hat, hat etwas ausgelöst in mir. Was? Seitdem hänge ich ihr nach, obwohl ich sie nie wieder getroffen habe. Und jetzt sogar noch das: Ich erwarte von ihr ein Zeichen der Traurigkeit, weil ich wegziehe. Was stimmt da nicht? Ich weiß es nicht, aber ich spüre es. Was ich denke passt nicht zur Realität zwischen uns, die ich und sie geschaffen haben.

Ist es gut das durch meinen Wegzug aufzulösen? Oder haben wir beide noch etwas zu klären miteinander? Hätte ich das besser offen mit Pete geklärt, anstatt es jetzt mit einem Wegzug zu regeln? Würde es Sinn machen, Pete das was ich denke zu sagen? Ich kann nur vermuten, dass es mir wehtun würde, denn dadurch würde sich für mich nichts ändern. Sie würde ich wahrscheinlich verunsichern. Denn was soll sie mit so einer Botschaft anfangen? Seitdem du mir gesagt hast, dass du mich liebst und ich das verneint habe, denke ich oft an dich, obwohl wir uns nie mehr sehen. Was soll das einem Menschen sagen? Vielleicht spinne ich einfach. Das könnte es sein. Ich unterliege dem Wahn, Frauen dann hinterher zu weinen, wenn die mir gesagt haben, dass sie mich lieben, ich das aber abgelehnt habe und sie daraufhin verschwinden. Das ist mein Irrsinn! So denke ich jetzt.

Ich begründe meine Entscheidung damit, dass die Schule in der Kreisstadt mich echt geschafft habe. Ich müsste da raus, weil ich dort sonst krank werde. Deshalb habe ich eine andere Schule in der Großstadt gefunden, in der das hoffentlich besser wird. Alle finden es schade, dass ich gehe, aber sie verstehen, dass ich die Schule schaffen muss und wenn das in der Kreisstadt nicht sicher ist, etwas verändern muss.

Der Abend gerät zu einer Art Abschiedsabend, denn Thomas ist schon damit beschäftigt, in den Gebirgsort an seine neue Lehrstelle umzuziehen. Ida hat die Schule ziemlich gut abgeschlossen. Sie wird nach Österreich gehen um dort zu studieren. Ida und Thomas haben sich vor zwei Wochen getrennt. Weil die Arbeitsgruppe nicht mehr stattfand und auch der Verkaufsstand eingeschlafen ist, habe ich davon nichts mitbekommen. Sie haben miteinander noch telefonischen Kontakt gehabt und in zwei Gesprächen geklärt, dass die Trennung endgültig ist.

So wird der Abend kein lustiger Grillabend, wie ich das eigentlich nach der Kinderfeizeit mit Martin besprochen hatte, sondern die Gespräche an dem Abend werden immer ruhiger. Gegen ein Uhr Nachts erheben sich meine Freunde und ich begleite sie hinunter bis vor die schmiedeeiserne Gartentüre. Ich spüre, dass es nun vorbei ist mit uns. Das ist nun endlich die Situation, in der ich Pete umarme. Sie küsst mich auf die Wangen.