Vormittags

Wenn Sie das bis heute noch nicht gelernt haben, dann sind Sie fehl am Platz hier! Das hatte ich ihnen doch letzte Woche schon gesagt!“

Der brüllende Mann ist mittelgroß und drahtig. Er trägt eine eng anliegende Jeans und ein glänzendes, dunkelblaues, oben weit offenes Hemd. Sein Gesicht ist leicht gebräunt. Er trägt glatte, kurze, schwarze Haare.

Ich spüre dass mein Bauch sich zusammen zieht und mir das Atmen schwer fällt. Ich finde es seltsam, dass automatisch funktionierendes, etwa mein Atem, in Situationen, wie dem hasserfüllten Getöne dieses Technologielehrers, überraschend spürbar wird, weil der Atem nicht mehr richtig zu funktionieren scheint. Vielleicht verstärkt das meinen Hass auf diesen Typen. Ich verbinde ihn plötzlich sogar mit polternden bayerischen Politikern, in deren Arroganz offensichtliche Abneigung gegenüber Menschen die „anders“ sind liegt.

Mein Tischnachbar ist „anders“. Ich spüre an Ihm etwas, das zu ergründen ich mir vorgenommen habe. Ich werde herausfinden, was ihn in meiner Schulklasse zum Objekt macht, das den Hass des Lehrers trifft und warum er sich dem nicht widersetzt. Bis jetzt weiß ich nicht viel über ihn. Es bleibt nur ein Gefühl, das ihn „anders“ erscheinen lässt als die Klassenkameraden. Er ist kein Techniker, er ist ein ruhiger, zurück gezogener, ein eher in sich gekehrter Mensch. Er wirkt verschlossen, denn er spricht wenig und tritt in der Schulklasse im Prinzip nicht in Erscheinung. Er ist da, wirkt aber so, als gäbe es ihn nicht.

Vor der grünen riesigen Tafel bewegt sich der Lehrer wie ein Tennisspieler. Gerade hat er einen Matchball hin geknallt. Das von ihm unterrichtete sei logisch und deshalb logischer Weise selbsterklärend, da braucht es nur das nötigste, nicht viele Worte, so meint der sportliche Mann. Mein Banknachbar wird heute mal wieder vom Platz gefegt. Noch blickt er angestrengt nach vorne, erfasst den Drahtigen, setzt alle Kräfte in Gang um volle Konzentration und Aufmerksam Richtung Sportler zu lenken. Sein Blick in gerader Linie, Auge in Auge mit dem Gebräunten, doch er sagt nichts. Heute fragt er nichts, denn noch bevor er zu seiner heutigen Frage ansetzten kann, knüppelt der Matchball meinen Nachbarn nieder. Zahlenkolonnen und Formelreihen in einer großen Tabelle schüttet der Mann dem vermeintlich Fragenden hin. Der verzieht keine Mine, sondern sticht starren Blicks auf die Augen des großen da vorne ein.

Ich sitze auf meinem Platz am Tisch neben ihm und versuche es ihm jetzt genau gleich zu tun. Ich versuche einen ganz ernsten, aber unbeteiligten Blick nach vorne zur Tafel direkt in die Augen des oben weit offenen Hemdes zu richten. Ich suche dessen Augen, finde aber schwarze Haare, die aus dem weiten Hemd heraus stehen. Dann endlich hab ich seine Augen, in die ich sofort tief hinein steche. Mit einem Pfeil tue ich das, vorne gehärteter spitzer Stahl, solcher von dem der Technologielehrer in der heutigen Materialkundestunde doziert. Den jage ich dem eng anliegenden Jeansträger mit solcher Wucht in die Augen, dass es daraus zu qualmen scheint. Ein Geräusch wie aus einer dampfenden Pfanne, die ein kalter Wasserstrahl erreicht.

Was führt der tänzelnde Schöne heute im Klassenzimmer vor? Er hat ein dünnes Stahlrohr, das er über die Flamme eines Bunsenbrenners hält, um es nach gewisser Zeit in einem Wasserbecken auf seinem Tisch ab zu kühlen. Er dreht sich während der Vorführung immer wieder zur Tafel, um dort Formeln und unverständliche Textkürzel in die Spalten und Reihen einer Tabelle zu platzieren.

Ich schreibe alles aus der Tabelle ordentlich in mein Technologieheft. Ich bin äußerst interessiert an dem Text, der nicht im Sinne eines Textes zu sehen ist, sondern eher einem verklausulierten Bild gleicht, das der gebräunte Sportler vorne an der Tafel aufzuführen scheint. Das Bild einer mächtigen Person, die Schülern die Technologie erklärt. So unverständlich wie irgend möglich, in Kürzeln und geheimen Zifferncodes. Zweck dahinter ist die Abschreckung derjenigen Menschen, die in der Schulbank nichts verloren haben. Das offene Hemd meint mich und meinen Tischnachbarn.

Mein Gegenhalten heißt „nicht auffallen“. Ich verstehe mindestens so wenig wie mein Tischnachbar, aber stelle keine Fragen. Er dagegen hatte den gebräunten Profi schon in den ersten Stunden so viel gefragt, und damit wohl provoziert, dass dieser anfing, von Stunde zu Stunde mit immer mehr Kürzeln, unverständlichen Ziffernfolgen und Formeln dagegen zu halten.

Mich interessiert prinzipiell die Antwort auf das, was mein Banknachbar fragt sehr. Doch im Gegensatz zu ihm wurde mir in der ersten Unterrichtsstunde bei dem arroganten Kerl klar, dass ich besser nachmittags in den Schulbüchern nach Antworten suche. Antwort auf Fragen zu geben ist für den Technologielehrer halt nicht üblich.

Mittags um halb zwei laufe ich von der Schule hinunter zum Fluss, der Traun. Das Haus von Frau Stößer liegt auf der andern Uferseite. Mein Weg führt dort durch den Wald hinauf an die Bahnlinie. In der Stadt kaufe ich zuvor bei einem Discounter Lebensmittel. Von monatlich siebenhundert Mark habe ich nach Abzug der Miete noch vierhundertfünfzig. Deshalb kaufe ich im Discounter stets das billigste. Brot, Nudeln, Dosentomaten und so weiter.

Beim Einkaufen meiner Lebensmittel denke ich daran, dass die Dinge, welche ich an Wochenenden für das Jugendbüro verkaufe, zum Teil das fünf bis sechsfache von dem kosten, was ich mir zum Beispiel für Kaffee leisten kann. Ich werbe mit Informationsbroschüren gegen Waren wie Kaffee aus herkömmlichem Verkauf. Ich kaufe diesen Kaffee aber selbst. Ich kann mir nichts anderes leisten.

Mein Leben ist ein wackeliger Rhythmus von Gegensätzen. Der brüllende bayerische Ministerpräsident abends auf meiner schwarz-weißen Mattscheibe, der Ausländer zurück in Hunger und Bedrohung schicken will, aber selbst hier bleiben möchte, obwohl er ja nur per Zufall hier in Bayern zur Welt gekommen war und nicht etwa in Afrika, der Lehrer an der Technologieschule der mit weit geöffnetem Hemdskragen den Tennisprofi miemt, während er seinen Job verweigert, der Stadt- und der Landkreispolitiker im Puff neben meinem Zimmer im Haus von Frau Stößer.

Nichts ist wie es sein sollte, weil halt der Schein das eigentliche ist. Obwohl alles anders ist, glaube ich immer noch daran, dass es „normaler Weise“ sein sollte, wie es ursprünglich mal gedacht war. Der Ministerpräsident, der gerne Flugzeugführer wäre und sein Amt missbraucht um ein Flugzeug in Moskau zu landen, anstatt politisch den Armen und geflüchteten Menschen in Bayern Hilfe zu geben. Der Lehrer will gerne anderes sein und vermeidet deshalb zu lehren, weil ja eh alles logisch ist, was er zu lehren hat. Da taucht bei mir die Frage auf: Wozu braucht es dann noch einen Lehrer? Wozu braucht es Politiker, wenn die im Dienst lieber ein Flugzeug führen anstatt dem Land und den Leuten zu helfen? Wahrscheinlich bin ich das Problem, denn ich denke viel zu einfach, vielleicht sogar naiv. Es ist alles wie es ist, nämlich ganz anders als ich glaube.

In der kleinen Küchenzeile haue ich ein paar Eier vom Discounter in die Pfanne. Ich schneide von einem weichen hellen Brot ein paar Scheiben ab, schäle ein paar Karotten und würze die Eier in der Pfanne.
Wie gut, dass niemand weiß was ich hier tue. Auf der Realschule, noch letztes Jahr bei meinen Pflegeeltern, hatte ich Kochunterricht gehabt. Ich nehme die Pfanne von der Platte. Ich gehe in mein Zimmer, wo ich mich mit diesem Mittagessen auf das Sofa vor dem kleinen, braunen Tisch setze. Von unten höre ich Frau Stößer. Sie ruft nach mir.

Das Telefon steht vor der Eingangstüre in Frau Stößers Wohnung im Erdgeschoss. Es ist in Ordnung, dass ich mich bei Frau Stößer anrufen lasse. Telefonieren darf ich aber nicht.

Es ist Karin aus Berchtesgaden.

Guten Tag der Herr! Alles im Lot?

Ja klar, passt schon.

Wie sieht es bei Dir heute Nachmittag aus? Ich komme nach Traunstein, weil ich bei Erich übernachte. Sollen wir uns vorher treffen?

O.k. Wo?

Könnte bei dir vorbeikommen!

Alles klar, wann?

Um halb sechs?

O.k.

Erich der Busfahrer ist viele Jahre älter als sie. Der Mann lebt in der Nähe von Traunstein. Weil ihre Beziehung zum „alten“ Erich nicht von Karins Eltern gesehen werden soll, bin ich einverstanden für Karin den Lügner zu spielen. Sie übernachtet bei Erich, ist für ihre Eltern aber bei mir in Traunstein. Karins Eltern haben Frau Stößers Telefonnummer. Sie haben mich aber noch nie angerufen.