Umzug

Der Deutschlehrer kommt nach wochenlanger Erkrankung heute ein letztes Mal in die Deutschstunde. Er kommt um mit uns zusammen die letzte Prüfung des Schuljahres in seinem Fach zu korrigieren. Er verteilt die Ergebnisse sofort zu Beginn der Stunde und bespricht mit uns das Thema des Textes der Textanalyse. In dem Text geht es um einen Schmied, der versucht sein Glück zu schmieden. Der Schmied scheitert daran, dass ihn in seiner nächsten Umgebung niemand unterstützt. Er scheitert daran, dass er anderes gelernt hat, als das, was in seiner Umgebung nun notwendig geworden ist. Sein Scheitern hängt schließlich auch damit zusammen, dass die vielen Ideen die er hat, um an seinem Glück zu arbeiten, von niemandem gutgeheißen oder anerkannt werden. Seine Ideen, so stellt der Schmied schließlich fest, sind einfach nicht zeitgemäß, sie passen nicht zum Zeitgeist. Der Zeitgeist regiert seine Welt, so denkt der Schmied, aber er hat Ideen, die zu weltoffen sind für den Zeitgeist. Manchmal flucht der Schmied wütend über diesen, wie er findet, komischen Geist. Dann schreit er laut in seiner Werkstatt herum und trampelt darin auf und ab.

Der Schmied will zum Beispiel in seiner Arbeit nicht nur für sich allein Arbeiten, sondern er versucht ein Team zu gründen, in dem er zusammen mit anderen arbeiten möchte. Aber alle Kollegen, die er für sein Team zu gewinnen versucht, begegnen dem Schmied mit Misstrauen. Ständig wird der Schmied gefragt, was er eigentlich im Schilde führe, welche Tricks hinter seinen Ideen steckten, hinter welches Licht er die Menschen nun führen wolle, um mehr Geld zu verdienen, um einen Vorteil zu erreichen, um besser zu sein, als die Konkurrenz. Er findet keinen Weg seine Ideen umzusetzen, denn der Zeitgeist, auf den er stößt, ist eine völlig anderer. Er ist geprägt von Abgrenzung, Konkurrenz und Ablehnung der Menschen.

Schließlich erklärt der Schmied sein Schmieden für gescheitert. Er zieht sich zurück und beginnt in einer anderen Stadt von vorne. Dort will er sich von Beginn an dem Zeitgeist unterwerfen. Er schmiedet nicht mehr an Glück, sondern er will nur noch arbeiten um zu produzieren, er will gewinnen, er will an Anderen vorbeiziehen, anstatt zu versuchen sie mitzunehmen. Das ist nun sein Ziel: Er wird sein Glück suchen indem er den Zeitgeist in sein Leben integriert, anstatt ständig eigene Ideen zu entwickeln und zu verfolgen. Am Glück zu schmieden, das funktioniert nicht. Glück ist etwas anderes, es ist schon da, man muss es nur finden, dazu braucht man den Zeitgeist, es muss nicht erst geschmiedet werden. So denkt der Schmied nun.

Im Laufe der Deutschstunde wird mir klar, dass der Deutschlehrer einen Text ausgesucht hatte, der große Teile seiner eigenen Situation beschreibt. Auch der Deutschlehrer wird die Schule verlassen, dann er ist an ihr gescheitert. Er verabschiedet sich mit einer letzten Unterrichtsstunde und einer letzten Prüfung in der er seine eigene Situation aufgreift. Aber im Gegensatz zum Schmied erklärt er, dass er nicht nur die Kreisstadt verlässt um in eine andere Stadt zu gehen, sondern er wird das Bundesland wechseln. Er hofft darauf, nicht eines Tages neu beginnen zu müssen wie der Schmied, sondern er versucht es noch einmal. Deshalb wechselt er das Bundesland. Erst wenn er auch dort scheitert, bleibt ihm nichts anderes als sich, so wie der Schmied es plant, dem Zeitgeist bedingungslos anzupassen.

Es ist die Unterrichtsstunde des großen Interesses. Nie zuvor hatte ich in der Schulklasse solch interessierte Augen gesehen. In dem Klassenraum herrscht keine Ruhe aus Zwang, so wie dass üblicher Weise der Fall ist, sondern die Ruhe entsteht aus Erstaunen darüber, was hier vorgeht. Im Gesicht von manchem Mitschüler beobachte ich höchste Spannung und Aufmerksamkeit.

Was der Lehrer tut ist ungewöhnlich. Spannung entsteht, weil er nicht davon spricht, dass er gescheitert ist, sondern davon, dass er weitermachen wird. Aber er wird anderen Ortes weitermachen. Darin sieht der Lehrer Sinn. Sein Ziel ist nicht gescheitert, sondern er ist an seiner Umgebung gescheitert. Auch ich sehe, genauso wie viel Mitschüler den Lehrer ungläubig und überrascht an. Noch einmal versuchen, was hier nicht funktioniert? Die Umgebung wechseln, weil die Umgebung schlecht ist? Das finde ich interessant. Vielleicht gibt es für mich auch eine bessere Umgebung? Vielleicht ist auch meine Entscheidung zum Wechsel dieser Schule völlig richtig. Vielleicht ist das Klima der Menschen an dieser Schule so stark vom Zeitgeist geprägt, dass Menschen wie ich einfach keine Chance haben. Wenn das stimmt, ist es vollkommen richtig, nach anderen Chancen zu suchen, denn die können sich hier, an dieser Zeitgeistschule, nicht entwickeln.

Die letzte Deutschstunde ist für mich die interessanteste Stunde an dieser Schule. Sie hat Inhalt, Aussage und Perspektive. Sie ist zumindest für zwei Leute, dem Deutschlehrer und mir, voll von Bestätigungen für wichtige Entscheidungen. Sie rüttelt mindestens dreißig andere Mitschüler zumindest kurzzeitig auf. Sie regt die Mitschüler zu Überraschung, Erstaunen und schließlich Nachdenklichkeit an. Auch wenn das zunächst nichts ändert, könnte die letzte Deutschstunde zumindest ein winziges Sandkorn im Getriebe der Gleichgültigkeit, Anpassung und schlichten Unterwerfung unter den Zeitgeist aus selbstherrlicher Konkurrenz und Ausgrenzung, die an der Schule täglich gelebt wird, sein. Aus derartigen Erlebnissen könnte sich für manchen Mitschüler eines Tages eine hübsche Handlungssumme ergeben.

Der rote Bus vom Jugendbüro ist bis unters Dach voll gestopft mit meinen Sachen. Das alte Sofa haben wir nun endlich zum Sperrmüll gebracht. Den alten Fernsehapparat, er hatte schon seit Wochen nur noch Ton aber kein Bild mehr von sich gegeben, versenkte ich früh morgens, nach der letzten Rückkehr von meiner Feuerstelle, in der großen Mülltonne neben dem Moulin Rouge. Dort parken keine Autos mehr, sondern auf dem Parkplatz wurde vor Tagen ein großer Kran aufgebaut. Das Moulin Rouge hat das Zeitliche hinter sich. Dort werden keine angeblichen Kreis- und Landräte mehr ein und ausgehen. Es wird abgerissen. An seiner Stelle entstehen neue Einfamilienhäuser. Die Bautafeln, die das bewerben, stehen bereits.

Der gelbe Opel-Kadett hat seine letzte Fahrt hinter sich. Sie führte mich zu einem Feuerwehrfest. Dort habe ich die Kennzeichen abgeschraubt und das Auto den Feuerwehrleuten überlassen. Die bauten das Auto in eine Sicherheitsvorführung ein. Zum Schluss erkannte ich den Motor, der aus einem Haufen zerschnittenen, gelben Blechs herausragte. Am Motor erkannte ich aus sicherer Entfernung die Lichtmaschine, die ich mir am Straßenrand für wenig Geld hatte einbauen lassen.

Frau Stößer verzichtet auf die halbe Monatsmiete für die Hälfte des Monats August. Sie hat verstanden, dass ich die neue Wohnung erst renovieren muss und deshalb nicht sofort umziehen kann, aber in der Stadt schon Miete bezahle. „Das ist der Zeitgeist!“ So rief Frau Stößer und dass es in der Großstadt eben anders zuginge. Ich könnte ruhig noch bis Mitte des Monats bleiben, so schnell finde sie eh keinen Nachmieter für mein Zimmer. Sie überlege, ob sie das Zimmer überhaupt weiter vermieten werde, eigentlich könne sie auch ein Gästezimmer daraus machen für Besucher.

Martin fährt den roten Jugendbus dicht an die Haustür meiner neuen Bleibe heran. Das Ausladen ist in eine knappen halben Stunde geschafft. Ich wohne, wie bei Frau Stößer im zweiten Stock, aber die Aussicht ist unvergleichbar. Anstatt der Kreisstadt mit dem Fluss, sehe ich aus meinem Fenster heraus die tosende Autobahn mit sechs Fahrspuren. Martin stellt mit mir zusammen Schrank und Schreibtisch in meinem neuen Zimmer auf. Nach der Arbeit lässt er sich erschöpft in den orangenfarbenen Sessel fallen. Martin kennt die Stadt, denn hier hat er seine kaufmännische Ausbildung gemacht und währenddessen in einem Wohnheim gewohnt. Hin und wieder führt ihn sein Weg in die Stadt zu alten Bekannten. Er versichert mir, dass er mich anrufen und besuchen wird.

Von Thomas, meinem neuen Mitbewohner in der Stadt sehe ich nichts, er ist offenbar in einem Baumarkt unterwegs. Die Renovierung der Wohnung ist noch nicht abgeschlossen. Die Küche ist noch nicht fertig und das Wohnzimmer steht voll mit Tapeziertisch und Farbeimern. Deshalb sitze ich mit Martin in meinem neuen Zimmer, das kleiner als die Hälfte meines Zimmers bei Frau Stößer ist. Wir sprechen über meine neue Schule, die im Herbst beginnt und über Martins alte Freunde, die er in der Stadt besucht. Er sitzt mir gegenüber, im orangenfarbigen Sessel, der mich an Pete erinnert. Ich denke, dass ich den Sessel wegwerfen werde.

Zusammen tragen wir den orangenfarbenen Sessel über die zwei Stockwerke durch das Treppenhaus hinunter. Martin führt den roten Bus wieder dicht vor die Tür. Draußen ist es dunkel geworden und es regnet. Wir laden den Sessel in den leeren Laderaum. Martin befestigt ihn rechts und links mit einer Schnur. Martin schüttelt mir die Hand und wirft einen prüfenden Blick durch die Fenster auf den Sessel im Laderaum des Jugendbusses. Den kann ich in meinem Zimmer gut gebrauchen. Vielen Dank! Der hat halt jetzt eine kleine Reise in die Stadt gemacht! Martin lacht mich an, während er das sagt. Bis bald, wir telefonieren!

Der rote Jugendbus verschwindet im Verkehrsgetümmel der Autobahn. Ich steige die zwei Stockwerke hinauf in mein neues Zimmer. Ich habe es gelb gestrichen. Gelb wie die Farbe vom Opel-Kadett. Ich schalte das Licht ein. Ich setze mich an meinen Schreibtisch. Es ist ein grelles Gelb. Jetzt bin ich hier. Das erste Jahr ist vorbei.