Schulvormittag

Im Physikunterricht am Morgen wird eine spontane Extemporale über ein Teilgebiet der Lasertechnik geschrieben. Ich habe Glück, denn tatsächlich kann ich die Fragen verstehen. Sie haben mit denjenigen Inhalten und Dingen zu tun, die in der letzten Stunde in der Vorwoche am Donnerstag behandelt worden waren und über die im Physikbuch unter dem entsprechenden Kapitel nachzulesen war. Der Physiklehrer verteilt vervielfältigtes, gelbliches, ein Wenig glänzendes Papier. Er hat die Ex mittels des immer seltener gebräuchlichen Linoleumdruckverfahrens vervielfältigt. Blaue Tintendruckschrift auf gelblich glänzendem Papier. Das Papier hat die Eigenschaft, rechts und links nach unten zu fallen, dabei auch schnell mal abzuknicken, wenn man das Blatt in der Mitte hoch hebt. Das Papier und der Druck erinnern mich an meine alte Schule im Gebirgsort. Dort war alles, was die Lehrerin im Unterricht verteilt hatte in solcher Weise auf solchem Papier gedruckt. Die Lehrerin kurbelte das Papier und ihre Vorlage selbst durch die Maschine, die aus zwei Walzen und der Druckvorlage bestand. Auf die Walzen wurde mit einem Schaber möglichst gleichmäßig die Tinte aufgebracht. Dass der Physiklehrer das moderne Thema mittels Vervielfältigung anhand der inzwischen veralteten Drucktechnik abfragt, finde ich gut. Was er da abfragt finde ich schwierig. Wie der Lehrer dabei auftritt finde ich unmöglich. Es ist das typische Auftreten der Lehrer die mich an dieser Schule unterrichten, solches Auftreten kannte ich von keiner meiner vorhergehenden Schulen.

Der Mann betritt morgens den Klassenraum ohne einen Schüler auch nur anzusehen, geschweige denn die Schulklasse zu begrüßen. Den großen, schwarzen Aktenkoffer stellt er auf seinen Lehrertisch und knipst klackernd die Verschlüsse auf. Einen Schüler aus der ersten Reihe, dessen Name er offenbar nicht kennt und wohl nicht kennen lernen will, weist er zu sich. Dem drückt er einen Stapel Papier in die Hand, den er mit einem festen Griff aus seinem Aktenkoffer hebt.

Verteilen!

Alle Unterlagen vom Tisch!

Das plärrt er in den Klassenraum, spricht damit aber keinen von uns an, meint uns aber eindeutig mit dieser Ansage.

Sie benötigen nur ein Schreibgerät!

Sofort packen die Mitschüler und ich alles was vor uns auf dem Tisch liegt in die Schultaschen. Übrig bleibt nur ein Stift.

Im Zimmer herrscht totenstille.

Der Verteiler beeilt sich die Blätter auf dem Kopf liegend auf den Tischen zu verteilen. Ich berühre das Blatt nicht. Ich berühre es selbst dann nicht als es droht, wegen dem Wind den der Verteiler im Vorbeihuschen macht, vom Tisch zu fliegen. Ich kenne dieses Spiel aus dieser Schule. Wer das Blatt vor dem Befehl des Lehrers berührt hat verloren. Meine Arme verschränke ich vor meiner Brust.

Der Verteiler ist fertig und liefert beim Physiklehrer den Rest Blätter ab. Jetzt schaut der Physiklehrer angestrengt auf seine riesige silberne Armbanduhr. Er drückt auf einen Seitenknopf an der Uhr. Er blick auf, starrt in den Klassenraum auf einen Punkt den ich nicht sehe. Sein breiter Mund öffnet sich:

Ab jetzt hamms zwanzig Minuten!

Jeder dreht sofort das Papier um. Sämtliche Schüler im Zimmer beginnen ohne Zeitverzögerung auf dem Papier herum zu kritzeln. Auch ich fülle das Papier oben rechts mit meinem Namen und blicke die nächsten zwanzig Minuten nicht mehr von diesem Papier auf. Ich rattere eine Frage nach der nächsten durch. Schreibe zu jeder frage so schnell wie möglich so viel wie mir dazu einfällt hin. Und tatsächlich fällt mir etwas ein. Es sind diejenigen Dinge, die ich wenige Stunden zuvor, nachts an meinem Schreibtisch im Physikbuch gelesen hatte. Alles woran ich mich erinnern kann, was zu den jeweiligen Fragen passt, schreibe ich jetzt hin. Dabei achte ich darauf, dass ich mich bei jeder Frage höchstens drei Minuten lang aufhalte. Es sind sieben Fragen. Bei zwanzig Minuten Zeit kann ich mir mehr Zeit pro Frage nicht leisten. Weil jede Frage mit Punkten bewertet wird, glaube ich daran, dass es effektiv ist, möglichst alle Fragen ab zu klappern anstatt mich an einer fest zubeißen.

Bei diesen Tests unter diesem Zeitdruck geht es nicht darum tatsächlich etwas verstanden zu haben. Die Materie wurde mir nie verständlich erklärt. Sie wurde vergangene Woche von diesem Lehrer an die Tafel gekritzelt. Ich habe sie heute Nacht im Physikbuch gefunden. Verstanden habe ich sie auch beim Lesen nicht. Ich erinnere mich aber an den Inhalt, den habe ich heute Nacht vielfach wiederholt. Darum geht es. Glücklicher Weise habe ich das Kapitel im Physikbuch heute Nacht angestrengt und verbissen gelesen. Ich habe es in mich hinein gezwungen. Die Methode ist mein Alltag. Die Schule und ihre Methoden sind mein Alltag. Ich lese Sätze und Formeln und wiederhole sie so oft bis ich das Gefühl habe, dass ich das behalten kann. Um das zu erreichen muss ich die Inhalte mit Gewalt und Kraft in mein Hirn hinein prügeln. Ich muss einen inneren Widerstand überwinden, das wissen zu wollen. Wenn das geschafft ist, muss ich alles stupide so oft wie möglich wiederholen. Das habe ich heute Nacht getan. In meinem Alltag geht es darum, möglichst schnell und möglichst viel Wissen „wieder zu käuen“ und in solchen Prüfungen wie heute Morgen einfach wieder aus zu spucken.

Ich höre leises rascheln am Tisch von rechts neben mir. Ich höre ein Flüstern. Es ist kaum hörbar. Aber es ist deutlich vorhanden. Da will einer was von mir wissen. Ein Nachbar von rechts, es ist nicht Matthias, der sitzt links von mir. Der da was von mir will, den kenne ich nicht, obwohl ich schon ein knappes halbes Jahr in dieser Schule sitze. Mit dem habe ich noch nie gesprochen. Ich kann dem Flüsterer nicht helfen. Der gefährdet mich, wo ich doch heute mal was weiß. Ich neige meinen Kopf noch dichter herunter zu dem Blatt auf das ich schreibe und lese und schreibe und lese. Ich muss so viel wie möglich von dem Wissen an das ich mich aus dem Kapitel erinnere hier auf dieses gelbliche Blatt kritzeln. Der Lehrer ruft jetzt laut einen Namen. Wer ist das, den er da ruft? Es ist der Namen meines rechten Nachbarn.

Vortreten und abgeben!

Ich höre leise Flüche. Ich weiß nicht ob der Nachbar mich meint. Er rückt seinen Stuhl nach hinten. Jetzt geht er mit seinem Papier in der Hand vor zum Physiklehrer.

Das verstehe ich nicht.

Ruhe!

So brüllt der Physiklehrer ihn an.

Gebens her!

Er entreißt meinem Nachbarn sein Papier. Nun weist er ihn mit dem linken Arm, an dessen Hand die schwere Armbanduhr hängt, zur Tür.

Raus, in elf Minuten sand’s wieder da, oder sonst brauchans nie mehr kemma!

Ich gehe zu Frage Nummer vier. Für die verbliebenen vier Fragen sind nur noch elf Minuten übrig. Ich lese, schreibe, schreibe und schreibe.

Schluss jetzt, sofort die Schreibgeräte neben dem Papier ablegen!

Ich und alle Mitschüler tun was der Physiklehrer befiehlt. Der winkt wieder dem unbekannten Mitschüler in der ersten Reihe zu.

Einsammeln!

Schnell geht der Mitschüler Reihe für Reihe durch, sammelt alle Papiere ein und liefert sie vorne ab. Die Klassentür öffnet sich, herein kommt mein rechter Nachbar, der mir zuvor von zugeflüstert hatte. Der Lehrer würdigt ihn keines Blickes. Der Mitschüler setzt sich rechts von mir an seinen Tisch. Er starrt nach vorne Richtung grüner Tafel.

Die Anspannung, welche ich wegen dieser kurzen Prüfung spüre, interessiert den Lehrer nicht. Ich spüre sie wegen meinem schnellen Atmen und ich spüre auch das Atmen der Mitschüler ringsum. Der Lehrer steckt den Papierstapel in seine Aktentasche. Er schlägt im Physikbuch eine Seite auf, öffnet die Tafel und beginnt dort einen Text zu notieren. Laut referiert er in Richtung der Tafel über das nächste Kapitel welches im Physikbuch im Anschluss an die Lasertechnologie behandelt wird. Bis zum Ende der Stunde schreibt er die Tafel voll. Dann teilt er die Aufgabennummern aus dem Physikbuch mit, welche bis zur ächsten Physikstunde in diesem Zusammenhang zu lösen sind. Der Gongschlag ertönt. Der Lehrer lässt sein Physikbuch in seiner schwarzen Aktentasche verschwinden und verlässt wortlos das Klassenzimmer. Meine Mitschüler und ich verräumen sämtliche Unterlagen dieser Stunde in unseren Taschen. Der Tisch wird nun vom nächsten Buch belegt, das ist Mathematik. Nach wenigen Minuten, ich spreche in dieser Zeit niemanden an und werde nicht angesprochen, sondern blicke einfach nur zum Fenster hinaus, erscheint der Platzfeger in seinem blau glänzenden, weit geöffneten Hemd.

Setzens erna, und sans ruhig.