Politik

Montags in der Schule ist es, als habe kein Praktikum stattgefunden. Auch die Pfingstferien hatte es nie gegeben. Die Praktikumshefte werden eingesammelt. Sie kommen in eine Akte. Sie gehören als Nachweis zu den Unterlagen die notwendig sind um die Versetzung in das nächste Schuljahr zu schaffen. Der Inhalt des Praktikums und des Heftes wird nicht besprochen. Das hat mit dem Schulunterricht nichts zu tun.

Mir fehlen noch zwei gute Noten in abschließenden Arbeiten, die in dieser Woche geschrieben werden. Ich habe deshalb das gesamte Wochenende vor meinen Büchern verbracht. Ich habe, wie eine Maschine in der Fabrik, alles in meinen Kopf hinein gehämmert, was in den letzten entscheidenden Prüfungen behandelt werden könnte. Heute in der sechsten Stunde steht der erste Test an. Er läuft genau so ab, wie ich das an dieser Schule kenne. Eines ist anders. Matthias fehlt. Er ist heute einfach nicht gekommen. Am Freitag hatte er noch zu mir gesagt, dass kommenden Montag und Mittwoch ja noch zwei wichtige Prüfungen anstünden. Wir haben darüber gescherzt, dass wir uns über das Wochenende die Birnen mit Wissen zudröhnen würden. Danach wäre das Schuljahr dann ja wohl endgültig gelaufen.

Ich denke nicht darüber nach, wo Matthias geblieben sein könnte, sondern ich sitze und schreibe die Prüfung. Ich kotze alles auf das Papier, was mir annähernd mit dem Lösungsweg und der Materie tu tun zu haben scheint, die in der Prüfung abgefragt wird. Ich wende meine stupide und konsequent eingeübte Methode an. Um jede Aufgabe zu bearbeiten habe ich nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung. Ich deute bei allen Aufgaben den Lösungsweg an. Schreibe die dazu passenden Formeln hin, die mein Hirn ausspuckt. Ich habe am Wochenende viele Formeln auswendig gelernt. Dann beginne ich Lösungen zu errechnen. Auf halbem Weg, meist komme eh nicht weiter, springe ich zur nächsten Aufgabe. Zum Schluss habe ich alle Aufgaben irgendwie abgearbeitet. Mir bleiben noch knappe zehn Minuten Zeit. Ich gehe diejenigen Aufgaben noch mal kurz an, zu denen mir, während der Arbeit an anderen Aufgaben, zwischenzeitig eine Erinnerung an das am Wochenende in mein Hirn mit Gewalt hineingehämmerte Wissen kommt. Ich ergänze diese Aufgaben mit diesen Einfällen.

Die ganze Klassenarbeit hindurch wende ich meinen Kopf, meinen Blick nicht von den karierten Blättern auf dem Tisch vor mir ab. Mein Blick geht nicht nach rechts, nicht nach links zu dem leeren Platz von Matthias und nicht nach vorne zum Mathematiklehrer. Alles um mich herum blende ich von der Sekunde an aus, ab der der Lehrer seine Stoppuhr am Handgelenk betätigt hat. Als der Lehrer ruft: Schluss jetzt, keiner schreibt mehr, lasse ich mechanisch den Stift einfach fallen, um mich keine Sekunde lang der Gefahr auszusetzen, dass er meine Arbeit einkassiert und mit der Note sechs bewertet. Erschöpft lasse ich mich in den Stuhl zurück sinken. Mein Blick fällt auf den leeren Stuhl von Matthias.

Im Sekretariat ist um diese Uhrzeit Mittagspause. Eine schlecht gelaunte Mitarbeiterin, hinter einem hohen grauen Tresen raunst mich an: Warum woins denn des wissen? Is des a Verwandter von erna oder wos? Sand sie der Bruader vo dem? In was für a Klass geht jetzt der? Was hamms gsagt?

Ich verlasse das Sekretariat nach wenigen Minuten. Von der Frau bekomme ich keine Auskunft. Matthias geht mich nichts an. Weder Adresse, noch Telefonnummer kann ich über diesen Weg herausfinden. Ich verlasse das Schulgebäude, laufe meine tägliche Strecke in Richtung Stadtmitte. Erst an der Telefonzelle kurz vor dem Discounter fällt mir ein, dass ich morgens mit dem Fahrrad gefahren war. Das habe ich jetzt vor der Schule stehen lassen. Im Telefonbuch finde ich im regionalen Bereich das Verzeichnis über den kleinen Ort den Matthias mir als seinen Wohnort genannt hatte. Ich suche nach seinem Namen. Nichts. Ich gehe den Buchstaben noch einmal langsam mit dem Zeigefinger durch. Doch! Da ist er! Heißt Matthias Vater mit Vornamen Michael? Keine Ahnung, aber das ist der einzige Name in diesem Ort, der passt. Ich krame in meiner Tasche, wo ich mehrere Zehnpfennigstücke finde.

Das Telefon ist alt. Es ist noch nicht so ein silbernfarbiger, kleiner Kasten, wie sie von der Post am Bahnhof inzwischen in einer Reihe angebracht worden sind. Ich sehe, wie die Münzen in dem Apparat hinter der Sichtglasscheibe entlang rollen und schließlich hintereinander aufgereiht liegen bleiben. Ich erinnere mich an meine früheren Anrufe am Sonntagnachmittag bei Oma. Der schwarze Apparat, der schwere schwarze Hörer, das gelbe Telfonhäuschen. Alles in dieser Telefonzelle ist so, wie es noch vor sechs Jahren und die Jahre davor gewesen war. Jeden Sonntag hatte ich bei Oma angerufen. Selbst der Geruch dieses Telefons kommt mir genauso vor.

Das Freizeichen höre ich sieben, acht mal. Ich lege auf keinen Fall auf. Ich lasse es so lange läuten, bis entweder jemand abhebt, oder ein Belegt – Signal kommt, dann versuche ich es eben noch mal. Dazu kommt es nicht. Ich höre eine tiefe Männerstimme. Ist das sein Vater? Vielleicht ist das sein Vater, oder ist es sein Großvater? Was ich von Matthias will, der sei nicht da. Warum ich wissen will, wo er ist? Ob ich ein Lehrer sei? Nein ich bin ein Mitschüler. Es gehe mich zwar überhaupt nichts an, aber der Junge, komme künftig gar nicht mehr in diese Schule. Er macht ab Herbst eine Ausbildung. Das bringe doch nichts in dieser Schule. Der ganze Stress jeden Tag, das viele Geld für die Nachhilfe und trotzdem diese saumäßigen Noten, damit sei jetzt endgültig Schluss. Dem Buben sei es zum Schluss richtig schlecht gegangen mit dieser Schule. Das Betriebspraktikum letzte Woche, das sei gut gewesen, da ging’s ihm richtig gut. Jetzt habe er einen Lehrvertrag unterschrieben. Einen guten Platz im Installationsbetrieb, direkt im Ort habe er gefunden. Alles ist unterschrieben und damit unter Dach und Fach. Jetzt sei Schluss mit dieser Arschplattsitzerei in der Schule. Bis September werde Matthias in einem guten Job arbeiten. Er habe ihm einen super Job in einer Fabrik verschafft. Danach geht’s los mit der Ausbildung. Das sei jedem jungen Mann zu empfehlen, auch mir. Lassens die depperte Schule sein! Das ist doch nix, da verdienen’s nix und da lernen’s nix! Das ruft der Mann in den Hörer. Ich gebe ihm die Telfonnummer von Frau Stößer und sage, dass ich mich freuen würde, wenn Matthias anruft, wenn er dazu einmal die Zeit hätte.

Ich hänge den schwarzen Hörer auf. Die zwanzig Pfennig rollen hinter der Sichtglasscheibe weiter, klick und weg sind sie. Die schwere Telefonzellentür geht nur auf, weil ich alle Kraft anwende und unten am Metalltürrahmen, er hält die schwere Glasscheibe, mit dem rechten Fuß nachhelfe. Es ist genau die gleiche Bewegung, die ich früher nach den Gesprächen mit Oma eingesetzt habe, um die gelbe Telefonzelle zu verlassen.

Langsam laufe ich die Wegstrecke zurück Richtung Schule. Matthias sehe ich vielleicht nie wieder. Sein Vater oder Großvater ist überzeugt absolut das Richtige zu tun. Vielleicht sieht das auch Matthias so. Denn warum sonst hat er einen Lehrvertrag unterschrieben? Das hat sicher nicht sein Vater getan, denn Matthias ist, wie ich, volljährig. Aber warum hat Matthias nichts davon in der Mittagspause am See erzählt? Vielleicht war die Zeit dafür zu knapp. Wir haben vorher nie miteinander gesprochen, da gab es viele andere Dinge zu besprechen. Aber eine Lehre, das ist doch so wichtig, das hätte er doch gesagt. Vielleicht wusste er noch nichts davon. Aber was war am Freitag, beim Abschied nach dem Praktikum vor der Fabrik, als ich zum Werksbus ging und wir noch über die zwei Prüfungen dieser Woche sprachen? Vielleicht hatte er da auch noch keine Ahnung. Wahrscheinlich hat er erst am Freitagnachmittag die entscheidende Post bekommen. Vielleicht wollte er mit niemanden darüber sprechen, bevor es nicht sicher war. Der unterschriebene Lehrvertrag lag erst am Freitagnachmittag in der Post. Damit war das Wochenende für Matthias frei geworden für alles Mögliche, nur nicht für die folgende Schulwoche, denn die gab es nicht mehr. Vielleicht ist es so gewesen. Matthias schwärmte mir von der Großstadt und dem kommenden Studium nur vor, weil er noch nicht wusste, dass der Lehrmeister seine Bewerbung mit einem Vertrag für ihn quittieren werde.

Abends um halb sechs Uhr wendet der Jugendleiter seinen VW-Scirocco auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge. Er steigt aus und läutet bei Frau Stößer. Ich laufe sofort die Wendeltreppe hinunter, erkenne durch das Fenster an der Haustür draußen den Jugendleiter vor dem schmiedeeisernen Tor und entschuldige mich bei Frau Stößer, die ihre Wohnungstür öffnet. Ich erkläre, dass ich abgeholt werde. Ich begrüße den Jugendleiter und setze mich im Wagen neben ihn. Die gesamte Fahrt über diskutieren wir über den Nachrüstungsbeschluss der Nato und über die desolate Situation der deutschen Friedensbewegung. Der Jugendleiter flucht mehrfach über die neue Bundesregierung und deren Übertreibungen betreffend der russischen Bedrohung. Der Verteidigungsminister sei unglaubwürdig, er habe wichtige Analysen der alten Bundesregierung nicht beachtet, vielleicht sogar verschwinden lassen, welche den Doppelbeschluss aus deutscher Sicht noch einmal in erheblich zweifelhaftes Licht rücken würden.

Ich interessiere mich insgesamt dafür, habe aber von den Details nicht wirklich Ahnung. Trotzdem begleite ich den Jugendleiter in die Großstadt. Dort findet abends ein ausgedehntes Treffen einer politischen Arbeitsgruppe statt. Diese Treffen gibt es etwa monatlich, ich war schon auf vielen dabei. Wir sind sozusagen eine Delegation aus der Provinz. Die Diskussionen sind meist hitzig und ziehen sich oft bis Mitternacht hin. Der Jugendleiter lädt mich eineinhalb Stunden später, so lange dauert die Autofahrt zurück, wieder vor der Tür bei Frau Stößer aus. Um diese Uhrzeit, das ist meist zwischen halb zwei und zwei Uhr nachts, wendet er dann auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge, wo er mich auf die Landräte, Stadträte oder andere Politiker hinweist, deren Autos er angeblich vor dem Puff wiedererkennt. Das geschieht heute Nacht nicht, denn ich habe meine kleine Reisetasche dabei, in der mein Schlafsack und meine Zahnbürste stecken.

Der Politische Arbeitskreis findet mitten In der Großstadt statt. Um halb ein Uhr nachts ist er beendet. Der Jugendleiter fährt ohne mich zurück. Ich übernachte in einem Raum neben dem Zimmer, in dem der Arbeitskreis stattgefunden hatte. Morgens um viertel nach acht Uhr weckt mich eine Putzfrau. Sie versucht das Zimmer von außen aufzuschließen. Sie ist überrascht, dass es offen ist und sie ist überrascht davon, dass ich auf einem Sofa, das an der Wand neben einem Besprechungstisch steht, in meinem Schlafsack liege. Morgen, gähne ich und erkläre, dass ich hier übernachten durfte und gleich aufstehe und verschwinde. Die Putzfrau nickt. Sie zieht die Tür wieder zu. Ich erhebe mich von dem Sofa, fühle mich wie gerädert und so als habe ich abends Alkohol getrunken. Das Treffen am Vorabend war lang und anstrengend. Der Raum war von Tabakrauch völlig verqualmt. Das könnte die Kopfschmerzen verursachen, die ich jetzt spüre. Ich habe nur Wasser getrunken. Auf solchen Sitzungen gibt es immer nur Wasser und Kaffee. Den könnte ich jetzt brauchen. Ich öffne ein Fenster und spüre einen kühlen Luftzug. Von draußen höre ich Verkehrslärm. Ich ziehe meine Klamotten an, schüttle den Schlafsack aus, rolle ihn ein und verstaue ihn in meiner Tasche. Ich schließe das Fenster und verlasse den Raum. Ich sehe in einen langen, finsteren Gang. Die Putzfrau dröhnt mit einem Staubsauger hinter einer offenen Bürotüre. Ich gehe auf die Toilette. Dort putze ich mir die Zähne.

Danach gehe ich vorbei an dem Raum in dem abends zuvor die Besprechung stattfand. Ich war noch nie am hellen Tag in diesem Gebäude. Ich kenne es von langen-, aber, wegen meiner stets sehr kurzen abendlichen Aufenthalte in dieser Stadt zusammen mit dem Jugendleiter, irgendwie unwirklichen Besuche in dem politischen Arbeitskreis. Das Haus ist mir mit Tageslicht fremd. Ich kenne diesen Gang. Aber ich kenne ihn nur bei Nacht. Er sieht ohne eingeschaltete Deckenbeleuchtung völlig verändert aus. Der Raum, in dem der Arbeitskreis gestern getagt hatte, steht offen. Ich betrete ihn kurz. Alle Fenster sind geöffnet. Es stinkt nach kaltem Rauch. Die Stühle, die Tische, die Sitzecke, alles sieht tagsüber anders aus. So habe ich das noch nie gesehen. Es ist leer, kalt und miefig. Abends, bei der Ankunft mit dem Jugendleiter war dieser Raum stets voll besetzt. Wir waren immer die letzten, die dazustießen, denn unser Weg ist am weitesten. Ich kenne diesen Raum laut und voll. Ich sehe die leeren Stühle, in denen in meinem Kopf die Menschen aus dem Arbeitskreis sitzen. Jeder hat seine feste Position auf einem Stuhl von dem aus er seine feste politische Überzeugung lautstark in die Diskussion einwirft. Jetzt wirkt dieser Raum fremd. Er ist leer, schäbig und kalt, lauter Verkehrslärm dringt durch die hohen, geöffneten Fenster. Ich stehe vor der Ausgangstür. Sie ist verschlossen. Ich bitte die Putzfrau aufzusperren.

Am Bahnhof frage ich mich, was ich hier will. Die gesamte Hektik dieser Stadt ist mir fremd. Trotzdem verstaue ich die Tasche in einem Schließfach. Meine Unterlagen stecke ich in die Jackentasche. Zu Fuß habe ich zum Bahnhof gefunden. Mit Hilfe eines Passanten habe ich die Richtung ausfindig gemacht. Es ging immer geradeaus. Ich will die Stadt erleben, das geht nur, wenn ich an deren Oberfläche laufe. Nun aber muss ich hinunter in die U-Bahn, denn mein Ziel an diesem Vormittag ist zu weit um pünktlich dort anzukommen. Im Stadtplan habe ich mein Ziel mit einem kleinen Kreuz markiert. Ich werde die U-Bahn und danach den Bus nehmen. Die Fahrkarte ist teuer. Das System durchblicke ich nicht. Ich frage einen Mann, der den Automaten auch nicht versteht. Gemeinsam finden wir heraus, wie wir dem Automaten entlocken, was wir wollen. Die U-Bahn ist um diese Zeit leer. Auch ich müsste jetzt in der Kreisstadt in der Schule sitzen. Ich habe mich für heute gestern im Sekretariat offiziell abgemeldet. Mein Eindruck war, dass die Frau im Büro nicht wirklich interessiert war. Sie schrieb meinen Namen, das Datum des heutigen Tages und eine Stichwort zu meiner Begründung auf einen Zettel. Das war’s. Was sie mit diesem Zettel tat, weiß ich nicht, denn wegen der schlechten Laune der Frau verließ ich umgehend das Sekretariat.

An der Bushaltestelle dröhnt der Verkehr. Morgens fährt der Bus alle fünf Minuten. Mittags zwischen ein und zwei Uhr auch. Ich warte eine viertel Stunde, dann kommt er. An der Endstation, sie kommt schon nach fünf Haltestellen, steige ich aus. Dort wendet der Bus vor einem riesigen Gebäude, das aus grauem Beton erst vor fünfzehn Jahren errichtet wurde. Ich finde es hässlich und finde, dass es aussieht, als könne es bald einstürzen. Ich betrete eine riesige Aula, mit schwarzem, genopptem Gummifußboden. Rechts finde ich eine große schwarze Hinweistafel. Das Sekretariat ist im dritten Stock. Dorthin suche ich jetzt meinen Weg. Es gibt mehrere Treppenaufgänge. Ich nehme den falschen, laufe im dritten Stock einmal rings um das ganze Gebäude und finde schließlich eine Schlange wartender junger Leute. Das ist das Sekretariat. Ich stelle mich hinten an. Ich stehe fünf Minuten, höre die Menschen in der Warteschlange sprechen, beobachte nervöses auf und ab Getapse, sehe jungen Frauen in der Schlange beim Stricken zu, und höre coole Sprüche, die ich auch von meiner Schule in der Kreisstadt kenne.

Die Tür öffnet sich. Zu meiner Überraschung spricht mich eine Frau, sie trägt eine riesige Brille, mich, der ich ganz hinten in der Schlange stehe, an. Sie blickt aus dem Türspalt, lotst die vordere Person in der Warteschlange durch die Türe und sagt danach zu mir: Sie sand der Letzte! Die Anmeldefrist ist jetzt abgelaufen, es ist zwölf! Die Frau sieht auf ihre Armbanduhr, die sie nach oben in meine Richtung hält, und mit dem Finger darauf tippt. So signalisiert sie die Uhrzeit. Nach ihnen keiner mehr! Das ruft sie mir zu. Sie verschwindet hinter der Tür, die sie wieder zu zieht.

Ich kenne das aus dem Discounter. Wird eine Kasse dichtgemacht, bittet die Verkäuferin den Letzten an der Kasse darum, Nachfolgende an eine andere Kasse zu schicken. Doch was hat die große Brillenträgerin vor? Wohin soll ich die Nächsten, die kommen schicken? Eine junge Frau, sie wartet direkt vor mir, lacht mich an. Na da haste dir ja nen tollen Job an Land gezogen! Diese Ansprache erschrickt mich, denn ich kenne hier niemanden und habe heute noch mit keinem Menschen außer der Putzfrau gesprochen. Aber ich reagiere prompt. Mit verschränken Armen stehe ich am Ende der Warteschlange, blicke in Richtung Sekretariatstüre und sage zu der Frau, die mich da abgesprochen hat: So geht das nicht, ich werde hier niemandem sagen dass er zu spät ist. Ich merke, dass Blicke auf mich gerichtet sind. Jeder in der Warteschlange muss gesehen haben, welchen Auftrag mir die Brillenträgerin gegeben hat. Deshalb entschließe ich mich zu einer schnellen Reaktion. Ich gehe an der Schlange wartender Menschen vorbei, bis vor an die Türe. Dort klopfe ich, sage dabei den dort wartenden: Hab nur kurz da drin was zu klären, stelle mich gleich wieder hinten an.

Ich öffne die Türe, sehe drinnen die Brillenträgerin, sie steht hinter einem hohen Tresen, wie die Sekretärin in der Schule in meiner Kreisstadt. Ich sage zu ihr: Entschuldigen Sie, aber sie meinten sicherlich nicht, dass ich hier irgendwelche Nachzügler wegschicken soll? Die Brillenträgerin sieht mich verdutzt an. Was wollen sie? Warten sie draußen! Aha. Ich merke, dass die Atmosphäre in diesem Büro etwa so ist, wie um ein Uhr Mittags im Schulsekretariat in der Kreisstadt. Deshalb gebe ich einfach auf. Ich schließe die Tür, sage den ersten Wartenden an der Tür: Lässt sich nicht klären! Und stelle mich wieder nach hinten in die Schlange. Dort sind inzwischen zwei eingetroffen. Ich stelle mich hinter ihnen an.

Zehn Minuten später, bis dahin sind zu der Warteschlange noch weitere fünf Leute hinzugestoßen, holt die Brillenträgerin alle Wartenden in das Zimmer. Die Schlange steht nun in dem Zimmer vor dem Tresen.

Eine Stunde später verlasse ich das Gebäude. Meine Papiere waren vollständig, meine Anmeldung in dieser Schule wurde angenommen. Es gab mit mir keine große Diskussion. So wie es manchem in der Schlange ergangen war, erging es mir nicht. Einige hatten schon bevor sie dran waren den Raum wieder verlassen, denn dadurch, dass jeder mitverfolgen konnte, welche Unterlagen zur Anmeldung zwingend vorzulegen waren, hatte jeder seine Papiere auf Vollständigkeit überprüft. Drei, vier Leute merkten, dass ihnen wichtige Papier fehlten. Das Verkürzte die Wartezeit für den Rest, auch für mich.

Zurück zum Bahnhof bleibe ich an der Oberfläche. Ich fahre nicht mal mit dem Bus. Ich will alles laufen, um ein Gefühl für die Stadt zu bekommen. Ich sehe auf meinen Plan, vergleiche die Straßennahmen und schlage die Richtung zum Bahnhof ein. Leider hat sich der Himmel zugezogen, es ist bewölkt und dunkler geworden. Deshalb sieht die Stadt jetzt fast grau aus. Ich laufe an einer großen Straße. Der Verkehr tobt und es stinkt. So stelle ich mir die Großstadt vor. Aber schon nach zehn Minuten führt mein Weg mich rechts ab von der Straße, durch kleine Straßen. Dort stehen Häuser, die zum Teil wenig größer sind, als die Häuser in der Straße beim Haus von Frau Stößer. Dann wird die Strecke richtig grün. Sie führt mich durch einen Park. Der ist im Stadtplan mit einem riesigen grünen Fleck eingetragen. Ich finde den Weg durch den Park, so wie er im Stadtplan steht. Ich komme vorbei am riesigen Stadion und weiteren Hallen. Dort sehe ich eine Gruppe von Touristen, Japaner, alle mit Fotoapparat um den Hals. Ich kenne das aus meinem früheren Gebirgsort. Dort kamen viele ausländische Touristen an. Sie wurden aus Bussen ausgespuckt, für einen Tagsausflug mit Führung. Tatsächlich höre ich im Vorbeilaufen eine Touristenführerin. Sie ist klein und schreit laut. Ich verstehe gar nichts. Später überquere ich einen großen Parkplatz. Dort stehen Busse und ich sehe ein- und aussteigende Gruppen von Touristen. Durch enge Straßen verlasse ich den Park. Ich finde den Bahnhof nach einer weiteren knappen Stunde. Um fünf Uhr sitze ich hungrig mit meiner kleinen Tasche im Zug. Ich verschlinge meine zwei Käsebrote, die ich mit abends zuvor in der Küchenzeile geschmiert hatte und trinke aus meiner Wasserflasche. Der Zug fährt los. Es hat alles geklappt. Aus dem Zugfenster sehe ich die Stadt an mir vorbeifahren.

Um viertel vor sieben Uhr klimpere ich mit meinem Schlüsselbund an Frau Stößers Haustür. Wieder fällt der Schlüssel runter. Wie oft ist er mir wegen diesem schwergängigen Schloss schon runtergefallen? Ich krieg den Schlüsseln nur ins Schloss, nachdem ich die Tasche ablege. Nicht ärgern, es ist bald vorbei. Ob das wirklich gut ist, dass es hier bald vorbei ist? Der Schlüssel ist jetzt drin, ich öffne leise und vorsichtig wie immer die Tür. Auf dem Treppenabsatz liegt ein kleiner Notizzettel. Frau Stößer schreibt, dass Karin aus dem Gebirgsort angerufen habe. Sie meldet sich morgen wieder. Ich nehme die Tasche, schließe die Tür und steige die Wendeltreppe nach oben.