Nachmittags Zuhause

Weil ich nach dem Mittagessen todmüde bin kippe ich auf dem alten, dunkelgrünen Sofa einfach um und schlafe ein.

Matthias, mein Tischnachbar in der Unterrichtsstunde bei dem Tennisplatzfeger hat endlich seine Meinung geändert. Ich hatte zuvor mindestens zwanzig Mal in den Schulpausen mit ihm vernünftig zu sprechen versucht. Anfangs, als ich ihn erstmals sah, wirkte Matthias auf mich wie ein Bayer fast genauso wie der uns vom Platz fegende Lehrer. Arrogant und von oben herab. Doch im Laufe der ersten Wochen an der Schule merkte ich, dass er anders war. Es war seine bayrische Sprache, derentwegen ich verleitet war, ihn in die gleich Schublade wie den Lehrer zu stecken. Hinter der Sprache spürte ich einen Menschen, der wie ich auf der Suche zu sein schien.

Matthias richtete seine Aufmerksamkeit auf die feinen Kleinigkeiten. Wenn der Technologielehrer ins Klassenzimmer kam, sah ich an Matthias Blick und Körperhaltung, dass er in sehr aufmerksamer hab Acht Haltung war. Erst wenn er erkannte, dass der Lehrer keine Angriffslust hatte, um ihn oder einen Anderen zu verunsichern, gerieten seine Gesichtszüge in entspannten Normalzustand.

Ich bin froh, dass Matthias nach so vielen Gesprächsversuchen endlich mit mir spricht. Endliche sehe ich uns beide, wie wir auf einer der Sitzbänke in dem kleinen Grünstreifen hinter der Schule in der warmen Sonne sitzen und uns angeregt unterhalten. Ich erzähle dass ich in Berchtesgaden zwei Lehrer kennen lernen konnte, die ganz anders gewesen waren. Ich finde es erstaunlich, dass in Traunstein, das nicht so tief im verwinkelten Gebirge liegt wie Berchtesgaden, kein Lehrer zu unterrichten scheint, der die Schüler nicht in Wahrheit raus schmeißen will. Ich wundere mich über Gehässigkeit und Ausgrenzung, denen ich in Traunstein begegne. Das hatte ich an der Schule nicht erwartet. Matthias hat endlich verstanden, dass ich darüber mit ihm reden möchte.

Matthias weiß endlich, dass ich ihn nicht ausnutzen will. Ich will mir nicht sein Wissen zu Eigen machen. Ich will mich nicht mit fremden Federn, seinen Federn, seinem Wissen vor der Schulklasse und den Lehrern schmücken. Ich will nur mit ihm darüber reden, wie es in der Schulklasse täglich ist. Ich will wissen, was er über diese Schule, über diese Lehrer, über diese Mitschüler denkt. Ich möchte hören wie es ihm dabei geht, wenn er von Morgens bis Mittags, nicht fragen darf, ohne zu riskieren als dumm diffamiert zu werden.

Das Gefühl der Denunziation vor der Schulklasse von fünfundreißig Mitschülern kennt er wie ich. Dem Lehrer zuhören zu müssen, wie der eindringlich klar macht, dass die Frage dumm und völlig Fehl am Platz ist. Das möchte ich mit Matthias besprechen. Was fühlt er, was denkt er, während er erstarrt nach vorne zur Tafel blickt?

Wie geht es Dir Matthias? Was fühlst Du, während Du die Worte dieses gebräunten, erholten Gebildeten, der vor der grünen Tafel tänzelt, hörst? Ich will das wissen, weil ich klären will, ob ich mit Dir gemeinsame Sache machen kann. Wenn ich von Dir erfahre, wie Du darüber denkst, kann ich Dich unterstützen, könnten wir uns gegenseitig unterstützen, weil ich dann weniger Angst davor hätte auch von diesem gebildeten Denunzianten bloß gestellt zu werden.“

Ich will nicht länger wie die andern Mitschüler ein schweigendes, braves, dummes Lamm spielen. Auch ich möchte in der Schule etwas wissen. Ich würde gerne nachfragen, doch ich traue mich nicht.

Matthias sitzt still in der Frühlingssonne neben mir auf der Parkbank. Wir sprechen lange miteinander. Zu lange, mir kommt das jetzt sehr lang und sehr ruhig vor. Ist die Schulpause nicht längst vorbei? Ich blicke auf meine Armbanduhr. Das tue ich langsam und etwas verdeckt, denn ich will nicht, dass Matthias denkt, dass ich es eilig hätte. Ich habe Zeit ihm zuzuhören, denn jetzt hat er endlich zu sprechen begonnen. Ich konzentriere mich auf seine Worte, denn er spricht sehr bayerisch. Ich verstehe das kaum. Aber ich spüre seine Erleichterung.

Er scheint zu merken, dass ich nicht länger sein Konkurrent sein will, wie es in der Schulklasse, wo jeder gegen jeden sticht, alltäglich ist. Matthias sagt endlich was er denkt. Er will genauso wie ich, dass Lehrer Fragen ordentlich beantworten. Er will gemeinsam mit allen Schülern in der Klasse weiterkommen. Er will dass wir in der Schulklasse miteinander reden und Probleme die ein Mitschüler erkennt besprochen werden. Er sieht, dass dieses dumpfe „Schleicht’s Eich, wenn’s des immer no need kapiert’s!“, des bayerischen Lehrers an dieser Schule jedem Mitschüler in der Klasse schadet.

Auch Matthias brütet wie ich nachmittags allein Zuhause über den Büchern. Er erzählt mir von den Büchern. Er versucht zu verstehen, was in den Büchern steht. Er versucht aus den Büchern zu holen, was er mit Hilfe des Lehrers, oder mit Hilfe eines Gesprächs in der Klasse viel besser kapieren würde. Das geht aber in der Klasse nicht, weil sich dort jeder selbst am Nächsten ist. Das sagt Matthias! Endlich einer der das sagt! Ich bleibe ganz ruhig neben ihm sitzen, freue mich aber riesig, dass der so denkt. Er sagt mir, dass er schon oft gedacht hat, dass diese Bücher sehr schlecht sind. Es ist kaum möglich zu kapieren, was da drin steht. Nicht weil wir dumm sind, wie die Lehrer dieser Schule es täglich behaupten, sondern weil diese Schulbücher ohne Gespräch und Austausch über den Inhalt und ohne Fragen und Erklärungen gar nicht zu verstehen sind. Das habe ich bisher noch nie gedacht! Aber es könnte stimmen. Matthias könnte richtig liegen, die Bücher sind dafür gedacht, dass über den Inhalt gesprochen wird. Bisher glaubte ich tatsächlich, ich sei blöd. Ich brütete über mancher Erklärung im Buch stundenlang und fand des Problems Lösung trotzdem nicht. Das könne nur an mir liegen. So dachte ich bisher. Ich schaffe das Niveau der Schule einfach nicht! So war mein Denken bis heute. Matthias sieht das anders.

Jetzt zeigt mir Matthias ein Beispiel. Er hält das dicke Physikbuch vor mein Gesicht und überdeckt damit die ersten wärmenden Sonnenstrahlen des Frühlings. Wo hat er plötzlich das Physikbuch her? Ist die Schulpause immer noch nicht vorüber? Matthias fährt mit dem Finger über einen Text und zeigt mir dazu eine Abbildung in dem Buch. Dass die in dem Buch das Problem so kompliziert erklären! Da brauchst du Stunden, bis du durchblickst, wie der Autor tickt. Matthias schreit jetzt fast. Manchmal sagt Matthias habe er gedacht, dass er richtig spinne. Erst nach vielen Stunden am Abend habe er dann kapiert welche Denke der Autor habe und warum er das Problem im Buch so schildert, wie er es schildert.

Matthias dreht mir jetzt kurz den Rücken zu. Ich höre ein Rauschen, wie Wasser, wie Tropfen oder vielleicht ein Fluss. Das sind wahrscheinlich die ersten Blätter im Frühlingswind, so denke ich. Sein Wissen, dieses Verstehen, so Matthias, werde er aber niemand anderem geben. Denn damit kann er im Physiktest beweisen, dass er was verstanden hat. Matthias knallt das dicke Physikbuch plötzlich auf die Parkbank. Er rutscht ein gutes Stücken von mir weg. Das Rauschen wird lauter, es hört sich wie Trommeln an. Jetzt sieht er mich an, er fixiert mich. Mit seiner Hand, sie sieht schwer aus und ist groß, stützt er sich auf das Physikbuch.

Du willst was von mir? Ausgerechnet Du? Du willst mein Wissen, meine schwere Arbeit, die ich nachmittags vor den Büchern investiere! Das wollt ihr doch alle! Matthias schreit jetzt aufgebracht, die Ruhe ist verflogen, stattdessen höre ich Trommeln und Rauschen. Nix da Bürschen, daraus wird aber nichts! Jeder hier ist seines Glückes eigener Schmied! Matthias spricht eindeutiges Hochdeutsch. Was ist mit seinem Bayerisch passiert? Jetzt rücke ich an den äußersten Rand der Parkbank, beinahe falle ich von der Bank. Erschrocken sehe ich Matthias an. Der lacht. Es ist ein gehässiges, schäbiges Lachen. Mit dem Zeigefinger, der dünn und lang ist, wie ein Stock, fuchtelt Matthias vor meinem Gesicht herum. Jetzt zeigt er mit dem langen Finger auf die Wiese vor unserer Parkbank. Die ist zu einer grünen Tafel geworden. Mit dem langen Finger kritzelt er weiße Rechenformeln auf die Tafel. Die große Tafel schreibt er ganz schnell voll. Ab und zu blickt er zu mir auf. Er lacht mich gehässig an. Er fragt mich, ob ich weiß, was er da schreibt. Ich versuche den Eindruck vorzutäuschen, dass ich alles gut verstehe. Das gelingt mir aber nicht. Stattdessen laufen mir plötzlich Tränen aus den Augen. Ich kann die Tränen nicht aufhalten. Es sind dicke Tränen. Sie tropfen auf die grüne Tafel. Die weißen Formeln verlaufen. Meine Tränen werden stärker. Sie Trommeln jetzt auf die Tafel. Die weiße Kreide verschwimmt. Ich versuche Matthias zu erkennen. Der sitzt ganz weit entfernt von mir, er sieht nass aus.

Regen trommelt auf das Hausdach. Wind peitscht gegen die Balkontür in meinem Zimmer in Frau Stößers Haus. Ich stehe langsam von dem dunkelgrünen Sofa auf, ich fühle mich schwer und matt. Ich ertaste meine Armbanduhr, im Zimmer ist es fast finster. Ich kann das Ziffernblatt nicht lesen, gehe deshalb zum Licht an der Balkontüre. Beinahe zwei Stunden lang habe ich geschlafen. Draußen geht ein schwerer Wolkenbruch nieder. Ich nehme mein Mittagsgeschirr vom Tisch vor dem Sofa und spüle es in der kleinen Küchenzeile.