Musterung

Bereits um halb zwölf Uhr verlasse ich heute das Schulgebäude. Mit einer Kopie des Musterungsschreibens, das mir im Sekretariat abgenommen, und vor meinen Augen in meiner Schulakte abgeheftet wird, verabschiede ich mich. Das Kreiswehrersatzamt finde ich in einem runter gekommenen, vom Straßenverkehr grau verschmutzten Gebäude an einer viel befahrenen Kurve im unteren Teil der Kreisstadt. Im ersten Stockwerk dieses Hauses betrete ich durch eine weiße Schwingtür einen decken hoch gefliesten Raum, der mit einem Tresen ausgestattet ist, dem gegenüber an der Wand eine Stuhlreihe steht. Dort sitzen junger Männer. Die meisten von ihnen haben ein Schreiben wie ich es in meiner Schultasche habe, in der Hand. Ich setze mich auf einen freien Stuhl. Hinter dem Tresen befinden sich hohe Regale und ganz oben sehe ich ein paar Fenster, die mit gewelltem Milchglas verschlossen sind. Dass draußen jetzt die Sonne scheint lässt sich in dem hohen Raum nicht nachvollziehen. Das wenige Licht, das da oben einfällt bleibt unsichtbar, weil der gesamte Raum von der Eingangstüre bis zur Türe am Ende des langen Raumes mit drei Reihen Neonröhren durchzogen ist.

Hinter dem Tresen laufen drei Frauen mittleren Alters auf und ab. Sie sortieren graue Papiere in den Regalen hinter sich in unterschiedliche Ordner ein. Hin und wieder holen sie aus einem Ordner ein Papier heraus, das sie auf den Tresen legen. Eine Frau sitzt an einem Tisch hinter dem Tresen, wo sie eine Schreibmaschine bearbeitet. Vor dem Tresen, nahe der Eingangstür, steht ein junger Mann. Er ist offenbar gerade an der Reihe. Er überreicht sein Musterungsschreiben. Er kramt in einer kleinen Tasche nach seinem grauen Personalausweis, den er auf den Tresen legt. Die Frau prüft beides und schickt den jungen Mann weiter zur nächsten Frau. Diese übergibt dem Mann einen Plastikbecher und ein Papier. Sie deutet auf die Tür am Ende des Raumes. Durch die verlässt der Mann den Raum. Die Frau an der Schreibmaschine erhält nun von ersterer das Musterungsschreiben. Sie spannt einen neuen Bogen in die Maschine. Sie tippt Daten, die sie von dem Musterungsschreiben abliest, zieht anschließend den Bogen aus der Maschine, erhebt sich und übergibt den beschriebenen Bogen einschließlich dem Musterungsschreiben der Frau am Tresen. Die verschwindet nun mit beidem ebenfalls durch die Tür am Ende des Raumes. Wenige Minuten später erscheint sie wieder. Sie begibt sich hinter den Tresen, wo sie eine in einer Klarsichthülle steckende Liste studiert. Dann hebt sie den Blick zu der Stuhlreihe, auf der die jungen Männer einschließlich mir sitzen. Sie ruft meinen Namen.

Zwei Räume weiter ziehe ich mich bis auf die Unterhose aus. Ich werde von einem Arzt, der nebenher Notizen in einem Formular macht, von Kopf bis Fuß vermessen und gewogen. Der Mann fragt mich nach Alkohol und Drogen, nimmt mir Blut ab, biegt mir beide Arme um, schlägt mir mit einem Hämmerchen gegen die Knie, leuchtet mir in die Augen und schickt mich zum Schluss auf die Toilette. Das Becherchen mit meinem Urin stelle ich dem Arzt Minuten später auf den Schreibtisch. Er weist mich an, mich wieder anzuziehen, die Untersuchung ist abgeschlossen. Er drückt mir sein Formblatt in die Hand und sagt lächelnd, dass ich voll tauglich sei, ich sollte nur darauf achten, mehr zu essen. Er winkt mich hinaus aus seinem Untersuchungszimmer, das in diesem Moment vom nächsten jungen Mann betreten wird.

Draußen setze ich mich wieder auf einen Stuhl in der Stuhlreihe vor dem Tresen. Dort warte ich eine knappe halbe Stunde, bis ich von einer der Frauen an den Tresen gerufen werde. Ich lege das Formblatt mit den Untersuchungsergebnissen auf den Tresen. Die Frau gibt mir ein anderes graues Papier. Es ist eine abgestempelte Bestätigung, die beweist, dass ich heute hier bin. Der Stempel am rechten Ende des Papiers erinnert mich an den Reichsadler, den ich aus Geschichtsbüchern meiner früheren Schule kenne. Kurz finde ich es seltsam, dass die heute immer noch diese Symbole verwenden. Beim Falten des Blattes sehe ich da genauer hin und erkenne, dass es der Bundesadler ist. Wie ich das finden soll, weiß ich nicht. Ich stecke das gefaltete Papier in meine Schultasche.

Ich verlasse das Gebäude. Draußen lärmt die Straße. Schnell gehe ich durch die Kurve den Berg hinauf in den oberen Teil der Stadt. Das wäre nun also geschafft. Ich weiß noch nicht, ob ich darüber froh oder traurig sein soll. Das Ergebnis, dass ich für den Waffendienst voll tauglich sein werde, war mir von vorn herein klar. Ich bin drahtig und nicht völlig unsportlich, wenngleich ich den Sportunterricht an der Schule hasse, weil der einem militärischen Drill gleichkommt. Es war mir klar, dass Fälle von Untauglichkeit im Grunde nur bei attestierten, klaren oder chronischen Leiden vorkommen, oder bei festgestellten körperlichen oder anderen Behinderungen.

Der Wehrdienst wurde vom Bundestag mit Beschluss durch die neue Regierung erst kürzlich auf künftig fünfzehn Monate verlängert. Prophezeit wird eine weitere Verlängerung in den kommenden Jahren auf voraussichtlich vierundzwanzig Monate. Das ist mehr als genügend Zeit um völlig zu verblöden. Mein früherer Freund im Gebirgsort, Thomas erzählte mir oft Geschichten von seiner Kompanie. Da ging es um irgendwelche sinnlosen Saufgelage, Wachschichten, Nachtschichten und irgendwelche Leute, die wegen irgendeinem Unsinn in eine Zelle gesperrt wurden. Die Langweile, die sich in den Monaten nach der Grundausbildung einstelle, die sich ausbreitende Sinnlosigkeit, so Thomas, das sei das schlimmste für ihn am Wehrdienst. Deshalb war Thomas froh, dass er mich und andere junge Leute im Gebirgsort kennen lernte, die mit seinem Wehrdienst nichts zu tun hatten.

Sinnlosigkeit und militärischer Drill ist das letzte, was ich brauche, so denke ich während ich im Discounter Käse, Butter und Tomaten einkaufe. Mit der Vorstellung, dass ich täglich den Umgang mit so einem schweren Gewehr lernen muss und üben soll, damit auf Pappfiguren zu schießen, die dem Klischee nach den klassischen Russen darstellen, kann ich nichts anfangen. Diese Vorstellung ist von mir sehr weit entfernt. Heute ist sie zum ersten Mal sehr nahe an mich herangerückt. Ich muss mich damit auseinandersetzen.