Kinderurlaub

Es gibt keinen Vertretungslehrer. Die Doppelstunde am Freitag entfällt ersatzlos. Die Pfingstferien beginnen deshalb zwei Stunden früher. Die Diskussion mit dem Deutschlehrer findet nicht statt. Der Lehrer kommt nicht.

Martin holt mich samt Gepäck im Haus von Frau Stößer ab. Mein Gepäck besteht in einer kleinen, blauen Reisetasche, meinem Schlafsack und einer Isomatte. Pünktlich um halb acht Uhr begrüße ich den Jugendleiter und eine Anzahl von Mitarbeitern auf einem Parkplatz vor dem Jugendbüro. Der Reisbus steht mit offenen Gepäckklappen noch menschenleer da. Ich verfrachte meine Sachen dorthin, wo bereits ein kleines Gepäckhäufchen der Mitarbeiter liegt. Der Jugendleiter drückt mir eine Liste mit den Namen aller Kinder, die auf die Maßnahme mitfahren, in die Hand. Ich falte die Liste zusammen und stecke sie mir in meine Hemdtasche. Das erste Auto biegt auf den Parkplatz ein. Ich schüttle Hände und begrüße Kinder. Ich erhalte Anweisungen und Informationen von Eltern. Auf dem Parkplatz höre ich aufgeregte Kinder, ich sehe weinende Kinder, die sich von ihren Eltern verabschieden. Martin sammelt in einer großen Mappe Papiere. Es sind Ausweise der Kinder und es ist ihr Taschengeld. Das steckt er jeweils in Umschläge, die er in Fächern der großen Mappe verräumt. Die Mappe hat viele Fächer, für jedes Kind ein Fach.

Um halb neun Uhr ist es soweit. Der Bus ist voll von Kindern. Ich gehe durch den Bus und zähle. Die Zahl stimmt, da werden die Namen auch stimmen. Das spreche ich kurz mit dem Jugendleiter ab. Der ist aber der Meinung, dass alle Kinder per Mikrophon beim Namen genannt werden sollten. Also begrüße ich alle Kinder und gehe jedes Kind namentlich anhand meiner Liste durch. Das finden die Kinder lustig, denn nicht alle Namen spreche ich korrekt aus. Ich lasse mich korrigieren und übe jeden falsch gesprochenen Namen richtig auszusprechen. Das finden die Kinder noch lustiger. Um viertel vor Neun kann es losgehen. Der Busfahrer wirft den Motor an.

Durch das Mikrofon erklärt der Jugendleiter den Kindern, dass wir eine lange Reise vor uns hätten, aber zwischen drin auch mal Pausen machen würden. Martin fährt zusammen mit einem ehrenamtlichen Mitarbeiter, wie es auch ich einer bin, in dem roten Kleinbus vom Jugendbüro. Der ist bis unter die Decke vollgestopft mit Spielmaterial und Lebensmitteln für die Pausen der Fahrt. Ich setze mich vorne im Bus auf einen Sitz neben den Jugendleiter. Der kontrolliert die Fächertasche, welche Martin ihm gegeben hatte, ob darin auch wirklich alle Ausweise der Kinder stecken und prüft jeden einzelnen Ausweis, ob der auch noch gültig ist.

Die Busfahrt ist laut und es wird sehr warm. Am späten Nachmittag erreichen wir das Ziel. Es ist ein in der Schweiz liegender Gebirgssee. Wir wohnen mit fünfzig Kindern, die wir in zwei Gruppen aufteilen, in einem dreistöckigen, großen Haus, wenige hundert Meter vom See entfernt. Abends sind wir todmüde ob der anstrengenden Anreise. Trotzdem starten wir mit einem großen Spielabend, der manchem Kind die letzte Energie abverlangt. Der Jugendleiter meint, dass es gut sei, nach dem langen Sitzen im Reisebus noch ein Bewegungsprogramm zu veranstalten. Nur so könne die Nacht einigermaßen ruhig werden, denn alle Kinder seien aufgeregt. Manches Kind übernachte zum ersten Mal nicht Zuhause, oder sei zum ersten Mal von Zuhause fort. Tatsächlich verläuft die erste Nacht in dem vollen, riesigen Haus ruhig.

Ich falle um halb zwölf Uhr schwer auf meine Isoliermatte. Wir Mitarbeiter bewohnen in dem Dachspeicher des riesigen Hauses einen einzigen großen Raum. Dort schlafen wir auf Isoliermatten auf dem Boden. Der Komfort stört niemanden. Es gibt keinen Privatraum. Mit meiner Einsamkeit in meinem Zimmer im Haus von Frau Stößer ist es jetzt erst mal vorbei. Ich falle in schweren, tiefen Schlaf.

Mein grüner Wecker steht auf dem Boden neben meinem Kopf. Ich höre das Keramikbecher-Wasserglas-Ticken. Ich suche an der Zimmerwand nach der bewegten Linie zwischen Hell und Dunkel. Ich sehe weder Wand noch Linie. Jetzt höre ich einen schweren Atem. Es ist der Atem des Jugendleiters, der neben mir liegt. Ich blicke nach links. Dort ist ein winziges Dachfenster. Draußen sehe ich den Mond. Er wirft einen hellen Lichtstrahl durch den Raum. Ich sehe nach rechts. Wie eine Reihe geparkter Autos liegen die Menschen dort neben mir. Es sind die ehrenamtlichen Mitarbeiter. Die Frauen schlafen in einem eigenen, großen Zimmer im Erdgeschoss. Ich denke darüber nach, wie ich von diesem Dachboden zur Toilette komme. Bad und Toiletten liegen ein Stockwerk tiefer. Ich schäle mich leise aus dem Schlafsack und tapse zur Tür.

Zurück in meinem Schlafsack, auf meiner Isoliermatte neben dem schwer atmenden Jugendleiter kann ich nicht wieder einschlafen. Ich liege auf dem Rücken, sehe oben an der Decke die dunklen Dachbalken des Dachstuhls. Der Schimmer des Lichtes, das der Mond in den riesigen Raum wirft, sorgt für einen Schatten der Balken an der Decke. Ich fixiere dort oben eine Schattenlinie. Langsam beginnt sie sich zu bewegen. Wie eine leichte Welle bewegt sie sich auf und ab. Das Licht des Mondes lebt. Es wirft den Schatten der Dachbalken. Die Dachbalken leben. In ihnen bewegen sich Millionen von Atomen. Wahrscheinlich leben sie nicht nur wegen der Atome, denn im Lichtschein des Mondes sehe ich Staub, der durch den Raum fliegt und ich sehe feinen Holzstaub, der wegen tausender Holzwürmer aus den Balken gearbeitet wird und langsam durch die bewegte Luft im Raum zu Boden sinkt.

Ida und Pete sind nicht mitgekommen. Pete hatte sich vor Wochen beim Jugendleiter abgemeldet. Sie müsse die Ferien nutzen, um vieles für die Schule zu lernen. Es tue ihr leid. Sie wäre gerne dabei, aber es ginge nicht anders. Auch Ida könne nicht mitkommen, denn sie bereite sich auf ihre Abschlussprüfung vor, die kurz nach den Pfingstferien ansteht. Für den Jugendleiter war das in Ordnung. Er hatte noch Zeit, für die Kinderferienfreizeit Ausschau nach anderen jungen Menschen zu nehmen, die ehrenamtlich mitkommen wollen. Und er fand sie.

Pete kommt nicht mehr zu den Verkaufsständen. Aus der Arbeitsgruppe von Thomas und mir ist sie ausgestiegen. Seit dem Abend vor dem blauen Haus habe ich sie nicht wieder getroffen. Trotzdem habe ich oft an sie gedacht. Auch jetzt fällt sie mir ein, weil sie ursprünglich mitkommen wollte, denn sie war ja auf dem Vorbereitungsseminar, zu dem ich sie und Ida im Auto mitgenommen hatte. Nun ist sie nicht dabei. Vieles erinnert mich an sie. Es ist der Verkaufsstand, an dem sie nicht mehr steht, lacht und redet, während der Wind ihr schwarzes Haar nach hinten legt und ihre dunklen Augen durch ihre runde Brille glänzen. Es ist mein orangenfarbiger Sessel, der während der Sitzungen der Arbeitsgruppe so lange leer blieb, bis ich mich nach drei Terminen schließlich selbst dort niedergelassen habe, um den leeren Sessel nicht mehr ansehen zu müssen. Es ist mein täglicher Weg zur Schule, der mich nach der steilen Kurve rechts am Kreiswehrersatzamt vorbei an der Wohnung von Ida und Pete vorbeiführt und mich jeden Morgen daran denken lässt, dass sie dort wohnt. Seltsam ist das alles. Wäre sie es gewesen? Ich weiß es nicht. Warum weiß ich es nicht? Sie kann es nicht sein, sonst müsste ich es doch wissen.

Zwei Wochen lang toben und rennen wir mit den Kindern durch den Wald, auf die Berge, machen mit ihnen Lagerfeuer und wilde Verfolgungsjagden, mit Rätselspielen und Schnitzeljagd. Wir sind mit ihnen permanent draußen, paddeln mit Schlauchbooten über den See, baden und plantschen im See und steigen mit ihnen auf die Berge. Dabei vergesse ich Pete tatsächlich. Ich denke einfach nicht mehr an sie, weil mich hier nichts weiter an sie erinnert. Es ist nur die erste Nacht, in der sie mir einfällt, weil ich in dieser darüber nachdenke, mit welchen Menschen ich hier unterwegs bin. Es ist ein bunter Haufen von Menschen, der ein bisschen zusammengewürfelt wirkt.

Mit Martin mache ich Musik. Wir spielen Gitarre und unterhalten damit die Kinder, Wir singen und Grölen mit ihnen am Lagerfeuer. Martin ist begeistert von der Musik. Er kann neben Gitarre auch Klavierspielen, einmal versuchen wir das verstaubte Klavier im Erdgeschoss des großen Hauses zu benutzen. Das ist aber so verstimmt, dass es nur für ein Lied reicht, in dem es um Katzenjammer geht und die Kinder das Gejammere von Katzen nachmachen sollen. Das macht den Kindern viel spaß, Martin klimpert das Lied in den schrägsten Tönen.

Spät abends sitze ich mit Martin an der Feuerstelle hinter dem Haus. Wir sind an dem Abend die letzten, die sich noch nicht hingelegt haben. Das Feuer ist schon weit runtergebrannt, wir legen nichts mehr nach, denn auch wir sind schon müde. Ich sehe einen Gluthaufen, der in hellem und dunklem Rot schimmert. Martin wird mit seinem Vater sprechen. Er wird ihm sagen, dass er Musikinstrumente verkaufen will. Er wird ihm nach dem Ende seines Dienstes im Jugendbüro in aller Ruhe erklären, dass er das Geschäft des Vaters sehr schätzt, dass es aber für ihn besser ist, in einem anderen Bereich zu arbeiten. Das könnte auch deshalb eine gute Idee sein, weil selbst der Vater schon festgestellt hat, dass die Entwicklung auf dem Holzmarkt immens dynamisch voranschreitet. Es könnte sein, dass in einigen Jahren so ein großer Holzverkaufsmarkt, wie ihn der Vater von Martin betreibt, nicht mehr gefragt ist. In den großen Städten haben erste Baumärkte eröffnet. Diese Entwicklung könnte in den kommenden Jahren auch in der Kreisstadt ankommen. Wenn ein solcher Markt in der Nähe eröffnet, dann könnte dies das Aus für den großen Holzfachmarkt des Vaters bedeuten.

Ich stimme Martin zu. Ich finde seine Idee gut, das mit dem Vater so zu besprechen. Der Vater könnte in den nächsten Jahren den Holzfachmarkt noch gut verkaufen, sagt Martin. Das wäre wohl der richtige Schritt. Er würde Martin die Freiheit verschaffen sich zu orientieren. Er könnte für Martin bedeuten, dass er den zu ihm passenden Beruf findet. Wenn der Vater heute schon erlebt, dass Bewegung in den Markt geraten ist und sieht, dass sein Fachbereich in Frage steht, weil die Leute in den Städten im Baumarkt einkaufen, dann könnte es sein, dass Martins Idee für den Vater kein größeres Problem darstellt. Der Vater hätte dann nur noch das Problem, sich von seinem Beruf zu verabschieden, und er hätte das Problem zu erleben, dass der Beruf vom Sohn nicht weitergeführt wird. Ein anders Problem bleibt ihm aber möglicher Weise erspart. Er muss nicht mit ansehen, wie der Sohn mit dem Holzfachmarkt scheitert, weil der Markt das nicht mehr hergibt. Ich finde Martins Idee sehr gut, hoffentlich schafft er es, den Vater zu überzeugen.

Ob ich das schaffen würde, weiß ich nicht, denn für mich stellt sich die Frage nicht. So eine Situation ist bei mir nicht gegeben, ich habe eine ganz andere. Trotzdem verstehe ich Martin. Seine Lage ist nicht einfach. Er muss erst mal den Vater überzeugen, um sich Raum zu verschaffen, eigene Entscheidungen zu treffen. Ich habe keinen Vater, den ich von irgendetwas zu überzeugen hätte. Im Gegenteil ich bin froh, mich vom Vater damals losgesagt zu haben. Trotzdem ist er in meinem Kopf und Handeln noch da. Ich denke an ihn, wenn ich mit Martin spreche. Ich kann frei entscheiden, was ich tun will. Kein Gespräch mit dem Vater darüber ist notwendig. Er hat mit mir seit Langem nichts mehr zu tun. Ich kann machen was ich will. Vielleicht suche ich deshalb so lange. Martin sucht nicht, ich glaube er sucht gar nicht, sondern er sieht, was er hat und er überlegt, wie er damit umgeht. Mein Suchen hat vielleicht damit zu tun, dass ich das nicht habe. Ich habe nichts zu tun mit dem Vater also kann ich auch nicht tun, was ihm gefallen würde, kann mit ihm nicht drüber sprechen, ob das für mich richtig wäre oder ob mir etwas anderes einfällt. Fällt mir deshalb nichts ein? Suche ich ständig etwas, weil ich vom Vater nichts habe? Martin hat etwas vom Vater. Er kann, er muss sich dazu Gedanken machen. Erst wenn all das nichts wäre, müsste auch er zu suchen anfangen. Ich liege neben dem grünen Metallwecker, der mir sein Keramikbecher-Wasserglas Ticken ins Ohr schlägt. Ich sehe die Schatten, die von den Holzdachbalken an die Decke geworfen werden. Ich sehe da oben wieder die Wellenbewegung und das Leben.

Am vorletzten Abend sitze ich abends wieder sehr lange am Lagerfeuer. Die Kinder haben heute so laut und lange mitgesungen und mitgegrölt, bis manche von ihnen heiser geworden waren. Hoffentlich erholen sich Kinderstimmbänder über Nacht schnell. Der Tag war sehr anstrengend. Wir haben eine sehr ausgedehnte Wanderung gemacht. Martin hat vor Minuten laut und müde gegähnt. Schließlich packte er die Gitarre in den Koffer und verschwand begleitet von den letzten noch auf gebliebenen Kindern ins Haus. Neben mir sitz nun nur noch Paul vor dem kleinen Lagerfeuer.

Karin habe sich in den letzten Monaten ziemlich verändert. Peter überrascht mich mit diesem Satz nicht wirklich. Er erschrickt mich. Ich weiß, dass Karin sich ihm gegenüber verändert haben muss, denn ich weiß ja, dass sie ihn mit dem Busfahrer betrügt. Ich hatte mehrmals darüber nachgedacht, wie es wäre, mit Paul auf den Vorbereitungsseminaren über Karin zu sprechen. Ich habe es nie getan. Anfangs war Karin auf zwei Abendseminaren noch mit dabei. Sie hatte sich schließlich von der Vorstellung auf diese Kinderferien mitzufahren verabschiedet. Das begründete sie mit ihren Abiturprüfungen, die sich bei ihr über die Pfingstferien hinaus erstrecken würden. Sie brauche die Ferien weil sie nichts riskieren wolle, sie brauche sie für intensive Vorbereitungen auf den mündlichen Prüfungsteil.

Jetzt sitze ich mit Paul am Feuer, der mich anspricht. Wochenlang habe ich daran nicht mehr gedacht. Karin war drei Wochen vor Beginn der Ferien das letzte Mal bei mir zu Besuch. Sie hatte mir erneut alle Details ihres Zeitplanes und ihrer Einkäufe in der Kreisstadt diktiert, die ich ordentlich in meinen Notizblock schrieb. Auch an diesem Wochenende kam kein Anruf wegen Karin bei Frau Stößer an. Frau Stößer rief mich ein einziges Mal an dem Wochenende ans Telefon. Martin hatte angerufen. Ich habe den Notizblock immer noch regelmäßig dabei. Noch nie trat der Fall ein, dass ich die Notizen wegen Karin brauchte.

Paul könnte denken, dass Karin sich wegen der Besuche bei mir verändert hat. Das mit dem Busfahrer läuft nun schon etwas länger als ein halbes Jahr. Paul scheint davon nichts zu wissen. Aber er ahnt etwas. Schließlich sagt er, er glaube, Karin liebe ihn nicht mehr. Er merke das genau. Er frage sich inzwischen sogar, ob sie ihn je geliebt habe. Zumindest frage er sich ob sie ihn seit der Hochzeit noch je geliebt habe. Zuvor, so sagt er, war da etwas, daran erinnere er sich noch. Aber seit der Hochzeit wäre da eigentlich nichts mehr zwischen ihnen.

Ich sitze neben Paul, starre auf die winzigen Flammen, die von einem letzten herausragenden Hölzchen aus dem Feuer aufgeworfen werden. Ich schweige. Mir fällt nichts ein. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht sprechen kann. Meine Stimme ist heiser vom Singen mit den Kindern. Sie würde mir versagen, wenn ich ansetzen würde. Mein Hals ist wie zugeschnürt. Ich würde nur ein Krächzen herausbringen. Ich könnte mich Räuspern und versuchen, die Stimmbänder zu aktivieren. Ich müsste mich zusammenreißen und Gewalt anwenden um da einen ehrlichen Ton herauszupressen. Das geht nicht. Ich habe nichts, was ich antworten kann. Paul hat Recht. Karin hat sich ganz bestimmt verändert. Ich hätte ihm das schon längst einmal in aller Ruhe sagen sollten. Ich hatte dazu Gelegenheit gehabt, denn wir haben uns auf zwei Vorbereitungsseminaren gesehen und wir sind jetzt seit zwölf Tagen zusammen mit den Kindern hier. Mein Hals fühlt sich an, als würde er fest zugepresst. Die Stimmbänder sind von einer schweren Kette belegt, die sie verschließt. Ich habe das Gefühl, für lange Zeit kein einziges ehrliches Wort mehr herauszubringen.

Paul spricht über sie. Er liebt sie. Er spricht über sie in leisen Tönen. Er will sie behalten. Er hat sie geheiratet, weil er sie liebt. Er weiß aber nicht, wo sie seitdem gebliebe ist. Er erklärt, dass er sie nicht mehr spüren kann wie früher. Er sucht sie schon lange. Jetzt sei es besonders schlimm geworden, denn sie ist weit von ihm weg. Wenn sie miteinander telefonieren, was er täglich tut, merkt er dass er sie nicht finden kann. Er hat sich in der Zeit mit den Kindern hier in den Ferien überlegt, dass er neu anfangen will mit Karin. Wenn wir Übermorgen wieder zuhause sind geht das los. Es wird einen neuen Annfang geben zwischen ihm und Karin. Er sei sich ganz sicher.

Ich schweige. Das Feuer ist fast aus. Nur ein leichtes Züngeln einer winzigen Flamme erkenne ich über dem Gluthaufen. Plötzlich merke ich, wie eine Träne durch mein Gesicht rollt. Ich wende mich kurz ab von Paul und wische mir flüchtig mit dem Arm über mein Gesicht.

Der letzte Abend wird eine tolle, laute Show. Die Kinder bereiten Spiele und Theatereinlagen vor. Sie basteln den ganzen Tag über an ihren Vorstellungen, die sie abends präsentieren. Martin und ich begleiten mehrere Kindergruppen mit der Gitarre, die eigene Lieder mit eigenen Texten gedichtet haben. Die Kinderstimmbänder haben sich nachts erholt, sie plärren ihre Lieder aus voller Kehle. Erst nach halb zwei Uhr kehrt im Haus langsam Ruhe ein. Draußen regnet es in strömen, weshalb der Abend im Haus stattfindet und kein Lagerfeuer möglich ist. Eine letzte Gruppe bleibt noch lange im großen Raum im Erdgeschoss zusammensitzen. Ich bin todmüde, lege mich gegen zwei Uhr in meinen Schlafsack.

Die Heimreise vergeht schnell. Den ganzen Tag lang regnet es. Die Kinder sind müde vom letzten Abend und wohl auch von der vielen frischen Luft der vergangenen zwei Wochen. Der Abschied vor dem Jugendbüro geht rasend schnell. Die Kinder werden sehnsüchtig von ihren Eltern in Empfang genommen. Ich schüttle Hände und höre Dank. Ich sehe lachende Eltern und erholte Kinder. Ich schüttle Paul lange die Hand und wünsche ihm alles Gute. Der Jugendleiter dankt mir und rauscht in seinem Wagen davon.

Mit meiner kleinen Tasche, der Isoliermatte und dem Schlafsack unterm Arm steige ich mit Martin zusammen in den roten Jugendbus ein. Martin wendet den Bus auf dem leeren Parkplatz vor dem Moulin Rouge. Er hält vor dem Haus von Frau Stößer. Ich steige aus, krame nach meinem Schlüssel, finde ihn, gebe Martin durch das Wagenfenster die Hand. Wir vereinbaren ein Zusammentreffen am kommenden Wochenende. Martin rauscht mit dem Bus davon. Ich sperre das schmiedeeiserne Tor auf. Der gelbe Opel Kadett steht, wie ich ihn geparkt hatte, davor. Ich durchquere entlang der Garagenmauer den Gartenweg. An der Haustüre fällt der Schlüssel runter. Ich setze mein Gepäck, Tasche, Schlafsack, Isoliermatte ab, greife nach dem Schlüssel uns sperre auf. Meine Hände zittern. Ich bin müde und aufgekratzt. Niemand erwartet mich im Treppenhaus. Ich steige die Wendeltreppe hinauf. Ich betrete mein Zimmer, gehe zur Balkontüre und öffne sämtliche Flügel der Tür. Feuchte Luft strömt mir entgegen. Ich setze mich auf den orangefarbenen Sessel und Blicke über den Balkon hinaus über die verregnete Kreisstadt. Es ist ruhig in meinem Zimmer.