IV. Durch den Ort hinauf – 1. Paul

Ich spüre leichten, kühlenden Gegenwind. Die dicke Wolke zieht schnell vorbei. Schon kommt die Sonne wieder hervor. Ich habe das Gefühl, mein Kopf glüht von der Hitze. Ich laufe rhythmisch, meine Schuhe sind gut gebunden. Der Fußweg verläuft in unmittelbarer Nähe neben der Landstraße, die Stadt und Ort verbindet. Ich komme schnell vorwärts, der Ort rückt näher.

Von der lauten Landstraße hinter den kleinen Büschen höre ich dieses typische Motorengeräusch. Aber nicht jedes Auto ist ein Käfer. Hin und wieder höre ich auch die Motoren von Mercedes oder Opel vorbeidonnern. Die Mehrheit der Wagen jedoch hat ein sehr schrilles Motorengeräusch, es sind Käfer.

Auch Opa fährt einen schönen, grauen Käfer. An ihn denke ich jetzt. Vielleicht ist er heute unterwegs? Wenn der Vater die Oma angerufen hat, ist er bestimmt unterwegs. Vielleicht hat die Oma ihn losgeschickt, um nach mir zu suchen. Vielleicht ist ein Gesicht hinter der Windschutzscheibe eines grauen Käfers, das Gesicht von Opa. Aber auf der Landstraße fahren auch viele weiße Käfer.

Ich atme schnell und tief. Der Ort ist gleich erreicht. Meine Schuhe an den Füßen fühle ich. Es kommt mir vor, als wären meine Schuhe mit meinen Füßen verschweißt. Sie sind schwer. Bei jedem schwungvollen Schritt werfe ich den schweren Fuß in seinem angeschweißten Schuh vor mich. So entsteht mein Laufrhythmus. Ich habe das Gefühl, als ziehe mich das unendlich schwere Gewicht meiner Füße hin zu dem nahen Ort.

Von der Landstraße dicht neben meinem Fußweg höre ich jetzt wieder besonders laut diese schrillen Käfermotoren. Die Geschwindigkeit der Fahrzeuge auf der Landstraße ist sehr hoch. Sie zischen an mir vorbei und von ihrem Fahrtwind wackeln die Zweige der Büsche. Jeder der herannahenden und an mir vorbei donnernden Käfermotoren klingt laut, monoton und schrill. Keiner dieser Käfermotoren hört in dem Augenblick auf mit diesem hohen, schrillen Drehgeräusch des Motors, in dem der Fahrer mich auf dem Gehsteig neben der Landstraße erkennt. Kein Käferfahrer auf der Landstraße nimmt den Fuß vom Gaspedal. Zum Glück! Denn wenn das hohe, schrille Motorengeräusch nachlassen würde und überginge in ein etwas tieferes, beinahe dumpfes Geräusch, dann könnte es der Vater sein, der neben mir auf der Landstraße seinen Fuß vom Gaspedal nimmt. Aber kein Käfermotor wird dumpfer und leiser. Kein Käfer hält auf der Landstraße neben mir. Der Ort rückt näher. Ich erkenne das gelbe Ortsschild.

Paul ist der Sohn der Stiefmutter. Warum fällt mir der jetzt ein? Ich kann nichts dagegen tun. Jetzt falle ich aus meinem Laufrhythmus. Mein Schritt wird schneller. Ich bin beunruhigt. Ich laufe unrhythmisch, auch mein Atem ist ungleichmäßig. Warum? Der Sohn der Stiefmutter hat auch ein Auto. Es ist kein Käfer. Er hat einen gelben Opel Kadett. Ihn hatte ich völlig vergessen. Nicht nur der Vater, auch Paul könnte heute hinter mir her sein. Ich mag ihn nicht. Als wir ins Dorf gezogen waren, war Paul plötzlich da. Es war, als hatte er dieses Zimmer im zweiten Stock schon immer bewohnt. Paul war immer irgendwie da, aber trotzdem gehört er nicht zur Familie. Vielleicht weil er schon älter ist als meine Geschwister und ich. Paul ist erwachsen.

Manchmal war Paul mit uns Geschwistern spazieren gegangen. Er hatte das nicht gern getan. Am Sonntagnachmittag, bei Regenwetter, hatte er uns oft mitgenommen, damit wir aus dem Haus waren. Die Stiefmutter hatte das von Paul verlangt. Pauls Spaziergang hatte immer in seine Stammkneipe, in einem Nachbardorf geführt. Sonntags trifft Paul dort seine Freunde aus einem Fußballklub. In der Kneipe trinkt er Bier. Wir Geschwister waren stets am Nebentisch gesessen. Wir hatten nie etwas getrunken, denn wir hatten kein Taschengeld. Wir hatten uns immer leise miteinander unterhalten und wir hatten uns die Männer in der Kneipe angesehen, wie sie an der Theke lehnten und um die verrauchten Tische saßen, Bier tranken und Zigaretten rauchten.

Paul raucht sehr viel. In seiner Jacke, die er sonntags neben sich auf die Holzbank, seinem Stammplatz in der Kneipe legt, hat er mehrere offene Zigarettenpackungen. Jedes Mal, wenn Paul uns mitgenommen hatte, haben wir uns mehrere Zigaretten von ihm stibitzt. Am Montagnachmittag hatten wir sie in unserer Scheune geraucht. Paul hatte nie etwas davon bemerkt. Paul hatte zu viele Schachteln in seiner Jacke. Paul trinkt sonntags in seiner Stammkneipe drei Bier. Danach steht er auf, zieht die Jacke an, winkt seinen Freunden am Stammtisch kurz zu und verlässt die Kneipe. Wir waren viele verregnete Sonntage hinter Paul hergewatschelt, damit wir aus dem Haus und irgendwie beschäftigt waren. Die Spaziergänge mit dem Sohn der Stiefmutter waren immer sehr langweilig gewesen. Dabei hatte Paul sich nie unfreundlich verhalten. Trotzdem mag ich ihn nicht.

Paul hilft uns nie, wenn es Prügel gibt. Er tut, als wüsste er davon nichts. Aber er weiß davon. Von seiner Arbeit ist er täglich schon viel früher zu Hause, als mein großer Bruder Mark. Paul kommt schon vor dem Vater nach Hause. Er geht hinauf in sein Zimmer. Man sieht ihn den ganzen Abend lang nicht. Wenn wir ins Bett gehen, gegen halb acht Uhr, verlässt er das Haus. Er fährt irgendwo hin. Paul interessiert es nicht, wie es uns geht. Wahrscheinlich mag ich ihn deshalb nicht. Paul tut, was die Stiefmutter sagt. Wenn sie ihn Sonntagnachmittags mit uns zum Spazieren gehen schickt, tut er es. Wenn sie ihn heute Morgen losgeschickt hat, mich zu suchen, tut er es sicherlich auch.

Gestern Abend war Paul im Nachbardorf im Sportheim gewesen. Dort hatte er sich zusammen mit seinen Fußballfreunden das Fußballspiel angesehen. In der vergangenen Nacht habe ich Pauls Auto nicht gehört. Heute Morgen, als ich vor unser Haus getreten war, habe ich seinen gelben Opel nicht auf der Straße gesehen. Das fällt mir jetzt erst ein! Paul muss die Nacht bei seinen Fußballfreunden verbracht haben. Er hätte also heute Morgen, zu sehr früher Stunde, übernächtigt die Dorfstraße herunterfahren können. Er hätte auch auf der Landstraße fahren können, auf der ich das Dorf verlassen hatte. An Paul habe ich bis jetzt nicht gedacht.

Endlich das gelbe Ortsschild! Vielleicht ist Paul noch gar nicht zu Hause. Vielleicht hat er bei einem Fußballfreund geschlafen. Vielleicht sitzt er jetzt schon wieder im Nachbardorf in der Kneipe bei seinen Fußballfreunden und feiert den Sieg der Deutschen Fußballmannschaft. Dann weiß er noch gar nicht, dass ich weggelaufen bin. Wenn Paul heute mehr als drei Bier trinkt, weil es was zu feiern gibt, dann kommt er sicherlich erst nachmittags heim. Vielleicht lohnt es sich nicht mehr, dass er losfährt, vielleicht bin ich dann schon bei der Oma.