III. Durch die Stadt – 1. Suche nach dem gelben Schild

Ich bin mitten in der Stadt. Es ist meine Geburtsstadt. Trotzdem kenne ich mich nicht aus. Es ist laut und es stinkt. Viele Autos fahren auf einer breiten Straße an mir vorbei. Ich bin an einer Kreuzung angelangt. Ich weiß nicht, welche Richtung ich einschlagen soll. Ich gehe nach rechts. Ich suche eine Straße hinaus aus der Stadt in den Ort zur Oma.

Ich laufe auf dem Gehsteig an Wohnhäusern mit kleinen Vorgärten vorbei. Aus offenen Fenstern höre ich das Klappern von Geschirr. Ich rieche Abgase von Autos und Geruch von Mittagessen. Schon wieder kommt eine große Kreuzung. Diesmal gehe ich geradeaus. Jetzt rieche ich das Mittagessen nicht mehr. Rechts und links am Straßenrand sind keine Wohnhäuser mehr. Dort sind jetzt Geschäfte, die bereits geschlossen haben. Ich glaube, in den Stockwerken darüber sind Büros, denn alle Fenster sind geschlossen.

Ich biege nach rechts ab in eine gepflasterte Straße. Kein Auto fährt hier. Jetzt kommen einige Fußgänger entgegen. Den heutigen langen Vormittag war ich ganz allein gewesen. Kein Mensch ging nahe an mir vorbei oder kam mir entgegen. Deshalb frage ich mich nun, ob ich einem der Fußgänger auffalle. Wird mich einer fragen, wer ich bin, wo ich hin will? Ich werde schneller. Ich gehe an vielen Fußgängern vorbei. Sie alle kennen mich nicht, sie grüßen mich deshalb nicht, sie wollen auch nicht wissen, wer ich bin, sie wollen nicht wissen, woher ich komme und wohin ich heute gehe.

Ich verlasse die Fußgängerzone. An der nächsten Kreuzung gehe ich wieder gerade aus. Ich erreiche eine Bushaltestelle. Dort warten einige Menschen. Ob ich mit dem Bus zur Oma fahren könnte? Ich habe kein Geld. Deshalb kann ich mit dem Bus nicht fahren, auch wenn er zur Oma fährt. Ich gehe weiter.

Metzgereien, Schuhgeschäfte, ein Fernsehgeschäft, eine Bäckerei, alle haben schon geschlossen. Es ist kein langer Samstag heute. Die Straße wird nun breiter. Lärm und Gestank nehmen wieder zu. In jedem weißen Käfer, der an mir vorbeifährt, könnte der Vater sitzen. Deshalb drehe ich mich nicht nach den Autos um. Ich glaube, der Vater erkennt mich sofort. Ich gehe ganz nah bei den Häusern und Geschäften. Ich blicke in die Schaufenster. Wenn der weiße Käfer mit dem Vater auf der Straße vorbeifährt, sieht der Vater nur meinen Rücken. Vielleicht fährt er zu schnell an mir vorbei. Er bemerkt nicht, dass ich vor dem Kaufhausschaufenster stehe und mir die Auslagen ansehe.

An jeder Kreuzung gehe ich geradeaus. Ich gehe langsam. Ich renne nicht so verrückt schnell durch diese Stadt, wie heute Morgen durch das Dorf. Es hätte keinen Sinn, schnell zu laufen. Ich fiele nur unnötig auf. Ich tue so, als bummle ich ein wenig durch die Straßen. Ich bin auf meinem Weg nach Hause zum Mittagessen.

Die Fußgänger beachten mich nicht. Das kenne ich nicht. Hier kennt mich keiner, das ist in der Stadt anders als zu Hause. Im Dorf kennt mich jeder. Da weiß jeder, wo ich herkomme und wo ich hin gehe. Im Dorf fragt mich jeder, was ich will, wenn er es noch nicht weiß. Ich war noch nie allein unterwegs in einer Stadt.

Ich sehe mir die großen Straßenschilder an. Auf einem Schild muss der Name des Ortes stehen in dem die Oma wohnt. Durch das Fenster in Vaters Käfer hatte ich es schon Mal gesehen. Wir waren zum Einkaufen in die Stadt gefahren. Ich hatte schon lange geplant wegzulaufen und ich dachte daran, durch die Stadt zu gehen. Ich hatte mir überlegt, dass der Vater sicherlich nicht vermuten werde, dass ich diesen Weg wähle. Mein dritter Fluchtversuch soll mich heute auf keinen Weg führen, den ich schon einmal versucht hatte. Heute Vormittag sollte es nicht der breite Forstweg sein und auch nicht die Landstraße. Ich hatte schon lange entschieden, dass mein Weg mich heute durch diese Stadt führen wird. Deshalb hatte ich damals aufmerksam verfolgt, welche Strecke der Vater zum Einkaufen mit dem Käfer durch die Stadt gefahren war. Die Geschäfte und Schaufenster in der Nähe der Kreuzung mit dem richtigen Schild, das ich jetzt suche, hatte ich versucht, mir genau einzuprägen. Die Häuser und Mauern an der Straße hatte ich mir genau angesehen. Ich war mir damals sicher gewesen, dass ich den Weg zu dem Schild an der Kreuzung heute suchen werde. Heute bin ich hier und suche. Bis jetzt erkenne ich kein Geschäft und kein Haus wieder.

Vielleicht weiß die Oma schon, dass ich heute weggelaufen bin. Vielleicht hat sie der Vater schon angerufen. Vielleicht hat er schon gefragt, ob ich bei ihr angekommen bin. Christian hatte erzählt, dass der Vater immer die Oma anrief, wenn wir weggelaufen waren. Der Vater brüllte die Oma am Telefon an. Er drohte mit der Polizei, die er bei ihr vorbei schicken wollte, wenn wir bei ihr wären und sie ihn zu belügen versuche. Ich glaube nicht, dass die Polizei bei der Oma vorbei gekommen wäre und uns dort abgeholt hätte. Ich glaube, die Oma hätte im Jugendamt angerufen. Sie hätte erklärt, warum die Polizei uns nicht zum Vater bringen soll.

Vielleicht könnte die Oma dafür sorgen, dass ich bei ihr wohnen kann. Bei ihr wohnen schon viele Kinder. Vielleicht zu viele. Sie hat keinen Platz mehr im Haus. In allen Zimmern wohnen schon Kinder. Die Oma hilft mir trotzdem. Der Polizei würde sie mich bestimmt nicht freiwillig übergeben.

Weit entfernt erkenne ich jetzt wieder ein großes, gelbes Schild. Vielleicht steht da endlich der richtige Name. Ich komme schnell näher. Es stehen viele Namen auf dem gelben Schild. Aber der richtige ist wieder nicht dabei. Ich gehe geradeaus weiter.

Viele Männer fahren heutzutage einen weißen Käfer, genauso wie der Vater. In Vaters Käfer sitze ich gerne direkt hinter dem Vater. Von da sehe ich gut zum Fenster hinaus, und ich kann mich an der Lehne aufstützen. In der Mitte sitze ich nicht so gerne. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit dem Vater. Es ist sehr lange her. Es war ein Ausflug. So etwas haben wir lange nicht mehr gemacht. Am Wochenende waren wir unterwegs zu Bekannten vom Vater. Nach langer Fahrt steuerte der Vater den Käfer auf einen Parkplatz. Meine Geschwister, die Stiefmutter, der Vater und ich, wir alle gingen auf die Toilette. Dann fuhren wir weiter.

Der Vater hatte die Fahrertür des Käfers nicht richtig zugeschlagen. Das erkannte ich sofort, denn wie immer saß ich hinter ihm. Die Tür war nur einen kleinen Spalt weit offen. Sie bewegte sich in den Kurven hin und her. Unten, durch den Türspalt sah ich in den Kurven die graue Straße. Die ganze Fahrt über beschäftigte mich die offene Tür. Ich dachte darüber nach, ob ich dem Vater sagen sollte, dass seine Türe offen ist. Ich hatte darüber nachgedacht, was geschehen würde, wenn die Tür plötzlich in einer scharfen Kurve aufspringt. Ich fragte mich: Stürzt der Vater dann hinaus auf die Straße, wird er gegen einen Baum geschleudert? Ich wäre schuld daran, weil ich die ganze Zeit lang gesehen hatte, dass die Türe nicht richtig geschlossen war. Ich hätte Schuld weil, ich nichts gesagt hatte. Die anderen würden mich fragen, ob ich nichts gesehen hätte. Sie würden sagen: „Du musst doch von deinem Sitzplatz etwas gesehen haben! Warum hast du nichts gesagt? Der Vater wäre noch am Leben, wenn du etwas gesagt hättest! Er hätte während der Fahrt nur kurz die Türe geöffnet und sie fest zugeschlagen. Dann wäre gar nichts passiert! Es wäre alles in Ordnung. Aber du hast einfach nichts gesagt. Du hast ihn weiterfahren lassen. Du hast so getan, als wäre nichts, als sei alles völlig normal. Nur du hättest ihm helfen können. Kein anderer wusste, dass die Türe aufgehen könnte. Du warst der einzige, der es schnell sagen hätte können und der Vater wäre noch am Leben, du bist Schuld daran!“

Dem Vater hatte ich während der Fahrt nicht gesagt, dass seine Türe nicht richtig verschlossen war. In den Kurven hätte sie aufspringen können. Es kamen sehr viele Kurven. Wir waren noch lange unterwegs. Die Türe war nicht aufgesprungen. Niemand hatte bemerkt, dass die Türe nicht richtig geschlossen war. Am Fahrtziel stiegen wir alle aus dem Auto aus, auch der Vater.