II. Unterwegs zur Stadt – 1. Am Waldrand

In meinem Kopf erscheint jetzt ein Bild. Ich erkenne mich in unserem alten Haus. In unserem Schlafzimmer ist es eiskalt. Es gibt dort keine Heizung. An den schiefen, grauen Wänden sehe ich die vielen Risse. Der Putz an der Decke ist brüchig. Ich werde den knarrenden Holzboden in dem Zimmer nie vergessen. Ich erkenne ihn ganz dicht vor meinen Augen. Ich sehe Tausende kleiner Risse in dem abgewetzten braunen Holz. Ich sehe kleine Staubfusseln, Haare und winzige Körnchen, die sich in den winzigen Ritzen des Holzbodens festkrallen. Mein Kopf hängt nur Zentimeter über diesem Boden. Bei jedem Schlag hebe ich ihn leicht an und sehe dann die gleichen Haare, die gleichen, feinen Körnchen, die gleichen Fussel auf dem rissigen Boden. Nach drei schnellen Schlägen sehe ich die Härchen, Staubkörnchen und Fussel kurz kleiner werden, dann werden sie sofort wieder größer. Jetzt, nach dem fünften heftigen Schlag, verschwimmen sie. Bei jedem Schlag hebe ich weiterhin den Kopf, aber ich erkenne jetzt kein einziges Haar oder Körnchen mehr. Ich sehe nur noch etwas Verschwommenes, etwas Braunes. Es ist der Zimmerfußboden.

Jetzt darf ich wieder aufstehen von dem Stuhl, auf dem ich liege. Tränen spüre ich in meinem Gesicht, sie laufen über meine Backen, erreichen meine Lippen. Sie schmecken salzig. Ich erkenne die Umrisse des Vaters vor mir. Er hat den Gürtel schon wieder in seiner Hose. Er zieht ihn und die Hose noch einmal zurecht. Sein Gesicht kann ich nicht erkennen, denn meinen Kopf lasse ich herunter hängen. Jetzt dreht sich der Vater um. Ich sehe seine dunkelbraune Cordhose, in der sein brauner Ledergürtel steckt. Er geht zur Tür, hinaus auf den Korridor.

Jetzt sehe das Zimmer, den braunen Boden, den grünen Stuhl, das weiße, dicke Bettzeug auf unseren drei Betten. Sie stehen nebeneinander aufgereiht. Ich glaube, es ist nicht möglich, das zu vergessen.

Ich muss ganz schnell da oben am Waldrand sein. Ich renne auf dieser gefährlichen Landstraße. Ich höre kein Motorengeräusch. Kein Auto nähert sich. Plötzlich höre ich ein lautes Geräusch! Es ist kein lauter Motor. Es kommt aus dem Wald. Es ist ein lautes Schreien. Regungslos stehe ich am Straßenrand. Ich denke nichts. Ich denke nicht daran, schnell weiter zu laufen. Ich denke nicht an den Vater und die Stiefmutter, vor denen ich fliehe. Sekundenlang kann ich gar nicht denken. Erschrocken stehe ich am Straßenrand. Ich kenne dieses laute Geräusch nicht. Es war laut und heftig, es kam aus dem nahen Wald. Da ist es schon wieder! Laut, es ist ein Schreien aus dem Wald. Ich höre sogar ein Echo. Ich darf hier nicht stehen! Jetzt gehe ich langsam wieder los. Mein Erschrecken löst sich auf. Jetzt kommt schnelles Herzklopfen, Zittern und Schwitzen. Ich kann wieder denken, deshalb kann ich jetzt wieder laufen. Schneller und schneller werde ich. Es muss mir egal sein, welches Geräusch da aus dem Wald kommt. Ich darf mich von meiner Angst, weil ich das nicht kenne, nicht aufhalten lassen. Ich muss weg von dieser gefährlichen Straße, weil jederzeit ein Wagen hier fahren kann. Mein Denken ist wieder da, das hilft mir dabei, noch etwas schneller zu werden. Wieder höre ich die Schreie aus dem Wald. Aber jetzt laufe ich weiter. Ich erschrecke nicht mehr. Ein Wildschwein muss es sein! Jawohl! Das ist es, das ist die Erklärung. Das Wildschwein hat mit mir nichts zu tun, es will nichts von mir, es will mir nichts Böses. Ich darf hier auf der Straße schnell weiterrennen. Das Wildschwein im Wald meint nicht mich mit seinen lauten Schreien. Es soll mich nicht von meinem Weg abbringen. Gut, dass mir einfällt, dass es ein Wildschwein ist, das da schreit.

Endlich erreiche ich den Waldweg. Aus dem Wald steigt Nebel auf. Das Wetter ist heute sehr klar. Noch ist es kühl, aber ich glaube, wenn ich hinter dem Wald wieder herauskomme, muss die Sonne schon zu sehen sein und dann wird es wärmer werden.

Meine Schuhe sind jetzt sehr weit geöffnet. Sie halten nicht mehr fest an meinen Füßen, sie hängen wie Schlappen an ihnen. Ich könnte schneller laufen, wenn sie gebunden wären. Aber ich will es noch nicht riskieren. Lieber noch nicht, lieber erst, wenn ich auf dem Waldweg ein Stück vorwärts gekommen bin. Die Landstraße ist immer noch sehr gefährlich, ein Autofahrer könnte mich von ihr aus noch sehen.

Mir ist sehr warm, obwohl die Luft kühl ist. Ich schwitze. Soll ich die Jacke wieder ausziehen? Nein, lieber nicht! Das mache ich auch erst, wenn ich von der Straße weit genug weg bin.

Das erste Ziel habe ich jetzt erreicht. Auf diesem Waldweg bin ich schon sicher. Kann ich mich hier schon sicher fühlen? Ist er wirklich bereits ein erstes Ziel? Was ist eigentlich mein Ziel? Was wünsche ich mir überhaupt? Ist es ein schönes Kinderleben? Ich glaube nein. Ich glaube, ich möchte nur einen erträglichen Platz für mein Leben finden. Ein erträgliches Kinderleben würde mir reichen. So wie ich es mir in der Scheune ausgemalt hatte. Das könnte mein Wunsch sein.

In der Scheune hatte ich mir einen Rahmen ausgemalt, in dem ich in Ruhe gelassen werde. Ein Rahmen ohne Angst davor, dass ein Erwachsener wie die Stiefmutter kommt. Ohne Angst vor dem Vater, der es uns wieder zeigen soll. Ohne meine ständige Angst und ohne das Schlagen, so wäre es erträglich, Kind zu sein. Das würde mir schon reichen, das wäre schön. Ein schönes Kinderleben. Mehr fällt mir dazu nicht ein.

Vielleicht suche ich das Gegenteil, von meiner jetzigen Welt. Nein. Nicht das Gegenteil, ich glaube ich suche einfach nur einen anderen Teil meiner jetzigen Welt.

Meine jetzige Welt ist eine Welt mit einem Kleinen, in einem kleinen Dorf, bei Stiefmutter und Vater. Die Stiefmutter und der Vater denken, dass ich, der Kleine nur diese winzige Welt, in der sie mich halten, brauche. Sie reicht mir, denken sie. Sie fragen sich: Was soll ein Kleiner schon brauchen? Es ist doch nur ein Kleiner, der nichts anderes kennt als die kleine Welt in seinem Dorf. Und jetzt, wo er noch so klein ist, braucht er auch nichts Anderes.

Aber die Stiefmutter und der Vater wissen nicht, dass er kleine Träume hat. Er träumt in seinem Versteck in der alten Scheune, er träumt morgens auf dem Schulweg, während des Unterrichts, beim Mittagessen, am Tisch der Stiefmutter, auf dem Weg zum Zigarettenkaufen für die Stiefmutter. Der Kleine träumt auf dem Bürgersteig vor dem alten Haus, den er jeden Samstagvormittag mit dem Reisigbesen sauber fegt. Er träumt beim Kehren auf dem braunen Holzfußboden im Kinderzimmer, und manchmal träumt er sogar, während der Vater mit seinem braunen Ledergürtel zu einem kräftigen Schlag ausholt.

Lange Zeit kann sich der Kleine den Inhalt seiner vielen Träume nicht erklären. Er weiß nach den Träumen immer nur, dass er von einem anderen Leben geträumt hatte. Wie dieses Leben ist, das er da träumt, weiß er aber nicht. Er weiß nicht, ob er das, wovon er da träumt, in sein Denken einbeziehen darf. Eines Tages, der Kleine sitz oben in seinem Versteck in der kalten Scheune, merkt er, dass er immer bevor er mit dem Träumen beginnt, an etwas denkt, das bei Stiefmutter und Vater ganz schrecklich ist. Seit diesem Tag geht sein denken immer weiter hinein in die Träume. Eines Tages wird ihm so, in seiner Scheune klar, dass es nichts nützt, nur zu träumen. Tage später träumt der Kleine tagsüber nicht mehr. Anstatt zu träumen, denkt er. Er denkt über sein Leben bei der Stiefmutter nach. Er träumt nur noch nachts in seinem Bett, aber auch dort wird sein Träumen immer weniger. Bald träumt er auch nachts nicht mehr. Bald kann er kaum mehr schlafen, weder tags noch nachts, weil er so viel denkt. Zu sehr beschäftigt ihn sein Denken über sein Leben bei Stiefmutter und Vater.

Der Kleine hat aber kein klares Ziel vor Augen. Er weiß nur, dass etwas anders werden muss. Der Grund ist, dass es bei Stiefmutter und Vater so ist, wie es ist.

Eines Tages geschieht mit dem Kleinen etwas. Es ist der heutige Tag. Der Kleine macht sich auf den Weg. Er tut das, obwohl er überhaupt nicht genau weiß wohin ihn sein Weg führen wird. Der Kleine betritt einen unbekannten Weg, der ihn vielleicht in eine andere Welt führen wird. Er möchte zu einem Platz kommen, an dem es für ihn anders ist, als bei der Stiefmutter und dem Vater. Der Kleine tut heute etwas, das sich Stiefmutter und Vater nicht vorstellen können.

In meinem Kopf sehe ich jetzt noch ein anderes Bild von mir: Ich bin nicht mehr der Kleine. Ich stehe auf dem Gehsteig gegenüber unserem alten Haus. Nein, das bin ja gar nicht ich. Ich sehe doch ganz anders aus! Doch, ich glaube, ich bin es. Aber ich bin nicht mehr der, der ich heute bin. Ich bin nicht mehr der Kleine. Ich bin jemand anderer. Ich bin groß und erwachsen. In diesem Bild bin ich unser erwachsener Nachbar auf der anderen Straßenseite. Ich blicke hinüber, über die kleine Dorfstraße mit den schmutzigen Treckerspuren. Es ist Samstag und meinen Gehsteig habe ich heute Vormittag sauber gekehrt. Auf der Dorfstraße sieht also alles normal aus. Trotzdem bleibe ich kurz stehen, auf dem gekehrten Bürgersteig, denn ich habe gerade laute Schreie von Kindern gehört. Sie kamen aus dem Haus gegenüber. Von dort habe ich schon oft diese lauten Kinderschreie gehört, täglich. Ich höre Weinen, Röcheln, dann Schluchzen, dann wieder lautes Schreien. Ich gehe weiter auf dem gefegten Bürgersteig. Nach links will ich, die Dorfstraße hinauf. Ich will in die Dorfkneipe. Ich will zu meinem Stammtisch, dort will ich ein Bier trinken. Die Kinderschreie höre ich jetzt nicht mehr, zu weit bin ich schon von dem Haus entfernt. Ich habe mir diese Schreie nicht eingebildet. Sie gehören zu meinem Alltag in meinem Dorf. Sie gehören dazu, wie das Schlagen der Kirchturmuhr. Trotzdem kommt es manchmal vor, dass ich wegen dieser Schreie auf dem Bürgersteig stehen bleibe. Dann frage ich mich kurz: warum wegen etwas Alltäglichem auf dem Bürgersteig stehen bleiben? Dann gehe ich weiter und denke: Es gibt einen Grund für diese Schreie, und weil es diesen Grund gibt, habe ich keinen Grund auf dem Bürgersteig wegen der Schreie stehen zu bleiben. Böse Kinder! Freche Kinder! Genau das ist es! Es sind freche Kinder, die ich da täglich schreien höre. Zucht und Ordnung braucht mein Land, braucht mein Dorf! Genauso denke ich. Deshalb ist alles in Ordnung in meinem Dorf. Deshalb höre ich jeden Tag diese Kinderschreie. Ich betrete meine Kneipe und setze mich an den Tresen. Das Fernsehen sendet heute die Fußballweltmeisterschaft. Ich bestelle beim Wirt ein Bier und blicke gebannt auf den Fernsehbildschirm über dem Tresen. Hoffentlich wird die deutsche Mannschaft Fußballweltmeister. Daran denke ich, darüber rede ich in meiner Kneipe, das ist Thema in meinem Dorf.