I. Durch das Dorf – 1. Früh morgens

Es ist feucht draußen. Der Gartenweg ist dunkel, die Steinplatten glänzen. Grüne Blätter von einem Rosenstrauch glitzern nass. Ein Tropfen geht zu Boden. Meine Hand liegt auf dem schmiedeeisernen Türgriff. Ich drücke ihn hinunter. Langsam, kein Geräusch dabei. Ich spüre die Kälte an meiner Handfläche. Die Gartentür ist nicht verschlossen. Mir genügt ein schmaler Spalt. Ich bin dünn und klein. Jetzt stehe ich auf dem schmalen Bürgersteig. Von hier ziehe ich das Gartentürchen langsam zu. Ein Topfen rollt von einem Rosenstrauchblatt. Meine Augen lösen sich von dem Blatt. Ich sehe nicht, wie der Tropfen zu Boden geht.

Der große Rosenstrauch am Gartenzaun, der kurze Steinplattenweg, das Unkraut rechts und links davon, die Tulpen im Garten meiner Stiefmutter, das alte Bauernhaus meines Vaters, die schiefen Fenster, die braunen Fensterläden, der bröckelnde Putz an der schrägen Hauswand, das alte Schindeldach auf dem Haus, die niedrige Haustür, die graue Blechmülltonne. Vielleicht sehe ich das alles nie wieder.

Es ist früher Morgen. Weil er heute so früh für mich beginnt, ist alles anders. Ich höre keine Geräusche von Autos, von Motorrädern, von Mofas, von Traktoren. Ich höre keine Kuhglocken, nicht die Glöckchen einer Schafherde, nicht den Schäferhund, nicht die gackernden Hühner oder den krähenden Hahn vom Bauernhof neben unserem Haus. Alle Geräusche, die ich vor unserem Haus kenne, fehlen heute Morgen. Ich stehe nur wenige Sekunden auf dem feuchten Bürgersteig vor dem Gartentürchen. Ich höre die feuchten Blätter am Rosenstrauch. Sie rascheln im schwachen Wind.

Das erste Ziel ist jetzt erreicht. Ich stehe auf dem Gehsteig vor unserem Haus. Die schwere Haustür und das Gartentürchen sind überwunden. Mein Herz pocht schnell, die Schnürsenkel in meinen Schuhen sind offen, meine dünne Strickjacke liegt auf meinem rechten Arm.

Vor wenigen Minuten habe ich unser Zimmer verlassen. Meine beiden Brüder Christian und Matthias schlafen auch jetzt noch fest. Leise war ich zur Zimmertür getapst. Die Dielen knarrten, die Zimmertür hatte laut gequietscht. Matthias stöhnte tief und drehte sich um. Christian rührte sich nicht. Im finsteren Korridor war es kalt. Vorsichtig tapste ich weiter über die knarrenden Dielen vorbei an Küche und Esszimmer.

Dieser Morgen hatte in meinen Gedanken schon sehr oft stattgefunden. Vor Monaten hatte ich, in meinem erst zehn Jahre alten Kopf, begonnen drei Bilder von diesem heutigen Morgen zu malen.

Viele schlaflose Abende in meinem Bett neben Matthias und Christian dachte ich, dass der Vater mich windelweich prügeln wird, wenn ich es am heutigen Tag nicht schaffe. In unserem dunklen, kalten Kinderzimmer war ich in den vergangenen Monaten oft bis weit über die Mitternacht hinaus wach gelegen. Unter meiner dicken Bettdecke hatte ich gedacht, dass mein Plan sehr genau durchdacht und der Zeitpunkt gut sein muss, damit er heute gelingen kann. Stundenlang hatte ich viele Nächte mit meiner Angst davor gekämpft, dass der Vater schlagen wird, wie noch nie, wenn mein Plan Fehler hat und heute nicht gelingt. Deshalb mussten meine Bilder in meinem Kopf von diesem Morgen sehr genau und vor allem fertig werden. Ich hatte entschieden, so lange an den Bildern in meinem Kopf zu malen, bis jeder Pinselstrich seinen Platz gefunden hat. In meinem Kopf durfte kein Pinselstrich sein, wo er nicht hingehört.

Nachts in meinem warmen Bett waren nach vielen Monaten schließlich diese drei Bilder vom heutigen Morgen entstanden. Das erste Bild zeigt mich heute früh morgens in unserem Haus. Auf dem zweiten Bild nehme ich in der morgendlichen Kälte den Weg durch unseren kleinen Garten. Das dritte Bild zeigt mich auf dem Bürgersteig vor unserem Garten. Genau so, wie ich das monatelang in meinem Kopf gemalt hatte, geschah alles vor wenigen Minuten.

Das erste Bild:

Der dunkle Korridor von unserem Kinderzimmer ins kalte Treppenhaus liegt schon hinter mir. Ich öffne die Toilettentür. Langsam ziehe ich sie auf, denn nur so quietscht sie nicht. Unter meinem rechten Arm klemmen meine Kleider. Unsere Toilette ist schmal, lang, dunkel und kalt. Die Tür ziehe ich hinter mir zu. Die Holzbretter unter dem grauen Linoleumboden knarren. Sieben Schritte sind es bis zur Plumskloschüssel. Meine Kleidung lege ich auf den geschlossenen Klodeckel. Vor der Schüssel ziehe ich meinen Schlafanzug aus. Ich lasse ihn auf den Boden fallen. Unterwäsche, Socken, T-Shirt und Hose ziehe ich an. Die Strickjacke nehme ich als letzte vom Deckel. Sie behalte ich im rechten Arm. Ich pinkle in die Schüssel. Aus der Sickergrube stinkt es fürchterlich. Ich spüle nicht. Ich bücke mich, schließe dabei den Klodeckel, nehme mit der linken Hand den Schlafanzug und lege ihn über meinen rechten Arm auf meine Strickjacke. So gehe ich von der Toilette zurück ins Treppenhaus.

Der Moment zwischen der Klotür und der Treppe hinunter, ist der gefährlichste. Meine Augen fixieren deshalb eine Tür. Es ist die Zimmertür von Vater und Stiefmutter. Sie darf jetzt nicht aufgehen. Keiner der beiden muss jetzt auf die Toilette. Beide schlafen noch, wie meine beiden Brüder. Alle Hausbewohner, auch Paul, der Sohn der Stiefmutter, oben im zweiten Stock, schlafen fest. Jede Treppenstufe knarrt. Den Knauf von Vaters Schlafzimmertür behalte ich so lange im Blick, wie es geht. Er bewegt sich nicht. Die Tür bleibt geschlossen. Ich erreiche den unteren Treppenabsatz. Vaters Zimmertür sehe ich von hier nicht mehr. Alles geht jetzt sehr schnell und geräuschlos. Ich bücke mich und schlüpfe hastig in meine Schuhe. Von oben höre ich nichts. Vaters Zimmertür bleibt geschlossen. Meine Schuhbänder lasse ich offen. Ich ziehe an dem dunklen Haustürgriff. Der Schlüssel klemmt, das macht nichts. Ich kenne das seit bald einem Jahr. Solange wohnen wir in dem alten Haus. Ich drehe am Schlüssel und ziehe die Haustür auf.

Das zweite fertige Bild in meinem Kopf:

Kalte Morgenluft strömt mir entgegen. Draußen ziehe ich einmal kräftig am Haustürgriff. Das Schloss schnappt ein. Rechts neben der Haustür steht die Mülltonne. Der graue Blechdeckel quietscht leise. Ich schiebe etwas Müll beiseite. Meinen Schlafanzug lege ich hinein. Den Müll schiebe ich darüber. Das ist mein Versteck für den Schlafanzug. Wenn ich heute vom Vater erwischt werde, muss ich versuchen den Schlafanzug unbemerkt aus der Tonne zurückzuholen.

Das dritte und letzte Bild vom heutigen Morgen in meinem Kopf:

Noch stehe ich in meinem dritten Bild. Den glitschigen Gartenweg tapste ich vor Minuten behutsam und sehr schnell entlang. Dabei war ich nicht ausgerutscht. Jetzt stehe ich endlich draußen vor unserem alten Haus, auf dem feuchten Gehsteig und werfe einen gehetzten, flüchtigen Blick durch den Vorgarten hinüber auf das alte Gemäuer, meinem zu Hause.

Hoffentlich wird niemand meinen Schlafanzug in der Mülltonne frühzeitig finden. Wenn alles klappt, wird er wahrscheinlich nie wieder auftauchen. Er wird am Mittwoch von den Müllmännern abgeholt werden. Die werden wie immer die Mülltonne in ihren Wagen kippen. Keiner der Müllmänner wird wissen was er da in den Müllwagen kippt und zusammen mit dem anderen Müll auf die Müllkippe fährt. Kein Mensch wird sich für meinen Schlafanzug in der Tonne interessieren. Der Schlafanzug wird irgendwo auf einer Müllkippe liegen, unter Plastiktüten mit Haushaltsabfall, zwischen leeren Blechdosen. Langsam wird er in Mitten des Müllberges vermodern. Vielleicht habe ich heute die letzte Nacht im Haus von Stiefmutter und Vater in diesem Schlafanzug gezittert. Vielleicht werde ich nie wieder in diesem Schlafanzug im Bett liegen und Angst haben, weil ich den heutigen Tag in meinem Kopf male und plane. Niemand wird sich für die Geschichte dieses Schlafanzuges auf einer Müllhalde interessieren. Niemand weiß, warum ich ihn heute im Morgengrauen in unserer Tonne vergrub. Hoffentlich hat der Schlafanzug, obwohl er noch nicht alt und ausgeleiert ist, heute für immer ausgedient. Vielleicht werde ich ihn nie wieder anziehen.

Auf den drei Bildern in meinem Kopf fehlt etwas. Es ist mein leichtes Zittern, mein Schwitzen, mein immer stärker werdendes Zittern und die Kälte die ich dabei spüre. Jetzt vor dem Gartentürchen ist es wieder da. Es ist das, was ich auch unter meiner Bettdecke immer gespürt hatte. Es ist meine Angst davor, das in meinem Kopf lange Gemalte, das sorgfältig Geplante, das monatelang Gedachte heute endlich zu tun.

Seitdem ich im Haus bei Stiefmutter und Vater wohne, besuche ich die Dorfschule. Sie liegt oben im Dorf, nicht weit vom kleinen Dorfplatz. Mein Lehrer hatte einmal einen Satz aus einem Buch vorgelesen, an den ich immer wieder denken muss. Auch jetzt in den Sekunden auf dem Bürgersteig vor unserem Gartenzaun am feuchten Rosenstrauch, fällt mir dieser Satz wieder ein: „Angst ist ein schlechter Ratgeber.“

In meinem Kopf auf meinen drei klaren Bildern von diesem Morgen fehlt meine Angst. Ich kann sie im Kopf nicht malen, denn sie ist unsichtbar. Sie ist so unsichtbar, dass ich sie auf den drei Bildern in meinem Kopf nicht erkennen kann. Aber sie ist stets da. Sie treibt mich heute schon vor Sonnenaufgang aus meinem warmen Bett, aus unserem Kinderzimmer, aus unserem Haus, durch unser sauberes schwäbisches Gärtchen. Sie treibt mich auf den besenreinen Gehsteig. Sie wird mich heute vielleicht noch den ganzen Tag lang weiter treiben.

Ich glaube nicht, dass meine Angst mein Ratgeber ist. Sie treibt mich an, aber sie berät mich nicht. Ich bin zehn Jahre alt und mich berät mein Kopf. Mein Kopf ist nicht nur voll mit Angst, er ist auch voll mit meinem Denken.

Sehr lange habe ich darüber nachgedacht, was geschehen ist. Mein langes Nachdenken bringt mich heute Morgen vor dieses Gartentürchen. Ich muss es heute tun, weil ich so lange darüber nachgedacht habe und zu dem Ergebnis gekommen bin, dass ich es nicht mehr aushalte. Meine Angst treibt mich dabei an, sie begleitet mich hier her, sie wird mich heute weiter begleiten, aber ich glaube, sie berät mich nicht mehr.

Mein Denken in meinem Kopf verhindert, dass meine Angst mich berät oder gar darüber entscheidet, was ich heute tue. Weil ich so lange über den heutigen Tag nachgedacht habe, hat mein Denken die Angst schließlich besiegt. Nur weil das so gewesen war, gibt es auch Bilder, die ich vor dem heutigen Morgen in meinem Kopf niemals gemalt hatte. Hätte ich sie gemalt, stünde ich jetzt nicht auf dem feuchten Gehsteig vor unserem alten Haus. Jetzt aber, wo ich die ersten Schritte bereits gewagt habe, baut sich in meinem Kopf plötzlich eines dieser Bilder auf. Dieses Bild sieht so aus:

Der Vater liegt neben der Stiefmutter im Bett. Draußen dämmert es. Es ist Samstag, die Familie kann heute ausschlafen. Der Vater muss nicht früh raus. Heute braucht er nicht in seinem weißen Käfer im Morgengrauen zur Arbeit in die Fabrik zu fahren. Trotzdem wacht er genau so früh auf, wie an jedem normalen Arbeitstag. Im seinem Bett dreht er sich um. Er öffnet die schläfrigen Augen und sieht, dass es noch nicht ganz hell geworden ist. Sekundenlang glaubt er, dass er heute zur Arbeit müsse. Deshalb schreckt er auf, denn der Wecker hat nicht geläutet. Jetzt fällt ihm die gestrige Fußballübertragung im Fernsehen wieder ein. Die deutsche Mannschaft hat sich durch ein Vorrundenspiel gekämpft, ein toller Sieg! Hoffentlich werden wir Weltmeister. Das denkt er jetzt, genauso wie er es gestern Abend schon gedacht hatte. Nun weiß er auch wieder, dass heute Samstag ist. Also kann er im Bett liegen bleiben. Er dreht sich noch mal um. Neben sich im Bett sieht er die Stiefmutter. Sie schläft noch tief. Der Vater schließt die Augen, denn er möchte weiter schlafen. Das Wiedereinschlafen klappt aber nicht. Jetzt spürt er, dass er dringend auf die Toilette muss. Wegen ihrem gestrigen Fußballspiel kann die deutsche Mannschaft Fußballweltmeister des Jahres 1974 werden. Deshalb liegt ein langer Abend mit vielen Getränken hinter dem Vater. Das viele Getrunkene will jetzt wieder raus. Die Bettkante knarrt unter seinem großen Gewicht. Der Vater schlüpft in die braunen Pantoffeln. Die Dielen im Schlafzimmer knarren. Über den grauen Steinboden geht er durch das kalte Badezimmer. Schnell erreicht er die Badezimmertür. Sie führt ins Treppenhaus. Quietschend öffnet er sie. Da bleibt der Vater überrascht stehen, denn jetzt sieht er mich. Ich komme gerade aus der Toilette.

Eindeutig, dass ich mich auf der Flucht befinde! In voller Bekleidung sieht mich der Vater. Mein Schlafanzug liegt über der Strickjacke auf meinem rechten Arm. Eindeutig, dass ich das Haus noch vor Sonnenaufgang verlassen möchte. Auch ich sehe den Vater. Ängstlich erstarre ich auf der Treppe. Ich zittere zuerst wenig, dann wird mir sehr heiß, dann zittere ich kräftig, dann wird mir kalt. Schlafanzug und Strickjacke fallen auf die Treppenstufen. Der Vater ist sofort hellwach. Er schreit mich an: „Das gibt’s doch nicht! Was machst du denn hier? Wohin willst du, du freches Bürschchen?“

Ich bleibe, wie so oft in solchen Momenten, bewegungslos zitternd und schweigend stehen. Wie erstarrt stehe ich auf den ersten Treppenstufen vor dem Vater. Ich kann dem Vater keine Antwort geben. Ich glaube, der Vater erwartet gar keine Antwort auf seine laute Frage. Wütend und aufgebracht ist er. Sein Gesicht ist sehr faltig, und jetzt sehe ich, dass es ganz rot von seiner Wut auf mich geworden ist. So stürzt der Vater über die laut knarrenden, alten Dielen im kalten Treppenhaus auf mich zu. Dabei brüllt er zornig: „Die Faxen treibe ich dir jetzt endgültig aus Bürschchen!“

Ich spüre Vaters kalte, feste Hand an meiner Schulter. Sie wirft meinen Rücken gegen die schiefe Treppenhauswand. Ich falle auf die Stufen. Der Vater zieht mich, an meinen Schultern und meinem T-Shirt, über die Treppe zu sich hinauf. Verschwommen erkenne ich jetzt auch die Stiefmutter in der Badezimmertür. Ihr Blick ist hasserfüllt. Es ist der Blick, den ich seit einem Jahr täglich erlebe. Sie hilft dem Vater. Gemeinsam schleifen sie mich ins Wohnzimmer. Jetzt erkenne ich die niedrige, durchhängende Wohnzimmerdecke. Der Putz hat tausend Sprünge. Ich stolpere über die Türschwelle und falle zu Boden. An meinem T-Shirt und meiner Hose ziehen beide mich hoch. Die Stiefmutter schreit: „Du Bürschle brauchscht des einfach jeden Tag! Mir wern’s dir schon noch zoign!“

Der Vater verschwindet für kurze Sekunden. Ich liege auf dem Holzstuhl. Der Vater kommt zurück. Ich spüre seinen scharfen Gürtel. Jeder Schlag zwingt mich zu einem lauten Schrei. Meine Tränen tropfen auf den grauen Teppichboden.

Dieses Bild in meinem Kopf ist hier zu Ende. Ausgerechnet jetzt malt mein Gehirn so ein Bild! Gerade jetzt, in den Sekunden, die ich auf dem nassen Asphalt vor unserem Haus in der morgendlichen Kälte stehe. Dieses Bild kann ich nicht gebrauchen. Warum ist es trotzdem in meinem Kopf? Soll meine Angst jetzt schon zurückkehren? Will sie mich in letzter Sekunde abhalten, das lange Geplante heute endlich zu tun?

Im Jahr 2018 habe ich auf meinem Album „acoustic planet“ meinen Song „leave it“ in akustischer Version  nur mit Gitarre neu aufgenommen. Der Song behandelt die Situation vor der der zehnjährige Bub in der Erzählung steht, nämlich sein Elternhaus zu verlassen.

https://www.jamendo.com/track/1584511/09_leave_it_acoustic_version