Gruppe

Pünktlich um sieben Uhr abends kommen Pete, Ida, Thomas und Martin. Sie sitzen auf meinem Sofa. Pete sitzt in meinem orangen farbigen Sessel und ich sitze auf dem einzigen normalen Stuhl, den ich habe. Wir sitzen rund um meinen kleinen Wohnzimmertisch auf dem ich in fünf Keramikbecher Tee aus schenke. Der Fußboden rund um den Tisch ist bald übersäht von Papieren. Wir besprechen den Inhalt von neuen Handzetteln, mit denen wir über die Menschenrechtssituation in Lateinamerika informieren wollen. Von dort stammt der Kaffee, den wir an den Verkaufsständen am Wochenende anbieten.

Thomas hat einen Schreibblock auf den Knien, er führt das Protokoll der Besprechung. Am kommenden Samstag steht ein Verkaufsstand auf einem Marktplatz in einer nahe gelegenen Gemeinde an. Thomas hat die amtlichen Formblätter der Gemeinde dabei. Der Jugendleiter hat die Genehmigungen eingeholt. Vor dem Treffen hatte Thomas sich das alles beim Jugendleiter abgeholt. Ein Problem besteht darin, dass der Bus des Jugendleiters am Samstag nicht zu haben ist, weil der damit auf ein Seminar fährt. Ich erkläre, dass sei kein Problem, weil ich nun ein Auto hätte. Das löst in der Runde Staunen und Lachen aus.

Der gelbe Schrotthaufen vor dem Gartentor da draußen gehört also Dir! Und ich dachte schon, Deine Vermieter seien finanziell am Ende und haben ihren Fuhrpark gegen diese Rostlaube tauschen müssen.

Thomas lacht mich an.

Passt denn in den Kübel alles rein?

Ich hoffe es. Ausprobiert habe ich es nicht.

Ich könnte noch das Auto von meinem Vater leihen.

Das wäre sehr gut.

Thomas ist ein aufgeschlossener Typ, der eigentlich ständig lacht. Er war der erste Mensch, den ich in der Gegend der Kreisstadt kennen gelernt hatte. Ich traf ihn auf meiner Umzugsfahrt, er trampte. Ich hatte ihn bis zum nahe gelegenen Hof seiner Eltern am Rande der Stadt mitgenommen. Von diesem Tag an, habe ich ihn regelmäßig getroffen. Im Herbst letzten Jahres ist er aktiv in die Verkaufs- und Informationsarbeit an den Dritte-Welt-Verkaufsständen eingestiegen. Er ist am häufigsten dabei, im Grunde jedes Wochenende. Ich glaube er ist ein sogenannter „Alternativer“. Aber er ist kein Freak. Sondern er lebt sehr bewusst, isst nur bestimmte Dinge, macht eine Schreinerausbildung und hilft seinen Eltern oft in deren Töpferei. Ida und Pete hat Martin eines Tages mit zu den Verkaufsständen gebracht. Sie sind Geschwister und wirken auf mich manchmal fast noch kindlich. Sie sind begeistert davon in der Arbeitsgruppe mitzumachen. Seit Martin sie mitgebracht hatte, sind sie auch sehr häufig bei den Verkaufsständen dabei. Ich glaube ihnen gefällt es, dass wir in der Gruppe etwas tun, das sich ganz allgemein gesagt, gegen die Ungerechtigkeit in dieser Welt richtet. Zudem glaube ich, dass Ida in Thomas verliebt ist. Ich glaube Thomas weiß das, aber er ist sich nicht sicher, ob er deren Liebe erwidern will.

Martin habe ich im Jugendbüro kennen gelernt. Er macht dort Zivildienst. An seinem ersten Arbeitstag hatte der Jugendleiter mich gebeten, mit Martin durch den Keller unterhalb des Jugendbüros zu stöbern. Ich habe ihm den Materialkeller gezeigt, in dem wir die Verkaufswaren der Dritte-Welt-Verkaufsstände lagern und ihm die Ordnung dort erklärt. Martin ist Einzelhandelskaufmann. Er hat die Ausbildung in der Großstadt gemacht. Nach seinem Zivildienst soll er in der Holzverarbeitungsfirma seines Vaters am Rande der Kreisstadt einsteigen. Martin ist sich noch nicht sicher ob er das wirklich machen will. Sein Vater spekuliert darauf, dass er die Firma eines Tages übernimmt. Martin aber möchte lieber Musikinstrumente verkaufen als Hölzer. Er sagt, dass er die Zeit seines Zivildienstes nutzen wird, um zu überlegen, welche Entscheidung für ihn die beste ist und wie er das mit seinem Vater bespricht. Ida und Pete leben mitten in der Kreisstadt in einer kleinen Wohnung bei ihrer Mutter. Wo deren Vater geblieben ist, weiß ich nicht, ich habe mit beiden darüber noch nicht gesprochen. Beide besuchen ein Mädchengymnasium. Ida schließt die Schule voraussichtlich in diesem Jahr ab, während Pete nächstes Jahr dran ist.

Ich bin sehr froh diese Leute kennen gelernt zu haben. Am Anfang in der Stadt, vor etwas mehr als einem halben Jahr, hatte ich mich eine Zeitlang richtig einsam gefühlt. Das ist jetzt nicht mehr so schlimm, wegen dieser Bekannten und den regelmäßigen Treffen.

Um kurz nach drei Uhr Nachts liege ich wieder wach auf meinen drei kleinen Matratzen aus dem alten Jugendkeller. Der Wecker tickt aber seltsam. Ich höre nur ein leichtes klack, klack, klack. Er zeigt elf Uhr an, auf meiner Armbanduhr ist es aber viertel nach Drei. Ich ziehe den Wecker auf und stelle ihn auf viertel nach Drei. Im Zimmer und im Haus ist es absolut still. In einer Minute muss der drei Uhr sechzehn Zug Richtung Österreich hinter dem Haus vorbei donnern. Ich bleibe noch liegen und finde an der Wand wieder die Linie von Licht und Schatten. Sie bewegt sich heute kaum. Es ist ein ganz feines Wippen das ich nur erkenne, weil ich länger hinsehe. Jetzt kommt der Zug. Auf seinem Weg ins Ausland lärmt er durch die Nacht.

Heute Nacht ist im Moulin Rouge wenig los. Auf dem Parkplatz stehen nur zwei Autos. Erstmals seit einer Woche entfache ich wieder ein kleines Feuerchen. Meine Steine rund um die Feuerstelle sind nicht weg gespült worden. Der Platz unter der Brücke ist noch voll von Schlamm, der aber im Laufe des Tages getrocknet ist. Das Holz unter meiner Plane ist im Laufe der stürmischen Woche feucht geworden. Das Feuerchen ist etwas widerspenstig. Als es endlich brennt, beginnt es zu qualmen. Aber das ist um diese Uhrzeit wohl egal, denn oben auf der Brücke fährt kein Mensch um diese Zeit. Die Nacht ist stockdunkel, der Mond kommt erst um vier, bis dahin ist das Feuer warm genug und es raucht nicht mehr. Die Taschenlampe ist mit den neuen Batterien, die ich im Discounter bekommen habe, fast zu hell.

Ich setzte mich auf meinen kleinen Felsbrocken, direkt vor das Feuer. Aus meinem kleinen Rucksack nehme ich das Buch und beginne zu lesen. Die Lampe ist zu hell. Die Seiten reflektieren so stark, dass ich sie kaum lesen kann. Das Licht vom Feuer reicht um zu lesen. Trotzdem zünde ich noch die dicke Stumpenkerze an, die ich an ihren Platz auf dem Felsen neben dem Feuer stelle. Ich schlage das Kapitel im Buch auf, das morgen dran kommt. Der Text ist trocken und langweilig. Ich spüre, wie wenig mich das interessiert. Aber es muss sein. Jeden Satz lese ich zwei Mal. Es ist eine absolut trockene Materie. Materialkunde die Beschaffenheit verschiedener Werkstoffe, deren spezifische Gewichte, deren Dichte und so weiter. Ich merke, dass ich mich kaum konzentrieren kann. Ich lese jeden Satz, jede Maßangabe drei, vier Mal und versuche mir die Zuordnungen zu den beschriebenen Materialien einzuprägen. Langsam wird es besser und klarer in meinem Kopf. Ich fange noch mal von vorne zu lesen an. Ich stelle fest, dass ich das gerade eben bereits gelesen habe. Es muss also etwas hängen geblieben sein. Ich spreche jetzt laut mit. Ich muss mir diesen ganzen Mist doch merken können! Andere können das doch auch!

Es ist halb fünf. Ich lege noch mal Holz nach. Aus meinem Rucksack nehme ich jetzt das Physikbuch und den großen Rechenblock. Ich schlage die gestern am Ende der Stunde markierte Seite auf. Dort finde ich die Übungsaufgaben, von denen der Physiklehrer gesprochen. Jetzt arbeite ich eine Aufgabe nach der nächsten ab. Um viertel nach sechs hole ich den alten Blechkübel. Ich stülpe ihn über die kleine Feuerstelle, die ich zuvor ein bisschen mit einem Stock zusammen schiebe. Auf den Blechkübel lege ich den großen Stein. Mit der Taschenlampe leuchte ich den Boden ab. Dann mache ich mich auf den Rückweg. Um kurz vor sieben stehe ich unter der Dusche in Frau Stößers Haus. Draußen ist es hell geworden.