Gebirgsort

Die Schularbeit am Mittwoch gehe ich völlig anders an. Ich sitze vor den Aufgaben, die ich genau studiere. Ich denke daran, welche Lösungen für die Aufgaben notwendig wären. Obwohl ich keinerlei Vorbereitung getroffen habe, könnte ich einiges hinschreiben. Stattdessen verwende ich einen Teil des Papiers, um einen Brief zu schreiben. Ich richte ihn an Pete. Ich schreibe ihr, was mir in der Zeit, seitdem wir uns nicht mehr gesehen haben, alles passiert ist und was mir alles klar geworden ist. Ich plane ihr den Brief nach der Schule in ihren Briefkasten zu werfen. Es wird ein langer Brief, denn ich habe neunzig Minuten Zeit, so lange dauert die Klassenarbeit.

Ich schreibe davon, dass ich sie auf der Kinderferienmaßnahme vermisst hätte und davon dass ich sie erst jetzt, nach Wochen und Monaten richtig verstanden hätte. Ich schreibe davon, dass ich mir über uns viele Gedanken gemacht hätte und dass ich die Autostrecke, die wir das erste Mal gemeinsam fuhren mit dem Fahrrad abgefahren sei. Ich schreibe, dass sie mir oft begegnet wäre und ich ihren leeren Stuhl in der Arbeitsgruppe selbst besetzen musste.

Nachdem ich glaube, der Brief sei fertig, lese ich ihn noch einmal genau durch. Es sind drei Seiten geworden, die ich voll geschrieben habe. Ich gehe den Brief durch, als habe ich die Aufgaben der Klassenarbeit gelöst und nutze nun die letzten zehn Minuten, um jede Aufgabe noch einmal zu überfliegen und Dinge einzutragen, die mir noch eingefallen sind. Diesmal ist es aber anders. Ich erkenne, dass ich vieles eindeutig falsch bearbeitet habe. Zum Glück ist das nicht die Klassenarbeit, sondern der Brief an Pete, denn sonst würde mir jetzt richtig heiß werden, bei den vielen falschen Dingen, die ich da lese. Zum Glück habe ich in dieser Schule nichts mehr verloren, deshalb wäre ein Schweißausbruch vor Aufregung auch unnötig, auch wenn dieser falsche Brief an Pete die Klassenarbeit wäre. Ich denke daran, dass ich hier bald weg bin. Ich lache erleichtert. Zum ersten Mal blicke ich nach vorne. Dort sehe ich den Physiklehrer. Den lächle ich jetzt an. Der lässt seine Augen aufmerksam durch den Raum wandern und beachtet mein Lachen nicht.

Es ist falsch was ich geschrieben habe. Deshalb streiche ich in dem Brief weite Passagen durch. Ich habe Pete während der Kinderferienfreizeit nicht vermisst. Nur am ersten Abend habe ich an sie gedacht, weil sie und Ida ursprünglich mitkommen wollten, dann aber abgesprungen waren. Ich streiche das alles durch. Ich habe Pete nach Wochen und Monaten erst richtig verstanden. Das stimmt nicht, denn ich verstehe sie immer noch nicht. Ich kann sie deshalb nicht verstehen, weil wir nie wieder miteinander gesprochen haben. Das ist richtig. Ich habe mit ihr nie wieder gesprochen, seitdem wir das blaue Haus besucht hatten. Das wäre richtig. Das habe ich aber nicht aufgeschrieben. Ich habe auch nicht geschrieben, dass ich mit ihr reden will. Davon ist in meinem Brief gar keine Rede! Stattdessen schreibe ich davon, dass ich sie verstanden hätte. Wie soll das denn funktionieren? Wie kann ich sie verstehen, wenn ich wochenlang nicht mit ihr rede? Ich streiche das alles durch. Welche Gedanken habe ich mir über „uns“ gemacht? Keine. Ich habe mir Gedanken über mich gemacht. Da habe ich Pete dazugemischt. Hauptsächlich sind es aber meine Gedanken gewesen, die mich betrafen. „Uns“ gibt es gar nicht. Es hat „uns“ nie gegeben, dazu kam es gar nicht, denn nie waren wir zusammen. Ich streiche das alles. Die Autostrecke war ich mit dem Fahrrad abgefahren. Dort habe ich an sie gedacht. Aber hat das wirklich ihr gegolten? War das nicht eine Einsamkeit, die wegen der Ruhe an dem Sonntag nach der lauten Kinderfreizeit eingetreten war. Ich hatte auch an diesem Tag nicht den Gedanken gefasst, Pete anzurufen um mit ihr zu reden. Also streiche ich auch das. Übrig bleibt der leere Stuhl in der Arbeitsgruppe. Ich habe mich tatsächlich dort hinein gesetzt.

Der Lehrer ruft seinen Schlussatz. Ich lasse wie immer den Stift sofort fallen. Nehme aber das Papier in die Hand, falte es ordentlich zusammen und stecke es in meine Hemdtasche.

Der gelbe Opel-Kadett klappert, wenn ich Gas gebe und einen Berg hinauf fahre. Das sind die Ventile. Sie müssten mit einem ganz feinen Messblatt neu eingestellt werden. Ob sich das bei dem Wagen noch lohnt glaube ich nicht, deshalb kümmert es mich nicht. Bei jeder Steigung erinnert mich das Klappern daran. Ich weiß nicht, wie weit ein Auto so fahren kann. Ich parke oberhalb der Kneipe. Man kommt dort nur zu Fuß hin. Das sind aber nur knappe hundert Meter. Die Kneipe ist sicherlich voll, wie ich das von Früher kenne. Einerseits ist die Idee von Karin gut, sich hier zu treffen, denn ich war lange nicht da, andererseits ist gerade in dieser Kneipe ein ruhiges Gespräch ausgeschlossen. Ich laufe den Schotterweg vom Parkplatz hinunter. In der Kneipe kenne ich viele, die da jeden Samstag sitzen. Ich muss versuchen mit Karin die Kneipe zu wechseln oder ich schaffe es mit ihr ein paar Schritte zu laufen, um in Ruhe mit ihr zu sprechen. Ich will ihr sagen, dass ich wegziehe. Aber auch die nächsten Wochen, so lange ich noch in der Kreisstadt wohne, kann sie mich nicht mehr besuchen. Ich schaffe das nicht mehr.

Ich könnte oder müsste auch mit ihrem Mann Paul reden, aber ich rede mit ihr. Obwohl mich an den zurückliegenden Wochenenden nie jemand angerufen hat, um sich nach ihr zu erkundigen, möchte ich das nicht weiter. Vielleicht versteht Karin das. Ich bin spät dran, das weiß ich. Ich habe fast ein Jahr gebraucht, um ihr heute zu sagen, dass ich das nicht mehr möchte. Soll ich ihr sagen, was Paul auf der Kinderferienfeizeit zu mir gesagt hatte? Soll ich ihr meinen Eindruck von Paul schildern, bringt das was?

Die Kneipe ist übervoll. Es ist kein Platz mehr frei. Es ist laut und es ist verraucht. Ich sehe einige winkende Hände. Ich winke zurück und ich nicke Leuten an verschiedenen Tischen zu, die mich begrüßen. Ich sage Hallo und ich schüttle Hände. Hinter die Bar winke ich Martina zu. Sie arbeitet immer noch hier, heute ist sie wieder schwer beschäftigt. Jetzt kommt Karin auf mich zu. Ich habe sie bisher gar nicht gesehen. Sie kommt von Hinten. Sie schüttelt mir die Hand, lacht mich an, begrüßt mich, wie ich finde, fast etwas überschwänglich und lotst mich in die linke Ecke der Kneipe. Dort stehen viele Menschen mit Biergläsern in der Hand.

Der Laden ist ja knallvoll, rufe ich Karin zu, die sich vor mir durch die Menschentraube arbeitet. Dahinter erreichen wir einen Bistrotisch. Dort steht Paul zwischen einigen anderen Leuten. Auf die Idee bin ich nicht gekommen. Mir schießt das jetzt durch den Kopf. Na klar! Die zwei sind verheiratet, sie wohnen hier im Ort zusammen, also gehen sie auch mal zusammen in die Kneipe! Das ist doch klar! Ich lache Paul an, schüttle ihm die Hand. Ich finde, dass er sehr schlecht aussieht. Er kommt mir bleich vor und er hat wohl auch abgenommen. Na, alles klar? So frage ich. Paul nickt, lächelt, antwortet aber nicht. Ein Bier? Ich nicke. Ja, klar! Karin winkt. Hinter mir steht Martina mit einem runden Tablett. So schnell geht das hier? Schon habe ich ein kühles Bierglas in der Hand und stoße mit Paul und Karin an.

Die beiden werden sich scheiden lassen. Das erfahre ich Stunden später. Der Laden ist leer geworden, wir sitzen zu dritt am Tisch. Der Abend war lang, ich habe viele Leute gesprochen, die ich von früher in diesem Ort kenne. „Früher“ endete für mich in dem Ort erst vor nicht ganz einem Jahr, als ich mit Dorit und der Abiturientengruppe nach Griechenland unterwegs gewesen war. Kurz davor war ich von hier in die große Kreisstadt gezogen. Es ginge nicht mehr, erzählt mir Karin, als erzähle sie mir das alles zum ersten Mal, als wüsste ich nicht, das sie ihn schon lange Zeit betrogen hat, als habe ich sie darin nicht darin unterstützt, indem ich sie durch ihre Besuche bei mir gedeckt habe. Seit Paul von der Kinderferienfreizeit zurückgekommen sei hätten sie viel und lange darüber gesprochen. Es sei aus zwischen ihnen. Sie würden Freunde bleiben. Die Scheidung sei zwischen ihnen besprochen. Sie wohnten schon nicht mehr zusammen. Vor zwei Wochen sei Karin zu ihren Eltern zurückgezogen. Paul sagt nichts. Er sitzt am Tisch und trinkt. Ich finde, er sieht deprimiert aus.

Gegen halb zwei Uhr morgens, schenkt Martina das letzte Bier aus. Es reicht auch, finde ich. Sie sieht müde aus, von dem langen Abend. Als letzter Gast betritt Thomas den Laden. Eigentlich ist bereits geschlossen, aber er darf noch reinkommen, weil wir alle eh gleich gehen. Er war auf einem Musikkonzert und kommt deshalb erst so spät. Ich habe mit ihm vor Tagen telefoniert. Er setzt sich zu uns an den Tisch.

Er beschreibt, wie die Wohnung aussieht. Sie bestehe aus zwei Bereichen. Im ersten Stock seien Küche, Toilette, Wohnzimmer und sein Zimmer. Durch das Treppenhaus gehe es in den zweiten Stock, dort seien ein weiteres WC, das Bad und zwei kleine Zimmer mit Dachschrägen. Eines der beiden Zimmer könnte ich mieten. Er zeigt mir den Mietvertrag. Wenn ich wolle, könne ich ihn gleich behalten. Ich müsste ihn nur unterschreiben und an den Vermieter schicken. Der einzige Haken an der Sache ist, dass die Wohnung am Stadtrand der Großstadt liege. Genau dort beginnt die Autobahn. Der Lärm in der Wohnung sei aber halb so schlimm. Daran gewöhne man sich, wie an alles. Thomas lacht und alle andern am Tisch lachen mit. Die Miete für meine Zimmer sei echt ein Schnäppchen für die Großstadt. Dort gäbe es ganz andere Preise, da seien dreihundert Mark ein Witz, zumal ich eine ganze Wohnung mitbenutzen könne. In den Sommerferien ginge es los. Ab August zahle er Miete und beginne mit den Renovierungsarbeiten. Ich könnte ab dem ersten August jederzeit einziehen, müsste aber vorher mein neues Zimmer noch streichen.

Das Angebot von Thomas ist in Ordnung. Es hört sich gut an, sagen alle am Tisch. Problem sei halt die Autobahn, aber was soll das, die Stadt sei nun mal kein Kuhdorf. Der Preis sei wirklich o.k. Also stecke ich den Mietvertrag ein und sage Thomas zu. Die Sache geht klar, sage ich. Ich komme ab ersten August zur Renovierung und ziehe danach ein.

Um zwei Uhr morgens verlassen wir die Kneipe. Martina gibt mir einen Schlüssel der zu unserem ehemaligen Jugendkeller passt. Ich soll ihn morgen früh dort in den Briefkasten einwerfen. Wir verabschieden uns alle auf dem Parkplatz voneinander. Ich lehne das Angebot ab, die paar Meter im Wagen von Martina mitzufahren. Ich brauche jetzt die frische Luft. Ich möchte durch den Ort laufen. Ich will sehen, wie es dort aussieht, obwohl es dunkle Nacht ist und sich im Ort sicher so gut wie nichts geändert hat. Aus dem gelben Opel-Kadett nehme ich meine Tasche mit dem Schlafsack. Dann gehe ich los. Auf der Straße sehe ich noch die Rücklichter der Autos von Karin, Paul, Martina und von Thomas. Sie sind alle in unterschiedliche Richtungen abgebogen. Jetzt ist es ruhig. Nachts um diese Uhrzeit ist im Ort nicht los. Kein Mensch ist unterwegs. Und es stimmt, nichts hat sich verändert, seitdem ich vor einem knappen Jahr weggezogen war. Das stimmt nicht, es hat sich vieles verändert, bei den Leuten, aber davon sehe ich nichts. Karin hat sich von Paul getrennt, Thomas zieht in die Stadt, ich komme hier wieder mal vorbei.

Der Jugendkeller müffelt wie früher. Die Matratzen stapeln sich in der Ecke hinter dem Vorhang. Ich hole mir da drei Stück herunter. Mitten im Raum lege ich sie aus. Der Plattenspieler steht an der alten Stelle im Schrank, den ich vor Jahren einmal gebaut hatte. Das Schloss im Schrank ist das gleiche geblieben. Ich sperre mit einem winzigen Schlüssel, den ich am Schlüsselbund von Frau Stößers Haus befestigt habe, auf. Die Schallplatten sind alle noch da. Ich lege eine Platte auf und drehe den Verstärker leise auf. Es erklingt die Musik, die ich früher hier gehört habe. Die Gruppe, die sich hier jede Woche getroffen hatte, gibt es nicht mehr. Ich habe heute Abend von vielen aus der Gruppe gehört. Einige habe ich getroffen. Manch einer wohnt nicht mehr im Ort. Andere bereiten sich vor weg zu ziehen. In Jahren werde ich hier niemanden mehr kennen. Ich verkrieche mich in meinem Schlafsack. Es ist richtig spät geworden. Geht schon die Sonne auf? Nein, es ist der Mond, den ich von draußen durch das Oberfenster in den Raum hinein scheinen sehe.

Der Sonntagmorgen ist richtig ungemütlich. Ich höre Schritte, Klappern und Schlüsselklimpern aus dem Treppenhaus. Ich stehe auf und spüre einen schweren Kopf. Heute ist es der Alkohol des gestrigen Abends und der Rauch der den ganzen Abend schwer in der Kneipe hing. Martina hatte mich gewarnt. Sie gebe mir den Schlüssel nicht mehr so gerne wie früher, denn im Haus neben dem Jugendraum sei nun eine neue Pfarrerin eingezogen. Die wäre etwas unberechenbar. Sie wüsste nicht, wie oft und wann die den Jugendraum nutze, um dort mit Jugendlichen aus dem Nachbarland Gesangsstunden und solche Dinge zu veranstalten. Ich hatte zugesichert vorsichtig zu sein und den Raum frühzeitig zu verlassen. Ich schalte Plattenspiele und Verstärker aus und sperre den Schrank wieder ab. Danach ziehe ich mich an und staple die Matratzen auf den Haufen hinter dem Vorhang. Jetzt packe ich den Schlafsack in die Tasche. Im Treppenhaus höre ich Schritte und Schlüssel. Trotzdem gehe ich noch auf die Toilette. Ich verlasse das Haus durch den hinteren Ausgang. Die Tür geht nur von innen auf. Draußen ist es noch kühl und sehr ruhig. Es ist nicht einmal halb acht Uhr. Ich gehe um das Haus herum, stecke den Schlüssel in den Umschlag von Martina und werfe den am Eingang in den Briefkasten des Jugendraumes. Der zweite Briefkasten trägt den Namen der Pfarrerin von der Martina sprach. Aus dem Keller höre ich jetzt Geräusche, das Fenster unter dem ich gerade noch lag wird geöffnet, ich hatte es gekippt gelassen. Ich drehe mich um und gehe langsam an der Straße hinauf in den Ort.

Ich spüre meine schwere Müdigkeit und die Kopfschmerzen. Ich atme tief durch, denn ich hoffe, dass die frische Luft vielleicht den Kopfschmerzen zusetzt. Der Parkplatz ist leer, nur ein Auto steht dort, es ist der gelbe Opel-Kadett. Ich lasse mich schwer hinter das Lenkrad fallen. Durch die Windschutzscheibe sehe ich wie die Sonne einige Berggipfel schon in helles Licht getaucht hat. Das Tal, in dem der Ort liegt, hat noch keine Sonne, die kommt erst in zehn Minuten. Das warte ich nicht ab. Ich starte den Motor.