Fahrt mit Begleitung

Abends fahre ich zu einem kurzen Seminar, das der Jugendleiter in einem nahe gelegenen Dorf in der Nähe der Kreisstadt organisiert. Ich hole Ida und Pete bei deren Mutter ab. Sie steigen in den gelben Opel-Kadett und los geht’s. Es ist die erste Autofahrt dieser Art. Ich fahre sehr vorsichtig, denn ich habe noch nie Passagiere befördert.

Es scheint nun endlich Frühling zu werden. Die tief stehende Sonne strahlt, rechts und links der Straße ist es grün, gelber Löwenzahn sprießt am Straßenrand. Ich lenke den Wagen zuerst zurück in Richtung meines Zimmers im Haus von Frau Stößer. Unten am Fluss biege ich aber nicht Richtung Frau Stößer ab, sondern fahre geradeaus weiter. Hinauf durch den Wald überquere ich die Brücke unter der meine Feuerstelle liegt. Ich fahre zügig, aber nicht zu schnell. Ich versuche ein angemessenes Tempo zu fahren. Meine innere Aufregung über diese erste Autofahrt mit Begleitung verberge ich. Ich glaube es wirkt beruhigend, wenn ich einen möglichst routinierten Eindruck als Fahrer erwecke. Ich versuche das, obwohl ich überhaupt keine Routine habe. Denn mein Führerschein ist erst ein knappes halbes Jahr alt. Das Auto habe ich seit zehn Tagen. Von Routine kann da dar keine Rede sein. Ich versuche Routine vorzutäuschen indem ich möglichst vorausschauend fahre. Kein abruptes Manöver. Frühzeitiges weiches Bremsen. Nicht zu viel aber auch nicht zu wenig Gas. Auf keinen Fall beim Anfahren das Auto abwürgen. Es ist gut, dass ich das alte Radio vom Schrottplatz im Handschuhfach eingebaut habe. Die Einbaumulde für das Radio ist leer. Das sieht so aus, als habe dieses Auto kein Radio. Sehr gut,  denn das Getöse aus dem Radio könnte die Konzentration auf den routinierten Fahrstil den ich vortäuschen möchte erschweren.

Pete scheint das alles nicht zu interessieren. Wie ich dieses Gefährt steuere scheint ihr egal zu sein. Es scheint für sie klar, vielleicht sogar selbstverständlich zu sein, dass ich einen routinierten Fahrstil habe. Es scheint für sie völlig eindeutig zu sein, dass wir sicher dort ankommen werden, wohin wir heute fahren. Anstatt auf meinen Fahrstil meiner ersten Autofahrt mit Begleitung zu achten, fragt sie mich ein paar lustige Dinge. Ob ich ein Musikinstrument spiele, ob ich ein Fahrrad habe mit dem ich auch mal fahre, anstatt mit dem Auto (sie weiß genau, dass ich, bevor ich letzte Woche dieses Auto gekauft habe, so gut wie alles mit dem Fahrrad gefahren bin), wie viel das Auto gekostet hat, wie lange ich den Führerschein schon habe, wann ich zum ersten Mal Autogefahren sei, warum denn da kein Radio in diesem Loch mit den vielen Kabeln drin stecke und noch einiges mehr. Sie ist neugierig. Sie fragt so viel, dass ich nicht jede Frage beantworten kann, und offenbar auch gar nicht antworten muss, weil gleich ihre nächste Frage kommt.  Was ich denn bei Frau Stößer für eine Miete bezahle, seit wenn ich dort wohne, wo ich zuvor gewohnt habe, warum ich da ganz allein wohne, warum ich kein eigenes Telefon habe, wieso Frau Stößer gleich zwei Garagen hat, warum sie mir nicht einfach eins von ihren zwei Autos leihe, weshalb ich denn ein eigenes bräuchte, seit wann ich diese Verkaufsstände mit Thomas organisiere, wie ich Thomas kennen gelernt habe.

Petes Fragenkatalog ist unerschöpflich, aber sie erwartet nicht auf jede Frage eine Antwort. Mit jeder Frage lächelt sie mich an. Ida sitzt hinten rechts. Sie hält sich zurück. Von ihr höre ich im Vergleich zu Pete so gut wie nichts. Thomas ist mit dem Jugendleiter zusammen im Bus unterwegs in den Ort des heutigen Seminars. Das erklärt Ida, nachdem ich in einer kurzen Pause von Pete nachfrage, warum wir eigentlich Thomas und Martin nicht auch mitnehmen. Martin sei schon in dem Ort, wo er den Raum für das heutige Seminar vorbereite, erklärt Ida. Das habe sie von Thomas am Telefon erfahren.

Das Seminar dauert zwei Stunden von neunzehn bis einundzwanzig Uhr. Ich finde es sehr langweilig. Vielleicht liegt es daran, dass ich sehr müde bin. Der Jugendleiter spricht über Aufsichtspflicht. Das tut er routiniert, fast ein bisschen gelangweilt. Es geht darum, dass wir auf der geplanten Kinderferienmaßnahme wissen, in welchen Situationen wir die Aufsichtspflicht verletzen und worauf wir zu achten haben, um dies nicht zu tun. Nach dem Seminar werden Termine vereinbart, zur weiteren Vorbereitung der Kinderferienmaßnahme. Weil ich zusammen mit dem Jugendleiter diese Maßnahme leiten werde, zücken wir beide unsere Terminkalender und stimmen mit den Seminarteilnehmern, also auch mit Ida, Pete, Martin und Thomas unsere Termine ab. Das nächste Seminar wird einen ganzen Samstag lang dauern. Es geht darum, die Ferienmaßnahme abschließend zu planen und vorzubereiten. Ida und Pete fahren auf dem Rückweg mit Thomas und Martin im Bus des Jugendleiters mit. Das ergibt sich auf dem Parkplatz vor dem Seminarraum.

Ich muss mich auf die spärlich von meinem Wagen ausgeleuchtete Straße konzentrieren. Meinen Blick wende ich nicht von ihr ab. Die Straße ist kurvenreich und manchmal wird sie sehr eng. Sie führt durch einen Wald. Meine Hände umklammern fest das Lenkrad um dem Zug des Lenkrades nach rechts entgegenzusteuern. Ich lenke das Auto durch eine steile Linkskurve, vor der ich sanft aber bestimmt abgebremst habe. Ich kenne die Strecke vom Fahrradfahren. Die Strecke ist sehr wenig befahren. Ich freute mich über die gute Fahrradroute, als ich die Strecke an einem Sonntag gefunden hatte. Ich durchquerte mit dem Fahrrad auch den Ort in dem das heutige Seminar stattgefunden hatte. Die Strecke führt danach noch etwa fünf Kilometer weiter bevor sie auf eine viel befahrene Bundesstraße trifft. Bis dorthin fuhr ich mit dem Rad. Ich mag es solche kurzen Touren auf solchen ruhigen Straßen zu machen. Unvorbereitet ohne Karte ohne Plan, einfach mal drauf los und sehen was kommt. Das finde ich gut. Das ist in dieser Gegend möglich, denn es gibt viele kleine Strecken, auf denen kaum Autos fahren. Jedoch enden diese Routen meist auf großen Bundesstraßen. Mein Fahrrad ist inzwischen alt geworden. Es hat nur drei Gänge und wirkt deshalb in der hügeligen Landschaft mit den teils sehr steilen Straßen etwas anachronistisch. Da fällt mir Thomas ein. Was der fährt ist wirklich alt und objektiv unzeitgemäß. Sein Fahrrad ist ein uraltes Opafahrrad, schwarz und riesig, ohne Gangschaltung. Dagegen ist mein rotes Dreigangfahrrad moderner Luxus.

Plötzlich höre ich ein leises Schluchzen. Es kommt von Pete. Sie sitzt im Wagen neben mir. Es hört sich an, als weine sie. Was hat sie? Warum sitzt sie da neben mir? War sie nicht zusammen mit Ida im Bus des Jugendleiters gemeinsam mit Martin und Thomas zurück in die Kreisstadt unterwegs? Jetzt höre ich das Schluchzen noch mal, es ist eindeutig. Es ist Pete, die neben mir sitzt. Sie fragt mich nicht alles mögliche, wie auf der Hinfahrt, sondern sie weint. Warum?

Soll ich anhalten? Was ist mit dir los? Nichts, es hat nichts mit dir zu tun. Aber warum weinst du? Ach, es ist nichts, ich werde manchmal beim Autofahren traurig. Traurig? Das scheint mir aber mehr zu sein. Warum? Es tut mir Leid. Es hat nichts mit Dir zu tun. Willst du es mir nicht sagen? Nein, es hat nichts mit dir zu tun. Aber du kannst es mir ja trotzdem sagen. Nein ich möchte nicht. Jetzt überquere ich die Brücke über meiner Feuerstelle. Das ist schade, vielleicht könnte ich dir ja irgendwie helfen. Nein, das möchte ich nicht. Brauchst du ein Taschentuch? Nein danke, ich hab eines.

Ich lenke den gelben Opel jetzt über den Fluss, biege nicht nach links zu Frau Stößer ab, sondern fahre gerade aus in Richtung der Oberstadt. Die ersten Straßenlampen sind erreicht. Die erste Ampel ist grün, ich biege rechts ab und fahre durch die Kurve am Kreiswehrersatzamt vorbei hinauf. Die Ampel oben ist auch grün. Ich biege rechts ab, setze den Blinker gleich wieder nach rechts und biege in die Zufahrt zum Haus in dem die Wohnung von Ida, Pete und ihrer Mutter liegt. Dort stelle ich den Motor ab.

Willst du wirklich nicht darüber reden? Pete wischt sich mit dem Taschentuch die Augen trocken. Nein wirklich nicht, Entschuldigung. Na gut wie du meinst. Vielen Dank dass du mich hergebracht hast. Na klar doch. Also dann bis bald. Pete reicht mir ihre Hand. Grüße Ida noch mal schön, bis bald, tschüßchen! Ja mache ich tschüßi!

Pete knallt die Autotüre zu. Sie dreht sich dem Haus zu und verschwindet sogleich im Hauseingang. Seltsam ist das. Ich starte den Motor starte um das Auto vor dem Haus zu wenden. Was sollte das jetzt sein? Hat das was mit mir zu tun? Obwohl Pete mehrmals betonte, dass es nichts mit mir zu tun habe, frage ich mich das. Petes Verhalten und Antwort war für mich nicht begreifbar, dass mir jetzt ein ganz schlechtes Gefühl übrig bleibt. Was ist mit dieser Frau los? Warum diese Rückfahrt, nach ihrer lebendigen Fragestunde während der Hinfahrt?

Ich erreiche das Gartentor von Frau Stößer. Ich parke das Auto direkt davor. Das ist mein mit Frau Stößer vereinbarter Parkplatz. Jetzt fällt mir die Kinderferienmaßnahme ein. Ob es überhaupt Sinn macht, jemanden wie Pete auf solch eine Maßnahme als ehrenamtliche Mitarbeiterin mitzunehmen? Ich weiß nicht was mit ihr los ist. Die Heimfahrt mit ihr hat mich verunsichert. Vielleicht kommt so etwas auch auf der Kinderferienmaßnahme vor? Wenn sie dann nicht darüber sprechen will, was ist dann zu tun?

Ich krame meinen Schlüssel hervor, blicke auf meine Armbanduhr. 22:15 Uhr. Ich schmiere mir in der kleinen Küche ein paar Butterbrote, schäle eine Gurke und schneide sie in Scheiben. Mit diesem Abendbrot setze ich mich auf das Sofa. Um fünf vor halb elf schalte ich den Fernseher ein. Nach fünf Minuten erscheint das Bild des Nachrichtensprechers. Die Helligkeit des Bildes schwankt mehrfach zwischen schwarz und weiß hin und her und beginnt schließlich zu flackern, bis es völlig verschwindet. Ich stelle den Teller auf den Tisch, gehe zu dem Apparat und klopfe oben drauf. Das Bild erscheint wieder, es sieht abgesehen von einem hellen Streifen am oberen Bildrand fast perfekt aus. Ich setze mich wieder. Die Umstellung des Bafög für Studenten auf voll rückzahlbares Darlehen scheint fast beschlossene Sache zu sein. Von der neuen Bundesregierung wird ein Gesetzentwurf dafür vorbereitet. Das könnte in einigen Jahren richtig teuer für mich werden. Die Verlängerung von Wehr- und Ersatzdienst ist ebenfalls auf den Weg gebracht.

Der helle Streifen an der Zimmerdecke, an der Grenze zu dem dunklen Bereich, bewegt sich wie eine feine Welle, die kommt und geht. Das grüne Ziffernblatt auf dem Wecker zeigt halb drei Uhr an. Ich spüre die drei kleinen Matratzen unter meinem Rücken. Ich schwitze. Ich bin froh, dass der Traum vorbei ist.

Minutenlang liege ich da. Zunächst denke ich nicht daran, dass es ein Traum gewesen sein könnte. Sekunden glaube ich, dass ich wirklich zusammen mit Pete im Auto am Abend nach hause gefahren war. Nach den Sekunden, ich erkenne die Dachschräge im Zimmer von Frau Stößer, verschwimmt das Bild. Ich erinnere mich, während ich noch Pete neben mir sitzen sehe, kurz bevor sie aus dem Wagen steigt, dass es ganz anders gewesen war. Ich war allein nach hause gefahren. Ich war froh, allein fahren zu können, denn der Beleuchtung des gelben Opel-Kadett bei Nacht traue ich nicht. Ich fand den Vorschlag gut, dass beide im Bus mitfahren, zumal das Büro des Jugendleiters ganz in der Nähe der Wohnung von Ida und Pete liegt. Sekunden später, es ist in dem Moment in dem ich den Blick in der Dunkelheit des Zimmers auf den grünen Wecker richte, erinnere ich mich an alles, was gestern Abend tatsächlich geschah. Das Licht am Opel-Kadett war während der Fahrt schwächer und schwächer geworden. Die rote Leuchte am Armaturenbrett zeigte an, dass der Ladestrom für die Batterie zu schwach geworden war. Ich steuerte den Wagen so schnell wie möglich durch die Dunkelheit, schließlich war ich erleichtert, als ich die Kreisstadt und deren Straßenbeleuchtung erreicht hatte. Ich war todmüde, schlich hinauf in meine Zimmer, zog den Wecker auf und schlief wohl sehr schnell ein.