Eine Fahrradtour

Der Physiklehrer verteilt die Extemporale stets in der nachfolgenden Stunde. Das tut er auch, wenn die nächste Stunde schon am nächsten Tag stattfindet. Die Klassenarbeiten werden in dieser Schule immer zum Ende der Stunde zurückgegeben. Sie werden in den letzten fünf Minuten einer Stunde verteilt.

Das ist anders als an meiner vorherigen Schule im Gebirgsort. Dort wurden die Arbeiten immer am Anfang der Stunde zurückgegeben. Die Lehrer korrigierten die Arbeiten gemeinsam mit der Schulklasse. Der Lehrer schrieb die Ergebnisse an die Tafel. Er ließ sich bei der Ergebnissuche von der Klasse helfen, zumindest versuchte er dass. Es ging darum, dass möglichst viele derjenigen Schüler in die Erarbeitung der Lösung einbezogen wurden, die in der Prüfung keine richtigen Lösungen gefunden hatten. Das Ergebnis, vor allem den Weg dorthin, erklärte der Lehrer. Hin und wieder verwies er auf Irrwege, die mancher von uns Schülern in der Klassenarbeit eingeschlagen hatte. Gut an dieser Methode fand ich, dass ich meist während und nach dieser Korrekturarbeit die Zusammenhänge und Lösungswege verstand. Schlecht daran war, dass mir dieses Verstehen keinerlei Nutzen mehr brachte. Denn meine schlechte Note hatte ich in der Prüfung je bereits kassiert. Der Lösungsweg, den ich danach verstanden hatte, war zwar interessant, verbesserte aber meine Note nicht. In der nächsten Extemporale oder Prüfungsarbeit ging das gleiche Spielchen dann wieder von vorne los. Was ich zuvor mit der gemeinsamen Korrektur der letzten Arbeit gelernt hatte, brachte mir in der nächsten Arbeit nur sehr geringen Nutzen, denn es kam so gut wie nie vor, dass zwischen der einen und der nächsten Arbeit ein Zusammenhang bestand. Die behandelte Materie und die erarbeiteten Lösungswege waren stets völlig andere. Das Phänomen erstaunte mich weil der in der Schule durchgeschleifte Lernstoff nicht aufeinander aufbaute.

In der Schule für Technologie in der Kreisstadt setzen die Lehrer noch eins drauf, indem sie auf Verständnis von Zusammenhängen oder gemeinsames Arbeiten generell keinen Wert legen. Ziel scheint zu sein, dass jeder Schüler selbst begreift, wie etwas funktioniert. Jeder in dieser Schule ist seines Glückes Schmied. Das sagte Anfangs einmal der Lehrer in Deutsch. So etwas habe ich auf keiner Schule zuvor von einem Deutschlehrer gehört. Das sagte mir, dass hier etwas anders ist. Deshalb sah ich von Beginn an sehr genau hin.

Jede Nacht hämmere ich das blanke Wissen in meinen Kopf. Es geht darum, dass der Kopf das Wissen für kurze Zeit behält, um es in der Schularbeit wieder ausspucken zu können. Danach interessiert das nicht mehr. Mein tägliches, konsequentes Training solchen Verhaltens ist meine Chance auf eine akzeptable Note. Ich muss zusätzlich noch das große Glück haben, exakt in dem Moment, genau in der viertel Stunde, wenn die Extemporale geschrieben wird, das in meinem Kopf eingemeißelte Wissen noch zu finden. Vielleicht meinte das der Deutschlehrer mit dem Schmied und dem Glück? An dieser Schule muss der Schmied unheimliches Glück haben. Das Hämmern, so könnte der Deutschlehrer das gemeint haben ist notwendig, damit der Schmied sein wissen behält, dann braucht er noch das Glück es rechtzeitig auszukotzen, um danach weiter zu hämmern. Das exakte Timing beim Auskotzen meines Hirninhaltes ist meine Kernaufgabe. Auf die verwende ich all meine Energie in dieser Schule.

Ich versuche mein Glück zu beeinflussen. Das Glück, Wissen dann parat zu haben, wenn es ausgekotzt werden soll. Ich sehe genau hin. Was deutet der Lehrer an? Wie ist er gestrickt? Wann lässt er die Arbeit schreiben? Das gelingt mir momentan schon besser als zu Beginn auf dieser Schule. Nachts hämmere ich in mein Hirn gezielt für diejenigen Stunden, in denen ich glaube an Signalen des Lehrers erkannt zu haben, dass das Auskotzen in der nächsten Stunde wieder gefragt ist.

Ich gehe davon aus, dass die Zukunft für mich genau dieses Bild der Arbeitswelt sein wird. Ich lerne in meiner Schule in der Kreisstadt, wie die berufliche Welt aussieht. Es ist eine Schule, von jungen Leuten wie mir, die teils bereits erwachsen sind, oder es gerade werden, besucht wird. Es ist eine ganz andere Schule, als meine vorhergehenden Schulen. Hier sehe ich, wie meine berufliche Zukunft als Erwachsener aussehen wird. Ich sehe, dass es vorbei ist mit der Förderung durch Lehrer und deren Willen auf mich zu zukommen, um mich zu unterstützen. Die erwachsene Zukunft läuft ohne Menschen ab, die andere unterstützen wollen. Jeder in meiner beruflichen Zukunft in diesem Land ist seines Glückes Schmied. Das meinte der Deutschlehrer! Was ich hier täglich sehe ist meine berufliche Wahrheit. In meiner Zukunft ist jeder sich selbst am Nächsten. Deshalb brüte ich nächtelang allein vor den Büchern.

Der Physiklehrer lotst wieder den Schüler, dessen Name ihn nicht interessiert, zu sich. Er drückt ihm den Stapel seiner korrigierten Arbeiten in die Hand und weist ihn an, das zu verteilen. Danach packt er sein Physikbuch in seinen schwarzen Aktenkoffer. Wort- und Grußlos verlässt er das Klassenzimmer. Ich habe eine Drei. Das ist mehr als ich erwartet habe. Das bringt mich weiter. Ich könnte es schaffen an dieser Schule. Ich habe einen Weg gefunden. Anfangs hatte ich nur Fünfen. Jetzt werden es mehr und mehr Dreier. Ich brauche viel Kraft. Aber ich könnte es schaffen. Ich bin jetzt knapp ein dreiviertel Jahr auf dieser Schule. Was besser wird, sind meine Noten. Was schlechter wird ist mein Verstehen. Ich sehe kaum Zusammenhänge mehr. Deshalb verstehe ich in dieser Schule immer weniger. Ich kann das schaffen! Es ist meine Zukunft.

Das Fahrrad läuft wie geschmiert. Ich habe einige Tropfen Getriebeöl vom gelben Opel-Kadett verwendet, um damit die Kette zu ölen. Das Getriebeöl sammle ich in einer Plastikwanne. Die habe ich am vergangenen Wochenende fest unter dem Auto unterhalb des Getriebes angebracht. Nach jeder Fahrt laufen aus dem Getriebe vier, fünf Öltropfen heraus. Sie laufen stets an der gleichen Stelle herunter. Dort habe ich eine alte Plastikwanne angebracht.

Thomas kommt mit seinem schwarzen Opafahrrad. Ich stehe mit meinem Fahrrad vor der Doppelgarage vor Frau Stößers Haus. Die Satteltaschen sind schon etwas morsch. Ich hatte sie von den Pflegeeltern zu meinem vierzehnten Geburtstag zusammen mit dem Fahrrad bekommen. Ein Lederriemen ist abgerissen. Ich fummle an einem Stück Paketschnur herum, durch das ich den Lederriemen notdürftig ersetzen will. Thomas beäugt mein Tun skeptisch. Schließlich verständigen wir uns darauf, dass er es mit einem Stück Zeltschnur, das er von seinem mitgebrachten Zelt erübrigen kann, versucht. Im Gegenzug biete ich an auch seine Fahrradkette mit wenigen Tropfen Getriebeöl zu versorgen. Ich krieche noch mal unter den Opel, nehme vorsichtig die Wanne ab und tupfe einige Getriebeöltropfen auf Thomas Fahrradkette. Thomas schafft es, die Satteltasche mit dem Stück Zeltschnur gut an meinem Gepäckträger zu befestigen. Er kennt feste Knoten, die sicher sind, sich aber wieder gut öffnen lassen. Ich habe davon keine Ahnung.

Thomas Onkel hat ein Segelboot an einem Steg am See. Der See ist das Ziel, das wir heute ansteuern wollen. Es ist ein spontan vereinbarter Ausflug. Genau so etwas, das ich liebe, keine lange Planung, keine wochenlange Terminvereinbarung, einfach los. Vormittags hatten wir den Verkaufsstand auf einem Marktplatz aufgebaut. Dort vereinbarten wir uns, angeregt durch das gute Wetter, zu der kleinen Frühlingsradtour am späten Nachmittag. Die Radtasche hält, was Thomas verspricht. Da fehlt sich nix, sagt er. Los geht’s. Wir fahren die steile Bergstraße hinter dem Wald hinunter zum Fluss. Danach geht es über die Brücke hinauf durch die Kurve vorbei am Kreiswehrersatzamt, an der Ampel rechts und hinein in die Einfahrt zu Ida und Pete. Beide stehen mit ihren Rädern vor dem Haus. Sie sind damit beschäftigt, Zelt, Schlafsack und Isomatten auf den Fahrradgepäckträgern zu verstauen. Mein erster Blick auf deren Fahrräder betrifft die Fahrradketten. Nach dem langen Winter sind die meist in bösem Zustand. Ich habe das mit Getriebeöl getränkte Papiertaschentuch in eine kleine Plastiktüte gesteckt und mitgenommen. Damit öle ich nun auch die Ketten der Räder von Ida und Pete.

Wir fahren auf schönen, ruhigen, abgelegenen Wegen, die Thomas gut kennt. Er lebt seit vielen Jahren in der Gegend. Er fährt immer mit dem Fahrrad, es sei denn, es stürmt, schneit oder schüttet wie aus Eimern. Das Treten sei traumhaft, meint Thomas. Das so wenig Öl so viel ausmache. Ich denke, dass Thomas mit diesem Fahrrad in dieser Gegen ein klarer Exot ist. Das sucht schon seines Gleichen. So ein Fahrrad! Er merkte nicht, wie schwerfällig seine Fahrradkette ohne einen Tropfen Öl war. Das passt zu seiner Art und zu seinem Fahrrad. Das geht jetzt ja viel leichter! So ruft der, während er munter einen steilen Schotterweg zwischen Feld- und Waldrand hinauf strampelt. Ohne Gangschaltung in dieser Gegen zu fahren, da gehört schon ein gehöriges Maß Gewohnheit dazu.

Das Rad von Ida oder von Pete quietscht. Sie fahren zwischen Thomas, der vorne weg fährt und mir. Es ist wahrscheinlich das Tretlager von Idas Rad. Ich höre es regelmäßig. Das ist ein Nachteil an der Spontanität. Ich bin noch nicht auf Fahrradfahren eingestellt. Der Winter hatte sich lange hingezogen. Es ist das erste sonnige Frühlingswochenende. Mein Fahrradwerkzeug habe ich im Schrank im Zimmer vergessen. Dort habe ich auch eine winzige Ölflasche. Immerhin habe ich die Luftpumpe dabei. Ob ich das Tretlager auch mit dem Taschentuch Getriebeöl zum Schweigen bringen kann?

Der Winter gewöhnt dem Körper die Bewegung ab. Die nasse Kälte, der viele Regen, der matschige Schnee. Eigentlich hasse ich das. Wenn man im Winter nicht Ski fährt ist man hier in der Gegend falsch. Der viele Matsch und Dreck, manchmal Eis und das Tauwasser, das hat wenig Sinn. Den gesamten Winter hindurch ging es auf und ab. Kaum hatte es ordentlich geschneit, taute alles wieder weg um tagelang zu regnen. Später fing es dann wieder an zu schneien. Die Kreisstadt, das wird immer wieder in der Zeitung geschrieben liege in einem Kälteloch. Hier zieht sich der Winter besonders lange hin. Sind dreißig Kilometer weiter schon grüne Wiesen zu sehen, kann sich in der Kreisstadt immer noch eine schwer, nasse Schneedecke bilden. Damit ist es jetzt für dieses Jahr vorbei. Wir fahren auf sonnigen Wegen über Hügel und durch Täler. In einer kurzen Pause sehe ich nach Idas Pedalen. Ich schmiere das letzte Öl vom Taschentuch dort hin. Aber weil das Getriebeöl zähflüssig ist, habe ich kaum Hoffnung. Ich ärgere mich, dass ich das Fahrradwerkzeug und das Öl nicht dabei habe. Ein bisschen fließendes Öl müsste dort am Pedal in das Tretlager hineinlaufen und das Quietschen beim Treten wäre vorbei. Im Sommer könnte die Hitze reichen um das Getriebeöl in das Tretlager laufen zu lassen. Dafür ist es noch zu kühl. Wir fahren weiter, das Quietschen endet nicht.

Der See liegt wunderschön. In einem riesigen Tal breitet er sich aus. Lange bevor wir ihn erreichen, können wir ihn sehen. Thomas kennt einen hübschen Rundweg, auf dem wir eine Zeit lang mit herrlicher Aussicht auf den See entlang fahren. Thomas hat Idas Gepäck fest mit einer weiteren Zeltschnur an deren Fahrradgepäckträger angebunden. Während eines holprigeren Teils der Strecke war alles heruntergefallen. Thomas kümmerte sich sofort darum. Er ist ein Meister darin Gepäckstücke, oder Dinge jeder Art zu befestigen oder zu verstauen. Das erinnert mich an meine Umzugsfahrt vom Gebirgsort in die große Kreisstadt. Da hatte ich ihn erstmals getroffen. Mit seinem Fahrrad stand er am Straßenrand. Wegen seines platten Fahrradreifens stand er da und ich nahm ihn mit. Er packte mein Umzugsgut neu in den Wagen ein, so dass wir sein Fahrrad auch mitnehmen konnten. Thomas ist ein geduldiger Tüftler und Bastler. Wenn wir den Verkaufsstand auf einem Markplatz aufbauen, hat er die besten Ideen, wie wir uns am effektivsten vor Wind und Regen schützen. Er weiß immer, welche Schnur wie zu spannen ist, damit bei Regen und Schnee nichts nass wird.

Das Grundstück am See beim Steg von Thomas Onkel liegt zwischen hohen Birken und Buchen. Die tragen aber noch keine Blätter, deshalb erwischen wir dort noch eine schöne, wärmende Abendsonne. Gemeinsam bauen wir die beiden Zelte auf. Zuerst das von Ida und Pete, die Hilfe brauchen, weil sie dieses Zelt noch nie benutzt haben. Sie haben es von einem Nachbarn geliehen. Das Zelt ist genauso simpel aufzubauen, wie das von Thomas. Gemeinsam schaffen wir das schnell. Aber der alte Reißverschluss macht Ärger. Thomas erklärt, dass die Dinger im Winter im Keller gerne vor sich hin korrodieren und dann im Frühjahr nicht mehr funktionieren wollen. Man müsste sie regelmäßig mit Talg einreiben, was heutzutage aber kein Mensch mehr habe, geschweige denn anwende. Thomas ist geduldig mit dem Reißverschluss und er schafft es ihn wieder in Gang zu bringen.

Auf dem Areal sammeln wir Äste ein. Direkt am Wasser gibt es eine kleine Feuerstelle. Ich bin überrascht, wie viel trockenes Holz Thomas findet. Er sagt, das Holz sei trocken, weil es alt sei. Je älter, desto leichter und trockener sei es. Vom Regen nehme das kaum Wasser auf. Allerdings sei sein Brennwert auch sehr niedrig. Für unsere Zwecke, einem kleinen Feuerchen, reicht das aber leicht. Die Sonne geht glühend hinter einigen Wolkenstreifen unter.

Es wird schnell kühl. Thomas entfacht das Feuer. Wir sitzen auf unseren Isomatten um das kleine Feuerchen vor dem See. Schnell wird es dunkel. Unser Abendbrot besteht in geschmierten Broten, Gurken, Karotten und anderen Dingen, die jeder von uns mitgebracht hat. Morgen früh gibt’s Spezialkaffee, meint Thomas. Er habe einen winzigen Esbitkocher im Gepäck. Darauf ließe sich wunderbar Getreidekaffee kochen. Darauf bin ich ja mal gespannt. Wir unterhalten uns über Thomass Onkel, das Grundstück und das Segelboot. Wir sprechen über den Verkaufsvormittag am Stand auf dem Marktplatz und die gute Idee von Thomas zu dem Frühlingsausflug. Irgendwann wird mir klar, dass es die erste Nacht in einem Zelt sein wird, seitdem ich im vergangenen Sommer in Griechenland gewesen war. Das bedeutet wenig. Es bedeutet nichts. Irgendwann werde ich mich nicht mehr erinnern können, wie oft ich schon in einem Zelt übernachtet habe. Deshalb ist es völlig belanglos, daran jetzt zu denken. Mein Schlafsack ist für diese Frühlingsaktion eigentlich etwas zu dünn. In Griechenland war er zu dick.

Ida lehnt sich an Thomas Schulter an. Beide decken sich mit seinem Schlafsack den Rücken zu. Von vorne wärmt uns das Feuer. Pete sitzt neben mir, sie hat sich ihren Schlafsack über den Rücken gelegt. Ich überlege, wie lange Ida und Thomas sich kennen. Es muss der Samstagvormittag gewesen sein, als Martin mit Ida und Pete an dem Verkaufsstand vorbeigekommen war. Jetzt erinnere ich mich. Thomas hatte beide freundlich begrüßt und Hände geschüttelt. Beide waren mir und Thomas unbekannt. Er kennt sie genauso lange wie ich. Ist mir da etwas zwischen ihm und Ida aufgefallen? Ich glaube ja, da war etwas. Er hat sie die ganze Zeit lang angesprochen und angesehen. Pete stand neben ihrer Schwester, mir war aber als spreche Thomas hauptsächlich Ida an. Hatte sich das ergeben, weil Pete, die jünger ist?

Sie spielt die Rolle der jüngeren Schwester. Als ich sie erstmals an diesem Tag sah, stand sie neben Ida, die mit Thomas sprach und nickte und lachte, aber sie sagte wenig. Ich glaube sogar, sie sagte gar nichts. Ida sprach mit Thomas und er mit ihr. Die beiden hatten eigentlich den gesamten Rest des Vormittages miteinander gesprochen. Martin war nach einer knappen halben Stunde verschwunden. Ida und Pete blieben. Pete verabschiedete sich mittags und Ida blieb bis zum Schluss, sie half uns sogar beim Einpacken.

Ich habe keine Ahnung, was da zwischen Thomas und Ida passiert war. Dass aber etwas passiert war, scheint nun klar. Denn beide sitzen jetzt am Feuer unter einem Schlafsack und sie haben sich an die Hand genommen. Das Gespräch ist eingeschlafen. Wir haben über Martin gesprochen und darüber, warum er heute nicht dabei ist. Er ist wieder mit dem Jugendleiter auf einer Wochenendaktion unterwegs. Martin macht sein Zivildienst viel Spaß, er ist aber viel an den Wochenenden weg. Ich lege Holz nach. Das Feuer wärmt gut, aber von hinten ist es kühl. Deshalb hole ich meinen Schlafsack aus dem Zelt und ziehe mir den über meinen Rücken.

Pete durchbricht das Schweigen. Sie setzt jetzt ihre Fragestunde von der Fahrt zu dem letzten Seminar fort. Wo ich denn zuvor gewohnt habe, warum ich diese Schule besuche, ob ich einmal studieren wollte, was ich den beruflich werden will. Irgendwann will ich nicht mehr antworten und frage Pete einfach: Warum willst du all das von mir wissen? Sie antwortet: Weil ich neugierig bin. Ich hatte also Recht.

Ida und Thomas sind verschwunden. Ich merke das erst jetzt. Sie sitzen nicht mehr am Feuer. Ich habe das Flackern der Flammen, das Farbspiel zwischen blau und gelb beobachtet, das sich ergibt, wenn ich feuchtes Holz nachlege. Ich habe nebenbei auf Petes Fragen geantwortet. So habe ich gar nicht bemerkt, wann sich Ida und Thomas vom Feuer erhoben. Pete lächelt mich von der Seite an. Sie sieht pfiffig aus, mit ihren kurzen dunklen Haaren und ihrem runden Gesicht in dem sie eine runde Nickelbrille trägt. Sie öffnet den Mund, ich komme ihr aber zuvor: Bitte keine Frage mehr. Sie lacht. Das sieht nett aus.

Warum habe ich letzte Nacht geträumt, dass sie im Auto neben mir sitzt und weint? Sie hat keine Frage. Sie sagt sie wolle mir etwas sagen. O.k., sage ich, wenn’s keine Frage ist, ist das gut. Sie sagt, sie finde mich nett. Oje, was soll das werden? Sie sagt, sie mag mich. Ich stöhne leise und müde, weil ich nicht anders kann. Ich finde sie sehr nett, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut ist, wenn wir beide etwas miteinander anfangen. Was soll ich jetzt zu ihr sagen? Ich schweige kurz und sehe in das Flackern im Feuer. Das Flackern kommt aus einem kleinen Holzstamm, den ich gerade nachgelegt habe. Unten flackert unruhig ein blaues Licht. Oben flackert die Flamme gelb. Ich sage ihr genau das.

Ich rücke etwas näher an sie heran. Ich sehe sie an. Sie lächelt nicht. Sie sieht ernst aus. Es ist ein trauriger Ernst in ihrem sonst so lebendigen Geicht. Jetzt sehe ich Tränen auf ihren Wangen. Es sind zwei kleine Bahnen auf ihren Wangen. Sie glänzen im hellen, bewegten Licht der Flammen. Es ist ein ganz warmes Licht, dem ich in ihrem runden, hübschen Gesicht dabei zusehe, wie es sich in der Feuchtigkeit ihrer dunklen, braunen Augen spielt, wie es sich auf ihren nassen Wangen spiegelt. Ich ziehe ein Päckchen Taschentücher aus meiner Hosentasche und nehme ein Tuch heraus. Das gebe ich Pete. Ich sage nichts weiter. Mir fällt nichts mehr ein, was ich so zu ihr sagen könnte, dass es für sie Grund wäre, aufzuhören zu weinen.

Ich sehe in das Feuer, weiß dabei genau, dass da eine neben mir sitzt, die jetzt weint, wegen mir. Ich kann sie aber nicht trösten. Es geht nicht, ich weiß nicht, wie ich das machen sollte. Ich kann nichts Ehrlicheres zu ihr sagen. Ich kann ihr kein Trost sein, ich kann ihr nicht geben, was sie sich wünscht. Es bringt nichts, wenn ich etwas vorgebe, was falsch ist.

Ich habe das Gefühl, dass ich täglich viel Falsches tun muss. Jeden Tag sitze ich lange Zeit in der Schule. Ich sitze dort fast die halbe Zeit des Tages, dreimal in der Woche sitze ich dort auch nachmittags. Das Lügen und Spielen dort reicht mir. Mehr schaffe ich nicht. Denke ich noch richtig? Manchmal zweifle ich daran.