Blaues Haus

Freitags in der letzten Stunde vor dem Wochenende wandelt der Deutschlehrer seinen Satz vom glücklichen Schmied ab, beziehungsweise er differenziert ihn. Nicht einfach nur jeder sei seines Glückes Schmied meint er, sondern, um Glück tatsächlich selbst schmieden zu können, sei die passende, für das Glück notwendige Gesinnung erforderlich. Glück hänge erheblich davon ab, welche Gesinnung in der jeweiligen Gegend, in der der Mensch lebt, dem Glück als zuträglich definiert worden sei und welche Gesinnung dem Menschen eher als im Wege stehend definiert wurde. Dieses kennen wir aus verschiedenen Versuchen in der Chemie, der Physik und auch der Mathematik. Ein Experiment klappt nur, wenn die Rahmenbedingungen exakt stimmen. Das Experiment lasse sich wissenschaftlich nur auswerten, wenn es exakt wiederholbar ist. Voraussetzung für das Schmieden von Glück sei quasi das Einhalten einer klassischen, definierten Versuchsanordnung. Glück eine Versuchsanordnung? Was Glück sei, sei letztendlich eine Definitionsfrage. Denn es spiele eine wesentliche Rolle, welche Gesinnung per Definition in einer Gesellschaft notwendig sei, um in dieser glücklich zu werden. Die Versuchsanordnung müsse so sein, dass jeder die Chance habe, sein Glück zu schmieden. Das, so schließt der Lehrer überraschend ab, sei aber unmöglich. Da sind die Augen groß. Um mich herum im Klassenzimmer sehe ich sekundenlang offen stehende Münder. Nicht nur mich scheinen diese Worte verblüfft zu haben. Der Gongschlag ertönt, das Wochenende beginnt, doch für Sekunden spüre ich in diesem Klassenraum etwas Neues. Ruhe, die nicht erzwungen ist. Interesse und Nachdenklichkeit, die entstanden ist. Wir diskutieren das nächste Woche, sagt der Lehrer und verlässt das Klassenzimmer.

Diskutieren? In dieser Schule, ich habe da Zweifel. Auf meinem Heimweg beim Einkaufen im Discounter, auf der Strecke hinunter zum Fluss, in der Kurve vorbei am Kreiswehrersatzamt, auf dem Fußweg über die Brücke, hinauf in den Wald, oben raus aus dem Wald, vorbei am geschlossenen Moulin Rouge, durch das schwere schmiedeeiserne Gartentor, hinein in das Haus von Frau Stößer, die Wendeltreppe hinauf in die Küche, überall wiederholt sich in meinem Kopf immer wieder das Bild von uns Schülern im Klassenzimmer: Was hat der da gerade gesagt?

Um einundzwanzig Uhr fahre ich mit dem gelben Opel vor dem Haus von Ida und Pete vor. Ich stelle den Wagen vor der Tür ab. Die Lichtmaschine hätte mich fünfundzwanzig Mark kosten sollen. Ein Vermögen, das ich mir unmöglich leisten konnte. Der Schrotthändler war hart geblieben. Ich versuchte alles. Ich könnte ihm zusichern, mein Auto, ich zeigte nach draußen vor seine Bürotüre, in weniger als einem halben Jahr zu ihm zu bringen. Dann nämlich sei der TÜV an dem Wagen abgelaufen. Da seien noch jede Menge brauchbarer Teile dran. Auch die Lichtmaschine könne er dann wieder zurückbekommen. Ich brauche sie also nur für eine halbes Jahr. Ich würde das Teil im Grunde nur mieten. Da müsste doch was gehen. Wenn ich ihm einen Zehner gäbe und einen kleinen Vertrag dazu, dass er das Teil und noch einige brauchbare Trümmer mehr von mir zurückbekommt. Der Händler lachte ob meines ungewöhnlichen Auftritts in seinem versifften Büro. Aber mein Angebot interessierte ihn nicht wirklich. Also zog ich mich enttäuscht zurück. Enttäuscht fuhr ich die Straße vom Schrottplatz Richtung Bundesstraße zur Kreisstadt entlang. Kurz vor der Abzweigung auf die Bundesstraße kamen mir zwei Wagen entgegen. Der Hintere der beiden war ein roter Opel-Kadett. Beide fuhren dicht hintereinander und sie waren sehr langsam. Im Vorbeifahren erkannte ich, dass ersterer den Hinteren abschleppte. Sofort drehte ich um, folgte beiden und überholte. Ich bremste beide langsam aus, winkte, dass sie auf die Seite fahren sollten. Die blieben am Straßenrand stehen. Die zwei wirkten eicht verdutzt wegen meiner Frage, ließen sich aber auf den Deal ein. Als sich herausstellte, dass ich nicht mal passendes Werkzeug dabei hatte, wurde der eine der beiden ungehalten und fluchte leise, der andere lehnte ohnehin nur am Auto und rauchte. Beide halfen mir schließlich trotzdem. So kam ich zu der gebrauchten, neuen Lichtmaschine. Die zwei bauten mir das Ding sogar am Straßenrand noch in meinen gelben Opel ein. Das ist jetzt ein bisschen Glück, das ich mir selbst schmiede. So dachte ich kurz an den Deutschlehrer aus der letzten Stunde zurück. Das die zwei jetzt hier vorbeigekommen waren, war eine glückliche Fügung. Niemand hatte auf diese Begegnung an der Straße Einfluss. Ich schmiedete nur noch eine bisschen. Die Voraussetzung für mein Schmieden aber war, dass beide überhaupt zu dieser Uhrzeit mitten auf meinem Weg dort auftauchten, das war völlig ohne meinen Einfluss entstanden. Die Beleuchtung am gelben Opel-Kadett funktioniert jetzt einwandfrei.

Ich läute. Die Tür öffnet sich. Ich steige eine von Teppichboden belegte Steintreppe hinauf. Die zweite Türe, sie liegt links Richtung Straße ist angelehnt. Ich schiebe sie langsam auf, trete ein uns sage leise Hallo. Hallo höre ich jetzt auch von Pete. Es kommt von links. Ich schiebe die Türe langsam zu bis es klackt, gehe durch einen engen Gang, links und rechts erkenne ich Photographien an den Wänden. Auf ihnen sind Personen abgebildet. Soweit ich das im Vorbeigehen erkenne sind es Familienfotos. Pete sitzt am Küchentisch. Tee? Sie lächelt mich an, hebt die Teekanne vom Stövchen und schenkt in einen Becher, der am Tisch vor dem Stuhl neben ihr steht, ein. Ich setze mich.

Ich bin unsicher. Hätte ich ihr zu Begrüßung ein Küsschen geben sollen? Sie macht dazu keinerlei Anstalten. Also ist es schon o.k. das nicht zu tun. Sie sieht mich an. Sie lächelt. Ich bin froh, dass sie lächelt. Na, alles klar? So fangen wir das Gespräch an. Meine Unsicherheit verschwindet aber nicht einfach. Pete fragt mich nach keinen Details mehr. Ihre Neugier ist verschwunden. Sie sieht mich an und lächelt. Sie denkt wohl, es ist an mir das Gespräch zu beginnen. Also sage ich, ja, alles klar und bei dir? Sie nickt und nippt an der Teetasse. Kurz frage ich mich, was das hier nun werden soll. Dann wird mir klar, dass ich als Gast gekommen bin und nicht hätte kommen müssen, wenn ich das nicht gewollt hätte. Was also will ich hier? Dass ich sie nett finde und sehr gern habe, mehr aber nicht, weiß sie von dem Gespräch am Feuer beim Fahrradausflug. Wie also das weitere Zusammentreffen gestalten, unter den Bedingungen, die zwischen uns soweit geklärt sind?

Es ist anders geworden, als es vorher gewesen ist zwischen uns beiden. Die Offenheit und die Entspannung in unserem Kontakt trotz zeitgleich vorhandener Spannung zwischen uns ist verschwunden. Was geschieht jetzt? Pete hat ihre Fragestunde endgültig beendet. Noch in den Sekunden am Feuer, als sie erneut begonnen hatte mich zu befragen, wünschte ich mir, und sagte ihr schließlich, dass sie das bitte lasse. Jetzt sitzen wir sekundenlang schweigend in der Küche in der Wohnung ihrer Familie. Ich weiß nicht, was jetzt zwischen uns noch los ist.

Da ist es sehr gut, als Schlüssel klimpernd die Wohnungstür aufgesperrt wird und Ida laut Hallo ruft. Sie betritt gefolgt von Thomas die kleine Küche. Na wie läuft denn die gelbe Seifenkiste? Das ist ein deutsches Markenprodukt, berichtige ich Thomas, zwar in die Jahre gekommen, aber bisher zuverlässig. Mit der neuen Lichtmaschine sollte nun auch die Verkehrssicherheit bei Nacht gegeben sein. Thomas setzt sich neben mich, Ida sitzt mir gegenüber. Wir können es also riskieren, uns von dir heute Abend dort hinfahren zu lassen, fragt Thomas. Solange ihr nicht erwartet, in der Kiste wie auf Federn gebettet zu sitzen, dürfte das kein größeres Risiko sein.

Das blaue Haus ist eine knapp zwanzig Autominuten entfernte Diskothek. Sie liegt am Ortsrand eines kleinen Dorfes. Bei unserem Eintreffen ist der Parkplatz noch beinahe leer. Entsprechen wenige Menschen halten sich in dem Haus auf. Es besteht aus zwei Stockwerken, oben kann man der lauten Musik entgehen und Billard spielen. Das tun wir. Ida und Pete haben darin Übung, sie sind richtig gut und machen Thomas und mich richtig fertig. Deshalb spiele ich die nächste Runde mit Pete gegen Ida und Thomas. Da wird es richtig spannend, zum Schluss bleibt nur noch die schwarze Acht übrig, die Thomas eher zufällig versenkt. Das ruft nach Revanche. Das Spiel macht richtig viel Spaß. Nach drei Spielen räumen wir den Billardtisch, für eine andere Mannschaft. Wir setzten uns in eine Ecke an einen Bistrotisch. Der Laden hat sich binnen einer Stunde gut gefüllt. Ida und Pete besuchen das Haus öfter, sie sind bekannt, sie werden permanent von neuen Gästen begrüßt. Irgendwann sitze ich alleine am Tisch, denn Thomas ist mit Ida nach unten zum Tanzen gegangen und Pete verschwindet mit einem Typen, der sie herzlich begrüßt hat. Ich hasse Diskotheken. Leider kann ich nicht mal ein Bier trinken, wegen der Autofahrerei. Zwei Pärchen fragen mich, ob sie sich an den Tisch setzten können. Ich nicke, stehe auf und verlasse den Tisch, weil ich es jetzt unangenehm finde, allein dort mit fremden Leuten zu sitzen. Ich gehe einen Stock tiefer. Kaufe mir an der Bar ein zweites, teures Spezi und beobachte die Szenerie auf der Tanzfläche. Erst nach Minuten sehe ich Ida, Thomas, Pete und den Typen, mit dem sie verschwunden war. Sie hüpfen ausgelassen auf der Tanzfläche herum. Mir kommt das ganze Sekundenlang blöd vor, dann verschiebe ich dieses Vorurteil und denke, dass es eben eine Disco ist. Es ist wohl normal.

Pete hüpft gelenkig und sehr dynamisch durch die Menge auf der Tanzfläche. Es ist kein gemeinsamer Tanz mit ihrem Begleiter. Den habe ich jetzt sogar aus den Augen verloren. Ah, nein, er taucht nun wieder hinter Pete aus der Menge auf. Warum beobachte ich sie jetzt? Bin ich eifersüchtig auf diesen Knaben, der sie da auf die Tanzfläche geschleppt hat? Wahrscheinlich ist das so. Warum sonst war ich gerade erleichtert weil ich den Typen aus den Augen verloren hatte? Ich dachte, dass es gut ist, dass der Typ verschwunden ist. Wenn Pete fertig mit dem Tanzen ist, könnten wir uns vielleicht ein wenig unterhalten. Aber worüber? Mir fällt kein Thema ein, das ich unbefangen mit ihr besprechen könnte. Was wir zwischen uns an dem Lagerfeuerabend geklärt haben, überschattet alles Weitere.

Jetzt sehe ich Ida. Sie schnappt sich die Hände von Pete und die beiden Schwestern tänzeln kurzzeitig gemeinsam durch die Menge. Sie rufen sich irgendetwas gegenseitig zu. Die Aktion auf der Tanzfläche macht beiden riesigen Spaß. Was machen sie jetzt? Sie sind mir jetzt ganz nahe. Sie kommen direkt auf mich zu. Ah, jetzt weiß ich, was kommt. Sie versuchen mich auf die Tanzfläche zu bewegen. Ich kann das jetzt nicht. Ich verneinen das Vorhaben, winke mit der linken Hand, hebe mir der rechten mein Glas hoch um deutlich zu machen, das es voll ist und ich es nirgendwo abstellen kann. Ich bin froh, das beide sofort aufgeben. Die Tanzfläche ist sehr voll, die Diskothek scheint nun restlos gefüllt zu sein. Mir gefällt es überhaupt nicht, wenn in solcher Öffentlichkeit, etwas geschieht, wie gerade eben, das die Aufmerksamkeit anderer auf mich zieht. Leute, die rechts und links von mir stehen, haben natürlich aufmerksam beobachtet, wie die beiden Mädchen versuchten mich auf die Tanzfläche zu bewegen. Andere, die ich gar nicht sehe, haben das wahrscheinlich aus einiger Entfernung ebenfalls beobachtet. Um zumindest zu den Beobachtern rechts zu links von mir mehr Abstand zu haben, Bewege ich mich jetzt durch die Menge rund um die Tanzfläche, um auf die andere Seite zu gelangen.

Drüben ist es nicht ganz so voll. Das liegt wohl daran, dass dort keine Gedränge rund um die Bar statt findet. Ich suche von dem neuen Standort die übervolle Tanzfläche ab. Nichts, ich finde sie nicht mehr. Es sind zu viele Menschen die dort herum hüpfen. Nach zehn Minuten gebe ich es auf. Vielleicht haben sie die Tanzfläche verlassen. Ich bewege mich Richtung Ausgang. Draußen ist es angenehm kühl. Die Luft in dem Laden ist zum Schneiden, das merke ich jetzt, wo ich in vollen Zügen die frische Außenluft einatme. Der Parkplatz ist jetzt voll. Ich suche den gelben Opel-Kadett. Gar nicht so einfach, den jetzt wieder zu finden. Ich bewege mich in die Richtung, sehe ihn aber erst, nachdem ich umdrehe und eine andere Reihe parkender Autos zurück laufe. Da ist er. Ich sperre auf und nehme meine Jacke vom Fahrersitz.

Im nahen Wald ist es stockdunkel. Ich habe eine kleine Forstpiste in den Wald gefunden. Die Nacht ist sternenklar, der Mond ist aber noch nicht da. Ich laufe langsam. Die dicht stehenden, kahlen Bäume rechts und links wirken wie schwarze Riesen, mit Armen, die dem Kleinen, der in der Finsternis hier herumläuft, den Weg in alle Richtungen zeigen. Ohne den angelegten Weg hätte er keine Chance zwischen den vielen Riesen und den vielen Richtungen, in die deren Arme zeigen, eine bestimmte Richtung einzuhalten um sein Ziel zu finden. Den Rückweg zu finden wäre wegen der vielen Riesen und deren Ähnlichkeit in der Dunkelheit völlig ausgeschlossen. In der Dunkelheit merkt der Kleine nicht mehr, dass die Riesen alle sehr unterschiedlich sind. Keiner gleicht dem anderen. Die Dunkelheit macht den Eindruck etwas gleicher. Das erleichtert dem Kleinen die Suche nach einem Weg aber nicht. Da ist es gut, dass er sich auf einem angelegten Waldweg bewegt, der eine breite Schneise zwischen die dunklen Riesen zu schneiden scheint und einen eindeutigen Verlauf, eine eindeutige Richtung, anzeigt. Doch wohin führt der Weg, den er beschritten hat? Wohin bin ich hier unterwegs? Wo komme ich her, was führt mich in den Wald, wo will ich hin und wohin zurück möchte ich nach hause kehren? Wo liegt Zuhause?

Je mehr der Kleine darüber nachdenkt, desto weniger klar scheint das Bild von seinem künftigen Zuhause zu werden. Die Schritte des Kleinen auf dem breiten Weg zwischen den Riesen werden schneller. Er schlendert hier nicht mehr gemächlich entlang, sondern nun fühlt er sich getrieben. Je weniger Klarheit er hat, über die Fragen, die ihm hier einfallen, desto schneller treibt es ihn diesen Weg entlang. Der Wind rauscht durch den hohen, kahlen Wald. Der Wald spricht seine Sprache. Es ist eine unverständliche Sprache. Es ist ein Rauschen. Manchmal ist es ein Zischen, dann wird es ein dumpfes Grollen, plötzlich wird es ein Fegen, das sich lauter und lauter aufbaut und langsam abfällt.

Vielleicht sollte ich Pete künftig in Ruhe lassen. Dorit treffe ich nicht mehr. Seit meinem Umzug vom Gebirgsort in die Kreisstadt ist der Kontakt vorbei.

Müde von meinem schnellen Lauf durch den Wald setze ich mich in den gelben Opel-Kadett. Das halb volle Glas mit dem Spezi steht unbeeindruckt vom kräftigen Wind auf dem Autodach. Ich trinke es in einem Zug leer. Der Parkplatz hat sich ein bisschen geleert. Ich sitze bei offener Wagentür und beobachte den Ausgang des blauen Hauses. Immer wieder öffnet sich die Türe. Paarweise kommen die Menschen dort heraus. Sie lachen und manche von ihnen unterhalten sich lautstark auf ihrem Weg über den Parkplatz. Was tue ich hier? Jetzt erkenne ich auf den Treppenstufen, die von der dunklen Eingangstüre hinunter auf den Parkplatz führen, Pete. Sie verlässt zusammen mit dem Menschen, der sie auf die Tanzfläche begleitet hatte, das Haus. Beide schlendern über den Parkplatz. Sie gehen zwei Reihen entfernt an den geparkten Autos vorbei. Nun bleiben sie stehen. Jetzt sehe ich deutlich das Profil von Pete. Ihre langen, dunklen Haare werden vom Wind durcheinander gewirbelt. Sie streicht sich über die Haare. Sie öffnet die Wagentüre. Weg ist sie. Zwei, drei Minuten geschieht offenbar nichts. Dann bewegt sich das Auto. Ich höre kein Motorengeräusch. Ich höre das Rauschen des Windes und das Ächzen der Bäume.