Besuch

Karin ist pünktlich. Auf sie ist verlass, sie kommt nie zu spät. Sie bringt mir ein kleines, grünes Büchlein mit. Es ist ein Kochbuch für Junggesellen. Das ist keine Provokation von Karin, obwohl sie es natürlich lustig findet, mir so etwas mitzubringen. Sie erklärt mir, dass die Portionen, die das Buch beschreibt für eine Person bemessen seien. Das sei beim Kochen eine große Hilfe. Karin ist trotz ihrer jungen Jahre eine gestandene Hausfrau. Sie wirkt bodenständig und strahlt Zuversicht aus. Sie lacht viel.

Sie ist verheiratet. Sie hat aber wohl leider den falschen Mann geheiratet. Der Busfahrer wäre wohl der richtige für sie gewesen. Sie hat aber einen jungen Menschen ihres Alters geheiratet, den ich aus meiner früheren Jugendgruppe im Gebirgsort kenne. Ich glaube, sie hat einfach zu schnell und zu früh geheiratet. Ihr Mann hat das Heiraten zu schnell von ihr gewollt. Vielleicht hatte er gemerkt, dass er nicht der richtige ist und hat sie deshalb zu einer zügigen Hochzeit gedrängt. Das rächt sich nun für ihn aber auch für Karin. Sie lebt nun mit einer schweren, belastenden Lüge. Sie liebt den Busfahrer, nicht ihren Mann. Ihr Mann wiederum lebt in dem Glauben, er habe es geschafft Karin an sich zu binden.

Zum Glück kennt sie einige wenige Menschen denen sie ihr Geheimnis anvertrauen kann. Das macht die Sache für sie leichter. Einer davon bin. Und sie hat eine gute Freundin. Ich muss gar nicht viel tun, um Karin zu unterstützen. Es reicht, wenn sie mich hin und wieder besuchen kommen kann und wenn sie ihren Eltern und ihrem Mann erzählen kann, dass sie in der Kreisstadt bei mir zu Besuch vorbeischaut und bei mir im Haus von Frau Stößer übernachtet. Ich bin für ihren Mann offenbar ungefährlich und für ihre Eltern glaubwürdig. Erstaunlich daran ist, dass ich weder mit ihrem Mann noch mit ihren Eltern über Karins Besuche bei mir je gesprochen habe. Die haben bisher noch nie bei mir angerufen, um zu fragen, ob Karin tatsächlich hier ist, um das zu überprüfen. Ich habe nichts weiter zu tun, als Karins Anweisungen und Vorschläge in dieser Sache zu befolgen und sie gewähren zu lassen.

Sie kommt und erzählt mir, dass sie sich mit ihrem Busfahrer trifft. Sie sagt mir exakt, um wie viel Uhr sie zu hause im Gebirgsort losgefahren ist und wann sie in der Kreisstadt angekommen ist. Sie sagt mir genau, um welche Zeit sie von mir weg fährt und wann sie wieder im Gebirgsort ankommen wird. Sie erklärt exakt, was sie in der Kreisstadt alles gekauft hat, in welchen Geschäften sie um welche Uhrzeit vorbei schaut oder ob Sie sich mit anderen Personen zum Beispiel aus der Jugendgruppe trifft. Meist kauft Karin in der Kreisstadt Wolle unterschiedlichster Art, in verschiedenen Geschäften. Sie strickt sehr viel, weil das auf sie beruhigend wirkt. Ich schreibe mir alles sauber in einen Block. Den halte ich auf meinem Schreibtisch griffbereit. Wenn Frau Stößer wegen einem Telefonanruf nach mir ruft, nehme ich immer diesen Block mit hinunter zum Telefon. Im vorderen Teil habe ich Notizen, Termine und Telefonnummern, die ich am Telefonapparat bei Frau Stößer notiere. Im hinteren Teil des Blockes habe ich, von hinten angefangen, genau mit Datum und Wochentag notiert, wann Karin in der Kreisstadt war, um wie viel Uhr sie kam, wann sie wieder fuhr und was sie eingekauft hat. Noch nie hat ihr Mann oder haben ihre Eltern bei Frau Stößer angerufen um mich danach zu fragen.

Karin sieht blass aus. Sie lacht zwar aber sie wirkt abgehetzt. Sie bittet mich den Zeitplan ihres Aufenthaltes in meinem Block zu notieren. Sie sieht auf ihre Armbanduhr und sagt, sie habe nur eine halbe Stunde Zeit. Der Busfahrer habe dann einen Schichtwechsel und sie könnte bei ihm zusteigen.

Der Mann wohnt außerhalb der Kreisstadt in einem winzigen Nest. Ich biete ihr eine Tasse Tee an, den sie gerne nimmt. Karin sitzt mir gegenüber vor dem kleinen Tischchen in dem orangenen Schaumstoffsessel, den ich aus meinem Zimmer im Gebirgsort mit in die Kreisstadt umgezogen habe. Ich sitze auf dem grünen Sofa. Das Sofa habe ich erst vorletzten Samstag auf dem gleichen Flohmarkt gekauft, auf dem ich auch das Waschmaschinen-Ei erstanden hatte. Karin mustert das Sofa. Etwas schäbig findet sie, aber irgendwie passend zu dem Mobiliarsammelsurium in meinem Zimmer. Das Sofa habe ich für nur drei Mark erstanden. Der Verkäufer hatte es auf der Ladefläche eines Anhängers. Eigentlich wollte er das gar nicht verkaufen, sondern zum Sperrmüllsammelplatz bringen. Der Platz hatte aber am Samstagvormittag schon um zwölf Uhr dicht gemacht. Also nahm er das Ding zum Flohmarkt mit, auf dem er grundsätzlich nicht vor halb eins auftauche. Das alles erklärte mir der Verkäufer und:  Weil um diese Uhrzeit der Verkauf am besten laufe.
Als ich ihn fragte, was das Sofa auf seinem Hänger kosten sollte, lachte der Mann herzlich. Schließlich verständigten wir uns auf drei Mark. Ich musste dem Verkäufer um halb fünf beim Abbau seines Standes helfen, als Gegenleistung fuhr der Verkäufer mit mir zum Haus von Frau Stößer. Er half mir sogar dabei, das Sofa hinauf in mein Zimmer zu schleppen.
Montagnachmittags, als Frau Stößer mit ihrem großen Mercedes zum Einkaufen in die Stadt gefahren war, schob ich das Sofa auf den Balkon hinaus. Dort bearbeitete ich es mit einem Teppichklopfer. Das staubte wie eine riesige Rauchwolke.

Karin lächelte mich an, nachdem ich alles brav in den Block notiert hatte. Sie hat immer Neuigkeiten aus dem Gebirgsort dabei. Darüber fängt sie stets in der gleichen Weise zu berichten an.

Weist du schon das Neuste?

Nein.

Willst du es denn überhaupt wissen?

Na klar, schieß los.

Dorit ist schwanger.

Nein!

Ich sehe Karin verblüfft an.

Wie ist das gegangen?

Wenn Du es nicht weißt, ist klar dass sie nicht von Dir Schwanger ist.

Karin lacht verschmitz.

Sie hat vor einem halben Jahr, gleich als es mit Euch beiden vorbei gewesen war, einen neuen Mann kennen gelernt. Der ist wohl der stolze Vater. Er war auf der Durchreise im Ort. Beide haben sich gleich ineinander verguckt.

Oje.

Ich stöhne ein bisschen vor mich hin, ob dieser Nachrichten. Ich versuche entspannt und unbeteiligt zu wirken. Ich lehne mich in das grüne Sofa zurück, schenke Karin noch etwas Tee nach. Dabei sehe ich wie meine rechte Hand zu zittern beginnt. Ich stelle deshalb die Kanne, nachdem die Tasse nur halb gefüllt ist, zurück auf das Stövchen.

Eine echte Überraschung für Dich geh?

Karin lächelt.

Das scheint ja alles recht schnell gegangen zu sein mit den beiden.

Diesen Satz versuchte ich möglichst einsilbig und unbeteiligt zu sprechen. Das gelingt mir aber nicht.

Bist doch wohl nicht eifersüchtig auf ihren Liebhaber, den du nicht einmal kennst?

Nein, nein.

Ich schüttle den Kopf. Ich weiß einfach nicht was ich sagen soll.

Noch ne Nachricht, oder reicht das schon?

Karin lacht beinahe frech.

Nein, das genügt völlig.

Ich hab auch gar nichts weiter anzubieten.

Sind die zwei denn noch beieinander?

Das sieht schon so aus. Der Typ, der im Übrigen ganz nett ist, plant in den Ort zu ziehen. Die suchen sich eine Wohnung und in knapp sechs Monaten ist es dann soweit.

Dorit wollte doch studieren?

Ich glaube, das hat die jetzt erst mal abgehakt, unter den Umständen.

Aha.

Karin erhebt sich aus dem Sessel.

Ich glaub ich muss jetzt, sonst verpasse ich am Busbahnhof den Schichtwechsel.

Ich begleite Karin hinaus über den Gartenweg durch das große Schmiedeeisentor bis zu ihrem Auto. Es kam noch nie vor, dass sie mit dem Auto ihres Mannes zu mir fuhr. Sie fährt sonst immer mit dem Zug und dem Bus. Weil sie aber das Auto früh am nächsten Morgen in die Werkstatt zur Inspektion bringen will, hat sie ihrem Mann vorgeschlagen damit zuvor noch zu mir in die Kreisstadt zu fahren, um von hier aus morgen früh direkt in die Autowerkstatt zu fahren. Karin steigt ein, wendet den Wagen auf dem Parkplatz vor dem Moulin Rouge und braust winkend davon.

Ich steige die Treppenstufen im Haus von Frau Stößer langsam hinauf, gehe in mein Zimmer und nehme auf dem Sofa platz. Ich hatte Dorit zwei Monate vor meinem Wegzug aus dem Gebirgsort kennen gelernt. Der Kontakt entstand über einen Freund in der Jugendgruppe, der mit ihr in einer Schulklasse saß. Es war eine Abiturklasse. Der Freund hatte mich gefragt, ob ich mit ihm und einigen Schulfreunden im Sommer für ein paar Wochen eine Reise nach Griechenland unternehmen wolle. Unter den Schulfreunden war Dorit. Wir hatten uns zwei, drei mal getroffen um die geplante Reise zu vereinbaren, eine Route und den Termin gemeinsam festzulegen. Von da an besuchte ich Dorit, die am Rande des Gebirgsortes, etwas außerhalb in einer Mehrfamilienhaussiedlung bei ihren Eltern wohnte, regelmäßig. Wir verstanden uns gut. Dorit ist sehr gebildet und sehr vielfältig interessiert. Sie erzählte gerne von politischen Sendungen und satirischen Beiträgen, die sie gerne im Fernsehen sah. Sie nahm seit Jahren Tanzunterricht, ihr Berufswunsch ist das Tanzen, das man offenbar studieren kann. Deshalb strebte sie das Abitur an, dass sie sehr gut bestanden hat.

Abends war ich bei meinen Pflegeeltern in den letzten Wochen in deren Haus nur noch ganz selten zu hause. Ich kam immer sehr spät nach Hause. Ich besuchte Dorit, hatte aber nie bei ihr in ihrem Zimmer in der Wohnung ihrer Eltern übernachtet. Ich war oft mit dem alten, aber guten Moped aus der Garage bei meinen Pflegeeltern zu ihr gefahren. Das Moped durfte ich eigentlich nicht benutzen. Meine Pflegeeltern hatten mir das nicht erlaubt. Ich habe es mir abends trotzdem oft genommen. Die Pflegeeltern haben das entweder nicht bemerkt oder sie ließen mich einfach gewähren, weil mein Aufenthalt bei ihnen ohnehin auf nur noch wenige Wochen begrenzt gewesen war. Das Moped verwendete ich gegenüber Dorit stets als Vorwand, wegen dem ich spät abends immer wieder nach Hause zu fahren hatte, damit es früh morgens in der Garage stand. Wegen ihrer täglichen Arbeit waren die Pflegeeltern stets sehr früh am Morgen unterwegs. Das fehlen des Mopeds wäre aufgefallen.

Der Urlaub in Griechenland mit der Abiturientengruppe und Dorit war schön. Es war mein erster Urlaub nach Volljährigkeit und Auszug bei den Pflegeeltern. Ich hatte den Urlaub mit Geld bestritten, das ich zuvor bei einem Ferienjob verdient hatte. Es war sehr wenig Geld, reichte aber. Die Gruppe Abiturienten war auch deshalb sehr angenehm, weil keiner von denen hohe Ansprüche hatte. So war es in der Gruppe kein Problem für mich, mit meinem wenigen Geld auszukommen. Wir waren mit Rucksäcken von Ort zu Ort unterwegs. Wir haben Händchen gehalten und uns bestens miteinander verstanden. Mehr wurde daraus aber nicht. Ich war mir nicht sicher. Sie war sich sicher. Wir reisten per Zug aus Griechenland zurück. Vor diesem Urlaub hatte ich meinen Umzug in die Kreisstadt organisiert. Am Bahnhof verabschiedete sich die Gruppe voneinander. Dorit und ich blieben allein am Bahnhof stehen. Sie fragte mich, ob sie mit mir mitkommen dürfe, in die große Kreisstadt. Ich nahm ihre Hand, sah sie an und versuchte zu lächeln. Dann ließ ich sie los. Seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen.