Arbeiten

Der Sonntag ist ein seltsam ruhiger Tag. Nachts um halb vier Uhr wache ich auf. Der grüne Metallwecker ist ruhig. Er steht. Er zeigt sieben Uhr an. Der Regen hat aufgehört. Ich öffne die Balkontüre. Die Luft ist noch feucht, aber es liegen keine Wolken mehr über der Stadt. Am Nachmittag bekommt Frau Stößer Besuch. Ich sitze auf der Terrasse vor meinem Zimmer. Es ist wieder richtig warm geworden. Der Himmel ist blau und völlig klar. Die Stadt liegt in klarem hellem Licht vor mir. Der Fluss glänzt wie eine messerscharf blinkende Klinge, welche die Stadt in zwei Teile schneidet. Von unten höre ich leise Gespräche zwischen Frau Stößer, ihrem Mann und einem Paar mittleren Alters, die zusammen bei Kaffe und Kuchen sitzen. Ich kann mich trotz des Traumwetters zu nichts aufraffen. Die Ruhe irritiert mich. Sie kommt aus dem Gegensatz zwischen meiner Einsamkeit und dem Remmidemmi der vergangen zwei Wochen. Es ist eine Ruhe, die nicht erholsam ist. Sie ist anstrengend, sie nimmt mir Energie. Was erst gestern endete scheint plötzlich in dieser Ruhe weit zurück, ist aber noch sehr nah. Heute Nacht habe ich die Deckenbalken aus dem großen Raum, oberhalb der Zimmer in denen zwei Wochen lang die Kinder schliefen, gesucht und nicht gefunden.

An meinem Feuer sitze ich nun wieder allein. Meine Alltagsroutine hat mich aber verlassen. Ich war ohne meine Schulbücher losgelaufen und bemerkte es erst, als ich das Feuer entfacht hatte. Allein vor dem Feuer, ohne meine Schulbücher fiel mir erst nach Minuten ein, dass die nächste Woche anders wird. Der Alltag wird anders zu mir zurückkehren. Morgen gehe ich nicht in die Schule, sondern ich habe ein Betriebspraktikum. Die Unterlagen dafür habe ich in meiner Schultasche gefunden. Sie liegen auf meinem Schreibtisch. Ich habe sie noch nicht angesehen. Mein Denken ist noch nicht hier.

Die Zeit ist vorbei, wie ein gerissener Film, der eigentlich noch nicht zuende ist, aber nicht mehr geflickt werden kann. Zwei Wochen lang Dauereinsatz, ohne Rückzugsmöglichkeit, daran hatte ich mich erstaunlich schnell gewöhnt. Das Jetzt und Hier ist ungewohnt. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll. Ich kann niemanden fragen, mit niemandem sprechen. Ich werde nicht angerufen. Alle sind beschäftigt. Jeder ist heute wieder in die Routine seines Alltags versunken. Diejenigen, mit denen ich zwei Wochen lang täglich sprechen konnte, sind nun unerreichbar geworden. Die Selbstverständlichkeit, die galt, indem man täglich miteinander sprach, ist beendet. Nichts mehr geht automatisch. Mich spricht niemand einfach an. Das ist ungewöhnlich. Morgen ist es für mich vielleicht schon wieder gewöhnlich.

Endlich, um vier Uhr nachmittags setze ich mich auf mein Fahrrad. Ich fahre einfach los. Doch es treibt mich die kleine Straße entlang, die ich schon einmal mit dem Rad unterwegs gewesen war. Es ist die Straße auf der ich mit Pete und Ida zum ersten Abendseminar in den kleinen Ort gefahren war. Eine andere Strecke fällt mir jetzt nicht ein. Ich trete einfach weiter. Schon nach den ersten wenigen Kurven sehe ich Pete, wie sie neben mir im Wagen sitzt und anfängt mich auszufragen. Ich habe viel Zeit sie mir im Sitz neben mir anzusehen. Sie lächelt verschmitzt bei jeder Frage, die sie mir stellt. Sie will, dass auch ich lache und ich tue es, denn ihre Fragen finde ich lustig. Ihre Art zu fragen finde ich nett. Sie fragt das alles gar nicht, weil sie das wirklich wissen will, sondern sie will mit mir ein bisschen spielen. Sie will wissen wie ich bin. Wir kennen uns kaum, ihre vielen Fragen sind ihre Art mit mir Kontakt zu suchen. Sie will mich kennen lernen.

Die Strecke durch den Wald ist angenehm kühl. Es geht durch steile, enge Kurven bergan. Ich strample und schwitze. An der ersten Anhöhe sehe ich weit unten die Kreisstadt liegen. Der noch morgens so klare Himmel ist diesig geworden. Die Sicht auf die Berge ist von Dunst verstellt. Ich trinke in großen Schlucken das Leitungswasser aus einer Glasflasche, die ich aus der Fahrradtasche nehme.

Um viertel nach sechs Uhr morgens fährt der Werksbus vor dem grauen Bahnhofsgebäude ab. Ich fahre mit dem Fahrrad durch den kühlen Morgen, vorbei am Kreiswehrersatzamt, vorbei an der Wohnung von Ida und Pete, danach aber nicht nach rechts Richtung Schule, sondern geradeaus. Dort kommt rechter Hand nach dreihundert Metern der Bahnhof. Das Fahrrad kette ich an eine Straßenlaterne, denn ich bin knapp dran. Ich sehe links vom Bahnhof einen Bus, steige beim Fahrer ein, frage, ob das der Werksbus ist, sehe ein Nicken, zeige ein Papier von meiner Schule vor und suche mir hinten im Bus einen freien Sitzplatz. Es ist völlig ruhig. Zehn bis fünfzehn Personen sitzen verschlafen da. So kann es in einem Bus also auch zugehen. Verglichen mit der Busfahrt von Samstag, mit den Kindern zurück in die Kreisstadt, wirkt der Morgen nun wie eine Fahrt zu einer Beerdigung. Das ist er also, der Montagmorgen, wenn man zur Arbeit fährt. In meinem Kopf höre ich jetzt das Lied „I Don’t Like Mondays“ von Bob Geldorf. Nein es ist nicht mein Kopf, es ist das Radio. Ganz leise höre ich es aus dem Lautsprecher über dem Sitzplatz. Jetzt weiß ich, was der meinte, als er das geschrieben hat. Diesen grauen Morgen an diesem Bahnhof in diesem Bus könnte man wirklich niederschießen, so wie Bob Geldorf da singt. Der Fahrer wirft den Motor an. Ich schnüffle an meiner Jacke, sie riecht leicht nach Rauch vom Lagerfeuer. Der Bus klappert mehrere Dörfer und Ortschaften ab. Um fünf Minuten nach sieben Uhr erreicht er in einem kleinen Ort, nahe dem großen See an dem Thomass Onkel das Grundstück mit dem Steg hat, einen großen Parkplatz. Er fährt unter einer geöffneten Schranke hindurch und dreht vor einem stählernen Eingangstor an einer großen Halle mit hohen Fenstern um. Dort öffnen sich die Bustüren.

Ich stehe von meinem Sitzplatz auf. Ich spüre, wie meine Knie leicht zittern. Ich fühle mich müde. Ich laufe einfach den Frauen und Männern hinterher. Sie schlendern größtenteils gelangweilt durch das Eingangstor. Die meisten gehen danach rechts, die wenigsten gehen geradeaus weiter. Eine Frau die dort stehen bleibt, frage ich, wo es denn hier zum Ausbildungsbereich geht. Sie zeigt mit der Rechten nach oben. Da hinten die Treppe rauf. Ich durchquere die tiefe Halle, rechts und links sehe ich Arbeitstische die mit elektronischen Geräten belegt sind. Ich sehe Platinen und Lötkolben. Dann kommt ein Fließband, auf dem Gehäuse und Bildröhren stehen. Am Ende der Halle öffne ich eine Glastüre, dahinter steige ich eine steile Treppe hinauf, wo ich durch eine Tür die Lehrlingswerkstatt erreiche.

Die Auszubildenden haben blaue Latzhosen an. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Ich nicke, sage aber gar nichts sondern gehe schnurstracks durch einen Raum mit Werkbänken, vorbei an Auszubildenden, die dort arbeiten. An einer Glaswand öffne ich eine Glastür. Es ist das Büro des Werkstattleiters. Ich sehe dort einige bekannte Gesichter wieder, worüber ich jetzt froh und beruhigt bin. Es sind Mitschüler aus meiner Klasse. Auch Matthias ist dabei. Sie stehen rund um einen Schreibtisch. An dem sitzt ein stämmiger, leicht untersetzter Typ, der ganz freundlich aussieht, weil er beim sprechen permanent lächelt. Es ist der Werkstattleiter und Ausbilder. Ich stelle mich am Rand des Kreises zu meinen Mitschülern. Ich sehe auf meine Armbanduhr, es ist acht Minuten nach sieben Uhr. Der Werkstattleiter blickt auch auf seine Uhr. Acht Minuten sagt er und Grüß Gott. Ich sage nur: Der Bus. Ah so, sie kommen mit dem Bus aus der Kreisstadt. Ja, der hat sich anscheinend leicht verspätet. O.k., sagt der Leiter und fährt mit seinen Erklärungen fort.

Ich bin der Einzige der von der Schule zum Betriebspraktikum erscheint und täglich aus der Kreisstadt kommt. Alle anderen Mitschüler wohnen in der Umgebung der Kreisstadt und erreichen diese Praktikumstelle über unterschiedlichste Wege. In dem Praktikum lerne ich Grundsätzliches. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit, Sauberkeit, Ordnung, Genauigkeit, Respekt und Unterwürfigkeit gegenüber dem Vorgesetzten. Daraus ergeben sich Anerkennung, gute Bewertungen und Häkchen im täglichen Arbeitsbericht, der zwischen halb fünf und fünf Uhr Nachmittags geschrieben werden muss. Ich finde in meinem Berichtsheft positive Bemerkungen über mich, die der Werkstattleiter dort hineinschreibt. Beobachtungsgabe, Verständnis, Praktisches und theoretisches Denken, kann sich eingliedern, findet sich schnell in Arbeitsprozessen zurecht, kann räumliche und technische Zusammenhänge verstehen. Ich sehe in der Produktion, in dieser Fabrik, wie das Arbeitsleben abläuft. Es kommt mir sehr diszipliniert und sehr stupide vor. Es benötigt viel Energie und Aufmerksamkeit. Der Tag ist mit Arbeit voll ausgefüllt. Um viertel vor sehr Uhr abends steige ich gerädert uns sehr Müde aus dem Bus am Bahnhof aus. Am Freitag komme ich schon um viertel vor Drei am Bahnhof an, kann aber den Nachmittag nicht nutzen, weil ich auf dem Sofa in meinem Zimmer einfach einschlafe.

Die Arbeit in der Produktion ist so langweilig, dass ich ständig über anderes nachdenke als über die Arbeit, die ich mache. Ich sitze an Automaten, die ich bediene. Das sind Pressen, mit denen an bunten Kabeln kleine Stecker angepresst werden. Oder es werden Metallformen ausgestanzt. Manchmal sitze ich an Lötmaschinen, die automatisch Widerstände, Kondensatoren und Transistoren auf Platinen auflöten. Die Arbeit besteht darin, die Platinen und die einzulötenden Bauteile einzulegen, im Fehlerfall den roten Knopf zu betätigen, den Fehler zu beseitigen, das Ding zu reinigen und erneut Platinen und Bauteile in die Maschine einzulegen.

Ich denke bei dieser Arbeit an vieles. Ich lenke mich ab, denn sonst vergeht die Zeit nicht. Ich erinnere mich an den nahen See, der von dieser Fabrik nur wenige Kilometer entfernt liegt. Ich denke zurück an die kurze Fahrradtour und an den schönen Abend mit Thomas, Ida und Pete am Lagerfeuer direkt am Wasser. Die Zeit seitdem ist schnell vergangen. Jetzt, wo Sommer geworden ist, sehe ich Ida und Thomas nur noch in der Arbeitsgruppe, die immer öfter ausfällt. Thomas hat seither keinen gemeinsamen Ausflug mehr vorgeschlagen. Sogar der Verkaufsstand findet nur noch selten statt. Das liegt daran, dass Thomas viel bei seinen Eltern in deren Töpferwerkstatt arbeitet. Ab Herbst wird er seine Ausbildungsstelle wechseln. Am Dienstagabend erzählten er und Ida mir und Martin in der Arbeitsgruppe, dass er eine Ausbildungsstelle als Holzkunsthandwerker gefunden hat. Das sei das, was ihn wirklich interessiere, was er schon immer lernen wollte. Die Schule für diese Ausbildung nimmt aber jedes Jahr nur wenige Schüler auf. Er habe sich schon vor Jahren beworben, und sich seitdem immer wieder gemeldet. Das sei ein Riesenaufwand, weil man immer eine große Mappe mit Zeichnungen zur Bewerbung abgeben müsse. Das habe er Jahre lang getan und das habe sich jetzt gelohnt. Er hat eine Zusage. Er habe seine Schreinerlehrstelle heute gekündigt. Das muss gefeiert werden! Ida hat eine Sektflasche dabei. Der Korken knallt an die Dachschräge in meinem Zimmer. Den Sekt müssen wir aus Teebechern trinken, denn ich habe keine Gläser. Das macht aber nichts. Wir freuen uns mit Thomas, lachen und gratulieren.

In der zweiten Praktikumswoche arbeite ich mit Matthias zusammen in der Endmontage und Kontrolle. Dort werden Fernsehgeräte, Radios und Kassettenrecorder abschließend zusammenmontiert, getestet und am Fließband verpackt. Während ich in der Endmontage die Gehäuse von Radios an einer Maschine mit deren technischen Inhalt zusammenfüge, weist mich Matthias auf eine junge Frau hin. Sie sitzt uns gegenüber. Sieh sie dir genauer an. Sie arbeitet an einer Druckmaschine. Die Maschine bedruckt die Gehäuse. Dazu legt die Frau die Gehäuse in eine Form ein, schiebt die Form unter eine Stanze und zieht einen Hebel. Nach einem Zischen ist der Druck in das Kunststoffgehäuse eingebrannt. Die Gehäuse laufen dann auf einem Förderband zu mir. Ich verschließe sie an meiner Maschine mit deren Inhalt. Von mir laufen die Radios auf dem Band dann weiter zu Matthias und anderen, die einen genau vorgeschriebenen Funktionstest durchführen. Danach gehen die Geräte in die Verpackung. Zuerst verstehe ich Matthias nicht. Warum soll ich die Frau ansehen? Dann sehe ich genauer hin. Ich erkenne, dass die Frau blind ist.

Matthias hat gemerkt, dass ich lange gebraucht habe um das zu erkennen. Er muss frühzeitig bemerkt haben, dass die Frau da drüben nicht sehen kann. Er scheint mir zeigen zu wollen, wie schlecht ich sehe, was vor meinen Augen geschieht. Erst jetzt erkenne ich die Frau. Sie fährt täglich in meinem Bus. Sie sitzt jeden Morgen direkt hinter dem Busfahrer. Matthias zwinkert mir zu.

Er hat einen großen Kopfhörer auf, das gehört zu dem Funktionstest. Der hängt um seinen Hals. Damit testet er, ob auch die Steckerbuchse für den Kopfhörer an dem Radio funktioniert. Matthias sieht mit dem riesigen Kopfhörer und den weißen Kunststoffhandschuhen ganz lustig aus. Er könnte sehr gut einen überdrehten Clown spielen. Wie er mit den Handschuhen das Radio genau abtastet, jeden Schalter nach Vorschrift betätigt, das Batteriefach öffnet, Batterien einlegt und herausnimmt, den Stromstecker anschließt, den Kopfhörer auf die Ohren schiebt, das Radio dicht vor die Augen hält um zu sehen, ob die Senderbeleuchtung bei der Sendersuche automatisch ein und ausgeschaltet wird. Matthias hat ein Lächeln, das ihn mit diesen großen Kopfhörern auf seinen Ohren aussehen lässt, wie ein Pausenclown im Zirkus, er versucht, sich mit der Bedienung eines neuartigen Gerätes zu Recht zu finden. Einmal fällt Matthias dieses Ding tatsächlich runter. Weil er sich entgegen der Vorschrift mit seinem Stuhl zu weit hinter die Tischkante begeben hat, droht das Radio auf den Boden zu krachen. Doch Matthias fängt das Teil, bevor es aufschlagen kann, flink mit der linken Hand ab. Das wirkt wie eine lange einstudierte Nummer. Er blickt sich nach diesem Vorfall in alle Richtungen der Halle um. Schließlich lacht er mir zu, weil er feststellt, dass keiner außer mir ihn beobachtet hat.

Am vorletzten Tag des Praktikums spricht Matthias mich an. Ob ich nicht Lust hätte mit ihm zusammen in der Mittagspause an den See zu fahren. Er habe ein Auto auf dem Parkplatz stehen. Ich sehe ihn verdutzt an. Das habe ich nicht erwartet. Ich nicke und sage, na klar komme ich da mit.

Um halb Eins verlassen wir die Werkshalle durch den Haupteingang. Matthias fährt einen roten VW-Golf. Ich sitze neben ihm und frage ihn, wie er zu diesem neuen Auto kommt. Das gehört meiner Mutter. Sie leiht es mir nur solange ich dieses Praktikum machen muss, weil es aus unserem Ort keine Busverbindung hierher gibt. Matthias fährt schnell und routiniert. Er hat seinen Führerschein, so wie ich, seit seiner Volljährigkeit. Auch er hat exakt an seinem achtzehnten Geburtstag das Papier bekommen. Ohne Führerschein kommt man hier in der Gegend nicht weiter. Ich stimme zu. In der Großstadt ist das anders. Aber vor dem Studium muss die Schule in der Kreisstadt absolviert werden, erst danach geht es in die Großstadt. Dort braucht eigentlich keiner wirklich ein Auto. Ich stimme Matthias zu, obwohl ich die Großstadt kaum kenne. Matthias hat sich dort schon die Uni angesehen. Aber leider, so meint Matthias, dauert es bis zum Studium ja noch ein weiteres Schuljahr und dann noch mal zwei Jahre für den Wehrdienst. Ob ich auch schon die Musterung hinter mir hätte?

Matthias parkt auf einem Parkplatz direkt am Wasser. Die Sonne spiegelt sich auf dem bewegten Wasser. Wir laufen ein Stück entlang dem Wasser. An einem kleinen Strand, den Matthias zielstrebig ansteuert, setzen wir uns auf die Steine. Dort essen wir unsere mitgebrachte Brotzeit.

Das ist das schönste an diesem langweiligen Praktikum, sagt Matthias. Ich nicke zustimmend, sehe dabei hinaus auf das Wasser. Zwei Segelboote dümpeln unweit vom Strand entfernt vor sich hin. Warst du schon auf so einem Boot? Nein, antworte ich. Ich war öfter schon auf dem Wasser, auf einem alten großen Windsurfbrett habe ich das Fahren gelernt, aber Segeln, davon habe ich keine Ahnung. Dann kannst du es ganz schnell lernen. Die Technik ist anders aber die Theorie ist die gleiche. Natürlich ist die Segelprüfung schwer aber die braucht man eigentlich nicht unbedingt. Hast Du ein Segelboot? Nein natürlich nicht, aber mein Vater hat eins, hier am See. Das liegt nicht weit weg. Sonntags sind wir oft draußen. Gerade jetzt, bei dem herrlichen Wetter ist das traumhaft.

Ich erkenne Matthias kaum wieder, er schwärmt von der Natur am See, erklärt mir, welche Vögel hier nisten, wo ein Wasserschutzgebiet ist, wie die Berge in der Gegend heißen, welches die schönsten Wandertouren sind, wo am wenigsten Touristen herumlaufen und um welche Zeit welche Berghütte noch geöffnet hat. Mir wird klar, dass ich ihn im Grunde nicht kenne. Ihn kenne ich so wenig, wie alle anderen Mitschüler.

Diese Schule ist kein Ort, um sich kennen zu lernen, sagt Matthias. Dort gibt es keine Zeit, die Pausen sind kurz und, wie ich erst in diesem Praktikum bemerkt habe, kommen die meisten Schüler gar nicht aus der Kreisstadt. Sie wohnen in alle Richtungen verstreut. Mein erstes Gespräch mit einem Mitschüler führe ich heute, vier Wochen bevor dieses Schuljahr beendet wird. Auch mit Matthias könnte ich mich nachmittags gar nicht verabreden und treffen, weil er ziemlich weit entfernt von der Kreisstadt hinter diesem See wohnt. Die Busverbindung gibt es nur morgens, mittags und am späten Nachmittag. Die zwei Nachmittage in der Woche, an denen Nachmittagsunterricht stattfindet, hat Matthias mit zusätzlichen Nachhilfestunden belegt, die er gleich neben der Schule bei einem Mathematiklehrer von einer anderen Schule nimmt.

Matthias macht auf mich großen Eindruck. Ich habe ihn völlig falsch eingeschätzt. Ein einziges Gespräch in der einen Stunde Pause am See genügt, damit ich ihn in völlig anderem Licht erkennen kann. Er hat wie ich große Schwierigkeiten mit dieser Schule. Er sagt, es sei dort kaum auszuhalten. Aber, weil er wisse, dass es ja nur noch ein Jahr ist, sei ihm das inzwischen egal. Die ersten Wochen hat er kaum ausgehalten. Die Lehrer, aber auch die Schüler seinen unglaublich abweisend und verschlossen dort. Die Forderungen seien völlig überzogen. Was dort gelernt werde, könne niemals wieder hervor geholt werden. Das zusammenhangslose Pauken sei größtenteils unbrauchbar. Das Praktikum sei bestes Beispiel. Die Schule passe da nicht dazu. Was der Werkstattleiter jeden Morgen erzähle, sei zusammenhängendes Denken, damit habe die Schule nichts am Hut.

Abends denke ich an das Zusammentreffen mit Matthias in der Pause am See. Mit wenigen klaren Worten hat er Kontakt zu mir aufgenommen. Hauptsächlich hat er von der herrlichen Umwelt geschwärmt, die seine Heimat ist. Er hat prägnant mit wenigen Worten gesagt, dass seine Haltung zu dieser Schule nahe der Meinen liegt. Was bedeutet das für mich? Kann ich eine Haltung wie Matthias einnehmen. Nur noch ein Jahr? Danach ist diese Schule eh vorbei. Sollte ich so zu denken lernen?

Nachts an meinem kleinen Feuer kommen mir die Worte von Matthias schon sehr weit entfernt vor. Hat er sie überhaupt gesagt? Waren wir überhaupt diese eine Stunde an dem See gewesen und haben miteinander gesprochen? Wenn man einen Menschen kaum kennt, beziehungsweise nur in einer Situation, wie in dieser Schule kennt, da ist es schon sehr komisch, wenn dieser sich plötzlich ganz anders nähert und zu erkennen gibt. Matthias Worte erinnern mich an eine Aussage meiner Pflegemutter. Später fragt dich keiner mehr, welche Lehrer du hattest. Es kommt nur auf das Ergebnis an. Matthias sagte das zwar ganz anders, meinte es auch anders, aber das Ergebnis ist das gleiche. Es ist nur noch ein Schuljahr, da fragt dich im Studium keiner, auf welcher Schule du die Zugangsberechtigung bekommen hast. Matthias findet nicht gut, was auch mir an der Schule negativ aufgefallen ist. Aber er blendet das mit der Perspektive aus, die er sich in den Kopf gelegt hat. Bei mir aber fehlt diese Perspektive. Das könnte mein Problem sein. Deshalb kann ich da vielleicht nicht so leicht drüber hinwegsehen, wie Matthias das tut.

Der letzte Praktikumstag. Der Werkstattmeister lässt uns heute viel Zeit in der Werkstatt, damit wir unsere Berichtshefte fertig schreiben können. Er unterschreibt alle Tagesberichte und versieht sie mit Häkchen und teils Kommentaren. Mittags verabschiedet er sich. Er wünscht uns alles Gute für unsere Zukunft. Er erinnert uns daran, dass alles was wir hier gesehen haben nur ein winziger Ausschnitt unserer Zukunft gewesen sei. Jeder von uns habe die Aufgabe, sich zu überlegen, ob er das wirklich machen will, wovon er hier einen kleinen Teil kennen lernen konnte. Die Worte geben allen zu denken. Sie wirken ganz anders als die Rausschmeißerkommentare der Lehrer in der Schule. Es geht darum, genau zu überprüfen, ob die Richtung stimmt. Es geht darum genau hinzusehen, denn die Richtung ist, so der Lehrmeister, eine Festlegung der Grundlage, die dem Beruf dient. Niemand soll raus geschmissen werden, sondern jeder soll nachdenken.