9. Die erste Autofahrt

Den Wagen kenne ich von einigen verbotenen Autofahrten. Martina hatte mich öfter ans Steuer gelassen. Es waren zusätzliche Übungsfahrten gewesen, die es mir ermöglicht hatten einige Fahrstunden für den Führerschein einzusparen. Martina hatte mich mehrfach ihren Wagen die steile Bergstraße hinauf steuern lassen. Sie hatte erstaunliches Vertrauen in meine Fahrsicherheit. Ich brauchte sie nicht groß zu überreden mich ans Steuer zu lassen. Während ich die steile Bergstraße hinauf, über die Höhenringstraße zum Haus ihrer Eltern gefahren war, saß sie immer ruhig auf dem Beifahrersitz. Nur einmal, es ist etwa zwei Monate her, war sie unruhig geworden, weil ich einem Reisebus, der die steile Strecke offensichtlich nur mit letzter Mühe bewältigte, zu dicht aufgefahren war.

Vielleicht hatte Martinas Vertrauen in meine Fahrkünste ohne Führerschein damit zu tun, dass sie mich seit Jahren aus der Jugendgruppe kennt. Dort hatte ich sie und ihre Geschwister vor vier Jahren kennen gelernt. Ich glaube, der Eindruck den ich in der Gruppe erweckt hatte, war der eines vernünftigen, ansprechbaren Jugendlichen, dem keiner zutraut, dass er sich auf verantwortungsloses Handeln einlassen würde. Dass ich Martina gebeten hatte, mich ihren Wagen steuern zu lassen, könnte man als verantwortungsloses Handeln bezeichnen. Genau genommen war es eine Anstiftung zu illegalem Handeln gewesen. Bei genauerer Betrachtung, kann man zu der Schlussfolgerung kommen, dass ich einen eindeutigen Gesetzesverstoß begangen habe, in den ich auch Martina verwickelt hatte.

Vielleicht, so denke ich jetzt, neige ich dazu hin und wieder Verbotenes zu tun. Vielleicht, so kommt mir der Gedanke, haben die Eltern so eine Neigung an mir wahrgenommen. Vielleicht habe ich einen gewissen Hang Gesetze und Regeln zu übertreten. Vielleicht habe ich die Eigenart, Gesetze und Regeln die mir im Alltag vorgegeben sind, immer wieder mal einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Vielleicht ist meine Art mit vorgegebenen und sicherlich notwendigen Regeln umzugehen, von einer äußerst kritischen Aufmerksamkeit geprägt. Vielleicht habe ich solche Art Aufmerksamkeit erlernt, weil alle mir Bekannten Regeln, die gesamte Ordnung aus dem Kinderheim plötzlich zusammengebrochen waren, als ich zu den Eltern gezogen war. Regeln und Maßstäbe, damals vom Heimleiter vorgegeben, erschienen bei den Eltern in völlig anderem Licht. Mit den Jahren bei den Eltern wurde mir zunehmend klar, dass die große Welt zwar tatsächlich von Macht und Gewalt regiert wird, dass aber die kleine Alltagswelt in diesem Land zu erheblichem Teil durch andere Gesetze geregelt ist. Der Heimleiter hatte solche Gesetze gebrochen, indem er die Ordnung der Welt, wie sie mir aus der Nachrichtenberichterstattung über die Kriege in unserer Welt bekannt gewesen war, in sein von ihm geführtes Kinderheim übertrug. Das erkannte ich erst Jahre später bei den Eltern.

Vielleicht neigt ein Kind wie ich dazu, wenn es solchen Bruch erlebt hat, eine vorgegebene Ordnung nicht mehr ganz so ernst zu nehmen. Wer sagt mir, dass die bei den Eltern vorgegebene Ordnung nicht eines Tages zusammenbricht? Vielleicht ist auch diese Ordnung einfach falsch? Vielleicht bin ich geschädigt, weil ich so denke. Vielleicht muss ich immer an vorgegebenen Regeln kratzen, weil ich bei den Eltern erkennen musste, dass eine Ordnung, die dem Kind jahrelang galt, nicht nur zusammenbricht, sondern gar nicht rechtens im Sinne der Gesetze dieses Landes war. Während der vergangen fünf Jahre hatten die Eltern vielleicht mit Recht erkannt, dass ich in der ständigen Gefahr lebe, wegen meiner Vergangenheit, wegen meines daraus resultierenden Denkens und Handelns, in das Leben eines Gesetzesbrechers abzurutschen.

Ich habe das damals beim Fahren ohne Führerschein nicht so gesehen und ich glaube auch Martina hat das nicht gesehen. Sie weiß wegen unserer Zeit in der Jugendgruppe, dass ich vernünftig bin. Deshalb war mein Fahren ohne Führerschein für Martina kein schlimmer Gesetzesbruch. Es war klar gewesen, dass ich ihren Wagen mit größter Vorsicht steuern würde. Das hatte ich immer getan. Martinas Vertrauen habe ich nicht enttäuscht, obwohl ich etwas Gesetzwidriges getan hatte. Es hätte für uns beide unangenehme Konsequenzen gehabt, wenn dabei etwas passiert wäre. Es war niemals etwas passiert. Es hatte uns niemals jemand dabei beobachtet. Niemand hat beobachtet, dass ich es gewesen war, der den kleinen grünen Peugeot fahrerseitig verlassen hatte. Das Fahrzeug habe ich oft samstags in der Dunkelheit der Nacht, nachdem ich Martina in der Disco bei Jörg getroffen hatte, auf dem Parkplatz vor dem Haus ihrer Eltern abgestellt.

Ich glaube, Martinas Eltern bieten ihre elterliche Unterstützung an, indem sie den Kindern notwendige Freiräume gewähren, ohne dass diese von den Kindern erkämpft werden müssen. Während sie das tun bleiben sie mit ihren Kindern in gutem Kontakt. So schaffen es Martinas Eltern viel Streit und Belastung von vorn herein zu vermeiden. So erreichen sie es, dass sie ihre Kinder nicht rauswerfen müssen. Martinas Eltern entwickeln nicht das Gefühl, dass die Kinder ihnen über den Kopf wachsen und der Kontakt zu den Kindern von Ohnmacht, Ratlosigkeit und vielleicht sogar Hass gezeichnet ist. So scheinen sie es geschafft zu haben, dass Martina, die bereits neunzehn Jahre alt ist, gerne bis zum Ende ihrer Schulzeit bei ihren Eltern wohnen möchte.

Es wäre gelogen, wenn ich jetzt, während ich im Wagen von Martina sitze, versuchen würde zu denken, dass Martina mich nur wegen der Jugendgruppe, in der wir beide Mitglieder waren, oder gar nur wegen ihres Autos, mit dem sie mir zusätzlich Fahrstunden gegeben hatte, interessiert. Es ist eindeutig, dass ich mich in sie verliebt habe. Während ich Martina vor wenigen Minuten auf der Terrasse ihrer Eltern gegenüber saß, und wir gemeinsam Tee tranken, hatte ich kurz daran gedacht. Ich saß zurück gelehnt im Stuhl und unterhielt mich mit ihr über den voraussichtlichen Ablauf des heute vor mir liegenden Nachmittags. Ich lehnte ihr Angebot ab, mir bei meinem Umzug zu helfen. Ich erklärte, dass ihre Hilfe nicht notwendig sei, weil es sich nur um eine spärliche Menge an Umzugsgut handle.

Vor Minuten, auf der sonnigen Terrasse, hätte ich die Frage aufklären können, ob auch Martina sich in mich verliebt hat. Vielleicht hätte ich gerade klären können, was zwischen uns beiden los ist. Am heutigen herrlichen Sommertag hätte ich es schaffen können, Martina zu sagen, dass es gut und schön wäre, wenn ich meinen heutigen Weg begleitet von ihr machen könnte. Dazu war ich nicht in der Lage. Stattdessen täuschte ich Sachlichkeit vor. Angeblich ist es nicht notwendig, dass Martina mir heute beim Umzug hilft. Angeblich habe ich heute zu wenig abzutransportieren. Das alles ist völliger Unsinn! Ich habe jede Menge abzutransportieren. Mein Leben bei den Eltern und mein Leben in diesem Ort habe ich heute abzutransportieren. Das ist jede Menge! Da könnte die Hilfe eines vertrauten Menschen nicht schaden. Im Gegenteil: Sie wäre gut. Martinas Hilfe würde mir einiges erleichtern. Vielleicht würde solche Hilfe einiges an Gewicht aus meinem Kopf nehmen, welches ich dem heutigen Tag beimesse. Sicherlich würde mir Martinas Begleitung am heutigen Umzugstag einiges leichter machen. Ihr Angebot habe ich abgelehnt. Martinas Wagen steuere ich gemächlich auf der Höhenstraße durch die breiten Kurven. Martinas Angebot mich am heutigen Tag zu begleiten abzulehnen hat einen Grund. Dass ich mich in sie verliebt habe ist völlig klar. Absolut nicht klar ist, dass auch Martina Gefühle für mich hat. Sie wollte mir beim Umziehen behilflich sein und mehr nicht. Es gibt eine freundschaftliche Beziehung zwischen uns. Martina ist diejenige von der ich heute ein Geburtstagsgeschenk bekommen habe. Ich sollte mich davor hüten, von mehr als einer freundschaftlichen Beziehung auszugehen. Auch Karin war an dem Geschenk beteiligt. Sie kenne ich ebenfalls durch die Jugendgruppe. Beide haben sich einfallen lassen, dass mir ein bunter Tupfer an den kahlen Wänden in meinem neuen Zimmer nicht schaden wird. Das tut er bestimmt nicht.

Es wäre schön gewesen, wenn zwischen den Eltern und mir in den vergangenen Jahren ein Stück mehr Vertrauen entstanden wäre. Ich glaube, zu Vertrauen zwischen den Eltern und mir war es nicht gekommen, weil für die Eltern die Verantwortung, die sie für mich übernommen hatten, so schwer wog, dass daraus anstatt Vertrauen Misstrauen erwachsen war. Misstrauen zwischen uns war entstanden, weil die Eltern sehr schnell von mir enttäuscht gewesen waren. Misstrauen entstand auch, weil ich anders gewesen war, als sie es sich erwartet hatten. Als ich zu den Eltern gekommen war, befand ich mich auf dem Wege einer schlechten Entwicklung. Ich glaube für die Eltern war ich ein armseliges und irgendwie gefährdetes Kind aus dem Heim. Die Mutter benutzt gerne das Wort „gefestigt“. Bei mir war damals nichts „gefestigt“. Eher war ich ein Risiko. Ich war ein schwer verunsicherter Jugendlicher und für die Eltern war mit meiner Aufnahme in ihr Haus eben solche Unsicherheit verbunden. Es wäre möglich gewesen, dass ich den Weg eines intoleranten Draufgängers zu mache. Es wäre möglich gewesen, dass ich mich im Haushalt der reichen Eltern zu einem arroganten und wohlstandsverwahrlosten Jugendlichen entwickle. Ich kenne solche jungen Menschen. Sie nehmen alles Materielle mit, das die Eltern ihnen bieten. Sie gewöhnen sich an diese Überversorgung. Das geht soweit, dass es den jungen Menschen regelrecht schadet, alles zu haben. Die Wertschätzung gegenüber den Eltern geht langsam verloren und die Wertschätzung gegenüber den materiellen Dingen. So entstehen Bindungslosigkeit, manchmal sogar Hass. Ich wurde nicht zu einem wohlstandsverwahrlosten Menschen. Ich zeigte oft meine Dankbarkeit gegenüber den Eltern. Aber ich glaube, meine Art wie ich dankte und dabei immer selbständiger wurde, war für die Eltern nicht geeignet. Meine Ablösungsschritte führten bei den Eltern zu Ängsten. Die Eltern befürchteten, dass ich abrutschen könnte und einen schlechten Weg nehmen könnte.

Das Misstrauen der Eltern war deutlich spürbar. Ich hatte es gespürt, wenn die Mutter mit mir nachmittags meine Hausaufgaben durchgesehen hatte. Ich spürte Misstrauen, wenn ich mit der Mutter mein Haushaltsgeld abgerechnet hatte, dass für den regelmäßigen Einkauf von Kleinigkeiten für Haushalt und Schule vorgesehen war. Vielleicht war das Misstrauen der Mutter berechtigt gewesen. Ab und an verspürte ich tatsächlich die Versuchung, die Kosten für von mir für den Haushalt eingekaufte Waren zu einem höheren Preis in mein Haushaltshefchen einzutragen, als es der Wahrheit entsprochen hätte. Dieser Versuchung war ich nie erlegen. Vielleicht gab es dafür nur einen Grund: Alle gekauften Waren musste ich unter Vorlage des Kassenzettels in mein Haushaltsheftchen eintragen. Regelmäßig rechnete die Mutter das Heftchen mit mir ab. Vielleicht hatte die Mutter meine Versuchung gespürt. Vielleicht bin ich wirklich ein hochgradig gefährdeter Mensch gewesen. Vielleicht hätte ich das Haushaltsgeld veruntreut. Vielleicht waren Misstrauen und regelmäßige Kontrolle meines Haushaltsheftes unabdingbar notwendig. Um mich vor dem Abrutschen in Kriminalität zu bewahren, um mich zu Ehrlichkeit und Genauigkeit im Umgang mit dem Geld zu erziehen, benötigte ich genaueste Kontrolle. Die Mutter musste erkannt haben, dass Geld in meinen Händen, für die Einkäufe im Haushalt, ein Risiko bedeutete. Aber sie hatte ebenso die wichtige Aufgabe erkannt, mich von der Gefahr zu lügen und zu betrügen abzubringen. Deshalb hatte sie mir einen Etat an Haushaltsgeld anvertraut. Allerdings nicht ohne meinen Umgang damit genau zu kontrollieren. Die Mutter musste es als ihre Aufgabe erkannt haben, mich zu verantwortlichem Umgang mit Haushaltsgeld zu erziehen. Die Mutter hatte mir ein, gemessen an meiner Vergangenheit im Kinderheim, riesig großes Stück anvertraut: Eigenes Haushaltsgeld. Die Mutter hatte mir einen Teil des Haushaltsgeldes regelmäßig anvertraut und das war gut so. Nur wegen dieser Art Vertrauen und der mütterlichen Art Kontrolle konnte ich lernen, dieses Geld nicht zu veruntreuen. So muss ich das sehen! Die Mutter hatte so gesehen Vertrauen in mich, dass sie regelmäßig durch Kontrolle überprüfte und stärkte, deshalb hatte sie mir einen Teil des Haushaltsgeldes anvertraut. So ist es gewesen! Die Mutter hatte das Geld mit mir alle zwei Wochen abgerechnet. Das war nicht allein deshalb notwendig, weil sie mir misstraut hatte. Sondern weil es vollkommen normal war, dass wir zusammen noch einmal meine Rechnungen überprüfen, um gemeinsam festzustellen, dass alles richtig war. Diese gemeinsame Feststellung war Voraussetzung dafür, dass mir die Mutter eine neue Summe anvertraut hatte. Mit dem Geld kaufte ich samstags oder nachmittags nach den Hausaufgaben, Lebensmittel für den Haushalt ein.

Vielleicht ist das Misstrauen zwischen den Eltern und mir entstanden weil ich denke, wie ich denke. Ist Misstrauen zwischen uns entstanden, weil ich damals genauso gedacht hatte, wie ich es noch heute tue? Vielleicht liegt darin ein entscheidender Schlüssel. Meine Art zu denken könnte mir viele Türen zu den Eltern verschlossen haben. Meine Art zu denken, ein Fehler. Woher kommt meine Art zu denken? Warum oft so viele Gedanken, wo vielleicht weniger besser wären? Vielleicht hätte ich nach dem Kinderheim erst einmal aufhören sollen zu denken. Vielleicht wäre es bei den Eltern besser gelaufen, wenn ich pausiert hätte. Meine Art zu denken, zu erklären, welche im Kinderheim gewachsen war, könnte für das Leben bei den Eltern genau falsch gewesen sein. Vieles bei den Eltern habe ich wahrscheinlich falsch in meinem Kopf erklärt. Ich habe zwar meinen Blickwinkel aus dem ich das Leben sah mit dem Umzug zu den Eltern geändert, aber nicht mein Denken. Mein Denken, das vielleicht im Kinderheim für mich überlebenswichtig gewesen war, könnte bei den Eltern tödlich gewesen sein.

Ich will versuchen anders zu denken. Vielleicht wäre es damals gut gewesen so zu denken: Die Mutter hat gutes Recht das Haushaltsgeld noch einmal mit mir durchzurechnen, obwohl ich bereits zweimal nachgerechnet habe. Eigentlich bin ich ja nur deshalb so genau und rechne zweimal nach, weil ich weiß, dass die Mutter noch einmal nachrechnet. Das schadet nicht, denn so lerne ich zu rechnen! Es ist nicht nur das Recht der Mutter sich zu vergewissern, dass ich das anvertraute Haushaltsgeld richtig berechnen kann, sondern es ist das Recht der ganzen Familie. Meine Einkäufe mit dem Haushaltsgeld dienen der ganzen Familie. Warum denke ich immer an Misstrauen, wo die Mutter nur tut, was recht und notwendig ist: Es ist notwendig und vollkommen rechtens, dass die Mutter mich, ihren neuen Sohn genau kontrolliert. Es wäre schlimm, wenn die neuen Eltern nicht kontrollieren würden, was ich tue. Vielleicht wäre es sogar gefährlich, würden sie mich nicht kontrollieren. Durch Kontrolle lerne ich mich richtig zu verhalten. Die Eltern erkennen durch Kontrolle, dass ich mich gut entwickele. Wenn sie das erkennen, können sie ihre Kontrolle lockern. So entsteht Vertrauen.

So hätte ich damals denken müssen! Aber durch ihre Kontrolle hatten die Eltern nicht festgestellt, dass ich mich gut entwickelte. Ihre Kontrolle konnten die Eltern nicht vermindern. Weiterhin musste ich kontrolliert werden.

Die Eltern hatten größte Befürchtungen, dass ich zu viel fernsehe. Ich glaube, sie haben bis zum heutigen Tag Angst, dass mein Charakter sehr schlecht werden könnte, wegen des Fernsehens. Die Eltern hatten immer befürchtet, dass ich mir im Fernsehen gerade diejenigen Sendungen am liebsten ansehen würde, die am dümmsten waren. Tatsächlich habe ich oft eine gewisse Neigung gespürt, mich auf dem Stuhl vor dem Fernseher einfach absacken zu lassen. Das Nichtstun vor der Glotzkiste, die ihre Bilder herauswirft, wirkt auf mich vor allem abends einschläfernd. Eine gewisse Flucht vor dem alltäglichen Leben kann ich nicht leugnen. Einfach einschalten, davor sitzen und langsam wegsacken. Und das ohne vorher das Fernsehprogramm zu studieren um eine sinnvolle Sendung auszusuchen. Das hatte ich manchmal gedacht und dann getan, wenn die Eltern abends zu Besuch bei Freunden oder Kunden oder im Konzert oder im Theater gewesen waren. Dass ich dann, wenn sie abends weggegangen waren fernsehe, hatten sie natürlich gewusst. An manchem Abend, wenn die Stimmung zwischen uns Bestrafung notwendig machte, hatten die Eltern den Schlüssel von dem Schrank in dem das Fernsehgerät steht abgezogen. Diese Strafe hatte mich immer getroffen. Die Suche nach dem Schlüssel habe ich immer schnell aufgegeben. An solchen Abenden legte ich mich frühzeitig ist Bett und hörte Radio. Vielleicht hatten die Eltern meine Neigung erkannt. Sicherlich hatten sie mich auch hier gefährdet gesehen: Berieselung durch Fernsehen, Gefahr durch Nichtstun und Abschalten. Nichtstun, Dösen, Faulenzen, Abschalten und vielleicht sogar nicht einmal mehr Denken. Das Fernsehen, eine riesige Gefahrenquelle der Volksverdummung. Gefahr besteht darin, dabei zuzusehen, wie andere etwas tun, während man selbst in Untätigkeit verharrt. Dabei lernt man nichts. Ich glaube darin hatte die Mutter für mich größte Gefahr gewittert.

Im sogenannten Kinderheim war das Fernsehprogramm die Attraktion des Tages gewesen. An beinahe jedem Abend war es die übliche Freizeitveranstaltung gewesen. Alle Kinder saßen abends mit dem Heimleiter vor der bunten Glotze. Auch ich saß jeden Abend still vor der Kiste. Ich bin sicher, dass ich dabei genauso aufmerksam gewesen war, wie alle anderen Kinder. Gebannt hatte ich meinen Blick auf die flimmernde Röhre gerichtet. Dabei hatte es mich niemals wirklich interessiert, was für ein Film oder was für eine Hitparaden- oder Volksmusiksendung um halb acht Uhr abends über den Bildschirm flimmerte. Ich saß still und gebannt, weil alle anderen um mich herum genauso saßen. Das Fernsehen bot Gelegenheit in Ruhe zu sitzen. Es war ungefährlich. Streit und Schlagen waren nicht vorhanden, weil jeder gebannt in die Röhre glotzte. Diese Sicherheit und Ruhe bewirkte Entspannung. Ich konnte sicher sein, dass keiner auf ein Kind einschlug, wenn abends das ganze Kinderheim vor der Glotze saß. So entspannte ich mich und sackte dabei ein wenig zusammen. Ich genoss die bunten Bildchen der Menschen, die über die Mattscheibe tänzelten. Das Programm war mir nie wichtig, deshalb ließ ich es an mir vorbei ziehen. Wichtig war, dass die Situation ungefährlich war. Was im Kinderheim alle Kinder täglich getan hatten, was dort Alltag gewesen war, abends vor der Glotze einfach abzuschalten, hatte meinen Kontakt zu den neuen Eltern belastet. Ich wollte bei ihnen weiterhin, so wie ich es über Jahre gelernt hatte, vor der Mattscheibe sitzen und Nichtstun.

Fünf Jahre lang habe ich es nicht geschafft, mein Verhalten so zu verändern, dass die Eltern Vertrauen anstatt Misstrauen in mich schöpfen konnten. Ich war nicht in der Lage gewesen ihnen besseres Verhalten zu zeigen. Ich habe es nicht geschafft, den Eltern meinen Wunsch nahe zu bringen, dass ich ihr Vertrauen eben nicht immer wieder enttäuschen möchte. Ich habe nicht erkannt, dass Familienleben sich auf der Grundlage von gegenseitigem Vertrauen entwickeln könnte. So eine Grundlage habe ich bei den Eltern nie erreicht. Vielleicht hatte ich dort von Beginn an verspielt.

Die Handhabung von Martinas grünem, altem Peugeot unterscheidet sich von dem Fahrschulauto, das ich gewohnt bin. Um Abzubremsen ist festerer Tritt notwendig. Die Gangschaltung ist technisch völlig anders aufgebaut. Es handelt sich um eine Lenkradschaltung. Die Höhenstraße ist großzügig breit. Sie sieht aus, wie von einem scharfen Messer in den Berghang geschnitten. Weil die Straße groß und breit ist, neigen viele Autofahrer dazu, sie als Rennstrecke zu benutzen. Ich fahre langsam, denn ich bin Fahranfänger und sitze in einem geliehenen Wagen. Ich fahre offenbar viel zu langsam. Ständig werde ich überholt. Trotzdem gebe ich nicht mehr Gas, trotzdem werde ich nicht schneller, denn ich habe Zeit. Ich versuche mich vom Tempo der anderen Autos nicht beeindrucken zu lassen. Ich versuche das auch durchzuhalten, wenn ich sie dicht hinter mir im Rückspiegel sehe. Fest aber unsicher habe ich das Lenkrad im Griff. Mir wird abwechselnd heiß und kalt. Kurze Blicke, die ich in den Rückspiegel wage, sorgen für Anspannung. Da sehe ich aufblitzende Scheinwerfer. Sie nötigen mich schneller zu fahren als ich es möchte, als ich es kann. Ich halte mich soweit als möglich rechts. Die Leuchtsignale im Rückspiegel machen mich nicht schneller. Heute, zum ersten Mal, sitze ich legal am Steuer. Zum ersten Mal wage ich es, diesen Wagen bei Tageslicht zu fahren. Zum ersten Mal sehen mich andere Menschen dabei, wie ich diesen Wagen fahre. Ihre Blicke, die ich kurz sehe, wenn sie mich in einer längeren Lücke ohne Gegenverkehr überholen, sind abweisend. Sie sind böse. Wut steht in ihren Gesichtern, wenn sie dröhnend an mir vorbeiziehen. Hass glaube ich da zu erkennen. Autofahren ist kein Spaß, lese ich in den Augen eines bitter böse zu mir blickenden Mannes. Alle scheinen es sehr eilig zu haben. Ich bin es, der die Bergbevölkerung und die Touristen wegen langsamen Fahrens verärgert. Ich halte die Menschen auf der Touristenstraße auf. Ich bin im grünen kleinen Wagen von Martina ein Verkehrshindernis. Ich störe die alltägliche Hektik dieser breiten touristisch genutzten Straße. Durch dicke Brillengläser erkenne ich hasserfüllte Augen. „Host dein Führerschein im Lotto gewonnen?“ So plärrt ein Cabriofahrer beim Überholen zu mir. Die breite Straße bietet Höhepunkte atemberaubender Aussicht. Vielleicht sollte ich mich entspannen und die vielen Gipfel rund um die Bergstraße genießen.

Morgens und mittags hatte auf dieser wunderschön gelegenen Straße auch der Schulbusfahrer immer kräftig Gas gegeben. Den Busfahrer hatte genauso, wie die aufblinkenden Autofahrer in meinem Rückspiegel, die breite Straße zu schnellem Fahren verleitet. Die breite Straße ist ein übertrieben dicker Messerschnitt durch die grüne Natur an diesem Berg. Die Straße heißt Höhenringstraße, weil sie den riesigen Berg beinahe umrundet und dabei fast permanent eine gigantische Aussicht ins Tal und auf die umliegenden Berge bietet. Ich denke die Straße muss umbenannt werden. Die Landkarte, welche eine dicke grüne Markierung neben dieser Straße aufweist, um auf den landschaftlichen Reiz der Umgebung und die herrliche Aussicht hinzuweisen, muss geändert werden. Die Landkarte muss den Touristen, der sie benutzt dringend auf die Realität, auf den wahren Alltag an dieser Straße hinweisen. „Gefahrenstrecke!“ Genau das sollte in der Landkarte stehen. „Höhenring-Gefahrenstrecke!“ Das wäre doch ein guter Hinweis und Name. Da sollte nicht mehr stehen „landschaftlich reizvolle Strecke“. Das ist blanker Unsinn. Wer die herrliche Landschaft während der Autofahrt auf dieser Straße genießen will, hat Pech gehabt. Das muss auf der Rückseite der Touristenkarte, neben den Hinweisen auf diese Straße als touristisch interessante Strecke, unbedingt vermerkt werden. Wer auf der Höhenring-Gefahrenstrecke langsam unterwegs ist, so wie ich es heute bin, der sollte starke Nerven mitbringen. Jederzeit besteht die Gefahr in seinem Wagen von einem hinterrücks nahenden Geschoss in den Straßengraben geräumt zu werden. Jederzeit besteht die Gefahr, von einem metallic lackierten Geschoss durchbohrt und den steilen Abhang, hinter der niedrigen Mauer am Straßenrand, hinunter ins Tal katapultiert zu werden. Von solchen Geschossen gewahrt ein langsamer Fahrer, dessen Absicht es ursprünglich war, die Reize von Landschaft und Aussicht durch die Wagenfenster zu genießen, bestenfalls noch eine Abgaswolke. Die Todesgeschosse lenken routiniert beschleunigende Berganwohner, wütende und von Stress gemarterte Touristen. Während der langsame Autofahrer im Straßengraben hart aufschlägt oder den Berghang runter poltert, steuern die Unfallverursacher ihre Geschosse auf das nächste langsam am Straßenrand fahrende Auto zu. Die Gefahr sollte nach meiner Meinung in der Erklärung jedes Touristenführers zu dieser Straße vermerkt sein. Nachts, im Wagen am Steuer neben Martina, war auf dieser Straße nie etwas los gewesen.

Auf der Straße sind tagsüber zu viele Touristen unterwegs. Die Autos der Touristen füllen alle Parkbuchten an den Aussichtsparkplätzen. Oft genug parken sie auch unvermutet. Ihre asiatischen Kleinwagen parken sie direkt hinter einer Kurve. Weil die Straße breit ist, parken sie ihre Fahrzeuge in großzügigem Abstand zum Straßenrand. Wenn ich so etwas erkenne, versichere ich mich schnell im Rückspiegel, dass kein Geschoss naht. Sind solche Geschosse auch auf der Gegenspur nicht zu sehen, setze ich ordnungsgemäß den Blinker. Dann steuere ich über den Mittelstreifen an den Schlangen von bunten Touristenautos vorbei. Genau dann taucht im Rückspiegel plötzlich ein Geschoss auf. Dicht hinter mir scheint es an meiner Stoßstange fest zu kleben. Ebenso wie ich, hat auch der Fahrer in dem Geschoss den linken Blinker gesetzt. Wenn die Autoschlange rechts neben mir endet und ich ordnungsgemäß begleitet von Blinken den rechten Fahrbahnrand ansteuere, donnern mehrere Geschosse nacheinander laut röhrend links an mir vorbei. Angestrengte Blicke von Autofahrern strafen mich für meine Gemächlichkeit, welche ich hier an den Tag lege.

In jeder Kurve parken Fahrzeuge von Menschen, die mit Ferngläsern, Fotoapparaten, Filmkameras und Wanderstöcken ausgerüstet, meist genau in dem Augenblick ihr Fahrzeug verlassen, in dem ich mich mit dem grünen Peugeot nähere. Touristen verlassen ihre Autos stets fluchtartig. Eilig schlagen sie Autotüren zu. Sie sehen abgehetzt aus. Sie rennen mit Stöcken bewaffnet los, ohne sich genauer umzublicken. Die Straße überqueren sie immer blind. Es ist eine Art Zick-Zack-Lauf. Durch die Windschutzscheibe beobachte ich sie dabei, wie sie versuchen zu den Aussichtspunkten zu gelangen, die immer auf der anderen Straßenseite liegen. Touristen an dieser Straße scheinen Menschen zu sein, die einer unsichtbaren Regel folgend, offensichtlich befürchten, dass der schöne Ausblick einfach verschwinden könnte. Touristen, so scheint es, haben grundsätzlich nicht genügend Zeit. Touristen fehlt daher die Möglichkeit auf der Straße den rasenden Verkehr mit der notwendigen Vorsicht und Aufmerksamkeit zu beachten. Ich fahre bremsbereit und langsam. Abgehetzte, verbissene Menschen sind das, den Fotoapparat um den Hals, stehen sie Stock schwingend am Straßenrand. Manche sehe ich gefährlich nahe vor der Motorhaube des kleinen grünen Wagens. Wie am Start eines Marathonlaufes drängen sie sich. Im Rückspiegel sehe ich, wie sie losrennen. Sie überqueren die Straße springend, rennend, die Fotoapparate wippen im Laufschritt gegen ihre Bäuche. So sichern sie sich die besten Plätze an den Aussichtspunkten. Irgendwie unmerklich schleicht es sich ein, je länger man hier fährt: Ich gewöhne mich an die Verhältnisse auf dieser Straße. Das Treiben der Touristen an den Aussichtspunkten wird zu einem Geschehen, dass hier her gehört. Vor jeder Kurve denke ich daran, dass nach der Kurve viele Autos von Touristen stehen und Menschen gerade in Startposition stehen, über die Straße zu rennen. Hinter jeder Kurve finde ich was ich dort vermute. Touristen die ihre Autos verlassen.

Während der Schulbusfahrten war mir das rege Treiben an der Straße täglich aufgefallen. Das hektische Verhalten der Touristen auf diesem Berg hatte ich Jahre lang durch die großen Schulbusfenster gesehen. Sie sitzen in ihren Wagen. Ohne Blinkzeichen zu geben stoppen sie am Straßenrand. Ohne sich umzusehen wird die Fahrertür aufgerissen. Männer mit schweren Objektiven um den Hals vergessen im Gebirge, dass sie sich auf einer befahrenen Straße befinden. Erst auf dem Mittelstreifen scheint ihnen das wieder einzufallen. Aber falsch! Nicht um den Verkehr endlich zu beachten bleiben sie dort stehen. Fotografieren scheint von dort besonders aussichtsreich zu sein. Auf der Rückfahrt von der Schule fuhr der Busfahrer langsamer als frühmorgens. Häufig hatte der Fahrer die Hupe eingesetzt. Schon vor den Kurven vertrieb er so die Touristen in den Kurven von der Straße. Manchmal hatten sie ihren Fotoapparat trotzdem noch sekundenlang in beiden Händen vor ihren Augen gehalten. Erst wenn das ersehnte Urlaubspanorama im Kasten gebannt ist, macht man sich hier von der Straße um sich vor herannahenden Fahrzeugen in Sicherheit zu bringen.

Ich war täglich weit hinten im Schulbus gestanden. Durch die großen Seitenfenster des Busses sah ich Sekunden später die Touristen, die ich durch die Windschutzscheibe auf der Straße schon gesehen hatte noch einmal. Auf diesen schnell vorbei fliegenden Bildern sahen die Menschen verängstigt aus. Verwirrt standen sie im grünen Gras am Straßenrand. Durch die großen Busfensterscheiben hatte ich täglich viele solche verschreckte Blicke gesehen. Schutz suchend hechtete sich mancher Tourist am Straßenrand ins Gras. Arme und Hände mit den Kameras waren oft nach oben gerissen worden.

Wegen der vielen Touristen auf diesem Berg hatte die Rückfahrt im Schulbus mittags stets länger gedauert als morgens. Manchen Autolenker hatte der Busfahrer durch besonders dichtes Auffahren zum Abbiegen auf eine Nebenstrecke gezwungen. Obwohl ich jede Kurve der Strecke bestens kenne, waren die Busfahrten immer spannend geblieben. Manchmal waren sie riskant, meist waren sie zumindest aufregend gewesen. Sehr oft war mir mittags im Schulbus schlecht geworden. Niemals hatte ich mich im Bus übergeben. So habe ich mir angewöhnt, in dem Moment, in dem ich spüre, dass es mir schlecht wird, an etwas anderes als die Busfahrt zu denken. Meist habe ich damals an etwas gedacht das ich für die Schule zu lernen hatte. Die Ablenkung hatte immer geholfen. Beim Aussteigen am Bahnhof war mir zwar immer noch schlecht, aber Kotzen musste ich dort noch nicht. Vom Bahnhof lief ich schnell die gewohnte Strecke über die Brücke hinauf zum Wald. Erst im Wald ließ ich meinem Magen freien lauf. Oft hatte ich mich an einen Baum gelehnt um mich zu übergeben. Danach ging es mir schnell wieder gut. Zuhause angekommen war ich immer in der Toilette verschwunden. Nach dem Pinkeln spülte ich in dem kleinen Waschbecken Mund und Gesicht. Mit den Jahren war das Gekotze nach den Schulbusfahrten immer weniger geworden. Mehr und mehr gewöhnte ich mich an den Fahrstil im Gebirge. Mein täglicher Nachhauseweg vom Bahnhof über die Holzbrücke, den Schotterweg hinauf, über die Pflasterstraße auf den Pfad durch den Wald, wurde zu einer Übungsstrecke. In der frischen Luft, festen Boden unter den Füßen, gelang es mir im Laufe der Jahre immer besser die Busfahrten ohne mich danach zu übergeben zu verarbeiten. In den letzten zwei Jahren habe ich nach den Fahrten überhaupt nicht mehr gekotzt. Das gelang mir, obwohl ich glaube, dass ich nach dem Aussteigen am Bahnhof im Gesicht immer kreidebleich gewesen war. Im Wald, kurz vor dem Elternhaus, hatte ich gelernt die Bergluft zu genießen. Auf dem Weg normalisierte sich meine Durchblutung, Stabilisierte sich mein Kreislauf, beruhigte sich mein Magen. Weil ich immer alleine unterwegs war, konnte ich so langsam oder schnell laufen, wie ich das wollte. So lernte ich den Willen des Magens, der entleert werden will, zu kontrollieren. Im Wald hatte ich mir angewöhnt täglich an einer bestimmten Stelle stehen zu bleiben. Nicht um zu kotzen, sondern um kräftig durchzuatmen. Auch hatte ich mir angewöhnt die letzten Meter aus dem Wald über die Treppenstufen durch den elterlichen Garten hinauf bis zur Haustür, tief durchatmend in munteren Schritten zu laufen.

Nach der Schule erreichte ich das Haus der Eltern täglich gegen zwei Uhr mittags. Beide Eltern hatten bereits zu Mittag gegessen. Vater, oft auch Mutter waren um diese Zeit schon wieder im Geschäft. Dort verkauften sie teure Waren an Touristen und Einheimische. Die Mutter hatte das Mittagessen für mich jeden Mittag im Ofen warm gehalten. Weil ich die Schule am Berg besuchte, und deshalb einen langen Schulweg hatte, war ich mittags wie morgens allein am Tisch gesessen. Die Mutter kocht hervorragend. Niemals war es vorgekommen, dass ich etwas von ihr gekochtes nicht gegessen habe. Am Mittagstisch hatte ich nie, so wie ich es morgens gewohnt war, das Radio auf dem Fensterbrett eingeschaltet. Mit der Mutter gab es darüber keine Absprache. Weil aber mittags nie sicher gewesen war, wann die Mutter aus dem Geschäft wieder nach Hause kommen würde, und weil nie sicher gewesen war, ob sie tatsächlich im Geschäft war, war es jederzeit möglich gewesen, dass sie überraschend im Esszimmer erschien. Weil nie sicher gewesen war, dass der Ablauf am Mittagstisch der gleiche bleibt, war ich mittags immer ein bisschen unruhiger als am Frühstückstisch gesessen.

Oft war die Mutter gekommen. Nie hatte sie die Zeit, sich zu mir an den Tisch zu setzen. Darüber war ich nicht traurig gewesen. Damit hatte ich kein Problem. Im Gegenteil. Nach der unangenehmen Schulbusfahrt und dem Schulvormittag hatte ich die Ruhe am Mittagstisch immer genossen. Oft war die Mutter nur für kurze Zeit ins Esszimmer gekommen. Dann sagte sie mir, dass sie nachmittags Termine habe und wann sie von diesen zurückkommen würde. Mutters Termine haben stets bestimmt, wann ich mich zur Kontrolle der Hausaufgaben und zur Lernzeit bei der Mutter im Wohnzimmer einzufinden hatte. Meist war das zwischen drei und fünf Uhr Nachmittags gewesen. Ich war froh, als es endlich soweit gekommen war, dass die Nachmittage mit der Mutter nicht mehr notwendig waren. Erst nach Jahren bei der Mutter hatte ich endlich meine schulischen Angelegenheiten selbst in die Hand genommen.

Weil ich meine schulischen Angelegenheiten selbst in die Hand genommen habe, waren die Kontakte zur Mutter immer weniger geworden. Vielleicht war das der Anfang vom Ende bei den Eltern gewesen. Oft habe ich nachmittags gegen vier Uhr das Haus verlassen, um entweder zu einem Schulfreund zu gehen, im Ort für Zuhause einzukaufen, oder im Wald herum zu laufen. Oft war ich von meinen Ausflügen erst abends um halb sieben Uhr wieder zu Hause erschienen. Das war die Zeit, die in der Familie für den Abendbrottisch galt.

Das Verhältnis zwischen der Mutter und mir war, seitdem ich die Hausaufgabenzeit mit der Mutter zerstört hatte immer schlechter geworden. Ich glaube, so hatte sich bei der Mutter langsam das Gefühl und der Eindruck entwickelt, dass ich versuchte unser Familienleben auszunutzen. Ich spürte, dass sich die Mutter mehr und mehr von mir verletzt fühlte. Damals muss ich ein grauenvoller Egoist gewesen sein. Das merkte ich daran, dass die Mutter mir immer vorwurfsvoller begegnete. Unsere Gespräche hatten immer öfter den Geschmack eines Streites. Der Grund dafür wurde mir immer klarer: Zu Hause nahm ich mir zu viel und gab zu wenig. Meine Aufgaben in Haushalt und Garten, meine Einkäufe für die Familie, meine Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke, alles was ich zu Hause getan hatte war im Laufe der Jahre bei den Eltern zu wenig geworden. Zwischen der Mutter und mir war so der Vorwurf der Undankbarkeit zu einem hohen Berg angewachsen, so war es zu einer riesigen Kluft zwischen uns gekommen. Ich glaube, das führte dazu, dass mir nur noch die Chance der Flucht blieb. Mein heutiger Geburtstag ist der Tag meiner Flucht.

Obwohl ich weiterhin meine Aufgaben für die Familie erledigt hatte, spürte ich wie die große Enttäuschung, die ich der Familie gebracht hatte mehr und mehr anwuchs. Weiterhin hatte ich der Mutter in der Küche geholfen, weiterhin war ich abends mit meinem Fahrrad zum Milch holen zum Bauern gefahren und weiterhin hatte ich regelmäßig den Rasen vor dem Haus gemäht. Mehr und mehr hatte ich trotzdem das Gefühl, dass dies nicht mehr ausreicht. Alles was ich tat war irgendwann in diesen Jahren für die Eltern zu Verletzung und Enttäuschung geworden. Selbst meine gute Entwicklung in der Schule war für die Eltern eines Tages zur Verletzung geworden. Nicht weil ich begonnen hatte selbst zu denken, sondern weil ich nicht so gedacht hatte, wie es die Eltern gewünscht und erwartet hatten. Mein Denken, mein Handeln, mein Leben, meine Einstellung und meine Freunde, alles war für die Eltern enttäuschend, weil all das nichts mit ihrem Leben zu tun hatte. Ich hatte einen Weg eingeschlagen, der mich deutlich von den Eltern weg führte. Provokativ daran war, dass ich dabei nicht leise und unsichtbar war. Ich lebte weiter in der Familie, die Eltern sahen und hörten mich täglich, dabei besaß ich die Frechheit mich von ihnen zu entfernen. Es wurde immer deutlicher, dass ich anders war als die Eltern mich haben wollten, trotzdem blieb ich bis heute in der Familie. Für die Eltern war das eine verletzende Grenzüberschreitung. Auch meine Jugendgruppe war für die Eltern eine verletzende Provokation. Dort traf ich junge Menschen, die ich verstand und die mich verstanden. Für meinen Kontakt in die Jugendgruppe, für das, wie wir jungen Leute im Ort lebten, hatten die Eltern kaum Verständnis. Was hatten wir uns um die Probleme der sogenannten dritten Welt zu kümmern? Was hatten wir uns darüber zu beschweren, dass die Energie in Atomkraftwerken produziert wurde? Was hatten wir überhaupt für ein Recht, in einer Jugendgruppe über Leben und Politik zu diskutieren? Wer in seinem Leben noch nie etwas geleistet hat, hat auch kein Recht zu diskutieren. Das war die Meinung der Eltern. Ich glaube, es war zum Teil auch die Meinung der Politik über die Jugend. Für die Eltern war es schlimm, dass ich so war, wie die meisten Jugendlichen: Ich war einfach nicht wie die Eltern es wünschten. Ich war anders. Ich war enttäuschend anders. Das war schlimm für Mutter und Vater. Meine Interessen waren andere gewesen. Die Eltern haben mich so nicht gewollt.

Ich glaube es wäre gut gewesen auf die Eltern zuzugehen. Gut wäre gewesen, einen anderen Weg zu gehen. Mein Weg war falsch. Mehr Selbständigkeit! Aber auf anderem Wege! Das wäre gut gewesen. Welcher Weg hätte das sein können? Ein vernünftigerer Weg wäre notwendig gewesen. Der Weg den ich genommen hatte war für die Eltern zu unvernünftig.

Irgendwann war der Kontakt zwischen den Eltern und mir sehr schlecht geworden. Hin und wieder hatte ich mich sogar vom Abendbrot abgemeldet, weil ich den Abend in der Jugendgruppe verbringen wollte. Für die Mutter war das eine Unverschämtheit. Das Zuhause bei den Eltern hatte ich nie wie ein Hotel erlebt. Meine Mithilfe im Haushalt hatte ich niemals verweigert. Stets war ich bereit gewesen, die Mutter bei der Hausarbeit zu unterstützen. Ich glaube, die Eltern waren mehr und mehr wütend auf mich geworden, weil sie gesehen hatten, dass sie, wie eine Art Katalysator auf meine Entwicklung gewirkt hatten. Mein Entwicklung verlief ganz klar in eine Richtung, sie war die Ablösung von den Eltern. Die Eltern hatten diese Entwicklung dadurch beschleunigt, dass sie mir ihre Ablehnung immer deutlicher zeigten. Die Mutter schimpfte darüber, dass ich mich zu Hause verhalten würde wie in einem Hotel. Der Vater sprach schließlich gar nicht mehr mit mir. So wollten die Eltern erreichen, dass ich mich in ihrem Sinne bessere. Das Gegenteil geschah: Ich besserte mich nicht, ich entfernte mich von ihnen.

Wie ein Bumerang war auf die Eltern zurückgekommen, was sie in mir geweckt hatten. Wie in einer Kettenreaktion hatte ich die Impulse, die ursprünglich von der Mutter ausgegangen waren in Fähigkeiten für mich verwandelt. In der Schule und in der Freizeit hatte ich mich binnen kürzester Zeit genau an die jeweils herrschenden Anforderungen angepasst. Nach einem Jahr Förderung durch die Mutter, war ich nicht mehr der auffällige, vorlaute, dumme Schreihals gewesen. Ich war zu einem Kind auf dem Weg zum Jugendlichen geworden, der unauffällige, gute Leistungen in der Schule erbrachte und im Ort Kontakte zu Gleichaltrigen aufbaute und pflegte. Es war eine Entwicklung genauso wie sie viele andere Menschen in meinem Alter machten. Die Mutter hatte das in mir ausgelöst und auf den Weg gebracht. Mit der Zeit hatte sich das weiterentwickelt und schließlich hatte ich mich verselbständigt.

Ich glaube, „das Hotel“ und viele andere Vorwürfe der Mutter kann ich darauf zurückführen, dass meine Entwicklung so schnell und intensiv in Gang gekommen war. Die Mutter selbst muss davon überrascht gewesen sein. Obwohl das, was damals mit mir geschehen war im Nachhinein vielleicht einfach zu verstehen ist, glaube ich, dass die Mutter keine Chance gehabt hatte das zu begreifen. Weil die Mutter, genauso wie ich, mitten drin gestanden war in dem Geschehen, konnte sie nicht aus sich heraustreten und von Außen darauf blicken um auch die guten Seiten an dem Geschehen zu erkennen.

Bei den Eltern habe ich festgestellt, dass ich Fähigkeiten in mir trage, die in den langen Jahren bevor ich zu den Eltern gekommen war, immer unbeachtet in mir vor sich hin schlummerten. Unbeachtete oder bis dahin unbemerkte Fähigkeiten durfte ich erst bei den Eltern entwickeln. Zunächst war ich dabei sehr vorsichtig gewesen, denn ich hatte mich nicht recht getraut. Ich wäre gerne auf der alten Schule im Ort geblieben, trotz Hass und Widrigkeiten, die ich dort jahrelang erlebt hatte. Aus Bequemlichkeit hätte ich das alles weiter ertragen. Was dort stattfand gehörte zu meiner Ordnung, die ich ungern aufgab. Als mit Beginn meines Lebens bei den Eltern jedoch alles umgeworfen worden war, Elternhaus und Schule für mich unter völlig neuen, bislang unbekannten Grundregeln neu begonnen hatten, war für mich schnell spürbar geworden, dass ich es bin, um den es geht. Mein Leben geriet in Begriff, sich radikal zu verändern. Weil ich viele neue Fähigkeiten mit Hilfe der neuen Eltern entwickelt hatte, war es endlich möglich geworden, dass ich beginnen konnte Einfluss auf meinen alltäglichen Ablauf zu nehmen.

Im nahen Wald auf unserem Berg war ich oft gesessen. Ein Stück ab vom Weg hatte ich mir einen riesigen Felsen gesucht, auf dem ich nachmittags oft saß und nachdachte. Vor dem Felsen geht es steil über eine unbewachsene, scharfe, graue Felswand hinab. Von dort hatte ich wunderbare Sicht auf viele Häuser des Ortes. Ich sah auch die Häuser von einigen Klassenkameraden meiner früheren Schule unten im Ort. In deren Augen, so hatte ich an vielen Nachmittagen auf dem Felsen gedacht, musste ich damals ein dummer Kerl gewesen sein. Sie mussten von mir den Eindruck gewonnen haben, dass ich schwach und verletzlich bin. Deshalb, so dachte ich auf meinem hohen Felsen oft, während mein Blick über die grauen Blechdächer im Ort wanderte, war ich für diese Menschen vom Klassenkameraden zu einem Opfer geworden. Mich zu ärgern und zu bedrohen war für die Klassenkameraden jahrelang ein Leichtes gewesen. Das hatte sich schließlich zu einer Art Spiel entwickelt. Opfer dieser Klassenkameraden musste wohl genau so ein Mensch sein, wie ich es damals gewesen war. Ich war anders und ich war wehrlos. Das war schon gut aber noch nicht alles. Ich konnte mein Anderssein nicht verbergen. Dass ich aus dem Kinderheim kam wussten alle. Trotzdem versuche ich das zu verbergen. Mein hilfloser Versuch dieses zu verbergen war ein Fehler. Denn das spornte den Hass und die Abneigung der Klassenkameraden wohl noch mehr an mich verächtlich zu behandeln.

An vielen Nachmittagen auf dem Felsen im Wald war mir klar geworden, dass ich erst wegen der neuen Eltern gelernt hatte, mich selbst zu spüren. Zu spüren wer ich bin hatte mich gestärkt. Schließlich hatte ich beschlossen mich zu wehren. Weil ich begonnen hatte meine Fähigkeiten zu entwickeln war ich in der Zeit bei den Eltern nur noch einmal zum Opfer der alten Klassenkameraden geworden. Anstatt weiter das Opfer zu sein, war ich zu einem geworden, der in der Schulklasse und der Jugendgruppe mehr und mehr nach seiner Meinung gefragt wurde. Ich versuchte nichts mehr zu verbergen. Dass ich aus dem Kinderheim kam nicht und dass meine neuen Eltern nicht meine wirklichen Eltern waren. Ich hatte verstanden, dass ich eh nichts verbergen kann und dass mir das Verbergen eher schadet. Wer es wissen wollte, dem sagte ich, wie es ist. So wuchs ich in eine andere Rolle hinein. Die neuen Mitschüler begannen mich nach Hilfe zu fragen. Sie trauten mir brauchbare Antworten zu, ich wurde ernst genommen. Gespräche mit mir waren für die Freunde und Mitschüler interessant geworden. Auch die Lehrer in der neuen Schule hatten mich viel mehr gefragt und einbezogen als es auf der alten Schule gewesen war. Vielleicht hatten sie das getan, weil sie gewusst hatten, dass richtige Antworten oder passende Ideen die ihren Erwartungen nahe kommen, von mir kommen könnten. An den Nachmittagen auf dem Felsen hatte ich mir vorgenommen genau so weiter zu machen. Ich hatte nicht darüber nachgedacht, dass sich damit das Verhältnis zwischen den Eltern und mir weiter verschlechtern würde.

Im grünen Wagen auf der Höhenringstraße bin ich in einen Stau geraten. Massen von Touristenbussen warten kurz vor der Abzweigung ins Tal. Sommerlich warme Bergluft mischt sich mit den Abgasen laufender Dieselmotoren. Damals im Wald war ich nicht auf den Gedanken gekommen, dass meine Distanz zu den Eltern sich entwickelt hatte, weil die Eltern vielleicht gar nicht bemerkt haben, was Klassenkameraden, Freunde und Lehrer aus der Schule an mir entdeckt hatten. Viele von denen hatten im zurückliegenden Jahr, es war das schlechteste zwischen den Eltern und mir, immer wieder bestätigt, dass man mit mir gut reden könne. Weil ich für viele Jugendliche im Ort zu einem guten Kontakt geworden war und weil meine Schulnoten gut geworden waren, hatte ich immer geglaubt, dass dies der richtige Weg für mich sein könnte. An Auswirkungen auf die Beziehung zwischen mir und den Eltern hatte ich dabei nie gedacht. Die Eltern haben nie gezeigt, dass man gut mit mir reden könnte. Bis heute haben die Eltern das einfach übersehen. Sie sehen die Dinge grundsätzlich ganz anderes als ich.

Jetzt erreiche ich im Stau hinter den Touristenbussen endlich die Abzweigung hinunter in Richtung Ort. Massen von Touristen sind dorthin unterwegs. Zahllose Reisebusse quälen sich langsam die Straße hinunter. Es scheint als seien sämtliche Busunternehmen der nächstgelegenen größeren Orte heute auf diesem Berg unterwegs. Weil ich nicht stundenlang im Schneckentempo hinter der qualmenden Buskolonne den Berg hinunter bremsen möchte, fahre ich an der Abzweigung ins Tal vorbei.