9. Christians Geburtstag

Immer noch sitze ich oben auf dem Schotterhügel vor der Bahnbaustelle. Die Stadt sehe und höre ich vor mir. Eine Kirchturmuhr schlägt elf Mal. Ich bleibe hier, bis es Mittag wird. Dann werden die Geschäfte schließen und dann wird auch der Vater seine Suche nach mir in der Stadt aufgeben. Der Vater könnte auch bei geschlossenen Geschäften in der Stadt nach mir suchen. Also bleibe ich nicht wegen der Geschäfte bis zum Mittag hier sitzen. Ich bleibe hier, weil ich noch eine Zeit ausruhen muss.

Der heutige Tag ist mein dritter Fluchtversuch. Ich hoffe, dass das Sprichwort: „Alle guten Dinge sind drei“, heute für mich wahr wird und mein heutiger dritter Versuch klappen wird. Als ich das zweite Mal von zu Hause fortgelaufen war, war Matthias wieder mit dabei. Wieder waren wir nach der Schule nicht nach Hause gegangen. Aber wir hatten aus dem ersten missglückten Fluchtversuch gelernt und blieben nicht auf der Landstraße. Direkt unterhalb unseres Dorfes gibt es einen breiten Forstweg, den Matthias kannte. In einem kilometerweiten Bogen führt der Weg an der Stadt vorbei. Stundenlang waren wir auf diesem Weg unterwegs gewesen. Meine Zweifel wurden immer größer. Ich fragte Matthias immer öfter, ob er noch glaube, dass der Forstweg zu dem Ort führt, oberhalb dem die Oma wohnt. Ich hatte Angst, dass wir uns verlaufen. Matthias blieb zuversichtlich. Er hatte mich immer wieder beschwichtigt. Tatsächlich behielt er Recht. Nach vielen Stunden, als die Abenddämmerung schon eingesetzt hatte, endete der Forstweg an einer schmalen geteerten Straße.

Die schmale Straße führte einen steilen Abhang hinunter in ein kleines Tal. Von oben erkannten wir, dass unten tatsächlich der richtige Ort lag. Es war der Ort, in dem wir vergangenes Jahr die ersten Wochen beim Vater in seiner engen Wohnung gewohnt hatten. Auf der anderen Seite des Tals erkannten wir den Berg, auf dem das Haus von Oma liegt.

Unsere Freude war riesig. Die vielen Stunden auf dem Forstweg durch den Wald hatten sich gelohnt! Wir hatten uns nicht verlaufen. Schnell liefen wir die Teerstraße hinunter in den Ort. Als wir unten ankamen, war es bereits finster.

Ein kalter, aber sonniger Januartag lag hinter uns. Nach dem Sonnenuntergang wurde es eisig kalt. Es war der Geburtstag von meinem Bruder Christian. Doch das war mir erst am Ende dieses langen Tages eingefallen.

Unten im Ort wurden wir von einem Erwachsenen angesprochen. Er fragte, ob wir uns verlaufen hätten. Ich glaube, er sprach uns an, weil wir unsere Schulranzen mit uns trugen und es doch schon Abend geworden war. Wir antworteten brav. Wir erklärten, dass wir länger Schule gehabt hätten und wir behaupteten, dass wir gleich um die nächste Ecke wohnten. Der Erwachsene war mit unserer Antwort zufrieden und ging weiter. Auch wir gingen weiter.

Erst einige Minuten später bemerkten wir, dass es mit unserer Ankunft im Ort stockdunkel geworden war. Ich wusste, dass die schmale Straße hinauf zur Oma nachts unbeleuchtet ist. Das fiel mir wieder ein, als ich die Dunkelheit in dem Ort sah. Ich glaube, weil mir das eingefallen war, verlor ich plötzlich den Mut. Ich hatte Angst, weiterzugehen wegen der finsteren Straße hinauf zur Oma. Wir waren sehr abgekämpft und müde von dem langen Fußmarsch. Wir hatten Hunger, und es war eisig kalt und dunkel. Der ganze Mut, den wir oben am Hang noch gespürt hatten, weil wir richtig gelaufen waren, war plötzlich verschwunden.

In der Nähe kannten wir einen Kaugummiautomaten. Wegen unseres Hungers dachten wir darüber nach, ob wir hingehen sollten, um ihn aufzubrechen. Weil das sehr dumm und auffällig gewesen wäre, ließen wir es. Mit den Kaugummis hätten wir unseren Hunger nicht vernünftig stillen können. Der Automat hängt an einer Hausecke, direkt an der Hauptstraße. Hätten wir ihn geknackt, wären sicher alle Kaugummis auf die Straße gerollt.

Unser Mut war gewichen. Wegen unseres Hungers und der Kälte kamen uns solch dumme Dinge in den Sinn. Aber wir waren noch gescheit genug, so etwas Blödes nicht zu tun. Weil wir nicht wussten, was wir tun sollten, drückten wir uns auf dem Hof hinter irgendeinem Haus herum.

Dort dachten wir beide laut darüber nach, unsere Flucht aufzugeben. Aber keiner von uns traute sich, vorne an der Haustür des fremden Hauses zu läuten. So liefen wir eine Zeitlang verzweifelt in der Kälte hinter dem Haus auf und ab. Bereits nach wenigen Minuten entdeckte uns jemand. Eine Frau öffnete ein Fenster im ersten Stock. Von oben rief sie hinunter: „Was macht ihr denn da unten?“ Ich rief hinauf: „Nichts. Wir schauen hier nur ein bisschen herum.“ Es war eine sehr dumme Antwort, doch mir war nichts anderes eingefallen. Außerdem wollte ich, dass die Frau zu uns herunterkommt. Ich wollte, dass sie uns in ihre warme Wohnung holt. Ich glaube, Matthias wollte das auch. Er sagte nichts, sondern er nickte der Frau da oben nur freundlich zu. Die Frau rief hinunter: „Was gibt’s hier denn zu Schauen? Habt ihr da eure Schulranzen auf den Rücken?“ Wir beide nickten freundlich hinauf zu der Frau. Die Frau fragte: „Wo kommt ihr denn her, um diese Zeit, wo wohnt ihr denn?“ Ich rief laut hinauf: „Wir haben uns verlaufen, nach der Schule!“ Jetzt lehnte sich die Frau etwas weiter aus ihrem Fenster. Ungläubig rief sie zu uns hinunter in den dunklen Hof: „So lange habt ihr euch verlaufen? Das gibt’s ja gar nicht! Wo wohnt ihr denn?“ Jetzt war mir endgültig klar geworden, dass die Flucht an diesem kalten Tag mit Matthias gescheitert war. Wir scheiterten an der Kälte, an der Dunkelheit und an unserem Hunger. Ich dachte daran, dass wir von der Frau sicherlich etwas zu essen bekommen, wenn sie uns in ihre warme Wohnung hinauf holte, vielleicht würde sie uns sogar zur Oma bringen. Aus dem Hof rief ich zu ihr hinauf: „Wir wohnen in Zweiflingen! Wir sind in den Wald gelaufen und haben nicht wieder nach Hause gefunden!“ Die Frau hatte immer noch nicht verstanden, dass sie etwas für uns tun muss. Sie rief: „Ja in Zweiflingen! Das ist ja ein schönes Stück weit weg! Das gibt’s doch gar nicht!“ Die Frau lehnte sich noch weiter hinaus. Weil sie immer noch nicht sagte, dass wir zu ihr hinauf kommen sollten, rief ich: „Doch! In Zweiflingen wohnen wir! Und jetzt ist uns saukalt!“ Jetzt wusste die Frau über uns bescheid. Sie rief hinunter in den Hof: „Wartet da unten, ich komme runter!“ Sie Schloss ihr Fenster. Das Licht hinter dem Fenster ging aus. Nur Sekunden später erschien sie im Hof. Sie trug einen dicken Mantel. Sie sagte: „So, ich bringe euch jetzt zu einer Polizeistation!“

Mich hatte eine Polizeistation sehr interessiert, weil ich noch nie auf einer gewesen war, trotzdem antwortete ich der fremden Frau: „Wir wollen aber lieber zur Oma! Die wohnt nicht weit, da oben am Berg!“ Das interessierte die Frau nicht. Sie nahm uns beide an der Hand. Sie brachte uns über die Hauptstraße zur Polizei. Dort bekamen wir zu essen und zu trinken. Bei einem Polizisten warteten Matthias und ich in einem beheizten Zimmer. Die Polizeistation war uninteressant. Ich sah nur diesen einen Polizisten und dieses eine, langweilige Zimmer.

Nach einiger Zeit kamen zwei Leute, eine Frau und ein Mann. Wir kannten sie nicht. Sie fragten uns, warum wir von zu Hause abgehauen waren. Wir erzählten ihnen, dass wir zu Hause immer Angst hätten.

Schließlich brachten uns die Frau und der Mann in einem gelben VW-Passat zurück ins Dorf. Sie parkten ihren Wagen neben Vaters weißem Käfer. Sie gingen mit uns ins Haus. Sie verschwanden mit der Stiefmutter und dem Vater im Wohnzimmer. Dort sprachen sie eine Zeitlang miteinander. Mark war noch nicht zu Hause gewesen, aber Christian saß in der Küche.

Christian saß am Küchentisch. Er begrüßte Matthias und mich nicht. Stattdessen zog er ein Gesicht, wie ich es an ihm kenne, wenn er sehr wütend und sauer auf mich ist. Er war sehr beleidigt und er hatte einen guten Grund. Der Tag war sein Geburtstag.

Heute darf ich auf keinen Fall auf eine Polizeistation gebracht werden. Auch heute würde ich sicherlich ins Dorf zurückgebracht werden. Ich muss es diesmal unbedingt schaffen. Die Oma wird mir bestimmt helfen. Sie hatte uns früher schon so viel geholfen. Vielleicht kann ich bei ihr wohnen. Bei ihr wohnen ja noch mehr Kinder. Ich muss heute die Oma unbedingt erreichen, anders geht es heute auf keinen Fall.

Der Geburtstag war überhaupt nicht schön für Christian. Wegen des Ärgers, den Matthias und ich angerichtet hatten, tobte die Stiefmutter den ganzen Nachmittag durch das Haus. Der Vater hatte uns den ganzen Tag mit dem Auto gesucht. Christian bekam kein Geburtstagsgeschenk. Matthias und ich hatten seinen Geburtstag versaut.

Hätten die Stiefmutter und der Vater meinem Bruder Christian an diesem Geburtstag etwas geschenkt, wenn Matthias und ich nicht fortgelaufen wären? Christian muss es gehofft haben. Ich glaube, er hoffte auf ein winziges Geschenk. Vielleicht hatte er auf etwas Geld gehofft. Vielleicht hatte er an zwei Mark gedacht. Nein, das ist sehr unwahrscheinlich. Christian weiß, dass die Stiefmutter und der Vater kaum Geld haben. Vielleicht hatte er auf eine Tafel Schokolade gehofft, wie wir sie zu Weihnachten bekommen hatten.

Jeder von uns bekam zu Weihnachten eine große Tafel. Mich hatte das sehr überrascht, denn ich hatte nichts erwartet. An Geburtstagen gibt es zu Hause nie etwas Besonderes. Es gibt keinen Kuchen, keine Kerze und keine Geschenke. Deshalb hatte ich auch für den Weihnachtsabend nichts erwartet. Das einzige: Ich hatte auf einen ruhigen Abend gehofft, sonst nichts. Dass es eine Tafel Schokolade für jeden gab, freute mich deshalb sehr. Wir legten die Schokolade in unsere Kleiderschränke, ins kühle Kinderzimmer. Wir teilten sie uns gut ein, sie reichte wochenlang.

Jetzt fällt mir ein warum Christian am Abend seines Geburtstages so sauer gewesen war und Matthias und mich in der Küche mit so einem grimmigen Blick empfangen hatte. Ich stelle mir das so vor: Christian hatte an diesem Tag kein Geburtstagsgeschenk erwartet. Nein, ich glaube es ging ihm genauso, wie es mir an Weihnachten gegangen war. Er hatte nur auf etwas Ruhe an diesem Tag gehofft. Er hatte gehofft, dass die Stiefmutter und der Vater ihn an diesem Tag in Ruhe ließen, sonst nichts. Christian besucht schon die Hauptschule in der Stadt. Morgens fährt er mit dem Bus um kurz nach sieben Uhr dort hin. Nachmittags kommt er spät nach Hause. Immer hat er lange Unterricht. Er versucht, so spät wie nur möglich nach Hause zu kommen. Ich glaube, an seinem Geburtstag war er nachmittags schon früher unterwegs nach Hause gewesen. Weil er Geburtstag hatte, brauchte er sicherlich nicht in den Konfirmandenunterricht zu gehen. Auf dem Heimweg von der Bushaltestelle dachte er über den vor ihm liegenden Nachmittag nach. Vielleicht dachte er: Heute wird es ein ruhiger Nachmittag für mich werden. Denn heute habe ich ja Geburtstag. Die Stiefmutter wird heute nicht um sich schlagen, denn sie weiß: Ich habe Geburtstag. Das ist schön, darauf freue ich mich. Ich werde mich mit diesem kleinen Comicheftchen, das mir ein Klassenkamerad geliehen hat, ins Wohnzimmer neben den warmen Holzofen setzen. Ich werde den Nachmittag im Sessel sitzen und in Ruhe dieses Comicheftchen lesen können. Die Stiefmutter wird mich in Ruhe lassen, denn sie weiß, dass ich heute Geburtstag habe. Sie wird mich nicht ankeifen, sie wird mir nicht meine Schulhefte um die Ohren schlagen, sie wird mir nicht ins Gesicht schlagen. Es wird ein anderer Nachmittag sein als sonst. Deshalb komme ich schon so früh nach Hause. Die Stiefmutter wird mich in Ruhe sitzen und lesen lassen. Ich freue mich auf meinen ruhigen Geburtstagsnachmittag.

Jetzt stelle ich mir Christian vor, wie er an diesem Tag vor unserer Haustür steht. Seine Hand liegt schon am Griff, er möchte sie gerade aufdrücken. Plötzlich wird sie von innen aufgerissen. Da steht die Stiefmutter vor ihm. Sie trägt ihre dunkelbraunen Filzpantoffeln und den grünen Haushaltskittel. Sie begrüßt ihn nicht. Ihr Gesicht sieht nicht freundlich aus. Sie lächelt das Geburtstagskind nicht an. Ihr Gesicht sieht gehässig aus. Ihr Gesicht trägt tausend Falten. Doch es sind keine Sorgenfalten. Es sind Falten, in denen Christian den Hass dieser Frau sieht. Sie macht sich keine Sorgen um uns Kinder, sondern sie hasst uns. In der Haustür keift die Stiefmutter Christian an: „Hascht du deine zwee Brider gsähä? Die sin net hoim kumme, von da Schul!“

Eine Antwort von Christian erwartet sie nicht. Die Stiefmutter zerrt Christian, wie einen der etwas sehr Schlimmes angestellt hatte, am Jackenkragen ins Haus. Sie plärrt das Geburtstagskind auf der Treppe an: „Du hascht denen beschtimmt an Tip gäbä! Von aloi kumme die doch nede uf die Idee nochamal abzuhaua!“

Ich glaube, so könnte es gewesen sein an Christians Geburtstag. Christian hatte nichts erwartet. An seinem Geburtstag hatte er nur auf Ruhe gehofft.

10. Die Zeit ist abgelaufen

Mein Bruder Mark ist jetzt in einem strengen Erziehungsheim. Das hatten der Vater und die Stiefmutter in den letzten Wochen beinahe täglich erzählt. Auch wir kommen in ein Erziehungsheim, wenn wir noch mal abhauen, so hatten sie gedroht. Wir sollten uns nicht einbilden, dass wir wieder zurück in das normale Heim in den Gebirgsort kommen. Das sei für uns für immer gestorben. Wenn wir noch mal zu Hause abhauen, dann ginge es uns genauso dreckig wie unserem großen Bruder. Der hätte jetzt nichts mehr zu lachen. Der wäre jetzt für sein ganzes Leben „erledigt“. Der komme aus dem Erziehungsheim nie wieder heraus. Da werde ihm beigebracht, dass er gegenüber Erwachsenen nicht so frech zu sein habe, wie er es zu Hause gewesen sei.

Ich finde nicht, dass Mark zu Hause frech zu Stiefmutter und Vater gewesen war. Er war viel zu wenig zu Hause, um frech zu sein. Vielleicht hatte er zu wenig Geld hergegeben, vielleicht hatte er in seiner Maurerlehre nicht ordentlich gearbeitet, vielleicht war er manchmal zu spät zur Arbeit gekommen, aber frech? Das hatte ich nie beobachtet.

Ich hatte ihn meist am Wochenende gesehen. Da war er zu Hause und er war immer freundlich zu Stiefmutter und Vater gewesen. Er arbeitete wie wir im Haus, in der Küche, im Garten und er kehrte auf dem Gehsteig. Mit uns spielte er. Er hatte immer Ideen für interessante Spiele im Freien oder im Haus. Wenn Mark zu Hause war, blieb alles ruhig. Die Stiefmutter schrie nicht, der Vater schlug nicht. Mark war nicht frech zu Erwachsenen. Er war für uns, seine jüngeren Geschwister, der große Bruder. Wenn er im Haus war, hatten wir kaum Angst. Vielleicht war es das gewesen, was die Stiefmutter und der Vater meinten. Vielleicht meinten sie, dass Mark frech gewesen sei, weil er uns oft geholfen hatte, indem er einfach da gewesen war. Wegen ihm hatten sich die Stiefmutter und der Vater nicht getraut, hemmungslos auf uns einzuschlagen. Vielleicht war das der Grund, weshalb sie ihn in dieses Erziehungsheim geschickt hatten.

Seit Mark weg gegangen war, war es zu Hause noch schlimmer geworden. Seit diesem Zeitpunkt hatten der Vater und die Stiefmutter uns jederzeit geschlagen, auch am Wochenende. Die Stiefmutter schlug mich auch am Samstag, wenn ich im Haus geputzt hatte, oder sie schlug auf mich ein, nachdem ich auf der Straße vor der Türe gekehrt hatte. Hatte ich das nicht ordentlich genug gemacht, und wie es ordentlich war, das bestimmte stets die Stiefmutter, dann gab es ihre Ohrfeigen, es gab Schläge und Tritte von ihr. Seit Mark weg gegangen war, hatte uns die Stiefmutter permanent beobachtet. Ich hatte das Gefühl, dass sie alles sah, was ich tat. Vor allem am Wochenende war sie stets dicht in meiner Nähe.

Oben im zweiten Stock, gegenüber dem leeren Zimmer von Mark, wohnt ihr Sohn Paul. Paul ist oft unterwegs. Ich weiß nicht wohin. Er fährt abends mit seinem Wagen, einem gelben Opel weg und kommt erst am nächsten Tag gegen Mittag wieder. Auch das Zimmer von Paul kehren wir am Samstagvormittag.

Es war am vergangenen Wochenende gewesen. Ich hatte oben im Zimmer von Paul gefegt. Die Stiefmutter hatte mich vom Treppenabsatz an Pauls Zimmertüre genau beobachtet. Unter dem Tisch hatte ich schlecht gekehrt. Die Stiefmutter sah dort Haare und Staub. Nachdem ich alles auf die Schaufel gekehrt hatte, sprang die Stiefmutter plötzlich ins Zimmer, sie griff unter den Tisch, hob dort etwas auf und hielt es mir vors Gesicht. Sie schrie: „Was isch das? Du hascht doch grad erscht da unde gekehrd, oder?“ Ich stand vor ihr mit meinem Besen. Ich sagte nichts. Sie schlug mir ins Gesicht. Ich nahm den Besen, schob ihn unter den Tisch und kehrte noch mal alles hervor. Den Dreck schob ich auf die Kehrschaufel und kippte ihn in Pauls Abfalleimer. Sie beobachtete mich genau.

Wäre Mark nicht weg gewesen, hätte sie nie am Samstagvormittag zugeschlagen. Am liebsten hätte ich ihr den Besenstil ins Gesicht geschlagen. Das ging nicht, dann hätte sie oder der Vater mich totgeschlagen. Also bemühte ich mich, alles so gut und richtig zu tun, wie ich es konnte. Es hatte ihr auch nicht gepasst, wie ich den Dreck in Pauls Mülleimer kippte. Ich zitterte, und es fiel etwas Sand daneben auf den gekehrten Fußboden. Sofort schlug sie mir von hinten auf den Kopf.

Ich hatte keine Chance mehr. Das wurde vergangenes Wochenende klar. Seit Mark gegangen war, gab es keinerlei Schutz mehr vor dieser Frau. Es gab keine Ruhepause mehr. Ich konnte machen, was ich wollte, alles war falsch gewesen. Alles was ich tat, war so schlecht gewesen, dass die Stiefmutter zuschlagen konnte, wann und wie sie wollte.

Meine Zeit im Haus von Stiefmutter und Vater war abgelaufen, nachdem Mark gegangen war. Es hätte nur eine Möglichkeit gegeben: zurückschlagen. Das allerdings wäre mein Ende gewesen.