8. Pfeifenrauch

Als wir im vergangenen Jahr eingezogen waren, standen im Haus noch mehrere alte Möbel. Der Vormieter hatte sie zurückgelassen. Einige von ihnen ließ der Vater stehen, andere transportierte er ab und warf sie auf den Müll. Ins Wohnzimmer stellte er die Möbel aus seiner alten, kleinen Wohnung und einige neu gekaufte Möbel.

Das Haus ist schon sehr alt. Die Wände sind schief, die Decken hängen durch, sie sind rissig, hier und da bröckelt der Putz. Es ist ein altes Bauernhaus. Ich glaube, früher hatte es eine Bauernfamilie bewohnt. Das Haus ist viel geräumiger als die kleine Wohnung des Vaters. Es hat sechs Zimmer und eine große Küche. Die Räume werden mit Holzöfen beheizt. In manchen Zimmern gibt es keinen Ofen. So in unserem Kinderzimmer. Im Winter ist es dort eiskalt. Deshalb haben wir sehr dicke Bettdecken. Wenn wir uns abends schlafen legen, kriecht jeder von uns Geschwistern so schnell wie möglich unter seine Bettdecke, um warm zu werden.

Es wäre möglich mehr Öfen im Haus aufzustellen, damit es im Winter nicht so kalt ist. Aber auch das kostet viel Geld. Und dafür fehlt dem Vater das Geld. So sitzen wir im Winter gerne in der Küche und schälen Kartoffeln oder wir spülen Geschirr, denn es ist der wärmste Raum im Haus.

Als wir hergezogen waren, hatten wir im Dorf kein einziges Kind gekannt. Kinder, die wir im Ort, wo Vaters kleine Wohnung liegt, kennen gelernt hatten, konnten uns im Dorf nicht besuchen. Das Dorf ist zu weit entfernt. Es fahren zu wenig öffentliche Busse. So hatten wir anfangs keine Freunde. Die Dorfkinder lernten wir in der Dorfschulklasse kennen.

In der Dorfschule gibt es nur zwei Klassen. Mein Lehrer, Herr Götz, ist ein sehr strenger Lehrer. Ich glaube, er ist schon sehr alt. Er schickt mich manchmal aus dem Klassenzimmer. Er bestraft mich oft. Manche Unterrichtsstunde muss ich still in der Ecke neben dem Waschbecken stehen. Es gibt immer unterschiedliche Gründe für die Strafen. Ein Mal fehlen die Stifte in meinem Federmäppchen. Ein anderes Mal ist es mein Zuspätkommen am Morgen. Oft habe ich meine Hausaufgabe wieder nicht vollständig erledigt. Meistens ist es meine unvollständige Hausaufgabe. An ihr fehlt immer etwas. Nachmittags sitze ich zu Hause am Küchentisch. Die Stiefmutter will wissen, was ich für Hausaufgaben habe. Weil ich Angst habe, erzähle ich ihr nicht, dass Herr Götz noch viel mehr zu Schreiben aufgegeben hat.

Nachdem die Schulglocke läutet, gehe ich kurz auf die Schultoilette. Dort ziehe ich mein Hausaufgabenheft aus dem Schulranzen. Die richtigen Seitennummern, die ich vormittags im Unterricht eingetragen hatte, radiere ich wieder aus und ersetze sie. Ich bin sehr schlecht im Schreiben. Meine Hände zittern zu stark. Weil ich für das Abschreiben von nur einer Seite aus dem Schulbuch, schon mindestens zwei Stunden nachmittags neben der schreienden Stiefmutter am Küchentisch sitzen muss, kann ich unmöglich die fünf oder sechs Seiten erledigen, die mein Lehrer Götz als Hausaufgabe aufgibt.

In der alten Dorfschule bekomme ich Ohrfeigen, wie von der Stiefmutter, wenn ich etwas tue, das den Lehrer Götz besonders aufregt. Meistens reicht schon die fehlende Hausaufgabe. Jeden Morgen betrete ich das große Klassenzimmer. In der Türschwelle weiß ich schon, dass es wieder eine Strafe von Herrn Götz für mich gibt. Als Hausaufgabe habe ich zu wenige Seiten aus dem Lesebuch abgeschrieben.

Einmal hatte ich etwas besonders Schlimmes getan. Morgens kam ich wie jeden Tag in mein Klassenzimmer. Ich stank fürchterlich. Herr Götz war schon hinter seinem Pult gestanden. Im dicken Lesebuch blätterte er. Er suchte die Seite, auf der er tags zuvor mit dem Lesen aufgehört hatte. Ich trat über die Türschwelle und lief schnell an ihm vorbei. Ich wollte nach hinten laufen zu meinem Platz. Im Vorbeigehen am Lehrerpult schnappte Herr Götz mich an meiner Jacke. Er zog mich dicht an sich heran. Er schnüffelte an mir herum. Ich hörte seine dumpfe, tiefe Stimme: „Kerle, das glaubscht doch selber nedde! Du Bürschle haschd doch ned ebbas graucht heut morge, scho vor da Schul? Oder nach was schtinkscht ’n du sonscht?“

Regungslos, wie sonst vor dem Vater, stand ich vor dem Lehrer. Das war der Moment, in dem der Lehrer heftig zuschlug. Den Vormittag lang hatte ich in der Ecke beim Waschbecken zu stehen.

Tatsächlich hatte ich mir an diesem Morgen etwas Unglaubliches geleistet. Als ich das Dorfschulhaus betrat, war mir schlecht. Ich ging zur Toilette, wo ich mich übergab. An diesem Morgen war die Stiefmutter mit dem Vater zusammen im weißen Käfer in die Stadt gefahren. Bevor ich mit Matthias das alte Haus Richtung Dorfschule verließ, nahm ich eine von Vaters Pfeifen vom Schrank. Ich stopfte die Pfeife, so wie ich es beim Vater oft beobachtet hatte. Bis zum Rand füllte ich sie mit Tabak und drücke den Tabak mit seinem silbernen Pfeifenstopfer fest. Ich rauchte sie auf unserer Toilette zu Hause.

Wir haben zwei Toiletten, eine ist im Haus und die zweite ist auf der Rückseite des Hauses, hinter der Küche. Dort kann man ein großes Fenster nach draußen öffnen. Nur Matthias und ich waren noch im Haus. Bei geöffnetem Fenster saß ich auf der Toilette und paffte vor mich hin. Heute, wo ich mich an diesen Morgen erinnere, wundere ich mich: Warum traute ich mich so etwas? Hatte ich an diesem Morgen keine Angst? Vaters Pfeife rauchen! Unglaublich! Trotzdem war es ein Spaß! Jetzt muss ich ein bisschen schmunzeln, über mich an diesem Morgen. Wie unglaublich dumm ich da war!

Schon nach den ersten Schritten auf der Dorfstraße Richtung Schule wurde mir sehr schlecht. Auch nachdem ich mich auf der Schultoilette übergeben hatte, wurde es nicht besser.

Zu Hause am Mittag war mir immer noch schlecht. Die Stiefmutter wusste schon, was los war. Der Lehrer hatte bereits angerufen. So ist es im Dorf. Es gibt keine Geheimnisse. Deshalb hatten wir in der Schule nie etwas von zu Hause erzählt. Es war niemals sicher, wen der Lehrer anruft. Es war niemals sicher, wann er anruft. Stets bestand die Gefahr, dass er die Stiefmutter bereits angerufen hatte. Auch an diesem Tag hatte sich diese Gefahr bestätigt.

Natürlich hatte der Lehrer auch bemerkt, dass ich in meinem Hausaufgabenheft oft herumradierte. Hin und wieder rief er deshalb die Stiefmutter an. Sie kontrollierte dann mein Hausaufgabenheft und prügelte die ausradierte Hausaufgabe aus mir heraus. So hatte ich nachmittags immer weniger Zeit. Die freie Zeit im Versteck, in der alten Scheune wurde immer weniger. Die Hausaufgabenzeit mit der plärrenden Stiefmutter wurde immer länger.

Zum Glück konnte sie an diesem Tag nicht wissen, dass ich Vaters Pfeife geraucht hatte. Ich hatte das in der Schule nicht dem Lehrer gesagt, so konnte der es ihr am Telefon auch nicht sagen.

Mittags empfing mich die Stiefmutter unten an der Haustür. Sie schlug so zu, wie ich es kannte. Sie schrie so, wie sie es beinahe täglich tat. Wegen ihrem hohen Geschrei verstand ich sie kaum. Es war klar, was sie wissen wollte. Ich hörte sie kreischen: „Wo hascht du die Zigaredden geklaud? Des Klaun und Lügn wer i dir no austreim!“

Auf dem Weg von der Schule hatte ich mit Matthias ausgemacht, dass er mich nicht verrät. Es war klar, dass die Stiefmutter versuchen würde, auch aus ihm etwas herauszuprügeln. Tatsächlich schlug sie bereits unten an der Haustür auch auf ihn heftig ein. Mit Matthias hatte ich ausgemacht, dass ich morgens auf dem Schulweg ein paar Zigaretten gefunden hatte, sie wären einfach vor mir auf der Straße gelegen.

Die Stiefmutter hatte uns die Treppe hinaufgezerrt. Im Korridor zum Esszimmer schlug sie weiter auf mich ein. Jetzt behauptete ich, dass ich die Zigaretten auf der Straße gefunden hätte. Das glaubte sie nicht. Es war der Anlass mich ins Kinderzimmer zu zerren und noch heftiger auf mich einzuschlagen. Sie plärrte: „Lügen und au no frech sein! Des werma dir scho no austreim! Dei Vadder wirds da heut abend scho zoign!“ Ich stand vor ihr, heulte und ich sagte, es sei nicht gelogen. Ich wiederholte, ich hätte eine Schachtel gefunden, in der noch zwei Zigaretten gewesen seien. Wo ich das Feuer her gehabt hätte, wollte sie wissen. Daran hatte ich nicht gedacht! Weil ich darauf nichts sagte, schlug sie noch heftiger auf mich ein. Sie wiederholte, dass sie sich nicht belügen lasse und dass der Vater es abends schon zeigen werde. Wieder schrie sie mich wegen des Feuers an. Jetzt antwortete ich. Ich sei schnell zurück nach Hause gelaufen. Ich hätte mir die erste Zigarette mit Vaters Feuerzeug angezündet. Das war eine Unverschämtheit! Vaters Feuerzeug zu benutzen! Sie schlug weiter zu. Ich konnte nicht mehr reden. Obwohl ich nichts mehr tun konnte, kreischte und schlug sie weiter.

Bei solchen Auseinandersetzungen hatte es zu Hause keinen frühzeitigen Abbruch gegeben, bevor nicht das Ziel erreicht war. Die Stiefmutter kreischte weiter, obwohl ich nicht mehr konnte. Sie schlug weiter auf mich ein, sie schrie weiter. Ich soll sie nicht anlügen, ich soll endlich sagen, woher ich die Zigaretten und das Feuer hätte. Ich konnte mich nur wiederholen, denn es wäre eine Katastrophe geworden, wenn ich zugegeben hätte, dass ich Vaters Pfeife geraucht hatte. Es sei die Wahrheit, die Zigaretten hätte ich gefunden, das Feuer sei von Vaters Schrank gewesen.

Obwohl Matthias unschuldig war, wurden wir beide bestraft. Das hatte die Stiefmutter, seitdem ich sie kenne, immer so gemacht. Ihr ist es wichtig, dass wir Geschwister alle Angst vor ihr haben. So will sie erreichen, dass wir uns gegenseitig verraten. An diesem Nachmittag hatte sie das nicht erreicht. Matthias verriet mich nicht. Er hielt sich an unsere Absprache, obwohl die Stiefmutter auch ihn heftig verprügelte. Das Haus durften wir an diesem Nachmittag nicht verlassen. Wir schrieben den ganzen Nachmittag über in unsere Hefte. Wir saßen neben der keifenden Stiefmutter am Küchentisch. So warteten wir, bis abends der Vater kam. Wir hatten genau gewusst, was dann auf uns zukam.

Zu Hause gibt es kein Entrinnen. Vater und Stiefmutter entkommt keiner von uns. Wir finden keine Ruhe vor den beiden. Im Laufe der Zeit wird es immer schlimmer. Denn mit der Zeit sammelt sich immer mehr an, was das Leben zu Hause unerträglich macht.

Ich war sehr froh, dass Matthias nichts von der Pfeife auf der Toilette erzählt hatte. Ich glaube, es wäre wirklich eine unbeschreibliche Katastrophe geworden, wenn das herausgekommen wäre, denn der Vater war abends sehr wütend gewesen. Ich hatte die Pfeife sauber geputzt in das Regal zurückgelegt. Als der Vater abends nach Hause gekommen war, erzählte ihm die Stiefmutter sofort alles. Der Vater fragte nicht lange weiter nach. Er verstand sofort, dass ich etwas sehr Schlimmes getan hatte und vor allem, dass ich die Stiefmutter belogen hatte.

Für den Vater ist Ehrlichkeit das Allerwichtigste in diesem Leben. Ich glaube, es ist für ihn unerträglich, zu wissen, dass seine Kinder lügen. Ich glaube, der Vater denkt, dass deshalb, weil wir manchmal lügen, aus uns Kindern, wenn wir erwachsen sind, schlimme Verbrecher werden. Mit seinem Prügeln will er erreichen, dass wir aufhören zu lügen. Mit seinen Schlägen erreicht er das niemals. Der Vater versteht nicht, dass ich lüge, weil ich Angst habe. Ich lüge nicht, weil ich andere bestehlen will oder gar Verbrecher werden will. Sondern ich lüge, weil mir nichts anderes einfällt, um mich vor dem Vater und der Stiefmutter zu schützen. Er versteht nicht, dass ich manchmal sogar lüge, weil ich fürchte, von ihm totgeschlagen zu werden. Wenn ich nicht die Wahrheit sage, wenn ich nicht verrate, dass ich morgens seine Pfeife geraucht habe, dann schlägt er nicht so fest zu. Nur dann wird er mich nicht totschlagen. Ich werde kein Verbrecher werden, weil ich lüge. Der Vater versteht das nicht.

Der Vater hatte abends zuerst mit der Hand auf uns eingeschlagen, dann zog er uns in unser Schlafzimmer. Der Gürtel aus der Hose lag schon in seiner Hand. Ich war als erster dran, denn ich hatte die Sache ja ausgefressen. Wie immer musste ich mich über den Stuhl legen. Der Vater schlug zu.

Der Vater schrie, er werde so lange schlagen, bis wir uns das Lügen abgewöhnten. Das Lügen hätten wir im Kinderheim gelernt. Bei ihm gäbe es so etwas aber nicht. Er werde uns zu ehrlichen Kindern erziehen.

Wir hatten ohrenbetäubend laut geschrieen an diesem Abend, denn die Schläge waren besonders kräftig. Mein großer Bruder Mark war noch nicht zu Hause gewesen. Den ganzen Nachmittag hatte ich gehofft, dass er vor dem Vater kommt. Er konnte nicht vor dem Vater zu Hause sein. Seine Arbeit hatte immer länger gedauert als die des Vaters, und mit dem Mofa konnte er nicht so schnell nach Hause fahren, wie der Vater mit dem Käfer.