8. Ein geliehener Wagen

Den Höhenwanderweg durchtrennt eine schmale Schotterpiste. Nach rechts biege ich auf diese ab und laufe mit großen Schritten hinab. Die Schotterpiste führt steil hinunter. Nach fünfzig Metern erreiche ich eine scharfe Rechtskurve. Von hier führt parallel zum Berghang eine Einfahrt zum Haus von Martinas Eltern. Auf dem kleinen Vorplatz am Haus sehe ich schon von weitem den grünen, alten Peugeot.

Vielleicht beobachtet mich Martina von ihrem Fenster aus, wie ich in riesigen Schritten die Schotterpiste runter laufe. Ich habe es nicht eilig. Der heutige Tag ist nicht für Eile geeignet, so denke ich und nehme dabei die letzten großen Schritte auf der steil abfallenden Schotterpiste. Ich lausche dem Rhythmus meiner dunkelbraunen Halbschuhe, wie sie knirschend den groben hellen Kies des Weges bearbeiten. Den heutigen Tag sollte ich keineswegs eilig durchlaufen. Auf gar keinen Fall sollte ich rennen. Heute ist es mir wichtig noch einmal an meinem inneren Auge vorbeiziehen zu lassen, was ich hier abschließe. Ich nehme mir die Zeit darüber nachzudenken, warum ich heute die Aufgabe habe die Eltern wieder zu verlassen. Den Schotterweg laufe ich trotzdem sehr schnell runter. Ich passe mich dem Tempo an, welches das steile Gefälle meinen Füßen vorgibt.

Auch das hatte ich in den Jahren bei den neuen Eltern gelernt und auch dagegen hatte ich mich gewehrt: Das wunderschöne gebirgige Land zu durchwandern und dabei den Laufschritt dem Rhythmus der gebirgigen Landschaft anzupassen. Die Wanderausflüge am Wochenende mit den Eltern hatten mir nur am Anfang Spaß gemacht. Es hatte mir Freude gemacht vorauszulaufen und dann an irgendeiner Ecke immer wieder auf die Eltern zu warten oder sie mit einem Sprung aus einem Gebüsch zu überraschen. Nach drei oder vier Ausflügen mit den Eltern hatte ich schließlich die Lust daran verloren, ohne dass ich einen Grund dafür finden konnte. Ich glaube, es könnte die Langeweile gewesen sein, die sich bei mir eingestellt hatte. Der Reiz nach einem schweißtreibenden Anstieg zusammen mit den Eltern oder schneller als die Eltern eine Berghütte zu erreichen war eines Tages verschwunden. Ich fand es langweilig, den herrlichen Ausblick mit den Eltern von einer Aussichtsterrasse über die Berggipfel in das Tal zu genießen.

Die Wirte der Hütten auf den Gipfeln waren den Eltern oft gut bekannt. Sie waren Kunden ihres Geschäftes. Die Eltern kannten viele einheimische Wanderer, die wir auf den Berghütten getroffen hatten. Die Eltern stellten mich diesen Menschen vor. Zu Beginn fand ich das noch ganz interessant. Später war mir das unangenehm geworden. Überall im Ort und auf den Bergen waren die Eltern wegen ihres Geschäftes bekannt. Welchen Gipfel auch immer wir erreicht hatten, stets gab es ein Gespräch mit einem Kunden oder einem Bekannten. Irgendwann war mir das zu viel. Ich wollte lieber mit meinen Freunden aus der Jugendgruppe durchs Gebirge wandern.

Das Leben der Geschäftsleute ist das Leben von Menschen die jeder im Ort kennt. Diese Art der Öffentlichkeit war mir unangenehm geworden. Die Eltern hatten für die Kunden ihres Geschäftes nicht nur in ihrem Laden zu sorgen. Bei Kunden die ein eigenes Geschäft oder eine Gaststätte betrieben, waren die Eltern regelmäßig zu Gast. Die Auswahl von Ausflugszielen, der Besuch zum Mittagessen in einer Gaststätte hatte oft den Hintergrund, dass der Betreiber einer Hütte oder Gastwirtschaft Kunde im Geschäft der Eltern war. Mir wurde das zunehmend unangenehm.

Das Wandern durch die Berge macht mir viel Spaß. Ich habe so viel Freude daran entwickelt, dass ich in den letzten zwei Jahren regelmäßig mit einem Freund, den ich durch die Jugendgruppe kennen gelernt hatte, lange Wandertouren über die Gipfel rund um den Ort unternommen habe. Vielleicht war mir der Spaß an den Ausflügen mit den Eltern vergangen, weil ich erkannt hatte, dass die Ziele von den Geschäftskunden bestimmt worden waren. Vielleicht hatte sich wegen der Gespräche der Eltern mit den Geschäftskunden auf den Berghütten oder in den Gaststätten, ohne dass ich es verhindern konnte, ein gewisser Neid oder gar eine Art Eifersucht bei mir entwickelt. Ich konnte nur schwer ertragen, dass die Eltern die Ziele der Ausflüge bestimmten, ohne mich bei ihren Entscheidungen mit einzubeziehen. Das könnte es gewesen sein, was mir schließlich den Spaß an den Unternehmungen mit den Eltern verdorben hatte. Es war nicht nur die Langeweile mit den Eltern zu wandern. Eine gewisse Eifersucht könnte eine Rolle gespielt haben. Die Eltern hatten sich stets bestens mit den Hüttenwirten oder Gastleuten unterhalten. Für die Eltern waren solche Gespräche selbstverständliche alltägliche Routine gewesen. Für mich war es langweilig dabei zu sitzen. Vielleicht hatte ich deshalb das Gefühl entwickelt, von den Eltern zu wenig Beachtung zu erfahren. Ich war eifersüchtig geworden auf die Geschäftsleute. Mit ihnen zu sprechen war den Eltern wichtig. Mit mir zu sprechen war nicht wichtig. Die Eltern wissen wie sie mit ihren Kunden umzugehen haben. Die Eltern haben gutes Gespür und eine gute Hand für die Pflege ihrer Kunden. Mit ihren Kunden waren die Eltern immer bestens zu Recht gekommen. Mit mir waren sie nicht zu Recht gekommen. Vielleicht hatte mir das den Spaß verdorben. Ich musste erleben und ertragen, dass Eltern bei ihren Kunden bekannt und beliebt sind. Im Ort genießen die Eltern einen sehr guten Ruf, den sie regelmäßig pflegen.

Ich war nicht auf die Idee gekommen, mir den guten Ruf der Eltern zu nutze zu machen. Wenn wir unterwegs waren und auf Kunden und Bekannte trafen, hatten die Eltern mich immer vorgestellt. Ich hätte eine Chance gehabt. Ich hätte mich an den Kontakten beteiligen können. Aber mir waren diese Kontakte unangenehm geworden.

Martina steht in der offenen Eingangstüre. Gemächlich nehme ich die wenigen Treppenstufen bis zu ihr hinauf. Martina erwartet mich. Ich reiche Martina lächelnd die Hand. Ich werfe dabei einen flüchtigen Blick auf meine Armbanduhr. Ich bin pünktlich. Minutengenau komme ich an, so wie ich es vereinbart hatte. Obwohl ich heute keine Eile habe bin ich pünktlich.

Zu spät zu kommen war nie meine Art gewesen. Geregelte Zeiteinteilung und Ordnung in meinem täglichen Alltag bei den Eltern musste ich nicht erst neu erlernen. In meinem Kopf hatte es schon immer eine Ordnung gegeben. Meine Ordnung hat mir stets geholfen, meinen Lebensalltag im Griff zu behalten. Neben meiner Sprache als meine Schutzmauer, war meine innere Ordnung ein wichtiger Pfeiler, der mich nie im Stich gelassen hat. Meine innere Ordnung habe ich im Kinderheim entwickelt. Ablehnung und Schläge, die ich dort erfahren hatte ordnete ich in mein Ordnungsprinzip in meinen Kopf ein. Dort hatte ich mir vielerlei Begründungen und Erklärungen zu Rechtgelegt. Dort hatte ich die Haltungen der Menschen, die mich und andere quälten gespeichert und geordnet. Meine innere Ordnung tickte viele Jahre lang, wie ein unzerstörbares Uhrwerk. Situationen tiefster Verzweiflung habe ich mit meiner inneren Ordnung bewältigt. Schläge des Heimleiters, Gewalt von älteren Jugendlichen, Hass und Chaos um mich herum, das alles ordnete ich in meinen Kopf ein. Meine Ordnung fußte auf einem einfachen Prinzip: Alles was ich erlebte musste begründbar sein. Konsequente Suche nach Gründen für das was ich um mich herum sah und erlebte schaffte Ordnung. Wenn ich in meinem Kopf sagen konnte, „der macht das, weil…“, dann hatte ich ein Stück Freiheit in meinem Kopf gefunden. Ich habe in meinem Kopf das, was ich erlebt hatte, was mir angetan wurde nach meinem Denken geordnet. Wenn ich da etwas nach meinem Denken geordnet hatte, dann ordnete ich mich nicht dem Vorhaben des gewalttätigen Heimleiters unter. Ich dachte trotz seiner Gewalttätigkeit weiter. Ich dachte vor allem deshalb weiter. Mit dem Denken kommt Freiheit und es verschwindet Hilflosigkeit. Damit verschwindet das Gefühl dem anderen ausgeliefert zu sein. Damit erscheint das Gefühl frei zu sein, denn ich weiß warum der andere tut, was er tut. Im Kopf hatte ich jahrelang für all das was geschah immer Begründungen gefunden. Mein Denken hatte mir zuverlässig dabei geholfen, nicht zu verzweifeln und aufzugeben, sondern immer wieder zu mir selbst zurück zu finden. Aus unerklärlichem Grund war mein Kopf immer pünktlich zur Stelle, um zu mir zu sagen, dass ich nicht aufgeben darf. Oft sagte ich zu mir selbst, dass ich deshalb beste Chancen habe das gewalttätige Leben in dem Kinderheim zu überstehen. Genau so ist es gekommen.

Ich weiß nicht wie meine innere Ordnung entstanden ist. In meiner Erinnerung an mein Leben in dem Kinderheim finde ich keine greifbare, sichtbare Erklärung. So zu denken, wie ich damals immer gedacht hatte, war meine Überlebensstrategie. In dem Kinderheim war für mich keinerlei Perspektive erkennbar. Trotzdem hatte kein Schlag in mein Gesicht und kein Fußtritt gegen mich dazu geführt, dass ich meine innere Ordnung aufgab.

Meine innere Ordnung hatte Auswirkung darauf, wie ich meine äußere Welt sah. Trotz vorgegebener Orientierung an Maßstäben von Gewalt, Macht und Hass gegenüber Kindern, welchen ich in dem Kinderheim über viele Jahre ausgesetzt war, hatte ich immer gewusst, wie ich das einzuordnen habe. Hatte ich mich daran beteiligt schwächere Kinder ungerecht zu behandeln, so wie es alltägliches Grundprinzip in dem Kinderheim gewesen war, beschwerte sich sofort meine innere Ordnung darüber: Wenn ich ungerecht gehandelt habe trat mein Gewissen auf den Plan. Aus meiner inneren Ordnung war über Jahre auch eine äußere Ordnung geworden. Pünktlichkeit im Alltag war mir nie schwer gefallen. Neben dem Chaos aus Macht und Gewalt gab es in dem Kinderheim auch vorgegebenen Uhrzeiten. An die hatte sich jeder zu halten. Alltägliche Verrichtungen waren immer an bestimmte Uhrzeiten geknüpft. Vom Aufstehen über das Zähne putzen, vom Frühstück über den Schulbesuch, vom Mittagessen, über die Hausaufgaben, war der ganze Tag in Uhrzeiten eingeteilt. Das hatte ich als Unterstützung empfunden. Vielleicht habe ich darüber zu meiner inneren Ordnung gefunden. Für mich war der immer gleiche Rhythmus des Tages ein fester Fels im Alltag meines Kinderheimlebens gewesen. Egal welche Gewalttaten ich tagsüber erlebt hatte, die Uhrzeiten von Frühstück, Schule, Mittagessen, Hausaufgaben, Schuhe putzen, Abendessen und zu Bettgehen, waren immer geblieben. Das ergab ein Bild der Sicherheit. Mein alltäglicher Tagesablauf war sicher gewesen. Täglich war er gleich geblieben. In meinen Kopf war ein klares Ordnungsprinzip entstanden.

In meinem Kopf ordnete ich die Gewalttaten des Heimleiters als vorgegebenen, alltäglichen Ablauf ein. Schläge, Tritte, Gehässigkeiten, Übergriffe, Beschimpfungen, Einsperren, Ausgangsverbote, Strafarbeiten. Das war alles alltäglich, wie Morgens um sechs Uhr aufzustehen und am Abend um neun Uhr das Licht zu löschen. Es gab keinen Menschen, der das verhindern konnte. Es gab keinen der das verhindern wollte. In meinem Alltag im Kinderheim war das normal gewesen. Es war auch normal gewesen, dass der Heimleiter seine Lieblinge hatte, die er vermeintlich besser behandelte. Es war normal und alltäglich gewesen, dass der Heimleiter, vielleicht als Gegenleistung dafür, dass er sie nicht schlug, gegenüber seinen Lieblingen immer zutraulicher geworden war. Und es war normal, dass kein Mensch da gewesen war, der das merkte und sagte, dass es nicht normal ist, dass der Heimleiter nachts im Zimmer einer Heimbewohnerin verschwand. Dass jemand Gewalt an Kindern in dem Kinderheim verübte, sich austobte und sich wie auch immer durch Gewalt befriedigte war für mich lange Zeit alltäglich und normal gewesen. In meinem Kopf war das genauso vorgegeben, wie die täglichen Uhrzeiten. Deshalb, so glaube ich heute, musste für mich damals immer klar gewesen sein: All die Gewalt um mich herum zertritt mich nicht wirklich. Wenn ich anderes gedacht hätte, hätte ich das wohl nicht überlebt vor Angst. Warum habe ich so gedacht und wie habe ich gedacht? Aus gleichem Grund, wie ich gelernt hatte, dass Uhrzeiten geschaffen waren, weil sie notwendig waren, lernte ich, dass auch Gewalt und Übergriffe geschaffen seien, weil sie der Ordnung wegen dazu gehörten. Ich glaube, so hatte ich damals darüber gedacht. Alltägliche Uhrzeiten und alltägliche Gewalt waren nicht wegen mir oder wegen anderer Kinder in dem Kinderheim geschaffen worden. Sie waren vorgegeben vom Heimleiter und deshalb normal, sie mussten von niemandem begründet werden. Sie entstammten einer höheren Ordnung. Diese Ordnung, so hatte ich damals gedacht, gab es nicht nur in meinem Kinderheim. Lange Zeit glaubte ich, dass solche Ordnung überall existiere. Tugenden wie tägliche Pünktlichkeit tägliche Ohrfeigen, Kopfnüsse, Schläge und Fußtritte sind die originären Maßstäbe im alltäglichen Umgang aller Menschen miteinander. Das glaubte ich, weil ich das nicht anders kannte. Weil ich das glaubte überlebte ich. Im Kinderheim war ich niemals auf die Idee gekommen, dass nicht rechtens ist, dass der Stärkere sich vom Schwächeren nimmt, was er gebrauchen kann.

Ich erinnere mich, dass ich damals geglaubt hatte, die Ordnung der Welt, dank der Ordnung in meinem Kinderheim gut verstanden zu haben. In den Nachrichten im Fernsehen hatte ich hin und wieder gesehen, dass es weltweit Kriege und Armut gibt. Wir, so hatte ich damals verstanden, hatten großes Glück im Reichtum zu leben. Genauso wie der Heimleiter die schwächeren Menschen, nämlich uns Kinder, regelmäßig verprügelte und daran seine Freude hatte, sah für mich die Ordnung der Welt in den Fernsehnachrichten aus. Wir, die Reichen in dieser Welt sind diejenigen, die sich bei den Armen der Welt holen, was wir meinen zu brauchen. Wenn die Armen sich dagegen wehren, so hatte ich damals die Nachrichten verstanden, gab es Krieg. Die Reichen wandten Gewalt an um sich zu holen, was ihnen der Ordnung nach zustand. Der Heimleiter holte sich bei den Mädchen, was ihm der Ordnung nach zustand. Er schlug auf uns Kinder ein, um sich Macht und Raum, die ihm der Ordnung wegen zustanden, zu verschaffen. Den klaren Regeln dieser einfachen Ordnung hatten wir Kinder zu folgen. Wenn wir der Ordnung nicht folgten gab es Tritte und Schläge, zu denen der Heimleiter berechtigt gewesen war, weil er diejenige Kraft und Macht besaß, die diese einfache Ordnung immer wieder durchsetzte. Im Krieg im Kinderheim war der Heimleiter der Reiche, der sich bei uns Kindern holte, was er glaubte zu benötigen, worauf er glaubte Kraft der herrschenden Ordnung Anspruch zu haben. Der Heimleiter, so glaubte ich jahrelang, tat nichts anderes, als der alltäglichen Ordnung unserer Welt zu folgen. Diese einfache Ordnung sah ich hin und wieder in den Fernsehnachrichten bestätigt. Weil es niemanden gegeben hatte, der auch nur geringste Zweifel an der Ordnung von Macht und Gewalt gegen die Kinder im Kinderheim äußerte, hatte ich keinen Zweifel daran, dass mein Schicksal darin bestand, mich Gewalt und Macht unterzuordnen.

Erst nachdem ich zu den Eltern gezogen war, begann sich die Sicht auf meine alltägliche Welt zu ändern. Die Eltern hatten mit dem, was ich im Kinderheim erlebt hatte nichts gemein. Bei den Eltern war das oberste Gebot nicht, dass ich mich unter zu ordnen hatte. Das wichtigste, so schien es mir, war dass ich lernte etwas zu leisten. Dass ich dazu in der Lage bin, hatten die Eltern schnell erkannt. Das bestätigte sich, weil ich dank deren Förderung binnen eines Jahres die Schule wechseln konnte.

Martinas Familie, ihre Eltern und ihre drei Geschwister waren vor einigen Jahren aus der Großstadt hier her gezogen. Martinas Eltern hatten die Gegend im Urlaub kennen gelernt. Mit dem Umzug erfüllten sie sich einen Traum. In Martinas Familie, das ist seit Jahren mein Eindruck, geht es locker zu. Die Kinder, inzwischen groß geworden, leben nach wie vor in der Familie. Freunde und Bekannte gehen täglich und selbstverständlich ein und aus. Dass ich für meinen Umzug den Wagen borgen kann ist in meinen Augen nicht nur ein Zeichen für Vertrauen, es ist auch ein Zeichen für die lockere Atmosphäre in Martinas Familie.

Ich folge Martina durch das Erdgeschoss hinaus auf die Terrasse. Dort bietet mir Martina eine Tasse Tee an. Ich nehme mir die Zeit für den Tee, denn ich habe sie. Auch Martina und ihre Familie gehören zu meiner Heimat. Der Duft des Tee erinnert mich an kalte Herbsttage. Im letzen Herbst war ich hier mehrmals zu Besuch. Im Wohnzimmer roch es Samstagnachmittags nach Tee. Ich roch den Tee schon, wenn ich im Hauseingang meine regennasse Jacke auszog. Der Tee passt nicht zum heutigen herrlichen Sommertag. Meine Heimat verlasse ich heute. Vielleicht ist es gut, dass Martina heute diesen Tee reicht. Vielleicht ist es gut, dass der Tee nicht zum heutigen Tag passt. Er gehört zu meinen Erinnerungen an die Bilder des Herbstes in diesem Haus. Vielleicht ist es gut, dass Martina diese Bilder jetzt schon durcheinander bringt. Weil ich diese Heimat heute verlasse, werden künftig andere Bilder von meiner Heimat in meinem Kopf entstehen. Alles, was bis heute meine Heimat gewesen war wird durcheinander geraten. Künftig werde ich im Ort Besucher sein. Ich werde nicht mehr bei den Eltern leben. Mein Bild vom Ort wird sich ändern. Ich werde eine neue Sicht einnehmen müssen. Meine Freunde in diesem Ort werde ich künftig aus anderem Blickwinkel sehen und erleben. Nach einem Besuch bei meinen Freunden werde ich künftig nicht mehr selbstverständlich in mein zu Hause bei den Eltern im Ort zurückkehren. Was bislang in diesem Ort für mich so ist, wie es ist, endet heute. Künftig wird es anders sein. Den Ort und die Menschen werde ich künftig ganz anders erleben als bisher.

Auch damals habe ich meinen Blickwinkel verändert. Nachdem ich vom Kinderheim zu den Eltern umgezogen war, hat sich mein Bild von diesem Ort und seinen Menschen verändert. Mein bisheriges Kinderheimleben war von einem auf den nächsten Tag abgebrochen. Obwohl der Ort der gleiche geblieben war, war für mich und mein Leben in diesem Ort alles anders geworden. Schläge und Gewalt, die in meinem Leben selbstverständlich gewesen waren, waren vorbei. Erwachsene, die mir immer Befehle gegeben hatten, und sich nicht dafür interessiert hatten, ob ich eigene Interessen habe, begannen nun meine Interessen zu suchen und zu fördern. Vorurteile, vor denen ich in der Schule jahrelang geflüchtet war, waren plötzlich verschwunden. Meine Schulzeugnisse, die bislang niemanden interessiert hatten, waren plötzlich wichtig geworden. Mein Kinderheimleben war zusammengebrochen.

Heute bricht wieder etwas zusammen. Diesmal ist es mein Leben bei den Eltern, das abbricht. Den heutigen Bruch verstehe ich besser, als den damaligen Abbruch. Weil ich älter geworden bin, kann ich heute schon mehr von dem erkennen, was auf mich zukommt, als es damals gewesen war. Die Entscheidung, dass heute ein Bruch stattfindet erlebe ich heute deutlicher, als den damaligen Wechsel vom Kinderheim zu den Eltern. Für mich wird heute keine ganze Weltordnung zusammenbrechen. Ich werde meine Sicht ändern müssen, Ansprüche zurückschrauben müssen, die Sicherheit der Eltern verlieren. Vermutlich wird daraus neues entstehen. Ich kenne das. Was nach dem Abbruch meines Kinderheimlebens entstand hat mir gut getan.

Auf der Terrasse schenkt mir Martina nicht nur Tee ein, sondern sie überrascht mich mit einem Geburtstagsgeschenk. Sie hat zusammen mit Karin, ihrer Freundin die ich auch durch die Jugendgruppe kennen gelernt habe, einen kleinen Wandteppich für mein neues Zimmer genäht. Ich freue mich riesig. Der Wandbehang wird der erste bunte Fleck in meinem Zimmer werden. Trotzdem ist mir das Geschenk auch ein bisschen unangenehm. Niemals könnte ich den beiden vergleichbares schenken.

Bei den Eltern war es mir stets schwer gefallen, geeignete Geburtstagsgeschenke für sie zu fertigen. Es war deren Anspruch von mir etwas selbst Gebasteltes geschenkt zu bekommen. Die Eltern verfügen über alles, was sie benötigen. Es wäre unglaubwürdig und lächerlich gewesen, wenn ich in einem Geschäft etwas für sie gekauft hätte, um sie an Geburtstagen oder an Weihnachten zu beschenken.

Trotzdem hatte ich dem Vater in den letzten Jahren mehrfach eine bestimmte Schokoladensorte, die er sehr gerne isst, gekauft. Weil der Vater selbst nie zum Einkaufen in den Ort geht, war es ein Leichtes für mich, ihm diese Freude zu machen. Dass er gerne diese Schokolade als Geschenk angenommen hatte, war für mich eine riesige Erleichterung gewesen, denn immer hatte ich größte Schwierigkeiten gehabt, mir für den Vater ein passendes Geschenk auszudenken. Etwas leichter war es bei der Mutter gewesen. Sie konnte ich mit einem selbst gebauten Gartengerät oder einem Gutschein für das Rasenmähen im Garten, oder das Ausstechen eines Gemüsebeetes beglücken. Weil die Eltern sehr wohlhabend sind konnten meine Geschenke keinen materiellen Wert haben.

Hatten meine Geschenke an die Eltern einen anderen Wert? Waren sie ein Zeichen meiner Zuneigung? Oder hatten sie lediglich der Befriedung zwischen uns gedient, weil sie nur den Zweck erfüllten, dass ich der geltenden Regel nachgekommen war, die Eltern an Geburtstagen oder Weihnachten zu beschenken? Diese Fragen waren mir oft durch den Kopf gegangen. Nie konnte ich eine Antwort darauf finden. Weil Martina mich mit einem Geburtstagsgeschenk überrascht finde ich diese Fragen wieder in meinem Kopf.

Ich hatte nie das Gefühl, die Eltern aus Zuneigung zu beschenken. Immer war mit dem Schenken das Gefühl verbunden, dass es sein musste. Es war nie ein ganz freiwilliger Akt. Stets flammten in mir Gedanken daran auf, wie die Eltern reagieren würden, welche Enttäuschung es wäre, wenn ich nichts schenken würde. Diese Gedanken, die Vorstellung davon wie das sein würde, führten in meinem Kopf oft zu einem Inferno. Es geschah etwas in meinem Kopf, das mir bis dahin unbekannt gewesen war. Am Ende hatte eine riesige Explosion stattgefunden, die viel Staub aufwirbelte. War der Staub verschwunden, sah ich in meinem Kopf nichts weiter als schwarze Finsternis. Es schien eine undurchdringliche Finsternis zu sein. Jetzt fällt mir dazu ein, dass dieses Bild vielleicht meine Vorahnung, von der abbrechenden Verbindung gewesen sein könnte, die heute zwischen den Eltern und mir beginnt. Vielleicht hatte ich in meinem Kopf schon immer einen Keil, den ich mehr und mehr zwischen mir und die Eltern trieb. Bevor ich bei den Eltern eingezogen war, hatte ich geglaubt, dass Schenken in erster Linie mit dem materiellen Wert des Geschenkes zu tun habe. Im Kinderheim hatte es die Regelung gegeben, dass ein Kind zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Geschenk im Wert von 20 Mark erhält. Diese Summe war von den Jugendämtern vorgegeben. Das jeweilige Geschenk hatte sich das Kind selbst zu besorgen. An Weihnachten war es dann von den Erziehern eingepackt und unter den Weihnachtsbaum gelegt worden. Am Geburtstag erhielt man das Geld vom Heimleiter und kaufte sich sein Geburtstagsgeschenk.

Schenken war ein Akt, der wie die übrige Ordnung geregelt und vorgegeben war. Es war um Spielzeug im Wert von 20 Mark gegangen, so war die Vorgabe. Um mehr ging es dabei nicht. Andere Bedeutungen waren mir unbekannt gewesen. Weil ich bei den Eltern neue Bedeutungen des Schenkens erkannt hatte, war das Schenken für mich zu einem Problem geworden. Ich habe bis heute nicht geklärt, welche Symbole hinter meinen Geschenken an die Eltern gesteckt hatten. Ich spürte, dass es nicht um den materiellen Wert meiner Geschenke an die Eltern ging. Ich erlernte eine neue Bedeutung des Schenkens. Ich lernte, die Eltern zu beschenken, weil dies in der Familie bei den entsprechenden Gelegenheiten eine feststehende Regel gewesen war. Meine Geschenke an die Eltern hatten eine weitere Bedeutung: Sie waren der Versuch, die von mir befürchtete Finsternis zwischen den Eltern und mir abzuwenden.