7. Schöne Aussicht

Der Wanderweg führt mich an einer Ausflugsgaststätte vorbei. Eine Terrasse voll von Touristen. Sie genießen die wunderschöne Aussicht. Drüben sehe ich hohe Felsmassive. Unten liegt das enge, langgezogene, grüne Tal. Am ersten Tag als ich die Wohnung der Eltern betreten hatte, war mir zuerst die wunderschöne Aussicht aus der großen Fensterfront des Wohnzimmers auf die gigantischen Berge aufgefallen. Ich erinnere mich, dass mein erster Tag bei den Eltern ein wunderschöner Julitag gewesen war. Der Vater stand vor der Fensterfront im lichtdurchfluteten Wohnzimmer. Dort steht ein halb hoher alter Schrank. In einer Schüssel auf dem Schrank lagen Briefe, mit denen der Vater gerade befasst gewesen war. Der Vater hatte die Mutter und mich erwartet. Er war gerade damit beschäftigt, einen Brief zu öffnen, als wir das große Wohnzimmer betraten. Sofort hatte er den Brief zurück in die Schüssel vor den großen Fenstern gelegt. Lächelnd war er auf die Mutter und mich zugekommen. Mir reichte er die Hand und begrüßte mich.

Der Vater ist ein mittelgroßer Mann. Er hat einen drahtigen, sportlichen Körper. Sein helles rundes Gesicht strahlte auf mich an diesem ersten Tag Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit aus. Ich weiß nicht mehr, was in diesen ersten Sekunden Vaters Worte gewesen waren.

Ich bin sicher, der Vater war von Beginn an guten Willens mit mir. Ich bin sicher, weder Vater noch Mutter wollten mir böses. Das ist deshalb ganz sicher, weil beide mich freiwillig an diesem Tag vor beinahe genau fünf Jahren aufgenommen haben. Die Eltern hatten mich aufgenommen, weil sie mir Gutes tun wollten, weil sie mir helfen wollten, weil sie mich in meiner Entwicklung nach Kräften unterstützen wollten.

Gespräche zwischen dem Vater und mir hatte es bis heute nur wenige gegeben. Es gab sie ganz am Anfang, als ich in die Familie gekommen war. Damals hatte der Vater schnell festgestellt, dass es nicht einfach war mit mir ein vernünftiges Gespräch zu führen. Der Vater traf mich unvorbereitet. Er wusste, dass ich komme, trotzdem war er unvorbereitet. Kann man sich auf einen Menschen vorbereiten, den man noch nicht kennt? Kann man darauf vorbereitet sein, einen jungen Menschen, den man nicht kennt in seine Familie aufzunehmen? Der Vater war auf mich nicht vorbereitet gewesen. Mit meiner Sprache, meiner Art, meinem Auftreten hatte er nicht gerechnet.

Ich glaube nicht, dass der Vater sich das so schwer vorgestellt hatte. Wahrscheinlich hatte er erwartet, dass er mit einem dreizehnjährigen Jungen irgendwie zu Recht kommen werde. Mindestens hatte er gedacht, dass er mit einem dreizehnjährigen Knaben, den er zusammen mit seiner Frau aus einem schlechten, weil miserabel geführten Kinderheim befreit hatte, in seiner gewohnten Alltagssprache reden kann. Der Vater hatte sich getäuscht. Meine Sprache war nicht seine Sprache. Hatte er gehofft, dass ich mich automatisch an seine Sprache anpasse? Hatte er gehofft, dass er mit seiner Sprache leicht mit mir in Kontakt kommen würde? Hatte er gehofft, dass er sich automatisch an meine Sprache anpassen würde? Der Vater hatte versucht in seiner Sprache mit mir zu sprechen.

Ich weiß bis heute nicht welche Vorstellung der Vater von mir gehabt hatte. Ich weiß nicht, wie er sich das damals gedacht hatte, mit einem dreizehenjährigen Jungen Kontakt aufzubauen. Ich weiß nicht, welchen Plan der Vater gehabt hatte als er einen Knaben von Heute auf Morgen in seine Familie aufgenommen hatte. Ich sollte zusammen mit dem Vater und der Mutter leben. Der Vater hatte aber nicht gewusst, dass er mit mir nicht sprechen kann, weil seine Sprache eine andere war als meine. Die Gespräche hatten deshalb all die Jahre mit der Mutter stattgefunden. Schnell hatte der Vater begonnen mich zu meiden Schnell hatte ich begonnen den Vater zu meiden. Fünf Jahre lang hatten wir bis heute in der Familie zusammen gelebt.

Der Vater war von Beginn an nicht mit mir ins Gespräch gekommen. Deshalb war er mit mir nicht zu Recht gekommen. Auch ich war von Beginn an nicht mit ihm zu Recht gekommen. Ich bin überzeugt, dass der Vater alles in seinen Möglichkeiten steckende versucht hatte, Kontakt zu mir herzustellen. Aber die Möglichkeiten des Vaters hatten nicht ausgereicht. Der Vater konnte sich von seiner Sprache nicht lösen. Er konnte sich keinen Millimeter auf meine Sprache einlassen. Auch ich konnte mir die Sprache des Vaters nicht aneignen. Deshalb hatte ich ihn in den fünf Jahren nie verstanden. Heute verstehe ich ihn immer noch nicht. Am Anfang habe ich den Weg zu Vaters Sprache nicht gefunden, weil ich ihm nicht folgen konnte. Heute finde ich den Weg nicht, weil ich seine Sprache kennen und verstehen gelernt habe. Ich habe beschlossen, dass ich seine Sprache nicht lernen möchte.

Für den Vater muss es ein Schock gewesen sein. Ein dreizehn Jahre alter Mensch in seiner Familie. Dumm, laut, frech. Ein dummes Kind weil es in der Schule nichts versteht. Ein lautes Kind, weil es Angst hat, nicht gehört und nicht verstanden zu werden. Ein freches Kind, weil es jahrelang in einer Kinderheimgruppe gelernt hatte sich mit Frechheiten gegen Anfeindungen zu verteidigen, um zu überleben.

Viele Familien sitzen auf der sonnigen Terrasse. Die Ausflugsgaststätte ist voll. Ich sehe springende Kinder. Ich höre sie, wie sie sich laut mit ihren Eltern unterhalten. Ich beobachte, wie junge Menschen und Eltern miteinander reden. Ich sehe, wie Familien ganz normal miteinander umgehen.

Mein Verhalten war damals nicht schlimm gewesen. Ich war nicht lauter als das, was ich vor mir auf der Aussichtsterrasse des Ausflugslokals sehe. Meine Sprache war ungezogen. Ich war laut. Ich war dumm. War das nicht ganz normal? War es ganz anders, als das was sich hier auf der Terrasse der Ausflugsgaststätte gerade vor meinen Augen mit den vielen Familien abspielt? Es war mein alltägliches Verhalten gewesen. Ich hatte es über die Jahre im Kinderheim gelernt. Ich hatte eben lange Zeit nicht in einer Familie gelebt. Ich hatte damals eine schlimme Sprache gesprochen. Das hat der Vater sehr schnell gemerkt und das hatte er mir auch ganz schnell gesagt. So brauchte ich dem Vater nicht zu kommen. Mein dummes Gequatsche war das Letzte gewesen, was der Vater hören wollte. Mit dem Vater brauchte ich nicht so zu reden, wie mit den Kindern im Kinderheim. Ihm brauchte ich nicht so frech und vorlaut zu kommen, wie den Erwachsenen im Kinderheim. Der Vater hatte wichtigeres zu tun, als mein Gequassel anzuhören. Er hatte wichtige Arbeit zu erledigen. Er hatte keine Zeit, um zu versuchen, das zu verstehen, was ich sagte.

Meine Sprache hatte ich im jahrelangen Kampf in meinem Kinderheimleben gelernt. Meine Sprache hatte ich jahrelang gebraucht um mich gegenüber den Angriffen von älteren und stärkeren Kindern zu verteidigen. Ich hatte meine Sprache auch gebraucht, um die häufigen Angriffe von Erwachsenen zu ertragen.

Der Vater hatte nicht damit gerechnet, dass der Dreizehnjährige, eine so schnelle, vorlaute und freche Klappe hat. Meine hastige, schnelle Sprache war meine Mauer der Verteidigung. Sie war meine Mauer der Angst gegenüber dem Neuen. Sie war meine Angewohnheit aus dem Kinderheim. Sie zeigte, dass ich jahrelang im Kinderheim gegen meinen Untergang gekämpft hatte. Was ich dort mit körperlichen Kräften nicht zu verteidigen wusste, verteidigte ich mit meiner Sprache. Der Vater hatte davon keine Ahnung. Der Vater hatte nicht gewusst, dass im Kinderheim, in dem ich meine Kindheit zugebracht hatte, die Macht der körperlichen Überlegenheit und Gewalt geherrscht hatte. Deshalb war meine Sprache über die Jahre so schnell, so vorlaut und manchmal feindselig geworden. Das war meine einzige Waffe gegenüber älteren Kindern und Erwachsenen gewesen. Ich hatte sie geschmiedet um im Kinderheim durchzuhalten und zu überleben. Wegen meiner Sprache war auch ich im Kinderheim in der Lage gewesen meinen Aggressionen Platz zu verschaffen. Ich konnte nicht, wie andere Kinder und Erwachsene es dort oft getan hatten, einfach zuschlagen. Ein, vielleicht zweimal hatte ich das versucht. Jedes Mal hatte mich dann sofort mein schlechtes Gewissen gepackt. Immer wenn ich zugeschlagen hatte, waren es kleinere Kinder gewesen, die das traf. So hatte ich das an den anderen Kindern gesehen und an den Erwachsenen. Der Feind musste besiegbar sein. Besiegbar war er nur, wenn er schwächer war. Schwächer waren immer die kleineren. Aber ich konnte das nicht. Mein Gewissen hatte mich Tage und vor allem Nächtelang geplagt, wenn ich kleinere Kinder geschlagen hatte. Ich konnte das Leid der kleineren nicht ertragen. Ich konnte nicht ertragen, dass die Leiden müssen, weil ich nicht größere schlage, die mir etwas angetan hatten, sondern stattdessen auf die kleineren eintrete. So hatten das im Kinderheim aber alle gemacht. Vor allem der Heimleiter und sein Stellvertreter hatten dort jahrelang geprügelt. Ich hatte versucht das von denen zu lernen. Ich konnte das aber nicht lernen. Mit taten die kleinen Leid, die ich geschlagen hatte. Deshalb hatte ich meine Sprache entwickelt.

Ich konnte immer Reden. Zum Glück habe ich das niemals verlernt, so wie ich das bei manchem Kind im Kinderheim beobachtet hatte. Die Einschüchterung durch ältere Kinder und den Heimleiter und seinen Stellvertreter hat mir nie die Sprache verschlagen. Ich konnte immer laut schreien und schnell Reden. Andere Kinder fingen an zu Schweigen. Die Tritte von größeren Kindern, die Faustschläge des Heimleiters der Fußtritt des stellvertretenden Heimleiters, das hatte andere Kinder im Kinderheim zu Schweigen gelehrt. Die sagten jahrelang fast nichts mehr. Stattdessen schlugen sie ab und an auf die kleinen ein. Ich plärre und schrie und oft rannte ich davon und flüchtete.

Ich war zu schwach gewesen, die Schläge der älteren Kinder und die Schläge des Heimleiters durch meine Schläge zu erwidern. In der Welt des Kinderheims der siebziger Jahre war ich jahrelang von Erwachsenen und älteren Kindern geschlagen, getreten, bespuckt und gedemütigt worden. Die Regeln dieser Welt machten es beinahe überlebensnotwendig zurück zu schlagen. In dieser Welt galt das Prinzip des Stärkeren und Mächtigeren. Weil ich nicht schlagen konnte, war es meine Sprache geworden, die mir in dieser Welt Verteidigung und damit Überleben möglich gemacht hatten. Meine vorlaute Klappe, mein vorlautes Geschrei, das auf den neuen Vater wie das Geplärre eines Bengels von der Straße gewirkt hatte, war meine Schutzmauer gewesen. Nur mit ihr konnte ich die Jahre, bis ich die Familie kennen gelernt hatte, überstehen. Nur mit ihr hatte ich es geschafft trotz der täglichen Demütigungen die lange Zeit im Kinderheim zu überleben. Meine Sprache hatte auf den Vater wie ein Schlag in sein Gesicht, wie ein Angriff gegen seine Person gewirkt. Meine Sprache war die eines aufgewühlten, zappeligen Jugendlichen. Ich hatte Erwachsene nicht als Gesprächs- und Kontaktpartner gekannt, die es gut mit mir meinten. Erwachsene waren für mich Menschen, die mir jahrelang befohlen hatten, was zu tun ist. Sie hatten mich geschlagen, wenn ich das nicht tat. Sie hatten mir gesagt, wie ich mich zu verhalten habe. Sie hatten geschrieen und geprügelt, wenn ich mich anders verhielt. Sie waren Menschen, die sich nicht mit mir unterhalten wollten. Sie hatten mir nie beigebracht, mich an deren Sprache anzupassen. Niemals hatten Erwachsene im Kinderheim versucht Sprache für ein Gespräch zu verwenden. Die Sprache des Kinderheimleiters und seines Stellvertreters war Mittel um zu befehlen zu kontrollieren, Macht zu zeigen und zu demütigen.

Vielleicht wäre vieles bei den neuen Eltern viel besser geworden, wenn ich damals gelernt hätte, dass Sprache notwendig ist, um zu verstehen und nicht nur um anzugreifen oder zu verteidigen. Ich war nicht in der Lage gewesen, das schnell zu erkennen und zu verändern. Zu viele Jahre hatte ich von erwachsenen Menschen Befehle und Schläge erhalten. Zu lange Zeit hatte ich gelernt, mich von Erwachsenen fern zu halten. Zu lange Zeit hatte ich mit meinen Versuchen zugebracht, fürchterlichen Bestrafungen des Kinderheimleiters aus dem Weg zu gehen. Diejenigen Erwachsenen, die den Auftrag gehabt hatten, mich zu erziehen, hatte ich über viele Jahre als die schlimmsten Menschen erlebt. Sie hatten Macht und Gewalt skrupellos angewandt um zu erreichen, dass ein Kind tat, was sie befahlen.

Ich hatte gelernt mich vor Erwachsenen zu verstecken. Meine Verstecke waren im Wald, sie lagen auf dem Dachboden oder es gab sie irgendwo in einer verfallen Hütte. Immer wieder fand ich neue Verstecke um vor den Erwachsenen zu flüchten, und es gab meine Sprache. Mit ihr mauerte ich zu, was in mir steckte. Auf keinen Fall wollte ich riskieren, dass die prügelnden älteren Kinder oder der Leiter im Kinderheim erkennen konnten, wer ich wirklich bin. Es wäre sehr gefährlich gewesen, sich eine Blöße zu geben. Schwäche zu zeigen war die Einladung an den älteren oder erwachsenen Feind gewesen, zuzuschlagen. Demütigungen des Heimleiters hatten mich dort am empfindlichsten getroffen, wo ich Schwächen gezeigt hatte. Deshalb die riesige Schutzmauer meiner Sprache. Sie hatte oft verhindert, dass meine inneren Empfindungen, sei es nun Freude oder Angst gewesen, nach außen dringen konnten. Demütigungen, manchmal sogar Schläge konnten mich deshalb oft nicht erreichen. Sie prallten an meiner Oberfläche, an meiner Mauer, ab. Der machtlüsterne und prügelnde Heimleiter mit seinem Stellvertreter hatten es zu zweit nicht geschafft mein Inneres zu erreichen, um mich zu zerstören. Mit meiner Sprache hatte ich mich, unerreichbar für ältere Kinder und Erwachsene, in mich selbst eingeschlossen. Darin fühlte ich mich sicher. Sie konnten mich nicht knacken. Heimleiter und Stellvertreter wollten mich, meinen Willen, mein Denken, mein Fühlen, mein Hören, meinen Geist, mein Verstehen, meinen Kopf brechen, das verhinderte ich mit Sprache, Denken und Flucht zum rechten Zeitpunkt. Das kostete mich all die Jahre im Kinderheim meine ganze Kraft, deshalb rauschte der Schulunterricht damals an mir vorbei als gäbe es ihn nicht.

Weil ich meine Sprache nicht schnell ablegen konnte, weil ich mich nicht schnell umstellen konnte auf die neue Situation bei den Eltern, war von Beginn an kein Gespräch zwischen dem Vater und mir und damit auch keine gute Entwicklung für mich in der Familie möglich geworden. Genauso wie ich war auch der Vater nicht in der Lage gewesen, einer besseren Entwicklung die notwendige Zeit zu geben. Durch meine Sprache zerstörte ich von Beginn an das was zwischen dem neuen Vater und mir hätte entstehen müssen um unser Zusammenleben nicht nur erträglich, sondern schön zu machen. Wegen der Zerstörungen, die von Beginn an bei den Eltern eingetreten waren, das glaube ich heute, konnte der neue Vater Veränderungen in meiner Sprache, wie sie im Laufe der Jahre bei den Eltern sich eingestellt hatten, nicht mehr erkennen. Der Kontakt zwischen uns war von Beginn an wegen meiner Sprache schwer belastet gewesen. Deshalb konnte er nicht wachsen.

Auf der Sonnenterrasse beobachte ich Väter und Mütter. Ich sehe ihnen dabei zu, wie sie mit ihren Kindern reden, spielen und den sonnigen Tag und die herrliche Aussicht genießen. Zwischen mir und dem Vater hatten in den vergangenen fünf Jahren keine Gespräche stattgefunden. Für den Vater war es unmöglich gewesen auf meine Sprache einzugehen. Meine Sprache war die eines Jugendlichen gewesen. Bis zu meinem dreizehnten Geburtstag hatte ich gelernt in der Kinderheimgruppe Gleichaltriger zu Recht zu kommen. Dort musste ich mich vor Ellenbogen, Schlägen, Fußtritten, Taschengelddiebstählen, Erpressungen und der Gefahr von unberechenbaren Übergriffen Erwachsener und älterer Jugendlicher schützen. Das ungefährliche Leben in einer ordentlichen und sicheren Familie kannte ich nicht. Deshalb war es mir unmöglich, mich von Heute auf Morgen umzustellen. Wie soll ein junger Mensch eine neue Situation in die er von Heute auf Morgen hinein gerät sofort richtig meistern?

Ich glaube, die meisten Mütter und Väter auf der Sonnenterrasse der Ausflugsgaststätte erleben etwas ganz anders, als das was der Vater mit mir erlebt hatte. Das harmonische Bild vor mir erweckt den Eindruck, dass im familiären Zusammenleben gegenseitige Abwehr unnötig ist. Weil ich keine Ahnung von diesem Zusammenleben hatte, war ich davon ausgegangen, dass mein Abwehrverhalten gegenüber Erwachsenen weiter notwendig ist.

Für den Vater war meine Sprache Herausforderung und Provokation gewesen. Ich hatte gesprochen, wie es unter Jugendlichen damals für mich normal gewesen war. Für den Vater war das ein schockierendes Vokabular. Es war das Vokabular eines entwurzelten pubertierenden Jugendlichen. Wegen ihm war unsere Beziehung nie zustande gekommen. Schon nach wenigen Tagen hatte ich mich nicht mehr getraut ein Gespräch mit dem Vater zu beginnen. Der Vater hatte mir gesagt, dass er mein Gerede nicht hören will. Der Vater ist ein sehr gescheiter Mensch. Er möchte sich nicht mit einem Jugendlichen der eine so dumme Sprache spricht unterhalten. Deshalb hatte ich schnell begonnen, dem Vater aus dem Weg zu gehen. Ich wusste welche Sprache der Vater bräuchte. Die konnte ich aber nicht sprechen. Deshalb mied ich die Begegnung wo immer es möglich war. Mit dem Vater hatte ich jahrelang nur die alltäglichen Sätze gesprochen: „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“. Die vergangen Jahre hatten der Vater und ich nebeneinander her gelebt. Wir hatten nichts miteinander zu besprechen. Irgendwann hatte sich meine Anwesenheit in der Familie für den Vater zu einer Art „Duldung“ entwickelt. Ich war geduldet gewesen, bis zum heutigen Tag, an dem ich abgeschoben werde.

Auch meine Beziehung zur Mutter hatte sich mit den Jahren verschlechtert. Mit mir hatte es in der Familie nicht so funktioniert, wie es die Vorstellungen der Mutter gewesen waren. Ich glaube beide, Mutter und Vater hatten gedacht, dass sie auf mich mehr Einfluss nehmen könnten. Ich habe mich nicht so entwickelt, wie sie es sich gewünscht hatten. Anstatt mit sehr kurzen Haaren auf dem Kopf durch den Ort zu laufen, hatte ich stets längere Haare getragen. Anstatt am Wochenende mit in ein klassisches Konzert zu fahren, war ich lieber zu Hause geblieben. Anstatt im Geschäft einen ordentlichen Anzug auszusuchen, um mit in ein Theaterstück gehen zu können, hatte ich lieber eine Jeans gekauft. Die Eltern hatten von mir ganz anderes erwartet. Ich war zu einer Enttäuschung für sie geworden.

Alles wäre nicht so schlimm geworden, wenn nicht dieser Eindruck entstanden wäre: Die Eltern zu hintergehen. Mit fehlten von Beginn an Moral und Anstand. Davon hatte ich viel zu wenig. Die Eltern hatten davon sehr viel. Von mir hatten sie davon auch sehr viel erwartet. Für ein vernünftiges Leben ist ein hohes Maß an Moral und Anstand notwendig. Die Mutter war enttäuscht von meinen Eskapaden und meinen Einstellungen, die ich aus der Jugendgruppe nach Hause gebracht hatte. Die Eskapade, als ich mich aus meinem Zimmerfenster abgeseilt hatte war moralisch das schlimmste für die Eltern. Sie waren erschüttert, wegen der Tiefe dieses Vertrauensbruchs. Dass ich von Zuhause flüchte, ohne Erlaubnis einzuholen. Ich hatte die Eltern schlimm hintergangen. Das war der Gipfel der Verlogenheit. Die gesamten fünf Jahre bei den Eltern erscheinen der Mutter und dem Vater heute, an meinem achtzehnten Geburtstag, als ein einziger riesiger Vertrauensbruch. Das Vertrauen, das die Eltern in mich gesetzt hatten, indem sie mich in ihrem Hause aufgenommen haben, hatte ich über die vergangenen Jahre missbraucht und mit Füßen getreten. Mir fehlt jeder moralische Anstand.

Weil ich oft nicht so gewollt hatte, wie sie es von mir erwartet hatten, ist all das, was ich in den vergangenen Jahren getan hatte, für beide Eltern vollkommen verwerflich. Ich habe nicht, wie sie es vorgeschlagen hatten, eine Bewerbung für eine Ausbildung bei der Armee des Landes geschrieben. Stattdessen war ich in den vergangenen Jahren in einer Jugendgruppe an Aktionen beteiligt gewesen, die gegen weitere Atomraketenrüstung gerichtet waren.

Meine Konfirmation: Sie hatte im zweiten Jahr bei den Eltern stattgefunden. Sie war zu einem anstrengenden Streit zwischen uns ausgeartet. Anders als es die Eltern erwartet hatten, war ich von Beginn an nicht begeistert von der Idee gewesen mich überhaupt konfirmieren zu lassen. Ich wollte genau wissen was das bedeutet. Das war mein Problem. Eine Woche vor dem Termin hatte ich immer mehr Zweifel gehabt am Sinn dieser Sache. Ich wollte die Konfirmation um ein Jahr verschieben. Die Eltern hatten aber bereits Verwandte eingeladen. Die meisten von denen wollte ich am Tag der Konfirmation aber gar nicht sehen. Ich wusste nicht, was man da feiern soll. Warum? So fragte ich frech, warum feiern und Verwandte einladen, für eine Sache, an der man solch große Zweifel hat? Anstatt reibungslos an den Vorbereitungen für das Fest teilzunehmen, wie es der Wunsch der Eltern gewesen war, hatte ich grundsätzlich daran gezweifelt. Ewig habe ich herum überlegt. Viele Gespräche mit dem Sohn des Pfarrers habe ich geführt. In den Gesprächen war ich auf die Idee gekommen, dass ich das Ganze um ein Jahr verschieben sollte. Weil ich die bevorstehende Konfirmation viel zu ernst genommen hatte, entwickelte schließlich selbst der Pfarrer wegen meiner Zweifel Bedenken. Die Eltern waren schockiert. Was hatten sie da für einen missratenen Sohn aufgenommen? Der treibt es soweit, dass selbst der Pfarrer anfängt zu zweifeln! Unglaublich. Die Eltern besuchen regelmäßig, mindestens wöchentlich die Kirche. Meine Zweifel, die ich anstatt sie zu verbergen offen gelegt hatte, wirkten wie ein Anschlag gegen ihren Glauben. Es schockierte die Eltern, dass ich mit Zweifeln und Fragen versah, woran sie fest glaubten. Die Eltern konnten nicht verstehen, welche Zweifel ich hatte. In ihren Augen waren meine Zweifeln nicht ernst zu nehmen. Sie waren eine Provokation. Ich glaube für die Eltern war das eine der großen vielen Enttäuschungen. Wollte ich die Eltern provozieren? Ja, ich wollte sie dazu provozieren, mit mir über die Konfirmation offen zu reden. Dazu ist es nicht gekommen. Weil mir schnell klar geworden war, dass Reden nicht möglich war und dass es für die Eltern absolut nicht akzeptabel gewesen war meine Konfirmation aufzuschieben, hatte ich schließlich zugestimmt. Weil an dem Tag stattfand, was ich eigentlich nicht gewollt hatte, war ich schlechter Laune. Die eingeladenen Verwandten der Eltern waren begeistert gewesen von meinem Konfirmationsanzug. Ich trug den Anzug widerwillig. Das feierliche Kuchenessen mit den Verwandten fand nachmittags planmäßig statt. Die Eltern hatten an diesem Tag einen unwilligen, trotzigen Jugendlichen zu Hause. Der Tag war für uns alle fürchterlich.

Meine Sprache habe ich in den Jahren verändert. Die Mauer habe ich abgebaut. Ich will über die Dinge mit den Eltern ins Gespräch kommen. Um das zu erreichen habe ich ihre Sprache angenommen. Ich habe eingesehen, dass meine Sprache aus dem Kinderheim nicht weiter notwendig ist. Trotzdem ist bis heute kein Verstehen zwischen den Eltern und mir möglich geworden. Es reicht nicht aus die Mauer meiner Sprache zu durchbrechen. Ich müsste mich viel stärker an den Willen, an die Meinung, an das ganze Familienleben bei den Eltern anpassen. Ich glaube vieles bei den Eltern wäre leichter gewesen, wenn ich in der Schule und der Jugendgruppe nicht nur gelernt hätte zu reden und zu diskutieren, sondern wenn ich gelernt hätte gegenüber den Eltern nachzugeben. Wenn ich gelernt hätte, dass keinerlei Widerstand gegen die Eltern notwendig gewesen wäre, und wenn ich deren Leben in der Familie einfach friedlich und ruhig mit ihnen gelebt hätte, ich glaube, dann wäre es für uns alle einfacher gewesen. Ich glaube, wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre, dann würde ich heute nicht unterwegs sein um diesen Wagen zu leihen. Heute würde ich mit Freunden meinen Geburtstag feiern und anschließend zu den Eltern nach hause kommen, anstatt mein Leben bei den Eltern abzuschließen.