7. Regen im Wald

Auf einem Trampelpfad laufe ich eine steile Wiese hinauf. Den Pfad kenne ich nicht. Er führt hinauf, auf den Berg zur Oma. Die Richtung stimmt. Die Bergstraße ist in der Nähe. Ich sehe sie nicht, aber ich höre sie. Auf der Wiese stehen viele Apfelbäume. Ich reiße mir einen Apfel herunter, er ist winzig und grün. Ich beiße hinein. Schmeckt sauer, der Apfel ist nicht reif. Nein, er ist zu sauer. Ich werfe ihn weg. Pech gehabt, doch nichts zu Essen. Hoffentlich bekomme ich bald etwas zu essen. Es ist nicht mehr weit bis zur Oma. Ich freue mich schon darauf, bei ihr anzukommen.

Der Trampelpfad führt von der Straße weg. Er führt in einen Wald hinein. Ich bleibe auf dem Pfad, auch wenn es ein Umweg bis zur Oma ist. Oben halte ich mich nach links, dann finde ich sicherlich wieder aus dem Wald heraus.

Im Wald höre ich viele Geräusche. Es knackt und raschelt. Gezwitscher von Vögeln, die ich nicht kenne, ein Piepsen. Viele Tiere sind unterwegs und machen Lärm. Meine Schritte im Laub, am Boden sind sehr laut. Von oben aus den Laubbäumen höre ich Geräusche. Die Blätter rauschen, und es hört sich an als fielen ständig Tropfen auf das Walddach. Der Pfad hört jetzt auf. Er verliert sich zwischen den Laubbäumen. Trotzdem gehe ich weiter. Ich brauche keinen Weg. Ich halte mich nach links. Ich werde schon wieder aus dem Wald herausfinden. Ich bleibe stehen und sehe mich um. Niemand folgt mir. Ich höre auf die vielen Geräusche. In der Nacht wäre das hier im Wald nichts für mich. Ich hätte Angst und würde mich wahrscheinlich verlaufen.

Jetzt höre ich genau hin. Ich höre mehr als den Wald. Das Rauschen aus der Ferne ist der Lärm des Ortes. Noch vor Minuten war ich da unten gewesen und hatte nicht gemerkt, welchen Lärm der Ort macht. So laut können nur die Autos sein die im Ort herum fahren. Jetzt höre ich es genau. Es sind Automotoren, aus denen sich dieses Rauschen bildet.

Ich erinnere mich an den Wald beim Kinderheim. Das Kinderheim liegt oben auf einem hohen Berg. Rund um das Haus gibt es steile Wiesen und Wälder. Unten im Tal liegt der Gebirgsort. Bei schönem Wetter war ich jeden Nachmittag die steile Wiese hinter dem Haus hinaufgelaufen. Von dort oben am Waldrand hatte ich einen sehr guten Blick auf das Tal und den Ort. Ich hatte den Ort aber nur dann gehört, wenn ich allein da oben am Waldrand stand. Meist war ich da oben nicht allein gewesen. Es waren immer viele Kinder mit dabei. Nachmittags, nachdem wir die Hausaufgaben erledigt hatten, spielten wir zusammen im Wald. Nur zwei oder drei Mal stand ich ganz allein da oben. Der Wald ist auch dort sehr leise. Von der Ferne hatte ich immer das Geschrei der anderen Kinder gehört. Sie spielten Cowboy und Indianer.

Ich gehe weiter. Jetzt trifft mich ein Tropfen. Es regnet. Die ersten Tropfen fallen durch das Walddach.

Ich bin sicher, dass die Menschen in den Freibädern jetzt eilig ihre Klamotten zusammenpacken. Sie suchen nach einem Plätzchen um sich unterzustellen. Die Menschen springen von den Liegewiesen auf. Ihre Handtücher rollen sie eilig zusammen und verstauen sie in ihren Badetaschen. Ein Ansturm auf den überdachten Kiosk findet statt, weil man dort vor dem Regen geschützt ist. Der Verkäufer erlebt das große Geschäft des Tages. Im Eingang des Freibades drängen sich Kinder und Erwachsene unter dem großen Vordach. Auch unter den Bäumen auf den Liegewiesen drängen sich die Menschen zusammen. Jeder Badegast möchte den Tropfen von oben entkommen. Mit den ersten Regentropfen entsteht jetzt dieses hektische Treiben. Schon seit Stunden hatten sich die Wolken am Himmel zusammengebraut. Mit Regen war also rechnen. Kaum ein Badegast hatte sich darum gekümmert. Viele ahnten zwar, dass es losgehen könnte, aber trotzdem hofften die meisten darauf, dass der Regen ausbleiben werde. Viele der Menschen im Freibad versuchten nicht daran zu denken. Man sprach nicht über den herannahenden Sturm. Man hoffte darauf, dass die Sonne wieder durchkommt. Man hoffte, dass sie es schafft, die Wolken zu vertreiben. Obwohl sich immer dickere Regenwolken am Himmel versammelt hatten, obwohl es dunkler und dunkler geworden war, obwohl sich eindeutig ein Gewitter zusammengebraut hatte, blieben viele Menschen im Schwimmbad. Am Himmel hatte es nicht den geringsten Anhaltspunkt gegeben, der ihre Hoffnung auf erneuten Sonnenschein begründet hätte. Trotzdem blieben die meisten Badegäste. Sie wollten sehen und spüren, dass wirklich Tropfen fallen. Sie hofften bis zum Schluss. Der Himmel war pechschwarz geworden. Die Menschen blieben auf ihren Badetüchern sitzen. Manch einer sprang noch einmal munter ins Wasser und schwamm im Becken seine Bahnen. Die Schwimmer im Wasser hätten die ersten zwei, drei Tropfen, die die Wasseroberfläche erreichten, sofort als Regentropfen erkennen können. Das taten sie nicht. Stattdessen redeten sie sich ein, es seien Spritzer, die sie selbst und andere Schwimmer verursachten. Weil die Gewittertropfen jetzt richtig dick sind und heftig auf dem Wasser aufschlagen, geben die Schwimmer schließlich auf. Überall auf der Wasseroberfläche sieht man diese runden Kräusel. Unzählbar viele Tropfen schlagen auf. Heftiger Wind peitscht über das Schwimmbecken. Endlich verlassen die Schwimmer das Becken. Es gießt in Strömen. Der Wind reißt Sonnenschirme um. Grüne Blätter fetzt er von den Bäumen. Schnell wird es kühl. Man zieht sich eine trockene Jacke über.

Nur einige wenige Badegäste hatten mit dem Regen gerechnet. Sie hatten nicht darauf gehofft, dass das Wetter hält. Im Radio hatten sie den Wetterbericht gehört. Deshalb wussten sie, dass das Wetter nachmittags umschlägt. Deshalb hatten sie schon vor Stunden das Bad verlassen.

Jetzt ist es nicht mehr wichtig, ob man sich einen schönen Nachmittag mit Spaß im Schwimmbad erhofft hatte. Die Wetterlage ist eindeutig schlecht. Im Schwimmbecken kann man jetzt vom Blitz getroffen werden. Wichtig ist, so schnell wie möglich ins Trockene zu gelangen. Die ursprüngliche Vorstellung von einem schönen Tag im Wasser sollte man jetzt schnell vergessen, denn es wäre Unsinn, weiter von einem sonnigen Tag zu träumen. Es ist höchste Zeit, diesen Traum aufzugeben, denn niemand hat jetzt noch Zeit zu verlieren, um sich selbst und die Kleidung ins Trockene zu retten.

Es ist sehr schade, dass es für meine Geschwister und mich keine Vorhersage, ähnlich einem Wetterbericht für dieses vergangene Jahr beim Vater gegeben hatte. Ich hätte gewusst, wie schlecht dieses Jahr werden wird und ich hätte mir nichts erhofft.